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16. Dezember 2008
"Afrika interessiert hier doch kein Schwein"
Obige Antwort hat mir mal ein Mensch gegeben, als ich ihn gefragt habe, weshalb sich niemand über deutsche Waffenlieferungen nach Afrika aufregt. Mag sein, dass er recht hat, aber zumindest für das tazblog hier trifft es nicht zu. Mit meiner Aufregung über die Ruanda-Berichterstattung habe ich doch ein paar Leute angesteckt, sich mal besser zu informieren. Und in dieser Richtung geht's weiter, weshalb ich den Hinweis auf die neue Ausgabe von Le Monde diplomatique unterbringen will. Da steht ein ganz prachtvolles Stück Journalismus von Mwayila Tshiyembé, dem Direktor des Institut panafricain de géopolitique im französischen Nancy. Er schreibt über den Krieg im Ostkongo, an der Grenze zu Ruanda. Titel: "Kein Staat, viele Feinde". Weil ich beim Lesen einige meiner Vermutungen bestätigt gefunden habe, sei aus dem Artikel hier zitiert: "In Wirklichkeit profitiert der ruandische Staatspräsident General Paul Kagame von diesem Konflikt. 1997 verfolgte er mit seinem militärischen Eingreifen im Ostkongo vier Ziele, die ihm auch heute noch wichtig sind: Verhindern, dass sich die ehemaligen FAR- und Interahamwe-Milizen wiederbewaffnen, um in Kigali (Hauptstadt von Ruanda; hp) die Macht an sich zu reißen; in Kinshasa einen Gefolgsmann oder zumindest einen Verbündeten als Staatschef zu installieren; sich den Kriegseinsatz durch die Plünderung der kongolesischen Bodenschätze vergolden zu lassen und sich jede mögliche politische Opposition in Ruanda vom Hals zu schaffen mit dem Argument, dass angesichts des äußeren Feindes alle zusammenstehen müssten." Nun hat ja, wie sie dem weiter oben anklickbaren Ruanda-Dossier entnehmen können, der taz-Redakteur Dominic Johnson in den letzten Monaten einige Artikel veröffentlicht, die der Pressesprecher von Paul Kagame auch nicht besser hinbekommen hätte. Schon deshalb finde ich Johnsons gestrigen Beitrag in der taz bemerkenswert: Was da über Kagame steht, lässt doch auf eine gewisse Lernfähigkeit schließen. Ob ich mit meinen wiederholten Hinweisen auf die tendenziösen Berichte dazu beigetragen habe, wage ich nicht zu beurteilen. Aber was da von Johnson aus einer UN-Untersuchung zitiert wird, klingt jetzt schon distanzierter: "Neben Zollgeldern verlassen sich die Rebellen (die CNDP des Tutsi-Anführers Laurent Nkunda; -hp) auf Geld von Sympathisanten in Ruanda und anderen Ländern. Führend genannt wird dabei der Geschäftsmann Tribert Rujugiro, ein kongolesischer Tutsi, der in Ruanda lebt und den dortigen Staatschef Paul Kagame berät. Die CNDP habe in Ruanda auch Uniformen und Kämpfer rekrutiert, die zum Teil von der ruandischen Armee bis an die Grenze gebracht wurden." Damit bestätigt der UN-Bericht zwar nicht die Vorwürfe, Kagame würde mit seiner Armee direkt eingreifen und an Nkunda Waffen und Munition liefern, was von Dominic Johnson in früheren taz-Artikeln immer wieder bezweifelt wurde. Aber zumindest lässt sich nicht mehr abstreiten, dass Paul Kagame, der von der Deutschen Börse, dem BDI und den Regierungen von Angela Merkel und George Bush als "unser Mann in Afrika" gepflegt wird, die Tutsi-Rebellen im Kongo unterstützt - und die kämpfen gegen die Armee einer Regierung, die mit "demokratischen Wahlen" an die Macht kam, Wahlen, die unter anderem von der deutschen Bundeswehr beschützt wurden. Absurd? Das scheint mir ein schwacher Ausdruck für die deutsche Politik in Afrika, aber vielleicht der einzige, der die Situation annähernd trifft.
Abgehangenes Fleisch und saure Milch - tvF*!
Wieder ein Beitrag von Oliver Pohlisch, der neulich über den isländischen Liedermacher berichtet hat, der die Regierung absetzen will. Diesmal ein Interview mit Hallgrimur Helgason, dem Schriftsteller, der den wunderbaren Roman "101 Reykjavik" geschrieben hat (der Titel bezeichnet den Postzustellbezirk im Zentrum der Stadt). Über die Hauptfigur in seinem Buch "Rokland" sagt Helgason dem taz-Mann: "Wenigstens hatte Böddi vor, eine Revolte anzuzetteln. Und das ist es, was einige Leute nun fordern. Er war der einsame Rebell auf dem Höhepunkt des Goldenen Zeitalters: Er wollte unsere Gesellschaft wirklich verändern, dieses materialistische Paradies des Easy Listening und des hirntoten Fernsehens. Böddi predigte einen Weg zurück zu klassischeren Werten, dass wir Isländer unser eigenes Erbe schätzen sollten, das der Sagas und der wahren Poesie. In gewisser Hinsicht ist es das, was gerade in Island passiert. Wir sind dabei, die erst neu gefundenen und extravaganten Pfade schnell wieder zu verlassen und uns zurück zu unseren Wurzeln zu begeben: Nie mehr Sushi und Champagner. Nun gibt's wieder 'abgehangenes Fleisch' und 'saure Milch'." Und dazu ein Klassefoto von Espen Eichhöfer: "Straßenszene Reykjavik 2003" - ein echter Hingucker, die blonden Mädels in der Bildmitte.
* taz vom Feinsten
Skaos: Weißwurscht is aus Eichstätt
Ein feiner Beitrag von Thomas Winkler über die ungebrochene Anziehung der Ska-Musik, die ihre Wurzeln in Jamaika hat und offenbar inzwischen universelle Gültigkeit beanspruchen kann, von Bayern bis Japan. Dass sich damit keine Geldberge verdienen lassen, spricht ja eher dafür als dagegen. Klasse die Bandnamen: El Bosso & die Ping-Pongs, Tokyo Ska Paradise, Skaos oder Weißwurscht is aus Eichstätt. Nur eine kleine Anmerkung zur letzteren Band: Dass die den Ska "mit niederbayerischen Texten verzieren", mag ich nicht glauben. Eichstätt liegt nämlich, obzwar nördlich der Donau, in Oberbayern, und der dortige Dialekt klingt schon leicht angefränkelt, weil der nächste größere Ort, das nordwestlich davon gelegene und nur 25 Kilometer entfernte Weißenburg, bereits zu Mittelfranken gehört. Ich werd's ja wohl wissen, schließlich bin ich dort geboren und aufgewachsen, aber mit zwanzig endgültig abgehauen. Glück gehabt, wie so oft in meinem Leben.
Küppersbusch?
Nö, heute nicht, iss mir zu verquast.
Psychopathin mit Cayal und Schmiere im Haar
"Werbepause" heißt ein unregelmäßig erscheinender Zweispalter auf der zweiten tazzwei Seite. FRA (vermutlich Arno Frank) macht sich über die Werbung der Espresso-Marke Lavazza her, wo ein ziemlich nacktes Model - sie hat ein Fell über Rücken und Hintern drapiert - sich auf allen Vieren über ganz nackte Babys beugt, von denen eines sehnsüchtig nach ihren Brüsten schaut. Das Model hält eine Espresso-Tasse ins Bild, im Hintergrund ist das Colosseum von Rom zu sehen. Klar, Anspielung auf Romulus und Remus. Ich fand's witzig, als ich das Poster zum ersten Mal an der Trambahnhaltestelle in der Ismaningerstraße gesehen habe. Dem taz-Schreiber gefällt die Werbung überhaupt nicht. Na ja, iss Geschmacksache. Nicht Geschmacksache ist der Kraftausdruck für das Model, dass hier zur "Psychopathin mit zu viel Cayal um die Augen und Schmiere im Haar" wird. Was soll denn, bitte schön, "psychopathisch" an ihr sein? Das viele Cayal um die Augen? Oder die Schmiere im Haar? Na, lieber FRA, ich glaub, da hamse sich schwer vergaloppiert, wenn Sie sich mal das 14 Zentimeter entfernte Foto in der Seitenmitte unten ansehen: Schmiere im Haar macht noch keinen zum Psychopathen.
meinung und diskussion
Wo sind sie nur geblieben, "The Boys of Summer"? Letzteres ist ein Songtitel von Don Henley, aber ich meine damit die neoliberalen Dummbeutel aus den "arbeitgebernahen" Wirtschaftsinstituten, die in den heißen Monaten des Jahres auf der Meinungsseite so stark vertreten waren? Nicht dass ich das Evangelium des allmächtigen Marktes vermisse, dass sie gepredigt haben. Aber anscheinend hat die verantwortliche Redakteurin ein Einsehen gehabt. Nur so ist es zu erklären, dass ein Mann wie Robert Kurz zu Wort kommt, der von den Reparaturmaßnahmen an unserem verfehlten Wirtschaftssystem ähnlich wenig hält wie der Autor dieser Zeilen (siehe die Litanei von gestern). Kurz bestätigt den von mir erwähnten fiktiven Charakter der "Rettungspakete": "Wenn aber dasEnde der defizitären Weltkonjunktur die Steuereinnahmen abschmilzt, der Staatskredit den einbrechenden Warenabsatz auffangen soll und gleichzeitig die astronomischen Sanierungskosten des Finanzsystems anfallen, ist der Kollaps der Staatsfinanzen programmiert. Die Staatsillusion ist nur die Fortsetzung der Kreditblasenillusion." Yesssir! Und Robert Kurz, der Mann aus Nürnberg, Autor von "Schwarzbuch Kapitalismus" und Herausgeber von "Marx lesen!", schließt: "Der Kapitalismus scheitert an seinen eigenen Kriterien. Politisches business as usual war gestern. Das wird sich spätestens dann herumsprechen, wenn die Krise in den Alltag der postmodernen Ich-AG-Menschen durchbricht." Dort ist sie bis heute nicht angekommen, wie ich der Spalte "Berichtigung" auf der Kulturseite entnehmen: "Der verantwortliche Redakteur (...) war am Samstagnachmittag in der Friedrichstraße. Die Leute shoppen wie bescheuert." Ich mag das Wort zwar nicht, aber vielleicht ist es zur Unterscheidung von "einkaufen" ganz nützlich: Das wäre dann zutreffend wenn Dinge erworben werden, die der Mensch benötigt. Nur: Wo ist die Grenze, und wer bestimmt Notwendigkeit? Die Schwierigkeit war schon Oscar Wilde bewusst: "Ich kann auf alles verzichten, nur nicht auf Luxus."
