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06.01.2009 15:11:58

1. August 2008

Bundesfeier

Heute begeht die Schweiz ihren Nationalfeiertag, die Bundesfeier. Da wehen überall die farbvertauschten helvetischen Rotkreuzfahnen, auf den Bergen brennen frohgemut die Holzfeuer, und jeder Schweizer mobilisiert seinen patriotischen Kern, dass es einem ganz rotweiß vor Augen wird. Machen Sie mit! Werden Sie heute Schweizer! Das geht ganz einfach: Schneiden Sie das unten eingeblendete Emaille-Schild aus und schrauben Sie es an ihrer Auto-, Haus- oder Wohnungstür fest (dazu brauchen Sie nur vier einfache Schrauben, die hier nicht im Lieferumfang inbegriffen sind).

Ein herzhaftes Grüezi beisammen! Hopp Schwyz!

Die Linke - gibt's nicht in der taz

Da druckt die taz auf der Seite 6, "inland", oben vier Kurzmeldungen. Zwei davon sind aus unterschiedlichen Gründen erwähnenswert. In der Meldung über eine Umfrage in Bayern heißt es, dass die CSU auf 48 Prozent kommt. Und dann: "Nach einer Infratest-dimap-Umfrage erhielte die SPD 22 Prozent, wären am Sonntag Landtagswahlen. Die Grünen liegen bei 9 Prozent, die FDP bei 8. (afp)". Aus, Schluss.
Ich frage mich selbstverständlich, wo die Linke bleibt. Von der steht da nichts, und das nicht aus Platzgründen: Eine halbe Zeile ist noch frei.
Ein Versehen? Nein, das hat Methode bei der taz.

Neues aus Absurdistan

Überschrift: Aus Grab geholt. Meldung: "Nach der Beerdigung eines Passauer Rechtsextremisten hat die Staatsanwaltschaft eine verbotene Hakenkreuzfahne aus seinem Grab sichergestellt. Ein Polizist beobachtete während der Beerdigung am Samstag, wie der NPD-Aktivist Wulff die Flagge auf den Sarg geworfen habe. Daraufhin wurde das Grab  gestern geöffnet. (dpa)"
Kommentar
2. August 2008

Ganzseitig Boulevard

Ob da wieder jemand "Verrat" schreit? Oder sieht die genossenschaftlich organisierte taz kein Problem mehr, ganzseitige Farbanzeigen von wem auch immer zu drucken? Um damit den Vierfarbdruck der taz-Eigenanzeigen in der Wochenendausgabe zu finanzieren? Und die Autorenhonorare anzuheben? Und die Redakteursgehälter? Iss jedenfalls ne gutgemachte Anzeige, die von Vanity Fair. Die Zeitschrift scheint sich nach dem Abgang von Ulf Poschardt ja ganz gut als Stern für jüngere Menschen etabliert zu haben. Falls es Sie interessiert, ob ich mir die für 2 Euro kaufe: Nö. Ob mich die Themen interessieren würden, wenn Vanity Fair umsonst angeboten würde? "Barack Obama war ein willder Student (verrät sein Professor)"? Nö. "Caroline von Monaco muss ..." Interessiert mich nicht mal bis zum Ende der Titelzeile, was die muss. "Sylvia van der Vaart ..." da will ich gar nichts drüber wissen, nicht mal ob oder was die muss. Und das süße Mädel mit dem Strohhut und dem Rippenunterhemdchen über den Winztittchen heißt Sienna Miller und ist "Verliebt in die Liebe".
Nein, ich glaub, da würde ich lieber beim Zahnarzt zum Fenster raus- und den weißen Wolken nachschauen. Obwohl ich früher solche Zeitschriften gerade deswegen gemocht habe, weil sie so herrlich überflüssig sind.

Entweder oder

So heißt die Vierseitenbeilage vom Journalistennachwuchs, der, unterstützt von der der taz und der Werbeagentur Scholz & Friends, eine Probe seines Könnens in die Blattmitte einlegen durfte. Und niemand war da, der den Nachwacnsenden gesagt hat, dass es keineswegs revolutionär ist, die Spalten einer Zeitung schräg zu stellen, sondern unfreundlich dem Leser gegenüber: Das Layout ist große Scheiße.

