1. November 2008
Allerheiligen
Die Heiden in Berlin kennen diesen Feiertag gar nicht, weshald sie wohl auch eine Wochenend-taz herausgebracht haben. Nur - die wurde heute nicht verteilt an die Münchner Abonnenten. Muss ich also zusehen, dass ich sie am Montag krieg, denn selbstverständlich iss das nicht.
Signale Ein Interview mit der Band, die den schönen Namen Deichkind trägt. Sie haben ein Lied mit dem Titel "Völker hört die Saufsignale" auf ihrer neuen CD: "... die Saufsignale. Hoch die internationale Getränkequalität." Bandmitglied Tony meint dazu: "Es ist so schlimm prollig, dass man Schauder auf dem Rücken bekommt. Wir wollen nicht mal mit uns selbst befreundet sein!" Und sein Kollege Phono ergänzt: "Aber: Hedonismus und das Recht auf Rausch sind spannende Themen." Ich geh mal davon aus, dass die Musik von Deichkind bestimmt nicht sehr idyllisch klingt.
Schon wieder: Prokrastination
Hatten wir neulich, Sie erinnern sich? Es war im heißen Sommer, und Christian Bartels schrieb auf der Wahrheitseite über den ersten Lehrstuhl für Prokrastinationslehre, die Wissenschaft vom Aufschieben. Ich hab dann prompt die Arbeit am tazblog auf den nächsten Tag verschoben. Jetzt erklärt Peter Unfried in seiner Charts-Kolumne "Prokrastination" zum "Wort des Monats". Sonst gibt's wenig darüber zu berichten, außer, dass Unfried jetzt mit gefetteten Namen arbeitet, was er sich bestimmt hier beim tazblog abgeguckt hat. Ich kann weder mit Peter Cornelius noch mit Rainhard (mit a!) Fendrich viel anfangen. Aber als Nachtrag zu Unfrieds Interview mit den beiden Geistesakrobaten, die eine neue Biographie über Jimi "mit einem m" Hendrix geschrieben haben, berichtet er von einem Leser, der ihm gemailt hat: "Electric LaDYLANd". Unfried: "Zoom! Das habe ich all die Jahre nicht gesehen." Ich auch nicht. Und was nun? Über Fußball steht da noch: "Hoffenheim. Sagt jetzt jeder. Aber hier - husch, husch - haben Sie es zuerst gelesen." Das stimmt. Und vergessen Sie nicht "Prokrastination"! Hier - husch, husch - haben Sie es zuerst gelesen.
Morgen ist Allerseelen. Das war früher auch ein Feiertag in Bayern, aber weil eh Sonntag ist, kommt's in diesem Jahr aufs selbe raus. Vielleicht schreib ich morgen noch was über ein paar Seelen mehr, die in der Freitags-taz zu Wort kamen - Petra Schellen, Jan-Werner Müller, Dominic Johnson. Schau mer mal. Sie wissen ja - für'n Dichter iss alles Arbeit.
2. November 2008
Allerseelen
Gestern abend kam ich auf dem Heimweg am Bogenhausener Friedhof vorbei. Obwohl es schon stockdunkel war, stand die eiserne Gittertür noch offen. Ich wurde vom Zauberlicht der roten und weißen Kerzen angezogen, die auf vielen Gräbern brannten - es war ja Allerheiligen, und wie es der Tradition entspricht, hatten Angehörige und Freunde tagsüber den Friedhof besucht und die Lichter angezündet. Jetzt war kein Mensch mehr zu sehen, und ich ging allein zwischen den Gräbern umher, überrascht, wie viele Kerzen in den roten Plastikumhüllungen oder ungeschützt als weiße Teelichter aufgestellt waren. Es war völlig windstill, die Flammen leuchteten unbewegt, was zur feierlichen Stimmung beitrug. An der Vorderseite der Kirche brannte eine dicke weiße Kerze in einer Laterne, auf manchen Gräbern gab es zwei rote Lichter, so am Grab von Erich Kästner, das jetzt eine niedrige Winterbepflanzung mit Efeu und Heidekraut ziert. Die meisten Lichter aber, fünf an der Zahl, standen auf und neben dem großen, von wildem Wein überwachsenen Isarkiesel, unter dem die Urne von Rainer Werner Fassbinder vergraben ist.
Hier ein kurzer Ausschnitt aus "Stille Winkel in München":
Der Bogenhausener Friedhof: Edel ruht der Mensch
Ob der Leichnam über viele Jahre hinweg im Sarg liegt und allmählich wieder zu Erde wird, oder ob er mit Hilfe der Krematoriumsflammen in kurzer Zeit zu Asche wurde – im Friedhof von Bogenhausen gibt es keine Trennung nach Erd- und Feuerbestattung. Getrennt wird aber doch, zwischen „Normal“-Bürger und Prominenz. Wer es im Leben nicht zu Berühmtheit und Ansehen gebracht hat, wird hier schwerlich seinen letzten Ruheplatz finden. Auch Geld macht in diesem Fall nicht glücklich, man muss sich, nach Auskunft der Friedhofverwaltung, „Verdienste um die Stadt München“ erworben haben. Otto Normalmünchner, auch wenn er Zeit seines Lebens gleich um die Ecke gewohnt hat, kommt im Tod nicht in die Nähe der hier versammelten Prominentenschar. Gut zweihundert Gräber gibt es auf der kleinen Anhöhe über der Isar. Bei der folgenden Auswahl nehme ich an, dass sie die weithin bekanntesten Toten in Bogenhausen enthält, denn sonst wären sie wohl nicht in der „freien Enzyklopädie Wikipedia“ mit Berufsbezeichnung alphabetisch aufgelistet: „Regisseur Rainer Werner Fassbinder; Schriftsteller, Journalist, Maler Joachim Fernau; Schauspieler Helmut Fischer; Schriftsteller Oskar Maria Graf; Publizist Wilhelm Hausenstein; Karikaturist Ernst Hürlimann; Schriftsteller Erich Kästner; Schauspielerin Liesl Karlstadt (Elisabeth Wellano); Dirigent Hans Knappertsbusch; Schriftstellerin Annette Kolb; der Astronom und Leiter der Sternwarte in Bogenhausen, Johann von Lamont; Schauspieler Walter Sedlmayr; Schauspieler Peter Vogel; Schauspieler Rudolf Vogel; Schauspieler Gustl Waldau (Gustav Theodore Clemens Robert Freiherr von Rummel); Schauspieler Carl Wery; Bildhauer Hans Wimmer.“ Möglicherweise kennt der Einwohner von München noch ein paar Namen mehr als der Bewohner der restlichen Welt und die Verfasser von Wikipedia: den Theaterregisseur Hans Lietzau, den Modeschöpfer Heinz Schulze-Varell, den Schriftsteller Peter de Mendelssohn, den Verleger Willy Droemer, den Regisseur Rudolf Noelte, den Schauspieler Robert Graf. Einige der hier Begrabenen würden wohl auch in Hamburg oder Berlin auf Prominentenfriedhöfen ihren Platz finden. Die Exklusivität begann in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als der städtische Teil neu gestaltet wurde (für einige Gräber ist bis heute die katholische Kirche zuständig). Seitdem hat sich der kleine Bogenhausener Friedhof zu dem entwickelt, was er heute ist: Der Bestattungsort in München mit den meisten bekannten Namen auf engstem Raum. Hier gibt es, schon weil wenig Platz ist in dem kleinen Kirchhof, im Gegensatz zu Ost- und Nord- und West- und Waldfriedhof, keine prunkvollen Grabdenkmäler, keine überdimensionierten Statuen, kein Mausoleum. Nur schlichte Kreuze aus Holz oder Schmiedeeisen, schmale Steinplatten und, an einem Grab, einen Gekreuzigten aus Bronze. Im Bogenhausener Friedhof zählen Kunstsinn und der Name des Verstorbenen. Beim „Münchener Begräbnisverein e. V.“ erfahre ich, dass die Schlichtheit und der gute Stil an diesem Ort keineswegs dem Zufall zu verdanken sind: „1959 erhielten die Grabstätten Denkmäler, die bei Vergabe der Benutzungsrechte übernommen werden mussten. So entstand ein Friedhofsbild, bei dem sich die einzelnen Grabdenkmäler in ihrer Wirksamkeit steigern.“ Schön gesagt, und jeder, der einmal durch die Grabreihen spaziert ist, wird den Eindruck bestätigen. Bekannte Namen gab es hier aber schon vor der städtisch geplanten Prominentenkonzentration, als noch die Menschen aus der Nachbarschaft in dem kleinen Kirchhof beerdigt wurden. Bogenhausen und Herzogpark gehörten zu den edlen Wohngegenden, und schon in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg lebten betuchte Bürger, Professoren, Schriftsteller, Dirigenten, Maler im nahen Umkreis. Erich Kästner bezog 1953 eine bescheidene Doppelhaushälfte mit großem Gartengrundstück in der nur ein paar hundert Meter entfernten Flemingstraße. 1974 fand er dann oben auf dem Kirchbergl an der Südmauer des Friedhofs, gleich rechts vom Eingang, seine letzte Ruhestätte. Auch Liesl Karlstadt, die Partnerin von Karl Valentin, hat im Herzogpark gewohnt, genau wie der Modeschöpfer Heinz Schulze-Varell und der Verleger Willy Droemer. Manchmal ist wohl auch den Verantwortlichen im Friedhofamt nicht ganz klar, nach welchen Maßstäben die „Verdienste um München“ eingeschätzt werden können. Als der Filmregisseur Rainer Werner Fassbinder 1982 an zu viel Leben, Arbeit und Kokain verstarb und auf Wunsch seiner Hinterbliebenen hier begraben werden sollte, dauerte es eine Weile, bis die Städtische Friedhofverwaltung einwilligte. Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete gar, Fassbinder konnte „erst nach erbitterten, höchst emotionalen Auseinandersetzungen hier beigesetzt werden. Dass ein drogenkranker, schwuler Regisseur in der Nähe des heiligen Georg seine Ruhe fand, war 1982 längst nicht selbstverständlich.“ Vermutlich musste man erst im Kulturreferat nachfragen, ob Fassbinders Verdienste um die Stadt ein Grab in Bogenhausen rechtfertigten. Jetzt liegt seine Urne unter einem großen, schlichten Isarkiesel mit Namen, Geburtstag und Sterbedatum (*31. 5. 1945 + 10. 6. 1982), auf halbem Weg zwischen Friedhofseingang und Kirchentür, unmittelbar neben dem Weißbierbrauer Georg Schneider, ein paar Schritte von seinen Regisseurskollegen Hans Schweikart und Rudolf Noelte entfernt.
(aus: Hans Pfitzinger, Stille Winkel in München, Verlag Ellert & Richter, 12,95 Euro) Wunderbar: Theater wirkt
"Eigentlich ist das ein sehr schöner Vorgang: Es wird öffentlich über Theater gestritten." So beginnt Petra Schellen ihren Bericht über die Wirkung, die gerade ein Stück in Hamburg hat, ein Stück mit dem Titel: "Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?" Da sollten am Schluss im Schauspielhaus "echte" Menschen, die "in Wirklichkeit" auf Hartz IV angewiesen sind, die Namen von 28 Hamburger Millionären vorlesen. Fünf von diesen etwas besser Verdienenden erhoben Einspruch und drohten mit einer einstweiligen Verfügung, darunter pikanterweise der kulturbeflissene Jan Philipp Reemtsma.
Das wäre noch nicht so richtig als bundesweite Nachricht von Belang, hätte sich nicht die Kultursenatorin in einem (auf amtlichem Papier abgefassten) Brief an den Intendanten gegen dieses Vorhaben ausgesprochen, unter Hinweis darauf, dass man es sich doch nicht mit Sponsoren verderben solle. Ach, ist das schön! Die Frau heißt Karin von Welck, und scheint eine große dramatische Begabung zu besitzen. Selbstverständlich nahm der Intendant Friedrich Schirmer die Steilvorlage an: "Ein ungeheuerlicher Vorgang von Einmischung", donnerte er, "den ich so noch nicht erlebt habe."
