1. Juli 2008
Unbeleckt
Sie weiß noch nichts vom EM-Finale, die taz von gestern. Dabei hätte doch Deutschland Europameister werden müssen - schon weil der Name des Landes genauso viele Buchstaben hat wie eine Fußballmannschaft Spieler. Auf Zahlenmagie kann man sich selten verlassen, außer wenn die 23 ins Spiel kommt. Bei ARD-Sport finde ich den Satz: "In der 23. Minute war es der Pfosten, der ein Tor durch Fernando Torres verhinderte."
Noch mal: Obama
Ein sehr informatives, sachliches, in meinen Augen genau richtiges Interview zur Politik von Barack Obama steht ganz hinten im Kulturteil. Oliver Pohlisch spricht mit der US-amerikanischen Soziologin Saskia Sassen über die Hintergründe von "Yes we can!" und "Change". Sassen sieht die Veränderungen, die seit Bushs Amtsantritt eingetreten sind, und der Zeitgeist steht auf Obamas Seite. Die Menschen in den USA wissen trotz der beständigen Medienmassage, "dass die Wirtschaft massive Reichtümer und zugleich massive Armut produziert und dass all dieser Missbrauch von Macht und Vermögen sich an der Grenze zur Illegalität bewegt. Obama ist sicher kein Radikaler, aber ein Pragmatiker mit einem tiefen Sinn für soziale Gerechtigkeit, der sich anschickt, grundlegende Änderungen im Rahmen der kapitalistischen Marktwirtschaft in Gang zu setzen. Innerhalb dieses Rahmens gibt es in den USA eine Menge Raum für Verbesserungen. Im Gegensatz zu Deutschland und anderen Ländern Westeuropas sind die USA nämlich eine Marktzone in Wildwestmanier."
Deutschland sucht den Superdichter
Wettlesen in Klagenfurt. Dieter Bohlen unterbricht Ulf Erdmann Ziegler gnadenlos, Heidi Klum beklagt sich, dass die Veranstaltung nicht "Germany's Next Top Poet" heißt, und der Sieger ist ... Tilman Ramstedt. Der bedauernswerte Dirk Knipphals musste für die taz ins südliche Österreich fahren und von dem Superevent berichten, und so erfährt der Leser über den Preisträger auch noch, dass er als Musiker bei der Gruppe Fön mitspielt. Wahrscheinlich hat er die Jury einfach weggeblasen. Jetzt kriegt er 25.000 Euro überwiesen. Dafür muss ein Gitarrist schon ne ganze Weile Akkorde greifen und Saiten zupfen.
Kolumnerei
Manchmal geht mir der Friedrich Küppersbusch bei aller Liebe mit seiner gewollten Originalität im Montagsinterview ganz schön aufn Wecker. Aber ein oder zwei witzige Gedanken sind immer drin. So wie die Antwort auf die Frage, ob man dem Ex-Grünen Oswald Metzger für seine CDU-Karriere die Daumen drücken sollte: "Ihm seine? Ich lehne mittelalterliche Foltermethoden ab." Darunter die Kolumne von Arno Frank mit dem Titel: "Er rieb mein Glied." Könnte das bitte noch ein bisschen verklemmter formuliert werden? Frank erläutert, wie üblich flott und handwerklich einwandfrei formuliert, weshalb er sich nicht mehr für Fußball interessiert. Perfekt missbrauchtes Handwerk. Wenn ich nur wüsste, weshalb mir diese nassforsche Schreibe so unangenehm auffällt. Das liest sich immer so, als wäre der Autor unerschütterlich von sich überzeugt. Sternspiegelzeit-Stil. Dabei treffen die Beispiele alle zu, die er für die Phrasendrecherei der Fußballexperten anführt. Aber dann erählt er, weshalb er Fußball nicht mehr mag: Weil "ein besorgter Schiedsrichter mir, dem damals 14-jährigen, vor versammelter Mann- und Elternschaft eine so fragwürdige Erste Hilfe angedeihen ließ, dass ich sie nicht näher zu beschreiben wage und die Schande bis heute nicht verwunden habe." Daher die verklemmte Überschrift. Ich glaub's ihm einfach nicht.
Die spinnen, die Amis
Zwei recht erfreuliche Entscheidungen des Obersten US-Gerichtshofes in den letzten Wochen zeigen, dass es auf dem Papier in den USA doch noch den Rechtsstaat gibt. In dem einen Urteil hieß es, die Todesstrafe für Kinderschänder sei nicht mit der Verfassung vereinbar. Dagmar Herzog weist in ihrer Kolumne "Wechseljahr" auf die zweite Entscheidung hin: "Der oberste Gerichtshof hatte mit knapper Mehrheit entschieden, dass die Gefangenen in Guantanamo Bay das Recht hätten, in zivilen Gerichten den Grund ihrer Festnahme zu erfahren, bevor sie vor Militärtribunale gestellt werden. Nach sechs Jahren, in denen die Bush-Regierung den Antiterrorkrieg nach ihren Regeln gespielt hat, war endlich Einhalt geboten." Deprimierend Herzogs Bericht von der Reaktion der Fernsehsender: "Die Berichterstatter taten erstaunt und verstört. Wie konnte es bloß dazu kommen, dass der Gerichtshof dem Präsidenten so die Hände bindet?" Wie schon neulich hier zitiert, äußerte John McCain, Gegner von Barack Obama bei der Präsidentschaftswahl, sein Unverständnis: Diese Leute in Guantanamo seien doch nicht einmal US-Bürger. Das sind die Kräfte, gegen die Barack Obama angetreten ist. Sie werden es ihm nicht leicht machen, seine Ziele zu erreichen.
Neues aus dem Salon
Ach, sie hat ja sooo recht, die taz-Autorin Petra Schellen. Sie beschreibt den Horror, der sie bei der Besichtigung des neuen Maritimen Museums in Hamburg überkam. Peter Tamm, der Exvorstandsvorsitzende des Axel-Springer-Verlags frönt da anscheinend hemmungslos und nicht nur ungehindert, nein, sogar öffentlich mit 30 Millionen gefördert, seiner Vorliebe fürs Militärische: "Tamm zielt explizit auch auf junge Besucher. Etliche werden von all der Heldenhaftigkeit und den monströsen Militaria beeindruckt sein. Die Marine als Perspektive, Krieg als gangbares, sogar 'notwendiges Mittel' - all das wird hier salonfähig gemacht. Eine fatale Ideologie." Petra Schellens Empörung hat schon etwas Rührendes. Das Museum entspricht offenbar dem, was inzwischen alle Parteien im Bundestag (außer der Linken) für "gangbar" halten. Die Zeiten haben sich geändert, zumindest bei "denen da oben". Unten sieht's anders aus. Laut Umfragen sind immer noch 70 Prozent der Bevölkerung gegen Kriegseinsätze der Bundeswehr. Die haben aber meist keinen Salon zu Hause, auch wenn das Wort "salonfähig" unter Journalisten geradezu inflationär um sich greift. Weshalb sich das vorzüglich als Übergang eignet. Auf der Meinungsseite daneben steht nämlich ein Kommentar mit der Überschrift: "Demokratieverachtung wird salonfähig".
Diese Art Demokratie
Eine Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung hat ergeben, dass jeder dritte Bürger im Westen und jeder zweite in Ostdeutschland nicht mehr daran glaubt, dass Demokratie die Probleme in diesem Land lösen kann. Dazu steht ein Bericht auf Seite 2 und ein Kommentar auf Seite 12 mit dem Titel "Demokratieverachtung wird salonfähig". "Demokratie und Wohlstand" - diese beiden Begriffe, so meint Matthias Lohre auf der Meinungsseite meinen zu müssen, "gehören nicht notwendig zusammen". Das stimmt insofern, als auch in Diktaturen die Reichen reicher werden. Aber die Grundidee der Demokratie hat sehr wohl mit der Idee vom "Wohlstand für alle" zu tun, und damit war bis vor Helmut Kohl und Gerhardjoseph Schröderfischer eine "gerechte" Verteilung des gesellschaftlich erarbeiteten Reichtums gemeint, immer auch unter Berücksichtigung des "unternehmerischen Risikos". Das war mal das "Soziale" an der ansonsten weithin akzeptierten deutschen Marktwirtschaft. Nun hat sich das grundlegend verändert, wie jeder weiß, der sich nicht nur im Salon aufhält und die veröffentlichte Meinung für die öffentliche hält. Ich glaube nicht wie Lohre und andere Interpreten der Umfrage, dass es um eine allgemeine Verachtung der Demokratie geht. Verachtet wird diese besondere Art von "Demokratie", "das System", wie es Hans Herbert von Arnim nennt: Die Selbstbereicherung der politischen Klasse, die gleichzeitig Armut befördert und die Kapitalbesitzer aufpäppelt. In diesem Zusammenhang von einer "tatsächlichen oder eingebildeten Bedrängnis" der Mittelschicht zu schreiben, wie Matthias Lohre das in seinem Kommentar tut, qualifiziert ihn als Zyniker. Von welch hohem Ross aus blickt dieser Herr denn auf "die Mittelschicht" herab? Von Einbildung kann nun wirklich nicht mehr die Rede sein. Interessant seine Anmerkung, "gerade weil die Zustimmung schleichend erodiert, wird auch jetzt ein aufrüttelnder Aufschrei ausbleiben. Das sollte schockieren." Wen sollte das schockieren? Vielleicht die SPD-Politiker, die ihr Bundestagsmandat verlieren. Bestimmt nicht die Ackermänner und Wiedekings oder die Diehls und die Hecklers & Kochs und die Manager von Rheinmetall oder wie die Kriegsgewinnler von der deutschen Rüstungsindustrie sonst noch heißen. Letzteren ist das politische System so egal wie die wechselnden Regierungen. Unter Hitler ging's ihnen gut, und als endlich Rot-Grün an die Macht kam, ging's ihnen gleich besser als unter Kohl. Jetzt sind sie wieder Europameister beim Rüstungsexport, wie das Greenpeace Magazin neulich verbreitete. Vielleicht "sollte" das, zumindest beim Kaffeekränzchen, "betroffen machen"? Und dann? Mal ein paar praktische Überlegungen anstellen, wie man das Pack, das sich die Demokratie unter den schmutzigen Parteiennagel gerissen hat, zum Teufel jagen könnte? Das sollte schockieren.
Zukunftsaussichten
"Die Linke hat nach Ansicht von Grass keine Zukunft", entnehme ich einer dpa-Meldung. Gemeint ist der Günter, der als Schriftsteller seine Zukunft schon seit der "Blechtrommel" hinter sich hat, und sich 2009 "weiter für die SPD stark machen" will. Damit rückt wohl Jürgen Möllemanns "Projekt 18 Prozent" für die SPD von oben her in greifbare Nähe.
Zitate
"Der Reformbegriff ist jedenfalls völlig verbrannt. Wenn die Leute Reformen hören, halten sie nur noch ihre Portemonnaies fest."
"Die Parteien, insbesondere die Volksparteien, haben es nicht geschafft, die Reformen der vergangenen Jahre einzuordnen in eine Gersamterzählung. Ihnen ist nicht gelungen, all diese Einzelmaßnahmen zu erklären. Warum sie notwendig sind, selbst wenn sie weh tun. Die Leute sehen nur, dass sie jetzt 10 Euro beim Arzt zahlen müssen oder erst mit 67 in Rente gehen dürfen."
Frank Karl von der Friedrich-Ebert-Stiftung, Leiter der Studie über das Demokratievertrauen
Ciao!
Bis morgen, wenn der große deutsche Philosoph Jens Lehmann gewürdigt wird.
2. Juli 2008
Schlussball
Hiermit wird auch hier die EM feierlich beendet, nachdem gestern noch ein Hauch von Schwarzrotgold über dem Blog lag. Die Sonderseiten der taz waren manchmal too much, aber der Abschluss gestern einfach grandios: Die Analyse des Endspiels von Markus Völker (beinah hätte ich Völler geschrieben) gehört zu tvF*. Und wer für Ronald Reng die Seiten öffnet, holt sich einen der besten Fußballschreiber überhaupt ins Haus: "Das Spanien des Luis Aragonés war nicht die Zukunft des Fußballs, sondern bloß eine Sehnsucht, die sich einmal auf wundersame Art erfüllt hat. Sanft wie ein Hauch wird sie entgleiten, und man wird sich schon bald fragen: War es wirklich wahr?" So was hat was. Schön auch der kleine Beitrag von Maryam Schumacher, in dem sie von "ihrem" Endspiel berichtet: In einer Berliner Kirche kamen 200 Leute zusammen, um sich das Endspiel als Stummfilm mit improvisierter Orgelbegleitung anzusehen. Wegen solcher Beiträge lese ich die taz. Was "mein" Endspiel anbelangt: Zum ersten Mal hab ich ein ganzes Fußballspiel als "very private viewing" angeguckt, auf meinem Laptop, den Livestream der ARD. Die Qualität war okeh. Weil ich eh kurzsichtig bin und eigentlich eine neue Brille bräuchte, hab ich den Ball besser gesehen als bei meinem Kumpel Peter vorm Fernseher oder beim nächtlichen Großbildwandgucken am Chinesischen Turm, wo ich mit Doug und Sharon geguckt habe (die zweite Halbzeit Spanien - Russland).
*taz vom Feinsten
Doping
Diese Meldung vom 01.07.2008 hab ich bei einer österreichischen Sport-Website gefunden: Alle Dopingproben bisher negativ Bis zum Finale der Fußball-EM hat es keine positiven Dopingtests gegeben. Sämtliche bisher ausgewerteten Proben aus dem Training und den Spielen seien negativ gewesen, teilte das Dopingkontrolllabor des Austrian Research Centers in Wien mit. Die Proben aus dem EM-Endspiel würden momentan noch analysiert. Erstmals hatten die von der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) anerkannten Experten bei den Fußballern Blut- und Urinproben durchgeführt. Insgesamt wurden vor und während der EM 300 Proben von Sportlern entnommen. An dem Turnier hatten insgesamt rund 370 Fußballer teilgenommen.
Liebe Lieder
Angeblich schreibt Stephin Merritt die schönsten Liebeslieder der Welt. Das behauptet zumindest Gregor Kessler in seiner Hommage mit dem schönen Untertitel "Reim dich oder ich knabber dir am Ohr." Vermutlich schreibt Merritt zumindest die meisten: Er hat vier Bands, um die Songs unter die Leute zu bringen, und einmal kam eine Dreifach-CD mit 69 Songs heraus. Die Drei-Mann-und-eine-Frau-Truppe, mit der er zur Zeit auf Tournee durch Deutschland reist, hört auf den Namen The Magnetic Fields. Wie die Katze heißt, die sich in das Gruppenfoto gedrängt hat, erfährt der Leser genauso wenig wie die Namen der anderen Musiker. Jetzt hat es das Mistvieh auch noch ins tazblog geschafft. Das ist so Katzenart. Achten Sie mal drauf, wo die überall auftauchen! Es gibt ja so Theorien, dass die ganze Zivilisation von den Menschen unter telepathischer Anleitung der Katzen aufgebaut wurde, damit ihnen jemand die Dosen aufmacht und ein bequemes Sofa zur Verfügung stellt. Ob das stimmt, weiß ich nicht, aber man muss sich nur mal das Werk des Malers Balthus anschauen - da gibt's mindestens so viele Katzen wie junge Mädchen. Von den literarischen Katzen ganz zu schweigen. Es gibt Bilder von Ernest Hemingway mit fetten Katern auf dem Arm. Erich Kästner hatte vier von den Mistviechern! Charles Bukowski hat mal in einem Interview gesagt: "Eine Katze zu haben, verlängert dein Leben um fünf Jahre. Ich hab jetzt drei Katzen, meine Güte, wo soll das bloß hinführen!" Na schön, ich geb einfach nach. Hier kommt ein Katzenbild, damit a Ruah iss.
Georg, George und Schorsch
Ob der "ehemalige Frontmann der Goldenen Zitronen" tatsächlich Kamerun heißt oder den Namen willkürlich gewählt hat, als er mal Toast Hawaii gegessen hat, das entzieht sich meiner Kenntnis. Aber in Johanna Schmellers Theaterkritik hat er gleich drei verschiedene Vornamen - siehe oben. Interessant, was da an den Münchner Kammerspielen seit dem letzten Jahr abläuft. Es geht um die illegalen Einwanderer, von denen es angeblich 50.000 in der Stadt gibt. Intendant Frank Baumbauer und die Dramaturgin Julia Lochte entwickeln mit den Regisseuren Peter Kastenmüller und dem erwähnten Kamerun merkwürdige Stücke, in denen Immigranten sich selbst darstellen oder auch im Zuschauerraum verteilt werden: "Plötzlich wendet sich jedem Zuschauer ein Nebenmann zu und raunt ihm ins Ohr: 'Wir kennen alle Regeln, wir sind die Chefs, wir schicken das Geld, wir sind neue Menschen.'" Gemeint ist: Sie schicken das Geld nach Hause, um ihre Familien zu unterstützen. Für ein Stück, ich glaube, das war im Herbst letzten Jahres, wurde das Publikum gar in die innerstädtische Landwehrstraße gelockt, wo es hauptsächlich türkische - und zunehmend auch arabische - Läden gibt. Schmeller: "Die Suche nach neuen Antworten auf gesellschaftliche Fragen soll in der nächsten Spielzeit vertieft werden." Am Schluss schreibt sie: Die Illegalen "weisen auf ein Zukunftsmodell hin, das sich selbst unter widrigsten Umständen halten kann: den 'Illegalen', der dem Sesshaften hier deutlich überlegen ist - und zwar nach dessen eigenen ehrgeizigen Maßstäben." Das klingt gut, mutig, furchtlos - in München erlaubt man sich den Luxus, Ängste vor dem Anderen mit ganz anderen Theaterformen zu begegnen. Vielleicht ist auch das schon ein Zukunftsmodell.
Die sorgende Linke
Schon wieder Robert Misik, der, von der Lektüre der Zeitschrift Lettre angeregt, den Linguisten George Lakoff vorstellt und dabei auf eine sehr schöne Definition von "links" kommt. Man müsste dem konservativen Denken, das auf dem Konzept der Familie mit dem Vater als Oberhaupt beruht, der alles am besten weiß, die Idee vom "sorgenden Elternteil" gegenüberstellen. Misik referiert Lakoff mit den folgenden Sätzen: "Eine Geschichte von Respekt und Gleichberechtigung, von Hilfe zur Ertüchtigung der Schwachen, von der Sicherheit, die alle gewinnen, wenn der Dschungel pazifiziert wird, vom gegenseitigen Nutzen der Kooperation, weil wir alle miteinander verbunden sind, vom gemeinsamen Gewinn, den eine Freiheits- und Gleichheitskultur bringt, die allen erlaubt, ihre Talente zu entwickeln, und vom Wert der Selbstbestimmung über sich selbst. Erst im Kontext eines solchen metaphorischen Denkens können Fakten ihre Überzeugungskraft haben." Und Misik kann es sich nicht verkneifen, noch anzufügen: "Das klingt übrigens verdammt nach Obama-Rhetorik." Tja, einer muss es eben sagen.
Schöner Mist
Auf der Medienseite wird der Film "Flashback" aus dem Jahr 1990 mit Dennis Hopper und Kiefer Sutherland so angekündigt: "Der Hippie Huey Walker ist in die Jahre gekommen: Keiner interessiert sich mehr für ihn. Bei dem verzweifelten Versuch, Aufmerksamkeit zu erhaschen, gerät er FBI-Agent Bruckner in die Quere. Witzig und voller Selbstironie." Heh, bis auf den Agenten könnte das ein Film über mich sein, und über das tazblog hier, mit dem ich verzweifelt versuche "Aufmerksamkeit zu erhaschen". Hoffentlich bemerkt jemand den Witz und die Selbstironie.
Krieg gegen Iran: Man gönnt sich ja sonst nix
Die Propaganda-Maschinen der israelischen und der US-amerikanischen Regierungen werden nicht müde, die Bedrohung durch den Iran anzukurbeln. Andreas Zumach berichtet von einem Artikel, der nächsten Montag im New Yorker erscheinen wird, geschrieben von Seymour Hersch. Überschrift: "Das Schlachtfeld wird vorbereitet". Da kann einem Angst und Bange werden, denn wenn einer weiß, was läuft, dann Hersh. Es sieht so aus, als ob Bush noch rasch Ergebnisse sehen will, bevor er - hoffentlich für immer - aus der Politik verschwindet. Schließlich hat er bereits einen Haufen Geld (400 Millionen Dollar) in Aktionen gegen die iranische Regierung gesteckt. Und die israelische Luftwaffe hat die Zerstörung der Atomanlagen bereits im Manöver geübt. Mit einem Präsidenten Obama könnte die Unterstützung für Israels aggressive Kriegspolitik zu Ende gehen. Also gönnt sich Bush zum Abschied noch nen Krieg?
Der Leser
Das Interview mit dem CDU-Mann Michael Fuchs ("Die Gesetze des Marktes gelten überall") zur Frage der Mindestlöhne und der "christlichen" Gewerkschaften hat mich am 27. Juni so in Rage gebracht, dass ich lieber nichts darüber geschrieben habe. Mir fielen nur unflätige Beleidigungen ein. Deshalb möchte ich aus dem Leserbrief von Jürgen Stahn aus Wedel zitieren: "Der Markt wird's schon richten. Wenn der's will, verdient eineR 5 Euro die Stunde oder 800 Mark im Monat. Der Markt ist's, nicht Unternehmen und Politik. (...) Für die Schwachen in der Gesellschaft bringt's bei den Christdemokraten 'der Markt', für Industrie, Landwirtschaft, auch für Abgeordnete, bringt's der Griff in öffentliche Kassen, Subventionen ohne Ende. Vielleicht gibt es dazu auch passende Bibelzitate: Wer hat, dem wird gegeben, wer aber nicht hat, dem wird genommen. Oder: den Seinen gibt's der Herr im Schlafe."