"Spaghetti sind gelb"

Ha? Das soll das Fazit einer Wissenschaftsautorin sein, die sich eine ganze Seite lang über Synästhetiker auslässt? Nein, das soll wohl ein Scherz sein. Oder ein Hinweis,  dass Synästhetiker Menschen sind wie du und ich, nur anders. Synästhesie, so habe ich mitbekommen, nennt der wissenschaftlich tätige Mensch eine besondere Form der Wahrnehmung, die etwas abseits dessen liegt, was der gemeinhin als Normalmensch bezeichnete wahrnimmt. Schön an dem flüssig und verständlich geschriebenen Artikel von Julia Langensiepen war auch der Hinweis, dass es "die" Synästhetiker gar nicht gibt, sondern dass jeder und jede ganz unterschiedliche Formen der Wahrnehmung hat. Katja sieht Musik farbig, "für sie ist der Bass schwarz, sind die Klänge der Querflöte weiß, Cellotöne bedrohlich dunkel". Andrea sieht Empfindungen: "Wenn ihr der Bauch wehtut ... sind die Schmerzen hellblau." Liebeskummer "hüllt mich für einen langen Zeitraum in eine silbergraue Wolke." Michael Haverkamp "mag bunte Musik. Die rote Musik einer Blockflöte, die blauen Querflötentöne."
Für solche Eindrücke interessieren sich also Wissenschaftler, und haben dafür den Begriff Synästhesie gefunden. Letztlich läuft es - für mich - darauf hinaus, dass es Leute gibt, die sich die frühkindlichen Wahrnehmungen bewahrt haben, so wie manche Künstler das ihr Leben lang schaffen. Und das Verdienst der Forschung wäre dann, diese Menschen nicht als krank, sondern als besonders anzusehen. Sie verbinden verschiedene Hirnregionen und erweitern damit ihr Bewusstsein. Und brauchen dafür nicht mal LSD.

Viel Rauch um Rauch

Hannah Arendt, Georg Lukacs, Arthur Koestler, Albert Camus, Jean Améry, Walter Benjamin, Italo Svevo, Martin Amis, Kinky Friedman - all diese schreibenden Menschen haben Tabak geraucht und damit ihre Kreativität gefördert. Das versucht Klaus Bittermann in seinem Essay "Die Welt in Schach halten" zu verdeutlichen: "Die meisten kulturellen und wissenschaftlichen Errungenschaften", so Bittermann, "wären ohne die Zigarette wahrscheinlich gar nicht möglich gewesen." Das lassen wir jetzt in seiner abgemilderten ("wahrscheinlich") Absolutheit mal so stehen. Völlig einig bin ich mit dem Autor in seiner bedenkenswerten Haltung, dass im Hintergrund der Raucherdebatte "ein Gesundheitswahn" steht, "wie ihn sich nur die saturierte Welt des Bürgertums leisten kann, ein Luxusproblem von Menschen, die sich um wichtigere Dinge kümmern sollten."
In die Richtung hab ich auch des Öfteren meine Gedanken schweifen lassen. Was wäre wenn ... die vielen gescheiten Menschen, die ihre Arbeit und Lebensenergie darauf verwenden, immer mehr Speicherplatz für digitale Daten auf immer kleinerem Raum unterzubringen, stattdessen ihre Arbeit und Lebensenergie in die Abschaffung von Waffen und von Kriegen als Fortsetzung der Politik stecken würden? Oder ein Wirtschaftssystem entwickeln würden, das nicht zwangsläufig unseren Planeten ruiniert?
Klaus Bittermann schreibt, man mache "sich im Westen größere Sorgen um die eigene Gesundheit. Man versucht, das Leben zu verlängern, aber niemand weiß, wozu das gut sein soll."
Vielleicht, um länger Freude an diesem wundersamen Zauber zu haben, der auf diesem Planeten mit allen menschlichen Sinnen zu spüren und zu erleben ist?

