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01.11.2008 10:05:05

19. Oktober 2008


Ökonom mit Oberwasser

Sie erinnern sich? 13. Oktober 2008, die so genannte Finanzkrise brodelt und kriselt höhepunktmäßig auf allen Kanälen, da gibt die Kgl. Akademie in Stockholm bekannt, dass Paul Krugmann den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaft erhält. Das ist sehr bemerkenswert, denn es passt im gegenwärtigen Moment wie Arsch auf Brille: Krugmann steht für oppositionelles Denken, gegen George W. Bush, gegen die vorherrschende neoliberale Ideologie in seinem Fachgebiet.


Und er steht für Wissenschaftler, die sich um Allgemeinverständlichkeit bemühen. Die sind im US-amerikanischen Betrieb nicht so selten wie hierzulande, Leute, die zumindest kapiert haben, dass in einer Demokratie der Souverän, also das Volk, erfahren muss, um was es eigentlich geht. Sich nur an Eliten zu wenden, die Diskussionen nur unter Akademikern zu führen, in einer abgeschlossenen, unzugänglichen Sprachwelt, hat nicht nur menschenverachtenden Züge, es ist eine feudale, zutiefst undemokratische Haltung. Krugmann hat in Fachkreisen einen guten Ruf (der Nobelpreis möge als Hinweis gelten), er schreibt aber auch regelmäßige, viel beachtete Kommentare in der New York Times, und er führt auf deren Website ein eigenes Blog. Sein Eintrag am 13. Oktober: "Mir ist heute etwas Merkwürdiges passiert." Und dann folgt der Link zur Website der Nobel-Akademie, wo sein Name als diesjähriger Preisträger bekannt gegeben wird. Bei Krugmann habe ich auch das folgende Zitat seines, wie er selbst sagt, "Idols" gefunden, des britischen Nationalökonomen John Maynard Keynes (1883 - 1946):

"Words ought to be a little wild, for they are the assaults of thoughts on the unthinking (Worte sollten ein bisschen wild sein, denn sie sind die Angriffe der Gedanken auf die Nichtdenker)." Das könnte auch als Motto hier über der Website stehen.


Für das Hauptwerk von Keynes, das gerade in den USA neu aufgelegte "The General Theory of Employment, Interest, and Money", hat Krugmann das Vorwort geschrieben (auf Deutsch heißt es "Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes" und kostet 38 Euro). Dieses Buch, so Krugmann, würde in konservativen Kreisen als gefährlicher eingestuft als die Werke von Wladimir Iljitsch Lenin oder Frantz Fanon. Krugmann lobt es in den höchsten Tönen: "The General Theory is nothing less than an epic journey out of intellectual darkness (... nichts weniger als eine epische Reise aus der intellektuellen Dunkelheit)."
Heh, wird Zeit, es endlich zu lesen! Aber vielleicht fange ich erst mal mit Gerhard Willkes Einführung ins Werk an, die schlicht "John Maynard Keynes" heißt und als Taschenbuch für 12,90 € bei Campus erschienen ist: "Im Zentrum seines Denkens steht die Frage der Domestizierung des Kapitalismus." Wann, wenn nicht jetzt, wäre der richtige Zeitpunkt? Die Neoliberalen geben sich noch längst nicht geschlagen - wer geglaubt hat, die würden jetzt wenigstens mal ne Weile die Schnauze halten, nach dem Debakel, das sie angerichtet haben, wird gerade eines Besseren belehrt. Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, tönt gerade heute, 19. 10. 2008, ausgerechnet in Bild am Sonntag: "Die Feinde der Freiheit und der Marktwirtschaft sehen jetzt ihre Stunde gekommen. Aber sie sollten sich nicht zu früh freuen. Die Marktwirtschaft hat aus Krisen immer gelernt und ist dadurch immer besser geworden."

Wie sagte Robert Musil so richtig (siehe tazblog vom 2. Oktober): "Der Kapitalismus ist die kräftigste und die elastischeste Organisationsform, welche die Menschen bisher erreicht haben."


Hätten Sie's gewusst?


Dauernd verwenden sie das Wort "dystopisch" in ihren Texten, die intellektuellen Schaumschläger auf den taz-Kulturseiten, und die Akademiker, die nicht mehr anders können, als sich im Uni-Jargon an die Öffentlichkeit zu wenden. Dystopie. Himmelherrgottnochmal, wozu hab ich denn studiert, wenn nicht einmal ich damit was anfangen kann? Und für welche Inzucht schreiben diese Weiber und diese Kerle, wenn selbst ein gutwilliger Leser wie ich ratlos zurückbleibt?


Ich schlage im Duden nach. Gegen den sind Einwände durchaus berechtigt, aber vielleicht kann man sich darauf einigen, dass dort die einigermaßen gebräuchlichen Begriffe der deutschen Sprache aufgeführt und, wo wegen fremder Herkunft oder seltenem Gebrauch für notwendig befunden, erklärt werden. Der Begriff Dystopie oder das Adjektiv dystopisch stehen nicht im Duden. Also, nächster Schritt: wikipedia. Dort wird darauf hingewiesen, dass "Dystopie" auch als medizinischer Fachbegriff vorkommt, im literaturwissenschaftlichen Umfeld aber als Gegensatz zu Utopie benutzt wird. Uff! Also: Wenn Utopie die Aussicht auf eine gute, wunderbare, wünschenswerte Gesellschaft beschreibt, dann die Dystopie den möglichen Schrecken, das Grauen, den Sieg des Totalitären.
Der Artikel auf wikipedia ist kenntnisreich geschrieben, mit einer langen Liste dystopischer Literatur, Filme und Musikstücke, und - zutiefst erschreckend. Auch wenn ich meine Abneigung gegen die gegenwärtige gesellschaftliche Ausrichtung auf eine einigermaßen "objektive" Betrachtungsweise reduziere, lässt sich nicht verleugnen, dass die Beschreibung der gängigen Dystopien in der Literatur und im Film große Ähnlichkeit mit dem jetzigen Zustand hat. Ich kann nur empfehlen, sich das mal anzusehen, weshalb ich den Link setze. Aber lesen Sie nur mal angesichts der momentanen "Finanzkrise", was da über die Wirtschaftsordnung steht:

"Wesentlich für dystopische Ökonomien ist die Ausrichtung auf Stabilität. Ferner ist die Ökonomie in dystopischen Gesellschaften so strukturiert, dass die Regierung oder das ökonomische System selbst immun gegenüber Veränderungen oder Störungen ist. Die Industrien arbeiten mit maximaler Effizienz und Kapazität, der erwirtschaftete Überschuss wird dabei vom Staat absorbiert. In dem Roman '1984' sind die lebensnotwendigen Güter rationiert, und der erwirtschaftete Überschuss wird vom immerwährenden 'Krieg' gegen Eurasien oder Ostasien aufgesaugt. In dem Roman 'Schöne Neue Welt' von Aldous Huxley fließt der Überschuss in das extreme Konsumverhalten der Bevölkerung, zu dem die Bevölkerung gar von der Regierung konditioniert wird."


Irak und Afghanistan: Nichts wie raus


Freitag fiel mir das Interview mit Gwynne Dyer auf. Titel: "Militär nutzt immer weniger". Am Donnerstag hatte der Bundestag w. z. e. w. den Bundeswehreinsatz in Afghanistan um 14 Monate verlängert, und die Truppe von 3.500 auf 4.500 Soldaten aufgestockt. Und nun kommt dieser kanadische Militärhistoriker und lässt in seinem Buch "Nach Irak und Afghanistan" nur einen Ausweg für den Westen offen: Nichts wie raus. Dick angestrichen habe ich mir seine Begründung, weshalb militärische Macht immer weniger erreichen kann:

Dyer: Fragen sie nur die Israelis! Dieser Prozess geht nun schon seit 50 oder 60 Jahren. Große Industriestaaten können keine Kriege mehr gegeneinander führen.

taz: Aber sie führen gelegentlich Kriege gegen schwächere Staaten.
Dyer: Auch gegen Staaten in der Dritten Welt ist der Gebrauch klassischer westlicher Militärmacht nicht mehr erfolgreich - wegen der, wie es an amerikanischen Militärakademien genannt wird, 'asymmetrischen Kriegführung'. Wir haben Panzer, sie haben selbst gebaute Sprengsätze. Unsere Panzer können unsere politischen Ziele nicht durchsetzen. Aber ihre Sprengsätze können uns dazu bewegen, wieder nach Hause zu gehen."
Tja, starker Tobak. Und am nächsten Tag, gestern, im taz mag, schreibt Bahman Nirumand eine fulminante Besprechung von Gwynne Dyers Buch, unter dem Fragetitel: "Alle müssen raus?". Und Nirumand erfährt aus dem Buch, dass die Antwort nur heißen kann: Ja. Bemerkenswert, dass er kein kritisches Wort über Dyers Schlussfolgerungen verliert, er stellt einfach dar, was in dem Buch steht. Und ich muss sagen: Selten habe ich zu diesem  Thema so viel Vernüftiges gelesen. "Bei allem, was geschehen ist, stehe es fest, dass die USA eher kurz- als längerfristig den Irak verlassen müssen und werden, schreibt Dyer." Und auch was Afghanistan betrifft, wäre es für das Land weniger katastrophal, wenn es sich selbst überlassen würde. Es würde sich zwar "in absehbarer Zeit nicht zu einer Demokratie entwickeln, aber es würde den Weltfrieden weit weniger gefährden als heute." Und für Israel hat Dyer einen Vorschlag, der zu vernünftig zum Umsetzen klingt, aber wahrscheinlich die Chance für ein Weiterbestehen des Staates darstellt: "Die einzige wirkliche Garantie des langfristigen Überlebens des Landes besteht darin, ein anerkanntes Mitglied eines regionalen Staaten- und Wirtschaftssystems zu werden." Und dafür, so weit denkt inzwischen auch der scheidende israelische Ministerpräsident Ehud Olmert, müssen alle besetzten Gebiete zurückgegeben werden (siehe hier im tazblog, 1. Oktober 2008).


Die Zeiten ä-ändern sich.


21. Oktober 2008


Heiter weiter - noch ein geschenkter Goldherbsttag


Sonnige 22 Grad "im Münchner Raum" sagt der Wetterbericht für heute Nachmittag voraus, und morgen geht's runter auf 12 Grad und Regen. Na, Sie wissen schon, wie das dann hier gehandhabt wird: Viel tazblog wird's nicht geben, denn es rufen Himmel und bunte Blätter durch's gekippte Fenster: Komm, komm rüber zum Tivoli-Pavillon, genieße den womöglich letzten warmen Herbsttag, trinke dein Helles unterm Baum, lese weiter in "Reibereien" von Philippe Djian, lausche den Gitarrenweisen von einst und freue dich, denn nicht jeder hat's so gut wie du und kann die Arbeit auf Regentage verschieben.
Aber dafür gibt's heute tazblog doppelt konzentriert, wie mein Spülmittel hinter der Küchenspüle.

"... dass sowieso immer die Allgemeinheit bezahlt"


Erst mal geh ich fremd und klaue bei tagesschau.de - die haben gestern ein Interview mit Erwin Wagenhofer reingestellt. Was der Regisseur von "Let's Make Money" erzählt, einem Dokumentarfilm zur "Finanzkrise", der Ende des Monats in die Kinos kommt, hat mir gut gefallen.


tagesschau.de: Herr Wagenhofer, Sie haben drei Jahre lang die Spur unseres Geldes im internationalen Finanzsystem verfolgt. Zum Filmstart nun ist die Krise losgebrochen. Gutes Timing?

Erwin Wagenhofer: Es kann niemanden freuen, dass diese Krise jetzt so richtig losbricht. Tatsache ist, dass in den vergangenen drei Jahren all die Leute, mit denen wir gesprochen haben, diese Krise haben kommen sehen. Aber niemand hat etwas dagegen getan. Das ist für mich heute das Überraschendste. Das ist, als ob Sie im Auto sitzen und mit 200 Stundenkilometern durch die Gegend fahren. Je länger Sie das tun, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie einen Unfall provozieren. Gegen die Finanzkrise hat niemand etwas getan - wissend, dass sowieso immer die Allgemeinheit bezahlt. Dahinter steckt ein Konzept.


tagesschau.de: Die Banker und Manager haben also weitergemacht, weil sie wussten, dass die Allgemeinheit für den Schaden aufkommen würde, während sie abkassieren?


Wagenhofer: Ganz genau. Und das ist die wichtigste Botschaft des Films. Die Krise kam nicht wie eine von Gott gegebene Naturkatastrophe über die Menschen, sondern sie ist von Menschen gemacht. Am größten Finanzplatz der Welt in London arbeiten zwei Millionen Menschen, alles gut ausgebildete Leute. London ist eigentlich ein einziger Hedgefonds. Diese Leute produzieren aber überhaupt keinen Wert im wirtschaftlichen Sinn, sondern schaufeln nur Geld hin und her, das dann irgendwo auf der Welt - wenn es mit der Realwirtschaft überhaupt noch etwas zu tun hat - für uns arbeitet. Das war der Ausgangspunkt für meinen Film. Die Banken werben: Lassen sie ihr Geld arbeiten. Aber das kann ja nicht funktionieren, weil Geld selbst nicht arbeiten kann, das müssen andere tun. Und das passiert meistens über Ausbeutung.

Was issn hier los?
Die taz wird links!


Da muss eine/r in der Redaktion gepennt haben - der Kommentar auf der Meinungsseite von Wolfgang Storz könnte sogar in einer linken Zeitung stehen - issja nicht zu fassen! Ob das bedeutet, dass der auf "meinung und diskussion" in den Sommermonaten übliche neoliberale Schwachsinn jetzt ausgeblendet wird? Dass die Herren aus dem Moore und von Weizsäcker und wie die Marktpriester sonst noch hießen, nach dem realen Zusammenbruch ihrer Ideologie endlich, endlich ihren Unfug woanders unterbringen müssen? Das wäre schön.