Traurige Tropen
dpa-Meldung: "Die Abholzung der Tropenwälder geht ungebremst weiter: In den Jahren 2000 bis 2005 verschwanden insgesamt 27 Millionen Hektar Regenwald von der Erdoberfläche, 2,4 Prozent des gesamten Tropenwaldes. Fast 48 Prozent der insgesamt neu abgeholzten Fläche entfielen auf Brasilien, viermal so viel wie auf Indonesien, das in der Länderliste als nächstes folgt."
Tod am Hindukusch
Ob die Menschheit als Ganzes lernfähig ist? Manchmal kommen mir arge Zweifel. Ob Menschen, die Verteidigungsminister werden, lernfähig sind? Da kommen mir keine Zweifel, die Antwort auf die Frage ist: nein. Sie dreschen blöde Phrasen, lügen, wenn es sein muss, und beschönigen, wo es nur geht. Der gegenwärtige Amtsinhaber, ein CDU-Mann namens Jung, der endlich, endlich ein paar hundert Mann zum echten Kriegsspiel in den Tod schicken darf, hat sich also vor die Mikrofone gestellt, und, laut taz, "angekündigt, dass sich die Bevölkerung auf Verluste einstellen müsste." Mit anderen Worten: Demnächst fliegen Bundeswehrmaschinen mit Särgen, in denen tote Soldaten liegen, zurück in die Heimat. Ob die dann im Fernsehen gezeigt oder von den Medien ignoriert werden wie in den USA, werden wir schon sehen. Britta Petersen scheint eine sehr mutige Frau zu sein. Sie hält sich in Afghanistan auf und schreibt eine halbe Seite 3 über den Alltag von afghanischen Journalisten, über die Tatsache, dass die Taliban auch im Norden an Einfluss gewinnen, dass es für Frauen wieder schwerer wird, ein menschenwürdiges Leben zu führen. "Vor allem in der Region um Kundus, wo die Deutschen selbst ein starkes Wiederaufbauteam unterhalten, machen die radikal-islamischen Milizen seit einem Jahr eine Politik, die fatal an die Anfänge des Aufstandes im Süden des Landes erinnert." Mich erinnert das fatal an die Zeiten, als Afghanistan von sowjetischen Truppen besetzt war. Die Taliban wurden damals von den USA unterstützt und dazu ausgebildet, gegen Besatzungstruppen zu kämpfen. Die Russen mussten schließlich abziehen, weil der Krieg nicht zu gewinnen war. Was Britta Petersen schließlich mit ihrer Reportage bezwecken will, vernebelt sie etwas am Schluss. Der klingt sehr nach allgemein üblichem, staatsmännischem Wortgeklingel: "Dabei geht es nicht nur um das Leben der Betroffenen, sondern um die Glaubwürdigkeit der internationalen Gemeinschaft und damit um Sieg oder Niederlage am Hindukusch." Solches Phrasengedresche macht fast zunichte, worauf sie eigentlich hinauswollte. Das steht viel weiter oben, wo sie Nader Nadery zitiert, ein Mitglied der Menschenrechtskommission: "Beim Schutz von Frauen oder Journalisten könnten die ausländischen Truppen eine größere Rolle spielen." Aber die Bundeswehr denkt gar nicht daran, weshalb die taz auch auf Seite 1 als Schlagzeile den deutschen Sprecher der Isaf-Truppen zitiert: "Menschenrechte sind nicht unser Mandat". Dann frag ich mich doch, was am Hindukusch verteidigt wird.
Zyniker
Der Titel über einer kleinen Meldung am Rand der Seite 2 hat schon was sehr Zynisches: "Sieg bei Jammer-EM". Es geht darum, dass in Deutschland 68 Prozent der Menschen glauben, dass ihr Leben in 20 Jahren schlechter sein wird als heute. Der Durchschnitt in der EU liegt bei 49 Prozent. Könnte es nicht sein, dass sich die Lebensverhältnisse hier dank SPD und Schröder für viele Leute tatsächlich verschlechtert haben? Und könnte es nicht sein, dass hier viele Leute nicht mehr so recht daran glauben, dass sich die Naturzerstörung noch aufhalten lässt? Liebe/r taz-Redakteur/in: Was hat eine realistische Sicht der Dinge mit jammern zu tun?
3. Juli 2008 Eineinviertel Jahrhundert nach Kafkas Geburt
Franz Kafka wird heute 125 Jahre alt! Das liegt hauptsächlich daran, dass er 1883 geboren wurde. Gestorben iss er angeblich 1924, aber eigentlich steht er jung, aktuell und lebendig mitten unter uns und analysiert die Gegenwart wie eh und je. Ich finde jedenfalls, dass er recht hat: "Ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns." (Axel Ganguin besten Dank für den Hinweis und das Zitat!)
Rückkehr der Leibesübungen
Na endlich, es gibt wieder andere Sportarten! Da lese ich doch gleich den ganzen Tennisartikel von Doris Henkel über Rainer Schüttler, der mit 32 Jahren im Viertelfinale von Wimbledon steht. Heh, vor lauter EM ham sie in der taz nicht mal berichtet, dass Wimbledon schon längst angefangen hat. Und wie's der Zufall so will, hör ich grade im Radio: Schüttlers Match wurde gestern beim Stand von 1 : 1 abgebrochen und geht heute weiter. Na sowas.
Aktienwerte
Das hat's ja wirklich noch nicht gegeben. Es ist nicht zu fassen. Ich bin ganz schön irritiert, als ich die Seite "flimmern und rauschen" aufschlage. Zuerst halte ich es für einen Gag der Medienredakteure, aber nein, oben drüber steht ganz klein "Anzeige". Die ist umso größer, Dreiviertelseite: "Verleger gesucht", steht da als dicker Balken. Bei näherem Studium stellt sich heraus, dass es sich um eine Anzeige der Redaktion der Berliner Zeitung handelt, Teil der Auseinandersetzung mit ihrem Verleger, dem Investment-Geier David Montgomery und dessen Geschäftsführer und Chefredakteur Josef Depenbrock. Sie suchen per taz-Anzeige "eine/n VerlegerIn ... der/dem man nicht erklären muss, dass der Adressat einer Zeitung zuerst der Leser ist und nicht der Aktionär." Drunter steht noch in fetten Lettern: "KAUFEN SIE UNS!" Das klingt verzweifelt. Aber Aufmerksamkeit bekommen sie, auch ARD-Online bringt's als Meldung, mit Foto der taz-Seite. Sie befragen Depenbrock: "Zum Vorwurf der Renditesteigerung als vorrangiges Ziel der Geschäftsleitung entgegnete er: 'Die Renditevorgaben für 2008 kamen von mir und sind von Herrn Montgomery gebilligt worden.'" Im Balken über dem Fernsehprogramm der taz steht noch: "Die Medienseite der taz wurde heute gekauft. Den Content finden Sie deshalb auf www.taz.de. Online first!" "Content" - aha. Und ein Augenzwinkern muss man sich dazu denken: Den Spruch "Online first!" hat auch Springer-Boss Mathias Döpfner vor gut zwei Jahren mal in die Aktionärsversammlung geschleudert.
Wahrnehmungsraster
Ein Kunstbericht von Benno Schirrmeister. Es geht um den dänischen Künstler FOS, der an ein Teatro della Memoria erinnert, das sich der Renaissance-Künstler Giulio Camillo Delminios ausgedacht hatte. In diesem Teatro "sollte der Betrachter ein Panorama 'körperhafter Zeichen' durchwandeln, deren Anblick ihn 'sogleich alles begreifen' ließe. Und alles heißt: alles. Das gesamte Weltwissen." Die Idee wurde von diversen Künstlern in den achtziger Jahren aufgegriffen. FOS nun "gibt nicht vor, über mehr als einen Zweig - twig - des Weltwissens zu gebieten. Doch seine Übersetzung des Konzepts in die Gegenwart nimmt dessen Urheber ernst - aber als frühneuzeitlichen Spinner mit Hang zu Größenwahn und Übergewicht. Der Camillo zweifellos war. Damit versetzt er aus Gegensatzpaaren geformte Wahrnehmungsmuster in irritierende Schwingung. Wo er sie nicht zum Einsturz bringt, wie jenes von angewandter und absoluter Kunst." Schön, das mit der "irritierenden Schwingung". Die Ausstellung heißt "Memory Theater Twig!" und läuft noch bis 10. August in Bremen, Gesellschaft für Aktuelle Kunst (GAK).
Kontra
Höflich, aber bestimmt, zeigt der britische Regisseur Mike Leigh, dass er sich bei Interviews von Journalisten nicht zum Trottel machen lässt. Schon die erste Frage von Cristina Nord kontert er mit: "Was ist denn das für eine Frage? (Pause) Ich weiß gar nicht, ob ich antworten soll." Es geht um seinen neuen Film "Happy-Go-Lucky", und Nord hatte gefragt: "Herr Leigh, was ist für Sie Glück?" Im weiteren Verlauf geht es um einen früheren Film, "All or nothing", und Nord wirft dem Regisseur in Bezug auf die Filmfiguren vor: "Sie sperren sie in ihren Lebensverhältnissen ein." Leigh empört: "Das stimmt nicht!" Und nachdem er eine Weile erläutert hat, was er mit dem Film zeigen wollte, kommt er am Schluss noch einmal darauf zurück: "Ich wehre mich wirklich gegen die Einschätzung, 'All or Nothing' sei ein Film über Leute, die in ihrem Unglück eingesperrt sind. Wenn man das so sieht, dann müsste man ja auch sagen, in 'Happy-Go-Lucky' würde ich die Figuren in ihrem Glück einsperren." Derart zurechtgewiesen, bringt Nord die Souveränität auf, das Interview ohne Widerrede zu beenden: Leigh hatte das letzte Wort.
Der Mann heißt Joseph. Oder Josef?
David Hockenos, ein US-Amerikaner, der seit zehn Jahren als Korrespondent in Berlin lebt, hat ein Buch geschrieben: "Joschka Fischer and the Making of the Berlin Republic: An Alternative History of Postwar Germany". Ulrike Winkelmann fasst den Inhalt zusammen: "Die Rolle der neuen sozialen Bewegungen bei der Zivilisierung und Liberalisierung der Bundesrepublik wird unterschätzt. Er (Hockenos) möchte den Blick darauf lenken, dass es jenseits des kurzen Feuers der Studentenrevolte Millionen von Menschen gab, die in der Friedens-, Frauen- und der Umweltbewegung Zivilcourage und 'civil consciousness' einübten, was mit 'bürgerliches Bewusstsein' nur unzureichend übersetzt ist." Das klingt gut, und der Autor bezieht die Grünen ausdrücklich als Mitzivilisierer ein. Da könnte man ihm vorwerfen, dass er nicht in der Gegenwart angekommen ist, worauf Winkelmann hinweist: "Ob aber die Grünen ihre Zivilisierungsfunktion nicht im selben Maße verloren haben, wie ihren Bewegungscharakter - das wäre dann Gegenstand des nächsten Buches. Am besten von einem unbeteiligten Ausländer." Warum das denn? Warum nicht von einer taz-Redakteurin, die nah dran ist und die Grünen trotzdem kritisch betrachtet? Ich hätte da schon eine Idee, wer das sein könnte.
50 plus links
Hehehe, was für ein witziger Einfall: "Generation 50 plus links"! Klaus-Peter Klingelschmitts Kolumne "Älter werden" mit dem Uraltfoto des Autors als betender Kraushaar-Hippie hab ich ja schon einige Male gelobt. Wenn einer gleich zu Beginn an den 1848er-Revolutionär Friedrich Hecker erinnert, muss man zwangsläufig weiterlesen. Der Lohn: zwei schöne Zitate. Das erste von Hecker, der aus dem US-Exil an Emma Herwegh, Revolutionärin und Frauenrechtlerin, schrieb: "Nun leben Sie wohl und bedenken Sie, dass es in schlechten Zeiten zwei Schätze gibt, die uns alles bevölkern: Der Zweifel an allem und die Phantasie!" Und von Bertolt Brecht zitiert Klingelschmitt: "Schönster Zweifel aber / Wenn die verzagten Geschwächten den Kopf heben und / An die Stärke ihrer Unterdrücker / Nicht mehr glauben!" Am Ende erfahren wir auch noch, dass Friedrich Hecker in den USA zuerst Abraham Lincoln unterstützt, und dann "als Offizier der Nordstaatenarmee gegen die 'Sklavenhalterstaaten' (Hecker) des Südens" gekämpft hat. Da sei doch an dieser Stelle in aller Bescheidenheit meine Liebesnovelle "Delfina Paradise - der aufrechte Gang" erwähnt. Dort heißt es: "Und weshalb schreib ich das alles auf? Weil ich der Schreiber bin. Eine besondere Spezies, klassenlos, keiner Gesellschaftsschicht zugehörig, aber immer auf der Seite der Zweifelnden."
Müllpsychologen
Meldung aus Neapel (EU-Mitgliedsland Absurdistan) auf der Auslandseite: "Der Sonderkommissar für den Müllskandal will im Kampf gegen den Unrat 300 freiwillige 'Müllpsychologen' einsetzen, die den von Dreck und Gestank gebeutelten Menschen beistehen sollen." Man wird ja noch mal fragen dürfen: Wäre es nicht vernünftiger, sie zum Wegräumen des Mülls einzusetzen?
Ach Gottchen!
Schon wieder ein Artikel vom Kampf gegen Symbole: In Leipzig wollen Demonstranten und Inhaber von Geschäften in der Umgebung einen Laden zumachen, der diese Klamotten von "Thor Steinar" führt. Schon erstaunlich, was da für Zeit, Energie und Druckerschwärze reingeht. Schönster Satz in dem Artikel von Julia Walker: "Auch der benachbarte Friseursalon an der Ecke zeigt sich besorgt." Dann muss es sich wirklich um ein wichtiges Thema handeln. Ich versuche, mir einen besorgten Friseursalon vorzustellen, und frage mich ernsthaft: Gibt es rechtsradikale Klamotten?
"Lebensweltliche Avantgarde"
Jetzt glauben Sie bitte nicht, dass mir so ein Ausdruck in die Tasten käme - net amal wiederholen will ich ihn. Damit bezeichnet eine Frau Miriam Meckel, nach Angaben der taz 40 Jahre alt, Leute wie Karl Lagerfeld. Und warum? Er gehört zu den anerkannten "Handyverweigerern". Nein, anerkannt steht nicht in der taz, das hab ich jetzt erfunden, weil ich mich gleich gefragt habe, ob man da auch einen Antrag stellen muss, wie beim Kriegsdienstverweigern? Und ob man aus politischen oder religiösen oder schlicht aus Gewissensgründen anerkannt wird. Also diese Miriam Meckel ist Professorin in St. Gallen, dort, wo auch Peter Glotz auf Bertelsmann-Kosten gelehrt hat. Ob Meckel auch von Gütersloh gesponsert wird? Müsste man mal rausfinden, auf, auf, ihr wackeren investigativen Reporter! Der Gedanke liegt nahe, denn wenn sie nicht in Sankcht Chgallen lehrt, "berät sie Unternehmen als PR-Strategin". Nicht, dass ich was gegen Frau Meckel habe - ich kenn sie ja gar nicht, aber wer solche Sachen von sich gibt, ist mir zutiefst verdächtig: "Kommunikationsökonomie" als Reaktion auf die "kakophonische Kommunikationsüberforderung". Das Buch, um das es in der taz geht, heißt "Das Glück der Unerreichbarkeit - Wege aus der Kommunikationsfalle". Mir scheint, ich sollte mit der Frau mal ein Bier trinken gehen, wir würden uns vielleicht ganz gut verstehen. Sie müsste dann aber ihren Blackberry und ihr Handy ausstellen. Ich nicht - ich halt's eh wie Lagerfeld. Aber vielleicht sollte ich doch nen Antrag stellen und mich anerkennen lassen. Als Auto-, Handy-, Kreditkarten-, Ehe-, Kinder- und Fernsehverweigerer.
Leser
Jeder Mann, gleich wie's ihm geht, freut sich, wenn ihm einer steht.
Ach Quatsch, es soll natürlich heißen: ... wenn ihm einer bestät- igt, dass er recht hat.
Wirklich heiß heute. Also, dritter Anlauf: Ich hab mich über einen Leserbrief gefreut, zur Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung, die zu dem Ergebnis kam, dass eine Menge Leute nicht mehr glauben, dass ihre Probleme von dieser Art Demokratie gelöst werden können. Bernd-Michael Kabioll aus Berlin schreibt dazu: "Hartz IV grenzt aus und ist nicht unbedingt eine Werbekampagne für die Demokratie. Mit Maßnahmen wie der Einführung von Mindestlöhnen sowie des bedingungslosen Grundeinkommens könnte man den Bürgern zeigen, dass man ihre Ängste, Bedürfnisse und somit ihre Würde ernst nimmt. Diese Maßnahmen wären durchaus finanzierbar, wenn man sich das Geld endlich dort holen würde, wo es ist, nämlich bei den wirklich Reichen; dies fordert von unseren Volksvertretern vermutlich ein Mehr an Arbeit und sicher auch an Mut."
Genug geklassenkämpft für heute. Ciao, bis morgen, ich geh jetzt unter die Kastanien.
4. Juli 2008
Unabhängigkeitstag
"Keine Steuern ohne Vertretung!" So hieß der Schlachtruf der Amerikaner 1776, die sich damit vom Mutterland England abnabelten und in der Folgezeit die USA gründeten. Am 4. Juli haben sie ihre Unabhängigkeitserklärung dem englischen König geschickt. Deshalb ist heute Independence Day, der dort traditionell mit Feuerkrachern und -werk, Paraden und Absingen der Nationalhymne gefeiert wird. Ohne Vertretung im Parlament werden also keine Steuern bezahlt. Dazu eine Gewissensfrage: Fühlen Sie sich im Parlament vertreten? Zahlen Sie Steuern? Mein Rat: Erklären Sie sich für unabhängig und stellen Sie einen Aufnahmeantrag bei den Vereinten Nationen. Aber denken sie daran: England fing mit dem neuen Staat erst einmal einen Krieg an.
Subversive Askese
Zu den Wahrheit-Autoren, die mich immer höchst erfreuen, gehört Hartmut El Kurdi. Ich mag seinen Humor, seine Schreibe, seine Sicht der Dinge. Gestern schrieb er über den Zusammenhang von Kapitalismus und Konsum und schloss messerscharf: "Asketischer Lebenswandel ist somit Subversion, Sparsamkeit ist Sabotage, Geiz ist Terrorismus."
"Rumoren des Gegensinns"
Im Jahr 1941 drehte Preston Sturges einen Komödienfilm mit dem Titel "Sullivans Reisen". Ekkehard Knörer bespricht ihn in seiner Kolumne "dvdesk". Es scheint sich dabei um ein kleines Juwel zu handeln, denn Knörer weiß nie so recht, ob "Sullivans Reisen" zum Lachen oder zum Weinen ist: "Der Film spielt mit den Hollywood-Konventionen, wird zwischendurch von ihnen eingeholt, veralbert sie dann, stellt sie auf den Kopf und bewegt den Zuschauer doch. Dieses ständige Rumoren eines Gegensinns ist der Energiekern des Films." Will ich sehen!
Angelina Jolie
Eine ganze "unterm strich"-Spalte geht für ein Kurzessay über Angelina Jolie drauf. Das ist gut geschrieben, scharfsinnig, fein beobachtet, gesellschaftlich relevant und nachdenkenswert. Es verdeutlicht, dass man als gut verdienende Künstlerin im Filmgeschäft ganz schön Arbeitsplätze schaffen kann. Jolie hat jetzt anscheinend ein bescheidenes Häuschen in Frankreich erworben: "Fünfzehn Sicherheitsleute patrouillieren Tag und Nacht über das Gelände. Drei Hubschrauberpiloten stehen auf Abruf bereit. Köche, Gärtner und Stylisten - noch mal ein Dutzend Angestellte schmeißen den Haushalt. Die Kinder haben ihre Privatlehrer und Kindergärtner. Und dann gibt es ja noch die Wohnung in Berlin, das Haus in Vietnam, die ständig zur Verfügung stehende Suite im Waldorf-Astoria in New York, die Villa bei Los Angeles." Man, da kennt sich eine/r wirklich gut aus! Ich kann mir glatt ein Bunte-Abonnement sparen. Das nenne ich Kulturberichterstattung.
