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24.07.2008 16:00:13
Post von Pfitzinger

Lieber Franz Josef Wagner, Sie schreiben - täglich, glaube ich - eine Kolumne in der Bild-Zeitung mit dem Titel "Post von Wagner". (Den ganzen Brief finden Sie unter dem Eintrag vom 17. Juli!)


16. Juli 2008

Debütantin


Da schreibt meines Wissens zum ersten Mal Gudula Kanzmeier auf der Wahrheitseite. Was sie über Karate und den geistlich-geistigen Hintergrund der Schlägerei ablässt, das ist, zugegeben, alte Satireschule, aber amüsant und gut geschrieben: "Wir verhauen unsere Gegner nur ganz spirituell mit viel 'Do'. Was soll das? Meinem Gegner kann es doch völlig wurscht sein,ob ich ihn mit oder ohne Philosophie verdresche, die Schmerzen sind wohl die gleichen. Obwohl? Vielleicht sollte man das mal ausprobieren: Man schnappt sich ein beliebiges Opfer und verkloppt es zweimal. Erst ganz normal und dann mit ganz viel 'Do'. Danach fragt man dann, ob irgendein Unterschied zu spüren war."
Gelungenes Debüt - mehr Kanzmaier!
Gar nicht mehr komisch: Die Drohungen gegen den Tod, wenn wieder ein Mensch weit über 100 gestorben ist, und die Agenturen das als Superlativ vermelden. Ehrlich: Die immer gleichen Formulierungen auf der Wahrheitseite ("Tod, du dreckiger Bastard!") öden nur noch an.
Und das geheime Tagebuch der Carla B. von Silke Burmester war eh eine Fehlbesetzung für den Dienstag. Das würde aber für jeden anderen Wochentag auch zutreffen. Da gilt nicht das "gar nicht mehr komisch" - es war's ja nie.

Null. Null. 180: Hoher ÜQ*

Der  Unterhaltungswert der Rubrik "warenkunde" tendiert gegen null. Der Erkenntnisgewinn der Rubrik "warenkunde" tendiert gegen null. Der *Überflüssigkeitsquotient liegt bei 180 (auf der nach oben offenen Entbehrlichkeitsskala).

Zitat

"Es gibt das Phänomen eines diasporischen Langstreckennationalismus."

Rainer Bauböck, Migrationsforscher, Professor am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz

Traurige Tropen

Ein ganzseitiger Artikel zum bevorstehenden 100. Geburtstag des großen Menschen Claude Lévi-Strauss. Der Leser erfährt, dass die Neuherausgabe einer Auswahl seiner Werke "in der Dünndruckausgabe der Pléiade" einer Anerkennung als Klassiker zu Lebzeiten gleichkommt. Und wenn er den Artikel tatsächlich bis zum Ende gelesen hat, erfährt der geplagte Leser auch noch, dass man über einen der auf- und anregendsten Anthropologen, Philosophen, Ethnologen, Bestsellerautoren ("Traurige Tropen") des 20. Jahrhunderts einen staubtrockenen akademischen Artikel schreiben kann. Das enttäuscht etwas, weil Arno Münster als Professor für Philosophie "an der Université de Picardie Jules Verne in Amiens" lehrt. Da wären doch beide Autoren, Lévi-Strauss und Jules Verne, Verpflichtung zu spannender Schreibe.
Das wunderbare Foto zeigt den alten Mann - er lebt tatsächlich noch! -, wie er wachen Blickes in die Kamera guckt, die Hände auf den Stock gestützt, im Nadelstreifenjackett, und auf der schmalen Krawatte ist tatsächlich ein Paisley-Muster zu erkennen. Ich geh mal davon aus, dass der Autor der "Strukturalen Anthropologie" den Schlips nicht zufällig trägt.
Der letzte, der Paisley zu seinem Markenzeichen erhoben hat, war übrigens der Popstar Prince ("Purple Rain"). Wäre mal interessant, über die  Verbindung bewusstseinserweiternder Drogen und die Strukturen von Paisley nachzudenken.
Claude Lévi-Strauss feiert seinen hundertsten Geburtstag erst in vier Monaten, am 28. November. Ich heb mir die Glückwünsche bis dahin auf. Aber ihm für die "Traurigen Tropen" (1955) herzlich zu danken, dafür ist es nie zu früh: Danke, Monsieur, Sie haben mir mit ihrem liebenden Blick auf andere Kulturen gezeigt, dass alle Menschen gleichwertig sind, dass es möglich ist, Wissenschaft und Humanität zu verbinden. Und dass Rassismus ursprünglich aus Europa kommt.

Die Frauenfrage

Selten war eine Titelzeile so zutreffend: "Die Heiße-Luft-Nummer". Nein, nein, jetzt glauben Sie nur nicht, ich will schon wieder an einem taz-Autor rumnörgeln. Der Artikel von Gunnar Leue ist gut recherchiert, fein geschrieben, geht souverän und unverklemmt mit dem Thema um, und kommt zu dem Schluss: Die Geschichten mit dem Vögeln im Flugzeug sind zum großen Teil übertrieben, wenn nicht glatt erfunden. (Auch den Kalauer mit den Stewardessen hat er sich verkniffen, weshalb ich ihn bringen muss: Sie fliegen durch die Lüfte, Vögeln gleich - funktioniert  natürlich nur in der gesprochenen Form, wenn nicht klar ist, ob großes oder kleines Vau).
Aber heh, wen interessiert das, ob man in der Luft vögeln kann, darf oder soll? Und ob die Bordtoiletten dazu geeignet sind, oder ob es besser auf den Sitzen geht, und dass Hugh Hefner sich eine Spielwiese in seine private DC 9 einbauen ließ, und Led Zeppelin eine eigene Boeing hatten, in der sie Groupies vögelten?
Sex sells - wenn das einer weiß, dann wohl ich. Aber darüber hinaus komm ich langsam in weisere Gefilde: Sex wird auch maßlos überschätzt.
Wirklich.
Und wie immer stellt natürlich keiner die einzig entscheidende Frage: Hat die Frau im Flugzeug einen besseren Orgasmus?

Unser Gorilla

Ein brillanter Kommentar von Bernard Schmid schmückt die Meinungsseite. Es geht um die "Union für das Mittelmeer", und Schmid weiß nicht nur Bescheid, er kann schreiben, er stellt die  wichtigen Fragen und er kommt zu den richtigen Schlussfolgerungen. Zum Beispiel, weshalb man es bei der Zusammenarbeit nicht so wichtig findet, ob die jeweiligen Staatschefs demokratisch gewählt sind oder nicht (für die meisten gilt ja: oder nicht). Zunächst geht es nämlich den EU-Staaten nur um ein konkretes Ziel: "... dass die ökonomisch nicht hinreichend verwertbaren Einwanderungskandidaten 'draußen' gehalten werden. Regime wie die in Marokko, Tunesien oder Libyen geben zudem gern den Wachhund für diese Dienstleistung ab, vorausgesetzt, ihren heimischen Eliten winken dafür weitere Privilegien."
Frankreich hat sich ja, egal unter welcher Regierung, noch nie darum geschert, mit Diktatoren zusammenzuarbeiten, wenn es den außenpolitischen Interessen der Grande Nation dient. Schmid: "Ein befreundeter Gorilla ist immer noch 'unser Gorilla'." Und er führt gleich ein Prachtexemplare vor: "Der Präsident der Erdölrepublik Gabun, Omar Bongo Ondimba, seit Januar 1967 und damit schlappe 41 Jahre im Amt. Erst jüngst, vom 1. bis 11. Juli dieses Jahres weilte unser Omar Bongo in der französischen Hauptstadt, wo er nicht weniger als 33 luxuriöse Villen besitzt und wo die Guthaben geparkt sind, die laut NGOs wie Transparency International 'der gabunischen Bevölkerung gestohlen worden sind'. Offizieller Grund seiner Präsenz in Paris: ' ... um die europäische Ratspräsidentschaft meines Freundes Nicolas Sarkozy gebührend zu feiern.'"
Tja, so läuft's. Wir müssen ja Erdöl verbrennen, um "unseren Lebensstandard" nicht zu gefährden.
Ein paar Seiten vorher berichtet Dorothea Hahn aus Paris: "Beim diesjährigen französischen Nationalfeiertag saß der syrische Diktator Baschar al-Assad in der ersten Reihe. Etwas hinter ihm waren Bundeskanzlerin Merkel und der israelische Regierungschef Ehud Olmert platziert."
Und noch zwei Seiten davor steht die Meldung von dpa: "Etwa 7.000 ausreisepflichtige Syrer müssen voraussichtlich in Kürze Deutschland verlassen. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) und sein syrischer Amtskollege Bassam Abdel Madschid unterzeichneten gestern in Berlin ein bilaterales Rückübernahmeabkommen."
Tolles Wort! Worum es dabei tatsächlich geht, wird deutlich, wenn man das Abkommen näher betrachtet: Irakische Flüchtlinge, die aus Syrien eingereist sind, können wieder dorthin zurückgeschickt werden. Dass Syrien von einem Diktator regiert wird, der in Erbfolge an die Macht kam, interessiert doch Schäuble nicht. Nur raus mit den Ausländern!

Bildertrost

Auch wenn hier erst mal was fürs Auge eingeblendet wird - bleiben Sie dran, es geht noch weiter. Ulrike Winkelmann hat sich nämlich Gedanken gemacht, wie man die größten Dreckschleudern, die SUV (Saumäßige Umwelt Verseucher), aus dem  Verkehr ziehen - oder zumindest nicht mehr mit Steuergeldern finanzieren - könnte. Das ist nicht nur tvF*, das ist die vornehmste Aufgabe, wenn man  als Journalist seinen Beruf ernst nimmt: Sich zu fragen, was man tun kann, wenn man all die Informationen zum Klimawandel gespeichert hat. Jammern allein reicht nicht. Aber jetzt muss ich erst mal raus - die Sonnentage sind zu selten, als dass man einen auslassen dürfte in diesem Sommer. Und hier ein Bild aus dem Winter.

*taz vom Feinsten!



17. Juli 2008

Heiter weiter

Sie haben es sicher gemerkt: Das tazblog hier wird weiter gefüttert, und ich nehm mal an, so lang mich das Berliner Blättchen zum Lachen und zum Weinen bringt, kommt auch Nachschub an Kritischem, Solidarischem, Ärgerlichem und Erfreulichem.
Hier, wie angekündigt, noch ein Beitrag zur taz von vorgestern, die Ausgabe vom 15. Juli, Seite 4, ein Brennpunkt zum Thema "Steuerprivilegien für Dienstwagen". Ulrike Winkelmann hat da eifrig recherchiert, und heraus kam, dass man die deutsche Automobilindustrie tatsächlich dazu bringen könnte, vernünftigere Autos zu bauen. Es gibt ja Leute, die sich schon von einem Tempolimit weniger Spritfresser erwarten: Wozu Motoren für Tempo 250 bauen, wenn nur noch 120 erlaubt ist? Das muss auf jeden Fall kommen, denn die Mentalität des deutschen Durchschnittsmenschen funktioniert nach dem Motto: Wenn es nicht verboten ist, dann muss ich so schnell fahren, wie's die  Karre hergibt. Sich freiwillig auf 120 km/h beschränken, das geht nicht rein in den Kopf von Ede Bleifuß, auch wenn der Sprit zwei Euro kostet.
Nun hat also der Umweltminister einen Plan in die Diskussion geworfen, der die Autolobby reflexhaft aufheulen lässt: Ob Dienstwagen steuerlich absetzbar sind, soll nach ihrem CO2-Ausstoß beurteilt werden. Ob das eine positive Auswirkung aufs Klima hätte? 3,5 Millionen der 46 Millionen starken Pkw-Flotte in Deutschland sind steuerlich absetzbare Dienstwagen - fürs obere Management, aber inzwischen auch fürs mttlere Fußvolk. Der Dienstwagen ist das Statussymbol des mittleren Angestellten, oder, wie Winkelmann es ausdrückt: "Die Blech gewordene Wertschätzung des Arbeitgebers." Und der hat auch noch Vorteile, wenn er, statt mehr Gehalt zu zahlen, einen Dienstwagen zur Verfügung stellt. Da spart er gleichzeitig Steuern und Sozialabgaben. Schlau, was? Die Zuwachsrate für Dienstwagen liegt bei drei Prozent jährlich.
Für die obere Hubraumabteilung hat Winkelmann ausgerechnet: "Gut verdienende Freiberufler zahlen einen hohen  Steuersatz, deshalb profitieren sie auch besonders von der Möglichkeit, Dienstwagen als Betriebsausgaben geltend zu machen. Im Effekt bekommt der Makler deshalb seinen 100.000-Euro-Porsche-Cayenne fast zum halben Preis - und den Sprit auch und die Garage noch dazu."
Damit aber genug der Neiddebatte - dem Umweltminister geht es darum, "die steuerliche Abzugsfähigkeit von Dienstwagen von ihrem CO2-Ausstoß abhängig zu machen." Der als "Auto-Papst" ständig medienpräsente Professor Ferdinand Dudenhöfer weiß schon, wohin das führen würde: "Wenn der die Dienstwagenregelung ändern will, kann er BMW und VW auch gleich bitten, ins Ausland zu gehen."
Holla, da scheint Sigmar Gabriel ausnahmsweise was Vernünftiges in die Wege leiten zu wollen. Wenn man allerdings sieht, wie Angela Merkel mit ihrer bisherigen Politik den Autofirmen in den Auspuff gekrochen ist, hat der Plan wohl wenig Chancen. Ulrike Winkelmann hat auch noch Hans-Jochen Luhmann vom Wuppertal Institut interviewt, und der meint: "Wir haben es hier mit einem Machtkampf zwischen Politik und Automobilindustrie zu tun: Die Politik zeigt: Wir tragen eure Tendenz zum Hochverbrauchfahrzeug nicht mehr mit, die Automobilindustrie hält dagegen. Dann braucht es eben Maßnahmen."
Dass die von dieser Bundesregierung kommen, darf bezweifelt werden. Gabriels Kollege Tiefensee vom Verkehrsressort weiß zwar, dass 70 Prozent aller Güter auf der Straße transportiert werden, zeigt aber auch in seinem Verkehrsbericht auf, was er tun wird, um die monströse Lkw-Flotte zu verkleinern und Güter zurück auf die Schiene zu verlagern: nichts.

Traumpaar

"Das ist ein Weg zu sagen: Wir lieben dich."
Nicolas Sarkozy, als er Ingrid Betancourt zum
Ritter der Ehrenlegion schlägt. Uuuuääääääääh.

Post von Pfitzinger

Lieber Franz Josef Wagner, Sie schreiben - täglich, glaube ich - eine Kolumne in der Bild-Zeitung mit dem Titel "Post von Wagner". Auf dem Bild dazu lächeln Sie dem Leser freundlich und mit allen Zähnen entgegen. Da ich aus Gründen der Informationspflicht nicht gezwungen bin, diese grauenvolle Zeitung zu lesen, habe ich bisher auch nichts von Ihrer "Post" mitbekommen. Gestern nun hat mir eine gute Freundin eine Ihrer Kolumnen zugeschickt. Sie ist überschrieben "Liebe Atomkraft", und seit ich die gelesen habe, bin ich mir nicht mehr sicher, ob Sie blöd, bösartig oder gemeingefährlich sind, oder gar auf der Gehaltsliste der deutschen Atomkraftwerkbetreiber stehen. Vielleicht alles zusammen? Ich bin jedenfalls rat- und fassungslos.
Ich nehme mal an, seit dieser "Post von Wagner" sind schon ein paar Tage vergangen, Datum steht keins dabei auf dem Ausschnitt. Aber vielleicht können Sie sich sogar erinnern, was Sie da geschrieben haben, wenn die Promillewerte wieder im Normalbereich liegen?  Wenn nicht, helfe ich Ihnen hier mit ein paar Zitaten: "Unsere Erde hat noch Gas für 60 Jahre und Öl für 40. Wenn meine Enkelin 45 ist, dann wird sie frieren und zu Fuß ins Büro gehen. An Kohle glaube ich nicht. Kohle ist die schmutzigste Energie. Meine Enkelin wird sich die Seele aus dem Leib husten."
Also, Herr Wagner, das ist das, was ich mit blöd meine. Wenn Sie auch nur einen Funken Verstand hätten, würden Sie nicht so einen Unsinn schreiben. "Unsere Erde" hat vielleicht noch Gas für 60 Jahre und Öl für 40, wenn beides weiterhin in dem Maß verbrannt wird, wie wir es heute tun. Das geht aber nicht, denn inzwischen weiß jeder, der mal eine Zeitung gelesen oder ein Fernsehgerät angeschaltet hat, dass wir mit dem Verbrennen so nicht weitermachen können, weil wir sonst den Planeten für Menschen, Tiere und Pflanzen unbewohnbar machen. "Unsere Erde" hat also Vorräte, die bei sparsamerem Gebrauch noch viel länger ausreichen würden, aber wir dürfen sie trotzdem nicht verbrennen. Wir müssen unseren Lebensstil ändern, auf viele unnötige Dinge verzichten und einen Lebenssinn finden, der über das Konsumieren von immer mehr unsinnigen Produkten hinausweist.
Ihre Enkelin wird möglicherweise zu Fuß oder mit dem Fahrrad ins Büro kommen, aber frieren wird sie bestimmt nicht: Die Durchschnittstemperaturen in vier Jahrzehnten werden sehr viel höher sein als heute. Und machen Sie sich keine Sorgen, husten wird sie auch nicht, denn Kohlekraftwerke sind auch kein Ausweg, damit wird man bald aufhören müssen, nicht erst, wenn Ihre Enkelin 45 ist.
"Windkraft? Ich bedaure alle Menschen, die nicht mehr den freien Blick auf das Meer haben. Der Blick auf das Meer ist die Freiheit der Augen, Monster-Windräder verstellen unseren Blick." Tja, Herr Wagner, da muss man abwägen, ob "die Freiheit der Augen" als Wert höher eingeschätzt werden muss, als die Versorgung mit Energie, die keine Abgase verursacht und unbegrenzt zur Verfügung steht. Im Übrigen setzt man inzwischen auf Windrotoren, die so weit von Ihrer Urlaubsinsel Sylt entfernt sind, dass Ihr und unser Blick nicht verstellt wird.
Dann erwähnen Sie noch den Anbau von Energiepflanzen, der "die halbe Welt verhungern lassen" wird. Da sind wir uns ausnahmsweise mal einig, das halt ich auch nicht für den richtigen Weg. Aber, so sagen Sie: "Es gibt noch die Kraft des fließenden Wassers, Stauseen. Mit Stauseen kann man ein Dorf mit Licht versorgen - aber nicht die Welt."
Warum soll's denn gleich "die Welt" sein? Strom, der aus Wasserkraft erzeugt wird, kann sehr wohl mehr als ein Dorf mit Strom versorgen, und ob Sie es nicht wissen oder mit Absicht verschweigen: Um "die Kraft des fließenden Wassers" auszunutzen, braucht man nicht unbedingt Stauseen anzulegen - eine Turbine in einem munter dahinplätschernden Kanal oder Fluss tut's auch. Kommen Sie mal nach München, ich zeig's Ihnen, gleich unterhalb vom Landtagsgebäude.
Sie schließen Ihre "Post von Wagner" an die "Liebe Atomkraft," mit den Worten: "Weil ich meiner Enkelin ein schönes Leben wünsche, muss ich mit Schmerzen sagen: 'Atomkraft, ja bitte.' Herzlichst Ihr F. J. Wagner."
Nun werden Sie vielleicht sagen, ich wäre polemisch und hätte mit Absicht einen wichtigen Bereich in Ihrer Post ausgelassen, auf den jeder halbwegs vernünftige Mensch zuerst kommt, vor allem wenn er seinen Brief mit den Worten anfängt: "Ich habe den Button mit der lachenden Sonne noch. Ob ich ihn mir heute wieder anstecken würde? Mein Herz sagt ja, mein Verstand nein."
Sehen Sie, das meine ich mit der Vermutung, Sie seien vielleicht mehr als nur ein bisschen blöd, sondern bösartig oder gar gemeingefährlich. Wer wie Sie für ein derart großes Publikum schreibt, sollte sich auch bewusst machen, dass er eine gewisse Verantwortung hat. Oder gehen Sie davon aus, dass der Bild-Zeitung sowieso kein Schwein was glaubt, und Ihnen schon gleich gar nicht? Dann sind Sie tatsächlich gemeingefährlich, denn ich kann Ihnen versichern: Sie werden gelesen, Sie tragen bei zur Bildung der öffentlichen Meinung im Volk, von dem ja in einer Demokratie die Macht ausgehen soll. Und diese öffentliche Meinung kippt gerade um, dank der teuren Lobby- und Propagandaarbeit der Atomindustrie. Sie gewinnt wieder Oberwasser und geht davon aus, dass sich mit Atomkraftwerken, die von der Allgemeinheit finanziert, mit Steuergeldern auf allen Ebenen subventioniert werden, immer noch gigantische Profite einfahren lassen. Dabei weiß jeder, der das Jahr 1986 nicht im Vollrausch verbracht hat, dass diese Technologie vom Menschen nicht beherrscht werden kann, dass es ständig Störfälle gibt, die nach allen Regeln der PR-Kunst verschwiegen werden, und dass AKWs auf Kosten Ihrer Enkelin und deren Urenkeln und deren Urururenkeln betrieben werden. Denn kein Mensch weiß bis heute, was man mit dem Abfall anfangen soll, der bei der Energieerzeugung mit Uran anfällt. Dazu kommt, dass es 15.000 Jahre dauert, bis die radioaktive Strahlung des Atommülls auch nur zur Hälfte abgeklungen ist.
Und Sie unterstützen diese unsinnige Profitmacherei auch noch in der Zeitung mit der höchsten Auflage in Deutschland, schreiben über die Energien der Zukunft und weisen dabei mit keinem Wort auf die wichtigste Stromquelle hin, die sich auch in vielen tausend Jahren nicht erschöpft und mehr Energie zur Erde schickt, als die Menschheit je verbrauchen kann: Die Sonne.
Lieber Herr Wagner, Sie sind entweder blöd oder bösartig. Und die Möglichkeit, mit Ihrer Meinung so viele Menschen zu erreichen, macht sie gemeingefährlich.
Herzlichst Ihr
Hans Pfitzinger


ab hier: strikt nur die Mittwoch-taz, vom 16. Juli 2008
 
Radsportveranstaltung

Ach die Tour - war das noch schön, als ich an Sommernachmittagen vom Freibad nach Hause kam, und die Zusammenfassung der Frankreichrundfahrt im Schwarzweißfernseher geguckt habe. Was weiß ich, ob's damals kein Doping gab, oder ob's bloß niemand interessiert hat, weshalb die Typen gelegentlich halb- oder ganztot vom Rad fielen. Kein Mensch hat jedenfalls nur ein Wort zum Thema Doping gesagt. Sebastian Moll schreibt in  der Mittwoch-taz über das "Team Gerolsteiner", das verzweifelt einen Sponsor sucht (heh, ich such auch einen!): "... Teamchef Holczer macht schon lange keinen Hehl mehr daraus, dass er das unablässige Moralisieren in deutschen Medien nicht nur für übertrieben hält, sondern sie für den drohenden Tod seines Teams mitverantwortlich macht."
Dasselbe wollte ich gestern über Sebastian Moll schreiben, weil er nicht über die Etappe vom Vortag, sondern über Riccardo Ricco und seine Doping-Vorgeschichte schrieb. Dann fiel mir ein, dass Ruhetag war. Und heute bestätigt sich der Verdacht: Ricco ist raus, und der Sponsor zieht sein ganzes Team zurück.

Färnseh

Da gibt es anscheinend eine Krimi-Reihe, die "Bloch" heißt, und so gut ist, dass sogar Michael Verhoeven Fernsehregie macht. Und auf die wird in allen seriösen Zeitungen vorab hingewiesen und in der taz auch. Eine Frau hat ihr Kind umgebracht, leidet aber zur Entlastung an einer Psychose und die heißt "postpartale Anpassungsreaktion". Heh? Postpartal? Postnatal ginge ja noch, aber bei postpartal steh ick aufm Schlauch, lieber Christian Buss vom Vorabüberblochberichtressort.

