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Achtung: tazblog! 16. November - 30. November 2008
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30.11.2008 20:23:47

16. November 2008

Türkisch Grün

Also hat er es geschafft, der Schwabe mit dem Türkennamen: Cem Özdemir ist Chef der Grünen. "Der erste türkischstämmige Parteivorsitzende in Deutschland", hab ich wo gelesen. Ob das irgendeine Art von Bedeutung hat? Höchstens, was den Bonus bei den Grünen betrifft: Heh, was sind wir doch tolerant, nicht nur Frauen können bei uns auf Gleichberechtigung zählen, Ausländer auch! Und dann kommt das gemischte Karrieristendoppel Roth-Özdemir dabei raus. Und was verkündet er gleich? Bloß keine Zusammenarbeit mit der Linken, weil: Die sind gegen Europa. Und Özdemir ist der stromlinienförmige Diener des angepassten Parteienklüngels, der sich hier die Demokratie unter den Nagel gerissen hat.
Vor zehn Jahren war meine Stammkneipe das Merhaba in der Pariserstraße, und mit Mehmet hab ich mich des Öfteren über Leute wie Kurt Eisner, Gustav Landauer, Erich Mühsam, Ernst Toller unterhalten. Mehmet hatte sich viel mit der Räterepulik befasst, einige Bücher drüber gelesen. Über die Gegenwart und die Sozialdemokratie konnten wir uns auch gut verständigen - da machten wir uns beide keine Illusionen, schon vor Schröders Agenda und Hartz IV.
Mehmet hieß, zur Unterscheidung von zwei, drei anderen Mehmets, die im Merhaba verkehrten (dazu der Koch), der "Getränke-Mehmet", weil er mal einen Markt mit Bier, Wein und Mineralwasser in der Wörthstraße hatte. Danach war er wieder Taxifahrer und Versicherungsvertreter. Einmal haben wir uns über Integration und Anpassung der Türken unterhalten, und ich sagte: "Wirst sehen, in zwanzig Jahren gibt's hier nen türkischen Bundeskanzler." Mehmet lachte und ergänzte: "Genau, und der wird Faschist sein."

taz vom Freitag, 14. November:

Campino ist eine tote Socke

Ob die Toten Hosen jemals Punk waren, sei dahingestellt. Mir kamen sie immer wie clevere Kerlchen vor, die als Punks posierten, weil sich da die Marktlücke für sie auftat. Und Campino hatte den Vorteil, dass ihm andere Leute witzige Texte in den Mund legten, und die meisten Fans dachten, das wäre auf seinem Mist gewachsen. Im taz-Interview sagt er sogar einen Satz, an den sich die Seite-eins-Redakteure besser gehalten hätten: "Musiker haben generell an Relevanz verloren, was politische Meinungsäußerung angeht."
Das gilt auch für den Satz, den er von sich gibt auf die Frage, ob die Linke für ihn eine Alternative ist: "... ich kann mich nicht für ein Brechmittel entscheiden. Und Lafontaine ist für mich ein Brechmittel."
Das kann er von mir aus so sehen, das kann er auch öffentlich so sagen, und seinen geistigen Bankrott ausstellen - er wurde ja nach der Linken gefragt, nicht nach Lafontaine. Aber es fällt unter die Abteilung irrelevant - wen kümmert's, was Campino, der mal ein ganz netter Kerl und lustiger Vogel war, im Jahr 2008 zu politischen Fragen meint?
Ein Skandal wird daraus erst, wenn die taz diese Meinung eines irrelevanten Rocksängers als Titelzeile auf die Seite eins hebt. Und warum tut sie das, die verantwortliche Chefredaktion? Weil die taz-Redakteure, wie alle Sozialdemokraten (und die angepassten Grünen), eine panische Angst vor der Linken-Partei haben, und alles tun, um Lafontaine über und unter der Gürtellinie zu diffamieren. Darüber täuschen auch die Anführungszeichen nicht weg - wenn das auf der Titelseite steht, dann wird es zu einer politischen Aussage der taz, denn diese Zeitung wendet sich an Menschen, die sich für Politik interessieren.
Nein, ich reg mich jetzt nicht wieder auf, man kann ja nachlesen, was ich zum Thema taz und Linkspartei seit April 2008 von mir gegeben habe. Und so reicht es wohl, wenn ich einen Satz des erzkonservativen Düsseldorfer Rocksängers Andreas Frege, Künstlername Campino, etwas abwandle: "Die taz hat generell an Relevanz verloren, was politische Meinungsäußerung angeht."
Was sie an politischer Relevanz verloren hat, macht sie aber mit Menschenverachtung locker wett.

Obama Erlöser

Himmelherrgottnochmal, wer hat denn behauptet, dass Barack Obama ein oder der Erlöser ist? Seit Monaten beömmeln sich immer wieder irgendwelche taz-Redakteure und -Autoren damit, dass Obama kein Erlöser ist. Gibt's vielleicht sonst noch was, das kein Mensch glaubt, und worüber man dann Zeitungsspalten mit überflüssigen Dementis vollschreiben kann? Ich jedenfalls habe noch nirgends gelesen, dass jemand Obama für den Erlöser hält - aber umso mehr darüber, dass er das nicht ist. Der aktuelle Anlass: Ein Kommentar von Judith Butler mit der Depri-Schlagzeile: "Hoffnung gebiert Enttäuschung". Warum kommen eigentlich in diesem Blatt überwiegend zeigefingerwedelnde Pessimisten zu Wort? Verglichen mit den mies formulierten*) Auslassungen dieser blödstudierten "Gender-Theoretikerin" (das heißt auf deutsch: Lesbe) geraten Jan Feddersens Ansichten in der gleichen Ausgabe ein paar Seiten weiter zu einem überraschenden Zeugnis optimistischer Lebenshaltung.

*) "Hat Obama am Ende trotz oder wegen seiner Herkunft am Ende den Vorzug erhalten?"

Guten Morgen!

Eigenanzeige der taz auf Seite zwei am 14. November 2008: "Am 5. November wird in den USA ein neuer Präsident gewählt - oder eine Präsidentin? Sicher ist: Bush gehört ab Januar 2009 der Vergangenheit an. blogs.taz.de"
Sicher ist: taz-Mitarbeiter lesen nicht mal die Anzeigen, die sie selbst ins Blatt setzen.

Yes, we Cem!

Uuuuaäääh - Verzeihung, nehmen Sie es mir nicht übel, aber der grauenvolle Kalauer in der Überschrift stammt von ich weiß nicht woher, und nach Ansicht von Harry Rowohlt kommt man niemals an Petrus vorbei in den Himmel, wenn man auf Erden einen Kalauer ausgelassen hat.
Und wenn's geht, sollte man auch nie versäumen, über Menschen gute Dinge zu verbreiten, auch wenn man schon mal seeehr kritisch über jemand geschrieben hat. Also: Auch wenn es nervt, am Donnerstag eine Seite Interview mit Özdemir lesen zu müssen (müssen - ja, meine selbst auferlegte Pflicht als erklärter Fan von Ulrike Winkelmann), und am Freitag noch eine Seite Özdemir, verfasst von Waltraud Schwab - der Beitrag entschädigt mich für die dämlichen zwei Spalten zum "Anschlag" auf das Homo-Denkmal im Sommer, geschrieben von der gleichen Autorin. Ungern kippe ich Vorurteile gegen Journalisten, die ich schon mal für Pflaumen gehalten habe, doch es hilft nichts: Das "portrait" von Waltrauf Schwab über den Grünen Cem Özdemir aus Spätzleland ist richtig gut.
Hugh!

taz vom Wochenende

So kennt und mag es der Leser: das taz mag

Vergewaltigung im Krieg, Vernichtungskrieg, Weltkrieg - na ja, was halt so jedes Wochenende im taz mag steht. In dieser Ausgabe fehlt: Judenverfolgung und Diskriminierung Homosexueller. Nur Geduld, lieber Leser, kommt sicher nächste Woche wieder!

Die Atomkanzlerin

Wahrheitseite, Fritz Eckenga über Angela Merkel: "In freundschaftlicher Zusammenarbeit mit den Propagandaabteilungen der Atomwirtschaft arbeitet die kernkompetente Kanzlerin an der Bewusstseinserweichungserweiterung der breiten Masse."
Seeehr schön, Herr Eckenga!

Reiseseiten: PR ohne Ende

Die taz-Reiseseiten könnten, mit wenigen Ausnahmen, in jedem top-angepassten Redaktionsumfeld stehen, denn jeder, der diese Wochenendprosa aus fernen Ländern liest, weiß ja: Es ist reine PR, die Autoren wurden von den Veranstaltern eingeflogen, oder hingekarrt, und für unabhängigen Journalismus auf Rechnung des Blattes fehlt eh das Geld. Schönes Beispiel für feine PR: Der niedliche Bericht über das Hoteldorf des italienischen Millionärs Daniele Kihlgren in den Abruzzen. Das ist aalglatt geschrieben, und voll mit wichtigen Informationen für den taz-Leser: Unter den "auswärtigen Gästen" gibt es "viele betuchte Italiener und Amerikaner", und "die Sanitäreinrichtungen sind von Philippe Starck".
Nichts wie hin!

Kulturseiten: PR ohne Ende

Film-PR, Buch-PR (zwei Mal), Kunst-PR. Dazu eine Anzeige für BAP, die - ausnahmesweise - als Anzeige gekennzeichnet ist, und eine Anzeige von Christian Ströbele und gut 30 weiteren Unterzeichnern, die fordern, den Krieg in Afghanistan zu beenden. Schade, dass nirgends steht, wo man mit unterzeichnen kann.

Sehen alt aus: Grüne

Am liebsten lese ich Ulrike Winkelmann, wenn sie sich aus dem Tagesgeschäft etwas heraus- oder zurücklehnt. Ein kleiner Essay auf tazzwei mit dem Titel "Altern Grüne schneller?" befasst sich mit der Frage, ob bei den Grünen die "nächste Generation" schon anfängt, wenn deren Vertreter nur zehn Jahre jünger sind als die jetzige Führungsschicht. Das Ergebnis: Es gibt offensichtlich grünen Nachwuchs, der sich mit Anfang bis Mitte zwanzig eifrig zu Gehör bringt, und nicht unter Überanpassung ans bestehende System leidet. Schön formuliert und inhaltlich ein kleiner Lichtblick: "Mit Anfang 20 und kaum mehr als einem Semester Irgendwas-Studium hatte sich der Schilling-Spitz-Trupp in Theorie und Mathematik der Bürgerversicherung versenkt. Die jungen Herren produzierten Anträge, die bei den an zweieinhalb Fingern abzuzählenden Gesundheitsexperten der Partei den Schweiß ausbrechen ließen."
Das klingt ja vielversprechend - die dritte Generation wird wieder aufmüpfig wie die erste, nachdem die zweite nur noch die Pfründen verwaltete?

Inhalte? Was für Inhalte?

Ein Musterbeispiel, wie man eine Dreiviertelseite "meinung und diskussion" füllen kann, ohne auch nur einmal über politische Inhalte zu reden: Stefan Reinecke interviewt einen Professor für  "politisches System der BRD und Innovation". Genauso wie seine Berufsbezeichnung klingt das, was er von sich gibt. Es geht um die SPD in Hessen, zu der dem Professor Wolfgang Schroeder tiefschürfende Erkenntnisse einfallen: "Es geht in der Politik immer um das Machbare." Und auf die Frage: "Was war schlecht an Hermann Scheer?" weiß er zu berichten: "Bei aller Sympathie, die man für ihn haben kann - für die SPD in Hessen war er ein weiterer Sargnagel. Er hat viele fasziniert, für ebenso viele war er ein rotes Tuch. Die SPD in Hessen braucht jetzt Leute, die versöhnen können, denn die Wähler mögen keine zerstrittenen Parteien."
Inhalte? Was für Inhalte? Völlig losgelöst schwimmen taz-Redakteur und Politikprofessor im Bereich der Verwaltung des Bestehenden.
Auf die Verpackung kommt es an - Dussel der ich bin!

Sprache

"Damit wächst nicht nur die Gefahr giftiger Algenblüten, sondern es sind 30 bis 50 Prozent der tierischen Biomasse in der Ostsee in den letzten fünf Jahren verschwunden." Das schreibt Reinhard Wolf, der verlässliche taz-Mann für Skandinavien. Wer so etwas von sich gibt, überschreitet die Grenze von gut und landet bei gut gemeint. Mit entfremdeter Sprache kann Entfremdung nur bestätigt, nicht  verändert werden. Wer Fische und Krustentiere als "tierische Biomasse" bezeichnet, ist den Apparatschiks und Bürokraten aufgesessen. So ein Ausdruck zeigt nur, dass der Autor die Mitgeschöpfe der Natur auf diesem Planeten nicht achtet. Der nächste logische Schritt: "Die menschliche Biomasse auf diesem Planeten hat im Vergleich zum Vorjahr schon wieder zugenommen."