Die taz-Autorin reibt noch mehr Salz in die Wunde der törichten, parteilosen Kultursenatorin: "In ihrem Vertrag steht wohl kaum, dass sie die Wirtschaft vor der Kultur zu schützen hat - koste es, was es wolle." Und sie jubelt: "Das Theater ist nicht tot. Es kann hochpolitisch sein." Und sie lobt den Regisseur Volker Lösch, der sich den Stein des Anstoßes ausgedacht hat: Er "hat mit seinem Probeaufstand der Armen offenbar den wunden Punkt getroffen. Und die Politik dazu gebracht, sich in einer Art zu entblößen, die niemand, der etwas bei Verstand ist, für möglich gehalten hätte."
Ach, Frau Schellen, wenn Sie eine Weile verfolgen, wie sich die politische Klasse inzwischen entblößt, weil sie jeglichen Kontakt zum richtigen Leben verloren hat, würden sie sich über die Hamburger Kultursenatorin nicht so verwundern. Handlanger der Wirtschaft zu sein, ist diesen Leuten inzwischen ganz selbstverständlich in Fleisch und Blut übergegangen.
Nominell links
Da gießt Jan-Werner Müller in seinem Kommentar auf der Seite "meinung und diskussion" Wasser auf meine antisozialdemokratische Mühle: "Es waren nicht Thatcher oder Reagan, die den Keynesianismus verabschiedeten, sondern nominell linke Politiker: Unter massivem Druck des IWF leitetete der Labour-Premier James Callaghan in Großbritannien eine Politik der austerity ein; in den USA ernannte Jimmy Carter den Ökonomen Paul Volcker zum Chef der Federal Reserve; dieser schwenkte sofort auf eine restriktive Geldpolitik um. Reagan und Thatcher setzten diese Politik sehr verschärft fort, sie erfanden sie nicht."
Müller schreibt das in einem Essay über die drei Ideologien, die Ende der siebziger Jahre dominant wurden: Neoliberalismus, Antikommunismus und der politische Islam. Er erinnert auch daran, dass die italienischen Kommunisten die "restriktive Wirtschaftspolitik" der Christdemokraten mitgetragen und den "Eurokommunismus, der in Italien, Frankreich und Spanien Hoffnung auf eine wirklich sozialistiische Alternative zu Keynesianismus und Neoliberalismus geweckt hatte", zum Scheitern brachten. Begründet hatten das die italienischen Kommunisten mit einem "historischen Ausnahmezustand", mit der "Misere des italienischen Staates, vor allem aber der sich rapide verschlechternden wirtschaftlichen Lage." Das erinnert doch sehr an die SPD anno 1918 (siehe meinen Kommentar von gestern).
Kongo - was weiß denn ich
Nicht viel weiß ich über den Krieg im Osten des Kongo, was mir aber wieder auffällt: Dominic Johnsons Sympathien in seinem Kommentar zu den Ereignissen in Goma liegen nicht bei der gewählten Zentralregierung, sondern bei der Rebellenarmee von Laurent Nkunda. Dass der zu den Tutsi gehört, wie Paul Kagame, der ebenfalls von Johnson favorisierte Machthaber des Nachbarlandes Ruanda, macht mich mal wieder sehr nachdenklich.
Yes, we can!
Zum Endspurt hat Barack Obama das viele Geld, dass er übers Internet gesammelt hat, in einen halbstündigen Werbefilm gesteckt und einfach die beste Sendezeit bei den großen Fernsehgesellschaften gekauft. Der Regisseur David Guggenheim hatte auch schon Al Gores Film über die Erderwärmung inszeniert, und offenbar ein gutes Händchen für Emotionen bewiesen. Die Blogger-Gemeinden berichteten von tränenreichen Reaktionen auf den Obama-Film. Falls Sie ihn angucken wollen - ich tippe mal ohne Recherche, dass der Film inzwischen auf YouTube zu sehen ist. Aber falls Ihnen eine halbe Stunde Obama zu viel ist, habe ich hier noch mal das Musikvideo von Will-I-am mit Scarlett Johansson verlinkt, bei dem Bob Dylans Sohn Jesse Regie geführt hat. Es ist klasse gemacht, so eine Art Gospel-Rap.
God bless Barack Obama!
Leserbriefe
57 Kommentare auf taz.de, eine ganze Spalte Leserbriefe in der Printausgabe - Karl Lauterbach kann sich über mangelnde Aufmerksamkeit für sein Interview vom letzten Mittwoch nicht beklagen. Leser Timo Kretschmann aus Berlin schreibt: "In unserer am Profit orientierten kapitalistischen Wirtschaft wird permanent sinnlose Arbeit geschaffen, die viele krank macht und unseren Globus zur Müllhalde verkommen lässt. Wie Wachstum ohne Raubbau an der Erde stattfinden soll, hat noch niemand einleuchtend beantwortet."
Das stimmt so nicht ganz. Neulich in der taz hat Adelheid iesecker, eine ehemalige Wirtschaftsprofessorin aus Bremen, einen - mir - sehr einleuchtenden Essay zu diesem Thema veröffentlicht. Sie finden ihn hier. Ansonsten gebe ich Ihnen recht, dass "der Sinne des Lebens bestimmt nicht ein abstraktes Wirtschaftswachstum" ist, "was ja zunächst vor allem als Gewinnwachstum oder Ausbeutungswachstum zu bezeichnen wäre." Und die SPD "tut alles, dass dieses Wirtschaftssystem schön weiterfunktioniert, ohne Rücksicht auf Verluste."
Mehdorn verkauft die Bahn an die Araber
Hartmut Mehdorn holt sich das Geld, wo es im Überfluss vorhanden ist, bei den Bahnknden und im Nahen Osten. Zur Zeit reist er durch die Golfstaaten und Saudi-Arabien, um Abnehmer für deutsches Volkseigentum zu finden. Das glauben Sie nicht, gell? Sie glauben, bei mir sei jetzt endgültig der Mehdorn-Wahn ausgebrochen. Nö, iss nicht. Das stammt aus einer Meldung der Agentur Reuter. "Die 'Vereinigung Bahn für Alle' forderte gestern, die 'geheimen Verkausgespräche' in Saudi-Arabien abzubrechen.'"
"Der Staat" hat kein Geld - ja wo isses denn? Na?
"Der weltgrößte Ölkonzern Exxon-Mobil hat mit knapp 15 Milliarden Dollar den höchsten Quartalsgewinn seiner Geschichte gemacht. Shell verdiente als Nummer zwei der Branche knapp 11 Milliarden Dollar."
Werbeeinblendung
"Es ist nicht absehbar", sagt Lars Rensmann von der University of Michigan in einem Interview mit Philipp Gessler, dem taz-Redakteur für Religion und Judentum: "Es ist nicht absehbar, dass Antisemitismus als Problem in den nächsten Jahren verschwinden wird."
Das wäre auch ganz furchtbar für Rensmann, schließlich will er ja sein Buch verkaufen. Es heißt "Feindbild Judentum: Antisemitismus in Europa". Überschrift der dreispaltigen Buchwerbung in der taz: "Linke hat ein Antizionismus-Problem". Ja, was denn nun? "Die" Linke. Und reden wir jetzt von Antisemitismus oder von Antizionismus? Ist das Jacke wie Hose, oder kommt's nicht so drauf an? Lesefundsache
Der Schamane Peter Orzechowski hat mir neulich ein Buch in die Hand gedrückt, von David Brower (1912 - 2000). Es erschien im Jahr 1995 und hat den schönen Titel "Let the Mountains Talk, Let the Rivers Run". Brower war Bergsteiger und Ökologe, Schriftsteller und Vortragsreisender, und er hat unter anderem die Naturschutzorganisation Sierra Club in den USA gegründet. Brower erzählt von einem Abend an einer Universität in England, wo er und Edmund O. Wilson Vorträge gehalten hatten. Danach signiert Wilson eines seiner Bücher an einem Tisch im Vorraum des Hörsaals. Hinter ihm an der Wand steht der Spruch: "Wir haben die Erde nicht von unseren Vätern geerbt, wir haben sie von unseren Kindern geliehen." Wilson deutet darauf und fragt Brower: "Weißt du, von wem der Spruch stammt?" Brower schüttelt den Kopf, und Wilson sagt: "Der ist von dir, hast du irgendwann in den fünfziger Jahren in einem Buch geschrieben."
David Brower kann es nicht glauben, doch es stimmt. Als er wieder zu Hause ist, findet er die Stelle. Und er fügt hinzu: "Damals war ich offensichtlich noch konservativer. Heute würde ich sagen: '... wir haben sie von unseren Kindern gestohlen.'"
4. November 2008
Kongo
Zum Eintrag "Kongo - was weiß denn ich" vom 2. November erreichte mich eine Mail von einem, der mehr weiß. Der Historiker und Afrikaexperte Helmut Strizek hat sich immer wieder dafür eingesetzt, dass der von ihm erwähnte Mann aus Ruanda von den deutschen Behörden nicht abgeschoben wird. Das Gericht in der tansanischen Stadt Arusha untersucht den Völkermord von 1994. Kigali ist die Hauptstadt von Ruanda, Sitz des von der deutschen Regierung (und von Dominic Johnson in der taz) unterstützten Diktators Paul Kagame.
-------------------------------Kommentar am 3. November 2008
- heute Abend konnte ich mit Herrn Onesphore Rwabukombe telefonieren, der mir bestätigte, dass er zusammen mit Callixte Mbarushimana heute Nachmittag um 16 Uhr das Untersuchungsgefängnis in Weiterstadt verlassen konnte. Das Oberlandesgericht ist damit dem Inhalt der Entscheidung der Berufungskammer des Arusha-Gerichts gefolgt, die am 8. Oktober 2008 den Antrag des Chefanklägers Jallow, einige Verfahren von Arusha nach Kigali zu transferieren, mit der Begründung abgelehnt hat, unter den derzeitigen Gegebenheiten könne in Kigali kein faires Verfahren durchgeführt werden. Nach dem amerikanischen "Befehl", die Offensive der von Ruanda unterstützten Truppen von "General" Nkunda vor Goma einzustellen und Hilfskonvois nach Rutshuru für die Flüchtlinge im Kivu nicht zu behindern, muss Kagame damit in kürzester Zeit einen weiteren Schlag von Verbündeten hinnehmen, die bisher seine Unterstützung als "Beitrag zur Stabilität in der Region der Großen Seen Afrikas" zu rechtfertigen versucht haben. Die Verhinderung der Einnahme von Goma ist auch ein schwerer Schlag für die taz, deren "Afrikakenner" Dominic Johnson noch in einem Kommentar vom 30. 10. 2008 mit der Überschrift "IM KONGO IST DIE UNO GESCHEITERT" triumphieren zu können glaubte: "Forderungen, wie sie jetzt etwa die deutsche Bundesregierung erhebt, die als Antwort auf den Krieg noch mehr UN-Soldaten in den Kongo schicken will, führen allerdings in die Irre. Es geht nicht um mehr Soldaten, sondern um eine andere Politik. Ein Anfang wären Friedensgespräche mit Ostkongos Rebellen, bei denen alle Probleme auf den Tisch kommen und die realen Machtverhältnisse anerkannt werden. Die UNO muss das vorantreiben. Andernfalls riskiert sie, dass ihre Kongo-Mission von den Ereignissen hinweggefegt wird." Es sieht so aus, als hätten sich Kagame und sein "Sprecher" Johnson verschätzt.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr Helmut Strizek -------------------------------------------------------------------
Ein Abgrund von Ypsilanti-Verrat
Mann, war ich wütend gestern, als ich mitbekam, dass in Hessen gleich vier SPD-Abgeordnete - nicht nur Jürgen Walter und die sattsam bekannte Dagmar Metzger - gegen Andrea Ypsilanti und Herrmann Scheer gestimmmt haben. Den beiden anderen Damen habe ich gleichlautend böse Mails geschickt. Die an Silke Tesch, direkt auf ihrer Webseite platziert, kam wohl an. Die Mail an Carmen Everts hat die Landtagsadresse zurückgeschickt. Aber sie darf hier lesen, was ich sie fragen wollte:
"Wer hat Sie denn bezahlt, liebe Carmen Everts? War's Fraport oder waren es die Atomkraftwerksbetreiber? Sie widern mich an, Sie haben nichts kapiert. Ich hoffe und bete, dass dies das Ende Ihrer Karriere in der SPD ist. Oder das Ende der SPD, in deren Sarg Sie den letzten Nagel getrieben haben.