Jedenfalls klingt das doch recht aufklärend, was Wolfgang Storz da unter der Überschrift "Wie linke Jusoleins" zu bedenken gibt: "Die als Krisenmanager gefeierten Politiker, Angela Merkel und Peer Steinbrück, verdrängen erneut das Wissen um ihre Rolle als Krisenproduzenten. Auszug aus ihrem Koalitionsvertrag: Der Finanzplatz Deutschland müsse wettbewerbsfähiger werden. 'Produktinnovationen und neue Vertriebswege' müssten 'nachdrücklich' unterstützt werden, die Finanzmarktaufsicht möge bitte schön 'mit Augenmaß' handeln. Wer so denkt, steht zu Recht in dem Verdacht, mit der Gehaltsdebatte von einer angemessenen Realpolitik ablenken zu wollen. Die sähe so aus: ein hartes Haftungsrecht einerseits, viel höhere Steuern für Höchsteinkommen andererseits."

Gemeint ist: Die Debatte um eine Begrenzung der Managergehälter. Da kann ich Storz nur zustimmen. Mit solchen wohlfeilen, aufs Wählervolk schielenden Nebenschauplätzen bleibt das System unverändert. Und das System sieht so aus: Die Profite werden beiseite geschafft (Oh wie schön ist Liechtenstein!) und privatisiert. Und die Landesbank- und anderen Finanzprofis (siehe oben, Interview mit Erwin Wagenhofer) "wussten, dass die Allgemeinheit für den Schaden aufkommen würde, während sie abkassieren".


Weil es ja immer eine Weile dauert, bis sich neue Begriffe aus dem Kreis der Spezialisten ins allgemeine Bewusstsein schieben, möchte ich noch anmerken: Die Unsitte, irgendwelche Risikoversicherungen oder Wetten auf sinkenden Aktienkurs oder Leerverkäufe oder Versprechen von 15 Prozent Rendite als "Produkte" anzubieten, hatte sich ja in Finanzkreisen schon vor zehn Jahren durchgesetzt. Es war und ist eine dreiste Unverschämtheit, eine Lüge, denn damit wurde ja nichts produziert. Sicher, man hat diese Luftgebilde verkaufen können und sie wurden mit demselben Geld bezahlt wie Autos, Fernseher und Lebensmittel. Aber dies als "Produktinnovation" zu bezeichnen, die es "nachdrücklich" zu unterstützen gelte, war eben Teil der Lügen, die Merkel, Steinbrück, Glos, Riester, Schröder und Konsorten im Auftrag und zum Wohle der Banken verbreiteten. Und wem nützen die Studiengebühren, für die sich Studenten mit Bankkrediten verschulden sollen? Und wem nützt die Zerstörung der staatlichen Rentenversicherung und die Propaganda für private Vorsorge? Und wer steckt, nur um ein Beispiel zu nennen, hinter dem Kölner DIA, dem "Deutschen Institut für Altersvorsorge"? Sie werden es vermutet haben: Die Deutsche Bank.
Diese Politik zu Gunsten von Großbanken und Kapitalvermögen wurde 1982 angeschoben, mit dem berühmten "Papier" von Otto Graf Lambsdorff. Das führte dann zum Bruch der sozialliberalen Koaltion und zur Kohl-Regierung. Und schließlich führte es dazu, dass die SPD aus Machtgier den von Graf Lambsdorff ausgelösten Klassenkampf von oben mitgetragen und, mit VW-Kanzler Gerhard Schröder, beraten von der Bertelsmann-Stiftung, sich auf die Seite des Kapitalvermögens geschlagen hat. Und daran ändern Franz Müntefering und Frank-Walter Steinmeier nichts, nichts, gar nichts: Sie haben den Abbau des Sozialstaats und die Umverteilung von unten nach oben ja selbst mit angeschoben.

Nach der Finanzkrise ist vor der Wirtschaftskrise. Diese "Demokratie", die von den im Bundestag vertretenen Parteien gekidnappt wurde, geht nicht einen Schritt zurück in Richtung soziale Marktwirtschaft, und das "Rettungspaket" wird zu noch mehr sozialer Ungleichheit und Ungerechtigkeit führen.


Und was kann ich dagegen tun? Was können Sie dagegen tun? Auf der Ebene Wahlen und Parteiendemokratie eigentlich nur eines: Zähneknirschend die Linke ankreuzen.


Und aufklären über die Rolle der SPD in Vergangenheit und Gegenwart. Und mal wieder an Gustav Landauer erinnern: «In der ganzen Naturgeschichte kenne ich kein ekelhafteres Lebewesen als die Sozialdemokratische Partei.» (1919)
Und hoffen, das bald das Winterpalais gestürmt wird und eine große Anzahl von Menschen sich das Pack vom Hals schafft, das aus Geldgier diesen wunderschönen blauen Planeten ruiniert.

Wissenschaftler, amerikanische


Sie haben wieder zugeschlagen, die sprichwörtlichen "amerikanischen Wissenschaftler", hinter denen auf den Seiten "Panorama" oder "Vermischtes" immer steht: "haben herausgefunden, dass ...". Diesmal: "Stayin' Alive", der Hit der Bee Gees aus dem Jahr 1970 mit seinen 103 beats per second (Schlägen pro Minute) war/ist der ideale Taktgeber für die Herz-Lungen-Wiederbelebung. Issesnichtoll? Das hat David Medlock von der University of Illinois den Agenturen mitgeteilt.


Hätte er mich 1970 beim Fasching im Haus der Kunst danach gefragt, hätte ich ihm dasselbe erzählen können. Aber mich fragt ja keiner. Gehen Sie einfach ein Stück auf dieser Seite nach unten, dann finden Sie mein Wappentier: Die Katz, für die ich schreibe. Miezmiezmiez.
Schöne Tage, Liebe und a Ruah!

22. Oktober 2008

"Reibereien" - Abschied von einem Lieblingsautor

Ach geh, so war das nicht gemeint - nach dem schönen Sonnengoldherbsttag gestern mit der seidenweichen, lauen Stadtluft am Abend und bis in die Nacht hinein, kriegen wir heute kaum Licht, Temperaturen um 10 Grad, der Nebel wird immer dichter. Und da soll ich gleich raus und meine Runde drehen! Ich protestiere! Ich glaub, heute lass ich die große Schleife sein und kehr schon am Wehr wieder um. Man muss ja nicht übertreiben, fünfeinhalb km issja auch okeh.
Ja, was ich sagen wollte: "Reibereien" ist der Titel des Buches von Philippe Djian, und je weiter ich vordringe, umso mehr geht es und er mir aufn Wecker. Zum ersten Mal, im Übrigen - iss mir bei keinem seiner Bücher jemals passiert.
Was mich nach all den Jahren nervt, ist die eiskalte Berechnung, mit der er inzwischen schreibt. Kann ja sein, dass er das früher auch schon so gemacht hat, und es mir erst jetzt auffällt. Das langweilt, obwohl er es beherrscht, aber es nervt, weil er so schematisch vorgeht. Da wird dem Leser was hingeworfen, das er nicht kapieren kann und soll, erst mal bleibt es unverständlich, und man rätselt herum, ob man vorher was überlesen hat, vergeblich, klar, weil der große Meister beschlossen  hat, einen erst mal zappeln zu lassen.
Das ist albern. That's entertainment, ich weiß, aber ich fühl mich nicht unterhalten, ich fühl mich verarscht. Es kommt mir vor wie Kinderkram, ich fühl mich vergewaltigt, entmündigt, für blöd verkauft. Wenn man nur auf diese Art Bücher bei Verlagen unterbringen kann, will ich keine Bücher bei Verlagen unterbringen. (Na ja, das habe ich in den letzten zwei Jahren - vor allem zu meinem Nachteil, den Verlagen ist es wurscht - sehr gründlich betrieben.)
Vielleicht ist das ja kennzeichnend für Djians Spätstil. Könnte man routinierte Altersscheiße nennen. "Reibereien" ist von 2003, da war er 54. Vielleicht kommt meine Abneigung auch daher, dass Djian nullkommanull politisches Bewusstsein hat. Und dass der Ich-Erzähler, seine Mutter und das gesamte Personal in dem Buch lauter unsympathische, liebesunfähige Kotzbrocken sind. Vielleicht will Djian damit zeigen, dass alle Menschen heutzutage unsympathische, liebesunfähige Kotzbrocken sind, vielleicht ist das seine Form von Gesellschaftskritik, kann schon sein, aber weshalb sollte ich das Buch lesen, wenn's sonst nichts Neues gibt? Ich kann nichts damit anfangen, so viel ist klar.
Ich will ein Beispiel anführen. Das ganze Buch über geht es um das Verhältnis des coolen Typen, der uns das vorträgt, zu seiner Mutter - wie er als Kind zu ihr steht, als junger Erwachsener, als mittelalter Erwachsener. In dieser Lebensphase befindet sich der Ich-Erzähler, und da kommt dieser Dialog:

"Sag mal, soll das ein Witz sein?", erklärte ich ihr eines Morgens. "Das kannst du mir doch wohl nicht antun, hm? Das  darf doch wohl nicht wahr sein."
"Was ist los, wovon sprichst du?"
"Stehen wir beide etwa nicht mehr auf  derselben Seite? Machst du jetzt die Türen zwischen uns zu? Ist das deine Absicht?"
"Ich verstehe nicht, wovon du sprichst."

Genauso geht es mir als Leser. Ob Djian das absichtlich macht, um zu zeigen, wie raffiniert er inzwischen geworden ist als Autor? Der nächste Satz spricht nämlich mir, dem Leser, aus dem Herzen: "Mich überkam in diesem Augenblick eine eigentümliche Wut, die schmerzhaft und zugleich lähmend war."
(Als nächstes habe ich dann in mein Notizheft geschrieben: "Ein  Streifen goldenes Licht drängt sich noch zwischen die Büsche und den Rand der dunkelgrauen Wolke, wie ein platt gequetschter Mond.")
Es ist ein Abschied: Philippe Djian, einer meiner liebsten Autoren, geht weg. Vielleicht liegt's am Übersetzer. Als vor einigen Jahren Michael Mosblech ersetzt wurde, hatte sich der Zauber schon etwas verflüchtigt. Aber was soll man zu einem Satz von dieser Güte sagen (und da kann der Übersetzer nichts dafür): "Als ich am nächsten Tag Lili in einem aufgehängten Autoreifen sitzen sah, der ihr als Schaukel diente, sagte ich mir, dass das Leben voller Tücken war."
Meine Güte, was für eine prätentiöse Kacke! Dann, Seite 158: "Ich kam eines Morgens in ihre Wohnung und überraschte ihn dabei, wie er mit einer Flasche Alkohol vor dem Fernseher saß. Er sah sich eine religiöse Sendung an." Das ist keine Literatur, es ist nur noch - schlechter - Journalismus. "Eine Flasche Alkohol" -  weiß der Autor nicht, was drin war, oder interessiert es ihn einfach nicht? So wie in den Zeitungen, wo "Drogen" für alles steht, von Heroin bis Gras. Was für ein Mist.
Philippe Djian war mal cool. Jetzt ist er nur noch pseudo, eine Karikatur seiner selbst.
Schade.

Noch mehr großer Mist

Auf tagesschau.de habe ich vorgestern Abend erfahren, dass ein Herr Otmar Issing die Expertenkommission leiten wird, die Angela Merkel zur "Reform der Finanzmärkte" eingesetzt hat. Vorher hatte sie den Ex-Bundesbankpräsidenten Tietmeyer vorgesehen, aber da hatte die SPD nicht mitgespielt, war der doch im Aufsichtsrat der Hypo Real Estate. Jetzt also Issing. Hm, dachte ich mir, wer ist das, und wofür steht er? Ist seine Ernennung ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Welche Qualifikationen hat er, isser Neoliberaler? Keynesianer? Na, dachte ich mir, dazu wird sicher was in der taz stehen.
Stimmt, es stand tatsächlich was in der taz, gestern. Nur: Ich erfahre nichts über Haltung und Einstellung des Herrn Issing, nur dass Klaus-Peter Klingelschmitt ihn für "prädestiniert" hält. Die Begründung des taz-Autors ist schlichtweg umwerfend: "Mit seiner internationalen Erfahrung aus Lehre und Forschung etwa auch beim Internationalen Währungsfonds ist Issing für den Job als Leiter der Expertenkommission, die sich mit den globalen Finanzmärkten beschäftigen soll, prädestiniert. Zumindest mit der Wirtschafts- und Finanzpolitik der EU kennt er sich bestens aus."
Das darf doch nicht wahr sein! Das klingt wie Satire. Dieser taz-Schreiber findet es also in Ordnung, dass der Kommission ein 72 Jahre alter "Experte" vorsitzt, der als Rädchen im Getriebe der Institutionen gearbeitet hat, die für den Kollaps des Finanzsystems verantwortlich sind. Also, das ist im besten Sinne staatstragend geschrieben: Weiter so, bloß nichts ändern am System, war ja nur ein kleiner Unfall.
Entweder ich bin im falschen Film, oder Klingelschmitt schreibt seinen völlig angepassten, unkritischen Blödsinn für die falsche Zeitung. Vielleicht bewirbt er sich ja mit solchen Texten für höhere Aufgaben - besser und kriecherischer hätte das der Pressesprecher von Angela Merkel auch nicht hingekriegt. "Prädestiniert."
Meine Fresse!

