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1. Juni 2008 Nackt unter Palmen tanzen
Mich hat der Sommer der Liebe 1967 erwischt, als ich 22 Jahre alt war. Im September wurde ich aus der Bundeswehr entlassen, und ich fühlte mich so frei wie nie zuvor in meinem Leben. Die Beatles hatten gerade "Sergeant Pepper" herausgebracht. Ich hatte ein möbliertes Studentenzimmer in einer Dachgeschoßwohnung direkt hinter der Münchner Uni, ich machte den Taxischein und spielte abends an den Flippern im "Kleinen Bungalow". Dann kamen die ersten Demos, der erste Joint, die erste (und einzige) Knast-Erfahrung. Nach dem Studium wollte ich nur noch weg. Ich ging dorthin, wo, so sah ich das damals, die wahre Revolution zugange war: Nordkalifornien, San Francisco, das mythische, viel besungene, und die Uni in Berkeley, wo 1965 alles anfing mit dem Free Speech Movement. Heute bin ich 62, und mit Sicherheit gehöre ich nicht zur direkt angepeilten Zielgruppe von Martin Reicherts Buch "Wenn ich mal groß bin. Das Lebensabschnittsbuch für die Generation Umhängetasche". Aber ich will ja immer noch wissen, wie die heute 20-, 30-, 40-Jährigen mit dieser Welt umgehen, in die sie genauso ungefragt reingeworfen wurden wie ich. Deshalb habe ich den langen Auszug aus Reicherts Taschenbuch gelesen, für den ihm das taz.mag gleich drei Seiten eingeräumt hat. Wenn ich das Gelesene als Maßstab nehme, komme ich mir viel jünger vor als dieser 35 Jahre alte taz-Redakteur. Der Unterschied liegt möglicherweise in den Umständen, in die ich hineingewachsen bin: Die jungen Menschen 1968 hatten nicht die Sorgen, die heute vorherrschen, und vor allem hatten sie keine Existenzangst, keine Angst um Jobs, Karrieren, Rente. Und: Die Pille für die Frau war schon erfunden, und kein Mensch wusste was von AIDS und vom Ozonloch. Die Regierenden waren zwar auch damals nicht ernst zu nehmen, aber im Vergleich zu George W. Bush hatte ein Gauner wie Richard Nixon noch Spuren von, wenn auch krimineller, Intelligenz. Und der SPD stand Willy Brandt vor, nicht Kurt Beck. Die Grundversorgung der Menschen war gesichert, jetzt konnte man sich um die Utopien kümmern. Das war auch eine der Ursachen, weshalb Ende der sechziger Jahre Vieles so, frisch, frech, fröhlich, frei daherkam, und Erscheinungen wie die Beatles und die Stones, die Hippies und die Yippies und die Spaßguerilla und die freischwebenden Haschrebellen und Woodstock möglich wurden. Eines war dabei oberste Maxime und wurde von den meisten geteilt: Wir wollten nie so werden wie unsere Eltern. Denn die hatten den ganzen Kriegsscheiß miterlebt, hatten geackert und geschuftet, um sich aus der blanken Existenznot rauszuarbeiten, und hatten dabei ein gutes Stück Lebensfreude eingebüßt und die Rockmusik verpasst. Nein, nie so werden wie die Eltern mit ihren Wohnküchen und Schlafzimmereinrichtungen und Stühlen und Tischen und Autowaschen am Wochenende und Rasenmähen und Stores am Fenster. Wir wollten auf Kissen am Boden sitzen, auf Matratzen schlafen, den Konsum aufs Nötige beschränken und nackt unter Palmen tanzen. Wenn ich nachrechne, könnte Martin Reichert altersmäßig gesehen mein Sohn sein. Und ich stelle erschrocken und amüsiert zugleich fest: Die "Generation Umhängetasche" (als Begriff eher smart als cool) will so werden wie die Generation meiner Eltern. Die beschreibt Reichert, ohne sie direkt zu meinen, sehr treffend so: "Menschen, die sich von Utopien und politischem Engagement entfernt haben und deren Träume nicht weiter als bis zur Haustür ihrer geschmackvollen Wohnung reichen." Und, so könnte man hinzufügen, sich nach einer festen Partnerschaft, einem Häuschen im Grünen und einem ausreichend gut bezahlten Job in der Stadt sehnen, damit sie sich ein Auto zum Pendeln leisten und ihre Einrichtung bei Ikea kaufen können. Mit anderen Worten: Glück und Erfüllung im Konsum finden. Dagegen ist überhaupt nichts zu sagen, außer, dass Millionen in Deutschland so leben (oder so leben wollen), dass es Abermillionen in allen Ländern der Welt anstreben, und dass das schlicht und einfach nicht mehr geht. Es ist unmöglich geworden, und das haben die Konsumverweigerer von damals auch schon geahnt. Menschen, die den von Reichert propagierten Lebensstil pflegen oder anstreben, wurden und werden sehr treffend als ahnungslose Spießer bezeichnet. Und ihr Horizont reicht eben nur bis zur eigenen Wohnungstür. Aber eine Frage sei erlaubt: Hat man das nicht schon mal so gemacht, und hat uns das nicht zur gegenwärtigen Misere geführt? Wäre es nicht angebracht, unter den neuen Bedingungen mal wieder was Neues auszuprobieren? Verantwortungsvoll zu leben? Einen Lebensstil anzustreben, der nicht zerstört, sondern heilt? Und nicht mehr zu verzichten auf die Lebensqualität, die beim liebevollen Umgang mit der Natur und den Mitmenschen und Mitgeschöpfen auf diesem engen Planeten entstehen kann? Martin Reichert schreibt intelligent, unterhaltsam, gut, routiniert, und wenn ich zu Ende gelesen habe, überkommt mich das Gefühl, dass das eben Gelesen völlig nutzlos war. Immer wieder werden Ballons aufgeblasen, die beinahe zu schillern beginnen und vorgeben, bedeutungsvoll zu sein, und dann fallen sie wieder zu schlaffen Hüllen zusammen, und da war dann doch nichts. That's entertainment, und das hat seinen Platz, aber es weist nirgends über sich hinaus. Und am Ende bleibt das Gefühl, die Generation Umhängetasche ist nichts weiter als eine raffinierte, berechnende Erfindung, eine smarte Geschäftsidee: Business as usual.
Kleine Abschweifung: Die Hippies
Ob die Hippies allgemein als politische Bewegung zu sehen waren, darüber ließ es sich schon damals trefflich streiten. Was sich im Lebensstil ausdrückte, hatte aber unstreitig politische Aspekte: Zusammenleben in Kommunen, mit Hanf, Pilzen, LSD, Meskalin zur Erweiterung des Bewußtseins; drastische Beschränkung des privaten Eigentums; Kreativität statt Konsum; Freiheit statt Autorität. Selbstbestimmte Stämme sorgen dafür, daß Regierung und herkömmliche Machtstrukturen überflüssig werden. Die Speerspitze der Bewegung, eine Art führerlose Kerntruppe der Blumenkinder, waren die Diggers. Bei aller scheinbaren Unbekümmertheit hatten sie eine radikal-utopische Grundhaltung. Sie organisierten das Gemeinschaftsleben in Haight/Ashbury so, als sei die Revolution bereits erfolgreich gelaufen: Jeden Tag verteilten sie umsonst Essen und Kleidung im Park, gründeten die (auch heute noch bestehende) Haight-Ashbury Free Clinic für kostenlose Gesundheitsfürsorge, dazu gab es gratis juristische Hilfe für alle Konflikte mit der Staatsmacht. Finanziert wurden diese Aktivitäten durch Benefizkonzerte, bei denen Spenden gesammelt wurden. Die Diggers verachteten die herkömmlichen politischen Institutionen — der Staat wurde, solange er sich nicht einmischte, einfach ignoriert. Finanzielle Unterstützung von den Behörden hätte Verrat bedeutet. Was sich zwischen 1964 und 1967 am Golden Gate Park abspielte, ist durchaus vergleichbar mit der Pariser Kommune oder den Gemeinschaften der Anarchosyndikalisten im Katalonien des Spanischen Bürgerkriegs. Daß in allen Fällen die Staatsmacht den Sieg davontrug, ändert nichts an der Gültigkeit des Strebens nach einer selbstbestimmten, humanitären Gesellschaft. Der «Summer of Love» war sicher nicht der letzte Versuch in diese Richtung.
(aus: Hans Pfitzinger, Love and Peace und all die Hippies. Den ganzen Text finden Sie hier: Liebe und Frieden)
Die taz wird dick. Und bunt!
Meine Güte, iss ja alles so schön bunt hier! So viele Farbanzeigen gab's, glaube ich, noch nie, entsprechend bunt und dick war die taz vom 31. Mai / 1. Juni 2008: 32 Seiten, und jede Menge Farbfotos. Gewöhnungsbedürftig. Wie einstens, als der Spiegel auf Vierfarbdruck umgestellt hat. Oder die Süddeutsche. Ich hatte bei beiden das Gefühl, es geht was an Seriösität verloren. Hm.
Die erste Seite wird ja von mir viel zu selten gelobt, dabei finde ich die meistens richtig gut gemacht, schon als sie damals grundsätzlich neu gestaltet wurde, mit dem großen Bild und den übersichtlichen Ankündigungen rechts. Am Wochenende weht die zerrissene SPD-Flagge, rot vor blauem Wolkenhimmel, und die große Titelzeile sagt:
Werden Sie jetzt Mitglied! Die arme SPD braucht Sie dringender denn je. Wenn es so weitergeht, hat die einst stolze Partei schon in 14 Jahren keinen einzigen Genossen mehr SEITE 4, 13
Hehehe. Hoffentlich. Ich halt mal die Daumen, denn diese SPD braucht wirklich keiner mehr.
Alice immer Schwarzer
Die Nachrichten aus dem Hause Emma sind ja ein gefundenes Fressen für Schwarzer-Hasser. Manchmal hab ich Alice Schwarzer ja als meine politische Verbündete gesehen - und auf einigen Gebieten ist sie das auch noch -, aber dass sie Angela Merkel unterstützt hat, vielleicht sogar immer noch dazu steht, das ging mir dann doch zu weit. Was sie da jetzt mit ihrer Nachfolgerin bei Emma anstellt, spricht nicht gerade für ihre Toleranz, aber das war eh nie ihre Stärke. Sie ist halt stur und dickköpfig, und vielleicht kommt jetzt auch noch der Altersstarrsinn hinzu. Andererseits: Nicht jeder, der im Fernsehen Erfolg hat, bringt auch die Eignung mit, eine Zeitschrift als Chefredakteur/in zu leiten. Vielleicht hat Alice Schwarzer recht, und die angeblichen Auseinandersetzungen über Sachthemen waren gar nicht der Grund, dass Lisa Ortgies gefeuert wurde, sondern ihre Unfähigkeit als Zeitschriftenmacherin? Heide Oestreich erinnert die gefeuerte Ortgies daran, was sie mal im Scherz geäußert hat: "Konflikte mit dominanten Chefinnen, schlug sie vor, solle man mediengerecht inszenieren und hinterher einen Bestseller draus machen. Den Stoff für den Bestseller sollte sie nun beisammen haben."
Pamela Anderson hat recht!
Nach Paul McCartney und Pamela Anderson kommt jetzt auch noch Jeffrey Sachs mit dem Rat, weniger Fleisch zu essen. Die gute Pamela wies neulich in einem Interview für son Hochglanzblatt darauf hin, dass der Klimawandel nur gestoppt werden kann, wenn wir aufhören Fleisch zu essen, vor allem Rindfleisch. Beatlepaul wirbt ja schon lange für vegetarische Burger und Bürger. Jetzt bestätigt ihn der Professor für Nationalökonomie Jeffrey Sachs, der UNO-Sonderberater für die Bekämpfung der Armut. Er teilt dem Interviewer Robert Misik seine Vorschläge zur Lösung der Versorgungskrise mit: "Es gibt sehr ermunternde Beispiele. Nehmen wir nur Malawi. Dort hat der Präsident vor drei Jahren, mitten in einer schweren Lebensmittelkrise, gesagt: Genug. Wir müssen die Produktion ankurbeln. Darauf wurde ein sehr simples Vouchersystem (Gutschein-) eingeführt. Die Bauern erhielten im ersten Jahr zwei Sack Düngemittel und im zweiten Jahr besseres Saatgut. Innerhalb eines Jahres hat sich der Output verdoppelt. Und im Folgejahr noch einmal. Verdoppelung und Verdreifachung in ein, zwei Jahren ist möglich." Misik ist baff und fragt: "So leicht kann man die Versorgungskrise lösen?", worauf Sachs sagt: "Längerfristig müssen wir schon unsere Ernährungsgewohnheiten ändern." "Soll heißen: Weniger Fleisch essen?" Sachs: "Weniger Fleisch essen, ja, das ist ja auch gesünder. Es ist einfach vom ökologischen Gesichtspunkt und von dem der Energieeffizienz ein Problem, wenn wir viel Fleisch essen. Simpel gesprochen: Von dem Getreide, dass ein Rind frisst, werden viel, viel mehr Menschen satt als von dem Fleisch des Rindes." Gut gesprochen, Jeffrey Sachs! Klasseinterview, Robert Misik! I love you, Pamela Anderson!
Kommentar
3. Juni 2008
Kürzestgeschichten
Wenn's auf der Wahrheit nix Besonderes zu lesen gibt, schweift der Blick nach rechts oben zum Wahrheitfrosch. Dort steht zum Ende von "zoff im einmaleins" über die Fünf: "Sie lebte in ihrer eigenen Welt." Das kann man vom Autor dieser Kürzestgeschichten auch behaupten.
18.700
So viele Leser hat die schöne Zeitschrift Lettre International, und wenn es stimmt, was Redaktionsleiter Frank Berberich der taz-Autorin Nina Apin erzählt hat, schreibt diese Randerscheinung des Pressewesens sogar schwarze Zahlen. Nicht zu fassen, denn die Einschätzung von Apin trifft wohl zu: "Stramme Linke finden sie zu elitär, Freunde des Populären zu vergeistigt, häppchengewöhnten Lesern sind die Texte zu lang." Jetzt bringt Lettre zum 20. Geburtstag ein Doppelheft mit gewohnter Themenvielfalt: "Ein Essay über russische Politik, eine Reportage aus Pakistan, Wissenschaftliches über Homer in Indien oder die Bedeutung der Melone in Magrittes Welt. Kosmopolitisches mit europäischem Akzent heißt das Konzept, alle Texte sind deutsche Erstveröffentlichungen." Und dennoch schafft es der taz-Mitbegründer Berberich Lettre mit fünf Angestellten am Leben zu erhalten. Und Nina Apin weiß auch, welches Wagnis man hierzulande mit Qualitätsjournalismus eingeht: "Rein publizistisch ein Wahnsinn."
Glückliche Menschen
Links auf der Bühne steht die etwas füllige Sängern Alison Moyet in dunkler Kleidung vor einem Mikrofon, hinten frickelt Vince Clarke, ein ebenfalls dunkel gekleideter Glatzkopf an irgendwelchen Soundmaschinchen. Das Foto zeigt einen Auftritt der beiden als Yazoo, eines einstmals recht erfolgreichen Duos, das nach 25 Jahren zum ersten Mal wieder gemeinsam Musik macht. Tim Caspar Boehme schreibt über ihr Konzert in Berlin: "Moyet ist nach wie vor eine große Sängerin. Ob die Musik nun zeitlos ist oder irgendwie doch überholt, ist in diesem Moment nicht relevant. Das Ereignis, so scheint es, rechtfertigt sich allein dadurch, dass es stattfindet." Das hat er schön gesagt, und am Ende "greifen einige der umstehenden Männer zu ihren Taschentüchern. Ich habe noch nie zuvor so viele glückliche Menschen bei einem Konzert erlebt." Ja, damit ist es doch wahrlich gerechtfertigt.
Küppersbusch
Gelegentlich eiert Friedrich Küppersbusch mit seinen meist originellen Vergleichen etwas. Im montäglichen Interview erklärt er mal wieder die Gehälter von Josef Ackermann und Wendelin Wiedeking für obszön und fragt dann: "Warum darf der Playboy erst ab 18 gelesen werden, wenn die FAZ mit Wiedekings Gehalt jederzeit Kindern in die Hände fallen kann?" Lustig. Stimmt aber nicht. Den Playboy kann jeder kaufen, wie die FAZ, und lesen oder die Bilder angucken. Kritisch wird es erst beim US-Penthouse, das gehört zur Abteilung "unter dem Ladentisch" und Sie kriegen es nur, wenn Sie danach fragen und über 18 sind. Sind Sie ja, nach dem Foto zu urteilen. Penthouse aus Ami-Land lohnt sich aber, muss man schon mal gesehen haben, bevor man glaubt, was da abgeht. Bob Guccione, der Gründer der Zeitschrift, hat das mal so ausgedrückt: "Der Playboy druckt, was die Leute sehen sollen, ich drucke, was sie sehen wollen."
Blaublut
Phillipp Mausshardt scheint seinen Katastropheneinsatz in Birma gut überstanden zu haben und macht sich jetzt Gedanken über den Botschafter, die verschwindende Spezies, gewissermaßen der Thunfisch unter den Diplomaten. Behauptet Mausshardt: "Botschafter sind eine vom Aussterben bedrohte Berufsgruppe, nur, sie wissen es noch nicht." Und ihm fällt auf: "Der deutsche Auswärtige Dienst hat sich dabei über all die Jahre noch als Biotop für den deutschen Adel gehalten. In keiner anderen Branche ist die Blaublüterquote so hoch wie unter den Botschaftsangehörigen." Mausshardt scheint noch nie für den Burda Verlag gearbeitet zu haben.
taz vom Feinsten: Helge Timmerberg
Lieber Helge, etwas irritiert war ich gestern, als ich den Anfang des Interviews mit dir gelesen habe - sagt da doch Timo Nowack "Herr Timmerberg" zu dir. So lange ich mich zurückerinnern kann, hat noch nie jemand behauptet, dass "der Helge" oder "der Timmerberg" ein Herr sei. Na egal, dafür hab ich auch noch nie jemanden getroffen, der dich nicht für einen begnadeten Schreiber gehalten hat. Du weißt ja, wir haben uns total aus den Augen verloren seit dem gemeinsamen kurzen Versuch, Twen wiederzubeleben, mit dir als Chefreporter. Den Peter Orzechowski treff ich noch manchmal, unsere Freundschaft geht auf damals zurück, auf die Redaktion in der Schwanthalerstraße, wo du ja wie immer nur auf Durchreise warst. Von dir hat mir der Orze mal erzählt, du seist nach Marokko ausgewandert, und du würdest viel für die Bunte arbeiten, der irre Wagner hätte nen Narren an dir gefressen und deine Texte seien regelmäßig im Heft. Das konnte ich gar nicht glauben, aber dann hab ich mal beim Zahnarzt was von dir gelesen, und mir fiel ein, dass du ja eine ganze Kinderschar bei einer erklecklichen Anzahl Frauen verteilt hast, und so was kostet natürlich. Hoffentlich hamse dich gut bezahlt, denn Leute, die ihr Herzblut geben beim Schreiben, sollten eigentlich die höchsten Honorare kriegen. Und dann hast du angefangen, über deine vielen Reisen Bücher zu schreiben, so in der Liga von Andreas Altmann, und eines hab ich sogar in die Finger bekommen, irgendwas über einen Palast und gläserne Schwäne, und wie alles von dir hab ich auch das sehr gern gelesen. Und vor mich hingekichert: Der Helge wird jetzt sone Art Bruce Chatwin für Arme. Weißt du, mir wurde klar, dass zu deiner seltenen Menschlichkeit auch noch Weisheit hinzugekommen ist bei deiner ständigen Reiserei. Tja, und jetzt kommt gerade ein neues Buch von dir heraus, "In 80 Tagen um die Welt", und darauf freu ich mich schon. Aber erst noch zu dem Interview in der taz: Ich hab ja für das (oder den) Blog hier ein paar Kategorien für die Bewertung der Artikel und Beiträge, und das Interview gehört zu tvF = taz vom Feinsten. Schön, dass die taz-Leser solche Sätze von dir zu lesen kriegen: "Denn auf einer so langen Reise ist deine Herausforderung das Alleinsein. Besonders in Ländern wie Marokko oder Indien, wo die Menschen eingebunden sind in ihre Großfamilien, komme ich mir oft vor wie der letzte Dreck. Aber in Japan dachte ich nach ein paar Tage: Hier kann ich alleine sein, hier ist jeder alleine, hier gehöre ich dazu." Das ist prima ausgedrückt. Wobei ich mich oft gefragt habe, weshalb du eigentlich dauernd unterwegs sein musstest - du hast immer Frauen gehabt, die deinen Charme und deine flinke Intelligenz und deine wunderbare Schreibe gemocht haben. Aber über dein ganz besonderes Alleinsein konnten sie dir anscheinend auch nicht hinweghelfen. Deshalb finde ich diese Beobachtung in Japan sehr schön und richtig, und das, was du über die Samurai in der Bar sagst, wo du trinkst und abdriftest, und "im Zentrum dieser Einsamkeit Zen-Dreiklänge" ausmachst: "Da dachte ich: Die sind alle unglücklich hier, aber schau dir an, wie die sitzen! Keiner jammert, die gucken dem Unglück gerade ins Auge - das sind die Samurai." Solche Samurai habe ich oft in den schummrigen "Liquor"-Bars im Süden der USA gesehen, wo im winzigen Fenster eine Neonreklame Werbung für Miller oder Budweiser Beer macht, und drinnen ist es so dunkel, dass man erst gar nichts sieht, wenn man aus dem gleißenden Sonnenlicht reinkommt. Schön, dass dich der Interviewer aus dem Gespräch heraus noch nach dem letzten Satz in deinem neuen Buch fragt, und du nachschaust und dann vorliest: "Wenn Gott einen Menschen bestrafen will, erhört er seine Gebete." Oh Mann, Helge, das ging mir vielleicht runter. Du weißt schon, dass du da ein Zitat der Heiligen Teresa von Avila abgewandelt hast: "Es werden mehr Tränen vergossen über erhörte Gebete als über nicht erhörte." Truman Capote hat das als Vorzitat in seinem letzten, nie vollendeten Buch stehen, das hieß "Erhörte Gebete". Der Interviewer fragt dich dann, wo die Strafe liegt, wenn die Gebete erhört werden, und du sagst es ihm: "In dem Moment, in dem du dir einen Traum erfüllst, hast du ihn verloren, weil er real geworden ist. Aber die Aufgabe eines Traumes ist eigentlich nicht, dass du ihn erfüllst, sondern dass er dir ständig Kraft gibt." Da bringst du jetzt zwar Träume und Gebete etwas durcheinander, aber das passiert ja im Leben eh dauernd. Deinen Traum von dem alten Haus mit dem Garten und den Apfelbäumen und den Hunden und den Hängematten, den träumst du doch schon seit ewigen Zeiten, und der hat dir ja auch viel Kraft gegeben. Deshalb glaub ich schon, dass du eine große Sehnsucht nach einem Platz zum endlich mal Dableiben hast, aber ich glaub dir nicht, wenn du dir einredest, das sei jetzt deine letzte Reise gewesen. Ich glaub eher, du wirst noch oft losziehen, um besser mit dem Alleinsein fertig zu werden. Und der Traum vom alten Bauernhof auf der Schweizer Seite vom Bodensee wird dir hoffentlich noch lange Kraft geben, bis du dann tatsächlich die letzte Reise antrittst. Bis dahin wünsch ich dir das Beste, Helge Timmerberg, und freu mich, dass es dich noch gibt. Happy Trails! Hans
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Helge Timmerberg hat seinen Traum vom Bodensee - dabei kennt er das Buch hier noch gar nicht. Sie bekommen es in jeder Buchhandlung, und es kann durchaus sein, dass Sie dann auch zu träumen beginnen.
