Sex, Musik und Licht im Dunkeln
Über michDarum geht'sKlicken - leseniWugg IndieTextFotosBevorzugte LinksKontakt / BestellungBlog - ArchivHANSblogImpressum
Neu: E-Books und tazblog!
http://hans-pfitzinger.de/
Alles stimmt!
Delfina Paradise
Achtung: tazblog! 10. 4. bis 30. 4. 2008
Achtung: tazblog! 1. bis 10. 5. 08
Achtung: tazblog! 11. bis 23. 5. 08
Achtung: tazblog! 24. 5. bis 31. 5. 08
Achtung: tazblog! 1. 6. bis 14. 6. 2008
Achtung: tazblog! 15. 6. bis 30. 6. 2008
taz - Presserat - Ruanda
Achtung: tazblog! 1. 7. bis 15. 7. 2008
Achtung: tazblog! 16. 7. bis 31. 7. 2008
Achtung: tazblog vom 1. 8. bis 10. 8. 2008
tazblog! 11. 8. - 20. 8. 2008
tazblog 21. 8. bis 31. 8. 2008
Ruanda-Propaganda: die taz als Beispiel
Achtung: tazblog! 1. September bis 15. September 2008
Achtung: tazblog! 16. September bis 30. September 2008
Achtung: tazblog! 1. Oktober bis 15. Oktober 2008
Achtung: tazblog! 16. Oktober bis 31. Oktober 2008
Achtung: tazblog 1. November bis 15. November 2008
Achtung: tazblog! 16. November - 30. November 2008
Achtung: tazblog! 1. Dezember - 15. Dezember 2008
Achtung: tazblog! 16. Dezember bis 31. Dezember 2008
Achtung: tazblog! 1. Januar 2009 - 20. Januar 2009
Achtung: tazblog! 22. Januar bis 31. Januar 2009
tazblog 1. Februar - 14. Februar 2009
Achtung: tazblog! 16. Februar bis 28. Februar 2009
tazblog! 1. März bis 15. März 2009
tazblog 16. März 2009 - 31. März 2009
tazblog 1. April 2009 bis 15. April 2009
tazblog 16. April 2009 - 30. April 2009
tazblog 1. Mai 2009 - 15. Mai 2009
tazblog 16. Mai 2009 - 31. Mai 2009
tazblog 1. Juni 2009 bis 15. Juni 2009
tazblog 16. Juni 2009 - 30. Juni 2009
tazblog 15. Juni 2009 - 30. Juni 2009
HANSblog 1. Juli 2009 bis 31. Juli 2009
HANSblog 1. August 2009 - 31. August 2009
HANSblog 1. September 2009 - 30. September 2009
HANSblog 1. Oktober 2009 - 31. Oktober 2009
März, 2008
April, 2008
Mai, 2008
Juni, 2008
Juli, 2008
September, 2008
Oktober, 2008
November, 2008
Dezember, 2008
Januar, 2009
Februar, 2009
März, 2009
April, 2009
Mai, 2009
Juni, 2009
Juli, 2009
August, 2009
September, 2009
Oktober, 2009
Januar, 2010
Blog - Archiv
Hansblog 1. Oktober - 31. Oktober
20.01.2010 10:50:29
30. Oktober 2009

Strahlentherapie

Da gibt's erst mal eine Simulation. Das war heute. Man liegt auf einer harten Bank, streckt die Arme über den Kopf und packt die Unterarme an. Danach machen die irgendwas im Nebenraum, und nach gut 20 Minuten kommen zwei junge Frauen rein und markieren mich mit Filzstift - ein Kreuz auf der Brust, jeweils eines an den Seiten.
Danach werden die Markierungen mit durchsichtigem und wasserfestem Pflaster überklebt, weil sie am nächsten Mittwoch, wenn die zehntägige Strahlentherapie losgeht, wissen müssen, wo sie den Strahl ansetzen sollen.
Wie sagte mein Freund William ganz richtig: Kein Mensch kann nachvollziehen, was da jetzt auf dich zukommt. Wie recht er hatte. Kein Mensch, ich auch nicht.

Lieber Thomas,

Wie es geht? Ja mei, a bisserl was erfähst du aus dem HANSblog, und so ganz persönlich: Seit  vorgestern geht's besser, weil die Entzündugen im Mund weg sind. Aber ich hänge den ganzen Tag ziemlich erschöpft rum. Das kommt von der "Fatigue", wie man medizinisch die Mattigkeit, Müdigkeit, Schlapp- und Schlaffheit im Gefolge der Chemotherapie nennt. Wenn's nix zu lesen gäbe, wär's schlimm. Aber ich bin jetzt durch vier Bände der Leatherstocking Tales von James Fenimore Cooper und gerade beim fünften und letzten angelangt, The Prairie . Was für ein Meister!!!! Weiter oben findest du eine Porträtzeichnung.

Kommentar


27. Oktober 2009

Chemopoesie

Cisplatin und Fluorouracil
Glandomed und Embolex
Schwedentabletten, Calcium CT
Allopurinol und Pantozol
Polyerga, Buscopan und MCP
Ampho Moronal und Paspertin
Traumeel, Novaminsulfon
Uzara und Bepanthen
Panthenol und Haribo-Lakritz
Kaliumtabletten ohne Namen
Apothekenschluckauf, Amen

Lieber Hans,
 
habe bei deinem Blog vorbei geschaut und war erstmal ziemlich platt, als ich von deiner Krebsattacke erfuhr. Dass du den Kampf aufgenommen hast, war wohl die richtige Entscheidung, wenn man den positiven Fortschritt der Therapie verfolgt. Ich weiß nicht, wie ich selbst reagiert hätte... aber wer weiß das schon, bevor es einen betrifft. Große Hochachtung für deine Art mit dem verdammten Scheiß umzugehen und zu dokumentieren. Natürlich wünsche ich dir auch alles alles alles erdenklich Gute für einen positiven Ausgang der Geschichte, der für mich schon mal fest steht.
"Delfina Paradise" war eher weniger mein Fall, aber vielleicht fehlt mir da ja das Philip Roth-Gen. Deine neue CD interessiert mich sehr, werde ich natürlich bestellen. Hast du Gerry für eine Heimspiel-Besprechung im in-münchen eine zukommen lassen?
 DU SCHAFFST DAS!
 Gruß
 Rainer

Kommentar


23. Oktober 2009

Und sonst?

Nach zwei Tagen in der Notaufnahme haben sie meinen Kaliumpegel wieder auf den eines gesunden Menschen gehoben. War schon beängstigend, als mein Doc Montagabend anrief und mir sagte, dass ich sofort in die Klinik muss. Als mir der junge Arzt dort sagte, dass dieser Kaliummangel "lebensbedrohlich" ist, hat sich meine ängstliche Grundeinstellung an diesem Abend nicht gerade verbessert. Na ja, sie ham mich an den Kaliumtropf angeschlaucht, und das ging noch den ganzen nächsten Tag so weiter. Mittwochmittag, nach der Blutanalyse, konnte ich nach Hause.
Kein Mensch kann sich vorstellen, was als Therapie auf einen zukommt. Am 4. November geht's weiter mit Strahlentherapie.
Ihnen schöne Tage - wird schon werden.

Kommentar

17. Oktober 2009

Happy Birthday, Arthur Miller!

Wie kennen Sie nicht? Er war nicht nur ein großer Schriftsteller, er hat auch das Herz von Marilyn Monroe erobert, und sie haben in der San Francisco Civic Hall geheiratet. Ging anscheinend ein paar Jahre gut.

Hallo Jackl,

ja, so kann's gehen - nach dem Sommertag vorletzte Woche jetzt die Winterkälte. Jos Kummer um die Pflanzen kann ich gut verstehen, und dass du mir nicht auf die Nerven gehen willst mit "unqualifizierten Kommentaren" ehrt dich. Dieser hier gehört nicht dazu: "Aber nachdem Du nun mitten im Gefecht stehst, wünsch ich Dir weiter alle Kraft, die Du dazu benötigst. Kann ja durchaus sein, dass Dir noch einige gute Jahre bestimmt sind, und aus der Perspektive des Lebendigseins ist das vielleicht jede Anstrengung wert."
So beschissen wie nach diesem dritten Chemotherapie-Durchgang hab ich mich bisher nicht gefühlt. Hab keinen Appetit, keine Energie, und heute morgen beim Kaffee- und Teekochen, iss mir so schlecht geworden, und dann bin ich einfach in der Küche umgefallen. Keine Ohnmacht, ein extremer Schwächeanfall, und die oft verkündete Übelkeit als Nebenwirkung. Hatte ich nicht erlebt vorher. Nach ner Weile im Schock rumliegen auf den Küchenfliesen hab ich mich aufgerappelt und bin ins Bad gegangen, zum ersten Mal seit zwei Tagen wieder Stuhlgang.
Ist ein Scheißgefühl, wenn dich dein Körper einfach so im Stich lässt.
Herzliche Grüße
Hans

Kommentar



Fontäne am Friedensengel, Sommer 2009 Foto: Hans Pfitzinger
12. Oktober 2009

Bosen und Rosen oder: Wadenkompressionsstrümpfe der Klasse 2

Es reicht schon, wenn ich mich verwirren lasse, das muss ich nicht auch noch an den Leser weitergeben. Also: Es gibt selbstverständlich keine Unterschenkelarthrose. Weil die Arthrose eine Gelenkkrankheit ist, und der Unterschenkel bekanntlich keine Gelenke aufweist. Was bei mir aufgetaucht ist, wird Thrombose genannt, und für die gibt es verschiedene Ursachen, eine davon: Liegen im Krankenbett. So habe ich schon beim ersten Aufenthalt vorbeugende Spritzen bekommen, und jetzt, nachdem der linke Unterschenkel angeschwollen war, haben sie im "Gefäßzentrum eine therapeutische Antikoagulation eingeleitet" und "das Bein eingewickelt. Im Verlauf empfehlen wir Wadenkompressionsstrümpfe der Klasse 2. Eine Wiedervorstellung bei den Kollegen des Gefäßzentrums ist in 3 Monaten vorgesehen."
Ob ich mir bis dahin jeden Tag zwei Mal eine Injektion geben muss? Das wird mir heute hoffentlich der Doc sagen können. Davon abgesehen: Heute ist Montag, und wie Sie oben lesen können, hat HANSblog eigentlich Ruhetag. Aber das mit den Throm-Bosen und den Arth-Rosen musste doch geklärt werden. Um sechs Uhr morgens, nach einer total verschwitzten Nacht.

Kommentar


10. Oktober 2009

Häppy Börsdäih!

Auch wenn sie sich nicht im Geringsten für dieses Webtagebuch interessiert, schick ich ihr doch einen Geburtstagsgruß - alles Gute, liebe Mona. Du bist halt so, wie du bist, und das muss ich akzeptieren, ohne mich zu ärgern. Seit 44 Jahren kann ich es nicht fassen.
Bleib gesund und versuch, dich nicht ganz von der Kleinstadt einfärben zu lassen.


Nachtgedanken

03:10 zeigt die Zeit an, ganz oben, ganz rechts auf dem Bildschirm. Schlaflose Nacht, und ich geh in Gedanken den Arztbericht vom Klinikum durch, geschrieben von Frau Doktor S., an meinen "Hausarzt", mit mir als Boten. Aber es ist wohl Absicht, der Patient soll wissen, was da drinsteht. Na ja, das ist wohl auch ein Grund, dass ich nicht schlafen kann. Am 20. 10. hab ich einen Termin für Strahlentherapie. An einem Brustwirbel im Rücken hat sich ein Tumor vergrößert, der ganz offensichtlich auf die Chemotherapie pfeift. Und auch wenn die Tumore in der Leber und der Lunge abgenommen haben, die Blutwerte und der "Gesamtzustand" gut sind - der Hauptherd im Ösophagus, wie die Speiseröhre medizinisch genannt wird, hat nach dem zweiten Zyklus noch nicht reagiert. Insgesamt will Frau Doktor S. nicht von einer Verbesserung reden. Aber weil sonst alles in Ordnung ist, hat sie mich schon am zweiten Tag entlassen, mit der Baxter-Pumpe um den Hals und dem dünnen Schlauch als Verbindung zum Port und in die Vene. Wenn alles gut geht, ist die Pumpe am Mittwoch leer, spätestens am späten Nachmittag. Kann ich nur hoffen, dass der Doc dann Zeit hat zum Abmachen, und die Nadel rausziehen kann.
Heute habe ich schon mal die Abendinjektion vergessen, aber gegen halb zwei Uhr nachts (vor zwei Stunden) habe ich dran gedacht und die Prozedur nachgeholt. Ging ganz gut fürs erste Mal - mit Desinfektionsmittel besprüht, mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand einen Hautwulst am Oberschenkel gebildet und die Nadel mit rechts versenkt und leergedrückt. Schnell wieder raus und eine Weile den festen Bausch draufgedrückt, aber kein Tropfen Blut kam raus. Gut gelaufen, kaum weh getan hinterher.

Kommentar

9. Oktober 2009



Friedensnobelpreis 2009 für Barack Obama

Meldung auf tagesschau.de vom selben Tag, 9.10. 2009

Signal an Iran und Nordkorea
USA drohen mit bunkerbrechender Superbombe

In wenigen Monaten werden die US-Streitkräfte wohl eine 14-Tonnen-Bombe haben, die sie gegen unterirdische Bunker einsetzen können. Die sogenannte MOP wird auch für einen diplomatischen Zweck gebaut: Sie soll im Atomstreit den Druck auf den Iran und Nordkorea erhöhen.

Von Albrecht Ziegler, SWR-Hörfunkstudio Washington

Die USA haben die Entwicklung der größten bunkerbrechenden Bombe der Welt beschleunigt. Die Bombe - bei US-Militärs unter dem Kürzel MOP bekannt - solle in wenigen Monaten einsatzbereit sein, sagte Pentagonsprecher Geoff Morrell.

Fachleute, wie der ehemalige  Luftwaffengeneral Chuck Wald bestätigen dies: "Wir kommen sehr schnell voran", sagte Wald im öffentlich-rechtlichen Radio NPR. "Es ist eine 14.000-Kilogramm-Waffe, die die Streitkräfte einsatzbereit machen werden und sie hat eine ziemliche Durchschlagskraft."

Die MOP ist für tiefliegende Bunker konzipiert. Sie dringt mehr als 60 Meter tief in die Erde ein, bevor die 2400 Kilogramm Sprengstoff explodieren, mit denen sie bestückt ist. Mit dieser Waffe werde eine Lücke im US-Arsenal geschlossen, sagt Morell - so etwas habe bislang gefehlt. Gegen wen sie eingesetzt werden könnte, wollte er aber nicht sagen. Spekulationen über mögliche Ziele seien nicht hilfreich.

Wieder dahoam

Ein Tag früher als sonst schmeißen sie mich wieder raus. Das Klinikum Rechts der Isar braucht die Plätze für die Chemotherapie ganz dringend: In "meinem" Dreibettzimmer wurden zwei Patienten entlassen, und schon rückten zwei neue ein.
Ganz seltsam magisch: Gestern lauf ich über den Flur, auf und ab, weil mein Bett noch nicht frei ist, und wer kommt zur Stationstür rein? Der Josef vom Tivoli-Pavillon, derselbe Josef, der mir seit drei Jahren das Bier bis zum Eichstrich einschenkt, und der sich über seine Erwähnung in "Stille Winkel in München" so gefreut hat: "Der Pächter ist ein sachlicher, nicht übertrieben freundlicher Mensch, der den ganzen Tag Classic Rock hört. Manchmal legt er auch Elvis auf. Vinylplatten. Er schmeißt den Laden mit zwei Schankkellnern, immer denselben, die abwechselnd mithelfen, ein alter Bär mit weißen Haaren und ein junger Drahtiger mit oben Glatze. Im vergangenen Sommer hat der Wirt dazu noch einen Koch eingestellt, und seitdem stehen drei Tagesgerichte auf der Tafel vor dem Kiosk. Es geht aufwärts am Tivoli-Pavillon."
Der Josef weiß seit Anfang August, dass er Lungenkrebs hat, bei ihm war's die zweite Chemotherapie, bei mir die dritte.
Sie haben mich auch deshalb so früh entlassen, weil die Fortschritte unverkennbar sind. Nur: Jetzt wurde im "Gefäßzentrum" eine Unterschenkelarthrose diagnostiziert. Keine Ahnung, was das ist, muss erst mal bei wikipedia gucken. Und was ich für eine Sehnenzerrung oder -reizung gehalten habe, ist eine Lymphknoten. Gegen die Arthrose muss ich mir jetzt morgens und abends eine Spritze setzen. Bin mal neugierig, ob das so einfach geht, wie die Schwester es mir vorgemacht hat. Aber es muss wohl sein, denn wer soll's sonst machen? Kann ja nicht zwei Mal am Tag den Doc Widmann damit belästigen. Zwei Mal die Woche Blutentnahme, die er selbst macht, das reicht schon.

Dran denken: John Lennon, Jackson Browne, Che Guevara

    

John und Yoko; Daryl (Hannah) und Jackson; Che und Fidel

Na ja, Geburtstage:

Stell dir vor, es gibt keinen Besitz
Ich frage mich, ob du das kannst
Keine Gier, kein Hunger mehr nötig
Alle Menschen Brüder
Stell dir vor: Alle Menschen teilen sich die ganze Welt
Vielleicht bin ich ein Träumer
Aber ich bin nicht der einzige
(John Lennon, Imagine)

Ich renn schon auf leer
Ich renn schon blind
Ich renne in die Sonne
Aber ich renne hinterher
(Jackson Browne, Running On Empty)

Na ja, Todestag:

Ermordet vom US-Geheimdienst CIA am 9. Oktober:
Ernesto Che Guevara

Kommentar

7. Oktober 2009

Krankenhaus-Blues

Um sieben sollte ich mich bei der Röntgenaufnahme melden. Ich war zu früh dran, fünf nach halb, und da war niemand auf dem ganzen Flur, außer einer Frau mit einem Gefährt, auf dem allerlei Reinigungsgerät angehäuft war. Sie ging von Zimmer zu Zimmer und kümmerte sich nicht um mich. Gut, dass es einen Warteraum für "Sitzpatienten" gibt (es gibt auch einen für "Liegendpatienten"). Punkt sieben kam die Frau für die Anmeldung und konnte nicht glauben, dass ich einen so frühen Termin hatte. Ich war für acht Uhr vorgesehen, aber in der Stunde davor muss der Patient einen Liter "Darstellungsflüssigkeit" trinken, vom Personal einfach "Getränk" genannt.
Zwischendurch ging ich zur Tumorambulanz, Überweisungsformular, Versichertenkarte (neues Quartal!). Dann übernahm mich eine türkische Krankenschwester mit riesigen Ohrringen und trug die Blutwerte vom Hausarzt in eine Liste ein. Sie schob "eine Nadel" mit Plastikeingang in meine Vene am rechten Arm, zapfte mir Blut ab und verklebte die Nadel sicher mit Leukoplast, damit sie durch dieselbe bei der Computertomographie eine "Darstellungsflüssigkeit" in die Blutbahn schicken können. Das ist eigentlich das einzig Unangenehme bei der Tomographie, ansonsten wirst du, voll bekleidet und mit den Hosen bis zu den Knien runtergeschoben, im Liegen ein paar Mal unter einen Metallbogen gefahren, in dem sich ganz rasch irgendwelche Lichter bewegen. Die Flüssigkeit, die sie einem zweimal in die Venen schicken, sorgt für Wärme in der Blasengegend, was aber nach ein paar Minuten vorbeigeht. Du hörst die Stimme der Ärztin aus dem Nebenraum: "Jetzt tief einatmen und den Atem anhalten." Und dann: "Weiteratmen."
Und das Ergebnis? War gestern noch nicht ausgewertet, heute hat "mein" Onkologe keine Sprechstunde, und morgen rück ich wieder ein zur Chemotherapie. Keine Möglichkeit zur Besprechung. Da kann ich nur hoffen, dass die Chemo-Ärzte mehr wissen als ich.
Ich melde mich wieder, spätestens Anfang nächster Woche. Bis dann.

Schöne Tage!

Kommentar



Falls Sie, vereehrte/r HANSblog-Leser/in sich schon mal gefragt haben, wo ich wohne - hier sehen Sie ein Luftbild meiner näheren Umgebung. Unten links, der türkisfrabene Fleck auf dem  Hausdach ist der Swimming-Pool des Penthouse-Bewohners. Ich wohne ein Stockwerk tiefer, etwas nach links versetzt. Man beachte die schönen alten Bäume im Innenhof, auf die ich gerade einen Blick werfe, während ich das hier schreibe. Das imposante Gebäude mit dem  schrägen Anbau in dem kleinen Park am oberen Bildrand beherbergt den Bundesfinanzhof. Ursprünglich war das die Villa des Grafen Montgelas, ein Franzose, der den Bayern beigebracht hat, wie man einen modernen Staat führt. Fragen Sie mich nicht, was die im Bundesfinanzhof tun, aber wenigstens machen sie keinen Lärm bei der Arbeit.
 
4. Oktober 2009

Zweierlei Maß

Seit Monaten läuft die amerikanisch-israelische Propagandamaschine auf Hochtouren: Die bösen Buben um Mahmud Ahmadinedschad sind kurz davor, eine Atombombe zu basteln. Dabei weiß jeder, der es wissen will, dass Israel seit Jahren eine ganze Anzahl von Atombomben besitzt. Nur: Es wird nicht darüber geredet. Heute fand ich auf dem arabischen Nachrichtenportal Al Dschasira, dass in Katar zu Hause ist, eine interessante Meldung aus der Washington Times. Danach geht das Schweigen über die israelischen Atombomben zurück bis ins Jahr 1969, als Präsident Richard Nixon versprochen hat, beide Augen zuzudrücken und nicht darüber zu reden. Hier die Nachricht auf Al Dschasira:
"Barack Obama hat zugestimmt, sich an eine 40 Jahre alte politische Entscheidung zu halten, und Israel Atomwaffen zu erlauben, ohne dass sie international überwacht werden. Das schrieb eine US-Zeitung am Samstag. Die Washington Times zitierte drei ungenannte Quellen, die sagen, dass Obama dem iraelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu die Zusicherung gegeben hat, an der Politik des 'Frag nicht, sag nichts' festzuhalten. Dies geschah, als sich die beiden im Mai im Weißen Haus in Washington D. C. getroffen haben."
Es läuft darauf hinaus, dass die US-Regierung keine Einwände gegen die Nuklearwaffen erhebt, so lange die israelische Regierung Stillschweigen über den Besitz wahrt.
Vielleicht sieht man die Politik der Westmächte und die Reaktionen des Iran in einem anderen Licht, wenn man weiß, dass die USA und Israel seit Jahrzehnten eine verlogene Politik gegen den Iran betreiben.

Und was macht die Gesundheit?

Ich kann immer noch keine längeren Spaziergänge machen, ohne starke Schmerzen in der Leistengegend, wo die Oberschenkelsehnen am Knochen andocken. Das geht jetzt seit Mitte Juni, trat zum ersten Mal auf, als ich noch drei Mal die Woche zehn Kilometer gelaufen bin. Dann kam Anfang Juli die niederschmetternde Krebsdiagnose, und da waren dann andere Dinge wichtiger als eine Sehnenzerrung oder -reizung.
Davon mal abgesehen, geht's mir ganz gut. Die Entzündungen im Mund sind ganz ausgeblieben (Glandomed sei Dank!), der Durchfall ist besiegt (dank Uzara-Tabletten), und wenn die ständig wiederkehrende Schlaffheit nicht wäre (Sie erinnern sich: Fatigue ist der medizinische Fachausdruck), könnte ich ne Weile vergessen, dass ich krank bin.
Aber dann drängt sich wieder die dritte Chemotherapie ins Bewusstsein: Donnerstag geht's unweigerlich zum stationären Aufenthalt ins Klinikum Rechts der Isar.

Ihnen erst mal schöne Tage.

WWN*)

Hunziker präsentiert Käsefüße

Eklige Wetten, das Comeback von Whitney Houston und Michelle Hunziker an der Seite von Thomas Gottschalk. Die sexy Blondine hat "Wetten, dass...?" gehörig aufgemischt.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)

Kommentar

3. Oktober 2009

Medizinmann

Sagt doch der Doc gestern zu mir, nach der genaueren Betrachtung der Blutwerte auf seinem Computerbildschirm: "Im Moment weiß keiner, wer länger lebt - Sie oder ich."
Das sind selbstverständlich gute Nachrichten, die er nach der Ultraschalluntersuchung noch bestätigt. Aber er kann mit Ultraschall nichts über die Speiseröhre aussagen - dazu werde ich mehr erfahren nach der Computertomographie am Dienstag. Und Donnerstag geht's weiter - Chemotherapie, dritte Runde.

Fundsache

"Die SPD hat ihren Namen deshalb behalten und trägt ihn mit Stolz, weil sie sich schon vor hundert Jahren von Utopien wie 'Reichtum für alle' verabschiedet hat."
- Stefan Dietrich, Leitartikel der FAZ vom 30. September 2009

Kommentar

1. Oktober 2009

Fatigue

Hab' ich schon erwähnt, glaube ich: Wenn man sich nach der Chemotherapie oder überhaupt im Lauf der Erkrankung schlapp, schlaff, müde, ständig erschöpft fühlt, dann heißt dieser Zustand in der Medizinersprache "Fatigue". Das kommt aus dem Französischen und steht für Müdigkeit. Oh ja, da weiß ich inzwischen Bescheid. Ich sitze im Sessel und lese oder schau den Espen im Hinterhof zu, wie sich die Blätter gelb färben. Und ich merke, dass ich müde werde. Der Kopf sinkt nach vorn, die Augen fallen zu, aber ich bin wach und denke, es wäre besser, sich ins Bett zu legen. Vom Entschluss bis zur Ausführung kann dann gut eine Viertelstunde vergehen, weil ich zu schlapp bin, irgendetwas zu tun, und sei es nur, das Buch aus der Hand zu legen.
Fatigue bedeutet aber nicht, dass ich nachts besser schlafen kann. Stundenlang lieg ich halbwach im Bett, zu müde, um zu lesen, aber nicht müde genug, um richtig einzuschlafen. Dann spüre ich Harndrang. Ich müsste aufs Klo. Von der Einsicht bis zur Umsetzung kann durchaus eine halbe Stunde verstreichen - zu müde, um die Beine aus dem Bett zu schwingen und die paar Schritte ins Bad zurückzulegen. Fatigue.
Und sonst? Ich hab langsam den Eindruck, dass ich die Apotheke durchteste, mit allem, was im Angebot ist. Heute war was ganz Besonderes dran: Bonviva. Das ist eine "Filmtablette". Ja, so heißt das, und hat nichts mit Hollywood zu tun. Man nimmt die ein Mal (!) im Monat, und sie soll vorbeugen gegen Osteoporose, die leicht eine Folge der Chemotherapie sein kann. Diese Tablette kommt in einer Packung von der Größe eines Reclam-Taschenbuchs, was wohl einen imponierenden Eindruck machen und auf die Wichtigkeit dieser Medizin hinweisen soll. Und, zugegeben, die Riesenpackung für eine einzige Tablette macht tatsächlich Eindruck. Die nächste ist am 1. November dran. Kleine Aufkleber für den Terminkalender werden mitgeliefert. Netter Service.
Morgen kommt morgens wieder Blutentnahme, später noch ein Termin mit dem Medizinmann zur Besprechung der letzten Laborergebnisse von vorgestern und zu den nötigen Ein- und Überweisungen und dem Papierkram für die Computertomographie am nächsten Dienstag. Und heute in einer Woche kommt Phase drei, und ich muss wieder ins Rechts der Isar einrücken. Hoffentlich kommt rechtzeitig "Der letzte Mohikaner" von amazon.

Kommentar



Nö, das Bild ist nicht verkehrt rum, der Vogel isses. Das Foto stammt von Burckhardt Huck, meinem Künstlerfreund aus Südafrika. Was das für Blüten sind? Ich musste erst mal nachfragen. So sehen die Blüten der Aloe vera aus, deren dicke, fleischige Blätter für allerlei Kosmetika und Salben verwendet werden. Nicht die aus Burckhardts Garten - die sind vor Ausbeutung sicher und füttern die Vögel.
HANSblog 1. September - 29. September 2009
04.10.2009 14:17:52
1. September 2009

Jamaika ist eine schöne Insel in der Karibik


Vielleicht geht's ja anderen Leuten genauso: Ich kann das Wort Jamaika-Koalition nicht mehr hören, sehen, riechen. Vor allem dann, wenn es von den in den politischen Ressorts tätigen Journalisten ohne weitere Erklärung gebraucht wird. Sie quaken halt allles nach, wenn es einer mal vorgequakt hat. Möge sich der Zeitungsschreiber bei mir melden, der zuerst auf die Idee kam, eine schöne Karibikinsel in die Niederungen deutscher Parteipolitik zu zerren. Er darf mein Fahrrad putzen.
Um es für Menschen wie Sie und mich noch einmal deutlich zu machen: Gemeint ist damit eine - widerliche - Koalition aus schwarz (CDU), gelb (FDP) und grün (Grüne). Und warum heißt das plötzlich allüberall Jamaika-Koalition? Weil ein unglücklicher Zufall es wollte, dass in der Flagge von Jamaika die Farben grün, schwarz und gelb vorkommen. Hier unten habe ich eine Jamaika-Fahne eingebaut, keinesfalls die offizielle, sondern eine von der Kifferfraktion veränderte Version. Wer schon mal in Jamaika war, dürfte mir zustimmen, dass diese Fahne*) den tatsächlichen Verhältnissen dort durchaus gerecht wird (vergleiche dazu Hans Söllners wunderbaren Bayern-Rap "Der Charlie").

*) Foto der Jamaika-Fahne mit Hanf-Blatt.

Und sonst?

Es geht mir - wie sagt man so schön? - den Umständen entsprechend gut. Die Entzündungen in der Mundhöhle gehen zurück, nachdem ich eine Woche brav Ampho-Moronal Lutschtabletten, na ja, gelutscht habe. Vier Stück über den Tag verteilt, jede braucht mehr als eine Stunde, bis sie zerlutscht ist. Lutschen als Halbtagsjob, hehehe.
Und mit dem Spazierengehen geht's auch besser. Heute habe ich es schon in aller Frühe bis zum Geldautomaten der Sparkasse in der Bülowstraße geschafft, ohne anschließend saublöde Schmerzen im Endsehnenbereich des großen Oberschenkelmuskels an der Leiste zu spüren.
Und nach allem was die Wetterberichte verkünden, war heute der letzte Tag mit über 30 Grad. Es wird kühler in Bayern - ein Segen für alle Mühseligen und Beladenen in den Kliniken und anderswo.

Schöne Tage, und schauen Sie mal wieder vorbei. Am 10. September fahr ich wieder ein ins Klinikum Rechts der Isar. Chemotherapie, Teil zwei. Ob es leichter wird, weil ich jetzt wenigstens weiß, was auf mich zukommt?

6. September 2009

Vorausgeworfene Schatten

Sicher, verdrängen wäre großartig. Aber es geht nicht, ich weiß seit einigen Wochen, dass ich am 10. September wieder ins Krankenhaus muss. Und je näher der Termin rückt, umso mehr Raum beansprucht der neuerliche Aufenthalt im Rechts der Isar in meinem Denken. Isses leichter diesmal, weil ich schon weiß, was auf mich zukommt? Sind sie fertig mit der Baustelle im Innenhof, oder muss ich wieder mit rumgeschmissenen Eimer um sechs Uhr morgens rechnen; mit dem Lärm von Baggern, die Kopfsteinpflaster aufreißen; mit dem Bellen der Bauarbeiter, denen es scheißegal ist, ob um sechs Uhr früh Patienten schlafen wollen? Was bestimmt wieder auf mich zukommt: Der Rettungshubschrauber, der drei, vier Mal am Tag auf dem Dach gegenüber landet und startet, und die Ambulanzen, die, lalü, lalü, in die Einfahrt der Chirurgie reintrompeten.
Beim ersten Mal hat mich Hermann Hesse vor dem Durchdrehen beschützt. Ich hab, nach dreißig Jahren wieder, "Das Glasperlenspiel" gelesen, während tagelang literweise irgendwelche Chemikalien und Kochsalzlösungen aus den Tropfbeuteln in meine Venen flossen. Wie dankbar ich bin, dass ich lesen kann. Und wie dankbar ich Hermann Hesse bin, dass er dem Wahnsinn mit diesem Buch entgegengetreten ist.
Ja, über Ulrich Peltzer und sein Meisterwerk "Teil der Lösung" habe ich mich ja schon ausgelassen. Nach der Entlassung aus dem Klinikum kam mir auch noch Ernest Hemingway unter, weiß der Kuckuck, weshalb. Mir ist eingefallen, dass ich nie was von ihm auf Englisch gelesen habe. So ging denn eine Bestellung raus: "The Old Man and the Sea", "To Have and Have Not", "The Snows of Kilimanjaro". Diese Bücher gehören zum Besten, was je geschrieben wurde. Punkt.
Spaßeshalber gucke ich in der Hermann-Hesse-Gesamtausgabe bei den "Schriften zur Literatur" nach, ob er jemals etwas über Hemingway geschrieben hat. Er hat. Über die letzten beiden Kurzgeschichten aus "The Snows of Kilimanjaro",  "Big Two-Hearted River, Part I" und "Part II" heißt es da in einer Kritik des 1932 auf Deutsch erschienenen Kurzgeschichtenbandes "In unserer Zeit": "Es stehen in dem kleinen Buch einige gute Geschichten und außerdem einige Naturschilderungen: die schönsten, die ich je von einem Amerikaner las. Die schönste steht auf S. 153 ff*. Ein hoher Genuss."
* Es ist die Erzählung "Großer, Doppel-Herziger Strom".

Inzwischen habe ich "Das Tahiti-Projekt" von Dirk C. Fleck gelesen, Geburtstagsgeschenk von Peter O. Tja, eine feine Öko-Utopie aus dem Jahr 2022. Fleck versucht in seinem Roman, eine radikal positive Vision umzusetzen: Es muss nicht im Kollaps des Planeten enden, wir können die Umkehr schaffen. Das Buch hat mich sehr an Ernest Callenbach und sein "Ökotopia" von 1969 erinnert. Solche Bücher sind so rührend wie nötig, und Fleck rechnet - mit Angabe der jeweiligen Internetseiten - nichts hoch ins Jahr 2022, was nicht heute schon möglich wäre: "Obwohl 'Das Tahiti-Projekt' ein Zukunftsroman ist, sind die in ihm dargestellten technischen Lösungen und sozioökologischen Modelle keine Fiktion, sie existieren bereits heute! Das einzig Fiktive ist die Annahme, dass irgendwo auf diesem Planeten tatsächlich mit konkreten Veränderungen in Richtung einer zukunftsfähigen Lebensweise begonnen wurde."
"Ein Ökothriller dere Extraklasse" wirbt der Verlag. Ein erstaunliches Buch von einem deutschen Autor, meint der Hans.

Schöne Tage! Bis demnächst, hoff ich doch.


8. September 2009

Zahlen und Zähler

Vom Sonntag, 6. September ist die Rede, da hielt Verteidigungsminister Franz Josef Jung laut tagesschau.de "noch an der Darstellung fest, bei dem Luftangriff seien mehr als 50 Menschen getötet worden, ausschließlich Taliban." Das war zwei Tage, nachdem die Widerstandskämpfer in Afghanistan zwei Tanklastzüge entführt hatten, und die Bundeswehr, offensichtlich stocksauer über den dreisten Coup, ein Exempel statuieren wollte und - immer feste druff - die US-Amerikaner zum Bomben auf- und anforderte.
Na ja, so locker mal klarmachen, wer in der Gegend das Sagen hat und den Benzinnachschub für die Besatzer zu stören, das ist schon ziemlich frech. Das wirft auch das schöne Bild über den Haufen, das "wir" alles unter Kontrolle haben.
Während schon am Tag nach dem Bombardement von über 100 getöteten "Zivilisten" die Rede war, wusste es unser Kriegsminister am Sonntag, zwei Tage danach, immer noch besser: Alle Toten, 50 an der Zahl, waren böse Taliban. Nun fragt sich der aufmerksame Zeitungs- und Nachrichten-Online-Leser, weshalb der Herr Jung das so genau wusste. Ganz einfach: Er hat von einem Bundeswehroffizier mit Nachtsichtgerät die zuverlässigeren Zahlen erhalten. Die Taliban tragen nämlich, durchaus vergleichbar mit den Mannschaften der Fußball-Bundesliga, Trikots mit dem Namen ihres Sponsors. So kann jeder Bundeswehrsoldat sofort eine Entscheidung treffen, ob es sich um einen "Zivilisten" oder einen Aufständischen handelt. Letztere tragen nämlich allesamt T-Shirts mit dem Aufdruck "Sponsored by Taliban, Section Afghanistan". Da fällt die Unterscheidung leicht.
Was aber, wenn es, wie im Fall der entführten Tanklaster, stockdustere Nacht und kein Bundeswehrsoldat mit Nachtsichgerät vor Ort ist? Auch dafür haben die Taliban eine Lösung gefunden. Um den AWACS-Aufklärungsflugzeugen, den Satelliten und nicht zuletzt den Bomberpiloten die Unterscheidung zu erleichtern, tragen die Mitglieder der Anti-Nato-Kampftruppen nachts afghanische Käppis (so in der Art wie der allseits beliebte Präsident Hamid Karsai), in die mit leuchtfarbenem Zwirn ein großes T (wie Taliban) eingestickt ist. So können sie von Franz Josef Jungs Truppen und den deutschen AWACS-Besatzungen ohne Schwierigkeiten identifiziert werden.
Unter diesen Umständen muss man sich nicht wundern, dass Angela Merkels Kampfhund auch am Sonntag noch mit Überzeugung verkünden konnte, alle Getöteten, 50 an der Zahl, wären Taliban.
Der Mann hatte einfach die zuverlässigeren Zahlen.

Sonntag, der dreizehnte September 2009



















"So lange die Alte Welt von Kriegen erschüttert wird,
so lange wird Amerikas Ernte weitergehen.
"
- James Fenimore Cooper, The Pioneers, 1823



















Wieder dahoam

Seit gestern Mittag bin ich wieder zu Hause. Als ich am Herkomerplatz in den Bus einsteigen wollte, haben meine Beine versagt. Erst im zweiten Anlauf gelang es mir, die durch langes Bettliegen vernachlässigten Oberschenkel dazu zu bringen, mich in den Bus zu hieven. Mist, aber da saß nur ein Fahrgast, der gerade woanders hinschaute, und dem Fahrer war's wohl egal.
Jetzt, Sonntagmorgen, habe ich gerade die halbe Dosis 5-FU aus der Baxter-Pumpe aufgenommen. Ich schätze mal, am Dienstag, eher Mittwoch, ist die Pumpe leer und der Hausarzt kann mich davon befreien.
Ansonsten: Wie beim letzten Mal im Rechts der Isar, nur ohne Baulärm - aaah! Und Zweibettzimmer, einfach so. Die wunderbare Nachtschwester hatte vormittags Dienst, und sie hat mir sehr geholfen, der unwissenden Stationsärztin meine Entlassung schon gestern zu erklären - der Vorläufige Arztbericht war auf Montag datiert, und sie hätte mich übers Wochenende dabehalten, wenn ich mich nicht auf die schwachen Hinterbeine gestellt hätte.
Lesen und Dösen - die Hauptbeschäftigung, und was für ein Glück, dass Hemingway und James Fenimore Cooper rechtzeitig mit der Post gekommen sind. Zuerst habe ich parallel gelesen, Coopers "The Pioneers" bis Seite 97, dann hat mich "For Whom The Bell Tolls" reingezogen und bis zum Schluss nicht mehr losgelassen. Im Notizbüchlein, das ich die letzten Wochen kaum noch angerührt habe, steht unter dem 11. September der Eintrag:
"Um halb zehn Uhr abends habe ich die letzte Zeile von 'For Whom the Bell Tolls' gelesen. Im Vorzitat von John Donne erklärt Hemingway den Titel: "Frage nie, wem die Stunde schlägt - sie schlägt dir." Im selben Moment, als ich mit dem Buch zu Ende bin, fängt's zu regnen an, und wie! Das Wasser rauscht gewaltig in die Baumkronen, und ich kann die würzige Regenluft durch die gekippten Fenster riechen. Und, ja, wie damals mit 17, als ich dieses gewaltige Buch zum ersten Mal gelesen habe, muss ich auch mit 64 zu lesen aufhören, als Robert Jordan mit gebrochener Hüfte und zerschmettertem linken Bein von Maria Abschied nimmt - ich muss ein Tempo nehmen und die Tränen aufsaugen, bevor sie mir durch die geschlossenen Augenlider über die Wangen laufen."

Das Buch über den Spanischen Bürgerkrieg erschien 1941 - vor 68 Jahren. Hemingway, geboren 1899 in Oak Park, einem Vorort von Chicago, arbeitete schon mit 18 für den Kansas City Star als Reporter. Er war 42 Jahre alt, als "For Whom the Bell Tolls" herauskam, geschrieben hat er es wohl zwischen seinem 38. und 40. Lebensjahr.
Die wunderschöne Ausgabe von Vintage Paperbacks hat 490 Seiten. Hemingway musste noch 13 Jahre weiterschreiben, bis er 1954 für einen sehr kurzen Roman den Nobelpreis für Literatur bekam: "Der alte Mann und das Meer" hat gerade mal 99 Seiten.
Der Geist ist leicht.

Lesend therapieren

Mein Penis schwillt am zweiten Tag der Chemotherapie wieder unförmig an, die Beine werden dicker, die Waage zeigt sechs Kilo plus. Immerhin wird das Cisplatin, das am ersten Tag in einer Stunde mit gezielter Durchlaufmenge (dafür sorgt ein kleiner Kasten mit Akku, der an dem Tropfgefährt befestigt ist) in die Blutbahn läuft, vorher mit einem Liter Kochsalzlösung aus dem Tropf verdünnt, mit drei Liter danach, mit zwei Liter am  zweiten Tag. Damit das wieder rausläuft, wird dem Patienten eine weitere Flüssigkeit aus dem Tropf verabreicht, Lassix, das einen alle halbe Stunde zum Pissen zwingt.
Schöner Mist, ich hab diese dicken Beine so satt. Jetzt ist gleich zehn, ich geh schlafen."
Am 12. 9. notiere ich noch: "Schon interessant: 'Das Glasperlenspiel' und 'To Whom the Bell Tolls' erschienen beide im Jahr 1941. Ersteres in Zürich - Hesses Bücher durften im 'Dritten Reich' in Deutschland nicht veröffentlicht werden.

15. September 2009

Wie geht's?

Immer noch bei James Fenimore Cooper, und ich lese mit angelegten Ohren weiter in "The Pioneers" von 1823. Oh Mann, was für ein Meister!

Mit der Post kommt schon um1/2 neun Uhr noch mehr Ernest Hemingway: Das kleine Bändchen "A Moveable Feast" ("Paris, ein Fest fürs Leben"). Knapp über 100 Seiten, die Erinnerungen an die zwanziger Jahre in Paris, als Hemingway im Umgang  mit anderen Schriftstellern aus den USA (F. Scott Fitzgerald, Gertrude Stein) und Irland (James Joyce) seine eigene Bestimmung fand. Geschrieben hat er das Bändchen in den späten fünfziger Jahren, es ist wohl das letzte, von ihm autorisierte Werk. Hemingway starb 1961 an den Folgen seiner Sammelleidenschaft für Schusswaffen. Darum geht's auch in "Adios Hemingway", einem Krimi von Leonardo Padura, Kubas großem Krimischreiber. Habe ich gleich mitbestellt, vielleicht als Abschluss meiner Hemingway-Manie. (William Kotzwinkle sagte mir mal: "Ein guter Tag ist, wenn Bücher mit der Post kommen." Hat was für sich, vor allem, wenn man auf einer einsamen Insel an der Ostküste der USA lebt.)

Wenn ich Glück habe, werde ich heute - Tag fünf der Chemotherapie - die Baxter-Pumpe los. Ich freue mich schon auf ein laaanges Bad, wenn die Pflaster und die Schläuche weg sind.
Mir kommt es vor, als wären die Beine weniger dick angeschwollen als bei der ersten Chemotherapie. Und die Mundspülung, die den Entzündungen vorbeugen soll, scheint zu helfen. Aber wie sagt schon V. Olksmund: "Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben." Was ja kein schlechter Spruch ist. Viel blöder fand ich die fränkische Abwandlung, die mein Vater oft gebraucht hat: "Der Vogel, der in der Früh schon singt, den frisst am Abend die Katz."
Blöde, reaktionäre Stimmungsbremse, wenn man fröhlich aufgewacht ist und so sanft geschlafen hat in der Nacht.
Heiter weiter: "Behüte mich auch diesen Tag, dass mir kein Leid geschehen mag."
Amen.

Zweitageszeitung

Jetzt hab ich zwei Mal die Woche eine Tageszeitung im Briefkasten liegen: Mittwoch und Samstag krieg ich aus Berlin die junge Welt. Und schon treffe ich alte Bekannte: Wiglaf Droste schreibt im Feuilleton, und auch Helmut Höge, der in der taz offenbar nicht genug Auslauf bekommt, trägt weitschweifig seine eigensinnigen Gedanken in die junge Welt. Mir ist die Zeitung sehr sympathisch. Da wird nicht mit vielen Farbseiten und dickem Papier Inhalt simuliert (taz!), da wird mit wenig Geld und viel politischer Haltung gegen die allgegenwärtige Gehirnwäsche der Konzern- und öffentlich-rechtlichen Medien angegangen. Ich bin bestimmt nicht mit allem einverstanden, was da drinsteht, aber allein die Idee eines Mittwoch-Samstag-Abonnement finde ich unterstützenswert. Wer braucht schon jeden Tag eine Zeitung, egal, wie sehr sie die eigene Weltsicht unterstützt? Ich nicht mehr.

IAA, sagt der Esel: WWN*)

Heiße Hostessen auf der IAA

Wenn in wenigen Tagen die IAA startet, dürfen sie natürlich nicht fehlen: die Messegirls. Wir zeigen Ihnen als Vorgeschmack die schönsten Mädels der vergangenen Shows.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de

17. September 2009

Lieber Hans,
 
habe eben mit Erschrecken und Grausen Deinen Blog gelesen. Auch wenn's Dir wohl eher schnuppe ist zur Zeit und in Deiner Situation, wollte ich sagen, dass ich das ziemlich souverän finde, wie Du das angehst und mitstenographierst. Ziemlich harte Lektüre, ganz klar, aber man muss die Leute inkommodieren, hat schon Schiller gesagt. Ich wünsche Dir aufrichtig alles erdenklich Gute, den richtigen Arzt hast Du ja augenscheinlich, und die Prise Glück, die man sowieso immer braucht und Du gerade ganz besonders.
 
Herzlich grüßt
Frank Schäfer

Im Herbst

Der schöne Sommer ging von hinnen,
Der Herbst, der reiche, zog ins Land.
Nun weben all die guten Spinnen
So manches feine Festgewand.

Sie weben zu des Tages Feier
Mit kunstgeübtem Hinterbein
Ganz allerliebste Elfenschleier
Als Schmuck für Wiese, Flur und Hain.

Ja, tausend Silberfäden geben
Dem Winde sie zum leichten Spiel,
Sie ziehen sanft dahin und schweben
Ans unbewußt bestimmte Ziel.

Sie ziehen in das Wunderländchen,
Wo Liebe scheu im Anbeginn,
Und leis verknüpft ein zartes Bändchen
Den Schäfer mit der Schäferin.

Wilhelm Busch (1832-1908)

WWN*)

"Wem steht's wirklich besser?"

Pink und Shakira hatten bei den MTV-Awards das gleiche Kleid an. Für die Kameras lachten die beiden Stars über die Doppelung. Doch wem stand es eigentlich besser?

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)


18. September 2009

Apotheken-Gedanken

In einem anderen Leben, das gerade mal drei Monate zurückliegt, bin ich immer montags, mittwochs und freitags von meiner Wohnung aus unten an der Hangkante entlang, dann am rechten Isaruferweg und über die St.Emmerams-Brücke zum Aumeister am Ende des Englischen Gartens gelaufen. Zurück gings dann durch den Auwald nördlich der Hirschau und durch die Wiesen zum linken Isarufer, zurück über die Max-Josef-Brücke zum Kufsteiner Platz. Aaah, zehn Kilometer locker dahinlaufen - grad schee war's. Dabei kam ich am Ende des Laufs immer schwitzend an der Apotheke vorbei und war irgendwie stolz darauf, nie was mit dem Laden zu tun zu haben. Mal Olbas-Tropfen gegen Erkältung, das war aber schon alles. Ach, so dachte ich immer, was für ein Glück, ich bin kein Apothekenkunde.
Seit Anfang Juli vergeht keine Woche, in der ich nicht mindestens zwei Mal Rezeptgebühr abdrücke oder Arzneimittel bezahle, die von der Kasse nicht erstattet werden. Wobei ich anfügen muss, dass die Damen hinter dem Verkaufstresen so was von freundlich sind - na ja, nach den Medikamenten zu urteilen, die ich verschrieben bekomme, können sie ja zwei und zwei zusammenzählen und daraus schließen, dass ich mehr als eine Erkältung habe.

Zuspruch

Betr.: Rave On, Hans - Gute Besserung

Lieber Hans Pfitzinger,

auf deiner Blogseite gelandet.
Respekt und tiefe Anteilnahme  wie du mit dem evtl. bevorstehenden Tod umgehst.
Habe in den letzten Jahren, die einem dann so kurz und gleichzeitig unendlich weit weg vorkommen, meinen geliebten Schwiegervater, meinen Vater (letztendlich habe ich Frieden gemacht, indem ich ihn ein halbes Jahr jeden Tag im Krankenhaus "0berhalb der Elbe, hah" besuchte), alles Krebs und die über alles geliebte Schwiegermutter (sechs Jahre Pflegestufe III nach Gehirnschlag) Anfang diesen Jahres und einige Freunde in dieser Zeit verloren.
Kann so stark nachvollziehen, dass du so wenig Interesse an der Oberflächlichkeit von Medien, Nachrichten und dem ganzen Gesülze hast.

Jens Sienknecht

P. S.

Rave on John Donne, rave on thy Holy fool
Down through the weeks of ages
In the moss borne dark dank pools
Rave on, down through the industrial revolution
Empiricism, atomic and nuclear age
Rave on down through time and space down through the corridors
Rave on words on printed page

Rave on, you left us infinity
And well pressed pages torn to fade
Drive on with wild abandon
Uptempo, frenzied heels

Rave on, Walt Whitman, nose down in wet grass
Rave on fill the senses
On nature's bright green shady path

Rave on Omar Khayyam, Rave on Kahlil Gibran
Oh, what sweet wine we drinketh
The celebration will be held
We will partake the wine and break the Holy bread

Rave on let a man come out of Ireland
Rave on on Mr. Yeats,
Rave on down through the Holy Rosey Cross
Rave on down through theosophy, and the Golden Dawn
Rave on through the writing of A Vision
Rave on, Rave on, Rave on, Rave on, Rave on, Rave on

Rave on John Donne, rave on thy Holy fool
Down through the weeks of ages
In the moss borne dark dank pools

Rave on, down through the industrial revolution
Empiricism, atomic and nuclear age
Rave on words on printed page

Van Morrison, von der LP: "Inarticulate Speech of the Heart", 1983

Torten

In meinem eher asketischen Dasein vor dem Monat Juli habe ich ja Zuckerbäckereien grundsätzlich gemieden. Weil ich aber zur Zeit alles esse (und das den ganzen Tag lang), was mir Appetit und Spaß und dick macht, habe ich die beiden Konditoreien in der Nachbarschaft für mich entdeckt, die mir den Zugang zur Torte leicht machen. Die Café-Konditorei im Nebenhaus hat wirklich die unglaublichsten Kreationen, die schon beim Anschauen dick machen (mich leider nicht). Jedenfalls führe ich Nachmittagsbesuche grundsätzlich dorthin ("In einer kleinen Konditorei, da saßen wir zwei bei Kuchen und Tee"). Vor zwei Tagen, als Peter O. zu Besuch kam, sind wir gleich runter, und die Torte, die ich bestellt habe, hieß zu recht Fruchtbombe.
Und unten am Kufsteiner Platz gibt's eine von einem halben Dutzend über den Ostteil der Stadt verteilten Filialen von "Brotmanufaktur Paul Schmidt". Jetzt mal von der etwas gequält originellen Bezeichnung für eine Bäckerei abgesehen, bei Schmidt gibt es mein derzeitiges Lieblingsbrot - Vollkornsonnenblumenbrot, in einem kleinen runden Laib verarbeitet. Und, meine Güte, was für prachtvolle Konditorschweinereien der Schmidt anbietet. Zur Zeit kann ich von den Russischen Punschschnitten mit Marzipandeckel und, tatsächlich, leisem Punschgeschmack, gar nicht genug kriegen.
Man muss das mal genüsslich aussprechen und auf der Zunge zergehen lassen: Russische Punschschnitte. So ähnlich schmeckt sie auch.
Und jetzt gibt's - mittags ein Uhr - Linseneintopf mit Hühnerfleisch. Issne neue Kreation, sonst kommen Wiener dazu. Aber als ich gestern Heißhunger auf ein halbes Hendl hatte, blieb die Hähnchenbrust übrig, weil ich kein halbes Hendl auf einmal essen kann. Also gibt's die Hähnchenbrust heute in Stücke geschnitten zu den Linsen. Ist vielleicht gar keine schlechte Idee, sie kurz im Eintopf mitzukochen, dann schmeckt sie nicht so trocken.
Äh - guten Appetit allerseits!


9. September 2009

Lieber Reinhold,
danke für die Mail. Interessierte Fragen verdienen befriedigende Antworten. Also:
- Die letzten beiden Menschen, die mir Zuspruch und Unterstützung geschickt haben, kenne ich nicht. Mit Frank Schäfer hatte ich mal eine Mail ausgetauscht wegen einem feinen Artikel, den er für die taz geschrieben hatte.
- Ich fühl mich recht gut zur Zeit, und weil ich immer nur einen Tag nach dem anderen lebe, heute besonders gut: Ich konnte viel schlafen, und bin erst um halb neun aufgestanden.
- Auch wenn dich dein Job in ihre Nähe geführt hat - die Appenzeller mit ihrem Käse werden in diesem Hause boykottiert, schon weil sie Fernsehwerbung machen, und dann auch noch mit Uwe Ochenknecht. Brrrrr! Woher ich das mit der Fernsehwerbung weiß? Weil mir die Verkäuferin beim letzten Käsekauf (Oberstdorfer!) einen Werbezettel für Appenzeller in die Tüte gesteckt hat (statt Tell-Apfel legen sie einen Käselaib auf den Kindskopf - ist leichter zu treffen!).
- CCS? Hm, kenne ich nicht mehr, aber Alexis Korner hat immer feine Musik gemacht.
- Als es mir gaaanz schlecht ging, konnte ich überhaupt keine Musik mehr hören. Jetzt geht sogar wieder Pop, wenn's net zu krachert ist. Axel hat mich auf James Yorkston gebracht. Musst mal gucken, ist britisch, seine Musik entspricht mir zur Zeit am natürlichsten.
- Hermann Hesse: Ohne die geistige Welt, die er im "Glasperlenspiel" aufbaut, hätte mich die erste Chemotherapie seelisch zerschmettert. Was für eine Freude, das als "reifer" Mensch nach all den Jahren wiederzulesen. Das steht wie ein riesiger Felsbrocken in der Literatur, und nichts kann ihm was anhaben.
- Am HANSblog bastle ich weiter, inzwischen krieg ich schon Zuschriften, wenn ich mal zwei Tage nichts eintrage.
Gute Reise ins Rheinland ("Warum ist es am Rhein so schööön ..."), und danke für die Wünsche -
Hans


24. September 2009

Hausarzt

Gute Nachrichten am frühen Morgen: "Ihre Blutwerte haben sich in fast allen Bereichen zum Positiven verändert. Die Chemotherapie spricht gut an bei Ihnen."
Und mal richtig geschlafen habe ich auch in der Nacht von gestern auf heute.
Fröhlich und beschwingt - so weit das die Sehnenschmerzen im linken Oberschenkel zuließen - bin ich in die Apotheke gelatscht, die gleich zwischen der Arztpraxis und meinem Hintereingang angesiedelt ist. Ich wohne am idealen Ort für Kranke. Als hätte ich es geahnt, als ich vor zweieinhalb Jahren hierher gezogen bin.
Ach Schmarren, ich hatte keine Ahnung.

Aufzuggespräch

Eine ältere Dame kommt von oben heruntergefahren, ich steige in meinem Stockwerk ein. "Guten Morgen."
"Guten  Morgen."  Sie schaut mir freundlich prüfend ins Gesicht. "Sie wohnen aber noch nicht lange hier."
"Doch, doch. Inzwischen sind's über zweieinhalb Jahre."
"Na, sag ich doch! Ich wohn' schon seit 40 Jahren hier."
Im Kellergeschoß, wo wir beide aussteigen, weil wir den Hinterausgang benutzen, verabschieden wir uns. Sie nimmt den direkten Weg, ich geh lieber über die Platten zwischen dem Rasen.
"Schönen Tag noch."
"Ihnen auch."