Kartellamt gegen Milchbauern



Aha, das Bundeskartellamt droht den Milchbauern mit Bußgeldern, falls sie noch einmal mit Milchstreik für höhere Preise kämpfen. Interessant: Hat das Amt schon mal den Konzernen des Lebensmittelhandels gedroht? Da kann doch seit Jahren von "Einzelhandel" gar nicht mehr die Rede sein, während die Milchbauern nun mal wirkliche Einzelkämpfer sind.

Fragt sich wem
nützt das System

Eben habe ich in den Nachrichten gehört, Milchbauern hätten gestern Abend ein "Haberfeldtreiben" gegen den Bauernpräsidenten Gerd Sonnleitner veranstaltet, an seinem Wohnhaus in Niederbayern. Ich werd mich drum kümmern, denn wer weiß schon nördlich der Donau, was ein Haberfeldtreiben ist? Jedenfalls freu ich mich schon mal: Dieser Protest hat eine andere Qualität als Traktorkolonnen und Demos mit Plakaten.

Zitat

"Die beste Lösung wäre, den Steuersatz bei Einkommen ab 600.000 Euro sprunghaft auf 80 Prozent ansteigen zu lassen. Alle schamlosen Einkommen wären erfasst."

Oskar Lafontaine im Interview mit der Passauer Neuen Presse, einem linken Kampfblatt, das dem Populisten mal wieder ein Forum für seine Brechmittelsätze gegeben hat. Die taz würde so was Gott sei Dank nie drucken!

18. November 2008

So Tage gibt's

One of those days, sagt der Angelsachse, einer von diesen Tagen, an denen ich beim Zeitunglesen das Gefühl bekomme, ich kenn das alles schon. Und es interessiert mich nicht - ein Buch, das schon vor Erscheinen berummelt wurde (das ist deutsch für "to hype"), der dreihundertste Artikel über das Berliner Stadtschloss, "Wie geht es uns, Herr Küppersbusch?" ("Keiner glaubt mir, dass ich ne Autofabrik bin oder wenigstens 'ne Hypobank"), Scheinmeldungen (ein linker Abgeordneter lässt wikipedia sperren). Halt, was seh ich da - Peter Unfried weist in seiner Kolumne auf Michael Braungart hin, den Professor für Verfahrenstechnik! Brav, soll er den doch mal öfter in die taz heben. Aber bis dahin muss der Leser mit Zitaten vorlieb nehmen. So sagte Braungart zu Jürgen Trittin: "Weißt du, warum du den Nobelpreis nicht gekriegt hast? Weil du nur sieben Jahre nichts getan hast." Im Gegensatz zu Al Gore, der acht Jahre nichts getan hat.
Michael Braungart befasst sich mit so Sachen wie Industrieproduktion ohne Müll, und macht immer den Eindruck, er denkt nicht aus dem Innern der gegenwärtigen Sackgassen heraus, sondern von außen oder von oben. Machen Sie doch mal einen Doppelseiter über Braungart im taz mag, Herr Unfried, statt den hundersten Aufguss von ... siehe Eintrag vom 16. November.
Und sonst? "Abschied von 'Mama Africa'" - gähn. Obama und die Religion von Marcia Pally. Noch mal gähn. Seitenweise Grünen-Parteitag - gääähn. SPD in Hamburg wählt Linken ab. Gäääääähhhhnnn. Opel, Milchbauern, Finanzkrise.
Ich geh jetzt ins Paradiso, vielleicht steht ja in der heutigen (Dienstag) taz was zum Wachwerden. Oder ich reg mich zur Abwechslung mal wieder über das un-säg-li-che "Tagebuch der Carla Bruni" auf. Da macht die Autorin jetzt auch noch n Buch draus.
Und die taz sponsort die Tournee von - BAP.

----------------------------------Kommentar
Von: "Stefan Hinterleitner"
Gesendet: 18.11.08 14:18:17

Betreff: Antrag

Antrag auf Ausschüttung meines Anteils am 500 Milliarden Euro
Rettungspaket für Banken

 (Name)

 (Straße)

 (PLZ) Ort, Datum

An
Bundesfinanzminister
 Peer Steinbrück
 Leipziger Straße 5 -7
 10117 Berlin

Sehr geehrter Herr Bundesfinanzminister,
 sehr geehrte Damen und Herren,

 da die privaten Banken in Deutschland sich im Gegensatz zu den
staatlichen Landesbanken schämen, die von ihnen selbst mitgeschnürten
Rettungspakete in Anspruch zu nehmen, möchte ich als gutes Beispiel
vorangehen und beantrage aus patriotischen Gründen die Auszahlung
meines Anteils in Höhe von 6097,50 Euro (500.000.000.000 : 82.000.
000 Bundesbürger).
Bitte senden Sie einen Scheck, besser noch eine Postanweisung in bar,
da mein Vertrauen in die Integrität der Bankenvorstände doch arg
gelitten hat.
Um einer Stigmatisierung vorzubeugen, beantrage ich gleichzeitig,
die Anteile für Familienangehörige, Freunde und einige Arbeitskollegen
bereitzustellen, auch um eine rasche Auszahlung zu gewährleisten.
Das ist zwar insgesamt nicht viel, könnte aber als Startsignal eine
Welle weiterer Anforderungen auslösen.

Mit vorzüglicher Hochachtung

19. November 2008

Das weiße Album

Bei mir im Haus hat sich ein netter Brauch eingebürgert - CDs und Bücher, die man nicht mehr haben will, werden oben auf die Briefkästen gestellt, und sind meist am selben Tag verschwunden. Letzte Woche hab ich drei richtig tolle Funde gemacht: Eine Art "Best of ..." von John Prine mit dem Titel "Prime Prine", eine CD "Die großen Erfolge" von Gilbert Bécaud" ("Natalie" hat mich nach all den Jahren fast zum Weinen gebracht), und, am selben Tag, als mich der Hund gebissen hat, auch noch "The BESTiality of Bonzo Dog Band". Die sind irgendwo zwischen Dada und Zappa und Monty Python und damit ziemlich gut.
John Prine habe ich heiß geliebt in den siebziger Jahren, sein "Illegal Smile" spiel ich immer noch gern, und da waren auch noch "Hello in there" und "Sam Stone" (mit der unfassbaren Zeile über den Typen der in Vietnam zum Junkie geworden ist und jetzt seine Familie nicht mehr ernähren kann: "There's a hole in Daddy's arm where all the money goes ..."). Jedenfalls hat "Prime Prine" alles, was sich der Bewunderer des großen Songschreibers nur wünschen kann.
Um herauszufinden, ob Prine noch unter den Lebenden weilt, hab ich seinen Namen gegugglt, und tatsächlich - er lebt und geht immer noch auf Tournee, hat eine schöne Website und darauf einen Verweis zu "Pop Matters", wo es eine Konzertkritik aus Florida gibt, die am 8. Oktober veröffentlicht wurde. Ach, was für eine Freude - einer von einem halben Dutzend zeitgenössischen Singer-Songwriters, die ich ohne zu zögern auf eine Stufe mit Bob Dylan stelle, hat bis heute überlebt und erfreut sich bester Gesundheit!
Und dann fand ich noch was bei "Pop Matters": Die zelebrieren in dieser Woche täglich, dass vor 40 Jahren die Doppel-LP "The Beatles" erschienen ist, das legendäre "Weiße Album",  der Nachfolger von "Sergeant Pepper's Lonely Hearts Club Band".
Das gibt mir Gelegenheit zum Blitzblick zurück ins Jahr 1968, als ich Anfang November jeden Tag in meinem senffarbenen Fiat 500 zum Fotogeschäft in der Hohenzollernstraße fuhr, wo hinten der Plattenladen eingerichtet war. Ich stellte täglich die gleiche Frage: "Sind die Beatles schon da?". Damals jobbte dort Ingeborg Schober, die später ihre Liebe zur Pop-Musik zum Beruf gemacht hat und heute noch gelegentlich in der SZ darüber schreibt, und ein paar Bücher (über die Münchner Szene und über Janis Joplin und Jim Morrison) hat sie auch verfasst. Eines Tages, ich glaub an einem Montag, war die Antwort dann: "Ja, ich muss sie nur noch auspacken." Und so war ich der Erste in Schwabing, der sie voller Ehrfurcht entgegennahm. Völlig weiß, mit Prägedruck "The Beatles", mit grünen Äpfeln in der Plattenmitte, die auf der B-Seite aufgeschnitten waren. Und vier großformatige Porträtfotos gab's auch, und ein Poster, so weit ich mich erinnern kann.
Erst fuhr ich bei Mille in der Herzogstraße vorbei ("Heh, komm runter, Beatles sind da"), dann beim Ben, der sich trotz seiner 1,82 auf den Rücksitz zwängte, und dann ging's zu mir in die Schleißheimerstraße, wo ich über der Zweigstelle der Dresdner Bank in der Nummer 224 ein Einzimmer-Apartment bewohnte (ungezählt die Vorschläge von bekifften Besuchern, doch einfach ein Loch in den Fußboden zu hacken und mal Geld abzuheben).
Na, jedenfalls ließen wir die Vorlesungen sausen, Mille drehte nen Dreiblatt, und wir hörten zum ersten Mal alle vier Plattenseiten des Weißen Albums auf meinem Dual-Plattenspieler. Bei Revolution Number Nine sprang die Katze auf einen der Lautsprecher um festzustellen, woher diese Töne kamen. Ben fiel vor lauter Lachen von der Couch, und Mille drehte noch einen, und am Ende von Seite vier gab's nur eine Möglichkeit, wie das Leben weitergehen konnte: Ich holte die erste LP wieder aus der Hülle, und wir hörten alles noch einmal von vorn.
Im selben Monat begannen die Ereignisse, die dann im Februar zur Institutsbesetzung führten, aber das ist eine andere Geschichte.

Ach, die Wahrheit

Wenn es um den Dalai Lama geht, hat der Wahrheit-Redakteur Michael Ringel ein Brett vorm Kopf, das größer ist als der Potala in Lhasa. In der Dienstagausgabe darf er auf der Medienseite eine  Zeichnung von Burkhardt Fritsche kommentieren, denn dieser erhält den Deutschen Karikaturenpreis 2008. Fritsche, der auch für die taz arbeitet, unterschreibt immer mit Burk, und ragt aus der Karikaturistenriege heraus, weil er seine Strichmännchen mit extrem hässlichen, langen Gurkennasen ausstattet und die Politiker trotzdem erkennbar bleiben. Dummerweise glaubt Ringel, er müsse dem Leser die abgebildete Karikatur auch noch erläuternd interpretieren. Da kommt dann die ganze Dummbeutligkeit wieder zum Vorschein, die sonst beim Umgang mit dem Dalai Lama auf die Wahrheitseite beschränkt bleibt: immer mit dem Adjektiv "dauergrinsend", und immer von keinerlei politischem Ein- oder Durchblick getrübt. Und so muss der völlig einleuchtenden und nicht erklärungsbedürftigen Karikatur von Burk ein gezielt polemischer Text hinzugefügt werden: "Dem dauergrinsenden Dalai Lama wird klar, dass ein Boykott der Olympischen Spiele ebenso wenig bringt wie seine Teilnahme. Dafür hinkt der Lama der Zeit zu sehr hinterher."
Nichts von dem lässt sich allerdings der Zeichnung entnehmen. Wie sollte man auch wissen, was dem Dalai Lama klar wird, er hat ja nicht mal eine Sprechblase.
Wo der Dalai Lama im Moment tatsächlich steht, und welche Politik er betreibt, kann Herr Ringel in derselben taz im Auslandteil nachlesen. Der Dalai Lama hat eine Konferenz von 660 Tibetern aus der ganzen Welt zusammengerufen, die entscheiden sollen, wie es bei den Verhandlungen mit China weitergehen soll. Der Dalai Lama hat seine Versuche, eine Autonomie zu erreichen, für gescheitert erklärt und nimmt an der Konferenz nicht teil. Er will keinen Einfluss auf deren Entscheidungen ausüben.
Ach, Herr Ringel, "dauergrinsend" reicht halt nicht. Ich hab den Eindruck, Sie hinken der Zeit zu sehr hinterher.

