"Mein linker Sommer" - hier geht der tazblog weiter, der August ins zweite Drittel! Erst mal wird's hochoffiziell. Aber das ist nur der Zwischenbericht - ich bleib dran an dem Thema. Es ist was faul im Staate Germany!
12. August 2008
Die Anfrage betrifft die Berichterstattung der taz am 23. 4. 2008 zum Besuch des ruandischen Präsidenten Paul Kagame in Berlin (siehe oben in der Einleitung zu diesem tazblog).
Anfrage an die Pressestelle, Bundesministerium für Verteidigung, Dr. Thomas Raabe, am 2. August 2008:
Sehr geehrter Herr Dr. Raabe, im vergangenen April veröffentlichten Sie die folgende Pressemitteilung:
"Kontakte vertiefen Berlin, 23.04.2008. Der Bundesminister der Verteidigung, Dr. Franz Josef Jung, traf sich am 23. April mit dem Staatspräsidenten von Ruanda, Paul Kagame, zu einem Gespräch. Die guten bilateralen Beziehungen sollen weiter vertieft werden, dazu dient in erster Linie der Arbeitsbesuch des Präsidenten. Deutschland zählt zu den wenigen westlichen Ländern, die in Ruanda stark engagiert sind und dem Land in einem schwierigen Transformations- und Versöhnungsprozess zur Seite stehen. Jung betonte in dem Gespräch die Rolle Deutschlands bei der Übernahme der Verantwortung in Afrika. Dies geschieht zum einen im Rahmen der Vereinten Nationen und der Afrikanischen Union, zum anderen auch durch bilaterale Beziehungen. Die Voraussetzungen für die Wiederaufnahme bilateraler militärpolitischer und militärischer Beziehungen mit Ruanda wurden ebenfalls angesprochen." Für die Arbeit an einem medienkritischen Artikel, der in der Zeitschrift "Raum & Zeit" erscheinen soll, möchte ich Sie bitten, mir die folgenden Fragen zu beantworten: - Was bedeutet in diesem Zusammenhang Wiederaufnahme? Hatte die Bundesrepublik Deutschland schon früher "bilaterale militärpolitische und militärische Beziehungen" zu Ruanda? Falls ja, wann war das, und wer war zu der Zeit in Ruanda an der Regierung? - Welcher Art sind die militärpolitischen und militärischen Beziehungen, die vom Bundesministerium für Verteidigung angestrebt werden? - Ist Ihnen bekannt, ob und in welchem Umfang die Bundesrepublik an die Regierung von Paul Kagame Waffen liefert oder geliefert hat? - Gehört die Lieferung von Waffen zu den militärpolitischen und militärischen Beziehungen, die von der Bundesrepublik angestrebt werden?
Falls Sie sich über meine Arbeit informieren wollen, insbesondere was den Hintergrund meiner Fragen an Sie betrifft, darf ich Ihnen den Besuch meiner Website empfehlen: www.hans-pfitzinger.de/page7.php?category=12
Für eine rasche Beantwortung meiner Fragen wäre ich Ihnen dankbar. Mit freundlichen Grüßen!
Hans Pfitzinger Von: FrankGuenterWachter@BMVg.BUND.DE Datum: 11. August 2008 18:30:49 MESZ An: hanspfitz@web.de Betreff: WG: Anfrage - Ruanda Sehr geehrter Herr Pfitzinger, zu Ihren Fragen nehmen wir wie folgt Stellung: "Von 1979 bis 1994 nahmen 59 Lehrgangsteilnehmer aus Ruanda an verschiedenen Lehrgängen an Ausbildungseinrichtungen der Bundeswehr teil, mit Schwerpunkt in technischen Ausbildungsgängen sowie am Lehrgang General-/Admiralstabsdienst mit Internationaler Beteiligung. Ruanda war Empfängerland von Ausstattungshilfen der Bundesregierung von 1976 bis 1994. Die Hilfe wurde bei Ausbruch des Bürgerkrieges eingestellt. Inhalt der Hilfen bis zum Abbruch des Ausstattungshilfeprogrammes waren der Aufbau einer Kfz - Instandsetzungswerkstatt und einer Fahrschuleinrichtung und die medizin-technische Einrichtung eines Krankenhauses. Rüstungsexporte in diese Region orientieren sich an den „Politischen Grundsätzen der Bundesregierung für den Export von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern“ vom 19. Januar 2000. Sie werden danach besonders restriktiv behandelt. Eine Überlassung von Waffen aus Beständen der Bundeswehr fand nicht statt.
Die besprochenen Details des Gesprächs hinsichtlich der Möglichkeiten und Grenzen einer bilateralen militärischen Zusammenarbeit sind nicht zur Veröffentlichung vorgesehen."
im Auftrag
Wachter OTL i.G. 11. August 2008, 20:13 Uhr
Lieber Herr Wachter, Schönen Dank für Ihre Rückmeldung. Dass da mehr Fragen offen bleiben als beantwortet wurden, wissen Sie selbst am besten. Aber danke für Ihre Mühe. Mit freundlichen Grüßen! Hans Pfitzinger .........................................................................................................................
zur taz vom 11. August 2008:
Humortest
Die Verschwörung: Der Wahrheit-Redakteur, der genau weiß, dass ich auf seine dämlichen Beschimpfungen des Dalai Lama sauer reagiere, tut sich mit Peter Köhler zusammen, den ich sehr schätze. Um herauszufinden, was ich wohl dazu sagen werde, wenn Köhler in seiner Serie "Schurken, die die Welt beherrschen wollen" über den Dalai Lama schreibt. Ich kann nur sagen: Schon recht, so geht Satire, das muss er aushalten, der Dalai Lama. Und das Zitat, das Köhler an den Schluss stellt, ist gar nicht so daneben, wie er vielleicht glaubt: "Nicht zu bekommen, was man will, ist manchmal ein großer Glücksfall."
Bekloppte Titelzeile Heh, Sportredakteure, tapfere Berliner Notbesetzung des Ressorts "leibesübungen", ihr zu kurz Gekommenen, die nicht nach Peking fahren durften: Bitte, keine Kalauer mit Namen, ja? Nur weil der Dortmunder Trainer Jürgen Klopp heißt, muss die Titelzeile zum Bericht über das Pokalspiel noch lange nicht "Bekloppte Dortmunder" lauten. Sollte man eigentlich auf der Journalistenschule lernen: Blöde Witze, Kalauer mit Namen - das geht einfach nicht. Standardbeispiel aus dem Feuilleton: "Der Schauspieler hieß Hinz und spielte wie Kunz." Oder aus der Politik: Herbert Wehner, der alte SPD-Haudegen, der im Bundestag den Abgeordneten Jürgen Todenhöfer von der CDU "Hodentöter" nannte. Gaaanz schlechter Stil. Bescheuert auch, und da sind wir wieder auf eurem Gebiet, die Redakteure derAbendzeitung die Jürgen Klinsmann immer "Grinsmann" genannt haben. Ach geh!
Nett: Mein Vorfahre Tucholsky
Sicher, das kann man so sehen wie Sabrina Ebitsch auf der Medienseite: Kurt Tucholsky war ein Vorläufer von pressekritischen Bloggern wie mir, oder "media watch dogs", wie die taz-Redaktion das im Untertitel nennt (bloß keinen Germslang auslassen!). Aber Tucholsky-Zitate so ganz eins zu eins auf die heutigen Verhältnisse zu übertragen, wie die taz-Autorin das auf der Seite "flimmern und rauschen" tut - nee, das geht nicht ganz auf. Allerdings sind die Parallelen zwischen Irak-Krieg und Erstem Weltkrieg sehr erhellend. Schon damals ärgerte sich Tucholsky über Journalisten, die "logen, dass sich die Druckmaschinen bogen", und jede Verlautbarung der Obersten Heeresleitung wurde "von der gehorsamen und unter ihrer Knebelung wollüstig stöhnenden Presse nachgestottert." Man muss sich nur die taz-Berichterstattung nach dem Taifun in Birma (Myanmar) angucken, als tagelang die Sicht des Pentagon ihren Weg in die taz fand, "Deutschlands einzige unabhängige Tageszeitung". Oder, etwas weiter zurück, als "liberale" US-Blätter wie die New York Times oder die Washington Post alle Lügen von George W. Bush und Colin Powell über Saddam Husseins Waffenarsenal für bare Münze nahmen und die öffentliche Meinung zur Befürwortung des Krieges drehten. Lügen wie gedruckt - das muss man heute erweitern: Lügen wie Powell im Fernsehen.
P. S. Haben Sie in letzter Zeit mal was über die Erdbebenopfer in China gelesen?
Und weil ich schon dabei bin:
Sollte eine Zeitung Fotos des Kriegsverbrechers George W. Bush zeigen, auf denen er in Peking mit halbnackten Beach-Volleyballerinnen schäkert oder sich mit hübschen Softball-Spielerinnen ablichten lässt? Ich weiß es nicht, aber man sollte dann auch gelegentlich darauf hinweisen, dass der Mann eine Million Menschen umgebracht hat. Und sich mit dem Lager Guantánamo auseinandersetzen, wo Bush sich sogar über die Auflagen des Obersten Gerichtshofs der USA hinwegsetzt und nach wie vor Menschen ohne Aussicht auf eine gerichtliche Feststellung ihrer Schuld festhält. Bettina Gaus schreibt dazu auf der Meinungsseite: "Die amtierende US-Regierung hat im Zusammenhang mit Guantánamo gegen das Folterverbot verstoßen, Kritik von so angesehenen Organisationen wie der UN-Menschenrechtskommission und dem Internationalen Roten Kreuz ignoriert und außerdem das Prinzip der Gewaltenteilung über Bord geworfen." George W. Bush wird als Amokläufer gegen alle Prinzipien des demokratischen Rechtsstaats westlicher Prägung in die Geschichte eingehen.
Wer nicht reinpasst, wird chemisch ruhig gestellt
Konsumentenbedürfnisse werden durch aggresive Werbung der Pharmakonzerne erst geschaffen. Ines Geipel nennt als Beispiel Ritalin, ein Medikament, das Kindern verordnet wird. Es stellt sie ruhig. Die Krankheit heißt ADHS, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom und wurde extra für den Absatz von Ritalin erfunden: "1990 wurden in Deutschland 1.500 Kinder mit diesem Medikament behandelt. 2007 waren es bereits 500.000 diagnostizierte Fälle." Die heute 48 Jahre alte Ines Geipel kennt sich aus mit Medikamenten: "Sie war Hochleistungssportlerin in der DDR." Dazu fällt mir ein anderes Zitat ein, aus der Einleitung des Buches "Stille Winkel in München": "Die Zeitschrift National Geographic berichtete im Jahr 2006 von einer landesweiten Studie, die unter Leitung von Professor Frances Kuo an der University of Illinois in Chicago durchgeführt wurde. Die Wissenschaftler haben festgestellt, dass so genannte hyperaktive Kinder, die unter Konzentrationsschwäche leiden, ausgesprochen positiv auf das Wandeln in freier Natur und im Grünen reagieren. Sie behandelten ihre Mitmenschen danach weniger aggressiv, konnten sich sehr viel besser konzentrieren, und erledigten ihnen gestellte Aufgaben mit größerer Sorgfalt. Ganz ohne Medikamente." Das ist selbstverständlich schamlose Schleichwerbung für mein Buch - die gekennzeichnete Werbung finden Sie ein Stück weiter unten! ;-)
Ist Daniel Cohn-Bendit jetzt völlig gaga?
Unter der Überschrift "Merkel ist so verlogen wie Berlusconi" plustert sich Daniel Cohn-Bendit in einem Interview auf. Auf dem dazugehörigen Foto trägt er ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift "Beijing 2008" unter einem Sacco. Oben am Hals schaut noch ein Stück weißer Kragen raus, was ihn wie einen evangelischen Pfarrer aussehen lässt. Er bringt Sätze wie diesen: "Die Olympischen Spiele in China sind die gleiche politische Machtdemonstration eines totalitären Staates, wie es damals 1936 in Deutschland war." Dann greift er Angela Merkel für ihre unentschlossene Haltung an, mit dem Satz, der dem Interview den Titel gegeben hat. Darauf meint taz-Mann Felix Lee: "Diese unschlüssige Haltung zieht sich doch quer durch alle Länder des Westens - und die Chinesen lächeln." Cohn-Bendit: "Sie hätten nicht mehr gelächelt, wenn die politischen Repäsentanten der freien Welt geschlossen die Eröffnungsfeier boykottiert hätten und nur noch Putin, Kim Jong Il, Chávez und Mugabe erschienen wären. Schade, dass das nicht geklappt hat."