Text: Hans Pfitzinger Fotos: Toni Schneiders Verlag Ellert & Richter 9,95 Euro
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Volksverdummung: Ein SPD-Papier
Wenn dem Staat Geld für dringend notwendige Maßnahmen fehlt, muss er Steuern erheben, um diese Maßnahmen durchführen zu können. Und wo holt er sich die Steuern? Dort, wo das Geld ist, wo denn sonst. Richtig? Falsch. Er holt es dort, wo der geringste Widerstand zu erwarten ist. Den Besitzenden Steuern aufzubürden, das wagt er nicht. Deshalb finanzieren die 27,23 Millionen Menschen, die sozialversicherungspflichtig sind, den Sozialstaat. Von ihnen und den Leuten, die eineinhalb Jahre keinen Job finden, oder schon längst aus dem Arbeitsleben ausgeschieden sind, holt sich der Staat die fehlenden Einnahmen für dringend notwendige Maßnahmen wie Kriegseinsätze ("humanitäre Interventionen", "friedensbildende Maßnahmen") und Unterstützung blutrünstiger Diktatoren. Ulrike Herrmann zerfetzt in ihrem Kommentar das 11-seitige Programmpapier der SPD "Aufstieg und Gerechtigkeit" und stellt fest: "Zukunft ist dort einfach die Verlängerung der Gegenwart. Bis 2011 bleibt alles wie gehabt. (...) Trotzdem ist das Papier instruktiv, wenn man verstehen will, warum die SPD in den neuesten Umfragen auf den historischen Tiefpunkt von 21 Prozent abgerutscht ist." Sie weist noch einmal darauf hin, dass die Zahl der Arbeitslosen für politische Zwecke kräftig manipuliert wird, und "dass offiziell 3,28 Millionen Menschen arbeitslos sind - und real etwa 5 Millionen eine Erwerbstätigkeit suchen." Herrmann spricht von "Volksverdummung" und kommt zu dem Fazit: "Das SPD-Papier ist seltsam. Wer nicht wüsste, dass es von den Sozialdemokraten stammt, könnte es für eine Parodie halten." Dann muss es tatsächlich von der SPD sein, denn die ist inzwischen selbst die Parodie einer Partei.
Nahost: USA draußen
Die gute Nachricht des Tages steht auf der "ausland"-Seite 11: taz-Korrespondent Karim El-Gawhari sieht mit großer Freude, wie sich im Nahen Osten die starren Fronten bewegt haben, und "dass die Politik Washingtons, die Hisbollah zu isolieren, genauso gescheitert ist, wie die Idee der US-Regierung, ohne die Hamas eine Lösung im Nahostkonflikt zu finden, oder die amerikanische Vorstellung, die Region ohne Mitwirkung von Iran und Syrien zu ordnen." Das Scheitern der US-Politik hat zweifellos seine guten Seiten, das unterstreicht der taz-Mann aus Kairo noch: "Wenn nur ein Teil dieser (jetzt in Gang gebrachten) Projekte erfolgreich abgeschlossen wird, würde erstmals die Dynamik der ständigen Eskalation gebrochen. Und nicht obwohl, sondern weil die in der Region vollkommen diskreditierte US-Regierung aus all dem ausgeschlossen ist." Ich sah dabei den Bush-Teufel und seine Gehilfin Condoleezza vor mir und musst an Goethes Mephisto denken, als er sich dem Dr. Faust vorstellt: "Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will, und doch das Gute schafft."
P-R-O-P-A-G-A-N-D-A
Eigentlich ist es müßig, noch einmal auf die Berichterstattung von Nicola Glass hinzuweisen, hab ich ja neulich schon getan. Sie sucht sich ihre Propaganda aus Gerüchten und nur selten objektiv benutzten Quellen zusammen. Jemand "habe glaubhafte Informationen erhalten", heißt es da, und es "verdichten sich Berichte über Zwangsräumungen von Flüchtlingslagern, Klöstern und Schulen." Sie schreibt, als wäre sie die Pressesprecherin des Pentagon und zitiert auch noch den US-Verteidigungsminister Robert Gates als Kronzeugen gegen die Regierung von Birma. Gates habe gesagt, die USA hätten "etliche Male versucht, die Militärs dazu zu bewegen, mehr Hilfe anzunehmen." Heh, was hat eigentlich das Pentagon damit zu tun? Jedenfalls kann ich gut verstehen, wenn sie in Birma amerikanische Frachtmaschinen landen lassen, verstehe aber nicht die Empörung von Nicola Glass: "Doch den Einsatz von US-Marineschiffen und US-Hubschraubern in dem am schwersten betroffenen Irrawaddy-Delta lehnen die Generäle weiter ab." Als nicht parteiischer Beobachter kann ich da nur sagen: Das würde ich als souveränes Land ebenfalls tun, und wenn sich der US-Verteidigungsminister einmischt und Kriegsschiffe schickt, wäre ich auch gaaanz vorsichtig.
Autolobby
EU-Kommissar Günter Verheugen benützt gern das Gehirnwäscheblatt auto, motor und sport, um die Interessen der Autoindustrie zu vertreten und das Volk darauf vorzubereiten, was die Machthaber von den Autokonzernen planen. Verbraucher müssten 2012 "im Schnitt 2.000 Euro mehr hinblättern" für ein neues Auto, weil "höhere Umwelt- und Sicherheitsstandards" eingebaut werden. Hinblättern? Verheugen sieht offenbar Autokäufer, die mit Geldkoffern ankommen und mit Schwarzgeldern ihre Dreckschleudern bezahlen.
Grüne Chefauslese
Ulrike Winkelmann hat zwar Ein- und Durchblick ins und im Parteientheater, aber der Bericht über die "Grüne Chefauslese" hat einen hohen ÜQ*. Die Zeit und Energie, die von der guten taz-Frau zum Schreiben dieses überflüssigen Stückchens aufgebracht wurde, hätte sie besser zum Lesen von Kaffeesatz oder Stillen Winkeln verwenden sollen. *Überflüssigkeitsquotient
Kuba
Die Berichterstattung in der taz über Kuba geht meist auf Nummer sicher, bloß nicht abweichen vom Hauptstrom. Wer etwas lesen will, was nicht ebenso gut in ARD. ZDF, FAZ oder SZ stehen könnte, wird hier nicht bedient. Man tut immer so, als würden die armen Kubaner furchtbar unter der Diktatur leiden, weil sie nicht an den Konsumorgien im westlichen Maßstab teilhaftig werden. Da werden von Knut Henkel mal wieder durchschnittliche Einkommen umgerechnet, obwohl man die überhaupt nicht vergleichen kann. Völlig unterschlagen werden die Dinge, die tatsächlich Lebensqualität bedeuten (das Gesundheitssystem zum Bespiel, und die fortschrittliche Medizintechnik, die ebenso wie Ärzte und Know-how exportiert werden). Und die Anschaffung von 8.000 (!) abgasarmen Gelenkbussen aus China wird vom taz-Mann eher zähneknirschend als Erfolg vermeldet. Zumindest gibt er zu, dass "eines der drängenden Probleme der kubanischen Bevölkerung gelöst wurde - der Nahverkehr innerhalb der Hauptstadt." Na bitte. Sachkundiger kommt der Artikel von Bert Hoffmann daher, aber auch er hat den Blick des überlegenen Westlers drauf, und seine Beurteilung von Raúl Castro wirkt eher überheblich als anerkennend, dabei hat der Mann seit Fidels Rücktritt schon Einiges an Reformen in Gang gesetzt. Was soll denn der Maßstab sein, nach dem man Kubas Regierung beurteilt? Wie weit sie das Land dem westlichen Wirtschaftsmodell anpasst? Gott bewahre! Fidel und Che wussten schon, was sie taten, als sie Batista stürzten und die Amis rauswarfen.
Ju-Lis, Jamaika und tazpresso
Die Jungen Liberalen haben keine Berührungsängste vor den Grünen, erfahre ich vom FDP-Parteitag in München. Eine "25-Jährige mit dem Nasenstecker", die vom taz-Reporter befragt wurde, erzählt zwar vom schlechten Image der Ju-Lis unter den Altersgenossen, aber sie hat den unwiderstehlichen Namen Mona Model, und Guido Westerwelle sollte sie sich unbedingt zum Vorbild nehmen. Rot-gelb-grün, das eine schöne Karibikinsel verbal in die Niederungen deutscher Parteipolitik herabzieht, ist ja sowieso der heiße Tipp. Wie Ulrike Winkelmann im Kommentar auf Seite 1 ausführt, sind sich die Parteien inzwischen so ähnlich, dass eh jeder mit jedem kann, und ich bin sicher, das bald auch tazpresso-Koalitionen ins Gespräch kommen: Schwarz-rot-grün. Hehehe.
Kommentar
4. Juni 2008
Ois Guate zum Geburtstag!
Heute hat Karl Valentin 126. Geburtstag, er lebe hoch, hoch, hoch!
Boykott. Leserstreik.
Dienstags wird die Wahrheit boykottiert, Leserstreik. Nur das Foto von Carla Bruni angucken, dann umblättern. Bloß nicht das blöde Tagebuch lesen. Nö. Ich streike.
Titeln ist ein Verb
Ja, titeln, Texte betiteln, sich Titelzeilen ausdenken. Da erfahre ich aus einem Untertitel auf "flimmern und rauschen" (für den Nicht-taz-Leser sei angemerkt, dass es hier um die Medienseite geht): "Jugendliche werden nicht unbedingt gewalttätig beim Egoshooten". Da hab ich gestern im Café Paradiso einfach nur einen Kreis gezogen mit dem Kugelschreiber und an den oberen Rand geschrieben: "Bäh!" Ich will Ihnen sagen, warum. Englische Überschriften sollte man vermeiden und nur dann spärlich einsetzen, wenn es einen guten Grund dafür gibt. Unerträglich sind englische Wörter in deutschen Texten, die dann auch noch vom Verb zum Hauptwort transportiert und groß geschrieben werden. Ganz und gar daneben läuft die Titelei aber in diesem Fall: Man darf nicht davon ausgehen, dass der Durchschnittsleser überhaupt etwas mit diesem Wort anfangen kann. Da war entweder der Autor oder der Redakteur betriebsblind.
Entdeckt
Da hat ein Autor einen Künstler entdeckt, von dem ich nie gehört habe, an dem ich auch nach der Lektüre des Beitrags auf den Kulturseiten nicht im Geringsten interessiert bin - und doch hab ich das gern gelesen. Da geh ich einfach mal davon aus, dass dieses Stückchen über Jacob Mishori gut geschrieben war, weshalb auch noch der Schreiber hier Erwähnung findet: Tal Sterngast.
Türkei: Leicht iss nix
Leicht iss nix, wenn es um die Türkei geht, aber man kann ja mal nach Istanbul fliegen und an einer Konferenz teilnehmen, und wenn das Goethe-Institut auch noch den Flieger bezahlt... Das hat sich wahrscheinlich Daniel Bax gedacht, und erzählt uns dann wenig Neues über "Menschenwürde und Grundrechte im liberalen Rechtsstaat". Titelzeile: "Eine Gesellschaft der Angst". Das bezieht sich, selbstverständlich, auf die türkische, und gesagt hat das ein Universitätsprofessor. Ob's stimmt, weiß ich nicht, aber der gute Mann begründet seine Einschätzung, laut Bax so: "Jede Gruppe habe nur ihre eigenen Interessen im Auge, und das gegenseitige Misstrauen sei zu stark, um zu einem Konsens zu gelangen." Leicht iss nix, wenn es um die Türkei geht. Ich zum Beispiel musste lange rätseln, was mir das Foto sagen sollte: Frauen mit und ohne Sonnenbrillen, alle in schwarzen Tschador-Gewändern mit Sonnenbrillen, die Köpfe mit Tüchern bedeckt. Sie recken Schilder in türkischer Sprache über ihre Köpfe und scheinen etwas zu rufen, eine Frau im Vordergrund macht eine weit ausholende Geste. Bildunterschrift: "Säkulare Türkinnen demonstrieren im Tschador gegen die Pläne der türkischen Regierung, das Kopftuchverbot aufzuheben." Hm. Nachdenk. Das sind also nicht-religiöse Türkinnen, die sich als religiöse Türkinnen verkleidet haben und in dieser Verkleidung dagegen protestieren, dass die islamisch eingestellte Regierung an den Universitäten die von Kemal Atatürk einstmals verbotenen Kopftücher wieder erlaubt. Puh! Leicht iss nix, wenn es um die Türkei geht.
Deutsche auch
Die Zwischen überschrift fiel mir ein, weil ich im Cafégarten saß, als ich den Titel in der taz gelesen habe: "Griechen sitzen gerne im Freien". Das steht über einem Interview mit einem griechischen Krimiautor, der Petros Markaris heißt, und zusammen mit Theo Angelopoulos das Drehbuch zu "Der Bienenzüchter" geschrieben hat. Sie wissen schon, mit Marcello Mastroiani. Nee? Unbedingt ausleihen. Dieses nette Interview, dass der taz-Kulturredakteur Andreas Fanizadeh geführt hat (beinahe hätte ich ihn wieder falsch geschrieben, verflixt!), führt zwei Menschen vor, die einfach ein schönes Gespräch geführt und sich bei der Arbeit offenbar gut verstanden haben. Deutsch kann er anscheinend auch, der Petros Markaris. Er sagt so Sachen wie: "Ich gehörte zu einer griechischen Familie armenischer Abstammung, und wir sprachen in der Türkei immer griechisch. ... Meine Heimat ist Istanbul." Fragt der taz-Mann: "Haben Sie nicht einmal gesagt, Deutsch sei Ihre sprachliche Heimat?" Markaris: "Nein, ich schreibe ja griechisch. Meine ersten Träume waren griechisch. Nur, wenn ich über meine kulturelle Heimat rede, dann ist das der deutschsprachige Raum. Mit Begriffen wie Vaterland kann ich nichts anfangen. ... Wenn ich mit Freunden spreche, sage ich oft: 'Ihr Griechen'. Ich bin ein griechischer Staatsbürger, ein griechischer Autor, aber ein Grieche von der Mentalität bin ich nicht." Na ja, leicht iss da auch nix.
"Dutschke"
Der Name steht in Anführungszeichen, weil das ein Filmtitel ist. Mareike Barmeyer war bei der Pressekonferenz und bei den Dreharbeiten, hat mit ein paar Statisten geredet, die als Demonstrantendarsteller verpflichtet wurden. Mittags gibt's Penne mit Tomatensoße für alle. Na ja, ne kleine Reportage halt. Ein Film entsteht also, dokumentarsich und mit Spielszenen, über Rudi Dutschke. Hat mich an das Gedicht von Jim Morrison erinnert:
Du hast deine Geburt gesehen, dein Leben und deinen Tod; vielleicht kannst du dich erinnern an den ganzen Rest - (hast du eine gute Welt gehabt, als du gestorben bist?) - hat es ausgereicht, um einen Film draus zu machen?
Die parlamentarische Farce
Höchst interessante Gedanken äußert Rudolf Walther in seinem Kommentar zur Volksabstimmung in der Schweiz. Eine unsägliche Verschärfung des Ausländerrechts wurde mit Mehrheit zurückgewiesen. Walther findet, das spricht für das Schweizer System: "Es wird in der Schweiz weniger, langsamer und vorsichtiger regiert, weil über allen Projekten das Damoklesschwert des Referendums oder einer Gesetzesinitiative des Volks hängt. Gesetzgeberische Fehlkonstruktionen und Schnellschüsse sind deshalb seltener als hier ('Gesundheitsreform', Diäten, Hartz IV)." Und den Leuten, die Angst haben vor Volksentscheiden und das parlamentarische System der Volksvertretung durch gewählte Abgeordnete so toll finden, hält Walther mit Recht entgegen: "Der faktische Fraktionszwang macht parlamentarische Entscheidungen zur Farce. Denn das verkrustete Parteienwesen hat die Korrekturkräfte des parlamentarischen Systems gelähmt und die Distanz zum Souverän vergrößert." Nun gibt es ja Leute, die als erstes Argument gegen mehr Bürgerbeteiligung immer die Todesstrafe anführen, die bei einer Volksabstimmung eingeführt würde. Dagegen kann man inzwischen gut mit einem Gegenbeispiel angehen: Hätte das Volk über den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan abgestimmt, wäre heute kein einziger Soldat am Hindukusch. Und das wäre für unsere viel beschworene Sicherheit bestimmt von Vorteil.
Leser
Alfred Mayer aus München erinnert daran, dass die SPD vor der letzten Bundestagswahl eine Erhöhung der Mehrwertsteuer strikt abgelehnt hat. Daran erinnere ich gern auch noch mal. Mayer: "Diesmal wird hoch und heilig jede Zusammenarbeit mit der Linken ausgeschlossen. Auch das könnte vergessen sein, wenn es um Posten und Pfründen oder vielleicht sogar mal um das soziale Gewissen geht."
Unterdrückte Nachrichten?
Verblüfft lese ich eine dpa-Meldung in der taz über die "Freiraum-Tage": 29 Umzugstransporter sind angezündet worden. Und ein Bekennerschreiben liegt auch vor, und die Begründung für die Brandstiftungen lautet, man habe den Unmut ausdrücken wollen, "über Räumungen und Zwangsumzüge als Teil der Verdrängung alternativer Lebensformen durch Stadtteilveredelung." Ganz abgesehen, dass ich den Begriff Stadtteilveredelung viel besser finde als die "Gentrification", die der/die hochgebildete taz-Redakteur/in und seine/ihre akademische/r Autor/in bevorzugen - wieso erfahre ich in der taz nicht, was da los war? Wer hat diese Freiraum-Tage veranstaltet? Mit welchem Ziel? Was sind das für Leute? Heh, fühlt sich die taz nicht veranlasst, wenigstens darüber zu berichten, wenn sie das nicht unterstützt? Und woher soll ich sonst was erfahren? Aus Spiegelzeitsüddeutscherfaz? Die werden höchstens mit Schaum vorm Mund darüber informieren. Dafür lese ich seit Tagen Hofberichterstattung über die ungelegten Eier in der Grünen-Chefetage, über irgendwelche Kandidaten die in ein paar Monaten für irgendeinen Posten kandidieren oder nicht, vom linken und vom Realoflügel. Das läuft bei mir langsam in der Abteilung "Fahrrad umgefallen in Obergiesing". Und sagt jetzt bloß nicht, das eine hätte mit dem anderen nichts zu tun: Es ist immer eine politische Entscheidung, ob man über die angepasste Ex-Opposition oder über den Widerstand außerhalb der offiziellen Politik berichtet.