Riesengaudi beim Hamburger Institut für Sozialforschung

Manchmal tut er mir ja wirklich leid, der wackere taz-Redakteur als solcher. So muss beispielsweise Stefan Reinecke den Theoriefurzern von Jan Philip Reemtsmas HIS zuhören, weil die eine Tagung mit dem stockkonservativen Fragemotto "Wohin treibt die Bundesrepublik?" abhalten. Da nudeln sie dann öffentlich ihre Themen runter, und die soziologische Stimmungskanone Heinz Bude findet, das "die Metapher des Treibens zur aktuellen Lage" passt. Und so lassen sie sich denn schafsdumm treiben, statt sich und anderen die Frage zu stellen, wer treibt und wer getrieben wird.
Reinecke berichtet, Dan Diner hätte "sich in Hamburg skeptische Gedanken um die Zukunft der Erinnerung an den Holocaust" gemacht (oder um die Auflage seiner Bücher, wer weiß ...). Ach, ist das nicht zum Schreien komisch: Gedanken über die Zukunft der Erinnerung?
Dabei will ich ihn keineswegs stören, ich  mach mir ja auch so meine Gedanken, und oft denke ich, die beste Erinnerung an den Holocaust wäre doch wohl, den Palästinensern in der Gegenwart endlich ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen.

Wer hat uns verraten

Da seh ich mal ein Foto von diesem SPD-Rechtsausleger Johannes Kahrs. So schaut der Betonkopf also aus. Jetzt wundert mich nichts mehr.

Wirtschaft und Umwelt

Das sollte der Name für Hermann Scheers Ministerium in Hessen werden: Minsterium für Wirtschaft und Umwelt. Nachdem nichts draus geworden ist, weil sich ein paar SPD-Abgeordnete ihren Schneid bzw. ihr Gewissen abkaufen ließen, bleibt die taz die einzige Stelle, an der "wirtschaft und umwelt", wenn auch klein geschrieben, zusammen verhandelt werden. Und um es mal wieder zu betonen: Das ist das beste Ressort in der taz. Mit Abstand.


Schöne Tage


wünsche ich. Von Schnee am Wochenende ist die Rede im Wetterbericht auf Bayern 4 Klassik. Ich freu mich drauf, will endlich ausprobieren, wie sich die superkomfortablen High-Tech-Laufschuhe bei Schnee anfühlen. Und ob's die Thermojacke auch bei unter Null noch bringt. Und ob ich da noch Lust habe, acht oder zehn Kilometer zu laufen.


20. November 2008

Wenders

Eines muss man der taz lassen - sie hat eine Handvoll guter Leute, die über Filme schreiben. Dietrich Kuhlbrodt gehört mit Sicherheit dazu, und auch seine Kritik zum neuen Wim-Wenders-Film gehört in die Abteilung "hervorragend". Offenbar wäre es ein Leichtes gewesen, "Palermo Shooting" in Grund und Boden zu verreißen, doch Kuhlbrodt widersteht der Versuchung, zitiert nur ein paar hölzerne Dialoge, macht sich nur am Rande lustig über Campinos Schauspielkunst und die Selbstgefälligkeit von Wenders. Der Schluss erinnert an einen der schönsten frühen Filme, als Wenders noch nicht glaubte, irgendwo zwischen Ingmar Bergmann und Michelangelo Antonioni in die Filmgeschichte einzugehen: "Sein Dauerthema, die Befindlichkeit des Fotografierenden, hat er schon vor dreißig Jahren angeschlagen. Mit 'Alice in den Städten', unmanipulativ und unmittelbar. 'Palermo Shooting' will jetzt den Seelenzustand ins Erhabene verrücken und verewigen. - Möge Wenders sein Seelenheil gefunden haben."
Liebevoller kann man mit einem Künstler nicht umgehen.
P. S. Klassefoto von Dennis Hopper. Manchmal fürchte ich, wenn ich mir ne Glatze rasieren würde und die Brille abnehme, hätte ich ziemliche Ähnlichkeit mit ihm. Ich weiß nicht, ob ich das gut finde.

Zitat

Gisa Funck hat einen "Erfolgskongress" in Düsseldorf besucht - wo, nebenbei bemerkt, Wim Wenders und Campino ihren Ursprung hatten. Der Kongress, für den 10.000 Leute 99 Euro Eintritt bezahlt haben, wurde von Focus Money und dem Finanzdienstleister AWD veranstaltet. Für ihr Geld bekamen die Leute "eine achtköpfige Riege aus so unterschiedlichen Siegertypen wie Ex-US-Präsident Bill Clinton, dem Boxer Henry Maske, RTL-Comedian Atze Schröder oder auch dem Opern singenden Handy-Verkäufer Paul Potts" zu sehen und zu hören. Funck: "'Meine Freunde von damals würden mich auch mögen, wenn ich nur Tankwart geworden wäre!', behauptete Bill Clinton und fügte brav hinzu, dass 'Geld nicht das Maß aller Dinge' sei. Wenn man 250.000 Euro für einen Auftritt bekommt, sagt sich so was natürlich besonders leicht."

Werbung für: Apple

Da spricht mir Arno Frank mal voll aus dem Herzen, wenn er in seiner Kolumne den geplagten Computernutzern empfiehlt: "Wer einen Apple besitzt, tut gut daran, ihn zu hegen und zu pflegen und zu behalten." Er hat sich nämlich ein PC-Notebook von HP zugelegt, mit dem Ergebnis: "Ich verstehe es nicht, und es versteht mich nicht."

Ohne Schaum vorm Mund: taz-Beitrag im "inland"-Ressort über einen Linken. Oder: Elefant in Island gesichtet

Die Überschrift ist falsch: "Der Rote aus Peter Harrys CDU-Apparat". Auch wenn Sie nicht wissen, wer Peter Harry ist, "der Rote", um den es dann geht, stammt nicht aus dem CDU-Apparat, sondern arbeitet halt für die staatliche Verwaltung in Schleswig-Holstein, das von der CDU regiert wird. Aber weil die Titelzeile so schön daneben liegt, wird derselbe Sachverhalt im Untertitel noch einmal falsch dargestellt. Im Artikel selbst schreibt die Autorin Esther Geisslinger dann, um was es geht: Raju Sharma, Sohn eines Inders, will Oberbürgermeister von Kiel werden. Geisslinger schreibt das sachlich und voller Sympathie, obwohl - vielleicht sogar weil? - Sharma der Linkspartei angehört. Warum er antritt? "Bei der OB-Wahl kandidieren Angelika Volquartz, die Amtsinhaberin von der CDU, und Torsten Albig, der Pressesprecher des Bundesfinanzministers Peer Steinbrück. 'Eine Wahl wie zwischen Mumps und Masern', findet Sharma."
Für bemerkenswert halte ich die Meldung schon deshalb, weil dieser Bericht so "normal" daherkommt - einfach ein gut geschriebener Kurzartikel. Fürs Ressort "inland", wo sie sonst Mitglieder und Führungspersonal der Linkspartei
schon zum Frühstück verspeisen oder in Essig und Öl eingelegt für später aufheben, wahrlich keine Selbstverständlichkeit.

Affen sind keine Menschen, Affen sind Affen: tvF*

Ein hochinteressantes Interview mit Thomas Macho, einem Kulturwissenschaftler von der Humboldt-Universität in Berlin, der sich mit Themen befasst wie "Arme Schweine. Eine Kulturgeschichte", "Folter" und "Tiere Menschen Maschinen. Zur Kritik der Anthropologie". Geführt hat das Interview Benno Schirrmeister, taz-Mann in Bremen. Anlass sind Tierversuche mit und an Affen, über die zur Zeit in Bremen höchst leidenschaftlich und kontrovers diskutiert wird. Macho gibt sehr sachlich und intelligent Auskunft zu den berührten Themenkomplexen, und erinnert daran, dass es in früheren Kulturen für Jäger üblich war, sich bei den getöteten Tieren zu entschuldigen: "Man hat Tiere gegessen, aber in einer Haltung des Respekts und im Bewusstsein, umgekehrt auch den Tieren einmal als Nahrung zu dienen. Die Idee, dass der Metabolismus, der Austausch der Stoffe, in Verbindung steht mit der Idee der 'Kette der Wesen', der Vorstellung unserer Verwandtschaft mit allen anderen Lebewesen, wurde in vielen Kulturen praktiziert, und nicht nur in solchen, die wir heute als indigene Stammeskulturen bezeichnen. Diesen Austausch gab es auch in der europäischen Geschichte. Er ist uns erst in der Neuzeit verloren gegangen. Eigentlich geht es heute um eine Art von Wiedergewinnung dieser Perspektive."

Dabei möchte ich mal wieder an meinen Freund William Kotzwinkle erinnern, von dem ich ein halbes Dutzend Bücher ins Deutsche übersetzt habe. Sein Roman "Dr. Ratte", den der 2001-Versand als "Bibel der Tierversuchsgegner" anpries, erschien 1984 bei Rogner & Bernhard, später bei rororo, und ist leider nur noch antiquarisch erhältlich. Die Suche lohnt, das Buch ist phantastisch, übersetzt hat es Benjamin Schwarz.

* tvF = taz vom Feinsten

22. November 2008

Der Bär ging über den Berg: Happy Birthday!

William Kotzwinkle ist kein Pseudonym. Der Mann heißt tatsächlich so. Wie das kam mit seinem Namen, können Sie hier lesen.
Sie wissen ja, diese Website hat sich ganz der Aufrichtigkeit gewidmet, und deshalb geb ich auch zu: Ich gratuliere ihm hier öffentlich, weil ich für ihn Werbung machen möchte - und weil wir befreundet sind, mittlerweile seit 26 Jahren. Könnte ja sein, dass Sie das in Deutschland beliebteste Buch von ihm gelesen haben: "Ein Bär will nach oben" (Originaltitel: The Bear went over the Mountain).
Aber ich vermute mal, ich würde auch auf ihn hinweisen, wenn ich ihn nie persönlich kennengelernt hätte. Zum ersten Mal fiel mir sein Name an einem heißen Strand in Kalifornien auf. Das war in Stinson Beach, und wir lagen auf einem riesigen Badehandtuch, und mein Kumpel Douglas "Mandodoug" Reynolds reichte mir ein kleines Bändchen mit dem Titel Swimmer in the Secret Sea über den Bauch seiner Freundin Dee hinweg: "Musst du lesen!" Das hab ich dann in einem Zug verschlungen, und zwischendurch hab ich Gänsehaut gekriegt und nicht mal gemerkt, dass ich mir einen später sehr schmerzhaften Sonnenbrand eingefangen habe. Als ich nach meinen kalifornischen Jahren wieder in München ankerte, habe ich die kleine Novelle übersetzt. Es war mir ein Bedürfnis: Das sollten auch Menschen kennenlernen, die kein Englisch können. Auf Deutsch hieß das Büchlein dann "Schwimmer im dunklen Strom". Es ist leider nur noch antiquarisch erhältlich. Ein Interview zum Thema übersetzen und William Kotzwinkle hat Jan Schmager auf seine Web-Seite gestellt - ich finde, ich komme seeehr seriös rüber dabei.

