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27.09.2008 11:47:01
Den Kurzessay zu Nicolaus Sombart finden Sie unter dem Eintrag am 25. September

16. September 2008

Rick Wright ist gestorben

Wenn es denn tatsächlich eine Revolution war, die in den magischen Jahren 1967 bis 1969 stattgefunden hat, dann haben ohne Zweifel Pink Floyd den Soundtrack dazu geliefert. Was da auf "The Piper at the Gates of Dawn" und "A Saucerful of Secrets" zu hören war, das gab es vorher nicht. Diese Untertasse voller Geheimnisse klang wie aus einer anderen Welt, als wären diese Musiker gerade einer fliegenden Untertasse entstiegen und setzten als Bandkonzept das fort, was John Lennon mit "Strawberry Fields Forever" und "Revolution Number 9" begonnen hatte. Pink Floyd waren die vorderste Front der Pop-Avantgarde - das war Neue Musik, die sich nicht in akademischen Zirkeln versteckte, das waren junge Musiker, die sich im Bereich der britischen Rockmusik bewegt haben. Jeder mit Ohren wusste: Hier geschieht das Neue, das nie Gehörte, das Unerhörte. Und diese Typen waren ganz klar Teil der Subkultur, sie gehörten zu uns, zur Internationale der Langhaarigen und Vollbärtigen, zu den Hippies mit Jeans und Batikhemden, zu den Hanfrauchern und LSD-Trippern, und was sie spielten, war die Revolution. Unsere Revolution. Keine Frage.
Pink Floyd waren psychedelisch, bevor der Ausdruck überhaupt geprägt wurde, sie führten einen in die Tiefen des eigenen Bewusstseins und sie waren immer schon da, wenn man neue Bereiche der unendlichen Innenwelten erkundete. Jeder, der gekifft hat, legte Pink Floyd auf den Plattenteller. Sie zeigten einem den inneren Film der Seele, zeichneten die Landkarten, wo vorher unbenannte Pfade in die Weiten des Bewusstseins führten, sie waren, gute Engländer in der Tradition von Aldous Huxley, vorangegangen durch die Pforten der Wahrnehmung. Kein Wunder, dass der Filmregisseur Barbet Schroeder die nächsten Alben mit ihnen produzierte, als Soundtrack für seinen Ibiza- und Heroin-Film "More", und dann für "La Vallee", die Geschichte über den letzten weißen Fleck auf dem Globus. Auch für "Zabriskie Point" von Michelangelo Antonioni spielten sie die Musik ein, dazwischen kam die Doppel-LP "Ummagumma" und die erste US-Tournee. Der Rest: gigantische Verkaufserfolge - "Atom Heart Mother", "Dark Side of the Moon", "Wish You Were Here", "The Wall" -, gigantomanische Live-Auftritte. Die Schweine flogen, die Feuerwerker vereinigten sich mit den Laser- und Videokünstlern und produzierten phantastische, überwältigende Spektakel, bis die Mauer einstürzte. Die Band zerbrach an zu viel von allem und am Streit ums Geld.
Vor zweieinhalb Jahren brachte der Pink-Floyd-Gitarrist David Gilmour die wunderschöne CD "On an Island" heraus. Da wurde mir zum ersten Mal klar, wo alles herkam: Die Einleitung zitierte aus der zehnten Symphonie von Dmitri Schostakowitsch. Gilmour ging dann mit seiner neuen Musik und mit den alten Pink Floyd Songs auf Tournee. Rick Wright war auch dabei, dazu Phil Manzanera, der Gitarrist von Roxy Music, ein grandioser Saxophonist, noch ein Klavierspieler, ein Superbassist, ein Klasse-Drummer. Am 29. Juli 2006 spielten sie auf  dem Königsplatz in München, und als die Band im zweiten Teil des Konzerts, eine ganze Weile nach Sonnenuntergang, mit den ersten Akkorden von "Shine On You Crazy Diamond" einsetzte, begann es zu regnen, zum ersten Mal nach einer Trockenperiode von fast sechs Wochen. Ein langer, kräftiger Sommerregen prasselte auf München, aber es kühlte kaum ab. Am Ende des dreistündigen Konzerts war ich nass bis auf die Haut und rundum glücklich. Als ich nach Hause kam, hatte es immer noch 28 Grad auf meinem Balkon.
Erst vor drei Wochen hat mir Mona "Ummagumma" auf Doppel-CD zum Geburtstag geschenkt.
Mit ihr zusammen hatte ich Pink Floyd 1971 auf ihrer US-Tournee im Civic Auditorium von Santa Monica erlebt. Ich hatte die Musik seit 30 Jahren nicht mehr gehört, auf CD noch nie. Mir fiel wieder der Einfluss von Schostakowitsch auf, David Gilmour kannte ihn offenbar schon damals. Und deutlich wurde mir auch, wie stark diese Musik von den sphärischen Keyboard- und Synthesizerklängen von Rick Wright geprägt war.
Gestern abend rief Mona an. "Hey, Rick Wright ist gestorben, hamse grade in den Fernsehnachrichten gebracht."

Hier die Meldung von der Website der US-Zeitschrift Rolling Stone:
 
Pink Floyd Founding Member Rick Wright Dead at 65

9/15/08, 1:03 pm EST

Rick Wright, keyboardist and a founding member of Pink Floyd, died today after a battle with cancer. He was 65. “The family of Richard Wright, founder member of Pink Floyd, announce with great sadness that Richard died today after a short struggle with cancer,” Wright’s spokesman said. “The family have asked that their privacy is respected at this difficult time.” Wright, along with Syd Barrett, Roger Waters and drummer Nick Mason, laid the foundation for Pink Floyd, with Wright’s organ work one of the trademarks of the band’s debut album The Piper at the Gates of Dawn. With the addition of David Gilmour and the subtraction of Syd Barrett, Wright’s responsibilities with Floyd expanded, writing and singing on two songs on the band’s second album A Saucer Full of Secrets. Among Wright’s most well-known works as a member of Pink Floyd are co-writing credits on “Us & Them,” “The Great Gig in the Sky” and the Atom Heart Mother gem “Summer ‘68.” Wright remained a member of Pink Floyd until a rift with Roger Waters resulted in his exit after The Wall. Wright later rejoined the band when David Gilmour took over the reins after Waters left the band. Wright was also on hand when the band reunited in 2005 for the Live 8 concert in London. Recently, Wright had joined David Gilmour’s solo tour.

Auf der Website von Rolling Stone trugen sich inzwischen hunderte von Besuchern ein, um mit ihrer Trauer zurechtzukommen. Ich hatte heute morgen einen dicken Kloß im Hals beim Lesen der Kommentare. Das Schöne ist: Man kann sich dazu die Musik anhören, denn Rolling Stone hat die Pink-Floyd-Songs ins Netz gestellt, an denen Rick Wright am stärksten beteiligt war, neben anderen "Us and Them" und "Shine on you Crazy Diamond" und alle 23:44 Minuten von "Atom Heart Mother".

Es gibt wenige Musiker unter den Zeitgenossen aus meiner Generation, die mich so tief berührt haben wie Rick Wright und David Gilmour. Ich komm mir heute vor, als ob ich einen guten Freund verloren habe. Thanks for the music, Rick Wright!

Kommentar

---------------------------------------------Kommentar
Betreff: tazblog, 16. 9. 2008
Hallo Hans Pfitzinger,
seit längerem lese ich immer wieder deinen Blog und freue mich meistens ziemlich über die Watschensuppen für Schreiber und Beschriebene/s. Was mich seit längerem tierisch nervt, sind die Herren Bollmann, Füller und in Maßen auch Kreutzfeldt, die vielleicht ganz gut in eine Hauspostillenredaktion des Seeheimer Kreises passen, aber in der Taz eher deplaziert wirken. Deshalb ein Leserbrief zum luziden Kommentar des Herrn Bollmann, ist allerdings schon eine Weile her. Und natürlich vieel zu lang für eine Veröffentlichung in der Taz. Und Internet kennen die ja nicht, und wenn doch, dann werden Kriterien an die Veröffentlichbarkeit angelegt, die auch für den Rheinischen Merkur gelten könnten. Mut scheint auch nicht die Sache der Leserbriefredaktion zu sein. Genug der Vorrede.
M. Stocker

(Lesen Sie den vollständigen Brief von M. Stocker an die taz - ein dringend nötiger Nachhilfeunterricht für den Redakteur Ralph Bollmann - unter "Blog + Leseproben"! -hp)

Kommentar

17. September 2008

Die Umverteilung ist abgeschlossen:
Peer Steinbrück, der Schröder unter den Finanzministern

In der taz von gestern führten Hannes Koch und Stefan Reinecke ein langes, aufschlussreiches Interview mit diesem Finanzminister, der, so erfahre ich, früher mal Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen war. Ach der! In meiner Wahrnehmung habe ich den Kerl immer bei der CDU verortet. Die taz nennt ihn "Schröderianer", in Anführungszeichen. Genau so kommt Peer Steinbrück auch rüber in dem Interview. Was für eine Sprache der draufhat: "Es stimmt: Arm und Reich haben sich auseinanderentwickelt." Das klingt wie ein Naturgesetz, so läuft das halt. Weshalb das so gelaufen ist, weiß Steinbrück selbstverständlich, hat er doch selbst an den asozialen Steuergesetzen und am Abbau des Sozialstaats heftig mitgewerkelt. Selbstverständlich verliert er kein Wort darüber, dass die Leute nicht ganz so blöd sind, wie er hofft, denn der SPD sind genau deshalb die Mitglieder und die Wähler davongelaufen, und sie laufen immer noch. Aber er will sich das Geld unter keinen Umständen dort holen, wo es gelandet ist: "Wenn ich diese Bürger" - er meint die "Besserverdienenden" - "mit hohen Steuern überfordere, entziehen sie sich dem Solidarsystem. Damit ist niemandem geholfen. Der Schlüsselbegriff für ein selbstbestimmtes Leben ist nicht mehr Umverteilung, sondern mehr Bildung."
Mit anderen Worten: Bisher haben sie sich noch nicht dem Solidarsystem entzogen, und wenn Leute wie Dr. Arnd Oetker, der Vize des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, ihr Geld in die Schweiz oder nach Liechtenstein schaffen, dann beweist das die Solidarität mit dem von der SPD geschaffenen System. Ein "selbstbestimmtes Leben" bedeutet, wenn ich reich genug bin, kann ich selbst bestimmen, wo ich meinen Reichtum versteure. Über Umverteilung muss man gar nicht mehr reden, sie ist ja erfolgreich abgeschlossen, die Reichen sind reicher geworden, die Armen sollen arm bleiben. Mehr Bildung - das hilft irgendwann ihren Kindern, die sollen's mal besser haben. Die Generation von Leuten, die von der Schröder-Politik in die Armut getrieben worden sind, hat er abgeschrieben: Wer SPD wählt, wählt eine bessere Aussicht im nächsten Leben. Das kennt man schon von anderen Religionen. Die geistigen Väter der neoliberalen Kirche predigen das jetzt also auch.
Wenn Sie glauben, das seien jetzt Unterstellungen eines SPD-Gegners, dann liegen Sie falsch. Steinbrück ist der beste Vertreter des Kapitals, ein wackerer Streiter für die Interessen der Arbeitgeberverbände, und das drückt er sehr schön selbst aus: "Es wird zu viel über Verteilung geredet und zu wenig über Leute, die etwas leisten, die neugierig und schnell sind und ihren Job gut machen. Und die nicht lamentieren, wenn sie mal 15 Minuten am Tag länger arbeiten müssen."
Das hätte der Präsident des BDI nicht schöner formulieren können als Herr Steinbrück von der SPD: "Es wird zu viel über Verteilung geredet." Genau, es ist doch schon verteilt - siehe oben. Und je länger die Leute arbeiten, umso besser für die Arbeitgeber, dann müssen sie keine weiteren Mitarbeiter einstellen. Der verdammte Sozialist Hugo Chávez hat die Arbeitszeit in Venezuela übrigens auf 30 Stunden pro Woche gekürzt. Das wussten Sie nicht? Soll hier ja auch keiner wissen,  damit die Leute nicht auf dumme Ideen kommen.
Steinbrück: "Wir machen Politik für Arbeitslose, Alleinerziehende oder Kinder bildungsferner Schichten."
Wie dieser Mensch auf die Idee kommt, dass ihm irgendjemand mit einem IQ jenseits der Schuhgröße (Gruß an Mathias Bröckers!) solche Sprüche abnimmt, ist mir ein Rätsel: So bildungsfern kann niemand sein, dass er Steinbrück auch nur ein Wort glaubt.
Aber es geht jetzt aufwärts mit seiner Partei - die Hoffnung des Herrn Steinbrück stirbt zuletzt. Er muss sich bestimmt keine Sorgen machen, für Leute wie ihn wird sich immer ein Job finden, egal in welcher Koalition seine kleine Partei landet - ich nehme mal an schwarz-rot-grün, die tazpresso-Dosen-Koalition: "Ich glaube, dass der Rücktritt von Kurt Beck ein heilsamer Schock war. Wir dürfen und müssen um Inhalte ringen, aber wir müssen geschlossener auftreten. Mit Müntefering und Steinmeier haben wir die Chance dazu. Alle wissen: Wenn wir die verspielen (er meint die Chance, geschlossener aufzutreten, -hp), dann sehen wir bei der Bundestagswahl 2009 alt aus."
Der Spiegel erschien am Montag mit dem Titel "Schröders Rückkehr", womit wohl gemeint war: Beck war der einzige, der dem Ziel, die SPD endgültig zu ruinieren, noch im Weg stand. Ich bin fest davon überzeugt, dass sie es mit Peer Steinbrücks Devise schaffen werden.
"Die Reihen fest geschlossen" - damit hat man in Deutschland schon einmal ganz schön alt ausgesehen.

Kommentar

18. September 2008

Meinungsfreiheit - die Freiheit, Blödsinn zu verbreiten und sich lächerlich zu machen

Da stellt sich einer mit dem Brustton der Überzeugung und der routinierten Formulierungskraft des Profischreibers hin und behauptet Dinge, die nachweislich falsch sind. Ralph Bollmann hat mit seinem Kommentar vom 11. 9. 2008 ("Zurück in die Bonner Republik") eine Reihe empörter Zuschriften ausgelöst. Eine davon, die für die Leserbriefspalte wohl zu lang und zu polemisch war, finden Sie hier im Eintrag vom 16. September. Ein paar andere hat die zuständige Redakteurin in der taz von heute abgedruckt.
Nun frage ich mich: Wieso schreibt Bollman solch einen Blödsinn? Weil's schnell gehen muss? Weil er eine vorgefasste Meinung hat, und die Fakten zwischen seine Scheuklappen zwingen will? Weil er eine bestimmte (Wirtschafts-)Politik unterstützt, und es gar nicht um Erkenntnis und Wahrheit geht, sondern dem Leser eine Ideologie aufgedrängt werden soll? Weil der taz-Mann bereits blind für die Fakten ist, und nichts in seine Gedankenwelt eindringen lässt, das seinem Weltbild widerspricht? Das wäre ein Krankheitssymptom, und man müsste ihm Heilmaßnahmen empfehlen.
Reiner Hofmann schreibt: "Man kann ja eine andere Meinung haben. Was mich nur mittlerweile insbesondere bei den Wirtschaftsjournalisten nervt, ist die Tatsache, dass mit falschen Fakten argumentiert wird. Es ist definitiv falsch, dass es in der ganzen Welt keine vergleichbare Regelung wie die deutsche Pendlerpauschale gibt. Das Gegenteil ist der Fall. USA, Frankreich, Schweiz, Österreich und etliche andere Staaten sehen eine Berücksichtigung der Kosten von Fahrten zwischen Wohnung und Arbeitsstätte bei der Ermittlung des Einkommens aus unselbständiger Erwerbstätigkeit vor. Nur Herr Steinbrück sieht im Einklang mit etlichen Wirtschaftsjournalisten diese Fahrten mit zum Teil absurden Begründungen der Journalisten als Privatvergnügen an. Insgesamt kann ich zu diesem Artikel nur sagen: 'Hier spricht ein Blinder von der Farbe'."
Schon früh am Morgen des 11. September machte Gerold Schwarz auf taz.de seinem Ärger Luft: "Es wäre schön, wenn Herr Bollmann vor der Abfassung solcher Dogmen wie derjeniger, dass die Arbeitslosenhilfe eine Institution sei, die es in dieser Form nirgendwo auf der Welt gebe, zumindest einen minimalen Abgleich mit der Realität durchführen würde. Ein ganz kurzer Blick in die Sozialsystem-Vergleichstabelle der Europäischen Kommission (MISSOC) hätte dann gezeigt, dass es auch heute noch, nach zahlreichen neoliberalen Sozialkürzungsprogrammen in ganz Europa, in folgenden EU-Mitgliedsländern eine Existenzsicherung bei Arbeitslosigkeit gibt, die dauerhaft vom vorherigen Arbeitseinkommen abhängt:
Belgien (zeitl. unbegrenztes ALG)
Dänemark (begrenzt auf 4 Jahre, Verlängerung bis z. 60. Lebensjahr möglich)
Frankreich (Allocation spécifique de solidarité)
Irland (Assistance)
Österreich (Notstandshilfe)
Finnland (Työmarkkinatuki)
Deutschlands Sozialsysteme wurden mit der Agenda 2010 eben gerade nicht auf den 'üblichen Standard' des übrigen (West-) Europas gebracht, sondern damit wurde ein neuer Zyklus von Sozialdumping ausgelöst, indem die dortigen Sozialsysteme durch Deutschland unter massiven Konkurrenzdruck gesetzt wurden.
Da es sich beim 'alten bundesrepublikanischen Sozialsystem' daher nicht um einen Wohlstandsluxus handelte, wie von Herrn Bollmann impliziert, sondern um ganz gängigen westeuropäischen Standard, ist es auch nicht das 'viele Geld, das in die Statussicherung floss', welches nun der Bildung fehlt, sondern, was Herr Bollmann hier verschweigt, das viele Geld, das in zahlreichen Steuererleichterungen der letzten Jahre zugunsten der Bezieher von Kapitaleinkommen den öffentlichen Haushalten entzogen wurde."
Lurchi hat sich dann am Mittag über Bollmann ausgelassen, und war ebenfalls von den falschen Fakten genervt: "...hinzu kommt, dass gerade Geringverdiener in hohem Maße von der Pendlerpauschale profitieren. Wer 80 km täglich pendelt, nur um einer schlecht bezahlten Arbeit nachzugehen, soll nach der Meinung von Herrn Bollmann noch weniger Geld am Ende des Jahres behalten? Blödsinn."
Auf den Punkt bringt es Andreas Grech, der es zwar nicht auf die Leserbriefseite der Printausgabe geschafft hat, aber seine Feststellung ist nicht von der Hand zu weisen, und die Frage ist nur zu berechtigt: "Das ist selbst für TAZ-Verhältnisse ein auffallend peinlicher Kommentar. Wie kann man allen Ernstes derart abstruse Argumente anführen?"
Ja, wie kann man? Es geht wohl um Agitation für eine bestimmte politische Haltung, und da darf man sich nicht von der Realität ablenken zu lassen. Was dabei herauskommt, hat mit seriöser journalistischer Arbeit nichts zu tun. Meinungsfreiheit bedeutet in diesem Fall: Die Freiheit, seine Ideologie zu verdeutlichen und sich lächerlich zu machen.
Und wieder verabschiedet sich ein taz-Redakteur aus dem Kreis derer, die ich mal ernst genommen habe.
Iss doch auch was.