17. Dezember 2008
Heute mit Gastauftritt: Eric Hoffer
Von Ersatzwerten können wir nie genug bekommen
Eric Hoffer, 1902 als Sohn eines Tischlers in Bronx (New York) geboren, ist der Prototyp des Autodidakten amerikanischer Prägung. Als Kind fast völlig erblindet, begann er, nachdem er mit 15 Jahren sein Augenlicht wiedererlangt hatte, heißhungrig und wahllos alles ihm nur Erreichbare an Gedrucktem in englischer und in deutscher Sprache zu lesen. Nach dem Tod seines Vaters stellte er sich auf eigene Füße und zog, getrieben von seiner Abneigung gegen New York, seinem Widerwillen gegen jegliche Form von Fabrikarbeit und seinem unbändigen Freiheitsdrang, jahrelang als Wander- und Gelegenheitsarbeiter und Goldsucher durch Kalifornien.
Die Millionen von Einwanderern, die nach dem Bürgerkrieg an unseren Küsten an Land gesetzt wurden, waren einer ungeheuren Veränderung unterworfen, und das war für sie eine in hohem Maß irritierende und schmerzliche Erfahrung. Nicht nur wurden sie, sozusagen über Nacht, in eine ihnen völlig fremde Welt gebracht, sondern sie wurden zum größten Teil auch aus der Wärme des Gemeinschaftslebens einer kleinen Stadt oder eines Dorfes irgendwo in Europa herausgerissen und der Kälte und bedrückenden Isolation einer Einzelexistenz ausgesetzt. Sie waren im vollsten Sinne des Wortes Nichtangepaßte und ideale Objekte für eine revolutionäre Explosion. Aber ihnen stand ein ausgedehnter Kontinent als Betätigungsfeld zur Verfügung; es gab geradezu phantastische Möglichkeiten, aus eigener Kraft vorwärtszukommen, und sie lebten in einem Milieu, in dem Selbstvertrauen und individueller Unternehmungsgeist in hohem Ansehen standen. Also stürzten sich diese Einwanderer, die aus stagnierenden Kleinstädten und Dörfern in Europa stammten, in einen hektischen Tatendrang. Sie zähmten und meisterten in unglaublich kurzer Zeit den ganzen Kontinent, und die Nachwirkungen dieses hektischen Tatendrangs sind heute noch zu spüren. Die Situation ist allerdings anders, wenn einer Bevölkerung, die einer drastischen Veränderung unterworfen ist, nur geringe Möglichkeiten zur Verwirklichung ihres Tatendrangs offenstehen oder wenn sie weder die Fähigkeit noch die Gelegenheit hat, durch individuelle Unternehmungen zu Selbstvertrauen und Selbstachtung zu gelangen. In diesem Fall richtet sich das Verlangen nach Selbstvertrauen, Bewährung und innerer Ausgewogenheit auf die Gewinnung von Ersatzwerten. Der Ersatz für Selbstvertrauen ist der Glaube, der Ersatz für Selbstachtung der Stolz und der Ersatz für persönliche innere Ausgewogenheit die Verschmelzung mit anderen zu einer festgefügten Gruppe.
Daß dieses Sich-Ausrichten auf Ersatzwerte Konflikte mit sich bringt, muß nicht besonders betont werden. Ein Ersatzwert wirkt sozusagen im "Chemismus" unserer Seele fast immer explosiv, und sei es nur aus dem einen Grunde, daß wir von ihm niemals genug bekommen können. Was wir besitzen wollen, das sind begründetes Selbstvertrauen und berechtigte Selbstachtung. Wenn wir die Originalwerte nicht erlangen, dann können wir von den Ersatzwerten niemals genug bekommen. Wir begnügen uns mit maßvollem Selbstvertrauen und einem vernünftigen Maß von guter Meinung über uns selbst, aber der Glaube, den wir in eine heilige Sache investieren, muß immer außergewöhnlich und kompromißlos sein, und der Stolz, den wir daraus ableiten, daß wir uns mit einer Nation, einer Rasse, einer führenden Persönlichkeit oder einer Partei identifizieren, überschreitet immer jedes vernünftige Maß. Die Tatsache, daß ein Ersatzwert niemals zu einem organischen Bestandteil unseres Ich werden kann, verleitet uns nur dazu, ihn um so leidenschaftlicher und intoleranter zu verfechten.
(aus: Eric Hoffer, Die Angst vor dem Neuen. Freiheit als Herausforderung und Aufgabe, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1986)
18. Dezember 2008
Und ewig ruft die Ungke von Bangkok
Niemand nervt mich in der taz zur Zeit mehr als Nicola Glass, die Korrespondentin in Bangkok. Die Frau arbeitet auch für diverse Hörfunksender, Deutschland-Radio zum Beispiel, und ihre Berichterstattung kommt immer auf die gleiche Weise rüber, egal was passiert: Die Thais kriegen es politisch nicht auf die Reihe, machen alles falsch, und es wird noch viel schlimmer. Dienstag: "Doch sollten im neuen Kabinett tatsächlich Überläufer aus der alten Regierungsriege sitzen, dürfte die PAD nicht lange stillhalten. Der Machtkampf in Thailand wird weiter gehen. Beobachter rechnen zudem mit wütenden Protesten enttäuschter Thaksin-Anhänger." Wie gesagt, immer das gleiche, mal warnt sie vor Bürgerkrieg, mal haut sie die außerparlamentarische Opposition von der PAD in die Pfanne, nennt sie verächtlich "Protestler". Grundsätzlich legt sie ihre eigene tendenziöse Meinung irgendwelchen nicht näher bezeichneten "Beobachtern" in den Mund, oder kolportiert ohne Quellenangabe munter drauf los: "In den vergangenen Tagen wurden etliche Politiker dabei beobachtet, wie sie Thailands Armeechef Anupong Paochinda einen Besuch abstatteten." (Welche Politiker? Von wem wurden sie beoachtet? Das ist einfach schlechter Journalismus - keine Namen, keine Beweise.) Die PAD - das sind die Leute, die die Flughäfen besetzt hatten - hält Glass deshalb für konservativ, weil sie dem neoliberalen Errungenschaften der Globalisierung skeptisch gegenüberstehen. Das klingt dann so: "Hinter der PAD standen weite Teile der konservativen Elite Thailands - darunter Militärs, Technokraten, Geldadel, Mittelschicht und auch Teile der Demokratischen Partei, die jetzt als Nutznießerin aus dem Chaos hervorgeht." Wenn es konservativ ist, gegen eine korrupte Regierung auf die Straße zu gehen und Flughäfen zu besetzen, und dann auch noch vom höchsten Gericht des Landes unterstützt und bestätigt zu werden - da kann ich nur sagen: Solche Konservative lass ich mir gefallen. Für das, was Nicola Glass betreibt, gibt es ein treffliches Wort: Stimmungsmache.
"Matthew Yglesias is shrill
And also right." Das schreibt Paul Krugman, der diesjährige Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften und großer Fan von John Maynard Keynes, in seinem Blog. Ich weiß nicht, wer Matthew Yglesias ist (ich werd's rausfinden), aber Krugman hält seine Ansicht über die Politik von George Bush und den Krieg im Irak für schrill, aber richtig. Das meint Yglesias: "Die harte Wirklichkeit ist, dass es kein edles Unterfangen war, das aus guten Gründen durchgeführt wurde. Es war ein kriminelles Unternehmen, das von Verrückten in Gang gesetzt und von einem Chor von Narren und Feiglingen beifällig unterstützt wurde. Und so wird es von nahezu jedem auf der Welt gesehen - darunter von der arabischen Welt, aber nicht nur von dieser." Und Krugman fährt fort: "Im Moment gibt es große Anstrengungen, den Wahnsinn und die Schändlichkeit der Bush-Jahre - und die Feigheit derer, die sie ermöglicht haben - ins Loch des Vergessens zu spülen. Wir sollten nicht zulassen, dass diese Anstrengungen Erfolg haben. Es ist eine Tatsache, dass ein amerikanischer Präsident das Land mit Absicht irregeführt hat, um einen Krieg zu beginnen, wahrscheinlich, um politischer Vorteile willen - und der größte Teil der Elite dieses Landes hat die Gaunerei fröhlich unterstützt." Amen.
Die taz-Kulturseiten vom Dienstag: Sechsmal Nö
Sechs Beiträge, zwei davon haben mich interessiert - der über den Buddenbrooks-Film von Dirk Knipphals, und der über die Römerausgrabungen. Die hab ich dann gelesen, den über Troja hab ich auch probiert. Bei allen sechs Beiträgen steht jetzt mit Kugelschreiber am Rand: Nö.
Johannes Heesters ging nicht nur ins Maxim
Interessiert es wirklich jemanden, ob Johannes Heesters Dachau nur besucht oder dort auch noch gesungen hat? Und was der 105-Jährige über Hitler sagt? Und warum steht das in allen Zeitungen? Und weshalb schreibt Philipp Gessler eine halbe Seite darüber in der taz? Fragen über Fragen. Und das ist sein letzter Satz: "Gesegnet ist, wer lange leben darf. Aber manchmal entscheiden sich auch lange Leben ganz schnell. An einem einzigen Tag." Grübel, grübel. Ist das jetzt ein literarischer Schluss oder schlicht ein großer Schmarren?
Steinmeiers humanitäre Einsätze
Vor ein paar Tagen hat Frank-Walter Steinmeier den Bundeswehreinsatz gegen die Piraten vor der Küste Somalias damit begründet, man müsse die Lebensmittellieferungen für die notleidende Bevölkerung schützen. Und die BND-Agenten, die den Amis in Bagdad zu Beginn des Irak-Kriegs bereitwillig geholfen haben, waren aus "humanitären Gründen" im Einsatz. Veit Medick fragt Christian Ströbele, ob er das glaubt, und der antwortet: "Nein, das ist absoluter Unsinn und wird schon durch die Ausschussakten eindeutig widerlegt." SPD-Steinmeier scheint mir ein gewohnheitsmäßiger Lügner zu sein.