Offener Brief an Daniel Cohn-Bendit Lieber Herr Cohn-Bendit, was hat die Nennung des Namens von Hugo Chávez in diesem Zusammenhang zu bedeuten, in einem Atemzug mit berüchtigten Diktatoren wie Kim und Mugabe? Passt Ihnen die Politik von Chávez nicht? Haben Sie Ihren Frieden mit dem kapitalistischen System im - von Ihnen so benannten - "freien Westen" geschlossen, weil sie hier feist und gut versorgt Ihre politischen Pöstchen pflegen können? Es ist einfach niederträchtig, was Sie da vor sich hin plappern. Chávez wurde demokratisch gewählt und hat sich bekanntlich auch an das Ergebnis der Volksabstimmung gehalten, bei der sein Verfassungsentwurf äußerst knapp abgelehnt wurde. Aber er hat nie Zweifel daran gelassen, dass er sich als Sozialist sieht und den Kapitalismus US-amerikanischer und europäischer Prägung ablehnt, weil er zur Zerstörung unserer Lebensgrundlagen führt. Vielleicht ist das der Grund für Ihre Abneigung gegen den Präsidenten von Venezuela? Oder seine Freundschaft mit Fidel Castro? Oder, und der Verdacht liegt nahe, der einstmals rote Dany ist nur noch ein dummer Schwätzer, den kein Mensch mehr ernst nehmen kann.
Mit freundlichen Grüßen!
Zitat
Archil Abashidze schreibt aus der georgischen Hauptstadt Tiflis: "Der Verteidigungshaushalt Georgiens ist seit 2005 um das 30fache gestiegen und beträgt derzeit 9 bis10 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Am 15. Juli 2008 beschloss das georgische Parlament eine Aufstockung der Streitkräfte von 32.000 auf 37.000. Einen beträchtlichen Teil seiner Militärhilfe erhielt Georgien aus dem Ausland. Der überwiegende Teil der georgischen Offiziere und Soldaten wurde entweder in den USA oder von ausländischen Militärberatern ausgebildet."
13. August 2008
Socialismo o muerte: Fidel hat Geburtstag!
Ob er aber 1926 geboren wurde, oder 1927, oder ob er gar erst 1928 zur Welt gekommen ist, das weiß diese nicht genau. Er vielleicht auch nicht. Es gibt Leute, die schon behauptet haben, dass er bereits am 12. August Geburtstag hat - er selbst zum Beispiel. Egal, ich halt mich jetzt mal an das weithin als offiziell geltende Datum: Fidel Castro wurde am 13. August 1926 in Birán bei Mayarí in der damaligen kubanischen Provinz Oriente geboren. Alles Gute zum 82. Geburtstag, alter Vollbart, und herzlichen Glückwunsch - du hast es geschafft, die Yankee-Kapitalisten seit deiner Revolution von der Insel fern zu halten! Im Übrigen hoffe ich, das dein Bruder Raoul dein Lebenswerk erfolgreich fortführt, und Kuba noch lange nach deinem und meinem Ableben sozialistisch bleibt.
Und noch'n Tipp, Genosse Fidel: Hört auf, Öl zu verbrennen, auch wenn euch Hugo Chávez gut damit versorgt! Die Sonne bringt's, auf Kuba habt ihr davon doch mehr als genug. Und nütze den Wind, das himmlische Kind.
Bier, fränkisch
Wenigstens lässt er mal seine schlechte Laune nicht am Leser aus, der Wahrheit-Schreiber Jürgen Roth. Und dass man in einer Frankfurter Apfelweinwirtschaft das dunkle Lagerbier der Brauerei Krug aus Breitenlesau bestellen und trinken kann, halte ich für eine ausgesprochen gute Nachricht - für Menschen, die in Frankfurt wohnen. Wo dieses Frankfurt liegt, ist nicht schwer zu erraten, es ist jenes am Main gemaint, äh, gemeint. Bei Breitenlesau wird's schon spezieller, aber Roth lässt uns nicht im Stich: Es liegt in der Fränkischen Schweiz, "der wundergleich feinen Landschaft nordöstlich von Nürnberg." Ja, da wird dem Exil-Franken warm ums Herz. Ob mich die Brauerei Krug wohl informieren könnte, wenn es ihr gelingt, ihr dunkles Lagerbier auch in München auszuschenken? Vielleicht sogar im Café Paradiso? Das wäre dann wahrlich ein paradiesischer Zustand für mich. Eine E-Mail (Klicken Sie hier!) würde schon ausreichen. Der Rest der Wahrheitseite wird, wie immer dienstags, nicht einmal ignoriert - doch halt! Oben steht was sehr Treffliches: "Für den ersten Dopingfall im Kaukasuskrieg hat der georgische Präsident Michael Saakaschwili gesorgt. Wie die Vereinten Nationen mitteilten, wurde der 41-Jährige positiv auf das Dopingmittel USA getestet." Das ist gut. Und weiter heißt es, dass "die Einnahme von USA zu erheblichen Wirkungen wie Größenwahn, Aggressivität, Fehleinschätzungen und schweren Bewusstseinstrübungen" führt. Hehehe.
Statistik
Die Inflationsrate lag im Juli 2008 bei 4,1 Prozent. Das sei Rekord, behauptet taz-Redakteur Tarik Ahmia auf der Seite "wirtschaft und umwelt". Rekord im Vergleich zu was? In Simbabwe schaut's jedenfalls viel schlimmer aus. Aber wenn man dann überlegt, dass die Lufthansa-Angestellten gerade mal 5,1 Prozent Gehaltserhöhung herausgestreikt haben ... Was mich noch mehr beunruhigt: "Im gleichen Monat hat der Großhandel seine Preise so stark angehoben wie seit 27 Jahren nicht mehr." Das Statistische Bundesamt, wo man solche Zahlen veröffentlicht, stellte einen Anstieg von 9,9 Prozent fest. Zum Vergleich: 2007 stiegen die Großhandelspreise um 3,5 Prozent. Zieht euch warm an, liebe Mitbürger, oder wandert gleich aus, bloß nicht nach Simbabwe.
Der Frosch
Na endlich - da reden sie seit Wochen wieder über Martin Kippenbergers gekreuzigten Frosch, und jetzt bringt die taz-Kultur ein Foto der kleinen Skulptur. Dem Frosch hängt die Zunge heraus, in der linken Hand hat er ein Ei, in der rechten einen Bierkrug, die Augen quellen ihm aus den Höhlen. Ein Frosch am Kreuz. So was hat die Zeitschrift Pardon (oder war's die Titanic?) mal mit einem Osterhasen gemacht. Kippenbergers Frosch stammt von Anfang der 90er-Jahre, und wirkt bis in die Gegenwart: Ob er im Kunstmuseum Museion von Bozen bleiben darf oder abgehängt werden muss, weil er die christlich-abendländische Kultur beleidigt, befeuert inzwischen schon den Wahlkampf in Südtirol. Das finde ich ganz wunderbar, so soll Kunst sein. Streite weiter, tapfere Museumsfrau Corinne Diserens, bleibe standhaft!
Bye, bye, Isaac Hayes!
"Shaft" - wer's gehört hat, vergisst es nicht! Es war der Themensong zum gleichnamigen Film, und Isaac Hayes war auf der Liste der unsterblichen Songschreiber angekommen. Für die Filmmusik hat er als erster schwarzer Komponist 1971 den Oscar bekommen - es war grandios. Bekannt im Höreruntergrund war er aber schon seit 1969 - die LP "Hot Buttered Soul" mit der Hayes-Glatze auf der Plattenhülle schlug voll ein. Das war's, so viel hörte jeder mit Ohren, da kommt keiner mehr vorbei, der wissen will, wo es weiter geht mit Soul-Musik. Diese LP war schlicht genial, der Zeitgeist komprimiert auf 45 Minuten. Ein Song hieß "Hyperbolicsyllabicsesquedalymistic", was damals durchaus im Rahmen der allseits akzeptierten Exzentrik verblieb. Der taz-Nachruf iss okeh, was fehlt: Gestorben ist Isaac Hayes mit 65, anscheinend ohne Fremdeinwirkung, zu Hause beim Trainieren vom Laufband gekippt, Schlaganfall. Sein jüngstes Kind war zwei Jahre alt, seine Frau (die vierte) 30 Jahre jünger als er, und insgesamt hat er 12 Kinder zugegeben.
Zitat I
"Die Basketballer erkennt man schnell, auch die Gewichtheber, die Ritter-Sportler: quadratisch, praktisch, gedopt." Imke Duplitzer, Fechterin, zum Sportarten-Raten in der olympischen Mensa
Der Pekinger Entenkrieg
Täglich 300 Tote fordern die Olympischen Spiele in den Mensen und Kantinen - das Gericht Peking-Ente ist bei den Sportlern so beliebt, dass es meist um acht Uhr abends ausverkauft ist.
Zitat II
"Schon vor der ersten Goldmedaille hat Frankreich einen atomaren Olympiasieg eingeholt." Dorothea Hahn, taz-Frau in Paris
Hintergrund: Frankreichs Energiekonzern Electricité de France liefert zwei Atomreaktoren und angereichertes Uran nach China. Vertragssumme des Geschäfts: Acht Milliarden Euro. Jetzt wird auch klar, weshalb Nicolas Sarkozy zur Eröffung der Spiele in Peking war - bei einem Acht-Milliarden-Geschäft trifft man sich gern schon mal kurz vor Abschluss der Verträge auf höchster Regierungsebene. Wer erinnnert sich nicht an den grinsenden Gerhard Schröder, wenn er an der Spitze einer Wirtschaftsdelegation die Autogeschäfte mit China angekurbelt hat. Oder mit Putin seinen nächsten Job. China hat eine strahlende Zukunft und wird an Autoabgasen ersticken.
Witz am Rande: Um das Geschäft mit China nur ja nicht zu gefährden, verzichtet Sarkozy auf ein Treffen mit dem Dalai Lama bei dessen Besuch in Frankreich. Stattdessen schickt er seine Frau am 22. August zu einer Veranstaltung mit dem Oberhaupt der Tibeter. Vielleicht singt ihm die schöne Carla was vor? Oder sie singen gemeinsam "We shall overcome" ...