"Achtung: tazblog!"-Interview-Award
Der Preis für das beste Interview des ersten Halbjahres 2008 geht an: Thomas Winkler und Sid Griffin. Ich hab selten mit so großer Freude und Spannung ein so langes Interview gelesen, dieser Griffin ist unfassbar. Was für ein Typ! Ein Amerikaner aus Kentucky, der jetzt in London lebt. Nach Country-Punk mit The Long Ryders macht er jetzt Polit-Bluegrass. Schon der Bandname verdient einen Preis: The Coal Porters. Und was für Sprüche der Typ ablässt, das ist so ernsthaft und vernünftig, dass man manchmal vor Vergnügen wiehern möchte. "In gewisser Weise machen wir, was The Band vor zig Jahren vorgemacht hat. Wir reklamieren alte Musik für neue Generationen." Über Bruce Springsteen und seine "Pete Seeger Sessions" sagt er: "Mir fiel mal wieder auf, dass offensichtlich niemand in den Radiosendern wirklich darauf achtet, was Springsteen so singt, sonst würden sie ihn nämlich nicht spielen. Immer geht es da um Streik, eine Fabrik schließt gerade oder ein sinnloser Krieg wird geführt." Winkler fragt ihn, ob er nicht weniger Musiker als vielmehr Historiker ist. Griffin: "Da ist was dran. Ich bin auf jeden Fall ein Musikologe. Ich kann nicht einfach nur eine Platte hören, mich interessiert immer auch die Geschichte dahinter." Als Winkler wissen will, ob er nie den Drang verspürte, modern zu sein, ein Innovator wie andere Künstler auch, sagt Griffin: "Das ist mir scheißegal. Ich arbeite vielleicht nicht an Erweiterungen der Musik, sondern nur an Verfeinerungen. Und: "Ich bin halt jemand, der eher nach hinten blickt. Irgendein englisches Magazin hat mal geschrieben: Sid Griffin reverses forward - Sid Griffin spult vorwärts zurück." Über Gram Parsons, den Mitbegründer der Byrds hat Griffin ein Buch geschrieben. Parsons hat Selbstmord begangen: "Du und ich, wir mögen Gram Parsons. Aber Gram Parsons mochte Gram Parsons überhaupt nicht." Auch den Begriff "Americana", der für typisch US-amerikanische Musik gebraucht wird, definiert Griffin: "Die ersten Singles, die Elvis Presley für Sun Records aufgenommen hat, sind für mich Americana. Oder die frühen Sachen von Loving Spoonful: Wenn die heute rauskommen würden, könnten Will Oldham oder die Handsome Family einpacken. Hey, 'Rubber Soul' ist doch eigentlich Americana, und die Beatles sind noch nicht mal Amerikaner. Die ganze Sache ist außer Kontrolle geraten." Dann geht's noch weiter über seine große Liebe zu Baseball, dass die besten Sportschreiber in den USA über Baseball schreiben, und dass er den Kopf so voll hat mit Daten und Namen zu Musik und Baseball, dass er es niemals zum Juristen oder Arzt bringen konnte, weil "ich diese ganzen lächerlichen Daten in meinem Hirn speichere." Zweimal die Woche geht er zur Psychotherapeutin. Hier ausnahmsweise ein Link zum Interview - hoffentlich funktioniert der in ein paar Wochen auch noch. Unbedingt Lesenswert! Der "Achtung: tazblog!"-Interview-Award ist verbunden mit dieser lobenden Erwähnung.
Kocht für Demos: Wam Kat
Der legendäre Demo-Koch Wam Kat vom niederländischen Kochkollektiv "Rampenplan", der auch in Heiligendamm beim G-8-Gipfel die Leute verpflegt hat, stellt ein Kochbuch vor. Daniel Schulz führt ein Gespräch mit dem Mann, der über einen bemerkenswert gesunden Menschenverstand verfügt. Eine Freude, seine Ansichten zu lesen. Gemüse aus Argentinien lehnt er grundsätzlich ab, und Ökoprodukte aus großer Entfernung sieht er auch sehr skeptisch: "Sehr viele Ökoläden in Deutschland werden von einer Käserei aus Friesland beliefert. Was ist ökologisch daran, einen Käse durch halb Deutschland zu fahren?" Sein Buch hat den Titel "Wam Kats 24 Rezepte zur kulinarischen Weltverbesserung", alles ausschließlich vegetarisch oder vegan. Zitat Wam Kat: "Aber dennoch kann ein Koch mit gutem Essen die Menschen glücklich und zufrieden machen."
Demokratie
Nichts, gar nichts, keine Reaktionen von Politikern zur Studie über die "Ungeliebte Demokratie". Aber die taz-Leser hat das Thema aufgewühlt, immer noch gibt's täglich mehrere Leserbriefe. Heute möcht ich Georg Rammer aus Karlsruhe zitieren: "Je mehr die Realität und der Alltag der Menschen mit dem Anspruch des demokratischen Rechtsstaates und den Reden seiner Repräsentanten kollidieren, desto mehr muss kontrolliert, überwacht und ausgegrenzt werden. Mit Überzeugung für Demokratie eintreten hieße, diese Politik radikal zu ändern. Und das wird die politisch-wirtschaftliche 'Oligarchie' zu verhindern wissen - notwendig auch noch zu Lasten der formalen Demokratie."
Willkommen zu Hause, Teddy!
Die Firma Steiff schließt ihre Produktionsstätten in China und stellt den Teddy und den Eisbär Knut wieder in Deutschland her. Ein Trend? Nö, ein Einzelphänomen.
---------Kommentar
Nee, Hans, das mit Teddy ist kein Einzelphänomen. Das ist eine Entwicklung, die sich seit längerem abzeichnet (leider fällt mir die Quelle nicht mehr ein, aus der ich vor etwa einem Jahr getrunken habe). Sicherlich spielen dabei die von den Unternehmen gerne genannten, eben schwierig zu überwachenden Qualitäten eine Rolle. Der Hauptgrund dürfte jedoch in den sich überall verteuernden Lohnkosten liegen, die diese ohnehin zu langen Wege nicht mehr rechtfertigen. Also geht man zurück in die Heimat und trompetet: Made in Germany sei ein Ruf wie Donnerhall, der nun als Echo aus der Wa(h)ren Welt zurückhalle und den es zu wahren gelte. Und die Agenturen drucken's brav. Auf daß das Volk es wisse. - Jean Stubenzweig
Immer noch: Mehr Autos
Vier Prozent mehr Autos wurden im ersten Halbjahr 2008 verkauft, im Vergleich zu 2007. Die Bretter vorm Kopf sind solide. Da helfen keine Informationen über Klimaveränderung, über CO2-Ausstoß, da hilft nicht mal der horrende Benzinpreis. Und eine allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung gibt's immer noch nicht. Und so weiter, wie schon oft aufgezählt. Manchmal könnt ich verzweifeln.
Heuchler
Die Tornado-Kampfflieger sollen nun doch nicht 2012 ausgemustert werden, sondern bis 2020 weiterfliegen. Und warum? Weil sie Atombomben abwerfen können. Ulrike Winkelmann berichtet über eine Anfrage der Grünen. In der Antwort der Bundesregierung heißt es: "Die Bundesregierung hält ausdrücklich an dem Ziel der weltweiten Abschaffung der Nuklearwaffen fest." Iss ja toll, ich bin richtig stolz auf meine Regierung. Halt ein, Narr: Sie meint nur die Abschaffung in anderen Ländern. Für "uns" und die Nato-Länder gilt das nicht: "Das Nuklearpotenzial der Nato sorgt dafür, dass ein Angreifer im Ungewissen darüber bleibt, wie die Bündnispartner auf einen militärischen Angriff reagieren. Dies trägt zur Abschreckung von Angriffen jeglicher Art bei." Dabei hat mir noch keiner sagen können, wer der "Angreifer" sein könnte. Bei solchen Sätzen wird mir immer deutlich: In den Köpfen der Regierenden hat sich nichts, nichts, gar nichts verändert seit den 50er-Jahren. Oder seit der Steinzeit.
5. Juli 2008
Schamgefühl
Holla, konkrete Lebenshilfe schon auf der Wahrheitseite! Michael Ringel holt sogar Sigmund Freud zu Hilfe, mit dessen Aussage, der Verlust des Schamgefühls sei der Beginn der Debilität. Hm. Nachdenk. Nö, glaub ich nicht. Aber das ist in diesem Zusammenhang eh wurschtegal, denn Ringel fährt fort: "Allerdings muss Scham auch überwunden werden, sonst ließe es sich nicht leben, weil Scham ein Ausdruck von Angst ist." Wieder hm. Jedenfalls hat der taz-Mann "eine sehr persönliche Technik, um das Schämen zu besiegen. Ich murmele vor mich hin: 'The world is waiting for Sun Ra.' Darüber muss ich noch heute lachen." Weshalb er bei diesem Satz lachen muss, hat er mit langem Anlauf vorher erklärt, und als ich das gelesen habe, musste ich mitlachen. Vielleicht können wir uns einigen: Wenn man lachen muss, schämt man sich weniger und hat nicht mehr so viel Angst. Tun Sie jetzt Folgendes, werte/r Leser/in: Verziehen Sie die Mundwinkel zu einem breiten Grinsen. Sie werden sehen, es geht Ihnen gleich besser.
Schach gehört zu Leibesübungen
Ob irgendwelche Mädchen im begeisterungsfähigen Alter diesen tazblog lesen? Falls ja, hier die Extranachricht: Vergesst Poldi und Schweini, und schaut euch mal die Schachspieler an. Die weltbesten werden immer jünger - ein 17-jähriger Russe mit dem exotischen Namen Nepomniachtschi mischt da mit, ein 22-jähriger Deutscher aus Dortmund, der Arkadij Naiditsch heißt, und mit dem Hamburger Jan Gustafsson spielt einer ganz oben, der zwar schon 28 ist, aber verdammt gut aussieht und das Zeug zum Weltmeister hat. Woher ich das alles weiß? Na, von Hartmut Metz, dem Schachexperten, der immer auf der Seite "leibesübungen" schreibt.
Guinness-Buch
Ach, was hat sich Wolf Thieme, der mal kurzzeitig mein Chefredakteur war, immer aufgeregt, wenn wieder einer "Guinness" falsch geschrieben hat! Da ging er höchstpersönlich zum fehlschreibenden Redakteur und legte ihm einen Bierdeckel der irischen Brauerei auf den Tisch: "Doppel-N und Doppel-S. Bitte merken Sie sich das. Und trinken Sie mal eins, wird Ihnen gut tun." Daran musste ich denken, als ich auf der Medienseite lese, dass die Wiener Kronenzeitung "im Verhältnis zur Einwohnerzahl des Landes die größte Zeitung der Welt ist." Hätten Sie's gewusst? Ich nicht, aber ich finde, das gehört ins Guinness-Buch der Weltrekorde. Prost, Herr Thieme!
Nicht mit Beck!
Von Beck gibt's ne neue CD, und egal ob die so gut ist wie seine früheren Sachen - so eine genörgelte Musikkritik wie die von René Hamann hat er nicht verdient. So'n Text hat keiner verdient. Schon dieser Pseudo-Straßensprech: "'Modern Guilt' ist wie seine beiden Vorgänger 'Guero' und 'Information' einfach nur ein okayes Album geworden." Okayes? Oh Mann, das klingt aber cool! Und weil der Autor sich und okay als Adjektiv im Deutschen so toll findet, kommt's gleich noch einmal: "Es hat gute Riffs, kleine, nette, eingängige Melodien, radiofähige Einwegsongs. Und eine halbwegs ambitionierte Produktion, aber das hatte der genauso okaye, aber auch nicht weiter tragfähige Vorgänger 'The Information' von 2006 eben auch." Was für ein Schnösel, dieser Kritiker, was für eine oberlehrerhafte Unverschämtheit dem Künstler gegenüber. Und dann haut er den Beck auch noch in die Pfanne, weil er - so genau weiß der Typ nicht, ob's stimmt - angeblich Scientology angehört. Und da kommt noch so'n überheblicher Unfug: "Religion und musikalisches Genie schließen sich, wie man quer durch die Popgeschichte (Elvis, Dylan, Cat Stevens) sehen kann, grundsätzlich aus." So ein dummbeuteliges Geschwätz.
Mehr Ischtar!
Das fordern Brigitte Werneburg und Catherine Framm, die sich zusammen die Ausstellung "Babylon. Mythos und Wahrheit" im Berliner Pergamonmuseum angeguckt haben. Sie geben ihrer Empörung Ausdruck, dass wieder einmal nur die Männer im Mittelpunkt stehen, und die Göttin Ischtar und die weiblichen Herrscher keine oder zu wenig Beachtung finden. Dafür zählen die beiden zahlreiche Belege auf, aber ich muss gestehen, die Autorinnen haben mich schon am Anfang ratlos zurückgelassen: "Tritt man durch das Ischtartor, eines der Stadttore Babylons, erkennt man am Ende der auf es zulaufenden Prozessionsstraße die über zwei Meter hohe Figur von Marduk. Das Modell des amerikanischen Künstlers Robert Reynolds zeigt das Oberhaupt des babylonischen Pantheons in Form von Muschchuschu." Nun wird zwar im Weiteren erläutert, das dieser auch Baal ist, aber wer, wie ich, wenig über die Götterwelt Babylons weiß, hat vermutlich hier schon einen Schwurbel im Kopf und mit Lesen aufgehört. Marduk in Form von Muschchuschu. Hm. Aber falls Sie sich die Ausstellung ansehen, denken Sie daran: zu wenig Frauenperspektive! Zu viel Muschchuschu.
Subventionen - für Volkswagen!!!
Es ist ein Skandal, was Martin Unfried da auf seine witzige Art in der "Ökosex-Kolumne" ganz ernst rüberbringt: 30 Millionen Euro bekommt Volkswagen von unserer Regierung für die Erforschung von Golf-Autos mit "Twin drive, sogenannte Plug-in-Hybrids. Also Autos, die auch elektrisch fahren können, aber für längere Strecken noch einen Verbrennungsmotor haben." Abgesehen davon, dass es solche Autos bereits gibt, und dass kleine Firmen die Möglichkeit zum Umbau anbieten, bringt es Unfried genau auf den Punkt: "Die (er meint Volkswagen) verbraten für Forschung und Entwicklung gute fünf Milliarden im Jahr. Schwerpunkt Verbrennungsmotor. Möchte der verehrte Bundesumweltminister uns eigentlich verkohlen? Braucht Volkswagen 15 Millionen aus der Steuerkasse, um das zu tun, was sie sowieso tun müssen, nämlich konkurrenzfähige Autos anbieten? Warum gibt er ausgerechnet denen Geld, die noch gestern den Elektroantrieb boykottiert haben?" Tja, warum wohl? Als Nachtrag zur EM steht da noch: "Wussten Sie, dass Schweini, der Freund von Angela Merkel, einen Audi R8 mit 349 g/km CO2 fährt? Ja klar, war zu erwarten."
Gefühlsökomie und Ehe-Marktwert
Nein, das stammt nicht aus dem Wirtschaftsressort, das steht auf tazzwei: "Die emotionale Versorgung von Frauen - und gerade auch von älteren Frauen - ist ein gesellschaftliches Thema und nicht lächerlicher als der Streit um Tariflöhne, Renten oder Unterhaltsgesetze. Wo kriegt frau Geborgenheit her? Das ist eine Frage der Gefühlsökonomie, nur gibt das keiner gerne zu." Und dann zitiert Barbara Dribbusch noch eine verwandte Seele: "Die US-amerikanische Autorin Lori Gottlieb, 40, selbst Single und Mutter eines durch eine Samenspende gezeugten Sohnes, plädierte kürzlich in einem von der Neuen Zürcher Zeitung veröffentlichten Essay für die Wiederkehr der 'Vernunftehe'. 'Wäre es nicht klüger gewesen, ich hätte mich für eine bessere Variante von Herrn 'Nicht ganz der Richtige' entschieden, als ich auf dem Höhepunkt meines Ehe-Marktwertes war?'" Klüger als was? Mit 40 keinen Mann zum Kinderzeugen zu haben? Dribbusch zitiert das ganz ernsthaft, ohne zu bemerken, dass diese Verwendung ökonomischer Begriffe die Entfremdung von ihren Gefühlen deutlich macht. Vielleicht gibt's bald ein neues Ressort in der taz: "markt und gefühl".
Wofür das Geld ausgegeben wird
Im Sommer 2008 sind sich alle Parteien in einem Punkt einig: Das Land braucht eine Steuerreform. Man erinnert sich vielleicht noch, dass sich alle Parteien in diesem Punkt schon seit vielen Jahren einig sind. Worauf sie sich nicht einigen können, wiederholen sie auch schon seit vielen Jahren: Wer besteuert werden, und wie viel ihm der Staat abnehmen soll. Tatsächlich redet aber keiner darüber, wofür das Geld ausgegeben werden soll. Keiner stellt die Ausgaben in Frage, fragt zum Beispiel nach, ob weiterhin Autobahnen (aus-)gebaut werden sollen, ob die Militärausgaben nicht auf reine Verteidigung zusammengekürzt werden können, weshalb die industrielle Landwirtschaft subventioniert wird, und reiche Leute Kindergeld kriegen etc.pp. So auch die Grünen, so auch taz-Autor Malte Kreuzfeldt. Da geht's dann immer um "Gegenfinanzierung", das heißt, wenn irgendwo bei irgendwem die Steuern gesenkt werden, muss der Staat irgendwo anders die Steuern erhöhen, denn die Ausgaben sollen ja gleich bleiben können, und "der Haushalt ausgeglichen" bleiben (oder werden). Möglichst. Und dann wird bei den Grünen halt mit Blick auf die Wahlen taktiert, wie man am besten wieder in die Regierung und an die ersehnten Ministerposten kommt. Kreuzfeldt bringt es auf den Punkt: "Setzen sie darauf, sich als Steuersenkungspartei für den Mittelstand zu profitieren, koalitionsfähig auch mit FDP und Union? Oder bleibt Steuerpolitik für sie ein Instrument der Umverteilung? Beides wäre legitim - aber spätestens im Wahlkampf können sich die Grünen um eine Antwort nicht mehr drücken." Legitim? Also geht's nur noch um Macht - auch aus der Sichtweise des taz-Autors. Von Gerechtigkeit ist nicht mehr die Rede.
Zitat
"Ich bin von der SPD wieder in die SPD eingetreten, die richtige SPD von früher, die jetzt Linke heißt." Winfried Jung, Betriebsratchef der Saarbahn
Die Meldung: 220 von 300 Bus- und Bahnfahrern der Saarbahn, darunter 12 Frauen, sind am 3. Juli 2008 in die Linkspartei eingetreten. 35 von ihnen gehörten vorher der SPD an.
Ach geh!
Was für eine blöde Überschrift auf Seite 3 zu einem langen Artikel von Gerhard Dilger über die Befreiung von Ingrid Betancourt: "Big Raushole!" Was sollndas heißen? Big hole wäre ein großes Loch? Aber was heißt raus im Englischen? Und wenn Raushole, wahrscheinlich: "die Raushole", ein deutsches Wort ist, warum dann nicht "Große Raushole"? Na, vielleicht war's einfach sehr heiß am 3. Juli in Berlin - Sie sehen ja, was ich manchmal so verzapfe an heißen Tagen. Klasse war das Foto, ein Dreierporträt: Betancourt schmunzelt zufrieden an der Kamera vorbei, ein lächelnder Armeechef, Mario Montoya, legt ihr freundschaftlich den Arm um die Schulter und lächelt einen anderen Fotografen an, und links von ihr sieht man den Kopf des Verteidigungsministers, Juan Manuel Santos, der ebenfalls gut gelaunt in die Gegend blickt. Ich bin eine Weile an dem Bild hängen geblieben, weil mich die Menschlichkeit in den Gesichtern der beiden Männer überrascht hat. Vielleicht sind sie ja auch Komissköpfe und Apparatschiks, aber auf diesem Foto sehn sie aus wie fürsorgliche, nette Männer.
6. Juli 2008
Happy Birthday!
Heute hat der Dalai Lama Geburtstag. Alles Gute von hier aus, und ärgern Sie sich nicht über die Wahrheitseite der taz - die wissen es nicht besser!
Grober Unfug
So einen horrenden Blödsinn kann nur ein bedauernswertes Großstadtkind von sich geben, einer, der von der Natur vollkommen entfremdet aufgewachsen ist: Jan Feddersen schreibt im taz mag ein hanebüchenes Stück mit dem Titel "Natur ist anstrengend!". Warum er wohl so einen geistfernen Unfug verzapft? Anscheinend provoziert er gern, in diesem Fall Leute, die sich mit Vorliebe unter freiem Himmel mit Tieren, Bäumen und Pflanzen aufhalten und Freude daran haben, möglichst wenig Menschenwerk zu erblicken, zu hören oder zu riechen. Denen will Feddersen ihre gute Laune vermiesen und beweisen, dass es gar keine ursprüngliche Natur mehr gibt: "Natur ist nirgendwo mehr in Europa echte Natur, unberührte Stücke Landschaft. " Den Wald sieht Feddersen nur als "in Zeitlupe wachsendes Brenn- und Bauholz". Und im Übrigen hat er offenbar eine heillose Angst vor allem, was natürlich ist, denn die Natur ist der "natürliche Feind (!)" des Menschen. Das Ausrufezeichen stammt von ihm. Ob er schon mal in der Camargue war? In der Sierra Nevada? In Schweden? In Finnland? In Island? In den Hochalpen? Im Naturpark Bayerischer Wald? In Polen? In Russland? Sogar die Flussläufe sind laut Feddersen vom Menschen geschaffen worden: "Dass Flüsse wie der Main, die Werra, die Tauber oder die Nahe sich schlängeln, als hätte ein Disneylandparkstylist sie in die Landschaft zeichnend eingekuschelt, ist nicht allein der Erosion geschuldet, dem Wetter, den Winden, den Stürmen und Hageln. Sondern schlicht einem menschlichen Plan - Zeugnis mittelalterlicher Wasser -, also Energiewirtschaft." So ein Schmarren! Ganz abgesehen von der Überheblichkeit (im Sinne von "Macht euch die Erde untertan"), die aus dieser Überschätzung des Menschen spricht, hat Feddersen keine Ahnung von natürlichen und geschichtlichen Abläufen. "Mittelalterliche Wasser- und Energiewirtschaft"! Noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts war zum Beispiel die Isar bei München ein gelegentlich reißender Fluss, der sein Flussbett ständig verändert hat. Allein die Brücke von München nach Bogenhausen musste im 19. Jahrhundert fünf mal wieder aufgebaut werden, weil alle Versuche, einen standhaften Übergang zu bauen, vergeblich waren - bei besonders starkem Hochwasser hat keine Brücke den Wassermassen standgehalten, egal, ob Holz- oder Eisenkonstruktionen. Erst 1902 machte sich der geniale Architekt Theodor Fischer ans Werk, und seine wunderschöne Steinbrücke mit dem weiten Jugendstilbogen steht heute noch.*) Das nur als Beispiel. Aber ist nicht diese Vorstellung, dass Geist und Natur voneinander getrennt anzusehen sind, ein Ausdruck der Krankheit unserer Zeit? Ist nicht der "Geist" auch in seinen schlimmsten Verirrungen Teil der "Natur"? Woher soll er denn sonst kommen? Schließlich beruft sich Feddersen auch noch auf die sprichwörtlichen "amerikanischen Wissenschaftler". Vielleicht hab ich das alles missverstanden, und der Beitrag soll Satire sein - war wohl zu lang für die Wahrheitseite. Falls sich jetzt der eine oder andere Leser fragt, wie so ein Artikel ins taz mag geraten konnte, ob da nicht der zuständige Redakteur hätte eingreifen müssen? Der muss einem Autor doch sagen, wenn er Unsinn schreibt! Nun, der Autor ist der zuständige Redakteur.