Schwäbisches Ausland - tvF!*
Der taz-Auslandskorrespondent Ingo Arzt, der aus Schwaben berichtet, schickt eine ganz feine Reportage zum Thema Stuttgart und Mercedes-Benz und die Menschen und Stuttgart und Umgebung. Der Mann ist gut. Wie gut, das merkt man erst, wenn er mal mehr Auslauf kriegt und ne halbe Seite vollschreiben darf.
*taz vom Feinsten
Titelzeile des Tages
"2009 wird eventuell unter Umständen vielleicht niemand entlassen"
Messerstecher
Ist eigentlich schon mal jemandem aufgefallen, dass keineswegs er- und bewiesen ist, dass das Attentat auf den Polizeichef von Passau irgendetwas mit der NPD zu tun hat? Es könnte doch jemand gewesen sein, der gar nicht parteilich gebunden oder beeinflusst ist, ein freischwebender Rechter, der die NPD möglicherweise gar nicht ausstehen kann. Weshalb kocht da jetzt jeder aufrechte CSU-Mensch gleich ein Parteisüppchen? Wieso steht das für alle Medien fest, dass der Täter der verhassten NPD angehört - alle Medien, gleichgeschaltet, wie üblich, die taz mittendrin. Das sind so die Meerschweinchenreflexe im deutschen Blätterwald.
Mittwoch- Kulturseiten: Einmal Marx, dreimal Ja
Gleich drei Mal erfreut hat mich die Dienstag so verödete taz-Kultur am gestrigen Mittwoch. Aus dem Karl-Marx-Artikel von Robert Misik möchte ich etwas länger zitieren, in der Annahme, dass er's mir nicht übel nimmt: "Wie hätte er gelacht über die Fantasieökonomie der Neoliberalen, die uns vor zehn Jahren mit ihrer Formel für die 'krisenfreie Ökonomie' kamen, und nichts als Spott hätte er übrig für diejenigen, die bis gestern noch hofften, der Krach der Finanzmärkte würde keine Auswirkungen auf die 'Realökonomie' haben. Wie das läuft mit Kreditaufblähung, wie die gesamte Geschäftswelt von 'solchem Schwindel ergriffen' werden kann, bis die Panik einsetzt und sich imKrach ein 'allgemeines Rette sich wer kann" durchsetzt, das kann man sehr schön im Dritten Band des Kapitals nachlesen." Da hat Misik recht, und daran erinnern kann man nicht oft genug, weil es ja immer wieder Dummköpfe gibt, die tatsächlich glauben, Karl Marx sei "mit dem Zusammenbruch der DDR endgültig widerlegt". Keine Ahnung, wo ich den Unfug dieser Tage gelesen habe. In der taz?
50 Monde des Saturn
Vorbildlich: Marcus Woeller, der von einer Ausstellung in Turin berichtet, die den schönen Titel "50 lune di saturno" trägt. So geht Kunstjournalismus, womit ich das bezeichnen möchte, was Journalisten eben über Kunst schreiben. Das klingt engagiert, informativ, ein Schreiber, der rüberbringt, dass er sein Thema verstanden hat und mit dem Herzen dabei ist. Schön auch die Formulierung über Donald Urquhardts Installationen: "Für den Schotten bestehen melancholische Gefühle aus der Gleichzeitigkeit von Traurigkeit und Trägheit, die höchstens mit Ironie überwunden werden kann." Und auch die Ansicht Victor Hugos bringt er unter, der Melancholie bezeichnet hat als "das Vergnügen, traurig zu sein".
Das dritte Ja
Noch ein ausgezeichneter Artikel im Kulturressort, hochinteressant, sorgfältig recherchiert von Franziska Seng, die ebenfalls ihr Thema souverän im Griff hat: fanfiction.com. Da verbringen junge Menschen (Mindestalter zum Mitmachen: 13 Jahre) viele Stunden lesend und schreibend vor dem Computer und verfolgen eine einfache Grundidee. Sie schreiben ihre Lieblingsbücher und -geschichten um, geben der Handlung eine andere Wendung, führen andere Personen ein, und lassen ihrer Phantasie freien Auslauf. Sehr schön, davon habe ich noch nie gehört, weshalb ich mich bei der Autorin und der Redaktion bedanken muss. Interessant sind die Reaktionen der umgeschriebenen und ergänzten Autoren: Annie Proulx ist verärgert, weil ihr dauernd "verbesserte" Versionen ihrer Geschichten zugeschickt werden, Anne Rice will gerichtlich dagegen vorgehen, Joanne Rowling fühlt sich geschmeichelt, "dass Harry Potter andere zum Schreiben inspiriere". Wenn da niemand kommerzielle Interessen verfolgt, hat sie nichts dagegen. Das passt, denn sonst schicken sie und ihre Verlage sofort eine ganze Schar von Anwälten los, wie schon so mancher Trittbrettfahrer auf dem Erfolgszug von Harry Potter erfahren musste.
Noch ein Treffer: LobbyPlanet Berlin
Schön, was Ulrike Winkelmann da auf tazzwei vorstellt: Ein kleines Buch von lobbycontrol.de mit dem Titel "LobbyPlanet Berlin". Dabei handelt es sich um einen Stadtführer, auf dem der Sitz und die Adressen der einflussreichsten Interessenvertreter rund um Reichstag und Kanzleramt verzeichnet sind. Das nenne ich Aufklärung! Und wenn es um die Grauzonen geht, die zwar stinken, aber nicht per Gesetz auszuräuchern sind, stehen selbstverständlich SPD-Genossen ganz oben auf der Liste (CDU-und FDP-Mitglieder selbstverständlich auch, aber bei denen erwartet ja keiner was anderes, hm?). So erwähnt Winkelmann den Hamburger Sozialdemokraten Johannes Kahrs, der sich seinen Wahlkampf 2005 von der Rüstungsindustrie sponsern ließ, und sie vergisst auch nicht, Gerhard "Gazprom" Schröder und seine anrüchige Pipeline-Geschichte zu erwähnen. Und weil sie sich im Bereich Gesundheitswesen nicht nur aus beruflichen Gründen bestens auskennt, erfährt der taz-Leser auch noch, was "LobbyPlanet Berlin" nicht aufgenommen hat: Dass nämlich "die CDU-Gesundheitspolitikerin Annette Widmann-Mauz ein bleibendes Kapitel Politikgeschichte geschrieben hat, als sie in den 2003er Reformverhandlungen die Position der CDU dadurch vertrat, dass sie schlicht von einem Fax der Kassenärztlichen Bundesvereinigung ablas." Tja, man will ja für sein Geld nichts Falsches sagen. Das Buch hat 168 Seiten, kostet 7,50 Euro plus Porto und kann bestellt werden bei www.lobbycontrol.de
Schuh-Mann des Jahres
Muntadar al-Zaidi
Augen zu - CDU: Auto-Angie will jetzt schneller betonieren lassen
Diese Merkel-Kanzlerin regiert doch wirklich nach der Devise: Weiter so - was hundert Jahre richtig war, kann doch wegen so nem bisschen Erderwärmung, Klimawandel und Wirtschaftskrise nicht auf einmal falsch sein. Ich zitiere eine taz-Meldung von dpa und afp: "Eine wichtige Maßnahme des zweiten Konjunkturpakets soll die stärkere Förderung des Straßenbaus sein. Die Ministerpräsidenten der Länder sollten jetzt ihre bereits fertig geplanten Straßenprojekte zusammenstellen, damit Bau oder Sanierung 'im frühen Frühjahr' beginnen könnten, so Merkel. Es müsse auch überlegt werden, ob die Projektausschreibung verkürzt werden kann." Mit anderen Worten: Schneller betonieren, und alles wird gut. Dass mehr Straßen mehr Verkehr erzeugen, weiß inzwischen jedes Kind, aber auf die Idee, Bahnstrecken auszubauen, damit die Leute auf dem Land nicht mehr von Autos abhängig sind, kommt Merkel anscheinend nicht. Da würden ihr die Autobosse und Matthias Wissmann wohl auch ganz schnell aufs Dach steigen. Denn Politik in Deutschland heißt immer Politik für die Autokonzerne. Weiter so, der Planet muss doch zu ruinieren sein.
Wenn das letzte Lebewesen wegen uns gestorben ist, wie poetisch wäre es doch, wenn die Erde dann mit einer Stimme, die vielleicht vom Boden des Grand Canyon aufsteigt, sagen könnte: «Es ist vollbracht.» Den Menschen hat es hier nicht gefallen.
- Kurt Vonnegut
20. Dezember 2008
zur taz vom 18. Dezember
Die Wahrheit: Satirisch? Nö, dumm und dusslig
Wie wohlfeil und witzlos, wie wenig überraschend, wie vorhersehbar und reflexhaft, wie gar nicht mutig kommt das saublöde Rumgepöbel gegen Religion im Allgemeinen auf der Wahrheitseite daher. Christen, Muslime, Buddhisten werden immer wieder mit pubertären Sprüchen bedacht, Juden aus nachvollziehbaren Gründen ausgespart (dabei wäre es doch ein Zeichen von Normalisierung, wenn man auch über das Judentum herzhaft herziehen würde). Diesmal geht's wohl gegen Katholen, denn Italien, Polen, Spanien und USA sind laut Umfrage der Bertelsmann-Stfitung die "religiösesten Länder". Der Senf, den die taz-Wahrheitsredaktion dazugibt: "Wenn man sich diese Spitzenliste anschaut, dann fällt allerdings auf, dass die religiösesten Länder auch die beschissensten Länder sind." Überschrift: "Fromm und dumm". taz macht dumm. Dabei wäre es viel sinnvoller, sich über die Wirtschaftsreligion der Bertelsmann-Stiftung herzumachen, denn die ist heutzutage gefährlicher als jede andere Religion.