Zeichenromane

Der  Fachausdruck heißt "Graphic Novel", und wenn Sie nichts mit dem Begriff anfangen können, sei Ihnen gesagt: Früher hieß das mal Comics. Nun gut, vielleicht gibt's jetzt mehr zu lesen und weniger Bilder, und ganz trendy scheint zu sein, wenn sich einer "einbringt", sprich: Autobiografisches unterbringt im Werk. Das war ja mein Trend schon seit immer, und wenn das jetzt gefragt ist, muss ich schleunigst auf die Anzeigen oder Webseitensonderveröffentlichungen hier im tazblog verweisen. Frank Schäfer schreibt über einen verdienten Verleger namens Dirk Rehm und noch ein paar andere, und über ein paar (mir) bekannte und (mir) unbekannte Comic-Zeichner. Bei Lewis Trondheim bin ich hellhörig geworden - nein, hellsichtig, oder wie man das beim Lesen nennt. Aufmerksamer? Trondheims Neuerscheinung heißt "Außer Dienst", und es geht darin um das "Problem des alternden Comicautors". "Trondheim gönnt sich eine achtzigtägige Auszeit vom Albenzeichnen, um auf neue Ideen zu kommen, und weil er sich nicht verschleißen will. Denn er hat einen entsetzlichen und durch viele Beispiele gestützten Verdacht: 'Comicautoren altern schlecht'. bald merkt er allerdings, dass ihm seine kreative Pause nicht bekommt: 'Macht man nichts, rostet man ein. Macht man was, erschöpft es sich.'"
Das darf man getrost als Dilemma bezeichnen, oder, wie Schäfer es tut, als Hauptwiderspruch, und auf andere Berufsgruppen übertragen.
Schöne Zeichnungen von Delisle und Atak.

Feigheit statt Eier

Bettina Gaus macht sich in ihrer Kolumne "Fernsehen" darüber Gedanken, weshalb in den USA Politiker viel häufiger in Situationen gezeigt werden, in denen sie alles andere nur keinen guten Eindruck machen. Zum Beispiel weil sie glauben, die Mikrofone seien abgestellt und dann, wie Jesse Jackson, sagen, dass er Barack Obama am liebsten "die Eier abschneiden" möchte.
Warum, fragt Bettina Gaus, passiert sowas in der Art deutschen Politikern nie? "Weil deutsche Redaktionen es für unhöflich halten, die Leute, über die sie zu berichten haben, der Peinlichkeit auszusetzen? Je länger ich politische Fernsehsendungen in den USA verfolge, desto größer werden meine Zweifel. Ob das, was wir hierzulande zu Regeln des politischen Anstands erklärt haben, eigentlich nicht in Wahrheit ein anderer Ausdruck ist für eine journalistische Todsünde: Feigheit."

Zitat

"Die SPD ist in der letzten Zeit mit guten Nachrichten nicht gerade überschüttet worden. Der Atomdissens zwischen Union und Grünen ist eine. Auch wenn die SPD dafür nicht viel getan hat", meint Stefan Reinecke. Nach einigem Grübeln hab ich die Aussage zwar noch nicht endgültig ergründet, aber es läuft wohl darauf hinaus: Für die SPD bedeutet das, sie bleibt auf jeden Fall an der Regierung, weil die Grünen nur mit ihr können und wollen, oder weil die Große Koalition fortgesetzt wird.
Na ja, das kann dann schon eine gute Nachricht für die SPD sein. Für den Rest der Welt klingt das eher deprimierend.

Leser

Zum Sommerlochthema "Wahlrecht für Kinder" meint die Leserin Claudia Pini aus Köln (Woher ich die bloß kenne? Mir fällt's nicht ein.):  "Warum nicht gleich Kinderlosen das aktive und passive Wahlrecht aberkennen. Vielleicht ist dann ja endlich Schluss mit dem 'Zeugungs- und Gebärstreik egoistischer Selbstverwirklichungslümmel' (Mathias Matussek)."
Frage an die Leser dieser Zeilen: Hat das der Matussek tatsächlich gesagt? Und hat er das ernst gemeint oder meinte er das ironisch? Ich trau dem Kerl nämlich zu, dass er so was tatsächlich allen Ernstes von sich gibt.

Terrorliste

Nach Angaben der ACLU, das ist die American Civil Liberties Union, die amerikanische Vereinigung für Bürgerrechte, führt das US-Justizministerium eine Terrorliste mit einer Million Namen, zu denen monatlich 20.000 weitere dazukommen. Nun bin ich ja nicht so toll in Mathe, aber da kann man doch ausrechnen, wann alle Erdbewohner terrorismusverdächtig sind. Und weil die Liste dann vollends unsinnig geworden ist, muss man wieder eine neue anlegen. So wird die Bürokratie beschäftigt, und es bleibt alles beim Alten. Großartig.

Belgien ist Avantgarde

Belgien führt gerade im Selbstversuch vor, dass es auch ganz ohne Regierung geht, und das schon seit über einem Jahr. Das haben die Italiener in den letzten 60 Jahren immer wieder erprobt, und so können wir bald auch hierzulande, spätestens wenn es 2009 wieder nur zur SPCDSU reicht, den Beweis antreten: Keiner braucht euch noch. Wenn ihr sowieso nicht imstande seid, etwas zu ändern, dann lasst's halt ganz bleiben.
Aber glaubt bloß nicht, dass ihr weiter eure Gehälter kriegt! Nach 18 Monaten gibt's Hartz IV!

Kommentar

18. Juli 2008

Frauenfrage

Kommen Frauen wirklich zusammen, um sich, genau wie Männer, einen hinter die Binde zu gießen - in diesem Fall Grappa -, und über gemeinsame Bekannte herzuziehen? Ich geb ja zu, die Frage, ob es mit einer G-Shot-Behandlung durch einen seriösen Arzt zur "Steigerung der sexuellen Erregbarkeit durch G-Punkt-Intensivierung" kommt, ist durchaus von öffentlichem Interesse. Noch dazu - der treue Blog-Leser erinnert sich - nachdem ich erst vor zwei Tagen beklagt habe, dass sich niemand für die Frage interessiert, ob die Frau als solche beim Vögeln im Flugzeug einen besseren Orgasmus hat. Der Beitrag "g-punkt-tuning" bringt zwar einige Fragen auf denselbigen, aber ich zweifle, ob es sich bei der "Autorin"  Ilke S. Prick tatsächlich um eine Frau handelt.
Im Amerikanischen ist prick eine Umschreibung für Schwanz, Pimmel, Penis, wird aber auch gern als Schimpfwort gebraucht, zum Beispiel stupid prick, für Männer, die sich aufführen wie Arschlöcher. Könnte also durchaus ein Pseudonym für einen Mann sein, der sich als Frau ausgibt. Iss aber eigentlich wurscht, ihre/seine Wahrheit-Beiträge sind immer gut geschrieben, und ich lese sie gern. Prick. Es gab mal einen Fußballspieler bei Bayer Leverkusen, der hieß mit Franco Foda. Da hatten sie in Brasilien etwas Schwierigkeiten, denn dort heißt das Fotze. Frau Prick, so es sich denn um eine solche handelt, sollte bei der Einreise in die USA sehr vorsichtig sein, wenn der Beamte nach ihrem Namen fragt - die Antwort könnte ihr leicht als Beschimpfung ausgelegt werden.

Leibesübungen: Mir san Olympia


München hat sich also um die olympischen Winterspiele 2018 beworben. Es könnte sein, dass dann der jetzige OB Christian Ude nicht mehr im Amt ist, obwohl - wetten würde ich darauf nicht, sind ja nur weitere zehn Jahre bis dahin. Nachdem er die Bewerbung bekanntgegeben hatte, trat unser Dauer-Ude vor die Presse und verkündete: "Für München hat es Tradition, den Zuschlag im ersten Anlauf zu kriegen."
Menschen von außerhalb werden den Spruch sicher als diese typisch münchnerische Überheblichkeit empfinden, aber wir Bewohner der bayrischen Hauptstadt wissen, dass bei diesen Worten ein feines Lächeln um die Lippen von Christian Ude schwebte. Alles nicht sooo ernst gemeint.
Die Bewerbung schon - der Münchner ernährt sich schließlich von den durchreisenden Preußen, egal ob die aus Norddeutschland mit Resteuropa, Nord- und Südamerika, Asien oder Australien anreisen. Wenn's um's Geldverdienen geht, hört beim Bayern der Spaß auf. Den Umgang mit Kreditkartenbelegen lernen die kleinen Bayern schon im Kindergarten. Die ersten drei Wörter, die hier die Babys lernen, sind Laptop, BMW und Mastercard.

Medien: Harr, harr, harr!

Diese Überschrift hat mich dann doch zum Kichern gebracht: "Nichts in eigener Sache". Zuerst dachte ich, es geht um die taz, mit ihrem kümmerlichen, nicht gerade auskunftsfreudigen Impressum, und um die taz-sache, dass der Leser nur was über Abo-Kurven, nichts aber von internen Umbesetzungen, alten oder neuen Korrespondenten, vielleicht sogar Meinungsverschiedenheiten über Themen in der Redaktion erfährt. Aber nein, so wie ich als taz-Leser besser über die Vorgänge bei Springer unterrichtet werde als bei der taz, stand auch unter dem Titel "Nichts in eigener Sache" keine Kritik der Gepflogenheiten in der eigenen Redaktion. Der Finger des taz-Redakteurs Steffen Grimberg deutete vielmehr auf die Berliner Zeitung.

Je t'aime



Gibt's Zufälle? Der Filmregisseur Barbet Schroeder hat mir mal erzählt, für ihn gebe es nur einen Gott, und der hieße Azar, und das sei arabisch für Zufall. Nun will es dieser, dass ich vor ein paar Tagen über den Film "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" von Philip Kaufman geschrieben habe, mit der Ansicht, dass es sich dabei um eine der wenigen vollauf geglückten Literaturverfilmungen handle, und der Film dem Roman von Milan Kundera durchaus ebenbürtig sei. Und habe am Ende noch hinzugefügt: Und in Juliette Binoche habe ich mich auch verliebt im Kino.



Nun schreibt Jochen Schmidt über den  neuen Film "So ist Paris" und leitet seine Kritik mit allgemeinen Bemerkungen zum Großstadtleben ein: "Das Zusammenleben von Millionen Menschen in einer Stadt ist eigentlich ein erstaunlicher Zustand. (...) Dem Zufall eine Chance geben ist eigentlich unsinnig, denn in der Stadt ist jeder Moment Zufall. Aber wie erzählt man diesen chaotischen Zustand." Der Regisseur Cedric Klapisch versucht es mit einem Episodenfilm, der in der taz sehr wohlwollend besprochen wird. Und Jochen Schmidt fügt am Ende noch hinzu: "Und wer hätte gedacht, dass man sich nach so vielen Jahren ein zweites Mal in Juliette Binoche verlieben kann?"
Nachtrag: Ein Versuch, "diesen chaotischen Zustand" Großstadt zu erzählen, stellt auch "Delfina Paradise - Der aufrechte Gang" dar, die Liebesnovelle aus München, die hier weiter unten beworben wird. Da geht's auch ganz viel um Zufälle. Die Hauptperson sah übrigens der Schauspielerin Juliette Binoche sehr ähnlich.

Berichtigung berichtigen

Liebe Kulturredakteure und -innen, ich hätte da einen Vorschlag, der wirklich und in Wahrheit und echt gut gemeint ist, auch wenn er von mir kommt: Lasst doch die tägliche "Berichtigung" immer von einem Kollegen oder einer Kollegin gegenlesen. Einem Außenstehenden fallen oft Fehler auf, die dem Schreiber selbst auch nach zehn Mal lesen nicht mehr auffallen. Iss ne Erfahrung, die jeder schreibende Mensch häufig macht. Bei dem geringen Textumfang der "Berichtigung" kann ich mir nicht vorstellen, dass eine Kollegin oder ein Kollege die Bitte abschlägt. Der Vorteil dieses Verfahrens liegt auf der Hand: Ihr müsst dann die "Berichtigung" nicht mehr so häufig berichtigen, wie es in letzter Zeit passiert ist, da würde dann gleich stehen, dass der Song von den Ramones "I wanna be sedated" heißt, und nicht "wanno". Und dass "to sedate" so viel wie "sedieren" heißt, also jemanden mit einem Beruhigungsmittel versorgen, könnte man auch noch anfügen.
Bitte, gern geschehen.
Und danke für die Erwähnung der Ramones. Die haben mir mal mein linkes Ohr rausgeblasen.

taz.de & Otto

Ich muss gestehen: taz.de klicke ich selten an, ich bin langsam schon von der Print-Ausgabe überfordert. Aber den Hinweis auf der Seite taz zwei, was in der Online-Ausgabe so läuft, überfliege ich immer. Von dem Druckluftauto, dass der indische Autobauer Tata entwickelt, und das nur gaaanz wenig Benzin brauchen soll, hab ich schon wo gelesen. Es gibt übrigens einen Schriftsteller, dessen Namen mir leider entfallen ist, der Anfang der fünfziger Jahre ein Buch veröffentlicht hat, in dem er den Verbrennungsmotor, der nach seinem Erfinder Otto-Motor genannt wurde, als das größte Unglück in der Geschichte der Menschheit bezeichnet. Da ist was dran.

Zwei alte Schachteln tanzen Tango

Beschwören könnt ich es nicht, aber ich glaube, das obige ist der Titel eines Lieds von Georg Kreisler, und das mit den alten Schachteln war nicht herablassend und schon gar nicht diskriminierend gemeint. Heute bricht man sich ja schon einen ab, wenn jemand von Alten spricht und nicht politisch korrekt von Senioren. Und die diesbezüglichen Heime haben inzwischen einen derart schlechten Ruf, dass es Leute gibt, die sich lieber umbringen als ins Pflegeheim zu gehen. Barbara Dribbusch stellt da ein Gegenbeispiel vor: Tante Zilly, putzmunter und kreuzfidel im Altersheim, geht mit 83 Jahren auch noch auf Reisen und läßt sich in Kopenhagen im Rollstuhl über die Treppen des Tivoli tragen. Ihre Mitbewohnerin im Zweibettzimmer, 90, will noch mal zu ihrer Tochter nach Los Angeles, weil "da ist Hollywood".
Die Mut- und Muntermach-Kolumne schließt mit der Weisheit von Dribbuschs Yogalehrerin: "Auf eure Einstellung kommt es an. Jeden Tag beginnt ein neues Leben."
Zwei alte Schachteln mit der richtigen Einstellung. Nur schade, dass Tante Zilly nicht mehr Tango tanzen kann.

Lustgreis mit 61 - ÜQ* 180

Seien Sie mir nicht böse, liebe NAT, die Sie Ihr Interview nur mit Kürzel unterschrieben haben, aber ich kann's nicht mehr lesen, diese Interviews mit den Seelenexperten, den Psychologen, die von den Journalisten zu allem und jedem befragt werden und von nichts was ne Ahnung haben. In 99 Prozent aller Fälle kennen sie die Person, um die es geht, so gut wie Sie und ich: Aus der Zeitung oder dem Fernsehen. Verstehen Sie mich nicht falsch, werte NAT, ich weiß, dass sind die journalistischen Reflexe: Mal schnell jemand anklingeln, sechs Fragen abfeuern, zwei Spalten füllen, Thema abgehakt. In diesem Fall lautete das Thema: "Herr Stahl, was geht in Männern wie Ronnie Wood vor, die sich eine so offensichtlich jüngere Frau suchen?"
Dass auf eine derart dämliche Frage nur dämliche Antworten gegeben werden können - geschenkt, wer möchte es dem "Experten" verdenken. Am Ende wird der Mann so vorgestellt: "... Psychotherapeut, lebt in Berlin und trifft häufig auf Patienten mit Beziehungsproblemen."
Mein Gott, geht's noch banaler?
Schwamm drüber, umblättern. Aber eins sag ich Ihnen, liebe NAT: Wenn Sie Ronnie Wood, der gerade mal 61 Jahre alt ist, noch einmal als Lustgreis bezeichnen, komm ich nach Berlin und schütte Ihnen eine Flasche klebrige Faschistenbrause über die frisch geföhnten Haare.

* Überflüssigkeitsquotient auf der nach oben offenen Entbehrlichkeitsskala

Die Terroristen sind gar nicht so gefährlich ...

... sonst würden ja die Atomkraftwerke abgeschaltet. Auf diesen provozierenden Gedanken kommt Ute Scheub auf der Meinungsseite. Und wenn Terrorismus gar nicht so gefährlich ist, wozu brauchen wir dann die Schäuble-Spielzeuge wie Online-Durchsuchungen, Rasterfahndungen, gespeicherte Fingerabdrücke, biometrische Passdaten, Vorratsdatenspeicherung? Scheub folgert: "Was sich hier entwickelt, bei Energiekonzernen, Multis, Sicherheitsfirmen und der Zusammenarbeit aller dieser Institutionen, das ist Staatsterritorismus. Ja, Sie haben richtig gelesen: Staatsterritorismus. Damit ist die flächendeckende Kontrolle des Staatsterritoriums und seiner Einwohner sowie die hermetische Kontrolle seiner Grenzen durch wenige Machthabende gemeint, und der Staatsterror schwingt im Begriff durchaus mit. Im Zeichen von Klimawandel und globalem Kampf um die letzten Ressourcen haben die Überwachungsgesetze offenbar mehr mit der Sicherung von Herrschaftsprivilegien nach innen und außen zu tun als mit dem Terror von Gotteskriegern."
Tja. Und Scheub traut den "drei sogenannten linken Parteien im Bundestag" nicht zu, dass sie was dagegen unternehmen könnten. Wer dann? "Die Zivilgesellschaft", meint Ute Scheub. Wer das sein könnte, sagt sie nicht, aber meinen tut sie wohl: Es wird Zeit für eine neue APO, eine außerparlamentarische Opposition, die schon einmal unter einer "Großen Koalition" entstanden ist.

Der Untergang der Mayas, Azteken, Römer und Bauern

Nur damit's nicht vergessen wird: Kleine Reportage, große Klasse! Veronica Frenzel war morgens um vier mit dem Milchbauern Peter Sautter im Stall und beschreibt den Streit um höhere Milchpreise aus dem Stall und aus der Euterperspektive. Man riecht saure Milchluft und Kuhpisse und spürt die Liebe des Bauern zu seinem Vieh. Sautter ist fatalistisch gestimmt. Die Bauern werden untergehen wie die Mayas, Azteken und Römer, sagt er, und lächelt bitter. Ein kleines Reportagenjuwel auf Seite 5.

Was für ein infamer Dreckskerl

Es hat schon seinen Sinn, gelegentlich so einen neoliberalen Mistverzapfer zu Wort kommen zu lassen - es sind immer die gleichen Phrasen. Aber was Holger Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln zum Besten gibt, übertrifft an Unverschämtheit die meisten Ideologen.
Ulrike Herrmann: "Wenn Sie keinen Mindestlohn wollen, was schlagen Sie vor, um die zunehmende Armut bei uns zu bekämpfen?"
Holger Schäfer, 39, Volkswirt, unterstützt in seinem Job die deutschen Arbeitgeber bei der Ausbeutung, weshalb er die erwartete Antwort gibt: "Mit dem Arbeistlosengeld II haben wir doch ein funktionierendes System der sozialen Grundsicherung."
Herrmann: "347 Euro monatlich finden Sie für einen Single genug?"
Schäfer: "Der Abstand zu den Löhnen muss gewahrt sein, damit sich Arbeit auch lohnt."

Ich plädiere dafür, den Kerl nach der Revolution nicht an die Wand zu stellen, sondern lediglich dafür zu sorgen, dass er für den Rest seines Lebens mit 347 Euro monatlich auskommen muss.

-------------------------------Kommentar
20. 7. 2008
Guten Morgen!
Eine Anmerkung zu Holger Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft.
Der werte Herr meint, die niedrigen Löhne bsp. für Friseure und Wachmänner seien gut so, weil deren Wertschöpfung so gering ist.
Ich bin dafür, ein Jahr lang sämtlich Wachmänner abzuziehen, und aus den Schaden, der Staat und Wirtschaft durch Einbrüche und Diebstähle entsteht, wird dann die Wertschöpfung und der Mindestlohn berechnet. Der sollte dann für eine menschenwürdiges Leben ausreichen. Und zur Unterstützung würde ich dann auch selbst klauen gehen :)
Auf jeden Fall die richtige Bezeichnung für ihn: infamer Dreckskerl. Apropos: welche Wertschöpfung haben eigentlich die Sesselpuper in solchen Instituten?
Grüße von der Ostsee und schönen Sonntag
René Klug

Zitate aus dem Nahen Osten

Auf Seite 1 schreibt Susanne Knaul über den Austausch von Leichen und Gefangenen zwischen den Regierungen Israels und des Libanons. In ihrem Kommentar stellt Knaul, wie so oft in ihren Berichten und Interviews, die Sicht israelischer Militärs in den Vordergrund, zu denen sie offenbar gute Kontakte pflegt:
"Durch alle politischen Lager gellte der Aufschrei, als ein ehemaliger Stabschef zu bedenken gab, dass der Preis für zwei vermutlich tote Soldaten doch ein wenig hoch angesetzt war."
Nur um trotz des gellenden Aufschreis die Tatsachen im Auge zu behalten: Für die zwei toten Soldaten wurden fünf libanesische Gefangene freigelassen und die Särge mit 200 toten Libanesen übergeben. Beim Überfall der israelischen Armee auf den Libanon vor zwei Jahren starben "1.200 Libanesen, meist Zivilisten, und 160 Israelis, die meisten Soldaten".
Das steht auch in der taz, am selben Tag, auf Seite 3.

Kommentar

19. Juli 2008

Energie & Hunger

Sie erinnern sich? "Achtung: tazblog!" vom 9. Juli 2008: "Wir müssen Benzin vergessen":
Mein Kumpel Axel hat mir ein Spiegel-Interview mit Neil Young geschickt, in dem er am Schluss sagt: "Ich weiß heute, dass alles, wovon wir seit Jahrzehnten singen, worum es uns geht, nämlich die Kriege zwischen Menschen zu beenden, sich auf eine Frage reduzieren lässt: Wo kommt unsere Energie her, und wie verteilen wir sie gerecht? Darauf hat der Musiker leider keine Antwort. Der Wissenschaftler schon. Wir müssen das Öl vergessen, wir müssen Benzin vergessen. Wir müssen Tankstellen am Straßenrand abschaffen. Und das sage ich als Autofan."
Ähnlich sah das auch schon Wilhelm Raabe, der einen seiner populärsten Roman "Der Hungerpastor" mit den Sätzen einleitete: "Vom Hunger will ich in diesem schönen Buche handeln, von dem, was er bedeutet, was er will und was er vermag. Wie er für die Welt im ganzen Schiwa und Wischnu, Zerstörer und Erhalter in einer Person ist, kann ich freilich nicht auseinandersetzen, denn das ist die Sache der Geschichte; aber schildern kann ich, wie er im einzelnen zerstörend und erhaltend wirkt und wirken wird, bis an der Welt Ende."
Energie und Hunger. Falls Sie von Wilhelm Raabes "Der Hungerpastor" noch nie gehört oder gelesen haben, kann das an den Absurditäten der deutschen Nachkriegsgeschichte liegen.
Das Buch ist 1864 erschienen, meiner Ausgabe von 1931 entnehme ich, dass bis dahin 400.000 Exemplare verkauft wurden. "Der Hungerpastor" kam nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr in die Buchhandlungen, weil ein in jungen Jahren noch unbescholtener Student seine Doktorarbeit darüber geschrieben hatte. Die wurde angenommen, und er nannte sich fortan Dr. Joseph Goebbels.
Der Doktor der Germanistik handelte sich später einen denkbar schlechten Ruf ein, vor allem, weil er bei einer Massenversammlung im Berliner Sportpalast auf die Frage: "Wollt ihr den totalen Krieg?" geradezu stürmisch mit "Ja!!!" gefeiert wurde. Seine Frau handelte sich noch viel später in einem Film von Bernd Eichinger einen denkbar schlechten Ruf ein, weil da gezeigt wirde, wie sie ihre Kinder vergiftet. Da war es aber schon etwa eineinhalb Jahrhunderte her, dass Wilhelm Raabe seine schöne Hymne an das Humanistische im Menschen mit dem Titel "Der Hungerpastor" geschrieben hatte.
Wenn Sie es irgendwo auftreiben können - ich kann Ihnen nur empfehlen, das Buch zu lesen.