Hugo Chávez und seine Agenda 2010

Nein, selbstverständlich nennt er es nicht "Agenda 2010", aber das mit der 30-Stunden-Woche sieht so aus: In Venezuela soll in zwei Jahren die tägliche Arbeitszeit auf sechs Stunden verkürzt werden. Das gehört zu den Maßnahmen, die Hugo Chávez im Rahmen der Verstaatlichung von Grundindustrien angekündigt hat. Man erinnert sich: In Frankreich gab es vor dem Amtsantritt von Nicolas Sarkozy immerhin die 35-Stunden-Woche. In Deutschland, entnehme ich diversen Nachrichten der letzten Tag, wird durchschnittlich 41 Stunden gearbeitet. An dieser Stelle sei noch einmal Peer Steinbrück zitiert, siehe Eintrag von gestern:
"Es wird zu viel über Verteilung geredet und zu wenig über Leute, die etwas leisten, die neugierig und schnell sind und ihren Job gut machen. Und die nicht lamentieren, wenn sie mal 15 Minuten am Tag länger arbeiten müssen."
Venezuela gilt ja in der Wahrnehmung vieler Europäer als Entwicklungsland. Auch von dieser Vorstellung muss man sich verabschieden, und von der Annahme, dass Europa an der Spitze des sozialen Fortschritts steht. Wir sind auf dem besten Weg, in frühkapitalistische Verhältnisse zurückzufallen.
Das wird besonders deutlich, wenn man die (Sozial-)Politik von Chávez und Evo Morales beobachtet. Zitat von Gerhard Dilger aus der taz von heute: "Nach Regierungszahlen haben sich dank Morales' Nationalisierungspolitik auch die Einkünfte der Provinzen aus der Erdgasförderung seit 2005 verdoppelt bis verdreifacht - obwohl seit Februar ein Teil davon als 'Rente der Würde' für Hunderttausende arme BolivianerInnen über 60 abgezweigt wird."
Und hier in Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, wurde der Abbau des Sozialstaates von Gerhard Schröder und seinen SPD-Lakaien damit begründet, es sei dafür "kein Geld da", und deshalb gäbe es keine Alternative. Und Leute wie Ralph Bollmann verbreiten bis heute, die Absicherung der Grundexistenz vor dem Kahlschlag sei "Wohlstandsluxus" gewesen. Es wäre zum Haareraufen, wenn man noch genug davon hätte und der Rest nicht zu kurz dafür wäre. Aber sehen Sie selbst.


Die taz vom 17. September 2008:

Rick oder Richard?

Na ja, mit Taufnamen hieß er wohl Richard. In der taz steht ein feines Stück von Julian Weber zum Tod von Rick Wright, sehr sach- und fachkundig. Weber schafft es tatsächlich, den Namen David Gilmour nicht ein einziges Mal zu erwähnen, was beim Nachruf für ein Bandmitglied von Pink Floyd gewiss eine Leistung darstellt.
Gilmours "Live in Gdansk" von der Tournee 2006, kommt am Montag in die Läden, und so trifft es sich, dass damit wohl das letzte Mal Rick Wright bei einem Konzert dokumentiert wurde. Die Veröffentlichung zu diesem Zeitpunkt war lange geplant, mit dem Tod von Wright hat das nichts zu tun.

Diktatur des Orgasmus

Ein witziges kleines Interview von Rebecca Hoffmann auf taz zwei: Sie hat einen katholischen Priester ausfindig gemacht, der bei "offene tür berlin e. V." Menschen mit Sexualproblemen berät. Schön seine Antworten: "Es ist offenbar ein unausrottbares Klischee, dass Priester beim Gesprächsthema Sex entweder jungfernhaft erröten oder vor Erregung speicheln." Und seine Sicht der "Pornografisierung der Gesellschaft" ist sicher bedenkenswert: "Sex ist durch Kommerzialisierung omnipräsent und damit banalisiert, andererseits erleben nicht nur junge Menschen die gängige Dissoziation von Liebe und Sex zuerst als befreiend, dann aber als extrem frustrierend, und sie leiden zunehmend unter sexuellem Leistungsdruck, einer Art Diktatur des Orgasmus."
So ändern sich die Zeiten - früher war es die "Diktatur des gemeinsamen Orgasmus" ...
Hehehe.

Zitat

"Nur oberflächlich unterscheidet sich das Geschäftsgebahren der Sopranos von jenem etwa der Lehmann Brothers - die Macher der Serie ließen keine Gelegenheit aus, aktuelle Entwicklungen im Leben dieser halbprovinziellen Mafia zu spiegeln - meist durch brillante Dialoge, die jedem Autor die Neidesröte ins Gesicht treiben. 'The Sopranos' ist ein würdiger Nachfolger der Buddenbrooks."

Ilija Trojanow, "Korruption ist der einzige Kitt", auf der Seite "meinung und diskussion"

Schrödingers Gurke

Zu einer "Gurke des Tages" auf der Wahrheit vom 12. 9. schreibt der Leser Gerhard Rudolf aus Bad Homburg: "'Gibt es Erwin Schrödinger überhaupt, wenn niemand hinguckt?" ist eine wundervolle Parodie auf 'Schrödingers Katze'." Erwin Schrödingers Quantenmechanik "lehrt, der Zustand eines (quantenmechanischen) Systems sei so lange grundsätzlich unbestimmt, bis er gemessen wird. Erst dann entscheide es sich für den einen oder anderen Zustand. Übertragen aufs Makroskopische würde das bedeuten, ob der Zug Verspätung hat oder nicht, entscheidet sich erst, wenn er im Bahnhof einrollt, davor hat er sowohl Verspätung als auch nicht. Schrödinger hat daraus die Fabel konstruiert: Ein zerfallendes Atom (von dem man nie weiß, wann es das tut) löst einen Schussmechanismus aus, der eine Katze in einem Kasten tötet. Solange keiner nachschaut, ist die Katze in einem geheimnisvollen Zwischenzustand - sie ist weder tot noch lebendig, oder beides."
Ah, so ist das also. Ob sich noch  jemand an das Buch "Schrödingers Katze" von Robert Anton Wilson erinnert? So lange ich nicht nachschaue, ob es noch in meinem Bücherregal steht, ist es entweder noch da oder nicht, oder beides.
Na ja, ich hab's vor vier Jahren mit dem Rest meiner Bibliothek an Thekla Kastner verkauft. Sie können ja mal im Amalien-Antiquariat hinter der Uni vorbeischauen, vielleicht ist es noch da oder nicht, oder beides.

Anzeige vom Fußvolk

Mitglieder von Bündnis 90/Die Grünen rufen in einer Viertelseitenanzeige dazu auf, den Bundeswehreinsatz in Afghanistan zu beenden und an den Friedensdemonstrationen am 26. September in Berlin und Stuttgart teilzunehmen.
Brav, die Basis!

Zahlen

Die Ausgaben für "Verteidigung" - Sie wissen schon, Freiheit am Hindukusch - steigen im Haushalt der Bundesregierung für das Jahr 2009 um 5,6 Prozent auf 31,1 Milliarden Euro.

Karikatur

In einer Großstadtstraße, durch Bankentürme am Horizont als Frankfurt erkennbar, steht ein Männchen und schreit laut Sprechblase: "Ich zahl alles!!"
Bildunterschrift: "Bankenkrise: Kleiner Mann, ganz groß".
Nein, es ist nicht zum Lachen.


19. September 2008

David Gilmour: Der Gitarrist von Pink Floyd auf der Insel

Wegen Rick Wright hab ich www.davidgilmour.com angeklickt, und da steht ein sehr bewegender Nachruf. Und weil ich schon von „Live at Gdansk“ gehört habe, schaute ich mich noch etwas um auf der - na klar - wunderschön spitzen-top-erstklassig gestylten Website, und stieß auf die folgenden Informationen.
Das Abschlusskonzert von David Gilmours Tournee „On an Island“ fand im August 2006 vor 50.000 Zuschauern auf der Danziger Werft statt, wo einst die Solidarnosc-Bewegung ihren Ausgang nahm. Zur Tour-Band (Rick Wright erhielt am Schluss den meisten Beifall) kam an diesem Abend noch ein 40-köpfiges Symphonieorchester dazu.
Das Konzert wurde selbstverständlich aufgezeichnet und gefilmt, und kommt am Montag in einer beispiellosen Vermarktungsvielfalt in die Läden. Alle Angebote sind in einer „CO2-neutralen Kartonbox“ verpackt:
- als 2 CD-Audio Version
- als 2 CD-Audio Version plus 1 DVD mit 114 Minuten Konzertfilm und 37 Minuten Dokumentarfilm „Gdansk Diary“ (Danzig-Tagebuch) 
- als Box mit 2 CD und 2 DVD inklusive 12-seitigem Booklet und Konzertfotos - auf der zweiten DVD sind noch Konzertfilme aus London und Sessions aus dem Abbey-Road-Studio, dazu Aufnahmen von Jam-Sessions aus Davids Scheune. Zugabe: das Album „On an Island“ in „5.1 surround sound audio".
- Das Top-Angebot aber ist die Box mit 5 Scheiben - da gibt's noch eine CD extra, mit Aufnahmen aus Konzerten in anderen Städten, ein 24-seitiges Booklet, Konzertsouvenirs (?) und ein beidseitig bedrucktes Poster.
- Als Besonderheit wurde das Konzert auch noch auf vier Vinyl-LPs gepresst, plus eine fünfte, auf der die Scheunen-Jams, ein Song aus Venedig und zwei Live-Songs aus den Abbey-Road-Sessions zu hören sind. Die Box mit den Vinyl-Platten enthält einen „Webpass“. Mit dem kann man sich den Inhalt der fünf LPs im MP3-Format auf einen Computer seiner Wahl runterladen.
Ich hab keine Ahnung, was das alles im Einzelnen kostet, aber es knüpft nahtlos an die frühere Pink-Floyd-Gigantomanie an. David Gilmour ist zweifellos ein Irrer.
Aber er hat offensichtlich alles unter Kontrolle.

Avantgarde-Ratten hauen ab, Berlin sinkt

Höchste Alarmstufe - mit Berlin isses bald vorbei. Früher hieß es, die Stadt - naja, sie nennen sich ja Land -, also, das Land Berlin sei pleite. Das hat aber nichts weiter ausgemacht, die Politiker wurden weiterbeschäftigt und -zahlt, auch Berlin ging weiter. Noch früher hieß es, mit Berlin sei es vorbei, als David Bowie wieder weggezogen ist. Das war ein Schmarren, weil dann kamen Lou Reed und U2, und Berlin ging weiter. Dann kamen die Trabis, und mit Berlin war's, für mich, aus. Seitdem bin ich auch nicht mehr hingefahren - ohne Mauer und ohne Interzonenautobahn hat mich dieser öde Steinhaufen mit seiner abscheulichen Architektur eh nicht mehr interssiert. Aber Berlin ging weiter.
Und jetzt behauptet Tobias Rapp, es gehe dahin mit Berlin, weil DJ Fetisch weggezogen ist. Ich muss gestehen, ich kenne den Mann nicht, aber er hat diesem Sonntagsblatt FAS ein Interview gegeben und dabei gesagt, dass er nach Paris geht: "Berlin hat seine Zeit gehabt, und diese Zeit ist jetzt vorbei." (Ich hab's übersetzt, im FAS-Orginal und in der taz steht's auf Englisch (in English).
Dieser kleine Beitrag ist ganz entzückend inzüchtig ünd überflüssig (ja ich weiß schon, es müsste "und" heißen, aber ich steh grad auf Wörter mit ü, und eine Freundin von mir heißt Gülsüm, hühühü). Ja, was ich sagen wollte: Der Beitrag "Auch das noch - die Avantgarde verlässt Berlin" ist hinreißend entbehrlich und hat den höchsten ÜQ* seit langem.

* Überflüssigkeitsquotient auf der nach oben offenen Verzichtbarkeitsskala


Gehen Sie sofort ins Kino! Jetzt!

Ein Film von David Mamet ist immer ein Ereignis, und etwas ganz Besonders scheint der Film "Redbelt" zu sein, über den Ekkehard Knörer schreibt: "Mamet zinkt in diesem Film die Karten so, dass am Ende gegen alle Wahrscheinlichkeit der Glaube an die Unschuld triumphiert. Bei Lichte besehen ist das natürlich ein Trick und ein Widerspruch. Im Dunkel des Kinos betrachtet aber ist es ein einziges großes, hochraffiniertes Vergnügen."
Jaja, Kino - falls sie sich schon mal gewundert haben, wo der dritte Bestandteil in meinem Website-Motto da oben herkommt: "Licht im Dunkeln" weist darauf hin, dass eine Filmvorführung immer Licht ins Dunkel wirft.

Zitat I

"Erfolg für die Frauen"
(Überschrift zu Dominic Johnsons Bericht über die Parlamentswahlen in Ruanda)
Mein Kommentar dazu:                      



(Ende des Kommentars)

Auslandsberichterstattung

Die taz hat einen neuen Korrespondenten im befreundeten Ausland Bayern. Der Mann heißt Bernhard Hübner und scheint - so weit ich das nach den ersten paar Wochen beurteilen kann - ein Glücksgriff für die Redaktion zu sein. Hat ois Hand und Fuaß, was der Mann so von sich gibt, und die Seite über den Sigmund Gottlieb vom Bayern-FS liest sich ganz prima.

Zitat II

"Die Gefährdung für die Schachtanlage Asse II durch Wasser- oder Laugeneinbrüche" ist "als minimal anzusehen bzw. mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auszuschließen."
Der Gutachter Klaus Kühn in den sechziger Jahren

Diese Hohlformel war damals sehr in Mode. Haro Senft hat mal einen Kinderfilm gedreht, es war eine Geschichte mit einer glänzenden Metallkugel, der Titel ist mir entfallen, und da fragt ein kleiner Junge, was denn damit gemeint sei, und ein wohlmeinender Erwachsener klärt den Jungen auf: "Das heißt, dass er nichts weiß."

Geld verbrannt

Schön die Titelseite: Jemand hält ein brennendes Bündel Dollarscheine in der Hand. Geld ist fiktiv, per Computer überwiesenes Geld ist noch fiktiver, und Kapitalismus ist eine der windigsten Religionen überhaupt. gez. Hans

Everything you know is wrong. So long, seekers!
Monty Python



20. September 2008

Da Summa is umma!

Wenn es in München gegen Ende August schon anfängt, kälter zu werden, und der Sommer abgenagt wie ein Apfelbutzen daherkommt, sagt man in der bayrischen Landeshauptstadt traditionell zu einander: "Wart nur, wenn die Wiesn kummt, dann werd's no amal schee."

Heute ist die Wiesn da, der Himmel ist grau, nachts hat es vier Grad und tagsüber 12, und am Montag soll's noch kälter werden, und regnen soll's auch.
Da hilft vielleicht die Zuflucht zur Religion, und deshalb wird hier ausnahmsweise ein Beitrag zur taz verlinkt, denn dieser Jan Ullrich, der für die Wahrheitseite schreibt und inzwischen auch nicht mehr mit einem Radsportler verwechselt wird, hat ja sooo recht:
"Das menschliche Dasein ist gekennzeichnet durch Leid und Vergeblichkeit allen Strebens, verbunden mit der Fähigkeit, dies alles bei vollem Bewusstsein zu durchschauen." http://www.taz.de/1/wahrheit/artikel/1/ist-peter-maffay-eine-religion/

Schönes Wochenende - bibber, bibber!

Morgen die Welt!

Sie erinnern sich: Schon zwei Mal habe ich hier darauf hingewiesen, dass der Einfluss von "Achtung: tazblog!" die taz in weiten Teilen völlig umgekrempelt hat - Journalisten gehen in sich; tun Buße für gewohntheitsmäßig verbreitetes neoliberales Gedankengut; greifen Themen auf, die hier angeregt wurden; wandeln sich von zynischen Menschenverächtern zu liebevoll-nachsichtigen Beobachtern menschlicher Schwächen; Graphiker lassen sich bei der Gestaltung der Titelseiten von meinem tazblog inspirieren; und dergleichen erfreuliche Auswirkungen mehr. Wer hätte das gedacht, als ich vor fünf Monaten anfing mit der täglichen Kommentierung der letzten Bastion des aufrechten Zeitungsmachens?!
Na ich, iss doch klar!
Was mir aber jetzt etwas unheimlich vorkommt, ist die Tatsache, dass sich der Einfluss von "Achtung: tazblog!" noch viel weiter erstreckt: Nicht nur bricht schon nach fünf Monaten Kapitalismuskritik das ganze Finanz- und Investmentsystem von Wallstreet bis Kreditanstalt für Wiederaufbau zusammen, nein, auch Andrea Nahles hat sich meine Kritik zu Herzen genommen. Am 9. September stand - und steht noch - als Eintrag hier im tazblog:

"Und weil ich grade dabei bin: Andrea Nahles hat sich den SPD-Männern rein äußerlich vollkommen angepasst, ihre Körpersprache wirkt wie die eines Apparatschiks, ihre gesprochene sowieso."

Das wollte sie nicht auf sich sitzen lassen. Sie hat sich ein Dirndl gekauft, ist auf das Oktoberfest (in Berlin) gegangen und hat ihre weiblichen Seiten so vorteilhaft zur Geltung gebracht, dass sie sogar auf der ersten Seite der Bild-Zeitung groß rauskam.
Was soll ich jetzt machen? Ich kann nur gleichfalls in mich gehen und mein ruchloses Tun überdenken, und zu dem Schluss kommen: Das mit der Wallstreet und der KfW ist schon recht, aber das mit Andrea Nahles wollt ich nicht.
Na ja, vielleicht doch. Ich mag ja Dekolletés. In der taz sah man auf dem Foto unter "Das gibt zu denken" Frau Nahles mit randvoll eingeschenktem Dirndl. (Leider nur in der Printausgabe, sonst hätte ich es Ihnen hier vorgeführt, denn um der historischen Wahrheit zu dienen, muss schon mal das Copyright zurückstehen.) Liab hat's ausg'schaut! Nahles weiß zumindest, weshalb das Dirndl bei den bayrischen Frauen so beliebt ist. taz: "'Man zeigt, was man hat, und die Problemzonen werden vertuscht', so die Rheinland-Pfälzerin. Die Experten waren begeistert: Arno Makowsky, Chefredakteur der Münchner Abendzeitung, attestierte ihr eine 'passende Figur für ein Dirndl'. So erfolgreich hat sich selten eine 'SPD-Linke' um eine Imagekorrektur bemüht: Auf Bild Seite eins landete Nahles sogar über der üblichen ganz Nackten."