Guter Titel, blöder Text
Den Film "Operation Walküre" (über das Attentat von Graf Stauffenberg, mit Tom Cruise) im Titel als "Bendlerblockbuster" zu bezeichnen, war doch recht kreativ getextet. Die anschließende Filmkritik von Cristina Nord schwankt zwischen bescheuert und unfreiwllig komisch. Zuerst darf gelacht werden: Der Regisseur Bryan Singer hat nicht einfach Regie geführt, nein, viel komplizierter: Seine "mise en scène bewegt sich dabei auf beiden Seiten, auf der der Opfer wie auf der der Henker; sie blickt mit den Augen des von Tom Cruise gespielten Claus Schenk Graf von Stauffenbergs in die Gewehrläufe, und, umgekehrt, mit den Augen der Schützen auf den, den zu töten sie im Begriff sind." Nun weiß ich nicht, wie viele Augen eine mise en scène hat, mit denen sie blickt, aber ich weiß, dass Stauffenberg nur eines hatte. Außerdem erfahre ich noch, dass der Regisseur "dabei großen Wert auf Suspense" legt (wäre ja noch schöner, wenn er einfach einen spannenden Film gedreht hätte), und darf am Schluss lesen: "Hierzulande zehren Regisseure und Produzenten noch von der Gravitas des Themas; Singer macht sich davon frei, indem er unverhohlen auf Entertainment setzt." Seither grüble ich darüber nach, wie jemand von der "Gravitas" eines Themas "zehren" kann. Bisher bin ich zu keinem Ergebnis gekommen. Außer, dass auf den Kulturseiten der taz häufig intellektuell aufgeplusterter Blödsinn abgedruckt wird, mit dem rgendwelche entfremdeten Wortklingler Eindruck schinden wollen.
Germslang-Asylanträge für die deutsche Sprache: Wollen wir sie reinlassen?
gebookmarkt (Kultur, Seite 15)
Flipchart (Brennpunkt, Seite 4)
Zitat
"Wir geben Geld aus, das wir nicht haben, um Dinge zu kaufen, die wir nicht brauchen." Klaus Töpfer
Martin Unfried zitiert Töpfer in seiner Ökosex-Kolumne, und weil ich die sowieso klasse finde, sei hier noch auf das Video "Weihnachten ohne Atom" hingewiesen, dass Unfried auf seine Webseite www.oekosex.eu gestellt hat. Klaus Töpfer erinnert mich an ein anderes Zitat, dessen Herkunft mir entfallen ist. Es ging in etwa so: "Die meisten Leute verschulden sich über beide Ohren, um sich Dinge anzuschaffen, mit denen sie Leute beeindrucken wollen, die sie nicht leiden können."
Baustopp für alle Autobahnen!
Ach was, doch nicht bei uns in Deutschland, hier wird kräftig weiterbetoniert. Früher diente das der Schaffung von Arbeitsplätzen, seit neuestem dient es der Behebung der Wirtschaftskrise. Aber es geht auch anders, und weil es in jeder Hinsicht naheliegend ist, sei das Beispiel aus Michael Cramers Beitrag auf der Meinungsseite zitiert: "Die Schweiz hat der EU gezeigt, wie die Verlagerung des Verkehrs von der Straße auf die Schiene gelingen kann. Die Straßenmaut ist dort vier mal so hoch wie in Deutschland und gilt dort auf allen Straßen und für alle LKWs. Die Einnahmen daraus werden in die Modernisierung der Schienenwege investiert - und in die Lärmreduzierung von Güterwagen. Damit die Effekte dieser Milliardeninvestition nicht verpuffen, wurde für alle quer durch die Alpen verlaufenden Autobahnen ein Baustopp verfügt." Michael Cramer, grüner Europaabgeordneter, weiß auch, wie es im Land der Autobauer gehandhabt wird, und nennt die realen Kosten für den Transport auf der Straße (von der verminderten Lebensqualität ganz zu schweigen): "Den 12 Milliarden Euro, die allein in Deutschland jedes Jahr anfallen, stehen gerade einmal 3,3 Milliarden Euro an Einnahmen aus der Lkw-Maut gegenüber. Den Rest zahlen die Steuerzahler, Sozialversicherungssysteme und nicht zuletzt die Umwelt." Angela Merkel weiß das (zumindest sollte sie es wissen) und setzt weiterhin auf Komplizenschaft mit den Autokonzernen. Und trotzdem - oder deshalb? - liefert sie sich auf der Beliebtheitsskala der politischen Klasse an vorderster Stelle ein Kopf-an-Kopf-Rennen - mit Franz-Walter Schweinsäuglein von der SPD. Was für ein Land, das einig Autoland.
Schuh-bi-duh
Unser Schuh-Mann des Jahres, Muntadar al-Saidi, hat zu einer ganzen Serie von Internetspielen angeregt, bei denen man mit einem Schuh werfen und George Bush treffen muss. Gar nicht so einfach, denn der duckt sich reaktionsschnell weg. Hier zwei Adressen, die ich der taz-Seite 2 entnehme: www.sockandawe.com bushbash.flashgressive.de
WWM* (von web.de)
Der richtige Moment
Zeit für den ersten Kuss? Oder einen Quickie? Wir sagen Ihnen, wie Männer den richtigen Moment erkennen und wann sie bei der Angebeteten mit mehr rechnen können.
* Die wirklich wichtige Meldung
Aus der Werkstatt
Über die Freitagstaz schreibe ich vielleicht morgen noch was. Gestern bin ich nicht zum Lesen gekommen, weil erst der Klaus und die Luna mit blinkendem Halsband ankamen (braucht sie als pechschwarzer Hund in diesen kurzen Tagen - morgen ist Wintersonnenwende, hallelujah!). Und dann tauchte der Axel auf, und weil im Paradiso letzter Tag vor den Weihnachtsbetriebsferien war, hat der Saavas Ouzo verteilt, und so haben wir uns festgetrunken, und uns über das vorweihnachliche Klassentreffen amüsiert, lauter ältere Mädels um die sechzig, die alle gleich aussahen und an einer langen Tafel aufgereiht saßen. Die sind mit zunehmendem Weingenuss immer lauter und fröhlicher geworden, und waren noch heftig am Picheln, als wir uns kurz nach neun mit vier Kellerbier, einem kleinen Hellen und drei Ouzo auf den Heimweg gemacht haben. Gottseidank konnte ich der Versuchung widerstehen, mal wieder dumm-beschwipste Bemerkungen bei diversen Bloggern zu hinterlassen (ich hoffe es wenigstens). Wird höchste Zeit, dass die Tage wieder länger werden, iss eh dauernd dunkelgrau da draußen. Schöne Tage allerseits!
21. Dezember 2008
Wintersonnenwende
Und damit fängt der Winter an, rein astronomisch gesehen: Heute ist auf der Nordhalbkugel der kürzeste Tag, die längste Nacht. Ab morgen nimmt das Licht wieder zu, was nichts dran ändert, dass bis zum 21. März der Winter herrscht. Also warm anziehen, noch besser: zu Hause bleiben, wenn man denn ein gemütliches hat, und im Sessel oder auf dem Sofa lesen und Tee oder Rotwein trinken.
Ich baue meinem Herzen ein Grab, damit es ruhen möge, ich spinne mich ein, weil überall Winter ist, in sel'gen Erinnerungen hüll ich vor dem Sturme mich ein. - Friedrich Hölderlin
Aber denken Sie dabei immer an die Warnung von Hermann Hesse: "Nur nicht matt werden, sonst kommt man unters Rad."
Was die langen Winterabende und die Welt unter der Leselampe betrifft, hier ein kleiner Tipp: Wer glaubt, schon alles zu kennen, und annimmt, dass ihn nichts mehr erschüttern kann, dem empfehle ich ganz dringend und von Herzen, Jean Paul zu lesen. Dafür setze ich hier den ersten Link für den Teil 1 von "Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht", und hier den zweiten für Teil 2. Es ist nicht zu fassen! Goethe meinte, Jean Paul sei das "personifizierte Alpdrücken der Zeit. Man schätzt ihn bald zu hoch, bald zu tief, und niemand weiß das wunderliche Wesen recht anzufassen." Schiller fügte an, Jean Paul sei "fremd wie einer, der aus dem Mond gefallen ist." Hehehe. zur taz vom Freitag, 19. 12.
Unken
Ach, da freut sich der tazblog-Schreiber, wenn der Wahrheit-Redakteur sich hier die Anregungen holt. Auch wenn ich die letzte taz-Seite ja häufig seeehr kritisch angehe (besonders am Dienstag, Sie wissen schon, "Das geheime Tagebuch ..." - es ist un-säg-lich). Jedenfalls ergeht sich Michael Ringel zum Thema "Unken", einer "Disziplin", in der "die Deutschen absolute Weltklasse" sind. Ich bin fast sicher, dass er durch meine "Ungke von Bangkok" dazu angeregt wurde. (Kleiner Tipp: Bettina Gaus ist auf dem besten Wege, Nicola Glass als Oberunke abzulösen. In der Samtag-taz schreibt Gaus: "Guantanamo zu schließen ist ein bedeutendes Signal. Aber auch nicht mehr". Was wäre denn mehr gewesen? Kuba versenken?)
Hoher ÜQ*
Seitenweise Theater im Kulturteil, seitenweise Gelaber im Kulturteil.
* Überflüssigkeitsquotient auf der nach oben offenen Entbehrlichkeitsskala
Gott bewahre
Da hat sich Veit Medick auf der Meinungsseite zum Thema Frank-Walter Schweinsäuglein, gelinde gesagt, etwas vergaloppiert. Dass Steinmeier gewohnheitsmäßig lügt, hab ich hier ja schon festgehalten (CIA-Flüge, Kurnaz). Und viel zu wenig wird daran erinnert, dass er für den Niedergang der SPD ebenso Verantwortung trägt wie für die Indianerisierung weiter Teile der deutschen Bevölkerung ("Agenda 2010" genannt). Und wenn er jetzt behauptet, die BND-Agenten in Bagdad hätten "humanitäre Aufgaben" erfüllt, "kann man schlicht nur den Kopf schütteln", meint Medick, und fügt noch an: "Statt das historische Nein zum Irakkrieg zu retten, setzt er die Bedeutung der Entscheidung aufs Spiel. Und seine Kanzlerschaft." Nanana, welche Kanzlerschaft denn? Bittschön! Bloß kein Teufel an die Wand schreiben.
Chávez hatte recht!