Mir würden sicher noch ein paar Beleidigungen einfallen - aber Sie sind es mir nicht wert. Verglichen mit Ihnen ist Frau Metzger noch ehrenwert. In der Hoffnung, nie wieder von Ihnen zuhören -"
Dummes Zeug: Ursula Rucker
Weshalb die Kulturredaktion eine ganze Seite für ein Interview mit der US-Sängerin Ursula Rucker verschwendet, weiß der Geier. Selten habe ich dümmeres Zeug gelesen. Die Frau ist völlig uninformiert, und wird von Ted Gaier ständig zu Themen befragt, von denen sie ganz offensichtlich keine Ahnung hat. Schon der Auftakt von Gaier lässt Schlimmes befürchten: "Was ich bemerkenswert finde ist, dass du als eine der ganz wenigen gegenwärtigen Künstler eine spezifisch afroamerikanische Tradition des verantwortlichen Sprechens für die Black Community fortführst."
Nun, für die Fragen kann Rucker nichts, aber umso mehr für die Antworten. Sie klingt wie eine verbitterte alte Frau, die sich über Rapper-Texte aufregt, sie für Morde verantwortlich macht und ihre vier Kinder in die katholische Messe schleppt. Das einzige Thema, bei dem ich mit ihr übereinstimme, ist ihre Meinung zu Barack Obamas langjährigen Pastor Jeremiah Wright: "Ehrlich gesagt, wenn man sich die Reden von Pastor Wright auf YouTube im Zusammenhang ansieht, ist das Gesagte nicht radikaler als manche Rede von Martin Luther King." So weit, so gut, und dann greift sie wieder Obama an: "Ich war irritiert, weil er Dinge über die Black Community offen gelegt hat, die nicht in eine allgemeine Öffentlichkeit gehören. Es gibt bestimmte Sachen, die sollten wir unter uns ausmachen." Wieso sollte es Dinge geben, die geheim bleiben sollten? Das finde ich sehr seltsam, noch dazu wenn es von einer Frau kommt, deren Mutter italienische Vorfahren hat und deren Vater "ein Schwarzer aus dem Süden" ist.
Auch das noch!
BMW trifft's hart im Moment: Kein Schwein kauft mehr ihre Autos, und die BMW-Erbin Susanne Klatten zahlt einem Typen, mit dem sie gepennt hat, 7,8 Mios, weil er sie mit einem Sexvideo erpresst. Dazu schreibt Natalie Tenberg: "Sie schaltete die Polizei ein, setzt ein Signal: So etwas ist immer kriminell, egal wen es trifft." Die Polizei einschalten ist immer kriminell, genau. Oder hab ich da was falsch verstanden?
Kolumnen
"Ist geil. War Scheiße". Das ist der Titel von Anja Maiers Kolumne, an der nie was geil ist. Der zweite Teil trifft's aber ziemlich genau.
Neoliberaler Jubel
Ja, da freut sich Martina Schwikowski, das neoliberale Gewissen der taz in Südafrika. Dass sich ein paar Yuppies vom ANC abgespalten haben, findet sie ganz toll, und die "neue Partei, die Wirtschaftsvertreter finanziell unterstützen und Oppositionsparteien befürworten", kann mit Schwikowskis Wohlwollen rechnen. Bis zu den Wahlen im April soll die - bisher noch namenlose - Partei "zur Hauptopposition werden". Wieso die taz-Frau so angetan ist, dass der Verteidigungsminister zu den Neugründern gehört, bleibt mir allerdings noch verschlossen. Na, warten wir's ab.
Kicher
Zu den Problemen der Bahn schreibt Klaus Hillenbrand: "Hier muss mit Zugausfällen, Verspätungen und Ersatzverkehr mit langsameren Intercity-Zügen statt der ICEs gerechnet werden. So fahren in dieser Woche nur alle zwei statt Stunden statt stündlich Fernzüge über Leipzig nach Nürnberg." Nur alle zwei statt Stunden statt stündlich? Ob er aber über Oberammergau oder aber über Unterammergau oder aber überhaupt net kimmt, kammer net sagn.
Kongo, zum Zweiten
Einmal mehr versucht Dominic Johnson das unübersichtliche Interessenknäuel aufzudröseln, als das sich der Ostkongo für Außenstehende darstellt. Und ich hab von dem fast halbseitigen Artikel auf Seite 4 von gestern den Eindruck, der taz-Mann bemüht sich sehr, seinen journalistischen Ruf wiederherzustellen. Falls ich ein wenig dazu beigetragen habe, dass er präziser und sachlicher über Hintergründe informiert, soll es mir recht sein. Unverändert voreingenommen scheint er nur zu sein, wenn es um den Rebellenchef Laurent Nkunda geht. Da behauptet er weiterhin: "Nkunda agiert keineswegs, wie viele Kommentatoren hartnäckig behaupten, als verlängerter Arm Ruandas." Für Johnson ist alles noch komplizierter, aber seine Sympathien gelten ganz offensichtlich Nkunda und Paul Kagame.
5. November 2008
Ja, es geht! Charisma buchstabiert man jetzt O-b-a-m-a
Sie wissen ja: Hier oben unter "Bevorzugte Links" und "Klicken - lesen" finden sich die Mitteilungen des Ein-Mann-Obama-Fan-Clubs, beginnend 2006.
In der Online-Ausgabe der New York Times hab ich heute Morgen eine sehr schöne Bildergalerie entdeckt, von Sarah Palins letztem Wahlkampfwochenende. Da gab's zwei ihrer Anhänger zu sehen, die hellblaue T-Shirts trugen, mit der Aufschrift auf dem Rücken: "I'll keep my freedom, my guns, and my money. You can keep the change." (Das ist schön doppeldeutig: change heißt ja nicht nur Wandel, Veränderung, sondern auch Wechselgeld, Kleingeld. Also: Ich behalte meine Freiheit, meine Waffen und mein Geld. Du kannst das Kleingeld behalten.) Keep the change wird im Alltag am häufigsten beim Umgang mit Kellnern oder Bedienungen benutzt.
Jetzt, nachdem Barack Obama zum Präsidenten gewählt ist, kann ich etwas lockerer schmunzeln beim Anblick von Sarah Palin und ihren Anhängern. Übrigens hat Hank Williams jr. irgendwo in Missouri bei Palins Wahlkampfauftritt gespielt. Der Dummbeutel. Was wohl sein Vater dazu gesagt hätte?
Hier hab ich einen Link gesetzt zu Obamas Siegesrede in Chicago, im historischen Grant Park, wo einstmals die "Heere aus der Nacht" kamen (Buchtitel von Norman Mailer). Diesmal kamen 250.000 Leute zusammen, um sich mit Obama zu freuen, der in 16 Minuten freier Rede bewies, dass er es - was die Ausstrahlung betrifft - locker, aber ernsthaft mit dem Mick Jagger der frühen siebziger Jahre aufnehmen kann. Toll - er buchstabiert Charisma neu: Obama.
Bush hat es geschafft
In einem sehr interessanten Interview in der taz von gestern verblüfft Marcus Rankin, der zusammen mit Richard Barnet das Institute for Policy Studies in Washington D.C. gegründet hat, den taz Redakteur Bernd Pickert mit den Worten: "Ich halte die Bush-Präsidentschaft nicht für gescheitert."
Wie bitte?
"Ihr Ziel war es, der eigenen Klasse und Klientel so viel Geld zuzuschanzen wie möglich - und das ist gelungen. Was den Irakkrieg angeht, hatte Bush eine höhere Mission im Kopf sowie eine Revanche für seinen Vater im Sinn, der 1991 vor Bagdad klein beigegeben hat. Im Kongress hat ihn absolut niemand aufgehalten. Insofern hat Bush geschafft, was er sich vorgenommen hat."
Wahlergebnis in Washington D. C.
Obama 93 Prozent, McCain 7 Prozent
Heh, Bettina Gaus, lesen Sie eigentlich die taz, in der Sie schreiben?
Himmelherrgottnochmal, es kann ja sein, dass ich mit Bettina Gaus mehr gemeinsam habe als mit Klingelschmitt und Schulte im komplizierten taz-Geflecht - aber wenn sie nicht mal weiß, dass die Zeitung, für die sie schreibt, genau das auf der Titelseite gefordert hat, was sie Obama ankreidet - heh, wie sorgfältig arbeiten wir eigentlich?
"Beide Kandidaten wünschen übrigens, dass sowohl Georgien als auch die Ukraine so bald wie möglich Mitglieder der Nato werden, Selbst wenn Russland sich dagenen sträuben sollte. Hört jemand in Europa zu? Schaut jemand hin? Ach so, Obama meint das vermutlich nicht ernst, meinen seine linksliberalen Fans."
Ach so, die taz, die genau das auf Seite eins gefordert hat - Helge Donath: "Georgien muss in die Nato" -, meint das vermutlich nicht ernst. Ich muss die Parallele nicht weiter führen, aber die Frage sei gestattet: Gibt's noch linksliberale Fans der taz?
"Es liegt im weltweiten Interesse, wenn eine Großmacht nicht durch soziale Kämpfe destabilisiert wird." Vielleicht sollte irgendjemand schonend Frau Gaus beibringen: Die SPD hat schon eine Präsidentschaftskandidatin, die staatstragende Hohlsätze von sich gibt. Und für den Schluss ihres Artikels fällt mir eigentlich nichts mehr ein: "Das Verlässlichste, was man über Obama sagen kann: Er ist die Katze im Sack. Das ist in Ordnung. Das gab es schon öfter. Aber für diese Katze ist die Welt bereit, auf die Straße zu gehen, um zu tanzen oder zu kämpfen? Das ist denn doch übertrieben."
Liebe Bettina Gaus, das wäre nur dann übertrieben, wenn Sie sich dem schönen Lied von Georg Kreisler verweigern würden, und die andere alte Schachtel allein tanzen ließen: "Zwei alte Schachteln tanzen Tango". Sie klingen wirklich wie - eine alte Schachtel.
Viel Freude, schöne Tage und ein langes Leben wünsche ich Ihnen.
Unfassbar das Foto zu dem Artikel - Hochformat, die ganze Seite, drei von sechs Spalten, Obama winkt in die Menge, und mindestens 80 Prozent des Publikums fotografieren ihn mit Digital-Kameras und Foto-Handys.
Ist es eigentlich so schwer zu kapieren, dass die alten Maßstäbe nicht mehr ausreichen, um das Neue zu vermessen?
6. November 2008
Flughafen als "Jobmotor"
Weil ich ja von hessischer Landespolitik - und von Hessen als Menschen - so wenig Ahnung habe, wollte ich mich informieren. Ich war nicht ganz unvoreingenommen, denn der Hesse mit all seinen Klischees ist mir nicht ganz geheuer. Von Äppelwoi über Deutsche Bank bis Joseph Fischer reichen die Gründe, weshalb ich dem Volksstamm als Ganzes zutiefst misstraue, von einem früheren WG-Mitbewohner ganz zu schweigen. Der einzige Hesse, den ich uneingeschränkt gut finde, hieß Hermann mit Vornamen und war schwäbischen Ursprungs. Nun wollte ich also herausfinden, weshalb dieser Rechts-SPDler Jürgen Walter so vehement gegen Andrea Ypsilanti und Hermann Scheer als Wirtschaftsminister gewütet hat. Und da fand ich sein Glaubensbekenntnis auf der Website in einem Eintrag vom 29. April 2008 - der Ausbau des Flughafens schafft Arbeitsplätze. Mit anderen Worten: Das bis zum Gähnen strapazierte Totschlagargument, die Begründung für die Dümmsten, denen sonst nichts einfällt. Jeder Mist wird durchgesetzt, egal ob dabei der Planet draufgeht und ganz Deutschland zubetoniert wird, Hauptsache, es werden Arbeitsplätze geschaffen. Das ist Politik von vorgestern - sich nicht zu überlegen, welche Art von Arbeit eigentlich wünschenswert ist. Und der Typ wollte den Job, für den Scheer vorgesehen war. Man kann Ypsilanti nur danken, dass sie das verhindert hat. Jürgen Walter war wohl angefressen, dass die Grünen und Scheer ihm und der Flughafengesellschaft einen Strich durch die Ausbaurechnung machen wollten (von der Atompolitik jetzt mal abgesehen). Aber lesen Sie selbst: "Jobmotor für die Region. Zu einer Besichtigungstour am Frankfurter Flughafen hatte Jürgen Walter die SPD Seniorinnen und Senioren der AG60+ eingeladen. Bei einer 3 stündigen Tour über den Frankfurter Flughafen konnten die Genossinnen und Genossen hautnah miterleben, wie der Alltag am Verkehrsknotenpunkt Frankfurt abläuft und welche Baumaßnahmen geplant sind und aktuell laufen. Die Wichtigkeit des Flughafens als Jobmotor der Region wurde dabei deutlich, allerdings gab es auch kritische Fragen seitens der Teilnehmer." (Eintrag auf http://www.juergen-walter.info/)
Zum ersten Mal ...