Was lernt uns dat? So fragte immer der Kollege Thomas Wesskamp, der aus Essen stammte. Die Antwort: Die Feder ist mächtiger als das Schwert.
Fazit: Sogar die SPD wird schöner durch "Achtung: tazblog!".










Bankenkollaps: Zitat I









"Wer, wie die Deutsche Bank, mit 25 Prozent Rendite protzt, dem muss man auch abverlangen, dass er 25 Prozent Verlust hinnimmt, ohne nach dem Staat zu schreien. Schreit er doch und kann der Staat nicht einfach die Augen zumachen, weil eine erhebliche Ansteckungsgefahr droht, muss der Staat dem 'Institut' schon lange vorher auf die Finger klopfen, nämlich dann, wenn es mit seinem Renditeziel in aller Öffentlichkeit protzt. In Zukunft muss jedes Prahlen mit extremen Renditen von der Finanzaufsicht, den Finanzministerien, und den Zentralbanken sofort zum Anlass genommen werden, zu prüfen, zu wessen Lasten die Gewinne des betreffenden Finanzinstituts gehen."








Heiner Flassbeck, Chefvolkswirt der UN-Welthandels- und Entwicklungskonferenz in Genf, früherer Staatssekretär im Finanzministerium unter Oskar Lafontaine. taz vom 18. 9. 2009, Seite 3


Papa was a Rolling Stone









Oh je, der Produzent Norman Whitfield, der 1972 mit den Temptations den Hit "Papa was a Rolling Stone" produziert hat, kriegt einen Nachruf in der taz. Gut, dass er dieses bemüht intellektuelle Geseire nicht mehr lesen muss, der gute Whitfield: "So explizit und eindringlich wie nie zuvor spricht der Song das afroamerikanische Dilemma der vaterlosen Gesellschaft  an."
Holy Shit, so ein Scheiß!

Teenager kriegen nie Akne

Okay, wenn Sie das glauben, dann glauben Sie auch, was Julian Weber im Interview den "Pophistoriker" Jon Savage alles plaudern lässt. Der Mann, heute 55 Jahre alt, hat eine Punk-Vergangenheit, und gerade kam ein dicker Schmöker von ihm heraus, 518 Seiten: "Teenage. Die Erfindung der Jugend (1875 - 1945)". Der Autor sagt auch noch, weshalb er sich für kompetent hält, ein Buch über "die Jugend" zu schreiben: "Mit meinen Eltern hatte ich als Teenager oft Streit. Sie hassten die Stones und lange Haare." Ja, wenn das nicht geradewegs zum Punk führt ...
Zugegeben, ein paar Antworten sind gar nicht blöd, aber die Fragen klingen alle wie vorher aufgeschrieben und dann abgehakt - ein Gespräch kommt nicht zustande. Bezeichnend die Schlussbemerkung von Savage: "Die zentrale Frage wird sein, wie in Zukunft Konzepte der Jugend organisiert werden können, wenn man sie nicht mehr über den Konsum organisieren kann. Denn irgendwann im 21. Jahrhundert, vielleicht schon sehr bald, wird es den Menschen nicht mehr möglich sein, so wie im jetzigen Maße zu konsumieren."
Als es interessant werden könnte, iss dann Schluss.

Mentholzigaretten

Vorgestern erzählt der Klaus im Café, dass er mal in einer BAT-Tabakfabrik in Amsterdam gearbeitet hat. "Der größte Dreckstabak kam immer in die Mentholzigaretten, weil es da eh nicht drauf ankam. Wurde ja alles vom Mentholgeschmack übertüncht."
Gestern lese ich, dass Helmut "Schnauze" Schmidt ein Buch in Hamburg vorgestellt hat. Titel: "Außer Dienst: Eine Bilanz". Und das berichtet Anja Hübner auf tazzwei: "Aus seiner linken Brusttasche fummelt Schmidt eine grüne Zigarettenschachtel. Reyno Menthol."
Na ja, das passt schon, denn vorher stand da: "Hey, der Schmidt trinkt ja Cola."
Am 23. Dezember wird Schmidt 90. Und denken Sie immer daran: Rauchen ist tödlich, Zucker ist schädlich.

Peter Lenk: Provo vom Bodensee

Sie kennen Peter Lenk nicht? Den Bildhauer, der so wunderbar provozierende Figuren in den öffentlichen Raum stellt? Zum Beispiel die Imperia an der Hafeneinfahrt in Konstanz von 1993? Ihr Kleid steht offen, drunter trägt sie nichts, in der linken Hand  sitzt der Papst, rechts der Kaiser.
Die taz sei gepriesen, auf einer ganzen Seite mit zwei Fotos berichtet sie über Peter Lenks neue, zehn Meter lange und vier Meter hohe Reliefplastik in Bodman-Ludwigshafen. Titel: "Ludwigs Erbe", ein Denkmal zu Ehren Herzog Ludwigs, des Namenspatrons der Stadt. Lenk muss man wohl als "gegenständlichen" Bildhauer bezeichnen, manche halten ihn auch für einen bildhauernden Karikaturisten. Die taz-Autorin Susanne Stiefel beschreibt das neue Werk so: "Nackt sieht man da Angela Merkel, Gerhard Schröder, Hans Eichel, Edmund Stoiber und Guido Westerwelle in heiterer Stimmung: 'Die haben Spaß am Koalieren, Konsumieren und Kopulieren', so der Künstler. Darunter badet Ex-EnBW-Chef Utz Claasen wie Dagobert Duck in Goldtalern, gemeinsam mit anderen Wirtschaftsgrößen wie Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, einem schwörenden Daimler-Chef Dieter Zetsche und mit VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch. Die kritisierte Managerriege vereint mit dem alten Adel."
Die "heitere Stimmung" sieht so aus: Hans Eichel onaniert mit der rechten Hand und holt mit der linken Schröder einen runter, der in der Rechten ein Transparent hochhält, auf dem "Global PLayers" steht. Mit der Linken fasst er zwischen Merkels Beine, die wiederum Stoibers Pimmel festhält, während der Westerwelle befriedigt, der mit links den anderen Stab von Schröders Transparent trägt.
Hehehe.
Das dreiteilige Wandbild gehört nicht der Gemeinde Ludwigshafen: "Den Mittelteil haben Kunstfreunde mit Spenden finanziert. Nur 1.500 Euro zahlte die Gemeinde, und zwar aus dem Topf, in den Falschparker einzahlen. Nach einer Probezeit von zwei Jahren können sich die Ludwigshafener Bürger entscheiden, ob  sie auch die zwei Seitenflügel kaufen wollen. 'Aber selbstverständlich', darauf besteht der Künstler, 'nur mit Steuergeldern."

Uuuuäääh!

Von Daniel Bax erfährt der Leser, "..., dass sich Muslim-Bashing nicht mit humanistischen Werten in Einklang bringen lässt."
Eine solche Formulierung auch nicht.

Bankenkollaps: Zitat II

"Das hier ist nicht 9/11. Wir wissen, wie wir in den Schlamassel hineingeraten sind. Wir brauchen eine Führung, die uns da rausholt. Ich werde das machen, John McCain nicht."

Barack Obama

Stillstand für 5,3 Milliarden Euro

Der unter großer Medienbeteiligung gestartete Teilchenbeschleuniger LHC in Genf steht nach zwanzig Jahren Vorbereitungszeit und einer Woche Betrieb wieder still. Die Agentur afp meldet, "der Zwischenfall habe keine größeren Auswirkungen."
Und Atomkraft ist sicher.

Kurnaz-Ausschuss

Der oben zitierte Barack Obama machte sich dieser Tage über John McCain lustig, weil der einen Ausschuss zur Klärung der Finanzkrise einsetzen will. "Das ist doch der älteste Trick von Washington", höhnte Obama.
Besser als Karl Lamers, CDU, der Vorsitzende der Untersuchungskommission zum Fall Murat Kurnaz kann man die Vergeblichkeit solcher Bemühungen wirklich nicht ausdrücken: "Die Mehrheit des Ausschusses ist der Meinung, dass der Nachweis für die von Kurnaz erhobenen Vorwürfe ebenso wenig erbracht werden konnte wie der Nachweis des Gegenteils."
Diese Worte sollten in Marmor gemeißelt in jedem Tagungsraum eines jeden Untersuchungsausschusses angebracht werden.
Nur um es festzuhalten: Kurnaz wurde in Afghanistan nach eigenen Aussagen von deutschen KSK-Soldaten verhört und danach ins illegale US-Lager nach Guantánamo gebracht. Frank-Walter Steinmeier, der damalige Minister in Schröders Kanzleramt, hat sich geweigert, ihn dort rauszuholen.
Klassefoto des rasierten Kurnaz in der taz!

Grüne? Nein danke!

Soll ich den Grünen-Bütikofer noch rasch in die Pfanne hauen? Ach nee, vergiss es. Aus, vorbei.
Liebe Kinder, gründet keine Partei, sonst wird es böse enden.










21. September 2008

Happy Birthday!

74 wird er heute, was hauptsächlich daran liegt, dass er 1934 im kanadischen Montreal geboren wurde. Am 6. Oktober spielt er in München: Alles Gute zum Geburtstag!

Satzjuwelen

Einer der mir liebsten Zeitgenossen unter den schreibenden Mitmenschen heißt Jochen Schimmang. Falls Sie nie von ihm gehört oder gelesen haben - zuletzt erschien "Auf Wiedersehen, Dr. Winter" (Verlag Tisch 7). Das sei all den Leuten empfohlen, die sich von Bernd Eichingers Film Aufklärung über die menschlichen Motive der RAF-Leute versprochen und nicht bekommen haben.
Schimmang drängt einem nichts auf, er erzählt einfach, liebevoll, menschlich, unspektakulär. Dabei entsteht eine Atmosphäre, in der man sich als Leser wohlfühlt. Im taz mag schreibt er über einen Roman mit dem Titel "Die Tochter des Buchhändlers" (Picus Verlag, Wien): "Sylvie Schenk verfällt also nicht dem Missverständnis, dass Bücher die Kommunikation und das Verständnis untereinander befördern. Sie weiß, dass es keine asozialere und dabei glücklichere Figur auf der Welt gibt als den manischen Leser. Dessen Kommunikation mit sich selbst wird allerdings durch die Lektüre erheblich auf Trab gebracht. (...) Lesen heißt vor allem, sich um sich selbst kümmern."
Wenn Jochen Schimmang über den Roman einer Kollegin schreibt, darf man keine herkömmliche Buchbesprechung erwarten. So geht es denn mit einem Fazit los: "Dies ist ein zauberhaftes Buch. Natürlich fängt man mit einem solchen Satz keine seriöse Kritik an, allerhöchstens dürfte er am Ende stehen. Ich möchte es aber gleich vorweg sagen und bin dabei trotzdem ganz seriös."
Er verspricht  nicht zu viel, und erklärt erst einmal, was er mit "zauberhaft" meint - weder märchenhaft noch versponnen. Schimmang vergisst auch nicht, die Autorin vorzustellen, und eine Erklärung zu versuchen, weshalb sie so ein zauberhaftes Buch  geschrieben hat: "Sylvie Schenk, die einmal Sylvie Gonsolin hieß und ihre Lyrik noch immer in französischer Sprache schreibt, aber seit Jahrzehnten im Rheinland lebt, hat erst mit 22 Jahren Deutsch gelernt. Offenbar führt das zu einem sparsamen, disziplinierten Umgang mit der neuen Sprache (man kennt das von Becketts Französisch), und dessen Resultat ist Schönheit. Der Roman entsteht übrigens erst, während er gelesen wird (auch das ein zutreffendes Verhältnis zwischen Buch und Leser)."
Und so weiter. Da hat offensichtlich die Schönheit in drei Stufen Schönes inspiriert - ein schöner Roman führte zu einer schönen Rezension mit dem Titel "Alice im Leseland", und die Bildredaktion wurde auch noch angesteckt: Das Foto einer Lesenden, von der nur verstrubbelte Haare, Stirn, Nase, drei Finger und ein aufgeschlagenes Buch aus einer weichen Decke ragen, ist einfach zauberhaft.

Morgen gibt's mehr...

... zur taz vom 20./21. September - ich muss sie erst lesen. Gestern nachmittag hat mich - ausnahmsweise - die Wochenendbeilage der Süddeutschen in der Ritzi-Hotelbar abgelenkt. Da waren gleich vier lange Stücke, die ich gelesen habe, während hinter mir auf dem Fernseher per Bildschirmtext die Ergebnisse der Bundesliga zu sehen waren. Ein Vater kam mit Baby im Kinderwagen und einem etwa sechsjährigen Sohn herein und informierte den Steppke: "Du, die Bayern sind gerade am Verlieren."
"Ah ja? Wie steht's denn?"
"Null zu fünf."
Ein Stück in der Wochenend-SZ war von dem Glückspilz Jan Brandt, der sich als Schriftsteller offensichtlich mit Stipendien an US-amerikanischen Orten durchs Leben schlägt, an denen sich vor ihm schon andere Schriftsteller mit Stipendien durchs Leben geschlagen haben, in diesem speziellen Fall Truman Capote. Und dann hat mich noch ein langes Interview mit einem Rechtsanwalt aufgehalten, in einer obskuren Zeitschrift mit dem Titel Magazin 2000 plus, die mir mein Freund Peter geliehen hat. Prachtvolles Futter für jeden Verschwörungstheoretiker: Der Anwalt hat George W. Bush verklagt, weil der den 9/11-Anschlag auf die Türme des WTC organisiert hat.
So werde ich erst heute am Spätnachmittag zum Rest der taz kommen - aber so viel will ich Ihnen in meiner Eigenschaft als Vorsitzender des Ulrike-Winkelmann-Fanclubs, Ortsgruppe München-Bogenhausen, schon verraten:
Auf der Meinungsseite gibt's mal wieder einen höchst klugen Kommentar von Ulrike Winkelmann. Und ein neues Foto von ihr! Ich schmelze wie üblich dahin.
Apropos Foto: Die Imperia aus Konstanz mit dem Regenbogen (siehe Eintrag von gestern) war ein reiner Glücksfall. Da stand zuerst ein anderes Bild, das ich aus dem Netz geklaut hatte, in ähnlich schön goldenem Abendlicht, aber die prachtbusige Imperia war nur bis zum Bauch zu sehen, ohne Beine. Zufällig hat der Axel sie bei einem Kurzurlaub diesen Sommer im Ganzen aufgenommen, und dann auch noch mit Regenbogen. Heute morgen war's in der E.Mail. Geben Sie's zu: Issn Klassefoto! (Hallo Bildagenturen, bitte melden!). Danke, Axel.


22. September 2008

Tagundnachtgleiche

Herbstanfang hat als Himmelsereignis nichts mit dem Mond zu tun, wie Ostern oder Aschermittwoch. Beim Beginn der Jahreszeiten geht's um den Sonnenstand, und die Tatsache, dass die Erde eiert. Im Moment steht die Sonne am Himmelsäquator, die Nacht ist in etwa so lang wie der Tag. Letzterer dauert heute genau 12 Stunden und vier Minuten. Hätten wir nicht die Sommerzeit eingeführt, ginge die Sonne um sechs Uhr morgens auf und um sechs Uhr abends unter, plus/minus ein paar Minuten. Sonnenaufgang in München war heute um 7:03 Uhr, untergehen wird sie um 19:07 Uhr. Von jetzt an verzieht sich unser Zentralgestirn allmählich nach Süden, in Kapstadt wird es Frühling, in München Herbst, der sich im Moment wie November anfühlt. Wenn die Sonne dann kurz vor Weihnachten den südlichsten Punkt erreicht hat, den Wendekreis des Steinbocks, erleben wir die längste Nacht des Jahres. Und dann geht's zurück nach Norden, und die Tage werden wieder länger.
Schöne selbige wünsche ich Ihnen, auch wenn sie erst mal kürzer werden!
Apropos Wendekreis ... man sollte mal wieder Henry Miller lesen.

Werbung für den RAF-Film, oder: RAF sells!

Na ja, Andreas Fanizadeh bringt's auf den Punkt auf Seite 4: "RAF sells!" Anders kann ich mir nicht erklären, weshalb die taz mit dem Titel "Der neue RAF-Film: Ein starkes Stück" aufmacht,  einen Beitrag vom Kulturchef auf die ganze Seite 4 hebt, und die Filmkritikerin Cristina Nord dann noch eine ganze Seite 19 nachlegt. RAF erhöht die Auflage, oder was? Inhaltliche Gründe sind jedenfalls nicht auszumachen - der ÜQ* der beiden Beiträge bewegt sich im oberen Bereich.
Mir ist schon klar, weshalb die ARD und ihre Ableger Tageschau, tagesschau.de, br-online und so weiter die Verleihwerbung der Constantin unterstützen und den Rummel mitmachen - sie haben ja den Film co-finanziert. Bei der taz fällt die Erklärung
nicht so leicht, weshalb sie sich das Thema als wichtig aufdrängen lässt und den Hype mit ankurbelt. Aber vielleicht hat die Kampagne für den Eichinger/Aust-Actionthriller ganz banale Gründe: taz-Redakteure/Kritiker haben sich in den letzten Wochen zweimal in Randspalten beleidigt darüber ausgelassen, dass sie nicht zur ersten Pressevorführung eingeladen wurden. Vielleicht soll der Constantin und Bernd Eichinger mit wohlwollender Berichterstattung deutlich gemacht werden, wie wichtig die taz für den Erfolg eines Films sein kann. Und dann bekommt sie zumindest beim nächsten Film eine Einladung und der/die taz-Kritiker/in darf schon bei der ersten Pressevorführung neben Stern, Spiegel und Zeit sitzen.
Das heißt aber nicht, dass es nicht um "RAF sells!" geht.