Beruf: Schönheit
Wunderbar der Satz im Nachruf auf Yves Saint-Laurent von Dorothea Hahn: Er "kam 1936 in der algerischen Stadt Oran zur Welt. Als Sohn eines Kinobetreibers und einer Schönheit." Über so was kann ich mich wirklich amüsieren, hehehe. Und weil das meine Laune gehoben hat, sei hier noch ein Satz vom Couture-Meister selbst zitiert: "Das schönste Kleid für eine Frau sind die Arme des Mannes, der sie umarmt. Für jene, die diese Arme nicht haben, bin ich da." Das klingt im Französischen womöglich stilvoller und poetischer - Arme und umarmt ist ja eine etwas unglückliche Wiederholung. Und im zweiten Satz müsste es wohl "jene Frauen" heißen, den das kann sich ja nicht auf die Einzahl-Frau im ersten Satz beziehen. Aber inhaltlich ist das schön gemeint. Großartiges Foto von Saint-Laurent, ca. 1958!
Zweimal am Tag Maismehl: tvF!
Die Reportage aus Kenia über die Hintergründe der "Neuen Hungerkrise" (Seite 3) ist wirklich taz vom Feinsten - große Klasse. Marc Engelhardt stellt die Realität dar, jenseits der Worthülsen und Programme, die zum Thema ständig abgelassen werden. Das ist sorgfältig recherchiert, gut geschrieben, auf den Punkt gebracht, um den es geht: Engelhardt gibt den hungernden Menschen ein Gesicht und zeigt die Armut - und die Hoffnung, mit geringen Mitteln die Menschen wieder mit der eigenen Landwirtschaft zu ernähren. Dabei darf nicht übersehen werden, dass die Steuern in Europa und den USA von den Regierungen dazu verwendet werden, die Großbauern zu subventionieren, die den afrikanischen Bauern die Existenz unmöglich machen. Passend dazu auf Seite 2 der Bericht vom Welternährungsgipfel in Rom. Hier stehen auch die Informationen, die belegen, dass Angela Merkel keine Ahnung hat. Ihre dämliche Bemerkung vor ein paar Wochen, die Hungerkrise sei dadurch ausgelöst, dass die Inder jetzt zwei Mahlzeiten am Tag essen und diese Leute halt nicht wüssten, wie man die Landwirtschaft organisiert, war genau das: strunzdämlich. Die UN-Organsation für Ernährung und Landwirtschaft hat unter Berufung auf Studien der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds festgestellt, dass die Zunahme des Nahrungskonsums in asiatischen Ländern "nicht wirklich die Hauptursache des 2006 begonnenen plötzlichen Preisantriebs" sei. China und Indien führen im Gegenteil heute viel weniger Getreide ein als in den neunziger Jahren. Nicht einmal davon versteht sie was, die allseits beliebte Bundeskanzlerin.
Kommentar
5. Juni 2008
Witz komm raus
"Ai gatta mai, mai gatta ria." Sagt ein Inder zu einer Gruppe von Indern, und die fangen alle an zu lachen. Daraus entsteht eine Textauslegung, die zeigt, wie brillant die etwas andere Art von Satire auf der Wahrheitseite manchmal sein kann. Guter Tag für die Wahrheit, denn unten schreibt auch noch Dietrich zur Nedden, und der kann wirklich mit Sprache umgehen und seine Geschichten in die erlebte gesellschaftliche Gegenwart einbinden.
Alice immer Schwarzer
Neulich, Montag oder Dienstag, auf Seite eins in der "verboten"-Rubrik rechts unten, wurde Alice Schwarzer unsachlich und gar nicht im üblichen locker-flockigen Tonfall angegriffen: Sie sei so ziemlich alles, aber keine Journalistin. Nun kann man so Einiges an ihr kritisieren, aber ihr abzusprechen, dass sie Journalistin ist, grenzt an Rufmord. Später habe ich dann herausgefunden, was zu diesem Angriff geführt hat: Ein Artikel über Birma, den Schwarzer für die Frankfurter Allgemeine Zeitung geschrieben hat. Darin hat sie sehr differenziert und sachlich die öffentliche Gleichmeinung zum Thema Birma und seine gegenwärtige Regierung angegriffen. (Sie erinnern sich, dass mir das am Beispiel der taz-Korrespondentin Nicola Glass auch aufgefallen ist.) Schwarzers Artikel war gut geschrieben, recherchiert anhand eigener Erfahrung: Sie hat Birma mehrmals bereist. Sie erinnert auch daran, dass der Name in Myanmar geändert wurde, weil nicht nur Birmesen in dem Vielvölkerstaat leben. Auch auf das Buch "Tage in Burma" von George Orwell weist sie hin, der in den dreißiger Jahren äußerst kritisch über die Engländer als Kolonialherren in Birma geschrieben hat. Kostet 10,90 Euro im Buchhandel. Alice Schwarzer wurde für ihren FAZ-Artikel prompt von Spiegel und Süddeutscher wütend attackiert - wer nicht mit dem Hauptstrom schwimmt, wird gnadenlos angekläfft. Die taz versucht auf der Medienseite zumindest ihre eigenen vorschnellen Angriffe im Zusammenhang mit der Ablösung von Lisa Ortgies als Chefredakteurin der Zeitschrift Emma zurechtzurücken. Wie ich vermutet habe, ging es eben nicht so sehr um Alt- gegen Neufeminismus, sondern offenbar hauptsächlich darum, dass die Fernsehfrau Ortgies eben keine Erfahrung mit Zeitschriftenjournalismus hatte. Zumindest stellt es die Emma-Redaktion in einer Mitteilung an die taz so dar. Das versteckt man als kleine Meldung im Medienticker, während der voreingenommene Bericht von Heide Oestreich, die sich voll auf die Seite von Lisa Ortgies gestellt hatte, eine halbe Seite ausmachte. So geht Tageszeitungsjournalismus.
Kiss iss wieder da
Gestern hamse das erste Konzert in Hamburg gespielt: Die Monster von Kiss sind auf Tournee. Anlass, die Veteranen in der taz vorzustellen. Die Band gibt's jetzt seit 35 Jahren, und Didi Neidhart beschreibt sie kennntnisreich mit gutem Gespür dafür, wo sie im Popgeschehen einzuordnen sind. Was ich nicht mag: Wenn Musikjournalisten den Unsinn anderer Musikjournalisten zitieren. Auf Englisch, ohne zu übersetzen oder zumindest auf den Inhalt Bezug zu nehmen. Es stimmt nämlich nicht, dass alle Leser Englisch können, und erst recht nicht, dass man davon ausgehen kann, die meisten würden so was verstehen: "Pared-down urban-burlesque bootstrap electrocution for teenagers who wanna (mostly male), about teenagers who don't (mostly female)." Fängt schon an mit pared-down: beschnitten, eingeschränkt. Ach geh! Das ist doch blöde Schaumschlägerei, auf Englisch genauso wie auf Deutsch. Und wer mit seinem Spezialwissen so aufn Putz haut, überfordert dann auch noch Korrektor und Redakteur, die möglicherweise annehmen, der Autor wüsste so viel, da lässt man ihm dann auch durchgehen, dass es "Backmetal" gibt, wenn er offensichtlich Blackmetal meint: "Diverse Backmetalcombos glauben sogar, dass der Name Kiss 'Knights in Satans Service' bedeutet." Lustig. Bei dem Comic-Spektakel, dass die bemalten und kostümierten Kiss-Männer aufführen, vergisst man meist zu erwähnen, dass sie zu ihrer Zeit richtig gute Konzerte abzogen, mit recht einfacher, handwerklich gekonnter Rockmusik. Und ein paar richtig gute Songs haben sie auch geschrieben. Daneben steht ein Nachruf - Bo Diddley ist tot. Dass er eine "würfelförmige, aus dem Kunststoff Bakelit bestehende Gitarre" gespielt hat, glaub ich aber nicht. Das Material mag stimmen, aber sie war eher rechteckig und flach.
Spricht Gott arabisch?
Bahmad Nirumand berichtet über die Diskussion unter muslimischen Religions- und Rechtsgelehrten, die ein iranischer Philosoph ausgelöst hat: Abdolkarim Soroush ist der Ansicht, nicht Gott sei der Autor des Korans, sondern der Prophet Mohammed, ein Mensch mit Schwächen und zeitgebundener Sicht der Dinge. Das bringt Soroush in Gegensatz zu den Gelehrten, die den Koran für unfehlbar halten, weil er von Gott stammt, und deshalb kann man auch nicht anfangen, über den Inhalt zu diskutieren. Niroumand stellt die unterschiedlichen Positionen mit großem Sachverstand dar, und er macht deutlich, welche Auswirkungen sie auf das politische Geschehen in islamischen Ländern haben. Feiner Artikel, notwendige Aufklärung für interessierte Leser.
Immer gegen die eigene Regierung
Ein Kommentar zu den Pogromen in Südafrika, drei Spalten Kritik an einem Mann, dessen Vorname nicht ein Mal erwähnt wird. Vielleicht heißt er ja Präsident, der südafrikanische Politiker Mbeki. Der taz-Kommentator von Soest haut ihn jedenfalls gewaltig in die Pfanne, den Thabo Mbeki. Nun mag schon sein, dass der das Ausmaß des Hasses unterschätzt hat und die Truppen zum Schutz der Zuwanderer früher hätte einsetzen sollen angesichts der überforderten Polizeikräfte. Aber diese Art von belehrender Kritik hat auch etwas herablassendes. Ich weiß nicht, mir kommt es immer vor, als wüssten Leute wie von Soest (er heißt übrigens Christian mit Vornamen) bequem auf ihren reichlich dotierten Sesseln in europäischen Forschungsinstituten sitzen und von dort aus gut reden und schreiben haben. Dass "in den 14 Jahren demokratischer Regierungszeit ... Millionen Haushalte in den Townships an das Wasser- und Stromnetz angeschlossen" wurden und "die Gesundheitsversorgung verbessert" wurde, erwähnt er nur am Rande. (Wobei man nur vor Kurzschluss warnen kann, wenn Wasser- und Stromnetz tatsächlich eins sind.) Der Autor macht Mbeki verantwortlich für "die fortbestehende Armut und Ungleichheit. Bis heute ist Südafrika eine der ungleichsten Gesellschaften der Welt." Ob man "ungleich" steigern kann, sei dahingestellt, aber diese Aussage ist sinnfrei. Die "latente Fremdenfeindlichkeit" hätte Thabo Mbeki schon früher erkennen und deshalb die Pogrome verhindern können - so die These. Beleg: In einer Studie von 2006 waren "zwei Drittel der Befragten der Meinung, dass Ausländer staatliche Leistungen in Anspruch nähmen, die eigentlich den Südafrikanern zuständen." Eine solche Studie würde in Deutschland zu ähnlichen Ergebnissen kommen. Und mit dem Satz, dass "das beachtliche Wirtschaftswachstum in den vergangenen Jahren lediglich einer kleinen Schicht zugute" kommt, sollte man als Deutscher bei der Kritik einer anderen Regierung sehr vorsichtig sein. Ersetzen Sie doch einfach "das beachtliche Wirtschaftswachstum" mit "die Rekordprofite der großen Konzerne", schon reden wir über Schrödermerkeldeutschland. Abbie Hoffman, 1968 Gründer der Yippies, der Youth International Party, sagte einmal sehr richtig: "Grundsätzlich sollte man immer am Sturz seiner eigenen Regierung arbeiten."
Regierung belügt Parlament
Die Bundesmarine verstößt ständig gegen das Mandat des Bundestags und gegen das Völkerrecht, und das Verteidigungsministerium verschweigt die Verstöße vor dem Parlament. Lügen durch verschweigen. Andreas Zumach versucht Licht in die Grauzone des Marineeinsatzes vor Somalia zu bringen und erinnert an die "heiße Kriegsphase vom 20. März bis zum 1. Mai 2003". In "26 erwiesenen Fällen gab die Bundesmarine Kriegsschiffen der Vereinigten Staaten und Großbritanniens, die Soldaten für den völkerrechtswidrigen Krieg gegen Irak und die anhaltende Besetzung des Landes transportierten, aktiven Geleitschutz." Dieser Geleitschutz verstieß nicht nur gegen das Bundestagsmandat sondern auch gegen das Völkerrecht. Mit letzterem nimmt man es in Berlin eh nicht so genau. Die vorschnellen Anerkennung des Kosovo hat auch die rechtliche Situation der Bundeswehrsoldaten dort geändert. Und trotzdem wird das Mandat verlängert. Gute Nachricht: Australiens Labour-Regierung beginnt mit dem Truppenabzug im Irak. Na bitte - geht doch. Wir sollten uns eben auch eine Regierung wählen, die Auslandseinsätze beendet. Okay, Landsleute?
Grün und schwarz
Zur seitenweisen und tagelangen Hofberichterstattung über grüne Karrieristen, die auf gut bezahlte Spitzenjobs ihrer Partei scharf sind, mag ich kein Wort mehr verlieren. Und über Roland Koch, den geschäftsführenden Ministerpräsidenten von Hessen mag ich eigentlich auch keine ganze Seite lesen und gucken (was für ein sympathisches Foto von dem Ekel!). Aber dann lese ich das Koch-Porträt trotzdem, weil es von Georg Löwisch geschrieben wurde, und der gehört zu den besten taz-Schreibern. Probe gefällig? "Koch verletzt Grenzen, aber bedacht, er gerät nie in Raserei. Seine Kampagnen erzeugen Gefühle. Doch er löst sie nicht impulsiv aus, sondern berechnend. Wird er attackiert, gibt er nur aggressiv zurück, wenn das nicht schadet." "Edelfeder" nannte man das früher mal. Zeitgemäß könnte man vielleicht von Edellaptop sprechen.
Love & peace
In fünf Jahren sind weltweit die Militärausgaben um 30 Prozent auf 1,2 Billionen Dollar gestiegen. Ulrike Winkelmann berichtet über eine Pressekonferenz, bei der die fünf größten Friedensforschungsinstitute ihre neuen Zahlen vorstellten. Das halte ich für wesentlich wichtiger, als sich mit austauschbaren und gesichtslosen Anpassern von der Grünpartei zu beschäftigen. Aber trotzdem: Das bleiben abstrakte Zahlen, und nach dem oben angeführten Grundsatz von Abbie Hoffman sollte man sich auch bei diesem Thema lieber die eigene Regierung vornehmen. Vielleicht geht die gute Frau Winkelmann ja mal einen Schritt weiter und befasst sich mit den Lobbyisten, die hierzulande die Produktion von und die Geschäfte mit Kriegswaffen antreiben. Über Margarita Mathiopoulos, Exgünstling von Willy Brandt, Exgattin von Friedbert Pflüger, leider keine Exlobbyistin für Rüstung weltweit, würde ich gern mal wieder was lesen. Die wohnt gar nicht weit von der taz entfernt. Vielleicht hab ich ja einen Wunsch frei bei der taz. Iss n Haufen Arbeit, son Blog.
6. Juni 2008
Onkel Baracks Hütte
Weil die Schlagzeile auf Seite 1 so schön war, geht's heute mit dieser los. Da nimmt ein Farbfoto vom Weißen Haus in Washington die Hälfte der Titelseite ein, und "Onkel Baracks Hütte" steht oben drüber im blauen Himmel. Tja, da kommen jetzt bestimmt wieder politisch korrekte Leser an und beklagen sich - Obama wäre bestimmt kein Onkel Tom in der US-Gesellschaft, und überhaupt ... Rassismus etc. Ich kann mir nicht helfen: Das ist eine geniale Titelseite. Wenn einem so was einfällt, muss man's auch bringen, da geht kein journalistischer Weg dran vorbei. Unten steht der übliche Seite 1-Kommentar, diesmal von Bernd Pickert, und der kommt ins Schleudern, wenn er über Hillary Clinton schreibt, "jene Frau, die so hart dafür gearbeitet hat, die erste weibliche Präsidentin der Vereinigten Staaten zu werden." Hm. Wollte sie nicht der erste weibliche Präsident werden? Oder die erste Präsidentin? Oder die erste Frau im Präsidentenamt? Ach, es ist ein Kreuz mit dem Deutschen und seinen weiblichen Endungen. Hätte ein Binnen-I geholfen? Die erste PräsidentIn. Der erste PräsidentIn? Die Amis habens da gewiss leichter: president ist wie so Vieles geschlechtsneutral. Im Englischen braucht's keine presidentess.
Die Schweiz: Heim ins Reich
Auf der Wahrheit fordert Thomas C. Breuer die Schweizer auf, sich endlich zu ergeben und dem Großkanton Deutschland beizutreten. Eine Forderung, die hier auf "Achtung: tazblog!" uneingeschränkte Zustimmmung findet. Jawoll, auch wenn manche Schweizer gute Gründe dagegen anführen: "Das kann man schon verstehen, dass euch die Deutschen auf die Nerven gehen. Uns geht es ja selbst so, und wir wohnen in Deutschland. Die Probleme sind allgegenwärtig: Fluglärm, AKWs, Schweiz- ... - Pardon: Schwarzgeld und vor allem die Invasion der Gastarbeiter: Im Kanton Zürich ist schon jeder vierte Deutsche ein Mensch." Aber der Wahrheitschreiber Breuer hat einen Vorschlag zur Güte: "He, Schweizer, wir verschwinden gern wieder, wenn ihr dafür den Ackermann von der Deutschen Bank zurücknehmt. Dann sparen wir immerhin 14 Millionen Euro im Jahr."
Fährnseh
Nun mal ganz abgesehen davon, dass ich kein Fährnseh mehr hab, und das seit, was weiß ich, 15 oder 20 Jahren - interessiert es wirklich jemanden, ob Markus Lanz der bessere Kerner ist, wenn er Verena Poth interviewt? Wie bitte? Hieß die nicht mal Feldbusch und kommt seit 15 oder 20 Jahren im Fährnseh? Die hab ja sogar ich schon gesehen. David Denk hat genau hingeschaut: "Sie trug ein ziemlich enges knallrotes Kleid - eine eigene Kreation?" Das sind so die Fragen, die "flimmern und rauschen" bewegen. Zur Abschreckung informiert mich Denk noch wie's weitergeht: "Am Freitag übernimmt er auch Kerners freitägliche Kochsendung - die sogar dauerhaft." Nachdem ich das erfahren habe, muss ich mir wirklich kein neuen Fährnseh anschaffen - sogar dauerhaft.
Ehre der Ritter
Es gibt einen spanischen Film, "Honor de Cavalleria", von Albert Serra. Man kann ihn in einer englischen Version beim Versand erwerben, da heißt er dann "Honor of Knights" und kostet 30 Euro und n paar zerquetschte. Das iss ganz schön teuer für DVD, aber vielleicht doch nicht. Es geht um eine stark reduzierte Version des "Don Quijote". Den Schluss beschreibt Ekkehard Knörer in seiner Kolumne "dvdesk" so: "... als wären Don Quijote und Sancho Pansa in einem Stück von Beckett gelandet und stünden nun, etwas ratlos, darin herum. Gehen erst mal schwimmen. Albert Serra fängt das mit der Geduld und der Liebe eines Vogelbeobachters zu seinem Gegenstand ein. Am Ende gibt es aus heiterem Himmel Musik. Don Quijote spricht vom Tod und wird sterben. Das ist, ich weiß nicht warum, herzzerreißend."
Berichtigung
Da steht: "Richtig hätte es in Didi Neidharts prima Artikel über Kiss, die Mutter aller Schminkebands, gestern heißen müssen, Paul Stanley spielt die Gitarre. Nicht Bass! ... Den Bass spielt der Kiss-Sänger Gene Simmons höchstpersönlich."
Berichtigung der Berichtigung
Richtig hätte es in der Berichtigung gestern heißen müssen, dass der Artikel wirklich nicht so prima war.
Unser jährlich Allen
Ob ich den Artikel über den jährlichen Woody-Allen-Film lesen soll/will? Ach nee, muss nicht sein. Ob ich ihn anschauen soll, ohne Scarlett Johansson? Nee, muss auch nicht sein.
Milch verschüttet
Man kann ja nicht oft genug daran erinnern, deshalb tut es Hanna Gersmann mal wieder, unter dem schönen Titel "Milch für die Welt": "Der europäische Steuerzahler hat das weltweite Bauernsterben lange Zeit massiv unterstützt: Jede Firma aus Europa konnte ihre Lebensmittel der Welt billig anbieten, weil sie aus dem EU-Agrartopf Geld bekam. Diese Subventionen sollen auf Drängen der Welthandelsorganisation zwar aufgehoben werden. Die hiesige Molkereiindustrie beeindruckt das aber nicht: Sie zahlt den Bauern weniger für die Milch und sahnt die Gewinne ab." Also war das mit dem Verschütten der Milch schon richtig? Im Ansatz ja, aber ich finde, man hätte sie auch verschenken oder zu Milchpulver verarbeiten oder sonst irgendwie subversiv am Handel vorbei unter die Leute bringen können. Es bleibt ein unbehagliches Gefühl zurück, auch wenn die Aktionen offenbar zum Ziel geführt haben.
DKP - nee
Klaus-Peter Klingelschmidt schreibt in seiner Kolumne über "Väterchen Franz", Franz Josef Degenhardt, dessen Verirrung zur DKP im Jahr 1968 sehr viele Leute mächtig verwundert hat. Der Mann hatte schließlich "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern" geschrieben, und plötzlich sang er dann "Zwischentöne sind nur Krampf im Klassenkampf". Das kam mehr als Kalauer denn als ernstzunehmende Aussage rüber. DKP - das ging nicht, mit diesen bürgerlichen Kommunisten wollte ich nichts zu tun haben, auch nicht als der andere rebellische Franz beitrat, der Xaver Kroetz. Vielleicht hat die Partei in jenen Jahren Menschen mit doppelten Vornamen verstärkt angezogen? Dagegen spricht Klingelschmidts Einstellung, der damals auch entsetzt war, und eine DKP-Versammlung im Jahr 2008 als "offene Psychiatrie" bezeichnet. Zu Degenhardts Ehre sei gesagt, dass er nicht lange für die DKP geklampft hat, und danach sang er wieder viele feine, neue Lieder, und das tut er jetzt, mit 77 Jahren auch noch. Weiß ich von Klingelschmidt: "Heute zieht er mit seinem Sohn durch die Konzertsäle. Und er hat seinen Spaß dabei." Ich nehm mal an, dass es sich um eher kleine Konzertsäle handelt. Aber das kann ja erst recht Spaß machen.