Wie's der Zufall so will

Dass die taz ein guter Partner für Anzeigenkunden sein möchte, ist mir ja neulich schon aufgefallen, als fünf Tage nach der BP-Anzeige ein ganzseitiges Interview mit dem Deutschland-Chef von BP im Blatt war. Nein, mit der Anzeige hatte das selbstverständlich nichts zu tun, issja eh klar.
Aber es geht noch schamloser. Da drucken sie auf Seite 7, "inland", eine Drittelseite Anzeige vom Spiegel Buchverlag. Ein "Spiegel-Journalist" hat ein Buch darüber geschrieben, wie in den Krankenhäusern der "enorme Zeit- und Spardruck, aber auch Eitelkeit, Geldgier und Leichtsinn (...) immer wieder zu schweren Behandlungsfehlern" führen. Angeblich kommen jedes Jahr "rund 400.000 Deutsche ... zu Schaden." Die Anzeige nimmt das untere Drittel der Seite ein. Im oberen Drittel steht, selbstverständlich rein zufällig, ein redaktioneller Beitrag, in dem Nicole Janz darüber schreibt, "dass sich 800.000 Menschen im Jahr durch die Übertragung von Krankheitserregern eine Infektion zuziehen." Wo? Na, in deutschen Krankenhäusern.
So schafft man dem Anzeigenkunden das redaktionelle Umfeld, in dem sein Produkt gut zur Geltung kommt. Jetzt sagen Sie bloß nicht, dass das alle Zeitungen so machen. Dann kann ich Ihnen nur sagen: Richtig, deswegen habe ich ja die taz abonniert. Und nicht die Abendzeitung, wo man im redaktionellen Lokalteil gern mal darauf hinweist, dass es sich auf dem Weg zur Wiesn lohnt, mal bei Saturn Hansa vorbeizuschauen.
Die Anzeige steht, wie's der Zufall so will, auf der nächsten Seite.

Und dann gibt's noch die gute Nachricht. Und wie!

Die gute Nachricht kommt von einer Leserin als Brief, und die Redakteurin hat ihr eine schöne Überschrift verpasst: "Wenn ich Königin wäre". So schreibt Sabine Miehe aus Marburg, und ich will ausnahmsweise mal ganz lange zitieren, sie wüsste, wie die 480 Milliarden aus dem "Rettungspaket" für die Banken besser verwendet werden könnten. Sabine Miehe schlägt einen "Sanierungsplan" vor:
"Zuallererst sämtlichen Bankern, Lobbyisten und Regierungsvertretern einen mehrmonatigen Urlaub spendieren. Sie haben die Wahl zwischen verschiedenen Aktiv- und Bildungsurlauben: Erntehilfe auf Bio-Höfen, Erlebnisaufenthalt in afrikanischen Kleinbauernfamilien, Praktikum bei der Hunger-Nothilfe vor Ort oder Sozialeinsatz in Hartz-IV-Familien. In der dann einkehrenden Ruhe werden Finanz- und Wirtschaftssystem auf sozial-ökologisch umgebaut, das Grundeinkommen wird eingeführt; der dadurch frei werdende Bürokratieapparat kontrolliert zukünftig Nachhaltigkeitsstandards und CO2-Verbrauch in der Produktion und erhebt daran angepasste Steuern.
Sämtliche Agrarexportsubventionen werden gestrichen. Die frei werdenden Mittel werden in die Umstellung landwirtschaftlicher Betriebe von Überschussproduktion auf gesunde und umweltverträgliche Wirtschaftsweise sowie in die Entwicklung heimischer Landwirtschaft in bisherigen Exportempfängerländern des Südens gesteckt. Jegliche Beteiligung an sämtlichen Kriegen wird eingestellt; die frei werdenden Mittel gehen in die Landwirtschaftsförderung und humanitäre Hilfe in armen Ländern. Der Wachstumsbegriff wird umdefiniert, indem qualitative Maßstäbe (Nachhaltigkeit, Gesundheit, Zufriedenheit …) mehr Gewicht erhalten. Materielles Nullwachstum wird medial nicht mehr als Schreckgespenst, sondern als neue Norm und positive Zeichen der 'Ökonomie des Genug' verbreitet.
Wenn sie dann alle wieder nach Hause kommen, haben sie sich vielleicht ziemlich verändert. Von denen, die so weitermachen wollen wie vorher, lässt sich jedoch niemand mehr durch Rezessions- oder Arbeitsplatzverlustdrohungen einschüchtern.
Ehrlich: Ich habe nicht durchgerechnet, ob das Geld reicht, aber es kommt mir ziemlich viel vor!?"
Ehrlich, Sabine Miehe aus Marburg, es ist bestimmt nicht so wichtig, ob das Geld reicht, aber als ich das gelesen habe, hätte ich sie einfach umarmen und knuddeln mögen. Sie sind wunderbar!




23. Oktober 2008

Alea gaga est!


Oh Mann, da war Peter Köhler mal wieder in Höchstform, als er die neue Folge von "Schurken, die die Welt beherrschen wollen" getippt hat. Diesmal ging's um Annette Schavan, und Köhler hämmert dem Leser ein Stakkato von tollen Formulierungen in den Kopf, steigert sich am Schluss zu einem Crescendo, um endlich in einem furiosen Finale irgendwo in den einsamen Höhen zwischen Dada und Gaga auf die Zielgerade einzubiegen: "Denn die international future ist near und must bewältigt to be! Go english, think global and Germans to the top! Aber auch Latein is the Ding. Ein neues Klassikum must sein! Das erkennen immer mehr Eltern und parentes. (...) Juventus in schola est dulci et decoriwumm esse wie trinke. Alea gaga est! Sumus sans ballaballa. Lirum larum fickusfickus: total in eimero, quibus quicki qui quick quack."

Dafür, so erkläre ich feierlich, wurde die Seite "Die Wahrheit" in der Zeitung "die tageszeitung" in grauer Vorzeit einmal eingerichtet.

Für seinen Beitrag "Die viel Denk-Denk-Macherin" in der taz vom 22. Oktober 2008 erhält Peter Köhler den von "Achtung: tazblog!" verliehenen Hannes-Kreisler-Preis für innovative Satire*. Er ist mit dieser lobenden Erwähnung und einem halben Liter Bier verbunden, der im Café Restaurant Paradiso in München (Ecke Paradies- / Himmelreichstraße) vom Autor dieser Zeilen nach Verabredung ausgegeben wird.

* wird verliehen an Autoren, die sich im Sinne der Kreislerschen Realitätstheorie verdient gemacht haben. Sie finden dieselbe hier auf dieser Website, wenn Sie oben in der Navigationsleiste auf "iWugg IndieText" klicken.

Zitat

"Selbst wenn die soziale Gerechtigkeit nicht unter Hinweis auf die Globalisierung als 'Standortrisiko' im Kampf um Absatzmärkte und Großinvestoren denunziert wird, ist der Zwang zur ökonomischen Selbstverwertung an die Stelle des Rechts auf Selbstverwirklichung getreten. Man lässt die Pädagogik das Verhalten der Armen ändern und verzichtet auf eine Politik zur Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, die Armut hervorbringen."

Christoph Butterwegge, "Nebelkerze Bildung", Seite "meinung und diskussion"

Eviva Evo!

Dass in Südamerika die neue Zeit anbricht, darauf habe ich hier ja schon einige Male hingewiesen. Und jetzt möchte ich noch anfügen, dass Evo Morales offenbar auch ein gewiefter Taktiker und geschickter Politiker ist - na ja, sonst wäre er wohl als Indio (Indigena) nicht Präsident von Bolivien geworden. Nachdem es Anfang September noch nach Bürgerkrieg aussah, hat Morales die Opposition mit einbeziehen können, eine Reihe von Verfassungsartikeln geändert und das Parlament dazu gebracht, einer Volksabstimmmung im kommenden Januar zuzustimmen. Meine Lieblingspräsidenten sind zur Zeit - semper Fidel einbezogen, auch wenn er nicht mehr im Amt ist - Hugo Chavez, Rafael Correa, Evo Morales und, hoffentlich, demnächst Barack Obama.

Und in Europa? Hm. Dieser Kontinent ist politisch gesehen eine Ansammlung von politischen Entwicklungsländern, die überwiegend Macht- und Wirtschaftspolitik von gestern betreiben und dafür sorgen, dass die Reichen reicher werden. Daran wird auch die Show um die "Finanzkrise" nichts ändern. Im Gegenteil - lieber verstärken sie die Naturzerstörung, um Macht aufrechtzuerhalten und die Profite nicht zu gefährden. Vielleicht ist es an der Zeit, mal wieder daran zu erinnern: Kapitalistisches Wirtschaftswachstum, verstanden und betrieben wie bisher, bedeutet, dass dieser Planet in absehbarer Zeit für Menschen und Tiere unbewohnbar sein wird.


Und eine Regierung, die der deutschen Autoindustrie mit Steuergeldern unter die Arme greift, verstößt gegen den Amtseid: Schaden vom Volk abzuwenden.

Hugh, ich habe gesprochen.


25. Oktober 2008

Nachtrag zum Donnerstag, 23. 10.


"Wir sind zu allem fähig ...

... aber zu nichts zu gebrauchen." Das ist, laut Bildunterschrift, ein "Abi-Spruch 1986", könnte aber noch weiter zurückgehen, in frühe Sponti-Zeiten. Das zugehörige Bild hat zwar nichts mit dem Thema von Ulrike Herrmanns Beitrag "Fürs Leben lernen" zu tun, der Spruch aber schon. Neulich habe ich schon mal gefordert, diese taz-Redakteurin sollte so rasch wie möglich den Wirtschaftsminister Michael Glos ablösen. Iss aber nicht passiert, und wahrscheinlich trifft auch der Vorschlag, ihr das Gehalt zu erhöhen, auf wenig Resonanz. Aber Tatsache bleibt: Ulrike Herrmann blickt nicht nur bei Wirtschaftsthemen durch, sie ist auch mit bemerkenswerter Bodenhaftung ausgestattet. Und schreiben kannse auch. Ihren Überlegungen, an den Schulen das Fach "Lebenskunde" einzurichten, möchte ich die weitest mögliche Verbreitung und  praktische Folgen wünschen. Denn, wie sich jetzt anhand der "Finanzkrise" deutlich nachweisen ließ, kein Mensch, ob mit oder ohne Abi, blickt durch. Und mir schien, dass die vielinterviewten Experten (vor allem, aber nicht nur, in  der taz) genauso wenig Ahnung hatten, ob mit Studium der Nationalökonomie oder ohne. Aber Ulrike Herrmann geht noch weiter: "Dabei sollte sich die 'Lebenskunde' nicht nur auf die neuen Finanzprodukte beschränken. Viele wissen auch nicht, wie man sich gesund ernährt, wie man Energie im Haushalt spart und welche Rechte man als Mieter hat. Oder welche Behörde zuständig ist."

Wie recht sie hat, und dass kaum jemand weiß, was und weshalb er oder sie wählen sollen und welche Folgen das hat, trifft ebenfalls zu. Wie weit das politisch gewollt ist, steht auf einem andern Blatt, aber "dass die meisten Bürger einen viel zu teuern Riestervertrag abgeschlossen haben, von dem vor allem Banken profitieren, indem sie hohe Nebenkosten und Provisionen kassieren" - das kann mit Sicherheit kein Zufall sein. Jedenfalls kann man ihrer - leider rein ökonomisch begründeten - Schlussfolgerung nur zustimmen: "Das Fach 'Lebenskunde' würde sich rechnen, denn für die Gesellschaft ist die Finanzierung von chronischen Krankheiten, Umweltschäden oder Finanzflops teuer. Alltag ist nicht selbstverständlich, sondern längst komplizierter als jede lateinische Grammatik."

Wilde Weiber

Ach Gott, Donnerstag muss ich mir Angela Merkel auf der Titelseite angucken, in einer mäßig witzigen Fotomontage, und Freitag wird's noch schlimmer, da dreh ich die erste Seite gleich nach unten, denn das Gesicht von Elke Heidenreich will ich mir wirklich nicht den halben Tag anschauen. Und wenn der von ihr selbst provozierte Rausschmiss beim ZDF so wichtig ist, dass er bei der taz Titelthema wird, kann ich nur sagen: Glückliches Deutschland, wenn du keine größeren Sorgen hast an diesem Tag. Der Kulturchef darf gleich noch einen Kommentar unter das Heidenreich-Foto setzen, in dem er alles zitiert, was in den  letzten Tagen überall zitiert wurde. "Man schämt sich", schrieb sie in der FAZ, "in so einem Sender überhaupt noch zu arbeiten." Na, wenn "man" sich nicht schämt, in der FAZ zu schreiben, dann kann "man" vielleicht zukünftig gleich dort Bücher empfehlen und die Verlagsverkäufe ankurbeln. Ich weiß wirklich nicht, was die Frau hat. Wird "man" gezwungen, fürs ZDF zu arbeiten?

Ich bin ja kein so großer Fan von Friedrich Küppersbusch (mehr), aber er bringt es im Interview auf  Seite 2 (die auch noch demselben Thema "Ranicki - Heidenreich" gewidmet ist) ziemlich genau auf den Punkt: "Marcel Reich-Ranicki kommt wir vor wie jemand, der wandern will und auf eine Kirmes geht - und sich beschwert, dass man da nicht wandern kann. (...) Die Frage ist doch nicht, ob wir neben Arte und 3Sat noch einen Sender für die Hochbegabtenförderung brauchen, um neben der Theater-, Bücher- und Film- auch noch die Musiklobby zu bedienen. Die Frage ist, wie man dem weniger gebildeten Zuschauer eine Alternative zu den Schamlippenpiercing-Runden auf den Privatsendern bietet. Das macht man jedenfalls nicht, indem man ihn zwingt, im Telekolleg bei Reich-Ranicki sein Abitur nachzumachen."