... gehört habe ich den Namen Obama im Jahr 2006, als Neil Young seine CD "Living with War" herausbrachte. Da war der schöne Agitprop-Song drauf "Let's impeach the President (for lying)", lasst uns den Präsidenten seines Amts entheben wegen seiner Lügen. Und dann war da noch ein Song, den ich sehr mochte, und in meinem kurzen Artikel über Neil Young und seine Rückkehr zum politischen Protest schrieb ich in der Gazette: "In „Looking for a Leader“ hofft Young, dass es irgendjemand geben wird, der aufsteht und gegen die Korruption im politischen System der USA ankämpft. Wer das sein könnte? Der neue Führer sollte nach Youngs Vorstellung ein Mann sein, der jetzt noch „unter uns herumläuft ... vielleicht ist es Obama, aber der hält sich für zu jung ... vielleicht wird es eine Frau sein, oder doch ein Schwarzer, vielleicht sogar Colin Powell – um das gutzumachen, was er verbockt hat.“ Barack Obama, der junge Senator von Illinois, Jurist, Absolvent der Elite-Uni Harvard und erster schwarzer Herausgeber der Harvard Law Review, ist mit seinen 45 Jahren die große Hoffnung der liberalen Öffentlichkeit. Bei der Anspielung auf Exaußenminister Colin Powells Rolle in der Bush-Regierung darf man sich Neil Young getrost mit einem Augenzwinkern vorstellen. Und dann singt er noch:
America is beautiful but she has an ugly side, we’re looking for a leader with the Great Spirit on his side
Der Große Manitu möge ihm beistehen!"
Das hab ich im April 2006 geschrieben. Jetzt ist er gefunden, der neue Führer, nach dem Neil Young in seinem Song gesucht hat, und tatsächlich, es ist Obama. Jetzt, zweieinhalb Jahre später, kann man Barack Obama nur wünschen, dass ihm der Große Geist auch weiterhin beisteht.
7. November 2008
Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah! Die Luft ist still, als atmete man kaum, Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah, Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
O stört sie nicht, die Feier der Natur! Dies ist die Lese, die sie selber hält, Denn heute löst sich von den Zweigen nur, Was von dem milden Strahl der Sonne fällt.
Christian Friedrich Hebbel (1813-1863)
Happy Birthday, Joni Mitchell!
Prince wurde, zu Zeiten seines musikalischen Höhepunkts, als "Purple Rain" in den Hitparaden und im Kino auftauchte, in einem Interview gefragt, wer denn seine stärksten Vorbilder waren. Und da nannte er James Brown und Joni Mitchell. Die Kanadierin mit Wohnsitz in Los Angeles hat ihre intelligente und aufregende Popmusik nie in die Hitparaden gebracht, aber es gab wahrscheinlich nur wenige Musiker, die sie nicht bemerkt und geschätzt haben. Sie war "a musicians' musician", wie es ihr Kollege und zeitweiser Geliebter Graham Nash mal ausdrückte. Der nahm mit seinen Kollegen Crosby, Stills und Young ihren Song "Woodstock" auf, in dem Joni Mitchell beschreibt, was das Festival für sie bedeutet hat. Ihre große Liebe galt dem Jazz, und im Besonderen dem Bassisten und Komponisten Charles Mingus, den sie in seinem letzten Lebensjahr, als er sich nur noch im Rollstuhl fortbewegen konnte, sehr nahestand. Eine Tribute-LP hat sie damals mit seiner Musik gefüllt, und ihre eigene wurde immer bassbetonter und jazziger. Als Antwort auf den Anschlag vom 11. September 2001 kam im Jahr danach ihr vorletztes Album "Travelogue" heraus, auf dem Wayne Shorter und Herbie Hancock mitspielten. 2002 erhielt sie auch einen "Ehren-Grammy" für ihr Lebenswerk. Danach hat sie ihren Abschied aus dem Musikgeschäft bekanntgegeben. Sie wollte sich nur noch der Malerei widmen, wurde ihrem Vorsatz aber 2007 untreu, als ihre CD "Shine" mit neuen Songs herauskam. Joni Mitchell wird heute 65 - alles Gute zum Geburtstag, thanks for playing the soundtrack for my life!
Die taz von gestern - heute
"Die Lust am leeren Aufbegehren ist die Form des Hedonismus der politischen Rechten heute." Wollen Sie ernsthaft so was lesen? Ich auch nicht. Gibt es irgendwo anders eine Rechte, wenn nicht in der Politik? In der Kultur vielleicht, aber ist das dann nicht schon wieder politisch? Nein, ich will's nicht lesen, nicht mal, wenn es von Isolde Charim geschrieben ist, der ich selten zustimme, die ich aber immer sehr anregend finde beim Lesen. "Die Lust am leeren Aufbegehren ist die Form des Hedonismus der politischen Rechten heute." Ach, geh.
Flucht aus Guantanamo
Heheheheh, also wirklich, das gibt's als Film - kein Wunder, dass der nie in die Kinos kam: "Harold und Kumar - Flucht aus Guantanamo" heißt das Werk von John Hurwitz und Hayden Schlossberg, und wenn ich dem Ekkehard Knörer trauen darf - und das tu ich eigentlich immer - gibt es diesen Film als "DVD überall im Handel ab 15 €". Wow! Zusammenfassung von Knörer: "Ein Werk, in dem höherer Blödsinn, schärfste politische Satire und abgrundtiefe Geschmacklosigkeit einander beim Scheißen begegnen. Ein Werk, das nach Underground aussieht, aber von Warner Brothers stammt." Wenn ich einen DVD-Spieler hätte, würde ich zum nächsten Verleih-Laden radeln, um ihn mir auszuleihen. War nicht "Skidoo" auch von Warner?
Grandios
Ari Folman, jüdisch, israelisch, war 1982 als 19-jähriger Soldat mit dabei, als in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Shatila im Libanon christliche Phalangisten die wehrlosen Palästinenser massakrierten. So was prägt fürs Leben. Jetzt hat er einen Zeichentrickfilm gemacht, um mit diesen Erlebnissen fertigzuwerden. Issja kein Wunder. Der Film heißt "Waltz with Bashir" und ist mit israelischen, französischen und deutschen Geldern produziert worden. Und das sagt Folman über Bob Dylan: "Ich denke, dass seine ersten sieben Alben, die er in nur sechs Jahren herausbrachte, eine Leistung sind, die ein normales menschliches Wesen nicht hätte erbringen können. Ich höre diese Platten immer noch. Und auch wenn ich nicht religiös bin, glaube ich, das war ein Geschenk Gottes." Ralf Krämer, der taz-Interviewer, sagt: "Auch in Deutschland sind selbst frühere Pazifisten der Grünen längst der Meinung, dass Krieg ein legitimes Mittel der Politik sei." Ari Folman: "Das denke ich nicht. Meistens heißt es dann: 'Aber war der Krieg gegen die Deutschen im Zweiten Weltkrieg nicht notwendig?' Okay, ja! Aber gibt es gegenwärtig irgendeinen Krieg von dem man sagen könnte: Alles wurde getan, um ihn zu verhindern? Nein! Überall gibt es das gleiche Problem wie bei uns in Israel. Nur die Politiker sind wirklich an Kriegen interessiert. Sie wollen ihre Macht behalten." Lass dich umarmen, Bruder Ari! Recht hast du. Und die Politiker arbeiten ja nicht nur im eigenen (Bankkonto-)Interesse, sondern für die Autofirmen und für die Luftfahrt - und die Rüstungsindustrie. Eh klar.
Und was die "früheren Pazifisten der Grünen" und ihren Anführer Joseph Fischer betrifft: Möge sie allesamt der Blitz beim Scheißen treffen.
Die taz ist total daneben
Glaubt da jemand, dass sich irgendein Dummbeutel freiwillig als Lohas bezeichnet? Oder ein T-Shirt anzieht, auf dem "Lohass" steht? Ach geh, total, toootaaal daneben! Lohas sollen sich Leute nennen, die einen Lebensstil pflegen, der auf Englisch heißt: "Lifestyle of Health and Sustainability". Abgesehen davon, dass das auch für bodenständige Amerikaner wie akademisches Kauderwelsch klingt - einen solchen Begriff ins Deutsche einzuführen ist einfach nur krank. Die abgehobenen Hauptstadtdeppen von der taz haben das auch noch auf T-Shirts gedruckt und tun so, als wäre die Mehrzahl "Lohass". Hah? Was soll das denn? Abgesehen davon, dass ein angehängtes "s" im Deutschen nicht Mehrzahl bedeutet (das wäre Englisch), darf ich mir unter Lohass vorstellen, was ich will: Vielleicht was Gutes, so wie in Lo-Fi, also Low Fidelity, was mal ein Ausdruck war für Musik, die eben nicht High Fidelity war. Aber Low Hass? Heh, tickt ihr noch richtig in eurem abgeschotteten Berlin-Wahnsinn? Niedriger Hass oder wass? Ihr seid bescheuert. Wetten: Dieses T-Shirt ist der größte Ladenhüter, den ihr je beworben habt. Und noch was, lieber Peter Unfried: "... die psychologische Befindlichkeit der Lohas-Affinen ist aber nicht repräsentativ für die ganze Bevölkerung." Selten war ich so erleichtert wie nach diesem Satz. Äääh, für wen schreiben Sie eigentlich? Und muss dass nicht "Lohas-Äffinnen" heißen? Mit Ä? Es ist trostlos, was in der taz abläuft. Man könnte schreien, heulen oder ins Bett gehen. Ich tu Letzteres.
8. November 2008
Change - Änderung, Umschwung, Veränderung, Wandel, Wandlung, Wechsel, Wende, Wendung
Sie haben es bestimmt bemerkt - mit dem Wahlergebnis in den USA hat sich auch "Achtung: tazblog!" verändert. Weg vom (Einstiegs-)Fenster sind Adolf & Angela, jetzt steht der "Obama-custom-sneaker" fürs Neue. Passt ja, denn Barack Obama und ich haben zumindest eines gemeinsam: Die Liebe zum Laufsport. Über weitere Gemeinsamkeiten muss ich erst nachdenken - ganz bestimmt verbindet uns eine tief sitzende Abneigung gegen Bush und McCain und die Politik der Republikanischen Partei.
Harhar - gefundenes Fressen für den Besserwisser!
Noch mal zur taz von vorgestern, Donnerstag, Kulturseiten, die täglich vertraute Spalte "Berichtigung": Da wollten sie auch irgendwie zur Obama-Manie beitragen, und haben die Berichtigung auf Englisch geschrieben: "Stephen King is not called Steven King. And 'Raffinesse' is not a german word. There is 'finesse' and 'raffinement'". Dazu wäre zu sagen: "Raffinesse" ist sehr wohl ein deutsches Wort und steht als solches mit der Erklärung "Durchtriebenheit, Schlauheit" im Duden. Und das englische Wort German schreibt man groß. Ois klar?
taz von gestern:
Erste Seite: "Die neue Identität Amerikas"
Diese Schlagzeile ist an Verschnarchtheit schwer zu übertreffen. So langweilig titeln sie nicht mal bei der SZ. Waren sie bei der taz nicht mal stolz auf witzige, ironische, "andere" Schlagzeilen? Beispiel: Die prophetische Titelseite vom 5. Juni 2008: "Onkel Baracks Hütte", mit dem ganzseitigen Foto vom Weißen Haus.
"Wieso lassen wir's nicht liegen?"