Zurück zum Spielkind

Wenn Diedrich Diederichsen beschreiben will, dass es Dinge gibt, an denen er sich freuen kann wie ein kleines Kind, dann geht das auch nicht ohne spezielles Vokabular aus der Psychoanalyse: Er "regrettiert zum Spielkind". Was ihn so entzückt? Ein Buch mit 821 Seiten für 104,99 Euro mit dem Titel "The John Coltrane Reference". Und warum führt in das zurück in ein frühkindliches Stadium? Weil in dem Buch "jede Recordingsession verzeichnet ist, darin jeder Take und natürlich jeder Gig, und auf welchen Veröffentlichungen diese dann gelandet sind. Während man in diesem Material schwelgt, es mit der eigenen Sammlung abgleicht und zwischen Plattenhüllen kriechend zum Spielkind regrettiert, entsteht viel von Schönheit gefluteter, leerer Raum im Kopf des Coltrane-Fans." Schön für ihn, dass er sich an so was beömmeln kann.
Wenn Diederichsen nur nicht immer so einen pseudowissenschaftlichen Quark über Musik schreiben würde! So stellt er fest, dass zu seinen Lebzeiten (1923 - 1967) Coltranes "kulturelle Resonanz von jungen Rock-Musikern zu schwarzen Revolutionären reicht, von heiligen Fusselbärten mit schwarz-violetten Knopfaugen und ihren weiß gekleideten Jüngern bis zu hornbebrillten Tiersmondisten."
Tiersmondisten. Genau.
Noch n Zitat? Yeah, weil's so schön war: "Diese monotone Erhabenheit lässt sich durchaus als eine Art Koproduktion zwischen protestantisch-transzendentalistischer Überspanntheit und afroamerikanischem Widerstands-Wagnerianismus beschreiben. Und tatsächlich kann man ein noch so großer Bewunderer von Coltrane sein und in seinem Sound eine alle Mauern überwindende Menschlichkeit hören, Humor hat der Mann nicht gehabt."
Dafür Diederichsen umso mehr. Ich jedenfalls finde "eine Art Koproduktion zwischen protestantisch-transzendentalistischer Überspanntheit und afroamerikanischem Widerstands-Wagnerianismus " als Beschreibung für John Coltranes Musik zum Schreien komisch.
Wenn auch eher überspannt als erhaben.

Der Asylbewerber aus der Schweiz

Die taz hat doch taz-sächlich an den Schweizer Nationalfeiertag gedacht, mit einem Prachtstück von Gereon Asmuth. Ganz besonders toll, diese Reportage über den Schweizer Künstler Adam Tellmeister, der seit 18 Jahren in Berlin lebt, weil er in der Schweiz den Kriegsdienst verweigert hat. Er lebt dort wie ein Staatenloser, hat "eine Visitenkarte, auf der steht 'Schweizer Staatsbürger'. Mehr hat er nicht. Keinen Pass, keine Krankenversicherung, kein Konto."
Asmuth beschreibt Tellmeisters Leben, wie er zu seinem Künstlernamen kam, was er für Bilder und Aktionen macht, und dass er vor 18 Jahren gar nicht in Westberlin leben wollte: "Ich war fest entschlossen, in die DDR zu gehen. Das war etwas naiv, aber ich dachte, du wirst dort ein ruhiges Malerleben führen." Aber er wurde von der Geschichte überrumpelt: "Als er zum Checkpoint Charlie gehen wollte, um seinen Asylantrag abzugeben, kamen ihm die Massen entgegen. November 1989."
Jetzt, nach 21 Jahren im Exil, soll er bald einen Schweizer Pass bekommen, die Militärstrafverfahren sind verjährt. Tellmeister freut sich schon auf die Rückkehr: "Er will Anzeige erstatten gegen Wilhelm Tell, wegen Kindesmisshandlung."

Zerstörte Landschaften und Wolfgang Clement

Bevor ich dem Sommer Tribut zolle und auf weitere Anmerkungen zur taz vom 1. August verzichte, noch ein Hinweis auf die Fotos von J. Henry Fair. Er hat die Schäden fotografiert, die der Abbau von Braunkohle in der Landschaft hinterlässt. Die taz druckt die Fotos, eins groß auf dem Titel, fünf weitere groß auf Seite vier und fünf. Die Wirkung bei mir: So krank ist unsere Gesellschaft, so von Gott verlassen, dass es Menschen erlaubt wird, zum Zweck der Profitmaximierung diesen Planeten zu zerstören.

Der Dreck, für den Clement sorgt

"Die Liste der 20 dreckigsten Kraftwerke Europas wird ganz klar von Deutschland angeführt - mit 9 Einträgen, allesamt werden sie mit Braunkohle befeuert. Die Konzerne RWE und Vattenfall sind entschlossen, ihre Klimazerstörung auszuweiten: In Brandenburg laufen die Vorbereitungen für drei neue Tagebaue, im sächsischen Boxberg und im niedersächsischen Neurath werden weitere Braunkohle-Kraftwerksblöcke gebaut." So die taz auf Seite 5.