Gastbeitrag

Lieber Hans,
ich fand das auch gut, gestern nachmittag, obwohl's ja eigentlich traurig war, mich bekümmernd.
James Fenimore Cooper also weit vor Thoreaus "Walden", schau an. Ich hatte den Cooper als Jugendautor gewertet und ihn in dieser Zeit auch gelesen. Jetzt bringst Du mich drauf, ihn anders wiederzulesen und das mach ich, nach dem Fontane. Man muss ja außer der Sachbuch-Lektüre auch immer was fürs Gemüt lesen. Im Augenblick ist das bei mir Saul Bellow, den lese ich morgen, wenn ich nach Düsseldorf fahre. Im Zug geht das so schön.
Lieber Hans, nach Lage der Dinge siehst Du mich frühestens Anfang November, weil ich weg bin. Dann aber bestimmt. Vielleicht bewegt sich bei Dir was. Zu irgendwas müssen die Mühsalen der Chemotherapie doch gut sein...
Du hast, scheint  mir, eine gute Haltung gefunden.
Herzlich
Konrad

21. September 2009

Alles Gute zum Geburtstag, Leonard Cohen!

Irgendwann in den späten achtziger Jahren hat eine gutgehende Monatszeitschrift beschlossen, mich nach Paris zu schicken, wo die Plattenfirma CBS Interviews mit Leonard Cohen organisiert hat. Hah, feiner Auftrag, dachte ich, und das war's auch, von einem Sturm über Paris mal abgesehen, der mich ein paar Mal zur Tüte greifen ließ, was dann aber nur vorbeugend war, denn anscheinend war mein Frühstück längst verdaut. Mit einer dreiviertel Stunde Verspätung landeten wir dann auf dem Flughafen, der nach einem langjährigen Präsidenten benannt ist, dessen Name mir hier nicht ins Blog kommt. Dann ging's mit dem Taxi (alles Spesen fürs Hochglanzmagazin) in die Innenstadt, wo die Pressedame von CBS UK schon sehnsüchtig wartete, weil ich ihren Zeitplan durcheinander brachte.
Es war eins von diesen raren Interviews, wo sich zum Vergnügen der Beteiligten ganz schnell ein Gespräch entwickelt und keine vorgefertigten Fragen abgehakt werden, sondern gemeinsam beim Reden neue Gedanken verfertigt werden (schöne Grüße an Heinrich von Kleist). So kamen wir auf Cohens ersten Auftritt beim wichtigsten Folk-Festival der USA in Newport zu sprechen ("if you can make it there, you'll make it anywhere").
"Ich saß in diesem Wohnwagen und war schon drei Mal auf der Toilette gewesen, vor lauter Angst und Lampenfieber. Mein Anwalt hatte mich nach Newport gefahren, und als ich das dritte Mal vom Klo kam, fragte er mich: 'Hey, Leonard, was ist los mit dir? Stimmt was nicht?'
Ich wusste das auch nicht so genau, aber dann fiel mir ein Grund ein: 'Ich soll da jetzt rausgehen, dabei kann ich gar nicht singen.'
Der Anwalt schaute mich an, mit einer Mischung aus Mitleid und völligem Unverständnis. 'Was ist dein Problem? Keiner von den Leuten hier auf dem Festival kann singen. Na und? Deshalb bin ich nicht hier. Wenn ich jemand hören will, der singen kann, geh' ich in die Metropolitan Opera.'"
Für jemanden, der nicht singen kann, hast du's ziemlich weit gebracht, lieber Leonard. Und herzlichen Dank für "Suzanne"! 

Sie übernehmen ganz von allein

Zum ersten Mal habe ich sie bei der ersten Chemotherapie zwischen Halbschlaf und Einschlafen bemerkt. Ich hatte das Gefühl, dass ich für meine dick angeschwollenen Beine gar nicht zuständig bin. Sie würden sich schon drum kümmern. Sie? Na ja, die für meine Beine zuständigen Stellen. Ich hab' sie zwischen halbwach und schlafen deutlich wahrgenommen, als körperlose, geschäftige Energiewesen, die mir die Arbeit abnahmen. "Mir"? Na ja, "ich" hatte damit nichts zu tun, es kam mir nachträglich so vor, als hätte eine Art körperliche Intelligenz die Führung übernommen. Das war nicht erschreckend, es hat mich eher beruhigt. Mit meiner Heilung war nicht mein Verstand beschäftigt, die Arbeit hatte längst eine unterbewusste Instanz übernommen.
Die Empfindung habe ich immer noch, nachts, kurz vorm Aufwachen, bevor ich auf die Toilette muss. Auch darum kümmern "sie" sich.

Hemingway

Ja, ich hab jetzt alles von ihm, was mich interessiert, auf Amerikanisch gelesen, und wenn einer ankommt und mir erzählen will, dass Ernest Miller Hemingway nicht zu den größten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts gehört, dann darf er mir den Schuh aufblasen. Nachdem ich auch die sehr schöne rororo-Monographie gelesen habe, nehme ich jetzt tatsächlich Abschied mit "Adiós Hemingway" von Leonardo Padura. Ein schöner Abschied.
Dazwischen lese ich noch Sir Peter Ustinovs Vermächtnis "Achtung! Vorurteile", und danach freue ich mich aufs letzte Viertel von James Fenimore Coopers "The Pioneers".
Kennen Sie das auch? Ein wunderschönes Buch ist mir in die Hände gefallen, und weil der Abschied von den Personen und der Stimmung, die es ausstrahlt, so schwer fällt, lese ich zum Ende hin immer langsamer, oder, wie im Fall Cooper, lasse es ein paar Tage liegen. Ich freue mich auf den Rest wie andere Leute auf die Wies'n.

Schöne Tage allerseits.



22. September 2009

Herbstanfang

Nein, nicht schon wieder ein Herbstgedicht ("Dies ist ein Herbsttag wie ich keinen sah ..."), nur die Erinnerung daran, dass heute Tag und Nacht im Gleichgewicht sind. Ab morgen werden die Nächte länger als die Tage.

Zehn Jahre - und nichts dazu gelernt

Ja, ich bekenne: Nach meiner Einschätzung der politischen Köpfe in dieser von den Parteien geklauten Demokratie kann niemand Oskar Lafontaine das Wasser reichen. Mit zehn Jahren Verspätung lese ich sein Buch "Das Herz schlägt links", das vom Jokers-Versand für 2,95 Euro verramscht wird. Sehr erfreut mich, dass er immer wieder den Volkswirtschaftler Paul Krugman zitiert, den Lafontaine schon 1999 für nobelpreisverdächtig hielt. Nun, 2008 hat Paul Krugman den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaft erhalten. Er war einer der wenigen seines Fachs, der gegen die neoliberale Dummbeutelideologie ankämpfte, und er sah das Platzen der Immobilienblase und den Zusammenbruch des Finanzsystems schon vor fünf Jahren voraus. Für englischsprachige HANSblog-Leser hier Krugmans Blog:
Paul Krugman - Op-Ed Columnist - New York Times Blog
Auf Seite 52 habe ich im Lafontaine-Buch dieses hier gefunden:
"Arbeitslosenzahlen sagen viel über die Wirtschafts- und Finanzpolitik aus. Wenn die Arbeitslosenzahlen immer weiter ansteigen, ist die Wirtschafts- und Finanzpolitik falsch. Alles andere ist ideologisches Geschwätz, das nur noch denen leicht von den Lippen geht, die von der Arbeitslosigkeit nicht betroffen sind oder sich in einem bestehenden Wirtschaftssystem mit Unterbeschäftigung gut eingerichtet haben."
Es ist schon unglaublich, dass im Jahr 2009 das Geschwätz unbeirrt weitergeht.

Die Drohung

So richtig wohlgefühlt habe ich mich Zeit meines Lebens immer am Rand - der Gesellschaft, des amerikanischen Kontinents, des journalistischen Treibens, des literarischen Betriebs. Was die Feuilletons der bürgerlichen Presse betrifft, stand ich nie am Rand: Meine Abneigung gegen diesen systemstützenden Mist war einfach zu groß, um da mitzumachen.
Jetzt wohne ich wieder am Rand: Unterhalb meiner Dichterklause im vierten Stock dehnt sich nordwestlich der Herzogpark aus. Dort erreichen die Immobilienpreise die bekannten Münchner Rekordwerte, und es scheint so, als ob mindestens 60 Prozent der Bewohner diese schwarzen Abgasschleudern Marke Porsche Cayenne oder ihre Verwandten von Mercedes, BMW, VW, Range Rover fahren. Neulich wäre ich auf dem Kufsteiner Platz fast von einem Hummer überfahren worden. Der Fahrer grinste - wörtlich verstanden - von oben herab auf den blöden Fußgänger, der nicht schnell genug zur Seite sprang. "Heh, in meinem Panzer kann mir keiner was!"
Ja, und weil in dieser Gegend sowieso 18 Prozent FDP wählen (letzte Landtagswahl), plakatieren die auch noch in meiner Nachbarschaft wie wild auf ihren Stellwänden an jedem Baum und Strauch. Seit etwa zehn Tagen muss ich auf dem Weg zu Bäcker, Metzger und Obst- und Gemüsestand an einem quietschgelben Plakat vorbei, auf dem in riesigen Lettern steht: "Westerwelle kommt." Und darunter der Termin - 23. 9. auf dem Marienplatz.
Westerwelle kommt - ich empfinde das wirklich als Drohung.
Dabei kann man dem Ätztypen ja eine gewisse Ehrlichkeit nicht absprechen: Ich mache Politik nach den Vorgaben des Bundesverbandes der deutschen Industrie.
Ehrlich.

Und die Gesundheit?

Ja mei, so weit, so mager: Ich esse mehr denn je, und lege kein Gramm Gewicht zu. Eher im Gegenteil. Und den rasanten Muskelschwund im Spiegel auszuhalten, verlangt schon einigen Mut. Mir kommt es vor, als sei mein Körper in drei Monaten um zehn Jahre gealtert. "When I'm seventy-four ..."
Am meisten nervt mich, dass ich keine längeren Spaziergänge machen kann. Schon nach dem Einkaufen oder einem kleinen Ausflug zum St.-Georgs-Kircherl und einem Gang  über den Friedhof, komm ich mit Schmerzen im Oberschenkel direkt an der Leiste zurück. Lästig.



27. September 2009

Wahlqual

Auch wenn's schwer fiel mit meinen Schmerzen im Oberschenkel, hab' ich mich doch in die Berufsschule auf dem Bogenhausener Kirchbergl aufgemacht. Vermutlich bin ich der einzige Wähler in meinem Wahlkreis, der beide Stimmen der Linken gab. Und weil gleich nebenan der Bogenhausener Friedhof und die St.-Georgs-Kirche auf mich warteten, bin ich wie üblich auch dahin gegangen. Und dabei fiel mir ein, dass ich Ihnen, geneigter Leser, das Kapitel über St.-Georg aus "Stille Winkel in München" (S. 64) nicht vorenthalten sollte.

Tanzendes Rokoko: St. Georg auf dem Kirchbergl

Nach dem Friedhofsrundgang bin ich, alter Gewohnheit folgend, in die Kirche gegangen. St. Georg erinnert von außen an eine bescheidene kleine Dorfkirche, was kein Wunder ist, denn klein fing sie ja einmal an, im romanischen Stil, wie die Außenmauern verraten. Innen allerdings war seit dem Jahr 1760 Schluss mit der Bescheidenheit. Da zog nämlich ein Graf mit dem üppigen Namen August Josef von Törring-Jettenbach nach Bogenhausen und erwarb am Fuß des Kirchbergls das Schlossgut Neuberghausen. An dem hat Francois Cuvilliés mitrenoviert, der Schöpfer des gleichnamigen Theaters in der Münchner Residenz, trotzdem wurde Graf Törrings Schlossgut schon 1863 abgerissen. Aber der kunstsinnige Graf dehnte seinen Verschönerungswillen von Anfang an auf die benachbarte Kirche aus, und die steht bis heute, und seit 2001 schöner denn je.
Franz Georg Riedl, der Pfarrer von Bogenhausen, hatte im Jahr 1759 einen Kostenvoranschlag für den Umbau der St.-Georg-Kirche im Barockstil bei Johann Michael Fischer, dem größten Baumeister der Zeit, in Auftrag gegeben. 1.820 Gulden sollte das kosten, aber ohne den Grafen Törring wäre wohl nichts aus den hochfliegenden Plänen geworden, denn der Rat der Stadt München und der „Kurfürstliche Geistliche Rat“ lehnten das Umbaugesuch des Pfarrers erst einmal ab.
1766 ging’s dann los mit dem Rokokoprunk, und für St. Georg waren nur das Beste und die Besten gut genug. Im „Kleinen Kunstführer“ von 2002 steht etwas von einem der „bedeutendsten Kirchenräume des ausgehenden Rokoko in Bayern“, und das darf man ruhig für wahr halten. „Hier verbinden sich Glaube und volkstümliche Frömmigkeitsformen mit außerordentlichem künstlerischem Können zu Kunstwerken ersten Ranges.“ Oder, mit anderen Worten: Die Katholiken in Bayern haben in der Barockzeit ganz schön auf den Putz gehauen, um mit viel Gold und Prunk den Geist des Glaubens in Materie darzustellen. Man wollte Eindruck machen – Show gehörte für diese Variation des südländischen Christentums einfach dazu.
Allerdings darf man den Innenraum der kleinen Kirche nicht betreten, nur der Vorraum ist zugänglich. Das Kirchenschiff, den Hochaltar, die Deckenfresken, Seitenaltäre, die Kanzel – in der Tat alles spektakuläre Kunstwerke – sieht der Besucher nur aus der mit eisernen Gitterstäben gesicherten Entfernung. Das ist wirklich schade, denn Johann Baptist Straubs Reiterstatue des schnauzbärtigen Heiligen Georg, der am Hauptaltar hoch zu Schimmel das grässliche Drachenuntier absticht, würde man zu gerne näher in Augenschein nehmen, auch, um ihn mit dem silbernen Kühler-Georg auf dem Auto von Elizabeth II. von England zu vergleichen. Man würde gern im Kirchenraum herumgehen und die Rosenkranzmadonna zwischen den Marmorsäulen des linken Seitenaltars aus der Nähe betrachten oder genauer herausfinden, was es mit dem bepackten Bären zu Füßen des Heiligen Korbinian am rechten Seitenaltar auf sich hat.
Die beiden Seitenaltäre wurden vom Barockgroßmeister Ignaz Günther geschaffen, und der hat auch noch die Kanzel auf der linken Seite beigetragen. Man würde gern unter dem prachtvollen Deckenfresko im Hauptschiff den Kopf in den Nacken legen, und das Martyrium des Heiligen Georg von Philipp Helterhof genauer studieren. Das ist alles Rokoko vom Feinsten, immer noch ein paar Putten und Engel und geschwungene Goldrahmen und Verzierungen und Schnörkel – sakrale Kunst, die tanzt, und man möchte gern mittanzen, darf aber nur von außen durchs Gitter gucken. So entgeht dem Besucher die eigenwillige Schreibweise des schönen Spruchs über der Günther-Kanzel: „Selig, die Gottes Wort hören und dasselbe beowachten.“
Auch die Schleichwerbung für den Sponsor über dem Abschlussbogen des Altars fällt kaum auf, aus der Perspektive hinter den Vorraumgittern. Nachdem Graf von Törring-Jettenbach am 15. März 1773 die Rechnung über 550 Gulden für den Hochaltar beglichen hatte, wurde sein Familienwappen hier verewigt.
Ich vermute einmal, die Aussperrung der Kirchenbesucher geschieht aus Sicherheitsgründen. Vielleicht ist das Risiko zu groß, dass diese überwältigenden (und zwischen 1997 und 2001 teuer und aufwändig restaurierten) Kunstwerke von einem Irren beschädigt werden. Oder dass jemand den Hochaltar mit einem gemieteten Möbelwagen abtransportiert. So kann man die Rokokopracht jenseits des Gitters nur am Donnerstag um 8, am Sonntag um 9 und am Dienstag um 18:30 Uhr bewundern, wenn in St. Georg eine Heilige Messe stattfindet.
Aber schön ist es trotzdem, sich auf die Bank im Vorraum zu setzen und mit den „volkstümlichen Frömmigkeitsformen und Kunstwerken ersten Ranges“ allein zu sein.
Der Bogenhausener Friedhof ist täglich geöffnet, der Eintritt ist frei. Die St.-Georg-Kirche ist nur beschränkt zugänglich.


29. September 2009

Zuspruch aus New York

Betreff: Gesundheit/Krankheit
Lieber Hans,
ich habe zwar deine kurze Antwort neulich gesehen, bin aber dem Querverweis in der Mail nicht gleich nachgegangen. Am Wochenende hatte ich mehr Zeit und habe deine Aufzeichnungen gelesen und war einfach von der News erschlagen.
Ich habe mich dann ein wenig daran aufgerichtet, was du geschrieben hast und auch an dem wie. Die Sprache in deinen Texten besitzt eine unbetäubte Klarheit. Wenn es nicht ein so herber Anlass wäre, würde ich völlig unbekümmert sagen: Das ist richtig gut. Aber so klebe ich zwischen Wort- und Ratlosigkeit auf dem Fleck und wünsche dir einfach von so weit weg erst mal nur Kraft, Zeit, Ruhe, gute Bücher, gute Ärzte und gute Freunde.  
Ich bin froh, dass die neuesten Nachrichten etwas besser sind.
Herzliche Grüße
Jürgen


30. September 2009

Schlaflose Nächte

Einmal bin ich doch eingepennt, und als ich wieder wach wurde, hatte ich den Eindruck, ich hätte von einer schlaflosen Nacht geträumt. Da soll noch einer durchblicken. Jedenfalls gab's auch "richtige" Träume, in denen ich ständig an einem Schacht in unserem Innenhof vorbeiging. Da gibt es zwar keinen Schacht, aber in meinem Traum habe ich dort immer Bücher reingeworfen. Einmal kam ich vorbei, und ganz unten am Boden stand so ein Brummkreisel aus Blech, auf einer kleinen, runden Plattform, und oben war ein kleiner Ring mit einer Schnur daran. Wenn man an der Schnur zog, fing der Blechkreisel an, sich zu drehen. Er war in der Mitte breiter und wurde nach oben und unten schmaler. Bei näherem Hinschauen wurde deutlich, dass die aufgemalte Frauengestalt aussah wie Angela Merkel, mit extrem breiten Hüften.

For Truman with Love

Heute wäre Truman Capote 85 Jahre alt geworden. Da unten steht zwar 84, das liegt daran, dass ich den Eintrag aus dem tazblog vom letzten Jahr kopiert habe. Bleibt ja aktuell, auch wenn es (Literatur-)Geschichte ist. Irgendwo in den archäologischen Tiefen meiner Schreibtischschublade liegt ein handgeschriebener Brief von Capote an mich - na ja, nicht an mich persönlich, sondern in meiner Eigenschaft als Playboy-Redakteur. Da ging es um einen Vorabdruck aus seinem nächsten Buch, "Erhörte Gebete", und er schrieb, dass er nichts dagegen hätte, und für 10.000 Mark könnten wir das Stück abdrucken. Da musste ich erst mit dem Chefredakteur reden, weil es das höchste Honorar war, das jemals vom deutschen Playboy bezahlt wurde.
Selbstverständlich hat der Chef zugestimmt. Heh, das war exklusiv von Truman Capote. Nur ein Idiot hätte das abgelehnt.

Ein schönes Kind

Marilyn: Erinnerst du dich, ich habe gesagt, wenn dich irgendjemand einmal fragen würde, wie ich war, wie Marilyn Monroe wirklich war - nun, was würdest du ihnen antworten? (Sie sagte das neckisch, spöttisch, aber auch ernsthaft: Sie wollte eine ehrliche Antwort.) Ich wette, du würdest ihnen sagen, dass ich eine Schlampe war. Eine Angeberin.
Truman Capote: Natürlich. Aber ich würde auch sagen ... (Das Tageslicht wurde schwächer. Sie schien mit ihm zu verschwinden, sich mit dem Himmel und den Wolken zu vermischen, sich über ihnen aufzulösen. Ich wollte mit meiner Stimme die Schreie der Möwen übertönen und sie zurückrufen: Marilyn! Marilyn, warum musste alles so beschissen werden, wie es jetzt ist? Warum muss das Leben so beschissen sein?)
TC: Ich würde sagen ...
Marilyn: Ich kann dich nicht hören.
TC: Ich würde sagen, du bist ein schönes Kind.

(Truman Capote, A Beautiful Child, 1979. Aus: Portraits)

Heute wäre Truman Capote 84 Jahre alt geworden. Er wurde 1924 geboren, wuchs in New Orleans auf, hat nie eine Universiät besucht. Mit zwölf Jahren begann er zu schreiben, seine erste Kurzgeschichte erschien 1945. Als er 1948 mit seinem ersten Roman "Andere Stimmen, andere Räume" auf der Bühne der amerikanischen Literatur erschien, war er selbst noch ein schönes Kind.
Es folgten Novellen ("Die Grasharfe", "Frühstück bei Tiffany", das endlich in einer neuen Übersetzung vorliegt), Reportagen, Reiseberichte - darunter "The Muses Are Heard" (Die Musen werden gehört, 1956). Es ist die Geschichte einer Bahnreise mit einer schwarzen Theatertruppe von Berlin aus nach Leningrad (Petersburg) und Moskau, um "Porgy und Bess" aufzuführen. Weltberühmt wurde Capote mit "Kaltblütig", dem Bericht über einen Massenmörder, den er jahrelang immer wieder in der Gefängniszelle besuchte und bis zur Hinrichtung begleitete. Weil man nicht wusste, ob das noch als Reportage einzuordnen war oder eher als Roman, erfanden amerikanische Feuilletonredakteure den Begriff "faction", abgeleitet aus fact und fiction. In der Folge schrieben auch Norman Mailer, Tom Wolfe, Hunter S. Thompson, Gore Vidal und andere Schriftsteller Bücher, die als faction bezeichnet wurden.
Nach dem Erscheinen von "Kaltblütig" gab er dem US-Playboy ein Interview, in dem er sagte: "Ich habe mitbekommen, dass der Tod der zentrale Faktor im Leben ist. Und das einfache Verständnis dieser Tatsache verändert einem die gesamte Perspektive ...
Die Erfahrung hat dazu geführt, mein Gefühl für die tragische Sicht des Lebens zu verstärken, das ich schon immer gehabt habe, und das für den Teil von mir verantwortlich ist, der so außerordentlich frivol erscheint; dieser Teil steht immer in einem dunklen Flur und macht sich über die Tragik und den Tod lustig. Deswegen trinke ich so gern Champagner und steige im Ritz ab."
Das Marilyn-Monroe-Porträt, dessen Schluss ich oben zitiert habe, gehörte zu einer ganzen Serie, in der er auch Begegnungen mit anderen Schauspielern und Berühmtheiten literarisch aufarbeitete, darunter mit Marlon Brando, Elizabeth Taylor, Colette, Pablo Picasso, Mae West, André Gide, Coco Chanel, Somerset Maugham, Charlie Chaplin, Louis Armstrong, Humphrey Bogart und John Huston. Marlon Brando sagte nach der Veröffentlichung des Porträts über ihn, er würde "dieser Schwuchtel am liebsten den Hals umdrehen". Capotes Freundschaften mit den Schönen und Reichen der New Yorker Society spiegeln sich in den letzten Büchern, "Musik für Chamäleons" und "Erhörte Gebete". Weil er den Lebensstil der oberen Zehntausend sehr offen und sehr kritisch beschrieb, und so, dass viele der dargestellten Personen sich wiedererkannten, ließen ihn seine früheren Freunde nach der Veröffentlichung fallen wie eine heiße Kartoffel. In einem Interview-Buch von Lawrence Grobel - "Gespräche mit Capote" - erinnert er sich an die Zeit, als "Erhörte Gebete" erschien: "Was haben die denn geglaubt, wen sie um sich hatten? Einen Hofnarr? Heh, ich bin Schriftsteller." In demselben  Buch charakterisierte er sich selbst: "Ich bin Alkoholiker. Ich bin drogensüchtig. Ich bin homosexuell. Ich bin ein Genie."
Er starb im August 1984 in Los Angeles kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag, einsam, alkoholkrank, amphetaminsüchtig. Sein Leben wurde vor ein paar Jahren mit Seymour Hoffman in der Hauptrolle verfilmt.



HANSblog 1. August 2009 - 31. August 2009
19.09.2009 16:53:25
1. August 2009

Heiter weiter

Meine Güte, es gibt Tage, da bin ich vom Zuspruch meiner Mitmenschen völlig überwältigt. Gestern Abend habe ich eine Mail erhalten, von jemandem, der mich mal hier im Blog total zur Sau gemacht hat. Und jetzt einfach menschlich und solidarisch auf die veränderten Umstände reagiert und mir die besten Wünsche schickt.
Ein anderer wohlmeinender Mensch hat in seinem Buddhismus-Kalender nachgeguckt, was da am 2. Juli stand, dem Tag, an dem ich die Krebs-Diagnose erfahren habe. Weil ich den Autor des Zitats sehr schätze und den Inhalt sehr stark auf mich beziehe, will ich es Ihnen nicht vorenthalten:

"Wir hoffen, dass die Welt unbedingt die Erfüllung unserer Wünsche zulässt, und da das nicht der Fall ist, sind wir in den Fängen des Leidens. Unsere Suche nach dem Glück ist häufiger auf unsere Illusion gegründet als auf die Wirklichkeit. Es ist müßig, zu versuchen, die Welt nach unseren Launen zu gestalten; wir müssen vielmehr unseren Geist transformieren." - Matthieu Ricard

Sehr berührt bin ich auch von den Mails, in denen angefragt wird: "Heh, wie geht's weiter? Warum schreibst du keine neuen Einträge im Blog?"
Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Zum einen hängt es mit meinem Energievorrat zusammen. Weil ich nachts seit Wochen nicht mehr durchschlafen kann, und alle ein, zwei Stunden aufstehen und ein nass geschwitztes T-Shirt gegen ein trocknes tauschen muss. Und dazwischen falle ich selten in Tiefschlaf. Die Folge: Ich hänge tagsüber ziemlich schlaff in den Seilen, lege mich zwei Mal für eine Stunde aufs Ohr, und habe wenig bis keinen Antrieb, mich an den Computer zu setzen.
Ein weiterer Grund: Es gab nichts Neues, was den Kampf mit der Bedrohung angeht. Bis gestern. Da hat mich mein Allgemein- und ganzheitlicher Arzt anhand der neuen Blutwerte ernsthaft darauf hingewiesen, dass die Misteltherapie nicht so anspricht wie von ihm erhofft. Dass mir die Zeit davonläuft. Dass ich bald Auswirkungen der geschädigten Leber spüren werde, gegen die irgendwelche Nebenwirkungen von Chemotherapie wie ein Klacks erscheinen würden: "Ich kann Ihnen nur einen Rat geben: Gehen Sie zur Chemotherapie ins Krankenhaus Rechts der Isar."
Und das werde ich tun. 

Eintrag vom 1. August 2008:

Bundesfeier

Heute begeht die Schweiz ihren Nationalfeiertag, die Bundesfeier. Da wehen überall die farbvertauschten helvetischen Rotkreuzfahnen, auf den Bergen brennen frohgemut die Holzfeuer, und jeder Schweizer mobilisiert seinen patriotischen Kern, dass es einem ganz rotweiß vor Augen wird. Machen Sie mit! Werden Sie heute Schweizer! Das geht ganz einfach: Schneiden Sie das unten eingeblendete Emaille-Schild aus und schrauben Sie es an ihrer Auto-, Haus- oder Wohnungstür fest (dazu brauchen Sie nur vier einfache Schrauben, die hier nicht im Lieferumfang inbegriffen sind).

Ein herzhaftes Grüezi beisammen! Hopp Schwyz!

2. August 2009

Wen wundert's?

Ich habe eine große Zärtlichkeit und Bewunderung für die Erde und keine Spur davon für meine Generation.   
- Ernest Hemingway, US-amerikanischer Schriftsteller (1899 - 1961)

WWN*)

Wir sind schwanger!

Nach Wochen der Heimlichkeiten gehen Boris Becker und Lilly in die Offensive und verkünden die frohe Botschaft. Für Ex-Tennisstar Becker ist es bereits das vierte Kind.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)

4. August 2009

Ein Jahr Finanz- und Wirtschaftskrise: September 2008 bis August 2009

Wahlkampf: Josef Ackermann ist es scheißegal, wer unter ihm Kanzler wird.




Meet the new boss  ............................ same as the old boss.





(The Who, Won't get fooled again)



Zeichen und Wunder: Ein taz-Interview mit dem Dalai Lama


Gestern morgen habe ich wirklich meinen Augen nicht trauen wollen: Eine ganze Seite Interview mit dem Dalai Lama in der taz. Und noch dazu von der Redaktion mit allem Respekt und aller Ernsthaftigkeit vorgestellt, die dem geistlichen Oberhaupt eines Volkes angemessen sind. Das könnte man bei jeder anderen Zeitung unter Selbstverständlichkeit abhaken, bei der taz nicht. Gewöhnlich werden beim Thema Dalai Lama eimerweise Häme verschüttet und pubertäre Witzchen vom Stapel gelassen - ein deutlicher Hinweis darauf, dass taz-Redakteure (vor allem die auf der Wahrheit-Seite) entweder Angst vor Spiritualität haben, oder einfach nur a bisserl bläd sind.
Das Interview von Klemens Ludwig klammert spirituelle Fragen aus und konzentriert sich auf die Politik. Wobei der Dalai Lama seine Haltung mit der ihm eigenen Klarheit, Gelassenheit und Vernunft darlegt. Diese Haltung hat er unermüdlich und immer wieder in diversen Büchern vertreten, und wer wollte, konnte schon vor zwanzig Jahren seine Einsichten in politische Zusammenhänge bewundern - es gibt bis heute nur wenige Politiker weltweit, die auch nur annähernd  sein Niveau erreichen. Die Vorschläge zur Umwandlung Tibets in eine atomwaffenfreie Zone (aus "Das Buch des Friedens") könnten ebensogut  auf die Umwandlung in eine atomwaffenfreie Erde übertragen werden. Es müsste nur genug Menschen geben, die ihre Regierungen endlich dazu zwingen, diese Ideen zu verwirklichen. Es könnte ja sein, dass Barack Obamas Initiative ein neuer Vorstoß in diese Richtung ist.
Sehr aufschlussreich finde ich eine Bemerkung im taz-Interview, dass die Regierung (und damit wohl auch die Reinkarnation) des Dalai Lama mit ihm zu Ende geht: "Seit 2001 gibt es eine politische Führung im Exil, die durch freie und geheime Wahlen an die Macht gekommen ist. Damit endet die 400 Jahre alte Tradition, wonach der Dalai Lama das spirituelle und politische Oberhaupt der Tibeter ist."
Das haben nur wenige Menschen hierzulande mitbekommen, was aber nicht verwunderlich ist: Dümmliche Witze und unverdauter Atheismus allein reichen eben nicht aus, um Leser zu informieren.
Ob dieses Interview der neuen Chefredakteurin Ines Pohl zu verdanken ist? Falls ja: Diese Art Veränderung wird der taz gut tun.


6. August 2009

Schuldscheine

"Die moderne Industriegesellschaft ist eine fanatische Religion. Wir demolieren, vergiften und zerstören alle Lebenssysteme auf diesem Planeten. Wir zeichnen Schuldscheine, die unsere Kinder nicht werden einlösen können ... Wir handeln, als seien wir die letzte Generation auf diesem Planeten. Ohne einen radikalen Wandel in unserem Herzen, in unserem Geist und in unserer Vision wird die Erde enden wie die Venus: tot und verkohlt."
- José Antonio Lutzenberger, Sunday Times, März 1991

Gut gefragt

Zum Lazarus

    Lass die heilgen Parabolen,
    Lass die frommen Hypothesen -
    Suche die verdammten Fragen
    Ohne Umschweif uns zu lösen.

    Warum schleppt sich blutend, elend,
    Unter Kreuzlast der Gerechte,
    Während glücklich als ein Sieger
    Trabt auf hohem Ross der Schlechte?

    Woran liegt die Schuld? Ist etwa
    Unser Herr nicht ganz allmächtig?
    Oder treibt er selbst den Unfug?
    Ach, das wäre niederträchtig.

    Also fragen wir beständig,
    Bis man uns mit einer Handvoll
    Erde endlich stopft die Mäuler -
    Aber ist das eine Antwort?

- Heinrich Heine (Gedichte, 1853)

8. August 2009

Kurze Denkpause

08. 08.08 - vor einem Jahr ging's los mit den Oly-Spielen in Peking, und hinten weit in der Georgei prallten zwei Völker aufeinander. Ich hab damals das I Ging befragt, und es hat gesagt, das sei nicht weiter tragisch, der Donner verzieht sich. So kam's dann auch. (Nachzulesen im Eintrag vom August 2008, hier oben zu finden unter "Blog + E-Books".) Am selben Tag bin ich nachmittags hinter einer 17er Trambahn hergespurtet, und hab sie doch nicht mehr erreicht. Weil ich den Reißverschluss an der hinteren Außentasche des Rucksacks nicht zugezogen hatte, fiel beim Laufen meine Jensen-Armbanduhr raus - vom iBook abgesehen wahrscheinlich das teuerste Teil in meinem Besitz. Vermisst hab ich sie erst später, beim Fundbüro ist sie nie aufgetaucht. Man soll sein Herz nicht an materielle Dinge hängen.

Und wie geht's weiter?

Ab Dienstag, 11. 8., ist meine Adresse Krankenhaus Rechts der Isar, Ismaningerstraße, München. Voraussichtlich fünf Tage dauert die erste Chemotherapie, und seit gestern bin ich körperlich vorbereitet: In den frühen Morgenstunden, nachdem ich von einem klinisch irren Pfleger in den OP-Saal geschoben wurde, hat mir ein netter junger Chirurg einen Port implantiert. Was das ist? Ein kleines Plastikkästchen, das, mit einer Membran und einem Schlauch versehen, unter die Haut eingesetzt wird. Durch die Membran kann jederzeit eine Infusion gespritzt werden, denn der Schlauch ist mit einer Ader verbunden worden, die ihrerseits in die Schlüsselbeinvene mündet - auf diese Weise muss nicht jedes Mal eine neue Vene gesucht und angestochen werden. Schlau, gell?
Ich werd immer kraftloser, die fröhlichen Fahradtouren isarauf- und -abwärts sind schon seit über einer Woche mangels Energie gestrichen. Ich lieg viel auf dem Rücken rum, meist mag ich nicht mal Musik hören, sogar Mozarts Requiem hat mich neulich arg genervt. Pop- und Rockmusik? Vergiss es. Ich kann kaum noch Bayern 4 Klassik ertragen. Mei Ruah mog i haben.
Schlimm: Nicht mal das Bier will mir schmecken, schon beim zweiten frag ich mich, warum ich nicht nach dem ersten aufgehört habe. Schlimm.
Moni Schopp aus Berlin, die wunderbare Exlebensgefährtin aus den frühen Achtzigern, hat mir ein faszinierendes Buch geschickt: "Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben", verfasst von Sogyal Rinpoche. Genau, was ich jetzt brauche und bei schlaflosen nächtlichen Toilettensitzungen mit großem Eifer lese. Im Gegensatz zum berühmten "Tibetischen Totenbuch" wendet sich Sogyal nicht an Wissenschaftler und Eliten - er kann so schreiben, dass jeder gutwillig Interessierte es verstehen kann - ein Schriftsteller nach meinem Herzen.
Ein ganz herzliches Dankeschön, liebe Moni, Segen auf deinen Wegen.
Ich melde mich wieder, bleibt mir gewogen.

Der taz-Chefreporter: König der Lemminge

Leute, die sich Fernreisen mit dem Flugzeug immer noch schön reden, denken wie Lemminge: Mal sehen, wie lange es noch bis zum Abgrund dauert - gib Gas, ich will Spaß!
Aber als Journalist hat man ja ein bewährtes Mittel gegen schlechtes Gewissen: Einfach über die eigene Dummheit schreiben, schon tut sie nicht mehr so weh.


22. August 2009

Trompete blasen

Es gibt mich noch. Aber so richtig viel Energie habe ich auch eine Woche nach der Entlassung und drei Tage nach Abschluss der ersten Chemotherapie nicht, um ausführlich über das Klinikum Rechts der Isar und meine Abenteuer zu berichten. Was die Betreuung dort, die Zuwendung und Kompetenz der Ärzte betrifft, scheint das zu stimmen was mir U. W. aus Berlin von einem Fachmann mitgeteilt hat: Die erste Adresse in Deutschland. Dazu kommt, dass es auf dieser Station Krankenschwestern gibt, die ihre Aufgabe mit so viel Sachkunde, Aufmerksamkeit für die Patienten, Hingabe an ihren Beruf und, ja, Liebe, erfüllen, dass mir manchmal fast die Tränen gekommen sind. Ob man die Gehälter der Ackermänner dieses Landes nicht an die wahren Leistungsträger unserer Gesellschaft, die Kranken- und Nachtschwestern auf den Stationen der Schwerstkranken, verteilen könnte?
Schön ist: Seit ein paar Tagen spüre ich, wie meine Lebenskraft zurückkommt. Und dann hat es heute in den frühen Morgenstunden auch noch angefangen zu regnen, und die Temperatur ging auf 15 Grad runter. Aaaah - was für eine Wohltat! Tage mit 34 Grad sind für kranke Menschen eine echte Zusatzbelastung. Voller Dankbarkeit höre ich zu, wie draußen der Regen seit Stunden in die Bäume rauscht.

Wir können auch die Trompete blasen,
und schmettern weithin durch das Land;
Doch schreiten wir lieber in Maientagen,
Wenn die Primeln blühn und die Drosseln schlagen,
Still sinnend an des Baches Rand.

- Theodor Storm (1817 - 1888)


24. August 2009

Brief nach Südafrika


Will you still need me
Will you still feed me
When I'm sixty-four
- The Beatles, 1967

Grüß dich, Afrika-Huck, wenn ich da wäre, wo du bist, hätte ich meinen 64. Geburtstag wahrscheinlich nicht erlebt. Und jetzt bin ich schon einen Tag älter, und jeder Tag zählt in diesem Zustand extrem erhöhter Wahrnehmung, in dem ich mich seit zwei Wochen befinde. Wenn du auf dem Laufenden bleiben willst, dann schau mal gelegentlich bei HANSblog vorbei, da versuche ich, Freunde, Cyber-Nachbarn und Bekannte einigermaßen zu informieren. So weit es die "Fatigue" zulässt. Letzteres ist tatsächlich der medizinische Fachausdruck für den mit der Chemotherapie verbundenen Energiemangel - viel schlapp und schlaff.
Danke für die Musik-Dateien - nö, kein Interesse, brauch ich alles nicht, und DVD-Player hab ich eh keinen (siehe Halbsatz vorher).
Schön, dass du das Doors-Buch wiedergelesen hast. Belebend hat es auf dich gewirkt? Aaah, der Autor verneigt sich, so soll es sein. Ich hab neulich beim Abstauben drin geblättert, und mir gedacht: Hat die Jahre gut überstanden, und wenn ein paar Menschen aus der HighTech-Spielzeug-Generation es lesen und eine Anregung zum Aufstand gegen den vorherrschenden Wahnsinn bekommen, wäre ich schon sehr froh.
Du hast also 45 Kilometer bis zum nächsten Arzt? Heh, Huck, mach dich vom Acker! So einen Wohnort kann man mit 20, 30, 40 Lebensjahren wählen, aber wer da mit 60 rumhängt, hat nicht mehr alle Afrikaner in der Hütte. Du spinnst für mich. Mein Arzt ist keine fünf Minuten zu Fuß entfernt, und das hoch gelobte Klinikum für meine Art von bösartigem Befall zwanzig. My little town.
Ich wünsch dir das Beste -
Hans


25. August 2009

Entdeckung

Was macht der Mensch, während er sich von der Chemotherapie erholt? Lesen, lesen, lesen. Und die ganze Zeit, als ich im Krankenhaus lag, und in den Schwachtagen danach, wartete,
seit Anfang August, in der Buchhandlung Waldmann in der Inneren Wiener Straße ein Buch auf mich: "Teil der Lösung" von Ulrich Peltzer. Nun hatte ich - außer zwei Kommentaren in der taz - noch nie etwas von Ulrich Peltzer gehört oder gar ein Buch von ihm gelesen. Da fiel mir, weiß Gott woher, die Information zu, dass im August "Teil der Lösung" als Taschenbuch erscheint, und ich hab's gleich telefonisch bestellt. Freitag endlich konnte ich es abholen, Samstag fing ich an zu lesen, Montagabend hatte ich es durch, und fing vor lauter Abschiedsschmerz von vorne an. Was für ein Gigant, dieser Ulrich Peltzer! Ich war dem Himmel dankbar, dass so ein begnadeter Schriftsteller zu meinen Zeitgenossen gehört (er ist Jahrgang 1956), und dass ich dieses Buch lesen durfte. Besser kann das Berlin der Gegenwart keiner beschreiben. Anders vielleicht schon, aber wer könnte Peltzer mit seiner unfassbaren Stilsicherheit und Intensität auch nur das Wasser reichen? Ich kenne nicht viel aus der Abteilung "Zeitgenössische Literatur, deutsch", das gebe ich zu. Doch selten habe ich mich auf so hohem Niveau so gegenwärtig gefühlt beim Lesen eines Buches.
Der Klappentext reduziert den Roman auf eine Liebesgeschichte - typisch, so nimmt man ihm den Stachel. Dabei ist es ein ebenso grandioser wie verzweifelter Versuch, die Geschichte des anarchistischen Widerstands - am Beispiel der Roten Brigaden im Italien der siebziger und achtziger Jahre - ins Berlin der Gegenwart zu bringen.
Lieber Ulrich Peltzer, falls Sie diese Zeilen jemals lesen, möchte ich Ihnen sagen: Ich habe Mut, Kraft und Hoffnung aus Ihrem Buch geschöpft, und dafür möchte ich Ihnen von ganzem Herzen danken.


28. August 2009



Laaange nicht gesehen



Valerie, ich fass es nicht! Das sind ja nichts als gute Nachrichten, was die Veränderungen in deinem Leben betrifft. Ganz ehrlich: Hätte ich dir nicht zugetraut, aber der Mensch wächst wie ein Baum, und der Wandel ist das einzig Beständige (entschuldige die Binsenweisheit, stimmt trotzdem). Selbstverständlich erinnert mich deine Tätigkeit in der ambulanten Pflege an diese liebevollen Krankenschwestern im Klinikum Rechts der Isar und an anderen Orten. Sie wissen, dass es richtig und wichtig ist, was sie tun, und gehören wahrscheinlich zu den am wenigsten neurotischen Menschen in dieser Stadt. -
Die Relax-Bilder macht mein Computer nicht auf, hat kein Programm dafür. Muss ich nicht unbedingt haben. -
Dein Angebot, für mich einzukaufen, nehme ich gerne an, wenn es notwendig ist. Das ist aber im Moment nicht der Fall, und ich krieg so richtig einen Freudenschub, weil ich das selbst machen kann.
Und ich kann wieder schlafen - vor der Chemotherapie hab ich kaum Schlaf gekriegt und jede Nacht vier oder fünf T-Shirts durchgeschwitzt. Das ist jetzt nicht mehr so, und letzte Nacht hab ich bestimmt sechs Stunden richtig geschlafen.
Ich weiß nicht, wie ich am Montag drauf bin. Um halb acht in der Früh wird mir mal wieder Blut abgezapft, und danach bin ich meistens reif zum Hinlegen. Der Arzt meint, das kann gar nicht sein, aber zwei Mal die Woche Blutabnahme ... Heh, muss ich ja wieder ersetzen.
Was mich fröhlich macht: Von Appetitlosigkeit, der weit verbreiteten Nebenwirkung von Chemotherapie, bin ich nicht betroffen. Beim Rewe stöber ich durch die Regalreihen und nehm alles mit, worauf ich Appetit habe - nix mehr Sportlerdiät: Käse mit sechzig Prozent Fett, immer nen Klacks Butter in die morgendliche Hähnchen-Bouillon-Brotsuppe und abends auf die Tortelloni, und weil ich nicht viel auf einmal essen kann, bin ich tagsüber dauernd mit Häppchen aller Art beschäftigt. Ich muss dringend zunehmen, und ich habe den Eindruck, das tu ich auch. Morgen geh ich runter in die Konditorei (ein paar Meter die Montgelasstraße hoch im Nachbarhaus) und kauf mir irgendein Stück Matschtorte - hab ich seit Jaaahren nicht mehr gegessen.
Ruf mich doch mal an, nur nicht so früh am Tag.
Love & peace & joy -
Hans


31. August 2009

Internationaler Blog-Tag?!??

Na schön, heute ist Internationaler Blog-Tag, und das steht für die meisten Leute als Meldung in etwa auf einer Stufe mit der Nachricht, dass in Untergiesing mal wieder ein Fahrradl umgefallen ist. Aber die Blog-Tradition will es (seit etwa 1897), dass jeder Blogger an diesem Tag seinen Lesern fünf Blogs empfiehlt. Michael Kausch, der zu den IT-Experten gehört, die zusammen czyslansky.net betreiben, hat das Folgende auf seiner Seite veröffentlicht. Ich muss gestehen, dass ich beim Lesen beinahe geheult habe:


"An diesem Tag, so will es seit fünf Jahren der Brauch, empfehlen alle wohlerzogenen Blogs fünf andere interessante Blogs ihren Lesern. Und so sei es:




Meine ganz persönlichen “Take Five” zum Blogday 2009:




1. Das taz-Blog, das schon deshalb hier empfohlen werden muss, weil es ihn nach vielen spannenden Ausgaben nicht mehr gibt. Genauer: es heisst jetzt HANSblog und wird wie eh und je von Hans Pfitzinger verantwortet. Hans ist Buchautor (u.a. Delfina Paradise - Eine Liebe in München) und immer geistreicher und lesenwerter Beobachter unserer Welt. Und ein Kämpfer. Er kämpft derzeit gegen einen miesen Feind, der ihm ans Leben will. Alle guten Wünsche gehen deshalb an diesem heutigen Blogday an Hans. Schon weil wir sein Blog auch künftig brauchen…"




HANSblog 2. Juli bis 27. Juli 2009
09.08.2009 13:27:36
2. Juli 2009

Keiner kommt hier lebend raus

Nur damit Sie sich, treuer tazblog-Leser, nicht irgendwelche unbegründeten Sorgen machen, weil gestern kein Eintrag und keine Anmerkungen zur taz vom Dienstag kamen: Ich lebe noch. Aber es gibt begründete Sorgen, und die Pause hängt eng damit zusammen: leben tu ich schon noch, aber vielleicht nicht mehr lange.
Ich fand die Songzeile von Jim Morrison ausgesprochen cool, damals, als das Lied Five to One herauskam:

Five to one, baby
One in five
No one here gets out alive, now
You get yours, baby
Ill get mine
Gonna make it, baby
If we try

So genau weiß bis heute keiner, was mit "fünf zu eins, einer von fünf" gemeint war, aber die nächste Zeile hat voll gepasst. Das wurde auch der Titel der ersten Biographie über ihn: "No one here get's out alive". Zu der Zeit war Jim Morrison schon tot.
Keiner kommt hier lebend raus. Du kriegst das Deine, ich das Meine.
In meinem Fall wird's wohl ein Abgang mit Vorwarnung: Noch ein halbes Jahr, wenn ich nichts unternehme, etwas länger, ein paar Jährchen möglicherweise, wenn ich die gängigen Therapien mitmache. Aber sicher weiß das keiner. Wenige Tage nach der Diagnose, ein paar Wochen, ein halbes Jahr, oder auch Sieg und weiterleben - sicher weiß das keiner.
Es ist ein sehr, sehr blödes Gefühl, wenn dir der Arzt die Bilder von der Computertomographie zeigt und dir erklärt: "Hier, die dunklen Flecken auf der Leber, das sind alles bösartige Tumore."
Und ich schlucke und frage: "Wollen Sie damit sagen, dass ich Leberkrebs habe?"
Er schaut mir sehr ernst in die Augen: "Sie haben Krebs, und die Metastasen haben sich auch auf die Leber ausgebreitet, und auf die Lunge, und auf die Milz. Wo der Ursprung ist, kann ich jetzt nicht sagen. Das müssen Sie morgen im Krankenhaus Rechts der Isar herausfinden lassen."
Das ist der Stand von heute, 2. Juli 2009, nachdem ich gestern zum Arzt gegangen bin, weil ich vor lauter Schmerzen unter dem rechten Rippenbogen die ganze Nacht nicht schlafen konnte.
Keiner kommt hier lebend raus - schon recht, aber ich wäre ganz gern noch ne Weile dabei geblieben.
Ich melde mich wieder - gonna make it, baby, if we try.

---------------------------------Kommentar am 2. Juli

Betreff: don´t back down!

Lieber Hans Pfitzinger,
hab gerade mal wieder beim tazblog vorbeigeschaut und die Hiobsbotschaft gelesen. Scheiße!!!
Was soll ich sagen - mach Tom Pettys "I won´t back down" zu Deinem Motto. Dann schaffst Du´s bestimmt! Das wünschen Dir sicher auch alle Deine LeserInnen aus der taz!
Um abraço
Gerhard Dilger, Porto Alegre

--------------------------------------Kommentar 3. Juli
 Lieber HANS Pfitzinger,
 da treibt es mich aus unerfindlichen Gründen mal wieder auf Ihr Blog. Wahrscheinlich weil Sie schreiben können!
 Und jetzt sitzt der Schrecken tief. Abgrundtief!
 Welche Offenheit!
 Ich wünsche Ihnen GLÜCK, Zuversicht, Vertrauen in die eigene Stärke, ein kompetentes Team von Ärzten und, ich wiederhole,  Zuversicht.
--
mit freundlichen Grüßen
Bernd Romeike, Düsseldorf


7. Juli 2009

Das Ende der Freiheit

Als Erstes verlierst du die Verfügungsgewalt über deinen Körper. Der gehört jetzt den Ärzten und ihren Helferlein, die dir Spritzennadeln in die Armbeuge drücken und Blut absaugen und riesige blaue Flecken hinterlassen. Dann nehmen sie dir die Freiheit, zu bestimmen, was du isst oder trinkst - essen darfste gar nichts, dafür sollste sechs Liter milchige Bitterbrühe trinken, die deinen Darm zur völligen Entleerung bringt. Okeh, Reinigungsritual, kenne ich vom Fasten.
Dann schieben sie dir eine biegsame Stahlröhre in den Darm, mit einer winzigen Kamera und einer Leuchte dran. Das heißt Coloskopie, auch Darmspiegelung, und ist, zugegeben, faszinierend, wenn man es auf dem Bildschirm in der Vergrößerung verfolgt - wie Höhlenforschung. Ich hab mich nicht eindämmern lassen, weil ich sicher war, das mich so eine Spritze einen halben Tag lang danach noch deprimieren würde. So konnte ich den Weg der Darmsonde mitverfolgen, und hatte anschließend das aufbauende Gefühl: Klassedarm, den du da hast - und keine Tumore.
Die Suche geht weiter. Heute ist Gastroskopie, ein ähnliches Verfahren, bei dem ein Schlauch mit Kamera und Lampe in Speiseröhre und Magen versenkt wird.
Krebs ist ein Ganztagsjob, wenn man die Stunden in den diversen Wartezimmern mitrechnet. Du verlierst die Freiheit, über deine Zeit zu verfügen und dich aufzuhalten, wo du willst. Ich sitze stundenlang in mehr oder weniger großen Wartezimmern. Um dem Horror Stern-Spiegel-Zeit-Bunte-Gala nicht ausgeliefert zu sein, habe ich Erich Kästner und Arno Schmidt als Verbündete mitgebracht. Die taz auch, aber die Welt, aus der da berichtet wird, kommt mir vor wie Kinderkram, ein schlechter Witz.
Den Patienten - trotz vorher ausgemachten Termins - eine Stunde warten zu lassen, das sehen sie im Rechts der Isar als ganz normal an, auch wenn er, so wie ich heute, seit dem Aufstehen am Morgen sechs Stunden nichts gegessen und getrunken hat - da kommt's dann auf eine weitere Stunde auch nicht mehr an.
Menschen in Wartezimmern - Einzelne sind in der Minderzahl, Ehepaare häufiger. Man begleitet den Partner zur Untersuchung. Finde ich rührend.

7. Juli, Nachmittag

Diese Gastroskopie war wesentlich unangenehmer als die Darmspiegelung, das Ergebnis auch: Tumor am Ende der Speiseröhre kurz vor dem Mageneingang. Das isser! Ich hab ihn mir angeschaut, und der Drecksack sieht ganz harmlos aus, wie wenn man  sich aus Versehen in die Backe beißt beim Kauen, nur etwas größer.
Tja, und das ist die Lage: Speiseröhrenkrebs in fortgeschrittenem Stadium, und die Metastasen haben sich bereits auf Leber, Lunge, Milz ausgebreitet. Ich habe nachgeguckt, was die Schulmedizin vorsieht:
- Chemotherapie, um den Tumor zu verkleinern
- dann Operation an der Speiseröhre, wobei großzügig drum herum gesundes Gewebe mit herausgeschnippelt wird, um auf Nummer sicher zu gehen
- möglicherweise Entfernung der Speiseröhre und direkte Verbindung zum Magen, damit der Patient weiterhin essen kann
- danach weiter Chemotherapie, weil ja Leber etc. befallen sind

Ich will das alles nicht - das Leben, das mir da um ein paar Monate verlängert wird, stell ich mir furchtbar vor.

Im Erdgeschoß des Klinikums gibt's eine katholische Kirche. Ziemlich groß, menschenleer an diesem Dienstagmittag. Da setze ich mich eine Weile in die letzte Bank zum Beten und Meditieren.

Wer eins wird mit dem Tao,
Den umfängt seinerseits willig das Tao.
Wer eins wird mit der Kraft,
Den umfängt seinerseits willig die Kraft.
Wer eins wird mit dem Versäumnis,
Den umfängt seinerseits willig das Versäumnis.

Wem es an Glauben mangelt,

Dem wird man auch keinen Glauben schenken.

- Lao-tse, Tao-te-king. Der Weg und die Kraft, Kapitel 23, Die stetige Wirkkraft der Haltung

WWN*)

Himmlisch schön, höllisch teuer

Es ist das Sommerauto der Superlative - und höchst exklusiv: Von Paganis neuem Roadster Zonda Cinque soll es nur fünf Stück geben. Die bieten dafür aber jede Menge Power.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)
 
--------------------------------Kommentar am 7. Juli
Betr.: tazblog,  2. Juni
Mann, das ist ja mal ne Nachricht!
Ging erst heute ein, da ich ein paar Tage weg war.
Nach dem ersten Schreck lähmte mich Sprachlosigkeit.
Dann blätterte ich bei Robert Gernhard.
In seinem "Späten Spagat" schrieb er auf Seite 21 einen "Dialog":
- Gut schaust du aus!
- Danke! Werds meinem
  Krebs weitersagen.
  Wird ihn ärgern.
 
Also, lieber Hans, so wird's das Beste sein: Genieße was geht und ärger deinen Krebs!
Und wenn du was brauchst, lass es mich wissen.
Herzlichst, dein Lotsch


10. Juli 2009

"Mut zur Heilung"

Da hat mir doch tatsächlich ein Mensch aus Berlin gemailt, ich würde mit meinem Gejammer anderen den "Mut zur Heilung" nehmen. So ein Schmarren!
Es gibt Banalitäten, die ich nicht unbedingt ständig aufwärmen will, aber vielleicht ist es nötig: Ja, man kann sich nur selbst heilen. Aber ich halte es für töricht, dabei nicht nach Verbündeten zu suchen und Hilfe anzunehmen, wenn man allein nicht mehr weiter weiß. Was ich in dieser Woche an Diagnoseverfahren erlebt habe, bestärkt mich in meiner Haltung: Bloß nicht aus falsch verstandener Technikfeindlichkeit auf klare Antworten verzichten. Wenn es möglich ist, Tumore und ihre Lage festzustellen, ohne den Menschen aufzuschneiden, dann halte ich das für einen ausgesprochen wünschenswerten technischen Fortschritt. Und es bedeutet nicht, dass ich damit von anderen Menschen erwarte, dass sie mir meine eigene Heilarbeit abnehmen. Es bedeutet, dass ich ihre Hilfe annehme.
Und wenn ich in dem Gewusel und der Hektik eines großen Klinikums einen menschenleeren, stillen Ort aufsuche wie die katholische Kirche im Rechts der Isar, dann bedeutet das nicht, das ich Heilung von einer kirchlichen Institution erwarte, dann heißt das nur, dass ich allein sein will, in mich gehen will, um meine Gedanken zu ordnen oder hinter mir zu lassen - Ziel der Meditation. Gott begegnen, so wie ich ihn verstehe.
Also, so weit ich die Dinge beurteilen kann, stehe ich jetzt, nach vorläufigem Abschluss der Diagnosephase, vor der Entscheidung: Chemotherapie mit anschließender Operation, ja oder nein. Ich seh den Hauptarzt aus der Tumorabteilung erst am Montag wieder, aber der Gastroskopie-Mensch hat mir das bestätigt, was die "Schulmedizin" in solchen Fällen vorsieht: Erst Tumor verkleinern durch Chemotherapie, dann operativ entfernen, dann weiter Chemotherapie, weil ja die Tumore schon auf andere Organe übergegriffen haben. Was ich mir so an Informationen zusammengetragen habe, läuft darauf hinaus: Machste keine Chemotherapie, dann stirbst du. Machste Chemotherapie, stirbst du auch, aber später - entweder an der Chemotherapie oder an Krebs -, und du verlängerst dein Leben um ein paar qualvolle Monate oder auch mehrere Jahre. Ich werde mich weiter erkundigen.
Seit Wochenanfang krieg ich Spritzen mit Mistelextrakt und ein Präparat mit Milzpeptiden zur Therapieunterstützung. Jemand hat mir eine Öl-Eiweiß-Diät empfohlen, da futterst du Hüttenkäse mit untergerührtem Leinöl und geschroteten Leinsamen. Mach ich gern, kann sicher nicht schaden.
Das Verblüffendste an meinem jetzigen Zustand ist: Ich habe halbe Tage und Abende, an denen alles so ist wie vorher - ich fühl mich wohl, bin fröhlich und guter Dinge, rede mit Freunden wie immer. Der Arzt hat gemeint, ich soll ruhig wieder das Lauftraining fortsetzen, wenn meine Sehnenreizung am Oberschenkel vorbei ist. Aber ich werde sicher nicht mehr so extrem laufen, um meine Abwehrkräfte nicht durch Erschöpfung zu schwächen. Wandern und spazieren geht eh völlig schmerzfrei, radfahren auch, und das tu ich jeden Tag.
Ach Mist, sone Scheiße aber auch.
Montag weiß ich vermutlich mehr.