Zuletzt habe ich "Das Amphora-Projekt" ins Deutsche rübergeholt, gibt's als Taschenbuch bei Heyne. So richtig toll verkauft hat es sich nicht - den Kotzwinkle-Fans von früher (Fan Man, Dr. Ratte, Fata Morgana, Königin der Schwerter, Das Pharaonen-Spiel, "Bärenbuch") war es zu sehr Science-fiction, und die "echten" Science-fiction-Fans mochten es nicht, weil sie sich verarscht fühlten. Kotzwinkles Humor ist nun mal nicht für jeden, schon klar. Aber als Sachbuch zu den Themen Schönheitswahn, plastische Chirurgie, Unsterblichkeit und Insektenforschung war der Roman echt Klasse.
Wie alt William Kotzwinkle heute wird? Keine Ahnung, manche Quellen behaupten, er sei 1938 geboren, dann wäre es ein runder Geburtstag, andere behaupten, er sei Jahrgang 1943 - dann erreicht er gerade das Rentenalter. Ich hab ihm vor Jahren mal ne Mail geschickt und nachgefragt. Die Antwort: "Der Schamane enthüllt nie sein Alter."
Happy Birthday, Old Shaman!

 
taz vom 20. November

Schlechte Laune

Wäre ja schon gestern dran gewesen, die taz vom Donnerstag, aber da waren ein paar Beiträge drin, die haben mich so runtergezogen, dass ich nur schlecht gelaunt rumgenörgelt hätte. Das wollte ich Ihnen ersparen. Zum Beispiel Sven Hansen, dem irgendjemand den Flug nach Guangzhou (das iss in China) bezahlt hat, wo er dem "ersten deutsch-chinesischen Mediendialog" beiwohnen durfte. Kein Wunder, dass dort alle aneinander vorbei geredet haben, wenn Hansen das so wahrnimmt: "Auf chinesischer Seite waren nur wenige Journalisten vertreten. Dagegen waren viele Medienwissenschaftler staatstragender Institutionen erschienen."
Na, dafür waren auf deutscher Seite so  staatstragende Zeitungen wie Tagesspiegel und taz vertreten. Und kann mir jemand  eine medienwissenschaftliche Institution in Deutschland nennen, die nicht "staatstragend" ist? Und dann steht da noch: "Für chinesische Journalisten, die Vorgaben von ihrer Regierung bekommen, ist es schwer vorstellbar, dass der Tenor deutscher Berichte nicht auf Vorgaben der Bundesregierung zurückgeht."
Kein Wunder, dass da kein Verständnis zustande kam. Der "Tenor deutscher Berichte" muss ja nicht unbedingt von der Bundesregierung vorgegeben werden. Der Medien-Mainstream hier führt sich von alleine so staatstragend auf, wie die fünf oder sechs Millionäre, die im Besitz der Meinungskonzerne sind, es nun mal haben wollen. Und wenn in der taz ständig Mitarbeiter der "Stiftung Wissenschaft und Politik" (finanziert aus dem Etat des Kanzleramts) und von "arbeitgebernahen" Wirtschaftsinstituten zu Wort kommen, kann ja wohl auch nichts anderes als staatstragende Meinungen herauskommen. Auf Seite eins bekräftigte der Moskau-Korrespondent der taz im Georgien-Krieg die offizielle Nato-Linie von Frau Merkel, die Nahostkorrespondentin schreibt die Presseerklärungen des Pentagon ab, und der Afrika-Redakteur betätigt sich als Sprachrohr eines zentralafrikanischen Diktators, der von der US-Regierung und Madeleine Albright unterstützt ins Amt kam.
Neulich fiel mir mal auf, dass tagesschau.de oft wesentlich kritischer mit Regierungspositionen umgeht, als die taz.
"Das gibt zu denken", wie es in der taz zwei immer so schön heißt.

Kultur: Kunst. Häh?

"Autonome Kunstkrtik ist affirmativ" - so hebt Brigitte Werneburg an. Und so geht's dann weiter: "Nur dort hat die Reflexion über Kunst Folgen für das systemimmanente Paradox von Autonomieanspruch der Kunst und den Heteronomieerscheinungen, die eine pluralistisch argumentierende Postmoderne strukturell erzeugt. So erhöht der erheblich erweiterte Urteilsspielraum für die Kunst etwa die Chancen kunstfremder Gesichtspunkte, zum Zuge zu kommen."
Häh?

------------------------------------------------Kommentar, 24. 11.2008

Das ist nicht wahr? Sowas druckt die taz? Kann die sich keinen Textchef, meinetwegen auch -chefIn leisten? Ein Übersetzer ins Deutsche tät's auch.

Man(n)oman(n)

Schön Tach auch -
Dr. Detlef Bluemler


Der Tiger


Tom Jones lebt. Er hat gerade eine neue CD herausgebracht. Er hat die meisten Songs selbst geschrieben. Das ist der taz zwei eine ganze Seite wert, und die Information im Kasten: "Vor drei Jahren wurde der stark brustbehaarte Sänger von Queen Elizabeth II. zum Sir geadelt."
Wegen der Brustbehaarung? Oder trotz?

Laber, laber: hoher ÜQ*

Der Kommentar von Markus Beckedahl über den IT-Standort Deutschland ist einfach nur folgenloses Geschwätz. Jetzt glauben Sie wieder, ich sei immer noch schlecht gelaunt. Nein, lesen Sie ihn doch selbst: "Die Angst vor dem User". Ich werd das jetzt nicht verlinken, ich will Ihnen ja nicht die Laune verderben.

* Überflüssigkeitsquotient (Messwert auf der nach oben offenen Entbehrlichkeitsskala)

Regierungsdemo

In Kigali, der Hauptstadt von Ruanda, einem totalitären Staat im Osten des Kongo, befiehlt die Regierung, mit Straßendemos gegen "Deutschland" zu protestieren, weil eine enge Vertraute des Diktators in Frankfurt festgenommen und an die französischen Justizbehörden ausgeliefert wurde. Überschrift in der taz: "Ruanda in Aufruhr gegen Deutschland".

Resterampe

Gute Infos über die Konferenz der Tibeter in Dharamsala, eine Seite über den Prozess vor dem BGH wegen der Takte, die Moses Pelham von Kraftwerk gesampelt hat. Nach der Lektüre (Christian Rath, Tobias Rapp) weiß ich so viel wie zuvor.

Schäum! Kommmunist! Schäum! Leninist! Schäum! DKPist! Schäum! Linkspartei!

Und ob der Autor Kai Schönberg weiß, dass Manfred Sohn, Fraktionschef der Linkspartei in Niedersachsen, heftig augenzwinkernd auf Karl Marx anspielt, wenn er sagt: "Unser Ziel ist der Kommunismus, in dem unsere Urenkel morgens jagen, nachmittags fischen, abends Fischzucht treiben und nach dem Essen kritisieren können."
Manfred Sohn - das ist der Abgeordnete, der einen Sturm im Wasserglas auslöste, als er inmitten der Einheitsberichterstattung über die Unruhen in Lhasa (Wochen vor den Olympischen Spielen, Sie erinnern sich?) zu bedenken gab, dass die Tibeter für die Ausschreitungen mitverantwortlich waren.
Hah! Diese Kommunisten! Äußern Meinungen, die gegen die allseits akzeptierte Gehirnwäsche verstoßen! Soll er doch nach Peking gehen, der Manfred Sohn! Oder nach Kuba! (Kleiner Tipp: Venezuela oder Bolivien wären auch nicht schlecht.)
Bleibt noch anzumerken, wie die taz ihre antilinke Propaganda betreibt. Meist lässt sich der/die für Titel und Bildunterschrift zuständige Redakteur/in nicht einmal von dem ablenken, was im Artikel steht. Meinung und Haltung zur Linkspartei und ihren Vertretern stehen schon felsenfest, da muss man nicht auch noch lesen, was der Autor anbringt. Bildunterschrift unter dem Foto von Manfred Sohn: "Als alter DKPist findet er die DDR bis heute gar nicht übel." Der Autor im Lauftext: "Heute spricht Sohn von der DDR als 'Unrechtstaat'."
Bloß nicht von Fakten irritieren lassen! Hehehe!


23. November 2008

zur taz vom Freitag, 21. November

Unhörbare Musik im Busch der Geister

Köstlich amüsiert (ich bin ja schon mit kleinen Sachen zu erheitern) hat mich die lange Besprechung der neuen CD "Everything That Happens Will Happen Today" (Alles, was geschieht, wird heute geschehen). Na, bei dem Titel ist schon klar, dass es sich um Kunstrock handeln muss, und, siehe, das Album stammt von den einflussreichen Vätern der Popmusik für denkende Menschen: David Byrne und Brian Eno. Issja ne Freude, dass die mal wieder was zusammen machen - "Life in the Bush of Ghosts" war die letzte gemeinsame Arbeit, und die stammt angeblich von 1981. Also, wenn ich richtig gerechnet habe, sind die beiden seit 27 Jahren nicht mehr zusammen im Studio gewesen. Und ich hätte schwören können, dass die Buschgeister erst nach dem Ende von David Byrnes Band Talking Heads rauskamen. Na so was.
Ich hab extra nachgegugglt: Der einzige Song der Talking Heads, der es jemals in deutsche Hitparaden geschafft hat, war "Road to Nowhere", von der LP "Little Creatures", und das war 1985. Ich erinnere mich an den Kommentar von Dinu Popa, als ich ihm sagte, heh, die Talking Heads sind in den Charts in Deutschland, und er lässig meinte: "Kein Wunder, ist ja auch astreine Marschmusik." Tja, einem rumänischen Deutschen fällt so was eher auf, nehm ich mal an.
Fazit von Tobias Rapps CD-Kritik: Byrne und Eno sind wieder beim "ästhetischen Kern der Popmusik" gelandet, beim Song. Und jetzt wollen Sie sicher wissen, worüber ich mich köstlich amüsiert habe. Es war eine Bemerkung zur Buschgeister-LP: "Eine dieser Platten, die auf der feinen Linie zwischen 'wegweisend' und 'unhörbar' balanciert." Hehehe, "unhörbare Musik", wenn das nicht Avantgarde hoch drei ist! Aber ich nehm jetzt mal an, Rapp meinte "unanhörbar", oder "unerträglich" oder "unausstehlich".
Trotzdem, die Idee finde ich gut: Für 5 Euro bekommen Sie von mir eine signierte CD mit unhörbarer Musik - so lange Vorrat reicht. Klicken Sie einfach oben in der Navigationsleiste bei "Kontakt / Bestellung".

Zitat

"Die Schweiz ist klein: Es gibt in der Schweiz keine Elke Heidenreich (so was würden Schweizer nicht ertragen). Wie also ein Buch promoten?"
Giorgio V. Girardet

Auch Otto Schily kriegt den Hals nicht voll

Irgendwie hab ich das nicht mitgekriegt, obwohl ich den Kerl ja seit fast 40 Jahren im Auge behalten habe: Otto Schily und seinen Schlips und seine Weste. Stefan Reinecke fragt sich und uns, ob es "ein ganz normaler Vorgang" ist, wenn Bert Rürup, Chef der Wirtschaftsweisen, höchst einflussreicher Berater der Angela-Merkel-Gang, zum Finanzdienstleister AWD wechselt. Unabhängig davon, ob man ihm die Kohle gönnt, die ihm von nun an aus den Ohren quillt - die Frage stellt sich doch, was er vorher so alles in die Wege geleitet hat, damit Firmen wie AWD noch mehr Geld scheffeln, und ob da nicht schon die Aussicht auf einen Job eine Rolle gespielt hat. Das hab ich mich auch bei Gerhard Schröder gefragt, der in seiner Eigenschaft als deutscher Buka einen Deal mit seinem Präsi-Freund Putin aushandelte, um eine Pipeline durch die Ostsee zu bulldozern, und danach einen Job bei dem Laden bekam, der die Röhren verlegt.
Und nun erfahre ich von Reinecke (danke!): "Otto Schily, der als Innenminister die Einführung des biometrischen Personalausweises betrieb, saß 2006 im Aufsichtsrat von zwei Firmen, die - seltsamer Zufall - an der Produktion biometrischer Personalausweise beteiligt sind."
Ich finde, das ist unter aller Sau. Es stinkt zum Himmel.
Nun ja, Wolfgang Clement ging zu RWE, Walter Riester führte die nach ihm benannte Rente ein, von der vor allem die Versicherungskonzerne profitieren, und verdiente 2007 in der Versicherungsbranche "mindestens 169.000 Euro". Das sind Peanuts, verglichen mit dem, was die Versicherer durch die "Riester-Rente" verdienen.
Reinecke zählt all diese Beispiele zum "Raubbau am wichtigsten Kapital, das die Demokratie hat: Glaubwürdigkeit." Das klingt schon etwas naiv, oder nach Abschottung im Beruf und in Berlin-Mitte. Wenn Reinecke mehr mit "richtigen" Menschen zu tun hätte, würde er mitbekommen: Diese Glaubwürdigkeit gibt es nicht mehr, höchstens noch in Kreisen, die "Das System" (Hans Herbert von Arnim) vertreten. Die Mehrheit in diesem Land glaubt schon lange nur noch daran, dass die Schamlosigkeit der Parteien und ihrer Vertreter schier grenzenlos ist.

Guns N'Roses

Interessiert es tatsächlich noch jemanden, dass Axl Rose von Guns N'Roses nach 14 Jahren Ankündigung eine neue CD herausbringt? Die taz-zwei-Redakteure und Klaus Raab scheinen die Frage zu bejahen und widmen dem Ereignis eine ganze Seite. Was für eine Zeit- und Platzverschwendung - es gibt musikalisch gesehen nichts Reaktionäreres im Jahr 2008 als diese Art von Rockmusik.
Amen.

Piraten der Karibik ... ääh, von Somalia

Nö, Johnny Depp spielt nicht mit, aber "der ägyptische Militärexperte (?) Mohammad Kadry". Er "findet starke Worte, um das Treiben der Piraten vor Afrikas Küste zu beschreiben. 'Die Kaperung des Supertankers Sirius Star ist der 11. September der See." Na, wenn das so ist, macht die taz doch gleich eine fette Überschrift auf Seite 3 daraus: "Der 11. 9. der Meere". Aber ohne Anführunszeichen, also kein Zitat, sondern man macht sich den dummen Spruch als redaktionelle Überschrift zu eigen.
Bloß keine reißerische Idee auslassen, sonst kommt man als Journalist nie in den Boulevard-Himmel. Dafür wird man aber auf Erden nicht mehr ernst genommen.
Ach ja, man kann eben nicht alles haben.

