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1. Oktober 2008
Die Wahrheit
Die Wahrheit ist: Dienstags wird die Wahrheitseite der taz boykottiert, weil das "Geheime Tagebuch der Carla Bruni" das Allerletzte ist, der Tiefpunkt, tiefer geht's nimmer. Weil ich das nicht einfach so behaupten und niemand zu unrecht beschimpfen will, guck ich gelegentlich doch mal rein. Urteilen Sie selbst, geneigte/r Leser/in. Es geht darum, dass die Frau des französischen Präsidenten (man sieht es auf dem Begleitfoto) Michael Douglas und seine Frau Catherine Zeta-Jones trifft: "Richtig leid aber tut sie mir, weil sie beim Dress-Battle abgeloost hat, als vielmehr, dass sie mit diesem Gesicht des Todes unterwegs ist. Mr. Douglas ist ja bis zur Leichenstarre gestrafft. Allein die Vorstellung, als Ehefrau mit dem Sex zu haben und während des Aktes nicht zu wissen, ob der noch lebt, ist nichts, das ich erleben möchte. Ob der kommt oder gekommen ist, gerade einen Herzinfarkt hat, ist da ewiges Rätsel ... Nein, da möchte ich mit dem Zetachen nicht tauschen." Ja, so steht das da auf der Wahrheitseite der taz. Ich möchte ja nicht wissen, was da stand, als ich meinen Leseboykott wochenlang tatsächlich durchgehalten habe. Nein, ich will's nicht wissen. Aber die Elmar-Kraushaar-Kolumne unten ist okeh wie immer. Meine Güte, die durchgeknallte Fürstin aus Regensburg. Nö, namentlich erwähnt wird sie hier nicht.
... und Mohammed sein Prophet
Ein höchst interessanter Artikel von Sabine am Orde über Muhammed Sven Kalisch, den deutschen Islamprofessor aus Nordrhein-Westfalen, der keine Lehrer mehr ausbilden darf. Er hat seine Zweifel geäußert, ob es den Propheten historisch nachweislich gegeben hat, und deshalb wurde er vom Koordinierungsrat der Muslime als ungeeignet angesehen, und der Wissenschaftsminister (FDP) hat ihm die Befugnis entzogen, weiterhin Religionslehrer auszubilden. Forschen und Lehren darf er aber weiterhin, und Kalisch hat sich damit abgefunden. Er sieht sich immer noch als Muslim: "Der Islam ist für mich die spirituelle Tradition, aus der ich komme." Interessanter Typ: Er wollte mit 13 türkisch lernen, hat sich mit jungen Türken angefreundet und kam dadurch auf den Islam. Mit 15 wurde er Muslim. Das erinnert mich an Cat Stevens, obwohl der um einiges älter war, als er befand, dass ihm der Koran die Antworten gab, die er gesucht hatte.
Wirtschaft im Eimer
Wenn Reiner Metzger in seinem Kommentar davon ausgeht: "Die Wirtschaftskrise steht erst noch bevor", kann ich ihm nur zustimmen. Noch treffender bringt es der Leser Tim Karsten aus Berlin auf den Punkt: "Der Kapitalismus ist nicht tot, das genaue Gegenteil ist der Fall, handelt es sich doch bei den 'Rettungspaketen', Finanzspritzen, und wie sie heißen mögen, um die größten Umverteilungen von unten (dem Steuerzahler) nach oben (den Aktionären, Investoren, Bankern usw.). Diese Umverteilungen sind nur möglich, weil es eben einen unregulierten, intransparenten Finanzsektor gibt. Warum übrigens gibt es diese 'Krise' (wessen?) gerade kurz vor Ende der Amtszeit des größten Von-unten-nach-oben-Umverteilers aller Zeiten, George W. Bush? Die Umverteilungsturbokompressoren Irak-/Afghanistan und andere Kriege haben wohl noch nicht ausgereicht?!" Hm. Ja. Bush ist noch nicht fertig. Der Schlamassel, den der Dreckskerl hinterlässt, wird immer noch größer. Aber Sie wissen doch: Nach der Sintflut kommt der Regenbogen. Zitat
"Wir müssen eine Vereinbarung mit den Palästinensern treffen, deren Bedeutung darin liegt, dass wir uns aus nahezu allen, wenn nicht sogar aus allen Gebieten zurückziehen. Was ich Ihnen jetzt sage, hat kein israelischer Führer vor mir gesagt. Es ist an der Zeit, die Dinge auszusprechen."
Ehud Olmert, Noch-Ministerpräsident von Israel. Er sagte das am 29. September 2008 in einem Gespräch mit der Zeitung Jediot Ahronot, in dem er auch noch zugab, dass seine Ansichten über Außenpolitik jahrzehntelang falsch gewesen seien.
2. Oktober 2008
Schamfrist: Fünf Tage
Betr.: "Wir können nichts für die Preise", taz vom 2. Oktober, S. 4
Am 27. September erschien die Sonder-taz zum 30. Geburtstag ("30 Jahre. 30 Ereignisse."), mit einer ganzseitigen Anzeige des Ölmultis BP auf der letzten Seite. Und fünf Tage später bekommt der Vorstandsvorsitzende der Deutschen BP eine ganze Seite, um in einem Interview seine Sicht der Dinge darzustellen, dazu ein Foto, auf dem er freundlich lächelnd vor dem BP-Logo abgebildet wurde. Aber das eine hat mit dem anderen selbstverständlich überhaupt nichts zu tun, die taz wahrt ganz bestimmt ihre journalistische Unabhängigkeit. Und die Renten sind sicher. Falls es Leser mit langem Gedächtnis gibt, hier im tazblog stand dazu am 28. September der Eintrag "Wo die Kohle herkommt", ein Verzeichnis der Anzeigen in der Jubiläums-taz, und der Hinweis, dass die besonders ins Auge fallende Rückseite von BP gekauft wurde:
Letzte Seite (meist teurer als innen im Heft): Reibung erzeugt Wärme und Energie. Danke, taz. (Kleine Symbolbildchen für Öl, Erdgas, Wind, Solar, Bio) Darunter Werbetext, der mit dem Satz endet: "Wir von BP und unsere Tankstellentochter Aral gratulieren der taz herzlich zum 30. Geburtstag und wünschen ihr noch viel Energie für die Zukunft. bp beyond petroleum ®
Die Schamfrist zwischen Werbung und Schleichwerbung beträgt bei der taz genau fünf Tage.
Dürrenmatt als Maler
Eine bessere Gelegenheit, das Gemälde "Letzte Generalversammlung der Eidgenössischen Bankanstalt" auf die Titelseite der taz zu heben, wird schwerlich eintreten. Friedrich Dürrenmatt, eher als Schriftsteller bekannt, hat dieses Gruselbild 1966 gemalt - im Hintergrund haben sich die meisten Bankiers an den Garderobenhaken aufgehängt, in der Bildmitte halten sich sechs Typen im Smoking die Pistole an die Schläfen oder in den Mund, im Vordergrund liegen noch ein paar Kerle offenbar sturzbesoffen unterm Tisch. Dazu titelt die taz gestern: "Kapitalismus gescheitert". Untertitel: "Das globale System lebt nur noch mit Staatshilfe". Das ist so weit schon richtig. Nur: Das war vorher auch so, jetzt wird nur deutlicher, dass die "Demokratien" westlicher Prägung der Minderheit der Kapitalbesitzer dienen, nicht der demokratischen Mehrheit. Insofern hatte Robert Musil schon recht: "Der Kapitalismus ist die kräftigste und die elastischeste Organisationsform, welche die Menschen bisher erreicht haben." Aber lesen Sie selbst:
Robert Musil: Kapitalismus und "der andere Zustand"
Es war von der Entwicklung der Naturwissenschaften, der Maschinen, der Zeitung, der Demokratie die Rede, von der Uneinheitlichkeit der Meinungen, der Atomisierung aller Ideologien. Man faßt auch zusammen: das Wort Zeitalter des Kapitalismus lag nahe. In der Tat sind nicht nur alle diese Erscheinungen, sondern auch alle ihre beklagten Wirkungen unter diesen Begriff zusammenzufassen. Die Formel dieser Zeit des Kapitalismus, auf die es im Zusammenhang mit den Tatsachen ankommt, lautet: das Geld ist das Maß aller Dinge. Ihr negativer Ausdruck heißt: das menschliche Tun trägt kein Maß mehr in sich. Worte über ihre weitreichende Berechtigung sind überflüssig; sie ist oft genug erörtert worden. Ich möchte nur hervorheben, wie sehr heute der "Erfolg" sogar für das "Verständnis" entscheidet, unter besten Menschen. Wichtiger erscheint es, das Positive, man zögere nicht zu sagen: das Gute, hervorzuheben, das in diesem Zustand liegt. Es ist die kräftigste und die elastischeste Organisationsform, welche die Menschen bisher erreicht haben. Es ist in diesem Zusammenhang aber nichts als eine Ichsucht; die ungeheuerlichste Organisation der Ichsucht, nach der Rangordnung der Kräfte, Geld zu schaffen. Bei dem Mangel jeder gültigen anderen Rangordnung ist es geradezu unentbehrlich: Wo das Geld nicht ordnet - wie etwa in der Beamtenhierarchie oder in der akademischen – dort springen sofort Nepotismus und Protektionswesen ein. Würde heute das Geld abgeschafft, so würde dadurch nicht berührt "die Übermacht dessen, der Vorteile zu vergeben hat". In der Zeit des Umsturzes und Durcheinanders etablierte sich allerorten eine Naturalwirtschaft aller erdenklichen Protektionen. Man muss das sagen, weil manche zu glauben scheinen, dass mit dem Geld auch die Ichsucht abgeschafft würde. Sie ist aber so alt und so ewig wie ihr Widerspiel der sozialen Gefühle. Das Geld ist nicht ihre Ursache, sondern ihre Folge; allerdings hat nichts so wie das Geld und seine Gebilde sie ins Ungeheuere gesteigert. Der Zusammenhang mit den "Tatsachen" ist der, dass die Ichsucht die verläßlichste Eigenschaft des menschlichen Lebens ist. Von unwirksamen Ausnahmen abgesehen ist durch Reizung des Begehrens und Einschüchterung der Mensch zu allem zu bringen. Dass sich mit diesen beiden Eigenschaften verlässlich rechnen