Israel: Alte Politik, neue Waffen
Ehud Olmert, dem wegen Korruptionsvorwürfen das Wasser bis zum Hals steht, rasselt weiter mit dem Säbel: "Die iranische Bedrohung muss mit allen Mitteln gestoppt werden." Er meint aber nicht diplomatische Mittel, sondern neue Waffensystem. Nichts Neues also vom israelischen Ministerpräsidenten, immer noch die alte Politik: Atombomben bauen und aufrüsten. Deshalb fliegt er noch schnell zu George Bush nach Washington, man weiß ja nie, wer nachkommt. Könnte durchaus sein, dass Barack Obama ihm keine brandneuen F22 Kampfflieger rausrückt, das neue Killerflugzeug, das die USA bisher noch an kein Land geliefert haben. Weil es weiter und höher fliegt, käme es genau recht, um iranische Anlagen für Atomforschung zu pulverisieren, als friedenstiftende Maßnahme. Und ein Raketenschutzsystem soll auch noch rausspringen bei dem Besuch.
Türkei: Alte Probleme, neue Politik
Die Türkei hat es doch tatsächlich geschafft, Verhandlungen zwischen Syrien und Israel in Gang zu bringen. Jürgen Gottschlich, guter Mann in Istanbul, weiß auch, wer hinter der neuen offensiven Außenpolitik steckt: Professor Ahmet Davutoglu, wichtiger Berater und Beauftragter von Ministerpräsident Tayyip Ertogan. Davutoglus Konzept: "Die Türkei als sowohl europäisches wie asiatisches Land kann sich nicht mit der passiven Rolle einer Brücke zwischen Ost und West begnügen, sondern muss selbst seine Interessen aktiv vertreten." Jürgen Gottschlich weiter: "Dazu gehöre an erster Stelle ein gutes Verhältnis zu allen Nachbarstaaten, weshalb die Türkei die Konfrontationspolitik gegen Syrien und den Iran nicht mitmachen dürfe." Davutoglu hat kürzlich auch den Premier der autonomen Kurdenregion im Nordirak zu Gesprächen getroffen, berichtet Gottschlich. Und zur neuen türkischen Außenpolitik gehört auch die baldige Öffnung der Grenze zu Armenien. Na so was. Den Namen des Professors Ahmet Davutoglu sollte man sich merken. So einen Berater kann man der israelischen Regierung nur wünschen Neues vom Topf
Sie wissen ja: Ich will Sie immer wieder mal darauf hinweisen, wie gut in der taz oft die Bildauswahl gelingt. Die "brennpunkt"-Seite, auf der immer ausschließlich ein Thema vorkommt, oft in mehreren Beiträgen, schmückt ein großes Foto vom Besuch des neuen Russen-Präse Dimitri Medwedjew (drei Mal vertippt beim ersten Schreiben!). Der Russe sitzt rechts in einem Stuhl mit Armlehnen (sehr edel antiquarisch wie neu aussehend) und hält sich an den Beschlägen am Ende derselben fest. Er trägt einen dunklen Anzug (der Russe, nicht der Stuhl!), dazu einen großen Seidenschlips mit dickem Knoten. Die Jacke ist mit einem Knopf geschlossen, das Schlipsende quillt unten merkwürdig erigiert heraus. Medwedjew (jetzt schon ohne Fehler getippt) schaut zu Angela Merkel, die symmetrisch zu ihm (dem Russen, nicht dem Fehler) links in einem gleichen Stuhl sitzt (sie und der Stuhl sehr edel antiquarisch wie neu aussehend), in einer ihrer immer gleichen Jacken mit den immer gleichen tellergroßen Knöpfen und den Flatterhosen. Sie hat die Ellbogen aufgestützt und die Hände vor sich auf dem einen Knie, das sie übers andere geschlagen hat. Zwischen ihnen steht ein schwerer Couchtisch mit Schublade vorn und dicken, glänzend gedrechselten Beinen. Edel, ach was sage ich, sehr edel antiquarisch wie neu aussehend. Merkel schaut ihren Gast nicht an, sondern feinsinnig und amüsiert lächelnd knapp an ihm vorbei, wahrscheinlich flirtet sie mit einem Objektiv aus der Fotografenmeute, die da vor den beiden knipsen dürfen. Hinter demTisch gähnt ein großer, offener Kamin, mit penibel aufeinander geschichteten Holzscheiten, die aber nicht brennen, sondern lediglich zur Dekoration in einem Metallgestell liegen. Alles ist penibelst sauber, sogar die Backsteine des Kamins sind rußfrei. Klaus-Helge Donath, taz-Mann in Moskau, schreibt, dass es inzwischen 4.600 deutsche Firmenniederlassungen in Moskau gibt, davon 300 von Großunternehmen wie Siemens. Wen wundert's, wenn Donath noch anfügt: "In dem System aus Bestechung und Korruption scheinen sich besonders deutsche Unternehmen hervorzutun. Britische oder amerikanische Firmen lassen sich dagegen kaum auf illegale Nebenpfade ein." Donath zitiert aber vorsichtshalber noch Dietrich Möller, den Chef von Siemens Russia, der glaubt, "dass man in Russland ein sauberes Geschäft machen kann." So sauber wie der Kamin auf dem Foto. Siemens. Sauberes Geschäft. Ich zum Beispiel glaube an den Weihnachtsmann, den Osterhasen und die freie Marktwirtschaft.
Kommentar
7. Juni 2008
Fische fangen
Afrikaner in Europa. Im Unterschied zu Asylbewerbern nennt man sie "Wirtschaftsflüchtlinge", weil sie dem Elend in ihren Heimatländern entgehen wollen. Dort finden sie keine Existenzmöglichkeit mehr, und sie vertrauen sich Schleppern an zu Lande und zu Wasser, um in Europa nach einem neuen (Über-)Leben zu suchen. Oft sind es Menschen von der Küste Westafrikas, die ihren Lebensunterhalt seit Generationen mit Fischfang bestritten. Das geht jetzt nicht mehr, weil europäische Fangflotten das Meer leergefischt haben. Neulich wurde ein spanisches Fischereiboot vor der Küste Somalias von Piraten gekapert. Ein spanisches Boot? Richtig, die Westküste bringt nichts mehr, Europäer müssen bis zur Ostküste, um Fische zu finden. Die EU subventioniert den Fischfang mit Ihren Steuergeldern. Die verwendet sie auch, um "die Außengrenzen" zu schützen. Und seit sich die Innenminister der europäischen Länder geeinigt haben, werden Steuergelder auch dafür ausgegeben, um die Menschen, denen die Flucht aus dem von Europa geschaffenen Elend gelang, so schnell wie möglich wieder abzuschieben. Dazu schreibt Dominic Johnson auf der ersten taz-Seite einen treffenden Kommentar unter der Schlagzeile "Europameisterschaft im Abschieben": "Die gerne von den Lobsängern europäischer Kultur vertretene universelle Gültigkeit der Menschenrechte hat Europa selbst aufgehoben." Das hat Tradition, denn unter der Tünche der Aufklärung wurden schon im 19. Jahrhundert in Afrika, Amerika und Asien die grauenvollsten Massenmorde verübt - Belgiens Leopold II. im Kongo, Englands allseits beliebte Königin Victoria in Indien, die Abgesandten spanischer Könige in Südamerika, Frankreich in der Karibik, Deutschland in Südwestafrika. Wer sich die Mühe macht, findet unzählige Beispiele barbarischer Gewalttaten, die Europäer in den Kolonien begangen haben, während sich Adel und Bildungsbürger wie die Krone der Humanität vorkamen und sich ob ihrer Aufgeklärtheit und Kultiviertheit gegenseitig auf die Schultern klopften. Ich hör lieber auf.
Hüpfburg
Wunderbar, der mit Kohlestift gezeichnete Cartoon auf der Wahrheitseite: Ein Frosch mit hängenden Beinen schwebt frei in der Luft, neben ihm ein Mann mit breitem Lächeln, Hände lässig hinter dem Rücken, Beine locker nach hinten angezogen. Bildtitel: "Begegnung auf der Hüpfburg". Der Text daneben, "Sportliche Altherrensensation", über den "49-jährigen Wonzbacher Bernd Würges" der "Weltfußballer des Jahres 2008" wird, ist ein echter Schmarren. Unten beschreibt Michael Ringel, wie er vor zwei Jahren zur Weltmeisterschaft versucht hat, ein Panini-Sammelalbum mit Fußballbildchen komplett vollzukriegen. Das liest sich spannend, und am Ende versteht man auch die Überschrift: "Sex ist besser als Panini".
Sozialismus macht schlank!
Ob das schon das richtige Schlagwort ist, diese Zwischenüberschrift, um das massenhafte Interesse am Aufbau einer menschlicheren Gesellschaft neu zu wecken, jetzt, wo so viele den Klassenkampf von oben zu spüren bekommen? Oder doch lieber "Sozialismus hilft beim Abnehmen"? Wäre auch nicht schlecht. Vielleicht "Sozialismus ist sexy"? Hm, "sexy" wird eh zu oft verwendet. Oder wie wär's mit "Wir sind Sozialismus"? Nö, es ist ja noch nicht so weit. Nur im Buchhandel: Dietmar Dath hat im Suhrkamp Verlag eine "Streitschrift" verlegt bekommen, mit dem Titel "Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus." Der Titel bringt's garantiert nicht, das massenhafte Interessse. Mathias Bröckers schreibt darüber im "kultur"-Teil und zitiert den Ex-Spex- und Ex-FAZ-Redakteur Dath: Der Sozialismus "liefert einen soliden Begriffsrahmen, der durch die Geschichte der Sowjetunion und ihr unschönes Ende so wenig außer Kraft gesetzt ist wie die Aeronautik durch die Abstürze der ersten Flugmaschinen. Es gibt zehntausend Jahre Menschheitsgeschichte; erst seit hundertfünfzig Jahren wird versucht, sie bewusst zu steuern. Dass da einiges schief geht, ist unvermeidlich." So kann man das schon sehen, und in Südamerika versucht man ja gerade wieder, bewusst am Steuerrad zu drehen. In den 90er Jahren kam ein Buch von Jean Ziegler heraus (der sich jetzt für die UNO um den Hunger in der Welt kümmert), ein Buch mit dem Titel "Marx, wir brauchen dich". Da hat Giovanni di Lorenzo nur müde gelächelt, als ich ihm, der zwei Tische weiter im "Zest" in der Adalbertstraße saß, die Anzeige für das Buch in der Süddeutschen zeigte. Er winkte ab, Sozialismus interessierte ihn nicht, er war viel zu sehr mit Karriere beschäftigt, die er dann ja gemacht hat. Und ich hielt ihn, bei unserer ersten Begegnung ein paar Jahre zuvor, für einen hoffnungsvollen Nachwuchsjournalisten, mutig, links, aufrecht, eitel, aber engagiert für die Unterdrückten dieser Erde. Er schlug ein Interview mit Toni Negri im Pariser Exil vor. Yesss, das klang subversiv, konspirativ, links, aufrecht, engagiert und gar nicht eitel. Als di Lorenzo dann zurückkam aus Paris, brachte er ein Klasseinterview mit, ewig lang, aber so gut, dass wir es nicht kürzen wollten und über zwei Ausgaben von TransAtlantik verteilt haben. Von dem Typen werden wir noch viel hören, dachte ich damals. Vermutlich aber nichts, was auf dem Weg zum Sozialismus nützlich wäre, denke ich heute. Mathias Bröckers setzt seine Hoffnung eher aufs Internet, "Lenin 2.0 gewissermaßen. Web2.0 macht jetzt endlich eine echte Planwirtschaft möglich, Genosse Stalin war seinerzeit einfach noch überfordert!" Das Buch von Dietmar Dath kostet 10 Euro.
Wasser und Assbring
Ob das Zufall sein kann, dass da eine Doppelkritik zu zwei neuen CDs steht, und die Frauen haben beide etwas ungewöhnliche Nachnamen? Nun, Joan Wasser nennt sich als Popstar Joan As Police Woman, und Sarah Assbring veröffentlicht unter El Perro del Mar. taz-Autor Ulrich Rüdenauer hat sie mir beide näher gebracht, und in den Herkunftsländern der beiden Sängerinnen sind die Namen wohl gar nichts Besonderes: Wasser kommt aus USA, und die Schwedin Assbring würde wohl auch nur in englischsprachigen Ländern ein Glucksen auslösen. Besonders Joan Wasser hat mein Interesse geweckt. Die kennt vielleicht Leute! Mit Jeff Buckley war sie liiert und hat in seiner Band gespielt, für Lou Reed und Nick Cave hat sie ebenso den Geigenbogen geschwungen wie für Anthony and the Johnsons, und dann ging sie zuletzt auch noch mit Rufus Wainwrigt auf Tour. Ob ich mir mal wieder eine CD zulege? "To Survie" heißt die neue, und vielleicht ist es mal wieder Zeit, der notleidenden Musikindustrie unter die Arme zu greifen. Ich glaube, die letzte CD, für die ich Geld ausgegeben habe, war ein Dreifachalbum von Chet Baker bei 2001. War ein echtes Schnäppchen.
Solidarisch!
Sie bringen schon auch mal was Nötiges, Braves, Relevantes, Solidarisches auf "flimmern und rauschen", so isses ja nicht. Der ausführliche Bericht über den Journalisten Detlef Kolze, der von einer Bremerhavener Verlegerin wegen kritischer Berichte gefeuert wurde, gehört dazu. Gut geschrieben, gründlich recherchiert von Jan-Philip Hein, ein Lehrstück über Pressefreiheit in der Provinz, wenn einer sich mit den Honoratioren vor Ort anlegt. Den Namen der Verlegerin lass ich aus Bosheit weg, die kommt mir nicht ins Blog hier. Hattse jetzt davon.
Pausenzeichen
Okay, ich mach mir jetzt was zu Mittag. Heute gibt's die berühmten Linsen, die in der Novelle "Delfina Paradise" so granatenmäßig danebengegangen sind. Was, die Novelle kennen Sie nicht? Da wird's aber Zeit für eine Werbeunterbrechung. Ach nee, lassen wir's. Gehen Sie einfach weiter runter, ich hab ja erst gestern dafür geworben.
Myafkabob - Myanmar, formerly known as Birma or Burma
Birma. Generäle. Junta. Diktatur. Elend. Taifun. Immer mehr Tote. Internationale Hilfsorganisationen. Generäle. Frankreich: Kriegsschiff. USA: Kriegsschiffe. Kampfhubschrauber. UNO: Generalsekretär. Und die taz schlägt vor, auf Seite eins, am Ende eines Kommentars von Nicola Glass: Wenn die Regierung von Birma keine (wohlgemerkt: westliche) Hilfsorganisationen ins Land ließe, dann müsse man eben eine "humanitäre Intervention" starten. Diese Neusprechvokabel heißt ja nichts anderes als "friedensstiftende Maßnahme": Krieg. Ohne mehr über Myanmar zu wissen als der durchschnittliche Zeitungsleser, kam mir etwas seltsam vor an der Art und Weise, wie Nicola Glass die ganze Zeit über "Birma" berichtet, das seit vielen Jahren Myanmar heißt. Und mir viel auf, dass sich offenbar alle Medien darauf geeinigt hatten, es jetzt wieder beim alten Kolonialnamen Birma zu nennen. Und noch was viel mir auf: Plötzlich waren die Generäle, die in Myanmar regieren, auf ähnliche Weise das Feindbild der deutschen und westlichen Medien, wie vor sechs Jahren Saddam Hussein. Erst später habe ich erfahren, dass es den USA darum ging, ihre Kampfhubschrauber im Katastrophengebiet einzusetzen, dass die Nahrungsmittel auf Kriegsschiffen der US-Marine transportiert wurden, die zur Entladung in den Häfen von Myanmar einlaufen sollten. Und dass es gar nicht stimmte, dass die Junta keine ausländischen Helfer ins Land lassen wollte: Die südostasiatische Staatengemeinschaft war schon heftig am helfen. Dann erfuhr ich, dass die Fäden der "Hilfsaktion" direkt im Pentagon zusammenliefen, und der amerikanische Verteidigungsminister Robert Gates sie in der Hand hielt. Und immer noch berichtete Nicola Glass aus Bangkok in der taz dasselbe, was das bundesdeutsche Meinungskartell auch absonderte. Alle waren sich einig. Alle? Nein. Ausgerechnet Alice Schwarzer, die das Land Myanmar von mehreren Reisen kennt, stemmte sich - ausgerechnet in der FAZ, gegen die Einheitsmeinung und wagte, ihre eigene dagegenzusetzen. Und wie sie aufschrieen, Spiegel, Süddeutsche, taz! Weshalb ich das jetzt noch mal aufs Tapet bringe? Weil in der taz von gestern, 6. Juni, Andreas Zumach, der Korrespondent bei der UNO in Genf, in einem besonnenen, souveränen Kommentar mit klaren Worten die Invasionsforderung der Nicola Glass (ohne ihren Namen zu nennen) als groben Unfug bezeichnet, der die dümmste Politik beim Umgang mit der Militärjunta gewesen wäre, gegen das Völkerrecht verstoßen und lediglich den westlichen Interessen genutzt und nicht der Hilfe für die Bevölkerung gedient hätte. Was ich sagen will: Seien Sie immer dann vorsichtig und misstrauisch, wenn sich alle - vom Außenministerium bis zur taz-Korrespondentin - einig sind. Das Pentagon hat eine hervorragende Propagandaabteilung, und der CIA hat seine Leute auch an den Stellen sitzen, wo entschieden wird, was als Meldung mit welcher Stoßrichtung verbreitet wird. Wenn ein paar Wochen alle dasselbe berichten, glauben selbst Medienprofis, das sei die objektive Wahrheit. Oder, um es noch einfacher auszudrücken: Glauben Sie erst mal nichts, was in der Zeitung steht.
Die überhörte Stimme
Ein Leserbrief von Tobias-Jan Hagenbäumer aus Gerlingen gehört mit Sicherheit nicht zum Hauptstrom der veröffentlichten Meinung und hat bestimmt keine Aussicht, jemals eine Mehrheit zu finden. Schon deshalb sei er hier zitiert, weil es ja für die Wahrheit egal ist, ob sie von den meisten geteilt wird. Zum Artikel "Bei Aldi geht die Milch aus" schreibt Hagenbäumer: "Leider wird zurzeit in Bezug auf den Milchbauernstreik nur die Frage gestellt: 'Wie teuer muss Milch werden, damit die Milchbauern besser leben können?' Dabei finde ich die Frage: 'Kann Milch so teuer werden, damit Kühe besser leben können?' viel entscheidender." Und wissen Sie was? Wenn der Streik diesen Aspekt einbezogen hätte, würde es auch den Bauern besser gehen.
Pamela Anderson und die EM
Hehehe, das beste Foto, das ich jemals von Pamela Anderson gesehen habe, ziert die Sonderbeilage zur Fußball-Euro, und dabei wird auch noch versucht, eine Verbindung zwischen den beiden Ereignissen herzustellen. Na ja, mühsam, schon klar, und nur weil Tom Kummer in seinem Beitrag über Pool-Jouranlismus ein paar Zeilen über Pamela Anderson verliert, wirkt der Zusammenhang nicht weniger gequält. Aber wenn ich abwäge, ob man deshalb auf das Foto lieber verzichtet hätte, schlage ich mich auf die Seite der taz-Redakteure: Unbedingt drucken. Die Seite würde ich für einen Layout-Preis in der Abteilung Tagespresse einreichen, vielleicht beim Art Directors Club. Was den Artikel von Tom Kummer betrifft, da bin ich nicht so von der Wichtigkeit überzeugt. Andrerseits hat er recht: Die Stars im Showbusiness und im Sport wären ja keine, wenn sie die Zeitungen und die anderen Medien nicht zu Stars machen würden. Und Journalisten sind selbst schuld, wenn sie sich zu Deppen degradieren und sich ihre Arbeitsbedingungen vorschreiben lassen. Lob: Ein absolutes Spitzenfoto illlustriert den Artikel, ein Körper taucht in einen Swimmingpool ein, nur die Beine sind zu sehen und die Sonnenreflexe unter Wasser am Grund. Der Fotograf sei extra mal erwähnt. Er heißt Julio Lopez, und sein Foto ist schlichtweg genial. Tadel: Die Illustration trägt zur Verwirrung der Leser bei. Pool-Journalismus hat nichts mit Swimmingpool zu tun, sondern bezeichnet die Situation, wenn Interviews mit Sport-, Film-, Musik- oder Fernsehstars nicht mehr einzeln geführt werden können, sondern nur mit sechs, zehn, 20 Kollegen im Pool, und das heißt nicht, dass alle mit Pamela Anderson oder MichaelBallack schwimmen gehen. Pool heißt in dieser Bedeutung: Arbeits-oder Interessengemeinschaft, Gruppe, Kader. Kommt auch in der Bedeutung car pool vor, wenn sich ein paar Leute zusammentun und gemeinsam mit dem Auto zur Arbeit fahren. Ich finde, das Leben ist schon verwirrend genug, man muss es nicht noch extra verrätseln. Da war Tom Kummer ja vorbildlich: In seinen gefälschten Interviews haben sich die Stars klarer ausgedrückt als in echten.