11. Juli 2009

Hans im Glück

Heh, ich bin Hans im Glück, und The Who ham sogar mal einen Song über mich gemacht ("Happy Jack"). Vorgestern war ich eine Stunde zu früh dran zur CT, weil die Deppen von der Tumor-Ambulanz mich eineinhalb Stunden vorher reinbestellt hatten. Ich nix wie raus aus dem Rechts der Isar, und rübergewandert in die Kirchenstraße, zur Alten Johanniskirche, wo der kleine Friedhof ist. Kenn ich beide gut von meinen Stadtwanderungen, und im Vorraum der Kirche steht auf einer Tafel eingelassen in die Wand der 23. Psalm ("Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln ..."). Wenn ich meine Wäsche in Müller's Waschsalon in die Trommel gestopft habe, geh ich da immer hin und lese den Psalm laut, wenn keiner da ist. Meistens ist keiner da. So auch vorgestern, aber jemand hat die Orgel gespielt. Wow! Extra für mich. Also hab ich mich in die Bank im Vorraum gesetzt und gelauscht - ein Meister war am Werk, ruhige, unaufgeregte Improvisationen ohne Punkt und Komma. So ging das fast eine Stunde, und ich hätte beinahe meinen Termin zur Computertomographie vergessen. Die Orgel ging immer noch weiter, aber ich musste los, und bin fröhlich zum Rechts der Isar zurückgehüpft.
Das mein ich mit "Hans im Glück".
Nein, ich geb nicht auf, aber ich will auch nicht mit Brachialgewalt mein Leben verlängern. Wenn's fertig ist, dann isses fertig.
Noch so ein Glücksfall: Mein Arzt, Ende 30, ist Allgemeinmediziner. spezialisiert auf ganzheitliche Medizin, Naturheilkunde und Akupunktur (traditionell und Laser), und ich hab das Gefühl, ich krieg den besten Rat von ihm aus Schul- und Alternativmedizin.


Der Rückzug


Könnte ja sein, dass sich jemand erinnert: Am 8. 8. 08 habe ich mal wieder das I Ging ausgezählt und hier des Breiten im tazblog zitiert. Das war der Tag, als die Olympiade in Peking eröffnet wurde, und wer genau hingeschaut hat, konnte bereits den Krieg in Georgien herauslesen, der erst Stunden später in den Nachrichten kam. Jaja, schon gut, alles eine Frage der Auslegung (hier nachzulesen).

Am 2. Juli, nach der Krebsdiagnose, habe ich es wieder ausgezählt mit den Schafgarbenstengeln ("Zum Wahrsagen gehört die Zahl von 50 Stengeln. Davon wird einer beiseite gesteckt und kommt weiter nicht in Betracht." Isses nicht wunderbar?). Jedenfalls kam das Zeichen 49 dabei heraus, "Go / Die Umwälzung (Die Mauserung)". Da wird einiges über Umwälzungen im Gemeinwesen erklärt, aber ich hatte auch noch zwei Wandellinien, unten und oben, die mir erklärt haben, zunächst noch nichts zu unternehmen, mich mit dem Möglichen zufrieden zu geben.
Das Zeichen, das sich dann ergab war 33, "Dun / Der Rückzug": "Der Rückzug. Gelingen. Im Kleinen ist fördernd Beharrlichkeit." Das Zeichen wird dann so erklärt: "Die Verhältnisse sind so, dass die feindlichen Kräfte, durch die Zeit begünstigt, im Vorrücken sind. In diesem Fall ist der Rückzug das Richtige, und eben durch den Rückzug erlangt man Gelingen. Der Erfolg besteht darin, dass man den Rückzug richtig auszuführen vermag. Rückzug ist nicht zu verwechseln mit Flucht, die auf weiter nichts bedacht ist als Rettung unter allen Umständen. Rückzug ist ein Zeichen von Stärke. Man darf den rechten Moment nicht versäumen, solange man in vollem Besitz von Kraft und Stellung ist. Da versteht man rechtzeitig die Zeichen der Zeit zu deuten und bereitet einen zeitweiligen Rückzug vor, statt sich in einen verzweifelten Kampf auf Leben und Tod einzulassen. So räumt man auch dem Gegner nicht ohne weiteres das Feld, sondern erschwert ihm das Vorrücken, indem man im Einzelnen immer noch Beharrlichkeit zeigt. Auf diese Weise bereitet man im Rückzug schon den Umschwung vor. Die Gesetze eines solchen aktiven Rückzugs zu verstehen ist nicht leicht. Der Sinn, der in solcher Zeit verborgen liegt, ist bedeutend."
Das Beharrlichkeit fördernd ist, zieht sich durchs ganze I Ging, und muss nicht als weltbewegende Neuigkeit betrachtet werden. Aber was da in der Erklärung steht, habe ich durchaus auf meine Situation bezogen, vor allem das mit dem zeitweiligen Rückzug, statt sich auf einen Kampf auf Leben und Tod einzulassen. Nach meinem jetzigen Kenntnisstand ist Chemotherapie genau das: Ein Kampf auf Leben und Tod.
Aber ich werde mich weiter erkundigen.
Danke auch für den Rat und den Zuspruch, den ich jetzt auch von völlig unerwarteter Seite bekomme. Das ist schön, und sehr wichtig für jemanden in meiner Lage.
Ich melde mich wieder.


12. Juli 2009

sonntaz: BamS am Samstag

Gute Gründe gäbe es, über die sonntaz herfallen: BamS am Samstag. Jetzt drucken sie auch noch eine (ständige???) Kolumne von Yoani Sánchez, dieser völlig überschätzten, von deutschen Mainstream-Medien missbrauchten Bloggerin aus Kuba. Und auch noch zwei Seiten plus Titelbild Tränendrüsenboulevard: Interview mit einem armen, unterdrückten, politisch bewusstlosen Mädchen aus dem Iran. So eine dümmliche Propagandascheiße.

14. Juli 2009

Nichts dazugelernt

Erich Kästner hat es seinen Landsleuten schon Anfang der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts ins Buch ("Fabian") geschrieben: "Die Gegenwartskrise ohne eine vorherige Erneuerung des Geistes lösen zu wollen, ist Quacksalberei." Der Geist ist krank, und sie weigern sich, dazuzulernen.
Aktuelle Quacksalberei I: Dieses Solarstromprojekt, bei dem mit Milliardenaufwand Sonnenkraftwerke in die Wüste gesetzt werden, zeugt vom selben Profitgeiergeist und Größenwahn wie die Atomkraftwerke.
Aktuelle Quacksalberei II: Sie wolllen eine 3.000 Kilometer lange Pipeline durch die Türkei bauen, um den "Energiebedarf" in Europa zu decken. Das zeigt auch nur, dass diese Führungseliten in Wirtschaft und Politik nichts dazulernen wollen. Kein Wunder, dass bei dem Gasröhrenprojekt mit dem klangvollen Namen "Nabucco" wieder ein ausgemachter Opportunist wie der Ex-Obergrüne Joseph Fischer seine Gierfinger im Spiel hat.
Wenn ich das schon höre: "Energiebedarf"! Allein der Begriff legt doch fest, dass alles - inklusive zerstörerische Industrieproduktion und Betonierung der Natur - so weitergehen soll, wie bisher. Wozu Energie gebraucht und verwendet wird, danach fragen sie gar nicht. Sie sorgen vor, dass weiterhin einige Großkonzerne den Rest der Menscheit abzocken. Nur machen sie ihre Riesenprofite nicht mehr mit Atomstrom, sondern mit Solarstrom aus Afrika und Erdgas aus Mittelasien statt Sibirien.
Man darf sie nicht so weitermachen lassen, sie sind wahnsinnig.

Und die Therapie?

Im Augenblick neige ich doch zu Chemotherapie - der Arzt im Rechts der Isar hat mich fast überzeugt: Meine Leber ist so stark von Tumoren angegriffen, dass ich in den nächsten drei Wochen was unternehmen muss. In meinem Stadium kann ich es mir nicht erlauben, auf die Wirksamkeit alternativer Therapien zu warten. Das ist für Menschen, die Aussicht auf mehr Lebenszeit haben, also nicht für mich. Übermorgen werde ich mich mit dem Allgemeinmediziner beraten, der auf ganzheitliche Medizin spezialisiert ist. Danach muss ich mich wohl entscheiden. Guter Rat ist herzlich willkommen!
Vor zwei Wochen wusste ich noch nicht mal, dass die Wissenschaft, die sich mit bösartigen Tumoren im weitesten Sinne befasst, Onkologie heißt. Inzwischen habe ich auch noch dazugelernt, dass man von Palliativmedizin spricht, wenn es darum geht, Schwerstkranken das Leben (und den Abschied von selbigem) etwas zu erleichtern (gestern habe ich noch gedacht, es heißt "pallitativ" ...). Worauf ich hinaus will: Auf einer Website zum Thema Speiseröhrenkrebs habe ich gelesen, Chemotherapie fällt im so  weit fortgeschrittenen Stadium wie bei mir bereits unter Palliativmedizin.
So sieht's aus, und der Mond nimmt gerade ab.


Flohmarktschnäppchen

Mein uuuralter Kollegenfreund Ulli J. treibt sich zu gerne mit Frau und erwachsener Studi-Tochter und ebenfalls volljährigem Schülersohn auf Flohmärkten und bei Hinterhofverkäufen rum. Da findet er manchmal ganz wunderbare Schätze, mit denen er nur ausnahmsweise selbst was anfangen kann, bei denen er aber sofort denkt: Damit kann ich dem Hans eine Freude machen. So bin ich zu einer ganz wunderbaren Ausgabe von Wilhelm Raabes "Hungerpastor" aus den Zwanzigerjahren gekommen. Neulich schleppte er einen Gedichtband von Erich Kästner an, "Der Gegenwart ins Gästebuch", schön gebunden, Büchergilde Gutenberg, 1955. Oh Freude, die dadurch erhöht wurde, dass Ulli ihn vor dem Verschenken auch noch selbst gelesen hat. Und gestern, als wir uns unterm Espenlaub beim Tivoli-Pavillon getroffen haben (siehe "Stille Winkel in München", Seite 76), brachte er ein gebundenes Buch mit, gut 300 Seiten mit lilafarbenem Schutzumschlag: Christian Morgenstern, "Das Schönste aus seinem Werk". Stammt von 1965, Südwest-Verlag, und der Buchhändler hat vorne den Preis mit Bleistift reingeschrieben: 7,80. (Mark, nicht Euro!) Nun steh ich mit Christian Morgenstern auf vertrautem Fuß, hatte mal eine Gesamtausgabe von Piper, habe spät seine Tagebuchnotizen entdeckt und damit einen großen Bruder. So blätterte ich denn am Abend, Kissen im Rücken, Leselampe über der linken Schulter, zuerst im Inhaltsverzeichnis: "Aphorismen - Tagebuchnotizen, S. 271". Und was steht da als Erstes?
"Es ist wohl gerade in unserer aufgeregten Epoche mehr denn je nötig, den Blick aus den Tagesaffären emporzuheben und ihn von der Tageszeitung weg auf jene ewige Zeitung zu richten, deren Buchstaben die Sterne sind, deren Inhalt die Liebe und deren Verfasser Gott ist."

WWN*)

Wenn Stars daneben greifen

Stilsicher? Von wegen! Auch Promis greifen mal in die Klamottenkiste statt in den passenden Kleiderschrank. Wir zeigen Ihnen die größten Ausrutscher der Reichen und Schönen.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)



16. Juli 2009

Wunder

Ist es nicht eher so, dass der Schulmedizinmann an ein Wunder glaubt? Das wäre ja rührend. Wunderwaffe Chemotherapie. Es gibt keine Alternative, sagt er.
Nein, an ein Wunder glaubt er vermutlich nicht. Aber er hat gelernt, dass man sonst nichts tun kann.
Die verbreitete Anschauung in unserer Gesellschaft hält es für richtig, lieber irgendetwas zu tun, als nichts zu tun.

Sommerlied

O Sommerfrühe blau und hold!
 Es trieft der Wald von Sonnengold,
 In Blumen steht die Wiese;
 Die Rosen blühen rot und weiß
 Und durch die Felder wandelt leis'
 Ein Hauch vom Paradiese.

 Die ganze Welt ist Glanz und Freud,
 Und bist du jung, so liebe heut
 Und Rosen brich mit Wonnen!
 Und wardst du alt, vergiß der Pein
 Und lerne dich am Widerschein
 Des Glücks der Jugend sonnen.

Emanuel Geibel (1815-1884)

Mit Carlo im Dschungel - Tage mit Goldrand

Um sieben Uhr abends regt sich kein Blatt am Tivoli-Pavillon, alle Wolken haben sich verzogen. Noch ein glücklicher Tag war mir beschert, gegönnt, verabreicht. Ich konnte dem Axel den Dschungel zeigen (siehe "Stille Winkel in München", S. 87), mich an seinem kleinen Struppi-Hund Carlo freuen, der völlig ekstatisch wie ein kleiner löwenfarbener Kugelblitz durch die Wildnis fegte, und es hat nicht angefangen zu regnen, und wir sind an der Opitzstraße rüber zum Hang gelaufen, vorbei an der streng bewachten Residenz des US-Konsuls, und dann am Brunnbach entlang zurück zur Herzogparkstraße, und die schöne breite Treppe hoch, und gleich weiter über die Max-Josef-Brücke, weil der Axel unbedingt zum Chinesischen Turm wollte. Da war es überraschend ruhig und werktäglich, Stände für Weißwurstverkauf und Schmalznudeln wurden aufgebaut, weil am Sonntag mal wieder der Kocherlball stattfindet, der schon um sechs Uhr morgens losgeht (Einzelheiten entnehmen Sie bitte der Lokalpresse, geneigter Leser).
Also hat sich der Axel zünftig eine Mass gekauft, wie es sich gehört, und für mich eine Halbe, weil ich mittags nicht so viel trinken will, und wir haben uns mit dem Carlo ein halbes Hendl geteilt, und grad schee war's.
Ja, die kleinen Freuden.

Und sobald ich allein bin, komme ich dem brennenden Thema nicht aus: Was passiert, wenn ich die Chemotherapie nicht mache? Wenn ich mir keinen "Port" unterhalb vom Schlüsselbein einpflanzen lasse? Das ist ein kleines Plastikkästchen mit einem Schlauch dran, der zu einer Vene führt, und der "Port" hat oben eine Gummimembran, durch die man die Chemomedikamente einspritzt, so dass nicht bei jeder Infusion eine Vene angestochen werden muss. Sind sie nicht genial, unsere Medizinmänner? "Den Port kann man später wieder entfernen", meint Dr. von B. zuversichtlich.
Später? Na ja, wenn und falls der Patient keine Infusionen mehr braucht.
Ich schau hinauf zum Himmel und suche die Misteln in den dicht belaubten Espenwipfeln, und da kommt eine kleine Brise auf, das Espenlaub neben dem Mistelball zittert im Wind und blitzt goldene Reflektionen der Abendsonne zu mir herunter.
Lass los, Alter!
Jetzt muss ich wieder heftig schlucken.

Subtilität

Die biegsamsten Teile der Welt
Überwinden die starrsten Teile der Welt.
Das Hauchzarte kann unaufhörlich eindringen.

Deshalb weiß ich, Nutzen erwächst ohne Handeln.

Diese Philosophie ohne Worte,
Dieser Nutzen ohne Handeln -
Selten, dass man sie in dieser Welt erlangt.

Lao-tse, Tao-te-king, Kapitel 43, Subtile Kräfte



17. Juli 2009

Gestern war Sommer

Gitarrenklänge wehen herüber. Dort drüben hinter den Büschen sitzen sie auf den klobigen Holzbänken um den Balkentisch, gleich neben der Sommerstockbahn, trinken Bier und ratschen und hören dem Typen zu, der die alten Vor-Dylan-Folksongs drauf hat.
Gestern nachmittag wusste man: Heute, 16. 7.,  kommt kein Gewitter, es wird nicht mehr regnen, und die weißen Wolken sind Schönwetterboten. Der Arzt hat mir Aufschub verschafft - zwei Wochen haben wir Zeit, um zu sehen, ob die Misteltherapie was bringt. Heute war ich - morgens, nüchtern - zum Blutabzapfen in der Praxis. Vergleichswerte feststellen.
Was für ein traumhaft schöner Sommertag das war gestern, und ich blieb bis halb neun draußen unter den Bäumen. Man konnte riechen, wie es kühler wurde, der Duft von frischem Heu, Linden- und Ahorn- und Espenlaub,  von Ebereschen und Josephs Geranien. Weil's so schön war und außer mir nur zwei Leute in dem Gärtchen saßen, hab ich mir noch, wie in alten Zeiten, ein drittes Bier geholt und in "Klingsors letzter Sommer" weitergelesen, Hermann Hesse zu seiner besten Zeit, und mich darüber gefreut, dass Josephs Sohn mir extra über den Eichstrich vollgeschenkt hat.
Und immer wieder hebe ich den Blick hinauf zu den vielen Misteln in den Espenwipfeln. Sie werden mir helfen, und sei es auch nur, dass sie mir den Weg zeigen.
"Wie ein Götze", steht im "Klingsor", "ruhte er auf Wolken der Bejahung."
Wolken der Bejahung - sein Schicksal annehmen.
Als das Bier zur Neige geht hole ich noch das winzige, in dicken Karton gebundene Büchlein mit Texten von Jean Paul heraus: Format sieben mal elf Zentimeter, zwei Zentimeter dick, stark vergilbtes Papier, aber der Druck ist noch gut lesbar. Erschienen 1834, Flohmarktfundstück von Ulli J., klaro. Ich lese bei den "Impromptus für Stammbücher":
"Ein kleines Leiden setzt uns außer uns, ein großes in uns; eine Glocke mit einem kleinen Risse tönt dumpf, wird er weiter gerissen, so kehrt der helle Klang zurück."

Aaaaaaooooooommmmm

WWN*)

Geschieden in 75 Sekunden

Skandalnudel Amy Winehouse ist offiziell wieder Single: Das Hickhack um die Trennung von Blake Fielder-Civil zog sich Monate hin. Jetzt ging alles blitzschnell.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)



18. Juli 2009

Zeitung lesen

Ja, freilich, ich lese sie schon noch weiter, die taz, zwischen ungläubigem Staunen und kicherndem Amüsement, beides auf Grundlage einer Frage: Wie kann man (ich) das tägliche Nachrichtengezwitscher bloß so ernst nehmen?

Jochen Distelmeyer kann mein Fahrrad putzen

Warum ich den Kerl nicht ausstehen kann? Vermutlich, weil ich mal auf den Blumfeld-Rummel reingefallen bin und mir tatsächlich eine CD dieser Band gekauft habe. Was für ein einfallsloses Gitarrengeschrammel, was für ein stumpfsinniger Beat, was für ein Wust an drittklassigem, pseudointellektuellem Textgequalle, was für ein Ausbund an Selbstgefälligkeit. Und jetzt kriegt Distelmeyer ein halbseitiges Foto in der taz, auf dem er mit geschlossenen Augen in ein Mikrofon schreit, und Julian Weber findet ihn und seine Songs ganz dolle: "'Wohin mit dem Hass' ist klassisches Rock-'n'-Roll-Aufwieglertum: ein Summertime-Blues, in dem Nobelkarossen brennen und Hass wie Krebs wuchert."
Man möge es mir unter den gegebenen Umständen verzeihen: Ich finde diese Formulierung des taz-Autors große Scheiße. Und wenn Jochen Distelmeyer ernsthaft an diese Art von Songs glaubt, ist er entweder ein eiskalt kalkulierender Schlauberger oder ein pubertärer Dummkopf.

Jazzvibrationen

Was? Sie wissen nicht, was ein Vibraphon ist? Haben nie von Lionel Hampton gehört? Und der Name Roy Ayers geht Ihnen am Allerwertesten vorbei? Dann sollten Sie sich entweder das Interview mit dem großen alten Jazz-Vibraphonisten aus dem Netz holen (aah, Jenny Zilka, danke für die guten Fragen und das geduldige Zuhören), oder bitterlich weinend ins Bett gehen. Mit oder ohne Jochen Distelmeyer.

Größenwahn hat einen Namen: U2

Schönes Stückchen von Daniel Bax über Gigantomanie am Beispiel der Band U2. Sie sind nicht die Lösung, diese Arschlöcher sind Teil des Problems, da kann die Musik noch so toll sein. Bono ist krank.

Inlandressort der taz: 20.000 Meilen unter dem Meer

Eigentlich müsste oben drüber GRAUEN stehen, in Großbuchstaben, wie es das neue taz-Layout vorsieht. Aber es steht INLAND drüber - was dassselbe bedeutet. Diese Seiten heben sich in keiner Weise von irgendeinem x-beliebigen Inlandressort irgendeiner anderen deutschen Tageszeitung ab. Sie sind frei von jeder Inspiration, frei von Humor, frei von Überraschungen, voller überflüssiger Meldungen, zu geschätzten 80 Prozent geschrieben von Leuten, die ihre Texte ebenso beim Itzehoer Anzeiger wie bei der Passauer Neuen Presse unterbringen könnten - falls sie dort die Qualitätsprüfung bestehen.
Da befragt doch tatsächlich eine taz-Frau (der Name kommt mir nicht ins Blog) eine Medienwissenschaftlerin, "die zum Islambild in den Medien promoviert hat" zum Thema Mord im Gerichtssaal. Sie erinnern sich: Eine Ägypterin wurde im Dresdener Landgericht erstochen. Und im Laufe des Gesprächs fällt der wackeren "Inland"-Journalistin diese Frage ein: "Wo sind all die empörten Muslime, wenn eine Frau von muslimischen Männern ermordet wird, weil sie angeblich die Familienehre beschmutzt hat?"
Was für eine niederträchtige Denkweise! Als ob damit der Mord im Gerichtssaal weniger Empörung rechtfertigen würde.
Die Einfallslosigkeit im "Inland"-Ressort macht eine weitere halbe Seite Aufreger-Journalismus deutlich: "Rechtsextreme nutzen soziale Netzwerke wie Facebook und Studi-VZ um sich abzusprechen." Diese Art von Neonazischauer verbreiten sie mit Vorliebe, die Dumpfbacken vom "Inland"-Ressort, fast täglich, wohlfeiler Antifaschismus - hach, wir sind doch so wachsam, schulterklopf, schulterklopf! (Die eigene Schulter, eh klar.)
Und dann verbreiten sie auch noch den Inhalt einer Studie der Apotheken Umschau als dpa-Meldung, wonach "die meisten Deutschen (71 Prozent) angeblich zufrieden damit" sind, wie sie aussehen, und dass "rund 30 Prozent der unter 20-Jährigen mit ihrem Aussehen rundum zufrieden" sind. Das wollten Sie, verehrter Leser, doch schon immer unbedingt wissen. Rund und rundum.
Ist Ihnen schon mal aufgefallen, was für eine gute und höchst erfolgreiche PR-Arbeit die Apotheken Umschau leistet? Es gibt keine Ausgabe, aus der nicht irgendeine Belanglosigkeit den Weg zu den Nachrichtenagenturen und in die taz findet - gefundenes Medienfressen für die Einfaltspinsel des "Inland"-Ressorts.
Ich weiß ja nicht, aber ich kann mir vorstellen, dass man diese zwei täglichen Seiten auch anders füllen kann - so, dass eine gewisse Haltung deutlich wird, ein besonderes Engagement, ein eigener Swing, ein Augenzwinkern, und nicht nur der Eindruck, dass eh alles gleich und wurscht ist.

Kein Brot, aber Spiele

In Schleswig-Holstein kann ein ätzender Typ von der CDU einen ätzenden Typen von der SPD nicht mehr ausstehen, und eine Landesregierung rutscht ins Meer (wahlweise Nord- oder Ostsee).
Im Münchner Stadtteil Untergiesing stürzte gestern, bei aufkommenden, gewitterbedingten Sturmböen, vor einem Haus in der Nockher-Straße ein Fahrrad um.

Und die Krankmeldung?

Relativ viel geschlafen, vier T-Shirts durchgeschwitzt, Entscheidung über Chemotherapie verschoben, weiterhin Injektionen von Mistelextrakt; Dr. Johanna Budwigs Öl-Eiweiß-Diät; Broccoli-Sprossen im Einmachglas, selbst gezüchtet (!); Versuche, keinen überflüssigen Mist zu lesen (klappt nicht immer, siehe taz); täglich mit dem Fahrrad durch die Gegend toben (Lauftraining geht noch nicht, ziepft nach wie vor im Oberschenkel), feste in die Pedale treten, Sauerstoff in die Lungen pumpen und mir einreden, damit die Tumore zu verjagen; meine Songs aufnehmen mit Axels mobilem Digitalstudio, bei mir zu Hause, mit Blick auf Himmel und Bäume (hatte ich mir als Studioausblick schon immer gewünscht), neun haben wir schon im Speicher - und wenn der Gitarrenboden gegen meinen Bauch vibriert, habe ich das Gefühl, auch das könnte dem Tumor ein Signal geben, sich zu verziehen.
Ich wünsche frohes Schaffen, schöne Tage, und bis bald!


21. Juli 2009

Abenteuer

Wer sich, wie ich, nie mit Krebs und den Ursachen dieser Krankheit befasst hat, steht fassungslos vor der Vielzahl von Theorien und Therapien, die sich da im Internet tummeln. Und ratlos vor den Möglichkeiten, die sich auftun, vor den Entscheidungen die zu treffen sind, und die einem keiner abnehmen kann. Auch wenn ich dem behandelnden Arzt noch so sehr vertraue - die Frage, was geschehen soll, kann nur ich beantworten.
Die Haltung der "Schulmedizin", so wie ich sie erlebt habe, ist klar. Das Krankenhaus Rechts der Isar gehört, laut Fachmann, zu den besten Kliniken auf dem Gebiet der Tumor-Erkrankungen. Ich bin da hingegangen, weil der Allgemeinarzt davon überzeugt ist, dass sie dort die beste Diagnose stellen können. Nachdem das geschehen ist, habe ich keinen Grund, daran zu zweifeln: Das war kompetent, überaus professionell, auf der Höhe der zeitgenössischen Technik. Sie betrachten den Menschen als Ansammlung von Organen, von denen ein paar erkrankt sind, finden heraus, welche, und schlagen dann ihre Therapie vor, die sich im Wesentlichen auf drei Säulen stützt: Chirurgenmesser, chemische Keule, radioaktive Strahlen.
Diese Art von Medizin hält die Vorstellung, dass der Mensch mehr ist als die Summe seiner Organe, für reine Zeitverschwendung. Der hochkompetente Onkologe (das sind die Tumorspezialisten) hat seine und meine Zeit nicht mit irgendwelchen Fragen nach Beruf, Familienstand, sozialem Hintergrund, Geist und Seele verschwendet. Jeder Patient wird nur danach beurteilt, in welchem Zustand sich seine Organe befinden. Alles andere interessiert nicht. In meinem Fall ist die Wahl der Therapie für diese Art von Medizin klar: Operation wäre in diesem Stadium Unfug, ebenso Strahlentherapie, die einzige Möglichkeit, um die "Fernmetastasen" einzudämmen, wäre eine Chemotherapie. Das heißt, man füllt tagelang Gift in den Körper, das die Krebszellen abtötet, aber auch gesunde Zellen, die das Immunsystem braucht, um den Krebs zu bekämpfen. Letztere erholen sich rasch wieder, sagt der Onkologe, Krebszellen nicht. Praktisch würde Chemotherapie bedeuten: Krankenhausaufenthalt, fünf Tage Dauerinfusion, dann drei Wochen Pause, dann Wiederholung, danach Computertomographie um zu sehen, was die Behandlung gebracht hat.
Noch abenteuerlicher geht's auf dem Gebiet der Alternativmedizin zu. Da wird Krebs schon mal als seelische Erkrankung gesehen, aber auch als Stoffwechselkrankheit, und entsprechend vielfältig sind die Therapien. Einigermaßen anerkannt, auch von Schulmedizinern, wird die Misteltherapie. Dabei bekommt der Patient Spritzen mit Extrakt aus Eichenmisteln, eine Behandlung, die auf Rudolf Steiner und die Anthroposophie zurückgeht. Der Extrakt kommt in kleinen Ampullen mit unterschiedlicher Konzentration und wird von den Krankenkassen bezahlt. Keiner behauptet jedoch, dass Mistelextrakt allein Krebs stoppen oder gar heilen kann, man spricht von "therapieunterstützenden Maßnahmen". Irgendwo habe ich gelesen, dass dadurch Chemotherapie erträglicher wird. Na, wenigstens etwas, wenn's schon sein muss.
Und sonst? Jemand hat mir bittere Aprikosenkerne empfohlen. Es soll Leukämiepatienten geben, die jahrelang fröhlich damit leben, 40 Aprikosenkerne über den Tag verteilt zu essen. Die Treffer unter < Aprikosenkerne Krebs > bei Google fördern erstaunliche Websiten zutage. Mir scheint, da ist was dran. Ich esse täglich zehn, um die Leber nicht zu strapazieren, immer drei Kerne mit einem Stück getrockneter Aprikose, um den Bittergeschmack erträglicher zu machen.
Dazu kommt die Öl-Eiweiß-Diät von Dr. Johanna Budwig; die Schweinemilzdragees, drei Mal täglich vor dem Essen; und die Broccoli-Sprossen, die ich seit vorletzter Woche ständig in einem Einmachglas ziehe und einfach so esse, oder dem in Hüttenkäse verrührten Leinöl nach Dr. Budwigs Rezept zugebe, oder auf warmen Speisen verteile.
Broccoli-Sprossen als therapieunterstützende Maßnahme. Macht Spaß, ihnen beim Wachsen zuzuschauen.

Weitere therapieunterstützende Maßnahmen

Neulich hat mich mein Sarkasmus überwältigt: "Die Gesundheitsminister warnen: Wer jahrelang die taz liest und ohne zu Murren runterschluckt, was einem da geboten wird, kann leicht an Speiseröhrenkrebs erkranken."
Nein, gar nicht witzig. Andererseits habe ich dem Klaus Raab von der taz, der mich im April 2008 fragte, weshalb ich ein tazblog schreibe, zur Antwort gegeben: "Aus Notwehr".
Mit meinem Musikerfreund Axel nehme ich dieser Tage meine Originalsongs aus den letzten zwanzig Jahren neu auf. Axel sagte letzte Woche, als ich ihn auf die Vielzahl von - allesamt schwarzen - Porsche Cayenne, BMW-, Audi-, Volkswagen-, Land Rover- und Mercedes-Geländewagen aufmerksam gemacht habe, die gerade an der Ampel in die Mauerkircherstraße einbogen: "Heh, es ist wie es ist, und wenn man sich darüber aufregt, wird man krank."
Da hat er vermutlich recht. Aber die Hobbits haben den Terror der - allesamt - schwarzen Reiter auch nicht tatenlos hingenommen. Axel hat noch hinzugefügt: "Jeder so, wie er will."
Und ich hab gesagt: "Nein, das geht nicht mehr, wenn einer dabei die Lebensgrundlagen für alle anderen zerstört."

Jetzt hab ich mir ein Probe-Abo der junge Welt bestellt. Die wird jetzt, noch dünner als die taz, drei Wochen lang mittags im Briefkasten liegen. Schon die erste Ausgabe hat mir etwas Linderung verschafft: Ich bin nicht der einzige, der die vorherrschende Iran-Berichterstattung für gut geölte Propaganda hält. (Die taz macht da ja auf teils erschreckend primitive Weise mit, ganz im Sinne der britischen, israelischen und US-amerikanischen Interessen.)
Und die Umstellung auf Hybrid- und Elektroautos bringt überhaupt nichts, solange die mit Kohle- und Atomstrom fahren. Und wenn man nicht den Lkw-Verkehr reduziert und den Güter- und Personenverkehr auf die Schiene verlegt, sieht's eh zappenduster aus.
Meine Rede seit 1897.

WWN*)

Cover-Lüge bei den Topmodels

Was ist da los? Obwohl Sara, Mandy und Marie in Singapur das große Fotoshooting hatten, ist keine von ihnen sondern eine asiatische Sängerin auf dem Cover der Elle.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)


24. Juli 2009

Nach dem Schock

Lieber J. J., danke für den Zuspruch - es ist nicht zu glauben, wie viele Menschen direkt oder im Verwandten- und Bekanntenkreis mit Krebs konfrontiert werden. Nun rückt der Tag der Entscheidung für oder gegen Chemotherapie näher, und wenn sich bis nächsten Mittwoch keine Fortschritte zeigen, muss ich wohl die - dann - einzige Chance wahrnehmen.
Was das Schreiben anbelangt - ja, das geht noch, auch wenn die Bauchschmerzen dabei immer rascher losgehen. Mein tazblog ruht mangels Motivation, und wenn mir nichts einfällt, das über einen Bericht zum persönlichen Befinden hinausgeht, gibt's wohl an manchen Tagen keinen Eintrag. Es sieht so aus, als würde ich viel körperliche Energie für meine Abwehr brauchen, und das setzt den Antrieb zum Schreiben herab.
Sie sprechen vom "ersten Schock" - das trifft die Situation. Damit kann kein Mensch auf Dauer leben, weshalb sich der Schrecken nach einer Weile im Alltag auflöst. Die anfänglichen Verzweiflungsanfälle sind vorbei, der Drang zu weinen wird seltener.
Ich versuche, an die Möglichkeit einer Heilung zu glauben, und mich gleichzeitig mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass es das Wunder körperlicher Unsterblichkeit nicht gibt.
Lernen, loszulassen.
Herzliche Grüße!
-hp

WWN*)

Shoppen bis der Arzt kommt

Schnäppchenjäger aufgepasst: Auch wenn es offiziell keinen Sommerschlussverkauf mehr gibt, purzeln die Preise zur Freude der Verbraucher momentan auf breiter Front.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)



25. Juli 2009

Röhrengucker

Oh je, keine sonntaz am Samstag! Das ist der Tag, an dem sich der Abonnent am meisten ärgert, wenn das Käseblättchen nicht vor der Tür liegt. Aber alle einschlägige Fach- und Sachliteratur weist mich darauf hin, dass ich mich nicht ärgern darf und soll. Naja, vielleicht hat es was Gutes: Die sonntaz macht mir ja immer unausweichlich bewusst, wie schmerzlich ich die Entwicklung der taz zum staatstragenden Unterhaltungsblatt empfinde. die tageszeitung war einmal die Speerspitze einer gesellschaftlichen Bewegung gegen dieses mörderische Spießbürgersystem, jetzt ist sie die Nasenspitze eines Plüschbären auf dem Fernsehsofa.
Also schnappe ich mir stattdessen ein wohlmeinendes Buch ("The Secret" von Rhonda Byrne) und ziehe mich damit zurück auf den Thron mit dem Schild "Münchener Freiheit". Spätestens um halb elf liegt ja die "junge Welt" im Briefkasten (Probe-Abo), die mich gestern sehr erfreut hat. Da gab's über zwei Seiten ein Essay des früheren Spiegel-Kolumnisten Otto Köhler, über Axel Springer, den Architekten der Berliner Mauer.

Positiv denken

So genieße ich die Sommertage, mache ausgedehnte Wanderungen isarauf und -ab, flitze auf dem Fahrrad durch die Botanik, lese das Beste vom Feinsten, genieße den Blick in den Himmel auf die uralten Zitterpappeln mit den vielen Misteln (!) am Tivoli-Pavillon, lasse dort den wildesten Gelüsten freien Lauf, nach Dingen, die ich sonst nie esse (gestern: hausgemachte Fleischpflanzl ***** mit Kartoffelsalat, Kompliment an Rosita, die Köchin), und freue mich auf morgen, wenn meine Schwester Elisabeth zu Besuch kommt und ich am Abend Peter und Daniela zum Abschiedsessen im Thang Long treffe (Daniela zieht Montag um nach Berlin, Peter bleibt in München. Thang Long heiß "der aufsteigende Drachen").
Wie man sieht - der ganz normale Alltag unter dem Damoklesschwert.

26. Juli 2009

Alles Marinade - oder: Seitenweise Wahlschleichwerbung

Die sonntaz macht ihrem Spitznamen "BamS am Samstag" mal wieder alle Ehre. Ich bin doch glatt am späten Nachmittag nach dem irren Regenguss rüber zum Ostbahnhof gewandert - mei, war das schön, was für eine Luft! Dort hatten sie bei Buch & Presse das heiß vermisste sonntaz-Blatt, und deshalb kann ich Ihnen heute schon von der Art von Journalismus berichten, die da jetzt überhand nimmt.
Auf Seite 18, unter der Rubrik GENUSS wird ein "SPD-Politiker Karl Lauterbach über seine Wandlung zum Dauergriller" interviewt. Wenn ich alles richtig mitbekommen habe, kandidiert der Mann, Prof. Dr. Dr., für den nächsten Bundestag, und die taz schafft es auf einer Seite, inklusive Foto einer verkohlten Paprika, unverhohlen politische Schleichwerbung für ihn zu betreiben - ohne auch nur eine Andeutung zu bringen, für welche politischen Inhalte Herr Lauterbach steht, eintritt oder gar kämpft. Das nennt man Image-Werbung, und eine politische Haltung würde da nur stören. Dafür drucken sie sein Rezept für eine Marinade zum Grillen, und am Schluss wird er doch noch hochpolitisch: "Demnächst mache ich Solar-Grillen mit dem Umweltminister. Sigmar Gabriel hat das politische Potenzial des Grillens klar erkannt. Wir haben für unsere Kampagne auch einen Grünen-Spitzenpolitiker gewonnen, den Namen verraten wir später. Gesundes Solar-Kampfgrillen unter rot-grüner Anleitung - dem dürfte der politische Gegner nichts entgegenzusetzen haben."
Okeh, das ist nicht ohne Witz, zugegeben. Und womöglich hat er damit auch schon sein politisches Programm formuliert: Alles Marinade.
Aber brauche ich eine solche Zeitung?

Und brauche ich im selben Blatt noch einen windelweich angepassten SPD-Mann wie Ernst Ulrich von Weizsäcker, der für seine spezielle Schleichwerbung gleich zwei Seiten bekommt? Unwidersprochen darf er verbreiten, wie dolle die Umweltbilanz der Großen Koalition unter Angela Merkel ausfällt - und der taz-Interviewer Malte Kreutzfeldt, der es wahrlich  besser weiß, hakt nicht nach, widerspricht ihm nicht.
Die sonntaz hat offenbar ihre Aufgabe gefunden: Sie ist eifrig damit befasst, das Politische aus der Politik zu entfernen, und wenn's schon politisch sein muss, dann aber grünsozialdemokratischbürgerlichmittig.
Vorwärts! Weiter so! Alles ist gut!
Die taz ist angekommen - sie hilft der poltischen Klasse, die sich die Demokratie unter den Nagel gerissen hat, eifrig beim Staatstragen.

Die drei Spatzen

In einem leeren Haselstrauch
da sitzen drei Spatzen, Bauch an Bauch.

Der Erich rechts und links der Franz
und mitten drin der freche Hans.

Sie haben die Augen zu, ganz zu,
und obendrüber da schneit es, hu!

Sie rücken zusammen dicht an dicht.
So warm wie der Hans hats niemand nicht.

Sie hörn alle drei ihrer Herzlein Gepoch.
Und wenn sie nicht weg sind, so sitzen sie noch.

- Christian Morgenstern (1871 - 1914)


27. Juli 2009

So isses

Abo 187106
Lieber Herr Pfitzinger,
vielen Dank für Ihre Nachricht.
Wir bedauern sehr, dass Sie Ihr taz-Abo kündigen!
Wir werden Ihre Abokündigung fristgerecht bearbeiten und
schicken Ihnen innerhalb der nächsten 14 Tage eine schriftliche
Bestätigung per Post an die Lieferadresse.
Melden Sie sich, wenn Sie noch Fragen an uns haben?

Mit besten Grüßen aus der taz
Claudia Conrad
taz Aboservice


Hans Pfitzinger schrieb am 27. Juli 2009:

Bitte teilen Sie mir mit, bis zu welchem Tag mein Abonnement mit der Nummer 187 106 geliefert wird. Mit diesem Datum bitte ich, die Zustellung zu beenden. Bitte schicken Sie mir keine weitere Rechnung mehr.
Mit freundlichen Grüßen!
 
(Ende der Juli-Einträge!)


tazblog 15. Juni 2009 - 20. Juni 2009
14.07.2009 10:49:25
20. Juni 2009

Demokratie ist ...

... wenn dem Westen das Wahlergebnis passt. Wenn es den Wünschen der USA (oder der EU) nicht entspricht, wird der demokratisch gewählte Kandidat vom CIA abserviert - das war in Persien zu Beginn der fünfziger Jahre schon mal so, und das war auch in Chile so, als Salvator Allende gewählt wurde. Oder es beginnt eine Medienkampagne, in der die Rechtmäßigkeit der Wahl angezweifelt wird. Da ist dann von Wahlbetrug oder -manipulation die Rede. Kriegt man den gewählten Präsidenten trotzdem nicht weg, wird er jahrelang mit negativer Propaganda überzogen (das geschieht gegenwärtig mit Hugo Chávez), oder die demokratisch gewählten Vertreter werden als Gesprächspartner gar nicht anerkannt (wie früher im Fall Daniel Ortega in Nicaragua, oder, gegenwärtig, im Fall der Hamas in Palästina).
Jetzt wurde im Iran ein Präsident wiedergewählt, der großen Rückhalt bei der Mehrheit der Bevölkerung hat, vor allem in ländlichen Bereichen, von den Eliten in den großen Städten wegen seiner etwas ungehobelten, volkstümlichen Art aber abgelehnt wird. Der gebildete und intellektueller wirkende Kandidat Mir Hussein Mussawi scheint von der westlich orientierten Großstadtbevölkerung, den Studenten in Teheran und den westlichen Regierungen vorgezogen zu werden, weshalb man seine Haltung des schlechten Verlierers zur Wahrheit erklärt: Mahmud Ahmadinedschad bleibt nur auf Grund von "eklatanter Wahlfälschung" (taz) im Amt.
Jetzt kommt die Stunde der Demagogen, der Propagandisten, der Dämonisierer, die mit sehr unterschiedlichen Interessen im Hintergrund den Iran und sein Regierungssystem angreifen. Bahman Nirumand, der taz-Fachmann für den Iran, hat sehr persönliche Gründe, die islamische Republik und ihre Vertreter zu dämonisieren. Von objektiver, unparteiischer Berichterstattung kann bei ihm keine Rede sein - das sollte der taz-Leser wissen, und Nirumands Beiträge als das einschätzen, was sie sind: Propaganda gegen die politischen Feinde, die ihn ins Exil getrieben haben. Er trägt die Hassbrille, wenn er über die gegenwärtigen Machthaber im Iran schreibt.
Dagegen ficht der Nahost-Korrespondent Karim al-Gawhari wenigsten keine persönlichen Fehden aus und berichtet einigermaßen unvoreingenommen über die Geschehnisse. Aber an die - in diesem Fall beispielhafte - Berichterstattung der ARD auf tagesschau.de kommt auch er nicht heran. Die Rede von Ajatollah Ali Chamenei gestern beim Freitagsgebet wurde ohne Vorurteile referiert, was dem besonnenen Inhalt wohl gerecht wurde. Chamenei hat nicht Öl ins Feuer gegossen, er hat nicht den Krieg erklärt, wie heute ein propagandistischer Gastkommentar auf der ersten taz-Seite behauptet, verfasst von einem Hass predigenden Exil-Iraner mit Schaum vorm Mund, na klar doch. (Wenn Journalisten den Leser mit dem Keulenwort "Blutbad" auf ihre Seite bringen wollen, steigen meine Zweifel rapide, wie seriös da einer argumentiert.)
 
tagesschau.de
stellt Chameneis Rede so dar:

"Bei der Abstimmung hätten die Iraner für den Kandidaten gestimmt, den sie als Präsidenten gewollt hätten. Zweifel an den offiziellen Ergebnissen und der Wiederwahl von Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad müssten auf juristischem Wege untersucht werden. Laut Chamenei erhielt Ahmadinedschad 24,5 Millionen der rund 40 Millionen Stimmen. Die Wahl sei ein Vertrauensbeweis der Bevölkerung in die Islamische Republik.
Chamenei betonte, es stehe den Kandidaten zu, offen zu protestieren. Sie könnten anwesend sein, wenn "einige" der Stimmen noch einmal ausgezählt würden. Gleichzeitig müssten die Kandidaten aber vorsichtig mit ihren Aussagen sein, da diese gefährliche Konsequenzen haben und die Gesellschaft radikalisieren könnten. Westlichen Führern warf er vor, sie hätten in der Debatte ihre Maske fallen gelassen und gegenüber dem Iran ihr wahres Gesicht gezeigt. Am schlimmsten sei dabei die britische Regierung gewesen. London berief daraufhin den iranischen Botschafter ins Außenministerium ein.
An die Adresse des unterlegenen Kandidaten Hussein Mussawi gewandt sagte Chamenei in seiner Rede, politische Entscheidungen würden an den Urnen fallen, nicht auf der Straße. Es mache keinen Sinn, dass Wahlverlierer auf die Straße ziehen und die Sieger dies auch machen. 'Warum haben wir denn dann gewählt?', fragte Chamenei. Er rief beide Seiten auf, der Gewalt ein Ende zu bereiten. Straßenproteste seien der falsche Weg und müssten aufhören. Das System lasse sich davon nicht einschüchtern."

Wenn Sie mich fragen: Das klingt von seinem Standpunkt aus durchaus vernünftig.
Am Vortag brachte tagesschau.de ein Interview mit Marcus Michaelsen, einem Kommunikationswissenschaftler, der sich mit den Auswirkungen des Internets auf den Iran befasst. Er wies darauf hin, dass sich die Voreingenommenheit der westlichen Öffentlichkeit in diesen Tagen zu verändern beginnt: "Jetzt hat sich durch das Internet vor allem der Blick des Westens auf den Iran geändert: Durch die Proteste, die via Internet in aller Welt zu sehen sind, wird das Bild einer geschlossenen, autoritären Gesellschaft gebrochen. Wir sehen nicht mehr nur ein autoritäres Regime, das nach der Atombombe strebt, sondern auch eine lebendige Zivilgesellschaft: Menschen, die Demokratie für sich und ihr Land einfordern."
Und das in einer islamischen Republik. Vielleicht lernt ja die taz-Redaktion auch was dazu - dass man eine fremde Gesellschaft viel besser versteht, wenn man sie nicht nur mit den eigenen - westlichen - Maßstäben misst. Und dass es nicht der Aufklärung, sondern der Verwirrung dient, wenn man vorwiegend Exiliraner zu Wort kommen lässt, denen der Hass auf die Machthaber in ihrer Heimat den Blick trübt.

Hell, ohne zu blenden

Ordnung kann sich ins Ungewöhnliche verkehren;
Gutes kann sich ins Wunderliche verkehren;
Und die Verwirrung der Menschen dauert wahrlich
Eine lange, lange Zeit.

Deshalb sind reife Menschen
   Unmissverständlich, ohne zu entzweien;
   Ehrlich, ohne zu verletzen;
   Geradeheraus, ohne zu überfordern;
   Hell, ohne zu blenden.

Laotse, Der Weg und die Kraft (Tao-te-king), Vers 58: Die Mitte ausbilden



tazblog 16. Juni - 28. Juni 2009
30.06.2009 12:11:18
16. Juni 2009

Die Nabelschnur

Heute morgen wurde ich mal wieder daran erinnert, wie abhängig sich der Mensch (ich) in seinen Gewohnheiten vom reibungslosen Funktionieren des Internetzugangs gemacht hat. Morgens zuerst nach dem Wetter, den Nachrichten und den E-Mails gucken, nach was guggln, was ich mir am Abend vorgenommen hatte, und dann das tazblog schreiben und ins Netz stellen. Nur: Es geht nicht. So oft ich mit dem Browser, der Internet-Verbindung, dem Mail-Programm versuche, eine Verbindung zu t-online herzustellen - es geht nicht, Fehlermeldung. Okeh, vielleicht liegt's am DSL-Modem? Nö, blinkt wie immer. Vielleicht an der Telefonleitung? Nö, Freizeichen, und kein Problem, die Netbox abzuhören. Vielleicht hat eine Verbindung vom Modem zum Telefon oder zum Computer Wackelkontakt? Alle raus, alle wieder feste reingedrückt, noch mal probieren. Es geht nicht.
Neustart. Noch mal - nichts. Also mach ich erst mal was anderes, bin eh im Rückstand mit der Lektoratsarbeit, die Ende nächster Woche fertig sein soll. Nach einer Stunde probier ich es noch mal. Es geht nicht.
Ich fummle die Zugangsdaten zum PPP-Server aus der Schreibtischschublade ganz unten, vergleiche sie mit den eingestellten - alles stimmt. Auf dem Formular steht auch eine Service-Nummer, 0,14 Cent pro Minute. Könnte denen so passen. Ich rufe die 0800-Nummer an, erfahre von der Automatenstimme, sie hätte sich geändert, erfahre die neue, werde aber weiterverbunden und erst mal gefragt, was ich kaufen will. Nichts will ich kaufen. Dann soll ich "Service" sagen. Dann meine Nummer mit Vorwahl. Dann liest sie mir die verschiedenen Möglichkeiten vor. "Störung". Okeh, ich papageie "Störung". Prompt kommt die Ansage: "Der DSL-Zugang ist zur Zeit nur eingeschränkt möglich. Wir arbeiten an der Behebung. Falls es sich um eine andere Störung handelt, sagen Sie 'andere'." Ich sage nichts, und die Automatenstimme bedankt sich für meinen Anruf.
Also erst mal nichts mit Wetter, Nachrichten und Mails. Na, da kann ich genauso gut auf die taz von gestern eingehen.
(Dass Sie den Text hier lesen können, beweist: t-online hat es hingekriegt, gegen halb 12 Uhr. Was da nur los ist - neulich gab's keine Mobilfunkverbindungen, heute kein DSL ...)

Sozialismus? Bloß nicht!

In der taz - und da stimmt sie mit den Konzernblättern und dem öffentlich-rechtlichen Mainstream überein (was Heiner Geißler "das Meinungskartell" nennt) - in der taz gibt es nur wenige Schreiber und Redakteure, die den sozialistischen Bewegungen in Mittel- und Südamerika wohlwollend oder mit Sympathie begegnen. Im Gegenteil: Mit vereinten Kräften (abfällige Texte, herablassende Titelzeilen) arbeiten sie an der Dämonisierung von Hugo Chávez. Die Hetzpropaganda gegen ihn beherrscht nicht nur die Auslandsseiten, neulich hat sie sich von Seite eins aus durch die ganze sonntaz gefressen. 
Das ist Mainstream. Man muss sich nur mal die einseitigen Berichte im "Weltspiegel" der ARD ansehen. Und da kommt unweigerlich immer der "Chávez-Gegner" Professor Friedrich Welsch zu Wort. Der Mann dient allen einschlägig verdächtigen (neo-)liberalen Medien wie Zeit, taz und ARD als Gewährsmann für Chávez-Kritik. Dass er sein Lehramt an der Simon-Bolivar-Universltät immer noch ausüben darf, zeigt den Grad der Meinungsfreiheit in Venezuela. Aber Welsch ist längst nicht so voreingenommen wie die Medienleute, die mit seinen Äußerungen ihre Propaganda gegen Chávez unterfüttern. Er tut nur das, was bürgerliche Wissenschaftler so tun.
Ein typisches Beispiel für eine flotte Feder im Dienst des Kapitalismus ist der taz-Autor Knut Henkel, der seine antisozialistischen Vorurteile früher aus Havanna verbreitete, und gestern aus Caracas berichtete, mit dem einzigen Ziel, die gängige Ablehnung von Hugo Chávez zu untermauern: Der Kerl schafft es einfach nicht, das Land zu regieren. Überschrift, zweifelsohne von einem Redakteur des Auslandsressorts gebastelt: "Das System Chávez strauchelt". Dass Knut Henkel gar nicht so weit geht, das zu behaupten - issja wurscht, Hauptsache wir haben dem blöden Indio mal wieder eine reingewürgt.
Das mit dem Straucheln ist reines Wunschdenken, aber nichts wäre Henkel offenbar lieber. Selbstverständlich werden die Erfolge im Gesundheits- und Erziehungswesen und bei der Hilfe für die Ärmsten nebenher erwähnt, aber möglichst klein geredet. Henkel geht, ob in Kuba oder Venezuela, immer nach dem gleichen, leicht durchschaubaren Schema vor. Er zitiert eine Stimme aus dem Volk, die Unzufriedenheit artikuliert, und lässt sie seine (Henkels) Sicht der Dinge aussprechen: "Zwar gibt es bei uns einen Gesundheitsposten, aber Arbeit hat uns Chávez bisher nicht gebracht."
Jetzt mal ganz abgesehen davon, dass unser taz-Mann eine solche Aussage vor jeder Arbeitsagentur einer deutschen Groß-oder Kleinstadt einholen kann, die Absicht wird deutlich: Chávez soll madig gemacht werden. "Zwar konnten die Armuts- wie die Anaplphabetenquote merklich gesenkt werden", gibt Henkel zu -aha! - doch: "Experten wie der in Caracas lehrende Politikprofessor Friedrich Welsch argumentieren, dass diese Erfolge wenig nachhaltig seien." Was immer das auch heißen mag.
Auch das gehört zum Schema F der Berichte von Knut Henkel: Nach der unzufriedenen Stimme aus dem Volk lässt er den "Experten" zu Wort kommen. Wer oder was dieser "Politikprofessor" ist, erfährt der Leser nicht, nur dass er offenbar Henkels Voreingenommenheit und Abneigung gegen die sozialistische Demokratiebewegung von Chávez teilt: "Wichtige Indikatoren wie Kindersterblichkeit sind nicht wesentlich gesunken." Und dann erfährt der taz-Leser, dass Chávez seine Misiones Sociales, die Sozialprogramme für Gesundheit, Bildung und Armenspeisung, aus den Einnahmen des Erdölexports finanziert (früher ging die ganze Kohle an die multinationalen Ölkonzerne). Und jetzt geraten die Programme in Schwierigkeiten, "weil ihm das Geld angesichts der relativ geringen Weltmarktpreise für Erdöl ausgeht".
Man sieht richtig, wie sich Knut Henkel schadenfroh die Hände reibt: "Das System Chávez strauchelt". Henkel tut einfach so, als könnte der venezolanische Präsident selbst den Weltmarktpreis für Öl bestimmen, und wäre schuld daran, dass weniger Geld für die Misiones Sociales zur Verfügung steht.
Es geht also abwärts, hehehe, und da darf auch Professor Welsch noch einmal die pessimistische Grundhaltung Henkels bezeugen: "Auch Anhänger der Regierung sind schon auf die Straße gegangen, weil der Staat seinen Zahlungsverpflichtungen nicht gerecht wird."
Hah! Was zu beweisen war: Dieser Sozialist kriegt's einfach nicht auf die Reihe. Man sollte so was gar nicht erst anfangen - Kapitalismus bringt's!

Eine etwas ausgewogenere Sicht der Dinge verbreitete die "Bundeszentrale für politische Bildung" über Venezuela im August 2007. Da schrieb Steffen Leidel in einem sehr informativen Beitrag über den von Chávez verstaatlichten Erdölkonzern PdVSA (interessant, dass auch da Professor Welsch rumnörgelt): "2006 setzte das Unternehmen 102 Milliarden US-Dollar um. Dennoch brach der Netto-Gewinn um rund 30 Prozent ein. Mit ein Grund dafür ist das hohe Sozialbudget des Unternehmens. Es stieg laut PdVSA 2006 um 91 Prozent auf 13,3 Milliarden US-Dollar. Manch einer bezeichnet PdVSA etwas spöttisch als Charity-Unternehmen mit einer Erdölabteilung. 'PdVSA baut Straßen, Schulen und Krankenhäuser, kümmert sich um Denkmalschutz, fördert Kunst, Kultur und Wissenschaft. Doch das Kerngeschäft wird vernachlässigt', sagt der Politologe Friedrich Welsch von der Simon-Bolívar-Universität in Caracas.
Mit den Erdöleinnahmen finanziert Chávez auch die so genannten 'Misiones'. 2003, kurz nach dem gescheiterten Putsch gegen ihn, hatte Chávez die milliardenschweren Sozialprogramme eingerichtet. Eines der bekanntesten ist 'barrio adentro' (Im Viertel). Es soll vor allem die medizinische Versorgung der verarmten Bevölkerung sicherstellen. Auf der Grundlage eines Kooperationsabkommens zwischen Kuba und Venezuela sind mehr als 25.000 kubanische Ärzte, Arzthelfer und Krankenschwestern nach Venezuela gekommen, die die Bevölkerung kostenlos behandeln. Im Gegenzug liefert Venezuela 100.000 Barrel Öl täglich nach Kuba.
Insgesamt gibt es etwa 20 'Misiones'. Ein weiterer Schwerpunkt ist Bildung. Für Erwachsene gibt es die Möglichkeit, einen Schulabschluss nachzumachen und eine der neuen Universitäten zu besuchen. Über die so genannten Mercal-Geschäfte werden Grundnahrungsmittel zu verbilligten Preisen angeboten. Weitere 'Misiones' widmen sich unter anderem der Förderung der Landwirtschaft, des Wohnungsbaus und der Kultur. Chávez verteilt seine Geschenke öffentlichkeitswirksam und provoziert damit auch gerne mal seinen Lieblingsfeind, die US-Regierung. So lieferte er schon Heizöl an arme Menschen in der Bronx."