Man erinnert sich? Als Angela "Autobahn" Merkel Lateinamerika besucht hat, stattete sie den erklärten Sozialisten Hugo Chávez und Evo Morales demonstrativ keinen Besuch ab. Chávez sprach dann vom historischen Hintergrund der CDU und erklärte, sie gehe auf Parteien zurück, die Hitler an die Macht gebracht haben. Das ist so scharf wie richtig beobachtet, wenn man sich die Ereignisse des Jahres 1933 anschaut. Damit, dass Merkel jetzt als Ausweg aus der "Wirtschaftskrise" den Bau von Autobahnen propagiert, stellt sie sich ebenfalls in eine deutsche Tradition. Trotzdem bin ich sicher: In 30 Jahren wird niemand sagen, Angela Merkel war ja nicht nur schlecht, immerhin hat sie das Autobahnnetz erweitert. Unsere Nachfahren werden ihr eher ankreiden, dass sie während ihrer Amtszeit eine astreine Lobbypolitik für die Energiekonzerne und die Autoindustrie durchgesetzt und den Umstieg des Personen- und Güterverkehrs auf die Bahn versäumt hat. Nur um es zu wiederholen: Wenn wir dafür sorgen wollen, dass dieser Planet weiterhin für Menschen und Säugetiere bewohnbar bleibt, müssen wir jetzt damit aufhören, Kohle und Erdöl zu verbrennen. Und wir müssen ein Wirtschaftssystem schaffen, dass nicht von der menschlichen Habgier angetrieben wird: Auf einem endlichen Planeten ist kein unendliches Wachstum möglich, und es darf nicht jeder so reich werden, wie er will.
die taz vom Wochenende
Ich werde mein Licht nicht unter den Scheffel stellen
Das ist ein schöner Vorsatz, und er steht auf dem Kalenderblatt für den 2. April, das der Künstler Gerhard Blum in die erste Seite des ganz wunderbar gestalteten tazmags eingesetzt hat. Dazu der Satz von Coco Chanel: "Um unersetzlich zu werden, muss man immer anders sein." Da geh ich jetzt einfach mal von der Annahme aus, dass Individualismus Voraussetzung eines selbstbestimten Lebens ist, die Entdeckung, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg auf einem Gelände finden muss, in dem vor ihm keiner unterwegs war. Oh Mann, das klingt jetzt wie die Adventsansprache, aber das hab ich noch aus dem Kapitel über Krishnamurti in dem Bio-Roman "Alles Wugg!" im Kopf (s. Werbung hier auf dieser Seite ganz unten). Der indische Philosophenmeister hat das so ausgedrückt: "Ich wünsche keine Anhänger und meine es wirklich so. Sowie jemand einem anderen nachfolgt, hört er auf, der Wahrheit zu folgen.“ Und weiter: "Ich behaupte, dass die Wahrheit ein pfadloses Land ist und dass es keine Pfade gibt, die zu ihr hinführen – keine Religionen, keine Sekten. Das ist mein Standpunkt, den ich absolut und bedingungslos vertrete. Die Wahrheit ist grenzenlos, sie kann nicht konditioniert, sie kann nicht auf vorgegebenen Wegen erreicht und daher auch nicht organisiert werden. Deshalb sollten keine Organisationen gegründet werden, die die Menschen auf einen bestimmten Pfad führen oder nötigen. Wenn ihr das einmal verstanden habt, werdet ihr einsehen, dass es vollkommen unmöglich ist, einen Glauben zu organisieren. Der Glaube ist eine absolut individuelle Angelegenheit und man kann und darf ihn nicht in Organisationen pressen.“
In Wahrheit ...
... ist Ecuador kein "mittelamerikanisches Land", auch wenn das auf der Wahrheit-Seite behauptet wird. Ecuador wird im Allgemeinen zu Südamerika gezählt. Aber seeehr schön finde ich die Gemeinschaftsarbeit von Arno Frank, Carola Rönneburg, Michael Ringel und Corinna Stegemann mit den "schönsten Anekdoten über den sympathischen Hawaiianer Barack Obama". Ein Beispiel? Ja, ein Beispiel: "An einem besonders frostigen Wintertag in Chikago holte sich Barack Obama in einer zugigen Sozialwohnung einen garstigen Schnupfen. Tagelang lief ihm die Nase, und zusehends frustriert sagte er zu seiner Gemahlin Michelle: "Schatz, ich kann einfach die Taschentücher nicht finden!" - "Yes, you can!", antwortete Michelle schlagfertig. Obama beschloss, sich diesen Satz zu merken. Die Taschentücher fand er übrigens im Küchenschrank.
3 1/2 Seiten Kultur? Nö.
3 1/2 Seiten sind an diesem Wochenende 3 1/2 Seiten zu viel. Und dann noch ein Foto von diesem Widerling Helmut Markwort, der in einem Film dieses Widerlings Till Schweiger mitspielt, und der heißt noch passenderweise "1 1/2 Ritter". Ich nehm einfach mal an, Markwort spielt den halben. Steil!
Auf tazzwei erinnert FRA an den römischen Feldherrn Pompeius, der die Aufgabe hatte, die Piraten im Mittelmeer zu bekämpfen. Warum FRA daran erinnert? Weil die Römer anscheinend mehr davon verstanden als unsere zeitgenössischen Befürworter von Marineeinsätzen: "Pompeius beschränkte sich nicht aufs Versenken, sondern griff die Nester der Piraten an Land an - um die Seeräuber umzusiedeln und ihnen anderswo eine solide Existenzgrundlage zu gewähren. Nach nur drei Monaten war die Plage erledigt - und wäre es auch heute wieder, ließe man Somalia nicht lieber in dem 'rechtlosen Zustand' verhungern, in dem es sich befindet." Yessss!
Adventsgeschichte
Sie erinnern sich? Adventsgeschichten - von Sibylle Berg, Jochen Lottmann, Uli Hanemann, und jetzt noch als Geschenk zum vierten eine Geschichte von Detlef Kuhlbrodt mit dem Titel "Weil das Licht so doof ist". Um es mal so zu sagen: Ich sach mall, die iss irgendwie schon ganz okeh, die Geschichte, sach ich mall."
"Egal, was geschieht"
Der Kommentar von Hilal Sezgin am 17. Dezember iss mir auch aufgefallen. Sie vertrat die Auffassung, dass "wir Deutsche" kein Recht hätten, die israelische Regierung zu kritisieren, "egal, was geschieht". Aber weil ich schon des Öfteren kundgetan habe, was ich von der Politik der israelischen Regierung halte, bin ich hier nicht weiter drauf eingegangen. Ich überlasse es der Leserin Manuela Kunkel aus Stuttgart: "Menschenrechte sind unteilbar und gelten deshalb in gleichem Maße für Palästinenser. Unsere Geschichte verpflichtet uns, die Menschenrechte zu verteidigen und nicht gerade in diesem Fall deshalb zu schweigen. Es ist peinlich und auch erschreckend feige, sich auf eine spezielle deutsche Schweigepflicht zu berufen und in dieser Weise Unrechtspolitik zu unterstützen - 'egal, was geschieht'!?
Noch ein Fan von Keynes
Aha, jetzt kommt's dick auf der Meinungsseite. Im Sommer hab ich mir die Finger wund getippt, weil ich ständig den Blödsinn der neoliberalen Schwätzer vorgesetzt bekommen habe. Nachdem sich jetzt der Propagandanebel der Neokonservativen verzogen hat, darf endlich auch mal der taz-Redakteur Tarik Ahmia zu Wort kommen. Und siehe da: Er ist ein Fan von John Maynard Keynes (Sie wissen schon, der Typ, der eine russische Tänzerin geheiratet hat!). Ahmia formuliert zunächst meine eigenen Erkenntnisse nach einem Semester Volkswirtschaft: "Die historische und gesellschaftliche Funktion der Neoklassik geht daher im Kern nicht über eine Rechtfertigung des Kapitalismus hinaus." Genau das passierte an der Münchner Uni 1967 im Fach Volkswirtschaft. Ich hab das Studium abgebrochen und bin zu den Politikwissenschaftlern gewechselt, denn da gab's noch Eric Voegelin. Ja, und Tarik Ahmia bekennt sich zu Keynes: "Es bedurfte des intellektuellen Urknalls durch den britischen Ökonomen John Maynard Keynes, der 1936 als erster etablierter Ökonom plausibel darlegte, wieso ein marktwirtschaftliches System keineswegs von selbst einen Gleichgewichtszustand anstrebt. Und er erklärte, wieso der Staat gerade in Krisenzeiten eine aktive Rolle übernehmen muss, wenn ein wirtschaftlicher Abschwung nicht in einer Katastrophe enden soll. Keynes wurde mit seinen Erkenntnissen zum Galileo der Nationalökonomie." Das sagt im Übrigen auch Paul Krugman, und das sagen auch die Berater von Barack Obama, und das sagt er selbst. Und auch Auto-Angie scheint sich den Einsichten der Keynesianer nicht länger verschließen zu wollen. Womit sich tatsächlich ein Paradigmenwechsel abzeichnet, eine Änderung der Grundannahmen in der kapitalistischen Wirtschaftspolitik (keine Sorge, hier geht es um Reparaturen am System, nicht um die Abschaffung). Wer das immer noch nicht kapiert hat, sind die Journalisten bei SZ, Zeit, Spiegel und die Meute in den Fachzeitschriften und Wirtschaftsforschungsinstituten, und die Betondeppen von INSM*, die seit Anfang der neunziger Jahre das Marktevangelium verbreiten.
-------------------------------------------------------Kommentar Die INSM (Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft) wird vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall mit jährlich 12 Miliionen Euro unterstützt. Dafür predigen sie die Umverteilung des gesellschaftlich erarbeiteten Volksvermögens von unten nach oben - das "Soziale" soll ganz wegfallen bei der "Neuen Marktwirtschaft". Und solche Leute unterstützen den Propagandaverein (Zitat von der Website):
"Glückwunsch! INSM-Berater Professor Dieter Lenzen ist 'Hochschulmanager des Jahres' INSM-Berater Professor Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität Berlin, hat die FU erfolgreich zur Exzellenzhochschule ausgebaut. Dafür zeichnen ihn das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) und die Financial Times Deutschland nun als Hochschulmanager des Jahres aus. Gegner haben Lenzen für sein klares Leistungsbekenntnis als 'Kapitalist' beschimpft. Doch unbeirrt von Angriffen und Widrigkeiten hat er den 'Turnaround' an der FU hin zu besser Hochschulbildung geschafft, schreibt die Financial Times zur Preisverleihung."