Yeah, REM - immer feste druff! Danke!

Was für eine Freude - endlich dröselt mal jemand ausführlich auf, weshalb man die Band REM guten Gewissens nicht mögen muss. Bin ich froh - schon der ansonsten gut unterrichtete Axel Kuner löste bei mir blankes Unverständnis aus, als er mich eines Abends, ist wohl 15 Jahre her, mit REM traktierte. Bis dahin hatte ich immer geglaubt, der Kinobetreiber und Filmvorführer hätte viel Ahnung und einen guten Musikgeschmack. Mit REM, so fand ich, lag er total daneben. Da war kein Stück dabei, dass ich mochte, und die Stimme des Sängers mochte ich am wenigsten. Weshalb diese Band in der (Musik-)Presse und sonstwo so viel Beachtung fand, war mir völlig schleierhaft. Und die Interviews mit dem glatzköpfigen Sänger konnten mir auch nichts Erhellendes mitteilen.
Aber Christiane Rösinger konnte mich erfreuen, mit ihrer Konzertkritik aus der Berliner Waldbühne: Ich bin nicht der Einzige, der REM Scheiße findet und den Sänger peinlich. Rösinger schreibt: "Wie sein guter Freund Bono bewegt sich auch Michael Stipe im großen Weltrettungsquadrat zwischen Peta, Klima, Tibet, Afrika." Sehr schön formuliert. Dann berichtet sie, dass Stipe auf der Bühne die Schuhe wechselt, und das wird in Großaufnahme auf die Videowand übertragen: "Eine dämlichere kabarettistische Einlage hatte man selten zuvor gesehen. Warum war alles nur so langweilig? Vielleicht, weil REM einfach immer schon eine sehr langweilige, sehr normale Band waren. Weil Alternative Rock seit 20 Jahren so langweilig ist. Weil man auch die Inhalte - Bush-Kritik, Kritik am 'Katrina'-Missmanagement, Kritik an der überzogenen Reaktion auf 9/11, Sorge um Amerika - nicht mehr hören mag."
Offenbar ging es nicht nur der taz-Autorin so: "Bei 'electro-Life' überkam Stipe die einmalige Idee, alle sollten nun ihre Mobiltelefone in die Luft halten, und da liebte man wieder das Berliner Publikum: Kaum einer machte mit!"
Das finde ich sehr erfreulich: Eine Schreiberin, die "Mobiltelefone" schreibt und nicht "Handys", ein Publikum, dass sich nicht zu jedem Scheiß manipulieren lässt. Vielleicht haben sie an dem Abend auch noch gelernt, dass man nicht jedem Hype glauben und für völlig uninteressante Konzerte einer maßlos überschätzten Band einen Haufen Geld hinlegen soll.

Zitat

"Die Siebziger und Achtziger Jahre sind vorbei."
Jan Feddersen, taz vom 18. 7. 2008, S. 14

Zeozweifrei

Musste ich einfach klauen und ebenfalls als Überschrift verwenden. Das steht als Titel über Martin Unfrieds "Ökosex"-Kolumne: "Born to be zeozweifrei". Diesmal testet Unfried einen Elektroroller, der es auf 100 Sachen bringt. Die Internet-Adresse der Firma lasse ich mit Absicht als Schleichwerbung im Zitat drin: Der Motorroller "stand da am Schiffbauerdamm (www.vectrix.de), ich sah ihn, und es war Liebe. Ich steige auf, schalte an und ohrenbetäubende Stille. Sound of silence." Im weiteren Bericht über die Probefahrt heißt es dann: "Ich bin ja eigentlich kein Motorradjonny, aber das Cruisen Unter den Linden war fett, cool und mega. Praktizierter Ökosex eben." Und wie es sich gehört für gute (Schleich-)Werbung nennt er auch noch den Verbrauch: "Zwischen 5 kWh und 8 kWh auf 100 Kilometer. Das sind umgerechnet 0,5 bis 0,8 Liter Sprit."
Und der Gewinn für alle Großstadtbewohner liegt in der Luft: Man verbrennt eben kein Benzin.

Frei sein reicht nicht

Ein schönes Interview zum 90. Geburtstag von Nelson Mandela: Die taz lässt Denis Goldberg zu Wort kommen, der auch schon 75 ist, und zusammen mit Mandela wegen Hochverrats und Sabotage zu vier mal "lebenslänglich" verurteilt wurde. Auch er saß 22 Jahre im Gefängnis. Schöne Idee, einen der wenigen Weißen zu interviewen, der den bewaffneten Kampf des ANC gegen die Apartheid unterstützte. Goldberg über Mandela: "Er fasste seine Philosophie zusammen mit den Worten: 'Frei zu sein reicht nicht, um die Ketten abzuwerfen. Man muss so leben, dass man die Freiheit der anderen fördert und verbessert.' Er lebte diese Philosophie ganz bewusst."
(So ähnlich steht das auch da oben in der Vorrede zum tazblog, in Tariq Alis Versuch, "links" zu definieren.)
Drollig finde ich, dass Birgit Morgenrath, die Interviewerin, anscheinend Schwierigkeiten mit dem englischen Wort comrades hat. Sie lässt es einfach im Original stehen und schreibt als Anmerkung dazu in Klammern: "(so  nannten sich die Befreiungskämpfer untereinander, Anm. der Red.)". Warum das denn? Comrade kann zwar auch Kamerad heißen, aber im politischen Zusammenhang steht es für Genosse. Fürchtet die "Red.", dass die Leser bei dem Wort "Genossen" auf falsche Gedanken kommen? Am Ende gratuliert Denis Goldberg dem einstigen Mitkämpfer zum Geburtstag: "Herzlichen Glückwunsch, lieber Genosse. Ich hatte das Privileg mit vielen anderen einige Schritte mit dir auf dem langen Weg zur Freiheit zu gehen. Du hast uns gezeigt, wie man prinzipientreu, entschlossen und vor allem frei von Vorurteilen und Bitterkeit und so wirklich frei sein kann."

Krieg in Afghanistan - aufregend und romantisch

    George W. Bush said recently that American troops fighting in Afghanistan are taking part in an "exciting" and "romantic" adventure.
During a video conference with US military and civilian personnel working and fighting in Afghanistan, Bush said, "I must say, I'm a little envious. If I were slightly younger and not employed here, I think it would be a fantastic experience to be on the front lines of helping this young democracy succeed. It must be exciting for you and in some ways romantic, you know, confronting danger." Den ganzen Artikel finden Sie, wenn sie hier "Neil Young" anklicken. Es dauert etwas, bis die Seite geladen ist, aber die Geduld lohnt sich. Sie können den Song "Let's impeach the President" hören, und oben rechts läuft ein Zähler, der die verbleibenden Tage, Stunden, Minuten und Sekunden anzeigt, in denen George W. Bush noch als Präsident im Amt ist. Aber nicht vergessen: Anschließend wieder zum tazblog zurückkommen - Sie wohlen doch sicher noch wissen, ob Sex tatsächlich überschätzt wird!
Kommentar

20. Juli 2008

Nachtrag zur taz vom Freitag, 18. Juli



Berater

Er berät also Michael Glos, den Wirtschaftsminister. Da wird mir manches klar wie Glos-Brühe. So klingt das dann, wenn der Berater salbadert: "Die Zukunft ist ungewiss, auch für den staatlichen Planer. (...) Auch die Marktteilnehmer handeln stets aufgrund von falschen Prognosen. Sie gewinnen allerdings, wenn ihre Prognosen weniger falsch waren, als die der anderen Marktteilnehmer. (...) Insofern ist jeder Marktteilnehmer besser informiert über das, was 'die Welt' über den gehandelten Rohstoff denkt, als dies ein staatlicher Rohstoffplaner je sein kann, der auf das Informationsmedium 'Markt' verzichtet. Nichts vermag den Informationsfluss und das Wissen so effektiv zu zentralisieren wie ein funktionierender Markt."
Das sind so die Predigten der Marktreligiösen, die sich immer erst einen Teufel schaffen müssen ("der staatliche Rohstoffplaner") um ihren Gott (den "funktionierenden Markt") anbeten und lobpreisen zu können. Was für ein phantasieloses Geschwätz von diesem stockkonservativen Volkswirtschaftsprofessor Carl Christian von Weizsäcker, der sein Leben lang das Evangelium des Kapitalismus gepredigt hat. Sie haben nichts mitgekriegt in den letzten 40 Jahren, die St.-Markt-Gläubigen.

Zitat

Die Welt sei "der Gier, der Ausbeutung und der Spaltungen, der Langeweile falscher Idole und falscher Versprechungen überdrüssig."
Benedikt XVI. in Australien

"Der Ausbeutung überdrüssig" - sag ich doch seit 1848!

Skinheads unterwandern taz!

Der Titel an diesem Freitag setzt deutliche Zeichen: Die taz wird zunehmend von Rechtsradikalen unterwandert. Diesmal ziert die Seite 1 ein Glatzenfoto von hinten, und über den Hinterkopf des Skinheads zieht sich fett die Schlagzeile: "Mehr Schutz für Mütter". Wenn das nicht deutlich an die nationalsozialistische Mutterideologie angelehnt ist! Wehret den Anfängen, die Gefahr von rechts droht überall!
Wie bitte? Das ist ein Babyfoto, kein Nazi-Skin? Und es geht um das neue Unterhaltsrecht, um eine Entscheidung des Bundesgerichtshof über Unterhaltszahlungen?
Ach sooo.



Und hier kommt: Die taz vom Wochenende!

Totalverweigerer ziert den Titel: Brav



Da geht's lang bei der taz, na jottseidank! Der Titel, rechtzeitig zum Täterää-Gelöbnis der Bundeswehrrekruten vor dem Reichstag: "Ich gelobe gar nichts". Und auf der Seite 4 dann eine feine Reportage über den einzigen Totalverweigerer, der in diesem Jahr auch den Ersatzdienst ablehnt, Silvio Walther: "Ich bin Demokrat, ich bekenne mich absolut zur Verfassung." Martin Kaul, der taz-Autor: "Er meint Meinungsfreiheit, Gewissensfreiheit." Heavy Shit für einen, der gerade mal 21 Jahre alt ist. Martin Kaul, den man zu seiner sensiblen Beobachtungsgabe nur beglückwünschen kann, begleitet Walther von seiner Heimatstadt Bensheim, wo er Abschied von der Freiheit und seiner Mutter nimmt, bis vor die Kaserne in Bad Reichenhall, wo er sich stellt und wieder in der Zelle einsitzt. Martin Kaul schließt mit den Worten: "Als sei Silvio Walther noch zu disziplinieren."
Silvio, ich sag  dir was: Du bist viel wichtiger als die Peter Strucks und Franz Josef Jungs! Lass dich nicht unterkriegen, Alter, das macht dich stärker, wirst sehen.

Blah, blah, blah ...

"An die Stelle der alten nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander ... Die nationale Einseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich, und aus den vielen nationalen und lokalen Gewerkschaften bildet sich eine Weltgewerkschaft. Wer hat das geschrieben? Natürlich Karl Marx. Allerdings mit einem Unterschied: ich habe in dem Zitat das Wort Literatur durch das Wort Gewerkschaft ersetzt."
Wer hat das geschrieben? Selbstverständlich Ulrich Beck, der den Unterschied zwischen natürlich und selbstverständlich nicht kennt, der nicht das Wort Literatur durch das Wort Gewerkschaft ersetzt hat, sondern (möglicherweise) Literaturen durch Gewerkschaften, und Weltliteratur durch Weltgewerkschaft. Der Kerl schreibt so schlampig, wie er denkt, und die taz gibt ihm eine ganze Seite Bleiwüste mit dem Foto eines Kaninchens vor der Schlange. Dabei könnte man Becks Aussage in einem Satz zusammenfassen: Die Gewerkschaften müssen international zusammenarbeiten, weil das die Konzerne längst tun, und nicht nur über höhere Löhne und Gehälter reden.
In Becks Soziologensprech hört sich das so an: "Die subpolitische Neuvermessung und Neuerprobung der Gewerkschaftsmacht beruht also auf der Öffnung des thematischen Feldes von Arbeitskonflikten."
Und was gibt's sonst Neues, Herr Beck?
Und die taz macht mit dem Abdruck dieser schlecht formulierten Allerweltsbinsen auch noch Werbung für sein nächstes überflüssiges Buch.

Tagebücher

Jeden Dienstag ärgere ich mich über die Platzverschwendung auf der Wahrheitseite, wenn wieder das "geheime Tagebuch der Carla B." abgedruckt wird. Aber es geht auch noch schlechter: Da hat RAA den überaus originellen Einfall, zum allgemeinen Geburtstagsrummel um Götz George auf der Medienseite aus dessen Tagebüchern zu zitieren. Die wurden "der taz zugespielt". Solche Ideen und Formulierungen füllen die Seiten der Schülerzeitungen landauf und landab, seit Pennäler Journalismus üben. 3 Spalten, 1 Foto, 0 Humor.
Einzig und allein die Überschrift macht dem Leser nichts vor und entspricht der reinen Wahrheit: "Scheiße!"




Der Augenblick: tvF!*



Manchmal sind die Fotos, die täglich als "Der Augenblick" abgedruckt werden, nicht weiter bemerkenswert, manchmal richtig gut, seltener echte Knaller, die einen länger als einen Augenblick innehalten lassen. So das Bild von Gorm K. Gaare von der Agentur EUP & Images. Vor einem Sonnenuntergang am Meeresstrand stehen zwei fröhlich lachende, sehr gut aussehende schwarze Frauen in kurzen Abendkleidern, mit einer Schärpe um den Oberkörper, auf der MISS LANDMINE steht. Beide stützen sich auf eine Krücke, weil sie nur auf einem Bein im Sand stehen. Bildunterschrift: "Kandidatinnen der Miss Landmine. Angola".
Dieses Bild sagt mehr als tausend Worte.



* taz vom Feinsten

So weit vernünftig ...



... kam mir das Interview mit Daniel Hamilton vor, der an der Johns Hopkins University in Baltimore lehrt. Bemerkenswert, dass jemand bei der taz auf das "s" geachtet hat, meistens ist in deutschen Zeitungen fälschlicherweise von der John Hopkins Universität die Rede.
Tja, ich hatte als Gegner des Afghanistan-Krieges schon zu kauen an dem, was Hamilton da von sich gab. Gerade weil ein Präsident Obama die USA aus ihrer Isolation herausholen würde, müssten sich die Partner in Europa auf verstärkte Forderungen von ihm gefasst machen. Aus dem Irak wird er wohl abziehen, aber in Afghanistan wird er den Einsatz verstärken. Darauf muss sich Europa einstellen. Hamilton: "In den letzten Jahren konnte man zu den unbeliebten Bush-Leuten einfach 'Nein' sagen, das hat nichts gekostet. Aber es wird etwas kosten, zu einem populären amerikanischen Präsidenten 'Nein' zu sagen, wenn er zur Partnerschaft aufruft."
Ich fürchte, der Mann hat recht. Feines Interview, gute Fragen von Karin Deckenbach.




Becksteinhubermerkelsommerlochfüllung - hoher ÜQ*


Die CSU-Show zum Wahlkampfauftakt in Nürnberg - Angela Merkels Gelegenheit zum Pop(ularitäts)-Auftritt. Ach ich weiß nicht, eigentlich steht in dem Artikel von Max Hägler gar nichts drin. Der Informationswert liegt ungefähr auf der gleichen Höhe wie die Nachricht, dass Wolfgang Tiefensee das Verkehrsschild mit der Schneeflocke abschaffen will. Warum? Weil die so schnell schmelzen im Sommerloch.



* Überflüssigkeitsquotient

Morgen: Das taz mag

Das taz mag nehm ich am Nachmittag zum Dämmerschoppen mit. Wenn's noch ein bisschen wärmer wird, radel ich zum Tivoli-Pavillon und dem Espenlaub rüber (siehe auch: "Stille Winkel in München", Werbeeinblendung auf dieser Seite). Wenn's regnet,wird's wohl die Ritzi-Hotelbar, da kann man auch schön in Ruhe lesen. Freu mich schon drauf, weil ich gerade "Journal intime 1982/83" von Nicolaus Sombart angefangen habe. Ach, ist das schön.
Aber vorher lese ich das taz mag: Schön sind nämlich auch die Schwarzweiß-Illus von Dieter Jüdt für die drei Seiten, auf denen Heinz Bude über Dutschke und Stauffenberg schreibt: "Helden der Bundesrepublik" - will ich lesen. Und schon mal schönen Dank für die zwei Fotos von Josef Heinrich Darchinger aus den fünfziger Jahren. Gespenstisch gut der Mann!
Hasta la vista, Baby! Love & peace!




Kommentar

21. Juli 2008

Soziologenchinesisch mit Augenklappe und Lederjacke


Mir kommt's so vor, als hätten sich die Redakteure von Seite 3 und taz mag an diesem Wochenende verabredet, das Elend der leicht angelinksten Akademiker auszubreiten - bringst du deinen Beck, bring ich meinen Bude. Beide haben sie sehr schön ihre Entbehrlichkeit in einer Tageszeitung vorgeführt. Sollen sie doch ihre Studenten quälen und den Schmarren bei der Zwischenprüfung abfragen, aber die taz-Leser mögen sie bitte in Ruhe lassen.



Was für eine elitäre Bildungshuberei, dieser Artikel von Heinz Bude über Rudi Dutschke und Graf Stauffenberg, die "Helden" der Nachkriegszeit! Schon im ersten Absatz - zwei Bandwurmsätze auf 16 Zeilen verteilt - schließt Bude Leser ohne Hochschulbildung aus und wendet sich an die geistige Elite - zumindest nach seinem Verständnis von elitär. Stauffenberg als "George-Jünger" zu bezeichnen und nicht zu erläutern, was er damit meint - ich weiß nicht, wer da noch weiterliest. Bude findet es nicht mal nötig, George mit Vornamen zu benennen - meint er den Götz George?
Wunderbar leserfreundlich formuliert Bude im Verlauf der Abhandlung auch mit diesem Ungetüm: "Die revolutionäre Irregularität dient der Destruktion des Systems der repressiven Institutionen." Genau - reif fürs Kabarett!
An einer Stelle schachtelt er einen einzigen Satz über 15 Zeilen, und lügt im nächsten dann Dutschke auch noch in einen Wegbereiter der RAF um. Budes Stil steht beispielhaft für entfremdete Akademikersprache: "Wolfgang Kraushaar hat, ausgehend von einer Analyse des berühmten 'Organisationsreferats', das Dutschke zusammen mit Hans-Jürgen Krahl auf der Frankfurter SDS-Delegiertenkonferenz im September 1967 hielt, Dutschke als frühen Propagandisten des Konzepts der Stadtguerilla wiederentdeckt, der von Anfang an - das heißt schon in der Zeit, als der Stein ins Rollen kam - mit seiner Offensivtheorie und Eskalationsstrategie ein militärstrategisches Konzept für den gewaltsamen Aufstand in der Bundesrepublik erarbeitete. Der Taktik der konfrontativen Sichtbarmachung der latenten Gewalt des kapitalistischen  Systems und des autoritären Staates lag durchaus ein terroristisches Schema zugrunde." Und folgert: "Nach dieser Lesart war Dutschke vielleicht ein Held, aber nicht einer der zivilen Gesellschaft, sondern der militanten Aktion."
Klaro, militant = gewaltsamer Aufstand = terroristisch. Wer so argumentiert, müsste auch Nelson Mandela als Terroristen bezeichnen. Die herrschende Soziologie ist die Soziologie der Herrschenden.

Paris und Prag

Nach dem unglücklichen Bude-Artikel folgt ein großartiger Essay über die Unterschiede der 68er-Aufstände in Paris und dem Frühling in Prag, geschrieben von Jacques Rupnik. Die taz bringt ihn als gekürzten Vorabdruck  aus "Transit. Europäische Revue", die im  August erscheint (Verlag Neue Kritik, Frankfurt a. M.). Rupnik - leider stehen im taz mag keine Angaben zu diesem Autor - zitiert des Längeren den "jungen Historiker Milan Hauner", der Rudi Dutschke bei einer Rede im April 1968 in Prag beobachtet hat. Besser kann man ihn wohl nicht beschreiben: "Rudi ist unbestreitbar ein unübertrefflicher Redner, aber es war gerade diese zur Utopie erhobene Rationalität, die einen beängstigenden Eindruck hinterließ. In seiner perfekt ausgeführten Rede gab es keinen Platz für einen Scherz oder eine menschliche Schwäche; wäre da nicht diese kritische Rationalität, würde man spontan sagen, dass es sich um einen fundamentalistischen Demagogen handelt, noch dazu um einen Deutschen, im Grunde um ein Déjà vu. Doch wäre dies ungerecht, denn er ist unglaublich ehrlich und aufrichtig."
Rupnik bringt noch eine sehr schöne Bemerkung unter, die sowohl für Prag als auch für Paris galt: "Der außerordentliche Reichtum des kulturellen Lebens wurde ermöglicht durch außergewöhnliche Umstände, in denen sich die schöpferische Arbeit von den Zwängen der Zensur emanzipierte, ohne denen des Marktes zu erliegen. Dieser Reichtum steht in deutlichem Kontrast zur relativen kulturellen Sterilität der beiden Jahrzehnte nach 1989 - in Prag wie in Paris."
Das trifft's genau auf den Punkt - wo früher ganz offen vom Zensor eine Veröffentlichung verhindert wurde, zensiert heute ganz heimlich die überwältigende Menge der angebotenen Literaturware oder es zensieren die so genannten "Gesetze" des Marktes. Die werden zur neuen "Schere im Kopf" der Lektoren und Verleger.



Glück im Kleinen

Ja, wie gesagt, Fotos aus der Gespensterzeit, fünfziger und sechziger Jahre in Deutschland, von dem unvergleichlichen Josef Heinrich Darchinger. Der Band, erschienen bei Taschen, wird jetzt überall besprochen, und Jan Feddersen äußert noch einen schönen Gedanken zum Schluss: "Man suchte offenbar das Glück im Kleinen, nicht mehr im Globalen."



Na ja, das schon, aber in der Mitte der fünfziger Jahre machte sich Konrad Adenauer mit seiner CDU auch schon wieder ans Aufrüsten, und Franz-Josef Strauß wurde der erste "Atomminister", der die Weichen stellte für die größten, aus Steuergeldern abgezweigten Profite in der deutschen Geschichte. Dass dabei für ihn im Lauf einer langen Karriere auch was abfiel, können seine Erben bezeugen.
Ein halbes Jahrhundert später wissen wir immer noch nicht, wohin mit dem Atommüll, aber wir suchen das Glück wieder im Globalen, liefern Waffen an jeden, der welche einsetzen will, und helfen bei allen Angriffskriegen vom Mittelmeer bis zum Hindukusch. Da kommt Adenauers Armee, die ja laut Grundgesetz "nur zur Verteidigung" eingesetzt werden darf, gerade recht.





"Grundgesetz! Grundgesetz! Kommen Sie mir nicht dauernd mit dem Grundgesetz. Sind Sie vielleicht Kommunist?"
Spruch eines deutschen Richters, ca. 1970, bei einer Verhandlung gegen einen Demonstranten, der sich auf die im Grundgesetz verbürgte Versammlungsfreiheit berief





Ein paar Quadratmeter Politik

Ein schönes Zitat von Alfred Gusenbauer, dem unglückseligen Noch-Bundeskanzler in Österreich: In Bezug auf die Verbindung von Medien und Amtsinhabern meinte er, österreichische Politik entstehe "auf ein paar Quadratmetern in etwa zehn Lokalen in Wien."
Das kann man bestimmt auch auf Berlin anwenden. Peter Unfried bespricht ein Buch mit Interviews, die Gusenbauer den Journalisten Katharina Krawanga-Pfeifer und Armin Thurnher gegeben hat. Schöner Titel: "Die Wege entstehen im Gehen". Nach der Lektüre kommt Unfried zu dem Eindruck, "es mit einem richtig sympathischen Angeber zu tun zu haben." Einige der Angebersprüche werden aber wohl, so vermutet er, "morgen noch gültig sein. Zum Beispiel: 'Wenn sich Bösartigkeit mit Intelligenz paart, wird es gefährlich; ist allerdings die Dummheit der Partner, wird es lächerlich."
Ah geh weiter, so leiwand ist dös gar net, a bisserl a Wiener Schmäh halt.