Und die taz vom Wochenende?

Ich vermute, da werd ich morgen was eintragen, heute geht nicht, weil ich die Samstagausgabe vergessen habe, als ich mich gestern zur Ritzi-Bar hinter dem Landtag aufmachte. War aber nicht weiter tragisch, denn nachdem ich mit der Wochenendbeilage der SZ durch war (Boris Becker wurde gestern 41, und das ist mir so was von piepegal), war's eh dunkel. Da dimmen sie dann nach Sonnenuntergang die Lichter so weit runter, dass man nicht mehr lesen kann, eine Unsitte, die sich überall ausgebreitet hat.
Auch im Paradiso, aber da krieg ich nach dem Dimmen immer die Leselampe von Saavas oder von Elena auf den Tisch gestellt. So könnte es sein, dass ich heute neben der Fassbinder-Monographie von rororo auch noch die taz von gestern lesen werde.
Aber: Bloß keine Prognosen, nachdem der Wetterbericht  - mal wieder - voll daneben lag. Tagelang, von Dienstag bis Freitag, hamse vor der Schneekatastrophe am Wochenende gewarnt, und jetzt, Sonntagmittag, behaupten sie auf wetteronline auch noch, hier würde 1 cm Schnee liegen.
Aber auch das ist - mal wieder- stark übertrieben.

24. November 2008

Zitat

Viele, die eine Ahnung haben von ihren Möglichkeiten und Bedürfnissen und dennoch das herrschende System in ihrem Kopf akzeptieren durch ihre Taten und es somit festigen und durchaus bestätigen.

So lautete 1974 der Untertitel zu einem Film von Rainer Werner Fassbinder. Titel: Fontane Effi Briest.

Rock around the Blog

"Verteile und herrsche" heißt ein neuer Blog bei der wild wuchernden Blogger-Gemeinde rund um das Online-Mutterblatt auf taz.de. Da ham sich einige Menschen aus der Redaktion zusammengetan, um Dinge in die Welt zu setzen, die sie im gedruckten Blättchen nicht unterbringen - können oder wollen. Und da klaue ich gleich mal eine Information, die Ulrike Herrmann ergänzend zu ihren (von mir sehr geschätzten) Papierbeiträgen reingestellt hat:
Die Deutsche Umwelthilfe hat ausgerechnet, wie hoch die Subvention für einzelne Fahrzeugtypen ausfällt, wenn man als Personengesellschaft den Spitzensteuersatz zahlt:
Bei einem Listenpreis von 67.681 € für den Porsche Cayenne S beträgt die über sechs Jahre in Form von Steuerrückzahlungen gewährte Subvention bis zu 37.900 €. Die deutsche Antwort auf den Hummer, der Audi Q7 (326 PS, Listenpreis 71.000 €), erfährt eine maximale Subventionierung von 39.800 € und das Spitzenmodell von Porsche, der Cayenne Turbo S (500 PS, Listenpreis 132.774 €), wird sogar mit maximal 74.400 € aus der Steuerkasse gefördert.”

Zu allem Überfluss fordert jetzt auch noch der oberste Audi- und BMW-Lobbyist, nebenbei als Ministerpräsident von Bayern tätig, die Dreckschleudern aus der heimischen Industrie bloß nicht mit EU-Strafen wegen Überschreitung der CO2-Werte zu belegen. Und weshalb will er die verfehlte Modellpolitik weiter unterstützen? Sie haben es erraten: Arbeitsplätze! Statt in den Ausbau von Bahnnebenstrecken zu investieren, um den Güter- und Personenverkehr auf die Schiene zu verlagern, macht er sich stark für die Profite der bayrischen Autobauer. In Bild am Sonntag: "Grüne Arbeitslose nützen uns nichts", so Horst Seehofer. "Wir brauchen die Arbeitsplätze in der Automobilindustrie."
Um den Audi Q7 herzustellen. Jeder Blödsinn, jedes Waffensystem, jedes Rüstungsprojekt darf produziert, jedes Kohlekraftwerk gebaut, jedes AKW betrieben, jeder Quadratmeter Boden betoniert, jeder größenwahnsinnige Unsinn mit Steuergeldern subventioniert werden - am Ende steht die Keule: Das schafft doch Arbeitsplätze.
Und weil die Milliardengewinne der Autokonzerne offenbar für Forschung nicht ausreichen, stellt der oberste Autolobbyist der EU, Günter Verheugen (SPD), auch noch billige Kredite aus EU-Geldern in Aussicht - zur Entwicklung neuer Motoren. Es ist un-glaub-lich! Wen wundert's, dass so ein Konzernhandlanger der SPD angehört. Früher war er mal Generalsekretär. Das wundert Sie jetzt aber nicht, oder?
Wie lange glauben eigentlich Seehofer und Konsorten noch, dass sie die Leute für dumm verkaufen können? Man kann manche Leute manchmal belügen, aber man kann nicht alle Leute ständig belügen.

Überraschung

Noch ein Nachtrag zur CD von David Byrne und Brian Eno. Letzterer werkelt ja lieber im Hintergrund, weshalb Byrne auch ohne ihn auf Tour geht, um die neuen gemeinsamen Songs nächstes Frühjahr in Konzerten vorzustellen. Eno kam mir zuletzt vor zwei Jahren unter, 2006, als die neue CD von Paul Simon herauskam. "Surprise" hieß das Album, und es war so exzellent produziert wie alles von Paul Simon. Aber ein Stück, "Another Galaxy", fiel mir als ganz besonders unglaublich toll auf. Und so hab ich denn nachgeguckt, wer da außer Simon noch für den Klang zuständig war, und tatsächlich - "Soundscape: Brian Eno" stand da im Booklet. Da hat er also für Paul Simon die Klanglandschaften entworfen - und das konnte man hören.

Nix dran auszusetzen diese Woche: tazmag

Letzte Woche kam's schon arg deprimierend daher mit all den Kriegsthemen, dafür gab's dieses Mal gleich zwei Highlights. Das Interview von Martin Reichert mit der hellwachen Güner Balci, die gerade ein Buch über das Leben in Neukölln geschrieben hat ("Arabboy. Eine Jugend in Deutschland"). Ich hab dasGespräch als sehr anregend empfunden, mit einer großen Dosis gesundem Menschenverstand versehen. Lieb schaut sie aus, auf dem Foto, die Güner Balci.
Und die Kurzgeschichte von Johanna Wanke über so genannte "Borderline"-Fälle in der Psychiatrie stach als ganz besonderes Juwel aus dem Zeitungsalltag heraus. "Punkte" hieß das Stück, mit dem Wanke den Publikumspreis beim Wettvorlesen ("Open Mike" heißt so was) gewonnen hat. Gemeint sind die Punkte, nach denen "Borderliner" eingestuft werden - fünf Punkte ist gerade schon krankhaft, neun Punkte voll und echt "borderline". Bei aller Tragik ist die Geschichte an manchen Stellen zum Schreien komisch, klasse geschrieben und konstruiert, und bei aller Künstlichkeit sehr realistisch. Von dieser Autorin wird man noch viel zu lesen kriegen, denn Johanna Wanke hat großen stilistischen Ehrgeiz. Lieb schaut sie aus, auf dem Foto, die Johanna Wanke.
Ach, diese blitzgescheiten jungen Frauen! Das erinnert mich  an einen Kollegen zu Beginn meiner Redakteurslaufbahn, den väterlichen Förderer Franz Spelmann, der inzwischen längst in die ewigen Journalistenjagdgründe eingegangen ist. Er hat mir vor fast dreißig Jahren, wenn er, knapp über 60, zu irgendwelchen Partys oder Empfängen schon wieder mit einer anderen jungen Begleiterin auftauchte, als running gag immer hinter vorgehaltener Hand zugeraunt: "Blitzgescheites Mädel, Herr Pfitzinger, blitzgescheit!"


25. November 2008

Wahrheit ganz unten

"Mit subtilem Sarkasmus denkt sich Silke Burmester in Carla Bruni, die französische First Lady, und schreibt ihr fiktives Tagebuch. 'Das geheime Tagebuch der Carla Bruni'."
So steht es im taz-Newsletter, der alle paar Wochen per Mail hier ankommt, und dieses Mal zur Werbung
missbraucht wird für die Buchfassung dieser unsäglichen Dienstagskolumne auf der Wahrheitseite. Jetzt weiß ich wenigstens, was subtiler Sarkasmus heißt.
Wenn Sie mich fragen, was ich von diesem "Tagebuch" halte: Dämlicher geht's nicht.

Wahrheit vom Feinsten

Dass immer noch brillante Satire im besten Sinne der Erfinder auf der Wahrheitseite gepflegt wird, zeigt wieder einmal Fritz Eckenga. Er macht sich über das Krisengeschwätz der Weltfinanz- und Wirtschaftskrisenexperten lustig und lobt sie für ihre "kreativen und intelligenten Lösungen": "So ist die in der Geschichte staatlicher Investitionsprogramm meines Wissens noch niemals dagewesene Subventionierung notleidender Schlüsselindustrien nur mit einem Wort zu beschreiben: revolutionär! Eine Regierung, die sich von der Kanzlerin abwärts aufreibt, um die für ihre kreative und intelligente Entwicklung innovativer, verbrennungsmotorbetriebener Karftfahrzeuge weltberühmte Automobilindustrie zu retten, ist nicht hoch genug zu loben."

Gabriele Goettle: Jeden Monat Menschenkunde

Nicht hoch genug anrechnen kann man der taz-Redaktion, dass die Goettle-Tradition aufrechterhalten wird, und diese Autorin am letzten Montag imMonat ihre zwei Seiten Text bekommt. Die Art, wie sie sich uneitel und mit großer Menschlichkeit den Personen nähert, die sie dem Leser vorstellt, ist unvergleichlich, sie hat da ihre völlig eigentümliche Form gefunden. Nur manchmal blitzt in ihren Zwischenbemerkungen eine verhaltene Wut über die bestehenden Machtverhältnisse und die verlogene Darstellung unserer Wirklichkeit in den Medien auf. Ansonsten überlässt sie den Leuten das Wort und gibt ihnen Gelegenheit, oft überraschende Ein- und Ansichten unters Volk zu bringen. Die können einen gelegentlich umhauen. So die Sätze von Astrid Proll in der Kolumne vom 24. 11. 2008, als sie darüber redet, wie liebevoll und großzügig sie von Erich Fried behandelt wurde: "Ich habe ihn in einer Stuation kennengelernt,  wo ich dringend Hilfe brauchte, und ich habe sie bekommen. (...) Er wusste, ich mag nur Frauen, also war er nie sexuell aufdringlich oder so. Nein, er war einfach nur großzügig. Diese ganze 'Friedlandschaft' war ja ungeheuer libidinös, länderübergreifend. Das war normal unter uns allen. Die RAF war ja auch ein Geflecht aus Freundschaften und Liebschaften."
Das sollte man nie vergessen - die "neue Gesellschaft" sollte sich ja von der "alten" dadurch unterscheiden, dass die "neuen Menschen" liebevoll miteinander umgehen. Und dieser Umgang sollte selbstverständlich bereits in der alten Gesellschaft vorweggenommen werden. Ja? Klar? Hallo, ist da jemand?
Über Dorothea Ridder, um die es in den Goettle-Kolumnen immer noch geht, sagt Astrid Proll: "Sie war einfach sie selbst. Das gefiel mir. Sie war nicht so akademisch oder superpolitisch, sie hatte eher etwas sehr Weises, Kluges. Da war sie viel weiter als andere."
 
