Böhmer - Börner 3 : 2

Ja, wer weiß schon was über Sachsen-Anhalt? (siehe auch "Delfina Paradise" unter "Blog * E-Books", oben in der Naviagtionsleiste). Da nimmt es nicht Wunder, wenn Steffen Grimberg in einem Beitrag zur Medienpolitik den Ministerpräsidenten dieses Bundeslandes drei Mal Böhmer und zwei Mal Börner nennt. Ich nehme jetzt einfach mal an, wenn Böhmer 3 : 2 gewinnt, dann heißt er auch so.

Jörg Schröder wird 70?!

Na dann herzlichen Glückwunsch! Dem Geburstagsständchen von Mathias Bröckers mit dem schönen Foto des Verlegers samt Lebensgefährtin Barbara Kalender (von Marietta Kesting) gibt's wenig hinzuzufügen. Aber vielleicht sollte man noch erwähnen, dass die quietschgelben März-Bücher mit der roten und schwarzen Knallschrift überall zur Einrichtung der Wohngemeinschaften gehörten. Wie Hendrix-Platten, indische Tücher, Purpfeifchen und Räucherstäbchen.


Feine Sache: The Cure

Da heißt es immer, ich würde nur an den Musikkritiken in der taz rummäkeln - stimmt ja gar nicht. Gelegentlich, und darauf weis ich ja gerne hin, sind richtig gute Texte dabei. So wie gestern die Besprechung vom neuen Album der englischen Band The Cure ("4:13 Dream"). Heh, das ist eine ganz feine Plattenkritik, nach allen Regeln der Kunst - ich erfahre, wo sie einzuordnen sind in der Pop-Landschaft, was sie gemacht haben, wie ihre Geschichte verlief, und dann beschreibt René Hamann auch noch sehr treffend, was auf der neuen LP drauf ist und wie die Musik klingt. An dieser Plattenkritik gibt es nichts auszusetzen.
Nö.

Bildung - na ja, überwiegend Glücksache

Zu obiger Vermutung besteht Anlass, wenn taz-Bildungsexperte Christian Füller, der Rock Hudson unter den Kommentatoren, solche Sätze von sich gibt: "Auf eine sinnvolle Bildungsreform von oben braucht also niemand hoffen."

Auf gutes Deutsch wage ich auch nicht zu hoffen, vor allem wenn der Kommentar zu diesem Fazit kommt: "Solche Schulen sind, das ist klar, nur punktuelle Best-practice-Modelle. Aber anders geht es nicht. Merkels Bildungs-Big-Bang wird es nicht geben. Schlaue Schulen wachsen von unten. Oder gar nicht."

Genau. Punktuelle Best-practice-Modelle. Bäng, bäng. Big Balla-Balla.

Zitat des Tages

"Wir stehen vor einer sehr herausfordernden Situation."

Daimler-Chef Dieter Zetsche

Uschi Eid ist weg vom grünen Fenster

Es geht um die Listenplätze zur Bundestagswahl bei den Grünen in Baden-Württemberg. Erst hatten sie Cem Özdemir abgewatscht, und dann gleich noch eine von der grünen Karrieristenabteilung nach Hause geschickt: "Auch Reala Uschi Eid, seit 1984 Spitzenkandiadtin, fiel durch und warf der Partei Rückschritt zu fundamentalistischer Haltung vor."

Hah! Das kann doch nur bedeuten, dass die Spätzlegrünen sich darauf besinnen, weshalb die Partei mal gegründet wurde. Wenn das den grünen Postenjägern nicht passt, soll's mir schon recht sein. Vielleicht gilt bald mal wieder: Grün ist die Hoffnung.

Harald Schmidt: Interview mit Top-ÜQ*

Die größte Platzverschwendung in der Freitags-taz war das Interview mit Harald Schmidt zu seiner Aufführung von "Hamlet". Das ÜQ-Meter wäre fast geplatzt. Kostprobe? "Der Kapitalismus blüht mehr denn je. Und er funktioniert! Wer Fehler macht, fliegt vom Markt. Jede Firma, die zusammenkracht, zeigt, dass die Marktwirtschaft funktioniert." Und: "Ich hab in einer Umfrage gelesen, dass nur 27 Prozent der Deutschen sich von der Finanzkrise betroffen fühlen. Auch hier im Theater ist das übrigens kein Thema."


Noch was? Nach dem Motto "was schert mich mein dummes Geschwätz von vor 30 Sekunden" kommt es dem Star der Spätabendunterhaltung auf ein paar Widersprüche mehr oder weniger gar nicht an. Er redet dummes Zeug, egal in welche Richtung: Über Shakespeares mangelndes "Plot-Verständnis" einerseits ("Der ganze vierte Akt ist nur ein Salbader. (...) Wir haben den Text  dramatisch zusammengestrichen") und über Shakespeares Gespür für Drama andererseits: "Sicher ist nur, dass es Shakespeare extrem auf Wirkung angelegt hat, sonst hätte um Fünfzehnhundertblumenkohl in London sich keiner das angeschaut."
"Um Fünfzehnhundertblumenkohl" - ist das nicht saukomisch?
Harharharharhar.
Was für ein Dummbeutel, dieser Harald Schmidt.

* hoher Überflüssigkeitsquotient auf der nach oben offenen Entbehrlichkeitskala

26. Oktober 2008

Die Blätter fallen ...


Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
 als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
 sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Rainer Maria Rilke

Islambuch: Gegen den Dünkel

Eine gaaanz feine Buchbesprechung im taz mag: Der Islamwissenschaftler Ludwig Ammann schreibt über "Mohammed und die Zeichen Gottes" von Nasr Hamid Abu Zaid und Hilal Sezgin. Letztere kennt der taz-Leser von der Meinungsseite, und wenn man Ludwig Ammann folgt, hat sie offenbar zur Allgemeinverständlichkeit des Buches wesentlich beigetragen. Abu Zaid widerlegt, so Ammann, "die dünkelhafte Gewissheit, dass es einen progressiven Islam gar nicht geben könne". Schön auch, dass es doch immer wieder Autoren ins taz mag schaffen, die allgemeine Verständlichkeit nicht nur an den besprochenen Büchern schätzen, sondern selbst praktizieren. Weshalb auch Ammann ganz begeistert berichtet: "Theologisches, gemeinhin in Verdacht, strapaziös zu sein, verwandelt sich hier in ein geradezu volkstümliches Denkvergnügen." Und:  Abu Zaid "nähert sich den großen Fragen so, dass seine Antworten auch kleinen Leuten nutzen. Und Nichtmuslimen und Frauen."
Hört, hört! Dies scheint mir ein höchst gefährliches Buch zu sein.
Mir kommt die Auseinandersetzung innerhalb des Islam über Koranauslegung ähnlich vor wie die innerhalb des Christentums über Bibelauslegung. Nun ja, beide Religionen glauben ans Buch, an die Schrift, als etwas Heiliges. Dabei geht es doch in der Praxis nicht um die richtigen Buchstaben, sondern ums richtige Leben: Wer sich am liebevollsten verhält und seinen Mitmenschen gegenüber zeigt, das er den stärkeren Humanismus lebt, hat gewonnen. In diesem Zusammenhang möchte ich noch ein Interview erwähnen, dass neulich in Vanity Fair abgedruckt war, mit dem Comic-Zeichner Ralf König. Der kommt ebenfalls auf Islam und Christentum zu sprechen, und meint, dass er als Schwuler eh nicht viel Sympathie für diese Religionen aufbringt, "bei all der Sympathie, die mir von dort entgegenschlägt." Na ja, verständlich, aber dann sagt er noch etwas, das nichts mit seiner sexuellen Orientierung zu tun hat: "Ich kann nicht verstehen, was ansonsten kritische und aufgeklärte Menschen dazu bringt, an einen persönlichen Gott zu glauben, der so denkt, wertet und moralisiert wie wir, der uns straft, in Versuchung führt und Spielchen mit uns spielt. Ich finde das infantil. Wir können vieles nicht verstehen, weil unser Hirn nicht ausreicht, aber dass die Wahrheit größer ist als biblische Mythen, zeigt mir jeder Blick in den klaren Sternenhimmel."
Yesss!

Die verwirrten Väter

Frauen, Kinder, Job -  meine Güte, das war doch nie leicht hierzulande Vater zu sein, von der DDR vielleicht mal abgesehen, aber da kenn ich mich nicht aus und schweige lieber. Ich kann das Väter- und Müttergejammere nicht mehr hören und lesen. Gleich drei Seiten Interview mit einem grünen Schriftstelller, der gleich vier Kinder, alles Buben, in die Welt gesetzt hat, und dessen Frau sich nicht fürs taz mag fotografieren lässt, während er heftig die Werbetrommel für sein Buch rührt. Und ich quäle mich durch das ganze Gespräch mit taz-Mann Peter Unfried, und mein Erkenntnisgewinn ist - nichts. Soll er doch vier Jungs großziehen und sich mit seiner Frau aufs Schreiben verlegen, aber ich habe nicht den Eindruck, dass er irgendjemandem was zu sagen oder zu raten hat.

Ich gehöre ganz sicher nicht zu seiner Zielgruppe. Seine Probleme interessieren mich nicht.

"Wenn der Mann im Mond erwacht"

Feiner Titel! Geschrieben hat das Buch Christoph Geiser, von dem ich nie was gelesen habe, aber wenn mich Jochen Schimmang darauf bringt, merke ich auf. Bei Geiser handelt es sich offenbar um einen Schriftsteller, bei dem Schreiben von Lesen kommt, und Schimmang füllt einen ganzen Absatz mit Namen, die wohl im Buch eine Rolle spielen. Dazu zitiert er noch einen bemerkenswerten Satz über Andy Warhol: "So'n hergelaufener Schlawiner, Ost-Slowake genauer, hergelaufen aus dem vergleichsweisen Nichts."

Offenbar hat der Autor von "Wenn der Mond erwacht. Ein Regelverstoß" sehr gründlich "Die Ästhetik des Widerstands" von Peter Weiss studiert, denn gegen die Regeln des "Politisch Korrekten" verstößt er ganz sicher, wenn er sagt, er könne diese Ästhetik höchstens noch im "Einsturz dieser der Natur gemäß nicht nur vollkommen überflüssigen, sondern vor allem auch abgrundtief unästhetischen, heißt schlicht: hässlichen, klotzigen & klobigen architektonischen Aus- & Missgeburten" sehen. Er meint die Doppeltürme des World Trade Centers. Jochen Schimmang sieht das Problem: "Nach den Regeln der derzeit geltenden proamerikanischen Political Correctness ist das natürlich bestürzend und beinahe unaussprechlich."

Ich bin ihm nur dankbar, dass er den Satz trotzdem zitiert. Dabei handelt es sich ja weniger um eine "proamerikanische" Korrektheit, sondern um eine "prokapitalistische". Der Angriff auf diese Zwillingstürme kann ja nicht verstanden werden, wenn der symbolische Gehalt ausgeblendet wird, und sie standen da eben als "World Trade Center", und der Standort war New York, und sie waren eben nicht nur ein ästhetisches Problem.

Wer sich erinnert, wie im kollektiven "Sie-haben-uns-alle-angegriffen-", "Wir-sind-alle-Amerikaner-" und "Nichts-wird-mehr-so-sein-wie-zuvor-Rausch" des Herbstes 2001 der Komponist Karlheinz Stockhausen durchs Dorf gejagt wurde, auch in der taz, als er versuchte, das Unfassbare als Kunstwerk zu sehen. Die Debatte wurde ja nie geführt, und vielleicht ist es sogar jetzt noch zu früh. Sie würde sicher eine Form der Entrüstung auslösen, wie weiland der Göttinger "Mescalero" mit seiner "klammheimlichen Freude", als die RAF-Killer Siegfried Buback ermordeten. Aber wer kann schon ehrlich sagen, dass er von der Wahl es Angriffsziels und vom Ausmaß der herbeigeführten Katastrophe nicht beeindruckt war? Ich habe mich ernsthaft gefragt: Sind das jetzt meine Verbündeten, diese Leute, die "die Bestie im Innern" angreifen? Wohl auch in Gedanken an Che Guevara, der einmal den Kampf der amerikanischen Linken als den wichtigsten überhaupt bezeichnete, denn diese würde eben "im Innern der Bestie" kämpfen.

Ich will jetzt nicht wohlfeil gegen Regeln verstoßen, aber ein bisschen Geschichtsverständnis mag schon sein, vor allem, wenn die Ereignisse brennend aktuell für die Gegenwart missbraucht werden. Es geht um die linksradikale Gruppe Weathermen in der Debatte um Barack Obamas Bekanntschaft mit Bill Ayers, der von John McCain im Eifer des Wahlkampfs gleich noch beschuldigt wird, Anschläge begangen zu haben, an denen er gar nicht beteiligt war. Die Gruppe hatte sich nach einer Strophe aus Bob Dylans Subterranean Homesick Blues benannt:

You don't need a Weatherman
To know which way the wind blows

Man braucht keinen Wettermann, um zu wissen, woher der Wind weht. Das war schon richtig, auch ohne die Weathermen war ja deutlich zu sehen, woher der Wind weht, wie der kapitalistische Laden läuft, der militärisch-industrielle Komplex, vor dem Präsident Dwight D. Eisenhower, der Ex-General, seine Landsleute in seiner Abschiedsrede warnte: Wenn das Wirtschaftssystem nur noch funktioniert, indem man  ständig Kriege führt, geht die Demokratie zugrunde (von Ökologie wusste Eisenhower noch nichts). Die Weathermen hatten die Frage, ob beim Kampf gegen das ausbeuterische, kriegführende Schweinesystem Gewalt gegen Sachen erlaubt ist, für sich mit Ja beantwortet. In ausgewählten Symbolobjekten durften nach ihrer Sicht der Dinge durchaus Bomben gezündet werden, es gab jedoch einen unverrückbaren Grundsatz: Es dürfen keine Menschen verletzt oder gar getötet werden. So ähnlich haben ja auch die IRA in Irland oder die baskischen Bombenleger gehandelt: Man warnt die Leute rechtzeitig, es soll kein Mensch zu schaden kommen. Damit unterscheidet man sich fundamental von denen, die ihre (Profit-)Interessen weltweit militärisch durchsetzen, und (Atom-)Bomben auf Menschen werfen.