Die taz hat nur einen einzigen Korrespondenten in Südamerika, der die sozialistischen Bewegungen mit Sympathie und Hoffnung begleitet: Gerhard Dilger. Aus den Berichten Knut Henkels lese ich nur völliges Unverständnis für den Kampf gegen die neoliberalen Kräfte, gegen die Herrschaft der alten kapitalistischen Eliten und der multinationalen Konzerne. Mit anderen Worten: Knut Henkel dient dem herrschenden System. In der taz.


17. Juni 2009

Picknick-Tag der Deutschen Einheit

Heh, erinnert sich noch jemand? Heute ist Feiertag, zum Gedenken an die Opfer des "Arbeiteraufstands" 1953 in Ostberlin wurden früher immer Picknick-Körbe gepackt, die Kinder auf den Autorücksitz verfrachtet, und ab ging's ins Grüne. Ja, der 17. Juni war eine sehr beliebter Feiertag. Ich werde ihn auch in diesem Jahr einhalten, der Brüder und Schwestern in der Zone gedenken, ihren heldenhaften Einsatz gegen die kommunistische Diktatur würdigen und das Prachtwetter unter einem Baum genießen. Der Wetterbericht sagt für heute und morgen strahlenden Sonnenschein voraus, da will ich mich doch nicht lang mit der taz abmühen.

Letzte Warnung an die Wahrheit-Redaktion

Seeehr komisch, das Tagebuch in die Verlängerung gehen zu lassen. Gibt's nächste Woche noch Elfmeterschießen?

Randale in Kreuzberg! Iran bestellt deutschen Botschafter ein!

Die Fotos aus Teheran erinnern sehr an den 1. Mai in Kreuzberg. Hat schon mal jemand davon gehört, dass deswegen der deutsche Botschafter vom iranischen Außenminister einbestellt wurde? Nee? Aber wenn FW Steinmeier den iranischen Botschafter zu sich zitiert, um sich in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes einzumischen, finden das alle in Ordnung.
taz-Autor Bahman Nirumand, der in Berlin wohnt, weiß selbstverständlich, dass die Wahlen gefälscht wurden ("der eklatante Wahlbetrug gleicht einem Staatsstreich"), Mussawi ist der Gute, Ahmadinedschad der Böse und Ajatollah Chamenei der Hässliche. Alle Medien berichten mal wieder in trauter Einheitlichkeit dasselbe - Mullahs sind bäh, wir hier wüssten schon, wie man den Iran regieren muss.

Schöne Sommertage!

P. S. Wenn das Wetter schlechter wird, erzähle ich Ihnen gern mal was von dem Deutschen, der einer der einflussreichsten Berater von Hugo Chávez ist. Wollen Sie jetzt schon mehr wissen? Klicken Sie einfach auf den Link im gestrigen Eintrag. Im Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung von Steffen Leidel steht was über ihn.


19. Juni 2009

Betr.: Abwesenheitsmitteilung Freie Union

Einen wunderschönen, guten Tag!

Aufgrund der enormen Anfragen aus ganz Europa, ja sogar bis Übersee, sind wir derzeit nicht in der Lage alle eMails individuell zu beantworten.
Bitte schauen Sie wegen der neuesten Vorgänge auf die Homepage www.gabriele-pauli.de!
Dort werden alle nötigen Informationen zeitnah veröffentlicht.
Die Parteigründung wird am kommenden Sonntag, 21.06.2009 in München im Hofbräukeller in der Inneren Wiener Str. 19 im 1. Stock/ Festsaal ab 13 Uhr stattfinden!

Frühlingserwachen für Deutschland

Danke!
i.A.
Josh Reuter
 

Klimaschutz? Ich? Nie gehört!


Sie sind jetzt also, geschätzter Leser, beim Eintrag vom 19. Juni 2009 gelandet. Nachdem Sie sich gefragt haben, was das Foto da oben bedeuten soll, auf dem schwarze Porsche-Autos zu sehen sind, die vor einem Passagierjet abgestellt wurden. Und vor allem haben Sie bestimmt überlegt: Was bedeutet die Bildunterschrift "Da lacht der Lemming!"?
Vielleicht kann ich Ihnen weiterhelfen, mit ein paar Meldungen aus den letzten Tagen und Wochen. Ein Musikredakteur, früher taz, jetzt Spiegel, schreibt über den Easyjetset, die jungen Menschen, die aus ganz Europa übers Wochenende per Billigflieger in Berlin einfallen und der Clubszene einen tollen Boom bringen. Kein Wort des früheren taz-Mannes zur Frage, was diese Fliegerei für Auswirkungen aufs Klima hat. Klimawandel? Waaas?
Irgendein altgedienter ARD-Journalist, dessen Name mir gerade entfällt, hat seinen Hauptsitz am Starnberger See und einen zweiten Job in Berlin. Er sieht sich als "Pendler" - fliegt drei Mal die Woche zwischen München und Berlin hin und her. Kein Wort des taz-Journalisten, dass ein solcher Lebensstil das Klima beeinflusst.
Miriam Meckel, die Professorin für Kommunikationswissenschaft mit Lehrstuhl in St. Gallen, arbeitet auch noch für die PR-Firma Brunswick in Berlin. Der taz-Autor, der sie besucht, stellt keine Fragen, wie das geht, zugleich in der Schweiz und in der deutschen Hauptstadt Jobs zu haben. Es geht, wenn man ständig zwischen Berlin und Zürich hin- und herfliegt.
In der taz vom Dienstag schreibt Annette Jensen über das neue Heft der Zeitschrift Transit zum Thema "Klimapolitik und Solidarität": "Der Aufsatz des Politologen Ingolfur Blühdorn geht mit ebendiesen Bürgern hart ins Gericht. Die Ölkrise, Tschernobyl und der Erdgipfel in Rio - zu vielen Zeiten wurde eine umweltpolitische Wende erwartet. Tatsächlich aber ist der ökologische Fußabdruck der Menschen in den fortgeschrittenen Konsumentendemokratien immer größer geworden. Heute herrsche ein stiller Konsens, dass 'Lebensstile, seien sie nun nachhaltig oder nicht, im Prinzip nicht verhandelbar' seien. Besonders pessimistisch muss dabei stimmen, dass ausgerechnet diejenigen, die umweltpolitisch am besten informiert sind, die meisten Ressourcen verbrauchen, wie Nadine Pratt aufzeigt."
Interessant: Lebensstile sind nicht verhandelbar. So ähnlich hat das auch mal George W. Bush ausgedrückt: "The American Way of Life is not negotiable", über den amerikanischen Lebensstil kann man nicht verhandeln. Nicht einmal die taz und ihre Redakteure und Autoren (es gibt Ausnahmen, aber ja!) haben - trotz ihrer Informationen - auch nur eine Spur von kritischer Einstellung zum Lebensstil der "fortgeschrittenen Konsumentendemokratie". Noch ein Beispiel? taz von gestern, Sportseite, "Leibesübungen". Ronny Blaschke berichtet ohne eine Spur von Problembewusstsein, schon fast begeistert, über Horst R. Schmidt, einen ehemaligen Generalsekretär des Deutschen Fußballbunds, der in Südafrika bei der Organisation der Fußball-WM als Berater arbeitet: "... nun ist er regelmäßig in Südafrika. Seit zweieinhalb Jahren, zuletzt  acht Tage im Monat."
Wie das geht? Na, er fliegt ein Mal im Monat von Deutschland nach Johannesburg, arbeitet dort acht Tage, und fliegt dann wieder zurück. Jetzt mal abgesehen davon, dass ich den Mann wirklich nicht beneide: Er ist irre. Genau wie all die Leute, die immer noch nicht geschnallt haben, dass es auf die Veränderung ihres Lebens ankommt. Und zwar nicht im Sinne von "Du musst dein Leben ändern", wie Peter Sloterdijk seinen Lesern empfiehlt, sondern im Sinne von "Ich muss mein Leben ändern", wie es hier oben im Vorspann heißt.
Dieses tazblog erscheint regelmäßig seit April 2008. Und das Folgende war der erste Eintrag, wie alle Einträge seither nachzulesen, wenn Sie oben in der Leiste auf "Blog + E-Books" klicken. Von einer "Abwrackprämie" wusste ich, wussten wir damals noch nichts.

------ 10. 4. 2008

Ois für die Katz

Eine Meldung in der taz, ganz klein und versteckt auf Seite 7: "Fliegen ist noch schädlicher als angenommen". Na ja, wer hat denn was angenommen? Es kann ja sein, dass heute mehr Leute als vor einem Jahr wissen, wie schädlich Fliegen für die Atmosphäre ist. Fliegen und Autofahren werden dem Planeten den Rest geben.
Aber das hat keinen Einfluss auf das Verhalten meiner deutschen Mitbewohner. Im Jahr 2007 wurde noch mehr geflogen als im Jahr 2006. Und Flugbenzin wird immer noch nicht versteuert. In München und Frankfurt werden noch weitere Start- und Landebahnen gebaut. Und für 29 Euro kann man nach Malle fliegen. Spitze!
Der Medienhype um den Klimawandel, Nobelpreis für Al Gore, Dauerwerbung für Hybridautos - und herausgekommen ist nichts, nada, niente. In Deutschland wurden noch mehr Autos verkauft, noch mehr Spritschlucker gebaut von Porsche, Audi, Mercedes, BMW, Volkswagen und wie die mächtig Herrschenden heißen, an deren Marionettenfäden noch jede Regierung in diesem Land zappelte. Es gibt immer noch keine bundesweite Geschwindigkeitsbegrenzung für Pkw, keine Rußfilter für Lkw. Und es gibt keine ernsthaften Versuche, den Güterverkehr von der Straße auf die Schiene zu verlegen, im Gegenteil, nach allen Prognosen wird sich der Lkw-Verkehr in den nächsten Jahren verdoppeln. Es gibt nirgends auch nur den Hauch eines Ansatzes, endgültig den Bau neuer Straßen zu beenden und das Schienennetz zumindest auf den Stand der späten fünfziger Jahre zurückzubringen. Damals war noch jeder Winkel des Landes mit der Bahn zu erreichen, kleine und große Pakete und Güter wurden als Expressgut befördert, und damit tausende Fahrten mit Kleintransportern überflüssig. Und im Zugabteil konnte man die Fenster aufmachen und die Landschaft riechen.
Um an immer mehr Leute immer mehr Autos verkaufen zu können, wurden nach und nach alle Nebenstrecken stillgelegt, so dass heute jeder, der nicht in Großstädten lebt, zum Autobesitz gezwungen wird. Gleichzeitig werden die Nahverkehrspreise ständig erhöht (in München immer dann, wenn keine Kommunalwahlen anstehen oder sie gerade vorbei sind). Auch Bahnfahren wird immer teurer, um mit (vier) Millliarden Gewinn protzen und das ganze Volkseigentum lukrativ an der Börse verscherbeln zu können.
Dabei gibt es nur ein Verkehrsmittel, das tatsächlich den entscheidenden Unterschied beim Kampf gegen die Klimaerwärmung macht: Die Bahn. Mit einem optimalen  Schienennetz würden Inlandsflüge überflüssig und ländliche Gegenden wieder vom Auto unabhängig. Und ein großer Anteil des Güterverkehrs könnte zurück auf die Schiene gebracht werden.
Will das denn keiner? Doch, das wollen sogar viele Leute. Nur nicht die Vorstände der großen Logistik- und Autokonzerne, nicht Frau Merkel, nicht Herr Beck, keiner der abgehobenen Angehörigen der politischen Klasse, keiner, der einen steuerlich bevorzugten Dienstwagen fährt, keiner, der die Macht hat, die Weichen so zu stellen, dass der Planet nicht ruiniert wird. Keiner. Und auch Al Gore macht lieber Werbung für Autos mit Hybridmotor als für den Ausbau des Schienennetzes in seinem Heimatland.
Nicht mal ein Tempolimit kriegen sie hin in Deutschland, damit die BMW-Audi-Mercedes-Volkswagen-Porsche-Gang, die größte kriminelle Vereinigung in Deutschland, endlich gezwungen würde, andere Autos mit geringerem Spritverbrauch zu bauen statt ihrer SUV-Wahnsinnskisten (das ist die Abkürzung für Saumäßige Umwelt-Verseuchung). Den Zwang zum Auto abschaffen - nee, das wollen sie eh nicht inna Bärliner Koalitiong. Ham ja alle Dienstwagen und Chauffeur und Freifahrt Erster Klasse, und selbst die Ökos finden Fliegen schöner.
Ich hab schon oft gemerkt: Die Leute verstehen überhaupt nicht, wovon du redest. Ein Auto? Aber ey, das braucht doch jeder, Rezzo Schlauch sogar einen Porsche. Es ist die erfolgreichste Gehirnwäsche aller Zeiten, vom Nationalismus, vom Atomstrom und von den Eisbären Knut und Flocke mal abgesehen.

Meldung, taz von heute, 19. Juni 2009, Seite 1:
Klimaziel kaum noch erreichbar
Berlin taz Klimawissenschaftler warnen in einem neuen Bericht davor, dass das wichtigste Klimaziel kaum mehr erreichbar ist: eine Begrenzung des Temperaturanstiegs auf 2 Grad.

WWN*)

Die unsinnigsten Beauty-OPs

Für jede Problemzone gibt es mittlerweile den passenden Eingriff. Ob Gesäßstraffung oder Schamlippenverkleinerung - alles ist möglich. Sehen Sie selbst.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)


21. Juni 2009

Sommersonnenwende

Heute ist der längste Tag des Jahres, Johannistag. Hier in München ging die Sonne bei klarem Himmel um 4 Uhr 54 auf - ich hab's glatt verschlafen, obwohl ich unbedingt ein Foto machen wollte, um festzuhalten, an welcher Stelle sie da drüben über den Dächern der Herzogparkstraße hochkommt.
Gerade höre ich in den Nachrichten, dass sich noch nie so viele Menschen in Stonehenge zum Sonnenaufgang versammelt haben wie in diesem Jahr. Leider war der Himmel von Wolken bedeckt, und die Leute konnten nicht sehen, wie
um 4 Uhr 58 die Sonne genau hinter dem vorgesehenen Stein aufging. Dafür hab ich keine Mühe gescheut und das Foto hier im Internet geklaut: So sieht's an einem wolkenlosen Sommersonnenwendetag in Stonehenge aus.
Ich wünsche Ihnen (und mir) sonnige Monate mit nicht mehr als 30 Grad, angenehm kühle Nächte, und genug Regen, damit die Bäume und Pflanzen üppig wachsen und gedeihen.


Guter Rat


An einem Sommermorgen
Da nimm den Wanderstab,
Es fallen deine Sorgen
Wie Nebel von dir ab.

Des Himmels heitere Bläue
Lacht dir ins Herz hinein,
Und schließt, wie Gottes Treue,
Mit seinem Dach dich ein.

Rings Blüten nur und Triebe
Und Halme von Segen schwer,
Dir ist, als zöge die Liebe
Des Weges nebenher.

So heimisch alles klinget
Als wie im Vaterhaus,
Und über die Lerchen schwinget
Die Seele sich hinaus.

Theodor Fontane (1819-1898)

Die sonn(wend)taz

Redaktionskonferenz, Freitag, 19. Juni, 17:30 Uhr, taz-Gebäude, Rudi-Dutschke-Straße 23, Berlin. Man braucht dringend eine Schlagzeile für die Seite eins der Samstagsausgabe. Müde sitzen herum: Zwei stellvertretende Chefredakteure, ein Chef vom Dienst und eine Praktikantin, die lernen soll, mit welchen Reizwörtern Zeitungen am besten verkauft werden. Ganz sicher ist: "Angst" und "Furcht" sind immer gut, "irre" Regierungschefs anderer Länder bringen auch Auflage. Bei der taz kommt noch ein Name hinzu, der sich als verkaufsfördernd bewährt hat: Lafontaine. Aber nur, wenn er schlecht gemacht wird.

stellv. CR 1 (schaut auf die Rolex): "Noch zwanzig Minuten, dann legt die Druckerei in Frankfurt los. Und wir haben immer noch keine Schlagzeile."
(langes Schweigen in der Runde)
CvD: "Wie wär's mit 'Chamenei - der Irre von Teheran'?"
stellv. CR 1: "Heh, nicht schlecht! Wir müssen aber was über Die Linke aufn Titel bringen, die ham Parteitag."
stellv. CR 2: "Na, da sach ick mal, nur so angedacht: 'Oskar Lafontaine steht das Wasser bis zum Hals'?"
CvD: "Hatten wir neulich erst."
stellv CR 1: "Dann halt was mit  Angst. Hatten wir nicht vor ein paar Wochen 'Angst vor der Schweinegrippe'."
stellv. CR 2: "Ah, ja, aber ich glaub, es hieß 'Furcht vor der Schweinegrippe'."
Prakt.: "Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Furcht und Angst?"
stellv. CR 2: "Naja, Furcht ist was Konkretes, da weiß man, wovor. Angst ist, wenn man nicht genau weiß, was einen bedroht."
Prakt.: "Vielleicht so was wie neulich mit Seehofer: 'Lafontaines Geliebte - Furcht vor Schwangerschaft'."
stellv. CR 2: "Hat der denn eine Geliebte?"
Prakt.: "Issdas nicht egal?"
stellv. CR 2: (wirft ihr einen düsteren Blick zu)
CvD: "Hah! Ich hab's: 'Die Angst vor Lafontaine'."
(längeres Schweigen. Dann:)
stellv. CR 1, stellv. CR 2 (wie aus einem Munde): "Oh Mann, das ist genial! Genau dasisses!!! Gib's ein, Mann, das wird die Schlagzeile auf Seite eins, Samstagsausgabe: 'Die Angst vor Lafontaine'."
CvD: "Da werden sie mal wieder Augen machen bei der Bild-Zeitung."

(Alle klappen die Laptops zu und eilen wortlos hinaus. Wochenende! Samstags hat der Journalist frei.)

Und der Rest der sonntaz? Klassenkampf im Bilderland

Eine höchst interessante Besprechung auf der Seite "Politisches Buch": Brigitte Werneburg schreibt über "Bildermarkt Nahostkonflikt. Ethonlogische Untersuchungen zur Praxis der Kriegsfotografie" von Martin Heidelberger. Der fiel mir letztes Jahr schon mal auf, weil er in der taz von dem Fotografenkollektiv Activstills aus Tel Aviv berichtet hatte. Das  war offenbar Teil seiner Arbeit, die jetzt beim Lit Verlag Berlin als Buch herauskam (19 Euro). Die Ergebnisse seiner Untersuchung sind nur auf den ersten Blick überraschend. Brigitte Werneburg: "Statt auf Manipulation und Inszenierung stößt Heidelberger auf ein journalistisches Klassensystem mit Arbeitsbedingungen, Honoraren und Löhnen, die sich ebenso krass unterscheiden wie die jeweilige Bewegungsfreiheit des Fotografen." Während ein israelischer Fotograf auch mal in Berlin und Brasilien ausstellen kann, so Heidelberger, hat ein palästinensischer Fotograf aus Bethlehem "aufgrund der politischen Situation oft nicht einmal die Möglichkeit, in die benachbarte Stadt zu fahren."

22. Juni 2009

Liebe, Friede, Freude - und Geduld:
Das (weiß-)blaue Wunder

Eines muss man Dr. Gabriele Pauli lassen: Sie hat ein Gespür für Freiräume. Und für Symbole. Und für den Fluss der Dinge ebenso wie für den rechten Zeitpunkt. Beim Sturz von Edmund Stoiber hat sie deutlicher als andere gesehen, dass er reif zum Abpflücken war, das Potential der Freien Wähler hat sie ebenso rechtzeitig genutzt, und wenn sie jetzt eine Partei jenseits der Politik gründet, darf sie - da verlass ich mich jetzt mal auf mein Gespür - zu diesem Zeitpunkt mit großem Zuspruch rechnen. Die jetzt herrschenden Parteien haben ein Vakuum geschaffen, in das Gabriele Pauli eindringen kann, ohne auf Widerstand zu stoßen: Da ist ja niemand. Indem sie den Begriff des Politischen erweitert, schafft sie sich selbst einen neuen politischen Freiraum, nimmt Land in Besitz, das bisher keiner beansprucht hat. Und es könnte sein, das da mehr Leute wohnen, als den etablierten Parteien recht sein kann. Pauli könnte dafür sorgen, dass die ihr (weiß-)blaues Wunder erleben.

"Freie Union" als Parteiname ist schon mal nicht schlecht, und dann auch noch mit "Liebe, Friede, Freude" genau die Dinge anzusprechen, die im Politikbetrieb nicht vorkommen, zeugt auch von Instinkt: Das meine ich mit Freiräume. Pauli besetzt die offenen Felder, wo sie sich ausbreiten kann, weil alle anderen den Freiraum gar nicht wahrgenommen haben.
Wer bei "Liebe und Frieden" nur bis zu den Hippies der Sechziger Jahre zurückdenkt, wird erstaunt sein, dass Gabriele Pauli mit ihrem Motto noch viel tiefer schürft - in der Geschichte und im kollektiven Unterbewussten. "Liebe, Friede, Freude" - das war die Botschaft des ägyptischen Pharaos Echnaton (etwa 1350 vor Christus), dessen Ehefrau bis heute berühmter ist als er selbst: Nofretete. Echnaton hatte sich, durch ein Erweckungserlebnis - ähnlich dem von Mystikern wie Meister Eckard und Jakob Böhme - vom Glauben an viele Götter abgewandt und in seiner Regentschaft den Glauben an nur einen Gott propagiert: Aton, der Gott der Sonnenscheibe. Das war zu seiner Zeit die wahre Ketzerei, denn die Macht hatten die Priester, die Ägyptens vielfältige Götterwelt vertraten, an der Spitze die Priester des Gottes Amun. Schon vor dem Alten Testament begründete Echnaton also eine montheistische Religion.
Echnatons Motto "Liebe, Frieden, Freude" und sein Glaube an den einen Gott wurden schon kurz nach seiner Regentschaft vergessen (gemacht) und erst im 19. Jahrhundert wieder entdeckt. Ich wette, Gabriele Pauli verwendet sein Motto nicht zufällig. Dass sie noch "Geduld" hinzufügt, erweitert den Kreis der Menschen, die sie ansprechen will. Für sie selbst gilt wohl eher der Grundsatz: Abwarten bis zum richtigen Zeitpunkt, und dann zuschlagen.
Jetzt bin ich mal gespannt, wie sie das in Parteipolitik umsetzt. Ich halte ihr beide Daumen. Jeder, der Wählerstimmen von der korrupten politischen Klasse CDU-CSU-SPD-Grün-FDP abzieht, hat meine Sympathie. Dass ich trotzdem gestern nicht hinüber zum Hofbräukeller zur ersten Versammlung der "Freien Union" gegangen bin, hat zwei Gründe: Ich würde niemals in eine Partei eintreten, die Leute wie mich aufnimmt. Und: Ich boykottiere den Hofbräukeller, weil ein Preis von 3,50 Euro für eine Halbe Bier darauf hinweist, dass der Wirt seinen Laden nach dem Motto "Gier ist geil" führt.


23. Juni 2009

Boris Vian - ausnahmsweise

Sie wissen ja: Hier werden nur Geburtstage gefeiert, keine Todestage. Aber weil sich heute alle möglichen Bürgermedien damit abquälen, den großen Anarchisten Boris Vian zu feiern, der vor genau 50 Jahren gestorben ist, wiederhole ich einfach, was an seinem Geburtstag (20. März) hier im tazblog stand.

Die Kurzbio klau ich gleich bei Wikipedia: "Boris Vian (* 10. März 1920 in Ville d'Avray; † 23. Juni 1959 in Paris) war ein französischer Schriftsteller, Jazztrompeter, Chansonnier, Schauspieler, Übersetzer, wesentliches Mitglied des Collège de Pataphysique und Leiter der Jazzplattenabteilung bei Philips. Nach seinem Tod zunächst ein wenig in Vergessenheit geraten, gilt er heute wieder als einer der interessantesten Intellektuellen der französischen Nachkriegszeit."
Das freut den Fan: Vian "gilt" - hä? Wer sagt das? Woran merkt man das? Und weshalb benutzen Journalisten immer wieder diese hilflose Vokabel "gilt"?

Mein Lieblingsbuch: "Der Schaum der Tage"
Mein Lieblingstitel (Buch und Theaterstück): "Ich werde auf eure Gräber spucken"
Mein Lieblingslied: "Le déserteur"
Meine liebste Vian-Biographie: "Boris Vian. Der Prinz von Saint-Germain", von Klaus Völker, 12,90 Euro
Meine zweitliebste: "Boris Vian" von Philippe Boggio (antiquarisch, ab 8 Euro)

Zitat:
"Wenn es schon nötig ist, sein Blut hinzugeben,
dann geben Sie doch ihr eigenes hin.
Sie sind mir ein schöner Apostel, monsieur le président."
(aus: Le Déserteur)

Amtliche WARNUNG vor DAUERREGEN
für Landkreis und Stadt München

Es tritt Dauerregen mit Mengen zwischen 40 und 60 Liter pro Quadratmeter in 48 Stunden auf. Vereinzelt können die Regenfälle auch durch Gewitter verstärkt werden. Dann können zeitlich und räumlich eng begrenzt auch über 60 Liter bis Mittwoch Abend zusammen kommen.
[gültig von: Montag, 22.06.2009 12:00 Uhr bis: Mittwoch, 24.06.2009 12:00 Uhr]

Now can't you see those dark clouds gathering up ahead?
They're gonna wash this planet clean like the bible said
Now you can hold on steady, try to be ready
but everybody's gonna get wet
Don't think it won't happen just because it hasn't happened yet

- Jackson Browne, The Road and the Sky


Die Kur

Es ging um die Frage, ob bei ihm eher die "Freude in Erwartung eines politischen Wandels" vorherrscht, wenn er die Nachrichten aus Teheran verfolgt. Da erinnert Friedrich Küppersbusch gestern in seinem Montagsinterview in der taz erst einmal daran, dass Bush sen. den Iran-Gegner Saddam Hussein im Irak an der Macht hielt (vielleicht darf ich noch daran erinnern, dass der Westen das Giftgas geliefert hat, mit dem Saddam den Iran angriff). Küppersbusch: ""Seit dem zweiten Golfkrieg drohte Bush jun. mit einem Angriff auf Iran." Und dann sagt Friedrich Küppersbusch einen Satz, der in Marmor gemeißelt über den Eingangstüren deutscher Zeitungen angebracht werden sollte:

"Die Welt besteht nicht aus glücklichen westlichen Ländern und armen nichtwestlichen, die wir noch nicht kuriert haben."

Die Guten ...

... werden so selten gelobt, weshalb ich noch auf den großartigen Artikel von Elisabeth Raether über die französische Politikerin Rachida Dati hinweisen möchte. Was für eine traurige Erfolgsgeschichte! Eine Immigrantin aus Algerien (Vater: Maurer, Mutter: Putzfrau), die sich zur Richterin und mit 41 Jahren zur Justizminsterin unter Nicolas Sarkozy hocharbeitet, und mit der herrschenden Machtelite gegen die unteren Klassen paktiert. Jetzt wurde sie ins Europaparlament abgeschoben, weil Sarkozy offenbar mit ihr nichts mehr anfangen kann.
Wie sang Neil Diamond so weise: The higher you pop, the longer you drop.

WWN*) (Krise? Welche Krise? Was fürn Klima?)

Spaß satt

Fun-Mobil mit über 600 PS: Tuner Fornasari baut einen neuen Geländesportwagen. Der "Racing Buggy" schafft 280 km/h. Ganz billig ist der Extremsportler aber nicht.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)


24. Juni 2009

Die Wahrheit

Schwestern, Brüder, Mitbürger! Es geht aufwärts, zur Sonne, zur Freiheit, zum Licht! Das Grauen ist besiegt! Goldene Zeiten brechen an! Die Zukunft liegt strahlend und glitzernd vor unseren Augen, der Regenbogen verkündet das Ende der Dunkelheit, denn gestern wurde schier Unglaubliches Wirklichkeit: Es erschien die erste Dienstagsausgabe der taz seit über einem Jahr ohne "Das geheime Tagebuch der Carla Bruni." Na bitte - geht doch!!! Jetzt glaube ich auch, dass gesellschaftliches Leben ohne Herrschaft von Menschen über Menschen möglich ist: Anarchie ist machbar, Herr Nachbar!

Sag ich doch: Die Autokanzlerin

"Ob Waldgesetz oder Umweltgesetzbuch, ob Effizienzgesetz, Versteigerung von CO2-Zertifikaten oder EU-Autorichtlinie: Praktisch jedes umweltpolitische Projekt dieser Legislaturperiode hat die Union bekämpft. Im besten Fall wurden die Gesetze dadurch nur verzögert oder abgeschwächt, häufig aber völlig verhindert."
- Malte Kreutzfeldt, Ressortleiter Wirtschaft + Umwelt, taz

Noch Fragen?
www.die-klima-allianz.de
www.kohle-protest.de
www.klimawahl2009.de

Die Piemont-Fraktion - weder gerührt noch geschüttelt: gehobelt

"An diesem ersten Abend lassen wir uns in einem Restaurant im nahen Provinzstädtchen Moncalvo Spaghetti mit weißem Trüffel (gehobelt) und Filetstreifen vom Wildschwein in Barolo servieren. Spät in der Nacht genießen wir noch die Stille des Weltalls - und eine Flasche süffigen Barbaresco der hiesigen Winzergenossenschaft Sette Colli."
- Klaus-Peter Klingelschmitt, taz-Vertretung in Frankfurt, zur Frage, warum es "einfach zu schön" ist, mit 50 plus noch links zu sein.

Wow! Interview mit Hamas-Führer!

Wie konnte das passieren? Erst bin ich total verblüfft, weil ich schon angenommen habe, die Israel-Korrespondentin Susanne Knaul wäre mal von ihrer einseitigen Berichterstattung abgewichen. Doch beim zweiten Hinsehen fällt mir auf, dass Kirstin Helberg das Interview geführt hat. Trotzdem bleibt festzuhalten: In der taz kommt Musa Abu Marsuk zu Wort, Vize des Politbüros der Hamas, der Partei, die in Palästina die letzten demokratischen Wahlen gewonnen hat. Und er stellt eine berechtigte Frage: "Die internationalen Abkommen beinhalten das Rückkehrrecht der Palästinenser, die Zwei-Staaten-Lösung, Israels Rückzug aus den 1967 besetzten Gebieten, einen Siedlungsstopp und ein Ende der illegalen Landnahme. Alle diese Prinzipien werden von Israel verletzt. Wie können sie von Hamas eine Anerkennung früherer Abkommen fordern, an die sie sich selbst nicht halten?"
Und bevor es ganz in Vergessenheit gerät, sei noch einmal daran erinnert: Der Gaza-Streifen wird von Israel immer noch zu  Wasser und zu Lande abgeriegelt.

Wie immer

Zehn Tonnen einer ätzenden und wassergefährdenden Chemikalie, die abgekürzt HPN heißt, sind aus dem BASF-Stammwerk in Ludwigshafen in den Rhein gelaufen. Na, was glauben Sie, was der Pressesprecher als Erstes verkündet? Klaro: Eine Gefährdung von Mensch und Umwelt ist nicht zu befürchten.

Bundeswehr-Trauma: Alles gut und suffizient behandeln

Der Herr ist Psychiater, Spezialist für Traumaerkrankungen, und arbeitet für die Bundeswehr. Das ist brav, denn dort wird er benötigt: Zehn Prozent der Jungs, die in unseren Auslandskriegen eingesetzt werden, sind hinterher schwer gestört. Aber, so die taz schon in der Unterzeile: "Die psychische Störung ist in der Truppe ein Tabu, kann aber geheilt werden."
Ah, prima, wir haben alles im Griff, seelische Kriegsschäden sind heilbar. Der Psychiater Peter Zimmermann auf die Frage, ob Traumapatienten danach wieder an Kriegseinsätzen teilnehmen können: "Doch, doch. Wenn jemand gut und suffizient behandelt wurde, gibt es gar keinen Grund, ihn nicht wieder ins Ausland zu schicken."
Danach kann man ihn dann ja wieder gut und suffizient behandeln.


25. Juni 2009

Misstrauen


Warum werd ich nur immer so misstrauisch, wenn sich alle Medien einig sind? Ich sehe nur noch Propaganda, und jetzt wird Mahmud Ahmadinedschad von tagesschau.de auch noch dafür verantwortlich gemacht, dass ihn ein paar Rechtsradikale in Deutschland gut finden.
Was die Kritik an England und der BBC-Berichterstattung betrifft: Da hat die iranische Führung ja wohl gute Gründe, jede Einmischung in innere Angelegenheiten des Landes zurückzuweisen. Die britische Upper Class glaubt seit Jahrhunderten, sie wüsste, wie man dem Rest der Welt eine bessere Regierungsform beibringt. Vor allem zwischen Mittelmeer und Ganges gibt es kein Volk, das nicht von den Briten belogen und betrogen worden ist, Iran ganz besonders bei den Auseinandersetzungen mit Russland im 19. Jahrhundert. Wer wissen will, was die britischen Kolonialisten im 20. Jahrhundert in Burma (Birma, Myanmar) angerichtet haben, dem empfehle ich die Lektüre von George Orwells Roman "Tage in Burma". Und die Nachfahren dieser britischen Upper Class, die bis in die Knochen korrupte politische Klasse von heute, hat erst vor ein paar Jahren - unter Mithilfe aller Medien von Sun bis BBC - ein propagandistisches Lügengebäude aufgebaut, um den Angriffskrieg gegen den Irak vor dem Wähler zu rechtfertigen. Tony Blairs Nachfolger Gordon Brown hat vor zwei Wochen ohne viel Umschweife deutlich gemacht, dass man eine unabhängige Untersuchung der Irak-Lügen vergessen kann, solange Labour die Regierung stellt. Im Gegensatz zu den Ereignissen im Iran kann Brown auch kein Wahlbetrug vorgeworfen werden - er hat sich nie einer Wahl gestellt.
Und die USA? Bis vor Kurzem hat die Regierung in Washington selten eine Gelegenheit ausgelassen, dem Iran mit einem militärischen Angriff zu drohen (von den Gewaltandrohungen der Israelis mal ganz abgesehen, die alles in Grund und Boden bomben wollen, was mit dem iranischen Atomprogramm zu tun hat - wenn man ihnen nur freie Hand ließe).
Wieso soll ich jetzt auf einmal auf der Seite Englands oder der USA, auf der Seite von Angela Merkel oder Benjamin Netanjahu stehen? Weil ein Video im Internet zeigt, wie eine junge Frau auf der Straße stirbt? Ging nicht erst vor ein paar Monaten ein Video um die Welt, in dem zu sehen war, wie britische Polizisten bei den Demonstrationen gegen das G-20-Treffen in der U-Bahn einen Mann umgebracht haben? Was ist der Unterschied zu dem Video aus Teheran? Dass es sich im einen Fall um eine junge Frau handelt, im anderen um einen Mann in mittleren Jahren? Es gibt noch ein Beispiel von Polizeigewalt aus den letzten Wochen, das allerdings nicht auf Video festgehalten wurde. Es passierte ganz in der Nähe: In Regensburg wurde am 30. April 2009 ein 24-jähriger Musikstudent mit dem ungewöhnlichen Namen Tennessee Eisenberg erschossen, der angeblich zwei Polizisten mit einem Messer bedroht hat. Bei der Obduktion fand man zwölf Kugeln aus Polizeipistolen in seinem Körper, einige trafen ihn im Rücken. Die Staatsanwaltschaft spricht, wie in solchen Fällen üblich, von Notwehr.
Nichts gegen Menschen, die um eine 19-jährige Frau trauern, die in Teheran auf der Straße angeschossen wurde und gestorben ist. Nur: Wer weiß schon, was da passiert ist? Wer geschossen hat? Warum? Wo? Wann? Und was beweist ihr Tod? Ich weiß nur, dass das Video jetzt zu Propagandazwecken missbraucht wird.
Demokratie ist, wenn dem Westen das Wahlergebnis passt.

"Die Welt besteht nicht aus glücklichen westlichen Ländern und armen nichtwestlichen, die wir noch nicht kuriert haben."
-Friedrich Küppersbusch, 22. Juni 2009

26. Juni 2009

Neue Chefin bei der alten taz: Sie will "inhaltliche Relevanz ausbauen"

So steht es in taz.de:

Bascha Mika bleibt bis Mitte Juli im Amt. Nachfolgerin wird Ines Pohl (42). Pohl arbeitete bisher als Korrespondentin für die Mediengruppe Ippen in Berlin. Zuvor leitete sie das politische Ressort der Hessischen / Niedersächsischen Allgemeinen. 2004/2005 war sie als Stipendiatin der Nieman Foundation for Journalism für ein Jahr an der University of Harvard.

"Ich freue mich darauf, gemeinsam mit dem taz-Team in diesen Zeiten, in denen die sozialen Kosten der Finanzkrise immer deutlicher werden, das Profil der taz zu schärfen und ihre inhaltliche Relevanz auszubauen," sagt Ines Pohl.

Reiner Metzger bleibt stellvertretender Chefredakteur. Der bisherige stellvertretende Chefredakteur Peter Unfried wird Chefreporter und taz-Autor.

So weit die Ankündigung der taz in eigener Sache. Spiegel Online drückt den Sachverhalt so aus: "Peter Unfried, zweiter Stellvertreter, wird dagegen künftig nur noch als Autor und Reporter für die 'taz' arbeiten."
Was der Spiegel-Mensch wohl meint mit "nur noch"? Der stellvertretende Chefredakteur, degradiert zum Chefreporter?

Interessant die Formulierung der taz, Ines Pohl hätte "für die Mediengruppe Ippen in Berlin" als Korrespondentin gearbeitet. Welcher Leser, der nicht gerade selbst aus der Branche kommt, kann sich darunter etwas vorstellen? Warum so verschämt? Warum sagt die taz ihren Lesern nicht, dass Pohl für den -
hmmm - eher konservativ ausgerichteten Münchner Merkur des - hmmm - eher konservativ ausgerichteten Münchner Verlegers Dirk Ippen (68) gearbeitet hat?
Schon merkwürdig, dass sie danach Chefredakteurin der taz wird.
Oder gar nicht merkwürdig, folgerichtig? Solides Handwerk ist die Hauptsache, politischer Hintergrund nebensächlich - die taz 2009.

Das ist die "Mediengruppe Ippen" - eine kleine Auswahl:
- Münchner Merkur (274.000 Expl., alle folgenden Auflagezahlen, sofern nicht anders vermerkt: verkaufte Auflagen laut IVW 3/05)
- Hessische/Niedersächsische Allgemeine, Kassel (241.539 Expl.)
- tz, München (155.289 Expl.)
Westfälischer Anzeiger
Dazu kommen in ganz Deutschland acht weitere Lokalzeitungen und 20 Anzeigenblattverlage, und in Spanien die
 - Costa del Sol Nachrichten (12.000 Expl.)
 - Costa Blanca Nachrichten (24.000 Expl.)
 - Costa Cálida Nachrichten (5.000 Expl.)

Die Gesamtauflage der Tageszeitungen, die Dirk Ippen besitzt oder an denen er maßgeblich beteiligt ist, liegt bei über einer Million verkaufter Exemplare, sagt wikipedia.


27. Juni 2009

Der Kampf um Herzen und Köpfe
oder: Can' t Buy Me Love

Als der Vietnamkrieg seinem Ende entgegenging, 1974, kam ein viel beachteter Dokumentarfilm von Peter Davis, einem US-amerikanischen Filmemacher in die Kinos: Hearts and Minds. Der Film hatte großen Einfluss auf die Antikriegsbewegung und wurde 1975 mit einem Oscar ausgezeichnet. Da hatten die Friedensverhandlungen in Paris bereits begonnen. In dem Film ging es um die verheerenden Auswirkungen, die der Krieg auf die Zivilbevölkerung hatte. Der Titel stammte aus einem Zitat von US-Präsident Lyndon B. Johnson: "Der endgültige Sieg wird von den Herzen und Köpfen der Menschen abhängig sein, die da draußen leben." (The ultimate victory will depend on the hearts and minds of the people who actually live out there).
Daran musste ich denken, als ich in der taz von gestern die Reportage von Ulrike Winkelmann aus Farah im Süden Afghanistans gelesen habe. Anfang Mai hatten amerikanische Bombenflugzeuge 50 Kilometer nördlich von Farah mehr als 140 Zivilisten getötet. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, welch verheerende Auswirkungen das auf die Zivilbevölkerung hat. Wie die US-Army die Herzen und Köpfe gewinnen will, lässt sich am Ausspruch eines Presseoffiziers ablesen, den Winkelmann zitiert: "Wir gehen in die Dörfer und sagen, wenn ihr die Taliban rauswerft, geben wir euch Straßen, Kanäle, Schulen."
Der US-Etat für Aufbauprojekte beträgt in diesem Jahr 7,5 Millionen Dollar, etwas mehr als doppelt so viel wie 2008. Ich weiß nicht, ob ich angesichts solcher Naivität lachen oder weinen soll. Sie glauben offensichtlich, sie könnten die Herzen und Köpfe der Afghanen kaufen.

-----------------------------------------------Kommentar am 28. Juni

Von jemandem, der's wissen muss, habe ich die folgende Information über die Gelder erhalten, die von der US-Regierung nach Afghanistan gepumpt werden:
"Nur der Projektetat des PRT Farah (PRT= Provincial Reconstruction Team) ist auf 7,5 Mio gewachsen. Das Volumen der Entwicklungshilfe der USA in Afghanistan ist gewaltig. Allein der Etat für die Straßenbauprojekte in der kleinen Provinz Paktya (290 Mio Dollar) übersteigt den Gesamtentwicklungsetat Deutschlands für Afghanistan 2009 (170 Mio Euro)."

28. Juni 2009

Gute Nachrichten: sonntaz ganz okeh!

Ich musste zwei Mal durchblättern, bevor ich es glauben konnte: Der nichtsnutzige Medizinerbeitrag ist rausgeflogen. Da kann der Leser (ich) nur hoffen, dass dies keine einmalige Maßnahme bleibt. "Stethoskop" hieß die Kolumne, die aus unerfindlichen Gründen mit Erscheinen der sonntaz ins Blatt kam. Was für ein überflüssiger Unfug das war - könnte ja sein, dass die taz-Leute das selbst geschnallt oder bergeweise böse Briefe bekommen haben. Der Mediziner war weder besonders lustig, noch besonders eloquent oder originell oder gar alternativ - er war ein langweiliger Vertreter dessen, was man Schulmedizin nennt.

Davon abgesehen: Es gab eine ganze Reihe von feinen Doppelseitern in dieser sonntaz-Ausgabe, und sogar Anja Maier hat bei mir keine Aggressionen erweckt - im Gegenteil. Das Porträt von Bodo Ramelow hat mir endlich gezeigt, dass sie richtig gut schreiben kann, wenn sie sich nicht an verkrampften Spießerkolumnen versucht. Und Peter Unfried, der sich ja laut Hausmitteilung aufs Reportern und Schreiben verlegen wird, fing schon mal ganz entspannt mit einem Zweiseiter über die erfolgreichste neue Zeitschrift der letzten Jahre an: LandLust. Das Zweimonatsblatt erscheint in einem mittelständischen Landwirtschaftsverlag in Münster und verkauft 463.000 Exemplare -  da mögen sich doch bitte die hochbezahlten Entwicklungsexperten bei den Großkonzernen in den Arsch beißen! Dass Unfried zu diesem Phänomen auch noch Ulf Poschardt befragte, den Exchefredakteur und Oberschaumschläger der gescheiterten Dumm-Elitenzeitschrift Vanity Fair, spricht für den hintergründigen Humor des taz-Manns. Poschardt meinte zu LandLust, "das Heft sei 'ohne jede Raffinesse'. Aber genau das habe 'etwas Bestechendes'."
Ich war verblüfft, dass Poschardt doch noch nicht so weit in den neoliberalen Ferrari-Himmel entrückt ist, dass er so etwas sieht.

Vegetarier: Alles verkappte Nazis!

Es muss wohl gleich zu Anfang gesagt werden: Nein, ich bin kein Vegetarier. Aber mir fällt immer wieder auf, wie erbärmlich sich Fleischfresser in der Defensive winden, wenn sie über vegetarisches Essen schreiben. Der langjährige "Genuss"-Schreiber der taz, Till Ehrlich, macht da leider keine Ausnahme. Nicht nur, dass er seine Meinung zu Tofu, dem Sojaprodukt, das wie weißer Frischkäse aussieht, aus dem vorurteilsbelasteten Gedächtnis geschrieben hat. Hätte er nur mal in den letzten Jahren in einem Bioladen ins Kühlregal geguckt, wäre ihm bestimmt aufgefallen, dass es inzwischen dutzendfach Tofu-Zubereitungen mit verschieden Gewürzen und Gemüsebeigaben gibt, und nicht nur das - zugegeben - ziemlich geschmacksneutrale Natur-Tofu. Aber auch das isst ja niemand, ohne es nach eigenem Gutdünken zu verfeinern. (Abgesehen davon: Wonach schmeckt denn Fleisch, bevor es gewürzt oder gesalzen wird?)
Ehrlichs Beitrag ist an Niedertracht kaum zu überbieten. Erst wiederholt er das immer wieder gern gebrauchte Dummbeutelargument, "bekanntlich zerstört der Sojaanbau die Umwelt und forciert die Armut". Klar, "bekanntlich"! Dafür fördert Rinder- und Schweinezucht die Umwelt und bekämpft die Armut. Wie blöd kann man denn werden? Nicht der Sojaanbau für menschliche Nahrung zerstört die Regenwälder, sondern der Sojaanbau für die Rinderzucht - um den entsprechenden Nährwert zu erreichen, verbraucht die Fleischproduktion das Fünf- bis Sechsfache von dem, was pflanzliche Nahrung dem Menschen - direkt verzehrt - liefert.
Die Abneigung gegen vegetarische Kost steigert Ehrlich dann ins Bizarre - den Herstellungsprozess von Tofu beschreibt er so, dass einem der Appetit vergehen soll (Soja wird mit "ätzenden Magnesiumsalzen denaturiert"), und dann holt er auch noch die Faschistenkeule raus: Unter der Überschrift "Die Wunderbohne der Nazis" verkündet Till Ehrlich: "Die Sojaforschung wurde von den Nazis massiv vorangetrieben ... die heute in der vegetarischen Szene beliebten Bratlinge, Aufstriche und Sojawürste haben in der Nazizeit ihre Vorläufer."
Da fällt die Schlussfolgerung nicht schwer: Vegetarier sind eigentlich alle verkappte Nazis.
Ob Till Ehrlich noch alle Buletten in der Pfanne hat?

P. S. Darunter steht dann zu allem Überfluss das hirnlose Loblied aufs Steak von Jan Feddersen. Der findet den unwiderlegbaren Klassenstandpunkt bei seiner Argumentation für blutiges Rindfleisch und gegen pflanzliche Nahrung: "Weil aber BürgerInnen eher ungern in geschmackliche Nähe der aus ihrer Sicht Unterklassen kommen mögen, sie sich also lieber mit Tofu geißeln, als sich der Fleischeslust hinzugeben, hat das Steak keine gute Presse."
Zugegeben, ich hab' von diesem taz-Redakteur schon so viel Schmarren gelesen, dass mich seine Argumentationen kaum noch wundern, aber dieser Satz gehört mit Sicherheit in die Top Ten der blödsinnigsten Feddersen-Sätze.



30. Juni 2009

Söldnerausbildung, finanziert von Ihnen, lieber Leser

Zugegeben, die Titelzeile klingt etwas überspitzt: Sie würden doch niemals Ihr Geld hergeben, damit jemand zum Söldner ausgebildet wird. Niemals! Es sei denn, Ihr Geld würde ohne Ihr Wissen dafür verwendet. Nun, genau so isses. Im Jahr 2008 wurden von der (von Ihnen finanzierten) Bundeswehr 1.721 "Fördermaßnahmen" bezahlt, damit Soldaten nach ihrem Abschied vom Bund ins "Sicherheitsgewerbe" wechseln können. Damit finanziert der Verteidigungminister zum Beispiel auch "Fortblidungen bei der International Security School in Israel. Da werden die Leute nicht zu Disco-Rausschmeißern ausgebildet, sondern zu Söldnern."
Das behauptet der Journalist Franz Feyder in einem taz-Interview, das Ulrike Winkelmann für die Samstagsausgabe geführt hat. Feyder hat unter dem Pseudonym Franz Hutsch gerade ein Buch veröffentlicht mit dem Titel "Exportschlager Tod. Söldner als Handlanger des Krieges" (Econ Verlag). Nun weiß ich nicht, was die International Security Academy alles anbietet, aber wer auf ihrer Website vorbeischaut, kriegt den Eindruck, dass sie dort unter dem Angebot "Protection & Counter Terrorism" ziemlich kriegerische Einsätze wie Straßenkampf und Schiffe entern verstehen. Die ISA ist eine private Einrichtung, die 1992 von Mirza David im israelischen Herzliya gegründet wurde. Auch Ulrich Wegener, der legendäre GSG 9-General, hat für David in leitender Funktion gearbeitet und "Sicherheitskräfte" ausgebildet. Er war "Präsident" dieses israelisch-deutschen Joint Venture. Vielleicht stammen daher die guten Verbindungen zum Verteidigungsministerium in Berlin, vielleicht wird deswegen die "Fortbildung" aus dem Etat von Franz Josef Jung finanziert. Schon 1999 schrieb die Berliner Zeitung:  "Mit Schluchten, künstlich angelegten Hinterhalten und Baracken - hier werden Attentate und Sturmangriffe zur Befreiung von Geiseln simuliert - dürfte sich die Anlage kaum von Ausbildungscamps irgendwelcher Guerilleros unterscheiden."
Na ja, das Angebot bei der ISA heißt nicht umsonst Counter Terrorism.
Ulrich Wegener wird übrigens am 22. August 80 Jahre alt.


So ein Mist aber auch

Gut, dass ich die Angewohnheit habe, die taz von hinten nach vorne zu lesen. So konnte ich den Text von Gabriele Goettle über Sophie Bayer so lesen, wie die Autorin es wollte: Mit einem Schluss, der den Leser trifft wie ein Schlag in die Magengrube. Ich musste heftig schlucken, um die Tränen zurückzuhalten.
Was sich die taz-2-Redaktion allerdings mit der Ankündigung von Gabriele Goettles Text geleistet hat, lässt sich an Dummheit nur schwer übertreffen. Ich hab's ja dann, Gott sei Dank, erst beim Vorblättern gelesen. Nicht nur, dass sie Goettles schicksalhafte Pointe verraten, verwenden sie - ohne die leiseste Spur von Feingefühl für die beschriebene Tragik, völlig hirn- und mitleidlos - das Geschehen auch noch, um es mit der daneben stehenden Kurzankündigung zu einem dummen Kalauer zu verbinden.
Nein, ich will nichts zitieren, könnte ja sein, dass Sie diese Geschichte über Sophie Bayer erst im nächsten Buch von Gabriele Goettle lesen, oder sich die Montagstaz noch mal vornehmen und von hinten aufblättern - ich kann Ihnen nur sagen: Dieser Text gehört zu "Best of Goettle". Wobei ich der Meinung bin, dass es schlechte Texte von ihr nicht gibt, nur gute und sehr gute.

Uuuuäääähhhh!!!!!!!

Himmelherrgottnochmal - schon am Sonntag wurde der Doktor von Michael Jackson in den BR-Nachrichten als "Leibarzt" bezeichnet, und ich hab' mir gedacht: Was für ein Schwachsinn, dieser Asudruck. Und was schreibt die von mir sonst sehr geschätzte Jenni Zylka über Conrad Murray? Er sei Michael Jacksons "Leibarzt".
Schrei-end da-von-lau-fen möchte ich manchmal.

Zitat

"Er war möglicherweise der größte Künstler, ganz sicher aber die ärmste Sau des Universums."
- Friedrich Küppersbusch über Michael Jackson

Vorsicht, Dünkel!

Im Gewande berechtigter Kritik an der iranischen Regierung kommt nicht nur ein gerüttelt Maß exiliranische Propaganda daher, sondern auch westliche Überheblichkeit, dünkelhafte Hetze gegen Dinge, die man nicht versteht, rassistisches Denken, unverdaute kolonialistische Einstellungen und herablassende Besserwisserei - man sollte gaaanz vorsichtig sein, wenn man als Journalist auch noch Öl ins Feuer gießt. Eine Schlagzeile wie "Keine Geschäfte mit den Mullahs" wirft so einige Probleme auf, vor allem, wenn Mullah als Schimpfwort gebraucht wird. Und wem hilft es, wenn deutsche Firmen keinen Handel mit dem Iran treiben?
Vielleicht sollte ich auch mal wieder daran erinnern, dass der Iran in seiner neueren Geschichte niemals einen seiner Nachbarstaaten angegriffen hat. Und dass die deutschen Interessen nicht identisch sind mit denen der USA, Israels oder Großbritanniens.




tazblog 2. Juni 2009 - 14. Juni 2009
14.06.2009 12:42:10

2. Juni 2009

Geist und Wind

Hoffentlich haben Sie an Pfingsten den Wind gespürt und vom heiligen Geist was abgekriegt.

Afrika I: Eine andere Welt wird sichtbar

Pfingsten ist rum. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, die löbliche Absicht, in der sonntaz "nur gute Nachrichten" zu bringen, rückhaltlos zu unterstützen. Aber dann kam mir der Artikel von Marc Engelhardt über Ruanda und das Parlament in Kigali unter die Augen, und aus war's.
Wer hier öfter reinschaut, hat vielleicht mitbekommen, dass ich den Afrika-Korrespondenten der taz zu meinem politischen Gegner erklärt habe. Das war vor ein paar Wochen, als er in einem Kommentar empfohlen hat, man (USA? Deutschland? UNO?) müsse "sich die Hände auch mal schmutzig machen" und in Somalia militärisch eingreifen. Die Ansicht wiederholt er jetzt wieder, ohne die entsetzliche Formulierung mit den schmutzigen Händen zu gebrauchen. Da plädiert er auf der Meinungsseite unter "Pro & Contra" für eine Intervention, während der Afrika-Redakteur der taz, Dominic Johnson dagegen schreibt: Das Problem könne nur von den Somaliern selbst gelöst werden (sieh an, Johnson und ich auf derselben Seite!). Marc Engelhardt vertritt die Position der westlichen Betonköpfe aller Länder, die immer noch glauben, dass es irgendwo auf der Welt besser wird, wenn Uncle Sam einfach Bomben draufschmeißt und Truppen hinschickt.
Mir ist der Mann zutiefst suspekt. Hauptberuflich arbeitet er für den WDR und kommt so als Afrika-Korrespondent in der ARD zu Wort, prägt also maßgeblich das Bild, das sich die deutsche Öffentlichkeit von den Verhältnissen dort macht. Seine Geschichte über die Albinos, die in Tansania ermordet und deren Leichenteile dann verkauft werden, hat er am Pfingstwochenende mit derselben reißerischen Berichterstattung sowohl der taz als auch der ARD verkauft. Brauche ich als taz-Leser einen Mainstream-Korrespondenten, der mir dasselbe erzählt, was ich bei den Öffentlich-Rechtlichen erfahren kann? Nö, brauch ich nicht.
Nun kommt aber Marc Engelhardt auch noch in der Themen-sonntaz zu Wort ("Eine andere Welt wird sichtbar"). Titel seiner Abhandlung: "Mehr Parlamentarierinnen gibt es nirgendwo sonst". Da salbadert er von dem gewaltigen Fortschritt, den man in Runda gemacht hat, weil dort 44 von 80 Abgeordneten weiblich sind. Ach Gottchen, hör mir bloß auf mit "Frauen in der Politik" und der blödsinnigen Vorstellung, sie würden etwas besser machen, nur weil sie Frauen sind! Margaret Thatcher war, nach übereinstimmenden Berichten, auch eine Frau, genau wie Golda Meir, Condoleezza Rice und Angela Merkel. Was, bitte schön, bringt es, wenn in einer Militärdiktatur ein Scheinparlament die Demokratiefassade abgibt und darin mehr Frauen als Männer sitzen?
Erst einmal wiederholt Marc Engelhardt die gängige, stark vereinfachte These von den "radikalen Hutu-Milizen" und dem Massenmord an den Tutsi. Diese Sicht der Dinge klammert aus, dass Paul Kagame, der gegenwärtige Präsident, ein Tutsi, ebenfalls seinen (teils geklärten, teils undurchsichtigen) Beitrag zum Massenmord geleistet hat. Nun könnte ja sein, dass Engelhardt gewohnheitsmäßig nur das übernimmt, was die offizielle US-Politik seit Bill Clinton und seiner Außenministerin Madeleine Albright der Welt glauben machen will.
Ein wunderbares Beispiel für die Schwierigkeiten, den Frauenüberschuss im Scheinparlament von Kigali als Fortschritt hinzustellen, führt der Afrika-Korrespondent in aller Unschuld dann selbst vor: "Unterstützung haben die Parlamentarierinnen von ganz oben. Präsident Paul Kagame, der die Leitlinien für jede politische Entscheidung vorgibt, hat etliche Frauen auf bedeutende Posten befördert - viele von ihnen hatten schon in der Rebellenbewegung wichtige Posten inne."
Das ist schön formuliert: Kagame, der seine Militärausbildung in den USA absolviert hat, wird nicht als Diktator bezeichnet. Schließlich unterstützt "unsere" Regierung
den ruandischen Präsidenten (Wahlergebnis: 96 Prozent) mit "Entwicklungshilfe" und durch "politisch-militärische Zusammenarbeit" (so Verteidigungsminister Franz-Josef Jung). Und die deutsche Rüstungsindustrie beliefert ihn mit Waffen, die er mit den Geldern aus der Entwicklungshilfe bezahlt. Nein, der Präsident regiert nicht diktatorisch, er gibt lediglich "die Leitlinien für jede politische Entscheidung" vor. Engelhardt schreibt auch nicht, dass Kagame das Parlament mit handverlesenen Anhängerinnen bestückt hat - ach was, er hat "etliche Frauen auf bedeutende Posten befördert". 
Das ist beide Male meisterhaft ausgedrückt, Kompliment an unseren Mann in Afrika! Geschickter kann man journalistische Vernebelungsaktionen entlang der Grundsätze des Auswärtigen Amts kaum betreiben.