Ökosex

Eine meine liebsten Kolumnen in der taz: Ökosex von Martin Unfried. Der Mann liegt völlig richtig. Wer hat denn gesagt, dass man ökologische Themen nur verbiestert und verbittert und völlig humorlos behandeln darf? Unfried beweist, dass die Informationen auch rüberkommen können, wenn sie locker, gelassen und witzig präsentiert werden. Die folgenden Sätze könnten glatt von mir sein, auch wenn der Witz dabei für mich untypisch wäre - bei dem Thema kommt mir nämlich inzwischen der Humor abhanden: "Wie geschickt haben die deutschen Autolobbyisten gestern noch in Brüssel sinnvolle CO2-Werte verhindert, und wie dreist fragen sie heute nach Kfz-Steuer-Geschenken und staatlichen Bürgschaften? Absolut crazy: Noch ist die Klimakanzlerin anscheinend schizophren genug, eine Milliarde im Sechszylinder des Porsche Carrera zu verbrennen. Noch. Denn es könnte ein letzter Sieg der Brumm-Brumm-Fraktion sein. Deren Ideologie liegt angeschlagen am Boden."
Hoffentlich hat er recht, der wackere Martin Unfried. Man sollte schon mal mit dem Auszählen beginnen. Eins, zwei ...
Gestern war's, Greenpeace veranstaltet eine Aktion in Rom auf dem Circus Maximus: Sie lassen blonde Hünen in dicken Daimler-, BMW- und VW-Limousinen auffahren und prangern sie an als die neuen Klimabarbaren. Nur um es festzuhalten: Günter Verheugen und Horst Seehofer haben sich voll durchsetzen können. Die Autobauer müssen so gut wie nichts unternehmen. Reduktionsziel bis 2015: 2 (zwei) Prozent. Und Silvio Berlusconi hatte auch noch sein Veto angekündigt: Das Klimapaket sei "industriefeindlich". Betonköpfe, wohin man schaut. Und sie hören nicht auf, ihre Profitgier zu befriedigen, und als Politiker für die Profitgeier zu arbeiten, bevor der Planet für Menschen unbewohnbar geworden ist.
Diese Kerle werden nicht aufhören, niemals, wenn man ihnen nicht deutlich sagt: Stopp! Schluss! Aus! Bis hierher und nicht weiter. Sie werden nicht zur Einsicht kommen. Niemals.
Man muss ihnen schon das Handwerk legen, das teuflische Pack zumTeufel jagen.

Eilmeldung, 12:15 Uhr: +++ Wolfgang "Atomkraft, ja bitte" Clement tritt aus der SPD aus +++  Ihm fehlt der "klare Trennungsstrich" zur Linken +++ Wolfgang "Atomkraft, ja bitte" Clement tritt aus der SPD aus +++ Wird aber auch höchste Zeit, wenn sie es nicht mal geschafft haben, ihn rauszuschmeißen +++ Ein Lobbyist von RWE weniger in der SPD +++
Wolfgang "Atomkraft, ja bitte" Clement tritt aus der SPD aus  +++

Nicht beleidigt

Meine Befürchtung, dass die US-Korrespondentin Adrienne Woltersdorf nichts Postives mehr über Barack Obama mehr schreibt, war unbegründet. Sie ist nicht nachtragend, obwohl die Sicherheitskräfte des Kandidaten sie vor der Wahl von der Pressetribüne verwiesen haben, die nur für Fernsehleute reserviert war. Nein, Woltersdorf hat das schon verwunden, und sieht mit klarem Blick, dass Obama sich als "kluger Pragmatiker" entpuppt: "Seinen 'Change' hat Obama überdies nie als Revolution verkauft. 'Change' bedeutet bei ihm vielmehr, die Probleme in Zukunft ohne ideologische Scheuklappen zu lösen. Und das allein ist schon ein Neuanfang."
Wobei ich an dieser Stelle meinen Blogger-Kollegen Paul Krugman empfehlen möchte, den neuen Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaft. Krugman ist überzeugter Anhänger des großen John Maynard Keynes, und er bloggt bei der New York Times und vertritt die Meinung, Obama habe bisher genau die richtigen Leute für seine Mannschaft ernannt.

















John Maynard Keynes war 35 Jahre alt, als er auf Betreiben des Schatzamts zum Mitglied der britischen Delegation ernannt wurde, die mit Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg den Vertrag von Versailles aushandeln sollte. Aus Protest gegen die Wirtschaftssanktionen, die Deutschland auferlegt wurden, trat er von seinem Posten zurück. Später erläuterte er seine Gründe in dem Buch Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages, mit dem er die 1919 verhängten Reparationszahlungen als ökonomisch widersinnig kritisierte.
1925 heiratete der Cambridge-Professor zum Entsetzen seiner großbürgerlichen Verwandtschaft die russische Tänzerin Lydia Lepekova. Die Zeitschrift Vogue brachte einen Bericht, in dem es hieß: „Die Heirat des brillantesten englischen Volkswirtschaftlers mit der beliebtesten russischen Tänzerin ist ein schönes Symbol für die gegenseitige Abhängigkeit von Kunst und Wissenschaft.“
Bei der Konferenz von Bretton Woods zur Neuordung des Weltfinanzsystems gegen Ende des Zweiten Weltkriegs (1944) konnte Keynes als Vertreter Englands sich mit seinen Vorschlägen nicht gegen die USA durchsetzen. Die wollten unbedingt den Dollar als Leitwährung, mit den bekannten Folgen: Damit wurden die Grundlagen für die heutige "Finanzkrise" gelegt. Paul Krugman ist nicht der einzige Fan von Keynes. Bertrand Russell bezeichnete ihn als den "intelligentesten Menschen, den ich in meinem ganzen Leben getroffen habe."


26. November 2008

Häme

"Jetzt erst mal ab ins Theater. Das wäre für Christian Klar schließlich schon vor drei Jahren möglich gewesen. Um ihn so richtig zu resozialisieren, hatte der Intendant des Berliner Ensembles (BE), Claus Peymann, dem EX-RAF-Terroristen damals angeboten, in seinem Haus ein Praktikum zu absolvieren."
Was zum Teufel meint Veit Medick mit dem eingeschobenen "so richtig"? Soll das ironisch andeuten, dass Peymanns Angebot irgendwelchen anderen dunklen Zwecken dienen könnte? Oder meint Medick, es wäre eh nicht möglich, Christian Klar zu "resozialisieren"? Oder stimmt er mit dem Berliner CDU-Chef Frank Henkel überein, der gestern von sich gab, das Theater sei "keine Besserungsanstalt für reuelose Terroristen"?
Man kennt das ja inzwischen bei der taz. Da tauchen immer wieder junge Menschen auf, die das journalistische Handwerk einigermaßen beherrschen, es bei der taz verbessern, und dann, schlimmstenfalls, bei Springer landen. Der Ex-taz-Mann Robin Alexander lässt grüßen - von der Welt. Wofür sie einstehen oder wogegen sie ankämpfen, wird nie deutlich, aber im Endeffekt sorgen sie doch dafür, dass die Machtverhältnisse bleiben, wie sie sind. Und die Regierungen - egal, welche Partei sie stellt - brav dafür sorgen, dass sie nicht angetastet werden.

Kleist für Goldt

Was hat Max Goldt mit Heinrich von Kleist zu tun? Literarisch gesehen erst mal rein gar nichts. Aber das muss ja auch nicht sein, um den nach Kleist benannten Preis zu bekommen. Daniel Kehlmann kam die Aufgabe zu, den Empfänger zu wählen, und so erhielt ihn eben Max Goldt. Den hab ich immer gern gelesen, eine Weile war er für mich sogar Grund, wegen seiner Kolumne monatlich die Titanic zu kaufen. Das hat mir imponiert, auf welch gleichbleibend hohem Sprachniveau er seine Doppelseite Text ablieferte. Und dabei eigentlich kein Schema bediente, denn Satire war das nicht, und Sozialkritik im engeren Sinn auch nicht, und progressiv nur, wenn man darauf beharrt, dass Individualismus immer der Freiheit dient. Irgendwann hatte ich genug Max Goldt gelesen, war froh, dass es ihn gab, wünschte ihm innerlich alles Gute und wandte mich ab. Inzwischen hat er den Status "Geheimtipp" hinter sich gelassen, hat breitere Publikumskreise erreicht, geht unermüdlich auf Lesetournee, wird von Konservativen wie von Spaßgesellschaftern geschätzt, und bereitet mir zunehmend Unbehagen. Ekkehard Knörer drückt es, bei aller Wertschätzung, die auch er für Max Goldt empfindet, sehr schön aus: Seine Sprachkunst "nähert sich selbst Verhältnissen, denen ein beherzter Hieb mit dem Hackebeil nicht schadete, mit der Rasierklinge. Sie wird niemals frontal, sie geht, bei aller Bösartigkeit, wirklich immer an der Seite vorbei."
Letzteres spielt an auf Goldts Buchtitel "Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens". Und Knörer kommt zu dem Schluss: "Man kann in den Texten des unbedingt verehrenswerten Autors selbst aber jederzeit lernen, auch denen zu misstrauen, die ihn verehren, und sogar denen noch, die ihm bedeutende Preise verleihen."


Dünkel

Mit welch bildungsbürgerlicher Überheblichkeit Anja Maier auf die "Unterschicht" hinabschaut, kann man ja gelegentlich in ihrer Kolumne lesen. Ob die taz mit dieser Autorin die Spießerquote unter ihrer Leserschaft erhöhen will? Ich weiß es nicht, aber die Reportage aus einer Diskothek in Celle, ausgerechnet am und zum "Tag gegen Gewalt an Frauen" ins Blatt gehoben, gehört zu der widerlichsten Art von Boulevardjournalismus. Maier berichtet von einem Gewinnspiel, an dem  Frauen teilnehmen, um 3.700 Euro für eine Schönheitsoperation zu gewinnen. Im besten Heuchlerstil tut sie empört, und übergießt die blöden Leute, die so was mitmachen, auch noch mit Häme. Und steht am Ende da als jemand, der die ganze Dummheit der Welt sichtbar gemacht hat und sich freuen kann: Gott sei Dank bin ich besser als jene da.
Ich glaub, nach religiösen Maßstäben nennt man das Bigotterie.

Gewaltfrei in Tibet?

Ein feiner, sachkundiger Kommentar von Klemens Ludwig auf der Seite "meinung und diskussion". Er fordert die Regierung der westlichen Länder auf, mehr Druck auf China auszuüben, damit der Dalai Lama gestärkt wird. Sein Prinzip der Gewaltlosigkeit findet längst nicht mehr überall unter den Exiltibetern Unterstützung. Die chinesische Regierung hat ihn gründlich auflaufen lassen, er selbst hat sein Scheitern bekannt, und junge Tibeter wollen jetzt andere Strategien entwickeln. Nur: Militante Aktionen versprechen genauso wenig Erfolg, und das wissen alle. Klemens Ludwig sieht die EU als möglichen Partner der Tibeter, aber wohl erst, wenn Frankreich nicht mehr den Vorsitz hat: "Wie man alles falsch machen kann, was falsch zu machen ist, demonstrierte Frankreichs forscher Präsident Nicolas Sarkozy als EU-Ratspräsident." Das fing schon vor seiner Teilnahme an der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele an, und hörte noch nicht damit auf, dass er seine Frau vorschickte, um den Dalai Lama in Frankreich zu begrüßen.
Das Problem für die Tibeter in den westlichen Medien ist aber ein anderes: Sie sind kein Thema mehr.

Mehrwertsteuer runter!

England macht es vor: MwSt. auf 15 Prozent senken, die Einkommensteuer für Reiche erhöhen. Ob das für Deutschland ein gangbarer Weg wäre? Da sind sich die beiden taz-Fachfrauen Beate Willms und Ulrike Herrmann nicht einig, weshalb die erstere "Pro", die andere "Contra" schreibt. Ich muss wohl nicht anfügen, dass ich dafür bin, noch dazu hat Frau Herrmann wirklich nur Gemeinplätze dagegen anzuführen und will die gerechte Gesellschaft erst mal auf später verschieben: "Kurz vor dem Abschwung gilt daher umgekehrt: Jedes Konjunkturprogramm muss gleichzeitig die Gerechtigkeit steigern. Bildungsinvestitionen würden das leisten."
Als wäre das die Alternative! Beides muss geschehen - es muss Geld für Bildung (nicht nur Ausbildung!) ausgegeben werden, die Studiengebühren müssen wegfallen, die Mehrwertsteuer auf die von der EU erlaubte Untergrenze von 15 Prozent und die Leistungen aus dem Hartz-IV-Programm auf 480 Euro erhöht werden.
Und das alles jetzt. Und zwar ebenso im Interesse der Betroffenen (das sind bei der MwSt. alle) und der jetzt regierenden Parteien. Wenn sie jetzt nicht aufwachen, werden sie bei den Wahlen im nächsten Jahr unsanft geweckt.