Einer der besten Kommentare seit langer Zeit entschädigt für die öde Titelzeile: der Kommentar "Ein Quäntchen Optimismus" von Hilal Sezgin. Sie stellt sich und uns die Frage, weshalb es eine schlechte Nachricht sein soll, dass Daimler weniger Autos der S-Klasse verkauft und produziert. Und weshalb einerseits beklagt wird, dass Weihnachten zu einem sinnentleerten Konsumfest entartet ist, andererseits aber auch bedauert wird, wenn der Einzelhandel weniger Umsatz macht. Und weshalb es schlecht ist, dass "die Chinesen" nicht mehr mit dem Fahrrad unterwegs sind, sondern mit all den Autos das Klima kaputtmachen. Aber andererseits ist es auch wieder großer Mist, denn die deutschen Autohersteller stecken in der Krise, weil der Absatz (und der Export nach China) zurückgeht. Und einerseits redet man über Konsumkritik jetzt schon in den Talkshows, ändert aber andererseits nichts an der Wirtschaftsweise. Die Beispiele könnten noch endlos aufgelistet werden, was ich ja hier in den letzten Monaten so lange beschrieben habe, bis ich es selbst nicht mehr lesen konnte. Deshalb will ich lieber den Schluss von Hilal Sezgins Kommentar hier zitieren: "Mit einem Quäntchen Optimismus kann man hoffen, dass wir aus diesem Jahr etwas lernen werden, dass Weihnachten nicht am Berg der Geschenke gemessen wird und 'Zukunft' nicht daran, ab wann die Autoindustrie wieder boomt. Mit noch etwas mehr Optimismus könnte man in die Hände spucken und fragen: Wo jetzt schon so viel darnieder liegt, wieso lassen wir's nicht liegen und bauen stattdessen etwas Besseres auf?" Allein, Sezgin fehlt dieser Optimismus, sie glaubt, dass in Zukunft die "Fließbänder genauso viel menschlich und ökologisch unverträglichen Unsinn liefern wie zuvor." Da bin ich optimistischer, wenn ich mir ansehe, was für Veränderungen Südamerika in den letzten Jahren erfahren hat, und seit Mittwochfrüh schaue ich auch nach Nordamerika wesentlich hoffnungsvoller als vor einem Jahr. Wird schon werden, liebe Leser! Änderung, Umschwung, Veränderung, Wandel, Wandlung, Wechsel, Wende, Wendung.
Novembergedanken
Heh, Bernd Schorb, nur weil ich die Hoffnung in Bezug auf Obama nicht aufgebe, bedeutet das noch lange nicht, dass ich meine Fundamentalopposition vergesse. Da sei mein großer Bruder Heinrich Heine (1853) vor!
Zum Lazarus
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Lass die heilgen Parabolen, Lass die frommen Hypothesen - Suche die verdammten Fragen Ohne Umschweif uns zu lösen.
Warum schleppt sich blutend, elend, Unter Kreuzlast der Gerechte, Während glücklich als ein Sieger Trabt auf hohem Ross der Schlechte?
Woran liegt die Schuld? Ist etwa Unser Herr nicht ganz allmächtig? Oder treibt er selbst den Unfug? Ach, das wäre niederträchtig.
Also fragen wir beständig, Bis man uns mit einer Handvoll Erde endlich stopft die Mäuler - Aber ist das eine Antwort?
(Für Ben Schneider zum Todestag, 9. 11. 2006)9. November 2008
Was aber, wenn einem nichts einfällt?
Wenn das weiße Blatt Papier - oder die Entsprechung auf dem Bildschirm - nicht als Möglichkeit erscheint, beschrieben zu werden; sich stattdessen verweigert, und einem all die Gedanken eingibt, die dem Schreiben entgegenstehen: Wen interessiert das denn, was du schreibst? Und wenn, was hast du davon? Verdienst du Geld damit, dient es deinen Lebensunterhalt? Erzielst du eine - irgendeine - Wirkung mit dem, was du tust? Braucht es jemand? Hilft es jemandem? Und was passiert, wenn du's nicht tust? Wenn alle diese Fragen ehrlich beantwortet sind, gehst du ins Bad, putzt dir die Zähne, wäschst dir die Äuglein aus, kehrst an den Schreibtisch zurück, speicherst den so weit geschriebenen Text, schaltest den Computer aus und greifst zur Gitarre. Vielleicht schreibst du ein ander mal.
Es gibt so Tage...
... aber dann reißt mich irgendetwas aus dem Übermaß an Zweifel, und das kann schon ein kleiner Hinweis sein auf eine Kleinigkeit, die aufzuschreiben der Mühe wert ist. An diesem Sonntagmorgen stand es ausgerechnet auf den hier so oft vehement kritisierten Kulturseiten der taz: Die Besprechung der Lebenserinnerungen von Hermann Knüfken. Sie wissen ja - die taz lese ich von hinten her, und Peter Köhlers Serie über "Schurken, die die Welt beherrschen wollen" hat meine Laune schon verbessert (wurde auch Zeit, dass Frank-Walter "Steini" Steinmeier drankam). Na ja, kein genialer Köhler-Coup, aber gewohnt gut recherchiert und auf der Höhe seiner Formulierungskunst. Mit dem prächtigen Stück über den SSC Neapel auf der Seite "leibesübungen" trug dann Tom Mustroph weiter zur guten Laune bei. (Wer zum Teufel ist das? Warum erfährt der Leser nie was über Redakteurswechsel in den Ressorts? Ach, wenn ich an das spärliche Impressum der taz denke, krieg ich gleich wieder schlechte Laune. Heh, es geht darum, offen zu informieren, Zuständigkeiten - Personen - zuordnen, zeigen, dass Menschen hinter den Strukturen stecken. Anm. des Säzzers). Dass Neapel wieder vorne mitmischt, freut mich sehr, und das Foto vom Jungstar Ezequiel Lavezzi tut ein übriges - scheint ein hellwaches Bürschchen zu sein: 23 Jahre alt, Indio aus Argentinien, liebt die Cumbia-Tänze: "Wenn er auf den Rasen kommt, dann scheint er von dieser Musik zutiefst durchdrungen. Er tippt den Ball mit links an, dann mit rechts, gibt ihm mit Zehenspitze, Ferse oder Sohle eine andere Richtung, dreht sich um die eigene Achse und schlängelt sich selbst nebst Ball an Freund und Feind vorbei." Lavezzi würde ich gern mal spielen sehen: "Seine Haut ist mit über 20 Tattoos versehen, eines zeigt Jesus, eines Maradona und eines - an der rechten Hüfte - eine Pistole." Jesus sieht man auf dem Foto, an der linken Schulter vorne.
Renitente kleine Leute
Ja, Hermann Knüfken. Verbindlichsten Dank an den taz-Kulturchef Andreas Fanizadeh, der den Leser mit diesem Mann bekannt macht, und an den BasisDruck Verlag in Berlin, der Knüfkens Buch "Von Kiel bis Leningrad" neu herausbringt. Knüfken gehörte zu den "Kieler Matrosen", die mit ihrer Befehlsverweigerung 1918 das Ende des Krieges beschleunigten und die Revolution in Gang brachten, die dann von Friedrich Ebert und Gustav Noske und den anderen SPD-Gestalten verraten wurde. Fanizadeh schenkt mir eine vorbildliche Figur aus der deutschen Geschichte, und gibt mir ein Stück Selbstvertrauen zurück - denn diese geschichtlichen Personen fielen nach 1945 durch alle Raster, es waren "all jene, die schon früher nicht mitgemacht hatten und wie Knüfken in Opposition zu Parteikommunismus und Appeasement-SPD standen (...). Die SPD konnte die Erinnerung an renitente kleine Leute wie den Kieler Matrosen Knüfken offenbar nicht gebrauchen. Knüfken und die vielen Namenlosen hatten die Geschütze des kaiserlichen Hochseegeschwaders unschädlich gemacht. Ohne Parteiauftrag, während die Mehrheitssozialdemokraten noch mit dem kaiserlichen Regime paktierten." Hermann Knüfken lebte von 1893 bis 1976. Er hatte im Jahr 1920 das deutsche Schiff "Senator Schröder" nach Leningrad entführt, auf dem sich auch Franz Jung und andere Linksaktivisten befanden. Fanizadeh drückt ihre Absichten so aus: "Sie wollten die Bolschewisierung der kommunistischen Bewegung in Deutschland über Verhandlungen mit Lenin verhindern." Es ging jedenfalls um den Aufstand im Ruhrgebiet, und Knüfken selbst schreibt über die Schiffsentführung: "Am 21. April, als wir unsere Fahrt antraten, startete von Wesel aus der Vormarsch der Regierungstruppen und Freikorps gegen die Rote Ruhr-Armee. Sollte ich da Bedenken haben, den 'Senator Schröder' für einen solchen Zweck zu beschlagnahmen? Damals habe ich nicht den geringsten Anflug von Skrupel gehabt. Ich war klar zum Handeln." Später verweigert er sich den Kommunisten und arbeitet für den britischen Geheindienst gegen die Nationalsozialisten. Was für ein aufregender Charakter. Der taz-Kulturchef bringt den Artikel zum guten Ende, indem er den offiziellen anerkannten Widerstandshelden mit dem vergessenen Matrosen vergleicht: "Dem Grafen Stauffenberg war die Weimarer Republik zu demokratisch, dem Matrosen Knüfken nicht demokratisch genug. Ein feiner Unterschied, den die majoritäre Geschichtsschreibung gerne verwischt." Die Mehrheit der Historiker schreibt eben immer an der Geschichte der Sieger mit, und verschweigt die Sicht der Unterlegenen. Zwei Fotos zeigen Knüfken als Matrose und als junger Stenz im Anzug mit Hut, ein Porträt zeigt ihn als reifen Mann mit weißem Hemdkragen und Fliege, hellwach schaut er an der Kamera vorbei in die Ferne. Muss ein guter Typ gewesen sein.
Leser zum Mammutprojekt Bahnhof "Stuttgart 21"
"Scheitert 'Stuttgart 21' wäre das für die Region eine Tragödie", schreibt Ingo Arzt und lässt im Unklaren, was er damit meint." Ja, das fiel mir auch auf in der taz vom 5. 11. Da wird mal wieder traurig deutlich, dass taz-Redakteure einfach die Gehirnwäsche der Mächtigen sinn- und hirnlos nachplappern. Leser Matthias Monninger aus Stuttgart stellt richtig: "VCD, Bund, Pro Bahn, die Grünen und die Mehrheit der Stuttgarter und der Baden-Württemberger halten die Ertüchtigung und Renovierung des Kopfbahnhofes für die bessere Alternative. (...) Aus bahnbetrieblichen, wirtschaftlichen, städtebaulichen und Sicherheitsgründen wäre das Scheitern der Tieferlegung des Stuttgarter Bahnhofs ein wahrer Segen."
Traut sich nicht trauen
Der taz-Mann Bernd Pickert, der extra zur Wahl nach Washington geschickt wurde, hat sich ein paar Tage von der Aufbruchstimmung anstecken lassen. Aber der Mann traut der Freude nicht, und schon fällt er wieder in den früheren Zustand permanenter Skepsis zurück, der mir vor Monaten schon aufgefallen ist, als er dauernd an Barack Obama rumnörgelte. Gestern schrieb Pickert einen sehr informativen Artikel über die Bewegung, die Obama ausgelöst hat ("Die Bewegung der Macht", Seite 3), und deren Anhänger ihm - mit dem hervorragend geführten Wahlkampfteam - zum Sieg verholfen haben. Am Schluss aber wird Pickert schon wieder zum notorischen Bedenkenträger: "Obamas Strategen um Axelrod laufen Gefahr, die Bewegung zu ersticken, die sie selbst geschaffen haben." Nein, lieber Bernd Pickert, das tun sie nicht. Da möchte ich den Computer- und Internetexperten Ossi Urchs als Kronzeugen anführen, der im czyslansky.net am 7. November auf die Fortführung der basisdemokratischen Aktivitäten der Obama-Leute im Internet verweist: "... wenn schon, dann hat nicht das Internet das 'Phänomen Obama' hervor gebracht, sondern Obama hat das Phänomen 'Web (2.0)', bzw. die dahinter aufscheinende 'Schwarm-Intelligenz' intelligent eingesetzt. Dass er es damit zumindest ernst meint, und die Interaktion mit den Menschen, den Austausch von Ideen, als Basis zukünftiger Politik begreift, zeigt seine neue Website: http://change.gov/". Trauen Sie sich ruhig mal trauen dürfen, Herr Pickert!