*) Siehe dazu "Mann-Haus am Urwald. In: Hans Pfitzinger, Stille Winkel in München. Hamburg 2007. Anzeige weiter unten!
----------------------Kommentar am 7. Juli 2008 super! best jan feddersen Anzeige in bunt
Eine ganze Seite nimmt die Farbanzeige von arte ein, für die Reihe "Summer of the 70s". Das bringt Kohle für die taz, und mir die Gewissheit, dass meine Rundfunkgebühren richtig ausgegeben werden.
So'n Theater
"Die große Vereinfachung" verspricht ein Titel auf der Kulturseite. Der Untertitel hält dann aber ganz offensichtlich nicht das Versprechen: "Das deutsche Theater orientiert sich wieder weniger am Diskurs und mehr an einer Resakralisierung von Kunst und Werk. Wiedererkennbarkeit und schnelles Verstehen sind gefordert, und dafür lernt das Theater von Film und Pop." Ich sag's ganz offen: Einen seitenlangen Artikel, der so angekündigt wird, will ich nicht lesen. Der erste Satz schreckt mich mit seinem Fremdwortgeschwurbel ab, und beim zweiten frag ich mich: Und was gibt's sonst Neues?
Rasenmäher
Es gibt doch noch wichtige Meldungen auf den Kulturseiten. Zum Beispiel über Bodo Kirchhoff: Er mäht gerne den Rasen. "Man muss null nachdenken. Und man macht einfach etwas stur und sieht am Ende ein Ergebnis. Das ist schön." Ja. Und schön ausgedrückt, oder? Dazu fällt mir ein, dass Philippe Djian auch gern Rasen mäht. Und Ken Kesey fuhr gern auf dem Traktor. Und Ernst Jünger sammelte Käfer. Und Erich Kästner trank gern Whiskey.
Zitat zu "68"
"Aber ebenjene Reflexivität muss auch auf das einst Erschlossene verweisen, um es in einer Praxis demokratischer Veränderung fortschreiben zu können: beispielsweise auf die Einübung in eine neue Diskursivität oder auf Aspekte einer veränderten Alltagskultur seit den Protestbewegungen der Sechziger- und Siebzigerjahre." Tania Martini auf taz-Kultur Peter Handke hat einmal darauf hingewiesen, dass eine Sprache, die lediglich Hauptwörter aneinanderreiht, eine tote Sprache ist. Ich möchte ergänzen: Mir graut vor solchen Sätzen. "Ein Oktoberfest ...
... für die unteren Zehntausend", nennt der Fotograf Volker Derlath das alljährliche "Sommerfest" der Rewe-Supermärkte auf der Theresienwiese in München. Kurzer Text, fünf Bilder - eine schöne Idee für eine Fotoreportage. Der Mensch reduziert auf den Konsumenten, ein typisches Beispiel für Leute, die den Kakao auch noch trinken, durch den sie gezogen werden.
Sportschreiber
Ein schönes Stück über die Tour de France von Sebastian Moll erinnert mich daran, dass es auch hierzulande eine Menge Sportjournalisten gibt, die besser schreiben können als viele Autoren aus dem Kulturbereich. Sid Griffin wies im Interview am Donnerstag auf die guten Baseballschreiber in den USA hin - Hunter S. Thompson war zum Beispiel auch einer. Barbara Schaefer lobt im Reiseteil überschwänglich ein Buch von Rüdiger Barth mit dem (wegen H. P. Kerkeling) spekulativen Titel "Endlich weg. Über eine Weltreise zu zweit". Barth, Sportredakteur beim Stern, "kann schreiben, das können nicht alle, die Bücher schreiben. Er ist überzeugt von dem, was er tut, dem Reisen und dem Schreiben, ohne es dabei allzu wichtig zu nehmen. (...) Barths Weltreise liest sich witzig, weil der Autor saukomisch beschreiben kann." Mir kommen da so Gedanken ... Ob man die Kulturseiten verbessern könnte, wenn da gelegentlich einer der guten Schreiber von den Sportseiten über Theater schreiben würde, oder über den Popmusikliebhaber Mehmet Scholl. Oder, ja, über die sportlichen Aspekte der Bayreuther Festspiele, was das Durchhaltevermögen der Künstler und des Publikums anbelangt. Wenn sich die Idee verbreitet - nicht auszudenken! Dann würde es Kulturseiten geben, die sogar gelesen werden. Ob das nicht verboten ist?
Lieblos
Selten kommt es vor, aber an diesem Wochenende gelten alle Leserbriefe nur einem Beitrag: dem von Arno Frank am 2.Juli, zu der allüberall verbreiteten Geschichte mit dem Transsexuellen, der ein Baby ausgetragen hat. Frank lag mal wieder voll daneben. Nachdem ich ihn wegen seiner nassforschen Schreibe schon ein paar Mal hier im tazblog angegriffen habe, wollte ich nicht schon wieder auf ihn hinweisen. Das tun jetzt sechs empörte Leser/innen. Lisa Scheibner aus Berlin schreibt: "Mag sein, dass geschlechtsanpassende Operationen viele Fragen und Widersprüche produzieren, aber den Vergleich, Beattie könnte sich genauso gut erfolglos zum Delfin umwandeln lassen, finde ich respektlos. Menschen, die sich in ihrem biologischen Geschlecht falsch fühlen, lassen sich wohl kaum aus modischen, extravaganten Gründen operieren oder um irgendwelche 'bizarren' gendertheoretischen 'Auswüchse' in die Tat umzusetzen. Da steckt eine Menge Leid dahinter. Freut mich für Sie, dass Sie sich selbst in Ihrer unanfechtbaren, naturgegebenen Männlichkeit (ich nehme an, Sie sind ein Mann) so sicher sind, dass Sie Zweiflern und Verirrten mit Gottes Hilfe ('gottlob!') den rechten Pfad zurück zur Natur weisen können." "Unanfechtbar" - genau so klingt das häufig, wenn Arno Frank etwas von sich gibt. Er wirkt überheblich, grenzenlos von sich selbst überzeugt und gelegentlich menschenverachtend. Lieblos. Wie ein unglücklicher Zyniker.
Zinn im Kongo
Gute Informationen auf den Sonderseiten zum G-8-Gipfel, bedrückend die Reportage aus dem Kongo, "Die Zinnsoldaten von Bisie", über die Bedinungen, unter denen dort Zinnerz gewonnen wird. Schade, dass der Autor nicht mit ganzem Namen vorgestellt wird - N. Garrett muss ja wohl reingekrochen sein in die Löcher, die in den Berg führen und zu eng sind zum Umdrehen. Mich überkam die reine Platzangst, meine Klaustrophobie schlug voll durch beim Lesen, obwohl ich unter blauem Himmel und grünen Bäumen saß. Das war atemraubend gut beschrieben. Wie ist es möglich, ein Wirtschaftssystem, dass zu solchen Auswüchsen führt, nicht zu bekämpfen? Wie ist es möglich, dass die Profitgier nach Zinn dazu führt, dass unsere westlichen Regierungen so etwas zulassen? Der Titel "Gipfel ohne Weisheit" auf Seite 2 ist auch keine Antwort.
Morgen ist Ruhetag. Da können Sie, statt "Achtung: tazblog!", mal wieder ein gutes Buch lesen. Ich hätte da so eine Idee.
8. Juli 2008
tazblog
Die Arbeit fing heute erst mal mit einem Leserbrief "in eigener Sache" an, hehehe: "Schade, dass Lana Stille in der taz zwar schreibt, aber sie offenbar nicht liest. Unter 'Ich seh dich, SPD' berichtet sie am 8. Juli auf der 'inland'-Seite: 'Ein eigenes Watchblog im Internet zu haben, ist eine fragwürdige Ehre. Man ist einerseits wichtig genug, dass jemand sich ausführlich mit einem beschäftigt - andererseits macht man so viel Blödsinn, dass jemand findet: Das sollte man mal in gesammelter Form aufschreiben. Seit kurzem wird diese Ehre nicht nur der Bild-Zeitung zuteil, sondern auch der SPD.' Würde die Autorin die taz lesen, hätte sie schon am 23. 4. in ihrer Zeitung finden können: 'Hans Pfitzinger, 62, Münchner Schreiber, betreibt seit Sonntag unter www.hans-pfitzinger.de das kritische Blog 'Achtung: tazblog!' Er sagt: 'Aus Notwehr'. Es sei 'ein Ventil' für seine Wut, die er manchmal beim Lesen kriege. Er wolle die Redakteure erinnern, wofür die Zeitung gegründet wurde.' Oder, wie Lana Stille ganz richtig vermutet: Die taz macht so viel Blödsinn, das sollte man mal aufschreiben. Hans Pfitzinger, München"
Mal gucken, ob die Leserbriefredakteurin so nett ist ...
----------------Kommentar
Danke für den Hinweis. Ich bin - ganz allgemein - ein großer Freund von "Watch Blogs", ganz unabhängig vom Objekt und dem Blickwinkel der Betrachtung. Eine kritische Reflektion schadet weder den politischen Parteien noch den Medien. In diesem Sinne: Weiterhin viel Erfolg mit Ihrem Projekt! Beste Grüße Stefan Weber spd-watch.de
Leibesübungen
Was hab ich diese Seite vermisst, merk ich erst jetzt so richtig, bei Sebastian Molls täglichem Tour-Bericht, und die großartige Doris Henkel informiert mich über Venus und Serena Williams in Wimbledon. Ob das bald in Williamsdon umbenannt wird? Meine Güte, was sind die beiden gute Tennisspielerinnen! Ich steh ja mehr auf Serena, seit ich mal ein Foto von ihr mit durchsichtiger Bluse gesehen hab. Nö, will meine Vorliebe für Fotografien schöner Frauen nicht verleugnen: Ich war mal Redakteur bei Playboy, vor etwa 28 Jahren. Aus Überzeugung. Wer kreischt denn da so laut? Ach, Alice Schwarzer, ich hab Sie doch neulich erst heftig unterstützt auf diesem tazblog.
Gähn
Wer will schon einen Zweispalter lesen, der mit dem Gähntitel "Das Private ist politisch" abgekündigt wird? Na ich, geht's doch laut Untertitel um "Marietta Slomkas fünf China-Reportagen", und das, was David Denk darüber schreibt, ist keinesfalls zum Gähnen. Ich hab mir den Spaß gemacht und im Schlusssatz statt "China" ein anderes Land eingesetzt, und siehe da: Stimmt immer noch. "Sie (Mariette Slomka) zeigt, dass in Deutschland alles politisch ist - auch das Private, vermeintlich Unpolitische. Das Rumstreunen hat sich gelohnt."
Benga-Pop mit Indie-Rock
Extra Golden, eine Band mit drei Musikern aus USA und drei aus Kenia, spielen in der Fabrik in Hamburg. Darüber berichtet Alexandra Eul, weil sie den Mix aus Indie-Afropop für wichtig hält und die Musik mag: "Gitarrist Ian Eagleson sagt, er spiele lieber Konzerte, auf denen 100 Leute tanzen, als solche, auf denen sich 300 Leute langweilen. In die Fabrik kommen nur 20 Gäste - aber sie tanzen." Yeah, that's the spirit! Ich hab mal in der Alabama-Halle ein Konzert von Los Lobos erlebt. Da waren, mit mir, 43 Besucher anwesend (ich hab's gezählt), dazu drei Leute hinter der Theke, und herauskam eines der besten Konzerte meines Lebens. Es war der Band offensichtlich völlig egal, dass nicht mehr Leute rumstanden, sie haben sich reingehängt, als ob sie vor 10.000 spielen. Am Schluss gab's drei Zugaben, eine war "Bertha" von den Grateful Dead, und man konnte sehen, was für einen Spaß die Musiker hatten. Das war schön.
Ein Herr ist tot
Wenn die altmodische Bezeichnung "Herr" noch auf jemand zutraf, dann war das der Schriftsteller Nicolaus Sombart. Ich hatte in den späten achtziger Jahren als Redakteur gelegentlich mit ihm zu tun, hatte auch die Werke seines Vaters Werner beim Studium kennen gelernt, und bei den wenigen Telefongesprächen hinterließ er bei mir immer den Eindruck: Der Mann stammt aus einem anderen Zeitalter und guckt sich vergnügt und fasziniert die Gegenwart an. Ein paar Mal hab ich mich gefragt: Ist das eigentlich links, was der Sombart schreibt? Jetzt isser tot, gestorben in Straßburg, mit 85 Jahren. Etwas verspätet kommt die taz mit einem Nachruf von Eva Behrendt: "Auch wenn Sombarts Utopie am Ende auf ein selbst gestaltetes, unabhängiges Leben hinauslief, ging es ihm im Grunde um das Paradies auf Erden. Weil er dafür Fantasie und Erotik ebenso in Betracht zog wie Wissenschaft und Technologie, saß er zwischen allen Stühlen." Nun ja, das ist ja oft der einzig anständige Platz für aufrichtige Menschen. Und weiter heißt es: "Sombart war davon überzeugt, dass sich der zivilisatorische Fortschritt am Grad der Emanzipation von Frauen, Juden und Homosexuellen bemessen lasse." Na, dann ist die Frage doch beantwortet: Sombart war links.
Banküberfall & Negerküsse
Sie kommt nicht los von Dorothea Ridder: Diesmal lässt Gabriele Goettle drei Freunde von ihr erzählen, Helmut Höge, Heike Richter und Klaus Richter. Die ersten beiden haben ein gemeinsames Kind, und später hat sie dann noch eins mit dem Letzteren in die Welt gesetzt und lebt bis heute mit ihm zusammen. Am ausführlichsten kommt Klaus Richter zu Wort, wahrscheinlich, weil er gern redet. Schön seine Erzählung über Fritz Teufel und sein Alibi/Belibi und Richters Haltung zur RAF: "Als Westberliner Lokalpatriot fühlte ich mich zum 2. Juni hingezogen. Die waren ja nicht so trocken. Es gab ja den berühmten Banküberfall, wo sie eine Kiste Negerküsse hinstellten, für das Publikum und die Bankbeamten. Und dann hatten sie die Frechheit, vier Wochen später die gleiche Bank noch mal zu überfallen."
Neil Diamond
Die "Charts"-Kolumne, von der möglicherweise nur der Autor Peter Unfried weiß, was das soll, bringt am Ende unter "Pop: Neil Diamond. Aber selbstverständlich nicht der späte, von Rick Rubin produzierte." Warum selbstverständlich? Gibt doch nichts dran auszusetzen, und "Delirious Love" kann es wirklich mit allen grandiosen Diamond-Songs aufnehmen. Ansonsten stimmt die Auswahl: 1. "September Morn" 2. "Yesterday's Songs" 3. "Forever in Blue Jeans" 4. "Don't Bring Me Flowers (mit Barbra Streisand) 5. "Sweet Caroline" So weit Unfrieds "Charts". Und weil ich ein großer Fan von Neil Diamonds Songschreiberei bin, möchte ich noch zwei hinzufügen: "Beautiful Noise" und "Dry Your Eyes". Letzteres hab ich erst vor ein paar Monaten meinem Repertoire hinzugefügt, weil die verwendeten Akkorde dem Song eine unglaubliche Steigerung geben. Seitdem hab ich ihn fast jeden Tag gesungen. Fragen Sie mich bloß nicht, was der Text sagen will. Nicht, dass ich die Wörter nicht verstehe - ich weiß einfach nicht, was mir der Schreiber damit sagen will. Womit wir wieder bei der "Charts"-Kolumne sind, denn da geht's mir ja genau so. Aber ich tröste mich mit Roberto Benigni: "Das meiste im Leben verstehen wir nicht."
Nervt
Keine Einzelheiten zum Montagsinterview mit Friedrich Küppersbusch. Der nervt heute nur. Wird nicht mal fett gedruckt, der Name.
Die Hitlerei
Von mir werden Sie nichts zum Wachsfigurenattentat lesen, außer den Hinweis auf Rafael Seligmann, der zwei fast ganzseitige Spalten für seine gescheiten Ausführungen kriegt, im Titel "Artenschutz für Adolf!" fordert und die Enthauptung im Wachsmuseum zum Anlass nimmt, Bernd Eichingers Film "Der Untergang" gehörig und gekonnt in die Pfanne zu hauen.
Die gute Nachricht
Von nun an geht's bergab, der Gipfel der Ölförderung ist erreicht, und die Auswirkungen dieser guten Nachricht verändern das Leben auf diesem Planeten schneller, als ich vor drei Jahren gehofft habe. Bernward Janzing schreibt in seinem brillanten Kommentar: "Wer heute noch Flugplätze ausbaut, veruntreut Steuergelder." Und er entlarvt auch die Analysten von der Wall Street und anderswo als dumme Schwätzer. Noch im vergangenen Oktober schrieb "der leitende Energieanalyst beim New Yorker Investmenthaus Oppenheimer: 'Ein Ölpreis von über 60 Dollar oder gar 80 Dollar pro Barrel wird durch die Fundamentaldaten der Ölindustrie nicht gedeckt.'" Zur Zeit liegt der Preis bei 145 Dollar. Janzing sieht die Lage ähnlich positiv wie ich auch. "Arbeitsplätze wird es vor allem im Bausektor ausreichend geben. Etwa für kreative Architekten und gute Handwerker, die den Gebäudebestand an den hohen Ölpreis anpassen. Denn Immobilien zählen heute zu den größten Energieverschwendern." Das meint übrigens auch der clevere Topmanager Georg Kofler, der einmal den Fernsehsender Premiere leitete. Kofler arbeitet jetzt an Konzepten für Wärmedämmung im Gebäudebereich, weil er da ein enormes Wachstumspotential sieht.
Ein seltsames Paar
Auf der Auslandseite ein Foto der ehemaligen kolumbianischen Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt bei inniger Umarmung mit Nicolas Sarkozy. Von der Dame, die vor Monaten angeblich todkrank war und jetzt plötzlich kerngesund ist, werden wir noch viel hören. Übrigens: Haben Sie seit ihrer Befreiung irgendwo etwas über ihre politischen Ziele oder Programme von früher gehört oder gelesen? Und jetzt also Umarmung mit dem Präsidenten der französischen Rüstungsindustrie.
Urlaub = Flugreise
Wie gut die Gehirnwäsche hierzulande funktioniert zeigt die dpa-Meldung über den Anstieg der Preise bei Pauschalreisen. Drei Prozent mehr verlangt TUI, und ihr Chef Volker Böttcher geht "nicht davon aus, dass der Preisanstieg zu Einbußen führen wird. Die Gäste ließen sich so schnell nicht vom Urlaub abhalten." Mit anderen Worten: Das Wort "Urlaub" hat heute die gleiche Bedeutung wie "eine Pauschalreise mit dem Flugzeug buchen".
Jobidee
"Für Altpapier zahlen die Verwerter den Entsorgern derzeit rund 100 Euro pro 1.000 Kilogramm." Das steht in einem Artikel von Beate Willms über das Milliardengeschäft mit dem Müll. Hier in München hat die Stadt an alle Haushalte kostenlose Papiertonnen verteilt, die sie gebührenfrei entleert. Mit dem Erlös finanziert sie zum Teil den Abtransport von Restmüll und Bioabfall. Letzte Woche sah ich einen Typen, der die Papiertonnen, die an diesem Tag auf dem Gehsteig standen, von Hand ausleerte und die Zeitungen und Kartons auf zwei getrennte Stapel in seinem unbeschrifteten Lieferwagen verteilte. Hah, dachte ich mir, da hat sich einer den eigenen Job geschaffen: Bevor die städtischen Lastwagen zum Abholen des Altpapiers vorbeikommen, kommt er und nimmt sich seinen Anteil. Schlau.
Biodiesel und Genmerkel
Japanische Bauern protestieren auf einer Kundgebung in Sapporo gegen den G-8-Gipfel. Ihr Anführer Ryozo Inomato sagt auf einer Kundgebung, der Anbau von Pflanzen für Biokraftstoff sei "ein Verbrechen gegen die Menschheit." Genau dasselbe hat Fidel Castro schon vergangenes Jahr in seiner Zeitungskolumne in der Zeitung Granma geschrieben, aber wer hört schon auf die verdammten Kommunisten. Und was fällt der beliebtesten Politikern der Bundesrepublik zum Thema ein? Angela Merkel hat "am Freitag dazu aufgerufen, die aktuelle Nahrungsmittelkrise durch den verstärkten Einsatz von Gentechnik einzudämmen. Als Beispiel nannte sie Sorten, die mit weniger Wasser auskämen. 'Viele Experten setzen darauf, dass der Einsatz gentechnisch veränderter Pflanzen eine wichtiger werdende Rolle spielen wird.'"
Leser
Ja, was soll ich sagen? Als ich am 1. Juli den taz-Kommentar von Matthias Lohre über "Demokratieverachtung" kritisierte, konnte ich nicht ahnen, wie viele Leserbriefe zu diesem Thema in der taz abgedruckt würden. Hier ein Zitat aus dem Brief von Bernhard Schindlbeck aus München: "Immer mehr Menschen geht es heute wie den Bremer Stadtmusikanten, sie sagen sich: Eine bessere Demokratie als diese verlogene, korrupte, unglaubwürdige, plutokratische Parteien- und Lobbyismus-Demokratie, diese Bush-Blair-Berlusconi-Demokratie, die nicht mehr ist als eine staatliche PR-Agentur am Gängelband der Wirtschaft, finden wir allemal." Nach dem vorherigen Beitrag möchte ich den drei Namen, die alle mit B anfangen, noch einen mit M hinzufügen.