* Überflüssigkeitsquotient auf der nach oben offenen Entbehrlichkeitsskala

Kiffen und Grasen









Paranoia strikes deep
Into your life it will creep
It starts when you're always afraid
You step out of line, the man come and take you away
Buffalo Springfield





Vielleicht fing der Niedergang der taz an, als die Säzzer-Bemerkungen rausgeflogen sind. Oder es ging bergab, als Redakteure eingestellt wurden, die von Kiffen und Grasen keine Ahnung hatten. Das deprimierendste Ressort in der taz ist zur Zeit die Abteilung "inland". Beispiel Wochenendausgabe: "Haschkonsum kann schizophren machen". Da kann ich nur sagen: und taz-Lektüre depressiv. So ein Mist wäre früher bestimmt nicht ohne hämische Säzzer-Kommentare ins Blatt gekommen.
Diesen Artikel hätte man fast wortwörtlich aus dem Archiv des Holsteiner Landboten, Jahrgang 1972, abschreiben können. Oder aus dem Stern, ca. selbe Zeit. Es ist nicht zu fassen! In der taz!!! Anscheinend muss jede Journalistengeneration immer bei null anfangen.
Da wird von einem Typen (1 Typ) berichtet, der mit "gerade Anfang 20 ... öfters mal einen Joint geraucht" hat. Und dann hat er einmal Paranoia erlebt, wie das halt vorkommt: "An diesem Tag tuschelten plötzlich alle um ihn herum böse Worte - so kam es ihm vor." Na ja, wenn man kifft verändert sich halt die Wahrnehmung - wer das nicht will, sollte die Finger davon lassen. "Thomas Schönwasser ging heim, aber das unangenehme Gefühl blieb. 'Sogar meine Familie kam mir immer feindseliger vor.'"
Tja, so was passiert, und manchmal ist Paranoia nur eine gesteigerte Form der Wahrnehmung, und vielleicht sah er seine Familie zum ersten Mal im Leben richtig: Als die feindseligen Arschlöcher, die sie waren.
Doch der wackere taz-Autor Bernd Kramer hat noch schlimmeren Horror auf Lager: "Manchmal hielt er sich selbst für Jesus, stellte sich ans Fenster der fünften Etage und breitete die Hände aus. 'Ich dachte, ich könnte Wunder vollbringen.'"
(An dieser Stelle fehlt nur, dass er geglaubt hat, fliegen zu können und aus dem Fenster sprang. Das war vor 40 Jahren die Mindestanforderung für Drogenartikel.)
Die Vorstellung, Jesus zu sein, hat den armen Kerl offenbar sehr beunruhigt, denn er ging zum Arzt und  traf unglücklicherweise einen, der noch nie in seinem Leben gekifft hatte. Der war offenbar erst mal ratlos. "Erst nach Monaten wurde in einer Klinik diagnostiziert: Er war an Schizophrenie erkrankt."
Das bedeutet im Klartext: Damit er Ruhe gab, hat man ihm Medikamente verschrieben, obwohl kein Schwein genau weiß, was mit "Schizophrenie" eigentlich gemeint ist. Dann werden in der taz - wie vor 40 Jahren in den einschlägigen Agentur-Meldungen zum Thema "Drogen" - die ahnungslosen Koryphäen der Wissenschaft mit ihren unbeweisbaren und unbewiesenen Statistiken zitiert: "'Bei nur zwanzigmal Kiffen verdoppelt sich das Krankheitsrisiko', sagt der Wissenschaftler und Arzt." Welcher? "Markus Leweke, Forschungsgruppenleiter an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität zu Köln, erklärt: Wer in seiner Jugend Marihuana rauche, sei noch Jahre später gefährdet." Und später wird der Herr Forschunsgruppenleiter noch mit dem guten Rat zitiert: "In der Pubertät sollte man auf jeden Fall die Finger davon lassen."
Das ist gut gemeint, aber unser Patient war "Anfang 20".
Wer jetzt glaubt, das sei eine der üblichen dpa- oder afp-Meldungen zum Füllen des Sommerlochs, wird bei näherem Hinsehen entsetzt zur Kenntnis nehmen müssen: Das ist ein taz-eigener Bericht, der allerdings seine Panikmache gegen Schluss zu etwas relativiert: "Warum genau Cannabis das Risiko erhöhen soll, ist nicht bis ins Detail erforscht. Schließlich erkranken auch Menschen daran, die nie Drogen genommen haben."
Schließlich schreiben auch Journalisten darüber, die nie gekifft haben. Wie Taube, die einem die Musik von Pink Floyd erklären. Wem solche Artikel nützen, erfährt man am Schluss: "Auch Thomas Schönwasser, der seine Krankheit heute durch Medikamente im Griff hat, warnt vor Drogen. Regelmäßig besucht er Schulen und erzählt von seinem Horrortrip, der nicht verging."
Er nimmt Medikamente und warnt vor Drogen. Ist das nicht putzig? Vermutlich werden die Schulvorträge vom Hersteller seines Antidepressivums gesponsert. Novartis? Bayer?
Der Bundesverband der Pharmaindustrie dankt Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit, geneigter Leser.
P. S. Nichts ist für jeden.

Rundschlag & Fragen

Schön: nur Radltouren im Reiseteil, keine Rundflüge über irgendwelche Ozeane, keine Einkaufsempfehlungen für Designer-Buttiken in New York, ja so was! - Wen interessiert eigentlich, von taz-Redakteur Jan Feddersen mal abgesehen, was Gloria von Tut und Tatnix gackert? - Warum lese ich auf taz zwei in der Rubrik "Mehr auf taz.de" am Samstag dasselbe wie am heutigen Montag?

Das Imperium des Alfons Sch.

Ein Prachtstück über Alfons Schuhbeck ("Der kochende Macho"): Gut recherchiert und fein geschrieben von Georg Etscheit. Das Schuhbeck-Imperium wuchert wie ein multinationaler Konzern. Kostprobe: Nachdem er die "Südtiroler Stuben" am Platzl übernommen und in "Schuhbeck's" umgetauft hatte, ging's erst richtig los. Etscheit: "Nach und nach eröffnete Schuhbeck einen edlen Gewürzladen, eine Eisdiele sowie ein Geschäft für ausgefallene Schokoladenkreationen und übernahm die Restauration im Orlandohaus. (...) Aus einem akurat renovierten Münchner Altstadthaus am Platzl, wo sich auch Schuhbecks Kochschule befindet, steuert er seine hessische Niederlassung (...) bei Frankfurt am Main, seinen Partyservice, sein Fress-Varieté "Teatro", seinen Präsentservice, die Vermarktung seiner Kochbücher und nicht zuletzt seine zahllosen TV-Auftritte."
Außerdem leitet er die Küche im Vereinszentrum des FC Bayern, und dieses Jahr ist er (im Festzelt "Hippodrom") auch noch auf der Wiesn vertreten.
Speedy Fonse!

Wer die Definitionen hat ...

... hat die Macht. So einfach erklärt das Humpty Dumpty der kleinen Alice im Wunderland. Ulrike Winkelmann geht in ihrem Kommentar zum Afghanistan-Schlamassel vom selben Ausgangspunkt aus: "Wer als erster 'Krieg' sagt, bestimmt die Wahl der Waffen."
Aber noch hat man sich nicht auf die einheitliche Defintion geeinigt. Der Verteidigungsminister spricht, "ebenso wie die meisten mit Afghanistan befassten Politiker", von "Einsatz". Der Bundeswehrverband und die Demonstranten vom Wochenende nennen es "Krieg", was da abläuft. Und Winkelmann, die vor ein paar Wochen vor Ort war, weiß, dass die Deutschen "Aufbauhelfer" inzwischen weitgehend als Helfer der US-Soldaten angesehen werden. Nur: Was passiert, wenn die Deutschen abziehen? Winkelmann: "Auch die Bundeswehr will raus aus Afghanistan. Die Militärs sagen längst, dass der Wiederaufbau Afghanistans mit militärischen Mitteln nicht gelingen wird. Und auch die Parteien hätten das Problem Afghanistan lieber heute als morgen vom Hals."
Das glaube ich nicht. "Die Bundeswehr" vor Ort will sicher raus, aber will auch Kriegsminister Franz Josef Jung raus? Und dass "die Parteien" das "Problem Afghanistan" gern los wären, ist auch nicht so sicher, es sei denn, Die Linke steht inzwischen gleichbedeutend für "die Parteien". Ich vermute mal, Ulrike Winkelmann verkehrt als Parlamentsredakteurin zu häufig mit Leuten, die ihren gesunden Menschenverstand noch am rechten Platz und alle Zapfen an der Tanne haben. Schon die Grünen sind sich nicht einig, die SPD auch nicht, von den konservativen Kommissköpfen ganz zu schweigen.
Ich bleibe nach der Lektüre des Kommentars ratlos zurück, was mich wohl mit den meisten Menschen verbindet, die sich ernsthaft mit der "Verteidigung der Freiheit am Hindukusch" befassen. Auch Ulrike Winkelmann hat selbstverständlich keine Lösung parat, sie gibt aber zu bedenken, "dass es kein 'Raus' geben kann, ohne dass das 'Wie' beantwortet wird."
Inzwischen tragen US-Truppen den Krieg nach Pakistan. Als Antwort flog in Islamabad das Marriott-Hotel in die Luft. Und sogar Barack Obama will mehr Truppen hinschicken. Von "Raus" war bei seinem Besuch in Berlin nicht mal die Rede.

Zitat I

"Der einzige Unterschied zwischen dem, was die Fed* mit dem Versicherer AIG gemacht hat, und dem, was Hugo Chavez in Venezuela macht, ist, dass er wenigstens keine Steuergelder riskiert, wenn er die Betriebe verstaatlicht. Er nimmt sie sich einfach."
Jim Bunning, US-Senator, Kentucky, Republikaner

* Federal Reserve Bank, die US-Bundesbank


Zitat II

"Ich stimme zu, dass wir tiefer in den Abgrund gucken, als wir es vor einer Woche taten."
Peer Steinbrück, Finanzminister, Nordrhein-Westfalen, Sozialdemokrat


23. September 2008

Ruanda & taz

Einen freundlichen Kommentar zum Artikel über die taz-Propaganda und Ruanda schickte gestern Hans Christoph Buch, der auf den Spuren von George Orwell ("Tage in Burma") nach Myanmar gereist war und eben zurückgekehrt ist. Sie finden seine Mail am Schluss des Artikels unter diesem Link.
Darin verweist er auch auf seinen 2001 bei Volk & Welt - Luchterhand erschienenen Roman "Kain und Abel in Afrika".
Apropos George Orwell: Ende Mai/Anfang Juni dieses Jahres fegte ein großer medialer Entrüstungssturm über Alice Schwarzer hinweg, nachdem ein richtiger über Myanmar gefegt war. Sie hatte es gewagt, ausgerechnet in der FAZ, kritisch gegen die einseitige Berichterstattung zum Thema Taifun und Militärjunta in Myanmar/Burma anzuschreiben. Wie um sie zu bestätigen, fielen sie dann in schönster Ein- und Niedertracht über sie her - Der Spiegel, die Süddeutsche, Die Zeit und die taz. Tja, die taz. Hier im Blog hatte ich schon gefragt, weshalb anscheinend nur noch die Presseerklärungen des Pentagons zu dem Thema Myanmar abgedruckt wurden.
Alice Schwarzer erwähnte auch Orwells "Tage in Burma" als Beispiel für die kolonialismuskritische Haltung eines Engländers, der die Ausbeutung des Landes aus nächster Nähe beobachtet hatte - Orwell arbeitete selbst für die Kolonialverwaltung.
"Tage in Burma" war sein erster, stark autobiografisch geprägter Roman. Wenn man nicht in Betracht zieht, was "der Westen" in den Ländern angerichtet hat, die später als "Dritte Welt" bezeichnet wurden, wird man schwerlich verstehen, was heute dort politisch abläuft. Und weshalb die dortigen Regierungen den westlichen Ländern mit großem Misstrauen begegnen. Noch dazu werden sie ja in der Gegenwart aufs Heftigste in ihrer Skepsis bestärkt.
Da möchte ich doch ein zweites Mal den ehemaligen Burda-Manager Jürgen Todenhöfer zitieren (er hat den Medienkonzern vor kurzem verlassen). Als sein Buch "Warum tötest du, Zaid?" im Frühjahr erschien, gab er dem "Buchjournal" ein Interview zum Thema Irak-Krieg, in dem er sagte: "George W. Bush hat in diesem völkerrechtswidrigen Krieg den Tod von mehr als einer Million Menschen zu verantworten. Und trotzdem hat er es geschafft, den Eindruck zu erwecken, die Gewalttätigkeit der muslimischen Welt sei das Problem unserer Zeit. Das ist eine bemerkenswerte Verdrehung der Wahrheit. Das Hauptproblem unserer Zeit ist die Gewalttätigkeit einiger westlicher Länder. Das möchte ich aufklären."
Wer George Orwells "Tage in Burma" liest, wird feststellen: Das war auch zu seiner Zeit schon das Hauptproblem.

Jetzt wird's persönlich

Was für ein Spruch: "Es war also nicht Metzger, den die CDU-Basis hat durchfallen lassen. Zu dieser Entscheidung hätte man sie nur beglückwünschen können. Es war 'der Typ von außen', der ihnen missfiel."
Es geht um Oswald Metzger, und es geht um Ulrich Schulte, einen der abgehobenen taz-Redakteure. In welcher Welt lebt der Mann? Im metropolitanen Berlin? Auf dem Planet der Ahnungslosen? Aber sicher ging's um Metzger! Der ist doch nicht "der Typ von außen", lieber Herr Schulte, der Metzger ist sogar im Schwäbischen aufgewachsen. Es ging - und geht - darum, dass die Abgeordneten im Bundestag gefälligst die Menschen aus ihrem Wahlkreis vertreten sollen. Und nicht in die Politik gehen, um ihren eigenen Ego-Trip durchzuziehen, wie Metzger und der von Schulte auch noch als positives Beispiel herangezogene Friedbert Pflüger. Metzger ist nicht der Typ von außen, er ist der Typ, der "zum  System" gehört, zu "denen in Berlin". Und er wird von der CDU-Bassis eben nicht als Vertreter der Wählerinteressen angesehen, sondern als Vertreter seiner eigenen.

 

24. September 2008

Lasst die Sonne ...

lasst den Sonnenschein
in euer Herz hinein

Meine Güte, ich weiß ja auch nicht, aber manchmal hab ich  den Eindruck, ich bin in meiner Stimmung viel mehr vom Sonnenschein abhängig als andere Leute. Und mein lebenslanger Drang nach draußen unter freien Himmel scheint auch eher überdurchschnittlich ausgeprägt zu sein. Von meinen Stimmungsschwankungen, Emotionen, Leidenschaften, Verliebtheiten, Liebeskummer, Gefühlen, Wut, Empörung mag ich erst gar nicht anfangen. Aber ich will es bei der allgemeinen Wurschtigkeit und  Coolness und politischen Korrektheit auch nicht verheimlichen, wenn ich mich ärgere. Und wenn mir dann so manche Dinge zum Pamphlet geraten oder von anderen als unzulässig polemisch abgetan werden, dann ist mir das auch recht.
Weshalb ich da jetzt drauf komme? Nun, zum ersten Mal seit Tagen (gefühlt: Wochen) hat sich vor einer halben Stunde die Sonne durch den Dunst gekämpft, und vom Balkon leuchten die herbstlich gelben Blätter des Hopfens und des Knöterichs durchs Fenster. (Ich hab's mal wieder geschafft: Bevor die Sonne durchkam, war erst eine ganze Weile Gitarrespielen nötig.) Und was die Gefühle betrifft - da will ich anschließend ein Zitat aus der taz vom Montag hier reinsetzen.
Aber erst sei rasch noch eingefügt: Eine ehemalige taz-Korrespondentin, die jetzt bei einem großen Wochenblatt gelandet ist, hält den Artikel über die Ruanda-Propaganda (siehe oben, gleich über "A & A") für "ein Pamphlet". Na, da hat sie vielleicht sogar recht. Ich kann nur sagen, dass ich mich für irgendwelche ausgewogenen, emotionslosen 08/15-Texte nicht mehr an den Schreibtisch und die Tasten zwingen kann. Wenn's mich nicht berührt, wenn's mich nicht angeht, lass ich es lieber ganz bleiben. Und wenn ich den Eindruck habe, jemand missbraucht sein Journalistenhandwerk, um Ideologien zu verbreiten, dann berührt mich das, und dann geht auch die Wut ein, in das, was ich schreibe.
Und die will ich weder unterdrücken noch verbergen.

Zitat

"Es ist erstaunlich, wie peinlich berührt viele reagieren, sobald Toni und ich über Liebe reden. Aber uns geht es darum, nicht nur die politischen Begriffe neu zu denken, sondern auch die politischen Gefühle. Der Kampf für echte Demokratie hat mit Leidenschaften genauso viel zu tun wie mit Vernunft."

Michael Hardt, zusammen mit Toni Negri Autor von "Empire", "Multitude" und "Common Wealth" (erscheint auf deutsch im Frühjahr)

Aktion Schnauzbart

Hehehe, das finde ich spitze: "Mit angeklebten Bärten haben Gewerkschafterinnen gestern am Brandenburger Tor gegen Lohnunterschiede protestiert." Weil Frauen im Durchschnitt 22 Prozent weniger verdienen als Männer, haben sie auch noch 78-Euro-Scheine verteilt. Was für ein toller Einfall!

Dienstags wird die Wahrheit boykottiert

Ach geh, ihr habtsejanichmehralle! Zu dem unsäglichen, bodenlosen "Tagebuch der Carla Bruni" kommt jetzt dienstags auch noch der strunzlangweilige, absolut humordesinfizierte Rudolf Walther. Da bleibt einem nur, rasch den Frosch zu lesen, Käpt'n Honz, Folge 7, und ganz schnell weiterzublättern. Wenn dann noch eine dicke, dunkelgraue, lichtundurchlässige Wolkenschicht den Himmel bedeckt hält und totale Windstille darauf schließen lässt, dass heute mal wieder den ganzen Tag Schreibtischlampe nötig sein wird, dann, ja dann ... fängt der Dienstag ja gut an!

Romy

Alles Gute zum gestrigen Geburtstag möchte ich ihr schon wünschen, der Romy Schneider. Wie sie heute mit 70 aussehen würde, will ich mir nicht vorstellen. Das Foto von Will McBride im Kulturteil ist ganz famos, und weil zwar schon alles über Romy gesagt worden ist, aber noch nicht von jedem, will wenigstens ich mich enthalten.

Mingering Mike: tvF*!!!

Ach, wenn Sie diese Geschichte nicht gelesen haben, geneigter Leser, dann haben sie echt was verpasst. Das war tvF*, und selten hat eine Überschrift so gepasst: "Die unglaubliche Geschichte von Mingering Mike". Aber weil sie so unglaublich ist, kommt der Verdacht gar nicht auf, dass sich der Autor Steffen Irlinger alles ausgedacht hat. Dieser Artikel macht deutlich, wozu die taz Kulturseiten hinten im Heft hat, und wie sie gefüllt werden sollten - oder könnten, wenn solche Geschichten häufiger auf dem Tisch des Redakteurs landen würden. So wirkt dieser Artikel auch noch deshalb so besonders kräftig aufs Gemüt, weil Mingering Mike einmalig ist. Und Steffen Irlinger eine dem Stoff entsprechende Art gefunden hat, die unglaubliche Geschichte zu erzählen. Klasse, erste Sahne, und das gilt auch für die abgedruckten Plattenhüllen von Mike! Es ist aberwitzig: "Mike gestaltet nicht nur die Cover der Schallplatten, sondern auch die zugehörigen Vinylscheiben aus Pappe. Dazu vermisst er die Rillen echten Vinyls, zählt die Anzahl der Songs auf dem imaginären Werk und gestaltet die Pappschallplatten entsprechend. (...) Er benutzt Nagellack, um die Leerrillen zwischen zwei Stücken zu markieren. (...) Außerdem verfasst er zu jeder Platte Linernotes, in denen er der Welt mitteilt, was er gerade mitzuteilen hat."
Das ist wunderbar, fantastisch, einmalig, herzerweichend. Unglaublich.