Schöne Tage! --------------------------------------Kommentar, 12. 11. 2008
Lieber Herr Pfitzinger,
ich tät mich ja gern trauen. Aber wenn die erste und einzige Mail, die ich - als eingetragener Obama-Unterstützer - in der Woche nach dem Sieg von seiner Kampagne bekomme, die Aufforderung ist, 30 Dollar für ein Victory-T-Shirt zu spenden, und wenn ich dann sehe, dass auch die change.gov-Seite eine völlig einseitige und eigentlich sehr Web 2.0-ferne Kommunikationsstruktur hat (selbst im Blog gibt es keine Kommentarfunktion, nirgendwo die Möglichkeit zur Debatte ohne den Filter der Kampagnenleitung), dann hat das alles sehr viel mit message control von oben zu tun, sehr wenig aber mit einer Bewegung von unten. Gruß Bernd Pickert
11. November 2008
"Wer an Telekinese glaubt möge meine Hand heben."
Kurt Vonnegut, 1922 - 2007
Alles Gute zum Geburtstag, alter Halunke!
Heute beachtet man in Wugg-Kreisen*) Kurt Vonneguts Geburtstag, der zweite, den er nicht mehr selbst mitfeiern kann. Im Frühjahr 2007 hat er noch ein Interview gegeben und angekündigt, er würde die Zigarettenfirmen verklagen, weil sie falsche Informationen auf ihre Schachteln schreiben: Er hätte sein Leben lang geraucht, und tot wäre er immer noch nicht. Das war er dann ein paar Wochen später, am 11. April 2007. Er starb an Gehirnverletzungen, die er sich bei einem Sturz zugezogen hatte. Da war er 84. Verklagt hat er niemanden mehr. Im Nachruf in der N.Y. Times am 12. April 2007 hieß es: "Für Mr. Vonnegut war Freundlichkeit die einzig mögliche Erlösung von der Verrücktheit und der offensichtlichen Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz. Die Titelfigur seines Romans 'Gott segne Sie, Mr. Rosewater, oder: Perlen vor die Säue' (1965) fasste seine Philosophie so zusammen: "Hallo, Babys. Willkommen auf der Erde. Es ist heiß im Sommer und kalt im Winter. Die Erde ist rund und nass und stark bevölkert. Im Allgemeinen habt ihr hier so an die hundert Jahre. Es gibt nur eine Regel, die mir bekannt ist, Babys - 'verdammt noch mal, ihr müsst freundlich sein.'"
In seinem Roman "Breakfast of Champions" (deutsch: Frühstück für Helden) schrieb er: "1492. Als Kindern wurde uns beigebracht, an dieses Jahr mit Stolz und Freude zu denken, weil es das Jahr war, in dem die Menschen begannen, ein erfülltes und phantasievolles Leben auf dem nordamerikanischen Kontinent zu führen. Tatsächlich haben Menschen auf dem nordamerikanischen Kontinent schon jahrhundertelang ein erfülltes und phantasievolles Leben geführt. 1492 war einfach das Jahr, in dem Meerpiraten begannen, sie zu berauben, zu bestehlen und umzubringen. Die Hauptwaffe der Meerpiraten war jedoch ihre Fähigkeit, in Erstaunen zu versetzen. Niemand sonst konnte, bevor es zu spät war, glauben, wie herzlos und habgierig sie waren." Von Kurt Vonnegut stammt auch einer meiner Grundsätze: "Ich will so weit am Rand stehen wie möglich, ohne herunterzufallen. Außen am Rand sieht man alle möglichen Dinge, die man in der Mitte nicht sehen kann."
Sein Gedicht Requiem hört so auf:
When the last living thing has died on account of us, how poetical it would be if Earth could say, in a voice floating up perhaps from the floor of the Grand Canyon, «It is done.» People did not like it here.
Wenn das letzte Lebewesen wegen uns gestorben ist, wie poetisch wäre es doch, wenn die Erde dann mit einer Stimme, die vielleicht vom Boden des Grand Canyon aufsteigt, sagen könnte: «Es ist vollbracht.» Den Menschen hat es hier nicht gefallen.
Auf deutsch sind im Buchhandel von Kurt Vonnegut erhältlich: - Schlachthof 5 oder der Kinderkreuzzug, Eur 6,95 (Die Geschichte von Billy Pilgrim, der, wie Vonnegut selbst, die Bombardierung Dresdens miterlebt, und auf dem Planeten Tralfamadore, von dem die Flliegenden Untertassen kommen, mit Montana Wildhack, der bekanntesten Pornodarstellerin der sechziger Jahre, in einem Gehege ausgestellt wird, um den Außerirdischen menschliche Paarungsriten vorzuführen.)
- Mann ohne Land: Erinnerungen eines Ertrinkenden von Kurt Vonnegut, übersetzt von Harry Rowohlt, Eur 8,00 (herzzerreißendes Vermächtnis eines großen Skeptikers) - Gott segne Sie, Dr. Kevorkian, übersetzt von Harry Rowohlt, Eur 10,00 (Essays eines melancholischen weisen Mannes)
Viele seiner Romane - darunter Timequake (auf deutsch: Zeitbeben), den letzten von 1998 - gibt es antiquarisch als Taschenbücher. Meine Favoriten: Galapagos, Die Sirenen des Titan, Katzenwiege, Schlachhof 5. Über Zeitbeben erfahren Sie demnächst mehr hier auf dieser Website.
Bleiben Sie dran - auch über die taz vom Montag gibt es noch einiges zu sagen. Aber da hat mich ein Kampfhund beim schönsten Herbstsonnengeländelauf im Dschungel unterhalb des Thomas-Mann-Hauses**) von hinten attackiert und in den rechten Oberschenkel gebissen. Ärztin, Wundversorgung, Tetanusspritze - der ganze Mist. Gottseidank hat mir das Au-pair-Mädchen, das die Hunde ihrer Herrschaft ausgeführt hat, die richtige Adresse der Besitzerin gegeben. Ich hatte vielleicht eine Wut! Freitag werde ich wohl erfahren, ob die Bisswunde gut verheilt.
Mistviecher, diese kleinen krummbeinigen, plattschnäuzigen Kampfhunde mit den vorstehenden Reißzähnen. Wie kann sich eine so atemraubend schöne Frau einen solch hässlichen, bösartigen Köter anschaffen - so dachte ich, als mein Blick eine Viertelstunde nach dem Arztbesuch auf die Hundebesitzerin fiel.
Tja, warum wohl? Interessant auch: Die schwarzhaarige Schönheit ist höchstschwanger, weshalb sie die Hunde (sie hat noch einen größeren, der mich aber nicht anfiel) vom Mädchen ausführen ließ. Wäre sie nicht vom Storch gebissen worden, hätte mich vermutlich nicht der Hund gebissen - zum ersten Mal in meinem Leben. Sachen gibt's - verrückt und offensichtlich sinnlos.
*) siehe Anzeige am untersten Ende dieses tazblogs
**) siehe "Stille Winkel in München", S. 87
12. November 2008
Deutsche Börse empfängt gesuchten Kriegsverbrecher
Gestern lag die neue Ausgabe von Raum & Zeit im Briefkasten, mit einem Artikel über den Waffenhandel deutscher Firmen mit Afrika, in dem ich auch aus dem oben erwähnten Ruanda-Dossier zitiere: Der Diktator Paul Kagame bezieht Entwicklungshilfegelder von Angela Merkel, und kauft damit deutsche Waffen. Gestern kam er nach Frankfurt, auf Einladung der Deutschen Börse, um eine Rede vor Wirtschaftsbossen zu halten, und um die Protokollchefin seiner Regierung im Knast zu besuchen. Hier Auszüge aus einer Pressemitteilung vom 9. November, die mir am 10. November zugeschickt wurde: "Der Deutsch-Ruandische Kulturverein e.V. (Akagera-Rhein e.V.) begrüßt die mutige Entscheidung der deutschen Justiz bei der Umsetzung des europäischen Haftbefehls gegen die mutmaßliche ruandische Kriegsverbrecherin, Major Rose Kabuye. Kabuye war als Führerin der Patriotischen Front Ruandas im November 2006 vom französischen Ermittlungsrichter Jean-Louis Bruguière wegen der Verwicklung bei der Ermordung des ruandischen Präsidenten Juvénal Habyarimana und seines Amtskollegen Cyprien Ntaryamira aus Burundi, zur internationalen Fahndung ausgeschrieben worden. Bruguière stellte damals insgesamt neun Haftbefehle gegen hochrangige Offiziere des derzeitigen Staatschefs Paul Kagame aus. Major Rose Kabuye unter anderen hochrangigen Offiziellen der APR, der heutigen ruandischen Regierung, ist mitverantwortlich für das Massaker an Hutu-Flüchtlingen im Flüchtlingslage in Kibeho 1995. Damals starben ca. 8000 Menschen durch Kagames Armee vor den Augen internationaler UN-Beobachter. Kagame ist nicht nur Schuld am Genozid in Ruanda. Er ist auch Schuld am Genozid in der Demokratischen Republik Kongo und an den ständigen Aggressionen in diesem Land. Wir fordern, dass sich Deutschland endlich von der kriminellen Regierung Ruandas distanziert, und dass alle restlichen Haftbefehle in diesem Sinne vollstreckt werden, sagt Dr. Jean Paul Rwasamanzi, Vorsitzender des Akagera-Rhein e.V. " Interessant, dass Kagame nach seiner Rede vor dem BDI im April jetzt schon wieder zu deutschen Wirtschaftsbossen sprechen darf. Was sich die Verantwortlichen der Deutschen Börse wohl dabei gedacht haben, ausgerechnet Kagame einzuladen? Nachtrag zur taz vom Montag
Roosevelt: "Die Regierung als Anhängsel ihrer Geschäfte"
Gleich zwei prima Beiträge im Kulturteil zum Thema Wahlen in den US von Nordamerika. Ekkehard Knörer informiert über "Das 'Wir' des Barack Obama", und Sebastian Moll zitiert aus einer Wahlrede von Franklin D. Roosevelt, der 1936 erfolgreich für eine zweite Amtszeit kämpfte:
"Wir kämpfen gegen die Hochfinanz und die Wirtschaftsbosse, die gewissenlosen Spekulanten, gegen die Gegnerschaft zwischen den sozialen Schichten unseres Landes und gegen die Kriegsprofiteure. Sie alle hatten sich daran gewöhnt, die amerikanische Regierung als Anhängsel ihrer Geschäfte zu betrachten. Jetzt hassen sie mich und ich begrüße ihren Hass. In meiner ersten Amtszeit haben diese Kräfte des Egoismus und der Gier in mir einen gleichwertigen Gegner gefunden. In meiner zweiten Amtszeit werden sie in mir ihren Bezwinger finden."
Wann haben Sie dergleichen zuletzt von einem deutschen Sozialdemokraten gehört? Sie können sich nicht erinnern? Ich auch nicht. Falls sich jemand erinnert: Bitte melden!
Neue Helden braucht das Land
Meine sind 23, 26 und 24 Jahre alt und heißen Florian, Franziska und Matthias. Ihre Nachnamen wollen sie nicht in der Zeitung haben, sie gehören weder Greenpeace noch Robin Wood noch einer anderen großen Organisation an. Sie haben es geschafft, dass der Atommüllzug zwölf Stunden länger brauchte als vorgesehen, weil sie sich an der Bahnstrecke bei Wörth am Rhein an einen Betonblock gekettet haben, der unter den Gleisen verankert war. Andreas Wyputta schreibt darüber in der taz: "Wie und wann der Betonblock nördlich der Ortschaft Berg in das Gleisbett eingelassen wurde, will Florian nicht sagen. (...) Unterstützt wurden die drei Blockierer von weiteren Demonstranten, die schnell von den Gleisen geschafft wurden." Die gute Nachricht: Die Leute in Gorleben bei den Demos waren erstaunlich jung. Da kommt die nächste Generation der Atomkraftgegner, und auf der taz hatten sie gestern sogar einen milchgesichtigen Schüler mit Anti-AKW-Button an der Strickmütze. Apropos: Heute ist der dritte Tag mit den Gorleben-Demos auf der taz-Titelseite, Montag junge Demonstranten, gestern der Schüler, heute die Blockadebauern aus der Region. Vorhersage: Morgen die Dackelbesitzer gegen Atomkraft, Freitag die Porschefahrer gegen Atomkraft, Samstag der Umweltminister gegen Atomkraft. Bin neugierig, welches Thema die nächste Woche beherrscht.