lässt, ist mehr als ein Wortspiel. Rechnen setzt feste Größe oder die Umrechenbarkeit auf solche voraus. Rechnen, Messen, Wägen ist nur dort möglich, wo die Gegenstände, an denen das geschieht, sich gleich bleiben, sich nicht zwischen zwei Messungen oder während der Rechnung verändern (wo dies geschieht, ist aller Scharfsinn darauf gerichtet, die Beziehung zu etwas Unveränderlichem zu finden). (...) Dieses Bedürfnis nach Eindeutigkeit, Wiederholbarkeit und Festigkeit wird auf seelischem Gebiet durch die Gewalt befriedigt, und eine Spezialform dieser Gewalt, eine unerhört geschmeidige, entwickelte und nach vielen Richtungen schöpferische, ist der Kapitalismus. Es wurde hier schon dafür der weitere Begriff einer Ordnung aufgestellt, welche mit der Ichsucht rechnete. Dieses Ordnungsprinzip ist so alt wie die menschlichen Verbände selbst. Wer auf Stein bauen will im Menschen, muss sich der Gewalt oder der Begierden bedienen. Dieses mit den schlechten Fähigkeiten des Menschen rechnen ist eine Spekulation à la baisse (Börsenausdruck: auf das Sinken der Kurse spekulieren). Eine Ordnung à la baisse ist dressierte Niedrigkeit. Sie ist die Ordnung der heutigen Welt. Ich lasse dich gewinnen, damit ich mehr gewinne oder ich lasse dich mehr gewinnen, damit ich überhaupt etwas gewinne. Diese List eines überlegenen Parasiten ist die Seele der anständigsten Geschäfte, welche abgeschlossen werden. Vorteile gewähren oder ablisten. Zahlreich sind jene, welche geradezu auf der Schädigung anderer beruhen. Selbst der bescheidenste, berechtigtste Gewinn eines Verkäufers, der unter Gefahr und Einsatz seiner Existenz Ware herbeigeschafft und sich einen Anspruch erworben hat, - ob er nun Unternehmer oder Lohnsklave ist! - wird eingehoben ohne Rücksicht auf die persönliche Situation dessen, der die Ware braucht, also sie ausnützend, ja, das Gegenteil schiene nicht nur, sondern wäre bei der heutigen Lage eine Geistesstörung, welche mit Recht das Kuratel auf sich zieht. (...) Das Gleiche gilt dann auch vom Politiker, ob es sich nun um die innere oder äußere Politik handelt. Der Befehlshaber, welcher die Bevölkerung eines Etappenraumes mit Drohungen gefügig hält, rechnet mit diesen Menschen nicht anders à la baisse wie der Industriellenverband, der die streikenden Arbeiter aushungert, oder die politische Partei, welche einen Wahlfonds verwendet. Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit den gleichen Mitteln, und der Friede würde auch nach einer allgemeinen Abrüstung ein bewaffneter Friede bleiben. Das ist der Typus, der erst die Waffen ausliefern lässt und dann verhandelt und sich kein gedeihliches Verhältnis anders denken kann als die Hegemonie (Vormachtstellung) eines Teils. Er sagt, dass er nur den Tatsachen Rechnung trage und kein Utopist sei. Man muss diesen Tatsachenmenschen, der mit seinen Mitmenschen nur à la baisse rechnet, gerecht sein. Er ist ein reinlicher, exakter, dem Schwätzen abholder, in all seiner Verwerflichkeit häufig sympathischer Typus. Wenn man dennoch sein Gegner sein will, so ist es das Wichtigste, den Gegensatz zu ihm richtig zu bestimmen. (...) Von einer anderen Seite her ist der Gegensatz des heutigen Geisteszustands als Liebe und Güte gefordert worden. Mitten im Krieg, mit großer Heftigkeit, wenn auch sehr oberflächlich verstanden, ist diese Forderung der Liebe, der Menschengüte und dergleichen aufgetaucht. Sofern sie ein wiedererweckter Rousseauismus ist - der Mensch ist gut – braucht sie hier nicht diskutiert zu werden. Zu warnen ist vor allen, die auf Grund dieser falschen Voraussetzung die Gesellschaft reformieren wollen, denn sie werden ihr Ziel verfehlen. Dennoch liegt die wahre Gegnerschaft gegen die Tatsachengesinnung nicht weit von dieser letzten Bestimmung. Es gibt einen Zustand des Menschen, welcher dem des Erkennens, Rechnens, Zweckens, Schätzens, Drückens, Begehrens und der niedrigen Angst als grundverschieden entgegengesetzt ist. Er ist schwer zu bezeichnen. In all den Bezeichnungen als Liebe, Güte, Irrationalität, Religiosität, die hier bekämpft wurden, steckt eine Seite der Wahrheit und für die volle Wahrheit steht heute kein Gedanke zur Verfügung. Ich möchte es einfach den "anderen Zustand" nennen.
(aus: Der deutsche Mensch als Symptom, 1923. Zitiert nach: Robert Musil, Gesammelte Werke, 1978. Auszugsweise aus den S. 1386 – 1392. Rowohlt Verlag)
Filmästhet
Auf der Meinungsseite darf mal wieder Georg Seeßlen seinen zum Großteil richtig zusammengerührten Senf (zu den Wahlen in Bayern) ablassen, schließlich wohnt der Filmjournalist in Kaufbeuren, da wird er sich schon auskennen mit der CSU. So dachten wohl die zuständigen Redakteure, die ich hiermit anflehe: Bitte druckt nie wieder dieses grauenvolle Automatenfotoporträt von Georg Seeßlen. Wie kann sich jemand beruflich mit Film und (damit ja auch mit Ästhetik) befassen, und den taz-Lesern ein solches Foto von sich zumuten?
"Mein linker Sommer"
Das tazblog nimmt mir immer noch zu viel Zeit. Ich will jetzt ein Buch daraus machen: "Mein Linker Sommer. Best of 'Achtung: tazblog!' - die taz sechs Monate kritisch gelesen". Ich hatte ja unverschämtes Glück - in die Zeit fiel ein Wirbelsturm in Myanmar, eine Fußball-Europameisterschaft, ein Erdbeben in China, die olympischen Spiele in Beijing, ein Krieg und das Ende des bekannten Kapitalismus, und aufhören tut's mit dem Jubiläum 30 Jahre taz! Ich stell jetzt das Beste daraus zusammen, so an die 200 Druckseiten. Wenn jemandem ein Vorschlag zu einem Verlag einfällt, der das von seinem Programm her gesehen rausbringen könnte - bitte melden!
3. Oktober 2008
"Wir leben mit einem Denkfehler ...
... das Auto spart nie und nimmer Zeit." Sagt Hermann Knoflacher. Das hat mir gefallen, und ich wollte herausfinden, wer das ist. Das steht bei Wikipedia:
Hermann Knoflacher (* 21. September 1940 in Villach, Kärnten) ist ein österreichischer Zivilingenieur. Er ist Professor am Institut für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der Technischen Universität Wien. Knoflacher studierte Bauingenieurwesen, Vermessungswesen und Mathematik an der TH Wien. Er ist seit 1975 Professor an der Technischen Universität Wien und seit 1985 Vorstand des Instituts für Verkehrsplanung und -technik. Seine Lehrschwerpunkte sind Raum- und Stadtplanung sowie Einflüsse der Mobilität. Seine Thesen stellen einen wesentlichen Beitrag zum Konzept der Sanften Mobilität dar. Seit 2004 ist Knoflacher Präsident des Club of Vienna. Außerdem ist er Mitglied des Club of Budapest und globaler Fußgehervertreter der Vereinten Nationen. Seit 2004 ist Knoflacher auch Vorsitzender des Fahrgastbeirats der Wiener Linien.
Und dann hab ich ein Interview mit ihm gefunden, in dem er noch mehr sagt über den Denkfehler: "Das Auto macht uns total verrückt", in Die Zeit, 13. 09. 2007 Nr. 38 (gibt's auch online). Hier ein Auszug: Zeit: Welchen Einfluss hat denn die Motorisierung auf unsere Gesellschaft? Knoflacher: Einen unglaublichen Einfluss. Das Auto ist wie ein Virus, das sich im Gehirn festsetzt und Verhaltenskodex, Wertesystem und Wahrnehmung total umkehrt. Ein normaler Mensch würde unseren derzeitigen Lebensraum als total verrückt bezeichnen! Wir ziehen uns mehr oder weniger freiwillig in abgedichtete Häuser mit Lärmschutzfenstern zurück, um den Außenraum dem Krach, dem Staub und den Abgasen der Autos zu überlassen. Das ist doch eine völlige Werteumkehr, die uns nicht einmal mehr auffällt.
Wie kam es Ihrer Meinung nach dazu? Unser Problem ist der aufrechte Gang. Wir benötigen verhältnismäßig viel Muskel- und Steuerungsenergie zur Stabilisierung unseres Körpers. Denken Sie an die Bewegungsschwierigkeiten unter Alkoholeinfluss. Im Auto verbrauchen wir nur ein Sechstel unserer Körperenergie und haben den Eindruck, wahnsinnig schnell und stark zu sein. Das ist eine Komponente. Die andere ist die Vorgabe an die Stadtplanung, das Auto in unmittelbarer Nähe zu allen Aktivitäten unterzubringen. Damit zerstört man den natürlichen Lebensraum, den öffentlichen Verkehr, die Nahversorgung und letztlich auch das soziale Netz, das der Mensch im Laufe von Jahrtausenden aufgebaut hat.
Das Auto macht die Evolution zunichte? Nein, aber die menschlichen Errungenschaften der letzten Generationen sind durch das Auto zerstört worden.
Bedeutet das Zeitalter des Autos unseren kulturellen Untergang? Das würde ich so nicht sagen, denn der kulturelle Untergang ist meiner Meinung nach kein wirkliches Problem. Damit bricht ja nur eine sehr späte Evolutionsschicht weg. Viel schlimmer sind die fortlaufenden, strukturellen Zerstörungen, die das Auto anrichtet.
Ist Autofahren eine Sucht? Auf jeden Fall! Das Auto ergreift vom Menschen Besitz. Der Autofahrer unterscheidet sich ja vom Menschen mehr als jedes Insekt.