* taz vom Feinsten!

Wenn Sie mich fragen ...

... weiß kein Mensch, wie das Spiel namens "Finanzkapitalismus" eigentlich gespielt wird, und die einzige Regel lautet: "Schnapp dir die Kohle und hau ab!" Bisher hat mir keiner der vielen Experten, die überall befragt werden, eine vernünftige (was heißt: mir verständliche) Erklärung geben können, was da gespielt wurde und wird. Die Zahl 800 Milliarden Dollar ist für mich unvorstellbar, und wo das Geld herkommt, was es bedeutet, weshalb das Auswirkungen haben soll auf mich und mein Leben - ich verstehe es nicht.
Jan Feddersen und Natalie Tenberg auch nicht. Deshalb haben sie "die Expertin Saskia Sassen" gefragt, denn sie "gehört zum intellektuellen Jetset und zählt zu den profilierten Stadtsoziologinnen,Globalisierungs- und Migrationskritikerinnen. Die Professorin für Soziologie an der Columbia University in New York und der London School of Econimics and Political Science wurde in den Niederlanden geboren." Na ja, schön und gut, aber wissen Sie was? Saskia Sassen hat so wenig Ahnung, was da abläuft, wie Sie und ich. Nach dem Interview war ich so ratlos wie zuvor. Aber die Fragen der taz-Redakteure will ich Ihnen nicht vorenthalten:

- Frau Sassen Sie haben immer auf die unkontrollierbare Macht des internationalen Finanzwesens hingewiesen. Ist es für Sie ein Befriedigung, zu sehen, was los ist?
- Aber wie?
- Inzwischen sind sogar Finanzexperten ratlos und geben zu, dass sie das Chaos nicht verstehen. Was kann man dagegen tun?
- Das bedeutet konkret?
- Gibt es noch mehr?
- Weil die Entwicklung so undurchdringlich scheint, herrscht große gesellschaftliche Verunsicherung. Ist die kollektive Angst begründet?
- Aber zeigt das, dass nun die Zeit des Neoliberalismus vorbei ist?
- In Ihrem neuen Buch "Das Paradox des Nationalen" sagen Sie, dass die Zukunft unserer vertraurten Rahmenbedinungen ungewiss geworden sei. Können Sie trotzdem Aussagen über das wirkliche Wesen dieser Krise treffen?
- Genauer bitte!
- Nicht so ganz.
- Das hat funktioniert?
- Und das System wurde dann auf die Hypotheken übertragen?
- Warum stoppt keiner diese Geschäfte?
- Ist das nun ein Signal, dass die Globalisierung nicht gut funktioniert?
- Ein herber Vergleich.
- Aber gibt es niemanden, der sich damit auskennt und einschreitet?

Auf die letzte Frage antwortet die Expertin Saskia Sassen vom "intellektuellen Jetset", die "zu den profilierten Stadtsoziologinnen ..." usw. zählt: "Das ist ja das Problem."
Na, da halte ich mich doch an Jim Morrison, den Sänger der Doors, der es mal, cirka 1969, so auf den Punkt gebracht hat:

The future's uncertain
and the end is always near

Wir melden uns gleich wieder nach dieser Werbeunterbrechung.
Da hab ich dann meine Jogging-LiteraTour hinter mir, die jetzt, zusätzlich zu den neulich schon erwähnten Dichtern, auf dem Hinweg über die Brunnbachleite am Hans Christian Andersen-Weg (Märchen, 1805 - 1875) vorbeiführt, und auf dem Rückweg vom Oberföhringer Wehr auch noch an der Gottfried August Bürgerstraße, ("Feldzüge und Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen", 1747 - 1794) und dem Jakob-Wassermann-Weg ("Der Fall Maurizius", 1873 - 1934).
Und denken Sie daran:

Everything you know is wrong. So long, seekers!
Monty Python Radio Show

Sozialismus oder Tod

Was aus Südamerika in den letzten Wochen und Monaten durch den nordamerikanisch- europäisch überwucherten Mediendschungel dringt, gehört mit zur Abteilung gute Nachrichten. In Bolivien gab es keine Eskalation bis zum Bürgerkrieg, Evo Morales hat sich als versierter Staatsmann bewiesen, Hugo Chávez in Venezuela scheint die Lage richtig einzuschätzen, Luis Lula da Silva in Brasilien denkt zwar eher sozialdemokratisch, aber auch nicht völlig neoliberal, und in Paraguay hat Fernando Lugo, ehemaliger Bischof und Befreiungstheologe, die Wahlen gewonnen. Alvaro Uribe in  Kolumbien wird zwar immer noch heftig von den USA und Angela Merkel unterstützt, aber den Noramerikanern sind unter Bush reichlich viele Felle den Amazonas hinabgeschwommen. Lugo wird vom taz-Korrespondenten Gerhard Dilger in seinem ausgezeichneten Kommentar mit den Worten zitiert: "Südamerika hat sich sehr verändert."
Dilger: "Mittlerweile lehnen sich selbst Kleinstaaten auf: Dem von Venzuela, Kuba und Bolivien gegründeten alternativen Handelsbündnis Alba sind Nicaragua, Honduras und die Karibikinsel Dominica beigetreten. IWF und Weltbank verlieren an Einfluss, stattdessen entsteht die 'Bank des Südens'. Telesur, der Mehrstaatensender mit Sitz in Caracas, stellt sich der Dominanz US-amerikanischer Medien entgegen."
Und Gerhard Dilger, einer der besten Auslandskorrespondenten der taz, wird sich hoffentlich weiter der Dominanz der deutschen Volksverdummungsmedien entgegen stellen und mit kritischer Sympathie über die sozialistische Entwicklung in Mittel- und Südamerika berichten.

Wulff, Wulff

Was wie Hundegekläff klingt, hat inzwischen einen guten Klang bei Liberalen im klassischen Sinn: Christian Wulff, Ministerpräsident von Niedersachsen, hat Sympathien bei all den Leuten, die der CDU noch zutrauen, mehr zu sein als eine reine Unternehmerpartei. Fürs taz-Interview zum Thema Bildung hat er sich hervorragend vorbereitet, er macht den Eindruck, dass er sich von Geburt bis Hochschulabschluss auskennt, dass er weiß, was er redet und offen ist für Neues. Und wenn er es privatmenscheln lässt, dann macht er das sehr klug.
Christian Wulff ist kein Dummkopf.

----------------------------------------Kommentar, 25. 9. 2008

Nur damit das hier keinen falschen Eindruck beim Leser von "Achtung: tazblog!" hinterlässt: Ich hab mich wohl, ebenso wie die taz-Interviewer, von Christian Wullf einseifen lassen. Was Johannes Peitz, "Elternvertreter im Schulvorstand eines Hannoverschen Gymnasiums", als Leserbrief an die taz schrieb, will ich Ihnen nicht vorenthalten:
"Sagt mal, was passiert denn jetzt? Die taz als farbenfrohes Werbeblatt ausgerechnet für Christian Wulff? Und auch noch dessen Bildungspolitik? Merkt ihr nicht, dass er deshalb so tolle Ideen für Bund und Kommunen hat, weil er sich und seine Landesregierung aus der verantwortung zieht? Wisst ihr nicht, dass Niedersachsen bundesweit am wenigsten für Bildung ausgibt und das auch noch rückläufig? Wisst ihr nicht, wie viele Stunden an den Schulen hier ausfallen, weil Wulffs Regierung die Lehrerauslastung stetig herunterfährt?"
Nein, Herr Peitz, das wusste ich nicht. Und wenn die taz-Interviewer es gewusst und ihm absichtlich die Gelegenheit gegegeben haben, sich ins beste Licht zu rücken, dann finde ich das höchst bedenklich und kann Ihre Frage nur wiederholen: "Sagt mal, was passiert denn jetzt?"

Der Waldrapp

Ob sein Name von Waldrabe herkommt? Jedenfalls hat die taz dem Waldrapp eine ganze Reportageseite gewidmet, und die wurde von Lukas Grasberger ganz wunderbar und sehr schön ausgefüllt, und spannend geschrieben isses auch. Wie rührend: Da kümmern sich Menschen jahrelang um einen Vogel, der so gut wie ausgestorben ist, und schaffen es, mit viel Mühe, Enthusias- und Idealismus  elf Vögel auszuwildern.
Ach, manchmal kommt es mir vor, als wäre die Menschheit doch noch zu retten. Und die Vögel auch.


25. September 2008

Nur damit's nicht verloren geht!


Immer, wenn ich hier unten ein oder zwei Tageseinträge raushole und auf "Blog + Leseproben" rüberschaufle, weil sonst die Bearbeitung von "Achtung: tazblog!" zu lange dauert, schmeiße ich gewöhnlich die Fotos raus. Aber heute habe ich es nicht übers Herz gebracht, die so sympathisch wie selbstbewusst lächelnde Lucy Redler zu löschen. Wenn Sie wissen wollen, weshalb die im Blog war, klicken Sie oben in der Leiste auf "Blog + Leseproben", Eintrag vom 13. September 2008.
Und weil inzwischen Wiesn ist in München, sei hier der Boykottaufruf vom selben Tag wiederholt: Gehen Sie nicht in den Hofbräukeller, der ist verseucht, seitdem Franz Müntefering dort seine Rückkehr in die Politik inszenierte. Und der Wirt, Günter Steinberg, verlangt 3,50 für eine Halbe Helles. Das ist ausg'schamt, oder, auf hochdeutsch, unverschämt. Aber das Foto ist klasse!



Nikolaus Sombart - doch nur ein B-Philosoph
oder: Die Schönheit der Pussy


Es gibt ja Leute, die B-Movies, also unfreiwillig (kein Geld) oder freiwillig (kein Geld - na und?) als zweitklassig eingestufte Filme lieber mögen als die A-Kategorie. Obwohl bei den teuersten Produktionen oft genug mit viel Geld Schrott in die Kinos gedrückt wird. Das gesagt, und vorausgeschickt, dass es bei der Philosophie nicht so sehr ums Geld geht, sondern ums Denkvermögen und die Fähigkeit, Gedachtes zu formulieren, möchte ich den im Frühjahr verstorbenen Nikolaus Sombart als B-Philosophen einschätzen. (Er selbst sah sich ja als "Kultursoziologe", was aber wohl eher daran lag, dass Soziologie eine Weile sehr "in" war. Und Sombart der Sohn des sonst gleichnamigen Soziologen Werner.)






Erst hat mich sein "Journal intime 1983/84" sehr für ihn eingenommen - da war spürbar, dass er gern gegen die eingefahrenen Denkweisen rebelliert und die Trockenakademiker provoziert hat. Und es war amüsant zu lesen, wie er in aller Offenheit über die Nutten geschrieben hat, die er sich ins Haus schicken ließ, oder über einen Dreier mit einem schönen Jüngling, der dann nach England verschwand. Und über seine Bindung an Nike Wagner und seine finanzielle Beziehung zu Hubert Burda.

Jedenfalls war das Buch Anlass, mir ein weiteres von Nikolaus Sombart zu besorgen, teils auch, weil mich Titel und Untertitel anzogen: "Die Frau ist die Zukunft des Mannes. Aufklärung ist immer erotisch". Dabei handelt es sich um Essays und Aufsätze, die ein Frithjof Hager, seinerseits Kultursoziologe an der FU Berlin, 1991 für den Hanser Verlag zusammengestellt hat. Da sind ein paar sehr lesenswerte Beiträge aus Sombarts frühen und mittleren Jahren dabei, und  anregend sind seine Gedanken immer, auch da, wo sie anfechtbar sind. Aber nach dem Essay "Die schöne Frau" habe ich das Buch erst mal eine Weile beiseite gelegt und für noch längere Winterabende aufgehoben.

Dabei habe ich es mit großem Vergnügen gelesen, Sombarts Fehldeutungen sind so amüsant wie die von Sigmund Freud, den er ständig zitiert und zu überwinden glaubt. Es ist sehr erhellend, so einen perfekt im Wissenschaftsjargon geschriebenen Unsinn zu lesen. Sombart tappt dabei genau in die Falle, die er vermeiden und bekämpfen wollte. Nun spricht zwar seine Absicht (das Vermeiden und Bekämpfen) für ihn, allein, was rauskommt ist gequirlter Blödsinn. Sombart hat Angst vor der Pussy - es ist nicht zu fassen. Die Frau als kastrierter Mann, da taucht sie wieder auf. Man kann Freud (und Sombart gleich mit) nur bedauern - oder fröhlich auslachen. Sie können ja nix dafür.
Den größten Schmarren bringt er auf S. 183 unter (in der Taschenbuchausgabe, die beim Axel Dielmann Verlag erschienen ist): "Jeder Körperteil der Frau so lehrt uns (! -hp) die Sexualpathologie, kann zum Fetisch werden und als solcher schön sein. Nur einer nicht."
Was für ein Depp! Interessant finde ich, dass Gustave Courbet und Lovis Corinth gegen genau diesen Blödsinn angemalt haben. Den Bruch zwischen Deppen wie den Sombartschen Freudioten und mir haben Bob Guccione und Larry Flint in die Öffentlichkeit getragen, weil sie den Busenfetischisten, die von Hugh Hefner bedient wurden, die Schönheit der Pussy deutlich machten. Auch Hefner hat es, wohl aus kommerziellen Erwägungen, schließlich kapiert.
Gustave Courbets Gemälde "Der Ursprung der Welt" von 1853 - das Bild einer nackten. liegenden Frau mit weit gespreizten Beinen, die ihr Kleid bis über die Brust hochgezogen hat  - war eine ebenso revolutionäre Handlung wie die Ausrufung der Pariser Kommune 1870/71, in der Courbet Kulturminister wurde. Seine erste Anordnung: Er ließ den von Napoleon in Ägypten geklauten Obelisken auf der Place Vendome demontieren, um ein Zeichen gegen den Kolonialismus zu setzen. Dafür kam er nach der Niederschlagung des Aufstands in die Bastille und wurde dazu verurteilt, die Kosten für die Wiedererrichtung des Obelisken zu bezahlen. Damit war er pleite und musste ins Exil an den Genfer See fliehen. Kurze Zeit später starb Gustave Courbet an den Folgen einer Krankheit, die er sich im Gefängnis zugezogen hatte. "Ein bisschen" Revolution gibt es halt nicht.
Nikolaus Sombart bringt es schließlich auf den Punkt: Das ideale Sexualobjekt für solchermaßen Gestörte wie er ist - "der Knabe". Sombarts "androgyne Utopie" ist allerdings dekadenter Unfug, jedenfalls für jemand wie mich, der in ländlich-natürlicher Umgebung aufgewachsen ist und die Vielfalt kreatürlicher Geschlechterbeziehungen von Kind an studiert hat. Interessant ist doch eher die Eindeutigkeit von Mann und Frau: Wir sind verschieden und stolz darauf, und wenn wir zusammenkommen wollen, müssen wir die Unterschiede anerkennen und versuchen, Brücken zu bauen, einander respektieren, lieben. Kommunikation ist nur möglich zwischen Gleichen. Ich für mein Teil finde es ganz wunderbar, dass der Mensch, wie so viele seiner Mitgeschöpfe, eine Spezies mit zwei Geschlechtern ist.

Die Wahrheit: Auf und nieder

Nach dem Tiefpunkt am Dienstag hatte die Wahrheitseite am Mittwoch gleich zwei Volltreffer: Frank Schäfers Reportage über die Gesellschaft "Kunstfehler e. V." passte zum später kurzzeitig sonnigen Vormittag. Allerdings vermute ich, die Redaktion hat Schäfers Text nicht gelesen oder wollte noch eins draufsetzen. Allein, es ging voll daneben: Ein Röntgenbild, das einen Kunstfehler im medizinischen Sinn zeigt, führt auf die falsche Fährte.
Nett auch "waidmannsalarm!" von Joachim Schulz. Yes, that's entertainment, so mag ich die Wahrheitbodenkolumnen,  gut erfundene Geschichten aus dem richtigen Leben, keine akademisch angestaubten Wortklaubereien.

Leibesübungen, Leibesübungen, Leibesübungen

Die Sportseite(n) wird (werden) hier so wenig erwähnt, dass es mal wieder Zeit wird, dem tazblog-Leser zu erklären, weshalb: Weil sie ganz prima gemacht sind, von mir regelmäßig fast vollständig gelesen und sehr selten kritisiert werden müssen. Guten Riecher hatten sie gestern auf "leibesübungen": Großes Foto, langer Beitrag über Bayerns Neuspieler Massimo Oddo, und am Abend im Pokalspiel gegen Nürnberg hebt er gleich zu Beginn die wichtige Flanke zum ersten, möglicherweise entscheidenen Tor vor den Strafraum des Clubs.

Widerlinge

Ein Bild-Redakteur schreibt ein Buch über das schlechte Ansehen der Politikerkaste, die Deutsche Bank gibt sich kulturbeflissen und richtet die Buchpräsentation aus, und wer ist sich nicht zu schade, dabei auf der Bühne zu sitzen? Franz Müntefering, Schröder 2.0. Und dann klagen sie darüber, dass "der Wähler" nicht zu schätzen weiß, was er an "seinen" Vertretern schätzen sollte. "Faul, korrupt und machtbesessen" heißt das Buch, und soll darüber aufklären, dass diese Einschätzungen nicht zutreffen. Am schlechten Ruf der Politiker sind, so Müntefering und der Bild-Mann, die Wähler schuld. Da könnte man mit Bertolt Brecht argumentieren: Soll er sich halt ein neues Volk suchen, der Münte.
Zu Recht schließt Stefan Reinecke seinen Bericht über die Gruselveranstaltung: "Ein Rätsel ist außerdem, warum vor 30 Jahren noch 25 Prozent Politiker für anständige Leute hielten und heute nur noch 6 Prozent. Bei dieser Buchvorstellung erfährt man es nicht. Wahrscheinlich haben sie zu viel Bild gelesen."
Gemeint sind: 25 Prozent der Wähler, und auf die bezieht sich das "sie" im letzten Satz.