P. S. Krawanga-Pfeifer ist schon ein toller Name, kommt fast an Leutheusser-Schnarrenberger ran. Aber nur fast.

Kommentar

22. Juli 2008



Der Anblick der Kopfvorderseite

"Aus diesem gigantischen Monument des Versagens, einer Enzyklopädie des Unvermögens, ragt ein bunter Strauß an unfassbaren Inkompetenzen heraus und blüht mit frechem Grinsen in den Himmel einer an Dreistigkeiten nicht armen Arbeitnehmerschaft. Die Eskalation des Defizitären gelangte durch Herrn Ittenberg zu seiner reinsten Verkörperung. Er zeigte neben dem weithin unerwünschten Anblick seiner Kopfvorderseite auch stets ein problematisches Konfliktverhalten."
Das ist ein Auszug aus dem Artikel "Das beste Arbeitszeugnis der Welt", in dem Sven Garbade beschreibt, "Wie dem Arbeitslosen Olaf Ittenberg einmal ein öder Sommertag gerettet wurde". Olaf hatte nämlich seinen letzten Arbeitgeber Dr.Müller um ein Zeugnis gebeten, das nicht den oberflächlichen Standardtext enthalten sollte. Beim Lesen nickt er zufrieden: "Es hätte ja auch etwas Negatives drinstehen können."
Garbade gelingt ein brillantes Kabinettstückchen. So was kommt ja gelegentlich mal vor auf der allzu häufig humorfreien Wahrheitseite. Wobei mir gerade einfällt: Bis jetzt hab ich noch nicht ein einziges Mal einen ©Tom-Cartoon erwähnt. Das liegt daran, dass ich mich einfach an die tägliche Erscheinungsweise gewöhnt habe wie ans morgendliche Aufstehen (muss man ja nicht weiter erwähnen: "Der Tag fing heute damit an, dass ich aufgestanden bin"). Und es liegt auch daran, dass
©Tom sein Niveau selten unterschreitet, und nie so weit daneben liegt, um Kritik zu provozieren. Nur zu, weiter so, ich bewundere jeden, der Tag für Tag sein Gehirn anstrengt und etwas Neues in die Welt setzt.
Das klingt jetzt, als ob ich mich selbst auch bewundere, hm. Naja, einer muss es doch tun.

Vive le Tour!

Das schrieb mir gestern Doug Reynolds, der wieder nach Kalifornien zurückgekehrt ist. Und das meint auch Christian Prudhomme, der Direktor der Tour de France im Interview mit Sebastian Moll. Die drei Dopingfälle in diesem Jahr sieht Prudhomme als Beweis, dass die Kontrollen funktionieren: "Im vergangenen Jahr wäre ein Riccardo Ricco nicht erwischt worden. Das ist ein fundamentaler Wandel. Der Abstand zwischen den Dopern und den Kontrolleuren wird immer kleiner."
Sie erinnern sich? So ähnlich hat das Doug schon vor vier Wochen gesehen. Aber, so Prudhomme: "Idioten gibt es leider immer noch."

Wehrhaft, unverschämt, zauberhaft (Bayern I)

Eine ungewöhnliche Kritik einer ungewöhnlichen Ausstellung: Johanna Schmeller bringt eine geballte Ladung eigen-sinniger Gedanken darin unter. Es geht um "Female Trouble - Die Kamera als Spiegel und Bühne weiblicher Inszenierungen". Das kann man sich noch bis 26. Oktober in der Münchner Pinakothek der Moderne ansehen, und dabei sein Bewusstsein erweitern und bis in die Gegenwart transportieren lassen. Klingt gut, was Johanna Schmeller da gesehen hat, und wie sie dem Leser mit höchst interessanten Überlegungen mitteilt, was bei ihr an Erkenntnisgewinn hinzukam. Mir scheint, sie befindet sich am Ende ihres Rundgangs so ziemlich auf gleicher Höhe mit den Künstlerinnen und den Leuten, die diese Schau zusammengestellt haben. Sie weiß auch, dass die Bilder zur Zeit ihrer Entstehung in anderem Zusammenhang gesehen wurden: "Was damals gezielt moralische Provokation war, ein Angriff auf den konventionellen Geschmack, ist heute ein Tabubruch des bildungsbürgerlichen Mainstreams. Dennoch wirken die Fotografien auf krude Art sexuell (nicht moralisch) herausfordernd."
Die Autorin hat ganz offensichtlich eine neue Sicht gewonnen durch die Ausstellung, und das sollte ja der eigentliche Sinn einer solchen Schau sein: "Wer zwischen den verschiedenen angebotenen Sichtweisen oszilliert, den männlichen wie den weiblichen Blick zulässt, der begreift schnell, was weibliche Inszenierung hier ausmacht ... Auf eine abgeklärte Art ist man schlicht angeturnt von so viel exzentrischer Wehrhaftigkeit. So viel Unverschämtheit. Und so viel Zauber."

Brecht im Dickicht der Ghettos und Guarded Communities (Bayern II)

Vom Brecht-Festival in Augsburg, das Albert Ostermaier organisiert, und das zum dritten Mal stattfand, berichtet Carolin Pirich in einem sehr informativen Stückchen. Klingt ganz aufregend, was die da auf die Beine gestellt haben, und im Einstieg beschreibt Pirich das seit Wochen vorherrschende bayrische Wetter in diesem Sommer: "Dunkle Wolken hängen über Augsburg. Es nieselt. In der nächsten Sekunde glänzen Sonnenstrahlen auf, die feuchte Luft wird drückend warm. Und kurz darauf gießt es in Strömen." Einziger Unterschied zu heute: Es ist saukalt, 12 Grad am Mittag. Die Autorin wählt das Wetter als Metapher für das Festival: "In kurzer Zeit gibt es von allem ein bisschen, aber jedes Bisschen intensiv." Kein Wunder bei der Anzahl der eingeladenen Teilnehmer: "36 Musiker, 28 Autoren,15 Schauspieler, 8 DJs und 3 Politiker." Eines der "Module" hieß "Brecht und das ABC der Ghettos und Gated Communities". Da spricht eine von Gesine Dankwart dargestellte Karrierefrau: "Ich bin Amerika, als man es noch sein wollte." Und Rocko Schamoni erklärt, das Augsburg "alles kenne, was eine Großstadt ausmacht: 'Dunkelheit, Arbeitsplätze, Sexualität, Drogen, Ampeln, unterirdischer Verkehr."
Von Energiesparen hält Schamoni aber nix. Beim Verlassen der Wohnung lässt er immer den Fernseher an: "Es gibt so ein gastliches Gefühl, wenn ich nach Hause komme."
Arme, einsame Sau. Die Angst vorm Alleinsein bezahlt er mit Stromverschwendung. Heh, Alter, werd erwachsen!

Franziska Linkerhand

Als Buchtitel hat mir das immer gut gefallen, gelesen habe ich das Buch nie, aber irgendwann einmal wird es mir in die Hände fallen. Hoffe ich. Beinahe hätte ich den Artikel über Brigitte Reimann und die Neuerscheinung ihrer Briefe an die Eltern überblättert, denn bei solchen Titeln krieg ich nachweislich Pickel: "Ikone der DDR und der Selbsthinterfragung". Uuuuuäääääh.
Na ja, die Reimann kann nix dafür, auch nicht, dass jemand ihre Briefe vermarktet. Aber dann war ich doch froh, den Artikel von Katharina Granzin gelesen zu haben. Steht viel drin über die Schriftstellerin, und ich hab da ganz schön Nachholbedarf gehabt.
Irgendwann einmal wird "Franziska Linkerhand" bei mir vorbeikommen, und dann werd ich es lesen.






Klingelschmitt wird älter ...

... und der Redakteur vergesslicher: Unterschlägt doch glatt den Namen des Kolumnenautors, den er sonst wenigstens abgekürzt über das Hippie-Foto schreibt: K. P. Klingelschmitt. Diesmal lässt er nicht nur laus und eter weg, sondern den ganzen Namen.
Ich hab's aus anderen Gründen zum ersten Mal nicht so begeistert gelesen. Die These vom "linken Antiamerikanismus" glaub ich nämlich nicht, und ich mag's auch nicht, wenn deutsche Journalisten von der "US-Administration" schreiben, wenn sie schlicht die Regierung meinen. Unterstützen möchte ich Klingelschmitts Forderung: "Schaffen Sie Platz für nicht von Vorurteilen belastete Gedanken und kommen Sie so befreit zu ganz neuen Ein- und Aussichten."
Nicht unterstützen möchte ich sein Beispiel, damit beim FC Bayern anzufangen. Aber vielleicht kommt er ja zur Einsicht, dass ein "linker Antiamerikanismus" seine Einbildung ist.

Gauweiler und Hildebrandt (Bayern III)

Falls Sie sich über die Nummerierung wundern, und jetzt schon zum dritten Mal Bayern vorkommt, dann wundern wir uns gemeinsam: Diese Montagsausgabe der taz straft all meine Vorwürfe Lügen, diese Zeitung sei übermäßig auf Berlin fixiert, sei monacophob und sehe Bayern als Ausland an. Jetzt kommt hier, von hinten nach vorn gelesen, schon der dritte Beitrag, der sich mit Bayern befasst, und ich kann Ihnen schon mal verraten: Es kommen noch zwei ganzseitige Bayernthemen weiter vorn. Zufall? Oder hat jemand in der Redaktion meine Klage im tazblog gelesen und sich gesagt: "Mönsch, der hat ja recht"? Oder es war einfach mal Zeit für eine Sonderausgabe Bayern.
Nun, so will ich denn nichts dagegen haben, auch wenn mich das Gespräch zwischen dem fast sechzig Jahre alten Peter Gauweiler und dem 81-jährigen Dieter Hildebrandt über Vergangenheit und Gegenwart nicht sonderlich vom Hocker gerissen hat. Aber der Gauweiler wird mir auf seine (und meine) alten Tage immer sympathischer. Dass Hildebrandt ihn mal "Banausen-Ajatollah" genannt hat, iss auch nicht sooo überwältigend als kabarettistischer Höhepunkt. Nett fand ich, wie zivilisiert die miteinander umgehen, ein paar schöne Gedanken darüber austauschen, was eigentlich "liberal" bedeutet und weshalb sie gern in München leben. Und richtig schön ist das Foto von den beiden, wie sie da einträchtig nebeneinander auf den Stufen der Feldherrnhalle vor dem bayrischen Löwen sitzen. Marek Vogel heißt der Fotograf. Gute Bildidee, Herr Vogel!




Verrückte und Ökonomen - tvF*!



Sie wissen ja - Links zu taz-Artikeln setze ich nur in Ausnahmefällen. Hier ist ein Ausnahmefall: Wolfgang Neefs Beitrag zur Reihe "Leben ohne Rohstoffe?", taz vom 21. Juli 2008, mit dem Titel: "Glück vom Konsum abkoppeln". Neef, der in Berlin lebt und den seltenen Doppelberuf "Ingenieur für Flugzeugbau und Soziologe" angibt, hat sich Gedanken um den Fetisch Auto gemacht - er schreibt das nicht in Anführungszeichen -, und er kommt zu dem Schluss, dass wir uns eine Scheinwelt gebastelt haben, die auf "einer schier unendlichen Vermüllungsbereitschaft" beruht. Es geht aber darum, den Begriff Fortschritt neu zu denken. Wirklicher "'Fortschritt' ist damit jene soziale und technische Innovation, die die Vorräte weitgehend unangetastet lässt und die Verwertbarkeit erhöht. Das unterscheidet sich fundamental von der kapitalistischen 'Cowboy-Ökonomie', die neue Claims absteckt, abgrast, vollmüllt und weiterzieht." Wir brauchen, schreibt Neef eine "Raumfahrer-Ökonomie", ein Begriff, den Kenneth Boulding (1910 - 1993) geprägt hat, von dem auch noch der schöne Spruch überliefert wird: "An unendliches Wachstum in einer endlichen Welt glauben nur Verrückte und Ökonomen."
Wolfgang Neef fordert "kulturell, sozial und ökonomisch eine zweite industrielle Revolution." Und er macht deutlich, das wir "in den 'Industrienationen' viele Gewohnheiten aufgeben müssen, insbesondere unsere Verwechslung von Glück mit ständig steigendem Konsum." Dazu ist aber auch eine "intellektuelle Dekonstruktion des Neoliberalismus nötig", der "kapitalistischen Wachtsumswirtschaft", die "uns durch jahrzehntelanges propagandistisches Trommelfeuer" aufgedrängt wurde. "Sich ihr anzupassen erscheint als 'Realismus'. Wettbewerb, Rendite etc. werden als alternativlose Antriebsmechanismen vorausgesetzt. Damit wird die Welt in unseren Köpfen so 'gestaltet', dass - wie Orwell es in '1984' formuliert - 'alle anderen Arten  zu denken unmöglich gemacht werden.' Die 'Wirklichkeit erster Ordnung', also die physikalisch-ökologische wird verdrängt. Jetzt holt sie uns ein."
Neef fordert keineswegs den Verzicht auf technischen Fortschritt, im Gegenteil, er fordert echten Fortschritt, der sich bewusst macht, dass wir auf einem nicht erweiterbaren Planeten leben - im Grunde Buckminster Fullers Vorstellung vom Raumschiff Erde. Die zweite industrielle Revolution "verlangt Ein- und Weitsicht. Doch schließlich haben wir vor etwa 40 Jahren mit einem Viertel des heutigen Energieumsatzes pro Person ziemlich gut gelebt - dieser Wert von permanent etwa 1,5 kW ist global für 6,5 Milliarden Menschen verallgemeinerbar."
Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Jeden Tag geht das propagandistische Trommelfeuer der Wachstumsökonomen weiter, die der Welt erzählen, dass es zum kapitalistischen Streben nach größtmöglichem Profit "keine Alternative" gäbe, dass der westliche Lebensstil "nicht verhandelbar" ist (George Bush) und dass Kriege gegen jeden, der das bezweifelt und nicht mitmachen will, notwendig und ganz normal sind. Und dass wir mit dem Verbrennen von Öl, Benzin, Kohle und Uran unbedingt weitermachen müssen - ganz so, als hätten wir noch einen Reserveplaneten im Kofferraum.

* taz vom Feinsten

Der Landarzt (Bayern IV)

Eine ganz wunderbare Reportage aus Oberfranken von Max Hägler, Auslandskorrespondent der taz für Bayern. Ein Landarzt wird 69, und damit muss er nach den Regeln unseres Gesundheitssystems aufhören. Nur: Für die Praxis, mit der er 1200 Patienten betreut, gibt es keinen Nachfolger. Hägler begleitet den Dr. Heinrich Peter am letzten Arbeitstag zu seinen Patienten und beobachtet die Auswirkungen des "Systems" in der Praxis. Das sollten die Leute lesen, die sich in Berlin, fernab von Dr. Peters Hausbesuchen, die "Reformen" ausdenken.

Die andere Sicht

Neulich hab ich Susanne Knaul, der taz-Frau in Nahost, noch eine einseitige Sichtweise aus der Perspektive Israels und seiner Militärs vorgeworfen, schon macht sie sich auf nach Nablus im Westjordanland und berichtet darüber, wie die israelische Armee gegen Sozialeinrichtungen der Hamas vorgeht. Und gegen Krankenhäuser und Einkaufszentren, die mit der Hamas nicht das Geringste zu tun haben.
Das stand so als Agenturmeldung schon vor zwei Wochen in den Zeitungen, aber sich über die Ereignisse am Ort des Geschehens zu informieren, ergibt eben ein stärkeres Bild beim Leser. Feine Reportage!
Ob Susanne Knaul "Achtung: tazblog!" liest?

Günther und Erwin: Plisch und Plum (Bayern V)

Eine ganze Seite 3 über den CSU-Parteitag in Nürnberg, und dazu gleich zwei taz-Reporter im Einsatz, Ralph Bollmann in der Halle, und Max Hägler beim Interview mit Alois Glück. Der gibt im September sein Amt als Landtagspräsident ab, und dann verliert die bayerische Politik noch einen, der sein Image als netter Mensch trotz CSU-Mitgliedschaft bewahrt hat. In seinem wahrscheinlich letzten taz-Kleininterview kann man noch mal nachlesen, weshalb: Glück ist absolut loyal, integer, verbindlich, besonnen, ausgleichend und intelligenter, als all diese Adjektive vermuten lassen. Für einen Politiker, der nach höchsten Ämtern strebt, sind das alles die falschen Eigenschaften. Aber in der zweiten Reihe hat Glück sich sowieso wohler gefühlt.
Und die Doppelspitze? Wenn Beckstein und Huber, sagen wir mal, nur 47 oder 48 Prozent kriegen, wetzen die eiskalten Sanierer aus dem Hintergrund die Messer. Ralph Bollmann hat als Angereister einen ganz guten Blick für das jetzige Führungsduo und das Quartett der aalglatten Typen in Wartestellung - Seehofer, Glos, Ramsauer und Söder
Was mich immer noch an den Rand der Verzweiflung bringt und mir partout  nicht in den Kopf will: Warum trotz Stoiber, Beckstein, Huber, trotz Transrapid, Landesbank und Rauchverbot immer noch die Hälfte aller Wahlberechtigten CSU wählen will. Gängige Erklärung: Schau dir doch das Personal der SPD in Bayern an, da isses doch kein Wunder, dass die CSU so gut dasteht. Dagegen lässt sich schwer argumentieren. Die interessanteren Figuren in Bayern sind eher bei den Grünen zu finden.




Kommentar

23. Juli 2008

Hier aus aktuellem Anlass - Beginn der Hundstage - zunächst ein Ausschnitt aus dem biographischen Roman "Alles Wugg! oder: Leben und Sterben des vergnügten Schreiberleins Sebastian Wugg aus Grüntal". Der Roman wird am Ende dieser Seite hier beworben und unter "Blog + Leseproben" ausführlich vorgestellt. Die zeitgeschichtlichen Anspielungen beziehen sich auf das Jahr 2007, in dem "Alles Wugg!" entstanden ist. 




Auszug aus dem 23. Kapitel:




Noch ein kleiner

Nachtrag über die Hundstage



Heute ist der neunte. Hundstage gehen vom 23. Juli bis zum 23. August. Mittendrin gibt’s die Sternschnuppen in den Nächten vor dem 13. August, für die Mona mal extra nach Spanien gefahren ist. Nach Mitternacht sieht man sie am besten, den Strom der Persëiden, die Laurentius-Tränen.
Schon der Name kommt vom Himmel: Die Hundstage sind benannt nach Sirius, dem Hundestern, weil der zu dieser Zeit der Erde am nächsten steht.
Robert Anton Wilson und Timothy Leary pflegten eine Weile intensiven Briefwechsel, und beide waren der Meinung, die Begegnung der dritten Art, wie es so schön fachsprachig heißt, würde mit hoher Wahrscheinlichkeit während der Hundstage stattfinden.
(Sie wissen schon: Die Außerirdischen kommen, Richard Dreyfus hat ihnen einen Landeplatz gebaut, und François Truffaut steht an vorderster Front der Verständigung, während Steven Spielberg hinter der Kamera verharrt.)
Sirius ist der uns nächste Stern, auf dem Wissenschaftler intelligentes Leben vermuten. Wenn die auf Sirius versuchen, mit uns in Verbindung zu treten, dann womöglich zu der Zeit, wenn ihr Stern der Erde am nächsten kommt, also während der Hundstage. So weit waren sich die Experten einig.
(Vielleicht haben sich die Sirianer in diesem Jahr den Ingmar Bergmann und den Michelangelo Antonioni geschnappt? Die sind Ende Juli, am selben Tag, während der Hundstage gestorben. Und schon ein paar Wochen später folgte ihnen Franz Antel, der sich auch um den Film, weniger um die Kunst, verdient gemacht hatte, und in der zweiten Augustwoche starb dann der Jazz-Schlagzeuger Max Roach. Das sollte uns zu denken geben.)
Der Wugg hält bei solchen Erwartungen (die Außerirdischen werden die Menschheit retten) und Ängsten (sie wollen uns vernichten) auch die Frage für berechtigt, ob wirklich intelligente Wesen nicht einen weiten Bogen um die Erde machen würden? Wer will schon mit einem Planeten zu tun haben, dessen Bewohner Waffen ohne Ende produzieren, um sich gegenseitig zu massakrieren? Inzwischen führen sie Kriege für das Recht auf Autofahren mit Verbrennungsmotoren.
Was, liebes Schreiberlein, hat das mit der Zahl 23 zu tun?
Das fragt sich der Biograph auch. Deshalb schließt er jetzt das Dokument, klickt auf Ausschalten, klappt das iBook zu und schlüpft unter die Decke. Aaah, wie herrlich, abends zufrieden und von einem guten Tag ermüdet ins Riecht-wie-ich zu sinken. Manchmal stöhnt der Wugg auf vor Wonne, wenn sein Kopf aufs Federkissen trifft. Nur die Nachrichten will er noch hören und schaltet das Radio neben dem Bett an. „Tüt, tüt, tüt, tüt - boiiing. Es ist 23 Uhr. Hier eine Zusammenfassung der wichtigen Nachrichten vom Tage.“
Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wie-ie-der ge-weckt.






------------------------------------Ende des Auszugs aus dem 23. Kapitel von "Alles Wugg!"






Heiter weiter: tazblog zur Ausgabe vom 22. Juli 2008

In Wahrheit

Jeden Dienstag - na ja, Sie wissen schon. Ich will aber nicht ungerecht sein, lese kurz in die eine oder andere Passage von "Das geheime Tagebuch der Carla Bruni" rein. Sie hat jetzt den vollen Namen abgekriegt, heißt nicht mehr nur Carla B., weshalb auch immer. Nein, dieses Tagebuch ist nicht komisch, es ist nicht witzig, es ist nicht albern, es ist nicht lustig, es ist nicht humorvoll, es ist nicht amüsant. Es ist einfach nur blöd, und es nervt gewaltig.

Der die Tour fuhr

"Bleibt Kohl am Berg vorn?" Das fragte gestern tagesschau.de (oder war's zdf-Online?). Einen Moment packte mich die Verzweiflung: Kohl kommt wieder in die Schlagzeilen, hört das denn nie auf! Aber dann bemerkte ich - es stand auf der Sportseite, und es ging nicht um Helmut, sondern um Bernhard, und das ist ein Österreicher. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie erleichtert ich durchatmete. Mehr über den Rennradfahrer erfuhr ich dann von Sebastian Moll, dem taz-Mann bei der Tour, und der beschreibt Bernhard Kohl als "sympathischen Eigenbrötler, ein unaufgeregter und unaufregender junger Mann, der gerne alleine mit und ohne Rad in den Bergen unterwegs ist und der sich und die Welt gerade mit einem wunderbaren Sportmärchen beglückt."
Die taz druckt keine Tour-Tabelle ab, aus der man mal erfahren könnte, wer vorne liegt, wer mit welchem zeitlichen Abstand folgt, wer das grüne Trikot trägt, wer das gepunktete Bergtrikot, wie viele Fahrer noch im Rennen sind - einfach die selbstverständlichsten Informationen, die eine richtige Tageszeitung bringen würde. Also muss ich woanders gucken, ob Kohl am Berg vorn geblieben ist. Die österreichischen Zeitungen überschlagen sich schier vor patriotischem Stolz und pinseln die EM-wunde Nationalseele: "Der neue Star der Tour de France!" Ich werde bei orf.at fündig: Kohl hat am Dienstag seinen zweiten Platz in der Gesamtwertung der Tour de France verteidigt und auch seine Führung in der Bergwertung.