14. August 2008
die taz und die Linkspartei: Schnauze voll
Schon als ich mit diesem tazblog anfing, habe ich mein Erstaunen geäußert, dass über die Linkspartei unsachlich, ablehnend, hämisch, herablassend berichtet wird. Von "Linkenfressern" war meine Rede, und wer sich die Artikel aus dem Februar, März dieses Jahres aus dem Archiv holt, wird schnell feststellen, dass die Bezeichnung nicht übertrieben ist. Danach ging's ne Weile besonnener, sachlicher zu, wenn von der Linkspartei berichtet wurde, und das lag vor allem an der Person des taz-Redakteurs Stefan Reinecke. Einen Rückfall in frühere Zeiten gab's dann am Wochenende, 9. / 10. August, als Klaus Peter Klingelschmitt vom Parteitag der Saar-Linken berichtete. Naja, ganz so schlimm wie im Frühjahr war's nicht, aber die Abneigung des Autors stand ziemlich unmaskiert nicht nur zwischen den Zeilen. Das fiel mindestens zwei Lesern auf. Lorenz Peters aus Langenpreising schrieb: "Hier wird der Versuch wiederholt, Oskar Lafontaine und die Linkspartei als etwas wirre Chaoten ohne Programm darzustellen. Herr Klingelschmitt übersieht etwas Wesentliches: Ein Teil der Wähler hat von diesem bisherigen System die Schnauze voll. Hartz IV, dazu Managergehälter und Abfindungen, Politikerpensionen und Diäten und die Sprüche der Etablierten - allein das wäre schon Programm. Vom Kriegseinsatz ganz zu schweigen." Wie ich zur Linkspartei stehe, hab ich ja immer wieder dargestellt: Allein der Name bürgt für das System, unter dem sie antritt. Wenn man wackere sozialdemokratische Positionen als links ansieht, dann stimmt die Bezeichnung. Aber wenn man mit links eine grundlegende Opposition gegen diese auf den Kapitalismus aufgestülpte "Demokratie" begreift, dann passt nicht mal der Name Linkspartei. USPD wäre besser - U nicht wie Unabhängig wie in der Weimarer Republik, sondern U wie Unzufrieden. Die überwiegende Mehrheit sind Unzufriedene Sozialdemokraten, nicht Gegner des kapitalistischen Systems. Ein weiterer Leser, Jürgen Schopp aus Markt Schwaben, wirft eine grundsätzliche Frage auf, die in Bezug auf die taz immer wieder berechtigt ist. Darf in einem Bericht die Meinung des Autors so deutlich einfließen, oder sollte sowas strikt als Kommentar gekennzeichnet werden: "Dass Herr Klingelschmitt als Mensch den Erfolg von Oskar Lafontaine und seiner Partei nicht verkraften kann und mit Häme reagiert, das kann man akzeptieren. Dass er in seiner Rolle als Journalist allerdings seine Abneigung derart in einen Artikel einfließen lässt, zeugt meines Erachtens von Unprofessionalität. Man hätte seinen Artikel in der Rubrik 'meinung und diskussion' noch akzeptieren können, in der Rubrik 'inland' allerdings sollten die Leser möglichst wertneutral informiert werden. Das ist zumindest meine Erwartungshaltung." Tja, schwierige Frage. In einer Reportage will ich schon sehen, was da für ein Mensch dahinter steckt, durch dessen Augen ich als Leser auf das Gesehene blicke. So ein Bericht von einem Parteitag kann auch als Reportage durchgehen. Unseriös wirkt aber, wenn einer so tut, als sei sein subjektiver Blick so etwas wie die objektive Sicht auf die Dinge. Und das passiert bei taz-Journalisten zuhauf. Und nervt und ärgert und kann mich zur Weißglut bringen. Klingelschmitt gehört gar nicht zu den schlimmsten Beispielen, aber gerade im Ressort "inland" treiben einige dieser Nervensägen ihr Unwesen. Ihnen sei noch rasch zugeraunt: Ich lese euch, ich schreib darüber. Hehehe
Übrigens kann die Linkspartei viel schöner sein als auf den Fotos von Lafontaine und Gregor Gysi und Lothar Bisky, die eure bedauernswerten taz-Leser immer anschauen müssen. Jünger auch. Zum Beispiel die Frau aus dem Parteivorstand, Sahra Wagenknecht, für die ich demnächst einen Fan-Club gründen werde (siehe hier in der Menuleiste unter "Bevorzugte Links"). Leser auf PKOB*-Trip
Geradezu rührend fand ich eine Zuschrift in derselben Leserbriefspalte zu "Knast und Spiele" vom 8. 8. 08. Sie erinnern sich, das war der Tag der Eröffnung, an dem ich absichtlich auf die uralte chinesische Weisheit des "I Ging" hingewiesen habe - das mit dem Donnern im Kaukasus kam dann auch prompt bei der Befragung des Orakels raus. Jedenfalls geht mir der Vorsatz des Lesers Mark Ogrowsky aus Koblenz in seiner ganzen Hilflosigkeit sehr zu Herzen: "Ich werde deshalb die Olympischen Spiele boykottieren und mir nichts im Fernsehen anschauen. Diesem Beispiel sollten viele folgen und so Solidarität mit allen Unterdrückten und in Gefängnissen Sitzenden ausdrücken." Ist das jetzt noch rührend oder schon deppert?
*Politisch korrekte Olympiaberichterstattung
Blick auf die Wiese
Für Nicht-taz-Leser: "Wiese" heißt in der taz samstags die Seite (oder mittwochs die Querspalte unten) mit den Kleinanzeigen. Gestern fällt mir ein Bundesadler auf, und darunter der Name Jerzy Montag.
Jerzy Montag
Mitglied des Deutschen Bundestages
Rechtspolitischer Sprecher Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Was aussieht wie eine Verlautbarung der Regierung entpuppt sich bei näherem Hinsehen als eine Stellenanzeige: Er sucht eine/n Büroleiter/in. Dazu braucht er also den Bundesadler.
Sie sind angekommen, die grünen Karrieristen, dem Staat dienend und ihn tragend, von ihm ernährt und beatmet, von der Partei betitelt und befunktionärt, immer strebend bemüht um höhere Aufgaben im Namen der Freiheitlich Demokratischen GrundOrdnung. Vielleicht wird er ja mal Justizminister in einer schwarz-grün-gelb-roten Koalition. Oder Innenminister.
Ich kann mir nicht helfen - ich finde eine Stellenanzeige mit dem Bundesadler für einen Büroleiter schlicht großkotzig.
Deutschland, meine Mutter
Eine Kurzmeldung der taz, nicht von einer Agentur, unterzeichnet mit dem Kürzel MKR. Da es um eine Greenpeace-Aktion geht, nehm ich mal an, dahinter verbirgt sich Umweltexperte Manfred Kriener. Issja egal, es geht um 1.000 Steinblöcke, die vor Sylt versenkt werden sollen, damit die Fischereiflotten keine Schleppnetze mehr einsetzen können. Klingt wie eine gute Idee. Stutzig geworden bin ich beim letzten Satz: "Obwohl Deutschland das Sylter Außenriff als Naturschutzgebiet ausgewiesen hat, geht sie nicht gegen die Zerstörungen vor, kritisierte Greenpeace." Wer zum Teufel könnte mit "sie" gemeint sein? Die Deutschland? "Meine" Regierung? Die Merkel?
Feiertage: Ich halte sie alle ein
Sie wissen schon, Feiertage werden von mir beachtet, ob evango-katholisch, schweizerisch, jüdisch, kurdisch, islamisch, türkisch, atlantisch (jeden Mittwoch!), fränkisch - Sie sagen es, ich bin dabei. Morgen gibt's hier in der bayrischen Metropole also keine taz, weil in dieser erzbischöflich-katholischen Großstadt Mariä Himmelfahrt als Feiertag zelebriert wird. Im Frühjahr wundert man sich ja nicht so sehr über Feiertage, weil da dauernd welche vorbeikommen. Aber im August taucht dieser Tag meist recht überraschend auf. Schon als Kleinkind wollte ich wissen: Wieso Mariä? Muss das nicht Maria heißen? Nein, wurde ich dann belehrt, das ist lateinisch und heißt "Marias Himmelfahrt", an dem Tag ist Maria in den Himmel gefahren. Das fand ich ganz toll, aber irgendwie auch verschwendet: Ein Feiertag in den Sommerferien - wozu soll das denn gut sein, wenn man eh schulfrei hat?
Jedenfalls erscheinen an diesem Tag keine Zeitungen, und auch solche aus dem heidnischen Berlin werden nicht zugestellt. Ob der Zusteller die morgige Freitagstaz dann am Samstag mitbringt, das ist sehr die Frage. Ich muss wohl sicherheitshalber wieder bei den netten Menschen vom taz-Abo anrufen und sie bitten, eine taz in den Umschlag zu stecken und per Post zu schicken.
"Unser Geist ist wie ein Schmetterling." Matthieu Ricard
15. August 2008
Die Wurst - eh wurscht?
Geneigter taz-Leser, an diesem trüben Feiertag, vor dessen Dauerregen der Wetterdienst schon gestern gewarnt hat, und der als wolkenverdunkelt bis zur Helligkeitsgrenze heraufdämmerte und den Schreiber dieser Zeilen zum Einschalten der Lampe zwingt, ohne die das Tastaturgriffbrett des iBooks kaum sichtbar wäre, an diesem zwischen hell- und dunkelgrau wechselnden Feiertag Mariä Himmelfahrt erhebt sich die Frage: Wollen Sie die Wahrheit über die Cervelatwurst auf der Wahrheitseite der taz taz-sächlich wissen? Falls ja, lesen Sie bitte weiter.
Es begab sich nämlich, dass unter der Überschrift: "endlich: ersatzdärme beenden die cervelatwurstkrise" zwar wahrheitsgemäß berichtet (die verbotenen Därme von brasilianischen Zebu-Rindern wurden durch Importe aus Argentinien, Paraguay und Uruguay ersetzt), der Leser jedoch mit dem die Meldung begleitenden Foto leichtfertig und fahrlässig in die Irre geführt wurde. Denn merke: Die Schweizer Cervelatwurst hat weder inhaltlich noch augenscheinlich auch nur das geringste zu tun mit der hierzulande als Unterart der Salami bekannten, jedoch gleichnamigen Wurstsorte. Diese aber stellte die Redaktion der Wahrheit auf dem Foto vor, noch dazu in Scheiben geschnitten, inmitten von anderen Sorten der Salamifamilie, sodass ein Identifizieren der deutschen Cervelatwurst ohnehin schwer fiel, dem Leser allerdings suggeriert wurde, auf dem Bild sei irgendwo die zur Meldung passende schweizerische Cervelatwurst zu sehen. Hiermit stelle ich fest: Das ist nicht der Fall. Vielmehr kann auf dem Foto nirgends eine schweizerische Cervelatwurst ausgemacht werden. Denn höret: Die Cervelatwurst in der Schweiz ähnelt äußerlich eher der hierzulande als Brat- oder Currywurst bekannten Sorte, und kann ebenso wie diese geräuchert, gebraten, gekocht oder gegrillt und auch zwischen zwei Brötchen- oder Semmelhälften gelegt und aus der Hand verzehrt werden, was mit der gleichnamigen deutschen Wurstsorte weder empfohlen noch gepflogen wird. Der Verfasser dieses befragte deshalb Herrn Ernesto Pauli, aufgrund seiner auf .ch endenden Website-Adresse eindeutig als Schweizer ausgewiesen, und bat ihn um eine Beschreibung, ja möglicherweise ein Originalfoto der Schweizer Cervelatwurst, und siehe, Herr Pauli konnte mit beidem dienen: "Der Cervelas oder Cervelat - in der Umgangssprache oft auch 'Chlöpfer' genannt - ist, nach der Bratwurst, des Schweizers liebste Wurst. Fein in der Konsistenz und würzig im Geschmack, schmeckt er heiss wie kalt. Produziert aus frischem Rind-, Schweinefleisch, Speck, Salz und Gewürzen verdanket er sein spezielles Aroma der Räucherung. In Rädchen geschnitten ist ein Cervelas unverzichtbarer Bestandteil vieler Gratins und insbesondere der Älplermakronen. Mit Käse gefüllt und mit Speck umwickelt macht er als Cervelas-Cordon-bleu (oder etwas respektlos Arbeiter-Cordon-bleu) seinem grossen Bruder Konkurrenz." Da sich solcherlei Falschmeldungen wie die eben entlarvte beim Leser oft jahrelang im Gedächtnis halten - es stand ja in der Zeitung -, sei hiermit ausdrücklich auf den Grundsatz meines Großvaters mütterlicherseits verwiesen, der dem Schreiber dieser Zeilen schon früh einen Rat fürs Leben mitgab: "Bou", sagte der Großvater, denn er war Franke, "Bou, glab nix wos in der Zeidung stäid." (Übersetzung ins Hochdeutsche: "Junge, glaube nichts, was in der Zeitung steht.") Dies gilt vor allem, wenn Zeitungen aus Berlin über Wurst aus der Schweiz berichten.