Führerschein für Paarbeziehungen

Meine Rede war bis vor kurzem: Um ein Auto fahren zu dürfen, braucht man nen Führerschein, heiraten darf jeder Depp. Ausgerechnet aus der katholischen Kirche berichtet Paula Scheidt (für mich) Neues. Sie war bei einem Ehevorbereitungskurs, und hat dort zwei Paare getroffen, die nicht freiwillig teilnahmen, sondern weil ihre Priester sich weigerten, sie zu trauen, wenn sie nicht die Teilnahme an so einem Kurs nachweisen könnten. Dabei wollte das eine Paar in Sizilien heiraten, das andere in Polen. Finde ich höchst interessant und nachahmenswert. Es ist ein Jammer, wenn man sieht, wie dumm die Leute sich beim Paarleben anstellen.
Ich weiß, wovon ich rede, war ja selber jung. Und dumm. Hehehe.

Feminismus ist unheilbar

Pardon, hab mich verlesen: "Feminismus ist unteilbar" steht da über dem "Schlagloch"-Kommentar von Hilal Sezgin. Jaja, schon gut. Macho, Chauvi, Schwanz ab ...
Was drin steht im Kommentar? Frauen haben's nicht leicht. Oder, wie James Brown immer sagte: "It is a man's world ..."

Leser

Brav, nix Besonderes.

Die großen Fische ...

... fressen die kleinen. Kann ja sein, dass Sie das schon wussten. Aber auf einem Foto haben Sie das noch nie so schön dargestellt gefunden wie in dem gestrigen Meisterwerk auf der Seite "wirtschaft und umwelt": Eine Forelle schaut unzerkleinert aus dem Maul eines Hechts heraus, der sie gerade gänzlich verschlungen hat. So was habe ich noch nicht gesehen. Geniales Foto, von ap. Ist Ihnen entgangen? Schade für Sie. Am besten Sie kramen die taz vom 24. September noch mal aus der Altpapierkiste und schlagen die Seite 9 auf. Die Mühe lohnt sich.
Das Foto ist wirklich und wahrhaftig hammermäßig spitze!
Ach ja, das traurige Thema war: "Fischessen immer schwieriger". Welche Fisch sollte man nicht mehr essen, weil sie überfischt und im Bestand gefährdet sind?
- Gefährdet: Aal, Dorade, Scholle, Makrele, Atlantischer Seelachs, Alaska-Seeelachs, Mittelmeer-Thunfisch.
- Eingeschränkt empfohlen, abhängig vom Fanggebiet: Hering, Lachs, Schellfisch, Loup de Mer, Miesmuscheln, Garnelen, Tintenfisch (Sepia, Calamaris), Kabeljau, Thunfisch.
- Keine Bedenken: Karpfen, Pangasius, Regenbogenforelle, Sardine und Zander.


Der Hecht auf dem Foto wusste also Bescheid.

P.S. Kann mir jemand sagen, was Pangasius sein könnte?
 
-------------------------------------Kommentar 26. September

Na sicher doch, den Pangasius findet man bei www.deutschesee.de, auch wenn er ein Exot ist:


"Der Pangasius gehört zur Familie der Schlankwelse. Am Ober- und Unterkiefer hängen die für Welse typischen Bartfäden. Der Körper des Pangasius ist walzenförmig gebaut, sein Kopf ist sehr breit.


Wissenschaftlich wird der Pangasius in 2 Arten unterschieden. Der Pangasius bocourti gehört zu den fetthaltigeren Fischen und wird hauptsächlich auf dem asiatischen Markt angeboten. Der Pangasius hypothalamus ist weniger fetthaltig und auch auf dem europäischen bzw. deutschen Markt verfügbar.
Die Fische erreichen im Normalfall eine Größe von bis zu 70 cm und wiegen im Erwachsenenstadium ca. 2 kg. Unter Optimalbedingungen bringt es der Pangasius auf eine Größe von 1,5 m.
Vorkommen
Pangasius findet man vor allem im Mekong Delta im Süden Vietnams. Der für den Export bestimmte Fisch stammt ausschließlich aus Aquakultur. Pangasius wächst sehr schnell – so kann er in der Zucht innerhalb von sechs Monaten auf eine Größe von über einem Meter anwachsen."


Greenpeace hält den Pangasius offenbar für ökologisch unbedenklich, weil er, wie die Forellen, gezüchtet wird. Aber er muss erst mal aus Vietnam nach Europa geflogen werden. Damit versaut er die Erdatmosphäre, bevor er hier auf dem Teller landet.


Ob's kippt?

"Nur wenn die Finanzinstitute von öffentlicher Hand mit ausreichend Kapital versorgt würden, könne das System auf Dauer ins Gleichgewicht gebracht werden. schrieb Strauss-Kahn." Es geht um den Chef des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn. Sie erinnern sich: Das neoliberale Mantra lautete, der Staat solle sich gefälligst raushalten, denn "der Markt" regelt alles von selbst, und wir wissen schon, wie es läuft, und alle, die regulieren oder staatlich eingreifen wollten, wurden als Kommunisten beschimpft, oder ewiggestrige Keynes-ianer, vertrottelte Sozis, die nichts kapiert haben.
Also, Kapital vom Staat, das heißt vom Steuerzahler, soll jetzt "das System" ins Gleichgewicht bringen. Ausreichend Kapital. Was heißt das? Der Staat unterstützt die Banken so lange, bis sie wieder Rekordgewinne verbuchen können?


Kann mir vielleicht jemand erklären, worin der Unterschied zum Kommunismus Stalinscher Prägung besteht, wenn die Wirtschaft nur funktioniert, solange sie der Staat in der Hand hat? Damit wäre es dann so weit: Der Kapitalismus, der sowieso nie ohne Staat funktioniert hat, wäre am Ende. Die neoliberale Propaganda hat sich erledigt.

Ohren auf: Jetzt beginnt das Zeitalter der neuen Propaganda.


Bayern-Sozialismus

Ganz wunderbar, der "report" von Michael Stiller über Franz Josef Strauß und seine finanzielle Unterstützung der DDR und die Machenschaften seines Spezls Josef März und der Firma Marox, die "kurz vor der Wiedervereinigung aus Drittländern 400 Tonnen bestes Rindfleisch in die DDR eingeführt, in Kühlhäusern eingelagert und nach dem 3. Oktober abgabenfrei als DDR-Ware auf den westdeutschen Markt gebracht" hat: "Fünf Millionen Mark Zoll wären nach EG-Recht angefallen, notierte das Zentralfinanzamt Hamburg. Ob die Abgaben je bezahlt wurden, ist nicht bekannt."


Schön auch Stillers Zitat aus der bayrischen Verfassung, vor allem angesichts der obigen Meldung zur "Finanzmarktkrise":

Zitat I


"Für die Allgemeinheit lebenswichtige Produktionsmittel, Großbanken und Versicherungsunternehmen können in Gemeineigentum überführt werden, wenn die Rücksicht auf die Gesamtheit es erfordert."


Bayerische Verfassung, Artikel 160

Zitat II

"Die Forderungen des Parteivorsitzenden der Linken, Oskar Lafontaine, zur Verstaatlichung von Großunternehmen und Enteignung von Familienbetrieben rühren an den Grundfesten unserer freiheitlichen Rechts- und Wirtschaftsordnung."
Die Überwachung der Linkspartei durch den Verfassungsschutz sei "dringend geboten".

Günther Beckstein, bayerischer Ministerpräsident


Die Deppen von der taz


Warum zitiert Bernd Kramer mitten in einem Artikel in der taz über die Lohnforderungen der IG-Metall ausgerechnet Hagen Lesch, "Tarifexperte beim arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln"? Und warum zitiert er am Ende noch einmal in wörtlicher Rede "Tarifexperte Lesch"? Und sonst niemand? Das wäre ja nicht mal nach konservativsten Maßstäben "ausgewogen". Kennt Bernd Kramer nur Leute, die den Arbeitgebern nahe stehen? Warum druckt die taz dann seine Artikel? Auf Seite 2?

Fragen über Fragen.






Kommentar

26. September 2008

VHS

Es iss immer eine Freude, Hartmut El Kurdi zu lesen, allein schon des Namens wegen - der klingt teutsch und weltläufig zugleich. Sein Plädoyer für Volkshochschulen und gegen die dünkelhafte Herablassung gebildeter Dummköpfe, wenn es um diese wunderbaren Lerneinrichtungen der Städte und Gemeinden geht, hat etwas sehr Menschliches. Ich glaube, mit Herrn El Kurdi würde ich gern mal ein oder drei Bier trinken. Heh, kommen Sie doch zur Stunde des Aperitifs im Paradiso vorbei, wenn Sie mal wieder in München sind, hm?

Geld - die globale Illusion

Ist das nicht rührend? Da bereitet ein Wiener Philosoph, Konrad Paul Liessmann, eine Tagung vor mit dem Titel "Geld. Was die Welt im Innersten zusammenhält?", Fragezeichen, und dann findet die ausgerechnet in der dritten Septemberwoche des Jahres 2008 statt. Während ringsum das Finanzsystem  9/11-mäßig zu rauchenden Trümmern zusammenkracht, philosophieren sie in Lech am Arlberg ob Geldgier vielleicht eine "ekelhafte Krankheit, eine dieser halb kriminellen, halb pathologischen Eigenschaften" ist, wie John Maynard Keynes meinte, oder, wie ich neulich hier im tazblog und Karl-Heinz Brodbeck auf der Tagung, "eine globale Illusion. Es gilt nur, solange wir daran glauben." Ingeborg Szöllösi, die in der taz aus Lech berichtet, fasst zusammen: "Geld - und das ist die verlässlichste Auskunft des Philosophicums - ist ein Spiel mit der Zeit. Was die Welt im Innersten zusammenhält, blieb allerdings ein Geheimnis."

Money

von Pink Floyd

Money, get away.
Get a good job with good pay and you're okay.
Money, its a gas.
Grab that cash with both hands and make a stash.
New car, caviar, four star daydream,
Think I'll buy me a football team.

Money, get back.
Im all right jack keep your hands off of my stack.
Money, its a hit.
Don't give me that do goody good bullshit.
I'm in the high-fidelity first class traveling set
And I think I need a lear jet.

Money, its a crime.
Share it fairly but dont take a slice of my pie.
Money, so they say
Is the root of all evil today.
But if you ask for a raise its no surprise that they're
Giving none away.


DVDESK


Diese taz-Kolumne von Ekkehard Knörer sollte man immer in Großbuchstaben schreiben. Die Filme, die er raussucht, die Art, wie er sie dem Leser nahebringt - einfach großartig. Diesmal geht es um eine Komödie aus dem Jahr 1937, in dem Leo McCarey gleich zwei Filme gedreht hat, "Die schreckliche Wahrheit" und "Kein Platz für Eltern". Für den ersten hat er den Oscar bekommen, über den zweiten schreibt Knörer: McCarey "war und blieb in Wahrheit immer ein katholischer Humanist mit Sinn für Humor, ein Virtuose der gemischten Gefühle, ein Regisseur, für den das Sanfte, das Traurige, das Komische und das Böse einander keineswegs ausschließen. Jemand auch, der, weil er ans Verzeihen glaubt, zwischenmenschliche Wahrheiten, die oft genug bitter sind, ganz unversöhnlerisch zeigen kann."
In "Kein Platz für Eltern" sagt die Großmutter zur Enkelin: "Die Fakten sind eine schöne Sache, wenn man siebzehn ist. Lass mir die Illusionen. Mit siebzig sind sie fast alles, was bleibt."
Den Film gibt es nur in Frankreich auf DVD. Man kann ihn bei amazon.fr bestellen, kostet 20 Euro, und heißt "Place aux Jeunes" ("Macht Platz für die Jungen").
Was der Knörer so alles ausgräbt! Es ist schon verblüffend.

Kommentar

27. September 2008

Nachtrag zur taz vom Donnerstag, 25. September

"Kapitalismus im Koma"

Seite eins, der Aufmacher - ein Weißer Hai reißt das Maul auf, dazu die Titelzeile: "Ist der Kapitalismus noch zu retten?" Ich weiß nicht, aber vielleicht ist schon die Fragestellung falsch. Soll man ihn retten? Wozu? Damit alles so weitergeht wie bisher? Kriege, Naturzerstörung, Ausbeutung, Hartz IV, Merkel, Clement, Ackermann, Müntefering, Aust, Wiedeking, Steinmeier - um stellvertretend ein paar Namen zu nennen? Nö. Nein. No. Non. Es soll, kann und darf nicht so weitergehen, denn wenn es so weitergehen würde, ginge es bald nicht mehr weiter.
Aber die Diagnose hat ja schon 2003 Sahra  Wagenknecht gestellt: Ihr Buch "Kapitalismus im Koma", erschienen bei Eulenspiegel, hat inzwischen die fünfte Auflage erreicht. Falls es Sie interessiert, werter Leser, weshalb man schon vor fünf Jahren ein Debakel wie das gegenwärtige absehen konnte, erfahren Sie von Frau Wagenknecht bestimmt mehr als von dem guten Dutzend "Experten", die in den vergangenen zwei Wochen in der taz interviewt wurden.

Furzen

Mit "Ich furze gern unter der Decke" wird, ebenfalls auf Seite eins, in der Rubrik "verboten", das "Bekenntnis des US-amerikanischen Sexsymbols Jessica Simpson ('These Boots Are Made For Walking')" zitiert. Nun weiß ich so gut wie nichts über Jessica Simpson, und bei dem Songtitel denke ich ja eher an Nancy Sinatra und Lee Hazlewood, aber sei's drum, ich glaube zu wissen, was sie meint. Als Beweis sei hier eine Passage aus der Kurzgeschichte "Elvira" zitiert, die sie hier auf der Website finden, wenn sie den Titel anklicken:
"Wo warn wir denn stehengeblieben? Die Vorteile. Ja, ohne Frau hat man schon seine Vorteile, wirklich. Denk nur mal dran, wie schön das ist, wenn man allein schläft - das ganze Bett für sich, kein Streit, ob das Fenster auf- oder zubleibt, keine falsche Scham, wenn mal der Darm blubbert - Mann, da läßte halt einen ziehen, wennde alleine pennst, mußte dir keinen abbrechen, und Blähungen  verdrücken ist eh ungesund. Naja, wie sagte der Werner immer? Die Flitterwochen sind vorbei, wenn dir das Furzen einerlei ..."
Das stammt aus den achtziger Jahren, eine meiner besten Kurzgeschichten, räusper, ahem. Wurde im Playboy gedruckt. Die Passage übers Furzen allerdings nicht, die hat mir Andreas Odenwald, der damalige Chefredakteur, rausgestrichen. Aber nicht dass Sie jetzt glauben, der Andreas sei so ein Verklemmter, nee, isser nicht. Gerade hat er Oswalt Kolle "geghostet", wie das eine Kollegin in ihrer E-Mail ausgedrückt hat, "Ghostwriter" heißt das auf deutsch. Geisterschreiber? "Gost Riders in the Sky" ...

I am not a terrorist

Sehr schönes Layout zu einer ganz außergewöhnlich guten Reportage aus Ramallah. Joanna Itzek berichtet von einer in Israel geborenen Palästinenserin mit israelischem Pass, die für die Autonomiebehörde im Westjordanland arbeit, als PR-Beraterin. Unterlegt ist die Textseite mit einem Foto, ein Schablonen-Graffito an einer Hauswand, ein Frauengesicht mit Palästina-Tuch um den Kopf geschlungen, daneben der Text "I am not a terrorist". Der Artikel ist klasse geschrieben, atmosphärisch sehr dicht, und voller Absurditäten. Rasha Sharkia arbeitet am Sitz des palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas, und wenn sie gelegentlich "nach Hause" fährt, dahin, wo sie geboren ist, spürt sie eine seltsame Freude. Sie erzählt Joanna Itzek davon bei einem Telefongespräch: "'Als ich den Checkpoint nach Israel überquerte, hatte ich das Gefühl, heimzukommen. Es ist verrückt, ich verstehe mich selbst nicht, wenn ich davon rede.'
Und dann schweigt die Kommunikationsexpertin. Am anderen Ende der Leitung hört man nun die Autos hupen und auch der Muezzin singt wieder. Statt Rasha ist nur noch Ramallah am Telefon."

US-Bomben auf Pakistan >>>>>> Auto-Bomben in Pakistan

Es hängt halt immer davon ab, wen man fragt. Als Journalist sollte man seiner Informationspflicht schon bei der Auswahl der Interview-Partner nachkommen. Und  wenn man einen Experten von einem Institut befragt, das vom Kanzleramt finanziert wird, wie die bei taz-Redakteuren sehr beliebte Stiftung Wissenschaft und Politik, oder Mitarbeiter von "arbeitgebernahen" Instituten für Wirtschaftsforschung, erhält man eben die entsprechenden Antworten. Das "inland"-Ressort wird so langsam zu meinem bevorzugten politischen Feindbild in der taz. Aber vielleicht sorgen ja die Verwerfungen an der Wall Street auch bei taz-Redakteuren dafür, nicht ständig die gescheiterten Schwätzer von der neoliberalen Fraktion zu Wort kommen zu lassen. "Arbeitgebernahe" Forschungsinstitute breiten ihre Ansichten in der taz aus - einfach so, ganz selbstverständlich! Ich fasse es immer noch nicht, deren Gewäsch bringt doch eh jede Scheiß-Zeitung.
Aber das Folgende stand ja auf der "ausland"-Seite. Da hat Ulrike Winkelmann einen ausgesprochen kompetenten Gesprächspartner zum Anschlag auf das Marriott-Hotel in Islamabad befragt: Gunter Mulack, der seit Anfang des Monats das Orient-Institut leitet und davor deutscher Botschafter in Pakistan war. Es stellt sich heraus, dass er tatsächlich weiß, wovon er spricht. Und es ist erfrischend, wenn einer nicht einfach platt vom "Krieg gegen den Terrorismus" faselt, sondern sich Gedanken über die Ursachen macht. Mullack verrät nicht nur Orts- sondern auch Geschichtskenntnis: "Die Frage ist, wie die Kontrolle über die Grenzregionen je wiederzuerlangen wäre. Auch die Engländer hatten diese Gebiete während ihrer Kolonialherrschaft nicht im Griff. Die Paschtunen dort leben nach ihren eigenen Gesetzen. Doch die anderen Faktoren lauten Armut und Arbeitslosigkeit." Mullack plädiert dafür, "Geld für Infrastruktur und Ausbildung zur Verfügung zu stellen", und warnt gleichzeitig vor der pakistanischen Regierung: "Das funktioniert aber nur, wenn die Hilfe direkt an die Provinzen geht - ohne den Umweg über die bürokratisch-inkompetente, nun wirklich nicht korruptionsfreie Zentralregierung."