Iran - mehr als Uran

So stelle ich mir die vornehme Aufgabe der Kulturseiten vor: Mit einem Künstler aus dem Iran reden, und deutlich machen, dass es neben Urananreicherung und Atomkraftwerken noch andere wichtige Themen gibt. Alessandro Topa und Roshanak Zangeneh haben ein sehr schönes, sehr langes, sehr ergiebiges Interview mit dem Pianisten und Filmkomponisten Peyman Yazdanian geführt (Titel: "Mehr Schönheit für den Iran"), einem klugen, weltoffenen Menschen, der die klassische iranische Musik mit westlichen Elementen verbindet. Oder umgekehrt. Yazdanian besticht durch eine erstaunliche Gelassenheit, ein unaufgeregter Künstler, der viel weiß über Filme und Musik, und seinen eigenen Platz in der iranischen Musik eher bescheiden einschätzt. Auf die Frage, ob Soundtracks zu Filmen als "kreatives Herz der jüngsten iranischen Musikgeschichte fungiert haben", antwortet er: "Das wäre übertrieben. Was allein verdient als 'Herz' bezeichnet zu werden, ist die iranische Kunstmusik, die insbesondere durch Komponisten und Virtuosen wie Mohammad Reza Shadjarian und Hossein Alizadeh eine wahre Renaissance erlebt hat. Auch ich bin von ihnen stark beeinflust."
Das Bild vom kunstfeindlichen Gottesstaat bekommt an dieser Stelle des Interviews nicht die ersten Risse: "Dank der Home-Recording-Technologien gibt es heute etwa 50 professionell ausgerüstete Studios. (...) Die Arbeit mit Computer und Sampler hat mir ungeheuer Spaß gemacht, weil ich so eine neue Kompositionstechnik entdecken konnte. Ich glaube, ich weiß jetzt, wie eine Platte von Massive Attack entsteht."
Aber Peyman Yazdanian denkt gar nicht daran, deshalb westliche Popmusik zu machen. Seine letzte Komposition wurde in Italien uraufgeführt: "A Tea Colllection for String Ensemble", gespielt von einem Streichquartett.





Hoher Dämlichkeitsfaktor



Zum 60. Geburtstag von Otto Waalkes werden zwei Meinungen gegenübergestellt. Die übliche Form: Eine Frage wird mit "Ja" oder "Nein" beantwortet. Wenn die Frage lautet: "Wollen wir ihm wirklich gratulieren?", machen sich also zwei Journalist/innen Gedanken darüber, ob man Otto zum Geburtstag gratulieren soll-will-darf. Mir stellt sich eine andere Frage: Geht's noch dämlicher?
Lieber Otto Waalkes, von hier aus nachträglich die besten Wünsche zum Geburtstag, und bleib der Gitarre treu, Alter!






Wie bitte? Was hast du gesagt?

"Verkehrslärm macht krank."
Wie bitte?
"Verkehrslärm macht krank."
Was hast du gesagt?
"Verkehrslärm macht krank."
Was für'ne Bank? Sprich doch mal lauter, die Autos machen so'n Krach hier!




Nein, das ist nicht witzig. Und auch Richard Rothers Kommentar nicht, der brav meint "die Städte" müssten "mehr gegen das Umweltproblem Verkehrslärm tun". Am Ende macht er einen Vorschlag, der angeblich "den Krach an der Wurzel packen" würde: "So brauchte es etwa bei der Zulassung neuer Kraftfahrzeuge strengere Lärmschutzkriterien."



Jetzt mal ganz abgesehen davon, dass diese Regierung (und wahrscheinlich keine andere in absehbarer Zeit) irgendein Gesetzt verabschiedet, dass der Automobilindustrie teure Maßnahmen abverlangt - wirklich an der Wurzel packt das Problem jeder, der keine neuen Kraftfahrzeuge bei der Zulassungsstelle anmeldet. Dazu braucht man keine Regierung, das darf jeder immer noch selbst entscheiden.






Wozu man Regierungen braucht: Zum Ausbau der öffentlichen Nah- und Fernverkehrsverbindungen, damit auch Menschen auf dem Land ohne Auto überall hinkommen. (Sie wissen schon: Man muss falschen von echtem Fortschritt unterscheiden.)
Merke: Das leiseste Auto ist das Auto, das gar nicht erst zugelassen wird.






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Am 24. 7. schreibt Jean Stubenzweig:

Jawoll! «Ausbau der öffentlichen Nah- und Fernverkehrsverbindungen», nicht Abbau!



Die Dame wollte letzte Woche umwelttechnisch das Auto stehen lassen und mit den Öffentlichen in die Nähe Kiels fahren (auch spätere Mädchen sind ja gerne lernfähig). Sie war gegen Mittag losgefahren und unter Benutzung von Bus (nach Hamburg-Rahlstedt), S-Bahn bzw. «Schienenersatzverkehr» wegen jahrzehntelanger Verrottung der Strecke, also wieder mit dem Bus von Milchkanne zu Milchkanne nach Hamburg-Hauptbahnhof und dann von dort aus und aus Verzweiflung mit dem Intercity nach Kiel. Ankunft in Kiel gegen 18 Uhr. Hätten die anderen Klassentreffler sie nicht dort abgeholt, weil die Feier in Preetz bereits im Gange war, wäre sie nochmal eine Stunde unterwegs gewesen. Sechs Stunden (plus abholende Zubringer) für knapp hundert Kilometer. Mit dem Autochen braucht man bei Tempo 80 bis 90 auf der Landstraße etwa eine Stunde von Tür zu Tür.
Gekostet hat das Ganze für die einfache Strecke rund fünfunddreißig Euro, was auch daran lag, daß die Deutsche-Bahn-Schalter-Expertin ihr eine Fahrkarte für den HVV (Hamburger Verkehrs-Verbund) verkaufte, mit der der Herr Bahnzugbegleiter nichts anfangen wollte (was nichts mit dem ICE-Zuschlag zu tun hatte, sondern mit dem falschen Ticket, wie das auf Neubahndeutsch heißt!) und der Delinquentin nochmal den vollen Fahrpreis Hamburg-Kiel berechnete, rund fünfundzwanzig Euro (nicht eingerechnet den Bus-Fahrpreis von Grönwohld nach HH-Rahlstedt). Dabei hatte sie noch Glück, daß er ihr kein Strafporto aufbrummte oder sie gar zur Erkenntnisdienstlichen Behandlung bzw. zum Brummen in den Polizeigewahrsam ins schleswig-holsteinische Guantánamo  schickte.
Am Sonntag wurde sie mit dem Twingo abgeholt, weil sie sich dem verständlicherweise nicht nochmal aussetzen wollte. Benzinkosten für die knapp 200 Kilometer (hin und zurück): 15 Euro. Und die beiden Söhne sowie der der Sack wunderbarer neuer Kartoffeln für den Vater durfte auch noch mit (mal eben ein kleiner Umweg), ohne den Fahrpreis wesentlich zu erhöhen. Und bei der biologisierenden und in Kronshagen wohnenden Schwester waren die Jungs auch noch mal eben.
Sie hat nun wirklich lange überlegt, ob sie in Zukunft mit den Öffentlichen fährt. Was auf dem Land einfach nicht geht, will man hin und wieder was einkaufen oder mal den siechen Mann umtütteln oder wenigstens Händchen halten und nen lütten Klönsnack halen.
Und wenn das, wie wir nun wissen, schon zwischen den Städten schwierig ist oder auch: nicht funktioniert. Deshalb wird sie in den nächsten Wochen einen neuen Twingo zulassen.

Jean Stubenzweig






--------------------------------Kommentar







Genau das war doch die Absicht, als man in den späten fünfziger Jahren begann, Strecken stillzulegen: Die Leute sollten gefälligst Autos kaufen. Wie man sieht - es funktioniert bis heute. Die "Zweite Industrielle Revolution", von der Wolfgang Neef spricht, wird nicht darum herum kommen, die Schienen wieder zu verlegen, auch wenn inzwischen manche Strecken zu Radwanderwegen umgebaut worden sind.
-hp






Berater von Glos, Beirat von RWE, Atomwahn: von Weizsäcker

Hier im tazblog habe ich Carl Christian von Weizsäcker als phantasielosen Apostel des Marktevangeliums bezeichnet. Oder so ähnlich. Jedenfalls kommt es mir vor, als ob diese ewig gestrigen Kapitalismusverherrlicher jeden Alters ständig in der taz zu Wort kommen, die jungen Deppen genauso wie die alten.
Warum eigentlich? Gibt es noch Leute, die ihren Sermon nicht kennen? Und die Lügen nicht durchschauen? Na klar, jede Menge. Aber sollen diese Interessenvertreter der Industrieverbände wie Carl Christian von Weizsäcker ihren korrupten Mist auch noch in der taz ausbreiten dürfen?
Von Weizsäckers Kommentar "Die Vernunft des Preises" in der taz vom 18. 7. hat auch die Leserin Sabine Miehe aus Marburg zum Widerspruch herausgefordert. Der haarsträubenden These, dass Uranvorräte im Meer "unerschöpflich" vorhanden sind und es sich bei immer höheren Energiepreisen lohnen wird, Uran aus dem Meerwasser zu filtern, widerspricht Miehe mit von Weizsäckers eigener Argumentation: "Durch dieselben Marktmechanismen, auf die Herr von Weizsäcker vertraut, werden alle diese Energieträger abgewirtschaftet haben - durch die Konkurrenz der Wasser-, Wind- und Sonnenenergie, die im  Vergleich immer rentabler wird." Und sie fügt noch eine vielsagende Information an: "C. C. von Weizsäcker sitzt im Wirtschaftsbeirat der RWE AG."
Passt doch!




Kommentar

24. Juli 2008



Liebe, Arbeit, Stille

"Der Sozialismus muss gebaut, muss errichtet, muss aus neuem Geist heraus organisiert werden. Dieser neue Geist waltet mächtig und innig in der Revolution. Puppen werden zu Menschen, eingerostete Philister werden der Erschütterung fähig; alles, was feststeht, bis zu Gesinnungen und Leugnungen, kommt ins Wanken; aus dem sonst nur das Eigene bedenkenden Verstand wird das vernünftige Denken, und Tausende sitzen oder schreiten rastlos in ihren Stuben und hecken zum  ersten Mal in ihrem Leben Pläne aus fürs Gemeinwohl; das Unglaubliche, das Wunder rückt in den Bereich des Möglichen; die in unseren Seelen, in den Gestalten und Rhythmen der Kunst, in den Glaubensgebilden der Religion, in Traum und Liebe, im Tanz der Glieder und Glanz der Blicke sonst verborgene Wirklichkeit drängt zur Verwirklichung.
Die Umwandlung der Gesellschaft kann nur in Liebe, in Arbeit, in Stille kommen. Der Sozialismus muss also gebaut werden."






Gustav Landauer, 1918/19










Neoliberales Geschwurbel






Ich muss gestehen, dass mir der Kommentar von Nils aus dem Moore, dem "Wirtschaftsforscher" vom RWI (das ist ein kapitalimusverherrlichendes Institut aus Rheinisch Westfalenland) einen Knoten ins Hirn geknüpft hat. Emissionshandel findet er gut, das EEG, das Gesetz, das erneuerbare Energien fördert, findet er Scheiße. Das hört sich dann so an: "Die sogenannten Grenzvermeidungskosten, die bei der Einsparung einer zusätzlichen Tonne Kohlendioxyd anfallen, liegen im konventionellen Bereich derzeit bei unter 30 Euro pro Tonne, bei der Windkraft zwischen 95 und 168 Euro, bei der Photovoltaik gar zwischen 670 und 1.180 Euro. Würden wir beim Klimaschutz so rational wie beim Kauf eines Fernsehers agieren, Wind und Sonne hätten keine Chance."
Aber er ist noch nicht fertig, der forsche Wirtschaftsforscher. Die Idioten, die Energieerzeugung mit  Wind und Sonne fördern und auf die "falschen Anreize  des EEG setzen", haben nichts kapiert. Das liegt daran, "dass Marktprozesse nur unvollständig verstanden werden".

Ah ja. Den Durchblick hat dagegen der Apostel der Neoliberalen Kirche St. Hans-Werner, Sinn mit Nachnamen, na, Sie wissen schon, der mit dem Gartenzwergbart und dem Geschäftsklimaindex, dessen Ifo-Institut (gleich hier in meiner Nachbarschaft) wächst und wächst, weil er ständig Aufträge bekommt, die mit Ihren Steuergeldern bezahlt werden. St. Hans-Werner "Sinn hat es auf der Jahrestagung 2007 des Vereins für Socialpolitik erstmals ins öffentliche Bewusstsein gerückt: Bisher verfolgen national wie international alle beschlossenen Maßnahmen das Ziel, die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen zu drosseln. Die verbrannte Menge an Kohle, Öl und Gas wird aber nicht von der Nachfrage allein bestimmt. Eine wirksame Kliamschutzpolitik muss daher auch das Angebot der Förderländer beschränken. Tut sie das nicht, drückt die reduzierte Nachfrage der zum Klimaschutz entschlossenen Nationen lediglich den Preis der fossilen Brennstoffe. Entwicklungs- und Schwellenländer erlaubt das, kostengünstig ihren Verbrauch zu erhöhen. Emissionen werden so erneut nur verschoben, nicht aber vermieden."






Willkommen in der Parallelwelt der "Wirtschaftsforscher". Ich gebe zu, dass ich bisher Marktprozesse auch "nur unvollständig verstanden" habe. Wäre ich doch nur beim Verein für Socialpolitik dabei gewesen! (Weshalb man Social dort mit c schreibt, weiß ich auch nicht. Vielleicht, damit man nicht mit den Sozialdemokraten mit z verwechselt wird.) Bisher dachte ich immer, dass die "verbrannte Menge an Kohl, Öle und Gas" davon bestimmt wird, wie viel verbrannt wird. Irgendwelche Zeitungen verbreiten außerdem seit Monaten, dass die Preise für fossile Brennstoffe keinesfalls gefallen, sondern, trotz Emissionshandels, ständig gestiegen sind, und "Entwicklungs- und Schwellenländer" keinesfalls kostengünstig ihren Verbrauch erhöht haben.







Aber, wie gesagt, ich verstehe Marktprozesse nur unvollständig.






-------------------------------------Kommentar






am 25. 7. 2008




Hallo,



zur Info: Der ‚Verein für Socialpolitik‘ war ein renommierter Verbund von Volkswirtschaftlern (den sog. ‚Kathedersocialisten‘) im Kaiserreich (gegr. 1873 / Max Weber, Schmoller usw.). Der Verein heute ist die direkte Nachfolgeorganisation, deshalb noch immer das ‚c‘ der Gründerväter, obwohl der Sinn heute nicht einmal hoch genug langt, um dem Weber von damals die Schuhe zu knüpfen.
 
Gruß, Klaus






Konsumsucht






Wenn einer das tut, was dem System nützt, genießt er hohes Ansehen: Einkaufen. Die Devise "Shop till you drop" könnte als Titel über "Gebrauchsanleitung für den Kapitalismus" stehen. Gestern war nicht nur die taz an mehreren Stellen mit dem Thema Kaufsucht befasst, die Abendzeitung hat damit gleich die Schlagzeile auf Seite 1 bestritten. Dabei finanzieren die sich hauptsächlich mit mehrseitigen Anzeigen und Beilagen der Lebensmittelkonzerne und Elektronikmärkte, wo den Menschen das Glück per geilem Geiz versprochen wird. Ich will ja nicht abstreiten, dass es Kaufsucht als Krankheitssymptom gibt - Süchtige, die das Prinzip nicht durchschaut haben und die Glücksverheißung durch Konsum nicht mehr steuern können. Bemerkenswert fand ich den Schluss des Artikels von Bernhard Hübner über einen Kaufsüchtigen, der "nach der Therapie seine eigene Selbsthilfegruppe gegründet hat. Wenn K. heute von der Kauflust gepackt wird, geht er raus in die Natur, Fotografieren oder eine Runde Radfahren. Er meint: 'Wenn man mal eine halbe Stunde draußen ist, dann denkt man gar nicht mehr ans Kaufen.'"
Isses zu fassen? Meine Rede seit 1871!




(Siehe auch: Hans Pfitzinger, Einleitung zu "Stille Winkel in München". Verlag Ellert & Richter, Hamburg, 2007. 12,95 Euro, in jeder Buchhandlung. Aber vermeiden Sie Suchtlesen!)


Menschenverachtung



Titelzeile, Seite 1: "Schlächter des Balkans im Knast"
Titelzeile, Seite 2: "Der Weihnachtsmann"
Titelzeile, Seite 3: "Dorftrottel, Doktor, Schlächter"
Das ist unterstes Niveau, ich empfinde das als leserverachtend. Und die "verboten"-Rubrik auf Seite 1, die sich im Zusammenhang mit der Verhaftung von Radovan Karadzic über Peter Handke - ja, was eigentlich? lustig macht? Ich bin ratlos wie diese Journalistenhirne funktionieren. Auf Stand-by-Schaltung vielleicht?
Manchmal hab ich das Gefühl, die taz-Redaktion muss ein ziemlich liebloser Ort sein.




Kommentar

25. Juli 2008

Yes we can
- aber uns bei der taz iss das scheißegal


Abgehoben und verloren an ihren Schreibtischen in der Rudi-Dutschke-Straße, nörgeln sie an Barack Obama rum, diverse taz-Redakteure und-innen. Warum eigentlich? Weiß ich auch nicht, aber wenn einer so viel Zustimmung einfährt, muss sich der Intellektuelle alter Art wohl von der Masse abgrenzen und das Haar in der Suppe finden.Da tritt erstmals seit hundert Jahren (genauer: seit dem mit 42 Jahren jüngsten Präsidenten Theodore Roosevelt, der von 1901 bis 1908 im Amt war) ein intelligenter und aufrichtiger Politiker an. Er versucht, in diesen verlogenen, nach allen Regeln des unlauteren Wettbewerbs geführten Wahlkämpfen, so weit zu kommen, dass er es ins Weiße Haus schafft. Und bei aller Ohnmacht des US-Präsidenten - es macht tatsächlich einen Unterschied, welche Person das Amt ausübt, und mit was für Leuten sich der Mann an der Spitze umgibt* - das war ja in den letzten acht Jahren überaus deutlich zu sehen. Sich jetzt hämisch die Hände zu reiben und zu sagen: Guck mal, er schmeißt diesen oder jenen Grundsatz über Bord, nur um gewählt zu werden, zeugt von politischer Dummheit. Erst einmal geht es darum, noch einmal vier Jahre Republikaner-Regierung zu verhindern und dafür zu sorgen, dass dieser gespenstische John McCain nicht Präsident wird.Und es geht nicht nur um die Person Obama, es geht auch darum, die neue politische Bewegung zu unterstützen, die sich hinter Obama versammelt. Da sind viele feine junge Menschen dabei, die sich zum ersten Mal in ihrem Leben für Politik interessieren und engagieren. Warum das so ist, konnte man bei seiner Rede an der Siegessäule sehen. Obama vertraut auf das Positive, er vertraut auf die Möglichkeit, Veränderungen zum Guten herbeizuführen, und er wendet sich gegen alle, die von vornherein sagen: Man kann ja sowieso nichts machen. Die Kids, die ihm das abnehmen, spüren, dass sie es mit einem seltenen Exemplar von Politiker zu tun haben, einem, der meint, was er sagt, kein Lügner und Betrüger. The kids are alright, sie sollten nicht enttäuscht werden.

Eine Bitte also an die ach so abgeklärten Großstadtvordenker und Zyniker in der taz: Keine blöden Glossen und missglückten Witze mehr über Barack Obama. Überlasst das den Mainstream-Medien, die tun sowieso schon, was sie können, um ihn madig zu machen. Oder sie haben einfach Schwierigkeiten, mit diesem außergewöhnlichen Menschen umzugehen, weil er ihre Erwartungen vom zynischen Politiker nicht erfüllt. Titel des Berichts über die Obama-Rede in Berlin auf tagesschau.de: "Große Träume eines Weltverbesserers".



All we are saying 
is give him a chance





* Ist Ihnen auch aufgefallen, dass Obamas außenpolitische Beraterin mit Nachnamen Rice heißt? Vorname ganz unexotisch: Susan.



Kommentar





26. Juli 2008



Lustvoll weiter

Gestern war mir die Lust vergangen, weshalb ich nach dem Appell in Sachen Barack Obama nichts mehr zur taz vom Donnerstag, dem 24. Juli schreiben wollte. Deshalb möchte ich heute zumindest eine Kurzfassung nachtragen. Meine Unlust zu erörtern, dazu hab ich immer noch keine Lust. Nur so viel: Ich war gestern enttäuscht, deprimiert, frustriert, weil ich halt immmer wieder feststelle, dass es schreibende Kolleginn/en gibt, die sich in ihrer Intellektualität so weit vom gesunden Menschenverstand entfernt haben, dass es mir zu mühsam erscheint, sie noch erreichen zu wollen, da draußen, "2.000 Light Years from Home".

Hi Mick, Happy Birthday!

Der Geburtstagsgruß geht an Mick Jagger, den astrologischen Löwen der Rolling Stones. Möge er in Würde faltig werden und für aufregende Frauen ein aufregender Mann bleiben. "2.000 Light Years from Home" stammt von der experimentellsten aller Stones-LPs, "Their Satanic Majesties Request". Das war die Platte, die sich am schlechtesten verkauft hat. Damals war der grandiose, geheimnisvolle Brian Jones noch nicht im Swimmingpool ertrunken und konnte bei Leuten wie mir die Hoffnung aufrechterhalten, dass sich die Stones, ähnlich wie die Beatles, mit jeder LP musikalisch weiterentwickeln würden. Das wusste Mick Jagger zu verhindern, er wollte die Band und die Musik zu einem Markenzeichen entwickeln, einer Menschmaschine, mit der man Geld drucken kann. Das ist ihm bekanntlich gelungen.
Trotzdem: Die besten Wünsche zum Geburtstag, Mick!






Franzensfeste eingenommen

Was für ein großartiger Beitrag von Katrin Bettina Müller über die Manifesta 7, eine alle zwei Jahre stattfindende Kunstausstellung, die dieses Jahr in Südtirol und im Trentino stattfindet. Die Franzensfeste, dieser eindrucksvolle Festungsbau, den jeder Italienreisende kennt, der mit Auto oder Zug vom Brenner abwärts fährt, wurde von der Kunst erobert. Mit kriegerischen Mitteln ist das Zeit ihres Bestehens nie gelungen. Müller nimmt den Leser an der Hand, führt ihn in die Feste, dann nach Bozen und Rovereto, an alle Veranstaltungsorte, wo in ehemaligen Fabriken und anderen Immobilien bis 7. November zeitgenössische Kunst zu sehen ist. Das klingt aufregend, und die Autorin versteht es, ihre eigene Sicht so darzustellen, dass ich den Eindruck habe, es erzählt mir jemand im persönlichen Gespräch seine Erlebnisse. Sie informiert über die Hintergründe, beschreibt Künstler und Kunstwerke, und weist auf viele verblüffende Dinge hin. Zum Beispiel, dass die Kuratoren der Ausstellung aus Indien kommen, und dass Daniel Knorr eine ehemalige Kakaofabrik in Rovereto als Ausstellungsort benutzt und den Titel "Ex-Privato" als Konzept versteht: Er hat alle Türen ausgehängt und "die Halle somit für 24 Stunden täglich zum öffentlichen Raum erklärt."

Christliche Nächstenliebe à la Schäuble

Manchmal möchte ich einfach nicht glauben, dass es stimmt, was ich über Wolfgang Schäuble zu lesen kriege. Flüchtlinge aus dem Irak, die vor den lebensbedrohenden Zuständen fliehen, die ihnen Bush und Blair eingebrockt haben, will unser Innenminister nur dann aufnehmen, wenn sie Christen sind. Das wäre eine ganz neue Definition für christliche Nächstenliebe vom Innenminister der Christlich Demokratischen Union. "Keine Bibel - kein Asyl" titelt taz zwei - sehr schön. Und ein Klassefoto von jungen christlichen Irakerinnen, die, Spitzentücher über den Kopf gelegt oder gebunden, Notenblättervor sich halten und gemeinsam singen.