Nachtrag Medwedjew
Das Foto vom Donnerstag, ausführlich von mir beschrieben, auf dem Angela Merkel und der russische Präsident Dmitri Medwedjew in trauter Zweisamkeit auf edlem Gemöbel vor dem Kamin sitzen, stammte von ihrem Besuch in Moskau, nicht von seinem in Berlin. Da hätte ich schon vom Stil der Möbel her drauf kommen können. Die taz berichtigt für ihre Leser folgendermaßen: "Der Besuch des russischen Präsidenten Medwedjew fand ja erst gestern statt und hatte nicht schon vorgestern stattgefunden, wie die taz auf Seite 6 gestern zu berichten wusste. Wir bitten heute für gestern und vorgestern um Entschuldigung für diesen peinlichen Fehler." Vom Foto sagen sie nichts, aber Sie haben es ja hier gelesen.
Semitismus
Ein starkes Stück über Kriegsdienstverweigerer in Israel von Lutz Bernhardt. Ich erfahre, dass 26 Prozent aller wehrfähigen Männer und 43 Prozent der Frauen den Wehrdienst verweigern und damit gegen die Besetzung der palästinensischen Gebiete protestieren. Prima. Aber in dem Artikel steht auch, dass Kriegsdienstverweigerer anschließend große Schwierigkeiten haben, einen Job zu finden. Die Armee hat immer noch ein gutes Image beim Staatsvolk.
Heiligendamm: Alt ausgesehen
War alles nix letztes Jahr mit dem G 8-Gipfel und dem Abwehrzaun in Heiligendamm und mit George Bush im Strandkorb. Der Rambo aus USA hat keines seiner Versprechen in punkto Umweltschutz gehalten. eine Menge Leute wurden festgenommen, ohne dass ihnen was vorgeworfen oder später nachgewiesen werden konnte, und der Pressesprecher der Polizeitrupe Kavala (so hieß die 16.000-Mann-Versammlung) gibt zu: "Die Öffentlichkeit fühlte sich von mir falsch informiert, und zwar zu Recht." Die taz: "Er bestritt tagelang, dass bei den Protesten am Zaun Zivilpolizisten im Outfit von Autonomen im Einsatz waren - weil er es nicht besser wusste: 'Als die Polizeiführung den Einsatz schließlich zugab, habe ich ziemlich alt ausgesehen. Es war eine Peinlichkeit hoch drei, so vorgeführt zu werden."
Na dann, bis zum nächsten Mal, wenn es wieder heißt: "Achtung: tazblog!" - frech, kritisch, unabhängig. Schönen Tach noch!
Kommentar
8. Juni 2008
Von hinten
Die taz-Redakteure wissen ja auch, dass viele Leser (so wie ich) die Zeitungslektüre auf der letzten Seite beginnen. Da steht an diesem Wochenende nicht die Wahrheit, sondern es geht los mit dem Sonderteil Fußball-EM. Oben Hinweise auf die vorhergehenden Seiten 21 und 23. Michael Ballack in der Überschrift als besten Spieler der Welt zu bezeichnen ist natürlich großer Unsinn. Da bekennt der Autor Björn Bicker wohl seine Liebe, und die macht ja bekanntlich blind.
Wiese
Heute auf Seite 16, "Wiese", die Anzeigenseite:
!!! "Achtung: tazblog!" Frech, kritisch, unabhängig www.hans-pfitzinger.de !!!
Ob's was bringt? Keine Ahnung, ich hab noch nicht rausgefunden, wie und wo ich meine Seitenbesucher zählen kann. Aber der Service hat mir eine E-Mail geschickt, und da steht drin, wie ich auf ftp (oder heißt das ptf?) zugreifen und rausfinden kann, wie viele Zugriffe ich hab. Hätt ich wohl ein bisschen früher wissen müssen ...
Doch mal was aus München
Son Zufall: Kaum schaltet ein Münchner wie ich eine Anzeige, schon berichten die Monacophoben von der taz aus meiner Heimatstadt. Um die schwer gebeutelte Abendzeitung geht's auf der Medienseite, und den neuen Chefredakteur Arno Makowsky, dem seine Vorgänger 20 Prozent Leserschwund hinterlassen haben. Makowsky hat mit neuem Schwung das Layout und die Schrift umgestaltet, den Ablauf verändert und ein tägliches Stadtmagazin eingeführt. Jetzt sind auch mal längere Texte drin, und der neue Chef will offenbar die abgesprungenen etwas gehobeneren Volksschichten zurückgewinnen, nachdem die niederen Stände eh zu den Konkurrenten tz und Bild übergelaufen sind. Man kann ihm nur die Daumen halten. Ein hier namenlos bleibender Redakteur hat mir neulich berichtet, dass der Umbau noch andauert, aber die Redaktion würde jetzt wieder froh ans Werk gehen: "Hauptsache, der Fricke ist weg." Das war der Vize-Chef, und der macht jetzt keine Schleichwerbung mehr, der ist direkt Firmensprecher, bei einem Privatsender. Auch Max Hägler, taz-Mann fürs Bayrische, schien von der netten Art des Herrn Makowsky angetan: "Er wäscht Erdbeeren und stellt die Hälfte davon seiner Assistentin auf den Tisch ('Ich glaube, dass die Zeit der bad-guy-Chefredakteure vorbei ist')." Na ja, irgendwann kommt man vielleicht wieder auf die alte Erkenntnis zurück: Zeitungen werden besser, wenn die Redakteure Spaß an ihrer Arbeit haben. Das merkt dann irgendwann auch der Leser, und beim Zählen der Einnahmen am Schluss sogar der Verleger. Der gibt dann möglicherweise eine Runde Erdbeeren aus.
Gesprächsstoff
Es hat geklappt: Man redet wieder über die taz. Anlass gab die Titelseite vom Donnerstag (Bild vom Weißen Haus, dazu die Schlagzeile "Onkel Baracks Hütte"), und es bedurfte keiner großen hellseherischen Fähigkeiten zu meiner Bemerkung von vorgestern, dass sich wieder die politisch Korrekten zu Wort melden würden. Stürmisch ging's zu, Spiegel-Online schmierte den Senf drüber, und die Leserbriefredakteurin musste bestimmt ne Sonderschicht einlegen. Die Zuschriften, die den Gag misslungen fanden, blieben Minderheit. Die Kontroverse, ob das als guter oder schlechter Journalimus einzustufen ist, ging offenbar auch durch die Redaktion, und man einigte sich auf eine Pro-und-Contra-Seite. Vorhersehbar gegen die Titelseite: Jan Feddersen, moralinsauer wie häufig. Dafür plädiert Bernd Pickert. Er verteidigt den Titel recht geschickt: "Wir geben mit der Zeile und dem majestätischen Bild des Washingtoner Machtzentrums dem Triumph Ausdruck, dass Onkel Tom passé ist - in Zeiten Onkel Baracks ist alles ganz anders. Schade, dass das missverstanden werden konnte." Dabei hamse sich ja des naheliegenden Kalauers "Onkel Baracks Baracke" geflissentlich enthalten, Glückwunsch. Jetzt kann man nur die Daumen drücken, dass Obama tatsächlich einziehen wird in die mächtigste Hütte der Welt. Sie wissen ja, auf dieser Webseite hier wird der Kandidat schon seit Ende März unterstützt. Neil Young war der Erste, der mich vor mehr als zwei Jahren auf Obama hingewiesen hat (das stand im Frühjahr 2006 in einem Artikel über Young - klicken Sie hier, oder in der Menueleiste oben auf "Bevorzugte Links"). Auch Stevie Wonder tut für Obama was er kann. Auf die Frage eines Redakteurs der Süddeutschen Zeitung, was die Nominierung für die "Community der Afroamerikaner" in Amerika bedeuten wird, sagte Stevie Wonder diese Woche in London: "Ich habe keine Ahnung. Ich weiß ja nicht mal, wie Afroamerikaner aussehen."
Hoher ÜQ*
Kein schlechter Titel über Ilija Trojanows Lamento zum Thema bescheuerte Spezies: "Die Backpacker an der Buddha-Bar". Trojanow hat mal wieder alle Argumente gegen Rucksackreisende gesammelt, und die sind alle richtig. Nur könnte sein Kommentar auch vor fünf, zehn oder 20 Jahren geschrieben worden sein. Das ist wie bei Trojanow üblich wohlformuliert, aber es steht inhaltlich nichts drin, was ich nicht schon irgendwo gelesen habe. Ach, hätte ich doch weitergeblättert. * Überflüssigkeitsquotient
Haareraufen
Wenn ich mehr und längere Haare hätte, würde ich mir dieselben raufen: Roland Koch führt die Parlamentsmehrhheit von SPD, Grünen und Linken in Hessen vor wie eine Schar unmündiger Anfänger. Ausgerechnet an einem fehlenden Satz, also an einem Formfehler, lässt er die Abschaffung der Studiengebühren scheitern. Einen größeren Gefallen hätte ihm Andrea Ypsilanti nach ihrem ersten und - wie sich herausstellte - sehr kurzfristigen Triumph über Koch nicht tun können. Die Frau kriegt wirklich nichts auf die Reihe, das wird schon fast tragisch. Genüsslich reibt ihnen Koch auch noch Salz in die Wunden: "Ich bin nicht das Kindermädchen der Mehrheitsfraktionen." Georg Löwisch in seinem Kommentar: "So bleibt Rot-Rot-Grün in Hessen nur, auf bessere Zeiten zu warten. Auf einen anderen SPD-Chef als Kurt Beck. Auf einen Fehler von Roland Koch. Oder darauf, dass die Linke-Allergikerin Dagmar Metzger nach Amerika auswandert."
Mal wieder Ruanda
Er lässt immer noch keine Gelegenheit aus, seine Abneigung gegen die FDLR, die Demokratischen Kräfte für die Befreiung Rundas, zu unterstreichen. Und wieder ist er auf Vermutungen angewiesen, der Afrika-Spezialist Dominic Johnson: "Neun Menschen wurden getötet und über 20 verletzt, als mutmaßliche Kämpfer der ruandischen Hutu-Milizen FDLR am Mittwoch das Lager Kinyandoni überfielen, rund 80 Kilometer nördlich von Goma, der Provinzhauptstadt von Nord-Kivu." Mutmaßlich, das gibt er zu. Und auch das steht noch da: "Während die FDLR jede Verantwortung zurückwies, obwohl sie das Gebiet kontrolliert, sprach die UN-Mission im Kongo (Monuc) von einem terroristischen Akt." Irgendwie kriegt Johnson bei dem Thema immer wieder Schwierigkeiten, bei seiner Voreingenommenheit gerade Sätze zu formulieren. Auch wenn die FDLR das Gebiet kontrolliert, könnte es doch sein, dass sie für diesen speziellen Überfall nicht verantwortlich ist. Und auch wenn die Monuc das als terroristischen Akt bezeichnet, behaupten sie damit doch nicht, dass ihn die FDLR begangen hat. Worum es im Ostkongo tatsächlich geht sagt Johnson auch: um Mineraliengeschäfte. Darauf sind sie alle scharf, die USA, die EU, der Präsident von Ruanda, der von Uganda, die Regierung des Kongo und wahrscheinlich auch die FDLR. Dass Dominic Johnson über die Ereignisse und die Beteiligten in der taz so berichtet, als sei er Pressesprecher des Auswärtigen Amtes, das hat mich ja schon im April sehr verwundert. Ich kapier's bis heute nicht. Aber nachdem ich mal neugierig geworden bin, bleibe ich auch dran.
Politik alter Art
Um Israel verläuft die Grenze zwischen westlicher Lebensart und dritter Welt. Diesseits der Grenze befindet sich der Vorposten der USA, die übliche Verschwendung - man liegt am Pool und schaut über die Mauer hinaus ins Land. Und man weiß, dass den Leuten da drüben gerade der Strom abgestellt wurde und sie unter Wassermangel leiden. Die gegenwärtig Herrschenden lernen offenbar nichts dazu. Ehud Olmert kehrt nach seinem Einkaufsbummel für neue Kampfflieger aus Washington zurück, und will von Verhandlungen nichts wissen. Laut dpa sagte er, "das Pendel schlage eher in Richtung einer Militäroperation als in Richtung Waffenruhe aus." Was für eine Sprache - pendelt er seine politischen Entscheidungen bei okkulten Sitzungen aus? Jedenfalls scheint ihm der große Bruder und Geldgeber in Washington Rückendeckung für seine Politik alter Art gegeben zu haben: Missachtung von UNO-Resolutionen, Grenzverletzungen, staatlich befohlene Todesstrafe ohne Gerichtsverfahren (wobei billigend unschuldige Opfer in Kauf genommen werden), Besetzung von fremdem Territorium, willkürlich unterbrochene Energieversorgung, Abriegelung des Gaza-Streifens und Armeeüberfälle auf palästinensisches Territorium. Aber es tut sich was ringsum, im Libanon, in der Türkei, in Syrien, in den Golfstaaten, und vielleicht taucht ja auch in Israel endlich ein Politiker auf, der für einen Wechsel steht, die alte, verknöcherte Konfrontationsstrategie überwindet und sagt: Yes, we can!
Kommentar
9. Juni 2008, später Eintrag
Peter Rühmkorf - servus!
Schön ist: Es war ihm vergönnt, noch die letzte Buchveröffentlichung zu erleben: "Paradiesvogelschiß". Da konnte er beruhigt abgehen - ihm war ja klar, dass die Zeit gekommen ist, und die letzten Gedichte hat er uns bereits mit dem bewussten Blick aufs Ende hinterlassen. Seinen Humor verloren hat er nicht deswegen.
"Schaut nur nicht so bedeppert in diese Grube. Nur immer rein in die gute Stube. Paar Schaufeln Erde, und wir haben ein Jammertal hinter uns zugegraben."
"Also - gut, Du willst den Dichter geben. Praktisch von den eigenen Seufzern leben."
"Dies Gedicht für Nicole Kidman könnt ich praktisch jeder widmen"
Wenn irgendwo in einer Zeitung der Name Peter Rühmkorf aufgetaucht ist, ging es mir immer gleich ein bisschen besser. Das fing schon an, als ich noch zur Schule ging, und hörte auf, als vor ein paar Wochen sein letztes Buch in der taz besprochen wurde. Da hatte ich den Eindruck, er war fertig mit der Arbeit, im besten Sinne. Ja, trauern wir um Peter Rühmkorf, und schweigen wir nicht - ganz in seinem Sinne -, wenn die Dreckskerle jetzt beschließen, neue Atomkraftwerke zu bauen. Sie sollen nicht damit durchkommen.
9. Juni 2008
Sie wissen ja, montags macht der tazblog Pause, weil's sonntags keine taz gibt. Damit der Tag nicht ganz ohne Eintrag bleibt, kommt hier eine Mail, die ich an einen Fruend und Kollegen geschickt habe, der mir seinerseits ein paar Fragen und Hinweise zum tazblog zukommen ließ. Hier meine Antwort:
Lieber B., herzlichen Dank für deine wahrhaft konstruktive Kritik. Was Myanmar oder Birma oder, wie ich es demnächst nennen werde, Myafkabob (Myanmar formerly known as Birma or Burma) betrifft, hab ich davon so wenig Ahnung wie du. Na ja, vielleicht ein bisschen mehr, weil ich neulich mal nen Artikel gelesen habe, in dem stand, wie die Menschen dort von den Briten in den 30er-Jahren beschissen, gedemütigt und ermordet wurden, und seither kann ich j e d e s Misstrauen dererseits gegenüber allem, was aus Richtung westlich kommt, besser verstehen. Inzwischen glaube ich, dass sich die Amis gern Birma unter den schmutzigen Nagel reißen würden, um einen weiteren Fuß neben China zu haben, so wie sie Irak wegen dem viel wichtigeren Iran befreit haben. Merke: Be nice to America, or we will bring democracy to your country. Zur Gehirnwäsche: "Die Sehnsucht nach kondomer Meinung" - oh, wie recht du unglücklicherweise hast. Das deutsche Medienkartell wird gefüttert von CIA und Pentagon. Nach einer Weile glauben die Leute, das in Spiegelsüddeutschezeittazfaz ihre eigene Sicht der Dinge steht. - Zu Alice Schwarzer: Wenn die meine Pornosammlung sieht, schneidet sie mir den Schwanz ab. Das ändert nichts daran, dass ich sie in mancher Hinsicht als meine Verbündete schätze, weil sie sich aus den allgemein zugänglichen Nachrichten nicht das allgemein Verlangte und Gewollte rausholt, sondern es erst mal durch ihren eigenen Kopf laufen lässt. Und dann teilt sie ihre eigenen Gedanken mit, ohne Rücksicht darauf, was gerade massenkompatibel ist. Das mag ich an ihr. Die "fehlende Möglichkeit des Kommentierens in Deinem tazblog": Da haste unrecht, denn im Vorspann ist ein Link auf meine E-Mail. Aber du hast recht, es ist ja keine als Blog eingerichtete Vorgabeseite, die ich da benutze, wo man zu jedem Beitrag einen Kommentar eingeben kann. Das ist meinerseits Absicht, weil ich diese Art Seite etwas ungewöhnlicher gestalten kann. Deiner Anregung nachgebend, habe ich jetzt immer am Ende eines Tages eine weitere Möglichkeit zum Kommentieren eingerichtet. Probier's mal aus und mail mir, ob das auch geht. Danke. Das mit der Doppelablage (in "Blog + Leseproben") wirkt vielleicht lästig für dich, ist aber aus zweierlei Gründen ein Service: a)tens: Man kann es in chronologischer Reihenfolge hintereinander lesen. b)tens: Es geht nicht anders. Wenn ich etwa das Volumen erreicht habe, das eine Woche Einträge ausmacht, stürzt mir der Webbaukasten ab, wenn ich noch was Neues eingeben will. Offenbar ist der Speicherplatz pro Seite begrenzt. Also: Meine Lösung ist eine Reaktion auf die technischen Möglichkeiten, an die ich gebunden bin, kein Versuch, das pp. Publikum durcheinander zu bringen. Hach, der Hans und die Technik.
Schöne Tache, frohes Schmatzen, möge dein Konto aus allen Nähten platzen!
EM bringt Kunst
Doch was zur taz, Nachtrag vom Wochenende: Weil in Österreich Fußball-EM abgehalten wird, stellt man ein taz mag mit Themen aus dem Nachbarland zusammen, und weil 40 Jahre seit 1968 vergangen sind, bringt Robert Misik einen Beitrag zur Kunst unter. Dem Fachmann Jean Stubenzweig hatte ich den Artikel mit dem doch sehr trefflichen Titel "Blut, Scheiß und Tränen" geschickt. Es ging um die Aktionskünstler Günter Brus, Valie Export, Otto Muehl, Hermann Nitsch, und andere mehr. Valie Export ist mir in guter Erinnerung, weil ich einmal ihre Brüste befühlen durfte bei einer Veranstaltung im Circus Krone in der Marsstraße. Da spielten auch Paul und Limpe Fuchs. Limpe spielte Schlagzeug, und sie trat immer mit nacktem Oberkörper auf, den sie, wie auch das Gesicht, schwarz bemalt hatte. Ihr Ehemann Paul spielte auf selbst gebauten Instrumenten und erzeugte oft infernalischen Lärm. Derweil ging Valie Export im Publikum herum und führte ihr "Tastkino" vor. Dazu hatte sie sich einen Pappkarton um den Oberkörper gebunden, der vorne offen, aber mit einem Vorhang versehen war. Jeder der wollte, durfte in den Karton hineinlangen und ihre Brüste befummeln. Das war sehr schön und ich fand das erregend, so demokratisch jeden, der sich traute, an ihre Titten zu lassen. Sie hatte wohl auch ihren Spaß, ihre Nippel wurden ganz hart, und sie sah mir gütig lächelnd und irgendwie triumphierend in die Augen. Misik vertritt nun im taz mag den Standpunkt, dass "68" in Wien eher als Revolte gegen den Kunstbegriff denn als politischer Aufstand in Erinnerung geblieben ist. Als ich den Artikel aus der Online-taz fischen wollte, fragte Google ungläubig: "Meinten Sie 'Blut, Schweiß und Tränen'?", zeigte aber brav gleich das Gesuchte in den Ergebnissen an.
Kommentar von Jean Stubenzweig:
Der Text ist soweit in Ordnung, zeigt aber einmal mehr das Problem der jüngeren Zeit: Sie schreiben schnoddrig und allwissend, gehen aber nicht in die Tiefe. Auf die Wurzeln dieses Aktionismus gehen sie nicht ein: daß nämlich Blut, Schweiß und Tränen tief in diesem unglaublichen Katholizismus und in einer vermutlich daraus resultierenden romantisch-apolitischen Haltung verankert sind. Das dürfte mit der Grund sein, daß Brus, Nitsch und so weiter in der Regel Unverständnis entgegensprang und -springt. Aber so ist das eben mit unseren Journalisten und Schriftstellern: Da viele nicht bereit sind, den Teufel zu studieren, sind sie auch nicht in der Lage, ihn auszutreiben.