Es nimmt kein Ende: Neoliberale Dummbeutelei
Wieder einmal verschwendet: die drei Spalten auf der Seite "meinung und diskussion". Da schlägt doch ein 33 Jahre alter "Professor für Volkswirtschaft an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft", der "sieben Jahre lang als Redakteur bei der 'Financial Times Deutschland'" gearbeitet hat, allen Ernstes vor, der Staat müsse, "um den Abschwung abzuwenden, möglichst bald ein Konjunkturprogramm starten". Wenn früher jeder Mist mit der Schaffung von Arbeitsplätzen begründet wurde, haben sich die neoliberalen Dummbeutel inzwischen darauf geeinigt, einen anderen Meerschweinchenreflex anzupeilen: "Das könnte auch den Klimaschutz voranbringen." Man höre und staune, womit das bewerkstelligt werden soll: "Denkbar wäre etwa, dass jedem, der bis zum Jahresende ein altes Auto mit hohem Spritverbrauch verschrottet und dafür einen Neuwagen mit einem Verbrauch unter 6 Litern auf 100 km kauft, direkt eine Prämie von ein paar tausend Euro bezahlt wird." Klimaschutz durch verstärkten Konsum von Autos, Klimaschutz durch Produktion von möglichst vielen Neuwagen - das ist möglicherweise denkbar, aber nur von Verrückten und Volkswirtschaftlern. Wie krank muss einer im Hirn sein, um nicht zu sehen, dass dieser Vorschlag auf eine weitere Subventionierung der notleidenden Autoindustrie hinausläuft? Und zwar nicht nur der deutschen. Aber auch daran hat Sebastian Dullien gedacht: "Einige Bürger dürften sich für energiesparende Autos aus dem Ausland entscheiden. Das stimmt. Dennoch würden Beschäftigung und Einkommen im Einzelhandel stabilisiert. Mit einer Summe von 10 Milliarden Euro - etwa 250 Euro pro Haushalt - könnte man also einen spürbaren konjunkturellen Effekt erzielen. Und nebenbei würde der Energieverbrauch der Wirtschaft gesenkt, was das Land langfristig auf die hohen Preise für fossile Brennstoffe vorbereitet." Es darf einfach nicht wahr sein. Dieser Mann ist ein Gaukler. Aus den paar tausend Euro für Käufer von Neuwagen werden plötzlich 250 Euro für jeden Haushalt, und das unterstützt den Einzelhandel - also den Laden, in dem spritsparende Fiats, Renaults und Nissans verkauft werden. Und dann kann man weiterhin feste Auto fahren, was dem Klimaschutz dient, wird aber schon mal "langfristig auf die hohen Preise" für Benzin und Diesel "vorbereitet". Wie kann man eine solche Argumentation ernst nehmen? Ich will gar nicht wissen, was für Unsinn er wohl seinen Studenten an der Fachhochschule beibringt.
Prince Charles: Ausnahmsweise nicht in Bunte
Holla, Prince Charles hat mal wieder zugeschlagen. Der Biolandwirt und britische Thronfolger, der auch schon heftig gegen die zeitgenössische Architektur gekeilt hat, nahm sich jetzt die Befürworter von genveränderter Nahrung vor. Seine Königliche Hoheit befürchtet "das größte Umweltdesaster aller Zeiten." Den Konzernen, die damit ihre Profite steigern wollen, wirft er vor, sie betrieben "ein gigantisches Experiment mit der Natur und der ganzen Menschheit, das völlig schief gegangen ist." Das sagte der Prince of Wales dem englischen Blatt Daily Telegraph. Die Abhängigkeit von den Agrarkonzernen sieht er als "klassischen Weg, sicherzustellen, dass es in Zukunft keine Nahrungsmittel mehr gibt." Gut gebrüllt, Löwe Charles.
Doch noch dran gedacht: Die Mauer muss wieder her!
Kein Schwein hat mehr dran gedacht, dass am 13. August vor 47 Jahren mit dem Bau der Berliner Mauer begonnen wurde - so ging es mir beim Abhören der Nachrichten und Lesen der Zeitungen durch den Kopf. Doch gemach, der Bundestagspräsident (wie heißt der doch gleich noch mal?) hat es nicht vergessen. Norbert Lammert, genau, so heißt er, von der CDU, richtig, also, der hat bedauert, dass die Mauer so ratzfatz weg war, spurlos verschwunden, aus, vorbei, und jetzt fehlt "im Herzen der Stadt ein authentischer Beleg über die Mauer und was sie bedeutet hat."
Dem kann doch leicht abgeholfen werden, indem sie wieder errichtet wird - als Konjunkturprogramm. Das schafft Arbeitsplätze. Man könnte bevorzugt Bundestagsabgeordnete einstellen, Mindestlohn garantiert, bis auf die Typen von der CDU und der FDP - die kriegen Ein-Euro-Jobs. Und wenn die Berliner nicht mehr so unbehindert mit dem Auto in der Stadt rumgurken können, dann dient der Mauerbau auch noch dem Klimaschutz. Die logische Forderung lautet also: Die Mauer muss wieder her, aber dalli, bevor die Konjunktur den Berg hinabrutscht.
Ciao, bis später - ich lauf jetzt erst mal ne Runde. Hört eh nicht auf mit Regnen heute. Merkelputin
Das Foto auf der "brennpunkt"-Seite (S. 4, taz vom 14. August) gehört zu den stärksten Bildern, die es in letzter Zeit in der Abteilung "Politisches" zu sehen gab. Angela Merkel, in einem ihrer merkwürdigen dunklen Männeranzüge - von hinten aufgenommen, da sehen die Teile noch mehr nach Männerklamotten aus-, und sie steht neben Wladimir Putin, der ebenfalls einen dunklen Maßgeschneiderten trägt. Es sieht aus, als trügen beide die gleiche Art von Uniform, Modell Staatsmann. Putin steht rechts neben ihr, er ist ebenfalls von hinten zu sehen, das rechte Ohr, kaum Gesicht, nur die rechte Wange. Merkel aber hat den Kopf nach hinten gewandt, sie streckt die Finger der rechten Hand krampfhaft nach unten, hat die Haare hinters rechte Ohr gestrichen, ihre rechte Gesichtshälfte und ihr linkes Auge sind zu sehen. Ihre Mundwinkel sind weit nach unten gezogen, die dicken Backen verzerrt, und sie hat den angewidertsten Gesichtsausdruck, den man sich nur vorstellen kann.
Bildunterschrift: "Geht doch: Merkel und Putin üben im Oktober 2007 den Wandel durch Annäherung". Das Foto stammt von einer Frau oder einem Herrn Hoffmann, Vorname unbekannt, die oder der offenbar für die Agentur Imago arbeitet. Auch für einen guten Fotograf ist so ein Schuss nicht selbstverständlich, da gehört schon noch eine gute Portion Dusel dazu.
Das erste Opfer des Krieges: Die Wahrheit
So wird denn wieder einmal "munter gelogen, dass sich die Druckmaschinen biegen" - Kurt Tucholskys Feststellung aus dem Ersten Weltkrieg trifft selbstverständlich auch auf den Krieg zwischen Georgien und Russland zu. Die Russen lügen, die Georgier lügen, die US-Amerikaner lügen, die Osseten lügen, die Abchasen lügen. Ob Steinmeier und Merkel lügen, weiß ich nicht. Aber die taz mischt munter mit. Ein ganzseitiges Foto von einer Panzerbesatzung in Nahaufnahme ziert die Titelseite, und die Schlagzeile "Russlands Beutezug" klingt so formuliert, als wurde sie vom Außenministerium vor- und freigegeben. Absolut lächerlich dann die Bildunterschrift, die suggerieren soll, dass die Schlagzeile nicht an den Haaren der Chefredaktion herbeigezogen wurde: "Gestern in Georgien: russische Soldaten auf der Straße von Gori nach Tiflis". Abgesehen davon, dass nirgendwo ein Hinweis sichtbar ist, wo der Panzer fotografiert sein könnte (im Hintergrund sind unscharf ein paar Bäume und Büsche zu sehen): Die Bildzeile soll den Leser glauben machen, die Russen seien bereits unterwegs zur Hauptstadt von Georgien. Das behauptet nicht mal die Website des georgischen Außenministeriums. Die taz hat gelogen, so weit ich das überblicken kann. Sie hat sich entweder vom Fotografen Marco Langari und der Agence France Press einen Bären aufbinden lassen, oder die taz-Redaktion hat mit voller Absicht ihre Leser belogen. Wäre interessant, das mal zu erfahren.
16. August 2008 Hank Chinaski hat Geburtstag - und Vollmond iss auch noch! Und Mondfinsternis!
Heute würde er 88 Jahre alt - Henry Charles Bukowski, der Mann mit dem gesunden Menschenverstand, der Anti-Feuilletonist unter den schreibenden Zeitgenossen. Im Jahr 1989, da hatte er noch fünf Jahre zu leben, erschien sein Roman "Hollywood", die deutsche Übersetzung kam ein Jahr später heraus. Darüber habe ich ein paar Anmerkungen zu Papier gebracht und im weltberühmten Laubacher Feuilleton veröffentlicht. Der Text erscheint hier als Geburtstagsständchen. Im Jahr 2001 hat ihn der Herausgeber der Online-Gazette schon mal ins Netz gestellt, wo er von Gülsüm bei einer Guggl-Suche nach Bukowski gefunden und gemocht wurde. Sie hat mir dann ne Mail geschickt. Seither sind wir befreundet, auch wenn ich zuerst gedacht habe, Gülsüm sei ein Männername - nö, war nicht der Fall. Sie reagierte aber nicht beleidigt, wies mich auf den Irrtum in der nächsten Mail hin und fragte: "Du hast wohl geglaubt, Bukowski lesen nur Männer?"
Hab ich nicht geglaubt, aber Frauen, die Bukowski mögen, können nicht ganz schlecht sein. Mit Bukowski kann man's ja machen
Vor ein paar Jahren kam "Hollywood", das neue Buch von Charles Bukowski, in Amerika heraus. Am liebsten lese ich ihn im Original - ich weiß, das sagt jeder Angeber. Aber ich brauch's auch beruflich - das wiederum sagt jeder Handelsvertreter zum Finanzamt. Jedenfalls ist Bukowski einer der wenigen Zeitgenossen unter den Schriftstellern, die mich zum Lachen bringen: Gelegentlich lasse ich das Buch sinken, weil ich vor Freude nicht mehr weiterkann. Bukowski hat die Fähigkeit, genial einfach und ohne Verlust an Tiefe die wesentlichen Dinge haargenau auf den Punkt zu bringen.
Wer zwischendurch geglaubt hatte, Bukowski sei dabei, sich mit seinen Säufergeschichten nur noch zu wiederholen, für den hat er "Hollywood "geschrieben: Vorbei sind die Zeiten des Bar-Poeten, Vergangenheit für den Ich-Erzähler Hank Chinaski. Er schreibt jetzt ein Drehbuch, und zwar über genau jene Zeiten. Inzwischen wissen wir, daß daraus ein Film wurde, was bei den meisten Drehbüchern gar nicht selbstverständlich ist, nämlich "Barfly", mit Mickey Rourke und Faye Dunaway. Gedreht hat ihn ein Franzose mit dem seltenen Namen Barbet Schroeder, und Hollywood ist die Geschichte der Freundschaft zwischen diesem Regisseur und Bukowski, vom ersten Anruf mit der Bitte an Hank, ein Drehbuch zu schreiben, bis zur Premiere des Films. Vorne im Buch steht: "For Barbet Schroeder".
Bukowski nennt sich wie früher Hank Chinaski. Doch er hat sich verändert. Er lebt jetzt im eigenen Haus mit seinen Katzen, und seine Lebensgefährtin (im Buch nennt er sie Sarah) hat ihn von Whiskey auf Wein umgestellt, achtet darauf, daß er sich gut ernährt und sorgt auch sonst rührend für den ehemaligen Suff-Poeten: "Sie hat mein Leben um mindestens zehn Jahre verlängert", weiß Bukowski. Der neue Lebensstil wirkt sich auch aufs Schreiben aus. Die Sprache ist immer noch genauso treffend und klar und ungekünstelt, aber Bukowski wirkt jetzt wie Buddha aus der Gosse - Altersweisheit nennt man das wohl.
Schon der erste Satz brachte mich zum Grinsen - ein genialer Anfang: "A couple of days later Pinchot phoned. - Zwei Tage danach rief Pinchot an". Wunderbar. Und dann wird keine Zeit mehr verloren, wir erfahren, daß Hank nie im Leben Drehbücher schreiben möchte, Jon Pinchot/Barbet Schroeder ihn aber überreden kann, weil Bukowski wohl eine verwandte, vom Film besessene Seele in ihm sieht - und weil er ihm gleich 10.000 Dollar Vorschuß anbietet. Und dann beschreibt Bukowski mit seinem gesunden Menschenverstand den ganzen absurden Wahnsinn, der abläuft, bis nach sieben Jahren der Film endlich uraufgeführt wird. Barbet Schroeder sagte mir bei einem Interview in Paris: "'Hollywood' liest sich wie ein Roman, aber Bukowski gibt alles absolut korrekt wieder."