Glücklich meditiert

Bei taz zwei tut sich was - da stehen manchmal richtig spannende Geschichten, so die von Annette Brüggemann, über die Begegnung des Buddhisten Matthieu Ricard mit dem Hirnforscher Wolf Singer. Brüggemann hat sie zwar nicht persönlich getroffen, zitiert überwiegend aus einem Buch der beiden, das bei edition unseld erschienen ist: "Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog". Kostet schlappe 10 Euro, und ja, danke für den Hinweis, das will ich lesen. Ricard, Franzose, Wissenschaftler, Molekularbiologe, fing nach der Promotion an, tibetischen Buddhismus zu studieren, und lebt seit 1978 als Mönch. Er veröffentlicht Bücher über Buddhismus und Wissenschaft und arbeitet mit der University von Wisconsin zusammen, die eben diesen Dialog fördert. Wolf Singer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung, wurde vor einiger Zeit von Jürgen Habermas scharf angegriffen, weil er die Freiheit des Willens in Frage stellte. Singer meinte, Habermas hätte ihn falsch verstanden und plädierte für eine stärkere Annäherung von Natur- und Geisteswissenschaften. Das sei wichtig, weil es auch um verbale Korrekturen geht. Man spricht eben unterschiedliche Sprachen. Annette Brüggemann fragt sich zu  Recht, weshalb diese Debatte zwischen Buddhismus und Hirnforschung nicht früher stattfand. Sie hält es für "absurd, dass die Hirnforschung erst heute auf die Idee kommt, das alte Wissen der buddhistischen Philosophie ernst zu nehmen und zu Rate zu ziehen." Na ja, unterschiedliche Sprachen auch hier.
Wie konnte es passieren, dass so ein Artikel in der taz steht? Vielleicht, weil ein neuer Redakteur für taz zwei zuständig ist? Oder weil der Beitrag als gutes Journalistenhandwerk jenseits von pennälerhaften Antireligionsreflexen überzeugt hat? 
Das Buch empfehle ich dringend dem verantwortlichen Redakteur der letzten taz-Seite, "die wahrheit". Vielleicht verschont er dann den Leser mit seinen unsäglich dummen Dalai-Lama-Witzen und seinem antiquiert oberflächlichen Atheismus.

Kubaner für Obama

Hätte ich den Artikel von Reinaldo Escobar auf der Meinungsseite nicht erst am Nachmittag gelesen, wäre mein Frust über die Obama-Glosse im Kulturteil weniger heftig ausgefallen. Der kubanische Journalist: "Der Punkt aber, an dem sich die Kubaner dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten am nächsten fühlen, ist das Wort, das als Motto über seinem Wahlkampf steht: 'Change'. Nach einem halben Jahrhundert des immer Gleichen lechzen die Kubaner nach Veränderungen, und ein Politiker, der sich traut, sie vorzuschlagen, muss einfach gut sein und eine Chance bekommen."
So einfach ist das.
Und dann bringt er noch einen schönen Gedanken unter, der Exredakteur der KP-Jugendzeitung, der 1989 entlassen wurde und heute 61 Jahre alt ist: "Ein Mann wie Obama wird mir immer lieber sein als einer, der, wie McCain, während der schwierigen Tage der Kubakrise 1962 als Bomberpilot über Kubas Küsten flog. Er war bereit, die Bomben über allem abzuwerfen, was da unten lebte. Opfer hätte der damals schüchterne Jugendliche sein können, der heute diese Zeilen schreibt."
 
Fotos: taz vom Feinsten

Weil allzu oft Heft- und Blattkritik auf Texte beschränkt bleibt, habe ich ja von Anfang an immer wieder die Fotos einbezogen, und der/dem zuständigen Redakteur/in öfter einen guten Blick und eine tolle Auswahl bestätigt. Wer dafür gelobt werden soll/muss/kann, das erfährt ja kein Leser aus dem spartanischen taz-Impressum, und mein wiederholtes Flehen um ein ausführlicheres Impressum stößt auf taube Ohren. Das nur nebenbei.
Auf der "ausland"-Seite blieb ich an einem Foto hängen, das eine Straßenszene im Westjordanland zeigt: Eine Hauswand, davor ein Soldat in voller Kampfmontur mit Helm, den Rücken dem Betrachter zugekehrt, die Hände über dem Kopf an die Wand gepresst, die Beine breitgestellt. Ein kleines Mädchen, das ihm nicht mal bis zu den Schulterblättern reicht, in knielangem Kleid mit großer Schleife am Rücken, klopft seine Beine nach versteckten Waffen ab. Ein anderes Mädchen in Hosen und Sweatshirt, etwa genauso groß wie das Mädchen mit dem Kleid, wendet der Szene den Rücken zu, hält eine kleine Digitalkamera mit angewinkelten Armen in kleinem Abstand vom Kopf auf Augenhöhe und fotografiert etwas anderes. Erst beim zweiten Blick wird mir klar, das der Soldat und das Mädchen, das ihn auf Waffen durchsucht, als fotorealistisches Wandgemälde dargestellt sind. Bildunterschrift: "Graffito des britischen Künstlers Banksy im Westjordanland Foto: AP".
Glückwunsch an Banksy und an den AP-Fotografen - und an die Fotoredaktion: einfach klasse!

Zitate

"Bis zu knapp 60.000 Euro lässt sich der Staat einen BMW 750 kosten, wenn dieser als Dienstwagen einer Firma angemeldet ist."
"90 Prozent aller 2007 neu zugelassenen Luxusgeländewagen waren Dienstfahrzeuge."
"Es ist ein klimapolitisches Unding, dass durch das aktuelle Steuersystem die größten Spritfresser von der Allgemeinheit subventioniert werden."
Alle Zahlen: Greenpeace; Zitat vom Verkehrsexperten Marc Specowski.
"Änderungsversuche würden aber auf Widerstand der Autoindustrie stoßen, die profitiere schließlich von der bisherigen Regel." taz




Merkel McCain



Dass die CDU lieber John McCain als US-Präsident hätte, steht ja wohl außer Frage. So windet sich denn auch Eckart von Klaeden im Kurzinterview etwas, als Ulrike Winkelmann ihn fragt, ob es Missgunst war, weshalb die Kanzlerin Barack Obama nicht am Brandenburger Tor haben wollte: "Das ist nicht der Grund. Ein Auftritt dort sollte gewählten Staats- und Regierungschefs vorbehalten sein."
Winkelmann: Und Autoverkäufern, Zauberkünstlern, Pommesbuden ...
von Klaeden: "Obama war gut beraten, sich nicht in die Kategorien der Gaukler und Kommerziellen einzureihen, die man täglich vor dem Tor antreffen kann. Er gehört in die Kategorie ernstzunehmender Politiker."
Da hat er verdammt geistesgegenwärtig reagiert auf die schnelle Replik der taz-Frau. Die CDU, fürsorglich wie sie nun mal ist, wollte nur dem Obama sein Bestes. Dieser von Klaeden empfiehlt sich zweifellos für höhere Aufgaben. Außenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ist bestimmt noch nicht das Ende seiner Laufbahn.
Und vergessen Sie nicht: Sie haben es zuerst hier gelesen.




------------------------Ab hier: taz vom Freitag, 25. Juli



Geballte Fäuste

Spitzenidee, gute Frage, prima Artikel auf der Sportseite: Wer war der dritte Mann auf dem berühmten Foto von der Siegerehrung bei Olympia in Mexiko-City 1968, als die beiden schwarzen 200-Meter-Läufer die geballten Fäuste mit den schwarzen Handschuhen in den Nachthimmel streckten? Der junge Sportler, der auf dem Siegertreppchen vorne steht, der  Zweitplatzierte, ein ungemein sympathisch aussehender Weißer? Ich erfahre es aus der taz, die das AP-Foto noch einmal abdruckt: Das war Peter Norman, ein Australier, der vor zwei Jahren gestorben ist. Wenn man genau hinsieht, erkennt man auf seiner Trainingsjacke den gleichen Anstecker wie bei Tommie Smith und John Carlos: OPHR steht drauf, und das stand für "Olympic Project for Human Rights", das Olympische Projekt für Menschenrechte. Norman war im Voraus eingeweiht, er unterstützte die Aktion und unterhielt mit den beiden Amerikanern "zeit seines Lebens freundschaftlichen Kontakt. Zu Normans Beerdigung im Oktober 2006 kamen beide als Sargträger angereist", erfuhr taz-Autor Martin Krauss vom Neffen des verstorbenen Sportlehrers. Und John Carlos sagte: "Ich war sein Bruder, er war mein Bruder. Das solltet ihr wissen."
Bei solchen Geschichten muss ich immer schlucken. Das sind so die Hinweise, dass Rassismus schon längst überwunden sein könnte, wenn er nicht ständig von politischen Interessen neu geschürt und zum Erhalt von Macht und Profit missbraucht würde.

Nicht mein Ball: Ballett

Das ist jetzt eine verballhornte Eindeutschung: Im Amerikanischen sagt man "it's not my ballgame", wenn einen etwas überhaupt nicht interessiert. So geht's mir mit Ballett. Ich weiß, dass es das gibt, und ganz prachtvolle Musik wurde dafür geschrieben, und manche 15-jährigen Mädchen sehen ganz wunderprächtig aus in ihren Tütüs und den Spitzentanzschühlein - aber ich hab in meinem ganzen Leben nicht eine einzige Ballettaufführung gesehen: Hier stehe ich und kann nicht anders. Und die taz füllt, neben einer halbseitigen Anzeige von brand eins die restliche Seite mit einem Bericht über eine Aufführung der Pariser Oper von "Orpheus und Eurydike", eine "Tanzoper", nach der wunderbaren Vorlage von Christoph Willibald Gluck, in einer Choreografie von Pina Bausch, im Antiken Theater von Epidauros.
Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie rührend ich das finde. Aber ich kann's nicht lesen.

Ewig und drei Tage: Pop

Die Band heißt Sport, die CD "Unter den Wolken", die taz-Autorin Jenni Zylka. Die Musik: Zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug. Die Texte sind laut Zylka ganz prima, die Musik echt independent rockig, die Chance, jemals in die Hitparaden zu kommen, ist minimal, und so geht alles immer weiter, ewig und drei Tage. Wie sagte schon Lou Reed: "Mit zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug kannste gar nichts falsch machen."
Bis nächsten Monat dann, wenn es mit den gleichen Instrumente und einer anderen Band wieder heißt: Was gibt's Neues?

A real mensh

Im yiddischen Amerikanisch gibt es ein Wort, das aus dem Deutschen stammt: mensh. Damit ist eine ehrbare, anständige Person gemeint, jemand mit einem guten Charakter. Man benutzt es im Sinne von "now there's a real mensh", wenn man jemanden bewundert. Warum ich Ihnen das erzähle? Weil ich bei manchen Kolumnen von Philipp Mausshardt beim Lesen das Gefühl hab: Der Typ ist nicht nur ein guter Schreiber und Journalist, er ist auch ein anständiger Kerl: Ein feiner Mensch.

Rechtsradikale Rübenzüchter

So wie es im amerikanischen Fernsehen die Nazi-Serien als Genre gab und gibt, so wie der Spiegel unter Stefan Aust drei bis vier Mal im Jahr seinen Hitler-Titel herausbrachte, so geht mir die taz in viel zu kurzen Abständen mit ihren paranoiden "Neonazis-überall-Artikeln" auf den Senkel. Da macht sie irgendwo im Netz eine dumme Website ausfindig, dort steht eine Villa, die einem Rechten gehört, oder es gibt eine Zeitschrift, die grün und nationalistisch zugleich ist. Und jetzt also ein Online-Lexikon, das "rechtsradikales und geschichtsverfälschendes Gedankengut verbreitet."
Bis zum nächsten Mal, wenn es wieder heißt: Heute zählen wir wieder mal die braunen Erbsen.
P. S. Müsste das korrekterweise in diesem Fall eigentlich nicht Gedankenschlecht heißen, statt Gedankengut?

Leser

Ausnahmslos alle Leserbriefe richten sich gegen den wirren Unsinn, den Nils aus dem Moore - mal wieder, seufz - am 23. 7. auf der Meinungsseite verzapft hat (siehe auch hier mein Eintrag im tazblog). Was für ein Torfkopp! Nix gegen Meinungsfreiheit, aaaber --- aber soll man jedem idiot savant (das ist französisch und heißt grob übersetzt "blödstudierter Depp") die Meinungsseite der taz öffnen, nur weil er einen Job bei einem "wissenschaftlichen" Institut hat?
Ich frag ja nur.

Die israelische Regierung lügt ...

... hält sich nicht an Verträge, kümmert sich nicht um UN-Resolutionen, befiehlt Hinrichtungen ohne Gerichtsurteil, nimmt dabei den Tod von unbeteiligten Zivilisiten in Kauf, annektiert widerrechtlich Land, baut Siedlungen und Trennmauern außerhalb des eigenen Territoriums, verstößt permanent gegen Menschen- und Völkerrecht. 
Die israelische Regierung ist eine Gefahr für den Weltfrieden. Sie wird von der deutschen Bundesregierung unterstützt und mit Waffen beliefert.

Über Kuba aus Hamburg

Die Fidel-Fresser-Berichte von Knut Henkel mochte ich wegen ihrer Tendenz schon nicht, als er über Kuba aus Havanna berichtet. Die Tendenz ist geblieben, nur kommen seine Berichte jetzt aus Hamburg.

Leipzig: Kriegsunterstützung auch nachts

Von einer Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts Leipzig berichtet Christian Rath: "Auch US-Zivilflugzeuge, die im Auftrag des Pentagons US-Soldaten für den Irak-Einsatz nach Kuwait fliegen, können weiterhin nachts in Leipzig zwischenlanden und auftanken. Die Anwohner hatten argumentiert, der Irakkrieg sei völkerrechtswidrig. Das ließen die BVerwG-Richter aber nicht gelten. Über völkerrechtliche Fragen dürfe nicht das örtliche Regierungspräsidium bei der Genehmigung von Nachtflügen entscheiden."
Wenn ich die Juristen recht verstehe, könnte es durchaus sein, dass die Anwohner mit ihrer Einschätzung recht haben, aber das geht sie und das Regierungspräsidium nichts an.

Unsern täglich Metzger ...

... schenkt uns die taz. Kann mir jemand sagen, wen es interessiert, ob Oswald Metzger von der CDU als Kandidat für irgendwas aufgestellt wird, ob in Tübingen, am Bodensee oder in Hinterpfudeifi? Und warum die taz ständig über diesen Profilneurotiker berichtet? Hat der ne Freundin in der Redaktion? Oder nen Geliebten?

Unsere Frau in Washington

Nach Michael Streck und Adrienne Woltersdorff scheint sich die taz wieder eine/n gute/n US-Korrspondenten/in geschnappt zu haben (der Leser erfährt ja nix, siehe die endlosen Klagen übers Impressum auf diesem tazblog. Aber ich geb nicht auf.) Sehr schön, Karin Deckenbachs erste Reportagen und Berichte. Freitag ging's über Jon Favreau. Wen bitte? Den Redenschreiber von Barack Obama. Muss ein guter Mann sein. Er kam als Fan, und blieb als Mitarbeiter: "Er redet, ich schreibe es auf und feile, er schreibt und feilt, es ist eine viel intimere Art der Zusammenarbeit." Karin Deckenbach: "Das Echo dieser Reden hat eine Bewegung erzeugt, wie sie Amerika lange nicht erlebt hat."
Das konnte man am Donnerstagabend auch in Berlin spüren. Guter Mann, der Jon Favreau!

Die Psycho-Experten

Da waren sie wieder, die Psychologen: Eine ap-Meldung schließt mit der Nullmeldung über Radovan Karadzic, er sei in all seinen Karrierestationen "ein Narziß geblieben, der nach 'Wahrnehmung, Anerkennung und Applaus' süchtig sei, zitierten Medien gestern Experten."
Ungenannte "Medien" haben also ebenso ungenannte "Experten" zitiert, und afp informiert darüber die nach Erklärungen hungernde Öffentlichkeit. Ich hätte es mir ja denken können! Ein Narziß - das erklärt doch alles.
UUUUUÄÄÄÄÄÄHHH!




Kommentar

27. Juli 2008



Modergeruch der Bibliotheken

"Ach, wissen Sie, schaun Sie sich doch mal an, was der Karl Marx für ein Leben geführt hat. Jeden Tag isser in die Bibliothek des British Museum gegangen und hat in verstaubten Büchern  gelesen. Ich sag Ihnen: Ein jeder Trambahnfahrer in Wien hat ein aufregenderes Leben gehabt."
Eric Voegelin, Professor für Politische Wissenschaft, Wintersemester 1967/68, Hörsaal 110, Ludwig-Maximilians-Universität München

Was für tolle Fotos von Ladislav Bielik im taz mag! Die Bilder von 1968, als die sowjetische Armee in Prag einrollte und das deutlich machte, was John Lennon später so beschrieben hat: "Es geht nur gewaltlos, im Endeffekt haben sie immer die Panzer."
Die Tschechen wussten das. Der Typ, der sich das Hemd aufreißt und sich mit nackter Brust vor die Panzerkanone stellt, machte es nur allzu deutlich: "Kommt doch mit euren blöden Panzern, na und? Was habt ihr damit bewiesen?"
Aus dem Interview, das Jan Feddersen und Wolfgang Gast mit Wolfgang Kraushaar zur Bedeutung des "Prager Frühlings" geführt haben, steigt der Modergeruch vom Staub der Bibliotheken auf, der Versuch, das Leben in die vertrockneten Gehirnwindungen der Gelehrten und Philister zu zwingen, die Gedankengänge der frustrierten Intellektuellen, die nur zusehen, aber nicht teilhaben konnten. Teils, weil sie schon damals zu verknöchert waren, um sich auf Neues einzulassen - Wolfgang Kraushaar -, teils, weil sie gern mitgemacht hätten, aber noch zu jung waren - Jan Feddersen.
1967 hatte ich gerade meinen Wehrdienst hinter mich gebracht, freute mich wie irre aufs Studium, denn seit ich elf Jahre alt war, wollte ich Student sein: Ich hatte die Bilder der Studenten von Budapest in der Wochenschau gesehen, die 1956 auf die Straße gegangen waren. So wollte ich sein, so wollte ich die Haare tragen, so meinen Schal binden (das tu ich bis heute). Und als dann alles anfing, als man wieder auf die Straße gehen konnte, um zu demonstrieren, war ich selbstverständlich dabei.
Ohne jetzt im Einzelnen auf die steilen Thesen eingehen zu wollen, die Wolfgang Kraushaar da im taz-Interview präsentiert, ohne ihn persönlich zu kennen, traue ich mir die Aussage zu: Der Mann ist schwer frustriert, weil er nicht zum Zug kam.
Seine aufs Intellektuelle beschränkte Aufarbeitung der 68er-Zeit, mit der er sich einen gesicherten Job und Zulauf von interessierten Journalisten geschaffen hat, geht darauf zurück, dass er gern mitgevögelt hätte, aber aus Gründen, die ich nicht kenne, wurde nichts draus. Da hat er beschlossen, sich für die vermutete, entgangene Lebenslust zu rächen, und fortan die 68er-Bewegung madig zu machen.
Seine Aussagen laufen darauf hinaus: Ich hab's ja gleich gesagt, kann ja nichts werden mit dem Sozialismus. Deshalb bejaht er das - vermeintlich - siegreiche kapitalistische System und wirft den Menschen, die versuchen, es zu verändern oder umzustürzen, ihre bisherige Erfolglosigkeit vor: "Wenn man nun für eine vom Sozialismus und Kommunismus inspirierte große politische Alternative antritt, dann muss man auch eine ökonomische formulieren können. Wenn man das aber nicht kann, dann sollte man auf einen solchen Entwurf verzichten."
Warum, um Himmels willen, sollte man das? Weil das herrschende System sowieso in Ordnung und jeder, der dagegen vorgehen will, ein bedauernswerter Spinner ist? Heh, Kraushaar, altes Haus: Mach mit, formuliere die ökonomische Alternative, benütze deinen schlauen Kopf, um mitzuhelfen, die Verhältnisse zu verändern. Sich einfach hinzuhocken und jahrelang beweisen zu wollen, dass es daneben gegangen ist, bringt niemanden weiter, dich schon gleich gar nicht. Du kommst nur rüber als resignierter alter Furz, der sich mit dem System arrangiert hat, weil es dir ein gutes Auskommen gönnt, indem du die Leute fertig machst, die nach einem Ausweg gesucht haben.
Keiner hat damals behauptet, dass er weiß, wo's lang  geht, wir waren alle auf der Suche, und du tust jetzt so, als hätten wir bewusst den Karren in den Dreck gefahren. Heh, weißt du, wer den Karren in den Dreck gefahren hat? Reaktionäre Dummbeutel wie du, die im Grunde von Anfang an misstrauisch waren, dass jemand die Machtverhältnisse in Frage stellt, und sich diebisch gefreut haben, dass das unmenschliche System triumphiert hat. Kein Wunder, dass du dich seit Jahren an der RAF aufgeilst und immer wieder darauf hinweist, wie sehr die daneben gelegen sind. Wem hilft das denn? Nur den Leuten, die schon immer gesagt haben: Lass es sein, man kann eh nichts machen.
Weißt du, weshalb ich deinen Frust durchschaut habe? Weil du so einen entfremdet formulierten Unfug losgelassen hast in diesem schwer kranken Interview mit der taz. Ich will die Passage zitieren, und danach ist Schluss. Ob deine Therapie von der Kasse bezahlt wird oder nicht, soll nicht meine Sorge sein. Aber vielleicht bist du ja gar nicht krank. Vielleicht bist du nur ein ängstlicher kleiner Trottel, der sich vor den Tittchen von Uschi Obermaier gefürchtet hat. Das Urteil sei dem Leser überlassen.
Täterä, also sprach Wolfgang Kraushaar am 26./27. Juli 2008 in der taz, und in jenen Tagen der Flut von 40-Jahre-seit-68-Artikel hielt man das für ernstzunehmende Äußerungen eines seriösen Wissenschaftlers:
"Dass die Kommune 1 als antiautoritär wahrgenommen wurde, war insofern ein großer Trugschluss: Diese antiautoritäre Konfiguration war mit einer staatlich-affirmativen prokommunistischen Identifikation unterfüttert. Die Idee der Kommune bezog sich nicht etwa auf die Pariser Kommune, wie sie Karl Marx beschrieben hat und viele als richtungweisend verstanden haben. Bemerkenswert ist die Doppelbödigkeit, die dem soziokulturellen Impetus der Achtundsechziger und der antiautoritären Bewegung anhaftet, schon von Anfang an."
Sag mal, Wolfgang Kraushaar, altes Haus, tickst du noch richtig? Und, sag mal, Jan Feddersen, weshalb glaubst du eigentlich, dass du mit so nem Scheiß die taz-Leser belästigen musst? Magst du sie nicht?






-------------------------------Kommentar




Naja, der Kraushaar ist ja auch nur einer von denen, die aus jeder Utopie nur den eigenen Lebensentwurf auf der ‚Kegelbahn der Vernunft‘ resultieren sehen – nach dem Motto: ‚Gott sprach, es werde Licht, und es ward Ich‘.  Rege dich nicht über die Allzuvielen auf, es lohnt sich nicht. Die da unten – und das ist jetzt mal gar nicht verelendet und proletarisch gemeint – die stellen zu allen Zeiten die Mehrheit …
Gruß, Klaus
--------------------------------------Kommentar
Aiaiaiai, da hattest Du aber schlechte Laune. Ich muss ehrlich sagen, dass ich langsam mal genug von der 68-Aufarbeitung habe, aber Kraushaar als, sozusagen, wichtigen Ergänzer des Diskurses erlebt habe. Damals seine schöne Studie darüber, wieviel die Deutschen schon in den 50er Jahren demonstriert haben zum Beispiel, dass Demonstrieren also kein
Privileg oder Verdienst der 68er war.
Grüezi - U.

Ehrlichkeit ist besser als Politik




Ach, was hab ich mich aufgeregt wegen taz und Obama! Und jetzt? Sogar auf den Kulturseiten hamse einen netten kleinen Artikel mit einer Hommage von Ulrich Gutmair. Höchst interessant die Verbindung zu Lieutenant Uhura von "Raumschiff Enterprise", "wo eine Konföderation des Guten ein interplanetarisches Reich des Friedens errichtet hat. Ganz im Sinne Immanuel Kants, der erklärte, der ewige Friede sei keine leere Idee, 'sondern eine Aufgabe, die ihrem Ziel beständig näher kommt.'" Gutmair schreibt das mit einem Augenzwinkern, aber er fasst die Rede von Obama so zusammen, dass die Konsequenzen deutlich werden. Wo er am unpopulärsten ist, findet Gutmair, ist er am sympathischsten: "'Ehrlichkeit', sagt Commander Kant, 'ist besser denn alle Politik.'"