Wie meinen Sie das? Insekten haben mit dem Menschen gemeinsam, dass sie Mobilität mit ihrer eigenen Körperenergie bewältigen. Der Autofahrer muss das nicht. Und es gibt keine Insekten, die aus Bequemlichkeit den Lebensraum ihrer Nachkommen zerstören oder sich so schnell bewegen, dass sie sich dabei selbst töten.
Sehr empfehlen möchte ich auch den Artikel über die Zerstörung und Zersiedelung der Landschaft um München, den Matthias Morgenroth für Publik Forum Nummer 18, 26. September 2008 geschrieben hat. Da geht es - auch - um die 900 Schafe, die auf den "Restflächen" zwischen den Autobahnen grasen. In diesem Sinne: Gib Gas, ich will Spaß!
"Heftige Reaktionen"
Nachtrag zur taz-Beilage "30 Jahre. 30 Ereignisse", vom 27./28. 9. 2008
Das Ereignis, das die Redaktion für das Jahr 1994 herausgegriffen hat: der Völkermord in Ruanda. Selbstverständlich hat den Artikel Dominic Johnson verfasst, und bei aller Skepsis ihm gegenüber muss ich zugeben, dass der Text zwar etwas umständlich geschrieben ist, die Hintergründe des Geschehens werden aber verständlich dargestellt. Ob Johnson dabei die Rolle des französischen Militärs im Westen Ruandas richtig wiedergibt, kann ich nicht beurteilen. Was mich verwundert hat, war die doch einigermaßen kritische Einschätzung der Aktionen des Tutsi-Führers Paul Kagame in den Jahren nach dem Völkermord: "... entwickelte die neue ruandische Regierung unter RPF-Führer Paul Kagame, heute Staatschef, eine Geringschätzung für internationale Betroffenheiten und diplomatische Feinheiten. Das machte es ihr leicht, ab 1996 eigenmächtig in Zaire zu intervenieren, um dort die einstigen Hutu-Gegner am Wiedereinmarsch nach Ruanda zu hindern sowie die dortigen Tutsi zu schützen. Nebenbei stürzte Ruanda (er meint Paul Kagame, -hp) damit in Zaire die Regierung, ohne die Folgen zu bedenken, und verstrickte dadurch sich und halb Afrika in dem in Demokratische Republik Kongo umbenannten Land in einen panafrikanischen Krieg." Im Vergleich zu Johnsons sonstiger Unterstützung Kagames klingt das schon zurückhaltender. Neben den Lauftext hat Johnson noch einen Kasten gestellt, der hauptsächlich Eigenlob für die tolle taz-Berichterstattung enthält: "Kontroversen mit teils erheblichen Auswirkungen auf die innerdeutsche Diskussion hat die taz bei diesem Thema nie gescheut." Und indirekt erwähnt er auch meine Beschwerde beim Deutschen Presserat: "Die anhaltenden weltweiten Aktivitäten exilierter Verantwortlicher des ruandischen Völkermords und ihrer Verbündeten, von denen manche in Deutschland leben, waren im April 2008 wieder Thema einer taz-Titelgeschichte, die heftige Reaktionen hervorrief." Nur um es noch einmal festzuhalten: Die "heftigen Reaktionen" wurden hervorgerufen, weil Johnson einen Mann beschuldigte, der in Opposition zur heutigen Militärdiktatur in Ruanda steht, und sich während der Zeit des Völkermords in Deutschland zum Studium aufhielt. Und weil sich Johnson und die taz völlig unkritisch auf die Seite des umstrittenen Präsidenten Paul Kagame gestellt haben. Die wichtigste Frage konnte mir bis heute niemand abschließend beantworten: Ob deutsche Firmen in der Gegenwart Waffen nach Ruanda liefern. Ich vermute es, und die Zusammenarbeit Kagames mit dem Bundesverband der deutschen Industrie bestärkt mich ebenso in der Vermutung wie die Antwort des Bundesverteidigungsministeriums auf meine diesbezügliche Anfrage. Der Schriftsteller Hans Christoph Buch, der selbst Augenzeuge der Massaker von Kagames Armee war, antwortete auf meine Frage, ob deutsche Waffen nach Ruanda exportiert werden: "JA." Das wäre tatsächlich skandalös, denn das würde bedeuten: Die Regierung von Angela Merkel subventioniert mit der "Entwicklungshilfe" für Paul Kagame indirekt deutsche Rüstungsfirmen. (Das Dossier zur Ruanda-Propaganda finden Sie hier unter "Blog + E-Books".)
4. Oktober 2008
Morgen ist Erntedankfest
"Schon wieder Herbst. Wenn mir jetzt nicht bald die große Liebe übern Weg läuft, wird's echt eng. Mama lebt ja nicht ewig." Chlodwig Poth
5. Oktober 2008
Weltöl: Bevor die Steine ausgehen
Neben den Geheimnissen von Stonehenge hatte National Geographic in der (englischsprachigen) Juni-Ausgabe auch einen langen Artikel zum Thema "World Oil". Jetzt, im Oktoberheft, drucken sie eine Anzahl Leserbriefe dazu ab, und ich stelle fest: Im kanadischen Ort Whistler, in British Columbia gibt es einen Menschen, der über die Ölvorräte genauso denkt wie ich (vergleiche dazu meinen "Brief an Wagner"): "Warum sollten wir uns überhaupt noch um die weltweiten Ölvorräte Sorgen machen? Sie zu fördern, zu raffinieren und zu verbrennen würde uns nur weiter in die Umweltbedrohung führen. Die alarmierenden Klimaveränderungen haben bereits genug Beweise gebracht, dass die Verbrennung von Kohlenwasserstoffen im Grunde eine überholte Technologie ist. Wir sind nicht aus der Steinzeit herausgekommen, weil es keine Steine mehr gab. Genauso müssen wir aus der Ölzeit heraus, bevor uns das Öl ausgeht." Das schrieb Tom Demarco, den ich hiermit herzlich grüßen möchte. Ich weiß, dass man es mit solchen Ansichten nicht leicht hat in der Autogesellschaft.
Öder Titel
Ach Gottchen, so wichtig ist der Georg Schmid nun wirklich nicht, dass man ihn, wenn auch satirisch, auf die Titelseite hebt. Das ist ein ganz normaler Irrer, der sich in selbstherrlicher Besoffenheit zu Höherem berufen fühlt, und, wie viele CSU-Provinzler, seine eigene Bedeutung falsch einschätzt. Dass diese Leute jetzt hart auf den Boden der Realität purzeln, macht dieses Wahlergebnis ja recht interessant. Aber wer glaubt, das satirisch angehen zu müssen, erhofft sich wohl immer noch von den Vertretern dieses politischen Systems einen Ausweg aus der Krise. Wie sagte Albert Einstein sinngemäß? Ein Problem lässt sich nicht mit der Denkweise lösen, die zu dem Problem geführt hat. Oder so ähnlich. Wenn's nicht von Einstein stammt, dann tun Sie doch einfach so, als hätten Sie es hier zuerst gelesen.
Michael Moore, das Buch
Na, ein bisschen Neid spricht schon aus den Zeilen des Verlegers Klaus Bittermann, wenn er konstatiert, dass sich Michael Moores Buch "Yes, we can. Mikes ultimativer Wahlführer" (Piper Verlag) verkaufen wird "wie geschnitten Brot". Moore hat ein Buch geschrieben, in dem er mit den Republikanern abrechnet und dringend empfiehlt, Barack Obama zu wählen. Dagegen hat Bittermann nichts, aber ihn "stört die unglaubliche Banalität solcher Erkenntnisse, 'mit allen Bewohnern dieser Welt in einem Boot zu sitzen'", und er würde Moores gute Ratschläge "lieber den Kulturkonservativen überlassen". Warum eigentlich? Was soll daran konservativ sein, wenn Moore empfiehlt, dass "es uns allen sehr guttun würde, wenn wir die verdammte Glotze abstellen und einen Spaziergang machen würden." Bittermann findet, das seien "in Quark gemeißelte Sätze". Das ist als Formulierung originell, aber es ändert nichts an der Richtigkeit von Moores Empfehlung (das muss ich als Autor von "Stille Winkel in München" hier unbedingt gesagt haben! Werbung für das Buch finden Sie weiter unten. Möge es sich verkaufen "wie geschnitten Brot"). Abgesehen davon, dass ich Leute nicht ausstehen kann, die E-Mails nicht beantworten, gehen mir einige Ansichten von Klaus Bittermann gewaltig gegen den Strich, zum Beispiel wenn er rhetorisch fragt: "Ist die Geschichte der Revolutionen nicht viel mehr eine Geschichte des Scheiterns?" Nein, ist sie nicht, so weit ich sie kenne. Und wenn er sagt, "mit der Krise wächst bekanntlich die Neigung, traditionell und konservativ zu wählen", dann ist Bittermann schlicht unzureichend informiert: Gestern, Samstag, nach der turbulenten Woche, als sich Senat und Repäsentantenhaus zunächst nicht auf das so genannte "Rettungspaket" einigen konnten, vergrößerte sich Obamas Vorsprung auf 5,9 Prozent.
Zitat
"Wann mir erstmals dämmerte, dass diese ferne Finanzkrise auch mich etwas angehen könnte? Das weiß ich noch, als ob es gestern gewesen wäre: Es war gestern, als ich beim Frühstück ein Radio-Feature mit dem Titel 'Von der Finanz- in die Vertrauenskrise' hörte. Punkt. Ohne das übliche Fragezeichen am Ende, das gemeinhin darauf hinweist, am Ende könne auch alles halb so wild werden." Arno Frank, auf der Medienseite. Titel: "Bitte blättern Sie weiter ... es gibt hier nichts zu Lesen. Es gibt übrigens auch keine Bankenkrise. Alles ist im Lot, nur keine Panik! Bitte! Warum uns die aktuelle Beschwichtigungsrhetorik langsam zu denken geben sollte"
Leser
Meine Bemerkung zum Interview mit dem Chef von BP Deutschland (siehe Eintrag vom 2. Oktober) hat es sogar in die Leserbriefspalte der Wochenendausgabe geschafft. Wenn Sie jetzt hier im tazblog ein Stück nach unten gehen, finden Sie auch mein Wappentier: Die Katz, für die ich schreibe.