Es ist die Geschichte von Hank Chinaskis Begegnung mit dem Filmgeschäft und seinen Vertretern. Die Namen sind zwar geändert, aber nicht schwer auf die wirklichen Figuren zu verteilen: Jack Bledsoe ist Mickey Rourke, Francine ist Faye Dunaway, die Produktionsfirma Cannon heißt im Buch Firepower, Tom Pell ist Sean Penn und der Kameramann Hyans, "der so ziemlich jeden Preis und jede Auszeichnung in der Branche gewonnen hat", ist Robby Müller. Der wohnte vor einiger Zeit nur zehn Minuten mit dem Fahrrad von mir entfernt, und so konnte ich auch ihn fragen, ob Bukowski den Widersinn des Filmemachens treffend schildert. Robby bemerkte eine Ungenauigkeit: "Ich war bei der Badewannenszene mit Faye Dunaway (in Kapitel 32) nicht betrunken."
Zwischendurch taucht noch ein französischer Kultregisseur namens Jon-Luc Modard auf und ein deutsches Filmgenie, das im Buch Wenner Zergog heißt. Wie Bukowski seine Begegnungen mit diesen beiden Heiligenfiguren der Filmkritiker beschreibt - das ist zum Schreien komisch.
Ja, und dann kommt noch eine Szene drin vor, die etwas aus der Handlung herausfällt, die aber erklärt, weshalb sich Bukowski einen Steuerberater nehmen und ein Haus kaufen muß - er verdient mit einem Schlag zuviel Geld, das würde alles der Staat kassieren und für Golfkriege ausgeben. Denn einerseits überreicht ihm Pinchot-Schroeder die 10.000 Dollar für das Drehbuch, und zum anderen versteigert sein deutscher Agent und Übersetzer "Karl Vossner" bei der Frankfurter Buchmesse die Rechte an Bukowski. "Vossner", das ist Carl Weissner, einer der besseren unter Deutschlands Übersetzern, ein solider Könner, der mit seinem einfühlsamen Stil viel zu Bukowskis Erfolg bei uns beigetragen hat. Außerdem übersetzt der Carl noch William Burroughs (und ein halbes Dutzend weiterer US-Schreiber, von den Nachdichtungen der Dylan- und Zappa-Songs gar nicht zu reden). Aber wie wir wissen ist dem Bukowski außer Pferderennen nicht viel heilig, und so macht er sich auch über seinen Mann in Germany lustig:
"Karl redete am Telefon immer so, wie er glaubte, daß Amerikaner reden, wenn sie hip sind: 'Hey, motherfucker, how ya doin' ?' 'Prima, Karl, spielst du immer noch mit deinem joystick?' 'Yeah, man, meine ganze Zimmerdecke ist schon voll mit getrockneten Spermaflecken ... Aber, Baby, ich hab' 'ne gute Nachricht. Willstese hören, motherfucker?"
Und so weiter: Vossner-Weissner erzählt, daß er gerade wieder drei Gedichtbände und short stories von Bukowski übersetzt hat. Und daß er bei der Buchmesse sechs wichtige deutsche Verleger in ein Hotelzimmer eingeladen, sie mit Bier und Wein abgefüllt, mit Käsehäppchen und Erdnüssen verpflegt, und dann die Rechte für die drei Bücher versteigert hat: "Diese assholes haben uns aus der Hand gefressen. Du bist 'ne heiße Nummer, und sie wissen es ... Krumph hat das höchste Gebot gemacht. Ich ließ den motherfucker einen Vertrag unterschreiben. Dann haben wir uns alle zusammen besoffen. Wir assholes waren alle hackevoll, besonders Krumph."
Nun, 35.000 Dollar kamen dabei raus für Bukowski, und da kann man sich als Agent (10 Prozent, mindestens) und Übersetzer schon mal besaufen.
Ich habe mich amüsiert wie Bolle - ach, Bukowski! Nicht nur das Filmgeschäft durchleuchtet er mit seinem abgeklärten Zockerblick, auch einen kleinen Seitenhieb aufs Verlagsunwesen kann er sich nicht verkneifen.
Dann lernte ich Babsi kennen. Seit sie zum erstenmal "Vom Winde verweht" gesehen hat, will sie alles über Film wissen. Um ihr zu zeigen, wie sehr ich sie als Frau mit hübschen Titten und als Person mit klugem Köpfchen schätze, kaufte ich die sauteure, gebundene Ausgabe von "Hollywood", als es auf deutsch beim Verlag Kiepenheuer & Witsch rauskam. Jedenfalls wußte ich jetzt, welches Verleger-asshole die 35.000 Dollar für Bukowski bezahlt hat. Gott segne den Mann!
Für Babsi war mir zu jener Zeit nichts zu teuer. Bevor ich eines Abends zu ihr aufbrach - mit einigen Tropfen Eau de Toilette hinter die Ohren, unter die Arme und, voller Optimismus, in die Schamhaare verteilt - wollte ich noch rasch in dem Geschenkbuch für Babsi nachgucken, wie der Carl Weissner wohl die Passage übersetzt hat, in der er selbst vorkommt. Schließlich kann man als Übersetzer von manchen Kollegen noch was lernen ...
Ich suche also im siebten Kapitel, und suche, und suche und finde - nichts. Das darf doch nicht wahr sein, denke ich, und inzwischen ist mein Fendi uomo-Duft schon fast verflogen, und Babsi wird bestimmt sauer, wenn ich nicht komme, aber die Passage fehlt. Zu allem Überfluß guck' ich dann auch noch nach, wie Weissner wohl den genialen Anfang übersetzt hat. Und da glaube ich endgültig, im falschen Buch gelandet zu sein. Denn Bukowskis toller Einstieg kommt zwar, aber erst nachdem eineinhalb Seiten lang der versoffene alte Hank Chinaski der früheren Bücher vorgestellt wird, ganz so, als sei nichts geschehen, als sei "Hollywood" nicht der Abschied von gestern, der Rückblick auf Hanks Leben als Barfly.
Ich bin ganz schön perplex. Als ich meine Miete und den Champagner noch in Redaktionsstuben verdiente, habe ich gelegentlich mit Carl Weissner zu tun gehabt und seine Arbeit für unser hochangesehenes, aber gewaltig defizitäres Kulturblatt sehr gemocht - jeder Redakteur freut sich, wenn ihm Texte auf den Tisch kommen, die er nicht erst mühsam in druckbares Deutsch umfummeln muß. Also telefoniere ich erst mit Babsi - "Ich komm'n bißchen später, fang schon mal an, hahaha ..." - und dann mit dem Weissner.
"Sag mal, Carl, wie konnte das denn passieren - da hat der Verlag doch glatt zwei Seiten ausgelassen bei dem neuen Bukowski?" Am anderen Ende ist erst mal Pause. Und dann merke ich, wie sich Charles Bukowskis deutscher Agent und Übersetzer windet wie ein Gartenschlauch, und mir wird klar, da hat nicht etwa der Verleger zensiert - der Carl war's selber. Hören Sie sich seine Begründungen an: "Weißt du ... ääh ... das ist dem Bukowski nur nachträglich so rausgerutscht. Das ist ein ... ääh ... Schlenker, der bei ihm nicht üblich ist. Das ist auch alles mit ihm abgesprochen, war ihm völlig egal, wenn ich das rauslasse. Der ist das schon gewöhnt, manchmal läßt auch die Sekretärin bei seinem amerikanischen Verleger einfach was weg, aber das stört ihn auch nicht. Ich fand zu recht, daß diese eineinhalb Seiten nur aufhalten."
"Wie, Carl, weshalb sollte er sich denn sonst ein Haus kaufen müssen wegen der Steuer? Nur weil ihm Schroeder 10.000 Dollar für das Drehbuch bezahlt hat? Come on! Gib schon zu, daß du es nur rausgelassen hast, weil du selbst nicht so vorteilhaft wegkommst, und weil der Verleger nicht wissen sollte, wie du über ihn am Telefon redest." Wieder Pause. Dann windet sich der Carl weiter: "Der Bukowski macht das auch öfter, daß er was rausschmeißt, was er in einer Laune so hingeschrieben hat. Und außerdem ist es dramaturgisch nicht schlüssig."
Das hat er sinngemäß schon mal gesagt, und auch durch Wiederholung wird es nicht weniger falsch. Ich bin erschüttert. Muß jetzt die gesamte Rezeption von Charles Bukowski in weiten Teilen neu geschrieben werden? Abgründe tun sich auf, in denen seitenweise witzige, sarkastische, kritische Textstellen zwischen Los Angeles und Mannheim verschwinden. Vielleicht wissen die Deutschen noch gar nicht, wie toll Bukowski tatsächlich schreibt?
Weil ich gerade dabei bin, frage ich den Carl noch, weshalb der Anfang in der deutschen Ausgabe so anders, so wenig cool, so holprig und wie 20 Jahre abgestanden daherkommt? Na, wenigstens dafür hat er eine Erklärung: "Weißt du, das Kapitel wurde doch im Playboy vorabgedruckt und mit einem anderen Einstieg versehen, und da dachten wir, der deutsche Leser erkennt es sonst nicht wieder." Ja, wenn das so ist! Mir fällt nichts mehr ein. Später, auf dem Weg zu Babsi überlege ich noch, wer dann wohl die ersten zwei Seiten der deutschen Ausgabe von "Hollywood" verfaßt hat. Und ob Carl Weissner wohl dafür sorgen wird, daß die Taschenbuchausgabe in zwei Jahren unzensiert herauskommt? Und ob er merkt, daß er Bukowski genau das angetan hat, worüber sich der alte Hank Chinaski in seinem Buch über Hollywood lustig macht? Und ob Babsi noch mit mir schlafen will, wenn ich fast eine Stunde zu spät komme?
Nun, sie wollte. Damals. Aber nicht mehr lange. Dafür kann Carl Weissner gar nichts, im Gegenteil. Babsi hat sich sehr über das Geschenk gefreut. Und zwei Jahre später kam die Taschenbuchausgabe von "Hollywood" heraus (dtv, kostete damals 12 Mark 80). Die ist genauso zensiert wie die gebundene.
© 2001
17. August 2008
Der Freitag war Feiertag in München, weshalb ich die taz vom 15. 8. erst einen Tag später erhalten habe. Im Folgenden lesen Sie, was mir dazu einfiel. Die Wochenend-taz nehme ich mir morgen vor.
Kommt ja nicht so drauf an: Stapelweise Unsinn
Der abenteuerlichste Unsinn schiebt sich oft in die Spalten der Feuilletons und auf die Kulturseiten. Das liegt daran, dass es dort oft nicht so genau genommen wird, tut ja keinem weh, issja nur Kunscht, kommt nicht so drauf an. Aber weil so eine Tageszeitung ja meist unter Zeitdruck hergestellt wird, kommt totaler Unfug auch in anderen Bereichen vor. In der taz in letzter Zeit gehäuft auf den "inland"-Seiten. Noch eine Anmerkung zum Zeitdruck, der häufig für Fehler und Blödsinn verantwortlich gemacht wird. Der Begriff leitet sich zeitungswissenschaftlich davon ab, dass die Seiten zu einem bestimmten Zeitpunkt in Druck gehen müssen.*
*Kleiner Scherz
Haiku (taz-Unsinn I)
Wenn ..., dann ... - also: Wenn einer schon in einer Buchbesprechung von Haiku schreibt, dann sollte er wenigstens wissen, was das ist. Okay, die dem Roman entgegengesetzte Form, meint Manuel Karasek in seiner Rezension eines Buches von Roland Barthes mit dem Titel "Die Vorbereitung des Romans": "Die kurze, drei Verse lange Minimaleinheit aus Japan liest er gegen die Weitschweifigkeit des Romans von Proust - und baut ein aufregendes Netz von Vergleichen auf, in denen die Gegensätze von östlichem und westlichem Denken sich verfangen, von einander lösen und schließlich im Licht des Erkenntnisprozesses an Klarheit gewinnen." Ah, ja, Erkenntnis! Klarheit! Danach strebt der Haiku-Dichter, und er braucht dazu keine drei Verse, wie der taz-Mann angibt, sondern drei Zeilen, in denen er siebzehn Silben unterbringt - fünf in der ersten Zeile, sieben in der zweiten, und wiederum fünf in der dritten. Und im Gegensatz zur Ansicht des taz-Autors, der nun mal keine Ahnung hat, wovon er spricht ("vom Verzicht auf das Exemplarische bestimmt"), will der oder das Haiku tatsächlich in drei Zeilen exemplarisch die Welt darstellen, traditionsgemäß nach Möglichkeit dabei eine der vier Jahreszeiten einfangen. Wenn Sie mehr darüber wissen wollen: Es gibt sogar einen Deutschen Haiku-Verlag (haiku.de), der seit drei Jahren einen Internetwettbewerb ausschreibt, und anschließend die von einer Jury gesichteten Haiku als Buch herausbringt. Beim ersten Mal schickte ich auch ein paar ein und konnte diesen Sommer-Haiku unterbringen:
Heller Sonnenschein Und am Holz des Liegestuhls Kleine Ameisen
Neu!