Der Kopf seines Feindes

"Im siebten Mond verwandelte sich der Häuptling in einen schwimmenden Fisch und fraß den Kopf seines Feindes mit Hilfe von Magie." Klingt gut, auch noch in der Übersetzung, der Titel eines Albums der kongolesischen Band Kasaï Allstars. Und auch was Julian Weber über die Gitarrenmusik von Sir Victor Uweifo schreibt, macht neugierig auf diese nigerianische Popmusik: "Uweifo behauptet, er könne Farben in Klang übersetzen. Seine Songs feiern zum Beispiel die Muster von nigerianischen Akwete-Gewändern. 'Wenn sich jemand darin bewegt, leuchten immer andere Farben auf, daran orientiere ich mich mit meinen Songstrukturen.'"
Sakra, das klingt aufregend.
Imponierend auch der Rest des Mannes: Den Titel "Sir" hat der 67-Jährige Uweifo für seine Verdienste als Friedensrichter erhalten, an der University von Benin unterrichtet er Bildhauerei, schreibt Gedichte, gibt Ratgeberliteratur heraus und hat einen eigenen Fernsehsender.
Sakra, da legst di nieder.
Die CD von Sir Victor Uweifo heißt "Guitar-Boy Superstar. 1970 - 76", und ist erschienen bei Soundway/Groove Attack. Hat also mehr als dreißig Jahre gedauert, bis er nach Deutschland durchgedrungen ist mit seiner Gitarrenmusik. Da war sein Landsmann Fela Kuti schneller.




Und gleich noch einmal: Obama

Ja, schon gut, ich nehm alles zurück, was ich über die ablehnende Haltung der taz zu Barack Obama gesagt habe: Ich hab einzelne Beiträge mit einem allgemeinen Trend verwechselt. Jetzt trägt auch noch Robert Misik, der Marathon-Mann unter den Schreibern, seinen wie üblich blitzgescheiten Obama-Senf bei. Und weil er die Sache mal haargenau auf den Punkt bringt, hat er für heute das letzte Wort zum Thema "Obama Superstar": "Wenn wir uns einen idealen modernen progressiven Politiker ausgemalt hätten, dann wäre ziemlich sicher Obama rausgekommen. Wenn ich die Wahl habe zwischen verstaubter linker Miesepetrigkeit und der Obamanie, brauche ich nicht lange nachdenken: Trust the Hype!'"
Okeh, wird gemacht, ich vertrau dem Rummel schon seit zwei Jahren, seit Neil Young, wie der treue tazblog-Leser ja inzwischen weiß: "Maybe it's Obama, but he thinks he's too young ..." (Song "Looking for a Leader", auf der CD "Living with War", April 2006).



Jetzt hat doch wieder Neil Young das letzte Wort gehabt. Iss auch besser so.

Lustgreis

Sie erinnern sich? Meine Empörung war echt, als ich mich darüber aufgeregt habe, dass die taz-Redakteurin mit dem Kürzel NAT den 61 Jahre alten Ron Woods als "Lustgreis" bezeichnet hat. Das blödsinnige Interview mit dem "Experten", weshalb sich so'n alter Knacker in eine 20-Jährige verliebt - geschenkt. Und jetzt, 10 Tage später ein Leserbrief, der sehr deutlich meine jahrzehntealte These unterstreicht: Es gibt Boshaftigkeiten, die können sich nur Frauen ausdenken. Etwa Kim Kavanagh aus Hamburg: "Während Sie sich fragen, was in Frauen vorgeht, die durch jüngere ersetzt werden, frage ich mich, was bringt eine 20-Jährige dazu, mit so einem Schrumpelheini ins Bett zu steigen."
Dazu fällt mir nichts mehr ein.
Weshalb ich Mona anrufe, die fast wiehert vor Vergnügen, als ich ihr den Brief vorlese. "Schrumpelheini!  Das ist gut! Heh, das trifft's doch genau. Frauen sind einfach realistischer."
Na ja, wenn ich mir die Gesichter von Jagger, Richards, Woods und Watts angucke, hat Kim Kavanagh aus Hamburg vielleicht doch recht. Und Mona klärt mich noch auf, dass ich nicht auf der Höhe der Klatsch- und Tratschnachrichten bin: Die Geliebte von Ron Woods sei erst 18.






Zitat I

"Der Vorwurf des Antiamerikanismus, um europäische Vorbehalte gegen den Irakkrieg zu erklären, ist im Grunde apolitisch: Er wirft antiamerikanische Vorurteile und eine vernünftige, klarsichtige Kritik der außenpolitischen Irrtümer der Bush-Regierung in einen Topf."
Paul Hockenos, in seinem Kommentar "Das Ende des Antiamerikanismus", Meinungsseite

Schon wieder Arnold

Erst haut er den Autokonzernen die CO2-Ausstoßwerte um die Ohren, und jetzt das: "Kalifornien führt ab kommendem Jahr für die Schifffahrt die weltweit schärfsten Emissionsauflagen ein." Nun muss man sich nicht wundern, Gouverneur Schwarzenegger ist zwar Republikaner, aber die Ökologie-Bewegung fing ja Ende der sechziger Jahre in Kalifornien an. Die Grenzwerte hat man zunächst auf 0,5 Prozent Schwefelgehalt für Schiffsdiesel festgesetzt, ab 2012 sollen es 0,1 Prozent werden. Dies gilt für alle Schiffe, die kalifornische Häfen ansteuern oder eine Zone in 24 Meilen Abstand  zur Küste durchfahren. Zum Vergleich: In der Nord- und Ostsee gelten 1,5 Prozent, ab 2010 sinkt der zulässige Wert auf 1 Prozent, ab 2015 dann 0,1 Prozent wie in Kalifornien.
Was mich erschreckt hat: Ein Schwefelgehalt von 0,1 Prozent bedeutet, dass der Schiffsdiesel immer noch 100 Mal schmutziger ist als Lkw-Diesel. Die International Maritime Union der UN erlaubt 4,5 Prozent und wollte den  Wert bis 2020 auf 0,5 Prozent senken. Da hat Schwarzenegger jetzt kurzen Prozess gemacht und selbst gehandelt.
Brav, Arnie!






Sie merken es, sie merken es!

Eine gewisse Häme kann ich mir nicht verkneifen: GM, Ford und Daimler schliddern in die Krise. Sie können ihre Benzinschlucker immer schwieriger losschlagen. Nicola Liebert: "Ford will nun fix umsteuern: Sechs kleine Modelle, die bislang nur für den europäischen Markt bestimmt waren, sollen künftig auch in den USA angeboten werden."
Bei Daimler dagegen geht's nicht so schnell, und Schnauzbart Dieter Zetsche klagt über "schwieriges Umfeld". Das klingt rat- und hilflos. Der Aktienkurs sinkt, die oberschlauen Analysten warnen vor Übernahmegefahr, Vorsicht, in den Stuttgarter Konzern könnte sich ein Finazinvestor günstig einkaufen. Doch Liebert wiegelt ab: "Warum sollte er das tun? Das Geschäft mit spritschluckenden Luxuskarossen dürfte nämlich schwierig bleiben."

Wieder draußen

Nach sechs Tagen wurde er vorzeitig freigelassen, der Totalverweigerer Silvio Walther, der eigentlich 21 Tage absitzen sollte. Das Truppendienstgericht hat auch entschieden, dass er nicht mehr in Arrest genommen werden darf. Walther durfte in seinen Heimatort und zu Mama zurückkehren. Martin Kaul führt das auf seinen Bericht vom vergangenen Wochenende in der taz zurück - schöner Erfolg, wenn's denn so ist.
Die Feder ist mächtiger als das Schwert.






Unsern täglich Metzger ...

...gibt's auch heute. Noch einmal: Oswald Metrzger kandidiert für die CDU am Bodensee, denn das sei "eine spannende Innovations- und Wachstumsregion".
Vor allem spannend. Jetzt lasst ihn aber bitte im Sommerloch verschwinden, den Nessie Metzger, ja?




Fürn guten Zweck: Replik auf Beck

Der Artikel von Ulrich Beck hat klügere Köpfe zum Widerspruch gereizt, nicht nur meinen kleinen Bärenverstand. Felix Ekardt, Jurist und Soziologe von der Uni Bremen, macht einen interssanten Vorschlag, wie man per Kostenausgleich dem Süden helfen und im Norden den Sozialstaat erhalten könnte: Man muss "weltweit gleiche Treibhausgasemissionen pro Kopf" berechnen. Das führt er sehr nachvollziehbar aus, fordert,  die EU müsste damit vorangehen: "So kann man wirtschaftlich vertretbare Klimapolitik vormachen, den USA, Indien und China ein Beispiel geben und die Bereitschaft für wirklich globale Regelungen stärken."



Mal sehen, ob sich was tut in der Richtung. Inzwischen kommen mir die Regierenden so hilflos vor, dass sie vielleicht sogar für vernünftige Vorschläge offen sind.

Zitat II

"Schaut her! Amerikanische Flaggen! Überall! Und sie brennen nicht."
Jon Stewart, US-amerikanischer Fernsehkomiker, zu den Bildern von Obama in Berlin




Kommentar

29. Juli 2008



"Wenn dich jemand kritisiert oder beleidigt, und du es schaffst, nicht in die Luft zu gehen, sondern innerlich ruhig zu bleiben, so als ob du nur einem leisen Echo lauschen würdest, dann hast du tatsächlich ein gewisses emotionales Gleichgewicht erreicht und bist weniger verletzlich geworden."




Matthieu Ricard



Leonard Cohen live - es ist nicht zu glauben















Er geht tatsächlich wieder auf Tour, ich fass es nicht! Und fängt damit ausgerechnet auf dem Marktplatz von Lörrach an. Leonard Cohen ist jetzt 73, und das letzte Mal, als er vor 15 Jahren in München in der Philharmonie gespielt hat, saß ich tatsächlich mit Gisèle und Burkhardt in der fünften Reihe. Ein paar Monate vorher hab ich ihn in Paris getroffen, zum Interview für den Playboy. War ein Auftrag, den mir der Ulli Jackus, damals noch Redakteur bei der noch nicht so heruntergekommenen Zeitschrift, hatte zukommen lassen. Wir hatten viel Spaß, der Cohen und ich, obwohl ich ne Stunde zu spät kam, weil der Flieger wegen Turbulenzen nicht landen konnte. Scheißgefühl, und ich glaube, das war einer meiner letzten Flüge überhaupt.






Inzwischen ist die Gisèle seit zehn Jahren tot, der Burkhardt hat sein unglückliches Leben nach Südafrika verlegt, der Ulli ist schon ewig nicht mehr beim Playboy, aber wir sind immer noch befreundet und trinken heute Abend zusammen vier Bier im Paradiso, er eines (wegen Autofahren), ich drei (wegen Fahrradfahren).





Über Leonard Cohen in Lörrach schreibt der taz-Mann René Zipperlen: "Gut zweieinhalb Stunden netto serviert der Grandseigneur der Schwermut ein Menü aus 40 Schaffensjahren, die großen Hits empfängt ein beseelt-berührtes Publikum aus großteils reiferen Damen mit ruhigen Männern auf dem ausverkauften Marktplatz wie einen Gnadenakt: von 'Suzanne' und 'Marianne' bis zum düster-bissigen 'The Future'."



Am 4. Oktober macht er sein Versprechen wahr: "First we take Manhattan, then we take Berlin." Am 7. Oktober nimmt er München.



Stefan Aust: Anstiftung einer Straftat

Ob da wohl ein Extrabuch draus wird? Gabriele Goettle liefert noch eine Fortsetzung über Dorothea Ridder, diesmal, indem sie Manfred Grashof reden lässt. Überschrift: "Die Praxis der Galaxis". Ridder hatte Grashof 1984 geheiratet, als er noch im Gefängnis saß. Grashof hatte bei einer Schießerei, bei der er selbst schwer verletzt wurde, einen Polizisten angeschossen, der drei Wochen später starb. Goettle lässt ihn einfach reden, das erste Mal, dass er überhaupt öffentlich wird. Er war 1988, nach 16 Jahren Haft, von Bernhard Vogel, dem damaligen Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz begnadigt worden, weil sich der katholische Gefängnispfarrer, Hubertus Janssen, für Grashof eingesetzt hatte.
Der weiß  es zu schätzen und sieht den Wandel im politischen Kllima seither: "Es ging ja um Resozialisierung. Damals wurde das teilweise noch ernst genommen. Inzwischen ist das nur noch Makulatur. Der Arsch hat ihn ja nicht begnadigt, den Klar, obwohl Peymann ihm am Berliner Ensemble eine Stelle angeboten hat."
Er spricht von Christian Klar, den Arsch muss ich ja nicht extra vorstellen.
Als Grashof 1988 zu seiner Frau nach Berlin zieht, gab's die ersten Fälle von AIDS in ihrer Praxis: "Das war für mich übrigens ein Schock, ich werde aus dem Knast entlassen und bin gleich mit HIV und dem ganzen Scheiß konfrontiert - und dann fällt auch noch die Mauer!"
Eine brisante Information, die zumindest für mich neu ist, enthält der Goettle-Zweiseiter über Manfred Grashof auch. Das hat mit Stefan Aust zu tun. Grashof erzählt, dass Dorothea Ridder erpresst wurde, und dass ihn das ziemlich fertiggemacht hat: "Ich bin richtig krank geworden, also nervlich. Das fiel zeitgleich mit dem sauberen Herrn Stefan Aust zusammen und seinem (Buch) 'Baader Meinhof Komplex'. Der hat mich ja total übers Ohr gehauen, die Drecksau! Keiner hat so viel Kohle mit der RAF gemacht wie der."
Grashof hatte es abgelehnt, mit Aust zu sprechen. Der schickte ihm dann später das Buch in die Zelle: "Ich finde da Sachen über mich, von denen er gar nichts wissen konnte! Aus einem top-secret psychologischen Gutachten, was ich grade mit Mühe und Not im Knast hatte über mich ergehen lassen."
Es stellt sich heraus, Aust "hat eine Angestellte meiner Anwaltskanzlei in Frankfurt zum Diebstahl veranlasst. Sie hat es für ihn aus meinen Akten geklaut. Sie flog dann zwar raus, aber da war es ja schon zu spät. Stellt euch das mal vor! Er ist ja investigativer Journalist. Hallo! Und dieser noble Herr gilt bis heute als seriös."
Tja, das kann man wohl sagen, dass Stefan Aust auch jetzt, nach seiner Zeit als Chefredakteur des Spiegel, aus unerfindlichen Gründen immer noch als seriös angesehen wird. Da wird Grashofs Information nichts dran ändern. Und juristisch ist Aust vermutlich ausm Schneider: Seine Aufforderung zur Straftat fällt möglicherweise unter die Abteilung "verjährt".
Ich konnte den Aust nie ausstehen, aber so eine Schweinerei hätte ich ihm nicht zugetraut. Obwohl ...
Grashof ist verbittert - kein Wunder, wenn man seine Geschichte kennt: "Wir wurden den drei Bullen, die uns in der Wohnung aufgelauert haben, minutiös angekündigt. Die hatten nämlich Funkkontakt zu denen, die draußen das Haus beobachtet haben. Also hätten sie mir im Dunkeln einfach eins über die Rübe geben können, zum Beispiel, und das wäre es dann gewesen, für alle Beteiligten. Aber die hatten Angst oder was, sie haben sofort geschossen. Das war völlig unprofessionell! Und ich hab' instinktiv reagiert, habe meinen Trommelrevolver gezogen und ins Dunkel gefeuert. Dann wurde ich in den Kopf getroffen, in den Arm und in die Brust."
Grashof glaubt, dass er die Geschichte der RAF hätte ändern können, wenn er nach der Entlassung zur Witwe des Polizisten gefahren wäre und ihr sein ehrliches Bedauern ausgesprochen hätte. Er hatte sich ja schon Ende der siebziger Jahre von der RAF distanziert. "Es lief dann aber ganz anders. Ich kam raus aus dem Knast nach 17 Jahren, komme nach Berlin, und am selben Tag erscheint die Bild-Zeitung mit riesengroßer Aufmachung, und da stand: '... Dafür habe ich kein Verständnis, der Mörder meines Mannes!' Und daraufhin habe ich mir gesagt, jetzt leckt mich doch alle am Arsch, davon will sowieso kein Mensch was wissen, was ich denke."
Er hat festgestellt, dass seine Reue politisch nicht gewollt war, "vom Staat nicht und nicht von unseren  Leuten. Vielleicht wäre das alles nicht passiert, was danach noch passiert ist. Das ging ja noch jahrelang weiter! So jetzt ist aber Schluss!"
Gabriele Goettle will noch wissen, wann er in die Ferien fährt, damit sie ihm die Belegexemplare der taz mit dem Interview nachschicken kann. "Er knurrt: 'Ich sage gar nichts mehr. Keine Adresse und nichts, ich bin unerreichbar!'"
Meine Güte, wie ich die Arbeit von Gabriele Goettle schätze! Und wie's der Zufall so will, höre ich beim Tippen genau dieser Zeilen in den Zwölf-Uhr-Nachrichten, dass ein Oberlandesgericht in Frankfurt die vorzeitige Entlassung von Birgit Hogefeld abgelehnt hat. "Wegen der Schwere der Schuld."




Mein ist die Rache, spricht der Staat.

--------------------------------Kommentar

Stefan Aust mochte ich nie wirklich, da ihm aus meiner Sicht immer der Makel der "St. Pauli Nachrichten" anhaftete und er aus dem Spiegel, dem Sturmgewehr der Demokratie, ein neo-liberales Hassblatt gemacht hat. Besonders grausam waren für mich die Artikel über den Osten Deutschlands insbesondere über Mecklenburg/Vorpommern...
Jan Schmager

Ciao, Küppersbusch!

Am Rand des Montagsinterviews mit Friedrich Küppersbusch habe ich gestern bei einer Antwort "Arsch" und bei drei Antworten "Blöd" notiert. Und zu seiner Erwähnung von Manfred Köhnlechner: "Ist seit 100 Jahren tot." Unter dem Interview steht: "Warum hab ich den mal gut gefunden?"
Das frag ich mich heute auch noch.

Das Böse


Kennen Sie noch "Ba-ba-banküberfall" von der Ersten Allgemeinen Verunsicherung? Da hieß es: "Das Böse lauert immer und überall." Daran musste ich denken, als ich den Kommentar "Feindbild Islamisierung" von Martin Riexinger, "Islamwissenschaftler an der Universität Göttingen" gelesen habe. Es geht um den türkischen Linksnationalismus "- ein Gemisch aus Staatsgläubigkeit, geopolitischen Sandkastenspielen, marxistisch gefärbter Rhetorik, aber auch offenen Rassismus gegen Kurden, Griechen, Armenier und Juden." Nein, nicht dass dieser Linksnationalismus in der Bevölkerung verbreitet wäre, eher im Gegenteil: "Von diesem Ideologiemischmasch fühlt sich zwar nur ein kleiner Teil der Bevölkerung angesprochen." Ja warum muss man denn dann einen Kommentar über türkischen Linksnationalismus in die taz setzen? Weil: "Aber dieser Teil gehört zur Elite."
Ja dann.

Paule! Pamela! Mona! Thomas!

Was verbindet Paul McCartney, Pamela Anderson, Mona Alderson und Thomas Schönberger? Sie ernähren sich vegetarisch und weisen unermüdlich darauf hin, dass die Viehzucht zum Zwecke fleischlicher Ernährung noch viel mehr zum Klimawandel beiträgt als die Autofahrerei. Thomas Schönberger leitet den Vegetarierbund in Deutschland (www.vebu.de), und er organisiert gerade den Welt-Vegetarier-Kongress in Dresden, der genau 100 Jahre nach dem ersten derartigen Ereignis stattfindet. Da kommen 700 Teilnehmer aus 35 Ländern, und egal, ob Sie eher mit Paul, Pamela oder Mona sympathisieren, so wie ich, oder mit dem Vorsitzenden des VeBu, die Botschaft ist dieselbe: Esst kein Fleisch!

Leser


Meist stellt sich ja auf der Leserbriefseite heraus, dass manche Leser der taz wesentlich sensibler sind, besser durchblicken und aufmerksamer Zeitung lesen als so mancher taz-Redakteur. Aber es gibt auch ganz schön dämliche Leute ganz ohne Durchblick in der taz-Leserschaft. So Uwe-Michael Kloss aus Köln, der zur Berichterstattung über Barack Obama schreibt: "Liebe Presse, hoffentlich werdet ihr wach und hört mit der Lobhudelei auf diesen Blender auf! Das ist ja nicht mehr zu ertragen! Ach ja, der nächste Dezernent, der für Köln gesucht wird, hält seine Bewerbungsrede in China oder so!"
Wenn jeder Satz mit einem Ausrufezeichen aufhört, werde ich sowieso misstrauisch. Aber auch wenn der Typ nix kapiert hat, möcht ich doch anfügen: So weit entfernt von der Wahrheit iss der Trottel gar nicht. Gestern hab ich gelesen, dass Herr Mehdorn, der mit Vornamen Bahnchef heißt, in den Vereinigten Arabischen Emiraten Gespräche über eine Beteiligung bei der Bahn führt. Da kann es dann schon bald wahr werden, dass sein Nachfolger eine Bewerbungsrede in Dubai oder sonstwo in einem arabischen Land hält.



Keine Kontrolle über Waffenexporte

Ute Scheub weist darauf hin, dass es sehr wohl möglich ist, Krisen in den Griff zu  bekommen und Kriege zu verhindern. Es gibt sogar einen Aktionsplan zur Krisenprävention vom deutschen Außenministerium (www.auswaertiges-amt.de). Dazu hat Scheub auch den Staatsminister Gernot Erler (SPD) befragt, und der muss zugeben, dass eine der "Schwachstellen" der Kleinwaffenexport aus diesem unserem Lande ist: "Er sei kontinuierlich gewachsen, der Endverbleib sei schwer zu kontrollieren. 'Ich gebe zu', so der Sozialdemokrat, 'darauf wissen wir noch keine Antwort.'"
Na, das klingt wenigstens ehrlich. Ein Skandal ist es trotzdem.

Söder? Nein danke!

Eine Seite Interview mit Markus Söder, dem großen Staatsmann aus Nürnberg, der sich als CSU-Generalsekretär dafür ausgesprochen hat, Horst Köhler abzuwählen, wenn er RAF-Terroristen begnadigt. Jetzt hat er in Nürnberg den Posten des Bezirksvorsitzenden übernommen, was wohl als Sprungbrett für höhere Aufgaben dienen soll. Weil ich ihm eh kein Wort glaube, will ich auch nichts zitieren. Das große Ganzsöderfoto von Uta Rademacher will ich aber erwähnen - besser kann man diesen arroganten Aufsteiger nicht abbilden. Das Gesicht macht mich frösteln.

Der Kerl verkörpert den Superlativ von aalglatt.



Kommentar

30. Juli 2008

Von wegen Luftnummer



Montag geschrieben, Dienstag schon veraltet, aus der Sicht von heute, Mittwoch, voll daneben: Ulrich Schulte hat mit seinem Kommentar auf Seite eins zu früh ejakuliert. "Die Ver.di-Luftnummer" klingt zwar flott als Titel zu ein paar vorschnellen Überlegungen zum Thema Einheitsgewerkschaft und Fachgewerkschaften, aber vom ersten Streiktag schon auf die Wirkungslosigkeit des Lufthansa-Streiks zu schließen, war ganz schön fahrlässig.
Interessant fand ich allerdings die Information, die Ulrich Schulte so ganz nebenbei eingestreut hat, dass nämlich die Firma Lufthansa "ihr operatives Ergebnis" im ersten Quartal um 422 Prozent gesteigert hat.
Äh, was war gleich noch mal ein operatives Ergebnis?
Na gut, wofür gibt's Suchmaschinen. Erst probier ich die neue cuil (wird, weiß ich aus der taz, ausgesprochen wie "cool", also kuhl). Da finde ich aber nur die Angaben von vielen Firmen, die ihr operatives Ergebnis bekanntgeben. Also doch wieder gegugglt, und siehe, hier hab ich was:
"Mit der Betriebsergebnisrechnung (operatives Ergebnis) wird nicht nur die Höhe des Ergebnisses ermittelt, sie ermöglicht auch die Analyse der Erfolgsquellen. Das Betriebsergebnis wird entweder nach dem Gesamtkostenverfahren oder nach dem Umsatzkostenverfahren ermittelt."
Wenn Sie jetzt noch wissen wollen, wie man das "operative Ergebnis" nach dem Gesamtkostenverfahren oder dem Umsatzkostenverfahren ermittelt, empfehle ich http://www.wirtschaftslexikon24.net/
Zumindest habe ich den Eindruck, dass die Lufthansa-Mitarbeiter sehr recht haben, wenn sie von den 422 Prozent von was auch immer ihren Anteil abkriegen wollen. In diesem Sinne:




Alle Räder stehen still
wenn dein starker Arm es will!