Zum Rest der taz vom 4./5. 10.
können Sie vermutlich morgen noch was hier finden, ich muss sie erst lesen. Aber weil heute Erntedankfest gefeiert wird (wo? In meiner Küche!), werde ich mir erst einmal den Linseneintopf schmecken lassen, und an all die braven Menschen denken, die ein Umfeld für den Gemüseanbau geschaffen und die Linsen, Stangensellerie, Karotten, Zucchini, Zwiebeln, Ingwer, Chicoree, Knoblauch und Tomaten geerntet und bis in den Rewe-Markt gebracht haben. Bis dann!
6. Oktober 2008
Rest-taz vom 4./5. 10.
Neoliberale Geisterbahn
Auf der Meinungsseite bekommt Nils aus dem Moore mal wieder Gelegenheit, sein ungebrochen neoliberales Selbstverständnis als Angestellter des RWI darzulegen, und das klingt dann so: "Trotz aller Kollateralschäden, die bereits diesseits des Atlantiks aufgetreten sind: Europa hat allen Grund, das eigene Wirtschaftsmodell selbstbewusst zu vertreten und eine Führungsrolle bei der anstehenden Gestaltung eines verbesserten Ordnungsrahmens für die Finanzmärkte zu beanspruchen." Geisterhaft wird mir zumute, wenn ich angesichts der Nachrichten von heute diesen Artikel lese, der erst vor zwei Tagen in der taz abgedruckt wurde, und dieser "Wirtschaftsforscher" dazu rät, dieses bestehende "Wirtschaftsmodell selbstbewusst zu vertreten". Gerade sind eine Anzahl Banken in den Abgrund gefahren worden und werden mit Steuergeldern künstlich am Laufen gehalten. Das System, das aus dem Moore dem Rest der Welt empfiehlt, funktioniert ja ganz offensichtlich nur, wenn die Verluste verstaatlicht werden. Die Gewinne sind ja längst privatisiert und in Liechtenstein, und die horrenden Monatsgehälter der Leute, die den Karren in den Dreck gezogen haben, bezahlt nachträglich ebenfalls der "kleine Mann". Aus der Sicht des taz-Kommentators ist das System so, wie es läuft, also voll in Ordnung, mehr noch, es ist modellhaft. Und deshalb kommt aus dem Moore denn auch zum wenig überraschenden Schluss: "Es geht nicht darum, die ökonomische Globalisierung zurückzudrehen, sondern die politische Globalisierung voranzutreiben." Man muss als Nationalökonom nicht die Augen vor der Realität verschließen und sinnleeres Zeug zu Papier bringen, aber um auf der Seite "meinungen und diskussion" regelmäßig ein Forum zu finden, scheint beides hilfreich zu sein. Nachdem der Westen dem Rest der Welt sein "Wirtschaftsmodell" aufgezwungen hat - den Klassenkampf von und für oben, mit verheerenden Folgen für die meisten Menschen im In- und Ausland -, muss man es selbstverständlich "politisch" absichern. Und dass Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln bedeutet, darüber herrscht ja inzwischen wieder Einigkeit unter den aufrechten Demokraten. Echt gespenstisch wird es dann in der neoliberalen Geisterbahn, wenn solche Leute auch noch Karl Kraus zitieren.
Bayern in der taz
Umständehalber kommt der Michael Stiller zur Zeit häufig zu Wort, die Nachrichtenlage erfordert mehr Hintergrundberichte aus Bayern. Nachdem der neue Auslandskorrespondent für Bayern, Bernhard Hübner, und seine Fähigkeiten als Reporter hier schon lobend erwähnt wurden, möchte ich auch Michael Stiller einbeziehen: Was der so von sich gibt, klingt nicht nur gut informiert, der Mann schafft es auch, die Zusammenhänge mit seinem Hintergrundwissen gelassen und plausibel darzustellen. Was nicht verwundert, hat er doch viele Jahre für die Süddeutsche gearbeitet, vor sechs Jahren ein Buch über Edmund Stoiber geschrieben, und so manche CSU-Affäre mit aufgedeckt. Stillers Beiträge sind gewöhnlich weit über dem taz-Durchschnitt. Samstag stellt er seine Fähigkeiten mit "Umflort ist nun die Bayernkrone" wieder höchst kreativ auf der Seite drei zur Schau - ein gutes Beispiel für nachhaltige Qualität im Tagesrhythmus, mit Redaktionsschluss als Antrieb.
7. Oktober 2008
Gurke des Jahres
Ob die "Gurke des Tages" auf der Wahrheitseite jetzt immer über den "betrunkenen Weltenretter" in der Kölner Telefonzelle geht, immer dieselbe Meldung mit kleinen Variationen? Samstag ging's los, am Montag, leicht variiert, kam es schon wieder. Das wäre doch einen neuen Wettbewerb wert: Wer variiert bis Weihnachten die Meldung über den betrunkenen Weltenretter in der Kölner Telefonzelle, täglich neu? Ich schenk euch die Idee, liebe Wahrheitredakteure. Bisher lief's schon ganz gut mit den Variationen.
Den ganzen Zug
Schön, die Besprechung von "Wholetrain", einem deutschen Spielfilm über Graffiti-Sprüher. Und wenn so was im ZDF kommt, im Rahmen einer "Hiphop"-Reihe, wird es selbstverständlich ins Nachtprogramm verbannt. taz-Redakteur Tobias Rapp hat ein gutes Gespür für die Sprayer-Szene, und der Regisseur Florian Gaag offenbar auch. Und das sind die Leute, um die es geht im Film: "Der eine arbeitet im Dönerladen seines Vaters, der Zweite räumt im Kino den Müll weg, der Dritte geht zur Schule, und David, der Chef der Gang, wird wegen der Sprüherei zu einer hohen Geld- und Bewährungsstrafe verurteilt."
Und am 13. 10. um 0:40 Uhr läuft im ZDF "Wild Style", Vater und Mutter aller Graffiti-Filme. Um 0:40! Das ist auch eine Form der Zensur, aber man kann sich mit Frank Zappa trösten: "Das Wichtigste ist, dass die Information überhaupt rauskommt."
Zurück in die Zukunft
Da gibt es in New York eine Band mit dem Namen TV On The Radio, und der Titel ihres Albums, "Dear Science", zeigt schon, dass diese Jungs, vier Schwarze, ein Weißer, nicht zu den Dumpfbacken zählen. Was Julian Weber über ihre Musik erzählt klingt sehr aufregend, Avantgarde ganz vorn, und was der Gitarrist Kyp Malone von sich gibt, zeugt von gutem Durchblick: "In Zukunft werden wir wieder lernen müssen, wie man Gemüse im eigenen Garten anbaut. Oder besser, wir müssen uns mehr anstrengen, damit die Leute uns von ihrem Gemüse etwas abgeben."
Mal kurz nach Shanghai
Nett, dass die taz-Kunstredakteurin Brigitte Werneburg über die Korea International Art Fair in Seoul berichtet, und dann auch noch in Shanghai bei der 7. Biennale vorbeischaut, wo sich West und Ost ebenfalls auf dem Marktplatz zeitgenössischer Kunst treffen. Irgendwie hinterlässt der Beitrag den Eindruck, dass gute Kunst und das Schreiben darüber auch mit viel Geld nicht kaputtzukriegen sind, und das halte ich doch für ein hoffnungsvolles Zeichen. Schön auch die Information, dass die Schau im Shanghai Art Museum noch bis 16. November geöffnet hat. Da werd ich doch glatt mal vorbeischauen, wenn ich in der Gegend bin. Andrerseits - son Langstreckenflug, und der Klimawandel ... Pfeif aufs Klima, her mit der Kunst!* Von solchen Öko-Bedenken mal abgesehen: Würden Sie die Gelegenheit nicht wahrnehmen, wenn Ihnen angeboten wird, umsonst hinzufliegen? Und Sie müssen nicht mal mit dem Auto fahren? Toll, was Schurnalisten so alles sehen können von der Welt. Wenn ich mal groß bin, will ich auch einer werden, und lernen, wie man das schreibt. Bis dahin bleib ich lieber in München, da gibt es auch schöne Kunst. Und Architektur erst!
* Abwandlung von Russ Meyers Ausspruch: "Pfeif auf die Kunst, runter mit den Blusen!"
Wenn's geht: Nichts mehr über Sarah Palin
Nicht mal mehr vier Wochen, und ich kann mich beruhigt zurücklehnen und nie mehr den Namen Sarah Palin lesen. Es ist würdelos, Mr McCain, auf diese Art Präsident der USA werden zu wollen, es verstößt gegen die Menschenwürde der Wähler, und es verstößt gegen die Würde der Beobachter in der ganzen Welt. Barack Obama hat heute, das kann man täglich auf realclearpolitics.com nachgucken, bei den Umfragen im Durchschnitt einen Vorsprung von 6,2 Prozent, bei CNN sogar 8. Man kann nur hoffen, dass sich Bush und die Republikaner verrechnet haben und ihr Kalkül nicht aufgeht, dass die rechtzeitig vor den Wahlen ausgebrochene Krise ihrem Mann McCain helfen würde. Oder die Nominierung von Palin. Seltsam: Unter ihrer Montagskolumne "Wie fühlt sich Amerika" wird Dagmar Herzog immer als Historikerin vorgestellt, die "u. a. über den Aufstieg der religiösen Rechten in den USA" forscht. Neulich beim Dreiseiteninterview im taz.mag war sie die führende Sexualforscherin. Das heißt wohl "u. a.".
Zitat
"Lohnunabhängige Einnahmen wie Mieten oder Zinsen werden auch weiterhin bei der Beitragsfeststellung nicht berücksichtigt. So aber bleibt es bei der Zweiklassenmedizin - die Solidarität mit den Armen und Kranken wird allein den kleinen und mittleren Einkommen zugemutet." Wulf Dietrich, Vorsitzender des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Allein unter Männern
Klassefoto auf Seite drei: Angela Merkel, mal wieder in einer ihrer grauenvollen Kostümjacken (siehe oben) sitzt hinter ihrem Namensschild neben Nicolas Sarkozy und wendet sich mit amüsiertem Grinsen und geschlossenen Augen zur Seite. Sarkozy hat die Hände in Abwehrstellung hochgenommen und die rechte Augenbraue mit äußerster Skepsis und Wachsamkeit hochgezogen, denn hinter ihm beugt sich Silvio Berlusconi zu ihm hinunter. Er hat seinen Mund ganz nahe ans rechte Ohr des französischen Präsidenten gebracht, während er ihm die Hand auf die Schulter legt und ihm mit der linken Hand zärtlich Kinn und Hals streichelt.