Ach, hätte Uwe Nettelbeck doch ein wenig länger gelebt. Er wäre bestimmt höchst erfreut gewesen über die CD-Kritik von Julian Weber. Da sieht man, dass Nettelbecks Engagement in den frühen siebziger Jahren als Kopf und Manager von Neu! späte Früchte trägt. Bei seiner Besprechung von "Chemical Chords" der Band Stereolab vergleicht der taz-Autor zwar Äpfel mit Birnen, aber den Satz über Neu! will ich doch zitieren: "Wenn der englische Sozialist George Bernard Shaw einst für den totalen Gesang im Werk von Richard "the Meister" Wagner schwärmte, so halten es Stereolab mit den Ambientschlaufen, die sich aus der Musik der Krautrockband Neu! ergeben haben."
Neoliberale Lügenbande (taz-Unsinn II)
Was ich eingangs zum Unsinn unter Zeitdruck gesagt habe, trifft vielleicht auch auf Thomas Gesterkamp zu und entschuldigt ihn (ein bisschen). Auf der "inland"-Seite schreibt er den von ihm erwähnten Verein zwar ein einziges Mal richtig, aber dann hält er die falsche Bezeichnung konsequent durch und bringt sie auch noch etliche Male in seinen Kommentar auf der Seite "meinung und diskussion" unter. Hätte er bloß den schönen Hintergrundartikel seiner taz-Kollegin Ulrike Winkelmann in der Zeitschrift Die Gazette gelesen. Dann wüsste er: Glauben Sie nichts, was Ihnen die "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" (INSM) erzählt. Und wenn die behaupten, dass das "Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz" die "deutsche Wirtschaft" 1,73 Milliarden Euro im Jahr kostet, können Sie davon ausgehen: Es ist gelogen. Ärgerlich finde ich, dass der taz-Autor ständig von der "Initiative Soziale Marktwirtschaft" schreibt und sie dann konsequent falsch" ISM" nennt. Die Lobby-Vereinigung INSM arbeitet im Auftrag des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, der sie jährlich mit 10 Millionen Euro unterstützt. Aus dem Topf bedienen sich alle professoralen Wirrköpfe, die der Sekte "Markt und Wachstum" angehören und an deutschen Unis den neoliberalen Schwachsinn predigen. Mit gezielten Werbekampagnen wird der Presse und dem Fernsehen das Glaubensbekenntnis zur neoliberalen Marktwirtschaft als letzter Schrei der Nationalökonomie und als alternativlos verkauft. Die INSM bestückt mit ihren Sektenmitgliedern Talkshows im Fernsehen und vergibt lukrative "Forschungsaufträge" an gleichgesinnte Wirtschaftswissenschaftler. So kam auch die gelogene Zahl von 1,73 Milliarden zustande, die das "Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz" angeblich kostet. Der Verein lügt schon mit seinem Namen: Die wollen weder eine neue noch eine alte soziale Marktwirtschaft, sie wollen sie abschaffen, das "soziale" ersatzlos streichen. Falls Sie sich mal das Gruselkabinett ansehen wollen, das da als Stammbesatzung und als Beiräte aufgeführt wird, dann klicken sie hier. Wen wundert's, dass da auch das taz-Maskottchen Oswald Metzger vertreten ist, die grünschwarze Labertasche? Was allerdings Urike Meyfarth dort zu suchen hat, ist mir schleierhaft. Ihre Qualifikation für die Abschaffung der sozialen Marktwirtschaft wird schlicht mit "Olympiasiegerin" angegeben.
Beijing 2008
Nix zur Olympiabeillage heute? Nö, nix zur Olympiabeilage heute.
Mythen in Tüten (taz-Unsinn III)
Es gibt diese urbanen Mythen - Sie wissen schon, der Mops in der Mikrowelle, oder neulich die Preisbindung von Öl und Esel in Anatolien, die auch von der taz kolportiert wurde. Auch der Mythos, dass es in Südkalifornien nie regnet gehört dazu und hat sogar zu einem zwar gelogenen, aber sehr schönen Pop-Song geführt: "It never rains in Southern California". Und noch ein Mythos hält sich hartnäckig, wohl weil ihn Journalisten immer wieder von einander abschreiben: "Auf dem Land fahren nur Überlandbusse, selbst im Großraum Los Angeles gibt es keine U-Bahn." So die taz-Frau Karin Deckenbach. die seit einigen Wochen Beiträge aus den USA liefert. Und sie jubelt diesen Unsinn sogar dem von mir so hoch geschätzten Ressort "wirtschaft und umwelt" unter, wo es jetzt schwarz auf weiß zu lesen ist und wahrscheinlich bald von einem weiteren Journalisten abgeschrieben und weiter verbreitet wird. Haltet ein, Zeitungsschreiber aller Länder und politischen Richtungen! Es ist falsch! In Los Angeles gibt es eine U-Bahn, genau genommen sogar zwei! Fakten, Fakten, Fakten: Das erste Teilstück der L. A. Subway wurde 1993 fertiggestellt, das letzte im Jahr 2000. Die Gesamtlänge der "Red Line", die vom Bahnhof Union Station im Zentrum von Los Angeles nach North Hollywood führt, beträgt 17,4 Meilen, das sind gut 26 Kilometer. Die "Purple Line", die schon lange vor der Endstation abzweigt und dann noch zwei U-Bahnhöfe bedient, ist wesentlich kürzer. Der Fahrpreis beträgt 1,35 Dollar in eine Richtung. Und wenn Ihnen, liebe Karin Deckenbach, die taz-Redaktion die Reise nach Los Angeles nicht bezahlen kann, empfehle ich die sehr schöne "virtual tour" im Internet unter <www.metrovr.net/metro>. Dazu brauchen Sie allerdings den Quicktime Player von Apple. Die Tour zeigt schöne Bilder, man kann interaktiv eine Panoramakamera bedienen, die Rolltreppen runterfahren, die schönen Waggons der U-Bahn besichtigen und - wusch! - aus dem Bahnhof fahren lassen. Sie werden sehen: Die U-Bahn von Los Angeles kann in Design und Ausstattung mit allen modernen Großstadtverkehrssystemen mithalten. Schade ist nur, dass sie nicht mehr erweitert und verlängert wird. Die Einwohner der Stadt haben dem Rat derselben per Volksabstimmung verboten, weitere öffentliche Gelder für den Ausbau der Subway auszugeben. Der echte gehirngewaschene Los Angelese steht lieber auf zwölfspurigen Stadtautobahnen im Stau.
Klingelschmitts Hessen-Linke
"Die Kakofonie ist groß bei der Linken ... früherer Aktivist der DKP ... der avisierte Regierungswechsel drohe an der Linkspartei zu scheitern, konstatierte jetzt Parteichef Tarek Al-Wazir ..." Letztgenannter steht an der Spitze der Grünen in Hessen und gehört zur sogenannten Realo-Abteillung, also ein grün-bürgerlich Konservativer, der sowieso lieber mit der CDU zusammenginge - wenn man der Basis nur das Problem mit den AKW verklickern könnte. Aber wie ich die Grünen kenne, kriegen sie das auch noch hin. Die Kampfeinsätze der Bundeswehr hamse doch auch geschluckt, da wird man doch in Sachen AKW auch mal "vernünftig" werden.
Georgien: Blahblah on my mind
Die taz hat ihren Anspruch, eine Oppositionszeitung zu sein, in weiten Teilen aufgegeben. Außenpolitisch hält sie sich an die Vorgaben des Auswärtigen Amts, und wenn in der Eile schneller Entwicklungen - im russisch-georgischen Krieg zum Beispiel - kein Redakteur mehr rausbekommen kann, was dort vorgedacht wird, interviewt man halt jemanden von der "Stiftung Wissenschaft und Politik". Da kann nix schiefgehen, die Leute werden schließlich vom Bundeskanzleramt bezahlt. Vor dieser Zeitung muss sich keine Regierung in acht nehmen. Heiner Geißler, siehe oben auf dieser Seite, hatte schon recht.
18. August 2008 Hallo taz mag: Danke für die Fotos!
Hamse mir doch glatt einen Wunsch erfüllt, die Leute vom taz mag: Mehr Fotos von Josef Koudelka. Ich war schon vor ein paar Wochen ganz hingerissen, als zum Interview mit Wolfgang Kraushaar die ersten Koudelka-Bilder abgedruckt wurden. Jetzt also eine ganzseitige Besprechung des Fotobandes, der unter dem Titel "Invasion Prag 1968" bei Schirmer/Mosel erschienen ist. Da mach ich gern etwas Schleichwerbung, auch wenn mir 49,80 Euro momentan zu teuer sind. Aber ich hab ja bald Geburtstag ...
Ziemlichen Unsinn verzapft die taz-Autorin Tania Martini. Sie verlegt den "Prager Frühling" in die Tage der Invasion "zwischen dem 21. und 28. August, die als Sieben-Tage-Wunder in die Geschichte eingehen sollten - oder eben einfach als: Prager Frühling."
Kleinigkeiten. Kleinlichkeiten?
Jörg Magenau, als Autor für den Hanser-Verlag tätig, bespricht ein Buch von Barbara Honigmann, das im Hanser-Verlag erschienen ist, und in der Randspalte wird von Angelika Ohland ein weiteres Buch aus dem Hanser-Verlag besprochen. Zumindest als reichlich ungeschickt möchte ich so eine Mischung auf den Literaturseiten bezeichnen. Wenigstens ein Buch stammt von einem anderen Verlag, und da merkt Judith Luig zu recht an, dass Niccolò Ammanitis Titel "Come Dio commanda" auf deutsch "Wie Gott befiehlt" heißt, und nicht "Wie es Gott gefällt". Aber bei Buchtiteln überlegt man in den Verlagen, in diesem Fall Fischer, nicht, ob sie korrekt übersetzt sind, sondern ob sie sich gut verkaufen - und entscheidet sich im Zweifelsfall fürs Weichspülen. Das kann aber auch daneben gehen. Eine Frechheit dem Autor gegenüber ist es sowieso, denn der hat ja absichtlich die härtere Variante gewählt. Beim Bertelsmann Taschenbuch Verlag hamse mal aus dem originalen und originellen Titel "I dreamed I married Perry Mason" von Susan Kandell auf deutsch gemacht "Gefahr steht ihr gut". Das war verkaufstechnisch gesehen offenbar keine gute Idee - ein weiteres Buch der Autorin erschien seitdem nicht mehr.
Die Revolution und der Baseball
Wenn Kuba - mal wieder - Olympiasieger im Baseball wird, interessiert das hierzulande keine Sau. Und selbst wenn die Kubaner 5 : 4 gegen USA gewinnen, kann man froh sein, das Ergebnis irgendwo kleingedruckt in der Statistik zu finden. In der taz kriegen sie immerhin drei kleine Spalten von Ronny Blaschke, der darauf hinweist, dass Fidel Castro selbst mal Baseball gespielt hat. Ich erinnere mich an Fotos von ihm mit dem Baseball-Schläger. Der Ehrgeiz, die Amis in ihrer ganz besonders speziellen Sportart zu schlagen, hat Tradition in Kuba. Die - bisher drei - Olympiasiege sind allerdings etwas dadurch getrübt, dass die amerikanische Baseball-Liga wegen der Olympischen Spiele nicht einmal ihren Spielbetrieb unterbricht und immer nur die zweite Spielergarnitur hinschickt. Falls Kuba wieder gewinnt, dann wahrscheinlich zum vierten und letzten Mal - 2012 in London gibt's kein Baseball mehr.
Olympische Wirtschaftsberichte
Na ja, iss ja nicht uninteressant, einen Mann der Praxis zum Thema "deutsche Wirtschaft in China" zu befragen. Aber muss das ausgerechnet Herbert Kannegießer sein, der Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Sponsor der unsäglichen "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft"? (Siehe dazu den Eintrag von gestern!) Und muss man die Titelseite der Olympiabeilage unbedingt wie eine - zugegeben: gut gemachte - Adidas-Anzeige gestalten? Und innen noch eine ganze Seite Werbung zulegen und die Aktivitäten und Meinungen des Adidas-Chefs in und zu China breittreten? Nö, muss man alles nicht, aber die taz macht's halt.