Tja, "besser Hochschulbildung" (sic)! Hauptsache, er hat den "Turnaround" geschafft. Die Umkehr? Gab's vorher schon mal "Hochschulmanager"?
WWM* (von web.de)
"Sex dient nicht dem Vergnügen"
Maya Gräfin von Schönburg-Glauchau unterstützt die erzkonservativen Äußerungen ihre Schwester Fürstin Gloria von Thurn und Taxis.
* Wirklich Wichtige Meldung
Mein neuer Nachbar
In den Verkaufskästen vor dem Rewe-Markt guck ich mir samstags immer die Titelseiten des Münchner Zeitungsangebotes an. Nö, zum Kaufen animiert hat mich keines der Blätter, schon gar nicht der Altpapierstapel der SZ am Wochenende. Aber von Bild habe ich erfahren, dass Christian Klar "schon morgen" mein Nachbar sein könnte. Da hab ich beruhigt meinen Einkaufsbeutel mit Saft und Milch und Kaffee und Nürnberger Rostbratwürsten und Kartoffeln und Pestosauce nach Hause geschleppt. Geregnet hat's auch noch.
Morgen ist voraussichtlich Pause hier, aber ich melde mich bestimmt noch mal, bevor ich Mittwoch ins Geburtsstädtchen bahnfahre.
23. Dezember 2008
Hetzen gegen Hetzer oder: Werden wie der Gegner
Die Berichterstattung der taz zum Messerattentat auf den Passauer Polizeichef stinkt zum Himmel. Da werden alle Grundsätze des seriösen Journalismus über Bord geworfen, und Vermutungen weitergegeben, als wären es gesicherte Erkenntnisse. Hetze zu Hetze. Bis heute steht nicht fest, ob der Attentäter eine Verbindung zur NPD hat, und trotzdem richten sich die Schlagzeilen auf Seite eins zum dritten Mal seit dem Anschlag gegen die NPD. Wer so wird, wie der Feind, den er bekämpft, kann sich den Kampf sparen. Die Schlagzeile der taz am Montag: "NPD droht Mannichl". Unterzeile: "Die rechtsextreme Partei kündigt auf ihrer Homepage eine Klage gegen den Passauer Poliziechef an. Die Partei stilisiert sich nach dem Anschlag in Passau als Opfer einer Kampagne gegen rechts SEITE 4". Na, denkt der unbedarfte Zeitungsleser (ich): Da hat sie ja wohl recht, die Partei, und die taz mischt kräftig mit bei der Kampagne. Unterlegt ist die Schlagzeile mit dem Foto eines schmucklosen Hauses, an der Wand ein Schild "NPD Parteizentrale". Unter dem Foto bleibt noch Platz für den Tageskommentar mit dem Titel: "Die Nazis und der Bayernmythos". Kleingedruckt weist die Bildunterschrift darauf hin, was auf dem großformatigen Foto zu sehen ist: "NPD Parteizentrale in Berlin-Köpenick". So viel zum "Bayernmythos". Das ist einfach schlechter Journalismus, Schublade ganz unten, wo "B" wie "Boulevard" draufsteht. Aber gucken wir doch mal, weshalb die NPD eine Klage ankündigt, schlagen wir die Seite 4 auf. Und da steht, zitiert aus der NPD-Homepage: "Die NPD wird jeden im Visier halten, der mit rechtlich fragwürdigen Mitteln ihre Tätigkeit behindert. Herr Mannichl wird mit Gerichtsverfahren rechnen müssen, wenn er Recht und Gesetz vergisst." Aus dieser banalen Aussage bastelt die taz dann die Schlagzeile auf Seite eins. Banal? Aber sicher: Muss nicht jeder mit Gerichtsverfahren rechnen, der Recht und Gesetz vergisst? Und was diese Aktion mit der Reichsfahne im Grab betrifft: Als das zum ersten Mal als Meldung in der taz stand, dass ein Staatsanwalt in Passau eine Hakenkreuzflagge ausgraben ließ, die jemand einem Sarg hinterhergeworfen hat, stand das hier im tazblog mit einem fassungslosen Kurzkommentar unter der Überschrift "Neues aus Absurdistan". Was mir auf den Geist geht: Dieses hirnlose, wohlfeile Eingedresche auf die NPD. Die taz nimmt sie wichtiger, als sie ist, und stellt ihr ein Forum zur Verfügung, das sie nicht hätte, wenn man Nebensächlichkeiten wie diese einfach ignorieren würde. Wem nützt es, wenn man aus einer Website rechtes Gedankengut zitiert und die dummen Sprüche auf Seite eins der taz groß rausstellt? Kleiner Tipp: Macht doch mal eine Schlagzeile auf Seite eins über "Achtung: tazblog!". Von mir aus könnt ihr aus dem Ruanda-Dossier (da oben, über dem Obama-Sneaker) eine Meldung machen, oder dass ich die Thailand-Korrespondentin "Die Ungke von Bangkok" genannt habe. Find ich beides interessanter als eure wechselseitige Onanie mit den Neonazis. Und wie's der Zufall so will, höre ich gerade - 23. 12., 14 Uhr - in den Nachrichten: "Das unter dem Verdacht der Beihilfe zum Mordversuch am Passauer Polizeichef Mannichl verhaftete Ehepaar wird freigelassen. Der Verdacht habe nicht aufrechterhalten werden können, teilte die Polizei mit. Das Paar soll im Laufe des Tages aus der Untersuchungshaft entlassen werden."
Das verfluchte Ferment - Neues vom Ozonloch
Gastkommentar von Jean Paul
Ich hätte vielleicht zum schönen Tage noch den Nachsommer einer herrlichen Nachmitternacht erlebt, hätte mich nicht der Teufel über Lichtenbergs neunten Band, und zwar auf die 206te Seite geführet, wo dieses steht: »Es wäre doch möglich, daß einmal unsere Chemiker auf ein Mittel gerieten, unsere Luft plötzlich zu zersetzen durch eine Art von Ferment. So könnte die Welt untergehen.« Ach, ja wahrlich! Da die Erdkugel in der größern Luftkugel eingekapselt steckt: so erfinde bloß ein chemischer Spitzbube auf irgendeiner fernsten Spitzbubeninsel oder in Neuholland ein Zersetz-Mittel für die Luft, dem ähnlich, was etwa ein Feuerfunke für einen Pulverkarren ist: in wenig Stunden packt mich und uns in Flätz der ungeheuere herschnaubende Weltsturm bei der Gurgel, mein Atemholen und dergleichen ist in der Erstick-Luft vorbei und alles überhaupt – Die Erde ist ein großer Rabenstein mit Galgen geworden, wo sogar das Vieh krepieret – Wurm- und Wanzenmittel, Bradleysche Ameisenpflüge und Rattenpulver und Wolfstreiben und Viehsterbekassen sind im Welt-Schwaden, im Welt-Sterb dann nicht sonderlich mehr vonnöten, und der Teufel hat alles geholt in der Bartholomäus-Nacht, wo man das verfluchte »Ferment« zufällig erfunden.
Jean Paul, Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz mit fortgehenden Noten; nebst Der Beichte des Teufels bei einem Staatsmanne. Bayreuth, 1807, S. 65/66
24. Dezember 2008
26. Dezember 2008
Festtagsbraten
Schon zwei Tage vor Weihnachten, also am 23. Dezember, kam ein Aperitif zum Festtagsbraten in der taz. Offenbar gab es ja für Fernsehgeschädigte und Zeit-Leser Berichte über Helmut Schmidt-Neunzig in Überdosis, aber davon hab ich in meiner Dachstube wenig mitgekriegt. Und jetzt, zweiter Feiertag, nachdem die Ente vom nördlichen Lehel verdaut ist (mit Knödel und Blaukraut, wie es sich gehört) fielen mir zwei Beiträge in der Dienstags-taz auf, die ich nicht ganz unerwähnt zum Altpapier geben will. Da war zum Einen der brillante kleine Artikel mit der Überschrift "Danke, Schmidt..." von Deniz Yücel. In fünf Kapitelchen führt er vor, was man diesseits von Satire an einfachen Wahrheiten über den "Altkanzler" komisch finden kann. Da steckt sehr viel Information und Wissen um Zusammenhänge drin, sehr viel gesunder Menschenverstand, und so kam ein erhellendes Stückchen Zeitgeschichte anhand der öffentlichen Person dieses Hamburger Alphamännchens heraus. Chapeau, I take my hat off, ich zieh den Hut. Hätt ich gern selbst geschrieben, hehehe.
Nazigrusel, und wie sich die taz dran aufgeilt
Schade, dass taz-Redakteure die Zeitung nicht lesen, für die sie schreiben, sonst hätte Klaus Hillenbrand die Maschinen stoppen lassen und seinen Kommentar vom 24. Dezember schnell gelöscht und ersetzen lassen. Oder mit etwas Inspiration versetzt und neu geschrieben.Aber nein, er veröffentlicht seine inspirationsfreie, vorhersehbare Bürgermeinung einen Tag nach Burkhard Schröders ach so zutreffendem Kommentar auf der Meinungsseite vom 23. 12. 2008. Hier ein Zitat von Schröder, dessen Sprache ich nicht unbedingt nachahmenswert finde, der aber zu dem richtigen Schluss kommt, dass man Ideen nicht bekämpfen kann (worauf ich schon mal im Zusammenhang mit diesen Thor-Steinar-Klamottenläden hingewiesen habe), "indem man deren Symbole beschlagnahmt oder sogar Hakenkreuzfahnen aus Gräbern ausbuddeln lässt." Wer das meint, so Schröder, "hat nichts begriffen, ist sich aber des kostenlosen Beifalls der schlicht strukturierten öffentlichen Meinung gewiss." Schlicht strukturiert ist gut. Genauso kommen mir diese eilfertigen taz-Redakteure immer vor, die sich vor allem im Inlands-Ressort tummeln. Mit einfachen und -fältigen, schnell von der Stange gekauften Meinungen geben sie irgendwelchen anderen Einfaltspinseln, die zufällig rechtsgestrickt sind, die Ehre der Aufmerksamkeit. Und kommen sich dabei auch noch wie aufrechte Kämpfer für das Gute und Richtige vor. So wie Andreas Speit, der sich daran beömmelt, dass "am Freitag 40 Nationalisten" in Dortmund Handzettel verteilt haben. Die FDGO scheint in großer Gefahr zu sein. Die braven Fernsehzuschauer und CSU-Anhänger aus Fürstenfeld haben die Zeichen der Zeit erkannt: Wir brauchen wieder Lichterketten.