13. November 2008
Vollmond
Heute Morgen, 7:17 Uhr, war Vollmond - was immer das zu bedeuten hat. Bei mir läuft's meistens besser, energiegeladener um Vollmond rum. Aber auch schlaflose Nächte kommen vor - und ich hab den Eindruck, bei Neumond überwiegt mehr die analytische Seite des Gehirns, bei Vollmond die gefühlsmäßige. Und die richtig tollen Vollmondereignisse kommen immer ein paar Tage danach. Ich bin mal neugierig. zur taz vom Dienstag, 12. November
Mitleid mit der armen US-Korrespondentin ...
... Adrienne Woltersdorf kann man kriegen beim Lesen ihrer Kolumne. Wurde sie doch glatt von den Sicherheitsleuten Barack Obamas von einer Pressetribüne verwiesen, die nur für Fernsehjournalisten reserviert war. Buuhuu, iss schon hart, die Pressearbeit. Vielleicht sollte ihr mal jemand das Händchen streicheln und einen Kuss geben. Wenn Woltersdorf nachtragend ist, werden wir taz-Leser nix Positives mehr über Obama aus den USA erfahren. Das hamse jetzt davon, die blöden Sicherheitsglatzen.
Akademikerchinesisch
Wenn ich schon dauernd auf den Kultur-Redakteuren und -Autoren rumhacke, weil sie vor lauter Fremdwörtern keinen verständlichen Satz mehr hinkriegen, sollen jetzt mal die Leser drankommen. Hier zwei Beispiele von Menschen, mit deren Meinung ich wohl grundsätzlich übereinstimme - nur krieg ich Pickel, wenn ich solche Sätze lese: "Ein positiver Bezug zum Konsum als wichtige Voraussetzung des Wahlsiegs Obamas? Das ist reine Blasphemie. Es ist, nach Jahren des Rückgangs der Reallöhne und exorbitanter Kumulation von Geld in der Hand von wenigen, schlicht kein Geld da zum Shoppen!" Liebe Gertrud Schrenk aus Mannheim, so lange genug zum Einkaufen da ist, sollte man sich nicht beklagen. Und Marc Vogel reagiert auf das dumme Zeug, das Dirk Knipphals auf der ersten Seite der Wochenendausgabe verzapft hat ("Verknallt in Obama - aber richtig") mit den Sätzen: "... ist dem nur zuzustimmen: vor allem wenn damit einhergehend der auch im linksliberalen Milieu grassierende Distinktionsdünkel überwunden würde. Wie nun allerdings die nicht zu leugnenden und per definitionem exklusiven Prozesse der 'Gentrifizierung' unter Anspielung auf Lyotard als 'integrative Erzählung' vorgeschlagen werden können, bleibt mir schleierhaft." So wie mir der Sinn dieser Diskussion. Wäre doch mal wieder Zeit an die Diskutanten zu appellieren, den Usus von integrierten Signifikanten auf ein Minimum zu reduzieren. Wenn ich schon Gentrifizierung lese. Oder Gender Mainstream! Meine Fresse!
Nix Neues bei Johnson
Die Nachdrücklichkeit, mit der "Afrikaexperte" Dominic Johnson Tag für Tag den ruandischen Diktator Paul Kagame und die von ihm unterstützten Tutsi-Rebellen im Ostkongo in ein positives Licht rückt, ist schon beeindruckend. Sein "Portrait" der am Sonntag in Frankfurt verhafteten "Protokollchefin" von Kagame ist wieder ein Musterbeispiel für Propaganda. Erst zitiert Johnson die Majorin der "Ruandischen Patriotischen Front" mit den Worten: "Ich kämpfte für meine Rechte, die Rechte meiner Kinder und aller Kinder." Bewundernd fügt Johnson hinzu, Rose Kabuye sei "erst 47, heute aber schon Oberstleutnant i. R.". Im Parlament hat sie sich "stark gemacht für die Sache der Frauen und für Versöhnungsarbeit zwischen Hutus und Tutsi." Auf der anderen Seite wirft ihr ein französischer Richter vor, 1994 einen Flugzeugabschuss geplant und die Präsidenten von Uganda und Ruanda, beide Hutus, ermordet zu haben. Da klingt Johnson plötzlich wie der Pressesprecher von Paul Kagame und meldet: "Ruanda sieht in diesen Vorwürfen eine billige Retourkutsche für ruandische Vorwürfe, wonach Frankreich eine führende Rolle beim Völkermord gespielt hat." Und die Glaubwürdigkeit des Richters Jean Bruguière stellt Johnson dann auch noch in Frage, weil der "inzwischen auf Seiten der französischen Rechten in die Politik gewechselt" ist. Diese Geschichte wiederholt Johnson ständig (ganz im Sinne von Joseph Goebbels: "Propaganda heißt Wiederholung") und garniert nur die jeweiligen Tagesereignisse drum herum. Wenn jemand seine Erfahrung, sein Wissen, sein journalistisches Handwerk so einseitig für eine äußerst fragwürdige Position einsetzt, sind, glaube ich, ein paar Fragen angebracht: Warum tut er das? Was bringt ihn dazu, seine ideologische Sichtweise so hartnäckig wie unermüdlich in der taz unterzubringen? Und: Was hat er davon?
-------------------------------------Kommentar, 13. 11. 2008 Sehr geehrter Herr Pfitzinger,
wie gut, daß Sie mir den rechten Weg weisen: es ist offensichtlich viel glaubwürdiger, sich ohne Erfahrung, Wissen oder journalistisches Handwerk, dafür aber mit Goebbels als erstbestem Gewährsmann, für eine äußerst fragwürdige Position einzusetzen. Genau deswegen ist es immer eine Freude, Ihre Kommentare zu meiner Berichterstattung zu lesen.
Mit besten Grüßen Dominic Johnson
14. November 2008
Ausnahme
Wenn schon, wird hier an Geburtstage (heute: Astrid Lindgren) erinnert, nicht an Todestage. Aber bei einer Ausnahmeerscheinung wie Jean Paul mach' ich doch glatt eine - Ausnahme. Vor 183 Jahren, am 14. Novembertag 1825, ist er in Bayreuth gestorben. Und auch wenn die meisten Menschen, die ich kenne, lesen können - Jean Paul lesen können nur wenige. Vor etwa acht Jahren habe ich mal meine Faszination mit diesem fränkischen Landsmann in einen längeren Essay gemeißelt, den sie hier auf der Website unter "iWugg IndieText" finden. Und so fängt er an:
Wellness mit Jean Paul oder Die Hufeisenberge als Ausgangspunkt der Phantasie
Zitat, statt einer Vorrede
"Es gehe dir nie anders als wohl, und die kleine Frühlingsnacht des Lebens verfließe dir ruhig und hell - der überirdische Verhüllte schenke dir darin einige Sternbilder über dir - Nachtviolen* unter dir - einige Nachtgedanken in dir - und nicht mehr Gewölk, als zu einem Abendrot vonnöten ist, und nicht mehr Regen, als etwa ein Regenbogen im Mondschein braucht! Hof im Vogtland, den 22. August 1796."
Einführung oder Warum kein Mensch mehr Jean Paul lesen will
Mit dem obigen Zitat endet "Die Geschichte meiner Vorrede" zu Jean Pauls Roman "Quintus Fixlein". Vor Kurzem habe ich diese Zeilen dem Freund Konrad nach Berlin ge-e-mailt (oder sagt man "elektronisch gebrieft"?). Konrad bedankte sich herzlich dafür und versicherte, er lese den fränkischen Meister immer noch und wieder mit wachsendem Vergnügen, und fragte zurück: "Nur - wer kann das heute noch lesen?" Ich weiß es nicht, nur stelle ich immer wieder fest, dass es nicht Viele sind, die ich mit meiner Begeisterung für Jean Paul anstecken kann. Klar, der wirkt anfangs sperrig, eigensinnig, merkwürdig, anders, erfordert die ganze Aufmerksamkeit beim Lesen. Dabei kann ich jedem, der's gar nicht hören will, nur raten, es zu tun. Und sich nicht daran zu stören, dass uns nun mal 200 Jahre von ihm trennen und so manche Anspielung unverständlich bleibt. Macht doch nichts! Auch wenn Sie nur die Hälfte kapieren, bietet Jean Paul immer noch mehr Vergnügen beim Lesen als die meisten seiner Zeitgenossen, Goethe und Schiller inklusive, und für mich persönlich gibt es nur wenige Schriftsteller, die vor ihm oder seither in seine Nähe, oder, vielleicht besser, auf seine Höhe gelangt sind: Jean Paul ist wohl der verspielteste unter den großen Weisen dieser Welt. Sein Spielzeug: Die deutsche Sprache, der Idealismus seiner Zeitgenossen, und die Erwartungshaltung eines Lesepublikums, das am liebsten das Leichtgängige, Bekannte verschlingt.
Den eigenen Weg gehen - was soll man denn sonst machen
Dabei war Johann Paul Friedrich Richter, so sein Geburtsname, schon zu Lebzeiten unbequem und höchst umstritten. Die Auflagen seiner Frühwerke "Die unsichtbare Loge" und "Hesperus oder 45 Hundposttage", mit denen er sich in die Herzen der belesenen Frauen (auch damals das hauptsächliche Publikum) geschrieben hatte, erreichte er nie wieder. Auch wenn er mit den Tantiemen seiner frühen "Bestseller" Frau und drei Kinder ernähren und zum ersten Berufsschriftsteller Deutschlands werden konnte, schüttelten schon die Zeitgenossen über die späteren Werke bedenklich die Köpfe: keine formelle Disziplin. Wo sollte man so etwas einordnen, das kam daher wie ein Sturzbach, der in einen ruhigen Strom mündet, der gleich darauf von einem Orkan aufgewühlt wird, um hinter der nächsten Biegung in einer idyllischen Landschaft zu fließen, bevor eine Volte im Denken des Autors dem Leser einen Knoten im Bewusstsein löst. Für so etwas fehlten (und fehlen bis heute) einfach die Schubladen. Umso eigensinniger bestand Jean Paul darauf, seiner überbordenden Phantasie keine Zügel anzulegen: Er suchte mit aller Kraft nach der Form, die literarisch dem Grenzenlosen entsprechen könnte. Er wollte "knechtische Maschinen zu freien Geistern machen und dadurch ihre Schöpf-, Herrsch- und Schaffkraft" zeigen, schrieb er in der "Selberlebensbeschreibung".
* Nachtveilchen
(Wenn Sie weiterlesen möchten, klicken Sie hier! Es ist der sechste Beitrag unter "iWugg IndieText".)
15. November 2008
taz vom 12. November
Prima Unsinn!
Mal wieder ein dickes Lob für den Wahrheit-Autor Dietrich zur Nedden - den lese ich immer und werde selten enttäuscht. So soll es sein: Völlig überflüssiger, gut geschriebener, prima Unsinn! Beispiel: "Statistisches Jahrbuch 2008" - der deutsche Mann trinkt jährlich 108 Liter Bier und sein Penis in ergiertem Zustand ist 14,48 Zentimeter lang. "Diese testosteronhaltigen Daten versetzten mich nochmals in die selig ferne Jugendzeit, in die Salat-Tage, da wir noch grün an Verstand und kalt von Blut waren, in eine Phase, bevor wir uns Marx anvertrauten."