Hier ein Artikelauszug, Manager Magazin vom 13. 2. 2006:

RWE POWER
Wolfgang Clement wird Aufsichtsrat

Während Altbundeskanzler Gerhard Schröder den RAG-Konzern berät, mischt nun auch dessen ehemaliger Bundeswirtschaftsminister im Ruhrpott mit. Dort bestens vernetzt, kontrolliert Wolfgang Clement nun eine Tochter des RWE-Konzerns.
Essen - Der Aufsichtsrat von RWE Power ist teilweise neu besetzt worden. Ausgeschieden sind als Vertreter der Kapitalseite der ehemalige Commerzbank-Vorstand Andreas de Maizière und der ehemalige Chef des Werhahn-Konzerns Norbert Wiemers. Auch nicht mehr mit von der Partie ist der einstige Hamburger Wirtschaftssenator Wilhelm Nölling, als bisher neutrales Mitglied des Gremiums.
Den Aufsichtsratsposten von Nölling hat nun der ehemalige Bundesminister Wolfgang Clement übernommen. Die Regeln der Montanmitbestimmung sehen vor, dass neutrale Mitglieder des Gremiums von beiden Seiten einvernehmlich bestimmt werden müssen.
Als Vertreter der Anteilseigner sind nun Eric Strutz, Finanzvorstand der Commerzbank und Michael Werhahn, Mitglied der Werhahn-Dynastie, in das Gremium berufen worden."

Wolfgang Clement vertritt also die Interessen desselben Stromkonzerns RWE, der Braunkohle verheizt und jährlich hunderte Tonnen Atommüll produziert. Clement gehört zu den gefährlichen Schurken, die den Planeten ruinieren und für Menschen unbewohnbar machen. Ob er seine Arbeit in der SPD, der FDP oder der CDU erledigt, ist mir herzlich egal - man muss ihm sein schmutziges Handwerk legen.
Ich wünsche mir nur, dass ich dieses brutale Gesicht nicht dauernd in der Zeitung anschauen muss - ich kann den Kerl nicht ausstehen.

3. August 2008

Legal, illegal - scheißegal!

Seien Sie nachsichtig, geneigter Leser, ich wollte nur mal wieder den alten Sponti-Spruch unterbringen. Die legitimen Nachfolger der Spontis sitzen heute in divsersen Städten und betreiben dort die Ableger vom Chaos Computer Club in Hamburg. So Lars Fischer aus Darmstadt, der im taz-Interview auf der Sport(!)-Seite verkündet: "Wer wie die chinesische Regierung versucht, Informationen in legal und illegal zu trennen, muss scheitern." Die Internetzensur, so sagt Fischer, funktioniert nicht, es gibt immer Wege, auf ausländische Server zu gelangen, wenn die Behörden irgendwelche andern sperren. Und wenn sie tatsächlich alle Türen geschlossen und alle Löcher in der Chinesischen Internet-Mauer verstopft haben, dann gibt es "spezielle Software, mit der wir - besser gesagt, die Internetnutzer - Tunnel graben können." Lars Fischer ist zuversichtlich: "Es gibt mehr Wege, an Informationen zu gelangen, als die blockieren können."
Wenn Journalisten in Peking Schwierigkeiten haben, sollen sie sich an den Chaos Computer Club wenden. Der schickt ihnen "die Adressen von funktionierenden freien Servern, die ja lediglich aus zwölf Ziffern bestehen."
Da könnte man einen anderen Sponti-Spruch abwandeln:
Weg mit der Internet-Blockade - freie Sicht aufs Datenmeer!

Schon wieder München ...

... hab ich gedacht, als ich im Reiseteil die Schlagzeile "Sonnenbrille nach Mitternacht" gesehen habe: Bestimmt was über die Schicki-Disco P 1. Weit gefehlt! Hat sich herausgestellt, es ging um eine Reise nach Spitzbergen zur Zeit der Sommersonnenwende, wo "in hellichter Nacht ein Eisbär kommt."