Frohe Tage und ein langes Leben
... wünsche ich Helmut Höge. Sein Artikel über die Glühbirne in der Ausgabe vom 24. 12. ist der einzige, den ich erwähnenswert finde. Dass die Glühbirne auf der Feuerwache von Livermore "seit 1901 brannte und immer noch brennt", war mir neu. Und ebenso die Geschichte des Glühbirnenkartells, dass die Beschränkung auf 1000 Stunden Lebensdauer durchgesetzt hat. Weshalb ich von der Existenz der Glühbirnenforschung bei der taz nichts mitbekommen habe? Da waren so illustre Köpfe wie Höge, Mathias Bröckers, Helmut Salzinger, Kurt Rudolf Mirow, Erich Fried und Dieter Binninger beteiligt. Aber vielleicht haben die gerade in den Jahren geforscht und veröffentlicht, als ich die taz abbestellt hatte (im Zug der Auseinandersetzung um Wiglaf Drostes Pornoseite, als es so aussah, als hätten in Zukunft die Klaus Hartungs dieser Welt das Sagen bei der "alternativen" Tageszeitung). Schön der Schluss von Höges Artikel, den er Thomas Pynchon überlässt, der über Byron, die unsterbliche Glühbirne, schrieb: "Byron ist verdammt, bis in alle Ewigkeit weiterzuexistieren, wissend um die Wahrheit und doch machtlos, etwas zu verändern." 27. Dezember 2008
Frohe Weihnachten: "Keine Alternative" zum Massenmord an Palästinsern
"Das israelische Grenzland, das innerhalb der vergangenen sieben Tage Ziel von über 200 Kassam- und Grad-Raketen geworden war, wurde von der Armee in den Ausnahmezustand versetzt." Was auch immer das heißen mag. Nach letzten Meldungen hat die israelische Armee am heutigen 27. Dezember 200 Palästinenser ermordet: "Israels Außenministerin Tzipi Livni erklärte am Nachmittag, ihr Land könne nicht anders auf den Raketenbeschuss der Hamas reagieren als mit dieser Militäroperation: 'Israel erwartet die Unterstützung und das Verständnis der internationalen Gemeinschaft.' Diese habe zu verstehen, dass dies die Übersetzung des Rechts Israels sei, sich selbst zu verteidigen, so Livni weiter. 'Es gibt keine andere Alternative und wir tun, was wir tun müssen, um unsere Bürger zu verteidigen.'" Die "internationale Gemeinschaft habe zu verstehen". Diese Propagandameldung bringt tagesschau.de heute zu den Kriegsverbrechen in Palästina. "Es gibt keine Alternative" - das ist die Bankrotterklärung der israelischen Regierung. Sie verübt - seit Jahren und heute schon wieder - Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Und wir gucken zu, als ob es uns nichts angeht, kümmern uns lieber um Verbrechen, die vor 70 Jahren geschehen sind. Jeder, der jetzt nichts sagt und tut, wird schuldig. Wer zählt die Raketen der Palästinenser? Angeblich waren es 200, und ganz offensichtlich wurde niemand dabei verletzt oder getötet. Diese "Raketen" sind nichts anderes als Symbole, Feuerwerkskörper, die so gut wie nie Menschen verletzen, abgeschossen von Palästinensern, die in ihrer Verzweiflung die Welt auf das Unrecht aufmerksam machen wollen, das ihnen seit Jahrzehnten angetan wird. Und darauf antwortet dieses verbrecherische Regime in Israel, indem es ohne Gerichtsverhandlung 200 Menschen umbringt, die nichts anderes getan haben, als an einem Ort zu leben, an dem eine demokratisch gewählte Regierung herrscht, die den Mördern in Israel nicht passt. Wer nach den seit Jahrzehnten von Regierungsseite begangenen Verbrechen den israelischen Staat der Gegenwart nicht mit allen publizistischen Mitteln bekämpft, die ihm zur Verfügung stehen, wird zum Komplizen dieser Verbrecher. Livni und ihre Gang müssen vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag, dazu ihr Unterstützer George Bush und seine Revolverbraut Condoleezza Rice. Hitler war gestern. Heute haben wir es mit Kriegsverbrechern zu tun, die jüdischen Glaubens sind - zumindest benützen sie ihn, um ihre Untaten zu rechtfertigen. Ob das jüdisch ist? Ich hab da meine Zweifel. Aber ganz ohne Zweifel ist es verbrecherisch.
Gerechtigkeit an Weihnachten
Das aufregendste Interview in der Weihnachtsbeilage (zum 24. 12. gab es exakt 24 Seiten Gespräche mit überwiegend langweiligen Leuten über "Gerechtigkeit") steuerte ausgerechnet Georg Blume aus Peking bei: Der 49-jährige Wang Hui zeigt sehr deutlich, wie weit die chinesische Soziologie der deutschen voraus ist. Der Mann kennt die abendländische Philosophie so gut wie die chinesische, und hat auch noch den religiösen Durchblick in Bezug auf Tibet. Klassetyp! Und als Gegensatz dazu führt Thilo Knott ein unfassbar ödes Interview mit dem unfassbar öden Rainer Forst, der als "Philosoph, Frankfurter Schule" vorgestellt wird. Nun kann man einiges gegen die "Frankfurter Schule" einwenden, aber solche Epigonen wie Forst hat sie nicht verdient (aber vielleicht waren solche Nullinger bereits im Werk von Horkheimer und Adorno angelegt). Es geht dabei nur noch um akademische Onanie. Diese festangestellten "Philosophen" hat schon Friedrich Nietzsche bis zum Umarmen des Pferdes in Turin bekämpft. Die Sprache von Rainer Forst ist selbst die Krankheit, die sie zu heilen vorgibt. Der Kerl spuckt Substantive wie ein Maschinengewehr und stellt mit jedem Satz seine Entfremdung vom menschlichen Lebensgrund aus. Diese Art von Soziologie ist Herrschaftswissen, wird zum Helfershelfer des neuen Feudalismus, den Forst beklagt. Wer glaubt, mit einer solchen Sprache irgendetwas verändern, gar zum Besseren verändern zu können, glaubt auch an den Klapperstorch. Lieber keine Philosophie als diese Art von Wichserei. Da lobe ich mir Daniel Theweleits Gespräch mit dem Stuttgarter Fußballtrainer Bruno Labbadia. Im Vergleich zu dem "Philosophen" Rainer Frost hat Labbadia alle Kerzen auf dem Christbaum. Und eine Extraportion gesunden Menschenverstand. Wie kann man nur so viel Arbeit in so ein ödes Stück Weihnachtsbeilage investieren? Ganz großer Mist - und dabei bin ich auf die unsäglichsten Interviews gar nicht eingegangen: "Merkel ist eine Wasserträgerin" (Heike-Melba Fendel), "Ich war immer auf der Seite der Hexen" (Konstantin "Ich bin geläutert" Wecker), und ein Interview mit einem "Lottoexperten", dessen Namen zu nennen ich ihm hier nicht die Ehre antun werde. Das ist Schielen nach dem untersten Leserniveau, mit dem Tiefgang eines Aschenbechers. Issja Weihnachten. Oder Fasching. 28. Dezember 2008
tazmag: Kuba
Da gibt's wenig dran auszusetzen, an dem Sammelthema zu "50 Jahre kubanische Revolution". (Auch die Seite eins der Wochenend-taz ist klasse, mit einem grandiosen Castro-Porträtfoto, auf dem er schräg nach oben blickt und die taz titelt: "War ich gut?" Seeehr schön.) Klassefotos auch im tazmag von Jordis Antonia Schlösser!!! Die Artikel wiegen locker ein halbes Dutzend Berichte der üblichen Korrespondenten-Dödelei aus Kuba auf. Etwas überschätzt und hochneurotisch kommt mir die gefeierte Bloggerin Yoani Sánchez vor. Was will die Frau eigentlich? Glaubt sie, dass Prostitution Zeichen für missglückten Sozialismus ist? Heh, wach auf!