Kommentar
10. Juni 2008
Obama und die Dylans
Neil Young. Scarlett Johansson. Stevie Wonder. Grateful Dead. Der Liste der Künstler und Musiker, die Barack Obama unterstützen, muss jetzt auch noch der Name Bob Dylan hinzugefügt werden. "Unterm Strich" zitiert die taz-Kultur ein langes Interview aus The Times mit dem Pulitzerpreisträger 2008: "Wir haben da jetzt diesen Kerl, der die Bedeutungen von Politik von Grund auf neu definiert." Und: "Bin ich hoffnungsvoll? Aber ja, ich hoffe, dass sich die Dinge mit ihm zum Besseren wenden werden. Manche Dinge müssen sich einfach grundsätzlich ändern." Dylan ist jetzt 67, Obama gehört schon zur nächsten Generation. Da gibt's in der Familie Dylan anscheinend keinen Konflikt, denn Bobs Sohn Jesse hat den wunderbaren Videoclip "Yes, we can!" mit dem Rapper Will.I.am produziert, den man auf YouTube sehen und dabei noch ein paar schöne Frauen außer Scarlett Johansson bewundern kann. Bob Dylan hat im Times-Interview auch noch väterlichen Rat für die jungen Leute: "Man sollte immer das Beste aus der Vergangenheit herausholen, alles Schlechte dort zurücklassen und weiter in die Zukunft gehen." Das sollte man.
Die Perser
Klassisches griechisches Theater in Braunschweig, "Die Perser" von Aischylos, mit Publikumsbeteiligung auf der Bühne und einem Chor aus 300 Braunschweiger Bürgern, in der taz aufbereitet für all jene Bildungsbürger, die sowieso schon Bescheid wissen. Das liest sich dann so: "Nicht nur der Zusammenhang zwischen Theater und Demokratie, auch die Kollektiverfahrung in einer individualisierten Gesellschaft und die Auslotung psychischer Grenzen zwischen Ichbehauptung und Massenemphase sollten erfahrbar gemacht werden." Graue Theorie kippt mal wieder um in zappenduster.
Chinapop
Mit einem Ticket von EMI, Warner und Universal ausgestattet, darf Susanne Messmer drei Tage nach Hongkong fliegen und für die taz eine Seite füllen. Was sich die Plattenmultis davon versprochen haben weiß der Kuckuck, aber Frau Messmer hat mal wieder ein Stück von der - na, was wohl? - "globalisierten Welt" sehen dürfen. Und falls Sie sich als taz-Leser für "Cantopop, Mandopop, Cutiepop" - so die Überschrift - interessieren, hier werden Sie geholfen. Ein Foto hat sie auch mitgebracht, aber das wurde dann von der Redaktion wohl vertauscht. Oder die Bildunterschrift. Oder sollte der Leser rätseln, wo die zwei Bewohnerinnen Hongkongs versteckt waren? Aber es war das nicht nur eine lustige Rätselseite, auch wer was für seine musikalische Bildung tun wollte, kam voll auf seine Kosten: "Im Kantonesischen gibt es neun Tonhöhen, also fünf mehr als in Mandarin. Es sei also schwer, so zu texten, dass die Töne auch in die Melodien passen." Das haben Sie bestimmt nicht gewusst, oder? Ich jedenfalls habe noch mehr Neues gelernt, zum Beispiel: "Cantopop lebt und heißt jetzt Cutiepop." Vollkommen beruhigt hat mich dann der Schlusssatz: "In Hongkong haben die Dinge noch immer mehr Ordnung als in anderen Megacitys in dieser" - Achtung, jetzt kommt's gleich! - "globalisierten Welt." Halloooo? Sind Sie noch wach? Es geht weiter!
Die Woche
Sie wissen ja, Friedrich Küppersbusch gehört zur Pflichtlektüre. Wegen der Fußball-EM hamse nur eine Seite taz zwei, und da kommt geballt die Kolumne von Dagmar Herzog über die USA im Wandel vor der Wahl, ein schöner Ausflug in die Popgeschichte anhand von Pete Doherty und seinem Knastaufenthalt und eben das Küppersbusch-Interview. Über eine Antwort zum Vorwahlkampf Clinton - Obama musste ich breit grinsen: "Wenn die Democrats das rauskriegen wollten, wissen sie jetzt: Man muss den Amerikanern mit einer Frau Angst machen, damit sie einen Farbigen akzeptieren. Oder umgekehrt." Das erinnert mich an eine Geschichte über Stevie Wonder, die ich immer für einen Witz gehalten habe. Seit letzten Samstag seine Sprüche in der Süddeutschen standen, bin ich mir nicht mehr so sicher. ("So Sie kommen aus Deutschland? Tollen Anzug haben Sie an! Waren Sie bei meinem letzten Konzert? Tatsächlich? Ich hab sie gar nicht gesehen.") Also, das, was ich immer für einen Witz gehalten habe, ging so: Frage eines Journalisten an Stevie Wonder: "Ist es nicht schrecklich, blind zu sein?" Sagt Stevie Wonder: "Lieber blind als schwarz."
Der buddhistische Gang
Manchmal entwickeln sich die Dinge schneller, als ich es in meinen kühnsten Träumen zu hoffen wage. Vor zwei Jahren stand in einer kleinen Intellektuellen-Zeitschrift mit dem untertriebenen Titel Die Gazette ein Artikel über das Ende des Ölzeitalters. "Peak Oil" hieß der damals nur wenigen Leuten bekannte Begriff, und gemeint war der Zeitpunkt, an dem die Erölförderung ihren Höhepunkt erreicht, weil die Vorräte zu Ende gehen. Von da an geht's bergab, Öl und damit Benzin und Gas werden immer teurer. Das verändert unsere gesamte Existenz in einem Ausmaß, das sich die meisten Menschen im Westen, die den gegenwärtigen Lebensstil für "natürlich" halten, schwer vorstellen können. Für uns ältere Zauseln wird sich die Rückkehr zu früheren Überlebensstragien nicht so dramatisch darstellen. Zum Beispiel werden Kartoffeln aus Chile und Südafrika nicht mehr mit denen aus Erding und Fürstenfeldbruck konkurrenzfähig sein, weil an die S-Bahn Güterwaggons zur Versorgung der Großstädter mit Lebensmitteln angehängt werden. Weine für Münchner kommen nicht mehr aus Chile und Kalifornienen, sondern mit Güterzügen aus Schwaben, Franken und höchstens noch vom Gardasee. Der Plastikramsch, der ja ebenfalls aus Erdöl hergestellt wird, verschwindet. Kinder kriegen wieder Holzspielzeug. Die Karosserien der solar betriebenen Elektroautos werden aus Hanf hergestellt, der in unseren Breiten wächst und gedeiht. Und Iran und Israel werden schon bald von Atom- auf Solarenergie umsteigen, denn die gibt's dort im Überfluss. In ganz Afrika entstehen unter Anleitung von Jürgen Kleinwächter aus Lörrach Solar Villages, die ihren Energiebedarf selbst erzeugen. Die Sahelzone wird wieder begrünt und zur Kornkammer für die umliegenden Länder. Irgendwann wird es dann keine Kriege für Öl mehr geben, weil es kein Öl mehr gibt. Das wird noch ein bisschen dauern, andere Dinge werden sich schneller ändern. Der Verkauf von Geländewagen und anderen Spritfressern geht jetzt schon zurück, was wiederum den CO2-Ausstoß reduziert. Und ich muss mich nicht dauernd aufregen, dass so Vieles falsch läuft um mich herum, und kann mich zum Meditieren zurückziehen mit dem Wissen: Es geht alles seinen buddhistischen Gang. Aaaaoooommmm. Hm.
Kommentar von Dr. Jean Stubenzweig
Aber wer wird zuerst seine Stars and Stripes in die Sonne rammen und laut rufen: Ich bün all hier!?
Nichts begriffen
"Aber wirklich begriffen haben beide Seiten nichts." Das nenne ich Journalismus, und ein solch kühner Satz muss schon von solidem Wissen über seinen Gegenstand untermauert sein. Dieses Wissen und die Souveränität hat der Medienredakteur Steffen Grimberg, wenn es um den Streit der Verleger und der öffentlich-rechtlichen Anstalten ums Internet und das zukünftige Online-Fernsehen geht. Grimberg kriegt gleich zwei Gelegenheiten, seine Kenntnis der Dinge vor dem Leser auszubreiten, einmal auf der Seite "flimmern und rauschen", und dann noch, was selten vorkommt, auf der Seite "meinung und diskussion". Fazit der Berichterstattung: Die Verleger kämpfen für ihre Marktposition, die Öffentlich-Rechtlichen für ihren Informationsauftrag, und die Politik bastelt einen neuen Staatsvertrag, der angesichts der rasanten Entwicklung des Internets nach Grimberg "aberwitzig" sein wird.
Hübsch auf Karriere getrimmt
So 'nem Juso-Vorsitzenden standen ja früher mal alle Wege offen, MdB, Fraktionsvorsitz, Parteivorsitz, und danach musste man gar nicht lange an den Gitterstäben des Kanzleramts rütteln, und dann war man auch schon drin. Wie gesagt, früher. Heute fällt es schwer, sich irgendeinen Sozialdemokraten als Bundeskanzler oder gar -kanzlerin vorzustellen, von der Juso-Vorsitzenden Franziska Drohsel ganz zu schweigen. Obwohl - vielversprechende Ansätze, die Grundvoraussetzungen zu erfüllen, hat sie schon gezeigt: Aus reinem Opportunismus hat sie die Rote Hilfe verlassen, weil sie befürchtete, die weitere Mitarbeit könnte ihrer politischen Karriere schaden. Das war doch schon mal ganz fein SPD-mäßig, vielleicht bringt sie es doch noch zu was - als Frau hübsch aussehen muss ja kein Nachteil sein.
Kein Staat mit Kopftuch
An der taz-Berichterstattung über die Türkei gibt's einfach nichts auszusetzen - weder vom Umfang noch von der Kompetenz her. Gleich drei Leute informieren über die Lage nach dem Verbot des Kopftuchverbots - oder sollte man sagen nach der Aufhebung der Kopftucherlaubnis? - der bewährte taz-Korrespondent Jürgen Gottschlich und Dilek Zaptcioglu berichten aus Istanbul, und Deniz Yücel bringt Licht in die neuen Fronten zwischen Linken und den "moderaten Islamisten." Sage keiner, die türkische Politik sei langweilig. Was sich da im Spannungsfeld zwischen Regierung, Parlament, Justiz und Militär abspielt, könnte kein Theaterregisseur der Welt aufregender inszenieren. Türkische Politik im 21. Jahrhundert hat größeren Unterhaltungswert als so manches Fußballspiel.
Sie wehren sich
Mit Pfeil und Bogen, Frauen und Männer Seite an Seite, wehren sich die letzten Eingeborenen im Dschungel an der Grenze zwischen Peru und Brasilien gegen das Flugzeug, aus dem sie fotografiert werden. Was soll man dazu sagen, vor allem: Was soll man dagegen tun? Alle Leute dazu zwingen, sich John Boormans Film "Der Smaragdwald" (1985) anzuschauen? Das Thema und das Bild auf die Seite eins bringen, wie die taz es tut? Einen gut recherchierten Beitrag für die Seite drei zu schreiben, wie Gerhard Dilger es getan hat? Darauf hinweisen, dass der geplante Bau der Transocéanica-Autobahn den Geschäften mit Agrarexporten für den chinesischen Markt dient? Oder daran erinnern, dass hier in Deutschland die Versiegelung des Bodens mit Parkplätzen, Straßen, Autobahnen, Einfamilienhäusern ungebremst weitergeht? Lokal handeln, global denken - dann muss man, ohne die Sauereien in anderen Ländern außer acht zu lassen, erst einmal vor der eigenen Haustür kehren:
Endlich Schluss mit dem Autowahn - kein Geld mehr für die Autobahn!
Das wär doch schon mal eine Parole für die Demo bei Wolfgang Tiefensee, dem Verkehrsminister, der es in seiner bisherigen Amtszeit nicht geschafft hat, auch nur einen Lkw von den Autobahnen zu holen. Dafür fällt er vor allem dadurch auf, dass er noch niemandem aufgefallen ist. Nein, stimmt nicht, neulich kam er in dem Bericht über den CO2-Ausstoß der ministeriellen Dienstlimousinen vor - in der Spitzengruppe. In diesem Zusammenhang sei noch auf Tiefensees Auftritt in der heutigen Wahrheit-Kolumne hingewiesen. Peter Köhler, der schon die polnische Kartoffel abgehandelt hat, bringt Tiefensee gewohnt kenntnisreich unter in seiner Serie "Schurken, die die Welt beherrschen wollen."
Kommentar
11. Juni 2008
Podolski Polski Popolski
Ach Gottchen - die gesamte taz praktisch in Zeitungspapier eingewickelt, auf dem viel Druckerschwärze dafür verwendet wird, dass es bei der EM 50 Fußballer gibt, die nicht in dem Land geboren wurden, für dessen Nationalelf sie spielen. Das wird dann zu dem Gähn-Titel "Die Kraft der zwei Herzen" auf der Titelseite, und auf der Rückseite zu gleich zwei Artikeln über Lukas Podolski und seine angeblich herzzerreißenden Treffer beim Sieg Deutschlands gegen Polen. "Podolski putzt die Polski" titelte, unnachahmlich wie immer, die Bild-Zeitung. Ach Gottchen. Vier Seiten Fußball jeden Tag, und Klaus Theweleit wird in der taz zum Beckenbauer für Intellektuelle.
... and the Oscar goes to:
Sie wissen ja, dienstags wird die Wahrheitseite boykottiert, Leserstreik, weil ich das Geheime Tagebuch der Carla Dingsbums, äääh, Bruni so grässlich doof finde, sogar das Foto wird heute nur so flüchtig wie irgend möglich gestreift. Aber dann bleib ich doch am unteren Beitrag hängen, und für Elmar Kraushaars Kolmune "Der homosexuelle Mann" werden die Prinzipien über Bord geworfen. Den lese ich immer gern, iss einer der wenigen Selbstdenker, und da erfahre ich gleich noch, dass nach dem Dokumentarfilm über Harvey Milk, der 1985 den Oscar gewann, jetzt auch ein Spielfilm "Milk" entsteht. Klingt gut - Gus van Sant führt Regie, Sean Penn spielt die Hauptrolle. Harvey Milk war der erste offen schwule Politiker, der - na wo denn sonst? - in San Francisco in den Stadtrat gewählt wurde. 1978 hat ihn - und den Bürgermeister George Moscone gleich noch dazu - ein ehemaliger Polizist erschossen. Der Dokumentarfilm von Rob Epstein bekam 1985 den Oscar. Im selben Jahr war auch "Marlene" nominiert, ein Film über die Dietrich, den der Münchner Produzent Karel Dirka gefertigt hatte, engelsgeduldig und in jahrelanger, mühevoller Kleinarbeit mit der zickigen Diva. Maximilian Schell, der dann als Regisseur firmierte, führte die Interviews mit der Einsiedlerin in ihrer Pariser Wohnung. Bei der Abstimmung der Academy gewann dann Epstein mit der Milk-Doku, und das hatte, wie so häufig, auch einen politischen Hintergrund. Dabei hätten Dirka und Schell schon für ihre unendliche Geduld beim Umgang mit Marlene Dietrich einen Ehren-Oscar verdient gehabt. So it goes.
Sachen gibt's
Ekkehard Knörer berichtet von einem Kongress "Prognosen über Bewegungen". Na, ich weiß wirklich nicht, ob mich das interessiert, auch nicht nach der fast vollständigen Lektüre des Artikelchens. Aber dann kommen zum Schluss doch noch ein paar Sätze von Knörer'scher Qualität: "Die Beteiligten sendeten auf sehr unterschiedlichen Frequenzen. Mehr als einer näherte sich dem Thema der Tagung nur von sehr fern. Vier Tage lang galt es, aus manch Störgeräuschen und Rauschen zu filtern, was Einsicht versprach. Diese Offenheit war von den Veranstaltern durchaus gewollt: als Spielraum für Denkbewegungen aller Art." Da wehte offenbar ein Hauch von Freiheit durch Berlin.
Over the Rainbow: Judy auf Speed
Da schreibt einer, Hans-Christian Dany aus Hamburg, ein Buch über "Speed", weil ihm aufgefallen ist, "dass es kaum Literatur darüber gibt." Weshalb das Interview mit dem Autor ein großformatiges und -artiges Porträtfoto der 15 Jahre alten Judy Garland aus "Der Zauberer von Oz" ziert, erfahre ich auch: "Just zu Beginn der Dreharbeiten,1939, fing sie an zu pubertieren. Darauf hat die Produktion ihr Amphetamin verschreiben lassen, um ihren Appetit zu zügeln und das Pubertieren zu bremsen. Wenn man den Film mit diesem Wissen anschaut, fällt ihr Blick noch mehr auf. Sie schaut einen so entrückt aus der Ferne an." Dany sagt in dem Interview, so weit ich über Speed Bescheid weiß, nichts Falsches, und ich teile auch seine Einschätzung über den Speed-Verbrauch unter Musikern: "Für die Popmusik des 20. Jahrhunderts war es wichtiger als Kokain, Heroin oder Cannabis." Aus meiner Sicht wäre noch anzufügen: Bevor Haschisch so um 1968 auftauchte, waren Captagon (Cappies) und AN 1 sehr beliebt in Studenten- und Fernfahrerkreisen. Jack Kerouac und die Beatniks schluckten in den fünfziger Jahren Benzedrin (Bennies), und das hat man wohl auch Judy Garland verpasst, war ja eine legale Droge. Heute schlucken die Kids das viel höher dosierte Crystal, das angeblich, mit Viagra kombiniert, das Stehvermögen in jeder Hinsicht fördert. "Speed" ist in der Edition Nautilus erschienen. Ich schmeiß mir jetzt erst mal ein paar Cappies ein und geh ne Runde joggen. ;-) Bleiben Sie dran, wir kommen nach dieser Werbeunterbrechung wieder!
Die reichen Länder haben es verpennt: Scheißegal
30 Jahre lang, seit Anfang der siebziger Jahre klar geworden ist, dass diese Abhängigkeit vom Erdöl und die Förderung des Automobilsystems der reine Wahnsinn sind, 30 Jahre lang haben wir in den reichen Ländern des Westens so weiter gemacht, als wäre nichts geschehen. Die Regierungen und Parlamente, nur auf das bedacht, was bequem zur Wiederwahl führt und die bestehenden Machtverhältnisse nicht gefährdet, haben ihren Wählern vorgegaukelt, es ginge alles so weiter wie bisher. In den vergangenen Jahren haben ihnen dann Wissenschaftler die Ergebnisse ihrer Untersuchungen gezeigt: Wenn wir so weitermachen wie bisher, ruinieren wir unsre Lebensgrundlagen - wir zerstören nicht nur unsere Mitgeschöpfe, als da sind Pflanzen und Tiere, wir zerstören die Überlebenschancen unserer Kinder und deren Nachkommen. Auch das hat nichts gebracht: Der Absatz der Automobilindustrie ist seitdem gestiegen, der Flugverkehr hat zugenommen. Liebe Mitbürger, mir ist in den letzten Jahren klar geworden: Es ist euch Deppen offensichtlich scheißegal. In der taz weist Reiner Metzger darauf hin: "Hätten wir in deutschen Städten sinnvolle Heizsysteme, die Gaspreise wären eine Randmeldung. Aber wir haben es verpennt. Die reichen Länder haben 30 Jahre verschwendet." Und meine Nichte fliegt mal rasch für eine Woche nach New York: "Ey, iss krass billig, und mit dem Euro kannste ganz toll einkaufen." Wie sagte schon der neue Duce Berlusconi in Italien: Immer daran denken, dass man am besten fährt, wenn man die Leute auf der Bewusstseinsstufe von Elfjährigen anspricht. Das Prinzip werde ich jetzt mal unterlaufen. Im Herbst 2005 habe ich für die Vierteljahreszeitschrift Die Gazette (Nummer 8, 2005) einen Artikel über das Ende des Ölzeitalters übersetzt. James Howard Kunstler hatte ihn geschrieben, und der Gazette-Herausgeber Fritz Glunk hat ihn in einer US-Zeitschrift entdeckt. Der Artikel lief unter dem Titel "Das Gelage ist zu Ende". Das mit der "Kreditorgie" hat Kunstler sehr treffend vorausgesehen - vor drei Jahren wollte kein Schwein und keine Bayerische Landesbank etwas davon hören. Inzwischen zahlen Sie mit Ihren Steuergeldern die Milliardenverluste der Banken. Kunstlers Fazit zeigt sehr deutlich, was auf uns zukommt und worauf wir uns einrichten müssen - je schneller, umso besser: "Industriegesellschaften werden wahrscheinlich infolge des Öl-Peaks dahinwelken. Die Tricks, mit denen wir heute noch irgendwie zurechtkommen (die unerhörte Kreditorgie der amerikanischen Konsumenten, die Alchimie fast kostenloser Hypotheken, der Kasino-Kapitalismus der Hedge-Fonds), werden in einer Welt wirklicher Not und Knappheit ihren Zauber verlieren. Der Trend nach dem Öl-Peak wird die enttäuschte Rückkehr in vertraute Regionen sein, die Zurücknahme unserer Aktivitäten. Was heute noch in größtmöglichem Maßstab organisiert ist, etwa Weltkonzerne, Riesenuniversitäten, Zentralregierungen, wird an Kraft verlieren, oft mit tödlichem Ausgang. Walmart mit seinem 'Kaufhaus auf Rädern' wird sehr schnell verschwinden. Die Herausforderung wird darin bestehen, lokale Netzwerke auf Gegenseitigkeit einzurichten. Das wird nicht leicht sein. Die großen Ladenketten haben die örtlichen Gemeinschaften bereits so gründlich zerstört, das allein das Aufsammeln der Scherben Jahrzehnte dauern kann. Es wird viel weniger Dinge zu kaufen geben, und Einkaufen überhaupt wird an Bedeutung verlieren. Die zivile Luftfahrt, wie wir sie kennen, gibt es dann auch nicht mehr, und Autos spielen in unserem Leben höchstens noch eine Nebenrolle. Wer glaubt, dass das Leben weiterhin ein endloses internationales Schnäppchen-Shopping ist, wird eine Enttäuschung erleben. Und die Welt wird wieder größer." Ich hab keine Ahnung, ob ich das noch erleben werde, aber ich freu mich drauf.