"Episch delirierendes Simulakrum"

Jetzt glauben Sie bestimmt, ich hätte mir das ausgedacht, um mal wieder über die Kulturseiten im Allgemeinen und Diedrich Diederichsen im Besonderen herzuziehen. Oh nein, zwei Mal voll daneben. Der folgende Satz steht tatsächlich drin, und der Autor heißt Egbert Hörmann und setzt zum Höhenflug an, weil Ingrid Caven gerade 70 wird. Hörmann behauptet: "Zur Magie eines Stars gehört es, dass ein synthetisches Bild auftaucht, sobald der Name fällt." Ah ja, iss das so? Das Bild, das bei ihm auftaucht, beschreibt er dann, und, damit nicht genug, erläutert es auch noch. Ich will Ihnen Hörmanns Erklärungsversuch für seine Caven-Phantasie keinesfalls vorenthalten: "Es ist eine antinaturalistische Szene von der Klarheit des Film noir, von streng marxistisch schwelender Üppigkeit, die sich die Herren Regisseure Fassbinder, Sirk, Brecht und Ophüls extra für ihre Heroine ausgedacht haben, für ihr durch und durch betörend weibliches Universum des episch delirierenden Simulakrums, in dem ein Baum nur deshalb existiert, um die melodramatischen Initialen herzuzeigen, die vor 15 Jahren in sein Holz geschnitzt worden waren."
Aber das "synthetische Bild" reicht dann doch nicht. Auf die Stimme kommt es Hörmann schon auch an, und wenn sie singt, "gibt es im Kunst-Schönen eine Identität des Nichtidentischen, und Cavens Tränen rinnen immer zuerst aus dem Verstand."
Wie gesagt: Ingrid Caven wird 70.
P. S. "Streng marxistisch schwelende Üppigkeit"?

"Inpflichtnahme zu einem 'guten Leben'"

Mir scheint, die meisten Leute haben gar nicht verstanden, worum es bei der Verhandlung über das Rauchen in öffentlichen Lokalen gegangen ist. Und nirgends habe ich gelesen, dass es bei der Entscheidung des Bundesverfassungsgericht zu den "Nichtraucherschutzgesetzen" ein von der Mehrheit der Richter abweichendes "Sondervotum" gab, nämlich von Richter Johannes Masing. Ein Rauchverbot ohne Ausnahme wird ja von dem Gerichtsentscheid ausdrücklich gebilligt. Masing sieht das als einen "Schritt in Richtung einer staatlichen Inpflichtnahme zu einem 'guten Leben', die mit der Freiheitsordnung des Grundgesetzes nicht vereinbar ist."
Woher ich das habe? Aus der täglichen Spalte "Berichtigung", taz vom 2./3. August 2008, Kultur, Seite 17. Der/die taz-Redakteur/in meint dazu: "Kurz: ein demokratietheoretisches Desaster."
Kann man wohl sagen.

-------------------------------Kommentar
3. August 2008, 20:09 Uhr

"Die Anhänger des Tao sind der Überzeugung, dass die menschlichen Instinkte ihrem Wesen nach altruistisch und gut sind. Wenn die Menschen jedoch den Kontakt mit ihrer inneren Natur und dem Tao verlieren, dann werden Rechtschaffenheit und Loyalität auf den Plan gerufen, um für die eintretende Verschlechterung der sozialen Verhältnisse Abhilfe zu schaffen. Nur wenn eine Gesellschaft korrumpiert ist, wird die Moral zu einem zentralen Problem. Nur wenn die persönlichen Beziehungen unwahr geworden sind, reden die Menschen von Ehrfurcht und Kindespflicht. Und nur wenn eine Nation in sich gespalten ist, entsteht tatsächlich die patriotische Gesinnung. Laotse zufolge tut die in diesem Kapitel beschriebene Betonung der 'Tugenden' den menschlichen Instinkten Gewalt an: Sie tötet die Spontaneität ab und nimmt den Menschen ihre emotionale Unabhängigkeit und ihr Befinden für persönliche Kraft. Die Prediger der Moral sind vom wahren Weg abgekommen, und jene, die sich bei der Interpretation ihrer Erfahrungen auf von außen herangetragene Systeme verlassen, sind gleichfalls entwurzelt."
Laotse, Tao-te-king, Zeichen 18. Herausgegeben von R. L. Wing, Übersetzung von Peter Kobbe.