Das Hinterland des Kriegs - tvF *)
Ein großartiges Porträt von der taz-Mitbegründerin Ute Scheub: Sie schreibt über Selena Coppa, eine Soldatin der US-Armee, die in Wiesbaden stationiert ist. Coppa kämpft innerhalb des Systems gegen den Krieg im Irak. Die Frau ist eine Heldin, der Artikel sollte an alle Schulen des Landes verteilt werden. Selena Coppa ist Mitglied der "Iraq Veterans Against the War" und hat vor dem US-Kongress zusammen mit 200 anderen Soldaten über Kriegsverbrechen im Irak und Afghanistan ausgesagt - "von den Mainstream-Medien unbeachtet", wie Ute Scheub anmerkt. Die US-Soldatin hat der taz eine Rechnung aufgemacht, die verdeutlicht, in welchem Ausmaß die deutsche Regierung die USA bei ihren Kriegen unterstützt: "Offiziell sind bisher etwa 4.100 GIs im Irak gefallen. In Wirklichkeit dürften es ungefähr 25.000 sein." Scheub weiter: "Die Statistiken würden manipuliert, unter anderem, indem kriegsbedingte Selbstmorde nicht hinzugezählt und Schwerverletzte in Kliniken auf deutschem Boden geflogen werden. 'Wenn die Leute in der Luft sterben oder beispielsweise in Landstuhl, dann zählen sie als Todesfälle innerhalb Deutschlands.'" Selena Coppa begründet ihr Engagement gegen den Krieg mit ihren Erfahrungen im Irak. Was sie dort erlebte "widersprach ihren Vorstellungen von Humanität und Gerechtigkeit so eklatant", dass sie beschloss, mit allen Mitteln gegen diesen Krieg zu kämpfen. Über die deutsche Regierung sagt sie: "'Sie verhält sich wie Pontius Pilatus, der seine Hände in Unschuld wäscht.' Deutschland mit all seinen US-Basen und Hospitälern sei das strategisch unverzichtbare Hinterland für den 'War on Terror'." Und sie ruft zur Aktion auf: "Es geht darum, eure Regierung unter Druck zu setzen, damit sie ihre indirekte Hilfe für den Krieg einstellt." Kontakt: army-sergeant@ivaw.org
*) taz vom Feinsten!
9. Juli 2008
Sicher, sauber, umweltfreundlich
"Berechtigte Angst vor radioaktiver Strahlung
Bei dem Uranunfall in der südfranzösischen Atomanlage Tricastin ist nach Einschätzung unabhängiger Forscher die Umwelt stärker mit Strahlung belastet worden als bisher von den Behörden eingeräumt. Man könne davon ausgehen, dass die Strahlung 100 Mal höher sei als die für das Gesamtjahr zulässige Obergrenze, erklärte die Kommission für Unabhängige Forschung und Information über Radioaktivität (CRIIRAD).
Der Unfall hatte sich am Dienstagmorgen um 06.30 Uhr in dem Werk zur Behandlung von Atomabfällen in Tricastin bei Avignon ereignet. Die Behörden hatten aber bis zum Abend mit der Bekanntgabe gewartet. Aus einem undichten Tank war radioaktive Flüssigkeit mit 360 Kilogramm Uran ausgetreten. Ein Teil gelangte in die kleinen Flüsse Gaffière und Lauzon und die Rhône. Die Behörden gaben keine Strahlungswerte an. Der Sprecher französische Atomaufsichtsbehörde ASN, Charles-Antoine Louet, nannte die Gefahr für die Bevölkerung gering." (aus: tagesschau.de, 9. 7. 2008, 11:15 Uhr)
Die Sauerei fängt beim Bau von Atomkraftwerken an, und hört nicht damit auf, dass die "Behörden" bis zum Abend gewartet haben, ehe sie den Unfall bekanntgaben. Und die SPD in Deutschland lässt sich momentan weichklopfen und will den Ausstieg doch hinausschieben, von den CDU-Verbrechern ganz zu schweigen. Vielleicht schauen Sie mal nach oben zum Einstiegszitat auf dieser Seite. Gustav Landauer hatte recht!
------------------------------Kommentar Inzwischen, 11. Juli, weiß die Öffentlichkeit, dass auch der Zeitpunkt 06.30 Uhr bereits gelogen war. Der Dreck lief schon am Vorabend um elf aus. -hp
"Wir müssen Benzin vergessen"
Mein Kumpel Axel hat mir ein Spiegel-Interview mit Neil Young kopiert und zugeschickt, in dem dieser am Schluss sagt: "Ich weiß heute, dass alles, wovon wir seit Jahrzehnten singen, worum es uns geht, nämlich die Kriege zwischen Menschen zu beenden, sich auf eine Frage reduzieren lässt: Wo kommt unsere Energie her, und wie verteilen wir sie gerecht? Darauf hat der Musiker leider keine Antwort. Der Wissenschaftler schon. Wir müssen das Öl vergessen, wir müssen Benzin vergessen. Wir müssen Tankstellen am Straßenrand abschaffen. Und das sage ich als Autofan."
(aus: Der Spiegel 26/2008; siehe auch meinen Artikel über Neil Young unter: http://schmoll-et-copains.typepad.com/schmolletcopains/2007/08/young-versus-bu.html)
Kinder und Enkel
"Von den Dingen, die sich an diesem Sonntag zwischen halb drei und viertel nach neun (...) abgespielt haben, werden alle, die dabei waren, ihren Kindern und Enkeln noch erzählen." Wo sich diese Dinge laut taz abgespielt haben, erfahren Sie, wenn ich vom Laufen zurück bin - ich muss jetzt erst mal die neuen, federleichten ultraspitzentopmäßig sohlengepolsterten Laufschuhe ausprobieren. Nur so viel: Es geht um Sport im obigen Zitat, und es war Sonntag, der 6. Juli 2008.
Rasen betreten!
Hin und weg war sie vom Finale zwischen Roger Federer und Rafael Nadal, die Doris Henkel, von der das obige Zitat über die Kinder und Enkel stammt. In den Klammern (...) stand noch: "... auf Wimbledons Centre Court ...". Muss aber auch zu schön gewesen sein, das längste Finale in der Geschichte des ruhmreichen Rasenturniers. So geht's zu, wenn die alten Alpha-Tiere von den jungen Herausforderern vom Thron gestoßen werden. Und dann zu allem Überfluss fliegt der Matchball bei Sonnenuntergang übers Netz, kurz bevor man gar nichts mehr gesehen hätte. Große Worte flossen Henkel in den Laptop: "... Beginn einer neuen Zeitrechnung in der Tenniswelt". Im nächsten Juni gibt's dann das Turnier im Jahr 1 nach Nadal gegen Federer.
Brigitte Nielsen
Nö.
"Neil Young war super"
Na bitte, sag ich's doch, aber ich freu mich auch, wenn so was in der taz steht, als Untertitel zum Bericht über das Roskilde-Festival. Und dazu ein Waaahnsinnsfoto vom alten Neil mit schütterem Langhaar, das ihm vom Kopf absteht, mit dem zerknitterten Gesicht eines 63-Jährigen, der gelebt hat und nicht aufgibt, und hochkonzentriert auf seine E-Gitarre hinunterblickt, mir der er so laut und virtuos spielt wie eh und je. Er war ja auch deshalb so erfolgreich, weil er von Beginn an so ein begnadeter Gitarrist war (auf den Alben von Buffalo Springfield kann man's hören, oder auf dem Solo-Live-Mitschnitt in der Massey Hall in Toronto aus dem Jahr 1971). Von seiner Begeisterung für Neil Young mal abgesehen, fand taz-Autor Andreas Becker: "Insgesamt war Roskilde dieses Jahr aber zu lasch. Nächstes Jahr fahren wir mal nach Budapest zum Sziget, da sollen 400.000 Irre sein." Viel Vergnügen!
Ich weiß nicht
Vom Fritz-Lang-Film "Metropolis" sind ein paar ebenso verkratzte wie -schollene Zelluloidstreifen aufgetaucht. Breche ich jetzt in Begeisterung aus? Würde ich als Redakteur deshalb die Seite zu einem Interview mit und einem Foto von Enno Patalas nutzen, der leider nicht viel dazu sagen kann? Erste Frage: Nein. Zweite: Auch nein.
Dubai West
Ein sehr informativer Artikel über die Aufbruchstimmung der Geldgeier in Tanger von Alfred Hackensberger. Etwas deplatziert wirkt der Einstieg, wo er aus unerfindlichen Gründen seine Bekanntschaft mit Katharina Franck von den Rainbirds unterbringt. Gegönnt, geschenkt, mit dem Rest des kenntnisreich geschriebenen Hintergrundberichts hat das dann nichts mehr zu tun. Schön der Gedanke, dass sich die "goldenen Jahre" immer erst im Rückblick als solche erweisen, so wie das Tanger der 50er und 60er, wo eine Anzahl von Künstlern, Musikern, Schriftstellern Mythen schuf. Jetzt hat der König von Marokko den Größenwahn beschlossen, und die Moderne - sprich: gigantische Bauvorhaben - übernimmt das Kommando à la Shanghai und Dubai. Am besten man schwimmt noch mal rüber mit der Fähre aus Spanien, bevor alles zu spät ist. P. S. Die Sängerin Katharina Franck holt der Autor selbstverständlich vom Flughafen ab. Man weiß ja, wie schädlich die Fliegerei fürs Klima ist, aber auf Fernflüge verzichten? Was für ein exotischer Gedanke! Das tut man nicht. Das wäre Rückschritt, oder? Wo wir - die Menschheit - es doch mit dem Fortschritt halten, der uns schließlich so weit gebracht hat. Jim Morrison lebt!
Joachim Lotsch, der Verleger meines Buchs "The Doors / Tanz im Feuer" (s. Werbeeinblendung hier auf dem Blog) hat mir gestern aus Unterkienberg bei Allershausen bei München eine Meldung gemeld, nein, gemailt, in der stand: "Manzarek bestätigt - Morrison lebt!" Spiegel-online hatte das verzapft und sich auf ein Interview des englischen Dreckschleuderblattes Daily Mail berufen, dass die Schmierfinken mit Ray Manzarek geführt hatten, dem Organisten der Doors. Ich hab mir zusammengereimt, dass Manzarek die Arschlöcher aus dem britischen Gossenjournalismus gehörig angeführt und ihnen einen laut brummenden Bären aufgebunden hat. Auf den Seychellen lebt er, der Jim Morrison, harrharrharr! Ich hab dem Verleger zurückgemeld, Quatsch, -gemailt: "Elvis lebt! Karl Marx lebt! Und die Seychellen verschwinden eh bald, wenn der Meerespiegel ansteigt." In der taz vermuten sie, Morrison lebt "wahrscheinlich in einer Strand-WG mit Elvis, Jimi Hendrix und Sid Vicious." Na denn: Prost, Jungs! Auf ein langes Leben!
Immer noch: Oberpeinlich!
Wenn es einen deutschen Musiker gibt, den ich für noch peinlicher als Rex Gildo halte, dann ist das Wolfgang Niedecken, der als einziges Gründungsmitglied von der einstmals gar nicht üblen Band BAP noch übrig ist. Der Kerl ist ein Ausbund an Aufgeblasenheit, der in seinem Leben einen guten Song unter die Leute gebracht hat, und sonst nur bemerkenswert dumm daherschwätzte - vor allem, wenn er sich staatsmännisch gab. Der gute Song hieß "Verdamp lang her", und für das dumm Daherschwätzen habe ich im taz-Interview von Peter Unfried wieder einmal die Belege gefunden. Über seine Kinder: "Was für eine Welt hinterlasse ich ihnen?" Über Schwarz-Grün: "Nein, das ist kein Verrat. ich schreie jetzt nicht Hurra, aber bei allen existierenden Grenzen zwischen den beiden Parteien ist das für mich ein Versuch weiterzukommen." Über den Bundespräsidenten Horst "Agenda 2020" Köhler: "Ich habe ein wunderbares Verhältnis zu unserem Bundespräsidenten, das beruht auf Gegenseitigkeit. Der hat mich jetzt schon etliche Male eingeladen zu Afrikakonferenzen, zu Staatsbesuchen nach Afrika." Zwischenfrage von Unfried: Ist das ein Zeichen von Alter, dass man den Bundespräsidenten sympathisch finden kann? "Es ist ein Zeichen von Reife. (...) Was stimmt ist, dass nicht jeder alle deutschen Politiker kennenlernen und sich sein eigenes Bild machen kann." (Nö, aber der tolle Niedecken kann das!) "Ich träume davon, dass die Bereitschaft der Menschen größer wird, sich gegenseitig verstehen zu wollen." Unfried: Amen ...
----------------------------Kommentar Warum Wolfgang Niedecken nach wie vor so heftige Ablehnung auslöst (nicht nur bei Ihnen)? Finde ich interessant. Ich habe ihn jetzt zweimal zu einem Interview getroffen. Mein Eindruck: Es gibt andererorten viel Unsympathischere und Blödere als ihn. Es sieht aus, als habe er das schwierige Weitermachen als Rock' n Roller nach dem Höhepunkt und trotz Zusammenbrechen des alten Marktes ganz gut hingekriegt. Ansonsten: Ich lese Ihren Blog regelmäßig und schätze ihn. Herzlich, Peter Unfried
-----------------------------Kommentar Weshalb der Niedecken bei mir solch starke Ablehnung auslöst? Ich nehme mal an, das hat mit seiner im Grunde windelweich sozialdemokratischen öffentlichen Person zu tun. -hp
Zitat
"Europa braucht zwar eine Einwanderungspolitik aus einem Guss. Doch die muss sich humanitären Grundsätzen verpflichtet fühlen, und sie darf das menschliche Einzelschicksal nicht aus dem Blick verlieren." Wolfgang Niedecken - halt, nein, stoppt die Maschinen! Alles falsch! Berichtigung! Das angeführte Zitat ist von Daniela Weingärtner, Korrespondentin der Tageszeitung die tageszeitung bei der EU in Brüssel.
2.000 Quadratmeter
Zur Feuersbrunst in Kalifornien auf Seite 10: "Insgesamt vernichteten die Brände binnen zwei Wochen 2.000 Quadratmeter Busch und 69 Häuser." Wenn man 69 Häuser auf 2.000 Quadratmeter unterbringen will, hätte jedes mit Grundstück eine Fläche von 29 Quadratmetern. Also, 2.000 Quadratmeter lösch' ich mit dem Gartenschlauch an einem Nachmittag. Wozu da wohl 1.200 Feuerwehrleute im Einsatz sind? Die stehen sich doch nur im Weg.
Corn, Korn und Mais
Weil wir schon bei der Besserwisserei sind: Auf einem sehr schönen Foto schüttelt eine hübsche Afrikanerin ein Sieb mit dicken Körnern, die leicht unscharf in der Luft hängen. Darunter steht: Frau beim Korndreschen. Ich denk, heh, das sind aber große Körner, das sieht eher nach Mais aus, und richtig: Am Boden liegen jede Menge abgefieselte Maiskolben. Des Rätsels Lösung: Im Englischen heißt Mais eben "corn" (Sie erinnern sich: Popcorn?), und die Übersetzung ist halt nicht das Naheliegende Korn. P. S. Ausgesprochen hübsche Frau, die Afrikanerin mit dem Maissieb.
Afghanistan
Thomas Ruttig berichtet vom folgenschwersten Selbstmordanschlag seit dem Sturz der Taliban im Jahr 2001. Vor der indischen Botschaft in Kabul sterben mindestens 45 Menschen. Eine Aufklärung sei unwahrscheinlich.
Dreckszeug
Der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain will nach seiner Wahl in den USA 45 neue Atomkraftwerke bauen lassen. Begründung: Damit würden "700.000 gute Arbeitsplätze für Bau und Betrieb der Anlagen geschaffen". Atomkraftwerke sind ökologisch, sauber und die "neue Generation" ist absolut sicher. Atomkraftwerke schaffen Arbeitsplätze. Atomkraftwerke dienen dem Klimaschutz. Der Atommüll ist kein Problem - die Halbwertzeit, also die Zeit, bis die Strahlung zur Hälfte abgeklungen ist, beträgt nur schlappe 15.000 Jahre. Uran ist billig und unerschöpflich. Und die Rechnung begleicht sowieso der Steuerzahler. Machen Sie sich keine Sorgen, John McCain weiß, was er tut und wovon er spricht. Vertrauen Sie ihm, er hat die besseren Informationen. Ihn beraten Experten, amerikanische Wissenschaftler, die besten der Welt. Die haben sogar die Atombombe entwickelt, für die ist so ein Atomkraftwerk ein Klacks. Machen die mit links. Und der Unfall im AKW Three Mile Island? Das hatte doch nichts mit der Technik zu tun, Mann, das war menschliches Versagen!
10. Juli 2008
Klinsmanns Buddhas
Am dummbeuteligsten geht's auf der Seite "die wahrheit" immer dann zu, wenn der verantwortliche Redakteur Michael Ringel seinen Humor an irgendetwas erprobt, was auch nur entfernt mit Religion zu tun hat. Der Mann muss einmal schwer beschädigt worden sein, ich nehme an, das hat mit kindlich-christlichen Erfahrungen zu tun, aber was weiß ich schon. Ich empfehle ihm, sich gelegentlich Gedanken darüber zu machen, weshalb er immer völlig humorlos wie ein wütender Foxterrier um sich kläfft, sobald er sich mit dem Thema Religion einlässt. Diesmal geht's um die Buddha-Statuen, die Jürgen Klinsmann auf dem Dach des Vereinsgebäudes vom FC Bayern München hat aufstellen lassen: "Soll die Figur eines kleinen dicken Mannes etwa als Vorbild für Athleten dienen?", fragt der humorbemühte taz-Redakteur. Schade, dass Ringel sich nicht die Mühe gemacht hat, ein Foto der Buddhas auf dem Dach in der Säbenerstraße anzuschauen. Die Bayern-Buddhas sind nämlich die schlanken, die eher aus dem tibetisch-indisch-thailändischen Kulturkreis stammen. Das von der Bildredaktion ausgewählte Foto zeigt auch eine schlanke Buddha-Figur. Aber das hat sich der Wahrheit-Redakteur offenbar ebenso wenig angeguckt, immer nach dem Motto: Bloß keinen Gag von der Wirklichkeit kaputt machen lassen!
Tag der Fragebogen I
Bösartig könnte man sagen: Einfach einen Fragebogen von anderswo in die Zeitung heben, schon erspart sich der Redakteur nen Haufen Arbeit. Für die Leser, die von hinten nach vorne blättern, geht's schon auf der Seite "flimmern und rauschen" los. Welcher Erkenntniswert dem Abdruck eines Bewerbungsbogens für den Bild-Leserbeirat zukommt, erschließt sich mir nicht. Außer, dass damit zwei Spalten gefüllt werden können.
Hulk
Eine blitzgescheite, höchst fachkundige Filmkritik von Andreas Busche steht da im Kulturteil, über einen Film, den ich mir ganz bestimmt nicht anschauen werde: "Der unglaubliche Hulk". Was da an Hintergrundinformationen über die Comic-Figur rüberkommt, über den Marvel-Konzern, der jetzt sein eigenes Filmstudio betreibt, über die Art, wie der geniale Regisseur Ang Lee den ersten Hulk-Film vor fünf Jahren in den Sand gesetzt hat - das war sogar für jemanden wie mich, der sich für den Streifen nicht die Bohne interessiert, richtig spannend zu lesen. Wie ja auch manchmal Spielberichte über eine Begegnung, die einen eigentlich völlig kalt lässt, aufregender sein können als das Spiel selbst.
Deutschland 09
Den Titel find ich schon mal nicht schlecht: Deutsche Filmregisseure drehen Episoden über den Zustand des Landes und nennen das Werk "Deutschland 09", in Anspielung an "Deutschland im Herbst" von 1978. Die Filmstiftung Nordrhein-Westfalen unterstützt das Projekt mit 500.000 Euro. Es geht um das gegenwärtige "politisch-gesellschaftliche Klima", um "ein Dutzend individuelle filmische Blicke auf das, was wir heute und jetzt als Heimat erleben - und wie wir uns in diesem Land verorten, verirren, verstricken". Mir scheint, da liegt eine sehr ähnliche Idee zu Grunde, die mich zu "Achtung: tazblog!" geführt hat: Einen Querschnitt durch die Gegenwart festhalten, anhand der taz aufzeigen, wo wir uns befinden, drei Monate lang aufzeichnen, was so an mir vorbeifliegt, worüber man sich sonst nur kurz Gedanken macht und dann übergeht zur Tagesordnung - und zum nächsten Tag. Deshalb glaub ich ja auch, dass dieses tazblog sich durchaus für eine Buchveröffentlichung anbietet und, bei aller Aktualität, als Auszug aus der Zeitgeschichte auch zeitlos ist. Als Titel war vorgesehen:
Achtung: tazblog! Deutschland von links die tageszeitung - drei Monate kritisch gelesen
Falls Sie, verehrte/r Leser/in die Idee unterstützen möchten, dann fällt Ihnen vielleicht auch ein Verlag ein, der interessiert sein könnte. Oder Sie sind gar selbst Verleger/in? Dann klicken Sie doch einfach hier unter E-Mail an hp! Gar nicht lieblos!