P. S.
"Gibt es eigentlich ein anderes Wort für Synonym?" George Carlin
8. Oktober 2008
Bushido: Ficken macht Laune
Der große Unbekannte wird mir etwas Vertrauter: Wie kommt es, dass ein Rapper ganz oben steht in der Sachbuch-Bestsellerliste? Darüber informiert mich Stefan Müller in einem sehr gut geschriebenen Artikel über Bushido. Viel Hintergrund, viel Information über den Koautor Lars Amend, und ein schönes Fazit über den Mann, der einen tunesischen Vater hat und Anis Ferchichi heißt: "Bushido, der seinen Künstlernamen aus dem Verhaltenskodex des japanischen Militäradels abgeleitet hat, bewegt sich auf einem dünnen Seil, vermutlich ohne Netz und doppelten Boden." (Seine - eigene - Plattenfirma heißt übrigens "ersguterjunge".) Müllers Vermutung, weshalb sich das Buch so gut verkauft: Lars Amend hat es geschafft, "ein boulevardeskes Pamphlet abzuliefern, das nun von Tennies, Eltern und Lehrern gleichermaßen verschlungen wird. Teenager ergötzen sich an Sätzen wie 'Scheiße, bin ich geil', ihre Eltern wollen wissen, was in den Köpfen ihres Nachwuchses vorgeht. Sex, Crime und eine gute Prise Moral - so verkauft sich das Produkt 'Bushido' ungeachtet aller Kritik." Das Buch hat er seiner Mama gewidmet. Und er meint: "Ganz ehrlich: Würde die Fickerei nicht so viel Laune machen, gäbe es keinen Grund, überhaupt mit einem Mädchen zusammenzusein. Mit Kumpels kann man chillen, Fußball gucken, Jackie saufen, einfach sinnlos im Café abhängen, aber Mädchen wollen immer unterhalten und beachtet werden" (aus dem Kapitel "Die üblichen Frauengeschichten")
Dr. Seltsam: Bundeswehr macht Laune
Jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen, um Wolfgang Schäuble sein liebstes Spielzeug in die Hand zu drücken: Panzer und Jagdbomber im Inneneinsatz. Während alle auf riesige Milliardensummen, Bankenpleiten und verbrannte Steuergelder starren, wird rasch und ohne viel Aufhebens die Grundgesetzänderung vorbereitet. Wozu sind den Große Koalitionen sonst da? Und wenn man die Sache aus dem Wahlkampf im nächsten Jahr heraushalten will, muss es noch in diesem Herbst passieren: Der Bundeswehreinsatz im Innern soll im Parlament schnell durchgewunken werden. Damit hat die Regierung, wie auch immer die dann aussieht, das passende Instrument, um diese Art von Demokratie ein für alle Male gegen Widerstand aus dem Volk zu sichern. Und so soll der Satz lauten, den das CDU/SPD-Kabinett bereits abgesegnet hat: "Reichen zur Abwehr eines besonders schweren Unglücksfalles polizeiliche Mittel nicht aus, so kann die Bundesregierung den Einsatz der Streitkräfte mit militärischen Mitteln anordnen." Und wer definiert den "besonders schweren Unglücksfall"? Genau: die Bundesregierung. Wie ein Unglücksfall im Voraus erkannt, also abgewehrt werden kann, ist mir schleierhaft. Liegt es nicht in der Natur eines Unglücks, dass es überraschend eintritt, und deshalb so bezeichnet wird, weil man es nicht vorhersehen konnte? Wäre ein Anschlag nicht etwas anderes als ein Unglück? Oder ein Volksaufstand, der das Recht auf Widerstand wahrnimmt, das ebenfalls im Grundgesetz steht? Für die Mächtigen wäre das selbstverständlich ein Unglück, das dann mit Bundeswehrpanzern abgewehrt werden könnte. Christian Rath berichtet in der taz, die "Altliberalen" Gerhart Baum und Burkhard Hirsch versuchten noch, "das Schlimmste zu verhindern". Mit anderen Worten: Es kommt nur noch auf Nuancen an. Sie wollen es durchziehen.
Tobias Huch: Porno macht Laune
Tobias Huch, 27 Jahre alt, scheint ein umtriebiges Kerlchen zu sein. Letztes Jahr hat der Mainzer Jungunternehmer die bayrische Polizei verklagt, weil sie seinen Porsche beschlagnahmt hat. Grund: Huch hatte an Rushh, einem illegalen Straßenrennen, teilgenommen. Außerdem betreibt er privateonly.com, ein Internetportal, in dem jeder seine Pornovideos veröffentlichen kann, so eine Art Porno-YouTube. Das erhielt mal viel Aufmerksamkeit, weil man da ein Video von Gina Lisa oder Gina Wild gucken konnte. Im Impressum von privateonly.com taucht Huch allerdings nicht auf, da steht eine Firma in Antigua als verantwortlicher Betreiber. Und jetzt bringt der "Erotikunternehmer" sich (und der taz!) jede Menge Aufmerksamkeit in den Medien: Christian Rath hat in der Dienstags-taz ein viel beachtetes Interview geführt, in dem Tobias Huch davon berichtet, dass er die 17 Millionen Kundendaten auf seinem Computer hat, die der Telekom geklaut worden sind: "Die Daten sind derzeit an einer sicheren Stelle, auf die ich Zugriff habe." Das hat er vor zwei Jahren der Telekom mitgeteilt. Die hat die Polizei informiert hat, aber seitdem ist nichts geschehen. Huch schätzt, dass man mit den Daten 50 Millionen Euro hätte verdienen können. Warum er das nicht gemacht hat? "Ein Missbrauch der Daten kam aber für mich selbstverständlich nicht in Frage. Es gibt Wichtigeres als Geld." Ist das nicht wunderbar? Aber es geht noch weiter: "taz: Zwei Jahre später haben Sie sich dann an Justizministerin Zypries gewandt. Wie kam das? Huch: Wir saßen zufällig im gleichen Flugzeug. Ich erkannte sie und sprach sie beim Aussteigen an. taz: Und wie hat sie reagiert? Huch: Sie war sehr interessiert. Das war ja die Zeit, als es mit den Datenskandalen gerade losging. Ich sagte, dass ich ihr auch eine SMS schicken könne, schließlich hatte ich ihre Mobilnummer auch im Computer. Das fand sie, glaube ich, ganz witzig." Ich finde es zum Schreien komisch. Offensichtlich hat Zypries aber nichts unternommen, SMS hin oder her. Am Schluss wird Huch gefragt, ob die Polizei ihn inzwischen kontaktiert habe. "Nein, ich bin aber jederzeit zu einer Zusammenarbeit mit Polizei und Staatsanwaltschaft bereit." Ein Prachtkerl, dieser Tobias Huch!
Hans Pfitzinger: Herbstsonne macht Laune
Seit die Wiesn vorbei ist, genießt die/der Münchner/in den Sonnenschein, und heute hat's 20 Grad, bei weißblau gestreiftem Himmel. Deshalb muss ich jetzt Schluss machen, und mich aufs Fahrrad schwingen, und über die Isar strampeln, hinüber zu den goldenen Espenblättern und den gelb-roten Ahornbäumen, weil man am Tivoli-Pavillon gut bis halb sieben draußen sitzen und sich das Bier schmecken lassen kann. Und schön ist es, tief durchzuatmen und den Herbsttag zu riechen. Schöne Tage, werter Leser!
9. Oktober 2008
Jackson Browne (* 9. Oktober 1948 in Heidelberg, Deutschland) John Lennon (* 9. Oktober 1940 in Liverpool, England) Che Guevara (gest. 9. Oktober 1967, Bolivien) "Bis ich untergehe oder sechs Fuß unter dem Boden liege, werde ich nicht die Augen verschließen vor den Kriegstreibern, die andere Leute in den Krieg schicken."