Afrika II: Eine andere Welt wird sichtbar (Nachtrag zur sonntaz)

Aus dem zentralafrikanischen Land Malawi berichtet Joel K. Bourne: "In dem kleinen Dorf Encongolweni werden wir von zwei Dutzend Bauern vom SFHC mit einem Lied begrüßt, in dem es um die Speisen geht, die sie aus Sojabohnen und Straucherbsen zubereiten (SFHC, Abkürzung für das landwirtschaftliche Projekt Soils, Food and Healthy Communities = Boden, Nahrung und gesunde Gemeinden). Wir sitzen in ihrem Versammlungshaus, und sie berichten davon, wie der Anbau von Hülsenfrüchten ihr Leben verändert hat. Ackim Mhones Geschichte ist typisch. Indem er Hülsenfrüchte in seinen Fruchtwechsel aufgenommen hat, konnte er den Ertrag von Weizen auf seinem kleinen Stück Land verdoppeln und gleichzeitig den Gebrauch von Kunstdünger halbieren. "Das hat ausgereicht, um das Leben meiner Familie zu verändern", sagt Mhone, und es hat ihm ermöglicht, sein Haus auszubessern und Vieh anzuschaffen. Später tanzt Alice Sumphi, eine 67-jährige Bäuerin, in ihrem Beet mit den kniehohen Tomaten und weist stolz darauf  hin, dass sie besser waren als die der jüngeren Männer. Kanadische Forscher fanden heraus, dass die Kinder von mehr als 7.000 untersuchten Familien, die an dem Projekt teilnehmen, nach acht Jahren auffallend Gewicht zugelegt hatten, was deutlich dafür spricht, dass die Gesundheit des Bodens und der Gemeinde in Malawi zusammenhängen.
Deshalb ist auch Rachel Bezner Kerr, die wissenschaftliche Koordinatorin des Projekts, beunruhigt, dass Stiftungen mit großen Geldmitteln*) eine neue "grüne Revolution" in Afrika fördern. "Ich finde es ganz schrecklich", sagt sie. "Es führt dazu, dass die Bauern von ausländischen Erzeugnissen abhängig werden, an denen große Firmen Geld verdienen, statt sich mit agro-ökologischen Methoden auf lokale Möglichkeiten und ihr eigenes Geschick zu verlassen. Ich glaube nicht, dass das die Lösung ist."

aus: National Geographic, Internationale Ausgabe, "The End of Plenty", Juni 2009, S. 57.

*) Die Rockefeller Foundation und die Bill and Melinda Gates Foundation bringen zusammen fast eine halbe Milliarde Dollar auf, um die "Alliance for a Green Revolution in Africa" zu finanzieren. Sie konzentrieren sich vor allem darauf, Pflanzenzuchtprogramme an afrikanischen Universitäten zu fördern und die Bauern mit Kunstdünger zu beliefern.

WWN*)

Sexy Zicke unter Zwang?

Annemarie nimmt kein Blatt vor den Mund. Im Interview beschwert sich die DSDS-Dritte über die Methoden der Superstar-Macher: RTL habe ihr das Image als sexy Zicke auferlegt.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)


3. Juni 2009

Happy Birthday, Allen Ginsberg - aaah, sunflower!

Der bekannteste US-amerikanische Poet des 20. Jahrhunderts  ist 1926 geboren und 1997 gestorben. Auf YouTube gibt's einige Videos, die ihn lebendig halten. Häufig aufgerufen (bis heute 68.030 mal) wurde der Ausschnitt aus "The Life and Times of Allen Ginsberg" von Jerry Aronson, wo Ginsberg zusammen mit Bob Dylan das Grab von Jack Kerouac besucht. Auf dem Grabstein, der in den Boden eingelassen ist, steht sein Name und der seiner Frau Stella, dazu die Worte: "He Honored Life". Der Clip dauert 1:23 Minuten. Außerdem gibt's noch Johnny Depp über Allen Ginsberg (50 Sekunden) und Andy Warhol über Allen Ginsberg (15 Sekunden). Am aufregendsten finde ich eine Lesung im City Lights Bookstore in San Francisco, bei der Neal Cassady neben ihm sitzt und aufmerksam zuhört, wie Ginsberg in einem vier Minuten langen Gedicht Kapitalistenschweine und Kommunistenschweine nacheinander in die Pfanne haut. In jenen Tagen beendete er Lesungen immer mit "Aaaah, sunflower".


Bloß keinen Dialog, meint der Professor!

Zwei interessante Beiträge in der taz von gestern, die mit Sicherheit zufällig am selben Tag ins Blatt kamen - nix Absicht, nix Verschwörung (gibt ja Leute, die schon glauben ich würde hinter jedem Mist in der taz eine Verschwörung der Chefredaktion vermuten). Aber so weit sie von einander entfernt sind (Seite 12 und Seite 16, Caracas und Leipzig), so eng gehören sie doch zusammen: Es geht in beiden Fällen um die Bereitschaft zum Dialog. Und um Ideologen, die sich weigern, auch nur miteinander zu reden.
Weil ich die taz immer von hinten nach vorne lese, kommt zuerst Micha Brumlik. Der Mann ist hochintelligent, nur manchmal trübt sich sein Blick, weil er durch die Linse der offiziellen Israel-Politik schaut. Wenn es nach dieser geht, herrscht im Iran ein Satanspack, dass die Juden ins Meer treiben, oder, wenn das nicht geht, wenigstens mit ein paar Atombomben auslöschen will. Der übelste Vertreter dieser Satansbrut heißt Ayatollah Chamenei, und sein ausführendes Organ Mahmud Ahmadinedschad, der gegenwärtige Ministerpräsident, "ein Israelhasser". So weit, so sattsam bekannt.
Nun regt sich Micha Brumlik (Professor für Erziehungswissenschaften an der Uni Frankfurt) darüber auf, dass die "Grünen-nahe Stiftung 'Weiterdenken' in Leipzig" den iranischen Botschafter in Deutschland und einen Wissenschaftler von der "Stiftung Wissenschaft und Politik" zu einem Podiumsgespräch eingeladen hat. Brumlik fordert nichts weniger, als die Veranstaltung abzusagen, weil sie den "Vertreter eines totalitären Regimes" aufwertet: "Derzeit steht das Regime kurz vor dem Besitz atomarer Waffen, mit denen nicht nur Israel, sondern das politische Gleichgewicht im ganzen Nahen Osten bedroht wird."
Nun wird eine Behauptung nicht dadurch richtig, dass sie ständig wiederholt wird. Es gibt "derzeit" nicht den geringsten Beweis für diese Behauptung Brumliks, wohl aber für die Tatsache, dass Israel seit Jahren über die Atombombe verfügt. Das nur nebenbei, denn darum geht es ja eigentlich gar nicht. Angenommen, Brumliks Behauptung träfe zu - glaubt er wirklich, dass die Bedrohung Israels gemindert wird, wenn man den Dialog mit der iranischen Regierung abbricht oder gar nicht erst führt? Wunderbar finde ich auch die Begründung, dass "schon vor Jahren" die Heinrich-Böll-Stiftung "sich verhoben hat": "Dieser Dialog ist schon damals gescheitert." Weshalb man es bitte schön für alle Zeiten gar nicht erst wieder versuchen sollte. Ob er das ernst meint, der Professor? Ich fürchte, ja.
Schließlich wird er auch noch ganz pragmatisch, denn die Grünen hätten eh nichts von einem Dialog mit dem Iran, weil Jürgen Trittin nach der Wahl "mit Sicherheit nicht Außenminister" wird, sondern Guido Westerwelle. Und dann schiebt er noch eine bösartig-hämische Bemerkung hinterher: "Trittin wird sich weiter ums Dosenpfand kümmern."
Hier haben wir einen Uni-Professor, der dazu aufruft, mit dem diplomatischen Vertreter eines Staates, dessen Regierung ihm nicht passt, gar nicht erst zu reden. Mich würde schon mal interessieren was für eine Erziehungswissenschaft der Mann in Frankfurt lehrt.
Wie sich die Bilder gleichen, wenn man den Bericht und den Kommentar von Gerhard Dilger über die Farce liest, die sich in Caracas abgespielt hat. Und, seltsam, die FDP mischt auch kräftig mit. Deren Friedrich-Naumann-Stiftung hatte zu einem Symposium einige prominente Rechtsliberale eingeladen, als Gegengewicht zur 10-Jahres-Feier der Fernsehsendung "Aló Presidente" von Hugo Chávez. Unter den Eingeladenen war auch der Schriftsteller Mario Vargas Llosa, ein erklärter Chávez-Hasser und bekannt für seine Gegnerschaft zu allem, was nach links ausschaut. Llosa hatte Anfang der siebziger Jahre die erste umfassende Chronik zu Leben und Werk seines Kollegen Gabriel Garcia Márquez ("Hundert Jahre Einsamkeit") verfasst. Die Freundschaft ging allerdings 1986 zu Ende, als der erzkonservative Llosa den Kollegen Márquez auf einem Schriftstellerkongress als "Höfling Castros" beschimpfte.
Wer also Mario Vargas Llosa nach Caracas einlädt, wie der FDP-Politiker Wolfgang Gerhard, weiß, was er tut. Als Llosa bei der Einreise zur Überprüfung seines Woher, Wohin und Wozu kurze Zeit auf dem Flughafen festgehalten wurde, jubelte FDP-Gerhard: Nun seien "letzte Zweifel beseitigt, dass es sich bei der Regierung Chávez um ein totalitäres Regime" handle.
Tja, das sind nun mal die Gegner, mit denen jeder rechnen muss, dem die Armen in den Slums näher stehen als die reichen Investoren aus den USA und der EU. Nun lud Hugo Chávez die neoliberale Intellektuellengruppe gleich vier mal ein, mit einer Gruppe von Vertretern der Linken in der Jubiläumssendung von "Aló Presidente" zu diskutieren. Das lehnten sie ab, weil sie eine "Falle" befürchteten. Vargas Llosa sprach von einem "Hinterhalt" und beschimpfte Chávez als "Autisten". Gerhard Dilger weist in seinem Kommentar darauf hin, dass sie sich damit wahrhaftig ein Armutszeugnis ausgestellt haben: "Offensichtlich ist der neoliberalen Rechten an der Dämonisierung des venezolanischen Staatschefs mehr gelegen als am Austausch von Argumenten."
Das lässt sich ohne Abstriche auf Micha Brumlik übertragen: Auch ihm ist die Dämonisierung der iranischen Regierung und ihres Botschafters in Deutschland wichtiger als der Austausch von Argumenten.
Wenn ich nur noch mit Leuten rede, die mit mir übereinstimmen, wird die Luft immer dünner. Und das Denken fällt immer schwerer.

taz Boulevard

Ein gaanz feines Stück steht auf der Aufmacherseite von taz zwei: Maren Nelly Keller  schreibt einen blitzgescheiten Artikel über einen maßlos hochgejubelten Typen, der Fotos ins Netz  stellt, die er angeblich spontan von Mädchen aufnimmt, die er auf der Straße entdeckt. Er fotografiert sie, weil er ihren Stil gut findet, und die bürgerlichen Zeitungen wie Tagesspiegel und Süddeutsche geraten völlig aus dem Häuschen über den "Hipness-Faktor" seines "Stilblogs", der von den Fans 18.000 mal am Tag aufgerufen wird (neidisch könnt' man werden). Maren Nelly Keller schreibt mit viel Wissen und sehr kritischer Haltung über das Phänomen der Stilblogs, die inzwischen auch von den Modeherstellern zur Inspiration angeklickt werden.
Beinahe hätte ich den Artikel überblättert, weil mir solche Themen schon in der Aufbereitung der SZ am Wochenende am Allerwertesten vorbeigehen. Und dann noch die Aufmachung in der taz: Die kreisrunden Fotos, die sich im neuen Layout tummeln, sind wahrlich das Letzte. Da schaut jeder aus wie ein Arschgesicht, und dieser Stilblogger Yvan Rodic ganz besonders.

Wahl-o-mat

Sollten Sie mal checken: Den Wahl-o-mat der Bundeszentrale für politische Bildung, den es auch bei taz.de gibt. Ich hab die Fragen beantwortet, und was sag ich Ihnen: Nach meiner Einstellung bin ich als Europa-Wähler am besten bei den Grünen aufgehoben, dahinter mit nur kleinem Abstand die SPD und mit ebenso kleinem Abstand Die Linke. Das hat mich doch verblüfft und zu dem Schluss gebracht, dass meine Linken-Sympathie wohl zu einem guten Teil der Solidarität mit dem Underdog zu verdanken ist, und meine Ablehnung der Grünen mit ihrem Image als Partei der Bildungsbürger. Und Joseph Fischer.
Nur eines ist sicher: Bloß nicht die SPD!


4. Juni 2009

127

So alt wird / wäre heute Karl Valentin / geworden: 127 Jahre. Falls Sie zu den Menschen gehören, die noch nie was von ihm gehört, gesehen oder gelesen haben, möchte ich Sie bedauern und Ihnen versichern, dass es von Herzen kommt. Falls Sie mehr über ihn wissen wollen, empfehle ich karl-valentin.de, wo er sich im Internet eingerichtet hat (die Website besteht seit 1882). Und wenn Sie nicht glauben, dass er uns allen noch heute Trost, Rat und Beistand stiften kann, lesen Sie nur, was er zu aktuellen Problemen zu sagen hat.

- zur "Rettung" von Opel: "Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen."

- zur Wirtschaftskrise: "Hoffentlich wird es nicht so schlimm wie es schon ist!"

- zum neuen taz-Layout: "Jedes Ding hat drei Seiten, eine positive, eine negative und eine komische."

Ois guate zum Geburtstag, Herr Nachbar!

Pneumopathologie

Den Begriff "Pneumopathologie" habe ich zum ersten Mal von dem neulich hier zitierten Eric Voegelin gelesen. Hat mich sehr beeindruckt, weil ich kein Griechisch kann und nicht wusste, dass pneumo was mit Geist zu tun hat (als Reifenhändlerssohn wusste ich, dass luftgefüllte Gummireifen in den fünfziger Jahren noch als "Pneus" bezeichnet wurden). Ich hab mich ein bisschen schlauer gemacht mit Guggl-Hilfe (kennen Sie schon "Bing"? Die neue Suchmaschine von Microsoft? Sooo schöne Bilder auf der Startseite!). Und da fand ich heraus, dass der Begriff von Friedrich Wilhelm Joseph Schelling stammt, nach dem eine Straße im Münchner Uni-Viertel benannt wurde, wo ich meine ersten Jahre auf der bayrischen Hochebene verbracht habe. Aaah, was wollte ich sagen? Genau, Uni, zweites Semester, Voegelin. Pneumopathologie: Die Krankheit des Geistes, die Unordnung des Bewusstseins. Dass wir in pneumopathologischen Zeiten leben, wusste ich schon mit zehn Jahren, und alles, was ich seitdem dazugelernt habe, hat mich in meiner Ansicht bestätigt: Was sich hier breit macht und so tut, als sei es normal, ist zutiefst beschädigt, und Leute, die glauben, ein endlicher Planet könne einer endlos wachsenden Bevölkerung ein endloses wirtschaftliches Wachstum zur Verfügung stellen, sind entweder Irre oder haben Nationalökonomie studiert.
Ich lese gern, und ich lese viel, und gebe mich, nach Jahren von als Pflicht empfundener Lektüre, zunehmend dem Lustprinzip hin: Was mich nicht interessiert, was ich nicht gern lese, lass ich bleiben. Dabei passiert es oft, dass ich gern Dinge lese, von denen ich staunend den Eindruck habe: Das gibt's doch gar nicht, dass jemand so etwas Bescheuertes schreibt, und auch noch einen Redakteur findet, der es abdruckt. Oder einen Lektor, wenn es um ein Buch geht (da bin ich dann aber wählerischer: Ein ganzes Buch lese ich nicht, nur um mich zu gruseln). Aber Staunen issja was Schönes.
So staune ich des Öfteren, wenn ich Sätze in Feuilletons oder auf Kulltour-Seiten lese, in denen die auf den Universitäten gelehrte pneumopathologische Fachsprache dem arglosen Leser zugemutet wird. Gestern gab's wieder so ein Beispiel von einem Artikel, dessen Sprache ich als schwer beschädigt empfinde. Damit will ich es aber gut sein lassen, und nur zwei Sätze aus dem Beitrag von Isolde Charim aus der taz-Kulltour von gestern zitieren: "Denn das ikonografische Defizit ist Teil dieser 'semidepressiven Konstruktion', wie Peter Sloterdijk die EU einmal genannt hat." Und: "Warum bejammert man stets die mangelnde emotionale Bindung an die Union, ist dies doch genau das adäquate Verhältnis zu solch einer postheroischen und postemotionalen Konstruktion."
Warum mich diese Sprache nervt? Sie kommt als Herrschaftswissen daher, zugänglich nur für bereits Eingeweihte, hohles, saft- und folgenloses Geklingel für eingebildete Eliten, die sich über Boulevard-Journalismus erhaben fühlen.

Zitat

"Die DB hat in den letzten Jahren mehr Geld mit Lkws verdient als mit Zügen. Betriebswirtschaflich war das sinnvoll - volkswirtschaftlich und umweltpolitisch Humbug. Unter anderen Bedingungen würde das andes aussehen. Dafür muss die Politik sorgen."

- Annette Jensen, Kommentar: Über die Börsenpläne des neuen Bahnchefs

Merkel, Moneten, Marktwirtschaft

Da hält sie also einen Vortrag bei der "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft", die Kanzlerin, und Ralph Bollmann behauptet, diese erzneoliberale Sturmtruppe für Sozialabbau hätte "ohne jede Erläuterung die Himmelsrichtung ihres Denkens" geändert. Nur weil sie einen Film über Ludwig Erhardt zeigen, wie er "höchstselbst durch die Wallstreet marschiert, um die Casinokapitalisten über die soziale Marktwrtschaft zu belehren"?
Dieser Artikel ist rührend in seiner Naivität. Ich glaube nicht, dass die INSM jemals die Richtung ändert, ob mit oder ohne Himmel. Aber ich halte es für fahrlässig (oder betriebsblind) so zu tun, als wüsste "der Leser", wer dieser Verein ist, und von wem er finanziert wird. Deshalb sei es hier nachgetragen: Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft erhält zehn Millionen Euro im Jahr vom Verband der Metallarbeitgeber, um mit Hilfe hochkarätiger Werbeagenturen die Religion der neoliberalen Profitmaximierung in die Medien zu drücken. Das sollte zumindest in der taz dem lesenden Publikum nicht vorenthalten werden. Das Horrorkabinett, das als "Mitglieder des Fördervereins" ("gemeinnützig", klar) auf der Website auftaucht, macht einem die Entscheidung schwer, ob man über Ralph Bollmanns Beitrag "Die Amnesie der Reformer" lachen oder weinen soll. Wenn diese Leute irgendetwas "Soziales" im Schilde führen, konnten sie es bisher gut verbergen. Hier die Liste mit den Selbstbeschreibungen:

- Florian Gerster
ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit
- Prof. Dr. Johanna Hey
Stiftungsprofessur für Unternehmenssteuerrecht in Düsseldorf
- Michael Hoffmann-Becking
Lehrauftrag für Aktien- und Konzernrecht an der Universität Bonn
- Dr. Silvana Koch-Mehrin
Mitglied des Europa-Parlaments und des FDP-Bundesvorstands, Vorsitzende der Auslandsgruppe Europa der FDP, Brüssel
- Prof. Dr. Dieter Lenzen
Präsident der Freien Universität Berlin
- Friedrich Merz
MdB
- Ulrike Nasse-Meyfarth
Olympiasiegerin im Hochsprung
- Dieter Rickert
Gilt als Deutschlands bekanntester "Headhunter"
- Dr. Hergard Rohwedder
Rechtsanwältin
- Carl-Ludwig Thiele
 Stellv. Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion
- Prof. Dr. Hans Tietmeyer
Vorsitzender des Fördervereins und ehemaliger Präsident der Deutschen Bundesbank
- Gunnar Uldall
Senator, Präses der Wirtschaftsbehörde Freie und Hansestadt Hamburg

Was mich schon lange interessiert: Was trägt eigentlich eine Olympiasiegerin im Hochsprung zur Förderung der arbeitgebernahen Marktwirtschaft bei?

Und sonst?

Spit - zen - fo - to in der taz von gestern auf Seite 4, vom Generalstreik der Franzosen im Januar 2009. Der Fotograf muss hier unbedingt erwähnt werden: Nigel Dickinson. Ein Meister! Ich kann sein Foto leider nicht im Internet finden, aber das Bild hier ist auch nicht übel. Möge der unbekannte Fotograf mir verzeihen. Aber nach dem Eintrag über die INSM brauche ich dringend eine rote Fahne.

WWN*)

Mit Schamhaartoupet zum größten Erfolg

Kate Winslet trug im Film "Der Vorleser" ein Haarteil im Schritt.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)


5. Juni 2009

Spam? Nö, Obama!

Gestern, nach der Rückkehr von Müller's ("mein wunderbarer Waschsalon") fand ich eine Mail im Eingangsordner, die mein Programm als "Spam" eingeordnet hatte, als "unerwünschte Werbung". Na klar, Absender "The White House" - harharhar, dachte ich, das war mal ne originelle Art, Viagra anzubieten. Schon wollte ich auf "löschen" klicken, als mir der Name bekannt vorkam. David Axelrod - hm, war das nicht ein Berater von Barack Obama, nein, d e r Berater von Obama, der wichtigste Mann im Umkreis des Präsidenten? Richtig, der war's, und er hatte offenbar die folgende Mail an alle verfügbaren E-Mail-Adressen in den Datenbanken des Weißen Hauses verschicken lassen, darunter an meine. Wie er an die kam? Ganz einfach: Ich hatte das Weiße Haus mal angemailt und um eine Autogrammkarte von Barack Obama für Monas Nachbarin zu bitten. Die alte Dame ist 86 und sammelt alle Zeitungsausschnitte von ihm. Wir wollten ihr eine Freude machen. Die Karte kam zwar nie, aber die Mail war schon auch in Ordnung. Die Rede war eh klasse, und Obamas Krawattenknoten flott wie immer. Hier also die Mail von meinem guten Kumpel David, zu diesem Zeitpunkt Kairo, jetzt Dresden, morgen Normandie:

Von: "David Axelrod, The White House" <info@messages.whitehouse.gov>
Datum: 4. Juni 2009 18:32:24 MESZ
An: hanspfitz@web.de
Betreff: A New Beginning -- Watch the President's Speech
Antwort an: "David Axelrod, The White House" <info@messages.whitehouse.gov>

Hello -

As a Senior Advisor to the President, I'm here in Cairo, Egypt where I watched President Obama deliver an unprecedented speech calling for a new beginning for the United States and Muslim communities around the world.

We all know that there has been tension between the United States and some Muslim communities. But, as the President said this morning, if all sides face the sources of tension squarely and focus on mutual interests, we can find a new way forward.

The President outlined some big goals for this new beginning in his speech -- including disrupting, dismantling, and defeating violent extremism. It was a historic speech, and since many Americans were asleep at the time it was given we wanted to make sure you had a chance to see it:

(hier steht der Link zum Video auf der Website des Weißen Hauses)

Majority-Muslim countries around the world are filled with extraordinary people who simply want to live their lives and see their children live better lives, just as in America. Indeed, part of what makes America great is having nearly seven million Muslim Americans living here today and enriching our culture and communities.

We can extend that kind of relationship abroad. It won't always be easy, but if we make an effort to bridge our differences rather than resigning ourselves to animosity, we can move toward a more peaceful world over time.

Thank you,
David Axelrod
Senior Advisor to the President

Hat doch was, hm? Heute morgen stand auf der Website noch, dass man dabei sei, die Rede zu übersetzen, und zwar in "Arabic, Chinese, Dari, French, Hebrew, Hindi, Indonesian, Malay, Pashto, Persian, Punjabi, Russian, Turkish, and Urdu."

Ampel? Nein danke!


Und die taz von gestern? Eine dreiviertel Seite verschwenden sie an das Thema, ob man Lebensmittel mit rot, gelb und grün kennzeichnen soll, damit die Leute wissen, ob der Fraß "gesund" ist. Das ist der typische Nebenkriegsschauplatz - die Sorgen möchte ich haben! Und dann auch noch diese gequälte Überschrift: "Erste Ampel im Supermarkt". Was geht mir dieses Ampelgewäsch auf den Wecker, schon in der Politik, und jetzt übertragen sie den Scheiß auch noch auf die Kennzeichnung von Lebensmitteln. Hiermit fordere ich alle Journalisten mit Resthirn auf, Ampeln bitte schön auf der Straße zu lassen.

Mein Mann in Grönland

Er heißt Kuupik Kleist, und wenn die Bezeichnung nicht als politisch unkorrekt verbannt worden wäre, könnte man ihn als Eskimo bezeichnen. Nachdem ich nie (wiederhole: nie) auch nur im Traum daran gedacht habe, Eskimos herabzusetzen (ganz im Gegenteil, ich habe sie schon als Kind grenzenlos bewundert), möchte ich hiermit jubelnd verkünden: In Grönland hat ein Eskimo die Wahl gewonnen! "Kleist wird nach einem Erdrutschsieg bei den Wahlen am Dienstag Grönlands neuer Regierungschef werden." Reinhard Wolff weiß noch, dass der Mann 51 Jahre alt ist und seit zwei Jahren der sozialistischen Partei Inuit Ataqatigiit vorsteht: "Links davon ist in der  grönländischen Parteienlandschaft nur noch die Wand." Kuupik Kleist ist als Sozialarbeiter ausgebildet, schreibt Lieder und singt ("Grönlands Leonard Cohen"). Er bekam vier mal so viel Stimmen wie sein Konkurrent von den Sozialdemokraten. Im Wahlkampf wurde ihm vorgeworfen, er hätte schon mal Haschisch geraucht und trinke gern einen über den Durst. Kleists Konter: "Ich bin kein Engel, und es gibt tatsächlich wenig, womit ich keine Erfahrung habe. Aber ich halte einen Missbrauch für schlimmer: den öffentlicher Gelder für private Zwecke."
Laut taz-Korrespondent Wolff saß Kleist sechs Jahre als grönländischer Abgeordneter im dänischen Parlament und war Rektor der grönländischen Journalistenschule. Ein Mann nach meinem Herzen.

Zitat

"Lernprozesse finden nicht statt. Nicht in der Politik und nicht in den Unternehmen. Und der zweite Teil: Wer unterstützt die Klein- und Mittelunternehmen, faktisch die größten Arbeitgeber im Lande, die von der Krise ebenso gebeutelt sind, praktisch keine Finanzmittel von Banken erhalten und vielfach auch dringend Unterstützung in Struktur und Strategie benötigen? Niemand - keine Lobby vorhanden.
Meine Wahrnehmung ist: Seit Monaten werden meine Gelder als Steuerzahler weitgehend unkontrolliert und ohne Reflexion herausgeschleudert (Abwrackprämie!!!). Leider wird die historische Dimension des Handelns nicht erkannt und daher die Chance zur Modernisierung von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft vertan."

- Wolfgang Siedler, Langenhagen, in einem Leserbrief, taz vom 4. Juni 2009


6. Juni 2009

Beleidigt

Bitte beachten Sie den Kommentar von taz-Redakteur Klaus-Peter Klingelschmitt zu seiner Kolumne vom 27. Mai. Er fühlt sich beleidigt und in seiner Berufsehre verletzt. Seine Dünnpfiff-Kolumne war ursprünglich viel pfiffiger - bevor sie von einem der "oft gepiercten Jungredakteure redigiert" wurde. Sehen Sie selbst,
Eintrag am 28. Mai. Den Rest seiner Mail (er spricht von "patzigen, mich persönlich beleidigenden und meine Berufsehre verletzenden Anmerkungen") erspare ich Ihnen mit Absicht. Aber seien Sie versichert: Er meint es gut. Sagt er zumindest, und hängt als "Epilog" Eric Burdon an:
I am just a soul who`s intentions are good -
oh Lord, please don`t let me be misunderstood

Europawahl

Wahlempfehlung von "Achtung: tazblog!" für die Wahlen zum Europäischen Parlament am 7. Juni 2009:
Die Linke

Leicht lädiert

Ob das mit dem Barometerstand zusammenhängt, oder richtiger gefragt, mit dem Tiefdruck, den es anzeigt? Steht auf 1002, Tendenz fallend. Ich hab keine Lust zu nix heute, und schon gar nicht zum tazblog. Bestimmt spielt mit rein, dass ich mir gestern beim Laufen eine Verletzung im linken Bein zugezogen habe. Erst dachte ich, es hätte was mit der Leiste zu tun, dann tippte ich auf eine Muskelzerrung, dann was im oberen Gelenkbereich des Oberschenkelknochens. Ich weiß es nicht, jedenfalls trat der erste Schmerz nach etwa fünf Kilometern auf, in der Nähe meiner Wendemarke am Aumeister. Dass ich trotz stärker werdender Schmerzen nicht aufgehört und meine üblichen zehn Kilometer doch noch runtergespult habe, war möglicherweise ziemlich bescheuert. Aber man weiß ja: Aufgeben gilt nicht.
Na, jedenfalls konnte ich auch nach einem Entspannungsbad nicht schmerzfrei zum Geldautomaten und danach zu Penny zum Einkaufen latschen. Auch beim Radln später, rüber zum Tivoli-Pavillon, hab ich das schmerzhafte Ziehen gespürt, und nachts im Bett beim Umdrehen, weshalb ich viel wach lag und Zeit zum Grübeln hatte. Vielleicht sind die Laufschuhe nach einem Jahr zu sehr ausgelatscht, und ich sollte endlich die neuen einlaufen, die schon seit zwei Monaten bereitstehen, weil mir mein Schwager Helmut genau das geraten hatte: Schuhe nach einem Jahr wechseln. Jetzt sind aber eh zwei Tage Pause angesagt, erst am Montag steht Laufen wieder aufm Plan. Mal gucken.

Und die taz von gestern? Klassefoto von Maurizio Cattelans Pferd-an-der-Wand-Skulptur auf der zweiten Seite von taz zwei: In mehreren Metern Höhe hängt ein Pferdeleib, der Kopf ist unsichtbar, vielleicht in der Mauer verschwunden. Nur zur Erinnerung: Derselbe Künstler hat auch damals den betenden Adolf ins Münchner Haus der Kunst platziert. Spitzentyp!

Golo Mann war ein Reaktionär

Da strampelt sich Jan Feddersen mal wieder mit "seinen" Achtundsechzigern ab. Manchmal sind diese Beiträge nur rührend, manchmal ärgerlich. Irgendwer sollte ihm mal sagen, dass man Theodor W. Adorno und Max Horkheimer einiges nachsagen kann, aber nicht, dass sie zu den 68er gehörten. Sie standen der antiautoritären Studentenbewegung ähnlich skeptisch gegenüber wie die ihnen.

Vielleicht erinnert sich noch jemand an die Studentinnen, die Adorno mit nackten Brüsten aus dem Hörsaal vertrieben.*) Sicher wurden Horkheimer und Adorno von den Studenten gelesen, der Erstere mehr, weil er nicht son verschwurbelten Stil drauf hatte. Und ja, beide haben über Themen geschrieben, die auch den linken Studenten wichtig waren, beide galten im stockkonservativen Uni-Betrieb eher als liberale Linke. Aber wenn Feddersen jetzt behauptet, sie hätten Golo Mann die Berufung versaut, weil er schwul war, dann möchte ich doch vehement daran erinnern, dass Golo Mann damals als CDU-hörig, als konservativ, als reaktionär eingeschätzt wurde. Dass da seine sexuelle Neigung überhaupt eine Rolle gespielt hat, bezweifle ich stark - hat doch niemand gewusst, und darüber geredet wurde auch nicht. Und Golo Mann hat auch nicht erst in den Siebzigern begonnen sich "den Konservativen zuzurechnen".  Er "und viele andere", behauptet Feddersen nun im Jahre des Herrn 2009, "wollten bloß vom plattmachenden Furor der Selbstbesoffenheit jener Achtundsechzigerkreise nicht erfasst werden. Das war ihre Tragik."
Wenn ich nur wüsste, was das heißen soll.

*) Die FR schrieb darüber letztes Jahr in ihrer Serie über 68:
T.W.A.-Anekdoten gibt es viele, nicht alles ist verbürgt, das berühmteste Ereignis, das vor den Klappsitzen im "Sechser" (Hörsaal) geschah, aber schon. Das "Busenattentat" wurde jedoch mehr als eine Fußnote der Studentenproteste, mehr als eine Anekdote. Es wurde zum Drama. "Ich gebe Ihnen fünf Minuten Zeit. Entscheiden Sie, ob meine Vorlesung stattfinden soll oder nicht." Für Theodor W. Adorno ist es an diesem 22. April 1969 nicht das erste Mal, dass Studenten seine "Einführung in das dialektische Denken" mit Zwischenrufen stören - er ist auch nicht der einzige Professor, dem das widerfährt.
In dem Moment, als er seinen Satz beendet hat, treten drei Studentinnen in Lederjacken auf ihn zu. Sie umringen ihn, versuchen ihn zu küssen und reißen sich die Jacken auf: Darunter kommen ihre Brüste zum Vorschein. Das ist mehr als eine Kampfansage an den 65-Jährigen. Die Initiatoren wollen ihren Lehrer demütigen. Geschockt greift der Sozialphilosoph seine Aktentasche, hält sie sich schützend vors Gesicht und läuft in Tränen aufgelöst aus dem Hörsaal. Hinter sich vernimmt er Johlen und Gelächter. "Wer nur den lieben Adorno lässt walten, der wird den Kapitalismus ein Leben lang behalten" steht an der Tafel, mit Kreide, ungefähr da, wo 39 Jahre später die konvex gekrümmte Indifferenzkurve per Mausklick erscheint und verschwindet.
Es war die letzte Vorlesung, die Theodor W. Adorno in seinem Leben gehalten hat. Wenige Wochen später stirbt er im Urlaub in der Schweiz an einem Herzinfarkt.


SPD - nee

Was hat er nicht rumgedröhnt, der Sigmar Gabriel, Kohlekraftwerke nur noch zuzulassen, wenn sie CO2 auffangen und nicht in die Luft entlassen. Das hätte bedeutet: Keine Kohlekraftwerke mehr, denn die Technik ist teuer und weit vom Nachweis entfernt, dass es überhaupt geht. Sie kommt wahrscheinlich nie, auch wenn für die Entwicklung momentan ein Haufen Geld ausgegeben wird. Aber: Keine Kohlekraftwerke, das kriegt in der SPD niemand durch, nicht mal Herrmann Scheer, und schon gar nicht Sigmar Gabriel. Innerhalb von drei Tagen ham sie ihn zurückgepfiffen, da reichte wahrscheinlich ein Anruf von Wolfgang Clement bei Väterchen Franz Müntefering, vielleicht musste er auch noch FW Steinmeier anrufen, aber das war's dann schon. Wie sagt Rainer Baake, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe ganz richtig: "Die SPD macht ihrem Ruf als Kohlepartei weiterhin alle Ehre."
Rot-schwarz, wie gehabt.

Neues aus Toyota

Kann ja mal vorkommen, aber lustig isses trotzdem. Unter dem Titel "Hybridautos Bestseller in Japan" schreibt "Aus Toyota Martin Fritz" (Wirtschaft + Umwelt, S. 8). Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass die japanische Hauptstadt umbenannt wurde, aber das hat sicher mit der Krise und dem neuen Sponsor zu tun.

-------------------------------------------------------Kommentar am 10. Juni
Hallo Hans Pfitzinger,
eine kurze Anmerkung zu Ihrem tazblog:
"Aus Toyota Martin Fritz" mag witzig klingen, ist aber völlig richtig. So heißt die Stadt, in der der gleichnamige Konzern seinen Hauptsitz hat, schon seit 1959. Und ja, unser Autor war tatsächlich dort.
Viele Grüße
Malte Kreutzfeldt
Ressortleiter Wirtschaft & Umwelt

WWN*)

Sind Sie ein guter Küsser?

Eigentlich denkt doch jeder, dass er gut küssen kann - aber ob das bei Ihnen wirklich stimmt, erfahren Sie nur, wenn Sie unseren Test machen. Worauf warten Sie?

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)



7. Juni 2009

Fröhliche Wissenschaft, Abteliung U, wie unerfreulich

Weshalb sich hier der taz-Redakteur Klaus-Peter Klingelschmitt ausbreiten darf, entnehmen Sie bitte seinen beiden Mails, die er gestern, am 6. Juni 2009, und heute, am 7. Juni 2009, an mich geschickt hat. Die Telefon- und Faxnummern und die Adresse habe ich - hoffentlich ist er damit einverstanden - aus Datenschutzgründen unkenntlich gemacht. Aber falls Herr Klingelschmitt darauf besteht, werde ich sie selbstverständlich nachtragen. Die Texte sind buchstabengetreu in Originalschreibweise kopiert, Tippfehler wurden nicht korrigiert.
Schönen Sonntag!

Von: Klaus-Peter Klingelschmitt <kpk52@web.de>
Datum: 6. Juni 2009 16:29:46 MESZ
An: hanspfitz@web.de
Betreff: Ihre Kritik an meiner (letzten) Kolumne.

Sehr geehrter Herr Pfitzinger.

Ein Kollege hat mich auf Ihre patzigen, mich persönlich beleidigenden und mein Berufsehre verletzenden Anmerkungen zu meiner letzen Kolumne "Älterwerden" von Ende Mai aufmerksam gemacht; ich selbst lese Ihre Einlassungen nämlich nicht - was ich von der ganzen Bloggerei etc. halte, habe ich ja bereits in einer meiner letzten Kolumnen öffentlich gemacht.
Nur so beiseite gesprochen: Haben Sie eigentlich sonst nichts zu tun, als sich den lieben langen Tag mit der Arbeit der ANDEREN zu beschäftigen? Und wen sollte ihre permante "Abarbeitung" an den Redakteuren und Autoren der taz und ihren Texten im Blatt - außer einigen Psycholgen - eigentlich (noch) interessieren?
Anyway. Nur zwei Anmerkungen zu Ihren falschen Schlussfolgerungen: An "dumm" daher kommenden Textpassagen in Zeitungen und Zeitschriften ist nicht immer der Autor schuld. Redigierfehler oft gepiercter Jungredakteuere kommen häufig vor - und sind ein permanentes Ärgernis auch in der taz. Der von Ihnen monierte Satz lautet - von mir aufgeschrieben - vollständig: "Leider herrscht aber auch in den Köpfen dieser Containerkinder (Big Brother), die in der Informationsgesellschaft heute - im Gegensatz zu uns .... - doch alles besser wissen müssten (!), viel Finsternis."
Der entscheidende Halbsatz zum Verständnis fiel einem plötzlich entdeckten Übersatz von 30 Zeichen zum Opfer; da geht es vor Redaktionsschluss dann zu wie beim Kofferpacken bei Charlie Chapin: Was rausguckt, wird abgeschnitten!    
Ansonsten scheint es Ihnen am notwendigen Witz und auch an Verstand zu mangeln, um zu erkennen, dass diese Kolumne in tutto eine satirische Replik auf die überall und leider oft auch in der taz zu lesenden Verächtlich- und Lächerlichmachungen älterer Menschen ist. Der Spieß wurde einmal umgedreht - und Sie sind voll `reingelaufen; dumm gelaufen.

Mit freundlichen Grüßen (nach Diktat verreist)
Klaus-Peter Klingelschmitt
Redaktionsvertretung der Berliner tageszeitung (taz) in Frankfurt am Main.
(Straße)
(Postleitzahl) Frankfurt am Main
kpk@taz.de
Telefon: xxxxx
Mobil: xxxx
 FAX: xxxx
Epilog:
"I am just a soul who`s intentions are good - oh Lord, please don`t let me be misunderstood" (Eric Burdon)

Das hier war dann, neben dem Eintrag im tazblog (s. gestern, 6. Juni, und 28. Mai) meine Reaktion:
Von: Hans Pfitzinger
An: K-P K.
am 6. Juni 21:53

Ja mei, ein altes Leiden, dass Sie da ansprechen - es mangelt mir an Verstand. Das ist schon ein Jammer. -
Nachdem Sie Ihre Abneigung gegen diese neumodische Bloggerei ja schon öffentlich kundgetan haben (ich achte Ihren Mut, sich als Journalist so selbstbewusst zu Ihrer Ignoranz zu bekennen), muss ich Sie vielleicht extra darauf hinweisen: Gucken Sie doch noch mal vorbei auf meiner Website - ich hoffe, dass ich Ihren Beschwerden auf freundliche Weise gerecht geworden bin.
Noch ein kleiner Tipp: Wer nicht selbst lernt, vom hohen Ross zu steigen, fällt leicht auf die Nase (fränkische Bauernweisheit).
Frohes Schaffen, schöne Tage!
-hp

Darauf antwortete Klaus-Peter Klingelschmitt
am 7. Juni 2009 um 12:29 Uhr:

Sehr geehrter Herr Pfitzinger.

Sorry für meine Mail; ich hatte Ihnen und Ihren Anmerkungen in Ihrem Blog ursprünglich tatsächlich noch einige Bedeutung beigemessen - und war deshalb geneigt, wenigstens Ihren Fleiß anzuerkennen und Ihnen "auf Augenhöhe" zu antworten.
Leider scheint es Ihnen nicht nur an Witz und Verstand, sondern auch an Courage zu mangeln. Von meiner Mail jedenfalls haben Sie nur einen Auszug ins Netz gestellt - und alles weggelassen, was an Kritik an Ihrer Vorgehensweise, Ihrem sicher für Psycholgen interessanten permaneten Leben im Leben und Arbeiten der ANDEREN, und Ihrer Neigung zu Vorverurteilungen (bar von jedem Hintergrundwissen) auch darin stand; und Sie haben die kleine satirische Spitze ("gepiercte Jungredakteure") wieder nicht richtig reflektiert, sondern für "bare Münze" genommen.

Das ist Lernresistenz pur: "Er schien eher eine Tischlerarbeit zu sein als ein wirklich menschliches Geschöpf!" (Lichtenberg).

Wie schon gesagt: Es wird nicht wieder vorkommen. Verlassen Sie sich darauf.

Mit der Ihnen gebührenden Hochachtung
Klaus-Peter Klingelschmitt
Redaktionsvertretung der Berliner tageszeitung (taz) in Frankfurt am Main

Nachtrag von Hans Pfitzinger: Weil das hier mein Weblog ist, hab ich auch das (vorläufig?) letzte Wort. Mir ging's überhaupt nicht darum, Herrn Klingelschmitt zu zensieren oder dem Leser dieses Blogs seine Einschätzung meiner Arbeit vorzuenthalten. Nö, ich fand seine erste Mail nur so peinlich, dass ich ihn nicht unnötig lächerlich machen wollte. Aber wenn ich ihn richtig interpretiere, will er diese Mails veröffentlicht sehen.
Ich bin ja manchmal auch nicht zimperlich im Austeilen und schieße vielleicht gelegentlich übers Ziel hinaus mit meiner Kritik. Aber ich finde, wer seinem Gegner in der Diskussion die Menschlichkeit abspricht, überschreitet eine Grenze.
Dorthin folge ich nicht.
-hp

---------------------------------------------------------Kommentar am 9. Juni 2009

Was für Kleingeister sich mittlerweile im Journalismus tummeln! Habe Deine Mail-Fehde aufmerksam gelesen. Überschrift: Vom Ende des Humors bei der taz, oder Die neue Ernsthaftigkeit der taz-Redakteure. Was waren das mal für witzige und pfiffige Kollegen!

- Peter Orzechowski

9. Juni 2009

Happy Birthday, Donald ohne Mc!

Die Donaldisten wissen es: 1934, am 9. Juni, erschien er zum ersten Mal in einem Comic-Strip. Es ging darin um eine Henne, und die Ente Donald war so unwiderstehlich, dass sie bald Hauptrollen auf den Leib gezeichnet bekam. Später machte sich dann der legendäre Carl Barks an die endgültige Gestaltung, und als ich Anfang der fünfziger Jahre mit Donald Duck Bekanntschaft machte, wusste ich noch nicht, dass es der Beginn einer langen Freundschaft war. Zunächst nahm ich mir, altersbedingt, seine drei Neffen Tick, Trick und Track zum Vorbild, später wurde Donald dann zur Ikone derer, die irgendwie antiautoritär angehaucht waren. Schon als Gegenmodell zu Micky Maus, der ja immer spießiger wurde. Jedenfalls sieht man Donald die 75 Jahre wirklich nicht an, und schon deshalb wird er wohl noch ne Weile weitermachen.
Heh, Alter, bleib dran, lass die Wut raus, wenn's sein muss, erinnere dich an das Motto dieser Website da oben ("You gotta speak out against the madness!"), und alles Gute zum Geburtstag!

Und die BUNTE, äh, die sonntaz?

Inzwischen fühle ich mich von diesem Farbgewusel am Samstag wie erschlagen. Die sonntaz ist eindeutig Form vor Inhalt: Hauptsache bunt. Und guckt mal, was für tolle Layoutideen wir wieder gehabt haben und in die Welt schreien! Davon abgesehen: Dieses dicke Papier wirkt wie Hochstapelei, nicht mal nen Fisch kann man anständig einwickeln damit. Wenn sich dann mal ein guter Beitrag auf die Reiseseiten verirrt, wie der von Julius Hess und seine Überlegungen zum Slum in Madagaskar, steht da gleich ein äußerst fragwürdiges Stück über den Slum-Tourismus in Indien daneben. Heißt das jetzt, man soll mit dem taz-Easyjetset nach Indien fliegen, um sich in Mumbay auf einer geführten Tour die Leute in dem Slum anzuschauen, wo der Oscar-Gewinner "Slumdog Millionaire" gedreht wurde? Dafür zahlt der aufgeklärte Öko-Spießer dann seinen Klimaablass für das vom Flieger rausgepustete CO2, und von dem Geld werden in Indien Bäume angepflanzt. Und wenn der jetsettende taz-Leser wieder zu Hause ankommt, rät ihm die sonntaz auf der "Konsum"-Seite zu einem elektrischen Milchschäumer von Nestlé (mit Teflonbeschichtung - wow!). Der Ramsch kostet schlappe 70 Euro, verbraucht auch keinen Strom aus Atomkraftwerken, weil der kommt ja bei uns aus der Steckdose, "sorgt auf Partys für Gesprächsstoff und ist das neue Hochzeitsgeschenk der Saison".
Son Schwachsinn kann ich auch jeden Samstag in der Wochenendausgabe der Süddeutschen lesen.


Parlamentspiraten


Vielleicht hat es ja jemand mitgekriegt: Nach dem Urteil gegen die Internet-Tauschbörse “Pirate Bay” haben einige Leute aus dem IT-Bereich in Schweden eine Partei gegründet. Sie setzt sich gegen die zunehmende staatliche Überwachung und Reglementierung des Internets und für freie Software ein. Bei den Wahlen zum Europa-Parlament hat die “Piratenpartei” auf Anhieb 7,1 Prozent der Stimmen erreicht und wird in Zukunft mit einem Abgeordneten in Straßburg vertreten sein. Ich finde das ganz beachtlich, wenn man bedenkt, dass sich ihr politisches Programm auf Gesetzgebung fürs Internet beschränkt.
Wie notwendig eine solche Partei auch hierzulande wäre, zeigt diese afp-Meldung von gestern: “Der SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz will die bei der Kinderpornografie geplante Sperrung von Internetseiten auf andere Bereiche ausdehnen. ‘Natürlich werden wir mittel- und langfristig auch über andere kriminelle Vorgänge reden’, sagte Wiefelspütz der Berliner Zeitung.”
Schon interessant, was solche Leute für “natürlich” halten.

--------------------------------------------------Kommentar am 9. Juni 2009
von Stefan (www.fischerlaender.net):
Dieter Wiefelspütz hat auf abgeordnetenwatch.de erklärt, dass der Artikel der Berliner Zeitung "eine bösartige Fälschung" und er zu solchem "groben politischen Unfug" nicht fähig sei. Zumindest letzteres würde ich bezweifeln, aber ich halte es nur für fair, darauf hinzuweisen.
http://www.abgeordnetenwatch.de/dr_dieter_wiefelspuetz-650-5785--f192984.html#q192984

Die taz von gestern:

Der Kunstmarkt: Geldwäsche ohne Ende

Ein prima Artikel zum Thema "Kunst und Geld" im Kulltour-Ressort. Stefan Heidenreich schreibt fachkundig und unterhaltsam über die steuerhinterzogenen Gelder, mit denen der Kunstmarkt am Leben erhalten wird. Dass, nach kurzem Gesäusel aus Politikermund, inzwischen kein Schwein mehr Anstalten macht, die Steueroasen zu schließen, hat wohl sogar der flüchtige Zeitungsleser bemerkt. Und wie hoch ist der Anteil an Schwarzgeld auf dem Kunnstmarkt? Heidenreich: "Ich habe mich also ein wenig erkundigt. Wenn er nach der Herkunft seiner Überweisungen geht, nämlich Virgin Islands, würde ein Bekannter den Anteil ungefähr auf die Hälfte schätzen, entschlüpfte es ihm spät in der Nacht."

Rapper-Weisheit

Ein Interview stellt Samy Deluxe vor, Hamburger Rapper, Jahrgang 1977, und Kollege von mir (als Buchautor, hehehe). Seine Autobiografie "Dis wo ich herkomm" stellt er demnext auf einer Lesetour vor, und dem taz-Mann Julian Weber gibt er einen weisen Rat mit auf den Weg: "Klar habe ich als Rapper andere gedisst, wurde selbst gedisst. Aber ich habe längst begriffen: Negativer Kram führt nur zu noch mehr negativem Kram."
Das sollten sich so manche Zeitungs- und Blog-Schreiber gut merken.


Werbung für rechts

Was mir diese wohlfeil politisch korrekte Gegen-Nazis-sind-wir-doch-alle-Berichterstattung in der taz auf den Wecker geht! Wie viele Dummbeutel werden denn erst durch zwei Zeitungsspalten über Lieder mit rechtsradikalen Texten auf son Mist aufmerksam gemacht. Aber sie kommen sich ganz toll vor, die taz-Inlandsredakteure mit ihrer Skandalnudelmentalität.
Ist das jetzt schon wieder negativer Kram? Muss ich mal den Kollegen Samy fragen.

Küppersbusch?

Nee, wieder nix: Schön gedrechselte Wortkaskaden allein tun's nicht. A bissl mehr Inhalt dürfte schon sein. Schöne Grüße nach Dooortmund.

Laufen

Nur um es noch einmal deutlich zu sagen: Dieter Baumanns Kolumne zum Thema "Laufen" lese ich immer. Da wird deutlich, dass der Dauerläufer auch nach Abschluss der Leistungssport-Phase in seinem Leben sich zumindest eines bewahren kann: Den gesunden Menschenverstand. Diesmal erfahre ich sogar noch einiges über Finanzinvestoren und die Galopprennbahn in Wien. Sympathisch, weil für mich ebenso zutreffend: "Hiermit versichere ich Ihnen: Ich trage nicht nur keinen Anzug. Ich besitze nicht mal einen."

"Der Kuchen wird größer"
oder: Von nichts kommt was

Ach herjeh, sie machen tatsächlich ungerührt weiter, die Nationalökonomen, die von den sicheren Lehrstühlen der Unis den neoliberalen Profitgeiern Flankenschutz geben. Da führt Hannes Koch ein Interview mit einem Münchner Uni-Prof namens Karl Homann. Der wird so vorgestellt: "Als einer der Ersten verknüpfte er Philosophie und VWL." Klingt gut, gell? Aber es bringt in seinem Fall wenig bis gar nichts. Was dabei herauskommt ist: Weiter so, Kapitalismus pur!
Man sollte ihm ein Fernglas schenken, damit er über den Suppentellerrand der westlichen Industrieländer mal hinausblicken kann: "Das System des Wettbewerbs stellt generell alle besser, auch wenn sie mal Verlierer sind oder sich als solche fühlen. Denn alle Bürger profitieren von der guten Gesundheitsversorgung, die Lebenserwartung aller Menschen hat sich gegenüber dem 18. Jahrhundert verdoppelt."
Der taz-Mann wendet ein: "Das kann man für manche Länder in Afrika bezweifeln."
Aber der Ideologe ist nicht zu stoppen: "Im statistischen System des Mittelalters bedeutete Gewinn, dass man einem anderen etwas wegnehmen musste. Dank des permanenten teilweise enormen Wirtschaftswachstum ist das im Kapitalismus anders. Der Kuchen wird größer. Die Reichen gewinnen, aber auch die Armen profitieren. Man kann den Zuwachs verteilen und alle gleichzeitig besser stellen. Das gilt auch für die Entwicklungsländer."
Also: Von nichts kommt was, und das nennt man Kapitalismus. Und der geht nur mit "permanentem, teilweise enormem Wirtschafstwachstum". Das stimmt. Von der Ausbeutung der Natur, vom Raubbau an unserem Planeten bis hin zur Unbewohnbarkeit, von Klimawandel und Anstieg des Meerespiegels hat Karl Homann offenbar noch nichts gehört. "Der Kuchen wird größer" - soso. Der Planet aber nicht.
Zwei Seiten vorher, in derselben taz, eine Meldung von dpa: "Sollte der Fischfang nicht eingeschränkt werden, könnte bis 2050 die kommerzielle Fischerei weltweit erledigt sein, sagte sie (die Sprecherin des WWF). Die EU ist laut WWF Rekordhalter bei der Überfischung. 88 Prozent der Bestände in der EU seien überfischt."
Weshalb sie erst die Westküste von Afrika leergefischt haben, dann die Ostküste, und als dort spanische Fischereiflotten von Piraten bedroht wurden, hat die EU Kriegsschiffe hingeschickt.
Fragen Sie doch mal Professor Karl Homann von der Ludwig-Maximilians-Universität in München, was das mit seinem "enormen Wirtschaftswachstum" zu tun hat.

Katar kauft Porsche

Der Emir von Katar, der stinkereich geworden ist, weil überall auf der Welt sein Öl in Automotoren verbrannt wird, hat angeboten, Porsche mit ein paar Milliarden unter die Arme zu greifen. Das nenne ich vorausschauend gedacht: Nicht nur den Treibstoff verkaufen, auch gleich noch mit den kleinen Maschinchen Geld verdienen, die ihn verbrennen. Das ist so ähnlich wie damals der Einstieg von Sony bei Warner Brothers: Nicht nur die Fernseher und CD-Player verkaufen, auch gleich noch die Filme und die Musik produzieren, die man damit abspielt.

Der allgemein anerkannte Gebrauch von Kindern

Die taz macht keine Ausnahme: Ständig schreibt irgendjemand vom "sexuellen Missbrauch von Kindern". Wenn dieses Wort Sinn hat, dann müsste es doch auch einen allgemein anerkannten (sexuellen) Gebrauch von Kindern geben.

Trauerspiel: Der taz-Pranger

Weshalb habe ich ein so ungutes Gefühl, wenn die taz eine ganze Seite zur Verfügung stellt, um über einen Mann zu berichten, inklusive voller Namensnennung, Adresse und Foto seines Wohnhauses, und es auch noch als "Zivilcourage" verkauft, wenn ein Einzelner in seiner Gemeinde an den Pranger gestellt wird? Weil er ein Rechter ist, weil er Horst Mahler kennt. Weil er (wie Charlotte Knobloch und der Münchner OB Christian Ude) gegen die "Stolpersteine" kämpft, die vor seinem Haus zum Gedenken an verschleppte Juden verlegt wurden? So weit ich dem Artikel entnehme, hat der Mann keine Straftat begangen.
Das ist Minderheitenhetze, was Philipp Gessler da betreibt, und er merkt es nicht einmal. Schon der Ton des Artikels ist verräterisch: Der Mann hätte "ein Häuschen gekauft und dort ein etwas ärmliches Internetcafé eröffnet."
Ich finde auch, dass so ein Typ an den taz-Pranger gestellt werden muss: Rechtsradikale sollten keine ärmlichen Cafés eröffnen dürfen.
Ach bitte, das kann doch nicht der Auftrag eines Journalisten sein: Die Presse sollte gegen die Mächtigen vorgehen, nicht gegen Machtlose.

Na also: Sotscheck is back!

Gerade rechtzeitig zum unaufhaltsamen Abstieg der einst ruhmreichen Labour-Party berichtet er wieder aus Dublin und UK: Die irische Elfe Ralf Sotscheck, taz-Korrespondent für Irland, Schottland und den Rest der Inseln, ist wieder da, wo er hingehört. Deswegen tritt Gordon Brown nicht zurück, und aus Peter Mandelson wird bestimmt kein anständiger Mensch, aber wir erfahren zumindest wieder mehr über die Hintergründe, weshalb die Briten beide nicht loswerden, und wie es dazu kam, dass "Politiker im Ansehen der Briten nur noch knapp über Kinderschändern stehen."
Welcome back, Ralf Sotscheck (mit ck)!