So weit ich mich erinnere, haben sich die Weathermen an diesen Grundsatz bis zum Schluss gehalten, und es wurden bei ihren Anschlägen nie Menschen verletzt. Es ist müßig, darüber zu diskutieren, welchen Unterschied die Einhaltung des Grundsatzes "Gewalt gegen Sachen - Ja, Gewalt gegen Personen - Nein" beim Anschlag aufs World Trade Center gemacht hätte. Aber die Diskussion ist schon deshalb nicht zu Ende, weil bis jetzt noch kein abschließender Untersuchungsbericht vorliegt. Das macht es den ungezählten Verschwörungstheoretikern leicht.

Ah, eh ich es versäume - Jochen Schimmang schließt seine Buchbesprechung von Christoph Geisers "Wenn der Mann im Mond erwacht. Ein Regelverstoß" mit den Worten, dass er gelegentlich "wissend lächelt", und er "lacht auch zuweilen laut beim Lesen dieses mitreißenden Romandiskurses, aber noch öfter fröstelt ihn."

Schimmang erklärt das mit einem Zitat von Friedrich Hölderlin:

Immer spielt ihr und scherzt? ihr müßt! oh Freunde! mir geht diß
In die Seele, denn diß müssen Verzweifelte nur.

Die Weiberleit, die Weiberleit ...

So stöhnte einstmals der geplagte Alpenbewohner in Ambros-Tauchen-Prokopetz' Musical "Der Watzmann ruft". Und so ächzte ich, als ich der Reiseredakteurin Edith Kresta ansonsten brave Buchbesprechung von Georg Forsters "Reise um die Welt" las. Das Buch gibt es übrigens zum Schnäppchenpreis von schlappen 99 Euro bei Eichborn/Die andere Bibliothek. Na, wenn man das schon als Rezensionsexemplar in die Redaktion geliefert bekommt, muss es auch irgendwann mal besprochen werden, und sei es ein Jahr nach Erscheinen. Wobei mir einfällt: Vielleicht bespricht sie irgendwann noch "Stille Winkel in München". Das hat sie auch umsonst gekriegt, ist ebenfalls Jahrgang 2007, aber das kostet nur 12,95 Euro und ist wohl eher für eine andere Zielgruppe gedacht. So schreibt sie denn, die Reiseredakteurin, angetan von Buch und Autor: "Auch das Geschlechterverhältnis dünkt dem reflektierten 22-jährigen Chronisten zutiefst ungerecht. Seine Überlegungen sind seiner Zeit weit voraus, für einen Mann ohnehin ungewöhnlich."

Was will sie mir damit sagen? Dass der Chronist reflektiert wird, also im Spiegel zu sehen ist? Nein, sie meint eher, Forster sei ein nachdenklicher Mensch gewesen. Dass es für einen Mann ungewöhnlich ist, seiner Zeit weit voraus zu sein? Nein, sie meint eher, dass es für einen Mann ungewöhnlich ist, dass ihm das Geschlechterverhältnis zutiefst ungerecht "dünkt". Was für ein Schmarren! Von John Lennons "Woman is the Nigger of the World" hat sie wahrscheinlich auch noch nichts gehört. Aber wenn ich solche Sätze 2008 lese, komme ich mir vor, als wäre ich in einer Zeitschleife hängen geblieben. Und ewig grüßt der Mann in mir.

Oh Herr, gib Licht!

In eigener Sache

Im Moment hab ich grade keine Lust mehr, und draußen lockt der Herbst. Aber wenn ich, wie üblich, von hinten nach vorn blättere in der Wochenend-taz fällt mir ein, dass ich noch was über den prachtvollen Beuys-Artikel von Wolfgang Müller schreiben wollte. Okeh, kommt später, oder morgen, aber jetzt fällt mir noch was ein: Seit heute gilt wieder MEZ, und die Sonne sinkt eine Stunde früher!!! Nichts wie raus.




27. Oktober 2008

"Erhöhung der Berliner Mauer ...

... um 5 cm - bessere Proportion!" Wer so etwas 1964 gefordert hat, war mit Vernunft allein nicht einzuholen, schon klar. Wolfgang Müller bemüht sich redlich, die Kunst von Joseph Beuys ins Medium Zeitungsartikel zu übertragen, und das gelingt ihm weitgehend. Es geht darum, Beuys gegen die "entwaffnende Eindeutigkeit" des Schweizer Kunstprofessors Beat Wyss zu verteidigen, der offenbar in der Kunstzeitschrift Monopol der Vernunft das Wort redet, und sich beim Bericht über die Besetzung der Düsseldorfer Kunstakademie 1972 brav auf die Seite der Verwaltung schlägt. Müller bedauert das Verschwinden der Unvernunft, und stellt fest, dass Wyss "die Komplexität der Werke von Beuys in der Folge ebenso 'vernünftig' wie einspurig liest".

Um die Haltung von Beuys zu vermitteln, erzählt Müller die Episode mit dem Schweizer Künstler Dieter Roth, der bei einer Ausstellung, an der er selbst beteiligt war, ein Werk von Beuys zertrampelte: "Warum hast du das denn nur gemacht, fragte Beuys, der Roth für einen wichtigen Künstler hielt. Er sei halt neidisch gewesen, sagte Roth. (...) Nach dem Gespräch erklärte Beuys die Zerstörung zum Gemeinschaftskunstwerk Beuys/Roth."

Müller warnt davor, die "Mehrdeutigkeit von Bildwerken nicht als Qualität" zu erkennen und wahrzunehmen und über eine "vernünftig-richtige Lesart" Streit zu entfachen. Schön, dass jemand Beuys auf seiner Höhe verteidigt. Wolfgang Müller hat übrigens anno damals die Band mit dem schönen Namen Die tödliche Doris mitgegründet. Er schreibt viel für die taz, über Bücher, über Kunst, über Kunstbücher. Mir kommt er immer vor, als versuche er die Tugend der Unvernunft auf eine sehr vernünftige, weil unterhaltsame Art unters Volk zu bringen. Bei edition suhrkamp erschien von ihm "Neues von der Elfenfront. Die Wahrheit über Island".

---------------------------------------------Kommentar 28. Oktober 2008

Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich es - seit seinem Tod! - in den Äther hinausgerufen und verschiedenen Leuten schon in ihr Poesiealbum geschrieben habe: "Beuys sagte in einer kritisch-ironischen Anmerkung zu einem seiner Studenten in der Düsseldorfer Kunstakademie: Jeder sei ein Künstler, nur er sei eben keiner." Ein halber Satz also nur, aber damit eine ganz andere Wahrheit - die seither auf Postkarten durch die Welt reist." Es nutzt nix, denn den Halbsatz kann man in jedem Museumsshop kaufen. Gedruckte Wahrheit eben. Der verkaufte Beuys. Vom Markt gemacht. Gerne von solchen, die früher so überhaupt nichts mit ihm anfangen konnten oder ihn gar als Scharlatan bezeichnet haben. Aber mit Kunst-Konsum sprich Kunstmarkt hatte Beuys nun wirklich nichts am Hut. Er war so etwas wie die Inkarnation der Romantik. Er wollte durchaus eine bessere Welt, aber sicher nicht als die Kirchengemeinde, die daraus entstand.

Ich vermute einfach mal, daß Wyss versucht, Beuys auf die Füße zu stellen. Ihn aber mittenrein zu stellen in die nationalsozialistische Ideologie - wenn Wyss das tatsächlich getan haben sollte -, das halte ich dann allerdings für ein wenig arg an den Haaren herbeigezogen. Anthroposophie, Steiner ja, aber nicht Nazi. Nein, nun wirklich nicht. Aber: Ohne den Text gelesen zu haben - und nicht nur in Auszügen -, mag ich ihn nicht beurteilen.

Jean Stubenzweig

Schreiben über Jimi Hendrix

Also ein weiteres Buch über Jimi Hendrix. Das erinnert mich an Heinz Erhardt und seine ständig  wiederholte Ankündigung "Noch'n Gedicht". Diesmal stammt es von Klaus Theweleit und Rainer Höltschl und trägt den schlichten Titel "Jimi Hendrix. Eine Biografie". Um dafür Werbung zu betreiben, druckt die taz ein ganzseitiges Interview mit den Autoren, die dabei zu einer Person werden, weil nicht gekennzeichnet ist, welcher von beiden auf die Stichworte antwortet, die ihnen von taz-Vizechef Peter Unfried zugeworfen werden. Das fängt gut  an: "Hatte er eine Affäre mit Brigitte Bardot oder nicht?" "Fragen Sie Brigitte Bardot." Aber dann wird es halt doch  wieder arg verkopft, und die Rede ist von "Bedeutung der Körperverwandlung", "Würdigung seiner Qualitäten", "Gewichtigung seiner Figur in den Lebenskontexten der 60er- und 70er-Jahre".

Oh je. Muss das sein? Wahrscheinlich schon. Am Schluss des langen Geschwurbels kommt dann ein recht bedenkenswerter Vergleich Dylan - Hendrix, nachdem sie vorher darauf hingewiesen haben, dass Bob Dylan die Version seines Songs "All Along The Watchtower" von Jimi Hendrix übernommen hat: "Dylan ist Familie, Kinder, Scheidung. Er ist die herausragendste Verkörperung von Figuren wie du und ich. Er kommt immer wieder, wie der Abendstern. Jimi Hendrix ist der verglühende Meteor mit der Nachricht vom Ungeheuren."

Letzteres mag stimmen, aber  Dylan eine Figur "wie du und ich"? Na, überhebt euch mal nicht, Jungs.

Heute, Montag, hamse schon einen Leserbrief dazu in der taz, von jemand, der glaubt, dass er ohne Hendrix niemals die Pubertät überstanden hätte. Und Jimmi schreibt er mit Doppel-M. Oder die Leserbriefredakteurin hat ihm ein m zu viel reingeschrieben. Es ist wie verhext und nicht auszurotten. Auf dem hinteren Buchumschlag meines Buchs "The Doors / Tanz im Feuer" steht es genauso falsch, obwohl der Verleger, die Korrektorin, der Drucker und ich den Text mehrmals gelesen und andere Fehler korrigiert haben. Also, hier kommt der Gegenzauber: Den Vornamen von Hendrix schreibt man Jimi, Jimi, Jimi, Jimi, Jimi, Jimi, Jimi, Jimi, Jimi, Jimi.

Apropos: Ich muss mir doch mal "Electric Ladyland" auf CD besorgen, da ist ja auch "All Along The Watchtower" drauf.

Schon wieder: Keine Alternative

Vor ein paar Tagen habe ich ein Stück meiner Achtung für den "Chefökonomen" des DGB, den Volkswirt Dierk Hirschel verloren, weil er meinte, dass es für das so genannte "Rettungspaket" der Bundesregierung "keine Alternative" gäbe. Wenn ich das schon höre! TINA hieß das mal spöttisch im amerikanischen Journalismus, als Abkürzung für There Is No Alternative, und das haben ja die neoliberalen Dummbeutel bis hin zu Gerhard "Gasleitung" Schröder ständig behauptet. Und jetzt kommt auch noch Ursula Engelen-Kefer in ihrem Politikersprechdeutsch damit an: "Zu den Maßnahmen, die hierzulande und weltweit eingeleitet wurden, um die betroffenen Banken und Versicherungen zu unterstützen, gibt es keine Alternative. (...) Man kann nur hoffen, dass die Rettungspakete, die in kürzester Zeit geschnürt wurden, geeignet sind, das verlorene Vertrauen der Banken untereinander sowie zwischen Banken und Unternehmen wieder herstellen."

Wenn ich eine solche Sprache schon lese! Abgesehen davon, dass dem  Satz (wie schon am Tag vorher an der gleichen Stelle im Kommentar von Christian Füller) ein "zu" fehlt, klingt das doch genau wie das übliche staatsmännische Geschwurbel, mit dem Politiker nur eines deutlich machen: Dass sie sich nur noch in inhaltslosen Worthülsen ausdrücken können und sich vom Leben weitgehend entfremdet haben.

Also hat man sich beim DGB auf TINA geeinigt und kämpft Seit' an Seit' mit Merkelsteinbrückackermann. Es wäre trostlos, wenn das was Neues wäre: Schon neulich, bei einem Interview mit dem IG-Metallchef Huber (Vorname entfällt mir gerade, aber garantiert nicht Erwin), fiel mir wieder auf, wie sehr diese Gewerkschafter am Kapitalismus hängen, und das Grundsystem anerkennen, sich nur ein paar Almosen für ihre Klientel herausstreiken wollen. Da lob ich mir doch den wackeren jungen Ritter vom Netzwerk Attac, der auf "wirtschaft und umwelt" ein paar Seiten weiter vorne zu Wort kommt. Unter der Überschrift "Die Zeche der Spekulanten zahlen die Steuerzahler" sagt Stephan Schilling, der als 25-jähriger "Finanzmarktexperte" vorgestellt wird. Er fordert mehr demokratische Kontrollen der Landesbanken, auch Gewerkschaften sollten Mitspracherechte erhalten, und antwortet auf die taz-Frage "Wenn nun alle Ihre Forderungen erfüllt werden, ist das dann das Ende des Kapitalismus?": "Nein, aber die Forderungen weisen sehr deutlich über das bestehende System hinaus. Die Wirtschaft muss auf soziale und ökologische Ziele ausgerichtet werden, nicht auf maximale Profite. Es geht um eine grundlegende Transformation unseres Wirtschaftssystems."