Bleib dran, Alter!
- Sal Paradise

Jonas Überohr revisited

Das - für mich - wichtigste deutschsprachige Buch über Rockmusik hat 1972 Helmut Salzinger herausgebracht. Es hieß "Rock Power", und Frank Schäfer, der Salzingers Leben und Werk auf einer ganzen taz-Seite vorstellt, beschreibt es als "fulminanten Collage-Essay". Fulminant war's in der Tat, und es fing mit einem Zitat von Karl Marx an: "Der Rock ist eine Ware."
Salzinger, Jahrgang 1935, gehörte mit seiner ganzen Person zum politischen Hippie-Untergrund, dem deutschen Ableger dessen, was die Yippie-Vordenker Jerry Rubin und Abbie Hoffman "Woodstock Nation" genannt haben. Yippies waren Anhänger der "Youth International Party", Leute, die versuchten, die neue Linke und die psychedelische Jugendkultur unter einen Hut zu bringen. Salzinger erklärte das so: "Woodstock Nation ist ein Vorgriff auf die befreite Gesellschaft. Denn die Revolution braucht keineswegs auf den Tag verschoben zu werden, an dem die Arbeiterklasse zum Bewusstsein ihrer selbst gekommen ist und ihre historische Aufgabe, die Revolution zum Sieg zu führen, begriffen hat." Das hat ja auch Jim Morrison so gesehen: "We want the world and we want it - NOW."
Was Frank Schäfer da über Helmut Salzinger zusammengetragen hat, verdient höchste Anerkennung. An einer Stelle heißt es: "Man kann auch neidisch werden, wenn man bei Salzinger nachliest, welche gesellschaftliche Relevanz Popmusik und eben nicht zuletzt auch die Musikkritik einmal besessen hat. (...) Salzingers Texte sind Welten entfernt vom heute üblichen schnellfertigen Geschmacksfeuilletonismus." Bei der Lektüre von Salzingers Texten kann man "auch viele Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung die Morgenluft noch wittern; diesen berückend aromatischen Duft einer machbaren gesellschaftlichen Umwälzung, der damals in der Luft lag. Das muss ein heimeliges Gefühl gewesen sein - als Teil so einer Jugendbewegung!"
Salzinger, der regelmäßig in der Zeit geschrieben hat, stieß, wie der schon vor ihm auf diesem Feld tätige Uwe Nettelbeck, 1970 an die Grenzen der Toleranz und wurde ebenfalls gefeuert. Er schrieb dann für Sounds eine Kolumne als Jonas Überohr, machte eine Erbschaft, gründete, wie es sich gehörte, eine Landkommune, die Headfarm, und gab seine eigene Zeitschrift heraus, Falk. Untertitel:  "Eine Zeitschrift für alles Mögliche", die es immerhin auf 36 Ausgaben brachte. Im Jahr 1993 ist Helmut Salzinger gestorben.
Ob es "Rock Power", das 1970 in einer Taschenbuchausgabe bei Fischer erschienen ist, noch gibt, sagt Frank Schäfer nicht. (Nö, nur noch antiquarisch!) Aber zwei Salzinger-Bücher sind im Peter Engstler Verlag erschienen: "Rock um die Uhr" und "Swinging Benjamin". Dazu noch "querFalk. Buch über eine Zeitschrift", zu dem auch Klaus Modick eine Erinnnerung an Salzinger beigetragen hat. Es macht, laut Schäfer, "Lust auf eine Exkursion in jene Zeit, als es tatsächlich noch so etwas wie eine 'Gegenkultur' gab, die den Namen verdient."
Zu der Zeit hieß das Motto der US-Zeitschrift Rolling Stone übrigens: "We believe in the cosmic giggle" - wir glauben, dass der Kosmos kichert.
Wenn Sie wissen wollen, was ich zu den angesprochenen Themen geschrieben habe, empfehle ich hier auf Love & peace zu klicken, und hier auf Nettelbeck.
Liebe und Frieden!

4. August 2008

Von Hanf war die Rede ...