10. Juni 2009

Schreiben & Urteilen

Das Leben: Ein Kampf mit den Trollen
in den Tiefen des eigenen Ich
Schreiben: Gerichtstag halten
und urteilen - über sich

- Robertson Davies, kanadischer Schriftsteller (1913 - 1995)

Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Schluss mit dem Tagebuch!

Gestern war ein Freudentag für alle Fans der Wahrheit-Seite: Schier ungläubig habe ich auf die Ankündigung gestarrt, dass eeendlich "Das geheime Tagebuch der Carla Bruni" eingestellt wird. Zugegeben, a bisserl misstrauisch war ich schon, und es hätte ja wieder der manchmal etwas seltsame Humor der Wahrheit-Redakteure sein können: Ätsch, nächsten Dienstag geht's doch weiter. Aber heute morgen habe ich gesehen, das die Autorin dieses unfassbaren Machwerks zukünftig mittwochs bei "Flimmern & Rauschen" unterkommt, und da habe ich meinem Jubel doch freien Lauf gelassen. Über ein Jahr hamse mich dienstags mit diesem unterirdischen ... ach, Schwamm drüber, ich hab mich wahrlich oft genug dazu geäußert (Sie erinnern sich? "Die Wahrheit - dienstags nie").
Es ist vorbei. Das etwas Schlimmeres nachfolgt, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, weder bei "Flimmern & Rauschen" noch bei der Wahrheit. (Übrigens, Tipp für Insider: Die Überschrift soll an die Übertragung des Endspiels um die Fußballweltmeisterschaft 1954 erinnern.)

Eine ruhigere Welt ist möglich - tvF*)

Wenn ich eine Buchbesprechung von Jochen Schimmang in der taz lese, habe ich immer den Eindruck, einen Ausflug in eine ruhigere, langsamere, gelassenere Welt zu machen. Gestern durfte er sich gleich eine ganze Seite lang mit dem Schriftsteller Roland E. Koch befassen, und dafür bin ich dem zuständigen Kulltour-Redakteur aufrichtig dankbar. Das Buch hat den Titel "Ich dachte an die vielen Morde", und ist schon deshalb bemerkenswert, weil da etwas Seltenes vorgeführt wird: "Koch bewertet nicht, was seine Geschöpfe machen: Er zeigt sie uns bloß." Ganz zu Recht steht am Anfang der ausführliche Hinweis auf die Bedingungen, unter denen ein Autor wie Koch überhaupt Bücher veröffentlichen kann. Kiepenheuer & Witsch ließ ihn nach fünf Romanen fallen, das neue Buch erschien bei Edition Tausend im Verlag Ralf Liebe, Weilerswist. Kiwi, so schreibt Schimmang, hat, "nachdem die Verkaufszahlen nicht den Erwartungen entsprachen, keine weiteren Bücher mehr mit ihm gemacht. Das ist eine Praxis, die keineswegs auf den Kölner Verlag beschränkt ist, und die man gewissermaßen nicht persönlich nehmen darf." Hier weiß einer, wovon er spricht.
Schön auch diese Definition des Berufs: "Ein Schriftsteller ist jemand, der schreibt, egal, wie seine Publikationschancen sind, jemand, der schreiben muss, der einfach sterben würde, wenn er nicht schreiben könnte." Schimmang nennt dies das "ideale Bild des Schriftstellers", und dem entspricht Roland E. Koch "ganz und gar".

*) taz vom Feinsten!

Und gleich noch mal: tvF*)

Ein mir bisher unbekannter Autor, David Fischer-Kerli, schreibt auf der Meinungsseite einen Kommentar zur Verbotsdebatte, im Internet und sonstwo, bei der es angeblich um den Schutz von Kindern geht. Und er kommt zu dem Schluss, dass es eher darum geht, die Bürger in einem demokratischen Staat wie Kinder zu behandeln. Das ist klug und richtig, und gut formuliert. Und der Einstieg zeigt (offenbar ungewollt - weil Fischer-Kerli die taz nicht liest?) mit dem Finger auf die Werbekampagne zur taz-Genossenschaft: "Ob in der Werbung oder in der Politik, Kinder ziehen immer. Erstaunlich ist das schon. Sollte man doch meinen, dass sich dieses vielleicht älteste Mittel aus der Trickkiste manipulativer Botschaften längst abgenutzt hat."
Ach was, schauen Sie sich doch die täglichen Eigenanzeigen der taz-Kampagne für neue Genossen an. Samstags in Farbe!
Übrigens: So weit ich mich erinnere, sind in Schweden Fernsehwerbespots mit Kindern verboten. Ob die taz sich nicht zumindest Selbstbeschränkung auferlegen möchte? FSK?

*) taz vom Feinsten. Ausnahmsweise gibt's hier mal nen Link zu David Fischer-Kerlis Kommentar "Kindersicherung für alle".


Zitat

"Noch gibt es 20 Prozent, die sie trotzdem wählen. Wären sie auf den Anteil derer angewiesen, die sie nicht trotz ihrer Politik, sondern wegen ihrer Politik wählen, die 5-Prozent-Marke wäre wohl eine ernste Hürde."

- Robert Misik über die Sozialdemokraten (unter dem leicht missverständlichen Titel "War's das mit Links?")

--------------------------------------------Kommentar am 10. Juni
Betr.: tazblog 6. Juni 2009

Hallo Hans Pfitzinger,
eine kurze Anmerkung zu Ihrem tazblog:
"Aus Toyota Martin Fritz" mag witzig klingen, ist aber völlig richtig. So heißt die Stadt, in der der gleichnamige Konzern seinen Hauptsitz hat, schon seit 1959. Und ja, unser Autor war tatsächlich dort.
Viele Grüße
Malte Kreutzfeldt
Ressortleiter Wirtschaft & Umwelt
tageszeitung


11. Juni 2009

Feiertag

Dieser Feiertag mit dem geheimnisvollen Namen Fronleichnam hat mir als Kind schon immer große Freude gemacht. Zum einen, weil ich es lustig  fand, dass es einen frohen Leichnam gab, zum anderen weil die Katholiken eine echt gute Straßenshow zusammenbrachten, und der Oberpriester unter einem großen Baldachin durchs Städtchen zog, prächtig gewandet, und mit einem großen Schmuckstück, das er vors Gesicht hielt. Das Teil hieß Monstranz, man konnte durchgucken, und irgendwie war da der Heilige Geist drin. Hat mich sehr beeindruckt.
"Und wo ist der frohe Leichnam?", fragte ich meine Mutter. Wir standen am Straßenrand, weil wir evangelisch waren und nicht bei der Prozession mitmachen durften. Die Kinderfrage war meiner Mutter vor den anderen Leuten so peinlich, dass sie mich weiterzog. Wahrscheinlich wusste sie es auch nicht, und ehrlich gesagt, ich hab bis heute keine Ahnung, was da gefeiert wird, aber ich weiß wenigstens, dass "vronleichnam" irgendwie auf althoch- oder -mitteldeutsch bedeutete "der Leib des Herrn". Lassen wir's gut sein, bei Wikipedia finden Sie sicher mehr darüber.
Ob die Heiden in Berlin auch Feiertag haben? Ich vermute es, auch wenn mein Kalender es anders behauptet, aber gestern kam eine taz hier an, die auf "Mittwoch/Donnerstag, 10./11.Juni 2009" datiert war. Vielleicht galt das aber nur für die süddeutsche Ausgabe.

Kicker-Literaturpreis

Die Seite "Leibesübungen" vergibt am Wochenende immer den "Kicker-Literaturpreis" für eine herausragende Formulierung im Bereich Fußballsportberichterstattung (Klassewort, hm?). Mein Vorschlag: Der Preis muss diese Woche an die taz gehen für das Zitat aus dem Bericht von Tom Mustroph zur Lage des italienischen Fußballs. "Doch kaum kommt der Sommer, da verschwinden ausgerechnet jene Stars aus der Liga, die es im nächsten Lenz richten sollten, einfach von der Bildfläche. Sie heuern auf jenen Fußball-Fregatten an, die ihnen eher ein Einlaufen auf glorreichen Champions-League-Gewässern garantieren können als die grob  gezimmerten Schaluppen im Lande des immer noch amtierenden Weltmeisters."
Oh edler Wohlklang schöner Rede!

Apropos Rede: Schreiben ist sexy

Toller Übergang, finden Sie nicht? Hehehe, ich wollte nämlich schon lang mal erwähnen, dass es hinter den grandiosen Reden des US-Präsidenten (Sie erinnern sich? Der heißt jetzt nicht mehr Bush) einen genialen jungen Redenschreiber gibt, den Barack Obama erst im letzten Sommer angeheuert hat. Der Typ heißt Jon Favreau und sieht vom Typ her dem Benjamin Stuckrad-Barre entfernt ähnlich. Favreau ist gerade mal 27 Jahre alt, und weil Journalisten nichts lieber mögen als Superlative, wurde er von der angeblich so seriösen Süddeutschen gleich zum "jüngsten Redenschreiber aller Zeiten" ernannt. Gemeint waren solche, die für US-Präsidenten arbeiten, aber das stimmt auch nicht, denn Jimmy Carter hatte einen, der war erst 26. Glauben Sie nichts, was in der (Süddeutschen) Zeitung steht.
Nun geht die Kunde, dass Jon Favreau ein ganz feiner Kerl ist, so wie Sie und ich (na, bei Ihnen weiß ich nicht, und für mich würde ich bestimmt die Hand nicht ins Feuer legen), ein sympathischer junger Mann, der vor dem Umzug ins Weiße Haus noch in einer WG gewohnt hat. Und weiter heißt es, dass er 16 Stunden am Tag arbeitet, und die Reden des Präsidenten in einer Art Schreibsymbiose entstehen, denn Obama ist ja selbst kein schlechter Autor, was man an den Büchern sehen kann, die er geschrieben hat. Weshalb ich das hier unterbringe, hat mit dem wunderbaren Klatsch und Tratsch zu tun, der um Jon Favreau gewoben wird: Er hat sich nämlich in eine kluge junge Frau mit dem poetischen Namen Ali Campoverdi verknallt, drei Jahre jünger als er, die ebenfalls im Weißen Haus arbeitet (für einen von Obamas Top-Beamten) und früher als Model für die Zeitschrift Maxim posiert und auf diversen Laufstegen Dessous vorgeführt hat. Und nach gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen beruht die Zuneigung auf Gegenseitigkeit.
Ach, wie ich ihm das gönne - da hat er mit 27 den tollsten Redenschreiber-Job der Welt, und dann läuft ihm auch noch diese schöne Frau zu! Da glaubt der Mensch doch wieder an die Kraft der Feder, an die Magie des Schreibens. Und so sehen sie aus, die jungen Leute, die Obama ins Weiße Haus geholt hat: (hier Foto von Ali in BH und Hösche; und Foto von Jon Favreau auf der Flugzeugtreppe mit umgehängtem Laptop.)
 

Ich war jung und brauchte die CDU

Ach herjeh, was für ein überflüssiger Artikel von einer jungen Journalistin, die im heldenhaften Selbstversuch herausgefunden hat, was passiert, wenn man sich bei der CDU als Neumitglied bewirbt. Fazit des ganzseitigen Beitrags: "Die Parteien stecken viel Kraft in die Rekrutierung des Nachwuchses. Am Ende kommt der Typus des jungen Karrieristen in die Top-Jobs, der Politik als Business versteht. Für den geleisteten Input möchte man Output haben. Kommt dieser nicht zustande, zieht man weiter."
Input-Output-Puttputt. Was für eine überraschende Erkenntnis! Und dafür muss ich mich durch mehr als eine halbe Seite Graumasse kämpfen. Hätte ich wahrscheinlich eh nicht getan, wenn da nicht ein riesengroß aufgemachtes, geradezu sensationelles Foto von Thomas Lohnes abgedruckt worden wäre. Frau Merkel klein am Rednerpult, groß auf der Projektionswand, und über ihr ein Deckengemälde, auf dem Helios siebenspännig im Sonnenwagen über den Himmel zieht. Und dazwischen die Worte an der Saalwand: "Verantwortung übernehmen."
Spit-zen-fo-to!

Zitat

"Insgesamt wurden im Sommer 1944 mehr französische Zivilisten (rund 70.000) durch Bomben der Alliierten getötet als britische Zivillisten durch deutsche Bomben (rund 50.000). Wie pervers klingt in diesem Zusammenhang der Begriff 'friendly fire'."

- Ilija Trojanow zum Thema "Der D-Day als Sinnbild eines gerechten, moralisch unangreifbaren Krieges ist ein Mythos"

Der große Unterschied

Die Autokanzlerin Angela Merkel und ihre schwarz-rote Industrieregierung sind sich nicht zu blöd, die sogenannte Wirtschaftskrise dadurch zu bekämpfen, dass sie den Autofirmen mit "Abwrackprämien" unter die Arme greifen, marode Kfz-Hersteller "retten" (zumindest bis nach den Wahlen) und den Bau von noch mehr Autobahnen fördern. Amerika, du hast es besser: "In New Jersey haben am Montag die Bauarbeiten für das größte Verkehrsprojekt in den USA begonnen: Unter dem Hudson soll für 8,7 Miliarden Dollar (6,25 Milliarden Euro) ein neuer Bahntunnel nach New York gebaut werden." (ap)

WWN*)

Ja, sie sind ein Paar

Seit Wochen wurde spekuliert, jetzt ist es endlich offiziell: Oliver Pocher und Becker-Ex Sandy Meyer Wölden sind doch mehr, als nur gute Freunde.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)

Ach ja. Frohen Leichnam!

12. Juni 2009

taz-Schlagzeile, Seite 1: CSU wieder schwanger

Zuerst hab' ich mich schon gefragt: Ist das witzig? "CSU wieder schwanger". Es könnte witzig sein, wenn die Geliebte von Horst Seehofer, dem Parteivorsitzenden der CSU tatsächlich zum zweiten Mal ein Kind von ihm erwarten würde. Das große Foto zeigt dann Seehofer mit gefalteten Händen beim Beten in einer Kirche in Rott am Inn. Das mag man für eine - bei Politikern übliche - Inszenierung halten, mit der Schlagzeile hat es nichts zu tun, soll aber den Leser zu dem Schluss verleiten: Seht her, was für ein Heuchler!
Unter dem Bild steht dann: "Die Freundin des Bayerischen Ministerpräsidenten Seehofer soll ein Kind von ihm erwarten."
Soll. Mit anderen Worten: Die taz-Redakteure wissen es nicht, aber "CSU ist schwanger", einfach so als Tatsache in die Welt gesetzt, klingt gut.
Nun hatte ich den zugehörigen Artikel von Michael Stiller und Waltraud Taschner, der auf Seite 13 heute ganzseitig das Thema auswälzt, schon gestern abend auf taz.de gelesen. Etwas verblüfft war ich, dass ein seriöser Journalist wie Stiller sich für so etwas hergibt (Frau Taschner ist mir nicht bekannt). In diesem ganzen langen Beitrag steht nichts, was die Nachricht, Seehofers Geliebte sei wieder schwanger, erhärtet. Aber es steht auch nicht drin, wer die Gerüchte aufgebracht und verbreitet hat, nur: "Horst Seehofer und seine angebliche Ex-Geliebte sollen ein zweites Kind erwarten. (...)
Bald hörte man in Berlin von CSU-Leuten: 'Die sind noch zusammen.' In den letzten Wochen kam noch ein Detail dazu: 'Die beiden bekommen ein zweites Kind.'"
Aha, "von CSU-Leuten" weiß es die taz. Das ist also die Quelle, aus der die taz ihre Nachricht schöpft: Anonyme "CSU-Leute". Illustriert wird der ganzseitige Artikel von einem kleinen Titelbild der Zeitschrift BUNTE. Darauf sieht man eine lachende Frau, die sich ein Baby um den Bauch geschnallt hat. Dem Text auf dem Titelbild ist zu entnehmen: "Horst Seehofer. Jetzt spricht seine Geliebte." Das wirkt so, als ob die Informationen aus der neuen BUNTE stammen. Als Bildunterschrift in der taz von heute steht da nur: "'Bunte'-Titel". Kein Wort davon, dass es sich um ein Titelbild aus dem Jahr 2007 handelt.
Ich wollte wissen, wo die taz-Information herkommt, und gab bei Google ein: < Seehofer Geliebte schwanger >. Das oberste Suchergebnis war, wen wundert's, taz.de: "Seehofers Geliebte erneut schwanger." Punkt. Einfach so, als Behauptung. Ich klicke auf die Website, und finde;
"Seehofers Geliebte erneut schwanger?
Dringender Termin in Berlin"
Man hat die Behauptung zurückgenommen, jetzt steht ein Fragezeichen dahinter.
Aber Google weiß auch, wie andere Zeitungen mit der Meldung umgehen, und dass sie allesamt aus der BUNTE abgeschrieben haben. Die Süddeutsche zum Beispiel: "Beide, Seehofer und die 35-jährige Frau, die nach wie vor im Bundestag arbeitet, lehnten jede Stellungnahme ab. In CSU-Kreisen wird der Vorgang als Versuch Seehofer-kritischer Parteimitglieder gewertet, dem CSU-Chef zu schaden - zumal nach SZ-Informationen Gerüchte, die Frau sei erneut von ihm schwanger, nicht stimmen."
Wie die BUNTE arbeitet, ist ja hinlänglich bekannt. Man stellt einen Paparazzi vor die Berliner Wohnung, rüstet ihn mit einem hochwertigen Teleobjektiv aus und bringt ihm gelegentlich nen Cheeseburger und ein gekühltes Schultheiß vorbei, damit er nicht verhungert und den Frust runterschwemmen kann. Der Nachrichtenservice von t-online weiß mehr:
"Jetzt veröffentlicht die Illustrierte Fotos, die die Ex-Geliebte beim Betreten und Verlassen des Apartmenthauses Nr. 13 im Berliner Abgeordnetengebäude zeigen. Der CSU-Chef hat hier weiterhin seine Zweitwohnung. Laut 'Bunte' sollen beide in der Nacht vom 1. auf den 2. Mai in Seehofers Ein-Zimmer-Wohnung gefeiert haben.
Die Illustrierte berichtet außerdem von Gerüchten in Berlin und München, nach denen Seehofers Ex-Geliebte erneut schwanger sei. Der CSU-Politiker Seehofer sowie die Büroleiterin Fröhlich hätten dazu keinen Kommentar abgeben wollen. Juristen der Münchner Staatskanzlei hätten zeitweilig erwogen, die Auslieferung des Magazins in letzter Minute stoppen zu lassen, berichtet die 'Bild'-Zeitung.
(Quelle: t-online.de)

Na, jetzt ist die taz doch endlich in der Gesellschaft, zu der sie offenbar gern gehören will: BUNTE und Bild. Angela Böhm, eine seriöse und ernst zu nehmende Journalistin aus München, die seit vielen Jahren für die teilseriöse und nur gelegentlich ernst zu nehmende Abendzeitung schreibt, formuliert das, was bekannt ist, so: "Seit Wochen kochen die Gerüchte über. Die 'Bunte' berichtet sogar über eine reine Spekulation: 'Anette Fröhlich sei angeblich zum zweiten Mal schwanger vom CSU-Vorsitzenden.'" (Quelle: AZ)
"Eine reine Spekulation", nennt es Angela Böhm, und die SZ hat "Informationen, dass die Gerüchte, die Frau sei erneut von ihm schwanger, nicht stimmen."
Und was sagt die BUNTE, die Quelle, aus der alle schöpfen? Auf ihrer Homepage so gut wie gar nichts:
"Politik: Horst Seehofer: Der bayerische Ministerpräsident ist oft bei seiner Zweitfamilie in Berlin."
Schlagzeile der gedruckten taz vom 12. Juni 2009: CSU wieder schwanger



14. Juni 2009

Seehofer und die Folgen

Keine. Selbstverständlich kann die taz folgenlos Gerüchte in die Welt setzen. Horst Seehofer wird den Teufel tun, und sie verklagen. Demnächst behauptet die taz, Angela Merkel soll schon mal gevögelt haben. Das würden anonyme CDU-Leute, die ihren Namen nicht in der Zeitung sehen wollen, schon seit Wochen behaupten.
Was ich sagen will: Es kümmert kein Schwein mehr, was die taz schreibt, und wer geglaubt hat, dass es darum geht, einen gewissen Standard an seriöser Berichterstattung zu pflegen, wird herb enttäuscht. Nur frage ich mich, worum es dann geht? Folgenlose Unterhaltung? Wer braucht dazu die taz? Das macht die BUNTE besser. Übrigens: Sogar die Bild-Zeitung macht sich über die taz lustig. Nach dieser Veröffentlichung könnte sie wohl nicht mehr mit dem Finger auf andere Boulevard-Blätter zeigen.
Stimmt ausnahmsweise.

"Wissenschaft": Ein Trauerspiel

Zitate (Seite "Wissenschaft", taz vom 12. Juni)

"Die Sorge um Ernährung und Gedeihen des Kindes ist sehr eng mit der mütterlichen Identität verknüpft."

- Mechtild Papousek, Wissenschaftlerin an der Uni München
(nur damit Sie wissen, zu welchen Erkenntnissen die Ausgaben für Bildung in diesem Land führen)

 "Auch wenn es im Zuge der 1968er-Bewegung zu einem neuen Selbstverständnis der Mütter und einer neuen Sicht der Mutter-Kind-Bezehung gekommen ist, kämpfen Eltern heute noch mit einer starken Verunsicherung im Umgang mit ihrem Nachwuchs. Und diese Unsicherheit zeigt sich auch beim täglichen Essen."

- Kathrin Burger, taz-Autorin, "Kampf am Mittagstisch" - über Essstörungen bei Kleinkindern.

Nicht mal die "Verunsicherung im Umgang" mit Babys konnten sie abschaffen, die 68er!  Die "Wissenschaft"-Seite der taz ist weitgehend ohne gesellschaftskritischen Anspruch. Da drucken sie sogar unkommentiert PR-Mitteilungen von BASF über "trockenresistenten Mais" ab, gentechnisch verändert, klaro. Ob es so was wie "linke" Wissenschaft gibt? Das wäre eine Wissenschaft, die kritisch fragt, wem die Forschung nützt und wer damit verarscht wird. Warum kommt das in der taz nicht vor? Stattdessen werden saudumme Agenturmeldungen abgedruckt, aus denen ich umwerfende Erkenntnisse erfahre: Der "trockenresistente" Genmais sei "gerade für wasserarme und heiße Gegenden interessant". Oder: "Forscher vom Nationalen Kinderkrankenhaus im US-Bundesstaat Ohio" haben herausgefunden, dass Kinder unter fünf Jahren "häufig über Kabel oder Computerteile stolpern".
Das ist die reine Platzverschwendung.

Soziale Absicherung verbessern? Hartz-IV-Sätze erhöhen? Unbezahlbar!

Was die Linkspartei so alles im Programm hat, um den armen Leuten hierzulande ein menschenwürdigeres Leben zu ermöglichen, das "ist ja unbezahlbar". Das Argument gehört zu den Reflexen, wenn von Erhöhung der Hartz-IV-Sätze und von 10 Euro Mindestlohn pro Stunde die Rede ist.
Aus einer kleinen rtr-Meldung, die von der taz schamhaft auf Seite 6 versteckt wird, erfahre ich, dass jetzt doch alle 180 Eurofighter angeschafft werden, obwohl die Kosten gestiegen sind und es letzte Woche Überlegungen gab, 38 Maschinen weniger zu kaufen. Die bewillligten Mittel von 14.664.000.000 Euro sind nämlich bereits ausgeschöpft. Wir müssen aber die vorgesehenen 180 Kampfflieger haben, weil: "Die Bundeswehr müsse sich nicht nur in Krisen im Ausland engagieren, sondern auch den Schutz Deutschlands sicherstellen. Dafür sei der Eurofighter unerlässlich und deshalb halte man an der geplanten Stückzahl fest."
Wer das sagt? Na, das Verteidigungsministerium des Franz Josef Jung. Dabei verstößt der Einsatz der Bundeswehr im Ausland gegen unsere Verfassung. Und weshalb der "Schutz Deutschlands" mit 142 Eurofightern nicht sicherzustellen ist, muss mir der Mann auch erst mal erklären.
Bis dahin gilt: Es ist eine Lüge, wenn jemand behauptet, für die Erhaltung menschenwürdiger Sozialsysteme sei in Deutschland kein Geld da. Es kommt lediglich darauf an, wofür es die demokratisch gewählte Regierung ausgibt. Und wenn sie es lediglich den Banken, der (Rüstungs- und Auto-)Industrie in den weit geöffneten Rachen schmeißt und in der afghanischen Wüste versenkt, sollte sie ganz einfach nicht mehr gewählt werden. In der Demokratie.

Die sonntaz-Überraschung

Issja nicht so, dass ich hier nicht dauernd an der sonntaz rumgenörgelt hätte. Vielleicht bin ich deshalb so überrascht gewesen, als ich gestern unter den Espenbäumen am Tivoli-Pavillon feststellen musste: Holla, da stehen ja diesmal eine ganze Reihe interessanter Beiträge drin. Man muss nur versuchen, gegen die kreischende Buntheit anzukämpfen und sich nicht in Leselähmung versetzen zu lassen.
Weil da draußen ein Sommersonntag mit wolkenlosem Himmel auf mich wartet, gibt's trotzdem nur den

Schnelldurchlauf: sonntaz. Fast Forward >>

Stopp: Absurdes Piratentheater

- Ach, die Bettina Gaus schreibt mal wieder aus Kenia, wo sie früher eine der besten taz-Korrespondentinnen war. Ihr Kommentar zur Räuberjagd vor der somalischen Küste und dem Immobilienboom in Kenia verdient eigentlich, in voller Länge zitiert zu werden, aber weil das nicht geht, gibt's hier nur ein Zitat: "Westliche Militärs jagen Piraten, die als Geldbeschaffer für Mitglieder einer 'Regierung' operieren, die vom Westen unterstützt wird. Im westlichen Auftrag stellt das Nachbarland Kenia einige Piraten vor Gericht, deren Hintermänner gleichzeitig die Beute in Kenia investieren. Ist das vorstellbar? Nein. Das kann nicht sein. Das wäre ja weder ein Märchen noch eine Denksportaufgabe. Sondern absurdes Theater."

Stopp: Casting für Johnny Cash

- Neues Image: Peter Unfried, das einzige Gesicht aus der Chefredaktion, das in der taz durch Fotos und Beiträge präsent ist, sieht jetzt anders aus. Früher hat er den Leser mit Wetgel im Haar auf gleicher Höhe in die Augen geschaut, jetzt guckt er leicht von oben herab und sieht eher so aus, als ob er beim nächsten Casting für den Johnny-Cash-Ähnlichkeitswettbewerb mitmachen will. Ob er sich extra von Anja Weber hat fotografieren lassen, weil ihre Porträtfotos hier im tazblog ein paar Mal sehr gelobt worden sind? Thema seiner Kolumne: Klopft man ans Seitenfenster, wenn jemand seinen Automotor im Stehen weiterlaufen lässt? Und wenn ja, ist man dann ein Fall fürn Psychiater? Mein Rat: Im Sommer nicht ans Seitenfenster, sondern an die eigene Stirn tippen, im Winter einen Schneeball in den Auspuff stopfen, dann säuft der Motor ab.

Stopp: Ein Ölgemälde wie ein Farbholzschnitt

- Was für ein Wahnsinnsbild! Und fast eine halbe Seite! Und ein tolles Interview mit dem Maler Daniel Richter! Dieses Ölgemälde auf Leinwand sieht aus wie ein farbiger Holzschnitt, oh Mann, ich krieg ja kaum was mit von dem ganzen Kunstwirbel, aber wenn dann so was in meinem Gesichtskreis auftaucht, weiß ich wieder, weshalb manche Leute ihr ganzes Leben der Malerei widmen oder als Journalisten darüber schreiben. taz-Kulltour-Mann Andreas Fanizadeh stellt auch noch ein paar wunderbar naiv-richtige Fragen. Richters letzte Worte: "Ein radikaler Künstler ist nicht automatisch der, der sich explizit politisch äußert. Darin sehe ich nicht die Qualität von Kunst."

Stopp: Egalitär? Elitär? Fahrplan her!

- Eine ganze Seite über Jürgen Habermas zum 80. Geburtstag, mit einem herzergreifenden Foto von Götz Schleser, der den alten Mann auf eine lehnenlose Bank in einem Uni-Flur gesetzt hat. Und dazu ein langer Artikel von Rudolf Walther, der sogar eigene Fehleinschätzungen zugibt. Schön ausgedrückt: "Habermas bietet keine Fahrpläne und keine Fahrziele, sondern Aufklärung über Verfahren und Kriterien, mit denen rational und zugleich egalitär-demokratisch darüber entschieden werden kann, warum und wann die Reise wohin gehen soll."
Zuerst habe ich mich vertippt, und musste "elitär-demokratisch" korrigieren. Interessant, gell, Herr Freud?

Stopp: Wenn das Wichtigste umsonst ist ...

- Eine Buchbesprechung von Annette Jensen über das letzte Buch von André Gorz, der im September 2007 verstorben ist: "Auswege aus dem Kapitalismus. Beiträge zur politischen Ökologie". Ich frage mich wirklich, weshalb so dummbeutelige Ökonomen wie Karl Homann von der Uni München (der vor ein paar Tagen seinen neoliberalen Schwachsinn in der taz ausbreiten durfte) nicht wenigstens ihre Hausaufgaben machen, und solche Bücher lesen. Gorz geht davon aus, dass "die informationelle Revolution" dem Kapitalismus den Garaus machen wird, weil Wissen immer wichtiger wird und einen eigenständigen Wert erlangt. Der "bemisst sich nicht in Geld, sondern an dem Interesse, das es weckt, an der Verbreitung, die es findet." Was neu daran ist referiert Jensen: "Die Digitalisierung ermöglicht seine kostenlose weltweite Verbreitung." (Das Buch von André Gorz gibt's beim Rotpunktverlag, Zürich, für 16 Euro).

Stopp: Gutkrieger

Hah: "Wir Gutkrieger. Warum die Bundeswehr im Ausland scheitern wird". So heißt das Buch von Eric Chauvistré, der gelegentlich in der taz schreibt und von Ulrike Winkelmann befragt wird, die zwar als Parlamentskorrespondentin der taz in Berlin arbeitet, aber seit einem "eingebetteten" Journalistenbesuch bei der Bundeswehr in Afghanistan zunehmend Informationen sammelt, wie der Wahnsinn dort beendet werden könnte. Chauvistré plädiert dafür, sich klar zu machen, welche Ziele man ursprünglich mit dem Kriegseinsatz verfolgte: "In Afghanistan gilt inzwischen schon als Erfolg, wenn wenig Raketen auf Bundeswehrlager fliegen." Und er will die "Umkehr der Beweislast: Nicht die Gegner eines Einsatzes müssen belegen, dass dieser seine Ziele nicht erreichen kann. Es ist die Aufgabe der Befürworter, zu belegen, dass er funktioniert."

Stopp: Lobbyistin im Schafspelz

Schön,  dass das Ressort "Flimmern + Rauschen" mal eine Seite Auslauf erhält, um des Breiten über Miriam Meckel zu berichten. Die Machenschaften dieser Pseudowissenschaftlerin aufzuklären, wäre eine vornehme Aufgabe für jeden Journalisten. Johannes Gernert wird ihr nur zum Teil gerecht (der Aufgabe, der Meckel auch). Interessant, wie Gernert den Niedergang des eigenen Gewerbes verdeutlicht: Diese nachträgliche "Autorisierung" von wörtlichen Aussagen, die eine/r im Interview gemacht hat, sorgt für die zunehmende Langeweile in den Medien. Heh, wenn sich eine Profesorin für Kommunikationswissenschaft auf ein Gespräch mit einem Journalisten einlässt, dann muss sie auch damit zurechtkommen, das der Mann ihre Aussagen abdruckt. Das tut er aber nicht: "Meckel sagt einen Satz, der sich anhört, als wolle sie sich von dieser ganzen Mecom-Geschichte jetzt ein für alle Mal distanzieren. Sie wird ihn anschließend nicht autorisieren. So wie sie überhaupt nichts zum Thema autorisiert. Aus Gründen der vertraulichkeit, schreibt Meckel."
Das entlarvt sie zwar geschickt, aber ich kann mir nicht helfen: Das ist Selbstkastration der Presse.
Hintergrund: Miriam Meckel hat einen Lehrstuhl in St. Gallen, den sie, so die taz, "2005 von SPD-Vordenker Peter Glotz erbt". "Erbt" ist gut: Die Frau war genauso zielstrebig und SPD-windelweich auf Karriere eingestellt wie ihr Vorgänger. Nun macht der taz-Autor etwas Gewese darum, dass sie auch noch in Berlin für die PR-Agentur Brunswick arbeitet und dabei "Strategieberatung für Kommunikation" betreibt. Die Agentur hat den britischen Investor David Montgomery und seine Mecom-Holding beraten, als er noch Besitzer der Berliner Zeitung war. Johannes Gernert: "Die uanbhängige Wissenschaftlerin als Lobbyistin? Schon wenn man die Frage formuliert, beginnt Miriam Meckel, sich zu ärgern. Ihre Stimme klingt jetzt schärfer, gereizt. Die Formulierungen dagegen werden unpräziser."
Das ist gute Journalistenarbeit, gut beobachtet und dargestellt, allerdings fehlt ein entscheidender Punkt: Miriam Meckel kann diesen Ansatz nicht nachvollziehen. Diese Frau hat doch keinen Rollenkonflikt! Für sie ist das kein Gegensatz, Wissenschaft und Industrielobby, sie betreibt Wissenschaft für und im Auftrag der Großkonzerne. Was soll bei einer solchen Einstellung an ihrer Arbeit für Brunswick auszusetzen sein? Das ist Fortsetzung ihrer "Wissenschaft" mit anderen Mitteln. Und wenn sie "einen Satz" sagt, "der sich anhört, als wolle sie sich von dieser ganzen Mecom-Geschichte jetzt ein für alle Mal distanzieren", dann gefährdet sie ihren Job bei Brunswick. Der Lehrstuhl in St. Gallen reicht ihr offensichtlich nicht aus, um Geld zu scheffeln.
Meckel gehört zu den Nachwuchskräften aus der SPD (auch wenn sie für Wolfgang Clement - ausgerechnet Clement! - als "Parteilose Staatsekretärin" gearbeitet hat), die sich mit Zielstrebigkeit dorthin gedrängt haben, wo die dicke Kohle zu holen ist. Kein Wunder, dass sie in St. Gallen Peter Glotz "beerbt" hat: Der Lehrstuhl wird in einem "Joint Venture" finanziert von der Uni St. Gallen, der Heinz-Nixdorf-Stfitung und - ja, genau - der Bertelsmann-Stftung (warum steht das eigentlich nicht in der taz?). Ziel dieser von der Industrie finanzierten "Wissenschaft" ist es, "die transformierende Wirkung der digitalen Medien auf die Medienwirtschaft und die Kommunikation zu erforschen."

Summer in the City

Ach ja, war wohl nix mit dem Schnelldurchlauf. Aber jetzt hat's schon 25 Grad da draußen, und für heut' ist Schluss.

WWN*)

Schöne Frauen machen Männer blöd

Arme Männerwelt: Forscher wollen bewiesen haben, dass Männer während und kurz nach der Begegnung mit einer schönen Frau nicht mehr klar denken können.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de). Jean Paul sagte zu dem Thema vor 200 Jahren: "Wer nie bei Schönheit blöde war ..."












tazblog 16. Mai 2009 - 31. Mai 2009
28.05.2009 14:59:15
16. Mai 2009

Obama-Dämmerung: Von jetzt an feste druff!

Die taz vom 15. Mai 2009 zeichnet sich dadurch aus, dass sie von Seite eins bis Seite 12 insgesamt sechs Mal auf Barack Obama eindrischt. Die geballte Ladung entspricht genau dem üblichen Pressereflex: Erst aufbauen, dann über ihn herfallen. Dabei finde ich es durchaus vernünftig und nachvollziehbar, nicht noch weitere Folterbilder aus dem Irak zu veröffentlichen. Klaro, dass die Voyeure des Grauens sich gern noch ein bisschen aufgeilen würden, und ebenso klar, dass es rechtlich gesehen keinen Unterschied macht, ob noch mehr Fotos von den Untergebenen der Bush-Cheney-Rice-Gonzales-Rumsfeld-Gang veröffentlicht werden. Es geht nicht um die niederen Dienstgrade, die ja vor Gericht gestellt und verurteilt wurden. Es geht darum, die Verantwortlichen vor Gericht zu stellen und Anklage gegen George W. Bush und seine Regierungsmannschaft zu erheben. Dass die taz überwiegend den Horror-Voyeurismus bedienen will, unterstreicht sie mit der sonntaz von heute eindrücklich: "Die USA weigern sich, 44 weitere Bilder über die Folter im Gefangenenlager Abu Ghraib im Irak zu veröffentlichen. Obama rückt damit teilweise vom Versprechen zu mehr Transparenz ab. taz.de dokumentiert deshalb noch einmal die eindringlichsten Bilder." Hechel, hechel!
Gestern waren es noch ein paar Bilder mehr, kommt ja nicht drauf an. Da schrieb Bernd Pickert in einem Kommentar: "Wer soll denn glauben, 2.000 weitere Bilder, darunter Schnappschüsse von US-Soldaten, aber auch medizinische Leichenfotos zur Dokumentierung von Folter und Misshandlung brächten 'keinerlei neue Erkenntnisse', wie Obama argumentiert?"
Wer das glauben soll? Ich zum Beispiel. Mir geht auch die Ausstellung fickender Leichen dieses Herrn von Hagens am Arsch vorbei. Auch da bin ich sicher, dass sie mir "keinerlei neue Erkenntnisse" bringt.

P. S. Was zum Teufel macht die irische Elfe Ralf Sotschek in Washington? Ist er jetzt US-Korrespondent? Wie üblich erfährt der taz-Leser nicht, ob Adrienne Woltersdorf gekündigt hat, gefeuert wurde, Urlaub macht. Und kriegt Sotschek in Washington genug Guinness? Und warum polemisiert er gegen Barack Obama und haut ihn
in die Pfanne für Gesetze zum Umgang mit Homosexuellen in der US-Army, die Obama gar nicht zu verantworten hat?

Musik drin: Gleich zwei wunderbare Plattenkritiken ...

... auf den Kulltour-Seiten: Die eine, kurze Plattenkritik, stammt von Sonja Eismann, der ich dankbar bin, dass sie mich in die Welt "nordischer Weirdo-Musik" eingeführt hat. Ich hatte ja keine Ahnung, dass es die Abteilung "Childish Music" überhaupt gibt. Ein Song mit dem Titel "Cats on Crack" auf der CD einer Sängerin, die sich Frau Kraushaar und ihr Werk "Le Salon is very morbidä" nennt - so was kann nicht ganz schlecht sein. Die CD ist "weit davon entfernt, quatschige Clownerien zu bedienen", findet Sonja Eismann: "Dieses Weirdo-Geplinker im Retro-Sci-fi-Kostüm beschwört die Absurdität der Settings, ohne mit der Wimper zu zucken und vor allem ohne ausgestellte Ironie." Sachen gibt's!
Die andere, lange Plattenkritik, hat Julian Weber geschrieben, und mir kommt es vor, als hätte er tatsächlich Ahnung von dem, was er da dem unbeleckten Leser (mir) nahebringt: "The Future Will Come" von The Juan McLean. Mit all dem  Hintergrundwissen, dass Weber wie selbstverständlich einfließen lässt, mit der flüssigen Schreibe und der Hingabe an sein Thema hat er mich davon überzeugt: Hier findet wichtige Musik statt im großen weiten Reich des Pop, im unüberschaubaren Dauerbeschuss neuer Moden.
Und Weber gebraucht nicht einmal Wörter wie Dystopie und Ikonoklasten.

Jörg Gülden ist gestorben

"Gülden gehörte zu der ersten Generation professioneller Popjournalisten in (West-)Deutschland. Im Jahr 1973 stieg er beim Magazin Sounds in Hamburg als Redakteur ein." So heißt es im Nachruf der taz. Als ich 1975 meine San-Francisco-Kolumnen "Sound of the City" anfing, war Jörg schon fester Bestandteil des besten, einzigen, wildesten, wichtigsten Rockmusikmagazins im ganzen deutschen Zeitschriftengewerbe. Wo, wenn nicht bei Sounds konnte jemand unterkommen, für den Rockmusik so wichtig war wie essen und trinken? Jürgen Legath, der im Heft (auch in Güldens Texten) immer "der Verleger" genannt wurde, führte mich im Impressum als "Westcoast Correspondent" auf. Das klang etwas hochtrabend, aber als erster Schritt ins Journalistenleben kam mir das gerade recht. Eine Woche vor Redaktionsschluss rief Legath immer bei mir an, um mich an den Text zu errinnern, der auf Susans alter Remington-Schreibmaschine getippt und im Briefumschlag nach Hamburg verschickt wurde.
Legath: "Heh, schick's rechtzeitig ab, du weißt doch, die Post braucht manchmal vier Tage. Und mach Fotos."
Ich: "Jürgen, ich hab dir doch gesagt, dass ich nichts mehr für Sounds schreibe, wenn du nicht die vorherigen Kolumnen bezahlst."
Legath: "Ich hab dir gerade einen Scheck ausgeschrieben, er ist schon in der Post. Also nu mach hinne, ich brauch den Text Ende der Woche."
So setzte ich mich wieder ans Fenster mit Blick auf die Eukalyptus-Bäume am Rand des Golden Gate Parks und schrieb. Über den ersten Auftritt der Grateful Dead im Park seit drei Jahren; über ein Konzert von Hot Tuna in Bimbo's Nightclub; über den neuen Gitarristen der Jefferson Airplane; über Kraftwerk im Keystone in Berkeley; und über David Bromberg in der Great American Music Hall.
Jürgen Legath hat mir nie einen Scheck geschickt.
Das waren meine ersten Erfahrungen im professionellen Journalismus. Aber ich bin sicher, dass Jörg Gülden sein Gehalt bekommen hat. An den Folgen einer Hüftoperation sei er gestorben, schreibt die taz. So eine verdammte Scheiße.
Ciao, Jörg, alter Baustellenkumpel!

Leserbriefe: "Superreißerisch"

Die Leserbriefspalte füllen ausschließlich empörte Zuschriften zum Titel "Oskar Lafontaine steht das Wasser bis zum Hals". "Superreißerisch" nennt es ein Leser.
Nur um meine Haltung klarzustellen: Es ist nicht fair, wie geschehen, mir DDR- oder Myanmar-Denken vorzuwerfen, und ich sag an keiner Stelle, dass Dissidenten nicht interviewt werden oder zu Wort kommen sollen (abgesehen davon habe ich auch noch bemerkt, dass es ein gutes Interview war und die taz-Redakteurin die richtigen Fragen gestellt hat). Es ging mir nur um die Gewichtung, um die Titelseite (die Seite drei mit dem "Sozialismus schalala ..." - geschenkt, pubertär).
Und noch etwas möchte ich gern deutlich sagen: Ich seh die Linkspartei als "SPD heavy", immer noch mit dem Grauen der Sozialdemokratie behaftet, spießig. It don't mean a thing if it ain't got no swing. Und ich würde nicht mal im Traum daran denken, Mitglied zu werden (allerdings wähle ich sie, seit sie auf den Zetteln stehen). Ich nehme sie nur gegen die Verleumdungen der Konzernpresse und der bürgerlichen Massenmedien in Schutz. Wie die Dinge laufen sieht man hier, apropos Gewichtung: Das ist die Aufmachermeldung vom 16. Mai 2009, vormittags, auf tagesschau.de, noch vor "Germany's Next Top Guido". Titel: "Interview mit Lafontaine-Kritiker Wechselberg 'Wahlversprechen der Linkspartei sind verantwortungslos'". www.tagesschau.de/inland/interviewwechselberg100.html

WWN*)

So purzeln Promi-Pfunde

Fiese Pölsterchen und hartnäckige Kilos machen auch vor Stars und Sternchen nicht Halt. Um schlank zu bleiben, setzen die VIPs auf ganz unterschiedliche Diätmethoden.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)

17. Mai 2009

So geht Journalismus in Deutschland I

Puh! Wir sind noch einmal davongekommen, knapp an einer Revolution oder den viel beschworenen "sozialen Unruhen" vorbeigeschrammt. Aber die öffentlich-rechtlichen Medien hatten Beruhigendes mitzuteilen: "Der Protestzug verlief nach Polizeiangaben friedlich, obwohl der Ärger bei vielen Teilnehmern groß war. So forderte ein Demonstrant auf seinem Plakat 'soziale Unruhe statt unsoziale Ruhe'".
1 Demonstrant. Fordert. Auf 1 Plakat.
Nachdem in den Nachrichten von "mehreren zehntausend" Demonstranten die Rede war, wollte ich genauer wissen, wie viele Leute der DGB in Berlin auf die Beine gebracht hat. Bei tagesschau.de war dann von 100.000 die Rede, und das erschien mir schon eine ganze Menge. Vielleicht gab's bei Spiegel Online Zahlen zur Demo? Ich fand dies hier:

Samstag, 16. Mai, Spiegel Online:
Meldung 1: "DEUTSCHLANDFONDS  BMW und Porsche bemühen sich um Staatskredit"
Meldung 2: "ABGABEN-DEBATTE Steuerstreit schwächt Merkels Autorität"
Meldung 3: "OPEL-RETTUNG Guttenberg schmäht SPD-Attacken als platten Wahlkampf"
Meldung 4: "BUNDESLIGA-TITELKAMPF Wolfsburg auf dem Weg zur Meisterschaft"
Meldung 5: "DITA VON TEESE BEI DER EUROVISION Debatte ums Dekolleté"
Meldung 6: "ABWRACKEN VON SCHIFFEN Fluch der schweren Pötte"
Meldung 7: "AUTOMOBILGESCHICHTE Vier gewinnt"

Unter den Top-Meldungen wurde die DGB-Demonstration in Berlin nicht einmal erwähnt. Dann ging's weiter mit:

"* Auto-Design: Traumschiffe auf Rädern
blättern
MULTIMEDIA
* Sexy Song Contest: Viel nackte Haut in Moskau Video abspielen...
* Kinderpornografie: Mobilmachung gegen Internet-beschränkung Video abspielen...
* "Egalité, fraternité, Pfefferminztee": Sodann, der Kandidat ohne Chance Video abspielen...
* SPIEGEL TV Online: Der Wochenrückblick Video abspielen...
* Die globale Krise (5): Mallorcas abgekühlter Immobilienmarkt Video abspielen...
* Base Flying: Sprung in die Tiefe Video abspielen...
* "Frühling für Hitler": Musical "The Producers" in Berlin Video abspielen...
* Wenn das Handy zweimal klingelt: Die Rache der Genervten Video abspielen...
DER SPIEGEL
* Inhalt * Vorabmeldungen * Abo * E-Paper * Heft kaufen 21/2009
Die Komplizen
Hitlers europäische Helfer beim Judenmord
* Diskutieren Sie über das aktuelle Titelthema
UNISPIEGEL * Übersicht
SCHULSPIEGEL * Übersicht
blättern
Studentenpisa: Männer schlagen Frauen beim Wissenstest
Es war vermutlich die größte Allgemeinwissen-Prüfung, die es in Deutschland je gegeben hat: In Kooperation mit StudiVZ hat der SPIEGEL den Studentenpisa-Test durchgeführt. Jetzt liegen die Ergebnisse vor - sie sind eine echte Überraschung. mehr... [ Forum ]
* Roboter-Turnier: "Elefant" soll den Titel verteidigen
* Schicksalsfrage Gymnasium: Drohen, tricksen, prozessieren
* Schwarze Kassen in Trier: Uni-Mitarbeiter zu Gefängnis verurteilt
* Jobsuche als Schulfach: Was soll bloß aus mir werden?
* Grenzgänger: Daumen raus - und ab nach Osteuropa
* Mädchen in Nepal: Verkauft von den eigenen Eltern
* "Wie werde ich...": Johann König, Spaßmacher mit Fistelstimme
* Ratgeber für Lesefaule: Ein Manga als Karriereguide
* mehr UniSPIEGEL
* mehr SchulSPIEGEL
WIRTSCHAFT * Übersicht * Börse * Depot * Fonds * Derivate
blättern
Aktionstag in Berlin: 100.000 Demonstranten fordern Maßnahmen gegen die Krise"

Was soll ich dazu sagen? So ordnet "das deutsche Nachrichtenmagazin" am Samstag, dem 16. Mai, die Ereignisse nach ihrer Bedeutung ein. Das ist der Stand der Dinge, das ist der Drecksjournalismus auf höchstem Niveau, wie er vom Spiegel im Internet praktiziert wird, die Gehirnwäsche für ein sowieso schon entpolitisiertes Volk.

So geht Journalismus in Deutschland II


Auf der ersten Seite der Wochenendausgabe kündigt die taz einen Essay über Hugo Chávez an: "Topmodel Hugo Chávez", darunter in etwas kleinerer Schrift: "Wie Venezuelas Präsident Hugo Chávez seine Herrschaft mit einer eigenen Miliz absichert > sonntaz". Jetzt mal abgesehen von dem Hohn, ihn als Topmodel zu bezeichnen, macht mich die Ankündigung neugierig - von "eigenen Milizen" hatte ich bisher nichts gewusst. Klingt ja böse! Mein Blick schweift nach rechts zu dem Foto einer jungen Frau im roten, schulterfreien Abendkleid. Daneben steht als Überschrift: "Roger Willemsen über Heidi Klum", darunter in etwas kleinerer Schrift: "'Man möchte elegant sechs Sorten Scheiße aus Heidi rausprügeln' > sonntaz".
Ja, das steht da, auf der ersten Seite, gleich unter "die tageszeitung".
Auf der ersten Seite der Wochenendbeilage, also der "sonntaz" wird noch einmal auf den Artikel hingewiesen: "Essay Hugo Chávez, seine Milizen und seine Reformrevolution > Seite 23". Darunter, angekündigt mit "Der stärkste Satz": "'Eine unschöne Frau mit laubgesägtem Gouvernanten-Profil bringt kleine Mädchen zum Weinen, indem sie ihre orthodoxe, hochgerüstete Belanglosigkeit zum Maßstab humaner Seinserfüllung hochschwindelt' Roger Willemsen, Publizist, über Heidi Klum im TV >  Seite 14".
Tja, dieses Wortgeklingel, dieses perfekt missbrauchte Sprachhandwerk, halten die taz-Redakteure für den stärksten Satz. Ich blättere zu Seite 14, da lassen Leute, darunter der angekündigte Willemsen weitere starke Sätze zur starken Frage ab: "Ist Germany's Next Topmodel frauenfeindlich?". Stark, gell? Und auch der Satz mit den sechs Sorten Scheiße vom Titel steht da wieder.
Auf Seite 23 betitelt man dann den Essay über Chávez mit "Der venezolanische Cowboy" und zeigt ihn mit weit ausholender Geste auf dem Rücken eines Pferdes. Verfasst hat den Artikel Michael Zeuske, ein Kölner Uni-Professor, der gut schreiben kann. Er geht weit zurück in die Vergangenheit, zeigt sachlich die Herkunft von Chávez auf und den politischen Werdegang, erwähnt sein historisches Vorbild Simón Bolivar, weist darauf hin, dass der Präsident "eine Vielzahl sauberer Wahlen und Referenden gewonnen" hat: "Auch von einer Diktatur oder systematischen Gewalt gegen die Opposition in Venezuela kann keine Rede sein. Die privaten Medien sind mehrheitlich gegen Chávez und existieren mehrheitlich trotzdem."

Zeuske enthält sich jeder Hetze, Herablassung und Häme, die beim Thema Hugo Chávez in den deutschen Medien üblich sind. Im Vergleich zu ARDSZSPIEGELFAZ kommt dieser Beitrag ohne ideologische Scheuklappen und eurozentrische Überheblichkeit aus. Aber ich erfahre nichts darüber "Wie Venezuelas Präsident Hugo Chávez seine Herrschaft mit einer eigenen Miliz absichert". Bis auf einen Satz, der einfach so als Behauptung am Schluss angehängt wird: "Hugo Chávez hat, von der Welt unbemerkt, eigene relativ gut ausgerüstete Milizen aufstellen lassen, die mittlerweile weit mehr Kämpfer haben als die Armee." Das ist alles zu dem angekündigten Thema. Die Formulierung könnte dem Leser nahelegen, da ginge etwas nicht mit rechten Dingen zu und Chávez treibe undurchsichtige Spiele zur Sicherung seiner Macht.
Aber dass die Milizen "von der Welt unbemerkt" aufgestellt wurden  - da kann Hugo Chávez wirklich nichts dafür. Die tribuna popular, Zeitung der Kommunistischen Partei Venezuelas, hat bereits vor eineinhalb Jahren darüber berichtet:
Präsident Chavez kündigt Bildung von Bolivarischen Milizen an
Caracas, 6. Dezember 2007, Tribuna Popular TP/ABN.- Der Präsident der Bolivarischen Republik Venezuela, Hugo Chávez Frías, kündigte die Bildung der Bolivarischen Milizen durch eine Änderung des Organgesetzes über die Nationalen Streitkräfte ("Ley Orgánica de Fuerza Armada Nacional" / Lofan) an.
Am Mittwoch erklärte Chávez auf der Pressekonferenz im Simón-Bolívar-Saal des Regierungspalastes Miraflores, dass er die Bildung der Bolivarischen Milizen umsetzen wird, die Teil des Verfassungsreformvorschlages war, über den am vergangenen Sonntag abgestimmt wurde.
Woher ich das weiß? Die tribuna popular hat eine deutschsprachige Ausgabe im Internet: deutsch.tribuna-popular.org/

Und sonst? Kai Diekmann, taz-Genosse

Ein Klasse-Interview von Katrin Bettina Müller mit dem wunderbaren Theaterregisseur Volker Lösch - es ist eine Freude, dass solche Leute in diesem Land leben und arbeiten und nicht aufgeben. Das Foto von ihm sei auch noch erwähnt: Schön für die taz, dass die Fotografin Anja Weber so oft Gelegenheit bekommt, ihre Porträtkunst zu zeigen. -
Zwei Seiten Nichtigkeiten: Das Interview mit Matthias Döpfner, Oberboss des Axel Springer Verlags. Hauptmeldung: Seine Blätter nehmen zwar keine Anzeigen von der Linkspartei, aber er geht gern mit Gregor Gysi essen. -
Nebenmeldung vorne auf Seite 11, versteckt unter den Leserbriefen: Bild-Chefredakteur Kai Diekmann ist neuer taz-Genosse. Konny Gellenbeck, "Projektleiterin der taz-Genossenschaft" äußert sich auf eine Leseranfrage: ""Für die taz ist Kai Diekmann ein ganz normaler Genosse, er hat, wie 8.586 andere Genossinnen und Genossen auch, eine Stimme. Die taz-Genossenschaft sichert die publizistische und ökonomische Unabhängigkeit der taz. Wer dafür Geld gibt, ist uns herzlich willkommen."
Dass jetzt nur niemand glaubt, die zwei Seiten Interview mit Diekmanns Chef in der sonntaz und die Information auf Seite 11 hätten irgendetwas miteinander zu tun!

Der rätselhafte Satz

"Denn von einem Wunsch nach 'Aufarbeitung der Vergangenheit' ist bis auf den Angehörigen der Opfer und einigen Historikern in China wenig zu spüren."
- Jutta Lietsch auf der Seite "Meinung + Diskussion"

Der rätselhafte Korrespondent

Weshalb berichtet die irische Elfe Ralf Sotschek jetzt aus Washington, und warum haut er täglich Barack Obama in die Pfanne?

WWN*)

"Den Rest regelt der Fußballgott, live und ohne besserwisserische exegetische Adjudanten. Im Übrigen scheint mir das Fußballschauen im Kollektiv ein sittliches Sedativ zu sein, eine Art Besänftigung des immer wüster sich gerierenden Gattungswesens Homo sapiens."
- Jürgen Roth zur weltbewegenden taz-Frage "Reicht's jetzt mal mit Fußballgucken?"

*) Wirklich Wichtige Nachrichten, diesmal aus der tageszeitung, der einzigen deutschen überregionalen Zeitung mit publizistischer und ökonomischer Unabhängigkeit


19. Mai 2009

Gruß zurück!

Schöner, rätselhafter Satz in der Kolumne von Peter Unfried (ob das wohl auf meine Anregung zurückgeht? Wenn ja: Gruß zurück!):
"Musik (neu): Just singing a song - Neil Young. Botschaft: "Just singing a song won't change the world". Deshalb bastelt er Tag und Nacht am neuen energetischen Antrieb seines alten Autos. Metapher für das Ganze."
Grübel, grübel. Also, es ist so: Der gute alte Neil will beweisen, dass sein Oldtimer, ein Lincoln-Straßenkreuzer, ein Cabrio von 1959, schwer wie ein Panzer, mit einem neuentwickelten Elektroantrieb in Kombination mit Benzinkompressor und Rotationsmotor fahren kann, und dabei nur 1,5 Liter Sprit verbraucht auf 100 km. (Rotationsmotor? Erinnert sich jemand an den NSU Ro 80?). Ich muss doch mal gucken, wie die Dinge stehen, indem ich >Lincvolt<, so heißt Neil Youngs Wagen, bei Google eingebe. Bis später! - - - -
Unter lincvolt.com gibt's eine Webcam, mit Blick in die Werkstatt, wo sie am Lincoln Continental arbeiten, allerdings vom letzten Februar. Die Lincvolt Gazette mit dem Untertitel "All the news about Electric Cars" scheint lebendiger zu sein: Die letzte Meldung ist ziemlich aktuell, von heute nämlich: Tue, 19 May 2009 08:09:14 GMT. (Es gibt eine Anzeige des Tesla Model S, der mit einer Batterieladung an die 450 km schafft und damit wirbt, zwei Mal effizienter als Autos mit Hybridantrieb zu sein: "2 X as efficient as hybrids".)