Jackson Browne, Till I Go Down
Heute hat Jackson Browne Geburtstag, den 60., wenn ich richtig gerechnet hab':
"Sixty-nine I was twenty-one and I called the road my own I don't know when that road turned onto the road I'm on Running on empty running blind running into the sun but I'm running behind"
Das stammt aus dem zweiten Vers von "Running On Empty", mit dem Jackson Browne wohl die meisten Hörer in seiner Karriere erreicht hat. Den Song spiele ich immer, wenn ich zum Aufwärmen "For A Dancer" gespielt habe, und danach entweder "Before The Deluge" oder "For Everyman" - ah, es ist eine Freude, und wer gute Songs mag, wird Jackson Browne bestimmt in die Top Ten der besten Schreiber einreihen - aus der Generation, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren erstmals an die Öffentlichkeit getreten sind. Dazu kommt, dass er eine angenehm klare, kraftvolle Stimme besitzt, und mit seinen wechselnden Bands immer feine Konzerte gab, was auf der LP "Running On Empty" mit dem wunderbaren Schluss-Song "The Loadout" dokumentiert wird, der dann im alten Fünfziger-Jahre-Hit "Stay" (von Maurice Williams) kulminiert, und den sonst stummen Ausnahmegitarristen David Lindley mit einem Falsettsolo als Sänger in den Vordergrund bringt. Das Album enthält eine Sammlung von Songs, die während einer US-Tournee entstanden. Ein Song wurde im fahrenden Bus aufgenommen, man hört die Motorengeräusche, und wie der Fahrer gelegentlich den Gang wechselt. Dokumentiert wird auch der weitverbreitete Kokain-Gebrauch unter Musikern. Einmal hört man jemand deutlich und lange eine Line hochziehen, und David Lindley brabbelt im Hintergrund: "Ich sag dir, was man braucht: Man braucht einen klaren Kopf." Jackson Browne: "Einen klaren Kopf, um es zu nehmen oder um es nicht zu nehmen?" Lindley: "Man braucht einen klaren Kopf, um es herzustellen." Wobei man nicht vergessen sollte, dass Lindley in den siebziger Jahren einen großen Anteil an Jackson Brownes Erfolg hatte - ob Akustik-, E- oder Pedal-Steel-Gitarre, der Mann mit den manchmal hüftlangen Haaren gehörte zu den besten Gitarrenvirtuosen seiner Zeit. Nach der Trennung von Browne brachte er ein paar prachtvoll skurrile, aber wenig erfolgreiche Solo-Alben heraus. Browne, der mit der südkalifornischen Nitty Gritty Dirt Band als Teenager ins Musikgeschäft einstieg, zeigte mit seinem ersten Solo-Album "Saturate Before Using" als 24-Jähriger eine Reife, die der Weisheit eines alten Mannes entsprach. Das wurde dann mit den nächsten LPs "For Everyman" und "Late for the Sky" bestätigt. Weil er damals immer mit den Musikern von den Eagles rumhing, verwundert es nicht, dass er als Koautor an deren erstem Hit "Take It Easy" beteiligt war. Jackson Browne war immer so etwas wie der "Popstar für denkende Menschen", was an seinen Texten lag, aber auch an seiner politischen Haltung - bei Konzerten gegen Atomkraftwerke und für die Friedensbewegung war er regelmäßig mit von der Partie. Gerade hat er John McCain verklagt, weil dessen Wahlkampfteam im Bundesstaat Ohio einen Werbespot mit "Running On Empty" unterlegt hat. Browne fordert Schadenersatz, weil der Eindruck entstanden sei, er würde McCain unterstützen. Per einstweiliger Verfügung wurde den Republikanern inzwischen die Nutzung aller Songs von Jackson Browne untersagt. Was Jackson Browne von anderen Popstars unterschied, war auch, dass er sein Privatleben nie öffentlich machte. Nach einer kurzlebigen Affäre mit Nico während seiner New Yorker Jahre (Browne wohnte die meiste Zeit seines Lebens in Culver City, im Goßraum Los Angeles), heiratete er 1973 Phyllis Major und musste die Tragik erleben, dass seine Frau, drei Jahre nach der Geburt des Sohnes Ethan, Selbstmord beging. Lange Zeit war dann die Schauspielerin Daryll Hannah seine Lebensgefährtin. Bei der Aufnahme in die "Songwriters Hall of Fame" im Juni 2007 zeigte er sich mit seiner jetzigen Frau Diana Cohen. Im vergangenen Monat kam ein neues Album heraus, "Time The Conqueror", und das wird Browne in den nächsten Monaten und weit ins Jahr 2009 hinein auf einer Welttournee vorstellen - diesen Herbst in den USA, dann in Australien und Japan, im Frühjahr in England. Ob er in Deutschland spielen wird, steht noch nicht fest. Die neue Musik kann man auf seiner exzellenten Website www.jacksonbrowne.com anhören, wo auch das Album-Cover und ein Foto von Jackson Browne mit dichtem, graumeliertem Vollbart zu sehen sind - er ist nicht wiederzuerkennen. Morgen abend kann man ihn bei Jay Leno in der landesweit ausgestrahlten "Tonight Show" des Fernsehsenders NBC sehen.
Noch mehr 9. Oktober
Ein weiterer großer Songschreiber wurde am 9. Oktober geboren: John Lennon - mein großes Vorbild, seit ich mit 17 zum ersten Mal "I Wanna Hold Your Hand" gehört hatte. Von da an wollte ich sein wie die Beatles, alle vier. Lennon wäre heute vermutlich 68 geworden, wenn ihn nicht am 8. Dezember 1980 ein irrer Ami in New York erschossen hätte. Und auch mit Che Guevara steht das Datum in Verbindung: Vor 41 Jahren wurde der argentinische Revolutionär in Bolivien ermordet. Nun sage mir bloß niemand, es gäbe keinen Fortschritt auf der Welt: Heute setzt Evo Morales als erster indigener Präsident von Bolivien vieles von dem in die politische Praxis um, wofür Guevara seinen damals aussichtslosen Guerilla-Krieg geführt hat.
Die Wahrheit
"Als Redakteur über einen längeren Zeitraum hinweg die Wahrheitseite der taz betreuen gefährdet die geistige Gesundheit." Warum das da steht? Der die Wahrheitseite über einen längeren Zeitraum betreuende Redakteur vom 8. 10. wird's schon wissen.
Arno Schmidt, anno 55
Die Ehefrau hat Tagebuch geführt, damals, zu der Zeit als die Schmidts kein Geld hatten, und dann auch noch die Anklage wegen "Pornographie und Gotteslästerung" hinzukam. Alice Schmidts "Tagebuch aus dem Jahr 1955", herausgegeben von Susanne Fischer, stellt die Mühen, vom Schreiben leben zu wollen, in den Vordergrund - und die infame Machtausübung der Literaturkritiker. Es ging bei Anklage und Kritik beides Mal um "Seelandschaft mit Pocahontas", das zuerst in der Zeitschrift "Texte und Zeichen" erschienen ist, die Alfred Andersch herausgab. Darüber schrieb Karl Korn, einer der Vorvorgänger von Marcel Reich-Ranicky in der FAZ, und er sparte nicht mit bösartigen, herablassenden Bemerkungen. "Dumm, geil und provinziell" hätte da gestanden, notierte Alice Schmidt, "zu zahm, alltäglich, unexistenziell": Das "Pathos" früherer Arbeiten Schmidts sei weg, geblieben sei "nur der Unflat". Nachdem der Schriftsteller Ernst Kreuder die Rezension gefunden und Schmidt geschickt hatte - der las keine Zeitung, hatte kein Auto, kein Telefon - wollte der mit schreiben ein für alle Mal aufhören. Doch Kreuder überredete ihn, weiterzumachen und kleine Beiträge für Zeitungen zu schreiben. Das funktionierte ganz gut, und als dann Alfred Andersch Redakteur beim Süddeutschen Rundfunk wird, gehen auch mal größere Beträge für Radioessays ein. Doch die Anklage wegen Pornographie macht Schmidt fix und fertig. Jan Süselbeck in der taz: "Als die Nachricht bei Schmidts wie eine Bombe einschlägt, werden verzweifelte Fluchtpläne geschmiedet. Sollte man in die 'Ostzone' auswandern? Oder doch besser in die Schweiz? Dazu entfährt es Schmidt: 'Was soll ich denn in der Schweiz? Und die liefern mich dann doch aus. Andersch scheint dableiben zu wollen. Der war doch schonmal im KZ. Dem ist Gefängnis nichts weiter.'" Und dann fügt Süselbeck noch an: "Das ist alles sehr widersprüchlich, vor allem aber deutsch und autoritätshörig. Wer an dieser Charaktereigenschaft Schmidts noch irgendwelche Zweifel hegte - mit dieser Edition werden sie endgültig beseitigt." Nun ja, ich "hege" gründlichst Zweifel, denn wenn ich aus den Büchern Schmidts etwas herausgelesen habe, dann eher fulminante Kritik an den bestehenden Verhältnissen, dem Krieg und der Nachkriegspolitik in den fünfziger Jahren, aber bestimmt nicht, dass er "autoritätshörig" war.
9. Oktober - noch einmal
Ich bin kein Fan von Kerstin Decker, der regelmäßigen Kolumnistin auf der Meinungsseite. Aber was sie da über den Tag der deutschen Einheit schreibt, und weshalb er besser am 9. Oktober gefeiert werden sollte, dem Tag der Montagsdemonstration von Leipzig 1989, das hat mich sehr berührt: "70.000, wird man später wissen, strömten - meist stumm - langsam auf den Innenstadtring. Und man musste nicht Christ sein, um die Hand Gottes über diesem Zug zu spüren. Ohne Anführer, ohne festgelegte Route, ohne Programm an den schreckstarren Polizeiketten vorbei. 70.000 - das lag jenseits des Vorstellbaren. Es machte alle Einsatzpläne zu Papier. Und diesen Tag haben wir vergessen." Decker kann nicht verstehen, weshalb der 3. Oktober Feiertag wurde, zum Gedenken an einen Verwaltungsakt im Jahr 1990. Aber sie versucht eine Erklärung: Nach dem 9. Oktober 1989, "lag die Macht ein paar unvergleichliche Monate lang auf der Straße. Die alte Bundesrepublik hat sie aufgehoben. Denn Politiker ist, wer einen solchen Anblick nicht ertragen kann. Am 3. Oktober 1990 war das Herbstvolk 89 nur noch Beitrittsvolk."
Der Untergang der Wall Street
Ein grandioser Artikel über den Absturz der Zocker und Glücksritter von der Wall Street: "Seit dem 15. September haben diese Typen jedoch ihre faszinierende Aura verloren. Es hat sich im Bewusstsein der amerikanischen Öffentlichkeit festgesetzt, dass die rücksichtslose Gier der Wall Street nicht nur für den Finanzcrash verantwortlich ist, sondern potenziell für den Absturz der gesamten Wirtschaft." Wer zum Teufel ist Sebastian Moll, und wie kommt er dazu, immer wieder so feine Artikel über New York abzuliefern?
Keine Nachfrage
Opel macht ne Weile zu, Mercedes und BMW stellen um auf Kurzarbeit, und die Autohersteller behaupten jetzt einfach, der mangelnde Absatz sei allein der "Finanzkrise" zu verdanken. Dass ihre verfehlte Modellpolitik mit bescheuerten Spritschluckern daran schuld ist - nein, das werden sie wohl nicht zugeben.
Sonderseiten
Zur Europameisterschaft gab's täglich vier Sonderseiten Fußball, im August kamen täglich sechs Seiten Olympia, und jetzt gibt's täglich vier Seiten Finanzkrise. Ein starkes Jahr, dieses 2008.