Ach ja. Vergleichen Sie nur mal, was hier oben in der Einleitung von "Achtung: tazblog!" steht, und klicken Sie ruhig auf den Link "Wirtschaft gemäß den Interessen aller". Wussten Sie übrigens, dass Heiner Geißler auf seine alten Tage Mitglied von Attac geworden ist?

Unwort der Woche

Ohne Konkurrenz: Nacktscanner



28. Oktober 2008

Rad ab: Ein anonymer Systemfehler

Nein, nicht die Bahn hat ein Rad ab - na ja, die auch, und der taz-Titel gestern bringt's ziemlich genau auf den Punkt mit der Schlagzeile "Die Achse des Bösen". Schön gestaltet ist die Seite, mit dem Foto einer Radachse und dahinter den Augen von Helmut Mehdorn, der selbstverständlich nicht für das Chaos bei der Bahn verantwortlich sein will, und die Schuld auf die ICE-Hersteller schiebt.

Nein mit "Rad ab" meine ich meinen Nachbarn aus der Poschingerstraße, knapp hundert Meter Luftlinie von diesem Schreibtisch hier entfernt: Hans-Werner Sinn steht da drüben hinter den Baumkronen seiner neoliberalen Kirchengemeinde vor, dem ifo-Institut für Wirtschaftsforschung. Die taz, in der "verboten"-Kolumne auf Seite 1, meint wohl auch, dass der Kerl ein Rad ab hat, bedient sich aber der neulich vom Gesamtmetall-Chef Martin Kannegießer in Bezug auf die IG Metall benutzten Formulierung und fragt: "Hat dieser Mann noch alle Tassen im Schrank?"

Was veranlasst mich zu sagen, dass Hans-Werner Sinn mit Sicherheit ein Rad ab hat, nicht alle Kerzen auf dem Christbaum, nicht alle Knöpf' am Hosentürl, nicht alle Waffeln im Eisen, nicht alle Haare auf der Glatze, nicht alle Kegel auf der Bahn, kurz, nicht alle Sinne beisammen? Nun, die Vermutung liegt zumindest nahe. Zu diesem Schluss sind wohl die meisten Kommentare im rauschenden Blätterwald gekommen, nachdem er einen Faux-pas begangen hat, der halt nicht geht: Nichts und niemand darf in Deutschland als Opfer hingestellt werden, das mit den Juden verglichen werden kann. Das hat ja neulich erst Faruk Sen erfahren, der Leiter des Zentrums für Türkeistudien. Solche Äußerungen lösen immer dasselbe Ritual aus, und dass er das nicht bedacht hat, der Herr Sinn, zeigt nur, wie dumm der Mann sein muss.

Es melden sich bei solchen Gelegenheiten nämlich alle zu Wort und sagen dasselbe mit verschiedenen Formulierungen. Das alte Bonmot von Karl Valentin wird dann rituell bestätigt: "Es ist zwar schon alles gesagt, aber noch nicht von jedem." Und so geben sie zitierfähige Häppchen von sich und äußern wohlfeile Schelte: Dieser Vergleich sei "empörend, absurd und absolut deplatziert, eine Beleidigung der Opfer", sagte der Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan Kramer, der Neuen Ruhr Zeitung. "Mir wäre neu, dass Manager geschlagen, ermordet oder ins Konzentrationslager gesperrt würden." (Hoffentlich bringt der Mann niemanden auf dumme Ideen!) Und dann äußern sich noch der Regierungssprecher, der Innenausschussvorsitzende, die Landesbischöfin, die Linkenpolitikerin, der Historiker, der "Antisemitismusexperte" und Micha Brumlik. Und in der taz lässt man den Experten für Juden und Religion über die Aufregung berichten. Alles wie üblich und wie vorhersehbar. (In meinem Heimatort hatte die Lokalzeitung vor 45 Jahren einen Redakteur, den späteren Filmkritiker Florian Hopf, der zuständig war für Sport, Religion und Landwirtschaft.)

Mir wäre lieber gewesen, es hätte sich jemand mit dem auseinandergesetzt, was der Wirtschaftsforscher über die gegenwärtige Finanzkrise gesagt hat. Also, hier noch einmal die Worte von Werner "Rad ab" Sinn im Tagesspiegel: "In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken. Auch in der Weltwirtschaftskrise von 1929 wollte niemand an einen anonymen Systemfehler glauben. Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager."

Am nächsten Tag hat er sich entschuldigt, der Dummbaaz: "Ich bitte die jüdische Gemeinde um Entschuldigung und nehme den Vergleich zurück." Es sei ihm allein darum gegangen, "Verständnis dafür zu wecken, dass die wirklichen Ursachen weltwirtschaftlicher Krisen Systemfehler" seien, so der Wirtschaftsexperte. "Die Suche nach vermeintlichen Schuldigen führe stets in die Irre. Die Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, erklärte, sie nehme die Entschuldigung an." Auch das gehört zum Ritual. Geschenkt, Herr Sinn, geschenkt, Frau Knobloch! So läuft das halt ab.

Nur bleibt eine Frage offen: War das falsch, dass 1929 niemand an einen "anonymen Systemfehler glauben wollte"? Und sollte ich jetzt daran glauben? Dummerweise hat mir das bis heute keiner erklären können, und auch bei weiteren Recherchen im Tagesspiegel fand ich keinen Hinweis darauf, ob Herr Sinn daran glaubt, dass die Weltwirtschaftskrisen 1929 und auch 2008 jeweils auf "einen anonymen Systemfehler" zurückzuführen sind. Muss er wohl, wenn sonst niemand dafür verantwortlich ist.

"Anonymer Systemfehler"? Und dieser Mann bezeichnet das, was er in seinem Institut betreibt, als Wirtschaftsforschung. Bisher habe ich gelegentlich angenommen, diese hätte - Geschäftsklimaindex! - etwas mit Wissenschaft zu tun, die mindestens so exakt arbeitet wie die Meteorologie (die sagt für morgen Schnee voraus). Diese Forschungsarbeit, bezahlt von Steuergeldern, die Sinn für Regierungsaufträge einsackt und in seinem Institut für repräsentative  Eingangssäulen ausgibt, hat ihn also zu der tiefschürfenden Erkenntnis gebracht, dass ein "anonymer Systemfehler" vorliegt. Was zum Teufel ist das? Was will uns Hans-Werner Sinn damit sagen?

Wer kann es eigentlich dem Wähler gegenüber verantworten, an dieses Institut weiterhin Forschungsaufträge zu vergeben?

Anonymer Systemfehler - ein Platz auf der Liste für das Unwort des Jahres sollte gesichert sein!



29. Oktober 2008

In der Traumstadt ist ein Lächeln stehngeblieben;
Niemand weiß, wem es gehört.

Und ein Polizist hat es schon dreimal aufgeschrieben,
weil es den Verkehr, dort wo es stehngeblieben, stört.

Und das Lächeln weiß auch nicht, wem es gegolten;

Immer müder lächelnd steht es da,
kaum beachtet, und gescholten und geschubst und weggedrängt, wenn ja.

Langsam schleicht es sich von hinnen;
Doch auf einmal wird es licht verklärt

Und dann geht es ganz nach innen -
Und du weißt, wem es gegolten und gehört.


Peter Paul Althaus


(geboren 28. Juli 1892 in Münster, gestorben 16. September 1965 in München-Schwabing)


Chaos



Okeh, geneigter Leser, ich weiß schon, den Montag hab ich fast ganz ausgelassen, und über den Dienstag noch keine Zeile in den Blog gebracht. Warum? Weiß keiner. Vielleicht, weil ich wieder stundenlang nach echt tollen Laufshorts jenseits der bekannten Marken(preise) im Internet gesucht habe. Ach, diese Lauferei - noch etwas, dass mir einen Haufen Zeit nimmt und keinen Cent einbringt. Na ja, wir werden sehen.

Nun mag ich aber die Montagausgabe, 27. 10. 08, nicht ganz unerwähnt lassen. In der Kulturabteilung schreibt Tobi Müller, dem man das Honorar verdoppeln sollte, einen prachtvollen Artikel über die Gründe, weshalb die Grenze zur Wildnis, die Frontier, der wesentliche Mythos der USA war und ist. Das stimmt alles ganz wunderbar, Müller verzichtet auf Akademikerslang und bringt die Sache in die unmittelbare Gegenwart. Barack Obama wird die Wahl gewinnen, weil die Mehrheit der US-Amerikaner mitgekriegt hat, dass er an der neuen Grenze mehr Ahnung hat als McCain: "Der Finanzkapitalismus, das ist die Wilderness. Sie gilt es zu zähmen." Und Obama ist der Mann, der sich das zutraut. Und es auch seit Wochen (siehe tazblog, hier, yes!) selbstbewusst verkündet. So gehen Sieger vor.

Dylan: His Bobness für Dylanologen

Oh Mann, ja, lernt, wo ihr könnt, liebe Nachgeborene, und je weiter man sich in ein Fachgebiet einarbeitet, umso mehr kann man als gescheiter Mensch übers Leben erfahren.
Als gescheiter Mensch.
Max Dax (guter Name!) schreibt eine Seite voll über Bob Dylan, vom Foto mal abgesehen. Meine Güte, was'n Stil - eigentlich kam mir Dylan immer furchtbar daneben vor, in der Art, wie er sich anzog und mit seinen Klamotten umging, den obersten Knopf an einem weißen (!) Hemd zumachte, Federbüsche auf grauen Hüten mit bunten Bändern trug, Ohrringe mit Perlen, Sonnenbrillen in der Nacht - nee, Dylan war immer völlig daneben, was "cool" betrifft. Nie werde ich die Mädels meiner Generation verstehen, die ihn sich als Poster übers Bett gehängt haben.
Und noch weniger verstehe ich Leute wie Max Dax, die noch aus der letzten unveröffentlichten, heimlich mitgeschnittenen oder aus guten Gründen nie herausgebrachten Aufnahme den Honig der Erkenntnis saugen. Aber am allerwenigsten verstehe ich, weshalb solcherart Information im übelsten Denglish oder, meine Wortschöpfung vor 20 Jahren, in Germslang abgefasst werden muss. Um Eindruck zu schinden? Bei wem, lieber Max Dax? Bei den Superpseudointellektuellen von taz-Kultur? Ach geh.
Also, bevor ich mich mal wieder aufrege, lasse ich Beispiele sprechen, und dann muss a Ruah sein:
Da wird "kurzerhand der gesamte Backkatalog akustisch katalogisiert." Da gibt's eine "soulvolle Gospelplatte". Da wird erzählt, die Zeitschrift Uncut  "montierte die Aussagen zu einer Oral History. In dem Flow der Erinnerungen und Aussagen schält sich vor allem heraus: Der Mann war ein Eigenbrötler, unberechenbar, mit eigenem Tagesrhythmus ..." Heilger Bimbam, wer hätte das gedacht! Und: "'Mary and the Soldier' gehören zu den  Kraftzentren der Compilation." Nur um es deutlich zu sagen: Das heißt Kompiläischn!
Eben so dahin geschrieben, dieser pseudocoole Dummbeutelschargong. Aber ich bin fest davon überzeugt: Interessant umgehen kann einer erst mit der deutschen Sprache, wenn er bemerkt hat, dass Englisch eine andere, auch sehr schöne Sprache ist.
Abgesehen davon: Daniel Bax platzt fast vor Dylan-Wissen, Dass der Großmeister 1992 mit David Bromberg 30 Songs aufgenommen hat, die nie veröffentlicht wurden, war mir neu. Aaah, Bromberg - nie gab es einen besseren Gitarristen, der so gar nicht nach Rockstar aussah, und dem das scheißegal war, als David Bromberg.
Von David Lindley vielleicht abgesehen.

Transidentisch

Ach geh mir doch nicht auf den Senkel, Jenny Zilka! Ich bin der letzte, der Frauen das Recht auf einen Vibrator, Dildo, Zucchini, Karotten, Cola-Flasche, Gurke oder ein bis fünf Finger abspricht, um zum Orgasmus zu gelangen. Aber ich brauch zu dem ganzen akademischen Blödjargon von Transgender und Gender-Mainstream und transvestitisch und transsexuell nicht auch noch den Ausdruck transidentisch. Erbarmen! Mir reicht schon die Information "dass nur die wenigsten Frauen beim stinknormalen Verkehr Orgasmen erleben".
Wenn du mir jetzt noch erzählst, was ein stinknormaler Verkehr ist, und ob du so was schon mal erlebt hast (und warum eigentlich?), dann gehe ich mit Erkenntnisgewinn hinweg und halte meine dumme Schnauze.

Väter

... und kein Ende. Unsere tägliche Männerkrise gib uns heute, Überschrift: "Wenn Männer zu viel arbeiten".
Ob die taz jetzt zur Satirezeitung wird? Da schreibt ein Thomas Gesterkamp, der anscheinend auch eine Schreiberkarriere mit dem Thema "neue Väter" verfolgt: "Die Betriebe sind es in erster Linie, die 'Wege in die Vaterschaft' blockieren."
Ich find' das obszön. Was haben die Betriebe zwischen den Beinen einer Frau zu suchen?

SPD in Hessen

Kann nicht mal jemand den Klaus-Peter Klingelschmitt auf ein anderes Thema ansetzen? Vielleicht gibt's ja noch was, das er nicht ausstehen kann, außer der Linkspartei, den Linken in der SPD und Andrea Ypsilanti?
Vielleicht mag er ja lieber angeln gehen?