Was soll ich sagen? Ich bin völlig geplättet. Da schreibt Hannah Pilarzcyk eine halbe Seite voll über eine Band, von der ich nur mal den Namen gelesen habe, und von deren Musik ich nicht das Geringste weiß. Und dann lese ich bis zur letzten Zeile, denn diese Autorin hat die seltene Gabe, ihr sagenhaftes Musikwissen liebevoll auszubreiten, einen Artikel geschickt aufzubauen und trotz absolutem Fanstatus nicht von Verehrung geblendet zu erscheinen. Und sie hat nicht nur Durchblick, sondern auch einen beneidenswerten Überblick. Und das Album, mit dem nach ihrer Meinung im Jahr 1991 ein neues Zeitalter in der Geschichte der Popmusik anbrach, heißt auch noch "Loveless". Seitdem hat die Band My Bloody Valentine nichts mehr veröffentlicht. Am liebsten würde ich den ganzen Artikel hier zitieren, aber vielleicht finden Sie ihn ja bei taz.de - a bisserl a Anstrengung mag schon sein -, weshalb ich mich auf die Zeilen beschränke, in der Hannah Pilarczyk beschreibt, was am Gitarrensound von My Bloody Valentine so anders war: "So konnten Gitarren also auch klingen: weder treibendes Rhythmusinstrument noch musikalisches Medium für Profilierungsgesten, sondern flirrendes Etwas, überwältigend produziert und doch nicht greifbar. Scheinbar zahllose Tonspuren legten sich übereinander, formten gezielte Dissonanzen, die sich zu tosendem Lärm verdichteten und gleichzeitig zerbrechlich blieben." Die gute Nachricht steht unter dem Artikel: Das Album "Loveless" wird am 25. Juli wiederveröffentlicht. Und die noch bessere Nachricht nimmt die halbe Seite über dem Artikel ein: Das Foto von Rune Evensen, einem Fotografen, der für Agence France Press arbeitet. Da steht auf einer großen Bühne ganz allein im Scheinwerferlicht eine dünne Frau mit langen Haaren und spielt sanft lächelnd und höchst konzentriert eine E-Gitarre. Aufgenommen wurde das Foto am letzten Wochenende in Roskilde, und das ist wohl die beste Nachricht: My Bloody Valentine sind auf Tournee. Diese auf dem Foto überirdisch wirkende Gitarristin heißt Bilinda Butcher. Den Namen will ich mir merken.
Wolframs Parsifal
Ilija Trojanow nützt seine Kolumne für eineTextinterpretation und erklärt dem geduldigen Leser Inhalt und Bedeutung des "Parsifal" von meinem fränkischen Landsmann Wolfram von Eschenbach. Das ist brav, politisch korrekt und vor allem gut geschrieben. Wenn da nur nicht Sätze wären wie dieser: "Mit anderen Worten, die antagonistische Haltung, basierend in einem prototypischen Fall auf einer automatischen, dogmatischen Ablehnung des Helden, des kanonischen Abweichlers, konstituiert den entscheidenden Unterschied." Ob ein Autor seinen Text verständlich für Verständniswillige schreibt, oder sich verantwortungslos in seiner vermeintlich virtuosen Sprachgewalt suhlt, unterscheidet einen guten Schriftsteller von einem nur eitlen.
Zitat I
"Bei ihrem diesjährigen Gipfel in Japan arbeiten die Regierungschefs besonders hart - und zwar daran, den Rest der Welt endgültig von ihrer Irrelevanz zu überzeugen." Malte Kreutzfeldt am 9. Juli 2008 unter der Überschrift "Vision grenzt an Realsatire" auf der Seite "meinung und kommentar" der taz
Zitat II Weg mit dem Pack
"Die Frage stellt sich immer dringender: Können sich die Länder der westlichen Welt noch länger den Luxus erlauben, ein Regierungssystem zu finanzieren, das nicht imstande ist, irgendwelche Schritte zur Lösung der anstehenden Probleme einzuleiten?" Hans Pfitzinger am 10.Juli 2008 unter der Überschrift "Weg mit dem Pack" auf der Web-Seite "Achtung: tazblog!"
Israel setzt unmenschliche Politik fort
Die palästinensische Organisation Hamas wurde deshalb so mächtig in der Bevölkerung des Westjordanlandes, weil sie Politik immer mit praktischer Hilfe für die notleidenden Menschen verbunden hat. Die israelische Armee zerstört jetzt Schulen, soziale Hilfseinrichtungen, und Einkaufszentren der Hamas und treibt damit noch mehr Palästinenser ins Elend. Die Politik der israelischen Regierung läuft offenbar darauf hinaus, die Bevölkerung so lange zu provozieren, bis sie sich nur noch mit verzweifelten Gewaltaktionen zu helfen weiß. Worauf die Israelis wieder mit verstärktem Einsatz der Armee reagieren werden. Nichts Neues im (Nahen) Osten. Die Politik der israelischen Regierung ist menschenverachtend.
Meine zweite Heimatstadt
Nirgendwo habe ich, von München abgesehen, länger gewohnt als in San Francisco - ich empfinde diesen magischen Ort in Nordkalifornien auch nach 29 Jahren noch als meine zweite Heimat. Deshalb hab ich mich über die Meldung gefreut, dass es dort Bestrebungen gibt, eine Kläranlage - so wie andernorts Flughäfen - nach einem Politiker zu benennen. Die "George-W.-Bush-Kläranlage" soll daran erinnern, dass "die nächsten 10 bis 20 Jahre eine ziemliche Sauerei aufgeräumt werden" muss.
Weltkulturerbe
Ein wunderbares Luftbild von der Hufeisen-Siedlung im Berliner Bezirk Neukölln. Warum hab ich die noch nie gesehen? Ein riesiger Wohnblock, drei Stockwerke hoch, geschätzte 25 Häuser, in Form eines Hufeisens aneinandergebaut, innen mit einem kleinen Park und vielen Bäumen, daran auf beiden Seiten anschließend weitere Reihen von Wohnhäusern mit sehr viel Bäumen und Grün drum herum. Der Hufeisenbau wurde jetzt, mit einigen anderen Siedlungen in Berlin, zum Weltkulturerbe erklärt, als Beispiel für den sozialen Wohnungsbau in den 20er- und 30er-Jahren. Toll!
Sechs Seiten Amtsblatt: Tag der Fragebogen II
Von Seite 3 bis 8 druckt die taz die 310 Fragen des Einbürgerungstests ab, mit dem das Innenministerium in Zukunft prüfen will, ob ein Bewerber das Zeug zum richtigen Deutschen hat. Auf der Titelseite prangt ein großes Foto: Zwei Füße mit schwarz-rot-goldenen Socken in beigen Filzpantoffeln mit Hahnentrittmuster und die Frage: Wie deutsch sind Sie? Das könnte Staatsbürgerkunde als Familienunterhaltung sein, für Fragespiele am Küchentisch an verregneten Sommerabenden, wenn es zu kühl ist für den Biergarten. Oder Sie schneiden die sechs Seiten aus und heben sie auf für lange Winterabende.
Schluss für heute - ich werd doch den einzigen Tag der Woche, für den kein Regen vorhergesagt ist, nicht noch länger am Schreibtisch verbringen. Sie hoffentlich auch nicht. Bis morgen.
P. S. Die neuen, federleichten, ultraspitzentopmäßig sohlengepolsterten Laufschuhe sind sensationell - wahrhaftig superweich gedämpfte, federleichte, ultraspitzentopmäßig sohlengepolsterte Laufschuhe!
11. Juli 2008
taz-intern
Solche Meldungen würde ich gern in der taz lesen, zusammen mit einem deutlich erweiterten Impressum und Angaben über die Ressortleiter und Redakteure: "Ralph Bollmann, zuvor Ressortleiter, folgte als Leiter des Parlamentsbüros der taz auf Jens König, der als Reporter zum Stern wechselte. Matthias Lohre löste im Parlamentsbüro Lukas Wallraff ab, der Chef vom Dienst in der Zentralredaktion wurde. Stefan Reinecke wird das Parlamentsbüro bis zur Bundestagswahl 2009 verstärken."
Quelle: M - Menschen machen Medien 06/07 2008
Der zahnlose Papiertiger
Das Oberlandesgericht Frankfurt hat festgestellt, dass die Rügen des Deutschen Presserats Meinungsäußerungen sind und keine Tatsachenbehauptungen. Das gilt selbstverständlich auch für keine Rügen des Presserats, wie im Fall taz.
Die größte Band des Planeten
Holla, geht's vielleicht eine Nummer kleiner? Jedenfalls behauptet der Untertitel auf der Kulturseite, Radiohead sei die größte Band des Planeten. Das wird dann aber im Text etwas relativiert: "... neben U2 und Coldplay". Und auch nicht die beste Band überhaupt, sondern nur "aktuell". Na, wenn einer U2 zu den aktuell größten drei Bands des Planeten rechnet, dann weiß ich wenigstens, was ich von solchen Superlativen halten soll: nichts. Aber amüsant geschrieben ist der Artikel von Andreas Hartmann über Thom Yorke und seine Band bei einem Konzert in der Wuhlheide schon. Titel: "Eine Band fürs ganz große Wir". Ich mag Leute, die sich begeistern können, und das kann der Autor. Und ich mag den Namen Wuhlheide, klingt irgendwie gemütlich. Hartmann schreibt von Regenschauern und von -schirmen und Liebespaaren die darunter Schutz suchen und sich dabei ganz nah kommen. Jetzt nehme ich einfach mal an, dass in der Wuhlheide Konzerte im Freien stattfinden. Wuhlheide. Niedlich. Klingt auch nach Sonntagmorgen unterm Federbett, wenn man sich noch mal genussvoll ins Kopfkissen wühlt. Wuhlheide. Wohlheide. Hehehe.
Coppola
Sie mögen ihn nicht, die Filmkritiker, den neuen Film von Francis Ford Coppola. Auch taz-Mann Bert Rebhandl mag ihn nicht: "'Jugend ohne Jugend' ist schlicht eine Tour de Force der bildungsschwangeren Art." "Schlicht" find ich gut in diesem Zusammenhang. Sie müssen mal drauf achten, bei anderen, aber auch bei der eigenen Rede: Wenn einem etwas zu kompliziert wird, sagt man gern "einfach".
Atze
Aber ja, ein Interview mit Arthur Brauner, immer! Der Mann hat ja wirklich was zu erzählen, und das große Porträtfoto von Detlev Schilke tut ein Übriges: Was für ein einzigartiger alter Charakterkopf! Am 1. August wird er 90. Ulrich Gutmair hat mit ihm gesprochen. Und bisweilen dachte ich beim Lesen des Interviews: Klingt das jetzt naiv oder altersweise? Selbstverständlich ist er stolz auf sein Lebenswerk, und die vielen Schnulzen und Schmonzetten, die er in den Jahren seit 1946 in die Kinos gebracht hat, erwähnt er nicht mal. (Die taz schreibt im Kasten zum Interview über seine Filme: "Viele sind leichte Muse." Das ist ganz schön untertrieben.) Nur die politischen Filme, die mit Anliegen, mit denen will er im Gedächtnis bleiben, der Atze. Und er ist tatsächlich fest davon überzeugt, dass er mindestens ein Mal um den Oscar betrogen wurde: "Wenn ich nach Amerika komme und sage, ich bin der Producer von 'Hitlerjunge Salomon', dann öffnen sich alle Türen. Und ich werde bemitleidet, dass man mir den Oscar geraubt hat." Das ist rührend, genau wie sein Bemühen darum, dass seine Filme nicht vergessen werden: "Ich stehe gerade vor einer Unterschrift mit Jad Vaschem, wo alle meine Filme, 21 bisher, auch noch in den nächsten 50 bis 100 Jahren dort gezeigt werden sollen." Das ist schön, ich wünsche ihm, dass es klappt. Wunderbar auch die Zahlen, die er exakt im Kopf hat: "Ich habe insgesamt 16,4 Millionen verloren, bei den 21 Filmen, die ich zum Thema Nationalsozialismus produziert habe." Vor zwei Jahren kam noch "Der letzte Zug" in die Kinos, bei dem Joseph Vilsmaier Regie geführt hatte. Der hat bestimmt einiges zu den 16,4 Millionen Verlust beigetragen. Brauner über den Unterschied zwischen der Zeit vor 60 Jahren und heute: "Ich habe gehofft, dass es eine Besserung in der Moral, in den Gefühlen derjenigen ergibt, die so etwas sehen. Aber ich bin enttäuscht, es hat sich nichts geändert. Die Mentalität ist die gleiche geblieben. Damals gab es alte SS-Leute, die die Kinos gestürmt haben und den Film so aus den Kinos jagten, heute gehen die Leute einfach nicht hin." Das hat mich an ein Interview erinnert, dass ich vor vielen Jahren mit Roberto Benigni geführt habe: Sag mal, Roberto, willst du eigentlich dein Publikum bessern? “Was??? Aber nein!!! Das ist ja furchtbar, daran auch nur zu denken. Haha, daran habe ich nie gedacht. Was war die Frage?” Ob du die Leute zum Besseren beeinflussen willst? “Unmöglich, furchtbar. Was für eine Idee! Wenn wir damit anfangen, sind wir tot, verloren. Das ist, glaube ich, die vulgärste Vorstellung, die sich ein Mensch ausdenken kann. Zu versuchen, andere Leute zu bessern! Das ist kriminell!!!” Also versuchst du, zu unterhalten? “Ja. Und ich will mich selbst amüsieren. Das ist schwer genug.”
Flick - Kunst sammeln mit Kriegsgewinn
Schön, dass Brigitte Werneburg immer wieder am Thema der Kunstsammlung Friedrich Christian Flick dranbleibt. Jetzt gibt's also einen 1.000 Seiten dicken Wälzer, den das Institut für Zeitgeschichte zu den Verbrechen des Flick-Konzerns im Dritten Reich zusammengestellt hat. Werneburg ist verblüfft über die Unwissenheit des früheren Präsidenten des Bundesverbandes der deutschen Industrie: "Hans-Olaf Henkel jedenfalls, special guest bei der Buchvorstellung, meinte, er wäre Karl Friedrich Flick, den vor zwei Jahren verstorbenen alleinigen persönlich haftenden Gesellschafter der Holding-Unternehmen und Onkel von F. C. Flick, in dieser Frage ganz anders angegangen, hätte es damals schon diese Publikation gegeben. (...) Tatsächlich, nachdem man diesen zum zehnten Mal sagen hörte 'ich wusste gar nicht' und 'das ist ja ein Ding' und dachte, das ist ja ein Ding, wie vollkommen ungeniert Henkel seine ganz persönliche, von wenig Vorwissen belastete Lektüreerfahrung vor Publikum zum besten gibt - da dachte man gleichzeitig, wie cool das doch war und wie erhellend."
Der höchste ÜQ* in der taz vom Donnerstag
Sie erinnern sich? Die Spießerkolumne von Anja Maier. Ihre Wortschöpfung "Pubertistin". In dieser Woche bringt sie die Bezeichnung für ihre Tochter nur sechs Mal unter und zwar in dieser Art, in der sie sich als Mutter fragt: "Was weißt du überhaupt über die Pubertistin? Chattet sie mit Irren? Lädt sie Bombenbauanleitungen aus dem Netz? Und verdammt, sie hat ganz schön abgenommen - ist sie in einer dieser Eine-Perlzwiebel-zum-Frühstück-Communities?" Das arme Kind, in so einem Milieu aufzuwachsen, erfordert starke Nerven. Neulich habe ich noch vermutet, diese Kolumne würde besser in Cosmopolitan oder Freundin oder Brigitte passen. Vielleicht noch in Bild der Frau. Gruselig, diese Spießigkeit.
* Überflüssigkeitsquotient
Zitat
"Selbstviktimisierung schadet den Diskriminierten." Robert Misik, in einem ansonsten blitzgescheiten Kommentar über die Konkurrenz um den Opferstatus
Kriki
Karikatur von Kriki, der immer alte Schwarzweiß-Illustrationen mit neuen Sprechblasen versieht. Oben drüber steht: Wie läuft's im AKW? Sagt der eine: Hier tropft's! Sagt der andere: Wir brauchen keine längeren Laufzeiten sondern längere Auslaufzeiten.
Hätten Sie's gewusst?
Annette Jensen auf "wirtschaft und umwelt": "Das Schweizer Institut Infras hat ausgerechnet, dass die Schäden durch den Lkw-Verkehr allein auf deutschen Straßen mit etwa 11,6 Milliarden Euro im Jahr zu bewerten sind." Und: "Schließlich werden 90 Prozent der Waren per Lkw transportiert."
Klimaerwärmung? Iss mir doch scheißegal
Das darf doch nicht wahr sein - bin ich von lauter Vollidioten umgeben? Die Lufthansa hat trotz der gestiegenen Ölpreise im ersten Halbjahr 2008 mit 28,4 Millionen Passagieren 5,4 Prozent mehr befördert als im Vorjahr, ihre Tochterfirma Swiss 6,4 Millionen, und damit 12 Prozent mehr. Al Gore, übernehmen Sie!
Maria Böhmer bei McDonald's
Isses zu glauben? Die "Integrationsbeauftragte der Bundesregierung", Maria Böhmer, CDU, klaro, geht auf Werbetour für den Einbürgerungstest und stellt ihn bei McDonalds vor. Wer betreibt da eigentlich Schleichwerbung? Die Partei für die Restaurantkette? Der Fleischpflanzlbrater für die Partei? Böhmer für alle? Und was kriegt sie dafür von Macci? N Cheeseburger mit Pomfritz? Diese Frau ist einfach wi-der-lich.
Arbeit, Arbeit, über alles
Wolfgang Thierse bedauert, dass die Bundestagsabgeordneten so ein schlechtes Ansehen haben. Woher das kommt, weiß er auch: "Wir haben einen Zustand der Unübersichtlichkeit in der Welt, aber wir sind dabei eine neue Ordnung zu schaffen." O Gott, Thierse schafft Ordnung! "Wissen Sie, als normaler Politiker stelle ich mich natürlich der Kritik des Bürgers. Ansonsten würde ich meinen Job schlecht machen, wäre faul - das möchte ich den meisten meiner Kollegen nicht unterstellen." Nein, es gibt ja so was wie die protestantische Arbeitsethik, da wäre faul sein eine ganz schlimme Sünde. Arbeit ist ein Wert an sich, weshalb die Kerle auch rackern wie gestört: "Der Großteil meiner Kollegen arbeiten 60 bis 70 Stunden die Woche, besuchen Veranstaltungen und sprechen immer wieder mit den Bürgern. Leider erreichen wir hiermit lediglich 1 bis 2 Prozent unserer Wähler direkt." Das finde ich beachtlich, dass da immer noch ein bis zwei Prozent der Wähler hingehen, wenn einer wie Thierse spricht. Ob der Herr Pfarrer von der SPD sich schon mal überlegt hat, dass es nicht darauf ankommt, wie viele Stunden einer arbeitet, sondern darauf, was er macht in den Stunden, in denen er arbeitet? Ich jedenfalls mach jetzt Schluss, geb mir hitzefrei: Es ist 14 Uhr und das Thermometer steht schon auf 30 Grad. Schönes Wochenende - bleiben Sie dran, morgen geht's weiter, noch vier Tage: "Achtung: tazblog!"
12. Juli 2008
Bin ich Deutschland?
Die Frage hab ich mir Freitag in aller Frühe gestellt, als die taz taz-sächlich schon um halb sieben vor der Tür lag. Seit ich das Probe-Abo von der Frankfurter Rundschau noch dazu geliefert bekomme, lässt sich die Rolle mit beiden Zeitungen anscheinend besser von der Tür zum Treppenhaus her durch den Flur schleudern. So landen die beiden Blätter, einträchtig aneinander gerollt und mit einem Plastikband verknotet, meist in der Nähe meiner Fußmatte. Ja, also: Bin ich Deutschland? Die taz-Schlagzeile hieß gestern "PKK erpresst Deutschland". Hm. Stimmt das? Erpresst sie "uns", wie das beim Fußball immer so schön heißt? Oder erpresst sie die deutsche Regierung? Und wo liegt dann bitte der Unterschied? Stehe ich auf Seiten der türkischen Regierung, die mit Panzern der Nationalen Volksarmee, geliefert von der deutschen Regierung, gegen die kurdische Befreiungsbewegung vorgeht? Stehe ich auf Seiten der türkischen Armee, die mit Truppen und Jagdbombern auf das Territorium eines Nachbarstaats vordringt? Selbstverständlich mit Billigung des großen Nato-Partners George W. Bush. Oder stehe ich auf Seiten der jungen kurdischen Frauen und Männer im Nordirak, die ihre Heimat mit der Waffe in der Hand verteidigen, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt? Kann ich mich einfach auf Sophokles berufen und ansonsten den Mund halten: "Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da." Was aber, wenn der bewaffnete Widerstand gegen Panzer und Bomber ein Akt der Liebe zu seinen Mitmenschen, seinem Volk, seinen Kindern ist? Ein Akt der Notwehr? Ich bin zu keinem abschließenden Ergebnis gekommen auf dem Weg in die Kombüse, wo ich erst Mal den Kaffee in den Espressokocher gelöffelt und den Wasserkessel fürn Kräutertee aufgesetzt hab. "PKK erpresst Deutschland" - das klingt irgendwie staatstragend. So formuliert tut die taz so, als ob "wir alle" erpresst werden, stellt sich also eindeutig auf die Seite der Regierung und ihrer Politik - Wolfgang Schäubles Verbot des kurdischen Fernsehsenders zum Beispiel -, und gegen die Forderungen der PKK. So weit geht nicht mal die Bild-Zeitung, wie ich abends am Verkaufsständer vor dem Rewe-Markt feststelle. Deren Schlagzeile hieß gestern: "Terroristen erpressen Merkel". Das ist kein feiner Unterschied, das ist ein riesiger zur taz-Schlagzeile. Mir scheint beachtenswert, und das fiel mir schon bei der Geschichte über Ruanda und seinen merkwürdigen Präsidenten Paul Kagame auf, in welchem Ausmaß die taz sich oft als verlängerter Arm des Außenministeriums begreift. Von der Berichterstattung über Burma/Myanmar ganz abgesehen: Da lag die taz voll auf Pentagon-Linie. Opposition sieht anders aus. Hat Heiner Geißler recht gehabt, als er die taz als "Teil des Meinungskartells" bezeichnet hat? Im Internet gibt es Web-Seiten, auf denen behauptet wird, die Menschenrechtsgruppen und die alternativen Zeitungen seien in erstaunlichem Ausmaß von Geheimdienstagenten - vorzugsweise vom CIA - unterwandert. Das kann man glauben oder nicht, je nachdem, wie weit man gern Verschwörungstheorien anhängt. Es könnte aber auch sein, dass ein Journalist naiverweise das Geschäft des CIA betreibt, ohne deswegen auf irgendeiner geheimen Gehaltsliste zu stehen. Na ja, das ist mindestens so wahrscheinlich oder unwahrscheinlich wie die Vermutung, dass in der taz ein Mann oder eine Frau von BND oder CIA sitzt.