Harold Pinters "bizarrer Antiamerikanismus"
Am Heiligen Abend ist Harold Pinter gestorben. Und als wäre das nicht genug Anlass zur Trauer, wird er in der taz auch noch zerlegt. Jörg Sundermeier glaubt, er müsse Pinter trennen in den brillanten Dramatiker einerseits, und den etwas ausgerasteten politischen Menschen andererseits: "Er (Pinter) verurteilte das Nato-Bombardement auf Serbien, ebenso den Krieg in Afghanistan und Irak und steigerte sich dabei in einen fast bizarren Antiamerikanismus." Der bizarre Antiamerikanismus sah so aus: "Wie jeder der hier Anwesenden weiß, lautete die Rechtfertigung für die Invasion des Irak, Saddam Hussein verfüge über ein hoch gefährliches Arsenal an Massenvernichtungswaffen, von denen einige binnen 45 Minuten abgefeuert werden könnten, mit verheerender Wirkung. Man versicherte uns, dies sei wahr. Es war nicht die Wahrheit. Man erzählte uns, der Irak unterhalte Beziehungen zu al-Qaida und trage Mitverantwortung für die Gräuel in New York am 11. September 2001. Man versicherte uns, dies sei wahr. Es war nicht die Wahrheit. Man erzählte uns, der Irak bedrohe die Sicherheit der Welt. Man versicherte uns es sei wahr. Es war nicht die Wahrheit. Die Wahrheit sieht völlig anders aus. Die Wahrheit hat damit zu tun, wie die Vereinigten Staaten ihre Rolle in der Welt auffassen und wie sie sie verkörpern wollen." Solche Sätze als "bizarren Antiamerikanismus" zu bezeichnen, ist üble Nachrede. Doch Sundermeier treibt's noch toller: "Hinter seinen Ausfällen litt sein literarisches Ansehen, gleichwohl aber war und ist Pinters dramatische Kunst eine Bereicherung für das Theater der Welt." Geht's noch herablassender? "Gleichwohl ... eine Bereicherung für das Theater"? Und sonst nichts? Wo, bei wem litt denn "sein literarisches Ansehen"? Bei weltfernen Literaturkritikern wie Sundermeier, für die ein guter Dichter ein unpolitischer zu sein hat? In bildungsbürgerlichen Kreisen, die jede Kritik an der Bush-Regierung als "Antiamerikanismus" diffamiert haben? Denen jeder verdächtig ist, der hinter der planmäßigen Verdummung nach der Wahrheit sucht? Die vor nichts größere Angst haben, als vor Schriftstellern, die über ihre Kunst hinausdenken, ihr Recht als Bürger wahrnehmen und sich mit der Politik der Herrschenden kritisch auseinandersetzen. Am besten, der Künstler bleibt in seinem Elfenbeinturm, von wo aus er den Literaturkritikern dieser Welt jovial zuwinkt und sich augenzwinkernd über die Kulturpreise freut, mit denen er überschüttet wird. Hier noch ein paar Beispiele für Harold Pinters "bizarren Antiamerikanismus: "Jeder weiß, was in der Sowjetunion und in ganz Osteuropa während der Nachkriegszeit passierte: die systematische Brutalität, die weit verbreiteten Gräueltaten, die rücksichtslose Unterdrückung eigenständigen Denkens. All dies ist ausführlich dokumentiert und belegt worden. Aber ich behaupte hier, dass die Verbrechen der USA im selben Zeitraum nur oberflächlich protokolliert, geschweige denn dokumentiert, geschweige denn eingestanden, geschweige denn überhaupt als Verbrechen wahrgenommen worden sind. Ich glaube, dass dies benannt werden muss, und dass die Wahrheit beträchtlichen Einfluss darauf hat, wo die Welt jetzt steht." Pinter geht noch weiter mit seinem "bizarren Antiamerikanismus": "Nach dem Ende des 2. Weltkriegs unterstützten die Vereinigten Staaten jede rechtsgerichtete Militärdiktatur auf der Welt, und in vielen Fällen brachten sie sie erst hervor. Ich verweise auf Indonesien, Griechenland, Uruguay, Brasilien, Paraguay, Haiti, die Türkei, die Philippinen, Guatemala, El Salvador und natürlich Chile. Die Schrecken, die Amerika Chile 1973 zufügte, können nie gesühnt und nie verziehen werden. In diesen Ländern hat es Hunderttausende von Toten gegeben. Hat es sie wirklich gegeben? Und sind sie wirklich alle der US-Außenpolitik zuzuschreiben? Die Antwort lautet ja, es hat sie gegeben, und sie sind der amerikanischen Außenpolitik zuzuschreiben. Aber davon weiß man natürlich nichts." Pinter war noch längst nicht fertig, in jenen Herbsttagen des Jahres 2005, als er schwer krank zu Hause saß und die Nobelpreisrede verfasste, die am 7. Dezember in seiner Abwesenheit verlesen wurde: "Die Invasion des Irak war ein Banditenakt, ein Akt von unverhohlenem Staatsterrorismus, der die absolute Verachtung des Prinzips von internationalem Recht demonstrierte. Die Invasion war ein willkürlicher Militäreinsatz, ausgelöst durch einen ganzen Berg von Lügen und die üble Manipulation der Medien und somit der Öffentlichkeit; ein Akt zur Konsolidierung der militärischen und ökonomischen Kontrolle Amerikas im mittleren Osten unter der Maske der Befreiung, letztes Mittel, nachdem alle anderen Rechtfertigungen sich nicht hatten rechtfertigen lassen. Eine beeindruckende Demonstration einer Militärmacht, die für den Tod und die Verstümmelung abertausender Unschuldiger verantwortlich ist. Wir haben dem irakischen Volk Folter, Splitterbomben, abgereichertes Uran, zahllose, willkürliche Mordtaten, Elend, Erniedrigung und Tod gebracht und nennen es 'dem mittleren Osten Freiheit und Demokratie bringen'." Und dann schrieb er auch noch ein paar Zeilen zu seiner Rolle als Schriftsteller: "Das Leben eines Schriftstellers ist ein äußerst verletzliches, fast schutzloses Dasein. Darüber muss man keine Tränen vergießen. Der Schriftsteller trifft seine Wahl und hält daran fest. Es stimmt jedoch, dass man allen Winden ausgesetzt ist, und einige sind wirklich eisig. Man ist auf sich allein gestellt, in exponierter Lage. Man findet keine Zuflucht, keine Deckung – es sei denn, man lügt – in diesem Fall hat man sich natürlich selber in Deckung gebracht und ist, so ließe sich argumentieren, Politiker geworden." Und Harold Pinter, gestorben am 24. Dezember 2008, schließt seine Nobelpreisrede mit den Worten: "Ich glaube, dass den existierenden, kolossalen Widrigkeiten zum Trotz die unerschrockene, unbeirrbare, heftige intellektuelle Entschlossenheit, als Bürger die wirkliche Wahrheit unseres Lebens und unserer Gesellschaften zu bestimmen, eine ausschlaggebende Verpflichtung darstellt, die uns allen zufällt. Sie ist in der Tat zwingend notwendig. Wenn sich diese Entschlossenheit nicht in unserer politischen Vision verkörpert, bleiben wir bar jeder Hoffnung, das wiederherzustellen, was wir schon fast verloren haben – die Würde des Menschen."
(Die Zitate sind alle © 2005 Die Nobelstiftung. Den gesamten Text der Rede finden sie hier). Mein Verkehrsminister spricht
"Künftig prüft der Bund nicht mehr mit hohem Aufwand, ob eine Weiche erneuert werden muss - entscheidend ist, ob die Züge schneller sind."
Wolfgang Tiefensee wünscht Ihnen eine gute Fahrt!
WWM* (von web.de)
Comeback der Supermodels
Linda Evangelista wirbt für Prada, Claudia Schiffer für Chanel und Dolce & Gabbana. Warum die Damen so gefragt sind und was das für kommende Modetrends heißt.
* Wirklich Wichtige Meldungen
30. 12. 2008
Der israelische Amoklauf
... geht weiter. Ein sehr informativer Artikel auf Seite 3 von Silke Mertins ragt über die gewohnte Israelberichterstattung hinaus. So weit die gute Nachricht. Selbstverständlich lässt sich die isrsaelische Regierung auf keine Appelle (des UN-Generalsekretärs zum Beispiel) ein, und zieht den lange geplanten Feldzug durch, Proteste zwecklos. Wie sehr sich die Äußerungen gleichen: Etwa zur selben Zeit, als Angela Merkel "alleine die Hamas" für den Krieg verantwortlich gemacht hat, gab Condoleezza Rice von sich, dass die USA "Hamas für den Bruch des Waffenstillstands und die erneute Gewalt in Gaza verantwortlich" halten. Das hat eine gewisse Logik: Hätten die Palästinenser nicht 1947 zufällig in dieser Weltgegend gelebt, wären die Israelis nicht gezwungen gewesen, sie zu vertreiben. Geradezu rührend finde ich das Porträt des Generalstabschefs der israelischen Armee, der dem taz-Leser von Beate Seel menschlich näher gebracht wird. "Meine größte Befürchtung ist der Verlust der Menschlichkeit bei der andauernden Kriegsführung", sagt der Oberschlächter. Und Seel versichert uns, dass es sich um einen richtig guten Soldaten handelt, der da das Töten befiehlt: "Als der Bau der Mauer auf der Tagesordnung stand, setzte er sich dafür ein, diese möflichst entlang der 'grünen Linie' zu errichten, um die Auswirkungen auf die Palästinenser nicht unnötig zu verstärken." Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: "... nicht unnötig zu verstärken." Der kommt mir vor wie Leute, die sich dafür einsetzen, Ferkel vor dem Kastrieren zu betäuben.
Speckgürtelpsychologie
"Und so kam es, dass der frisch gebackene Moralist Augustinus derart von Gewissensbissen gezwickt wurde, dass er gar nicht anders konnte, als seine Schuldgefühle auf den Geschlechtsakt und die mit ihm verbundenen gottlosen Begierden zu projizieren. Unter den Folgen leiden wir noch heute, 1.600 Jahre später."
taz-Autorin Anja Maier über das Abendland
Strom verkaufen = Geld drucken
Gewinne von Eon, RWE, Vattenfall und EnBW im Jahr 2002: 6,4 Milliarden Euro Gewinne von Eon, RWE, Vattenfall und EnBW im Jahr 2007: 19,5 Milliarden Gesamtgewinne von 2002 bis 2007: 80 Milliarden Euro Gewinn von Eon 2007: 10,5 Milliarden Atomkraft, ja bitte!
Lesen? Nein, danke
Ach, wenn sie doch wenigstens ihr eigenes Blättchen lesen würden, die taz-Redakteure und -innen - Sie erinnern sich, so habe ich schon mehrmals geklagt hier im tazblog. Und was sage ich? Die Dödel lesen nicht mal die Beiträge ihrer Kollegen, für die sie Titel texten sollen! Ulrike Herrmann schreibt über Dachfonds, geschlossene Fonds und Aktienkauf im Allgemeinen, um dem Leser die Abgeltungssteuer und die Reaktionen der Banken darauf zu verklickern. Am Ende heißt es: "Die Abgeltungssteuer ist eine Gewinnsteuer. Vermeiden lässt sie sich nur, indem man keinen Gewinn macht." Überschrift auf der Seite "brennpunkt": "Bester Trick: Gewinne machen".
Wer jetzt kein Haus hat ...
"Was nützt ein Haus, wenn du keinen erträglichen Planeten hast, auf den du es stellen kannst?" Henry David Thoreau
29. Dezember 2008
Meldung, tagesschau.de
"Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht die alleinige Schuld an der neuen Eskalation bei der radikal-islamischen Hamas. In einem Telefonat mit Israels Ministerpräsident Ehud Olmert äußerte sich Merkel besorgt über die andauernde militärische Auseinandersetzung, wie Vize-Regierungssprecher Thomas Steg mitteilte. Zugleich forderte sie eine politische Lösung. Merkel und Olmert seien sich aber einig gewesen, der Gewalt im Nahen Osten dass die Verantwortung für die jüngste Entwicklung 'eindeutig und ausschließlich' bei der Hamas liege."
Möge sie der Blitz beim Scheißen treffen.
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