10. Oktober 2008
Nachtrag zu Jackson Browne: "Die Liebe wieder aufbauen"
"Hört euch die Akkordwechsel bei 'Rock Me On the Water' und 'Before the Deluge' an, das ist durch und durch Gospel. Nun habe ich ja immer gedacht, dass ... unsere Aufgabe hier auf Erden, die Art und Weise, wie wir das Göttliche, das Heilige in uns wiedergewinnen und allgemein für das Gute einstehen können, besteht darin, die Liebe wieder aufzubauen, und aus den zerbrochenen Einzelteilen, die uns gegeben wurden, Liebe zu erschaffen. Das ist das einzige Versprechen, das uns als Menschen bleibt. So beweisen wir uns in den Augen Gottes und erleichtern unsere eigene Erlösung. Für mich war das Werk von Jackson Browne immer der Klang dieses Wiederaufbaus." Bruce Springsteen, 2003, bei der Feier zur Aufnahme von Jackson Browne in die Rock and Roll Hall of Fame
Die taz vom 9. 10. hab ich gestern nur überfliegen können. Aber wenigstens hab ich noch Zeit für eine Mail an Peter Unfried, den stellvertretenden Chefredakteur gefunden, der "L.A. Woman" von den Doors in seiner Kolumne "lahmarschig" findet: "Ach, Herr Unfried, hätten Sie doch 'The Doors/Tanz im Feuer' gelesen, für das ich in meinem tazblog ständig Werbung mit Anzeige und Titelbild treibe, dann würden Sie 'L.A. Woman' bestimmt mit anderen Ohren hören. Schöne Tage!"
Zum taz-Lesen bin ich gestern nicht gekommen, weil der Axel schon eine Stunde früher ankam, und dann ham wir lieber die Tradition fortgesetzt ("Trinken und rauchen mit Hans und Axel") und mal wieder die Gitarrensaiten gedrückt und gezupft, und dabei sind wir auf einen sehr langen Jam gekommen, bestimmt 15 Minuten, mit "Light My Fire" in einer Reggae-Version als Grundlage. Grad schee war's. Und weil die neue CD von Axel vor ein paar Tagen fertig geworden ist, mussten wir die dann auch noch anhören und, selbstverständlich, das Design bewundern. Sehr schön, kann ich Ihnen, Musik und Aufmachung, wärmstens empfehlen. Das neue Album heißt "Heaven", es ist sein drittes, und wie immer steht da: "composed, performed and produced by axel ganguin". Und gestaltet und fotografiert selbstverständlich auch, und das Papier für das Booklet hat er sich extra bei Mister Huy, dem Chinesen in der Wörthstraße, besorgt. Fühlt sich gut an. Von den Vorgänger-CDs, "Dreams" und "Nights", gibt's bei MySpace online ein paar Stücke zu hören, bestellen kann man sie hier. Die neue CD steht noch nicht auf der Website, weil sie so neu ist. Aber bestellen geht schon - seien Sie der erste in Ihrer Straße! Und die taz von gestern? Lese ich am Nachmittag, und wenn mir was dazu einfällt, erfahren Sie es morgen. So viel schon mal zu "leibesübungen": Es gibt ein Fußballmagazin mit dem schönen Titel Der tödliche Pass, und einer der Redakteure heißt Johannes John, und der mag Bayern München und schreibt trotzdem sehr sympathisch. Zum Beispiel darüber, weshalb Jürgen Klinsmann sich keine Sorgen machen muss, weil sie ihn bestimmt bei Rewe nehmen werden, wenn ihn die Bayern feuern. Grund: Die Supermarktkette wirbt mit dem Motto "Jeden Tag ein bisschen besser!" Und das wollte der Klinsmann ja seinen Bayernspielern auch eintrichtern.
Heute hat Mona Geburtstag: Alles Gute, liebe Seelengefährtin!
11. Oktober 2008
Erst mal: die taz vom 9. Oktober
Drogenalarm! Mütter, hütet eure Kinder!
Und legal ist das Zeug auch noch - aber nimmer lange, wie ich die Verhältnisse kenne, denn diese unheilraunenden Blödartikel wie der bei taz zwei tragen sicher dazu bei, mal wieder einen Schwarzmarkt einzurichten. So ein Stuss hat auch in der taz Seltenheitswert: "Wenn es nur ein tabakähnliches Kraut wäre, gäbe es keinen weiteren Grund zur Besorgnis ..." Ach nee? Und weshalb stehen dann auf jeder Packung, die Tabak enthält, Warnhinweise, die auf tödliche Gefahren hinweisen? Nein, das Zeug, von dem hier die Rede ist, scheint wesentlich schlimmer als der todbringende Tabak zu sein: "... aber das Ergebnis nach dem Rauchen ist doch gravierender, als man annimmt. Wirkungen von Spice sei (sic), laut Konsumenten, ähnlich wie die von Marihuana." Aaah, Teufelszeug also! "Die Inhaltstoffe sind unter anderem blaue Lotusblumen und indischer Löwenschwanz." Zuerst bin ich richtig erschrocken, denn ich hab mich gefragt, ob dieser Spice-Konsum vielleicht auch noch zur Ausrottung der Löwen beiträgt. Doch Juliane Timm, die den taz-Leser hier informiert, hat mich schon im nächsten Satz beruhigt: "Alles rein pflanzlich." Weshalb dieses "Spice" einen kleinen Zweispalter in Deutschlands überregionaler Tageszeitung wert ist, erfahre ich auch noch: "Experten befürchten Nebenwirkungen wie Halluzinationen und Verwirrtheit." Also, liebe Frau Timm, solch abgrunddoofes Geschreibsel kennt jeder, der seit 40 Jahren versucht, seriöse Informationen über verschiedene Drogen aus der Presse zu saugen. "Experten befürchten ..." - wer zum Teufel? Kein Schwein kennt dieses "Spice", wie Sie uns im Anschluss noch mitteilen, aber schon gibt es Spice-Experten, die irgendwelche Horrorwirkungen befürchten. Frau Timm, bitte: Wenn das Zeug legal ist und billig, dann wird es aus genau diesen Gründen geraucht: Halluzinationen und Verwirrtheit, verändertes Bewusstsein, Rauschwirkung, capisco? Den Schluss Ihres Beitrags will ich auch noch zitieren, denn da frage ich mich, ob das nicht aus der Pardon-Beilage Welt im Spiegel stammt und ursprünglich als Satire gemeint war: "Selbst die Polizei ist machtlos. Der Drogentest beweist es: Das Ergebnis ist negativ. Drogenberater warnen also nachdrücklich vor Spice-Konsum. Man weiß einfach zu wenig über die Inhaltsstoffe, die Nebenwirkungen oder ob der Missbrauch Langzeitschäden mit sich bringt. Eines ist schon bekannt: Die ersten Spice-Raucher sind bereits in Therapie." Die ersten taz-Leser auch.
Hah, es geht los!
Ganze zwei Selbstmordopfer unter Bankern führt ein Kasten neben dem Interview auf, schon hat man Anlass, einen Psychologen zu befragen: "Herr Gross, Sie therapieren und coachen seit vielen Jahren Banker und Broker. Im Augenblick der Krise geben sich Ihre Klienten überraschend cool - müssten die nicht panisch reagieren?" Wollen Sie nach so einer ersten Interviewfrage weiterlesen? Nein? Dann hier der tazblog Leserservice, damit sie trotzdem wissen, was in dem Interview von Anja Maier mit Werner Gross, dem "Psychotherapeuten und Coach am Psychologischen Forum Offenbach" stand: Blahblahblahblahblahblahblahblahblahblahblahblahblahblahblahblahblahblah blahblahblahblahblahblahblahblahblahblahblahblahblahblahblahblahblahblahblah blahblahblahblahblahblahblahblahblahblahblahblahblahblahblahblahblah blahblahblahblahblahblahblahblahblahblahblahblahblah
Zitat
"Nach diesem Film traut man Aust sogar zu, dass er die Farbbomben, die neulich auf sein Haus klatschten, selbst geworfen hat - oder von Eichingers Praktikanten werfen ließ. Das wäre dann glasklares Guerilla-Marketing." Oliver Gehrs über "Der Baader-Meinhof-Komplex", Meinungsseite. Titel: "Der Aust-Eichinger-Komplex"
Die (Verfassungs-)Rechte der Natur
In einer ausführlichen Reportage aus dem Hochland von Ecuador berichtet Gerald Dilger noch einmal über die neue Verfassung, die der Präsident Rafael Correa am 28. September dem Volk vorlegte, just an dem Tag also, an dem der CSU die Lederhosen ausgezogen wurden. Die Verfassung in Ecuador wurde mit 68 Prozent der Stimmen angenommen. Hauptbestandteil des Grundgesetzes: "sumak kawsay", das Konzept vom guten, harmonischen Leben. Der Mann, der sich um die Aufnahme verschiedener Artikel über die Rechte der Natur bemüht hat, der 60-jährige Wirtschaftswissenschaftler Alberto Acosta, war früher Mentor von Correa und erster linker Energieminister. Dann hat er sich mit ihm verkracht, aber als Präsident der Verfassunggebenden Versammlung hat er seine Handschrift hinterlassen. Dilger: "Ihm ist maßgeblich zu verdanken, dass die Rechte der Natur festgeschrieben wurden - eine weltweite Premiere. Auch sonst bieten die 444 Verfassungsartikel eine sehr konkrete Ausschmückung des 'guten Lebens': kostenlose Bildung, Gesundheitsversorgung und eine garantierte Mindestrente für alle, Verbot von Kinderarbeit, Outsourcing oder sexueller Diskriminierung, Transparenz und Kontrolle der bisher notorisch korrupten Staatsorganisation durch 'Bürgerräte'." Bürgerräte, die eine Kontrolle über die Verwaltung ausüben? Da kann man nur bewundernd den Kopf schütteln: Von solchen Errungenschaften sind wir hier in Deutschland weit entfernt. Aber Ecuador zählt ja auch zu den Entwicklungsländern.
Deutscher Bankadel: Erbfolgen
Wie Krisen im Bankwesen bewältigt werden, zeigt das Beispiel Hypo Real Estate. Der neue Oberbanker, Axel Wieandt, hat zwar noch nie eine Bank geleitet, aber er zeichnet sich vor allem durch die richtige Verwandtschaft aus. Ulrike Herrmann kennt die Hintergründe: "Bruder Carl war lange im Investment-Banking tätig und ist inzwischen Partner bei der Unternehmensberatung McKinsey. Schwester Dorothee ist Managing Director bei Goldman Sachs - und zudem mit Martin Blessing verheiratet, dem neuen Chef der Commerzbank." Und dieser Blessing stammt ebenfalls aus einer Bankiersfamilie: "Sein Großvater Karl Blessing war Präsident der Deutschen Bundesbank, sein Vater Werner Blessing Vorstandsmitglied der Deutschen Bank." Uuuuralter Bankadel, gewissermaßen.