Bleiben Sie dran, es geht gleich weiter, hier eine kurze Einblendung unseres Sponsors Smokey the Spirit. Man beachte den Schlapphut im Vordergrund!
Ein Platz für Tiere
"Keine Tollwut mehr bei Füchsen", informiert mich die "wissenschaft"-Seite im oberen Aufmachertitel. Da bin ich aber froh und will schon erleichtert weiterblättern, doch mein Blick fängt den Untertitel ein: "Tollwutgefahr besteht aber immer noch, denn auch die Fledermäuse sind Überträger".
So ein Mist aber auch! Da kann man nur froh sein, dass sie wegen den blöden Viechern nicht den Bau der Elbbrücke eingestellt haben. Wenn erst mal die Lkw drüber rollen, beißt da keine Fledermaus mehr.
Faszination Springer
Auf der Medienseite erfährt der taz-Leser in einem Monat mehr über personelle Veränderungen im Axel-Springer-Verlag, als in zehn Jahren über solche in der taz-Redaktion. "Das gibt zu denken".
Mestizo
Von Frank Schuster erfahre ich eine ganze Menge über eine Unterart mittel-südamerikanisch-spanischer Musik aus einem Genre, in dessen Randgebieten auch Manu Chao zu Hause ist: Mestizo. Und weil Schuster so sachkundig darüber schreibt, nehme ich ihm auch ab, dass Pantéon Rococo aus Mexiko, Amparanoia aus Barcelona und Karamelo Santo aus Argentinien zu den Besten ihrer Zunft gehören. Wenn rote Sterne eine "unverzichtbare Insignie des Mestizo" sind, fühl ich mich doch gleich musikalisch mitvertreten, noch dazu, wenn sie "So much Trouble in the World" von Bob Marley drauf haben, wie Karamelo Santo. Ihr Stück "Hitler En La Radio" gibt's nur auf der CD in Südamerika, für Europa war das der Plattenfirma anscheinend zu heiß. Worum's dabei geht? Um Propaganda in den Medien.
Afghanistan-Rummel
Seltsame Umtriebe beschreibt Maryam Schumacher bei der Ausstellungseröffnung afghanischer Malerinnen in der Sächsischen Landesvertretung in Berlin. Was mich ärgert: Dazu gibt's ein Foto von einer etwas verunsichert blickenden Frau mit Kopftuch und Punkt auf der Stirn, die neben einem Gemälde steht, einem Porträt einer verschleierten Frau, von der nur die Augenpartie zu sehen ist. Bildunterschrift: "Künstlerin und Werk". Name der Frau? Titel des Bilds? Redakteur/in zu faul, zu heiß, zu nah am Redaktionsschluss? Oder kommt's nicht drauf an, sehen doch eh alle gleich aus, die Afghaninnen? Oder Protest dagegen, dass Politiker sehr offensichtlich mal wieder ihr Image mit Kunst aufpeppen wollen? Dafür kann die Künstlerin am wenigsten.
Hund beißt Mann nicht
Eine ganze Seite geht drauf für einen Bericht mit dem Titel "Erfurter Raufasertapete", der mir des Weiteren mit der Ankündigung verkauft werden soll, dass es in Erfurt "keine lebendige Kunst- und Kulturszene" gibt. Ogottchen, das isso aufregend wie "Hund beißt Mann nicht". Ich blättere weiter. Doch halt - was steht da in der täglichen "Berichtigung": "Auch uns treibt Carla Bruni und ihr nächstes Album natürlich um." Wie darf ich denn das "natürlich" verstehen? Kriegt ihr Blähungen davon? Der Redaktör hat's oftmals schwör.
Abgang Schwan, Auftritt Schwan
Ein brilllanter Artikel von Waltraud Schwab über die in vier Teile gegliederte Abschiedsvorlesung von Gesine Schwan an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. (Ich kann mir nicht helfen, der Uni-Name klingt mir immer wie eine Potenzpille oder ein Filmtitel von Luis Bunuel.) Die Autorin hat tatsächlich alle vier Vorlesungen besucht und eifrig mitgeschrieben. Und kritisiert - sehr kundig aus der Sicht der Politikwissenschaftler -, dass bei Schwan im vierten Teil die Gedanken zur praktischen Umsetzung ihrer Erkenntnisse nicht das hohe Niveau ihrer Analyse der gegenwärtigen Zustände erreichen. Das liegt vielleicht in der Natur der Dinge, aber bemerkenswert finde ich den Satz, mit dem Waltraud Schwab den Bericht über die Abschlussvorlesung ankündigt: "Nun endlich die letzte Stunde, die Stunde der Erkenntnis: Wie soll das gehen, was Schwan zuvor so wortgewaltig und ohne je vom Zettel abzulesen ausgeführt hat?" Ich muss gestehen, solche Leute imponieren mir: Wenn jemand eine Stunde oder länger interessante Gedanken von sich gibt, ohne vom Manuskript abzulesen oder auch nur eines mitgebracht hat. Der letzte Politiker, bei dem ich das erlebt habe, war Hermann Scheer. Beeindruckend. Und, der Fairness zuliebe sei es angemerkt: Beide stellen ihre Rednergaben in den Dienst der SPD.
Die Russen kommen - mit dem Auto
Hurra! "Die Autohersteller könnten 2008 erstmals mehr Fahrzeuge in Russland als in Deutschland verkaufen." In Deutschland wurden in den ersten sechs Monaten des Jahres "nur" eine Million Autos verkauft, in Russland aber schon 1,6 Millionen.
Vorsicht, Männer, Bayern-Hexe!
Sie tritt in Nürnberg bei den Landtagswahlen direkt gegen Günther Beckstein an: Gabriele Pauli schafft es wieder in die Nachrichten, weil die Basis der Freien Wähler sie unbedingt aufstellen wollte. Der biedere Landesvorsitzende der FW war gegen die schillernde Power-Frau, und wenn er nicht aufpasst, wird sie ihn genauso absägen wie weiland Ede Stoiber, da kennt die nix. Max Hägler, der taz-Mann in Bayern, lässt keinen Funken Sympathie für die Ex-Landrätin erkennen, im Gegenteil. Sein Bericht über die Vorstellung der Kandidatin könnte nicht ablehnender sein, wenn er vor den Gefahren der Vogelgrippe warnen würde. Hat er Angst vor der Polit-Hexe? Ich finde die Frau prima, und ihre Forderung nach der zeitlich begrenzten Ehe hat mein Schriftstellerheld Arno Schmidt schon in den fünfziger Jahren erhoben. Allerdings wollte Schmidt den Leuten bereits nach fünf Jahren die Möglichkeit zur Auflösung geben, Pauli bekanntlich erst im verflixten siebten Jahr.
Neues aus Kalau und ein Überschuss an ???
Überschrift auf der "inland"-Seite: "SPD kämpft für den Dalai-Obama". Hatte die taz nicht mal den Ruf, die brillantesten Titel im Tageszeitungsgewerbe zu produzieren. Ich hab nichts gegen Kalauer, bestimmt nicht. Und weil wir schon dabei sind: Der fett gedruckte Haupttitel auf Seite 3 hat ein Fragezeichen zu viel. Bernward Janzing, einer der besten Journailsten im Umweltbereich, sammelt mal wieder die Argumente gegen Atomkraftwerke - muss ja sein, die Propaganda dafür läuft auf Hochtouren. Wieso aber steht da ein Fragezeichen: "So bleiben Sie Atomkraftgegner?" ???
Staatstragend
Die zu Beginn des heutigen Eintrags vertretene These, dass die taz oft unkritisch die Positionen des Auswärtigen Amtes vertritt, lässt sich auch auf die Berichterstattung über den Iran ausweiten. Da wird unter der Überschrifft "Iran ballert stur weiter" die ach so unabhängige Meinung der Condoleezza Rice zitiert, und im Übrigen einfach die Agenturmeldung von afp übernommen, die wiederum die Haltung des US-amerikanischen und israelischen und deutschen Außenministeriums vertritt. Ich halte es da eher mit Leuten wie Jürgen Todenhöfer: Die größte Gefahr geht in der Gegenwart nicht von einer wie auch immer konstruierten "islamischen Bedrohung" aus, sondern von der Kriegspolitik der westlichen Länder. Und zu denen gehört auch Israel, das sich weder an Resolutionen der UN noch an Menschenrechtskonventionen hält und ständig die Grenzen umliegender Territorien verletzt. Weshalb sollte ich annehmen, dass vom Iran eine Gefahr ausgeht? Das Land hat in seiner ganzen Geschichte noch nie ein anderes überfallen - was man weder von Deutschland, England, den USA, Frankreich oder Israel behaupten kann. Es würde der taz sehr gut stehen, die Außenpolitik der sogenannten Westmächte etwas weniger patriotisch darzustellen und die Meldungen der staatstragenden Agenturen nicht einfach kommentarlos und unverändert zu übernehmen. Das tun alle anderen Zeitungen, dazu braucht kein Mensch die taz.
13. Juli 2008
Nebensache
Sie kennen den Spruch? Beim Fußball geht es nicht um Leben und Tod, es geht um viel mehr! Dieses "Mehr" versuchte Peter Unfried zu ergründen und fuhr nach Freiburg im Breisgau, um mit Volker Finke Bilanz zu ziehen: Wo geht's lang nach den Erfahrungen der EM? Iss schon ein feiner Beruf manchmal, der des Journalisten. Man kann mit Volker Finke über Fußball fachsimpeln, und kriegt auch noch Geld dafür. Die Frage ist nur: Soll man das über drei Seiten am Wochenende im taz mag ausbreiten? Unbedingt, noch dazu mit solchen Fotos von Stefan Pangritz - tvF!* Das Interview zeigt, wie zwei Leute mit hoher Konzentration von einer Sache reden und im Fortgang des Gesprächs sich gegenseitig zu Neuem anregen. Mit anderen Worten: ein Gewinn für beide. Selten, so was. Was mich am meisten gefreut hat: Finke ist selbstverständlich ein Fan des spanischen Fußballs und des Trainers Luis Aragonés. An einer Stelle versucht Unfried, die deutsche Mannschaft als Gegensatz anzuführen und Finke zu einer Kritik am DFB-Mannschaftsdirektor Oliver Bierhoff zu verlocken. Finke hatte das Schweigen des spanischen Trainers verteidigt, nichts nach draußen zu lassen, die Mannschaft zu schützen: "Das führt dazu, dass du eine Einheit auf dem Platz wirklich hinkriegst. Das ist etwas anderes als inszeniertes Teamwork, dass nach draußen mit Positivmeldungen verkauft wird. Da hab ich manchmal das Gefühl, je mehr darüber transportiert wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass manche Leute sich morgens nicht mal grüßen, wenn sie sich sehen." Unfried: Reden Sie von Oliver Bierhoff? Finke: "Ich schwärme von Aragonés." Sehr schön, sehr souverän. An einer Stelle erklärt Finke, was er unter schönem Fußball versteht. Man konzentriert sich erst auf eine Seite, zieht dadurch Spieler des Gegners aus der Mitte ab. Finke: "Und wenn wir dann mit ein oder zwei Pässen auf die andere Seite kommen, ist da der Raum für zwei gegen zwei oder eins gegen eins. Und das nutzt ein Dribbler. Sagen wir: Cristiano Ronaldo kommt auf dich zu, eins gegen eins - was willst du tun?" Und Unfried sagt allen Ernstes: "Eine Kerze anzünden?" Ich habe beim Lesen gewiehert vor Lachen. Finke entgegnet genauso ernsthaft: "Zu spät." Und fährt fort: "Du musst dich ihm stellen, du versuchst, ihn nach draußen wegzuschieben und nach innen zuzumachen, du versuchst, das Spiel zu verlangsamen, in der Hoffnung, dass Mitspieler kommen und dir helfen. Das ist dann schöner Fußball, das fasziniert die Spieler, die finden das super. Ein Spieler fühlt sich immer wohler, wenn die eigene Mannschaft den Ball hat. Und dann läuft er auch gern und viel." Später kommt Unfried noch einmal auf das Thema: "Es gibt auch Bundesligatrainer, die sagen: Meine Spieler freuen sich, wenn der Gegner den Ball hat." "Da antworte ich: Stimmt. Dazu habt ihr sie erzogen. Dass die sich freuen, wenn der Gegner den Ball hat. Dass sie durch unglaubliche Kraft- und Willensleistung Jäger sind." "Das wird auch als demokratisches Moment im Fußball verstanden, weil's dem fußballerisch und ökonomisch Ärmeren gestattet, mitzuhalten." "Mhm. Na ja ... so habe ich das bisher noch nie betrachtet." Wie gesagt: Ein Beispiel, wie zwei Leute sich im Fortgang des Gesprächs gegenseitig zu Neuem anregen.
* taz vom Feinsten
14. Juli 2008
Allons enfants: Weg mit dem Pack!
Heute vor 219 Jahren ging's los: Nach dem Sturm auf die Bastille, das übelste Gefängnis von Paris, war plötzlich nichts mehr wie vorher. Deshalb hieß das Ereignis Revolution, und in Frankreich begeht man den Gedenktag bis heute als Nationalfeiertag, erfreut sich am Feuerwerk und schüttet große Mengen Vin rouge hinter die Binde. Die Sache mit der Revolution lief dann im weiteren Verlauf ganz schön aus dem Ruder, aber ne Weile war's doch sehr schön, und viele Menschen hatten das gute Gefühl, jetzt würde das Zeitalter der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit anbrechen. Na ja, im Endeffekt kam dann stattdessen die Freiheit für alle, einen Kopf kürzer gemacht zu werden, die Gleichheit vor der Guillotine, und brüderlich verhalfen die Franzosen Napoleon Bonaparte an die Macht. Jetzt hamse den Sarkozy, dessen Frau Pop musiziert und gerade einen irren Rummel um ihre neue CD inszeniert, und darauf singt, alles sei so, als ob nichts gewesen wäre. Ob sie damit die Französische Revolution meint? Und hier, in Deutschen-Land? Die Reichen sind so frei, immer reicher zu werden, gleich sind alle vor den angeblichen Gesetzen des Marktes, und brüderlich stehen sie gemeinsam im Stau.
Die Quelle
Ja, das war ein sehr eindrucksvolles Foto auf den Kulturseiten der Wochenendausgabe: Etwa drei Dutzend Hippie-Frauen, alle in ihren besten Abendkleidern, ohne BH, wie das damals üblich war, aufgestellt um einen weißen Rolls Royce, und wer genau hinsieht, kann im Hintergrund auf einem Plakat und in echt Father Yod sehen, der von mindestens dreizehn dieser Frauen direkt betreut wurde. Vielweiberei erschien ja Leuten, die zur Einehe verdammt waren, schon immer sehr verlockend, und The Brotherhood of the Source, Father Yods Kommune, regte die Phantasie ganz besonders an, denn diese Hippies waren auch noch stinkereich. Jetzt erschien ein Gedächtnisband mit vielen Fotos, und Gregor Kessler bespricht das Buch, das gerade mit einer CD erschienen und für 17,99 Euro erhältlich ist. Father Yod, langhaarig, bärtig wie die biblischen Propheten, machte ein Vermögen mit einer Salatsauce, die er nach seinem Restaurant in Hollywood "The Source" nannte und die in jedem Supermarkt zu haben war. Yod, der eigentlich Jim Baker hieß, hatte bei Yogi Bhajan das Guru-Geschäft gelernt und scharte mit seiner Rednergabe und seinem Charisma selbst jede Menge Anhänger um sich. Seine Religion entsprach dem Glauben der Mehrzahl seiner Landsleute: "Der Dollarschein ist das mächtigste Werkzeug der Welt. Er ist magische grüne Energie, die augenblicklich alles erzeugen kann." Musik machte er auch, schlug selbst die Trommeln, und gründete seine eigene Plattenfirma. Weil er der Meinung war, Los Angeles würde beim großen Krieg zerstört werden, der dem Zeitalter der Glückseligkeit voranging, zog die Kommune nach Hawaii. Dort pflegten einige jüngere Männer die Kunst des Drachenfliegens (hang glider), wobei man den Aufwind an den steilen Meeresufern ausnutzt. Als Father Yod das auch mal probieren wollte, stürzte er ab und starb (in der taz ist von Segelfliegern die Rede, aber das ist was anderes). Der Absturz geschah 1975, im Jahr des Hasen, als Bruce Springsteen passenderweise die LP "Born to Run" veröffentlichte und ich mit Monica drei Wochen lang ziellos den Nordwesten der USA durchkreuzte (siehe auch "Alles Wugg!", das am unteren Ende dieses Blogs beworben wird). Nach dem Tod ihres Gurus zerstreuten sich die Mitglieder der Kommune, die Brotherhood löste sich auf. Ob's die Salatsauce noch gibt? Auf jeden Fall gibt's jetzt das Buch von Isis Aquarian, die eine der dreizehn "spirituellen Ehefrauen" des Meisters war (The Source: The Untold Story of Father Yod,Ya Ho Wa 13 and the Source Family, Process, 288 Seiten).
Müllmenschen
Dass der Mensch das einzige Lebewesen ist, das Religion braucht und Müll erzeugt, steht auch in dem oben schon mal zum Zweck der Eigenwerbung erwähnten Buch "Alles Wugg!". Der Übergang von der Religion zum Müll an diesem Punkt war jetzt einfach zu verlockend, und wird noch durch ein weiteres Element zusammengehalten, denn der Kommentar von Michael Braungart auf der Meinungsseite dient, diskreter gehandhabt als hier im tazblog, auch der Eigenwerbung. Braungart ist Chemiker und lehrt Verfahrenstechnik an der Uni Lüneburg. Er stellt "kompostierbare Möbelbezugsstoffe her, die keineswegs mausgrau daherkommen, sondern mit den höchsten Designpreisen Europas ausgezeichnet worden sind." Welchen Preisen sagt er nicht, aber die "höchsten" klingt schon eindrucksvoll. Stolz vermeldet er weiter, "dass auch die Polster des neuen Airbus A 380 damit bezogen sind." Weshalb der Stoffhersteller für solche Mitteilungen keine Anzeige schalten muss, sondern im redaktionellen Teil zu Wort kommt, hat andere Gründe: Braungart plädiert für den müllfreien Produktionskreislauf. Abgesehen davon, dass die Chemieindustrie nach wie vor Gifte produziert, erzeugen wir völlig widersinnig und der Natur entfremdet ungeheuere Massen an Müll, der dem natürlichen Kreislauf entzogen wird und den Planeten ruiniert. Braungart: "Somit müssen wir künftig intelligent produzieren: Die eingesetzten Stoffe sind in technischen und biologischen Kreisläufen zu führen, damit kein Müll entsteht." Nach seiner Maßgabe "darf es nur noch Dinge geben, die weder Mensch noch Umwelt vergiften und deren Inhaltsstoffe nach Gebrauch möglichst noch biologische oder technisch nützlich sind. Statt also weiter nach dem Prinzip 'von der Wiege bis zur Bahre' zu handeln, sollten wir uns an der Natur orientieren, wo das Motto herrscht: von der Wiege zur Wiege." Und damit das Kind auch einen Namen hat, benennt Braungart das Prinzip "Cradle to Cradle"-Design. Englisch klingt's halt verkäuflicher.
Ruanda: Tendenz gleichbleibend
Dominic Johnson legt noch einmal nach: "Deutsche Hilfe für Kongos Frieden" betitelt er die Nachricht, dass der Exekutivsekretär der "Demokratischen Kräfte zur Befreiung Runandas" (FDLR) am Frankfurter Flughafen festgenommen wurde. Nun weiß man ja - und kann es hier oben im tazblog nachlesen -, dass Johnsons Sympathien (und die der deutschen Bundesregierung) eindeutig auf Seiten des ruandischen Diktators Paul Kagame stehen. Der taz-Mann Johnson nützt alle publizistischen Möglichkeiten, vor der oppositionellen FDLR zu warnen. Merkwürdigerweise vergisst er seine journalistischen Grundsätze dabei immer wieder, flüchtet sich in wolkige Formulierungen, verschachtelt seine Sätze und gibt stets nicht näher bezeichnete Quellen für seine Hetze gegen das Personal der FDLR an. In diesem Artikel steht das dann so: "Die ruandischen Milizionäre der 'Demokratischen Kräfte zur Befreiung Ruandas' (FDLR), die im Osten der Demokratischen Republik Kongo weite ländliche Gebiete mittels Terror kontrollieren und einen Staat im Staate aufgebaut haben, von dem aus sie Ruanda bekämpfen wollen, sind nach Jahren des Wegschauens mittlerweile Priorität der internationalen Kongo-Diplomatie. Dass der in Paris lebende Exekutivsekretär der FDLR, Callixte Mbarushimana, jetzt in Deutschland in Auslieferungshaft sitzt, hat daher Signalwirkung. 'Callixte war einer der gefährlichsten', sagt ein Diplomat in der ostkongolesischen Provinzhauptstadt Goma. 'Er war der Chefideologe.'" Die FDLR sind also "Priorität" einer nicht näher benannten "internationalen Kongo-Diplomatie" und wollen "Ruanda" bekämpfen, wobei Johnson das Land mit dem - sagen wir mal: umstrittenen - Präsidenten Paul Kagame gleichsetzt. Und sehr genau benennt der wackere Journalist seine Quellen: "Ein Diplomat" muss herhalten, um Johnsons Meinung zu unterstützen. Noch präziser wird der Afrikaexperte der taz, wenn es um Ignace Murwanashyaka, den angeblichen "Präsidenten" der Organisation, geht: Der "Terrorchef" (so Johnson am 23. 4. 2008) "lebt in Deutschland; dass er von dort die FDLR führen darf, stößt im Kongo auf Unverständnis. Erst nach einem Deutschlandbesuch von Ruandas Präsident Paul Kagame im April wurden Ermittlungen gegen ihn wieder aufgenommen. Seitdem hatte Mbarushimana an seiner Stelle die FDLR-Presseerklärungen unterschrieben." "Im Kongo" also stößt das auf Unverständnis, eine wirklich genaue Quellenangabe. Dieser Artikel zeigt wieder deutlich, was dem Presserat im Fall Dominic Johnson auch auffiel, nämlich "dass die TAZ sicherlich eine gewisse Tendenz in ihrer Berichterstattung hat" (Entscheidung vom 3. Juni 2008). Johnson vermischt ganz offensichtlich eine scheinbar objektive Berichterstattung mit seiner vorgefassten Meinung, und die taz gibt ihm ein Forum. So liest sich das, wenn ein Journalist Politik betreibt. Warum tut er das, der Afrikaexperte der tageszeitung? Welchen Interessen dient er damit? Weshalb unterstützt er einen Diktator, der durch massive Wahlfälschung an die Macht gekommen ist, und mit dem der Bundesverteidigunsminister Franz Josef Jung "militärpolitisch" zusammenarbeitet? Und weshalb steht über dem Artikel die Tendenzüberschrift "Deutsche Hilfe für den Kongo"?