Medienkunde

Anfrage an Radio Eriwan: Stimmt es, dass die Opposition in Venezuela mehr als doppelt so viele Gouverneursposten gewonnen hat als bei den vorherigen Wahlen?
Antwort von Radio Eriwan: Im Prinzip ja. Aber ...
Sicher, Hugo Chávez hätte sich bestimmt gefreut, wenn nicht ausgerechnet in  der Hauptstadt Caracas ein Oppositioneller zum Bürgermeister gewählt worden wäre. Aber so ist das nun mal üblich in Demokratien, wenn Ämter nicht von oben besetzt werden. In öffentlich-rechtlichen Berichten hieß es am Montag, Chávez hätte einen Denkzettel bekommen, die Opposition hat ihre Gouverneursposten mehr als verdoppelt. Das klingt nach Wahlniederlage, und die gönnt man dem "nationallinken Präsidenten" (Bayerischer Rundfunk) ja von Herzen. Wer genauer hinsieht, bemerkt dann die Manipulation durch Begriffe: "Mehr als verdoppelt" stimmt sogar, denn vorher hatten die Bürgerlichen zwei Gouverneursposten, jetzt haben sie fünf. Die "Sozialistische Einheitspartei Venezuelas" von Hugo Chávez aber stellt immer noch 17 Gouverneure. Er sieht das so: "Das Volk will mir sagen: Chávez, schreite weiterhin auf dem Weg zum Sozialismus voran."
Venceremos, Hugo!

27. 11. 2008

Die taz lügt!

Eine Bewegung, die mit zivilem Ungehorsam und gewaltfrei eine korrupte Regierung stürzen will, wird auf der Titelseite der taz von heute madig gemacht. Unter der Schlagzeile "Die gelbe Gefahr" (Achtung, ironisch gemeint!) dichtet die Chefredaktion: "In Thailand greift eine königstreue Protestbewegung zu immer radikaleren Mitteln, um mit Wohlwollen des Militärs die Regierung zu stürzen."
Jetzt geht das also wieder los: Die Propaganda-Tante aus Bangkok kriegt täglich Gelegenheit, ihre pro-westliche Kapitalistenideologie in die taz zu drücken. Täglich denunziert sie die Aufständischen von der People's Alliance for Democracy (PAD), täglich stellt sie sich auf die Seite der korrupten Regierung, täglich verbreitet sie ihr Weltbild, wonach "die armen Bauern im Norden" von einer undemokratischen, aristokratischen, königstreuen, mit den Militärs verbündeten, völlig dem Volk entfremdeten Bewegung namens "Volksallianz für Demokratie" unterdrückt werden sollen. Egal, welche unterschiedlichen Kräfte sich in Südostasien gegen die Bevormundung durch den Westen wehren, Nicola Glass steht zuverlässig immer auf der Seite der westlich-kapitalistischen Ideologie.
Mit der PAD hat sich in Thailand eine Bewegung gebildet, die mit den herkömmlichen Maßstäben nicht gemessen werden kann. Links? Rechts? Vergiss es! Das fängt schon mal damit an, dass es sich um keine Partei handelt. Und geht damit weiter, dass König Bhumipol eben nicht mit ihren Zielen konform geht, sondern sich, wie immer, so weitgehend wie möglich aus dem politischen Tagesgeschehen heraushält. Dann sollte auch nicht vergessen werden, dass in Thailand das Militär nicht automatisch auf der Seite der Reaktion steht, und gute Gründe hatte, sich vor zwei Jahren auf die Seite der PAD zu stellen, und die Regierung abzusetzen.
Bei den Auseinandersetzungen in Thailand geht es eben nicht um Werte, die ins übliche Schema der westlichen Betrachtungsweise passen. Zu allererst sollte man bedenken: Thailand ist eine überwiegend buddhistische Gesellschaft. Und es gehört eine ganze Portion ideologisches Scheuklappendenken dazu, sich vorbehaltlos zu den Segnungen der westlichen Demokratie (sprich: aggressiver Kapitalismus mit allen mörderischen Konsequenzen) zu bekennen. Die Beispiele, in denen dieses Modell für andere Kulturen mehr Unheil als Segen gebracht hat, sind nicht an den Fingern beider Hände abzuzählen. Man muss gar nicht an George W. Bush erinnern, der ja wohl - zumindest beim zweiten Mal - demokratisch gewählt war. Man kann in ganz Afrika "Demokratien" mit westlicher Unterstützung finden, die nur dazu dienen, einer herrschenden Elite bei der Ausbeutung ihrer Landsleute zu helfen, und den westlichen Konzernen Zugang zu den Rohstoffen zu sichern.
Die derzeitige Regierung in Thailand wurde nach allen zugänglichen Informationen tatsächlich demokratisch gewählt.  Das ändert nichts daran, dass sie eine üble Vetternwirtschaft repräsentiert. Die PAD vertritt nun einen Weg, der "thailändisch" sein soll, und nicht einfach westliche Lebens- und Denkensart über das Land stülpt. Sie wehren sich gegen den westlich geprägten "Fortschritt", was ihnen von Nicola Glass das abwertende Etikett "konservativ" eingebracht hat. Sie setzen sich für eine Begrenzung westlicher Investitionen ein, wenden sich gegen westliche Investoren, die "Mega-Projekte" finanzieren, opponieren gegen die Regierungspolitik, den Bauern mit populistischen, kurzfristigen Hilfen langfristige Schulden zu bescheren. Einer der Anführer der PAD, Sondhi Limthongkul, wehrt sich dagegen, dass "Thailiand eine konsumorientierte Freihandelsgesellschaft aufgezwungen" wird. Er plädiert für eine "vernünftige Gesellschaft" mit weniger Verschuldung, in der es nicht darum geht, "wie viele Autos oder Waschmaschinen die Menschen besitzen." Das steht in starkem Kontrast zur Politik des früheren Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra und seiner Marionette Somchai Wongsawat, die eine stärkere Anbindung an die globale Wirtschaft betreiben. Die PAK setzt dem eine Besinnung auf thailändische Werte entgegen, was ihnen erwartungsgemäß das Etikett "hyper-nationalistisch" eingebracht hat.
Nun dürfen Sie drei Mal raten, für wen die taz-Korrespondentin Nicola Glass täglich Partei ergreift. Ihre Sprache ist wahrlich entlarvend: "Der PAD ist es egal, wen sie mit ihren Aktionen trifft. Sie nimmt für sich in Anspruch, eine Repräsentantin des Volkes zu sein. Aber genau das ist sie nicht. Hinter ihr steht eine konservative Elite von Militärs, Aristokraten und Technokraten, welche die Armen traditionell verachtet und für politisch unmündig hält. Thailand soll ins Chaos gestürzt werden, um auf diese Weise einen neuen Militärputsch zu provozieren. Dieser soll dann Grundlage sein für eine von der PAD propagierte 'neue Ordnung'."
Man kann ihnen nur die Daumen drücken, den Besetzern des Flughafens Suvarnabhumi.

zur taz von gestern, 26. November 2008

Regentänze

Auf der Seite "leibesübungen" sagt Reinhard K. Sprenger im Interview über Trainerentlassungen in der Bundesliga:
"Diese Rausschmisse sind Rituale, die ich auch aus Unternehmen kenne. Ich vergleiche das immer mit afrikanischen Regentänzen. Da kommt ja auch kein Regen, aber man muss halt tanzen."

Auf der Seite drei schreibt Ulrike Winkelmann über die  Bundestagsdebatte zum "Rettungspaket" für die Wirtschaft:
"Olav Gutting (CDU) sagte: 'Ein klassisches Konjunkturprogramm hat die Wirksamkeit des Regentanzes der Hopi-Indianer', nur sei Letzterer umsonst zu haben."

Mal abgesehen von dem netten Zufall (ich liebe so was!), liegt der Verdacht nahe, dass der CDU-Mann Gutting mal ein Seminar bei Sprenger, dem laut taz "renommiertesten Managementberater in Deutschland" besucht und dessen Redeweise übernommen hat.

Spitzenfoto! Spitzenfoto! Spitzenfoto!

Mehr als eine Viertelseite nimmt das Foto der Sängerin Lauryn Hill ein, aufgenommen an dem Tag des Jahres 1999, an dem sie und ihre Band Fugees mit elf Grammy Awards ausgezeichnet wurden. Was für eine Schönheit, und dann beugt sie sich auch noch nach unten zum Mikrofon in ihrem ärmellosen Feinripphemdchen und ballt die Revolutionsfaust. Da kann man die dazu gehörige Buchbesprechung
glatt vergessen, dass Rapper keine postive politische Wirkung für die schwarze Gemeinde in den USA ausüben.

"Politclown für die Linkspartei"

Na, wer wird wohl in der taz auf diese Weise denunziert? Peter Sodann. Und von wem? Von Anja Maier. Die Niederträchtigkeit dieser Frau ist schwer zu übertreffen, ihre Überheblichkeit ebenso. Aber da hab ich mich gestern erst aufgeregt, also nicht schon wieder. Nicola Glass reicht mir schon.


Zitat


"Und die SPD-Führung atmete erleichtert auf, unterstützt von einer fast unisono kommentierenden Presse, als das radikale Energieprogramm für Hessen nicht auf den Prüfstand der Realität kam. (...) Was für ein Mangel an Phantasie und Recherche bei denen, die doch die öffentliche Phantasie anregen sollten! Deren Aufgabe es wäre, das Mainstreamdogma zu überprüfen, das besagt, staatliches Wirtschaften dürfe auch im Zeitalter der Klimakatastrophe nur die Ausnahme sein."

Mathias Grefrath, "meinung und diskussion", taz vom 26. 11.

Mutmaßlich - islamistisch - Terror

Man kann richtig mitbekommen, wie dem dpa-Personal einer abgeht, wenn die Lieblingskombination in die Tasten gehauen wird: "Die Bundesanwaltschaft hat am Dienstag zwei mutmaßliche islamistische Terrorhelfer festgenommen."
... mutmaßliche islamistische Terrorhelfer ... mutmaßliche islamistische Terrorhelfer... mutmaßliche islamistische Terrorhelfer ... aaaaaaah, ich komme, ich komme!!!

28. November 2008

Hundert Jahre alt: Claude Lévi-Strauss

Möchten Sie hundert werden? Wird man gefragt? Ist es erstrebenswert? Kann man was dazutun? Jedenfalls gehört es immer noch zu den seltenen Ereignissen, wenn Menschen ihren hundertsten Geburtstag erleben, so wie heute der französische Philosoph und Ethnologe Claude Lévi-Strauss. Bon anniversaire, Monsieur le professeur!
In den gängigen Wissenschaftsschubladen wird er gern als (Mit-)Begründer des Strukturalismus abgelegt, einer Methode, die über das Folgedenken (wenn ... dann) hinausging, und versuchte, Dinge, Beziehungen, Ereignisse von ihren Strukturen her zu erfassen, die Vernetzung zu denken, Zusammenhänge zu sehen. Lévi-Strauss nutzte diese Methode in seinem Fachgebiet Völkerkunde, wie es in den 30er-Jahren noch hieß. Das wesentlich Neue an seiner Methode lag aber schon in der Denkweise, die seiner Arbeit zugrundelag: Er sah die westliche Zivilisation nicht als die überlegene, er sah sie als eine Möglichkeit unter vielen, und die so genannten primitiven Völker nicht als dümmer oder zurückgeblieben, sondern als anders. Sie waren nicht weniger intelligent, als die dünkelhaften weißen Kolonialisten, sie hatten nur auf andere Art versucht, mit den Herausforderungen ihrer Umwelt zurechtzukommen. So forderte er Respekt für die Indios im Regenwald des Amazonas, wo er sich, selbst Professor an der gerade gegründeten Universität in Sao Paulo, Mitte der dreißiger Jahre immer wieder aufhielt.
Zu Beginn der fünfziger Jahre schrieb er ein Buch über seine Reisen in den Dschungel Brasiliens: Tristes Tropiques (Traurige Tropen), das weit über den wissenschaftlichen Bereich hinaus Beachtung fand und zu einem Bestseller und Dauerbrenner wurde.
Ich fand es als dickes Taschenbuch mit knallrotem Umschlag während des Studiums, las es mit vor Begeisterung heißen Ohren, und weil ich das Glück hatte, bei Jürgen Gebhardt in München Seminare zu besuchen, konnte ich eine Arbeit über Lévi-Strauss im Fachgebiet Politische Wissenschaft unterbringen. Die Abneigung, mich mit Dingen zu beschäftigen, an denen ich nicht interessiert war, war bei mir schon damals ausgeprägt. So las ich denn die Abhandlungen über "Das Rohe und das Gekochte", über Familienbeziehungen und Heiratsrituale, über musikalische Strukturen und wohl alles, was damals auf deutsch von Lévi-Strauss erhältlich war, und woran ich mich heute nicht im Einzelnen erinnere.
Doch eines hat sich mir lebenslang eingeprägt: Die tiefe Menschlichkeit, die Menschenliebe, mit der dieser Mann der Wissenschaft versuchte, fremde Völker und Kulturen zu verstehen, und sein Verständnis weiterzugeben. Er traf bei mir auf einen jungen Mann Anfang zwanzig, der angesichts der Zerstörung ihm lieb gewordener Natur die Trauer der Tropen gut nachvollziehen konnte. Ob ich das Buch jemals wiederlesen werde? Mal sehen, aber bis dahin erst mal: Schönen Dank, Claude Lévi-Strauss, für ihre Arbeit, merci bien pour votre oeuvre!