12. Oktober 2008
Schreiber und Leser
Ein bisschen enttäuscht? Bin ich immer, wenn einer den Nobelpreis für Literatur bekommt, und ich hab noch nie was von ihm gelesen, oder, noch schlimmer, nie von ihm gehört. Le Clézio - irgendwie kam mir der Name schon bekannt vor, aber dann auch noch Jean-Marie Gustave ... Nee, ich gab's auf, keine Ahnung. Und dann lässt man sich halt informieren, von den Journalistenkollegen, die ihn auch nicht kennen, und der ersten Idee nachgeben, die sie haben: Reich-Ranicki anrufen, Sigrid Löffler anrufen. Und wenn dann letztere sagt, selbstverständlich hätte sie schon was von Jean-Marie Gustave Le Clézio gelesen, aber sie möge ihn nicht, dann steigen bei mir schon die Sympathiewerte - für Le Clézio. (Ach, hab ich das nicht erst vor ein paar Tagen hier abgelegt? Ich kann Sigrid Löffler nicht ausstehen, diese verbissene, humorlose, selbstgerechte Studienrätin, die eine Karriere daraus gemacht hat, Reich-Ranicki zu widersprechen und ihr verkniffenes Gesicht in Fernsehkameras zu halten.) Nun müssen die Verleger Entscheidungen treffen. Kann man Geld verdienen, wenn man die vergriffenen Bücher neu drucken lässt, und sie möglichst mit Banderole "Nobelpreis für Literatur 2008" auf dem Messestand in Frankfurt präsentiert? Vielleicht sollte die Buchmesse verlegt oder der Nobelpreis schon im September verkündet werden, das würde den drucktechnischen und kaufmännischen Ablauf wesentlich erleichtern: Von den 17 Büchern, die seit 1965 ins Deutsche übersetzt wurden, sind zur Zeit nur zwei im Buchhandel, "Der Afrikaner" (Hanser) und "Revolutionen" (Kiepenheuer & Witsch). Einige Titel gibt's sicher in diversen Antiquariaten. Was ich so über Le Clézio als Person und Mensch und über seine Lebensweise mitbekommen habe, möchte ich keinesfalls mit ihm tauschen, aber er scheint ein liebevoller Schreiber zu sein, der kapiert hat, dass es um Liebe geht in dieser Existenz auf diesem Planeten: "All You Need Is Love", schon klar.
Witz mit Bart
Gast studiert Speisekarte und fragt dann den Kellner: "Hmmmmm! Leckerleckerlecker! Können Sie was empfehlen?" "Den Italiener schräg gegenüber." Dieser Witz hat soooooooon Baaaaaaaaaaaaaaarrrrrrrtttttttt, lieber ©Tom.
Wissenschaft sucht den Superstar
Jaja, Nobelpreise für Physik, Chemie, Medizin - da nimmt der Mensch ohne schlechtes Gewissen in Kauf, dass er die Namen noch nie gehört hat. Man muss sie sich nicht mal merken, das gehört auch dazu. Und wenn die wackeren Journalisten in der taz dann darüber berichten, an wen und wofür der Preis verliehen wurde, nimmt sich der letzte Satz im Vorspann überaus putzig aus: "Es ist noch viel zu tun, bis die Gleichberechtigung in allen Hierarchiestufen angekommen ist. Denn noch immer gilt, je weiter oben man schaut, desto weniger Frauen sind zu finden." Und dann schreiben zwei Männer über die Preise für Physik, Chemie und Medizin. Überschrift: "Quallen, Quarks und Querelen". Der diesjährige Kreativpreis für Wissenschaftsberichterstattung geht an die Redaktion "wissenschaft" der taz.
Zitat
"Die Ideen anderer Leute sind den Gallaghers, anders als Robby Williams mal behauptet hat, nach wie vor nicht ausgegangen." Klaus Raab, in der Besprechung der neuen Oasis-CD "Dig Out Your Soul".
Atomdübel
Sie wissen ja - bloß nicht ausschalten, die Atomkraftwerke, sonst gehen die Lichter aus! Die Pannenmeiler in Krümel und Brunsbüttel sind jetzt über ein Jahr vom Netz und werden seitdem repariert. Lichter sind keine ausgegangen, es gibt nach wie vor einen Überschuss an Strom in diesem Land. Die Agentur dpa teilt den Stand der Dinge mit: "Während im AKW Krümel die Sanierungsarbeiten weit fortgeschritten sind, müssten im AKW Brunsbüttel noch zahlreiche Dübel saniert werden." Atomkraft ist sicher - aber nur so sicher, wie die Dübel.
Oskar Lafontaine - "The most dangerous man in Europe"
Sehr staatsmännisch gibt sich Oskar Lafontaine im taz-Interview, und Stefan Reinecke macht sich schon Sorgen: "Das klingt sehr moderat. Warum so leise? Sie haben einen Ruf als Populist zu verlieren." Na ja, bei der taz schon, wenn ich dran denke, wie er noch im April von dieser Zeitung abgewatscht wurde. Dabei hatte er ja so was von recht, als er im Frühjahr 1999 als Finanzminister zurückgetreten ist - da war ihm wohl schon klar, dass er gegen die vereinten Kräfte von Schröder, Volkswagen und Bertelsmann-Stiftung keine Chance hatte. Als er ein paar Monate zuvor Minister wurde, hob ihn das britische Drecksblatt Sun, das Rupert Murdoch gehört, auf die Titelseite, mit Riesenfoto: "The most dangerous man in Europe". Das haben sie 1998 schon kapiert, die neoliberalen Hütchenspieler, dass Oskar ihr Gegner sein wird - Schröder war ihr Mann. Jetzt greift Oskar seinen Nachnachfolger Peer Steinbrück heftig an: "Wenn der Finanzminister sagt, er habe sich nicht vorstellen können, dass die Pleite einer isländischen Bank Auswirkungen in Deutschland hat, zeigt er, dass er der falsche Mann in dem Job ist. Wer die Vernetzung des internationalen Finanzsystems nicht kennt, sollte besser nicht Finanzminister sein." Man kann ja von Lafontaine halten, was man will (ich find' ihn schon okeh), aber wo er recht hat ...
Schluss für heute - draußen knallt ein azurblauer Sonnenhimmel auf die Stadt, 21 Grad hat's. Heute morgen, als es noch 15 hatte, kam der Marathonlauf vor meiner Haustür vorbei. Der erste Läufer tauchte zehn vor elf hinter den Blaulichtern der Polizeimotorräder und des Streifenwagens auf, da war er gerade mal 50 Minuten unterwegs, und in meiner Straße standen zwei große Schilder mit ner 16 drauf. Nach dem ersten Typen, einem blonden Superathleten, dauerte es gut drei Minuten, bis die nächsten vier auftauchten, und danach kam wieder lange nichts, bis allmählich immer mehr Marathoner aus dem Schatten des Englischen Gartens in die Sonne liefen, nach weiteren zehn Minuten waren auch zwei Frauen dabei, und dann tappten eine Stunde lang 10.000 Läufer durch die Montgelasstraße, die einzige Steigung auf der ganzen Strecke. Der letzte Läufer kam um eins, hinter ihm fuhr der Besenwagen. Nach der Steigung, oben am Herkomperplatz, als die Strecke nach links abbog in die Oberföhringerstraße, gab der Mann auf. Immerhin - er war in drei Stunden 16 1/2 Kilometer gelaufen. Und ich setz mich jetzt aufs Fahrrad und strampel mal wieder rüber zum Tivoli-Pavillon, nicht ohne Sie daran zu erinnern, dass diesem schönen Platz ein ganzes Kapitel des Büchleins "Stille Winkel in München" gewidmet ist. Die Werbung finden Sie hier unten. Schönen Goldoktobersonntag!
14. Oktober 2008
Betriebsurlaub
"Achtung: tazblog!" macht Pause - voraussichtlich bis Sonntag, 19. Oktober 2008. In der Zwischenzeit empfehle ich, einfach hineinzugreifen ins volle tazblog-Leben, und sich die vergangenen Monate - "Mein linker Sommer" - häppchenweise zu Gemüte zu führen - da sind wahre Perlen darunter, Erinnerungen an Erdbeben, Sturmkatastrophen, Beschwerden beim Presserat, EM, Olympia, Krieg, Wutausbrüche, Frechheiten und Liebeserklärungen. Und Ihnen wird auch klar werden, weshalb es zur gegenwärtigen "Finanzkrise" kommen musste: "Achtung: tazblog!" hat dem Kapitalismus den Rest gegeben. Einfach oben auf der Leiste klicken unter "Blog + Leseproben". Schöne Tage, frohes Schaffen!
Performativität - heh, geht's noch?
Ein Nachtrag zur taz vom Wochenende, in der ein überbelichteter taz-Autor unter dem Titel "Derber wird's nicht" die Musik des weiblichen Rapper-Trios Yo! Majesty beschreibt. Dieses Zitat zeigt sehr anschaulich, warum ich bei dem unerträglichen Intellektuellengeschwurbel auf den taz-Kulturseiten oftmals Pickel kriege. Wenn Akademiker über echt prollige Rapper-Volksmusik wie die von Yo! Majesty schreiben, klingt das so: "Seit Filesharing, MP3 und Internethypes die Musik bestimmen, sind die Auratiker wieder dran, die ein Publikum durch ihre Performativität überzeugen, während die Plattenaufnahme ihren Wert verliert." Auratiker, hm? "Durch Performativität überzeugen" - meine Fresse! Und der Schluss dieser Schaumschlägerei hört sich dann so an: "Die Sichtbarkeit dieser Phänomene ist für queere Popfeministinnen sicher ein Weg zu neofeministischer Pop-Politik." Ob die Sichtbarkeit ein Weg ist? Da bin ich mir nicht so sicher. Aber dass die Lesbarkeit dieser Sprache für akademische Popintellektuelle ein Weg zu journalistischem Gaga ist - da bin ich mir sicher.
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