Ausbildungsbürgertum

Ob mir zur Dienstag-taz was einfällt, weiß ich noch nicht - spitzensupertoll der Artikel von Reinhard Siemes über Atatürk. tvF - taz vom Feinsten. Aber über die taz vom Mittwoch möcht ich doch meinen Senf streichen - schon weil da ein Interview mit Heiner, ach, Unfug, mit Karl Lauterbach drinsteht. Der markiert als Person den Übergang des akademischen Bildungsbürgertums in der SPD zum akademischen Ausbildungsbürgertum. Was ich damit meine? Das will ich gern näher ausführen - es geht dabei um den endgültigen Triumph von Helmut Schmidt und seiner Forderung, wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen. Den braucht Herr Prof. Dr. Dr. Lauterbach nicht, denn Arzt ist er selber, und Visionen hat er keine. Ihm reicht ein Statistik-Coach.





30. Oktober 2008

Rrrranicki


"Reich-Ranicki sitzt unter seiner Käseglocke dem Irrtum auf, er sei qua Ehrendoktorhutsammlung und Zeigefinger Parkinson schon auf der richtigen Seite. Ist er nicht. Er weiß überhaupt nicht, welche Seiten es gibt."

Klaus Raab, Die Quotenlemminge, 28. 10. 2008, auf der Seite "meinung und diskussion"


Ab hier geht's um die taz von gestern. Wie immer: von hinten nach vorn, also: Titelseite angucken (Scheißfarben, Thema: VW-Blase, nö, bringt nix), taz wenden, zuerst die Wahrheit.

Selten wie Einhorn


Endlich eine Wahrheitseite, an der ich nichts auszusetzen habe - tja, das wär's gewesen, wenn heute nicht ausnahmsweise der Tom-Cartoon völlig bescheuert wäre: Gast beschwert sich, weil der Espresso "keine Crema" hat. Bedienung: "Ich sag Bescheid." Koch kommt und serviert was auf dem Tablett: "Die Nivea war für Sie?"

Das ist weit unter Toms Nivea, äh Niveau.


Aber sonst - Klasseartikel von Uli Hannemann über die Schaffnerin, die eine Zwölfjährige samt Cello aus dem Zug geschmissen hat, weil sie keine Fahrkarte hatte: "Es gibt nun mal Regeln in unserer Gesellschaft, an die sich jeder halten muss. Zum Glück wehrte die unter heiligem Zugzwang geratene Bahnbedienstete den Versuch mitreisender Kollaborateure ab, ihren Erziehungsauftrag fahrlässig zu torpedieren, indem sie anboten, das Geld auszulegen und so das Verbrechen des Kindes zu verschleiern." Hannemann weist auch das Argument zurück, dass nach den  Bestimmungen der Bahn Minderjährige gar nicht aus dem Zug verweisen werden dürfen. Und wenn, dann muss man  diese Bestimmungen eben so schnell wie möglich ändern: "Das sollte zur Zeit die vordringlichste Aufgabe der Bahn sein - scheiß auf irgendwelche Radachsen."

Gut gegeben!


Und nicht mal gegen die Meldung, dass die Wahrheit Island gekauft hat, samt Björk und allen 316.252 Einwohnern konnte und wollte ich humorkritisch angehen. Wo das Geld herkam? Vom Verkauf einer Limerick-Anleihe aus dem Jahr 1979. Und auch wenn ich mit Hartmut El Kurdi rein karmamäßig gesehen nicht übereinstimme - was er über "Islamphobiker aller Couleur" sagt, stimmt auch jenseits der Wahrheit-Seite. Und wer würde ihm nicht recht geben: "Das Leben ist kein Ponyschlecken, um mal den großen Wildwest-Philosophen Hank Twang zu zitieren."

Genug. Wecker. Ist genug Wecker genug?


Er spielt immer noch öffentlich Klavier und knödelt nach wie vor seine Lieder, auch die aus der Zeit, als ihm das Licht noch schien. Irgendwann hat er's dann ausgemacht, oder der Beleuchter hat's ihm entzogen, und dann kam viel Unsägliches, und mich hat er nicht mehr interessiert. Jetzt hat Konstantin Wecker in Berlin gespielt, und prompt inspiriert er den stellvertr. Chefred. der taz zu einer rhetorisch raren, meisterlich gedrechselten Formulierung, die ich Ihnen, geneigter Leser, nicht vorenthalten will. Also schrieb Peter Unfried: "Wecker ist insofern eine solitäre Figur, weil kaum ein anderer die Unvereinbarkeit der Ziele von 1968 so auf den Punkt gebracht hat wie er: das soziale und sozialistische Weltverbessern und einen maßlosen, kapitalistischen Individualismus. Beim Treffen am Morgen in einem Leipziger Hotel hat er zu diesem Thema den schönen Satz gesagt: 'Meine Lieder sind klüger als ich.' Ein Selbstzitat, klar. Aber es steht."


Von hinten aufgezäumt: Das ist vielleicht ein Selbstzitat, aber wofür es steht, wird mir nicht klar. Jedenfalls ist der Kalauer, dass das Geschriebene meist klüger ist als der Schreiber, schon bei Weckers Geburt ein alter Hut gewesen. Ob das aber auch in diesem Fall und auf Peter Unfried zutrifft, kann ich nicht beantworten, weil ich nicht verstehe, was er mit "maßlosem, kapitalistischem Individualismus" meint. Und weshalb "Individualismus" mit "Weltverbessern" unvereinbar sein soll, müsste mir auch jemand erklären.


Bunt sind schon die Wälder,
gelb die Stoppelfelder
Und der Herbst beginnt.
Rote Blätter fallen,
graue Nebel wallen,
kühler weht der Wind.



(Konstantin Wecker, .Quatsch, dieses Lied ist von Johann Gaudenz Freiherr von Salis-Seewis, geschrieben 1782)



Jugos 68 - BRD 2008

Ein sehr informativer Artikel über die Studentenrevolte 1968 in Belgrad und anderen Orten Jugoslawiens. Titel: "Nieder mit der roten Bourgeoisie!". Sonja Vogel hat sich offenbar durch einen dicken Wälzer gearbeitet, der dankenswerter Weise im Dietz Verlag erschienen ist, und die Geschichte der Studentenbewegung in Belgrad neben die besser dokumentierten Ereignisse in Berlin, Paris, Prag und München auf die historische Landkarte setzt. Einer der Unterschiede zu den anderen Orten: In Belgrad haben die Professoren an der Seite der Studenten gegen die erstarrten Verhältnisse, gegen die Privilegien der Politikerkaste vom Bund der Kommunisten Jugoslawiens, gekämpft. Ein Satz in Vogels Beitrag hat mich sehr nachdenklich gemacht: "Der überrumpelte BdKJ befand sich in der paradoxen Situation, auf Proteste reagieren zu müssen, die die Umsetzung der eigenen Grundsätze forderten."


Es wäre doch wirklich putzig, den Parteien in Deutschland, die im Auftrag der Wirtschaftsmächtigen die Demokratie gekidnappt haben, einfach das Grundgesetz (oder die bayrische Landesverfassung) um die Ohren zu hauen, und sie an die Einhaltung der dort festgelegten Grundsätze zu erinnern - an "Eigentum verpflichtet", an die Möglichkeit, Banken und Schlüsselindustrien zu verstaatlichen, an den einfachen Satz: "Alle Macht geht vom Volke aus!"

Und eben nicht vom Bundesverband der deutschen Industrie, den Ölmultis, den Automobilkonzernen und der Bertelsmann-Stiftung. Damit Rolf Hochhuth doch nicht im Recht bleibt: "Politik ist, was die Wirtschaft erlaubt."


Zitat


"Und was folgt daraus?"
"Dass es höchste Zeit wäre, einen wirklichen Ausweg aus der Unmenschlichkeit des Kapitalismus zu suchen."

Ilija Trojanow, In der Bar an der Börse, Seite "meinung und diskussion"


Cartoon


Wahllokal, ein Typ hinter der Sichtblende. Sprechblase: "Was wähle ich denn jetzt. Penisverlängerung oder Viagra...?" Untertitel: "Sind Wahlcomputer wirklich sicher?"


Steinmeier tanzt den Despoten


Wird die taz (wieder?) links? Die Frage habe ich ja letzte Woche schon mal gestellt, aber in der Masse der angepassten, system- und regierungstreuen Kommentatoren von RWI, SWP, INSM, der Korrespondenten (Schwikowski, Glass) und Redakteure (Medick, Klingelschmitt, Schulte, Johnson etc. pp.) fällt dann doch ein Kommentar auf, der sich nicht wie die Pressemitteilung des Kanzlerinnen- oder Auswärtigen Amts liest. Marcus Bensmanns wütende Polemik gegen deutsche Außenpolitik im Mittleren Osten legt die Hintergründe und Zusammenhänge offen, und sie liest sich so herzerfrischend engagiert, dass ich mich frage: Wer hat da nicht aufgepasst in der taz?


Weil solche Zeilen so selten sind in dieser Zeitung, möchte ich sie etwas länger zitieren. Möge er viele Nachahmer finden, der Bensmann, und hoffentlich reiben sich ein paar Leute in der Firma Steinmeier & Jung die Augen: "Seit dem Massaker von Andischan ist das deutsche Werben um Usbekistan ein Skandal. Die deutschen Soldaten sollen in Afghanistan Demokratie und Rechtssicherheit schaffen und operieren aus Usbekistan, dessen Regierung zum Erhalt des korrupten Systems von Panzerwagen auf Frauen und Kinder schießen lässt. Der Kanzlerkandidat der SPD, Frank-Walter Steinmeier, umtanzt als Außenminister den Despoten Islam Karimow. Steinmeier hat die Chuzpe, die Anbiederung an einen 'Blutsäufer' als Menschenrechtsdialog zu verkaufen. In Steinmeiers Gefolge pilgern die sozialdemokratischen Zombies der 'Ostpolitik', die jedes Anhimmeln eines Despoten als 'Wandel durch Annäherung' rechtfertigen."

Oh ja, das ist polemisch, das ist ein Pamphlet, das ist unausgewogen, das ist saufrech, und von dieser Art von journalistischem Zorn würde ich in der taz gern mehr lesen, damit die Verhältnisse mit der Macht des Worts zum Tanzen gezwungen werden.

Betriebsblind I


Wie lautet die Forderung, wenn ein Politiker ganz sicher gehen will, dass eine hochbrisante Angelegenheit im Sande verläuft? Die Forderung lautet: "Wir brauchen einen Untersuchungsausschuss." Barack Obama nannte einen solchen Vorschlag seines Kontrahenten John McCain neulich den "ältesten Trick Washingtons". Wie lautet die Forderung eines Grünen-Politikers, der von Ulrike Winkelmann damit konfrontiert wird, dass die Grünen in der Koalition mit der SPD "bis 2005 jährlich Gesetze zur Deregulierung des Finanzmarktes verabschiedet" haben? Die Forderung lautet: "Wir brauchen einen Untersuchungsausschuss, um die Fehler aufzuarbeiten und die Verantwortlichkeit für die Krise zu ermitteln." Ich nenne einen solchen Vorschlag von Gerhard Schick, dem "finanzpolitischen Sprecher der Grünen-Fraktion", den ältesten Trick Berlins.


Betriebsblind II

Die Verkörperung des Übergangs der SPD vom Bildungsbürgertum zum Ausbildungsbürgertum (oder so ähnlich, Sie können ja nachsehen) nannte ich gestern Karl Lauterbach. Der Mann hat ein Übermaß an Ausbildung, hat zwei Doktorentitel, hat an einer US-amerikanischen Eliteuniversität (Yaleharvardstanford oder so) studiert, ist Mediziner, sitzt im Aufsichtsrat eines Privatklinikkonzerns, hat aber offenbar doch eine gewisse Bodenhaftung, denn er wurde in seinem Wahlkreis Köln-Mühlheim-Leverkusen direkt gewählt. Nun kenn ich mich da wirklich nicht aus, und es kann auch sein, dass die Leute dort auch einen Cockerspaniel wählen würden, wenn er für die SPD aufgestellt wird.
Lauterbach ist "Gesundheitsexperte" der SPD und hat sich als solcher auch schon mal mit der Pharmaindustrie angelegt, was man wohl von einem SPD-Mann erwarten darf - würdichmalsagen. Weshalb hier "Betriebsblind" drübersteht, hat aber nicht nur mit meiner Einschätzung von Lauterbach zu tun, sondern auch mit den braven Fragen, die ihm in diesem Seite-3-Interview von Ulrike Herrmann und Stefan Reinecke gestellt werden. Sie hätten den Herrn mal an der Hand nehmen müssen und hinausführen in die Realität, die von Hartz IV nach 18 Monaten ohne Job geprägt wird. Aber es geht so gut wie ausschließlich um Zahlen, und da kann ihm keiner - Lauterbach hat seine Hausaufgaben gemacht:

"Seit 2005 haben fast eine halbe Million Langzeitarbeitslose Jobs bekommen."


"In den letzten Jahren gab es nach jeder Konjunkturphase eine halbe Million Arbeitslose mehr."

"Wir haben 40,4 Millionen Erwerbstätige, so viele wie noch nie."


"7,50 Euro wäre für Deutschland ideal. Es muss attraktiver sein zu arbeiten, als nicht zu arbeiten."


"Wenn jemand 5 Euro verdient und Kinder gegen Krankheiten impft, ist diese Arbeit dann würdelos? Ich finde nicht."

"Von Mitte 2007 bis Mitte 2008 ist sie (die Arbeitslosigkeit) um 14 Prozent zurückgegangen, bei Langzeitarbeitslosen sogar um 21 Prozent."


"Es gibt heute 1,3 Millionen sozialversicherungspflichtige Jobs mehr als 2005. Und erst seit 2005 gelten ja die Arbeitsmarktreformen." Aber er hat nicht nur Zahlen im Kopf, der Herr Professor, er ist auch in Philosophie topfit. Die taz-Leute weisen ihn darauf hin, dass "Millionen weniger Lohn und das Gros der Hartz-IV-Empfänger weniger Transferleistungen" erhalten.