29. November 2008

Mut zur Lücke

Zu den Ausgaben vom Donnerstag und Freitag iss mir nix eingefallen, außer, dass die Fotos zu den Bangkok-Berichten eine völlig andere Sicht der Dinge rüberbringen als die Texte - das gilt für die erste Seite (Titel: Die gelbe Gefahr) mit dem großformatigen Bild der jungen, gelbgekleideten Thailänderin, die da ihre Kinderklapper schwenkt, und es gilt auch für die "ausland"-Seite, wo auf dem Foto vom besetzten Flughafen offenbar fröhlich gestimmte junge Leute ihren Protest gegen die Regierung in einem großen Happening artikulieren.
Da schaut die taz-Korrespondentin mit ihrem grantigen Rumgemäkel an den Aktionen ganz schön alt aus - oh mein Gott, ziviler Ungehorsam, die stören doch glatt die öffentliche Ordnung. Polizei! Polizei!!!
Und solche Berichte ausgerechnet in der taz ...
Morgen gibt's mehr über die Wochenendausgabe, die hat mich beim ersten Durchblättern ziemlich neugierig gemacht, und die Randspalte im taz mag zum Artikel über die verschwundenen Hippies ist großartig, sachkundig, fehler- und makellos.

Schalten Sie morgen ein, wenn es wieder heißt: Solidarische Verrisse einer gehassliebten Zeitung, nur echt mit dem Obama-Sneaker, auf "Achtung: tazblog!".



30. November 2008

Moment mal - war das ein Schaltjahr, dieses wild bewegte 2008? Muss wohl, denn für den 30. 11. hab ich mir "Begegnung Diana" im Kalender notiert. Aber das geschah an einem Freitagabend, etwa so kalt und tiefdruckmäßig bedunstet wie der heutige Sonntag. Ich guck im Kalender nach - tatsächlich, es gab den 29. Februar in diesem Jahr.
Ich nehme an, es geht dir gut, meine Liebe, auch wenn du jetzt zur AZ gewechselt bist. I still love you! Eine kleine Ahnung von dem, was an diesem 30. November des Jahres 2007 begann, versuche ich hier zu vermitteln.

Freuen, freundlich sein, Freude machen

Das hab ich neulich - siehe Eintrag vom 11. November - anlässlich von Kurt Vonneguts Geburtstag untergebracht: "Es gibt nur eine Regel, die mir bekannt ist, Babys -  'verdammt noch mal, ihr müsst freundlich sein.'" Die taz lässt auf der Seite "politisches buch" gleich zwei Bücher zum Thema besprechen: Michel Onfrays "Die reine Freude am Sein. Wie man ohne Gott glücklich wird" (übersetzt von Helmut Reuter), und Terry Eagletons "Der Sinn des Lebens" (übersetzt von Michael Bischoff). Ob  Robert Misik, der Eagleton bespricht, "Achtung: tazblog!" liest? Oder der zuständige Redakteur? Issja wurscht, es freut mich doch, wenn es gleich in der Überschrift heißt: "Frei sein, freundlich sein". Misik: "Der Sinn des Lebens ist, mit anderen so zu leben, dass sich eine komplexe Harmonie ergibt. Von der Art und Weise, wie eine Jazzband spielt." Im Buch wird das noch ein bisschen weiter ausgeführt: "Eine Jazzband unterscheidet sich bei ihren Improvisationen von einem Symphonieorchester, da die einzelnen Mitglieder der Band in ihrem musikalischen Ausdruck frei sind." Und Misik ergänzt: "Aber sie nehmen auch auf die anderen Rücksicht."
Na ja, eh klar, improvisieren macht erst Spaß, wenn man die Regeln beherrscht.
Was Rudolf Walther an dem Buch von Michel Onfray auszusetzen hat, wird nicht ganz klar. "Intellektuelle Hochstapelei" wirft er ihm vor, "Schwadronieren", und mit dem letzten Satz drückt er unverhohlen seine ganze Verachtung aus: "Der Tiger-Autor landet als Bettvorleger und sein Buch in Geschwätzigkeit." Hm. Und Walther zimmert windschiefe Metaphern.
Dabei kann man Onfray doch schwerlich widersprechen, wenn er sagt, dass fast für die ganze Philosophie des Abendlandes gilt, sie sei befangen in der "Wahnvorstellung eines Denkens ohne Gehirn, einer Reflexion ohne Körper, einer Philosophie ohne Leiblichkeit." Stimmt!, möchte ich da ausrufen. Für mich als Mensch mit einfachem Gemüt (bei Puh heißt das "ein Bär mit kleinem Verstand") gilt immer noch Hermann Hesses Satz: "Nur das Denken, das wir leben, hat einen Sinn."

Annäherungen

Falls Sie es nicht mitbekommen haben: Ernst Jüngers Buch "Annäherungen. Drogen und Rausch" ist soeben wieder neu aufgelegt worden. Es stammt aus dem Jahr 1970 und ich möchte es Ihnen dringend empfehlen. Weil die edle Neuausgabe 24,90 Euro kostet, lohnt sich vielleicht die antiquarische Suche nach dem Taschenbuch, als das "Annäherungen" auch mal herauskam. In "Alles Wug!" (siehe Anzeige ganz unten, Inhalt und Leseproben finden Sie oben in der Leiste unter "Blog und E-Books") habe ich im Kapitel über LSD dazu eine "Kleine Ablenkung" geschrieben:

Kleine Ablenkung

Der Schriftsteller Ernst Jünger nahm seinen ersten (und wahrscheinlich einzigen) LSD-Trip mit Dr. Albert Hofmann. Der war im Jahr 1943 bei dem Pharmaunternehmen Sandoz in Basel damit beschäftigt, Arzneimittel aus dem Mutterkorn zu entwickeln. Dabei hatte er eher zufällig die Wirkung von LSD entdeckt. Die beiden Freunde haben den Nachmittag, an dem sie in Hofmanns Gartenhäuschen auf die Reise gingen, in ihren Büchern beschrieben. Ernst Jünger widmete der Erfahrung ein Kapitel in "Annäherungen. Drogen und Rausch". Er war wenig beeindruckt von der Wirkung der Mutterkornsäure, Meskalin, der Wirkstoff aus der Mescal-Bohne, war ihm lieber, Koks auch. Albert Hofmann schrieb viele Jahre später in "LSD – Mein Sorgenkind", dass Jünger wohl damals eine zu niedrige Dosis abbekam. Der Wugg hatte beim Lesen von Jüngers Drogenbuch ebenfalls diesen Eindruck gewonnen. Hofmann bestand immer darauf, dass LSD eine „sakrale Droge“ ist, und demgemäß solle man respektvoll damit umgehen. Die Psychonauten, wie man die Erforscher der Innenwelt nannte, haben ganz nebenbei bemerkt, dass sie eine Seele haben, aber auch, dass die Welt um sie herum gar nicht mehr wusste, was das sein könnte. Psychedelische oder psychoaktive Drogen war keine schlechte Bezeichnung für diese Art von Rauschmittel, zu denen neben LSD und Cannabis noch die Früchte des Peyote-Kaktus, Meskalin, psychedelische Pilze und die diversen Zaubertränke unterschiedlicher Kulturen gehören. Die Azteken waren da besonders erfinderisch.

Sehr merkwürdig

Was da im tazmag alles zusammenkommt an diesem Wochenende! Ein ganz vorzüglicher Artikel von Manuel Gogos, bestens recherchiert (offenbar hat er auch meinen Artikel über den "Summer of Love" gefunden), füllt zwei Seiten, und das ist nicht zu viel. Titel: "Mit Sehnsucht im Gepäck". Er untersucht den Hippietrail nach Osten und ist dabei sogar auf meinen alten Schwabinger Bekannten Bernd Brummbär gestoßen, den Maler und Graphiker, der mit Timothy Leary befreundet war. Nur das der Brummbär sein Osten im weiten Westen gefunden hat, und als "Webmaster" irgendwo im Silicon Valley südlich von San José lebt. Sogar aus "Warum Stamm?" von Gary Snyder zitiert Gogos, und ich frag mich nur, weshalb er "tribe" mit "Sippe" übersetzt, geht es doch eindeutig um die Organisationsform der Indianerstämme. Das sind Nebensachen, ebenso die Zuweisung von Embryo - nein, nix "Berliner Band", Embryo hat die Wurzeln in München, und den Kopf in der weiten Welt.
Ansonsten kann man den Autor nur bewundern. Auch dafür, dass er Matala und die Höhlen auf Kreta einbezieht, wo "wilde, dionysische Strandpartys in den Nächten" statfanden: "Sogar Hippie-Prominenz wie Leonard Cohen oder Janis Joplin sollen hier gesehen worden sein." Sicher ist, dass der Song "Carie" von Joni Mitchell mit den Zeilen anfängt:

The wind is in from Africa
last night I couldn't sleep

Und später dann:

And they're playing that scratchy Rock'n'Roll
beneath the Matala of moon

Drei tazmag-Seiten: Autolobby in Brüssel

Ach ja, brav, schon gut, man kann die Verantwortlichen der deutschen Automobilindustrie nicht oft genug anprangern für das Unheil, dass sie über den Planeten bringen. Aber mal im Ernst: Glaubt jemand noch, dass es einen Unterschied macht, ob Autos 120 oder 140 Gramm CO2 ausstoßen? Geht das nicht in die Köpfe rein? Das Auto ist der Denkfehler. Wir müssen weg vom Auto mit Verbrennungsmotor - Otto ist die Pest! Und so lange wir nicht aufhören, die Landschaft mit Straßen zu betonieren und nicht stattdessen den Individual- und Güterverkehr mit der Bahn ausbauen und mit allen Mitteln fördern, so lange rasen wir mit Vollgas in den Abgrund. Und 120 Gramm CO2 als Obergrenze ist auch nur ein Heftpflaster auf eine viel zu große Wunde.

Abgestandenes Bier

Noch nie habe ich das Kreuzworträtsel in der taz erwähnt, und deshalb tu ich das jetzt zum ersten und zum letzten Mal: Ich versteh gar nicht, wonach da gefragt wird, und dass es Leute gibt, die das rausbringen und auch noch Lösungsworte einschicken, krieg ich beim besten Willen nicht in meinen Kopf rein. Beispiel an diesem Samstag:  "19 Auf geht's, aber heftig! (5) Abgestandenes Bier hängt einem schnell zum Hals raus. (5)"
Tut mir leid, keine Ahnung!

Britney Spears?

Nein, danke!

Eins mit satt


Darauf läuft's hinaus: "Da war nichts Schlechtes am Sattsein. Dachte sie, lächelte, und war wieder eins, nach dem Moment der Verwirrung, die einen befällt, wenn die Seele kleine Ausflüge unternimmt." Sehr gern hab ich diese "Meditation über Kompromisse, den Hunger und das Sattsein" von Sibylle Berg gelesen. Titel: "Die dressierten Hyänen". Aber bei aller Liebe zu dieser Autorin - mir kam das dann doch sehr kompromissbereit vor, sehr abgeklärt, was sie da ausbreitet. Vielleicht wollte sie nur was Versöhnliches zum ersten Advent beitragen. Schon sehr tief im Bürgertum verwurzelt, die Sibylle Berg. Trotzdem: Tolle Schreiberin!

Bayernbanker

Langsam übersteigt diese Affäre um die Bayerische Landesbank mein Fassungsvermögen. Erst war von ein paar Millionen die Rede, dann, vor der Wahl, von drei Milliarden, die sie in den Schotter der oberbayrischen Hochebene gesetzt haben, und inzwischen ist vom zehnfachen die Rede. Und niemand da, der dafür haftbar gemacht wird? Und niemand, der ein für alle Mal aus dem Bankgeschäft oder aus der Politik verschwinden muss? Und wieder zahlt der Wähler die Zeche? Und Herr Seehofer und Herr Huber und Herr Beckstein haben selbstverständlich von all diesen faulen Geschäften nichts gewusst. Da bleibt nur eine Erklärung: Das Desaster ist eine Naturkatastrophe, da kann man nix machen.
Hund san's scho'!
Haut weg das Pack!

Schönen Sonntag allerseits. Muss jetzt gleich mal wieder die Zwölfsaitige traktieren und sehen, ob ich die Akkorde und den Text von Joni Mitchells "Carie" noch hinkriege:

Maybe I'll go to Amsterdam
Maybe I'll go to Rome
And rent me a grand piano
Put some flowers round my room










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