Kluge DVDs
Ein Filmkritiker, der dem Filmemacher sozusagen auf Augenhöhe begegnet: Ekkehard Knörer bespricht "Nachrichten aus der ideologischen Antike" von Alexander Kluge. Die 580 Minuten auf drei DVDs, die ab 19. November im Handel sind, gehen von Kluges Behauptung aus, Sergei Eisenstein habe 1929 tatsächlich geplant, "Das Kapital" von Karl Marx zu verfilmen. In der Art seiner Fernsehdokumentationen tut Kluge das wohl auf seine Weise - und Knörer erwähnt an zwei Stellen, was mich bei seinen Filmen auch immer so fasziniert hat: "Kluges Stimme aus dem Off will vom Gegenüber immer nur wissen, was das Gegenüber womöglich selbst noch nicht weiß." Und: "Man kann am Ende nur hoffen, es möge die Stimme des Aleaxander Kluge, die so viele andere Stimmen sprechen und singen macht, niemals verstummen." Und ganz nebenbei fällt auch noch ein überraschender Hinweis, wer da noch mitmacht: "Auch der Wahnwitz, auch das Satyrspiel gehört immer dazu. Es nimmt im Epilog die Gestalt des größten lebenden Clowns deutscher Zunge an: Helge Schneider fistelt mit Rasputinbart 'Proletarier aller Länder vereinigt euch'. Er macht Quatsch mit Marx- und Engelszungen, und Kluge macht den Quatsch hörbar amüsiert mit."
Loriot und so: Wach bleiben!
Gleich zwei Mal gratuliert die taz zum 85. Geburtstag: Zuerst mit einem beispiellosen Seite-eins-Kommentar des Wahrheit-Redakteurs Michael Ringel, und dann noch mit einer Liebeserklärung von David Denk auf taz zwei. Da will ich doch zumindest festhalten, was Vico von Bülow-Loriot schon 1993 dem taz-Interviewer auf den Weg mitgab: "Darüber hinaus muss man wach bleiben, nichts als selbstverständlich hinnehmen und sich über alles wundern." Ah, das kann man gar nicht oft genug wiederholen: Wach bleiben, nichts als selbstverständlich hinnehmen und sich über alles wundern. Wach bleiben, nichts als selbstverständlich hinnehmen und sich über alles wundern. Wach bleiben, nichts als selbstverständlich hinnehmen und sich über alles wundern.
Kolonialismus?
Dass mir die Fernostkorrespondentin Nicola Glass zutiefst suspekt ist, weiß der Leser des tazblogs inzwischen. Jetzt preist sie mal wieder die Errungenschaften westlicher Technik an, und weist auf die Unfähigkeit der Einheimischen hin, die Dinge entsprechend umzusetzen: Das Warnsystem für Tsunamis ist Spitze, nur erreichen die Nachrichten die örtlichen Küstenbewohner gar nicht oder zu spät, weil "Indonesiens Behörden in diesem Punkt völlig überfordert sind." So ähnlich klang das auch schon im letzten Mai, als Glass die Behörden von Myanmar/Birma für überfordert hielt, mit den Sturmschäden fertig zu werden und mit dem Pentagon dafür plädierte, US-Kriegsschiffe in die Häfen zu lassen. Erkenne ich da unterschwelligen Kolonialismus? Wer sich dafür ein Gefühl vermitteln lassen will, dem sei "Tage in Burma", George Orwells erster Roman von 1935, dringend empfohlen.
taz vom 13. November
Zitat
"Was Gott angeht, habe ich elende Kämpfe, und was den Widerstand gegen das Sterben angeht, bin ich manchmal super geladen. Ich will definitiv nicht sterben. Ich will lange, lange leben, und ich bin verdammt glücklich mit dem, was ich habe. So schön wie hier kann es im Himmel gar nicht sein. Das ist der Kernsatz." Christoph Schlingensief im taz-Interview von Katrin Bettina Müller, wo er über seine Krebserkrankung sagt: "Tief drinnen ist da eine Störung, der Mensch weiß, dass er das alles nicht aushält. Jeder muss für sich rausfinden, wo seine Moral ist, wo er sagt, das und das mache ich nicht mit."
"Männer haben ihr Recht auf Leben verwirkt"
Das stammt von Valerie Solanas, die irgendwann in den sechziger Jahren versucht hat, Andy Warhol zu erschießen - manch alte/r Zausel/in mag sich erinnern an das Manifest von S.C.U.M., der Society for Cutting Up Men. Das findet Anneli Klostermeier klasse, und weil Solanas ins Schwedische übersetzt wurde, und die Übersetzerin Sara Stridsberg auch noch ein Theaterstück draus gemacht hat, behauptet Klostermeier, das Manifest würde "reißenden Absatz" finden. An ihrer Sprache mag man sie messen, die taz-Autorin: "Die Wiederentdeckung des in den späteren 60ern geschriebenen Pamphlets schlug in Schweden ein wie eine Bombe." Na, von der kriegerischen Metapher mal abgesehen: Wie kann eine Wiederentdeckung einschlagen? Und zum Bühnenstück heißt es dann: "Die Rolle der Valerie schrieb Stridsberg der schwedischen Schauspielerin Ingela Olsen auf deren eigenen Wunsch hin auf den Leib." Da muss die Rolle entweder sehr klein sein oder die Schauspielerin sehr groß oder sehr fett. Aber weshalb mir Frau Klostermeier mit ihren unterschwelligen Gewaltphantasien den Schuh aufblasen oder mein Radl aufpumpen kann, möge der folgende Satz zeigen, der in der taz über 21 Zeilen läuft: "Von der später für schizophren erklärten Attentäterin, die nach dem Schuss auf Andy Warhol zu Protokoll gab 'I regret that I missed' (ich bedaure nur, dass ich ihn verfehlt habe), der vom Vater Missbrauchten, die Männer hasste und, wie sie selber sagte, 'ersten intellektuellen Hure', die proklamierte, dass Prostituierte Revolutionäre und Ehefrauen vergewaltigte Frauen seien, der Verzweifelten, die alkohol- und tablettenabhängig ihr Manifest auf der Straße verkaufte, wird Valerie Jean Solanas, Kind der prüden 50er-Jahre, plötzlich im liberalen Schweden von heute zur gefeierten Heldin und zu einem Vorbild für moderne Schwedinnen."
Klassevorbild, fürwahr, genau das, was die "moderne Schwedin" braucht.
"Kapital-Parlamentarismus"
Der Begriff stammt von Alain Badiou, und ich finde beide klasse, den Philosophen Badiou und den Begriff. Weshalb das so ist, können Sie schon mal in der Suchmaschine finden, wenn Sie den Alain Badiou und Krisenspektakel und taz eingeben. Aber ich melde mich noch mal, und dann finden Sie auch einen Link hier - ist zu gut, "Das Reale dieses Krisenspektakels", ein Artikel aus Le Monde, den sollte jeder lesen. Zitat: "Der Kapitalismus ist nichts als Banditentum, irrational in seinem Wesen, verheerend in seinem Werden." Danke an die taz-Kulturredaktion für den Nachdruck! Badiou vergleicht das, was man die "Finanzkrise" nennt, mit einem schlechten Film, der für die sprachlosen Massen aufgeführt wird. Und die "Realwirtschaft" ist nicht der Gegensatz zur schlechten, "irrationalen" Spekulation, "das Reale ist nicht dieser Film, sondern das Publikum." Den Begriff "Kapital-Parlamentarismus" führt Badiou ein, weil er deutlich machen will, dass die Leute, die diese Art von Demokratie vertreten, nur "Diener der privaten Gewinnmaximierung sind". Und er fragt: Kann man "noch wagen, uns ein System anzupreisen, das die Organisation des kollektiven Lebens den niedrigsten Trieben, der Habsucht, der Rivalität, dem mechanischen Egoismus überlässt?" Und wie kann man zustimmen, "dass es unmöglich ist, das Loch der 'Sozialversicherung' zu stopfen, aber dass man, ohne zu zählen, Milliarden in das Loch der Banken stopfen muss?" Alain Badiou kommt, wie schon andere vor ihm in Europa und Lateinamerika, zu dem Schluss: "Es ist folglich angebracht, eine Politik anderer Natur zu organisieren, wie es seit zwanzig Jahren viele Experimente zu tun begonnen haben. Sie ist in großer Distanz zur Staatsmacht und wird es ohne Zweifel lange sein, aber das macht nichts." Nein, das macht nichts, aber die Distanz zur Staatsmacht muss schon in den Medien deutlich werden, die nicht mehr an das bisherige Mordsystem glauben, und möglichst nicht nur auf den Kulturseiten der taz, wo so ein Artikel wohl als Alibi für die Idee der Meinungsvielfalt herhalten kann. Und so kommt Badiou denn auch zu seiner abschließenden Forderung: "Totaler Bruch mit dem Kapital-Parlamentarismus, nah am Realen der Völker erfundene Politik, Souveränität der Idee: alles ist da, das uns vom Krisenfilm freimacht und uns der Verbindung lebendigen Denkens und organisierten Handelns übergibt." Mit anderen Worten: Es wird Zeit, mal darüber nachzudenken, ob die taz mit ihrer Berichterstattung über das Parteien- und Parlamentstheater nicht auf eine besonders perfide Art und Weise "das System anpreist, das die Organisation des kollektiven Lebens den niedrigsten Trieben, der Habsucht, der Rivalität, dem mechanischen Egoismus überlässt." Hm? http://www.taz.de/1/debatte/theorie/artikel/1/das-reale-dieses-krisenspektakels/
----------------------------------------Kommentar Hallo! Ich bin seit den Anfängen der TAZ Leser dieses Blattes. Ihre Kommentare zur TAZ sprechen mir aus dem Herzen. Die TAZ hat sich tatsächlich sehr ins negative verändert. Der Werbespruch "TAZ muss sein!" hat einmal gestimmt. Mittlerweile heult sie, ich finde insbesondere, was innen- poitische Themen betrifft, in der Meute der üblichen Presselandschaft mit. Mal gespannt, wie lange Sie noch kostbare Zeit aufwenden, um der TAZ den Spiegel vor- zuhalten. Teilweise kommt es mir fast schon vor wie "Perlen vor die Säue schmeißen". Ich werde Ihre Bei- träge jedoch weiterhin gerne lesen. Liebe Grüße Günther Kluge PS.: Wie fanden Sie die Titelseite vom 14.11.2008 mit dem Foto von Campino? Für mich ist das BILD- zeitungsstil pur. ------------------------------------------------------------------------------
Täglich Johnson
Schon wieder so eine Tendenz-Überschrift: "Festnahme vereint Afrika gegen Europa". Gemeint ist die Vollstreckung des Haftbefehls in Frankfurt gegen Rose Kabuye, der rechten Hand des Ruanda-Diktators Paul Kagame. Klar, Titelzeilen müssen verkürzt den Sachverhalt darstellen, aber dass "Afrika" (ganz Afrika?) gegen die Festnahme dieser Frau sein soll, ist denn doch eine dreiste Behauptung. Dominic Johnson schreibt weiter im Sinne der ruandischen Regierung: "So stellt der Fall Kabuye aus afríkanischer Sicht die gesamte internationale Gerichtsbarkeit in Frage." Schöner hätte es Kagames Pressesprecher bestimmt nicht ausdrücken können: Sicht der derzeitigen ruandischen Regierung = afrikanische Sicht, Ruanda = Afrika. Und die "gesamte internationale Gerichtsbarkeit" wird in Frage gestellt, weil in Den Haag "ausschließlich gegen Afrikaner ermittelt" wird, "obwohl es in den letzten Jahren auch anderswo Kriegsverbrechen gegeben hat". Und deshalb war es falsch, Rose Kabuye festzunehmen? Die Logik, mit der Johnson sich auf die Seite der gegenwärtigen Machthaber in Ruanda stellt, ist wahrlich überzeugend: Sollen Verbrechen von Afrikanern nicht verfolgt werden, weil europäische Kolonialisten ebenfalls gemordet und vertrieben haben, und es "anderswo" auch Kriegsverbrechen gegeben hat? Johnson stellt sich mit Sicherheit dümmer, als er ist. Nur damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich bin dafür, dass in Den Haag auch gegen Henry Kissinger, Madeleine Albright, Joseph Fischer, Condoleezza Rice, Donald Rumsfeld, George Bush, Gerhard Schröder, Franz Josef Jung, Ehud Olmert, Peter Struck, Michail Saakaschwili und Francois Mitterand ermittelt wird. Dass Mitterand schon tot ist, sollte nicht gegen Ermittlungen sprechen: Mord verjährt nicht.
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