Leben im Krieg
Am 6. Juli 2008 erklärten die US-amerikanischen Streitkräfte, sie hätten bei militärischen Operationen im Osten Afghanistans "mehrere Aufständische" getötet. In der Bevölkerung kursierten aber Gerüchte, dass die Opfer Frauen und Kinder waren. Der afghanische Präsident Hamid Karsai, der nicht gerade als Feind der westlichen Besatzungstruppen bekannt ist, setzte daraufhin eine Untersuchungskommission ein. Sie hat herausgefunden, dass es sich bei den "Aufständischen" um die Teilnehmer einer Hochtzeitsgesellschaft gehandelt hat. Der Vorsitzende der Kommission, Burhanullah Schinwari erklärte am vergangenen Freitag: "Wir haben herausgefunden, dass 47 Zivilisten, meist Frauen und Kinder, bei dem Angriff getötet und neun Menschen verletzt wurden. Die Opfer waren Zivilisten und hatten keine Verbindung zu den Taliban oder al-Qaida." Die Hochzeitsgäste hätten die Braut in den Bergen an der pakistanischen Grenze begleitet, als der Angriff der US-Streikräfte erfolgte.
Unsere Frau in Savannah?
Ob die taz eine neue Korrespondentin in den USA hat? Man erfährt ja nix als Leser. Jedenfalls schreibt da eine Karin Deckenbach eine ganz feine Reportage aus dem Innern der US-Provinz, aus Savannah im Bundesstaat Georgia, über den Amerikaner in seiner natürlichen Umgebung. Hautnah am Volk, versucht die taz-Frau die Chancen Barack Obamas in einem Staat herauszufinden, der eigentlich traditionell an die Republikaner geht. Sehr schön: Die Chancen stehen gar nicht schlecht.
15. Juli 2008
Schurken, die die Welt beherrschen wollen
So lautet der Titel - eigentlich der Untertitel - der Kolumne von Peter Köhler, die in ziemlich unregelmäßigen Abständen auf der Wahrheitseite erscheint. Der Haupttitel bezieht sich immer auf den jeweils vorgestellten Schurken ("Heute: Olaf 'Bubi' Scholz") und lautet diesmal "Der gut geölte Parteisoldat". Das Prinzip der Kolumne: Ausprobieren, wie weit man bei der Politikerbeschimpfung gehen kann, ohne dass sich Redaktion und Autor eine Klage einfangen. In allen Medien wurden die taz und Köhler zitiert, als er einen der Kaczinski-Zwillinge als polnische Kartoffel bezeichnet hatte, und der angeblich beleidigt ein Treffen mit Angela Merkel absagte. Peter Köhler spielt gekonnt mit Sprachklischees, führt Politikerphrasen vor, entlarvt Dummschwätzer. Und er kennt die Grenzen, wann eine Beleidigung justiziabel wird - an die wagt er sich ran, so weit wie möglich. Das liest sich meist sehr erfrischend, und manchmal knüpft er dem Leser geniale Knoten ins Gehirn, verdeutlicht oder verändert Wortbedeutungen und dumme, sprachliche Angewohnheiten. Im Fall Olaf Scholz geht das so: "1998 aber rückte er in den Bundestag ein und sattelte, obwohl bislang unbescholten, auf Schröder um. In dessen Fußstapfen kam er zügig nach vorn, wo die Sonne ist: 2001 wurde er in den Bundesvorstand gehievt und 2002 zum Generalsekretär der einst sozialdemokratischen Partei erhoben, der flugs versuchte, noch der Leerformel vom 'demokratisch gepuderten Sozialismus' den Laufpass hinterherzuwerfen." Wie gesagt: Sehr vergnüglich, die "Schurken, die die Welt beherrschen wollen." Und nicht vergessen: Die Kürzestgeschichten oben rechts beim Wetterfrosch garantieren fast immer ein Leserschmunzeln. Das sollte mal einer sammeln und als Buch veröffentlichen, so im Reclam-Gedichtbändchenformat. (Jetzt mach ich dem Verlegervolk schon Vorschläge für Bücher von anderen Autoren, als hätt' ich nicht mit meinen Produkten genug zu tun.)
Frau am Boxring
Dass Frauen boxen weiß ja inzwischen jeder, und von Regina Halmich bis zur Tochter von Muhammad Ali (wie heißt die gleich noch mal?) haben sie seit Jahren die gebührende Aufmerksamkeit bekommen. Dass Frauen über Boxen schreiben, kommt schon seltener vor, und wenn, dann in der taz - wo sonst? Also berichtet Susanne Rohlfing kompetent, sachlich, fachkundig vom Kampf Wladimir Klitschko gegen Tony Thompson, und dazu gibt's ein Foto, aufgenommen aus der Perspektive am Boxring, im Vordergrund Klitschko, der aussieht wie eine Wachsfigur mit blauem Veilchen-Auge, und im Hintergrund liegt der k.-o.-geschlagene Thompson, der schützend den Boxhandschuh seiner Rechten über den Kopf hält, als erwarte er noch einen Tritt. Doch der Modellathlet hat sich längst abgewandt und schickt sich an, die Triumphator-Pose einzunehmen. Tolles Foto, toller Bericht, auch wenn mich der ganze Klitschko-Hype wirklich nicht interessiert. Ich weiß nicht, aber seit Ali und dem Prinz von Homburg hab ich mich für Boxen nicht mehr so recht begeistern können. Vielleicht lag's auch an Schriftstellern, die sich immer mit ihrem Boxwissen ins Rampenlicht geschoben haben und viel dummes Zeug verzapften.
Alles über Springer und Chick-Lit
Wie schon neulich erwähnt, erfährt der taz-Leser mehr über Interna aus dem Hause Springer als aus der taz. So werde ich gefühlte zehn Mal darüber informiert, dass Claus Strunz von der BamS zum Hamburger Abendblatt wechselt und bekomme auch noch lange Auszüge aus seiner letzten Kolumne zu lesen - nicht ohne den Hinweis, dass überall die Auflage bröckelt. Das nenne ich Leserservice! Und daneben schreibt Christian Bartels über ProSiebenSat1, und beömmelt sich gleich im Titel über den Ausdruck "Chick-Lit". Was das heißt, hab ich vor ein paar Jahren beim Übersetzen eines Frauenkrimis erfahren: Das kommt aus dem amerikanischen Verlagsgeschäft und bezeichnete ursprünglich typisch seichte Literatur, bei der es um junge Frauen geht, und die gern von jungen Frauen gelesen wird, also literature for chicks. Bartels fand heraus was die beim Fernsehen damit meinen: "Pro Sieben strebt dagegen in eine 'komädiantische Chick-Lit-Richtung'. Was das ist, erläutert der Sender so: Es gehe um 'weibliche Protagonistinnen, die innerhalb einer Corporate World harten Behauptungskämpfen ausgesetzt sind (...) und sich menschlich neu finden müssen.'" Ob's auch männliche Protagonistinnen gibt in der Corporate World von Pro Sieben?
Als wäre nichts gewesen
So heißt die CD von Carla Bruni - auf französisch selbstverständlich: "Comme si de rien n'était". Und im Gegensatz zur taz-Kultur, die sie vom Chansonexperten und früheren taz mag-Redakteur Reinhard Krause besprechen lässt, tu ich jetzt hier im tazblog einfach so, als wäre nichts gewesen. Ich hab ja oft Schwierigkeiten, Frauen zu verstehen, wenn ich sehe, wo die Liebe manchmal hinfällt, aber wenn eine Sängerin so einen Arsch wie den Nicolas "Kärcher" Sarkozy heiratet, dann will ich auch nicht hören, was sie singt. Vielleicht bin ja auch nur eifersüchtig. Oder Erich Kästner hat mal wieder recht, mit seinem Lied in "Tangorhythmen, langsam, sinnlich":
Ob er nun Staatsmann ist, ob Börsenheld, ob Krieger, - ich liebe den Sieger! Drum kann geschehen was will: Ich liege immer richtig! Und bei der Liebe ist das besonders wichtig! Man hat mich im Verdacht, ich liebe das Neue. O nein - ich lieb nur die Macht und halt ihr die Treue!
(aus: Das Leben ohne Zeitverlust, 1946)
Die Kulturhauptstadt des Führers
Wow, was Brigitte Werneburg da aus Linz berichtet und anhand der drei Ausstellungen "Schaurausch", "Tiefenrausch" und "Höhenrausch" über die Geschichte der Stadt rüberbringt, ist auch in dieser Länge lesenswert. Schön, dass die von mir oft gescholtenen Kulturseiten Raum für solch ausführliche Texte bereitstellen. Am besten gefallen hat mir die Beschreibung der Installationen im "Aktienkeller" des Offenen Kulturhauses OK, was schon vom Ort her zum "Tiefenrausch" gehört. Da steht zum Beispiel von Fernando Sanchez Castillo ein "monumentaler Denkmalsockel, dessen erhabener Anblick freilich durch den Geldschlitz an der Stirnwand untergraben wird. Ein Euro - und schon fährt aus dem Sockel die Reiterstatue Francos empor, um danach schlappe 20 Sekunden lang in voller Größe zu verharren." Der Diktator steht in Spanien noch überall rum, nur bemerkt ihn keiner mehr. Das Foto zum Artikel zeigt die Statue in halbausgefahrenem Zustand, und das sieht in diesem sechs Meter hohen Kellergewölbe sehr imposant aus. Werneburg kommt nach ihrer Bestandsaufnahme der Gegenwartskunst in Linz zum Schluss, dass es gut gerüstet ist für den Auftritt als Kulturhauptstadt Europas im nächsten Jahr und "ein Recht auf seinen Höhenrausch 2009" hat. Man müsste mal wieder nach Linz fahren. Einfach mit dem Fahrrad die Isar runter und an der Mündung auf den Donau-Radweg einbiegen.
Küppersbusch schießt ein Eigentor
Wer den politischen Gegner verbal mit dessen Waffen schlagen will, ist auch nicht besser als er. Frage der taz an Fiedrich Küppersbusch: "Der CSU-Politiker Norbert Geis hat Jürgen Klinsmann wegen des Aufstellens mehrerer Buddha-Figuren auf dem Trainingsgelände des FC Bayern kritisiert. Wäre eine Jesus-Statue besser?" Küppersbusch: "Äh. Was sagte der Genagelte den Spielern? 'Vier reinkriegen ist keine Schande?' Jesu Martyrium auf Golgatha mit 'Rumhängen im Strafraum' übersetzen?" Und dann meint Küppi noch, dass Geis "aus Versehen recht hat: Bayern ist ein unsympathischer Club, der nicht mit Frendanleihen auf dufte getunt werden sollte. Fass, Geis! Die Statuen in die Isar! ('Buddha bei die Fische')." So auf dem Niwoh halt. Ach, Küppersbusch, ach taz!
Wechseljahr
Die Kolumne von Dagmar Herzog, die Amerika im "Wechseljahr 2008" beobachtet läuft jetzt in der Folge 23. Sie berichtet über den New Yorker-Artikel von Seymour Hersch, der die Kriegsvorbereitungen gegen den Iran schildert. Brisant an Herschs Geschichte ist eine entlarvende Tatsache: "Auch die beteiligten Demokraten gaben Bush die erwünschte Zustimmung. 400 Millionen Dollar zwecks Regimedestabilisierung und Finanzierung Iran-interner Dissidenten, Anhäufung amerikanischer Militärs an der afghanischen Grenze zum Iran und Gutheißung möglicher 'tödlicher defensiver' Aktionen gegenüber einer Liste von Zielpersonen, erstellt von Vizepräsident Cheney, waren die Folge." Herzog weist auch darauf hin, dass die führenden Militärs und sogar Verteidigungsminister Robert Gates gegen einen Militärschlag sind. Und sie stellt fest, dass Hersch - anders als bei seiner Aufdeckung des Massakers von My Lai während des Vietnamkriegs und der Veröffentlichung der Geschichte über das Foltergefängnis Abu Ghraib - mit seinem Iran-Artikel so gut wie keine Beachtung findet: "Sein Fazit, dass das Weiße Haus mit der Kooperation führender Demokraten absichtlich die iranische Regierung provoziert in der Hoffnung, sie würde militärisch reagieren und dadurch wiederum eine offene militärische Aktion gegen Iran legitimieren", hat "kaum Widerhall gefunden." Um im Wahlkampf nicht als "zu weich zu erscheinen im Krieg gegen Terror" folgen die Demokraten lieber dem Weißen Haus als dem Militär. So sieht's aus im Sommer 2008, im "Wechseljahr".
Stachelschweine
Wie vermehren sich die Stachelschweine? Seeehr vorsichtig. Kannten Sie schon, hat sooo'n Bart? Na ja, aber daran musste ich denken, als ich das Interview von Lana Stille mit dem Mathe-Journalisten (ja, das gibt's), Astrologen, Kartenleger Peter Ripota gelesen habe. Anlass: Wir leben im "Jahr der Mathematik", das vom Bundesministerium für Forschung und Bildung in die Welt gesetzt wurde. Ripota scheint ein recht erfrischender Gesprächspartner zu sein. Am Schluss fragt ihn die taz-Frau: "Sie beschäftigen sich auch mit Astrologie und schrieben Bücher übers Kartenlegen. Passt das überhaupt zusammen?" "Nur die Wissenschaftler denken so. Die finden das natürlich schrecklich. Die Esoteriker dagegen freuen sich, dass ich auch Physiker bin. Esoteriker sind sehr offen, zu offen eigentlich, und oft zu unkritisch. Das Positive an den Esoterikern ist wiederum: Wenn eine neue Idee da ist, dann greifen sie die gerne auf. Physiker dagegen haben ziemliche geistige Schranken." Und was hat das mit den Stachelschweinen zu tun?, fragt sich der geneigte Leser spätestens an dieser Stelle. Gemach, hier kommt's, gleich nach Lana Stilles nächster Frage: "Und was für Menschen sind Mathematiker?" "Sehr vorsichtige."
Atomlobby
Dass jetzt wieder die Buttons mit "Atomkraft - nein danke!" aus dem Keller oder vom Speicher geholt werden müssen, iss ja irgendwie nicht zu fassen. Christian Rath, taz-Korrespondent für Recht und Grundgesetz (Bundesverfassungsgericht und solche Sachen) schreibt einen wie immer blitzgescheiten Kommentar, in dem er darauf hinweist, dass es nicht darauf ankommt, den Atomausstieg in die Verfassung zu schreiben, denn der ist ja eh schon geltendes Recht. Wer das Grundgesetz deswegen ändern will - so wie der verzweifelte Erhard Eppler das zur Rettung der SPD vorschlägt - will damit nur die CDU einbinden. Rath argumentiert nun, dass eine Einbindung der Union zwar wünschenswert wäre, "doch wäre sie vermutlich mit der Bedingung verbunden, dass in den nächsten Jahren keine AKWs stillgelegt werden müssen. Wer solche Bedingungen für akzeptabel hält, nimmt aber die Notwendigkeit eines schnellen Ausstiegs nicht ernst, untergräbt damit die eigene Position und wird von der Union am Ende vermutlich gar keine Zugeständnisse erhalten. Weder im Grundgesetz noch im richtigen Leben." Wird wohl Zeit, auch die Palästinensertücher und die Bauhelme wieder auszupacken. Aber falls das Recht auf Widerstand nur von den alten Zauseln aus Brokdorf-, Wyhl- und Wackersdorf-Zeiten wahrgenommen wird, dann sieht das Personal wohl so ähnlich aus wie im neuen Film von Crosby, Stills, Nash und Young. Immerhin spielt Stephen Stills bei einem der Konzerte nicht nur bis zum Umfallen - er spielt auch danach weiter. Ich hab ja schon mal die Renitente Rentner Partei gründen wollen ... Übrigens: Wenn man die Betreiber der AKWs endlich zwingen würde, ihre Dreckschleudern so zu versichern, dass sie bei einem Unfall wie Tschernobyl für den Schaden aufkommen müssten, wären die Meiler schon morgen abgeschaltet.
Geiseln listig befreit
Es sieht jetzt ganz so aus, als wäre die FARC-Guerilla tatsächlich von der kolumbianischen Regierung ausgetrickst worden bei der Geiselbefreiung. In einer Erklärung der Rebellen war von Verrat der Farc-Kommandanten César und Enrique die Rede. Ingrid Betancourt, von deren politischer Ausrichtung, Haltung, Überzeugung ich immer noch nirgendwo ein Wort gelesen habe, "dankte am Samstag im französischen Wallfahrtsort Lourdes der Jungfrau Maria für ihre nach fast sechseinhalb Jahren Geiselhaft wiedergewonnene Freiheit. Zugleich bat sie um ein 'Wunder': die Freiheit für alle Geiseln." Langsam krieg ich das Gefühl, ich will doch nichts über ihre politischen Absichten hören oder sehen.
Hätten Sie's gewusst? (I)
Das Rentenalter auf Kuba liegt bei 60 Jahren für Männer und bei 55 Jahren für Frauen. Warum das hier keiner weiß? Damit die "kleinen" Leute bloß nicht auf die Idee kommen, irgendetwas an Theorie und Praxis von Fidel Castro könnte bewunderns- oder gar erstrebenswert sein. Jetzt wird sich das Parlament zum ersten Mal mit einer Reform der Sozialgesetze befassen, denn auch in Kuba werden die Alten immer mehr und die Jungen immer weniger. Deshalb steht Rente für Männer ab 65 und für Frauen ab 60 Jahren zur Debatte. Fidels Bruder Raúl Castro will offenbar auch den Einheitslohn abschaffen: "Sozialismus bedeutet soziale Gerechtigkeit und Gleichheit, aber Gleichheit vor dem Recht und an Möglichkeiten - nicht an Einkommen", zitiert ihn Knut Henkel, eigentlich der taz-Mann in Havanna. Warum da "Hamburg" über dem Artikel steht, ist mir schleierhaft. Sitzt der Korrespondent für die Karibik jetzt an der Elbe?
Hätten Sie's gewusst? (II)
Wer monatlich netto 1.700 Euro oder weniger verdient, für den liegt die Inflationsrate bei 5,4 Prozent. Das betrifft "laut Index der Inflationsbelastung" ein Drittel aller Haushalte. Sie erinnern sich? Die Renten wurden gerade um 1,1 Prozent erhöht.
Philosophie
"Öde und langweilig" findet der hauptberufliche Philosoph Peter Sloterdijk die meisten Politikerreden. Das mag schon sein, aber dasselbe gilt unglücklicherweise auch für die Bücher des nebenberuflichen Fernsehunterhalters. Der philosophischen Fachzeitschrift Bild am Sonntag teilte er mit: "Reden sollte man nur, wenn man eine Botschaft hat." Schreiben auch.
Kandidatenholz
So schnell vergesse ich nicht. Auch wenn mir Stefan Reinecke in einem sehr guten Porträt verdeutlicht, weshalb an Frank-Walter Steinmeier als Kanzlerkandidat kein Weg vorbeigeht, bleibt er doch als Gerhard Schröders rechte Hand in deutlicher Erinnerung. Bei der Agenda 2010, bei den Kriegseinsätzen, bei den CIA-Flügen, bei allen großen und kleinen Schweinereien unter Rot-Grün war er ganz vorne dabei. Reinecke hat ihn ziemlich aufmerksam und aus der Nähe beobachtet, und ob man den Außenminister mag oder nicht, ein gewisses Maß an Schläue ist ihm bestimmt nicht abzusprechen. Jetzt redet er davon, "wie weise er die Beschlüsse der Partei findet, die den Schaden der Agenda 2010 begrenzen sollen." Die Hoffnung, dass sich niemand vom Kreide fressenden Wolf verarschen lässt, ist gering. Man muss sich nur die Umfragewerte für Steinmeier ansehen.
Club Méditerranée
Der amerikanische Präsident und seine Außenministerin haben so ziemlich alles falsch gemacht, was außenpolitisch falsch gemacht werden konnte. Nur kriegerisch, als Waffenlieferant und Schutzmacht für Israel, als Akteur im Irak-Krieg, den sie nicht gewinnen können, spielen die USA noch eine Rolle in Nahost. Diplomatisch kräht kein Hahn mehr nach ihnen. In die Lücke prescht jetzt Frankreichs Sarkozy mit seiner Mittelmeerunion. Bemerkenswert: Die Staatschefs aller Anrainerstaaten nahmen an dem Treffen in Paris teil, bis auf den libyschen Präsidenten Muamar al-Ghaddafi. Er boykottierte den Club Méditerranée.
Ciao, bis morgen - und nicht vergessen: Am 23. Juli beginnen die Hundstage!
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