Kommentar
12. Juni 2008
Ouzo in die Türkei tragen
Auf der ersten Sportseite - für mich, der von hinten anfängt und dort mit dem Inhaltsverzeichnis der vorherigen Seiten begrüßt wird, die vierte -, also auf Seite 18 steht unten links immer so eine Art Eigenanzeige. Geworben wird fürs taz-Café, wo die EM-Spiele alle übertragen werden. "Lokalrunde am Ende jedes Spiels mit dem Getränk des Siegers." Da spielt dann Pilsner : Portwein (klein drunter die Nationen: Tschechien : Portugal) und Obstler : Ouzo (Schweiz : Türkei). Ich weiß schon, die wollten nur testen, ob es die Leser merken: Die Türken trinken Raki, Ouzo steht für Griechenland. Aber vielleicht war der Raki ausgegangen im taz-Café?
Schwabing
Neulich hab ich hier ein bisschen rumgemäkelt am eigentlich hoch geschätzten Michael Sailer und seiner Kolumne "Schwabinger Krawall". Deshalb hier mal die positive Seite: Die Typen stimmen, die Art, wie sie reden und denken stimmt auch, der Alkoholkonsum wird nur leicht übertrieben dargestellt, und die Schauplätze sind auch richtig. Vor allem hat die Serie den Hauch der Mitteilungen für Eingeweihte. Wenn da steht, dass "der Hubsi noch in der Sieben gesessen" ist, dann wissen wenige Menschen jenseits von Schwabing, welche Kneipe da gemeint sein könnte, aber in diesem Zusammenhang kann er an dieser Stelle der Geschichte gar nirgends anderswo sitzen. Und wenn dem Jackie "nach der Vernissage bei der Monique auf dem Flauchersteg seine EC-Card in die Isar gefallen ist", dann gibt's daran nichts auszusetzen, denn wo sonst sollte ihm die EC-Karte in die Isar fallen? Auch wenn der Flaucher gar nicht in Schwabing liegt. Was ich sagen will: Sailer lesen macht Spaß.
Oben beim Wetter mal wieder eine Serie: "lustige streiche" (3): "Einmal war er (der Spaßvogel Edwin Henne; Anm. d. Verf.) sogar so weit gegangen, dass er in einem Laden eine Schneekugel in die Hand nahm und sie schüttelte. Heißa, wie da sein Herz hüpfte. Kein Spaßvogel je war wie er!"
Rühmkorf
Sogar der Bundespräsident rief ihm nach. Und keiner, der daran erinnert, dass sich Peter Rühmkorf ganz entschieden im Kampf gegen Atomkraftwerke engagierte. Da muss man heute gegen Merkel, Berlusconi, Sarkozy ankämpfen, denn unter dem Vorwand "Die Lichter gehen aus!" arbeiten sie längst wieder auf den Einstieg in die Atomkraft hin - mit der lassen sich nach wie vor gigantische Profite abschöpfen. Vor allem, wenn der Staat den Konzernen dabei hilft und ihnen auch noch die Sorge um den gottverdammten Atommüll abnimmt und seine Transporte schützt. Nur, auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Kein Mensch weiß bis heute wohin mit dem Dreck, und der Dreck ist mindestens haltbar bis Ende 15.000. Alexander Cammann ruft Rühmkorf hinterher: "Natürlich war er links, aber anders als die konkret-Kollegin Ulrike Meinhof stets im Vollbesitz seiner Zweifel." Das ist schön formuliert, aber weshalb die eine gegen den anderen ausspielen? Weil man die Sache vom Ende her betrachtet? Drum sei es hier extra betont: Die beiden haben, jeder auf seine Art, an derselben Baustelle gearbeitet, und Ulrike Meinhofs ursprünglicher Antrieb war die Fassungslosigkeit und die Empörung über die verlogenen, menschenverachtenden Verhältnisse, in die wir hineingeboren wurden. Schlag nach bei Arno Schmidt, der wie viele andere Schriftsteller gegen die Nachkriegspolitik wütete. Cammann zitiert Schmidt, aus einem Brief vom Juli 1956 an den 27-jährigen Rühmkorf: "Das ist der einzige Trost in der heutigen 'Großen Zeit', daß es noch Männer gibt wie Sie!" Und im nächsten Jahr, nach einem Besuch Rühmkorfs, notiert er: "175 groß; engbrüstig; Brille und Judennase; ab und zu ein Kirchhofshusten; trinkt und raucht gut. Und gute Gesinnung." Und über den ersten Gedichtband des jungen Kollegen schrieb Arno Schmidt: "Drischt aufs herrlichst-entlastende mit zu, und pfeift noch dabei! Wunderbar!" Und weil Cammann noch einen feinen Vers aus dem Jahr 1999 gefunden hat, der im Augenblick genau passt, bekommt Peter Rühmkorf das letzte Wort, und ich lasse es gut sein: "Wünsch mir im Himmel einen Platz (auch wenn die Balken brächen) bei Bellmann, Benn und Ringelnatz Und wünschte, dass sie einen Satz in einem Atem sprächen: Nimm Platz!"
Weiberkram
Die Meinungsseite und die taz zwei sind heute, bis auf Bernward Janzing, der über Sozialtarife bei Strom und Gas schreibt, fest in Frauenhand. Jenny Zylka und Franzsika Seyboldt besprechen je eine neue Erotikzeitschrift für Frauen, und Hilal Sezgin breitet ihre Meinung aus über den alltäglichen (veröffentlichten) Sexismus. Jenny Zylka lässt kein gutes Haar an der Zeitschrift Jungsheft, die Mädels erotisieren soll: "Es ist zu wenig. ZumLesen und zum Onanieren." Franziska Seyboldt findet Alley Cat daneben: "Es ist kein einziger komplett nackter Mann zu sehen." Zum Schluss zitiert sie die Chefredakteurin Ina Küper, die ihre muskulösen männlichen Pin-ups verteidigt: "'Ich will eindeutig im Softbereich bleiben und nicht in diese Porno-Ecke gehen.' Außerdem seien hühnerbrüstige Indie-Jungs nicht das, was die breite Masse sehen will: 'Die hat man sowieso im eigenen Bett.'" Dass sich eine erotische Frauenzeitschrift ausdrücklich an "die breite Masse" wendet, finde ich beachtlich. Jetzt wundert mich auch nicht mehr, weshalb auf allen Titelblättern aller Frauenzeitschriften ständig mit Tipps zum Abnehmen geworben wird: Offenbar wenden sich alle an die breite Masse. Lasst dicke Frauen um mich sein - die Masse ist breit. Tja, und Hilal Sezgin, die mir mal wie ein ganz vernünftiges Frauengeschöpf vorkam, hat es mit ihrem "Schlagloch"-Kommentar geschafft: Ich werd sie nicht mehr lesen. Sich darüber aufzuregen, dass die Kandidatin Clinton in der taz als Hillary bezeichnet wird, und gelegentlich bei Frauennachnamen nicht einfach dieser sondern noch der Zusatz "Frau" steht, und das auch noch als Sexismus anzuprangern - oje, Sezgin, Sie haben mich verloren. Wenn die FAS ein Foto bringt, auf dem nur die Frisur von Gesine Schwan zu sehen ist, bedeutet das: "Offenbar hat sich nach all dem Trial and Error am Beispiel der Kanzlerinnenberichterstattung immer noch nicht die gesamte Presse den Kommentar zum Körper abgewöhnt." Wie bitte? Das nenn ich an den gelockten Haaren herbeigezogen! Abgesehen davon, dass eine Frau mit so einer Frisur ja ganz bewusst etwas sagen will (so wie Pamela Anderson mit ihren Kunsttitten auch), darf ich vielleicht daran erinnern, dass über Schröders gefärbte Haare mehr zu lesen war als bisher über die Frisur von Gesine Schwan. Und es war eine Frau, die neulich in der taz - lange vor der FAS - die Frisur von Gesine Schwan zum Thema gemacht hat. Und ist das Bild einer Frauenfrisur tatsächlich ein Kommentar zum Körper? Den Rest gab mir dann, dass Frau Sezgin meint, die Feministinnen aus der Anfangszeit hätten schon recht gehabt mit ihrer Analyse, und die Zustände seien heute immer noch wie damals: "die Frau als Objekt, der Phallus als Signifikant, Heteronormativität, männliche Semiotik und männlicher Blick." Was soll man da noch sagen? Gott sei Dank erreicht Hilal Sezgin mit so einer Sprache lediglich ein paar Akademikerinnen. Nur so viel zum Schluss: Was für einen Blick soll ich denn als Mann haben, wenn nicht einen männlichen? Den zwinge ich aber niemandem auf, nicht mal anderen Männern. Frauen schon gar nicht, denn deren Blick interessiert mich, weil sie den fraulichen Blick haben. Und glauben Sie im Ernst, dass ich meine sexuelle Einstellung, die mehr oder weniger zufällig hetero ist, irgendjemandem als Norm aufzwinge oder auch nur empfehle? Heteronormativität! Meine Fresse.
Der unendliche Bahnskandal
Auf "wirtschaft und umwelt" erfahre ich: Das Schienennetz der Bahn ist seit 1990 um 16 Prozent "geschrumpft". Eine etwas unglückliche Formulierung, denn Schienen schrumpfen nicht, sie werden willentlich abgebaut. Der Geschäftsführer der "Allianz pro Schiene" drückt sich so aus, und fügt noch an: "Nur in Polen war die Netzschrumpfung noch stärker." Dafür geht es bei uns mit dem Autowachstum prächtig voran, da kommen die Polen nicht mit. Aber wenn nicht endlich die Umkehr gelingt und das Netz nicht nur nicht abgebaut sondern in großem Umfang ausgebaut wird (nicht im ICE-Bereich, sondern regional und lokal), dann stauen wir uns in den Innenstädten weiter auf den Abgrund zu. Gestern sitze ich zur Stoßzeit, so gegen 18 Uhr, am Fenster eines Lokals in der Emil-Riedel-Straße im Münchner Stadtteil Lehel. Die Autos stehen in zwei Reihen nebeneinander, fahren langsam ein Stück weiter, wenn die Ampel an der Prinzregentenstraße grün zeigt, stehen wieder. Viele große Geländewagen von Porsche, BMW, Mercedes, Audi sind darunter, dies ist die Verbindungsstraße vom Herzogpark zur Innenstadt. Und mir fällt auf: In keinem dieser Autos sitzt mehr als eine Person. Dann kommt mal eins mit einem Paar, und dann geht's wieder unendlich lange so weiter: 1 Mensch in 1 Auto. Das ist, neben vielen anderen Erscheinungen, das Symptom der Krankheit: Gut ist, was vereinzelt. Getrennt werden sie geschlagen, oder auch: Allein machen sie dich ein. Wenn dieses bescheuerte Autosystem vor die Hunde geht und die bescheuerte Frau Merkel gleich mit, dann weine ich beiden keine Träne nach. Es bringt den Tod. Und nur wenn es zusammenbricht, werden die Menschen in diesem Land wieder anfangen zu denken, nachzudenken, wie ein Leben mit den gegebenen Voraussetzungen möglich ist, mit den Gesetzen der Natur, nicht im Verstoß dagegen. Wir müssen den Größenwahn der Ackermanns, Wiedekings und Mehdorns bekämpfen. Kann man sie heilen? (Sie erinnern sich: Heilt Hitler!) Vielleicht werden Sie freiwillig in die Therapie gehen? Unwahrscheinlich. Was kann man dann tun? Zwangsjacke. Alle Maßnahmen unterhalb sind zu gefährlich für diesen Planeten und die nächsten Menschengenerationen.
Heiter weiter: Onkel Baracks Hütte
Die ganze Leserbriefspalte, neun Einträge, nur zu einem einzigen Thema: "Ist dieser Titel rassistisch?" Es geht immer noch um das Foto vom Weißen Haus auf der Titelseite und der Schlagzeile "Onkel Baracks Hütte". Einer der Briefe stammt aus dem tazblog: "Ich kann mir nicht helfen: Das ist eine geniale Titelseite. Wenn einem so was einfällt, muss man's auch bringen, da geht kein journalistischer Weg dran vorbei. Hans Pfitzinger, München". Ein Leser aus Berlin, Bernhard Wagner, sieht die Sache so: "Dieselbe Kombination von Zeichen kann in verschiedenen Kontexten verschiedene Bedeutung haben. Ich finde, letztlich definieren die Absichten der 'SprecherInnen' die Bedeutungen (inkl. Konnotationen) einer 'Aussage' (verbal und nonverbal), nicht die eventuellen (Miss-)Verständnisse der 'EmpfängerInnen' in allen möglichen Kontexten, Intertextualitäten etc. Allerdings kann eine Aussage bestimmte potentielle Bezugnahmen etc. zu sehr ignorieren und dann zu leichtfertig, zu missverständlich etc. sein. Dies ist hier der Fall. Also die Aussage ist nicht per se eine Diskriminierung, provoziert aber Deutungen, die sie zu einer solchen machen." Also mal ehrlich: Hätten Sie das gedacht?
Krieg, Krieg, Hurra!
Der Mann der Rüstungsindustrie macht seinen Job nach Plan und Auftrag: Nicolas Sarkozy bringt Frankreich zurück in die NATO und verstärkt die Truppen in Afghanistan. Bei der so genannten "Geberkonferenz" in Paris spielt er den Gast- und Geldgeber, will noch mehr Geld für den Präsidenten von Amerikas Gnaden lockermachen, und schlägt alle Warnungen in den Wind, dass dieser Krieg so nicht zu gewinnen ist. Hamid Karsai, der im weit überwiegenden Teil von Afghanistan keine Unterstützung findet, wird deswegen auch gern "Bürgermeister von Kabul" genannt. Der weit überwiegende Teil der westlichen Medien, Sprachrohre der jeweiligen Außenministerien, wird trotzdem weiterhin so tun, als betriebe der Mann die einzig vernünftige Politik für das Land. Und die einzige Partei in Deutschland, die diesen Militäreinsatz ablehnt und beenden will, wird gerade deshalb als "nicht regierungsfähig" eingestuft. Dagegen sind Bush und Sarkozy Beispiele für "regierungsfähig", hm?
Die Abgasschleuder
Merkel & Sarkozy sind sich einig: Wichtiger als Wohl und Wehe von Mensch, Tier, Pflanze und Planet sind Wohl und Wehe der Automobilindustrie. Zu diesem Thema habe ich in diesem Blog schon viel gesagt. Für die taz vom 11. Juni gilt: Schöner Titel. Der Merkel kommen - die Hände wie betend aneinandergelegt - vor blauem Himmel die Abgaswolken aus den Ohren. Obertitel: Merkels fauler Kompromiss bei den Autoabgasen. Haupttitel: Nur heiße Luft. Diese Frau arbeitet als oberste Lobbyistin für die Autoindustrie. Damit verstößt sie gegen ihren Amtseid. Oder gilt vielleicht: Was für Mercedes gut ist, das ist auch für Deutschland gut? Ja, das gilt.
Kommentar
13. Juni 2008
Für Zugfans
Was für eine wunderbare Filmkritik von Tobias Rapp zu "RR" von James Benning, der in 111 Minuten 43 Züge zeigt, im "Grenzbereich zwischen Kino und Kunst". Die Kameraeinstellung ist jedes Mal anders, die nordamerikanischen Landschaften wechseln, was passiert bleibt immer gleich: Erst sind leere Schienen zu sehen, dann kommt ein Zug, der fährt an der Kamera vorbei, und dann sind die Schienen wieder leer. Menschen kommen so gut wie gar nicht vor. Rapp fand: "Langweilig wird es nie, denn dieser immer gleiche Rahmen gibt Raum für riesige Unterschiede. Da sind die verschiedenen Landschaften, staubige Wüsten, grüne Wälder, heruntergekommene Fabrikhöfe, einmal sind wir mitten in der Stadt, wo ein schwerer Güterzug fast ungeschützt neben der Straße fährt. Es gibt Täler und Brücken, Küstenstreifen und Flüsse. Manche Züge fahren schnell, andere langsam. Einmal ist der lang erwartete Zug nur eine kleine Draisine." Und dann nützt Rapp die mehr als halbseitige Besprechung für Informationen über die Eisenbahn in den USA, die Veränderungen, die sie dem Land gebracht hat, die Ausbeutung der Wälder, den Kahlschlag in Wisconsin, Michigan und Wyoming, die Schlachthöfe in Chicago, die sich nur rentierten, weil die Rinder billig mit der Bahn aus Texas antransportiert werden konnten. Rapp: "Die archaische Gewalt dieser Ausbeutungsprozesse scheint man fühlen zu können, wenn einer jener riesigen Güterzüge im Bild erscheint, langsamer wird und unter mächtigen Erschütterungen zum stehen kommt. Wer so einem Bremsvorgang lauscht, kann hören, wie die ursprüngliche Akkumulation die Materie zum Quietschen bringt." James Benning hat vorher zwei Filme gedreht mit dem Titel "13 Seen" und "10 Himmel", in denen genau das zu sehen war. Rapp findet denn auch: "Es ist ein kleines Wunder, dass dieser Film überhaupt ins Kino kommt." Er hat den taz-Autor zu einer außergewöhnlichen Filmkritik angeregt. Überschrift: "Vor dem Fahrplan sind alle gleich."
Die Liebe
Der geheimnisvolle Regisseur mit dem seltsamen Namen M. Night Shyamalan hat wieder zugeschlagen. Vielleicht erinnert sich noch jemand an "Der sechste Sinn" mit Bruce Willis, an "Signs" oder "Das Mädchen aus dem Wasser"? Immer geht es ums Unerklärliche, um Dinge aus dem Zwischenreich. Sein neuer Film heißt "The Happening" und bringt Anke Leweke zu dem schönen Schlusssatz: "Merke: Von allen unerklärlichen Kräften ist die Liebe die stärkste." Bleiben Sie dran! Es geht gleich weiter mit der Liebe.
Ciao, Dshamilja!
Ausgerechnet in Nürnberg ist er gestorben, der große Kirgise Tschingis Aitmatow. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich "Dshamilja" gelesen habe, in verschiedenen Übersetzungen, von denen mir die erste, ein Insel-Bändchen, dann doch die liebste geblieben ist. Geworben wurde immer mit der Einschätzung von Louis Aragon, es sei "die schönste Liebesgeschichte der Welt", was Blödsinn ist, denn die gibt es nicht. Aber eine der schönsten ist sie bestimmt. Einmal kam der Film im Fernsehen, das muss Anfang der siebziger Jahre gewesen sein, an einem Sonntagnachmittag, eine russische Produktion, so weit ich mich erinnern kann, mit ganz wunderbaren Schwarzweißbildern, und der Film war auf seine Art so gut wie das Buch. Ich hab dann lange Zeit alles gelesen, was ich von Aitmatow in die Finger bekam, aber irgendwann in den letzten Jahren hatte ich den Eindruck, er hat den Zauber verloren. Bei einem Schriftstellertreffen, irgendwas mit Literatur und Europa, saß er dann mal auf dem Podium im Alten Rathaussaal in München. Zu der Zeit, nach dem Ende der Sowjetunion, war er kirgisischer Botschafter in Brüssel, und was er so redete, unter der Gesprächsleitung von Michael Krüger, das hat mich so deprimiert und enttäuscht wie die ganze Veranstaltung. Mein verehrter kirgisischer Zauberer sprach wie der Diplomat, der er ja auch war, und ich hatte den Eindruck, das ich jetzt nichts mehr von ihm lesen muss. Ekkehard Knörer schreibt einen kundigen Nachruf, und ich erfahre, dass Aitmatow in Kirgisien ein Staatsbegräbnis bekommt. Das hat er allein wegen "Dshamilja" verdient.
Dünkelkolumne
Auf taz zwei wieder Anja Maiers spießbürgerliche Dünkelkolumne, die vermutlich in die Brigitte gehört, oder in Madame. Diesmal probiert sie es ironisch, aber die Ironie funktioniert überhaupt nicht, von Selbstironie ganz zu schweigen. Und das werde ich in Zukunft tun, was diese Kolumne betrifft.
Schwarzweiß
Von Natalie Tenberg erfahre ich, dass Weiß das neue Schwarz ist, zumindest bei Autos. Mir ist das schnurzegal, bemerkenswert finde ich dieses Zitat: "Gesellschaftlich hat der neue Trend zu Weiß seine Wurzeln in der Suche nach neuen Werten." Wer so was von sich gibt? Die "BASF-Coatings-Designerin Michaela Finkenzeller in Auto, Motor und Sport." Warum ich das erwähne? Weil ich diese Zeitschrift immer gern als Gehirnwäschefachblatt bezeichne, und diese Gelegenheit darf ich ich mir doch nicht entgehen lassen.