In mehreren Zeitungsartikeln wird über Youngs erste Reise mit dem neuen Altauto an die Ostküste berichtet, die technischen Grundlagen werden in allen Einzelheiten erläutert. Das Team arbeitet auch unterwegs ständig an Verbesserungen, und es gibt Leute, die behaupten, Young hätte schon 150.000 Dollar in die Entwicklung des Antriebs investiert. Na, das ist doch ein Klacks, verglichen mit den 30 Millionen Euro, die VW aus Steuergeldern für die Entwicklung eines Elektroautos kassiert hat. Zur Lincvolt Gazette geht's hier lang.

Sherlock Holmes revisited

Heh, das ist mal ein toller Artikel, eine ganze Seite taz zwei über Arthur Conan Doyle und seine Sherlock-Holmes-und-Doktor-Watson-Serie. Sehr nachvollziehbar, die Schlussfolgerungen von Anne Haeming, die den Erfolg der Bücher mit der Angst vor dem Unsichtbaren und einer gehörigen Portion Rassismus erklärt: Die Bedrohung geht häufig von Engländern aus, die sich in den Kolonien aufgehalten und dabei mit dem Gedankengut der Einheimischen "angesteckt" haben: "Jenes viktorianische Schreckensszenario vom Nationalkörper, dem die Invasion todbringender Elemente droht, erlebt seit einigen Jahren ein Revival. Die Angst vor Sporen des Bösen, die die Schutzmechanismen westlicher Länder überwinden, in sie eindringen und von innen zerstören, ist spätestens seit dem 11. September hochaktuell."
Ob Wolfgang Schäuble diesen Artikel liest ("Der Angriff des Unsichtbaren")? Interessant auch in diesem Zusammenhang: Der dumbe Tor George W. Bush hat ja unter Einfluss seiner Hintermänner virtuos auf diesem Bedrohungsklavier geklimpert, während sein Verteidigungsminister Donald Rumsfeld als Teilhaber des Tamiflu-Entwicklers Gilead von allen Schwindelkampagnen zur Grippebedrohung profitiert hat (und immer noch profitiert), von Vogel- bis Schweine-.

Rule Britannia!

Von Großbritannien gingen ja schon diverse Entwicklungen aus, die sich dann in anderen Ländern durchgesetzt haben - von der konstitutionellen Demokratie über Beatles, Punk und Minirock bis zur Dominanz des Angriffsfußball. Jetzt könnten sie wieder Vorreiter werden und die politische Klasse aus dem Verkehr ziehen, die sich, wie überall, die Demokratie unter den Nagel gerissen hat. Nach dem Missbrauch von Steuergeldern für Zweitwohnungen, dem Spesenskandal der Parlamentsabgeordneten, liegt die Labour-Party des Premierministers Gordon Brown in den Umfragen bei 17 Prozent, die Konservativen verloren ebenfalls 6 Prozent und liegen bei 30. 

Die Bahn: Strecken wieder herstellen

Wer wissen will, was hier in diesem tazblog seit einem Jahr immer wieder zum Thema "die Bahn als Ausweg aus dem Verkehrs-, Abgas- und Autodilemma" stand, findet eine Zusammenfassung in einer am Samstag in Köln veröffentlichten Erklärung von europäischen Gewerkschaften, Umweltverbänden, Attac, Bürgerinitiativen und und und: Lkw- und Pkw-Verkehr reduzieren, Autoindustrie umrüsten, öffentlichen Nahverkehr verdreifachen, Bahnstrecken für den Fernverkehr ausbauen, 25.000 Kilometer Regionalbahnstrecken wiederherstellen, neue und bequeme Züge anschaffen, 25.000 stillgelegte Bahnhöfe "revitalisieren", neue Hochgeschwindigkeitstrassen und unsinnige Großprojekte (Stuttgarter Hauptbahnhof) streichen. Das finden Sie bei der "Bahn für alle" (hier ihre Website). Horst Becker, der Sprecher der NRW-Grünen im Landtag sieht es so: "Statt des Abwrackprämienunsinns brauchen wir ein Konjunkturprogramm für die Bahn."
Ich hab ja nie behauptet, dass alle Grünen nur nach Posten schielen und immer nur Unsinn plappern.

Lieblingswort des Tages

- "Bruterfolgsmonitoring". Damit wird auf der Insel Trischen im Wattenmeer festgestellt, wie viele junge Silbermöven ausschlüpfen. Toll, gell?

Zitat

"Auch der Graben zwischen den Gemäßigten auf beiden Seiten ist ziemlich tief."
taz: Und wer ist schuld?
"Das weiß ich nicht. Ich finde die Frage auch nicht so interessant. Was mich fasziniert ist, dass eigentlich alle Israelis wissen, dass die Besetzung der palästinensischen Gebiete Israel als jüdisch-demokratischen Staat gefährdet. Alle wissen es - und trotzdem halten wir seit 40 Jahren an der Besatzung fest. Obwohl wir genau wissen, dass dies am Ende eine selbstmörderisch, zukunftzerstörende Politik ist."
- Tom Segev, israelischer Historiker ("1967 - Israels zweite Geburt")

taz-Titel: Brav

"Die Krise ist angekommen" steht auf der ersten Seite, und ein Foto von der 100.000-Menschen-Demo in Berlin, dazu eine Seite 3 mit Bericht und Interview (Ursula Engelen-Kefer). Brav, die taz. Da kann man nicht meckern - tut niemand weh, bringt nix voran.


20. Mai 2009

Sommer

Wenn es morgens um acht schon 16 Grad hat, keine Wolke am Himmel dahinzieht, und für nachmittags 26 Grad angekündigt sind - dann steht wohl ein Sommertag bevor. Vermutlich wird es dann zu meiner üblichen Laufzeit gegen 12 Uhr schon zu heiß sein, also nichts wie raus. Jetzt!
Ob ich danach noch Lust habe, über die Dienstag-taz was abzulassen? So viel sei schon gesagt: Gestern gab's das geballte Grauen - nicht nur Silke Burmesters unsägliches Carala-Bruni-Tagebuch auf der Wahrheitseite, nein, sie haben mich auch noch mit Julia Grosses Nichtigkeiten im Kulltour-Teil und Anja Maiers Hohlspießer-Kolumne auf taz zwei belästigt. Das taz-Boulevard-Trio - und nirgends komisch, witzig, satirisch. Nur wohlformulierte Nullinhalte.
Und weshalb ich Robert Misik (Kommentar: "Lafontaines Freaks") nicht als Teil der Lösung, sondern des Problems sehe, erfahren Sie später. Aber nur, wenn's der Sommertag erlaubt.


21. Mai 2009

Es ist unfassbar: Sie machen einfach so weiter!

"Und die Linke? Die frohlockt schon mal vorschnell, der Kapitalismus sei am Ende. Von wegen! Die rhetorische Gebetsmühle rattert wieder und sondert altbekannte Statements ab: Der Kapitalismus funktioniert nicht so recht - wir können es besser! Chefs und Manager sind schamlos reich - her mit ihrem Geld für die Sozialhilfeempfänger! Die profitgeile Wirtschaft vernichtet Arbeitsplätzen - wir fordern Arbeit für alle! Restriktive Steuerpolitik begünstigt bloß die Reichen - linke Konsumpolitik wird endlich wieder Wachstum bringen! Ist da irgendwo irgendetwas Neues in Sicht? Ein Umdenken, ein Paradigmenwechsel, Visionen gar? Es könnte einen die Verzweiflung überkommen!"

- Horst Stowasser, in: Zeitpunkt Nr. 101, Mai/Juni 2009, S. 9 (www.zeitpunkt.ch/)

Seltsames Zusammentreffen: Den Artikel von Horst Stowasser, aus dem das obige Zitat stammt, las ich am selben Tag, als die taz mit der Schlagzeile herauskam: "Millionäre fordern Vermögensabgabe". Das war gestern. Vorgestern stand auf Seite 4 ein Interview mit Heinz-Josef Bontrup. Der wird als "Ökonom" vorgestellt, scheint aber trotzdem noch alle Tassen im Schrank zu haben. Bontrup: "Zuerst hat die Politik versagt, nachdem sie sich am Neoliberalismus orientiert und die Steuerungsebene und damit den Staat weitgehend abgeschafft hat." (Da umschlingt ein enges Band die Jahrhundertstaatsfrau Margret Thatcher mit Ronald Reagan, Tony Blair und Gerhard "VW" Schröder. Aber lassen wir Herrn Bontrup ausreden:) "Nun versagt der sich selbst überlassene Markt, und wir lassen die gleichen Politikversager noch einmal machen - und dann soll alles wieder gut werden? Schauen Sie sich nur das aktuelle Wahlprogramm der FDP an. Weiter Neoliberalismus pur. Unfassbar."
Und was schlägt Heinz-Josef Bontrup vor? Eine Demokratisierung der Wirtschaft. In den Aufsichtsräten müssen mehr als bisher Betriebsräte und andere Bevölkerungsteile mitbestimmen, Verbraucherschützer, Umweltverbände (kurz: Menschen, die anderes im Sinn haben als die wunderbare, größtmögliche Geldvermehrung in kürzester Zeit - egal, ob der Planet vor die Hunde geht). Bontrup drückt es so aus: "Weil wir keine demokratisierte Wirtschaft haben, hat es das Kapital überhaupt vermocht, für eine gigantische Umverteilung von unten nach oben zu sorgen und für eine Prekarisierung, die immer mehr Menschen an den Rand drängt. Hätten wir eine demokratische Wirtschaft, wäre das gar nicht möglich gewesen."
Und um es möglich zu machen, brauchte "das Kapital", brauchten VW und die Bertelsmann-Stiftung, ihren braven Vollstrecker Gerhard Schröder, der lachend und mit Zigarre in der Hand die Menschen in die Armut getrieben und den Sozialdemokraten einen Schwund beschert hat, von dem sie sich nie mehr erholen werden.
Ja, es ist in der Tat unfassbar. In derselben taz salbadert Robert Misik wortgewandt wie gewohnt darüber, dass die Linke (als diffuse Strömung) und Die Linke (als konkrete Partei) trotz der Krise kein Bein auf den Boden bekommt. Und sieht dabei weder seine eigene Rolle noch die der Massenmedien: Die politischen Vorstellungen der Partei Die Linke kommen in den Konzernmedien, im Fernsehen, in der taz schlicht nicht vor. Was vorkommt, sind Aggressionen gegen "Radikale" innerhalb der Linkspartei (kein Schwein berichtet über die Vorstellungen von Sahra Wagenknecht, es reicht schon, sie als "Stalinistin" zu bezeichnen), und abwertende Meldungen über den "Populisten" Lafontaine, mit möglichst unvorteilhaften Fotos, geballter Faust, verzerrtem Gesicht. Wenn Die Linke vorkommt, dann wird abwertend gehetzt, verspottet, verhöhnt. (Vor ein paar Tagen überschrieb Spiegel Online einen Bericht über den Präsidentschaftskandidaten Peter Sodann mit "Liberté, Egalité, Pfefferminztee". Siehe auch den Eintrag hier im tazblog vom 13. Mai: "Schweinchenrosa Propaganda".) Mit dem Programm der Linken muss man sich gar nicht erst auseinandersetzen, nachdem es als "nicht finanzierbar" diffamiert wird (während Milliardenhilfen für marode Banken offenbar locker finanzierbar sind). Die Ablehnung der EU-Verfassung, der Nato und des Kriegseinsatzes in Afghanistan werden als nicht diskussionwürdig befunden, die Partei als "nicht regierungsfähig". (Wobei ich mich frage, im Vergleich zu wem oder was? Ist Angela Merkel "regierungsfähig"? FW Steinmeier? Müntefering? Westerwelle? Özdemir? Seehofer? Wenn ich demnächst wieder höre, Die Linke sei nicht regierungsfähig, kotze ich über den Tisch.)
Bei Robert Misik hört sich das so an: "Aber was ist eigentlich aus Lafontaine geworden? Statt die Partei zum Protagonisten dieser Ideen zu machen, erweckt der frühere SPD-Chef und Ministerpräsident heute allzu oft den Eindruck, als protegiere er alle Irren, die bei jeder K-Gruppenspaltung in den vergangenen dreißig Jahren im Westen mit von der Partie gewesen sind. Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, freilich einer, an dem nicht viel lustig ist."
Genauso wenig wie an Misiks Kommentar. "Diese Ideen", die er anführt - dazu erfährt der Leser inhaltlich nichts. Ein Halbsatz nennt sie "die wirtschaftlichen Konzepte, die vor elf Jahren der Finanzminister Oskar Lafontaine und sein Staatssekretär Heiner Flassbeck propagierten". Diese Konzepte setzt Misik als bekannt voraus, und die "sind die richtigen". Aber heute steht Lafontaine offenbar nicht mehr dazu, er "protegiert die Irren". Und das ist die vorherrschende Linie der taz: Wer an der Veränderung oder Überwindung des herrschenden Systems arbeitet, statt es nur zu reparieren, ist irre. Daher auch der Titel über dem Kommentar: "Lafontaines Freaks".
(Was Lafontaine und Flassbeck vor elf Jahren umsetzen wollten, war mit Schröder nicht zu machen, Lafontaine musste zurücktreten. Was haben sie ihn fertig gemacht in der "liberalen" Presse, den "Verräter Lafontaine", der "seinen Job" hinwarf, die "SPD in Stich gelassen hat". Dabei hat Schröder nur getan, was ihm aufgetragen war. Er musste Lafontaine loswerden, nachdem Rupert Murdochs britisches Gossendrecksblatt Sun auf der Titelseite seinen Steckbrief veröffentlich hatte. Zu einem fast ganzseitigen Foto des deutschen Finanzministers schrie die Schlagzeile: The most dangerous man in Europe.)
Aber was sagt Oskar Lafontaine heute, im Mai 2009, wenn er nicht gerade "alle Irren protegiert"? In einer Rede zum 60. Jahrestags der Verabschiedung des Grundgesetzes sagt er Dinge, die in der taz und den Talkshows keinen Platz finden, weshalb ich aus der Dokumentation der Rede bei Junge Welt zitieren muss. Nachdem er Goethe, Marx und Engels und Theodor W. Adorno als Zeugen angerufen hat, holt er noch weiter aus und zitiert Jean-Jacques Rousseau (1712 - 1778): "Die Menschenrechte müssen ergänzt werden durch einschränkende Bestimmungen über das Eigentum; sonst sind sie nur für die Reichen da, für die Schieber und Börsenwucherer." Oskar Lafontaine überträgt diese Gedanken in die Gegenwart: "Im Finanzkapitalismus heutiger Prägung wird der größte Teil der Gewinne nicht mehr in moderne Produktionsanlagen reinvestiert. Vielmehr wird er im weltweiten Spielkasino verzockt, mit verheerenden Folgen für die Menschen, vor allem für die Hungernden und Kranken in der Welt. Der Finanzkapitalismus enteignet die Beschäftigten nicht nur dadurch, daß er ihnen den Zuwachs des Produktivvermögens vorenthält. Er verschärft Jahr für Jahr die ohnehin bestehende soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit durch fallende Löhne, Renten und soziale Leistungen bei gleichzeitigen spekulationsbedingten Preissteigerungen." Um dem entgegenzutreten, fordert Lafontaine das Gleiche wie der oben erwähnte Heinz-Josef Bontrup: Eine echte Wirtschaftsdemokratie. Die wäre sogar unter den Vorgaben des Grundgesetzes möglich, ohne dass es geändert werden müsste: "Der Artikel 14 des Grundgesetzes muß neu interpretiert werden. Während die im Absatz 2 geforderte Verpflichtung, der Gebrauch des Eigentums solle auch dem Wohle der Allgemeinheit dienen, in einer Gesellschaftsordnung mit einer anderen Verteilung des Vermögens und des Eigentums an Produktionsmitteln ebenso ihre Gültigkeit behält, ist der Absatz 3 neu zu interpretieren. Wenn eine Enteignung nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig ist, dann ist die in unserem Wirtschaftsalltag Praxis gewordene ständige Enteignung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die zum Nachteil der Allgemeinheit führt, schlicht grundgesetzwidrig."
Hah? Das muss man sich mal genüsslich auf der Zunge zergehen lassen. Und Lafontaine setzt noch eins drauf: Ein Wirtschaftssystem, in dem die Menschen nicht mehr in unmündiger Abhängigkeit arbeiten, sondern Verantwortung für die Folgen ihrer Arbeit tragen (jenseits der Bestimmung, ihren Arbeitgeber reicher zu machen), würde auch zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Natur führen: "Eine durch die Beteiligung der Belegschaften an den Unternehmen geprägte Wirtschaftsordnung dient auch der Erhaltung unserer Umwelt. Echte, solidarische, gesellschaftliche Verantwortlichkeit kann der Mensch in seiner Arbeit nur entwickeln, wenn er im Arbeitsprozeß nicht entmündigt wird. Produktive Arbeit ist Umformung der Natur zu Gebrauchsgütern. Wer im Arbeitsprozeß von jeglicher Verantwortlichkeit enteignet worden ist, der wird auch gegenüber dem Gegenstand seiner Arbeit, der Natur, nicht die notwendige Verantwortung empfinden. Daher müssen diejenigen, die für einen verantwortlichen Umgang des Menschen mit der Natur plädieren, dafür eintreten, daß solidarische Verantwortlichkeit im Arbeitsprozeß entstehen kann. Es würde nicht viel nützen, wenn es hin und wieder gelänge, ein Atomkraftwerk stillzulegen oder eine Chemiefabrik zu schließen, und der Mensch in anderen Gebieten genauso unverantwortlich weiterproduzierte, genauso ausbeuterisch mit der Natur umginge wie bisher."
So weit, so richtig. Mit anderen Worten sagt das auch Evo Morales in Bolivien. Aber ich habe es bisher noch von keinem deutschen Politiker, ob links, ob grün, in dieser Form gehört. Oskar Lafontaine hat diese Rede im Bundestag gehalten, am 14. Mai 2009. Haben Sie davon etwas mitbekommen? Im Fernsehen? In Ihrer Zeitung? In der taz?
Das meine ich, wenn ich schreibe: Die politischen Vorstellungen der Partei Die Linke kommen in den Konzernmedien, im Fernsehen, in der taz schlicht nicht vor.
Interessant auch, wie ich darauf gestoßen bin: Ich wollte eine Website für das eingangs zitierte Schweizer Zweimonatsmagazin Zeitpunkt angeben, und bin dort auf einen Link zur Tageszeitung Junge Welt gestoßen, wo die ganze Rede von Oskar Lafontaine dokumentiert wird.
Keine Ahnung, wer ihm die Rede geschrieben hat, aber Lafontaines Niveau erreicht zur Zeit keiner unter unseren Politikschranzen auch nur annähernd.

WWN*)

Promi-Lady sucht Traummann

Was haben Sabrina Setlur, die Prinzessin von Hohenzollern und Desiree Nick gemeinsam? Richtig: Sie suchen einen Mann - und zwar nicht in freier Wildbahn, sondern im TV.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)


Schönen Himmelfahrtstag!


23. 5. 2008

Wie oft kommt es vor, dass über Bundespräsident und Deutsche Fußballmeisterschaft am selben Tag entschieden wird? Nun ja, heute ist der große Tag für Zahlenspinner wie mich: 23, Quersumme 5. An diesem Tag sterben große Anarchisten, an diesem Tag kann sich die Welt zum Besseren verändern, an diesem Tag kann sie untergehen, können Kriege beginnen oder der ewige Frieden einkehren. Der 23. 5. ist jedenfalls ein besonderer Tag.
Höchsttemperatur heute in München laut Vorhersage von wetteronline: 23 Grad.

Pudding an der Wand

Wer sich vornimmt, die taz-Chefredaktion zu kritisieren, steht ähnlich da wie jemand, der versucht, einen Pudding an die Wand zu nageln. Die Chefredakteurin schreibt so gut wie nie in dieser Zeitung, ihr Stellvertreter Reiner Metzger äußerst selten. Wie kann man jemanden kritisieren, wenn sie nichts von sich geben? Vielleicht ist die Frau Mika ja ein Verwaltungsgenie und hält den Laden am Laufen, vielleicht hat sie die Machtspiele innerhalb der Redaktion am besten verstanden und sich dadurch unangreifbar gemacht? Jedenfalls ist sie länger auf ihrem Posten, als jede/r andere vor ihr. Was für eine politische Haltung sie hat, ob sie überhaupt eine hat - Fehlanzeige.
Der Einzige aus dem Trio, der regelmäßig schreibt und Interviews führt, ist der zweite Stellvertreter Peter Unfried. Der war früher als Redakteur für Leibesübungen und Sportberichte zuständig, und darf ohne Verdacht auf zweckgerichtete Schmeichelei als guter Schreiber eingestuft werden. Wer eine erkennbare Haltung, Einstellung, Überzeugung in seinen Texten sucht, wird sich allerdings schwer tun. Die Grunddevise ist: Alles geht, Meinungen sind alle gleichwertig, Zeitungen werden strategisch geführt, links war gestern, heute ist Mittelschicht, Erfolg zählt. Und um den zu erreichen, öffnet sich der taz-Mann heute diesem Einfluss, morgen jenem. In einem Interview mit dem Gewerkschaftsblättchen "M - Menschen machen Medien" strotzt er nur so vor Selbstgefälligkeit. "Die taz ist ein Erfolgsmodell", verkündet er stolz. Und: "Die Inhalte lassen überhaupt nichts zu wünschen übrig. Die Inhalte sind sehr gut, wir sind eine der besten Zeitungen in Deutschland."
Und auf die Frage, ob die taz das Thema Auslandseinsätze der Bundeswehr unter Rot-grün "verschlafen" hat, erhält die Interviewerin zur Antwort: "Wir haben überhaupt nichts verschlafen und es bringt auch nichts, über Dinge zu reden, die zehn Jahre zurückliegen."
Wie kann den Mann Kritik erreichen? Keine Ahnung, aber vermutlich lautet die Antwort: Überhaupt nicht.

Der taz-Leser, das dumme Kind
oder: Die radikale Beliebigkeit

Silvio Berlusconi hat sich mal verplappert und sein Erfolgsgeheimnis preisgegeben: Fernsehzuschauer und Wahlvolk müssen auf dem Niveau von elf Jahre alten Kinderm angesprochen werden. Das haben auch die taz-Chefredakteure kapiert. Was die Informationen im Impressum betrifft, behandelt die taz ihre Leser wie unmündige Kinder, die manche Dinge gar nicht so genau wissen sollen. Und am besten, das wissen Eltern, sind immer Erziehungsmaßnahmen, die von denen, die erzogen werden sollen, gar nicht bemerkt werden.
Beispiel: Die Korrespondenten. Dazu zählen ein paar ganz feine Journalisten, die frei sind vom Routinedenken in der Rudi-Dutschke-Straße, von den Scheuklappen, die man nach langen Jahren auf Redaktionssesseln selbst gar nicht mehr wahrnimmt. Diese Korrespondenten kommen im Impressum der taz genauso wenig vor wie die Ressortleiter oder gar das einfache Fußvolk. Nach außen und für den Leser repräsentiert nur das oben erwähnte Trio die tageszeitung. Dabei stehen Personen oft (auch heute noch) für gewisse Haltungen, politische Überzeugungen. Beispiele von Korrespondenten, die ich schätze: Gerhard Dilger (Südamerika), Dorothea Hahn (Paris), Reinhard Wolff (Skandinavien), Reiner Wandler (Madrid), mit Abstrichen Michael Braun (Rom). Beispiele, die ich weniger schätze: Klaus-Helge Donath (Moskau), Sascha Zastiral (Indien), Susanne Knaul (Israel). Unsäglich finde ich Nicola Glass (Bangkok) und, nicht ganz so schlimm, Martina Schwikowski (Südafrika).
Die Aufzählung kann nicht vollständig sein, aber es wäre noch auf Ralf Sotschek hinzuweisen. Undurchsichtige strategische Maßnahmen - der taz-Leser wird über die Hintergründe nicht informiert - haben jetzt dazu geführt, dass der langjährige Irland- und Großbritannien-Korrespondent plötzlich aus Washington berichtet. Zum Schaden des Lesers, denn von Mentalität und Politik der Iren und Briten hat er eine Menge verstanden.
Weshalb er jetzt die sachkundige, putzmuntere, neugierige USA-Korrespondentin Adrienne Woltersdorf ersetzt, erfährt der Leser nicht, aber ich habe eine Theorie, die mehr ist als eine Vermutung: Es geht um einen strategischen Wechsel in der Berichterstattung über Barack Obama. Woltersdorf stand ihm zwar nicht unkritisch, aber mit offener Sympathie gegenüber. Dass sie nicht mehr in der taz schreibt, fiel mir zuerst vergangene Woche im Eintrag vom 16. Mai auf, Überschrift "Obama-Dämmerung". Da heißt es als P. S.: "Was zum Teufel macht die irische Elfe Ralf Sotschek in Washington? Ist er jetzt US-Korrespondent? Wie üblich erfährt der taz-Leser nicht, ob Adrienne Woltersdorf gekündigt hat, gefeuert wurde, Urlaub macht. Und kriegt Sotschek in Washington genug Guinness? Und warum polemisiert er gegen Barack Obama und haut ihn in die Pfanne für Gesetze zum Umgang mit Homosexuellen in der US-Army, die Obama gar nicht zu verantworten hat?"
Am nächsten Tag fragte ich dann hier im tazblog noch einmal: "Weshalb berichtet die irische Elfe Ralf Sotschek jetzt aus Washington, und warum haut er täglich Barack Obama in die Pfanne?"

Gestern habe ich, vermute ich mal, des Rätsels Lösung gefunden: Es ist die strategische Vorgabe aus der Chefredaktion. Das steht zwar nicht in der taz (das dumme Leserkind soll's ja nicht merken), aber es steht in der Mai-Ausgabe der oben erwähnten Zeitschrift "M", die ich leider erst gestern erhalten habe. Im selben Interview, das während des taz-Kongresses im April geführt wurde, geht es um den "Kuschelkurs mit Rot-grün", den der frühere Chefredakteur Arno Luik der taz vorgeworfen hat, und Peter Unfried sagt dazu: "Das sehe ich überhaupt nicht so. Wir haben seit 1979 darauf hingearbeitet, dass die Verhältnisse sich ändern und wenn sie sich mal geändert haben, dann ist das zunächst mal eine Sache, die ok ist. Wir haben jetzt auch gesagt, wir gucken Obama zunächst mal sehr aufgeschlossen an und wenn sich langsam was entwickelt, werden wir sicher kritischer werden. Und so war das mit rot-grün auch."
Da ich jetzt wieder auf Vermutungen angewiesen bin (als Leser erfahre ich zwar Interna aus anderen Verlagen, aber nichts über die taz-Redaktion) vermute ich mal: Adrienne Woltersdorf konnte und wollte solche strategischen Spielchen nicht nach- und mitvollziehen, noch dazu zu einem Zeitpunkt, an dem Obama gewaltigen Gegenwind aus seiner eigenen Partei und von Bushs Vize Dick Cheney bekommt. Der Polit-Zombie tingelt gerade durch die Talkshows, um die Aufklärung der Folterbefehle zu verhindern. In dem Moment, in dem der militärisch-industrielle Komplex,
der Goliath schlechthin, die Leute, die tatsächlich die USA beherrschen, dem David Obama das Leben schwer machen, kommt die taz auf die Idee, sich dem Obama-Bashing anzuschließen. Warum? "... so war das mit rot-grün auch." Und weil Woltersdorf das nicht mitmachen wollte, hat man Sotschek gefragt, ob der nicht als Vollstrecker der neuen taz-Strategie in die USA übersiedeln wollte - vermute ich mal.
Die Tendenz, seit Sotschek aus Washington berichtet, ist überdeutlich: Jetzt machen wir Obama fertig, aus Gründen, die nichts mit seiner Politik zu tun haben. Dabei kriegen sie fast den Krampf beim Ausdenken neuer Titelzeilen, die Obama schlecht aussehen lassen sollen. Beispiel heute: "Obama überzeugt Kritiker nicht". Das klingt erst mal negativ. Aber spricht die Überschrift jetzt gegen Obama, oder gegen seine Kritiker? Ralf Sotscheks Schreibe jedenfalls hat unter den Vorgaben der Chefredaktion gelitten, er klingt verkrampft, eingeengt, so, als fühle er sich im Land und in seiner Rolle nicht wohl.
Politisch oder ideologisch begründen lässt sich die tendenziöse Berichterstattung nicht. Deshalb kann sich die Richtung in ein paar Wochen auch wieder ändern. Wir sind offen für alles, politische Überzeugung war gestern - die taz ist schließlich ein Erfolgsmodell. Postideologisch. Alles geht, nur keine Haltung.
Radikal ist an der taz nur noch die Beliebigkeit.

Junge, komm bald wieder: Oh wie schön sind Kriegseinsätze

Die unsägliche PR für die Kriegsmarine in der taz geht weiter. Nachdem sie neulich eine ganze Seite Schleichwerbung betreiben durfte, bekommt Jasna Zajcek schon wieder zwei Spalten für Marine-Propaganda. Die Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern", die vor Somalia Piraten bekämpfen sollte, kehrt nach sechs Monaten Einsatz zurück nach Wilhelmshaven. Am Kai warten Angehörige und die eingeladenen Journalisten, darunter Zajcek. Sie sieht das so: "Plötzlich wird auch an Bord ein Transparent enthüllt: 'Anett, willst du mich heiraten?', fragt Obermaat Andreas Zippro aus Halle seine Freundin Anett, und irgendwo aus der Menge hört man sie 'Ja' rufen. Der Idealfall: Seemann kommt zurück, Mädchen hat gewartet."
Nicht ein Bundeswehrsoldat, ein Seemann kommt zurück. Ob der Presseoffizier den Namen und den Dienstgrad wohl schon vorher an die Journalisten verteilt hat? Aber es gibt noch viel aufregendere Dinge zu berichten, schon beim Einsatz draußen, vor Somalia, "sagt Nicole. Während der Fahrt hat sie ihren 23. Geburtstag auf See gefeiert, ist vom Bootsmann zum Oberbootsmann befördert worden und hat sich in Kamerad Carsten verliebt. Sie liebt ihren Job als Navigationsmeisterin und möchte Berufssoldatin werden, mit der Abwesenheit von zu Hause kommt sie gut zurecht."
Doch nicht alle denken nur an das wartende Mädchen zu Hause, an die Liebe und die friedliche Navigation beim fröhlichen Jagen vor Somalia. "Heiner M. (Name von der Redaktion geändert)" hat sich auch Gedanken gemacht, wie das Problem mit den Piraten gelöst werden könnte: "Wenn es nach ihm ginge, sollten 'die Amis in Somalia an Land mal so richtig aufräumen', aber sein Wunsch wird unerhört bleiben. Schließlich hat die EU das Einsatzgebiet der Piratenjagdmission gerade um einige hundert Seemeilen, bis zu den Seychellen, erweitert."
Piratenjagdmission. Mir entgeht zwar das Verständnis für den logischen Zusammenhang der letzten beiden Sätze, aber solche Kriegsberichterstattung in der taz zu veröffentlichen grenzt an kriminellen Schwachsinn. Vielleicht drucken sie demnächst Anzeigen vom Kriegsministerium - "Uncle Jung wants you!".


24. Mai 2009

Verschwörungstheorien

Heute morgen war eine "Post aus Washington" im Eingangskästchen, Mail von Ralf Sotscheck. Leider will er nicht, dass ich sie hier im Blog veröffentliche. Aber im Wesentlichen läuft's darauf hinaus: Nein, mit meiner Verschwörungstheorie liege ich daneben. Er vertritt Adrienne Woltersdorf bis zum Monatsende, weil sie dringend nach Deutschland musste, danach berichtet er wieder aus Dublin. Und Vorgaben aus der Chefredaktion erfüllt er nicht, das würde sich kein Korrespondent gefallen lassen, sagt er. Seine Obama-kritische Sicht sei seine eigene Auffassung von seiner Arbeit. Und Sotscheck schreibt man mit c k.
Ich hab ihm gleich zurück gemailt, und Sie dürfen mitlesen - sozusagen ein offener Brief an Ralf Sotscheck:

Sotscheck, Sotscheck, Sotscheck, Sotscheck, Sotscheck, Sotscheck, Sotscheck, Sotscheck, Sotscheck, Sotscheck.

Lieber Ralf Sotscheck, das fehlende c ist mir ausgesprochen peinlich, Sie wissen ja: Schreiben Sie was Sie wollen, aber schreiben Sie meinen Namen richtig. Soll nicht wieder passieren. -
Danke für die Aufklärung - schade, dass Sie es nicht im Blog haben wollen, so muss ich es inhaltlich referieren, ohne Ihnen zu nahe zu treten, denn meine Vermutungen haben sich ja als falsch erwiesen. -
Aber davon abgesehen, die Tendenz zeigt sich ja auch in den Headlines, und dass mir dieses Interview mit Unfried im Gewerkschaftsblättchen "M" genau in diesen Tagen ins Haus flattert - Verschwörungstheorie hin oder her, merkwürdig ist das schon. Schieben wir's auf den Weltgeist, oder auf die Elfen ...
Ich bin etwas erleichtert, dass ich im Wesentlichen daneben liege, denn Sotscheck (mit c) in Dublin ist mir schon lieber als in Washington.
Schöne Tage!

Obama-Dämmerung: Von jetzt an feste druff!

Nur um meine Haltung zu verdeutlichen: Ich hab noch mal nachgelesen, was da unter dem Eintrag am 16. Mai steht. Von Ralf Sotschecks Berichten und dem Grund für seinen Aufenthalt in Washington abgesehen (die tendenziösen Überschriften werden ja in der Redaktion gedichtet), stehe ich immer noch zu meiner Theorie über das Obama-Bashing. Seit Mitte Mai setzt die taz genau das um, was Peter Unfried in seinem Interview mit M gesagt hat: "...  wir gucken Obama zunächst mal sehr aufgeschlossen an und wenn sich langsam was entwickelt, werden wir sicher kritischer werden." Auch wenn Sotscheck nichts davon weiß - es gibt ja noch andere Hinweise auf die neue Strategie, und die stehen auch in dem Eintrag vom 16. Mai. Mein Vorschlag für taz-Leser: Selber atmen gucken, ob ich richtig liege.

Schnelldurchlauf: die BUNTE die sonntaz

1 Schwarzweißfoto. Unmassen von Riesenfarbfotos. Die Tage werden länger, die
Bilder werden immer größer, die Texte werden kürzer. Sehr erfreut war ich, dass der Schriftsteller Jochen Schimmang mal wieder eine seiner einfühlsamen Buchbesprechungen unterbringen konnte: Ein paar Überlegungen zu "Provinzlexikon" von Henning Ahrens. Klingt gut, was da von Ahrens berichtet und zitiert wird. - Wenn ich schon mal mit dem Kulltour-Chef einer Meinung bin, will ich es auch sagen: Andreas Fanizadeh findet auch, das "Waltz with Bashir" ein sehr sehenswerter Film ist. Ich hab ja hier vor ein paar Monaten darüber geschrieben, als er noch im Kino war - eine Dokumentation über den Libanon-Feldzug der israelischen Armee im Jahr 1982, von einem israelischen Regisseur, aber als Zeichentrickfilm (!). Jetzt kam er als DVD und als Comicband heraus. Nichts wie besorgen, verehrter Leser dieser Zeilen! In der Tat: "Es ist in seiner ästhetischen Form ein vielschichtiges politisches Werk, das einen Raum für Erinnerung und Veränderung öffnet. Unter Verzicht auf Parolen wird die Verantwortung des Individuums nach sich selbst und seinen Taten gestellt." Hm. "Verantwortung nach sich selbst"? Für sich selbst? -

Warum in jeder Woche auf einer immer gleichen Liste immer dieselben Bücher als lesenswert empfohlen werden, weiß vielleicht der zuständige Redakteur. Mir isses schleierhaft, von der Auswahl mal ganz abgesehen. Mein Vorschlag: Pfeif auf Aktualität, schreib einfach empfehlenswerte Bücher rein, egal, wann sie veröffentlicht wurden. Es gibt nämlich gar nicht so viele Neuerscheinungen, die lesenswert sind. -
Ein "Schundroman" wird besprochen und vorgestellt als "Roman für adoleszente Großstadtfrauen". Die Schreiberin befindet: "Das ist Unterhaltung an der Schmerzgrenze, mit Loserinnenbiografie und Abgründen galore." Die Frau, die sowas in der taz schreibt, kriegt hier nicht die Ehre der namentlichen Erwähnung, nönö. "... mit Loserinnenbiografie und Abgründen galore" - das hältst ja im Kopf  nicht aus.

Alpen-Albträume

Wenn ich schon mal an den Reise-Seiten nichts auszusetzen habe, sollen Sie es auch erfahren: Auf zwei Seiten stehen drei Beiträge von Thomas Pampuch über die schleichende Zerstörung der Alpen durch hirnlose, geldgierige,  größenwahnsinnige Älpler und Alpenvorlandbewohner. Hoffentlich steckt jemand dem Münchner OB Christian Ude, dass seine Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2018 ("Ökospiele") ein Verbrechen ist. Schon die Ski-WM 2011 in Garmisch stinkt zum Himmel, ganze Berghänge wurden für Pisten und Beschneiungsanlagen gerodet: "Blöd allerdings, dass einige der vergangenen Winter in Garmisch bereits so warm waren, dass auch die Beschneiung nicht mehr funktioniert hat. Da wurde dann der Schnee per Lkw vom Alpenhauptkamm geholt und mit Hubschrauber zur Piste geflogen."
Diesen Irrsinn muss man sich mal vorstellen!

Zeitungsweine

Früher hab ich mich manchmal geärgert, weil in der Wochenend-SZ die Kurzgeschichte wieder einer ganzseitigen Anzeige für die "SZ-Vinothek" geopfert wurde. Ich weiß nicht, was die taz für ihre ganzseitige superbunte Weinanzeige ("tazlese") geopfert hat, aber wenn ich mir die Wochenendausgabe so anschaue, hätten sie ruhig noch ein paar Eigenanzeigen verteilen können. Zum Beispiel eine Dreiviertelseite neben den Leserbriefen. Das hätte dem Leser die Rubrik "Pro & contra" erspart. Sie wurde gefüllt von 1 Redakteurin und 1 Redakteur der einzigen genossenschaftlich organisierten Tageszeitung Deutschlands, der Bastion der Pressefreiheit in Berlin, wo man sich Gedanken macht über die Frage: "Ist konservativ zu sein wieder sexy?".
Was, das haben Sie nicht gelesen? Ich schon. Leider.

Zitat

In der Fachzeitschrift Current Biology, so die Agentur rtr, hat ein Biologe zum Paarungsverhalten von Singvögeln festgestellt: "Bei Überlebenstress würden die Weibchen nach kräftigen Männchen Ausschau halten, die sie am Gesang erkennen. Männchen mit auffällig schönen Melodien hätten weniger Parasiten, und ihr Nachwuchs überlebe überdurchschnittlich oft. Zudem sei guter Gesang ein Nachweis von Intelligenz."
Sag ich doch seit 1897. Für den Beweis kllicken Sie hier:
http://de.youtube.com/iWugg


25. Mai 2009

Ciao, Barbara!

Ich hab nen Kloß im Hals und versuche, die Tränen zurückzuhalten, aber es gelingt mir nicht. Barbara Rudnik ist gestorben. Das wirft mich zurück ins Jahr 1981, als sie mit meinem Kumpel und Kollegen Thomas W. die Liebe teilte. Sie hatte gerade die Schauspielschule hingeschmissen und ihre erste Filmrolle gespielt, in "Kopfschuss" von Beate Klöckner. Es lief damals gut für uns alle - wir standen noch am Anfang unserer Lebensarbeit, die Stadt gehörte uns, wir waren jung, wir waren neugierig, und wir waren unsterblich. Ich erinnere mich an laue Sommerabende, an unendliche Gespräche bis spät in die Nacht, auf den Stahlsesseln mit den geflochtenen Plastikschnüren, draußen vor dem Café Oase, im Innenhof der Amalienpassage, neben dem leise plätschernden Brunnen.

Ich hab dich sehr gemocht, Barbara, hab mich gefreut, als du mit deiner Arbeit Erfolg hattest und immer bekannter geworden bist. Vielleicht hast du zu viel gearbeitet in den letzten Jahren? Vielleicht warst du zu feinfühlig für das harte Geschäft, in dem du dich bewegt hast? Solche Fragen sind müßig, aber sie drängen sich auf, wenn jemand so früh dran ist mit dem Sterben. Ist das der Preis, den du bezahlst für die Berühmtheit?
Das hier hab ich heute bei br-online.de gefunden:
"Bis zum Schluss hat Barbara Rudnik gegen den Brustkrebs  gekämpft. Sie lebe jetzt bewusster, genieße jeden Tag und fühle sich sogar glücklicher, hat sie Journalisten verraten. Kurz vor ihrem Tod sagte sie: 'Ich hätte gerne auf andere Weise gelernt, mit gewissen Dingen besser umzugehen.'"



26. Mai 2009

Links und Merkel

Keine Ahnung, mit welchen Leuten der taz-Redakteur Ralph Bollmann verkehrt, aber ich will sie nicht kennenlernen. Schreibt er doch in der sonntaz tazächlich: "Endlich habe ich jemanden gefunden, der Angela Merkel nicht mag." Dieser jemand ist offenbar die Ausnahme in Bollmanns Bekanntenkreis: "Er verachte dieses Durchgewurstele und könne nicht verstehen, warum Merkel so beliebt ist.
Nicht dass mir solche Argumente unbekannt gewesen wären. Als CDU-Berichterstatter hatte ich sie schon oft gehört. Von Christdemokraten. Aber im eigenen Freundes- und Bekanntenkreis? Von Leuten, die ich im Verdacht habe, habituell die Grünen zu wählen?" Und dann beruft er sich noch auf "Umfragen" (mit denen ja bekanntlich jede Position untermauert werden kann): "Grünen-Anhängern ist Merkel näher als der biedere Lipperländer Frank-Walter Steinmeier."
Was sagt uns das? Genau. Wahl? Was für eine Wahl? Merkel wird noch viereinhalb Jahre weiterbeten.









 








Die Wahrheit über Hans-Hermann Tiedje

Der Kerl war mal Chefredakteur der Bild-Zeitung, und er gehört zu den übelsten Charakteren, die jemals auf eine Tastatur getippt und Texte von sich gegeben haben: Hans-Hermann Tiedje. Zu meiner großen Erleichterung iss er mir jahrelang nicht mehr untergekommen. Bis gestern. Da zitiert ihn Christian Semler. Und woher stammt das Zitat? Genau, aus Bild. Und da schreibt Hans-Hermann Tiedje: "Unruhen und brennende Barrikaden, ja selbst der Tod von Rudi Dutschke haben ihren Ursprung direkt im Auftragsbereich von Erich Mielke, dem Stasi-Minister der SED (heute Linkspartei)."
Dieser Satz ist an Niederträchtigkeit schwer zu überbieten, vor allem die Nachbemerkung in Klammern. Hier trifft mal wieder zu, was beim taz-Kongress im April jemand über Ulf Poschardt geschrieben hat: "Glaubt bloß nicht, dass der Kerl so dumm ist, dass er glaubt, was er sagt." Nein, so dumm ist Tiedje nicht. Es ist schwer, wahrheitsgemäß über diese Ausgeburt eines Lügenblatts aufzuklären, ohne sich juristisch angreifbar zu machen. Deshalb wünsche ich ihm von ganzem Herzen, dass ihn der Blitz beim Scheißen trifft.

Der kleine journalistische Propagandakasten (Fortsetzung)

Die Israel-Korrespondentin Susanne Knaul ist mal wieder voll in ihrem Element. Im Libanon ging ein Ring israelischer Agenten hoch. 18 Personen wurden verhaftet. Ich nehme mal an, Knaul berichtet wahrheitsgemäß: "Die für die israelischen Geheimdienste Mossad, Schin Beth oder den militärischen Abwehrdienst Amman tätigen Agenten hatten zudem die Aufgabe, Informationen über militärische Anlagen einzuholen." So weit, so üblich. Und was macht Kaul mit der zweiten Hälfte des Beitrags? Propaganda gegen Hassan Nasrallah, den Anführer der Hisbollah. Der versuche nun, "aus der Sache politischen Profit zu schlagen." Na ja, wer kann es ihm verdenken? Um ihn zu diskreditieren, greift Susanne Knaul zu den bewährten Bausteinen aus dem journalistischen Propagandakasten.
1) Man zitiere möglichst Empörendes ohne Quellenangabe: "Fangt an, die Verräter aus der schiitischen Gruppe zu exekutieren", hatte Nasrallah, laut Knaul, am Wochenende vor Anhängern gefordert.
2) Man zitiere aus neutralen Quellen der Wahrheit, zum Beispiel Äußerungen des israelischen Außenministers Avigdor Lieberman, der wiederum das über alle Zweifel erhabene Nachrichtenmagazin Der Spiegel als Beweis anführt. Dort stand nämlich, "die Hisbolllah", nicht Syrien sei für den Tod Rafik Hariris verantwortllich, der im Februuar 2005 bei einem Bombenanschlag ums Leben kam. Das greift Lieberman selbstverständlich hocherfreut auf: "Die Informationen beweisen einmal mehr, mit wem wir es zu tun haben." Knaul weiter: "Laut Spiegel ist der Auftrag zum Mord von Nasrallah persönlich erteilt worden, weil sich dieser im Jahre 2005 über die große Popularität und Unterstützung Hariris im Libanon geärgert habe."
Was die Hisbollah zu diesen Spekulationen eines deutschen Nachrichtenmagazins sagt, erfährt der taz-Leser nicht, lediglich die Reaktion Liebermans. Also gucken wir doch mal, ob es nicht andere Quellen gibt, muss ja nicht die offizielle Website der Hisbollah sein. Auch bei CNN erfährt man: Nasrallah hat die Beschuldigungen inzwischen zuurückgewiesen und den Spiegel beschuldigt, die israelische Seite zu unterstützen, um die Parlamentswahlen am 7. Juni zu beeinflussen. Da könnte was dran sein. Interessant erscheint mir dabei die Aussage einer Sprecherin des UN-Tribunals in Den Haag, auf dessen Ermittlungen sich der Spiegel beruft. Laut CNN sagte Radhia Achouri, dass sie "nach den Gepflogenheiten des Tribunals zu Spekulationen in den Medien keinen Kommentar abgebe. Das 'Tribunal lasse sich nicht in Mediendebatten über den Stand der Ermittlungen hineinziehen'. Sie fügte noch hinzu, die Medien sollten sich auf die offiziellen Informationen verlassen, die vom Tribunal herausgegeben werden."
Wenn das keine Watschn für die Spekulationen des Spiegel ist!
So geht Journalismus. Egal ob es stimmt oder nicht, irgendwas bleibt schon hängen, Hauptsache es schadet meinem politischen Gegner. Auf welcher Seite Susanne Knaul steht, hat sie ja schon beim Gaza-Feldzug mehr als deutlich gemacht.

Deutschland? Alles Spitze!

Die taz war zum Jubiläum voll mit Beiträgen, wie klasse hier alles läuft, und "60 Jahre Grundgesetz" sei eine einzige "Erfolgsgeschichte". Gut, dass es noch taz-Leser gibt, wie Roland Klose aus Bad Fredeburg. Er erinnert daran, dass 1990 sowohl Regierung als auch Gewerkschaften groß getönt hatten, die Ost-Löhne innerhalb von zehn Jahren den West-Löhnen anzugleichen. Klose weist auf die Gegenwart hin: "Mittlerweile läuft es in unserer 'globalisierten, von Lohn-Dumping geprägten Welt' in Deutschland darauf hinaus, die West-Löhne den Ost-Löhnen anzupassen. Können und dürfen wir da überhaupt noch von einer Erfolgsgeschichte des Grundgesetzes sprechen, wenn in der Praxis ganz andere Maßstäbe gelten?"

Die Büffelkuh und das Fischlein

Es kam einmal eine große Büffelkuh an ein Bächlein, um zu trinken; sie hatte einen unersättlichen Durst und soff ohne aufzuhören.
In dem Bächlein aber wohnte ein Fischlein, das war immer sehr lustig, hüpfte und sprang und spielte mit den glitzrigen Steinchen.
Es fürchtete nun, die Büffelkuh werde ihm das Wasser alles saufen und rief ihr zu: "Warum säufst du so viel? Soll ich etwa auf trockenem Sand bleiben und umkommen? Höre auf, nicht dass ich über dich komme!"
Aber die Büffelkuh spottete und brummte: "Boah! Du kleiner Schnips, ich werde mich gleich vor dir fürchten! Pass auf, dass ich dich nicht verschlinge!", und soff weiter und weiter, bis kein Wasser im Bächlein war.
Da wurde das Fischlein sehr, sehr zornig, sprang heraus und verschlang mit einem Mal das große Tier.
Nicht wahr, es geschah der Büffelkuh recht? Warum hat sie dem armen Fischlein alles Wasser gesoffen und hat es dazu auch noch verspottet?

Das hab ich in dem Schweizer Magazin Zeitpunkt gefunden (www.zeitpunkt.ch). Die haben es wiederum aus "Sächsische Vollksmärchen aus Siebenbürgen", gesammelt von Josef Haltrich. Mehr davon gibt es auf www.maerchenstiftung.ch


27. Mai 2009

BKK*): Die Krähe war's

Julia:
Willst du schon gehen? Der Tag ist ja noch fern.
Es war die Nachtigall, und nicht die Lerche,
Die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang;
Sie singt des Nachts auf dem Granatbaum dort.
Glaub, Lieber, mir: es war die Nachtigall.

Romeo:
Die Lerche war´s, die Tagverkünderin,
Nicht Philomele; sieh den neid´schen Streif,
Der dort im Ost der Frühe Wolken säumt.

Tja, die Julia, klarer Fall von Wunschdenken! Sich nur aufs Gehör zu verlassen, führt zu falschen Schlussfolgerungen. Romeo sucht lieber noch am Himmel nach sichtbaren Anzeichen und ist dann sicher: Die Lerche war's. Und weil solche Unterscheidungen schon wichtig sein können (Romeo weiß beim Lerchengesang: "Nur Eile rettet mich, Verzug ist Tod"), muss ich hier unbedingt dem taz-Kulltour-Redakteur Andreas Fanizadeh zurufen: Die Krähe war's!
Auf einer Reise in die österreichische Hauptstadt besuchte der taz-Mann gleich zwei Bühnenhäuser und schreibt über die Aufführungen. Brav, so erfährt der Leser, dass es immer noch Leute gibt, die ins Theater gehen. Eingangs richtet der Redakteur den Blick in die weitere Umgebung: "Wanderer, trittst du in Wien auf den Balkon und schaust auf grüne Hügel in der Ferne, dann, ja dann hörst du mit großer Wahrscheinlichkeit den Ruf einer Krähe (oder ist's ein Raabe?): 'Krah-krah.' Es rauscht so sicher aus der Luft heran wie das Zischen vorbeifahrender Autos von der Erde."
Ein, zugegeben, selten poetischer Einstieg zu einem Beitrag über Theater, weshalb ich dem Mann gern behilflich bin: Nein, es war kein Raabe, auch kein Rabe, es war eine Krähe. Woher ich das weiß? Nun, der Raabe mit Doppel-A kommt zwar in der Literaturgeschichte vor und heißt Wilhelm, aber er fliegt nicht durch die Luft und macht auch nicht Krah-krah. Und der Rabe mit einem A hat sich zwar in den letzten Jahren bestandsmäßig etwas erholt, aber sein Aufenthaltsort beschränkt sich leider immer noch auf die Alpen und einige Gegenden Norddeutschlands. Weshalb diese großen, schwarzen, hochintelligenten Vögel, die in unseren Großstädten häufig vorkommen, immer Krähen sind - kleiner als Raben, mit kleineren Schnäbeln, und offenbar dem Stadtleben aufs vollkommenste angepasst. Zumindest hier in München, wo man sie jeden Abend tausendfach, Sommer wie Winter, in den Bäumen am Chinesischen Turm beobachten kann. Allein schon die Tatsache, dass sie den Menschen so weit wie irgend möglich einfach ignorieren, spricht für ihre Intelligenz. Darüber hinaus weiß man inzwischen, dass sie Werkzeuge benutzen, um an Essbares zu kommen, und essbar ist für Krähen bis auf Plastik fast alles.

So weit zum Einstieg. Am Ende des Artikels kommt dann Redakteur Fanizadeh auf den unverwüstlichen Sänger von Black Sabbath zu sprechen, von dem im Theater behauptet wird: "Ozzy Osbourne hat einmal gesagt, nur weil ich Paranoia habe, heißt das nicht, das ich verfolgt werde." Dazu wäre zu sagen: Es muss nach dem Komma "dass" heißen. Und ob jetzt die Theaterleute oder der taz-Redakteur das Zitat falsch wiedergeben, weiß ich nicht. Nur eines ist sicher: Viel witziger wäre doch, wenn Ozzy gesagt hätte: "Nur weil ich Paranoia habe, heißt das nicht, dass ich nicht verfolgt werde."
Hm?

*) Besserwissers Kurzkolumne

Zitat

"Dabei überträgt sich die Enge der Verhältnisse bisweilen auf den Film, die Autoritätskritik Hanekes wirkt umso autoritärer, je unbarmherziger, je rigider sie vorgetragen wird."
- Cristina Nord über "Das weiße Band", der Film von Michael Haneke, der in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde.

Furcht vor dem Pferdewahn! Todeskraut! Noch tödlicher als Schweinegrippe! Kauft Unkrautvertilgungsmittel! Massenhaft!

Kaum sind wir der Todesgrippe entkommen, wird Deutschland von der nächsten tödlichen Seuche bedroht: "In Baden-Württemberg habe es schon einen Todesfall mit Pyrolizidin-Alkaloiden gegeben, berichtete Helmut Wiedenfeld von der Bonner Universität." Bevor Sie sich jetzt die Zunge brechen, kürzen wir die hochgefährliche Substanz einfach ab: PA. Das Zeug wird von dem gelb blühenden Jakobskraut produziert, und das "verbreitet sich rasch in Deutschland", am Wegesrand und auf Weiden. "Inzwischen häufen sich in Deutschland Todesfälle bei Pferden." Und weshalb? Das hat Herr Wiedenfeld auch schon herausgefunden: Die "wachsende Verbreitung sei auch darauf zurückzuführen, dass Brachflächen nicht mit Herbiziden behandelt würden und dort bereits Monokulturen entstünden."
Ob die "Experten von der Bonner Universität" von BASF oder anderen Herstellern von Unkrautvertilgungsmitteln finanziert werden, steht leider nicht in der dpa-Meldung.


28. Mai 2009

Immer mehr Angst vor Killerkraut! Bayern am bedrohtesten! Erste tödliche Todesfälle! Pferde- und Rinderalarm!

Wie bereits gestern hier und vorgestern von dpa gemeldet: Die grauenvolle Jakobskraut-Epidemie breitet sich aus. Schon haben sich Bürgerkomitees gebildet, die der entsetzlichen Killerpflanze, die auch unter dem Namen Kreuzkraut bekannt ist, den Kampf angesagt haben. Es wird aber auch höchste Zeit, denn Klaus Gehring vom Institut für Pflanzenschutz hat jetzt erschütternde Zahlen vorgelegt: "In Bayern starben im vergangenen Jahr 2 Rinder an Vergiftungen durch das Kreuzkraut sowie 1 Pferd. Die Dunkelziffer könnte aber höher liegen."
Und was tun unsere Politiker um Licht in die Dunkelziffer zu bringen? Nichts. Von keinem gewählten Volksvertreter oder Minister liegen bisher Äußerungen zu dieser tödlichen Bedrohung vor. Da bleibt dem Bürger nichts übrig, als selbst zu handeln. Während die Wissenschaftler der Uni Bonn die Herbizide großer Chemiekonzerne empfehlen, rät der "Arbeitskreis Kreuzkraut" zu radikalen Selbsthilfemaßnahmen. Die Internetseite br-online berichtet dazu: "Sobald man eine Kreuzkraut-Pflanze in seinem Garten entdeckt, sollte man sie ausreißen, möglichst verbrennen oder im Hausmüll entsorgen, rät der Arbeitskreis Kreuzkraut. 'Ich würde sie nicht in meinem Garten tolerieren', sagt Klaus Gehring."
Jeder verantwortungsbewusste Bürger wird ihm angesichts der bedrohlichen Lage von ganzem Herzen zustimmen. Es soll auch schon Selbsthilfegruppen geben, die in Seminaren die korrekte Aussprache des Jakobskraut-Wirkstoffs
Pyrolizidin-Alkaloid üben.

Märklin darf nicht sterben!


Ob das jemand mitbekommen hat bei den Nachrichten über die Pleite des Modellbahnherstellers Märklin? Falls nicht, sei hier daran erinnert: "Das traditionsreiche Unternehmen Märklin war 2006 von den Investoren Kingsbridge Capital und Goldman Sachs übernommen worden und hatte am 4. Februar dieses Jahres Insolvenz angemeldet."
Ah, Goldman Sachs! Man erinnert sich? Einen kurzen Überblick über die Aktivitäten von Alexander Dibelius, des Vorsitzenden von Goldman Sachs finden sie hier.