Die taz und Südafrika

Die Korrespondentin in Johannesburg, Martina Schwikowski, ist eine fähige Journalistin, die ebenso gut für FAZSpiegelSüddeutscheZeitetc. schreiben könnte: Profi eben, neoliberal, alte Schule, Kapitalismus wird nicht in Frage gestellt, die Welt ist halt so. Seit Tagen wetterte Schwikowski gegen den neuen starken Mann des African National Congress (ANC), den "Populisten" Jacob Zuma, machte sich Sorgen, wie wohl "die Investoren" auf den Rücktritt von Thabo Mbeki reagieren werden, und zitierte mit Vorliebe Leute, die das Chaos erwarteten. Allein, es kam anders, die politische Führung hat die Krise zum Leidwesen von Schwikowski ganz gut gemeistert: Rasch setzte das Parlament den ANC-Vize Kgalema Motlanthe als Übergangspräsident ein, den allseits geachteten, integren Anti-Apartheid-Kämpfer, der zehn Jahre im Gefängnis von Robben Island saß und jetzt Jacob Zuma unterstützt. Den kann Schwikowski nicht ausstehen, und sie sagt auch, warum: "Zuma schürt mit seinen Versprechungen, mehr Land an Schwarze umzuverteilen, mehr Jobs zu schaffen und die Armut zu verringern, die Hoffnungen der Frustrierten, die bisher vom Fortschritt Südafrikas ausgeschlossen bleiben."
Die Hoffnungen schüren! Was für ein Mistkerl, dieser Zuma! Was sollen nur "die Investoren" denken!

zur taz vom 26. 9. 2008

Hehehe

Ach, was für eine Prachtanzeige von Titanic! Die Titelseite der neuen Ausgabe: Ein nackter Hintern, offensichtlich aus der schwulen Ketten- und Lederszene, und dazu die Zeile: "Steinmeiers menschliche Seite". Klein eingeklinkt: "Erstmals im Bild:"

Sonnenwind

Nachdem es gestern ums Furzen ging, kommt heute auf der Seite "wissenschaft" ein anderer dran: "Sonnenwind so schwach wie nie". Oh je, denk ich, das auch noch. Das kann ja heiter werden, wird bestimmt nichts Gutes bedeuten. Aber dann erfahre ich, was die berüchtigten NASA-Forscher erklärten: "Auswirkungen für die Erde sind bisher nicht bekannt."
Puh, Schwein gehabt. Aber warten wir's ab, vielleicht ist der schwache Sonnenwind schuld an der Bankenkrise - ich finde diese Theorie so gut wie alle anderen, die ich bisher von Wirtschaftswissenschaftlern gehört habe.
Übrigens: Mein Rechtschreibprogramm signalisiert mir einen Fehler bei "Bankenkrise" - so was kennt es nicht.

Rhythm & Blues

tazseidank, mal ne Musikgattung, die ich schätze, die mich interessiert, die ich einordnen kann. Nichts gegen Arthousetechnoraverap-Gefrickel oder den immer gleich gehypten stockkonservativen Brit-Pop, aber wenn Typen heutzutage noch an richtig gutem Soul interessiert sind, macht das die Erde als Aufenthaltsort doch gleich ein bisschen angenehmer. Schön, dass sich Tobias Rapp damit befasst, und auch noch die Zeile von Mike Skinner (The Streets) zitiert: "I came to this world with nothing / And I leave it with nothing but love". Vom Gegenstand beflügelt, läuft auch Tobias Rapp zu Hochform auf und kommt zu derselben Einsicht, nur dass bei ihm die Erde nicht reicht, die Welt muss es schon sein, wenn er über "The Way I See It" von Raphael Saadiq schreibt: "Eine bizarre Platte. Warum es sie gibt, wo gerade alle Motown-Singles veröffentlicht worden sind, wird in keinem Augenblick klar. Außer, dass die Welt mit ihr sicher schöner ist als ohne sie."

Blendwerk

Eine halbe Druckseite kriegt Jens Kabisch, um sich über die verschiedenen Mythen auszulassen, derer sich Barack Obama und John McCain "bei ihren Selbsinszenierungen" bedienen. Das rasselt und blendet nur so mit vorgeblich tiefschürfendem intellektuellem Geklingel, dass mir die Auszeichnung mit dem höchsten ÜQ* des Tages leicht fällt: "Folgt man Barack Obamas amerikanischem Traum einer Renaissance nationaler Authentizität oder John McCains ironisch-konservativer Vision eines 'Amerikas' als geistiger Utopie der Möglichkeiten? Nicht weniger ist es, was Rookie und Maverick zur Wahl stellen."
Nein, danke, ich nehm' auch keine Schlaftabletten.

* Überflüssigkeitsquotient auf der nach oben offenen Entbehrlichkeitsskala

Zitat


"Lange Zeit schienen die Kapitalmärkte eine Art Perpetuum mobile zu sein. Fast wie von selbst mehrten sich die Gewinne - jährliche Renditen von 15 Prozent galten bei den Finanzfirmen als unterste Grenze - und scheinbar gab es nur Gewinner. Erst jetzt, in der Krise, ist plötzlich von Verlusten die Rede - die dann prompt vom Staat, also vom Steuerzahler gezahlt werden. ('Von wem denn sonst?' konterte US-Finanzminister Paulson vor dem Kongress ganz erstaunt die Kritik an seinen Rettungsplänen.) (...)
Die exorbitanten Profite und die immer größeren Spekulationsblasen sind das Ergebnis einer gigantischen  Umverteilungsmaschinerie zwischen Arm und Reich, zwischen Süd und Nord, zwischen Lohnabhängigen und Kapitalbesitzern."

Nicola Liebert, Das Finanzsystem ist das Problem, auf der Seite "meinung und diskussion"

Sumak kawsay

Nicht nur in Bayern wird morgen gewählt, auch in Österreich und in Weißrussland und in Ecuador. Dort lässt Rafael Correa über die neue Verfassung abstimmen. Die Anden-Indianer (ich weiß, korrekt heißt das Indigena) haben es geschafft, ein Konzept im Grundgesetz zu verankern, das sie als "sumak kawsay" bezeichnen, "gutes, harmonisches Leben".
Hah, das gefällt mir! "Oberstes Ziel des Wirtschaftens soll demnach nicht mehr der Profit sein, sondern das Wohlergehen der Bevölkerung, statt 'marktwirtschaftlich' heißt es im Verfassungstext nun 'solidarisch'."
Na bitte, so oder ähnlich steht's doch schon da oben in der Einleitung zum tazblog. Und noch was steht in der neuen Verfassung von Ecuador, und das ist, wie die taz berichtet, "ein weltweites Novum": die "Rechte der Natur".
Das heißt aber, so lange Tiere und Pflanzen und Flüsse und Seen und Steine und das Meer ihr Stimmrecht nicht wahrnehmen können, müssen sich die anderen Stimmberechtigten überlegen, wie sie die Natur am besten vertreten.

taz im Mainstream

Was ich von der taz-Korrespondentin in Bangkok halte, die von dort aus über Myanmar mitberichtet und das Land ständig Birma nennt, habe ich ja schon mal hier festgehalten: Nichts. Die Regierung hat gerade 9.000 Gefangene freigelassen. Nicola Glass sieht das so: "Die Ankündigung des Militärs von dieser Woche, mehr als 9.000 Häftlinge freizulassen, ist laut Dissidenten nur Taktik. Zwar befanden sich auch 7 politische Gefangene darunter, so wie der fast 20 Jahre inhaftierte 79-jährige U Win Tin. Doch die Junta wolle so nur internationale Kritiker beschwichtigen."
Da lassen sie also 9.000 Leute frei, und dann isses der Glass auch wieder nicht recht. Wenn ich schon solche Formulierungen und Quellenangaben lese: "... laut Dissidenten".
Uuuuääääh.

-----------------------------------------27. 9. 2008, 16-Uhr-Nachrichten:
Paul Newman ist tot. Bye, bye!



Zehn Jahre SPD-Regierung

Der taz-Mann fürs Parteiengefüge, Stefan Reinecke, schreibt einen Reportagebericht über die beiden feindlichen SPD-Genossen Ottmar Schreiner und Walter Riester. Anlass: Die SPD sitzt seit zehn Jahren in der Regierung. Da wird sehr schön zusammengefasst, was seitdem passiert ist. Für Zeitgenossen und Nachfahren, für Historiker und spätere außerirdische Besucher sei es hier noch einmal festgehalten.
Bitte ausschneiden und wahlweise neben die Wahlurnen legen oder an die Barrikaden kleben!

"Die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich ist größer geworden. Der Niedriglohnsektor ist, unter Rot-Grün und beschleunigt durch Hartz IV, explodiert. Die Mittelschicht schwindet. Die Reallöhne sind gesunken. Sieben Millionen leben heute von 400-Euro-Jobs. Leih- und Zeitarbeit sind Massenphänomene geworden. Die SPD hat eine Steuerpolitik für Reiche und Unternehmen gemacht. Und gegen Rentner. Massenhafte Altersarmut ist in der Zukunft kaum noch aufzuhalten. So sieht es Ottmar Schreiner."

Der ist übrigens immer noch in der SPD.

Sehr schön die Titelseite: Das SPD-Logo und die Schlagzeile:
Regieren bis wir schwarz werden.

Und hier das Wetter: "Nach Auflösung von Morgennebel sonnig. Bis 16 Grad."

Kommentar

28. September 2008

30 Jahre seit der ersten taz

Ja freilich, ein Jahr nach der Entführung von Hans Martin Schleyer, als sich die gesamte Presse von der Bundesregierung einspannen ließ, wurde die Idee zu Papier: Die erste linksalternative Tageszeitung kam heraus, damals mit großem T. Und gestern lag die fetteste tazze aller Zeiten vor meiner Wohnungstür - 60 Seiten dick, sehr schön bunt, feine Arbeit, Glückwunsch an Thilo Knott und Peter Unfried - das sieht gut und teuer aus, und nach dem ersten Durchblättern scheint es, als hätten sie ein gutes Händchen bei der Auswahl der 30 Ereignisse in 30 Jahren gehabt. Schon der lange Artikel über die iranische Revolution bringt Informationen aus erster Hand und erinnert einmal mehr daran, was passiert ist und was hätte sein können - Bahman Nirumand war nun mal mittendrin und hat selbst am Rad der Geschichte mitgedreht.
Interessant, wer alles ganzseitige Anzeigen geschaltet und die "Gut-und-teuer-taz" unterstützt hat. Die Liste kommt später, über die tagesaktuelle taz gibt's auch was zu sagen (ein Marathonläufer, der mit 68 gerade seinen 53. Lauf absolviert).
In München wird der Nebel - neun Uhr morgens - gerade immer dichter. Hoffentlich blicken sie wenigstens beim Wählen durch. Servus, bis später!


Wo die Kohle herkommt


Das sind die Anzeigen, die zur Finanzierung der Jubiläums-taz beigetragen haben.
Ganzseitige Anzeigen:

"BILD gratuliert der taz zum 30. Geburtstag"
(Foto: Pflasterstein mit brennendem Geburtstagskerzchen)
BILD dir deine Meinung!
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30 Schritte vorwärts
und keinen zurück.
Herzlichen Glückwunsch taz!
vorwärts (Abbildung: Titelseite mit grinsendem Steinmeier)
+ Jetzt 3 Monate kostenlos Probe lesen +
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TAZSÄCHLICH
Schon 30? Der SPIEGEL gratuliert!

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Brand eins
mit Titelbild der Zeitschrift:
Wieder was geschafft?
Mythos Leistung.
(Keine direkte Anspielung auf den taz-Geburtstag.)
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Letzte Seite (meist teurer als innen im Heft):

Reibung erzeugt Wärme und Energie.
Danke, taz.
(Kleine Symbolbildchen für Öl, Erdgas, Wind, Solar, Bio)
Darunter Werbetext, der mit dem Satz endet: "Wir von BP und unsere Tankstellentochter Aral gratulieren der taz herzlich zum 30. Geburtstag und wünschen ihr noch viel Energie für die Zukunft.
bp beyond petroleum ®
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Halbseitige Anzeigen:

"Keiner hat das Recht, zu gehorchen."
Hannah Arendt
Kritischer, kompromissloser Journalismus zeichnet die taz seit 30 Jahren aus.
DIE ZEIT wünscht alles Gute zum Geburtstag.
Genießen Sie DIE ZEIT
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Versiko Nachhaltige Vermögensberatung
Wir erzielen seit 33 Jahren Gewinn
mit Sinn
Wir gratulieren zu 30 Jahren Druck
und Pressefrechheit
mit Sinn
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(Foto: roter Porsche 911 unter roten Wolken)
Der aufregendste Platz war schon immer vorne links.
Porsche gratuliert der taz zum 30. Geburtstag.

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Kleinere Anzeigen haben geschaltet
Die Linke (Parteianzeige), Neues Deutschland, Freitag, Medico International, Palmyra Verlag, Die Grünen/Europäische Freie Allianz (Demo, 8. November, Gorleben), Blätter für deutsche und internationale Politik, "Kiepenheuer & Witsch gratuliert zu 30 Jahren Haltung zeigen", edition Büchergilde, Oktoberdruck, Heinrich-Böll-Stiftung, Verlag Brandes & Apsel, A. Beig Druckerei und Verlag, Berndt Media, Brodbeck Technik, Hamburger Edition, Die Linke im Bundestag (Fraktionsanzeige), Naturstrom, Bündnis 90 - Die Grünen Bundestagsfraktion, Kunsthalle Würth, caro-druck.

Nicht schlecht, im Vergleich zum sonstigen Anzeigenaufkommen, da kann man die dicke Jubiläums-taz zum regulären Samstagspreis von 1,80 Euro verkaufen.
Hier sei noch der Hinweis erlaubt: Die am besten gemachte Anzeige ist mit Abstand die von Bild, danach folgt die sehr komische von Neues Deutschland. Und das Wort "tazsächlich" in der Spiegel-Anzeige hamse hier im Blog geklaut - das hab ich in den letzten Monaten einige Male untergebracht.
Sie schrecken vor nichts zurück, diese ... diese... Journalisten!

Herzliche Geburtstagsgrüße zum 70sten: Victor Jara

1938 in Chillán geboren, wurde Victor Jara am 11. September 1973 von den Soldaten Augusto Pinochets zusammen mit 6.000 anderen Menschen im Sportstadion von Santiago interniert. Der chilenische Liederdichter war der berühmteste Folksänger Lateinamerikas, seine Platten drehten sich in jeder linken WG zwischen London und Rom, Madrid und Berlin, seine Lieder, seine Stimme und sein Gitarrenspiel gehörten zum politischen Kampf wie die Songs von Bob Dylan und Pete Seeger, Franz-Josef Degenhardt und Hannes Wader. Jara sang über die Arbeiter und die Landlosen, über die Unterdrückten und die politischen Ideen der Linken. Bevor ihn Pinochets Schergen am 15. September erschossen, brachen sie ihm die Hände: Er sollte nie wieder Gitarre spielen.

Sie haben resigniert

Samstags gibt's gewöhnlich weniger Platz für die Medienseite, weil sie immer das Fernsehprogramm für zwei Tage bringen. Aber wenigstens weisen sie in einer kleinen Spalte mal wieder auf eine Sendung im Rundfunk hin: Sonntags um 7:30 Uhr sendet der WDR 5 ein sechsteiliges, jeweils halbstündiges Feature von Gaby Weber (wiederholt abends um 22:05). Titel: "Top Secret! Geheimdienste". Es geht um Verfassungsschutz, BND, Stasi, CIA und den KGB-Nachfolger FSB. Zitat: "Das gemeine Volk scheint die Verwandlung der Republik in einen Überwachungsstaat nicht zur Kenntnis genommen zu haben. Sie haben resigniert."

Kommentarseite: ÜQ*

Da schlägt das tazblog-Messgerät aus, in die ganz oberen Bereiche der Entbehrlichkeitsskala: Warnfried Dettling macht sich auf der Kommentarseite mal wieder Gedanken, wie der CDU zu helfen wäre. Wenn mir die zuständigen Redakteure auch nur einen Leser nennen, den das interessiert, werde ich alles zurücknehmen, aber bis dahin behaupte ich: Es gibt keinen taz-Leser, den es interessiert, wenn Warnfried Dettling sich mal wieder Gedanken macht, wie der CDU zu helfen wäre.

* Überflüssigkeitsquotient

Bis zum Endsieg

Mit der saudummen Titelzeile "Deutschland im Zielspektrum des Terrors" steht auf Seite 2 ein Interview zur Festnahme "zweier Terrorverdächtiger" in Köln. Wen befragt Veit Medick, Jungjournalistenprofi von der taz-Inlandsabteilung? Guido Steinberg, "Nahostexperte bei der", na klar, "Stiftung Wissenschaft und Politik", der Denkfabrik des Kanzleramts. Als ob der eine Ahnung hätte!
Nein, hat er nicht, keinen blassen Schimmer, aber Medick auch nicht. Da haben sich zwei gesucht und gefunden. Bei solchen Fragen und Antworten bleibt der Leser ratlos auf der Strecke. Nicht dass Sie jetzt glauben, ich würde mal wieder haltlos polemisieren, weil ich die Typen vom inland-Ressort inzwischen dick habe (stimmt!), aber lesen Sie selbst, vielleicht wissen Sie ja, was gemeint sein könnte:

Medick:
Dennoch: Trügt der Schein, dass hier die Terrorgefahr immer weiter steigt?
Steinberg: Ja. Schließlich ist die Gefahr seit 2001 hoch. Im Zielspektrum sind wir verstärkt seit 2006.

Was nun? Frage: "Trügt der Schein?" Antwort: "Ja." Also trügt er, der Schein, die Terrorgefahr steigt nicht immer weiter. Aber das wäre ja abwiegeln, und genau das will er nicht, der Mann von der Denkfabrik, nein, die Angst soll ja geschürt werden, damit dem "Krieg  gegen den Terror" und noch mehr Überwachung im Innern zugestimmt wird. "Wir" sind "verstärkt im Zielspektrum". Was zum Teufel ist ein Zielspektrum? Irgendwo lauert eine diffuse Gefahr, Terrorismus geheißen, und "wir" müssen uns fürchten, weil "wlr verstärkt im Zielspektrum" sind. Kranke Sprache, kranke Menschen.
Dieses Interview will nicht aufklären, es will zur Verwirrung des Lesers beitragen. Das blöde Gequatsche vom "Terrorismus", "d e r Terrorgefahr", ohne zu sagen, was gemeint ist, gehört zur übelsten, niedrigsten Erscheinungsform des Journalismus. Das ist reine Panikmache. Aber egal, was gemeint ist, Wolfgang Schäuble und George W. Bush lassen schön grüßen
("das Böse lauert immer und überall"). Da hilft nur: noch mehr Truppen ins ferne Ausland, noch mehr Überwachung, denn über die Ursachen der Gewalt wollen wir keinesfalls nachdenken, und unsere Aufklärungspflicht als Journalisten wahrnehmen schon gleich gar nicht. "Terrorismus"-Schaumschlägerei tut's ja auch, um einen Job bei der taz zu halten.
Und zum Schluss wird's dann "vernünftig", denn "wir" wollen den Krieg ja fortsetzen. Die letzte Frage, gibt dem "Nahostexperten", der vom Kanzleramt bezahlt wird, noch eine Gelegenheit, die Regierungspropaganda in der taz unterzubringen:)

Medick: Schützt sich Deutschland, wenn es die Bundeswehr aus Afghanistan abzieht?
Steinberg: Nein, das wäre keine vernünftige Reaktion. Wenn man davon ausgeht, dass ein Auslandseinsatz richtig und sinnvoll ist, muss er auch konsequent bis zum Ende geführt werden. Es darf auf keinen Fall passieren, dass etwas, das man eigentlich für richtig hält, wegen terroristischer Aktionen abgebrochen wird."