Haare
Höchst interessant der Artikel von Judith Luig, die sich in einen Mann verwandelt. Die Drag-Künstlerin Diane Torr bietet einen Workshop als Trauerritual an, es geht darum, ein geliebter Mann zu werden, der verstorben ist. In zwei Tagen sollen Frauen lernen, diesen Mann darzustellen, am Ende steht eine Performance. Das liest sich spannend, und so ganz anders als die gängigen Abhandlungen über Travestie als heitere Unterhaltung. Luig wundert sich, wie wichtig Haare im Gesicht sind: "Der Effekt ist erstaunlich. Haare scheinen ein viel größeres Geschlechtsmerkmal, als ich bisher angenommen hatte." Später stellt sie fest: "Die Travestie wirkt extrem befreiend. Endlich kann man mal genauso ein eindimensionaler Arsch sein, wie man das bei Männern so oft beobachtet." So zeigt sich wieder, dass es ein weiter Weg ist von der Frau zum Mann und umgekehrt.
Das Grauen
Sie machen Werbung für alles und jeden - jetzt tauchen sie auch noch in einer großen Farbanzeige in der Beilage "intersolar" auf: Rosi Mittermaier und Christian Neureuther. "Wir haben uns für eine Photovoltaikanlage von Sharp entschieden. Da stimmen Preis und Leistung." Die beiden sind das Grauen. Die dreiseitige Verlagsbeilage wirbt für Solartechnik Made in Sachsen-Anhalt, und die Hinweise "Anzeige" sind im Grunde überflüssig, weil in den "redaktionellen" Beiträgen just über die Firmen geschrieben wird, die Anzeigen geschaltet haben. Das läuft ja bei allen anderen Sonderseiten dieser Art so, aber vielleicht sollte man das besser als PR kennzeichnen, damit nicht der Eindruck entsteht, das sei unabhängige Berichterstattung. Noch dazu, wenn taz-Autorennamen drüber stehen, wie der von Bernward Janzing.
Demokratie I: Das Volk ist einfach zu blöd
Was Ralf Sotschek da auf der Meinungsseite betreibt gehört zur Abteilung Aufklärung im besten Sinn. Endlich erfahre ich, dass "der EU-Vertrag unsozial und undemokratisch" ist - na gut, das haben andere auch schon geschrieben, aber Sotschek scheint dieses Vertragswerk sogar gelesen zu haben, und macht uns mit den empörendsten Inhalten bekannt. Mir schaudert. "Nach Artikel 28 kann die EU 'Drittländern beim Kampf gegen den Terrorismus in ihrem Staatsgebiet' zu Hilfe kommen - und zwar ohne UNO-Mandat. Es ist dieselbe Begründung, die für die Invasion in Afghanistan angeführt wurde. Es wäre naiv zu glauben, dass sich die erweiterte Dimension der EU auf friedenstiftende und humanitäre Aufgaben beschränken wird", meint Sotschek. Da hat er sicherlich recht. Während ich das tippe, steht das Ergebnis der Abstimmung in Irland noch nicht fest. Ich hoffe, die Iren stimmen dagegen, schon aus Protest, dass sie als einziges Volk überhaupt gefragt werden. Die Franzosen und die Niederländer wurden nach der Ablehnung der "Verfassung" gar nicht mehr gefragt, ob sie der geänderten Version, nunmehr "Vertrag" genannt, zustimmen. Das haben dort, wie auch hierzulande, die Parlamente erledigt. Demokratie ist dann, wenn das Volk dem zustimmt, was die Politikerklasse beschließt. Wenn das Volk ablehnt, dann wählt man sich aber kein anderes Volk, sondern macht, was man will. Das Volk ist einfach zu blöd, die wissen nicht, was gut ist für sie. Sotschek berichtet davon, dass für den Fall einer Ablehnung Plan B bereitliegt: Geringfügige Veränderungen am Vertrag, und noch mal abstimmen lassen. "Es wäre zu wünschen", schreibt er, "dass die Iren dann erneut Nein sagen. Solchen Institutionen, die sich die Demokratie nur dann auf die Fahnen schreiben, wenn alles nach ihrem Willen abläuft, darf keinesfalls noch mehr Macht zugeschanzt werden." Sag ich doch.
Live Ticker: "Nein"!!!
Sie haben Nein gesagt, die guten Iren! Darauf einen Tullamore Dew. Oder ein Guinness. Hurrah Ireland! Ich geb ne Runde aus! Die 15-Uhr-Nachrichten, heute, Freitag der 13., auf meinen Lieblingssender Bayern 4 Klassik, sie verkünden die frohe Botschaft, und es wird bereits vermutet, dass die Ablehnung höher als erwartet ausfällt, nix da mit Kopf-an-Kopf-Rennen der Gegner und Befürworter, wie es seit Tagen verkündet wurde.
Demokratie II: Lernfähig
Als Musterdemokrat zeigt sich einmal mehr der hierzulande viel gescholtene Hugo Chávez, seines Zeichens erklärter Sozialist und Präsident von Venezuela. Wie es da oben in der Einleitung zu diesem tazblog so schön heißt, funktioniert Sozialismus nicht ohne Demokratie. Ob das umgekehrt auch gilt, kommt wohl auf die Definition von Demokratie an. Eine Demokratie, in der tatsächlich die Groß- und Rüstungsindustrie an der Macht ist, und die Institutionen eine Demokratieshow abziehen, kann vermutlich keine sein. Chávez hat sich wieder lernfähig gezeigt. Schon Anfang Dezember, als seine Verfassungsreform denkbar knapp die Abstimmung verloren hat, akzeptierte er Volkes Meinung ohne wenn und aber. Jetzt hat er das neue Sicherheitsgesetz zurückgezogen, dass wegen der Einführung eines Spitzelsystems allgemein auf heftige Kritik gestoßen ist. Er lässt das Gesetz überarbeiten und legt es im Herbst noch einmal vor. Erst vergangenen Sonntag hat er gezeigt, dass er lernfähig ist und sich korrigiert, wenn die Dinge falsch laufen: Er hat die kolumbianischen Farc-Guerilleros, die er bisher unterstützt hatte, zum Ende des Kampfes aufgefordert. Der Mann macht mir Hoffnung.
Eselpreis ...
... an den Benzinpreis gekoppelt. Nach einer Meldung von afp sind im Gefolge der Benzinpreise in Zentralanatolien die Preise für Esel rasant gestiegen. Im letzten Jahr kostete ein Grautier noch 26 Euro, in diesem Sommer muss man schon 180 Euro dafür bezahlen. afp: "In manchen Dörfern sind die Bauern wegen der hohen Spritpreise inzwischen von ihren Traktoren auf Esel umgestiegen." Vorausschauende Landwirte in Deutschland sollten schon mal die Zucht von Zugpferden beschleunigen. Und kann sich eigentlich noch jemand an Autos mit Holzvergasern erinnern, die bis Anfang der 50er-Jahre durch die Straßen rauchten? Die afp-Meldung, gefunden auf der Seite 8, dürfte in die Abteilung "Legenden aus fernen Ländern" gehören. Aber sie klingt gut, und Eselmeldungen werden hier grundsätzlich immer zur Kenntnis genommen.
Demokratie III: Erdbeben
"'Ein No wäre ein Erdbeben und ein harter Schlag für die französische EU-Präsidentschaft", sagt Chantal Brunel, Sprecherin der rechten Regierungspartei UMP." Das berichtete gestern Dorothea Hahn aus Paris, wo Nicolas "Kärcher" Sarkozy mit den Hufen scharrt (oder hat er nur einen Huf?), um für ein halbes Jahr die EU anzuführen. Tja, jetzt muss er wohl ohne den Vertrag präsidieren. Merke: Alles, was diese Kerle ärgert, freut mich.
Kommentar
14. 6. 2008
Zitat
Hannes Koch: Die SPD befürwortet den Mindestlohn, die Union lehnt ihn ab. Und die Föderalismusreform, die Sie kritisieren, haben die beiden Parteien gemeinsam beschlossen. Die von Ihnen als zentral beschriebenen Aufgaben kann die große Koalition also nicht lösen. Wozu braucht man sie dann noch? Peter Bofinger: Das ist eine gute Frage.
Frieden, Wohlstand und Glück
So heißt eine Werft in Bangladesh, wo Schiffe auf den Strand gefahren werden. Von früheren Fischern, deren Dörfer der Werft weichen mussten, werden die Ozeanriesen dann in ihre Einzelteile zerlegt, damit der dabei gewonnene Stahl verkauft werden kann. Recycling für ausgediente Containerschiffe. Auch in Indien gibt es so einen Strand, und man kann davon ausgehen, dass die Arbeitsbedingungen dort ähnlich sind. Shaheen Dill-Riaz hat einen Dokumentarfilm über die systematische Ausbeutung gedreht in der Werft "Peace, Prosperity and Happiness". Dietmar Kammerer beschreibt, weshalb ihn der Film "Eisenfresser" so beeindruckt hat: Dill-Riaz "interessiert sich für die Einzelnen, geht in die Hütten, folgt ihren Wegen. Romantisierung liegt ihm fern. Im Gegenteil legt er die Perfidie eines Systems bloß, dass unter anderem darauf beruht, dass es keine Solidarität zwischen den Arbeitern zulässt." Das System ist doch nicht aufs exotische Bangladesh beschränkt, oder täusch ich mich da?
Ofen explodiert
Noch'n Dokumentarfilm - gestern "RR", heute "Eisenfresser" und "Der Weiße mit dem Schwarzbrot". Wenn man von der Auswahl in der taz ausgeht, gibt es zur Zeit eine Menge gute - hm, Nichtspielfilme? Egal, der zuletzt erwähnte porträtiert Christof Wackernagel, gedreht hat ihn sein Neffe Jonas Grosch. Wackernagel spielte seine erste Filmrolle in "Tätowierung" von Johannes Schaaf, 1967, wenn ich mich recht erinnere. Da brauchte der Regisseur einen Jungen, der fast noch ein Kind war, und Wackernagel wurde sogar ein bisschen berühmt als Filmschauspieler. Einmal hab ich ihn getroffen, ein Jahr danach, als er spät nachts in mein Taxi einstieg und ich ihn irgendwo in die Pampa von Englschalking vor ein Einfamilienhaus chauffierte, wo damals seine Familie wohnte, die Mutter war auch Schauspielerin. Wir unterhielten uns über die linke Szene in München und stellten so einige Gemeinsamkeiten fest. Er war wohl ein paar Jahre jünger, und die radikalen Studenten, zu denen ich mich zählte, interessierten ihn sehr. Netter Kerl, dachte ich, gar nicht abgehoben, hat Humor, nimmt sich nicht so wichtig, obwohl er schon "beim Film" war. Neun Jahre später wurde er als RAF-Mitglied verhaftet, saß zehn Jahre im Gefängnis, hat sich danach von seiner Vergangenheit gelöst, als Schaupieler gearbeitet, geschrieben - Texte, Geschichten, Hörspiele. Jetzt lebt er in Bamako. Das ist die Hauptstadt von Mali, und warum Wackernagel da hingezogen ist, kann man gut verstehen. Stefan Reinecke zitiert ihn aus dem Film: "Je mehr Erfolg ich hatte, umso mehr war ich der Exterrorist". Und Reinecke merkt an: "Exterrorist ist man lebenslänglich. 'Der Weiße mit dem Schwarzbrot' ist ein dokumentarisches Porträt. ... Einmal braust ein Entwicklungshelfer in einem 50.000-Euro-Mercedes rücksichtslos durch eine Pfütze auf der Hauptstraße von Bamako und spritzt Wackernnagel und die Passanten nass. 'Gott sei Dank bin ich Neger und nicht so ein Arschloch', ruft Wackernagel, der ausdauernde Empörung über das Unrecht der Welt mit ansteckender Fröhlichkeit zu verbinden weiß." Der Filmtitel bezieht sich auf die Bäckerei, die Wackernagel aufgemacht hat, eine Bäckerei für deutsches Schwarzbrot. Reinecke: "Es ist ein Feelgood-Movie, angetrieben vom Temperament des Helden. Und von der Botschaft, dass alles veränderbar ist. Aus Terroristen können Menschenfreunde werden ... Gedämpft ist diese frohe Botschaft durch die gelegentlich aufblitzende lebenskluge Einsicht, dass das meiste, was man anstrebt, ohnehin schiefgeht. Der Ofen der Bäckerei in Bamako ist nach vier Monaten wegen Überlastung explodiert." Das erinnert mich an den Film "Alexis Sorbas", als die wunderbare Seilbahn zum Transport der Baumstämme vom Berg an den Strand beim ersten Einsatz in sich zusammenstürzt. Sorbas und der englische Schriftsteller, der das Vorhaben finanziert hat, sehen entsetzt zu, wie der letzte Baumstamm die ganze Konstruktion in Grund und Boden rammt. Sorbas erholt sich als Erster von seinem Schrecken und wendet sich an den Schriftsteller: "Heh, Boss, hast du schon einmal etwas so wunderbar zusammenkrachen sehen?" Und dann müssen sie beide ganz furchtbar lachen, machen die Weinflasche auf und tanzen den berühmten Sirtaki von Mikis Theodorakis am Strand.
Ich will den Grimme-Preis
Auf der Medienseite erfahre ich, dass die Grimme Online Awards verliehen wurden, und zwar in Köln, und verliehen wurden sie bei der dazu gehörigen Veranstaltung von Katrin Bauernfeind, die mir schon vor zwei Jahren als sehr gut aussehendes Frauengeschöpf aufgefallen ist, als sie den Preis für die Webshow "Ehrensenf" bekommen hat. Dass sie gut aussieht, fand wohl auch die taz-Bildredaktion, denn die bringt gleich zwei verschiedene Porträtfotos von ihr unter, eines auf Seite 11 in der Ankündigungsleiste, und eines auf Seite 12 beim Bericht von der Verleihung. Leider erfahre ich aus der taz nicht, ob dieser Award mit einem Haufen Geld auf mein Konto verbunden ist (die Nummer finden Sie, wenn Sie oben auf "Impressum" klicken. Spenden willkommen! Danke). Vielleicht bringt dieser Grimme-Preis auch nur unbezahlbares Prestige und viele Zugriffe auf diese Website, egal, ich will ihn trotzdem. Deshalb hier die Botschaft an die Jury: Ich will den Grimme-Preis 2009 für "Achtung: tazblog!" Iss das gebongt? Und Katrin Bauernfeind möchte ich an dieser Stelle mitteilen: Ich finde, Sie sehen wirklich verdammt gut aus. Darf ich Sie auf n Kaffee einladen? Oder n Glas Wein? Zur "Stunde des Aperitifs" (Luis Bunuel)? Ins Café Paradiso? Ecke Paradies- und Himmelreichstraße. Wirklich, kein Witz, die Adresse stimmt.
Kein Kursbuch mehr
Ob das jetzt schon mit der Privatisierung der Bahn zusammenhängt? Die Zeitschrift Kursbuch wird eingestellt. Gleich drei hochkarätige Federn aus dem Kulturbereich verfassen Nachrufe auf der ersten Seite von taz zwei. Da kann ich mir meinen Senf dazu wohl sparen. Hier sehen Sie die Träne, die ich dieser öden Papierverschwendung aus dem Hause (Tilman) Spengler & Naumann (Michael) nachweine: . Und überhaupt: Ich muss raus und mal wieder den Hang entlanglaufen, iss ja schon drei Tage her seit meiner letzten Jogging-Litera-Tour. Erst die Montgelasstraße rauf (das war kein Dichter), wo die Häuser aufhören geht's die Treppen runter, dann rechts in den Waldweg hinter der Kolbergerstraße, unter dem Isarring durch, nach den Tennisplätzen immer zur Flemingstraße rüberwinken, wo Erich Kästner mal gewohnt hat, weiter die Adalbert-Stifter-Straße bis zur Opitzstraße*), dann rüber zum Isarufer, erst die Heinrich-Mann-Allee isaraufwärts, dann unter den Bäumen der Thomas-Mann-Allee bis zur Rückseite des Rewe-Markts an der Kufsteinerstraße. (Rewe war auch kein Dichter.) Heute werde ich wohl die langen Jogging-Hosen anziehen, hat nur zwölf Grad da draußen. Gott sei Dank regnet's nicht mehr - der wahre Läufer geht ja raus bei jedem Wetter. Also, die alten Adidas geschnürt und losgedüst. See you later, Alligator!
*) Martin Opitz von Boberfeld (* 23. Dezember 1597 in Bunzlau; † 20. August 1639 in Danzig) war der Begründer der Schlesischen Dichterschule und ein bedeutender Dichter des Barock. (...) Opitz ging 1621 nach Weißenburg und lehrte dort am Akademischen Gymnasium Philosophie und schöne Wissenschaften (aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie).
Die Schlacht ums Internet
Man ist ja offen für andere Meinungen - Redefreiheit ohne Ende! Man muss es sich ja nicht antun, das Geseire. Nun ja, Sie nicht, aber ich schon: Dieses Teiggesicht nennt sich Tobias Schmidt, 38, und so massenkompatibel wie der Name klingt verdingt sich das Kerlchen auch. Er passt voll rein ins System: "Leiter des Bereichs Medienpolitik bei Deutschlands größtem Privatsender RTL und Vizepräsident für den Fachbereich Fernsehen und Multimedia beim Privatsender-Lobbyverband VPRT", so stellt ihn die oder er sich der taz-Seite "meinung und diskussion" vor. Was für eine Verschwendung von Platz und Druckerschwärze! Es ist Krieg: Es "tobt derzeit eine unerbittliche Schlacht zwischen den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und den privaten Medienunternehmen." "Die Batterien der öffentlichen-rechtlichen PR-Bataillone feuern aus allen Rohren." "Morgenthauplan". "Blicken wir lieber in aller Kürze auf die Scharmützel der großen Schlacht." Bei aller kriegerischen Rhetorik kommt es dann auch nicht mehr so sehr auf Einzelheiten an: Einmal heißt eine Produktion des Kriegsgegners "Julia: Wege zum Glück", sieben Zeilen später"Julia auf ihrem Weg zum Glück" - heh, nicht so wichtig in Kriegszeiten. Wichtig hingegen: "Sollte der geneigte Leser und Gebührenzahler auf diese Weise zu neuen Erkenntnissen gelangt sein, so würde es mich allerdings freuen!" Freuen Sie sich! Ich hab zwar keine neue, aber immerhin eine Erkenntnis in Bezug auf ihre Person erlangt: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Und ich überlege mir ernsthaft, weshalb die taz mich als Abozahler dazu missbraucht, Ihnen ein Honorar zu überweisen. Ich bezahle Sie doch sowieso an der Supermarktkasse, wenn ich Produkte kaufe von Firmen, die auf Ihrem Deppensender Werbung schalten.
Es geht aufwärts ...
... mit der Zahl der Bundeswehrsoldaten in Afghanistan, Sie wissen schon, am Hindukusch, wo Ihre und meine "Freiheit" verteidigt wird. Was das ist? Die Freiheit der geldgierigen Arschlöcher, die den Hals nicht vollkriegen und ihre Geschäfte auf alle Länder dieser Erde ausdehnen wollen. Und wenn irgendeine Regierung oder ein Land sich dagegen wehrt, schickt man Truppen hin oder bombardiert sie solange, bis sie keinen Widerstand mehr leisten. Wer diese Freiheit für Sie und mich definiert? Mistkerle wie Sarkozy in Frankreich und Marionetten wie Merkel in Deutschland. Tausend Soldaten zusätzlich will Herr Jung, Kriegsminister in "meiner" Regierung hinschicken. Ob dann erst mal 4.400 oder 4.800 Bundeswehrmenschen dort sein sollen - auf genaue Zahlen kommt es dabei nicht so an: ""Franz Josef Jung (CDU) will sich nicht auf eine Zahl festlegen." Die taz erinnert dankenswerterweise noch mal an Hans-Ulrich Klose, früher Bürgermeister von Hamburg - SPD, was sonst. Der Mann, weit außerhalb des wehrpflichtigen Alters, "hatte vor kurzem geäußert, dass die Zahl von 50.000 Nato-Soldaten generell zu niedrig angesichts der verschärften Sicherheitslage sei." Verschärfte Sicherheitslage? Na klar, nachdem die Afghanen merken, dass alles nur ein großer Schwindel ist, damit die USA das Land unter Kontrolle bringen, nimmt der Widerstand zu, und es sind nicht mehr nur die Taliban, die sich wehren. Und Ihre und meine Regierung, dazu die FDP und die Grünen, machen bei diesem Schwindel mit. Es lebe die deutsche Rüstungsindustrie, hipp, hipp, hurra!
Guantanamo: Bush am Ende
Was er ja schon immer gewusst hat, der größte Schurke, der jemals Präsident der USA wurde, hat ihm jetzt das oberste US-Gericht bestätigt: Das KZ Guantanamo verstößt gegen die amerikanische Verfassung. Nun darf man nicht glauben, dass dieser Unglücksmensch Bush das öffentlich einsieht, nee, aber die Gerichtsentscheidung sorgt mit dafür, dass dieses texanische Landei seinen Platz in der Geschichte findet: Er hat es als Inkarnation von Alfred E. Neumann, dem Maskottchen der Zeitschrift Mad, geschafft, Präsident der USA zu werden. Kein Wunder, dass Angela Merkel sich so gut mit ihm versteht.
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