Nach so viel Sportberichterstattung muss ich jetzt erst mal ne Runde laufen, Sie wissen schon, mein Litera-Tour durch den Herzogpark. Wenn ich jetzt noch einflechte, dass meine neuen superleichten ultragepolsterten Mega-High-tech-Laufschuhe von Nike stammen, finde ich vielleicht bald nen Sponsor für meinen tazblog. Bleiben Sie dran, ich melde mich wieder!
"Achtung: tazblog!":
Einflussreich, richtungweisend, vorbildlich!
Wenn Sie glauben, ich wäre von Größenwahn und krankhafter Selbstüberschätzung angesteckt und litte unter dem Saakaschwili-Syndrom - gemach, lassen Sie mich erklären. Erst fiel mir auf, dass ein taz-Autor, dem ich einmal menschenverachtende Beiträge und Zynismus vorgeworfen habe, seither viel zurückhaltender formuliert. Dann las ich mit großer Freude Artikel über Themen, die hier eine Woche vorher im tazblog formuliert wurden. Und auf dem Titel der Wochenendausgabe sind die zwei Fotos und die Titelzeilen genauso angeordnet, wie ich das hier auf meiner Website mache: auf Mitte, und viel weiß drum herum. Die haben mein Layout abgekupfert! Schauen Sie sich nur mal um, hier im tazblog, oder klicken Sie oben in der Leiste auf "Bevorzugte Links", oder "Klicken - Lesen".
Tja - Sie wissen ja: "Katzen würden tazblog lesen". taz-Redakteure tun's sowieso.
Wahrheit: Diesmal fast genial
Die Verschwörungstheorie inklusive einleuchtender Zahlenmagie - weshalb die Georgier ausgerechnet am 8. 8. 2008, Quersumme 26, zugeschlagen haben -, gehört bis jetzt zu den besten Erklärungen der unseligen Ereignisse am Kaukasus. Michael Ringel hat akribisch recherchiert und seine Enthüllungen überzeugend mit Fakten untermauert. Dass die Quersumme der Telefonvorwahl von Georgien (995) die Zahl 23 ergibt, spricht freilich gegen das gewählte Datum - die Georgier haben nicht bedacht, dass die 8 nur im chinesischen Kulturkreis oder bei entsprechender Versenkung in die asiatische Mentalität zu günstigen Ergebnissen führt. Der unvoreingenommene Beobachter fragt sich, wie die Geschichte ausgegangen wäre, wenn die Georgier ihren Einmarsch bereits am 5. 8. 2008 begonnen hätten. Möglicherweise stünden sie heute kurz vor Moskau!
Zielgruppe
Die Reiseredaktion der taz weiß zumindest, wo die Zielgruppe ihrer Zeitung einkaufen, Verzeihung, zum Shopping geht, wenn sie mal kurz übers Weekend nach New York jettet. Acht Einkaufstipps, darunter ein Laden, der Designerklamotten als Auslaufmodelle preiswerter verkauft. Dazu ein Antiquitätenladen, der "nicht die billigste Adresse, aber gut sortiert" ist. Der Rest: Calvin Klein; Carolina Herrera; DKNY; Ralph Lauren; Prada; Apple Store. Danke, liebe Reiseredaktion, da werd ich bei meinem nächsten Langstreckentrip nach USA bestimmt alle Klimaschützer unter den taz-Lesern treffen. Kollektiv und solidarisch bei Prada in New York shoppen - das vermittelt echt Gemeinschaftsgefühl!
Madonna
Madonna wird 50. Die taz würdigt das gleich an zwei Stellen, im Kulturteil schreibt Sebastian Ingenhoff großen Mist, und auf "meinung und diskussion" schreibt Ines Kappert großen Mist. Ich trau mir aber keine Entscheidung zu, welcher der größere Mist ist. Beide erfüllen die Voraussetzungen für einen hohen ÜQ* auf der nach oben offenen Entbehrlichkeitsskala.
* Überflüssigkeitsquotient
Neues von Qpferdach
Sehr langjährige taz-Leser erinnnern sich vermutlich an die Kolumnen von Qpferdach. Denen werde ich sicher nichts Neues erzählen, wenn ich enthülle, dass sich hinter dem Pseudonym Werner Pieper verborgen hat. Lange Zeit kümmerte er sich in der taz um Klarheit, wenn von Hanf die Rede war. In der Wochenendausgabe fordert er auf der Leserbriefseite konsequentes Rauchverbot - in den katholischen Kirchen. Denn Weihrauch ist mindestens so schädlich wie Passivrauchen: "Oder sollte er nur noch für ausgewiesene 'Rauchergottesdienste' eingesetzt werden?" Eine Bemerkung von Pieper hat mich wieder auf eine alte Idee gebracht: Warum nicht eine Klage gegen die Autoindustrie wegen gesundheitsschädlicher Abgase, nach dem Beispiel der Klagen gegen die Tabakfirmen?
Evo Morales hat noch mehr Stimmen bekommen
Die Mehrheit, mit der Boliviens Präsident im Amt bestätigt wurde, war noch höher, als zunächst gemeldet. Die Wahlkommission gab jetzt als Endergebnis 68 Prozent bekannt. Glückwunsch vom Morales-Fanclub bei "Achtung: tazblog!" - hasta la vista, Presidente!
Maoist wird Premierminister
Noch mehr gute Nachrichten: Der Anführer der maoistischen Rebellen in Nepal, Pushpa Kamal Dahal, wurde zum Premierminister gewählt. Die taz: "Er ist der erste kommunistische Rebellenführer, der nach bewaffnetem Kampf in einer demokratischen Abstimmung zum Regierungschef seines Landes gewählt wurde." Na bitte: geht doch!
Ciao, bis dann!
19. August 2008
Prokrastination
Zu heiß heute, ich hab keine Lust. Oder Christian Bartel hat mich angesteckt, gestern, auf der Wahrheit-Seite, mit seinem Artikel über Prokrastination bzw. den ersten Lehrstuhl zum Thema. Ach, Sie wissen gar nicht, was das ist? Bartel nennt es Prokrastinationslehre, bei mir heißt es Prokrastinationologie, die Wissenschaft vom Aufschieben, vom "Morgen ist auch noch ein Tag", "komm' ich heut' nicht, komm' ich morgen", das, was der Spanier so schön mit "mañana" umschreibt. Morgen soll's eh regnen. Also nix wie raus jetzt, dorthin, wo das Espenlaub in der lauen Brise zittert und leise raschelt, wo der Himmel blau leuchtet und die Wolken weiß vorüberziehen, wo der blonde Gerstensaft ins Halbekrügerl fließt und die Sommerstockschützen nach der Daub'n zielen, kurz: zum Tivoli-Pavillon, ein "Stiller Winkel in München" (siehe Werbeeinblendung weiter oben!). Und danach werd ich noch bei der schönen Elena im Paradiso vorbeiradeln, die hat heute Geburtstag, genau wie Coco Chanel. Alles Gute euch beiden. Hasta mañana!
20. August 2008 zur taz vom Montag, 18. August
Prokrastinierer
Ja freilich, wie gestern schon erwähnt: Ein feines Stückchen von Christian Bartels über den "Lehrstuhl für Verschiebetechnik". Und, Sie konnten es an den fehlenden Beiträgen gestern deutlich sehen, es war sehr wirkungsvoll, vor allem in Verbindung mit hochsommerlichen Temperaturen: Ich hab die Arbeit auf heute verschoben.
Kultur = Politik
Dass Feuilletons und Kulturseiten mit politischen Artikeln vollgestellt werden - vor zehn Jahren wäre das noch durchaus bemerkenswert gewesen. Aber seither versuchen die zuständigen Redakteure von FAZ, SZ, Welt, taz und sonstigen großstädtischen und überregionalen Presseerzeugnissen geradezu penetrant, sich gegenseitig mit politschen Beiträgen - genauer: Beiträgen zu politischen Ereignissen - zu übertreffen. Die taz-Kultur hat diesmal eine ganze Seite über den Kaukasus-Krieg aus derSichte der Ukraine, eine Seite über Evo Morales und sein "linksnationalistisches Projekt" in Bolivien, und je einen Halbseiter über das Filmfestival in Locarno und die neue Generation der Magna-Comic-Zeichner, dazu eine Randspalte billige Polemik gegen ein politisches Buch - gut zwei Drittel Politik, ein Drittel Kultur. Sehr schön zu lesen: Der Artikel von Hugo Velarde über Evo Morales, randvoll mit Informationen zur Lage in Bolivien, sachlich, souverän, politisch korrekt in meinem Sinn.
Willkommen beim neoliberalen taz-Stammtisch!
Ärgerlich und völlig daneben fand ich die Besprechung des neuen Buches von Hans Herbert von Arnim, "Die Deutschlandakte. Was Politiker und Wirtschaftsbosse unserm Land antun". Mag ja sein, dass von Arnim sich wiederholt mit seiner Kritik an der politischen Klasse und ihren Auftraggebern, die sich der Demokratie bedienen, um ihre eigenen Schäfchen und Profite ins Trockene und nach Liechtenstein zu bringen. Aber so lange sich an den Zuständen nichts ändert, muss von Arnim wohl seinen publizistischen Kampf fortsetzen, und durch Wiederholung wird seine Kritik ja nicht falsch. Die Häme und Überheblichkeit, die Gert G. Wagner gegen ihn auffährt, fällt auf diesen taz-Autor zurück. Da ihm zu von Arnims Systemkritik keine Gegenargumente einfallen, rückt er ihn einfach aufs Niveau der "Stammtische". Da kann ich nur sagen: Na und? Weshalb sollte von Arnims Analyse falsch sein, nur weil inzwischen eine große Mehrheit des Volkes seine Sicht der Dinge teilt? Wagners abschließender Einwand - "Bei Experten und Unternehmern fallen der Egoismus nur nicht so auf, weil über sie nicht täglich ad personam in der Zeitung berichtet wird" - zeigt nicht nur die mangelnde Beherrschung der deutschen Sprache. Zum einen wird niemand dadurch entschuldigt, dass andere das Gleiche treiben. Aber davon abgesehen, Wagner redet einfach nur dummes Zeug: Experten und Unternehmer sind, im Gegensatz zu Politikern, weder ihren Wählern verantwortlich noch dem Gemeinwohl verpflichtet. Aber was soll man von einem neoliberalen Gschaftlhuber wie Gert G. Wagner anderes erwarten? Der Träger des Bundesverdienstkreuzes findet neben der Betreuung eines Lehrstuhls an der TU auch noch die Zeit, beim DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) den Kapitalismus zu bejubeln und in -zig Funktionen verschiedene Ministerien zu beraten. Mit ihm hat die taz den Bock zum Gärtner gemacht: Der Kerl hockt so fett in dem abgehobenen System, das Hans Herbert von Arnim angreift, dass ihm außer Polemik gegen den Systemkritiker nichts Vernünftiges einfällt. Warum erklärt die Redaktion bei einer derart einseitigen und unsachlichen Buchkritik dem taz-Leser nicht in zwei Zeilen die Herkunft und den Hintergrund des Autors, statt einfach so zu tun, als wäre das die objektive Sicht eines unabhängigen Autors, die von der (Kultur!)Redaktion geteilt und deshalb abgedruckt wird? Gert G. Wagner kann man so Einiges unterstellen, aber keinesfalls, dass er ein unabhängiger Autor ist. Und ganz allgemein gesprochen: Weshalb breiten sich in der taz eigentlich überall diese neoliberalen Ideologen aus, die von genau dem Wirtschaftssystem profitieren, das sie dem Volk als alternativlos unterjubeln wollen? Deren Verherrlichungen des kapitalistischen Wirtschaftens kann ich, als objektive Wissenschaft kaschiert, sowieso in der gesamten bürgerlichen Presse lesen.