Oder, etwas zeitgemäßer:


Alle Flieger bleib'n am Boden
packt den Vorstand an den Hoden!



Nein. NEIN. NEEEIIIIN!

Wie soll ich Ihnen erklären, weshalb ich "Das geheime Tagebuch der Carla Bruni" für den größten Mist halte, der den gutwilligen Leser auf der wahrhaftiglich reichlich misthaltigen "Wahrheit"-Seite aufhält? Eigentlich verordne ich mir dienstags immer Halteverbot auf der letzten Seite. Nur damit Sie nicht glauben, das seien haltlose Vorhaltungen, muss ich heute halt innehalten und Ihnen kurz aus dem Inhalt zitieren: "Joseph. Seine Zunge. In meinem Mund. In meiner Achsel. Auf meinen Brüsten. Die Schwielen seiner Gärtnerhände, die kratzige Hornhaut, die wie ein Reibeisen meine Schenkel entlang fuhr. Fühle, wie sein großer, großer Penis an meinem Schenkel pulsiert. Immer wieder seine Zunge in meinem Ohr ... Ich weiß nicht wie lange ich so unter der Dusche gestanden habe." Halt. HALT. HAAAALT!


Ganz schnell weiterblättern.

Pressefreiheit

Auf der Medienseite erfahre  ich, dass in Colombo, der Hauptstadt von Sri Lanka, ein Journalist seit dem 7. März im Gefängnis sitzt. Das wussten Sie nicht? Ich vermute mal, die Zeitungen in Deutschland schreiben aus naheliegenden Gründen nichts darüber. Der Mann heißt nämlich Jayaprakash Sittampalam Tissainayagam. Sogar der taz ist es zu mühsam, den Namen Jayaprakash Sittampalam Tissainayagam mehr als ein Mal auszuschreiben, weshalb der Redakteur Sven Hansen statt Jayaprakash Sittampalam Tissainayagam einfach Tissa schreibt. Nun kann man ja verstehen, dass er Jayaprakash Sittampalam Tissainayagam nicht im Titel der Zweispaltenmeldung untergebracht hat, da war einfach nicht genügend Platz. Deshalb steht da nur "Ein Beispiel namens Tissa" drüber, und nicht "Ein Beispiel namens Jayaprakash Sittampalam Tissainayagam".
Aber stimmt das denn inhaltlich? Kann ein Mann mit dem Namen Jayaprakash Sittampalam Tissainayagam einfach als Beispiel gelten? Ich finde, wenn jemand Jayaprakash Sittampalam Tissainayagam heißt, spricht das für seine Einzigartigkeit. Oder kennen sie noch jemanden namens Jayaprakash Sittampalam Tissainayagam? Ich jedenfalls habe den Namen Jayaprakash Sittampalam Tissainayagam in der taz zum ersten Mal gelesen. Und werde Jayaprakash Sittampalam Tissainayagam nicht so schnell vergessen. Man muss
Jayaprakash Sittampalam Tissainayagam unbedingt laut vor sich hinlesen, um einen Eindruck von der Musikalität des Singhalesischen zu bekommen (wobei ich einfach mal annehme, dass Jayaprakash Sittampalam Tissainayagam ein singhalesischer Name ist).
Wahrscheinlich haben die Sri-Lankesen in der Regierung gedacht, dass über Jayaprakash Sittampalam Tissainayagam sowieso niemand berichten wird. Da haben sie sich gründlich getäuscht. Ich hätte denselben Appell hier veröffentlicht, wenn sie Sabine Leutheusser-Schnarrenberger oder Katharina Krawanga-Pfeifer eingesperrt hätten.
Wäre ja noch schöner.
Ich appelliere hiermit an die Regierung von Sri Lanka,  Jayaprakash Sittampalam Tissainayagam sofort freizulassen:
Freiheit für Jayaprakash Sittampalam Tissainayagam!



-----------------------------------------------------Kommentar
Donnerstag, 31. Juli 2008, 10:40

Was für ein Link! Es müssen Freudentränen sein, die mir gerade die Wangen herunterlaufen; es ist eine Art, durchzudrehen, die mir sehr sympathisch ist! This made my day, wie wir heute sagen!


nnier



Parsifal total


Eine glänzende Opernkritik auf den Kulturseiten: Joachim Lange schreibt über die Neuinszenierung von "Parsifal" in Bayreuth. Das gehört zum Besten, was ich in meinem Leben über Opern gelesen habe. Und diese Aufführung wohl zum Stand der Dinge, was Operninszenierungen angeht. Deshalb sei hier noch der Regisseur fett gedruckt erwähnt: Er heißt Stefan Herheim und stammt aus Norwegen. Was der da in Bayreuth auf die Bühne gebracht hat, sprengt alle Vorstellungen, allein wenn man liest, was Joachim Lange darüber schreibt. Phantastisch.

Guten Morgen!

Vor etwa fünf Jahren hätte ein wacher Journalist einen Artikel so anfangen können, und manchem Leser etwas Neues erzählt: "Von der 'Wiederkehr der Religionen' ist oft die Rede. Schon der Blick in eine gut sortierte Buchhandlung lehrt, dass diese Wiederkehr zumindest auf dem Buchmarkt bereits angekommen ist."
Das schreibt Rudolf Walther am 29. Juli 2008 in der taz. Ich weiß nicht, wo er die letzten Jahre verbracht oder wie lange er keine Buchhandlung mehr von innen gesehen hat.
Jedenfalls schön, dass Sie wieder da sind, Herr Walther, und Guten Morgen!



Bavarica. Nix monacophob!

Was bisher geschah: Hier im tazblog habe ich vor einigen Monaten (gefühlte vergangene Zeit: Jahre) behauptet, die taz-Redaktion wäre im Allgemeinen Berlin-zentriert und monacophob. Dass damit eine Abneigung gegen München gemeint war, wissen selbst norddeutsche Leser, die im Färnseh die Serie "Monaco Franze" mit dem, so heißt das hier immer, "einmaligen, viel zu früh verstorbenen" Helmut Fischer gesehen haben. Also monacophob, und viel zu wenig wird aus Bayern und München berichtet, meist nur über Bayern München. So klagte ich.


Dieser Zustand hat sich nach meiner nach Norden gerichteten Klage radikal verändert. Naja, die Serie "Schwabinger Krawall" von Michael Sailer, dieses Juwel auf der Wahrheitseite, lief schon lange davor. Aber neulich hatte die taz gleich auf fünf (5) Seiten Artikel und Reportagen über Vorkommnisse und Verhältnisse in Bayern. Bin ich daran schuld? Wollen die sich bei  mir einschmeicheln, damit ich sie nicht in die Pfanne haue wie neulich den Wolfgang Kraushaar?
Wenn ja, dann haben sie es geschafft, und zwar mit dem grandiosen Artikel von Rudolf Stumberger über den ersten bayerischen Ministerpräsident, den Begründer des Freistaates Bayern, Kurt Eisner. Dieser brave Mann hatte am 8. November 1918 die Monarchie abgeschafft, indem er die Worte sprach: "Bayern ist fortan ein Freistaat." Punkt.
Stumberger schreibt über Eisner, weil es ganz danach aussieht, als ob ihm die Stadt München 90 Jahre nach seiner Ermordung doch endlich ein Denkmal errichtet. Wir werden sehen. Aber mir ist jetzt sehr danach, in Jubelgesänge über diesen tollen Artikel auszubrechen, über die Klassefotos, eines vom bärtigen Eisner, eines von der Menschenmasse, die sich an der Stelle eingefunden hat, wo er ermordet wurde (gleich in der kleinen Straße neben dem Hotel Bayrischer Hof). Jubeln möchte ich, weil alles stimmt in dem Artikel von Rudolf Stumberger, alle historischen Daten, die Atmosphäre, die politische Haltung des Autors, und die Fülle an Informationen, die mich zum atemlosen Weiterlesen hineinzogen, obwohl ich immer geglaubt habe, ich wüsste schon alles über die Räterepublik und Eisner und 1919. Ein gut geschriebener, hervorragend recherchierter Beitrag, tvF*!
Der CSU-Landtagsabgeordnete Rudolf Hundhammer, der 1989 vehement gegen eine Gedenktafel für Kurt Eisner eintrat, begründete seine Ablehnung so: "Eisner habe mit einem 'Haufen Linksradikaler, Kommunisten und Anarchisten' die Macht an sich gerissen, das Attentat auf ihn sei das Signal zur Ausrufung der Räterpublik gewesen."
Die Ehre solcher Feinde kann Kurt Eisner keiner nehmen.
Jetzt wollen Sie vielleicht noch wissen, was an dem Kurt Eisner so toll war. Ich kann Ihnen nur sagen, ich empfand ihn, bis auf den Rauschebart, immer als Vorbild. Stumberger zitiert den Historiker Bernhard Grau: "Eisner ist nicht nur die 'zentrale Figur bei dem Sturz der Monarchie in Bayern', sondern eine historische Person von überregionaler Bedeutung, die weit außerhalb Bayerns auf Aufmerksamkeit stößt. Vom Charakter her sei Eisner, Journalist und Schriftsteller, von 'unangepasster Natur', ein 'unabhängiger Geist' gewesen, der 'gerne gegen Autoritäten aufbegehrt' habe."
Dergleichen würde ich gern dereinst über mich lesen.
* taz vom Feinsten!

Zitat

"Wer will schon Obama, wenn er Kurt Beck haben kann?"
taz.de-User "Rhodes"

Kompostierbarer Airbus

Die Serie "Leben ohne Rohstoffe", deren vierte Folge Friedrich Schmidt-Bleek schreibt, zeichnet sich durch eine gute Auswahl von höchst anregenden Autoren aus - auch wenn Carl Christian  von Weizsäcker eher zum Aufregen war. Schmidt-Bleek plädiert dafür, nicht Symptome zu kurieren und immer nur nach der Lösung einzelner Probleme zu suchen (CO2, Feinstaub, Getränkebehälter), sondern eine Systemkorrektur vorzunehmen: "Politik muss dafür sorgen, dass die Wirtschaft innerhalb der ökologischen Leitplanken eingerichtet wird. Die Wirtschaft darf den Gesetzen der Natur nicht widersprechen. Entsprechend sind fiskalische und ökonomische Anreize auszugestalten. Denn das bisherige Vorgehen hat dazu geführt, dass die reichsten 20 Prozent der Menschheit zu 80 Prozent dafür verantwortlich sind, dass die ökologische Risikoschwelle der Erde bereits überschritten ist." Bei aller Liebe zu den biologisch abbaubaren Bezügen für Flugzeugsitzen von Michael Braungart, meint Schmidt-Bleek, es fehle ihm die Phanatasie, sich einen "kompostierbaren Airbus A 380" vorzustellen.
In dem Song "Ihre Kinder", geschrieben vor 18 Jahren, heißt es:

Der Geist des Menschen bringt Unheil nur
als Feind und Gegner der Natur
macht euch die Erde untertan
war der falsche Weg von Anfang an

Ich sing's Ihnen gern vor, wenn Sie mal vorbeischauen.

Leser: Feuchte Höschen

Gegen die Obamanie richtet sich Leser Michael Plaumann aus Friedberg: "Nein, hier bekommen keine Teenies feuchte Höschen, wenn Franz Walter Steinmeier aus seiner Limousine steigt, und das ist auch gut so und soll unbedingt so bleiben."
Lieber Herr Plaumann, keine Sorge, das wird mit Sicherheit so bleiben. Manche Teenies mögen zwar leicht beknackt sein und mit Leuten wie Bill Wyman und Ron Woods in die Betten steigen, aber so beknackt, wie sie befürchten, sind die auch wieder nicht.

CDU-Sorgen

In den Regalen von Rewe gibt es Schnäpse mit den Namen "Agitator", "Subotnik" und "Schwarzer Kanal". Ich finde das saukomisch, muss doch nachher gleich mal gucken, ob's die da unten am Kufsteiner Platz auch gibt. Vielleicht nehmen sie die Flaschen bald raus, denn: Ein General Rolf Hilke von der Brandenburger CDU hat bemängelt, dass diese Feuerwasser "sich vollkommen unkritisch mit der DDR auseinandersetzen."
Ob der General etwas zu viel Cognac Napoléon erwischt hat?

Kommentar




31. Juli 2008


Erledigt





So ein schöner Einstieg: "Eine Wohnung, hat der Hubsi gesagt, sei zu einer Kneipe auf die Dauer keine Alternative." Und die nachfolgende Episode aus Michael Sailers unendlicher Serie "Schwabinger Krawall" auf der Wahrheit-Seite hält, was der Einstieg verspricht. Grad schee, dieses Mal, und wenn man dem alkoholbedingten Mäandern der beiden Schwabinger Typen Hubsi und Jackie folgt und die Getränke zählt, landen sie nach fünf Caipis doch wieder in der Schwabinger 7, weil sie bei der Veranstaltung "diverser Bosse" rausgeflogen sind. Die Pink Lady hatte dem Jackie nämlich gesagt er sei "erledigt, wenn er sich nicht auf der Stelle verpisse, in diesem Fall wahrscheinlich auch." Da trinken sie dann noch drei Bier in der Sieben und zünden sich Zigaretten an, und dem "BWL-Esoteriker, der sie auf das Rauchverbot aufmerksam macht", geben sie auf ihre unnachahmliche Verlierer-kopiert-Sieger-Art deutlich kontra.
"Schwabinger Krawall" ist "Monaco Franze", je nach Blickwinkel auf- oder abgestiegen ins Proletenmilieu, und in die Gegenwart verlegt.
Wie gesagt: grad schee, was der Michael Sailer da in der Berliner taz über die Schwabinger schreibt!

Boxer, deutsch, olympisch



Das deutsche Boxteam in Peking, so erfahre ich auf der Seite "leibesübungen", besteht lediglich aus vier Boxern. Deutschland wird vertreten von Konstantin Buga (Herkunftsland: Kasachstan), Jack Culcay-Keth (Ecuador), Wilhelm Gratschow (Usbekistan) und Rustam Rashimov (Tadschikistan).Man kann wohl nicht behaupten, dass Boxen in Deutschland ein Volkssport ist.


Flick für 64,80 Euro



Eigentlich schreibt sie ja über Kunst, die taz-Redakteurin Brigitte Werneburg, aber sie weiß auch, dass Kunst so politisch ist wie das sogenannte Private. Erst recht, wenn es um die private Kunstsammlung eines Mannes geht, dessen Onkel, Friedrich Flick, der größte Rüstungsindustrielle des Dritten Reichs war. Und, damit  nicht genug, diese Kunstsammlung landete auch noch per Vertrag zwischen dem Neffen, Friedrich Christian Flick, und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in den Räumen der Staatlichen Museen zu Berlin. Man erinnert sich: Kanzler Gerhard Schröder kam zur Eröffnung.


Brigitte Werneburg schreibt über den zwischen den Museen und Flick ausgehandelten Deal: "Insbesondere seine allzu geschickt orchestrierte Durchführung, mit der eine Diskussion über die Figur des Familienpatriarchen sowie zur Weigerung F. C. Flicks, in den Zwangsarbeiterfonds der deutschen Wirtschaft einzuzahlen, vermieden werden sollte, erregte öffentliches Ärgernis." Um dem die Spitze zu nehmen, kam der Präsident der Stiftung, Klaus-Dieter Lehmann, auf die Idee, eine wissenschaftliche Aufarbeitung, "Der Flick-Konzern im Dritten Reich" in Auftrag zu geben, finanziert von - Friedrich Christian Flick. Kosten: eine halbe Million Euro.
Das Institut für Zeitgeschichte München-Berlin nahm sich der Sache an, herauskam ein tausend Seiten dicker Wälzer, der nachweist, dass Friedrich Flick und die Nationalsozialisten eng zusammengearbeitet haben, bis hin zu Gesetzentwürfen, die Flick in Auftrag  gegeben hatte, und die von den Nazis übernommen wurden. Das Wachstum seines Konzerns (an die 80 Prozent) verdankte er der geschickten Aushebelung des Wettbewerbs mit Hilfe der Machthaber. Aber nicht immer ging es ihm ausschließlich um persönliche Bereicherung: "Ohne selbst eine rassistische oder antisemitische Einstellung zu pflegen und im Einzelfall entgegen den eigenen ökonomischen Interessen, waren ideologisches und politisches Einvernehmen mit den Nazis und ihrem Programm unabdingbare Grundvoraussetzung von Flicks Erfolg."
Irgendwie hab ich das Gefühl, dass ich nichts Neues erfahre, und auch der fast nahtlose Übergang ins Nachkriegsdeutschland war und ist eigentlich bekannt. Flick wurde zwar zunächst als Kriegsverbrecher verurteilt, aber rasch begnadigt. Das wird schön verdeutlicht auf dem Foto aus dem Jahr 1953, auf dem Friedrich Flick froh  gelaunt mit drei weiteren Herren und dem noch froher gelaunten Alois Hundhammer, dem Präsidenten des bayerischen Landtags, CSU, am Biertisch sitzt, und das hundertjährige Jubiläum der Maxhütte, dem Eisenwerk in der Oberpfalz begießt. Man trinkt aus Maßkrügen von Hofbräu. Daneben die Ehrenbürgerurkunde der Industriestadt Maxhütte für Flick vom Juni 1953. Die Geschäfte gingen weiter, business as usual.
Der Neffe war inzwischen um die dringend nötige Verbesserung seines öffentlichen Erscheinungsbildes bemüht und gründete 2001 die "F. C. Flick Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz" und stattete sie mit einem Grundvermögen von zehn Millionen Euro aus. Werneburg in der taz: Die Stiftung "hat seither viele richtungweisende Projekte in der brandenburgischen Schüler- und Jugendarbeit gefördert."



"Der Flick-Konzern im Dritten Reich" hat 1.018 Seiten und ist im Verlag Oldenbourg in München erschienen. Das Buch kostet 64,80 Euro.

Gar net ignorieren


Die Kolumnen auf der zweiten Seite von tazzwei sind von sehr unterschiedlicher Qualität, manche grottenschlecht und voll daneben. Bei 28 Grad im Arbeitszimmer ohne Lufthauch durch alle offenen Fenster und die ebenfalls offene Balkontür, beschließe ich, über die Spießer-Kolumne von Anja Maier heute gar nichts zu schreiben. Erwähnenswert: Das Wort Pubertistin kommt nicht vor. Danke, Frau Maier, sehr rücksichtsvoll. Fußball, politisch


Was soll ich davon halten, dass der FC St. Pauli in der Tageszeitung "die tageszeitung" als "linker Rüpelverein" bezeichnet wird?
Ich weiß es nicht.

Das Ersatzthema

Es qualmt aus dem Sommerloch: Schon wieder ist das alte Skakespeare-Zitat "to smoke or not to smoke, that is the question" ein Thema, überall. Max Tidof wird halbseitig per Interview gefragt, weshalb er in Karlsruhe gegen die Einschränkung seiner persönlichen Freiheit geklagt hat. Dem Schauspieler, bekannt von Film und Fernsehen, der in seinem Garten einen selbstgebauten Pizzaofen stehen hat, geht's gar nicht so sehr um Gaststätten, er will auf Reisen rauchen dürfen, fordert die Rückkehr des Raucherabteils bei der Bahn und die freie Entscheidung des Taxifahrers, ob er ein Rauchertaxi fahren will oder nein, danke, bei mir keine Fluppen.
Bei vierzig Zigaretten am Tag kann ich mir schon vorstellen, dass er auf langen Bahn- und Taxifahrten kribblig wird, der arme Kerl (ah, übrigens, Max, bevor ich's vergesse: danke für die Pizza!).
Aber Tidof geht's grundsätzlich auch darum, dass er die Reglementierungs- und Überwachungswut des Staates ablehnt, und eher dafür plädiert, dass man den Leuten ihre Entscheidungsfreiheit lässt. Rauchen "ist eine Kulturform. Eine Bar ohne Aschenbecher und ohne mondäne Damen, die an ihren Zigaretten ziehen - das ist furchtbar." Und weil er in einer Filmwelt lebt, in der Zigarren- oder Zigarettenrauch auf der Leinwand oder im Fernsehen wirklich niemand belästigen, sieht er den Kulturverfall mit Wehmut: "Ein Winston Churchill ohne Zigarre, eine Marlene Dietrich oder Humphrey Bogart ohne Zigarette ... Oder später Jean-Paul Belmondo in 'Außer Atem' - da ist die Zigarette doch die halbe Miete gewesen!"
Da sind wir mit Max Tidof bei ästhetischen Fragen gelandet. Vielleicht kann man ihm ja weiterhin Zigarettenkonsum ins Drehbuch schreiben, und eine "Tatort"-Folge in einem Münchner Raucher-Club spielen lassen. Falls dir ein Kellerlokal recht ist, lieber Max, dann schau doch mal bei "Ramo" am Pariser Platz vorbei. Bei dem hat's nie Rauchverbot gegeben, und das bleibt auch so: "So lange ich Wirt bin, können die Leute hier rauchen." Die türkische Küche ist exzellent, der Rauchabzug funktioniert ganz hervorragend: "Bei mir hat sich noch kein Nichtraucher beschwert."
Montag ist Ruhetag.



Das Bush-Merkel-Duo: Energie I


Im Frühjahr gab's die ersten Diskussionen über die rasant gestiegenen Lebensmittelpreise. Man erinnert sich: Der große Staatsmann George W. Bush machte dafür die wachsende Nachfrage in China und Indien verantwortlich. Die große Staatsfrau Angela Merkel pflichtete ihm bei und machte die Inder dafür verantwortlich, weil die jetzt zwei Mahlzeiten täglich zu sich nehmen. Selten habe ich was Dämlicheres von dieser Frau gelesen.
Nun hat die Weltbank bestätigt, was Fidel Castro schon im vergangenen Jahr geschrieben hatte: Der Anbau von Nahrungspflanzen zur Verwendung als Biokraftstoff in den USA und Europa ist zu 70 bis 75 Prozent verantwortlich für die weltweit gestiegenen Lebensmittelpreise.
Kein Wunder, dass solche Meldungen auf Seite 9 verbannt werden und die Zeitungen und Fernsehsender die Titelseiten lieber mit Meldungen über Rauchverbote in Gaststätten schmücken. Fidel Castro nannte den Anbau von Lebensmitteln, um damit Kraftfahrzeuge anzutreiben, einen der perversesten Auswüchse des Kapitalismus.
Haben Sie das auf irgendeiner Titelseite gelesen?




Rekordprofit für Öl-Multis: Energie II

Nachrichten auf Bayern 4 Klassik: "Der Preis für ein Fass Rohöl hat sich innerhalb der letzten zwölf Monate verdoppelt."
Kleine Meldung auf der Seite "wirtschaft und Umwelt" in der taz: "Der Ölkonzern BP hat allein im zweiten Quartal 2008 einen Gewinn von rund 6 Milliarden Euro eingefahren. Das entspricht einem Anstieg von 28 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Der Gesamtumsatz ist in den drei Monaten auf 110,98 Milliarden geklettert."


Das bedeutet, dass von meinen Mitmenschen zur Bewahrung und Weiterführung ihres gegenwärtigen Lebensstils 28 Prozent mehr Benzin und Diesel verbrannt wurden. Und das bedeutet, dass alle Informationen, wissenschaftlichen Studien, Beteuerungen von Politikern und Programme von G8- und Klimagipfeln, die die Katastrophe verhindern sollen, Makulatur sind.
Es ist alles für die Katz. In Untergiesing ist ein Fahrrad umgefallen.
"Ois für die Katz" war der erste Eintrag für dieses tazblog im April überschrieben. Vielleicht sollte ich wieder einmal an Kurt Vonnegut erinnern. Der sagte in seinem letzten Interview, es sei zu spät: Wir hätten den Punkt zur Umkehr schon längst überschritten. Vonneguts Gedicht Requiem, geschrieben kurz vor seinem Tod im April 2007, hört so auf:



When the last living thing
has died on account of us,
how poetical it would be
if Earth could say,
in a voice floating up
perhaps
from the floor
of the Grand Canyon,
«It is done.»

People did not like it here.


Wenn das letzte Lebewesen
wegen uns gestorben ist,
wie poetisch wäre es doch,
wenn die Erde dann
mit einer Stimme, die vielleicht
vom Boden
des Grand Canyon aufsteigt,
sagen könnte:
«Es ist vollbracht.»

Den Menschen hat es hier nicht gefallen.


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