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Der Krieg muss "konsequent bis zum Ende geführt werden." Bis zu welchem Ende, Herr Steinberg? So hat auch Adolf Hitler argumentiert: Es darf auf keinen Fall passieren, dass der Krieg, den man eigentlich für richtig hält, wegen der Niederlage in Stalingrad abgebrochen wird.
Aber selbstverständlich kann man den Krieg in Afghanistan nicht mit dem Krieg in der Sowjetunion vergleichen, denn damals wurde ja die deutsche Freiheit am Kaukasus verteidigt, nicht am Hindukusch.
Konsequent. Bis zum Endsieg.

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Liebe Maria, Mutter Gottes, gib deinen bayrischen Schutzbefohlenen den richtigen Durchblick bei den Landtagswahlen am heutigen Sonntag!









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Kommentar

29. September 2008

Schadenfreude? Aber ja!

Maria (siehe Eintrag von gestern) hat geholfen. Hey, seit ich wählen gehe, ham sie mich geärgert, die Bayern und die CSU, deshalb gebe ich mich seit gestern abend ungebremster Schadenfreude hin: 50 minus 7, statt 50 plus x - hehehe! Diese Arithmetik geht übrigens auf Franz-Josef Strauss zurück - ich hab' den Ausdruck immer gehasst, und muss ihn wohl in Zukunft nie mehr hören. Bayern = CSU, das ist Vergangenheit. Und die SPD nähert sich mit zaghaften Schritten (minus 1 Prozent) der Vorgabe von Jürgen Möllemann: Sie hat die 18 vor dem Komma, die 6 dahinter.
In München hat die CSU 17 Prozent verloren, der Direktkandidat in meinem Wahlkreis Bogenhausen kam gerade noch auf 31 Prozent. Der CSU-Mann in Schwabing erhält mit 28,7 Prozent nur 1 Prozent mehr als die "Zuagroaste" SPD-Frau. Ganz übel abgestraft wurde der CSU-Kandidat in Moosach, wo sie den Transrapid bauen wollten - er verlor 18,2 Prozent. Insgesamt verliert die SPD in ihrer Hochburg München fast zwei Prozent und fällt auf 28,2. Nur Franz Maget bekommt sein Direktmandat in Milbertshofen.
Am schlimmsten erging es der CSU in Freising, wo der Widerstand gegen die dritte Startbahn des Flughafens am größten ist: Sie kommt noch auf 31,6 -  das sind minus 30 Prozent!!! Die Grünen erhielten 23,5 Prozent (plus 10), die Freien Wähler 17,7 Prozent (plus 13), die Linke erzielt mit 4 Prozent das beste Ergebnis in ganz Oberbayern.
Im Durchschnitt verlor die CSU in Oberbayern 20 Prozent und erhält keine Listenmandate mehr - Straußtochter Monika Hohlmeier kommt nicht in den Landtag.
Und draußen scheint die Sonne, und das entspricht meiner Stimmung - für mich das schönste Wahlergebnis seit 45 Jahren! Die Linke schafft es zwar nicht über die 5-Prozent-Klausel, aber für Bayern sind 4,3 Prozent landesweit schon ein Achtungserfolg.
Und die Abendzeitung kalauert auf Seite eins: "CSUntergang".

Schadenfreude? Yeesssss! Ich kann's gar nicht glauben, was ich da heute eingetippt habe.

Kommentar


30. September 2008

Ein schönes Kind

Marilyn: Erinnerst du dich, ich habe gesagt, wenn dich irgendjemand einmal fragen würde, wie ich war, wie Marilyn Monroe wirklich war - nun, was würdest du ihnen antworten? (Sie sagte das neckisch, spöttisch, aber auch ernsthaft: Sie wollte eine ehrliche Antwort.) Ich wette, du würdest ihnen sagen, dass ich eine Schlampe war. Ein Windbeutel.
Truman Capote: Natürlich. Aber ich würde auch sagen ... (Das Tageslicht wurde schwächer. Sie schien mit ihm zu verschwinden, sich mit dem Himmel und den Wolken zu vermischen, sich über ihnen aufzulösen. Ich wollte mit meiner Stimme die Schreie der Möwen übertönen und sie zurückrufen: Marilyn! Marilyn, warum musste alles so beschissen werden, wie es jetzt ist? Warum muss das Leben so beschissen sein?)
TC: Ich würde sagen ...
Marilyn: Ich kann dich nicht hören.
TC: Ich würde sagen, du bist ein schönes Kind.

(Truman Capote, A Beautiful Child , 1979. Aus: Portraits)

Heute wäre Truman Capote 84 Jahre alt geworden. Er wurde 1924 geboren, wuchs in New Orleans auf, hat nie eine Universiät besucht. Mit zwölf Jahren begann er zu schreiben, seine erste Kurzgeschichte erschien 1945. Als er 1948 mit seinem ersten Roman "Andere Stimmen, andere Räume" auf der Bühne der amerikanischen Literatur erschien, war er selbst noch ein schönes Kind.

Es folgten Novellen ("Die Grasharfe", "Frühstück bei Tiffany", das endlich in einer neuen Übersetzung vorliegt), Reportagen, Reiseberichte - darunter "The Muses Are Heard" (Die Musen werden gehört, 1956). Es ist die Geschichte einer Bahnreise mit einer schwarzen Theatertruppe von Berlin aus nach Leningrad (Petersburg) und Moskau, um "Porgy und Bess" aufzuführen. Weltberühmt wurde Capote mit "Kaltblütig", dem Bericht über einen Massenmörder, den er jahrelang immer wieder in der Gefängniszelle besuchte und bis zur Hinrichtung begleitete. Weil man nicht wusste, ob das noch als Reportage einzuordnen war oder eher als Roman, erfanden amerikanische Feuilletonredakteure den Begriff "faction", abgeleitet aus fact und fiction. In der Folge schrieben auch Norman Mailer, Tom Wolfe, Hunter S. Thompson, Gore Vidal und andere Schriftsteller Bücher, die als faction bezeichnet wurden.
Nach dem Erscheinen von "Kaltblütig" gab er dem US-Playboy ein Interview, in dem er sagte: "Ich habe mitbekommen, dass der Tod der zentrale Faktor im Leben ist. Und das einfache Verständnis dieser Tatsache verändert einem die gesamte Perspektive ...
Die Erfahrung hat dazu geführt, mein Gefühl für die tragische Sicht des Lebens zu verstärken, das ich schon immer gehabt habe, und das für den Teil von mir verantwortlich ist, der so außerordentlich frivol erscheint; dieser Teil steht immer in einem dunklen Flur und macht sich über die Tragik und den Tod lustig. Deswegen trinke ich so gern Champagner und steige im Ritz ab."
Das Marilyn-Monroe-Porträt, dessen Schluss ich oben zitiert habe, gehörte zu einer ganzen Serie, in der er auch Begegnungen mit anderen Schauspielern und Berühmtheiten literarisch aufarbeitete, darunter mit Marlon Brando, Elizabeth Taylor, Colette, Pablo Picasso, Mae West, André Gide, Coco Chanel, Somerset Maugham, Charlie Chaplin, Louis Armstrong, Humphrey Bogart und John Huston. Marlon Brando sagte nach der Veröffentlichung des Porträts über ihn, er würde "dieser Schwuchtel am liebsten den Hals umdrehen". Capotes Freundschaften mit den Schönen und Reichen der New Yorker Society spiegeln sich in den letzten Büchern, "Musik für Chamäleons" und "Erhörte Gebete". Weil er den Lebensstil der oberen Zehntausend sehr offen und sehr kritisch beschrieb, und so, dass viele der dargestellten Personen sich wiedererkannten, ließen ihn seine früheren Freunde nach der Veröffentlichung fallen wie eine heiße Kartoffel. In einem Interview-Buch von Lawrence Grobel - "Gespräche mit Capote" - erinnert er sich an die Zeit, als "Erhörte Gebete" erschien: "Was haben die denn geglaubt, wen sie um sich hatten? Einen Hofnarr? Heh, ich bin Schriftsteller." In demselben  Buch charakterisierte er sich selbst: "Ich bin Alkoholiker. Ich bin drogensüchtig. Ich bin homosexuell. Ich bin ein Genie."
Er starb im August 1984 in Los Angeles kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag, einsam, alkoholkrank, amphetaminsüchtig. Sein Leben wurde vor ein paar Jahren mit Seymour Hoffman in der Hauptrolle verfilmt.

Laufen - wo das alles enden kann


Neulich kam der Tim Cole am Celebrità vorbei, das früher mal Weinhäusl hieß und als solches in dem Meisterwerk "Stille Winkel in München" von dem vielgepriesenen  Münchner Autor Hans Pfitzinger beschrieben wurde. (Eine Werbeeinblendung inklusive Surferfoto finden Sie hier weiter oben, ein Autorenfoto ganz oben.) Vor einem Jahr etwa hat eine neue Pächterin das skurrile kleine Lokal am Wiener Platz übernommen. Die Stadtverwaltung hat ihr zuliebe die schmale Durchfahrt vor dem Haus gesperrt, und jetzt können mehr Tische und Stühle draußen platziert werden, sodass die Chancen besser stehen, dass der Laden nicht gleich wieder pleite macht. Na, jedenfalls hamse Augustiner vom Fass, und ich saß Samstagnachmittag vor dem Lokal, die taz lesend, als Tim Cole vorbeigejoggt kam, mit seiner Frau Gabriele, die ihn auf dem Fahrrad begleitete. Weil wir uns seit neun Jahren nicht mehr gesehen und gleich wiedererkannt haben, blieb er kurz stehen, und wir machten ein Treffen aus.
Da hat er mir dann erzählt, dass er vor etwa acht Jahren mit Laufen angefangen hat. Erst drei Kilometer, drei Mal die Woche, dann fünf, und als mal so ein Stadtlauf war über zehn Kilometer hat er sich gedacht: Heh, wenn ich fünf Kilometer schaffe, dann probier ich mal zehn. Hat prima geklappt und ihm auch Spaß gemacht, und dann war mal so ein Halbmarathon, Sie wissen ja, 21 Kilometer. Und so weiter: Im nächsten Jahr lief er dann beim Marathonlauf in München mit, und weil er das gepackt hat, wollte er auch mal in Berlin mitlaufen, und, heh, ist nicht der New Yorker Marathon das Höchste? Danach gab's nur noch eine Steigerung für ihn: Den Originalmarathon von Marathon nach Athen. Tim, habe ich gesagt, du bist ein Irrer. Er kicherte fröhlich vor sich hin.
Das fiel mir ein, weil die taz am Samstag von einem 68-Jährigen berichtet hat, der in Berlin den 53. Marathonlauf seines Lebens mitmachte. Und gestern auf der Seite "leibesübungen" gab's ein Foto des lachenden Siegers, wie er vor der Berliner Siegessäule ganz allein dem Weltrekord entgegenläuft: 2 Stunden, drei Minuten und 59 Sekunden. Und weil ich seinen Namen schon immer mal eintippen wollte, soll es hiermit geschehen: Haile Gebrselassie heißt er, und hat mit nur 1,64 Metern Körpergröße wahrscheinlich gewisse Vorteile gegenüber Läufern mit 1,90.
Ich hab ja auch wieder angefangen mit Laufen, Anfang Mai. Erst einen Kilometer, dann eineinhalb, zwei, und das hat mir schon gereicht. Lange Zeit bin ich dann bei der Opitzstraße abgebogen und vorbei am Wachhäuschen vor der Bungalow-Residenz des amerikanischen Konsuls rüber zur Isar, das waren 3,8 Kilometer, und das hat mir schon gereicht. Irgendwann Anfang August war's nicht so heiß, und ich hab mir gedacht, heh, ich bin gut drauf heute, ich lauf noch weiter bis zur Bürgerstraße. Das waren so an die fünf Kilometer, und die Strecke bin ich dann eine Weile gelaufen, und das hat mir schon gereicht. Seit zwei Wochen habe ich die Strecke verlängert, treue tazblog Leser haben es ja mitbekommen, dass ich jetzt nicht schon an der Bürgerstraße abbiege und rüberlaufe zur Isar. Nö, ich lauf bis ans Ende des Herzogparks, wo Florian Langenscheidts Villa die Wiese nach Norden zu abschließt, dann rüber zum Oberföhringer Wehr und flußaufwärts bis zum Kusteiner Platz, kurz vor der Max-Josef-Brücke. Das sind nicht ganz sechs Kilometer, und ich finde, dass mir das schon reicht.
Wie gesagt, Tim Cole ist ein Irrer.

Goettle über Ridder: Es geht weiter

Was soll ich sagen? Offenbar stimmt meine Einschätzung: Gabriele Goettle schreibt ein Buch über Dorothea Ridder, und das ist gut so, das Herz geht einem auf, und gestern waren zwei Seiten Gespräch mit den beiden Sprechstundenhilfen in der taz, und das war wieder große Klasse.

Omen

Eine der feinsten Kolumnen in taz zwei ist die von meinem Mit-Münchner Josef Winkler. Nein, das ist nicht der Büchner-Preis-Preisträger, der heißt zwar auch so, Josef mit f, aber der ist Österreicher, und von dem hab ich noch nie was gelesen. Neulich habe ich erfahren, dass Sigrid Löffler von "Literaturen" gleich zwölf Seiten über jenen Winkler ins Heft gehoben hat. Jetzt wird es noch unwahrscheinlicher, dass ich jemals was von ihm lese, denn die Frau Löffler kann ich nicht ausstehen.
Ja, also Josef Winkler schreibt in seiner Kolumne, geschrieben Sonntag, vor dem Schließen der Wahllokale: "Es wird mein fünfter Versuch sein, mitzuhelfen, die absolute Mehrheit der CSU in Bayern wegzuwählen, und diesmal, da ich's langsam müde werde, sagen die Leute, könnte es sogar klappen. Wegen der Landesbankpleite, der kaputtgesparten Schul- und Sozialsysteme und weil die Frau vom Beckstein kein Dirndl anziehen wollte auf der Wiesn, unter anderem. (...) Zumal ich die Bayernwahl als schicksalhaft verknüpft sehe - im Sinne einer Weltverschwörung des Doofen an sich - mit den US-Wahlen. Stichwort 'Omen': Wenn die hier wieder über 50 kommen, wählen die da drüben McCain."
Gut schaut's aus, Josef Winkler!

Robert Newman oder was?

Nun ja, er hat getan und gegeben, was er konnte, und wenn einer 84 wird, ist die Trauer beim Abgang nicht sooo groß, wie wenn einer sehr vorzeitig abgeht. Schön, dass Ekkehard Knörer in seinem ganzseitigen Nachruf auch an den Prachtwestern "Hombre" erinnert, der mich damals im Türkendolch-Kino ganz schön gebeutelt hat. Mei, das war Klasse, und ich erst im zweiten Semester! Nachdem ich schon die ganzen Tage überlegt habe, ob Paul Newman eigentlich Butch Cassidy war oder The Sundance Kid, oder Robert Redford, oder umgekehrt, krieg ich auch das endlich auf die Reihe: "Und wie Newman als Butch Cassidy mit Katherine Ross auf dem Fahrrad zu Burt Bacharachs Ohrwurm 'Raindrops Keep Falling On My Head' herumkurvt, das ist fraglos eines der ikonischen Bilder des Hollywood-Kinos der Sechziger." Amen. Na klar war ich danach sowas von in Katherine Ross verknallt, diese schwarzen Haare, diese Augen, diese allerliebsten Grübchen ...
Ah, noch was: Kein Schwein hat erwähnt, dass in "Die Farbe des Geldes", für den Newman 1987 einen Oscar bekommen hat, ein noch ziemlich junger Schauspieler zum ersten Mal eine wirklich tolle Leistung gezeigt hat. Das liegt wohl daran, dass
Tom Cruise kein Schwein mehr ausstehen kann.

Nachdenklich

Hm. Den Rudolf Walther hab ich erst letzte Woche angegriffen, weil ich ihn auf der Wahrheitseite für deplatziert halte. Dagegen ist er mir auf der Meinungsseite schon des Öfteren positiv aufgefallen, so auch mit seinem Kommentar "Zweierlei Religionskritik". Da steht ein Satz drin, den sich diverse taz-Redakteure ausschneiden und an den Computerbildschirm kleben sollten: "Wenn staatliche Institutionen die staatsbürgerliche Gleichheit gegen kulturelle oder religiöse Differenz in Stellung bringen oder die säkulare Gesellschaft und ihre Medien religiöse Glaubensinhalte pauschal als 'irrational' oder 'vorgestrig' abwerten, schüren sie Spannungen und Konflikte."
Da iss was dran.

Sigmar Gabriel ist ein Heuchler

In seinem Haus arbeitet ein Lobbyist von BASF, und bei den Verhandlungen über die Reduzierung von Treibhausgasen in der EU steht er voll hinter der deutschen Autoindustrie und bremst, wo's nur geht. Die CO2-Emissionen der Regierungsdienstwagen, inklusive seiner eigenen Dreckschleuder, wollte er "neutralisieren", das heißt Kompensationen dafür bezahlen. Dafür wurden für 2008 immerhin 3,8 Millionen Euro in den Bundesetat gestellt. Jetzt hat die FAS herausgefunden, dass bis heute, also Ende September, davon kein Euro abgerufen wurde.
Sigmar Gabriel ist die Nullnummer unter den Umweltministern.

Die kleinen, feinen Meldungen

Die frühere US-Außenministerin Madeleine Albright hat eine Beraterfirma in Washington. Und wer steht da als "Senior Strategic Counsel", als strategischer Beratungsaltzausel, auf  der Honorarliste? Joseph Fischer, früherer Grünen-Fuzzi und ebenfalls Exaußenminister. Jaja, die Madeleine lässt alte Freunde nicht verkommen.

Unser Dorf soll schöner werden


Nichts als gute Nachrichten aus München: Erwin Huber ist weg vom Fenster, und seine Parteisekretärin Christine Haderthauer gleich mit. Ich meine: Es geht ja auch um ästhetische Fragen, und wenn ich diese Gesichter nicht mehr sehen muss, fühl ich mich gleich wohler.
(Ich weiß schon, der Seehofer ist auch nicht viel toller.)

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