Generation 50 plus Dünkel

Hoffentlich glauben jüngere Leser nicht, dass diese hochnäsige, herablassende, dünkelhafte, eingebildete Dummbeutelei, die Klaus-Peter Klingelschmitt in seiner Kolumne "Älter werden" verbreitet, typisch für die "Generation 50 plus links" sein könnte. Nein, sie ist genau so wenig typisch, wie die Leute, die Klingelschmitt verhöhnt, für die Jüngeren typisch sind, die er "Generation Rap plus Porno" nennt: "Auch auf von überall tätowierten glatzköpfigen Stechern (alles Autodidakten) selbst noch in die Schamlippen - female - oder das Skrotum - male - gepiercte Gardinenringe können wir gerne verzichten; nicht nur aus ästhetischen Gründen. Aus dem Alter sind wir - Gott oder wem auch immer sei Dank - raus!"
Nun kann man auf diese Dünnpfiffkolumne nicht nur aus Gründen, die mit dem grauenhaften Schreibstil zusammenhängen, gerne verzichten. Aber wenn dann völlig sinnfreie Sätze wie der folgende drinstehen, komme ich doch ins Grübeln: "Leider herrscht aber auch in den Köpfen dieser Containerkinder (Big Brother), die in der Informationsgesellschaft heute - im Gegensatz zu uns damals (es gab ja noch nicht mal eine taz) - viel Finsternis."
Was, bitte, könnte der Autor damit meinen? Sieht er nur die Finsternis im Kopfe des anderen, nicht aber das Vakuum in dem seinen?

-----------------------------------------------------------Kommentar am 6. Juni 2009
Anyway. Nur zwei Anmerkungen zu Ihren falschen Schlussfolgerungen: An "dumm" daher kommenden Textpassagen in Zeitungen und Zeitschriften ist nicht immer der Autor schuld. Redigierfehler oft gepiercter Jungredakteuere kommen häufig vor - und sind ein permanentes Ärgernis auch in der taz. Der von Ihnen monierte Satz lautet - von mir aufgeschrieben - vollständig: "Leider herrscht aber auch in den Köpfen dieser Containerkinder (Big Brother), die in der Informationsgesellschaft heute - im Gegensatz zu uns .... - doch alles besser wissen müssten (!), viel Finsternis."
Der entscheidende Halbsatz zum Verständnis fiel einem plötzlich entdeckten Übersatz von 30 Zeichen zum Opfer; da geht es vor Redaktionsschluss dann zu wie beim Kofferpacken bei Charlie Chapin: Was rausguckt, wird abgeschnitten!

- Klaus-Peter Klingelschmitt, Redaktionsvertretung der Berliner tageszeitung (taz) in Frankfurt am Main

Politisch korrekt Schaum schlagen

Die Firma Adidas lädt in Rio de Janeiro in eine alte Villa zur Produktpräsentation ein, und jemandem fällt auf, dass die Kacheln am Rand des Swimming Pools Hakenkreuzmuster aufweisen. Daraus macht die taz eine drei Spalten lange, politisch schwer korrekte Schaumschlägerei mit zwei Fotos, auf denen mühsam Hakenkreuzkacheln zu erkennen sind. Und der Autor erinnert daran, dass Firmengründer Adolf Dassler im Zweiten Weltkrieg Panzerabwehrwaffen hergestellt hat. Was damit bewiesen werden soll? Dass Adidas eine gut getarnte Nachfolgeorgansiation der NSDAP ist? Man achte nur auf den Vornamen des Gründers!
Nächste Enthüllung demnächst in der taz: Die drei Streifen sind nichts anderes als geradegebogene Hakenkreuze.
Ach Gottchen.

Schöne Tage!

31. Mai 20009

Heute Pizza die Mai-Liste mit allem: Sex, Musik und Licht im Dunkeln

Bauernregel

Gibt's an der Uni
ne Prüfung im Juni
dann ist der Mai
vorbei

sonntaz des Monats: Tief und Hoch

Schwer gestört

Absoluter sonntaz-Tiefpunkt: Der dumm-arrogante, vom Dünkel eingebildeter Elitenzugehörigkeit geprägte Kurzbeitrag von Roger Willemsen über Heidi Klum am 16. Mai. (Ich will mich nicht noch mal aufregen, Sie finden meine gebündelte Empörung unter dem Titel "So geht Journalismus in Deutschland II" im tazblog-Eintrag vom 17. Mai. Da geht's auch noch darum, wie dümmlich ein Artikel über Hugo Chávez redaktionell angekündigt war.)

Matriarchat des Monats: Ehe? Sie lachen sich kaputt

sonntaz-Höhepunkt: Die sonntaz von gestern, die von der früheren taz-Redakteurin Ute Scheub zusammengestellt wurde. Nach dem Pfingstmotto "Heute nur gute Nachrichten" stellt Scheub über die gesamte sonntaz hinweg Menschen und Projekte vor, die "Eine neue Welt" sichtbar machen. Feine Sache, prima Idee!
Da interviewt zum Beispiel der Südamerika-Korrespondent Jürgen Vogt einen argentinischen Schriftsteller, Ricardo Coler, der den Globus nach einer von Frauen dominierten Gesellschaft abgesucht hat. Er findet sie bei den Mosuo in China und schreibt ein Buch darüber: "Das Paradies ist weiblich".*) Bei den Mosuo gibt es keine Ehe, die Frauen vögeln, mit wem sie wollen. Kinder bleiben bei der Mutter, der Mann spielt dabei keine Rolle. Häufig wissen die  Frauen gar nicht, von welchem Mann sie schwanger wurden.

Fragt Jürgen Vogt: "Wissen die Mosuo, was Heirat und Ehe bedeuten?"
Coler: "Ja, den Kindern wird sogar damit gedroht: Wenn du nicht brav bist, dann verheiraten wir dich. Die Kinder kennen Ehe als Horrorgeschichten. Mich haben sie gefragt, wie wir das machen. Ah, sagten sie, das muss toll sein. Dabei lachen sie sich kaputt, dass wir von etwas erzählen, von dem alle wissen, dass es nicht funktioniert."

*) Sag ich doch seit Jahr und Tag! Nachzulesen in der Novelle "Delfina Paradise", die irgendwo hier im tazblog mit einer penetranten Eigenanzeige beworben wird.

Bücher des Monats

- Bob Dylan, Chronicles Vol. 1. Deutsche Übersetzung von Kathrin Passig und Gerhard Henschel. Hat mich in einer schwierigen Zeit Anfang des Monats wieder aufgerichtet. Zitat: "Was Tag für Tag vor sich ging, den ganzen kulturellen Irrwitz, empfand ich als seelische Freiheitsberaubung; es ekelte mich an."
Ein paar Tage Pause, und ich konnte das tazblog etwas gelassener fortsetzen.

- Salwa Al Neimi, The Proof of the Honey. Englische Übersetzung von Carol Perkins. Ein ganz und gar ungewöhnliches Buch. Salwa Al Neimi, eine Syrerin, die in Paris lebt, hat es auf arabisch geschrieben. Es läuft zwar unter der Bezeichnung Roman, ist aber eher so was wie ein autobiographischer Essay zum Thema Sex in der klassischen arabischen Literatur vor, grob gerechnet, tausend Jahren. Al Neimi trennt das sehr strikt von der Literatur über Liebe, die es auch massenhaft gibt im Arabischen. Aber totgeschwiegen in neuerer Zeit wurde eben Sex, und das Verborgene holt Salwa Al Neimi wieder ans Licht der Gegenwart. "Arabisch", behauptet die Autorin, "ist für mich die Sprache des Sex. Keine Fremdsprache kommt ihr im Augenblick der Leidenschaft gleich, auch bei denen, die sie nicht sprechen - in solchen Augenblicken ist natürlich keine Übersetzung nötig."
Das Buch ist in vielen arabischen Ländern ein Bestseller, in anderen ist es verboten. Salwa Al Neimi beschreibt den Zusammenhang zwischen beiden Phänomenen bereits in ihrem Buch im Gespräch mit einer Bekannten:
"Und wenn es verboten wird?"
Ich antwortete verächtlich: "Dann werde ich berühmt."
"Alle Schriftsteller träumen heute davon, dass ihre Bücher verboten werden, damit sie berühmt werden."
Und warum nicht? Wenn der Zensor sich auf eine solche Dummheit einlässt, warum nicht?

The Proof of the Honey ist auch auf Deutsch erschienen, unter dem etwas reduzierten Titel "Honigkuss".

Kurzgeschichte

Zufällig entdeckt: Der Scheißjob von Rena Dumont - zum Weinen schön. Sie finden die Geschichte einer Wurstverteilerin im Supermarkt als pdf-Datei auf Rena Dumonts Webseite unter "Texte", oder wenn sie hier klicken.

Musik: Der neue Boss - genau wie der alte

There's nothing in the street
Looks any different to me
And the slogans are replaced, by-the-bye
And the parting on the left
Is now the parting on the right
And the beards have all grown longer overnight

I'll tip my hat to the new constitution
Take a bow for the new revolution
Smile and grin at the change all around me
Pick up my guitar and play
Just like yesterday
Then I'll get on my knees and pray
We don't get fooled again
Don't get fooled again
No, no!

YAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!

Meet the new boss
Same as the old boss

Kommt Ihnen bekannt vor? Jepp, Won't Get Fooled Again von Who's next. Ein Freund hat sie als Schnäppchen ergattert, bei Saturn oder Media Markt, und mühsam das Booklet kopiert und die CD für mich gebrannt, und ich hab gemerkt, wie tief diese Klassemusik aus dem Jahr 1971 in meinem Gedächtnis verankert ist: Ich wusste immer noch, was als nächster Song kommt. Who's next war der aufregendere und rhythmisch interessantere Nachfolger zu Tommy, auf der die meisten Songs wie Marschmusik daherkommen. Nie waren The Who besser im Studio als auf Who's next (na ja, der Axel G. meint vielleicht noch auf Quadrophenia). Ich hab dieses Album nie zuvor auf CD gehört, und die Bandbreite der Töne, die Keith Moon aus seinem Schlagzeug herausklopft, ist in der digitalen Bearbeitung einfach umwerfend. Nicky Hopkins, der damals begehrteste Studiopianist, spielt Klavier auf einem Song, und Pete Townshend setzt zum ersten Mal Synthesizer ein. Das machte Stevie Wonder auch, aber erst im nächsten Jahr.
Auf dieser CD gibt's noch ein paar Bonus-Tracks, darunter eine frühere Aufnahme von Behind Blue Eyes und eine Live-Version von Water aus dem Young Vic Theatre in London:

Ooh we need water,
And maybe somebody's daughter

Beides wünsche ich Ihnen an Pfingsten in reichem Maße.

Licht im Dunkeln

Und als der Tag Pfingsten erfüllt war, waren sie alle einmütig beieinander. Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf jeglichen unter ihnen; und sie wurden alle voll des heiligen Geistes und fingen an zu predigen mit andern Zungen, nach dem der Geist ihnen gab auszusprechen.

- Die Apostelgeschichte des Lukas, Das 2. Kapitel

Zitat des Monats

"Zwischen den Dummköpfen von rechts und den Wirrköpfen von links ist für mich kein Platz in Deutschland."

- Eric Voegelin, Professor für politische Philosophie (1901 - 1985), in einer Vorlesung an der Ludwig Maximilians Universität in München, Wintersemester 1967/68, als er ankündigte, wieder zurück in die USA zu gehen und sich in Palo Alto niederzulassen

Toren des Monats

Hans-Herrmann Tiedje; Thomas Schmid; Michael Wolffsohn; Wolfgang Kraushaar; BildWeltSpiegelFAZ: Die Arschgeigen-Gang sattelt wieder die Wahlkampfpferde.

Slogan des Monats

Enteignet Springer! Döpfner in die Spree!

Held des Monats

Josep Guardiola, 38, FC Barcelona. Warum? Er gewinnt in seinem ersten Jahr als Fußballtrainer die spanische Meisterschaft, den spanischen Pokal und die europäische Champions League.


tazblog 1. Mai 2009 - 15. Mai 2009
16.05.2009 12:31:26
4. Mai 2009

An: TC, 2. Mai

Das ist nett, dass du dich um meine Texte für Czyslansky kümmerst. Aber es issja schon wieder vorbei, swine flu wird nicht der Renner wie die Vogelgrippe. War da was? -
Ich brauch dringend Abstand zu diesem Mediengezwitscher. Passenderweise habe ich gerade Bob Dylans "Chronicles Vol.1" in die Hände gekriegt (Ulli J. sei Dank). Und was lese ich gestern unterm Baum beim Tivoli-Pavillon? "Was Tag für Tag vor sich ging, den ganzen kulturellen Irrwitz, empfand ich als seelische Freiheitsberaubung; es ekelte mich an."
Wie hieß es am Tag zuvor im tazblog? "Es ödet mich an."-
Gestern war übrigens ideales Laufwetter um die Mittagszeit - 14 Grad, und Hochdruck. Bin auf dem Rückweg vom Aumeister fröhlich an "meiner Brücke" vorbeigelaufen und erst am Friedensengel umgekehrt. Das waren mal wieder 12 km am Tag der Arbeit. Ach, wo soll das alles enden ...

Von: Vereinstext., 2. Mai

Ihre bestellten Produkte nochmals zur Kontrolle:
1 x Micro - Edge Sports Cap / D6156
Lieferzeit: 2-10 Tage
Farbe: schwarz / hellgrau 5,80 EUR

1 x Men’s Running Tank Top / JN305
Lieferzeit: 2-10 Tage
Größe: M Farbe: weiss / schwarz 11,90 EUR
Zwischensumme: 17,70 EUR
Pauschale Versandkosten: 3,90 EUR
4% Vorkasse Rabatt: -0,86 EUR
inkl. gesetzl. UST: 3,31 EUR
Summe: 20,74 EUR
Ihre Bestellung ist bei uns eingegangen, und wir werden sie umgehend bearbeiten.

An: MM, 3. Mai

In dieser Woche hat mir die Mona einen Zeitungsausschnitt geschickt, da war ein Foto mit Ihnen als römischer Soldat (beim Empfang von Horst Seehofer in Gunzenhausen). Am selben Nachmittag habe ich in "Chronicles" von Bob Dylan gelesen (KiWi-Taschenbuch). Da schreibt er über eine Theatergruppe, die in seiner Jugend immer in die Stadt kam:
"Es gab jedesmal Rollen, für die Statisten gebraucht wurden. In einem Jahr spielte ich einen römischen Soldaten mit Speer und Helm, einem Brustpanzer und allem Drum und Dran. Es war keine Sprechrolle, aber das machte mir nichts aus. Ich fühlte mich wie ein Star. Das Kostüm gefiel mir. Es hatte eine belebende Wirkung ... als römischer Soldat gehörte ich dazu, ich stand im Mittelpunkt der Erde, ich war unbesiegbar."
Hoffentlich geht's Ihnen genauso.

An: Babs, 3. Mai

Ich muss dir unbedingt was mitteilen, was mit dir teilen, aus meinem Leseleben. Manchmal tauchen ja Bücher auf, die anders sind als viele gute Bücher, die man so liest, anders, weil sie die Magie und den Zauber des eigenen Lebens berühren. Und in diesen Tagen geht mir das so mit "Chronicles" von Bob Dylan. Und am Nachmittag, nachdem ich deine Mail ("the day after") bekommen habe, sitz ich unter den Espen beim Tivoli-Pavillon und lese das hier:

"Später sollte ich erfahren, dass Hank (Williams) am Neujahrstag auf dem Rücksitz eines Autos gestorben war. Ich hoffte sehr, dass es nicht stimmte. Aber es stimmte doch. Es war wie der Sturz eines mächtigen Baumes. Die Nachricht von Hanks Tod war ein harter Schlag für mich. Die Stille des Weltalls war noch nie so laut gewesen. Doch Hanks Stimme würde nie verschwinden oder verklingen; das wusste ich intutiv. Es war eine Stimme wie der schöne Klang eines Horns.
Viel später erfuhr ich, dass Hank sein Leben lang unter schweren Wirbelsäulenproblemen gelitten und furchtbare Schmerzen gehabt hatte - dass die Schmerzen mörderisch gewesen sein mussten. In diesem Lichte wirken seine Platten noch erstaunlicher. Es ist, als habe er die Schwerkraft besiegt."

Das steht auf Seite 105. "Chronicles" gibt's als Taschenbuch für 8,95. Feine Übersetzung von Kathrin Passig und Gerhard Henschel.
Liebe Grüße, schöne Tage!

Und die wunderbar bunte sonntaz?

Nach der ersten Buntausgabe schrieb mir eine taz-Redakteurin, das neue Layout sähe aus wie die Wimmelbilderbücher ihrer kleinen Tochter. Inzwischen weiß ich, was sie gemeint hat. Aber die Gestaltung, inklusive Farbe satt, issja nicht das Schlimmste. Viel erschreckender kommt mir vor, dass sich der Inhalt der Form anpasst. Von der Wochenendausgabe blieben mir nur zwei Beiträge in Erinnerung:
Bettina Gaus versucht, den Telefon- und Internetanbieter zu wechseln und gerät an 1 + 1. Dabei macht sie die gleichen Erfahrungen wie ich im Herbst 2007. In meinem Ordner vom  Oktober 2007 habe ich an die 30 Mails von und an 1+1. Ich stelle sie Bettina Gaus und ihrem Anwalt gern als Beweismaterial zur Verfügung. Es dauerte Wochen, bis der von 1+1 gekrallte Anschluss wieder freigegeben war. Diese Firmen (ich hab Ähnliches mit drei weiteren erlebt) gehen davon aus, dass nur die wenigsten Kunden die Zeit und Fähigkeit haben, sich zu beschweren. Und wenn die ersten Anrufe über eine kostenfreie Nummer gelaufen sind, erhält man die Auskunft, die weiteren Fragen kann  nur der "technische Service" beantworten - und dann sind alle Anrufe gebührenpflichtig, und zwar satt. -
Der zweite Beitrag aus der sonntaz, der bei mir hängenblieb, war ein Interview mit zwei Rockmusikerinnen aus den USA. Die dämlichen Fragen des Interviewers wurden nur von den noch dämlicheren Antworten der Interviewten übertroffen, die wirklich nichts, aber auch gar nichts zu sagen hatten.
Und dafür verschwenden die taz-Redakteure eine ganze farbig bedruckte Zeitungsseite. Das ist schade.

5. Mai 2009

"Ironischer Dandyisme" oder: Balla balla

Hier ein Zitat aus der "Berichtigung", Kulturseiten der taz vom Montag. Die kleine, viel gelesene und gelegentlich witzige Kolumne bezieht sich diesmal auf das grauenvolle Interview mit den Rockmusikerinnen in der sonntaz (vgl. meinen Eintrag von gestern). Es geht um die "gute, alte Rock-'n'-Roll-Haltung", behauptet der/die Kulturredakteur/in. Von da an wird es rätselhaft: "'Trocken und hart' sind die Attribute - nie zu müde, um jemanden von der Bühne runterzuhauen. Ein Distinktionsgewinn wie vor 30 Jahren, möchte man da sagen. Da sieht ein Haschraucher noch wie ein Penner aus und Eleganz steht für Anti-Rock-'n'-Roll. Puh, da möchte man den Musikerinnen doch glatt eine Lektion in ironischem Dandyisme erteilen."
Was das heißen soll? Was es bedeutet? Ganz klar: My baby baby balla balla. Gaga. Wer auch immer so etwas schreibt, hat sie nicht mehr alle.
Aber wer hat sie schon alle?


Hellseher


Noch mal Kulturseiten, Bericht über ein Theaterstück von Christoph Schlingensief in Berlin: "Er habe nie geglaubt, dass ihm das Theater so viel Liebe zurückgeben könnte, wie er sie mit dieser Inszenierung im September 2009 bei der Ruhrtriennale erfahren hat."
Man kann ihm nur wünschen, dass er dann noch lebt und inszenieren kann.

Das Positive

Damit es nicht wieder heißt, ich such nur nach dem Mist in der taz: Einer der besten Journalisten (nicht nur im taz-internen Vergleich) ist für mich Reinhard Wolff, der Skandinavien-Korrespondent. Neulich hab ich ihn ja schon über den grünen Klee gelobt, als er vom Pirate-Bay-Prozess in Schweden berichtet hat. Gestern durfte er auf der Meinungsseite über die Absichten der Anrainerstaaten schreiben, die sich die Ölvorräte unter der Arktis aufteilen wollen. Wolff: "Klimaschutz ernst genommen - dann müsste dieser Brennstoff im Boden bleiben. Doch wo ist der Staat, der freiwillig auf die Ausbeutung seiner Reichtümer verzichtet? Internationale Klimaabkommen, die erst bei der Begrenzung der Emissionen ansetzen, sind da nicht mehr ausreichend. Das Wichtigste ist: Der Input muss begrenzt werden."
Sag ich doch: Es ist scheißegal, wie lange die Erdölvorräte noch reichen. WIR MÜSSEN ENDLICH AUFHÖREN, ERDÖL UND KOHLE ZU VERBRENNEN.
Koste es, was es wolle. So einfach ist das.

Keine Anzeige

In der taz vom 30. April fällt mir eine Anzeige auf. Das Buch heißt "Tschüss, ihr da oben", der Autor Peter Zudeick, erschienen ist es bei "Westend - Bücher für die Wirklichkeit". Ich werde neugierig, glaube ich doch immer noch daran, einen Verlag für "Die taz - das Buch" zu finden. Es stellt sich heraus, "Westend" gehört zum Piper Verlag. Und so wird das Buch dort angekündigt:
"Das Kapital von Superreichen verzinst sich stündlich mit 200.000 Euro. Wenn sie nicht reicher werden wollen, müssen sie das Geld schon verjuxen − statt Luxuskarossen oder Riesenjachten zu kaufen. Warum schauen wir tatenlos zu? Haben wir uns an die Auswüchse des Kapitalismus gewöhnt? Wollen, ja dürfen wir sie noch länger akzeptieren? Peter Zudeick zeigt, warum kein Weg daran vorbeigeht, die Systemfrage zu stellen.
Alles längst bekannt: Milliardengewinne hier, Kinderarmut da, Versager erhalten Millionenabfindungen, der Staat darf für Verluste aufkommen. Täglich überfluten uns neue Meldungen über die Auswüchse des Kapitalismus − und bislang schauten wir zu. Doch die Zeiten haben sich geändert. Die Bürger wollen nicht länger die Maßlosigkeiten einer Clique von Überprivilegierten, die sich für Elite halten, hinnehmen. Von Politikern wird keine Lösung mehr erwartet. Ihr Credo »es wird schon irgendwann werden, wenn ihr uns nur brav wählt« will kein Mensch mehr hören. Was aber muss passieren, dass die Interessen der Zivilgesellschaft wieder in den Mittelpunkt gerückt werden? Welche Folgen hat ein radikaler Humanismus, der den Menschen wieder über den Wettbewerb stellt, auf Staat, Wirtschaft und Gesellschaft? Peter Zudeick hat die Antworten."
Und ich wünsche ihm möglichst viele Leser. Das Buch hat 240 Seiten und kostet 16,95 Euro.

WWN*)

34 Elfmeter  

Das muss man sich mal vorstellen: Im Endspiel um den griechischen Fußballpokal steht es nach regulärer Spielzeit zwischen Olympiakos Piräus und AEK Athen 3 :3. In der Verlängerung schießen beide Mannschaften je ein Tor, es steht 4:4. Am Ende gewinnt Piräus nach dem Elfmeterschießen mit 15:14. Laut taz dauerte das Spiel dreieinviertel Stunden, und es waren 34 Elfmeter nötig. Ergänzend finde ich im Tagesspiegel am 5. Mai: Athen führte bei Halbzeit 2:0, 3:2 fürAthen hieß es dann nach 90 Minuten, der Ausgleich fiel erst in der Nachspielzeit. In der Verlängerung ging Piräus, die nur noch mit neun Mann spielten (zwei rote Karten), 4:3 in Führung, aber Athen glich in der 102. Minute aus. Und dann kam das Elfmeterschießen.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von taz und Tagesspiegel)




6. Mai 2009

Zwischen Bhagwan und Autowahn: Das Elend des Philosophen

Friedrich Nietzsche hatte sein Leben lang ein gesundes Misstrauen gegen fest angestellte Philosophen, vom Staat bezahlte Denker, Professoren, die sich den Luxus von Wortspielereien und ein materiell sorgloses Leben auf unkündbaren Lehrstühlen leisten konnten. Einer von diesen heißt in der Gegenwart Peter Sloterdijk. Er hat sich zu einer Art philosophischem Popstar entwickelt, mit eigener Fernsehsendung und alle Jahre wieder einer mehr oder minder umfangreichen Buchveröffentlichung. Früher hing er mal dem Bhagwan an und reiste ins indische Poona, um den Ashram in Augenschein zu nehmen und die sexuelle Befreiung zu begutachten (oder zu erfahren). Nietzsche hat er auch gelesen und darüber geschrieben. Naja, spricht wirklich nicht gegen ihn, und wenn Universitäten für folgenloses Wörterjonglieren auch noch Geld ausgeben ... Wer wollte es ihm verdenken, wenn er es sich überweisen lässt und sich heimlich ins Fäustchen lacht.
Nun hat er also ein neues Werk herausgebracht, und ich nehme es zum Anlass, wie der Igel dem Hasen zuzurufen: Ich war zuerst da. Im April 2008 fing ich an, auf meiner Website ein tazblog einzurichten, weil ich den Eindruck hatte, dass bei diesem Täglichblatt einige Leute nicht mehr wissen, wozu es ursprünglich ins Leben gerufen wurde. Und ich habe einen undogmatischen Linken zitiert, der mir noch aus den späten sechziger Jahren als wahrhaftiger und aufrechter Charakter in Erinnerung war, Tariq Ali, ein Pakistani mit Wohnsitz in London. Der hatte Anfang April 2008 im tazmag zum Thema "Was ist heute links?" geschrieben: "... dass Menschen nicht an ihrem materiellen Besitz gemessen werden sollten, sondern ihrer Fähigkeit, das Leben der anderen - der Armen und Benachteiligten - zu verändern; dass die Wirtschaft gemäß den Interesssen aller und nicht einiger weniger neu organisiert werden müsse; und dass Sozialismus ohne Demokratie niemals funktionieren würde."
So weit, so schön. Nur hatte ich schon immer eine Abneigung dagegen, sich auf Veränderungen "da draußen" zu beschränken. Das war schon recht, aber nur veränderte Einzelne würden eine veränderte Gesellschaft ergeben - das ist auch ein alter Hut, von Donovan über John Lennon ("you better free your mind instead") bis zu Krishnamurti. Also ergänzte ich den Satz von Tariq Ali und schrieb: "Hinzufügen sollte man: Die Fähigkeit, nicht nur das Leben der anderen, sondern auch und vor allem sein eigenes zu verändern."
Das steht da jetzt seit etwas mehr als 12 Monaten (siehe oben), und ich hab' mich doch etwas gewundert und mir die Augen gerieben, als mir neulich der Titel von Peter Sloterdijks neuem Buch untergekommen ist: "Du musst dein Leben ändern". Sollte ich  mich  geschmeichelt fühlen, dass der große Meister endlich auf den Trichter kommt? Dass er seinen Buchtitel bei mir klaut? Dass er endlich was Sinnvolles schreibt? Dass er mich und seine Leser duzt?
Für die taz kam der blitzgescheite Robert Misik auf die Idee, Sloterdijk zu interviewen. Nun weiß ich wenigstens, was der Karlsruher Professor mit verändern meint: "Wir gelangen durch entfesselten Konsum an die Grenzen der Naturproduktivität. Die Menschheit erweist sich als eine Gattung, die es fertigbringt, die Natur leerzufressen."

Wenn das eine neue Erkenntnis für ihn sein sollte, möchte ihm ein herzliches "Guten Morgen, lieber Peter!" zurufen (ich duze zwar nicht jeden, der mich duzt, aber manchmal mache ich Ausnahmen). Und was  schlägt er vor, um dem Übel abzuhelfen? Wortspielereien: Er will in seinem Buch "das Konzept des Ko-Immunismus begründen".
Ko-Immunismus. Er schwurbelt dann noch eine Weile vor sich hin, bis ihn Robert Misik mit der Feststellung unterbricht: "Das heißt ja Gemeinwohl: dass Kooperation mit anderen nicht Altruismus ist, sondern zu meinem eigenen Nutzen." Das gibt Sloterdijk durchaus zu, "aber das muss bewiesen werden."
Na schön, dann beweis mal. Ob der Planet wohl noch bewohnbar ist, wenn Sloterdijk seinen Beweis erbracht hat?
Ich glaub, es wird wieder Zeit für Kurt Vonnegut:

Requiem

Wenn das letzte Lebewesen
wegen uns gestorben ist,
wie poetisch wäre es doch,
wenn die Erde dann
mit einer Stimme, die vielleicht
vom Boden des Grand Canyon aufsteigt,
sagen könnte:
«Es ist vollbracht.»
Den Menschen hat es hier nicht gefallen.

Was noch?

Ob den taz-zwei-Redakteuren mal jemand verklickern kann, dass "Graffiti" bereits Mehrzahl ist, und "Graffitis" doppelt gemoppelt (Seite 14, "Wende-Soundtrack")? Schöne Grüße auch an Sofia Shabafrouz.

I Love Linda

Um gegen die Aussaat von Gen-Kartoffeln zu protestieren, kamen ein paar Leute in Mecklenburg auf die gute alte Schleudertechnik zurück: "Sie haben Kartoffeln mit einer Schleuder auf das Feld geschossen und auch Kartoffeln am Rand vergraben." Das soll die Auswertung des Versuchs erschweren. Gefreut hat mich, dass sie bei ihrer Aktion zehn Kilo der Sorte Linda verwendet haben. Genau die kam bei mir gestern Abend in die Erde - hoffentlich werden sie wieder so hübsch wie letztes Jahr.

8. Mai 2009

Hund beißt Mann

Der Kalauer ist so alt wie die Zeitung: "Hund beißt Mann" ist keine Meldung, "Mann beißt Hund" schon. Daran musste ich denken, als ich gestern die Überschrift im Auslandsressort gelesen habe: "Israel kritisiert einen Bericht der UNO zum Gazakrieg". Das ist eine Meldung wie "Hund beißt Mann".

Täglich frisch!

Das steht zwar da oben als Anreißer, dieses "Täglich frisch!", aber Sie wissen ja, das Wesentlich zur taz im Allgemeinen ist gesagt, also werd' ich mir nur noch Themen rausgreifen, die mich anmachen, oder die von dem abweichen, was schon gesagt wurde. Zur Ausgabe von gestern fällt mir nix Rechtes ein, aber die heutige hat mindestens zwei Beiträge auf die ich morgen eingehen möchte: Den Kommentar von Bettina Gaus zum Besuch des israelischen Außenministers, und den Meinungsbeitrag von Dominic Johnson zur Amtseinführung von Präsident Jacob Zuma in Südafrika. Ums gleich vorwegzunehmen: beide Texte sind tvF*).

*) taz vom Feinsten

WWN*)

Die Schöne und der Benz

Julia Stegner wird bei Mercedes zum "Objekt der Begierde": Das Supermodel und das neue E-Klasse Coupé - die perfekte Kombination für die "Mercedes-Benz Fashion Week".

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)

9. Mai 2009

Rassistisch? Naja, eurozentrisch

Ob die taz wieder Leserbriefe bekommt, in denen ihr rassistische Tendenzen vorgeworfen werden? Dummerweise wurden die Zeilen aus Thomas Machos Essay über das Schwein auch noch groß hervorgehoben: "Schon physiologisch sind Hausschweine und Menschen einander ähnlich, was sich in der rosigen Hautfarbe und der Beschaffenheit des Fleisches zeigt."
Menschen haben also eine rosige Hautfarbe. Das ist zumindest sehr eurozentrisch gedacht, ganz abgesehen davon, dass es Schweinerassen mit dunkler Haut, mit schwarzen Flecken und mit schwarzem Kopf gibt.
Nix zu meckern: "Die coole Sau" ist ein guter Titel, und dazu gibt's noch ein sautolles Saufoto auf der ersten Seite!

Israelische Außenpolitik: Ohne Rahmen

Was für eine Erleichterung, wenn mal weitgehend ideologiefrei über die Politik der israelischen Regierung geschrieben wird. Bettina Gaus fegt mit ihrem Kommentar auf Seite eins den Nebel und den Rauch weg, die üblicherweise aufwabern, wenn es um die Kritik an einer menschenverachtenden Politik geht: "Avigdor Lieberman sprengt den Rahmen demokratischer Meinungsäußerungen." Da empfängt FW Steinmeier diesen Amtskollegen, der sich bis heute als Kriegshetzer inszeniert und selbst für israelische Verhältnisse extreme Positionen vertritt. Und Bettina Gaus macht sich Gedanken darüber, ob man diesen Mann mit einem freundlichen Lächeln empfangen sollte: "Liegt es im jüdischen Interesse - falls es überhaupt so etwas gibt wie ein jüdisches, ein christliches, ein islamisches Interesse - wenn man von einem israelischen Außenminister schweigend hinnimmt, was man von einem Berlusconi, einem Haider, einem Le Pen nicht hinnehmen würde oder hingenommen hätte?"
Manchmal genügt ein vernünftiger Satz, um den Muff von tausend abenteuerlich verrenkten Gedankenkonstruktionen wegzupusten.

Immermehrismus

Bitte weitersagen: Eine Meldung mit "Immer mehr ..." anzufangen, zeugt von großer journalistischer Einfallslosigkeit. Das wird nur noch übertroffen, wenn der Immermehrismus schon in der Überschrift auftaucht, so wie auf der "Wissenschaft"-Seite: "Immer mehr Depressive".
Solche Titel lösen bei mir leicht Depressionen aus. Ganz besonders dann, wenn der dazu gehörige Artikel eine ganz andere Aussage trifft: "Es gibt heute kaum mehr Betroffene als vor fünfzig Jahren." Aber eine aggressivere Vermarktung entsprechender Medikamente.

Zitat

"Auch ihr Sound klang auf arschtretende Weise radikal."

- Patricia Wedler über Peaches, anlässlich der Besprechung ihres neues Albums "I feel cream"

Merry Pranksters

"Ich schreibe, weil ich schreiben muss. Aber ich schreibe nicht, um dem Leser meine Seele zu zeigen. Ich schreibe, um dem Leser seine Seele zu zeigen."
- Ken Kesey

Das freut den Leser: Ken Kesey bekommt mal wieder die gebührende Aufmerksamkeit. Auch wenn es nicht seine eigene Schreibe ist, aber eine Neuauflage von Tom Wolfes unsterblicher Reportage über den großen Meister darf durchaus als gute Nachricht gesehen werden. "Der Electric Kool-Aid Acid Test" kam gerade bei Heyne als Taschenbuch heraus (9,95 Euro). So beschrieb Wolfe den Schriftstellerkollegen: "Ende Juni fahren wir durch die Dämpfe des südlichen Alabama, und Kesey erhebt sich direkt aus dem Comic-Heft und wird zu Captain Flag. Er zieht einen pinkfarbenen Kilt an, der aussieht wie ein Minirock, dazu pinkfarbene Socken und Markenschuhe aus Leder und eine pinkfarbene Sonnenbrille und bindet sich eine amerikanische Flagge wie einen Turban um den Kopf und durchbohrt sie hinten mit einem Pfeil, damit sie hält, und klettert auf das Dach des Buses, der dröhnend durch Alabama röhrt, und fängt an, für die Menschen am Straßenrand auf der Flöte zu spielen."
Hoffentlich haben sie bei Bernhard
Schmid eine neue Übersetzung in Auftrag gegeben, denn in früheren Jahren kursierten geradezu abenteuerliche deutsche Fassungen. Eine hieß "Unter Strom - die legendäre Reise von Ken Kesey und den Pranksters". Die erschien 1987 bei Eichborn, und damals schrieb Henner Voss in der taz: "Eine besengte Übersetzung, die keinen Umweg über den Schreibtisch eines Lektors genommen hat."
In der taz von gestern schreibt Klaus Bittermann nichts über die Qualität der deutschen Fassung, fiel ihm wohl nicht negativ auf. Seine Rezension kommt mir im Übrigen recht kundig vor, ein Zeichen, dass er immer dann am besten formuliert, wenn er sich nicht, wie neulich, auf geradezu krampfhafte Weise abmüht, die aggressive Kriegspolitik der Israelis zu verteidigen.
Über Ken Kesey habe ich vor einigen Jahren einen längeren Artikel verfasst, nachdem ich 2002 von seinem Tod erfahren hatte. Sie finden den Nachruf hier. Während der zeitliche Abstand größer wird, bleibt mir von seinen Romanen "Sometimes a Great Notion" stärker in Erinnerung als "Einer flog übers Kuckucksnest". Da wird die Erinnerung ans Buch auch zu sehr vom Film und Jack Nicholson überlagert.

Die besseren Weißen

Man erinnert sich? Letztes Jahr um diese Zeit habe ich mich über Dominic Johnson aufgeregt und meine Recherchen in einem "Pamphlet" (so eine Zeit-Redakteurin) zusammengefasst. Es ging um Johnsons einseitige Berichterstattung über die Regierung des ruandischen Diktators Paul Kagame (Sie finden das Runda-Dossier hier).
Da steht auch, dass ich Johnson bis dahin als gut informierten Journalisten geschätzt habe, und das gilt heute wieder: Sein besonnener, sachkundiger Kommentar über Jacob Zuma, den neuen Präsidenten der Südafrikanischen Republik, versöhnt mich mit einem halben Dutzend tendenziöser Artikel der taz-Korrespondentin Martina Schwikowski. Johnson stellt den schwierigen Charakter Zumas im Zusammenhang mit seiner Biographie als Freiheitskämpfer gegen das Apartheid-Regime vor, und weist auf einen interessanten Aspekt hin: "Zuma bricht mit der Lebenslüge des ANC, dass die Schwarzen doch eigentlich immer nur die besseren Weißen sein wollen. Im Grunde ist das für alle eine Erleichterung." Außenpolitisch könnte Zuma ebenfalls eine wichtige Rolle spielen, denn "der Bedarf nach einer starken afrikanischen Stimme im Weltmaßstab ist groß, und Südafrika kann ihn erfüllen."
Jacob Zuma sprengt mit seiner unbändigen Energie ganz offensichtlich die Maßstäbe, die an "Normal"-Politiker angelegt werden. Er hat jetzt die Chance, seinen schlechten Ruf zu korrigieren und seinen Gegnern zu zeigen, dass er das Präsidentenamt ausfüllen kann. Nelson Mandela, der ihn in der wichtigen Schlussphase seines Wahlkampfes unterstützt hat, traut es ihm offenbar zu.


10. Mai 2009

Alles Gute zum Geburtstag, lieber Donovan!

Er wird heute 63 - Donovan, der keltische Schamane aus Glasgow, der mit seinen Liedern die sechziger Jahre mitgeprägt und sich Anfang der siebziger Jahre aus dem Showgeschäft zurückgezogen hat. Vor ein paar Wochen habe ich seine wunderbare Autobiografie gelesen, "Hurdy Gurdy Man", der Mann mit der Drehleier, was ja auch der Titel eines seiner vielgespielten Songs war. Ich hab das Buch geradezu verschlungen, ah, Donovan kann wirklich schreiben. Es ist (auch) die Geschichte einer zunächst unerfüllten Liebe: Linda, für die er die erfolgreichen Liebeslieder geschrieben hat, war eine Weile mit Rolling Stone Brian Jones zusammen gewesen, hatte ein Kind mit ihm, arbeitete als Model in England und zog später nach Los Angeles. Sie sollte nach einigen Jahren der Trennung doch noch Donovans Frau werden, und sie ist es bis heute.
In den letzten fünf Jahren scheint Donovan einen neuen Aktivitätsschub bekommen zu haben. Er hat eine CD veröffentlicht, "Beat Café", hat das erwähnte Buch geschrieben, und jetzt kommt auch noch eine Doppel-DVD heraus, "Sunshine Superman", eine Filmdokumentation des österreichischen Produzenten Hannes Rossacher, mit Filmausschnitten aus den sechziger Jahren und neuem, bislang unveröffentlichtem Material. Darin tauchen auf: Bob Dylan, die Beatles, Pete Seeger, Arlo Guthrie, Donovans langjähriger Musikproduzent Micky Most, der legendäre US-Produzent Rick Rubin, die Gitarristen Jimmy Page, und Jeff Beck, und die Filmregisseure Franco Zeffirelli und David Lynch.
Mit David Lynch gehen Donovan und Frau Linda demnächst (zum 40-jährigen Jubiläum seiner Meditationsschulung bei Maharishi Mahesh Yogi) auf Brasilienreise: Sie wollen in Schulen und Universitäten auftreten und gemeinsam  für Transzendentale Meditation werben, Lynch und Linda mit Vorträgen und Diskussionen, Donovan mit seinen Songklassikern.
Die transzendentale Meditation scheint dem Erfinder des Celtic Rock immer noch ein großes Anliegen zu sein. Vor zwei Jahren gründete er eine Privatschule im schottischen Glasgow, "The Invincible Donovan University". Deren Aufgabe soll es sein, "unbesiegbares Nationalbewusstsein durch transzendentale Meditation zu erlangen". Unterstützt wird er dabei von David Lynch und dem Quantenphysiker John Hegelin. Von diesen schottischen Nationalisten wird man vermutlich noch viel hören.
Aus "Hurdy Gurdy Man" habe ich auch noch erfahren, dass Jimmy Page, der Bassist John Paul Jones und der Drummer John Bonham zum ersten Mal als Studiomusiker bei Aufnahmen für Donovan zusammen gespielt haben. Als sie merkten, wie gut das abging, haben sie sich den Sänger Robert Plant dazugeholt und als Led Zeppelin weitergemacht. Auf "The Very Best of Donovan" sind sie die Begleitband bei der elektrischen Version von "Catch the Wind". Jones spielt dabei eine unglaublich tolle Basslinie.
Wer wissen will, was Donovan und die Beatles und Mia Farrow während ihres Ashram-Aufenthaltes beim Maharishi in Indien vor vierzig Jahren so getrieben haben, kann auch das in "Hurdy Gurdy Man" nachlesen. So zum Beispiel, dass John Lennon von Donovan den Fingerpicking-Stil gelernt hat, den der sich wiederum von Dirty Phil, einem unbekannten Gitarristen, am Strand von St. Albans in Devon hatte beibringen lassen.
Happy Birthday, Old Shaman!

Justemilieu

"Die Furcht vor 'sozialen Unruhen' ist die Folge einer Vorstellung von 'sozialem Frieden', die im Justemilieu der alten Bundesrepublik ihren Ursprung hat." Die Überschrift zu diesem Artikelanfang hieß "Den Zorn kultivieren", aber mit diesem ersten Satz hat mich Christian Semler als Leser verloren. Ganz offensichtlich wollte er von mir nicht gelesen werden.

Neusprech, eine weitere Folge: Krieg = Stabilsierungseinsatz

Die Lügen über den Krieg in Afghanistan werden immer unverschämter. Ein ganz besonders gelungenes Beispiel für Propagandasprache à la George Orwells "1984" lieferte Thomas Raabe, Pressesprecher des Kriegsministers, am Freitag dieser Woche. "Er bestritt, dass es sich um Kriegshandlungen gehandelt habe: 'Das ist ein Stabilisierungseinsatz in einem souveränen Land."
Sehr kreativ formuliert, der Mann hätte es sicher auch in der Werbebranche weit bringen können.

Weltmusikwerbebeilage

Acht bunte Seiten zum Thema Weltmusik - selten konnte man die Vermischung von Werbung und redaktionellem Beitrag besser studieren, als in diesem Blättchen. Alle, die eine Anzeige geschaltet haben, werden brav in den Artikeln der taz-Redakteure und -Autoren erwähnt, und zwar möglichst auf derselben Seite. So geht unabhängiger Journalismus, in der "einzigen Tageszeitung, die ihren Lesern gehört."

Judith liebt Jonathan

"Man arbeitet als Autor an einer großen menschlichen Komplexität."
- Jonathan Franzen

Zum zweiten Mal in kurzer Zeit darf Judith Luig eine Liebeserklärung an Jonathan Franzen ablassen, und wie schon beim Bericht über die Lesung kann man deutlich sehen: Liebe macht blind, die taz-Redakteurin wird zum Teenie-Fan. Meine Güte, wie hab ich mitgebibbert beim Lesen, die Tragik des Genies hat mich zutiefst ge- und berührt. Meine Bewertung: vier von fünf möglichen Tränen. Aber lesen Sie selbst: "Seit über einem Monat hat Franzen eine Schreibkrise, sein intellektueller Charme des selbstbewussten Understatements leidet darunter keineswegs, aber eine Anspannung merkt man ihm an."
O Gott, eine Schreibkrise! Und das, obwohl laut Luig feststeht: "Er ist einer der ganz Großen der Literatur. Sein letzter Roman wurde mit den 'Buddenbrooks' verglichen. Sein nächster wird sehnsüchtig erwartet. Über all dem Erfolg ist Jonathan Franzen nicht abgedreht. Auch das muss man erst mal hinkriegen."
Hm. Wer denn nun? Er oder sie?
Was ich sagen wollte: Jonathan Franzen gehört zu den am meisten überschätzten US-Autoren der Gegenwart. Und er mag ja bei jungen Journalistinnen und bei seinen Lesungen Charme versprühen ohne Ende, aber sein viel verkauftes Buch "Die Korrekturen" zeigt jedem, der es sehen will mit aller Deutlichkeit: Franzen hat nicht eine Spur von politischem Bewusstsein. Dafür aber clevere Verlagsmanager und eine Werbeagentur vom Feinsten. Diese völlig unpolitische Haltung machte den Riesenerfolg des Buches möglich, denn damit konnte er eine entpolitisierte Öffentlichkeit auf beiden Seiten des Atlantiks am besten ansprechen.
Das klingt jetzt, als wäre ich neidisch, weil er einige Millionen Bücher verkauft hat. Na klar bin ich neidisch, schließlich schreiben alle Mainstream-Medien von Newsweek über BBC bis zu Welt, FAZ und taz seitenweise über Franzen und helfen ihm, noch mehr Bücher zu verkaufen. Und außerdem bin ich auf seine Schaumschlägerei in "Die Korrekturen" selbst reingefallen. Mein Unbehagen kam erst später, als ich gemerkt habe, wie ahnungslos der Mann tatsächlich ist.
Aber damit will ich nichts gegen die Liebe sagen ("Love is all you need"), weshalb selbstverständlich Judith Luig das letzte Wort hat: "Nein, er schwebt nicht über den Dingen. Ganz klar ist nach diesen zwei Tagen mit Jonathan Franzen: Gerade deswegen, weil er so viel Eigenliebe und gleichzeitig so viel Selbstverachtung in seine Figuren legt, ist er ein so wunderbarer Erzähler des Menschlichen."

Zitat

"Eine Gleichsetzung der beiden Systeme verbietet sich schon aufgrund ihrer Unterschiede. Aber ein Vergleich kann sehr erhellend sein."
- Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Autor von "Honeckers Erben. Die Wahrheit über Die Linke",
über die braune und die rote Diktatur in Deutschland

Und sonst?

Zwei feine Buchbesprechungen: Frank Schäfer erinnert daran, was für ein Ausnahmeautor der eben verstorbene J. G. Ballard war und empfiehlt das neu erschienene "Liebe & Napalm" in der Übersetzung von Carl Weissner. Und Matthias Lohre weiß alles - jedenfalls mehr als der Buchautur Lothar Gall - über Walther Rathenau, das Vorbild für Robert Musils Romanfigur Doktor Paul Arnheim in "Der Mann ohne Eigenschaften". Lohre haut "Walther Rathenau. Porträt einer Epoche", das bei C. H. Beck erschienen ist, kenntnisreich und genussvoll in die Pfanne. -
Auffällig: Die taz-Layouter besinnen sich wieder auf die Wirkung von Schwarzweißbildern, der Farbenrausch der ersten sonntaz-Ausgaben kommt deshalb etwas abgemildert daher. Das tut gut und ist schön und sinnvoll. Hätte man auch mit dem kleinen Porträt von Harald Schmidt machen sollen, vielleicht wäre das Teiggesicht in schwarzweß besser rübergekommen.

WWN*)

Daniel schluchzte vor Freude

So knapp war's noch nie: Mit 50,47 Prozent aller Anrufer gewinnt Daniel Schumacher das Finale von DSDS und jubelt: "Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll."

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)


12. Mai 2009

Dem Philosoph ist nix zu doof

Der Leser dieses Blogs erinnert sich: "Zwischen Bhagwan und Autowahn: Das Elend des Philosophen" hieß es hier am 6. Mai 2009. Es ging um ein Interview von Robert Misik mit Peter Sloterdijk, das die taz am Vortag gedruckt hatte. Weil der Kollege Tim Cole mir angeboten hat, gelegentlich mal einen Beitrag bei czyslanski.net einzustellen, gab ich meinen kleinen Sloterdijk-Essay dort ab. Die folgende Reaktion kam gestern. Der Autor gehört ebenfalls zu den sieben IT-Experten, die gemeinsam das czyslanski.net betreiben.

Ossi Urchs am 11 Mai 2009 um 17:40

Lieber Hans Pfitzinger,
ja, wenn das alles so einfach wäre - dann müsste man wirklich nur noch die taz lesen, und alles würde gut.
Aber den Titel hat Sloterdijk nun eben nicht aus dem taz-Blog/tazmag “geklaut”, sondern bei Rilke (was “Zitat” zu nennen eigentlich passender wäre) - wie er selbst, allerdings in einem Interview mit der FAZ, auch freimütig bekennt und im Buch extensiv thematisiert. Und bei diesem Prozess der Veränderung (”Yes, we can!” - anyone?) setzt er nicht etwa auf Götter oder Gurus (was übrigens in Sanskrit nichts anderes als “Lehrer” bedeutet), sondern auf die Möglichkeit der Erkenntnis. Selbst in den Zeiten der Krise, die heute an die Stelle der vorgenannten getreten ist. Auch das sagt er im FAZ-Interview:
“Schon in der älteren Geschichte der Menschheit gab es strenge Autoritäten, Götter, Gurus und Lehrmeister, die ihre Gefolgschaft mit enormen Forderungen beunruhigten. Jetzt haben wir es mit einer ungöttlichen Göttin namens Krise zu tun, die von uns verlangt, neue Lebensformen zu entwickeln.” (FASZ Nr. 12 vom 22. 3. 09, p. 21)
Nun ja, manchmal hilft es eben, über den eigenen Tellerrand hinaus zu lesen und dem eigene Ego beim bloggen etwas Ruhe zu gönnen.

hans am 11 Mai 2009 um 20:31

Woher wissen Sie eigentlich, dass Sloterdijk nicht meinen Blog gelesen und sich dabei an Rilke erinnert hat? Trotzdem, herzlichen Dank für die Belehrung - hinter der FAZ steckt halt immer ein kluger Kopf! Da kann ein taz-Leser mit kleinem Bärenverstand (wie Puh) nicht mithalten. Für Ihren Ratschlag, dem eigenen Ego beim bloggen etwas Ruhe zu gönnen, möchte ich Ihnen ebenfalls danken. Es geht doch nichts über konstruktive Kritik. Wie ich mich kenne, denke ich jetzt wieder tagelang darüber nach, ob ich die FAZ abonnieren soll, damit ich endlich auch mal mitreden kann.
Schade, dass Sie meinen tazblog nicht lesen, vielleicht wäre Ihnen dann die Selbstironie nicht so ganz an der Antenne vorbei gebeamt.
P. S. Ja, “strenge Autoritäten, Götter, Gurus und Lehrmeister”, und die “ungöttliche Göttin namens Krise” - die werden’s schon richten. Vor allem, wenn das in der “FASZ” steht. Ich weiß ja nicht, wo eine gemeinsame Basis sein könnte, aber ich hab mal einen Song von Van Morrison sehr geschätzt: “No Guru, no Method, no Teacher”.
Schönen Gruß aus dem eigenen Teller!

Niemand hat die Millionen jemals gesehen

Schon lange erfreue ich mich an Fundsachen - wenn in "alten" Büchern Dinge beschrieben werden, die ziemlich genau auf die Gegenwart zutreffen. So habe ich auch zu Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise (war da was?) gerne an Erich Kästners Roman "Fabian" von 1931 erinnert, in dem er sinngemäß schreibt, dass die Wirtschaftskrise nicht überwunden werden kann - es sei denn, wir fangen an, anders zu denken. Gestern las ich weiter in "Treibhaus" von Wolfgang Koeppen, das ich schon im letzten Herbst angefangen habe, dann eine Weile liegen ließ, und jetzt doch mit großer Freude fortsetze.
Da geht es (Schauplatz: Bonn, Zeit: 1953) um die Grundwidersprüche der SPD (ähnlich wie heute), und um einen MdB, der an Carlo Schmid erinnert (zumindest übersetzt er Baudelaire). Der Mann heißt Keetenheuve und steht für die aussterbende Spezies von Abgeordneten, die noch an etwas glauben, jenseits von Macht um der Macht willen und Posten zur eigenen Versorgung. Zur Sitzung des Auschusses, dem er angehört, kommt er zu spät, weil er in Nachdenken versunken spazieren gegangen ist (schon mal ein sehr sympathischer Zug). Und dann fällt es ihm schwer, sich auf die Sitzungsarbeit zu konzentrieren.
"Keetenheuve vernahm Zahlen. Sie waren wie das Rauschen einer Wasserleitung vor seinem Ohr, eindrucksvoll und doch nichtssagend. Sechshundertfünfzig Millionen aus öffentlichen Mitteln. So viel aus zentralem Aufkommen. Sondermittel für Versuche; das waren nur fünfzehn Millionen. Aber dann gab es auch noch den Einlauf aus den Umstellungsgrundschulden. Korodin las die Zahlen vor, und zuweilen guckte er Keetenheuve an, als erwarte er von ihm einen Einspruch oder eine Zustimung. Keetenheuve schwieg. Er konnte sich auf einmal zu Korodins Zahlen so wenig äußern, wie der Zuschauer einer Zaubervorstellung zu den rätselvollen und eigentlich langweiligen Vorgängen auf der Bühne; er weiß, daß ein Trick angewandt und er getäuscht wird. Keetenheuve war von der Nation in diesen Ausschuß gesetzt, um aufzupassen, daß niemand hintergangen werde. Dennoch - für ihn war die Beratung jetzt nur noch ein verblüffender Zahlenzauber! Niemand würde die Millionen sehen, von denen Korodin  sprach. Niemand hatte sie jemals gesehen. Sie standen auf dem Papier, wurden auf dem Papier weitergereicht, und nur auf dem Papier wurden sie verteilt. (...) So recht begriff es keiner. Selbst Stierides, der Bankier der Reichsten, begriff das magische Spiel der Zahlen nicht; aber er war Meister in einem Yoga, das seine Konten wachsen ließ."
So ähnlich komme ich mir vor, wenn ich seit Monaten immer neue Zahlen höre, die im Rundfunk verlesen werden, oder immer höhere Beträge sehe, die in der Zeitung stehen. Nur dass es heute nur noch selten um Millionen geht, sondern um meist um Milliarden. Und Josef Ackermann, der Bankier der Reichsten, kommt mir ebenfalls vor wie der Yoga-Meister, bei dem die Konten wachsen.

Kulltour: Fressen für den Besserwisser

Diese Art von Steigerungsstufe kommt häufig in Schüleraufsätzen vor, in Klatschspalten, in Anzeigen von Provinzunternehmen, in Werbebeilagen, seltener auf den Kulltour-Seiten der taz: "bestmöglichst". Über die Frau des Schriftstellers Joseph Roth heißt es da: "Solange es die politischen Umstände zuließen, hat er Friedl durch seine Honorare, um die er stets wütend verhandelte, die bestmöglichsten Heilanstalten finanziert." Ob Wiebke Porombka, die Autorin des Beitrags, das so abgeliefert hat? Und dem Redakteur fiel es nicht auf, dem Korrektorat auch nicht. Tja, von der bestmöglichen Bearbeitung des Textes kann wohl nicht die Rede sein, von möglichst gutem Deutsch auch nicht.
(Nebenbei bemerkt: Man stelle sich einen Autor vor, der "um seine Honorare" für  Feuilletons "wütend verhandelt". Was für ein Schmarren!)

Wichtig: die taz

Es gibt, so behaupte ich, nur noch zwei bedeutsame Bereiche, in denen die taz wirklich und wahrhaftig wichtig genommen wird: Hier bei "Achtung: tazblog!" und bei den Grünen. Kein Wunder, dass die Parlamentsredakteurin Ulrike Winkelmann, zuständig für grün und links, zum Parteitag gleich eine ganze Seite Bericht und Interview füllen darf ("Schwerpunkt", Seite 3), und auch noch den Kommentar auf Seite eins bekommt. Das fetzige kleine Interview mit dem "Nachwuchstalent" (das ist astreine Fußballsprache, man erinnert sich?) Arvid Bell, einem 24 Jahre alten Vorzeigejunggrünen, hat mich ausgesprochen amüsiert. Nach einer grenzenlos banalen Aussage Bells ("Demokratie ist eben manchmal schwierig") kommt Winkelmann ganz wunderbar aufs Wesentliche zu sprechen: "Das war jetzt eine super Wahlkampfprofi-Antwort. Was hat man Ihnen denn dafür geboten, dass Sie Ihren Antrag für einen kleinen rot-grünen Akzent im Wahlaufruf selbst zurückziehen?"
Arvid Bell: "Sehr witzig. Es gab eine klare Verständigung darüber, dass wir außer Jamaika keine Koalition ausschließen. Das heißt dann auch: Wir schließen Rot-Rot-Grün nicht aus. Nun bin ich immer noch der Meinung, dass wir gegenüber den beiden sozialdemokratischen Parteien mutiger sein und