Lauterbach: "Ja, ich glaube, mit dem Sozialphilosophen John Rawls, dass sich der Wert von Politik daran bemisst, was sie für die erreicht, denen es am schlechtesten geht. Das sind, neben chronisch Kranken, die Langzeitarbeitslosen. Insofern sind die Hartz-IV-Reformen linke Reformen."


Ich aber glaube, dass Karl Lauterbach so eine Aussage nur treffen kann, weil er in völliger politischer Betriebsblindheit vor lauter Scheuklappen nicht mehr sehen kann, was diese SPD-Apparatschiks angerichtet haben. Wenn diese Reformen, ausbaldowert und auf die Schienen gesetzt von VW, Bertelsmann-Stfitung und ihren willigen Werkzeugen Clement, Schröder, Fischer und Steinmeier, "links" sind, dann ist Josef Ackermann ein Linksradikaler.

Und wer glaubt, dass jemand mit 5 Euro die Stunde, verdient mit der würdevollen Arbeit des Kinderimpfens, ein menschenwürdiges Dasein im Deutschland des Jahres 2008 führen kann, hat keine Ahnung. Wie im Übrigen Leute, die 9.000 Euro im Monat ohne Nebengeräusche verdienen, nicht darüber befinden sollten, ob 7,50 Euro Mindestlohn ausreichend oder - O-Ton Lauterbach - "für Deutschland ideal" sind.


Es kann aber auch sein, dass er weiß, wovon er spricht, und weshalb er so ein Interview gib. Das würde heißen, der Doppeldoktor nützt seine beträchtliche akademische Intelligenz, um seine SPD-Karriere zu fördern und nicht, um in der SPD eigene Ziele und Überzeugungen durchzusetzen.

31. Oktober 2008

Reformationstag: Das Lutherblog


Als ich noch zur Volksschule ging, war am 31. Oktober immer Feiertag. Im Kindergottesdienst in der Karmeliterkirche wies der gütige alte Dekan Frobenius darauf hin, dass an diesem Tag vor vielen, vielen Jahren Martin Luther in Wittenberg seine Thesen an die Tür der Schlosskirche genagelt hat. Das hat mir sehr imponiert, war es doch der Glaube ans Geschriebene, schwarz auf weiß, Tinte auf Papier, der ihn dazu brachte, in Aktion zu treten, um unhaltbare Zustände anzuprangern. Und auch dass er, "das Mönchlein", viel später seinen schweren Gang gegangen und nicht von seinen Grundsätze abgewichen ist, bestärkte meine kindliche Seele - und meinen Trotz: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen." An der Stelle habe ich in Gedanken immer mit dem Fuß aufgestampft. Vielleicht wurde damals in der kleinen Stadt in Franken dem Achtjährigen der erste Anstoß gegeben, der schließlich dazu beigetragen hat, dass er heute, 55 Jahre später, im überwiegend katholischen München am Schreibtisch sitzt und seine Thesen ins iBook tippt. Hier ist der Reformationstag schließlich kein Feiertag.

1990 bin ich, neugierig auf die nach allen Seiten offene DDR, im Golf-Cabrio von München nach Hiddensee gefahren. In Wittenberg hab' ich die Reise für eine Nacht unterbrochen, um mir die Tür der Schlosskirche und das - für mich - sagenhafte Städtchen anzuschauen. Noch war die Kolonisierung nicht in Gang gekommen, doch auf dem Marktplatz gab es schon zwei Geschäfte, die Westramsch verkauften und Plastikspielzeug in Körben vor die Ladentür gestellt hatten.


Und weiter nördlich, kurz vor der Ostsee, in Mecklenburg-Vorpommern, gab es schon Baustellen außerhalb der Kleinstädte, die ich über Straßen mit unversehrten Alleen erreichte. Die Bautafeln wiesen darauf hin, dass hier auf der grünen Wiese Supermärkte entstanden. Weit und breit war kein Martin Luther zu sehen, der gegen die neue Religion protestiert hätte.
Martin Luther war der erste Blogger.

In Bayern nichts Neues


Im Wahlkampf (hier im September 2008 am Herkomerplatz in München) war er noch "Der deutlichste Kontrast zu Schwarz", seit gestern ist der Zahnarzt Dr. Wolfgang Heubisch Wissenschaftsminister im Kabinett von Horst Seehofer.


Gerechtigkeit 2.0, Version Harvard

"Ich behaupte, dass die Menschen im Urzustand zwei (...) Grundsätze wählen würden: einmal die Gleichheit der Grundrechte und -pflichten; zum anderen den Grundsatz, dass soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten, etwa verschiedener Reichtum oder verschiedene Macht, nur dann gerecht sind, wenn sich aus ihnen Vorteile für jedermann ergeben, insbesondere für die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft. Nach diesen Grundsätzen kann man Institutionen nicht damit rechtfertigen, dass den Unbilden einiger ein größerer Gesamtnutzen gegenüberstehe. Es ist vielleicht zweckmäßig, aber nicht gerecht, dass einige weniger haben, damit es anderen besser geht. Es ist aber nichts Ungerechtes an den größeren Vorteilen weniger, falls es dadurch auch den nicht so Begünstigten besser geht."


John Rawls (1921 - 2002) The Theory of Justice, 1971

Die ganze Leserbriefspalte in der taz von heute füllen Reaktionen auf das Interview mit Karl Lauterbach in der Mittwoch-taz (siehe meine Einträge gestern und vorgestern). Weshalb das die Leute so aufregt? Weshalb die taz den Mann so wichtig nimmt und ein Interview mit ihm auf Seite 3 abdruckt? Na ja, wahrscheinlich ist das Erstaunliche, dass Lauterbach zur SPD-Linken gerechnet wird. Das hat mich schon verblüfft, denn mit dem, was er da von sich gegeben hat, würde er auch in der CDU und in der FDP kaum anecken. Und dann hat mich noch verwundert, wie uninspiriert der Mann daherredet, wie wenig er über die Verwaltung der bestehenden Verhältnisse hinausdenkt und die Agenda 2010 mit Hilfe der Statistik verteidigt. Der einzige Hinweis, dass Lauterbach sich Gedanken über den Sinn seines Tuns macht, war ein vierzeiliges, sinngemäßes Zitat von John Rawls: "... dass sich der Wert von Politik daran bemisst, was sie für die erreicht, denen es am schlechtesten geht."




Das ist grob vereinfacht, aber nicht ganz verfälscht. John Rawls war Philosophieprofessor in Harvard, und sein Hauptwerk, Die Theorie der Gerechtigkeit, erschien 1971. Er war bestimmt kein Linker, wenn man ihn mit seinen Zeitgenossen Noam Chomsky oder gar Herbert Marcuse vergleicht. Ich würde ihn noch nicht mal als linksliberal einstufen. Seine Theorie passt sehr gut ins elitäre Milieu der amerikanischen Ostküstenuniversitäten, und entspricht der Tradition des aufgeklärten Bürgertums, das den Kapitalismus für die erstrebenswerteste Form einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung hält. Und Leute wie Rawls geben ihnen die theoretischen Diskussionsgrundlagen. Kein Wunder, dass Karl Lauterbach auf solche Sätze abfährt: "Es ist aber nichts Ungerechtes an den größeren Vorteilen weniger, falls es dadurch auch den nicht so Begünstigten besser geht."


Mit anderen Worten: Der ungeheure private Reichtum, der in Deutschland in den letzten 20 Jahren angehäuft wurde, ist schon gerecht, wenn für die, "denen es am schlechtesten geht" (Lauterbach), auch noch ein paar Brosamen abfallen. Das ist US-Kapitalismus pur. Und um das in den "politischen Institutionen" zu verteidigen und der ungebremsten Habgier das Mäntelchen der Gerechtigkeit umzuhängen, wurde die SPD erfunden.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Karl Lauterbach kann denken was und wie er will. Aber wenn er sich selbst als links darstellt, treibt er ein durchsichtiges Propagandaspielchen. Und wenn er von anderen so gesehen wird, dann kann ich nur sagen: Die sind auf ihn hereingefallen.


--------------------Kommentar am 1. November 2008--------------------------------------

Ach herje, wenn man sich mal gedanklich auf ein Thema einlässt, fliegt einem von unerwarteter Seite auch noch Bestätigung zu: Die Süddeutsche bringt in der Wochenend-Beilage einen Bericht über den Kieler Matrosenaufstand 1918, als die Schiffsbesatzungen der Kriegsmarine keinen Sinn mehr darin sahen, sich für Kaiser und Vaterland abschlachten zu lassen und den Dienst verweigerten. Bei einem Protestmarsch durch Kiel waren am 3. November sieben Matrosen getötet und 29 verletzt worden, als Soldaten in die unbewaffnete Menge schossen. Das hatte den Widerstand gegen die Regierung bis zum Siedepunkt angeheizt. Jetzt konnten nur noch die Sozialdemokraten einen Umsturz verhindern. Von hier an zitiere ich die Süddeutsche Zeitung vom Freitag, 31. Oktober 2008:


"Der Gouverneur Admiral Wilhelm Souchon hatte zwar den Schusswaffeneinsatz vom 3. November zu verantworten, begriff aber nun rasch, dass bloße Repression hier nicht weiter führen würde. Er telegrafierte an die Reichsregierung: ' Bitte, wenn irgend möglich, hervorragenden sozialdemokratischen Abgeordneten hierherzuschicken, um im Sinne der Vermeidung von Revolution und Revolte zu sprechen."

Besser kann man es kaum ausdrücken, das ist genau das was ich oben mit der Erfindung der Sozialdemokratie gemeint habe. Oh ja, wir leben in anderen Zeiten, und man kann 1918 nicht mit 2008 vergleichen. Was ich aber gern vergleichen möchte, ist die Funktion, die damals und heute von der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands ausgeübt wird und 1918 vom Admiral Wilhelm Souchon in höchster Not schon fast genial formuliert wurde: "..., um im Sinne der Vermeidung von Revolution und Revolte zu sprechen."


Wenn "bloße Repression" nichts bringt, kommt die SPD dran. Der Mistkerl damals hieß Gustav Noske, die Namen von heute können Sie selbst eintragen. Nein, 2008 ist nicht 1918, aber die SPD ist genauso ekelhaft wie vor 90 Jahren.


zur taz vom Donnerstag, 30. Oktober 2008

Muttertod


Ein höchst aufschlussreiches Interview mit der Autorin und Schauspielerin Renan Demirkan - über ihren Vater und ihre eben verstorbene Mutter, über Sprache und Kunst. Sie trifft manche Dinge so genau auf den Punkt, wie das nur Leute können, die als Ausländer hier aufgewachsen sind, mit geschärften Sinnen für die Heucheleien, die Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit der satten Inländer. Über ihren Vater sagt sie: "Das Gefühl nicht gewollt zu sein, ist eine zusätzliche Tragödie." Zwischenfrage von Cigdem Akyol: Woher kommt sein Gefühl, nicht gewollt zu sein? Immerhin lebt er seit 1968 hier...

... das ist ja nicht nur ein Gefühl, das ist die praktische Politik. Sichtbar im Umgang mit Migranten, in  der Sprache, in dem Austausch miteinander.


Der Sprache?

Sprache ist nicht nur ein Instrument zur Verständigung, sondern auch zur  Stigmatisierung. Sprache kann fürchterlich wehtun, schlimmer als ein Schlag. Sie kann demütigen, und sie ist die subtilste Waffe, die es gibt. Mein Vater versteht alles, er hört alles und sieht, dass die Demütigungen nie aufhören."


Es wäre falsch zu glauben, dass dies nur für Leute gilt, die nicht aus Deutschland stammen.

Regierungspoesie: Leichtgängig und elegant


Jetzt greifen sie doch zu, die großen Privatbanken, um sich die Milliarden von der Regierung zu schnappen, die ihre Pleite abwehren sollen. Hypo Real Estate macht den Anfang. Agenturmeldung: "Die Bundesregierung sieht in der Anfrage der HRE einen Beleg für das Funktionieren ihrer Hilfen. Der Bank werde eine kurzfristige Zwischenfinanzierung bis zum Greifen der Liquiditätshilfen der Privatbanken ermöglicht. Das zeige die Leichtgängigkeit und Eleganz des Instruments, sagte ein Sprecher des Finanzministeriums."

Steuergelder für Spritfresser


Damit sie ihre vorsintflutlichen, verantwortungslos übermotorisierten Dreckskarren doch noch unters Volk bringen, hilft ihnen die Kanzlerin aller Autokonzerne jetzt auch noch mit Steuergeldern aus: Den Kauf von neuen Autos mit Steuervorteilen zu pushen ist ein Skandal. Man kann Günter Verheugen, dem großen Lobbyisten der Automobilindustrie, dem Bleifußkommissar bei der EU, zu seinem Erfolg nur gratulieren. Ein Hilfsprogramm von 40 Milliarden Euro hat er gefordert. Muss ich noch erwähnen dass der beste Vertreter der Kapitalinteressen von Daimler, BMW, VW und Porsche bei der SPD zu Hause ist? Könnte ja sein, dass Sie das nicht für möglich gehalten haben, wenn sie seine Argumente hören.

Dass sie hilfsbedürftig sind, die Autokonzerne, machen die Bilanzen deutlich: Daimler streicht statt sieben Milliarden nur noch sechs Milliarden Gewinn ein, VW hat 2007 nur noch sechs Milliarden abgesahnt, und die armen BMW Werke in München gar nur zwei Milliarden Euro.


Da gibt's zu staatlicher Unterstützung einfach keine Alternative, das weiß ich auch, Herr Verheugen. Ich bin doch nicht blöd.

2 Elemente gesamt