Tao-te-Punk
Ein ganz wunderbarer Artikel von Susanne Messmer über Peking Punks, ein Klassefoto von einem China-Punk mit Stoppelfrisur, Nietenlederjacke und schwarzem (was sonst*?) Ramones-T-Shirt. Messmer kennt sich aus, hat einen Dokumentarfilm über die Szene gedreht ("Beijing Bubbles") und ist eine der taz-Autorinnen, die ich eh gern lese. Im Lauf des Artikels stellt sich heraus, dass die Typen ganz nach meinem Herzen ausgerichtet sind - antiautoritär, antispießig, antikonsumistisch. Antikommunistisch sind sie auch, aber nur, weil zufällig die KP herrscht. Im Grunde bekämpfen sie den Staat durch Ignorieren. Messmer: "Er sagt, dass er sich ebenso wenig für die Regierung interessiert wie die Regierung für ihn." Sie weigern sich, Karrieren anzustreben und Kinder oder Immobilien anzuschaffen: "Es geht also ums Große und Ganze", weiß die Autorin, "um den Kern des Punk, um Verweigerung an sich." Und dann zitieren die Kerle auch noch Li Bai, den Dichter aus dem 8. Jahrhundert, der den Rausch zur Erleuchtung und zur Komtemplation empfahl, und nicht glaubte, "dass sich der Einzelne nach den Lehren des Konfuzius den Interessen der Gemeinschaft unterzuordnen hat. Er hielt sich an die Lehren Lau Dses, des Begründers der daoistischen Philosophie." Der Sänger der Band "Joyside" jedenfalls liebt die "weitesten Wälder der Welt" in der Provinz Xinjiang, wo er herkommt. Dahin hat er sich erst mal zurückgezogen, bis die Spiele vorüber sind. Susanne Messmer verhehlt nicht, dass sie die Punks von Peking mag. Und sie schreibt über die Leute jenseits von dreißig, die schon einmal revoltiert haben und 1989 von der Partei niedergeschlagen wurden: "Sie halten die jungen Punks von heute für Helden und Hoffnungsträger. Ja sogar für Engel der Geschichte. Die Jungen, so scheint es, haben bessere Chancen, ihre Träume zu leben."
* "Ich trage schwarz, bis es was Dunkleres gibt."
Das Sommerloch
Endlich hat es einen Namen: In diesem Jahr heißt das Sommerloch Franz Müntefering.
------------------------------------------------------------------------------- zur taz vom Dienstag, 19. August 2008
Phil Collins muss blechen
Selten und oft nur mit großer Mühe komme ich auf die Wellenlänge des Humors, der in der Rubrik verboten auf Seite 1 gepflegt wird. Doch gestern konnte ich mich nur den Ausführungen meines Vorredners anschließen. Zur Nachricht, dass Phil Collins 32 Millionen Euro an seine Exfrau zahlen muss, heisst es: "Wenn man nun aber bedenkt, auf welche Weise ('A Groovy Kind Of Love') der Mann sein Geld verdient hat, kann man nur sagen: Strafe muss sein." Jawoll, und man könnte noch die Autorenschaft von "In the Air Tonight" anführen, das Verbrechen, die schlechteste Clapton-LP aller Zeiten produziert zu haben, und die entsetzlichen Untaten erwähnen als Drummer von Genesis, der grauenvollsten "Rock"-Band aller Zeiten. Jawoll, geschieht ihm recht. Allerdings frag ich mich schon, wie bescheuert - oder wie berechnend - eine Frau sein muss, die Phil Collins heiratet. Betrachtet man die Welt mit liebendem Herzen und übt Nachsicht gegen seine Mitmenschen, dann kann man nur zu dem Schluss kommen: So eine Frau hat nicht einmal Phil Collins verdient.
"Achtung: tazblog!": Und morgen die Welt!
Es lässt sich nicht leugnen: Dieses tazblog wird täglich einflussreicher, da geht kein Weg mehr dran vorbei. Sie erinnern sich: Letzte Woche hab ich den Sportredakteuren noch ans Herz gelegt, dass man mit Namen keine Scherze treibt, sie nicht verkalauert. Und was lese ich von Rudolf Walther auf der Wahrheitseite? Einen ganzen unteren Seitenbeitrag über - Namen. Und was schreibt er? Er schreibt: "Vornamen verpassen einem die Eltern, für den Eigennamen kann man gar nichts. Das ist der gute Grund dafür, warum Satire alles darf, nur nicht über Eigennamen spotten oder über deren Herkunft spekulieren. Das vergessen jüngere und ältere Satiriker leider oft, obwohl der Grundsatz von den Meistern der 'Neuen Frankfurter Schule' - F. K. Waechter, Chlodwig Poth und Robert Gernhardt - immer hochgehalten wurde." Täterätääh! Sie sehen, geneigter Leser, in allen Ressorts ist der Einfluss des tazblogs nicht mehr zu leugnen. Wenn demnächst "Das geheime Tagebuch der Carla Bruni" rausfliegt, dann wissen Sie schon, wer dahinter steckt. Denn ich halte es schon immer und immer noch für ganz großen MIST.
Zum Knutschen
Dieses Foto im Kulturteil, Illustration zu dem Bericht vom Musikfestival c/o pop in Köln, ist einfach zum Knutschen, zum Knuddeln, zum ganz feste Liebhaben: Ein pfiffiges Mädchen mit Kurzhaarfrisur, mit gespitzten Lippen, dicke Kopfhörer auf, den Blick zum Himmel gerichtet, den rechten Zeigefinger erhoben und - aufgepasst! - nach oben gestreckt. Sie steht im Vordergrund, unscharf hinter ihr sind noch andere Menschen, ebenfalls mit Kopfhörern, keiner beachtet sie, bis auf den Fotografen, der anonym bleibt. Drunter steht nur: Foto: C/O POP. Ach, was für ein tolles Foto!
Die Gräfin von Schwabing
Zwiespältig: Ein Artikel von Elisabeth Raether über Franziska von Reventlow, die Schwabinger Schriftstellerin, deren Buch "Von Paul zu Pedro" gerade neu erschienen ist (im Manesse Verlag). Anfangs gelingt es Raether, recht kompetent über das Leben und Schreiben der Gräfin von Reventlow, der Vorkämpferin aller selbstbestimmten Frauen des Kaiserreichs, zu berichten. Aber dann kommt sie unseligerweise auf die Idee, über sich zu schreiben. Die Kritik an dem Buch wird zu einer Kritik derer, die es heute lesen, und Raether tut so, als käme es nur darauf an, ob ihre eigene Befindlichkeit in der Gegenwart vergleichbar ist mit der Situation der Franziska von Reventlow. Selten hab ich einen Artikel gelesen, der in dem Augenblick völlig uninteressant wird, als die Autorin anfängt, sich selbst zum Thema zu erklären: "Ich, bald 30 Jahre, unverheiratet, keine Kinder, habe nicht die Sorge, dass ich zu viele Kompromisse mache, wenn es um mein persönliches Glück oder um mein Liebesleben geht." Iss ja toll. Und um zu unterstreichen, weshalb ihr unbehaglich wird, wenn historische Bücher wie das der Reventlow wieder aufgelegt und gelesen werden, wo doch die Zeiten jetzt ganz andere sind, zitiert Raether zum Abschluss die "israelische Soziologin Eva Illouz" aus deren Buch "Konsum der Romantik": "Wer die Bedeutung dieser Neuerung bestreitet, läuft Gefahr, den vormodernen Liebesmärtyrer - vor allem Frauen - zu verklären und ihre Geschichten von Kampf und Leid nostalgisch und neidvoll zu betrachten." Das klingt ja wahrhaft saugefährlich. Ich frag mich: Was hat die Frau nur?
Hoher ÜQ*
Die Kolumne "Warenkunde" hat in dieser Ausgabe den höchsten ÜQ auf der nach oben offenen Verzichtbarkeitsskala. "Die Frau im Trend" - ach geh! Selbst wenn es tatsächlich Marketingexperten, die solch einen Unsinn behaupten, muss man doch nicht gleich zwei Spalten darüber rhabarbern.
* Überflüssigkeitsquotient
Deutscher Buchpreis: das Grauen
Ein wunderbarer Beitrag von Christoph Schröder über die unselige Idee, einen deutschen Buchpreis für Fiktion zu schaffen und damit auch noch saumäßig Erfolg zu haben. Der Autor, selbst Buchkritiker, weiß, dass keine Rezension, egal in welchem Blatt, auch nur den geringsten Einfluss auf Verkaufszahlen hat. Die Auflage erhöhen nur zwei Ereignisse: Wenn Elke Heidenreich ein Buch in die Kamera hält, oder wenn ein Buch für den Buchpreis nominiert wird. Von August an wendet sich dann die ganze Aufmerksamkeit und der Feuilletonrummel den nominierten Büchern zu: "Erst im Oktober, wenn der Preis vergeben und die Buchmesse vorbei ist, wird es wieder ruhiger werden. Und man kann anfangen, jene Titel zu betrauern, die unter der Aufmerksamkeitslawine des Preises verschüttet worden sind."
Zitat I
"Vor zehn Jahren bin ich hierher gekommen und habe gesagt: 'Lehrt mich, ein Bischof zu sein', heute sage ich: 'Lehrt mich, ein Präsident zu sein." Fernando Lugo, der neue Präsident von Paraguay, der an seinem ersten Arbeitstag zusammen mit Hugo Chávez in die ärmste Region des Landes gefahren ist, wo er früher als Bischof tätig war.
Zitat II
"Als Volkswirt muss ich mich für einige Aussagen schämen, die in letzter Zeit in Interviews und Kommentaren auftauchen." Michael Zaton aus Kassel in einem Leserbrief über die Dummbeuteleien nationalökonomischer Kommentarschreiber, die in der taz immer häufiger zu Wort kommen. Siehe oben!
Grüner Politsprech
Einer der größten Knallköpfe im Grünen Bereich ist ja wohl dieser Tarek Al-Wazir aus Hessen. Kostprobe gefällig zur Diskussion um Rot-Grün und eine Tolerierung durch die Linkspartei: Bevor man sich in "schwere See" begibt, will der Obergrüne wissen, "ob wir auf ein hochseetaugliches Schiff steigen oder in ein knallrotes Gummiboot." Mit dem in eine Koaltion zu gehen bedeutet, auf einen durchgeknallten grünen Volltrottel zu setzen.
Verlassen ...
... von allen guten Geistern oder schwer hitzegeschädigt war wohl die taz-Autorin Waltraud Schwab. Und auch der von ihr zitierte Klaus Wowereit hat wohl nicht mehr alle Zapfen an der Tanne. Oder was soll man zu so einem Satz sagen (es geht um einen "Anschlag" auf das "Mahnmal für verfolgte Homosexuelle", wo anscheinend eine Scheibe eingeschlagen wurde): "Das Sichtfenster wurde nun unter anderem zertrümmert." Unter anderem? Da möchte ich gern wissen, was denn noch damit angestellt wurde. Wäre doch wirklich interessant zu erfahren, was man mit einem Sichtfenster machen kann, wenn es mal zertrümmert ist. Und Wowereit, seines Zeichens Bürgermeister, schließt messerscharf: "Dass der Anschlag eindeutig gegen Homosexuelle gerichtet sei, lasse sich jetzt schon sagen." Soso, vorher stand da noch, "der Anschlag" hätte sich gegen eine Fensterscheibe gerichtet. Ganz überraschend auch die Aussage von Volker Beck, Parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen: Anscheinend war die Scheibe schwul, denn "Beck forderte alle Parteien zur Verurteilung homophober Gewalt auf." Na freilich, machen wir, kostet ja nichts. Und dann legt Waltraud Schwab noch einen drauf: "Die authentischsten Worte fand der 95-jährige Rudolf Brazda. (...) 'Dieser Anschlag ist schrecklich. So etwas heute, nach all dem Leid und Grauen, das wir erleben mussten', sagte er." Authentisch - Wowereit. Authentischer - Beck. Am authentischsten - der 95 Jahre alte Herr Brazda. Ob dem Mann mal einer sagen könnte: Nach all dem Leid und Grauen, dass Homosexuelle im Dritten Reich erleben mussten, ist in Berlin eine Scheibe eingeschlagen worden. So ein dämlicher Artikel ist mir selbst in der taz schon lange nicht mehr untergekommen. Das passt aber ins Ressort "inland". Hier häufen sich die Artikel, die einfach nur bescheuert zusammengestöpselt werden, unengagiert, unkonzentriert geschrieben, herz- und lieblos, schlecht recherchiert, wohlfeil empört, leichtsinnig, fahrlässig, wurschtig. Ach je. Bis demnext!
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