... in der Wochenendausgabe. Ein Typ baut draußen an, wo Deutschland noch wild ist. Die Feinde einer guten Ernte sind, in dieser Reihenfolge, Wildschweine, Rehe, Schnecken und andere Anbauer. Von der Polizei ist nicht die Rede. Die Mistkerle unter den anderen Anbauern warten, bis der Tag der Ernte nahe ist und kommen einem zuvor. Der Typ, den Konstantin Riffler in der taz vorstellt, verdient in guten Jahren 6.000 Euro. Keine falsche Information in dem Artikel, alles stimmt.
Wenn Sie wissen wollen, wie ich dazu stehe: Ich pfeife auf Legalisierung. Dann würde sich der Staat das Geschäft unter den Nagel reißen. Aber der Schwarzmarkt, wie er jetzt ganz leidlich funktioniert, ist auch nicht das Wahre - zu viele schmierige Untertöne, Arschlöcher, Typen, die nur auf die schnelle Kohle aus sind, vermischt, vermengt, verunreinigt. Immer weniger nette Kiffer, die dealen, weil's halt jemand machen muss.
Der vernünftigste Ausweg aus dem idiotischen Zustand des Hier und Jetzt: Den privaten Anbau freigeben, auf jedem Balkon, in jedem Garten sollen die schönen Hanfpflanzen wachsen, in der Volkshochschule und im Biologieunterricht gibt's Kurse, wie man alles richtig macht, die Samen zum Keimen bringt, ausreichend gießt, männliche von weiblichen Pflanzen trennt, sie richtig trocknet und ohne Schwarzmarkt mit seiner selbstangebauten Dröhnung übers Jahr kommt. Den pädagogischen Nutzen erkennen: Es ist gut für junge Menschen, sich um die Aufzucht der Hanfpflanzen zu kümmern, ihnen beim Wachsen zuzusehen, ihre Schönheit zu erleben, den Erfolg der Ernte zu genießen.
Wer's nicht rauchen will, soll's bleiben lassen. Aber eine Saison Hanf anbauen sollte Pflicht sein für jeden jungen Deutschen zwischen 16 und 20.
Freier Hanf für freie Bürger!

Zitat I, Afghanistan

"Die Regierung Karsai setzt sich zu rund 80 Prozent aus Kriegsverbrechern zusammen. Nachdem sie ins Parlament gewählt wurden, haben sie sich 2006 selbst amnestiert. Der Minister für Energie, der Verteidigungsminister, der Kulturminister, der Justizminister, der Minister für Post und Information und auch der Vizepräsident - das sind alles Kriegsverbrecher. Der Parlamentsvorsitzende Kanuni ist für die Tötung von rund 65.000 Kabulern während der Machtkämpfe in den Neunzigerjahren mitverantwortlich."
Weeda Ahmad, afghanische Menschenrechtsaktivistin, in einem Interview mit der taz, 2./3. August 2008, S. 12

Zitat II, Englischer Garten, München

"Be nice to America, or we'll bring democracy to your country!"
T-Shirt-Aufdruck, unbekannter US-Student auf Europareise

Balkan

Einer der richtig guten Auslandskorrespondenten der taz ist Andrej Ivanji, der in Wien und Belgrad lebt und immer wieder Artikel und Reportagen aus dem ehemaligen Jugoslawien beiträgt - Gott sei Dank, kann man da nur sagen, Erich Rathfelder braucht dringend eine Ergänzung. Ivanjis Kommentar auf der Meinungsseite gehört zum Besten, was ich jemals über Serben, Kroaten, Slowenier, Bosniaken, Kosovaner, Albaner, Herzegowiner, Mazedonier und den ganzen Rest gelesen habe. Grundtendenz zum Fall Karadzic: "Wenn der Prozess schon nicht zur Versöhnung in Bosnien beitragen kann, darf er nicht durch ein zweifelhaftes Verfahren die Grundlage für neue Konflikte schaffen."

Sie merken es, sie merken es!

"Die Krise am Automarkt erreicht BMW. Im zweiten Quartal brach das Ergebnis um 45 Prozent ein. 2008 soll die Produktion um 30.000 Autos gedrosselt werden. Die Aktie brach Freitag um fast 10 Prozent ein."
Nun ja, steigende Benzinpreise, steigende Inflation, die Löhne und Gehälter in Deutschland wurden jahrelang nicht mehr angemessen erhöht, während die Großkonzerne massenhaft Leute ins Hartz-IV-Schicksal entlassen haben. Nun gibt es - von den ach so vorausschauenden deutschen Automobilstrategen unbemerkt - immer weniger Leute, die sich die Spritschlucker mit Tempo 230 noch leisten können und lieber sparsame Autos aus Fernost, Frankreich und Italien kaufen. BMW und Mercedes haben ihre ganze Energie für die Lobbyarbeit in Berlin und Brüssel verwendet, um die niedrigen Grenzwerte für CO2-Ausstoß und ein Tempolimit zu verhindern, statt Autos zu entwickeln, die auf dem Markt gefragt sind, Autos, die sich die Menschen in den nächsten Jahren leisten können.
Nicht mal vom Kapitalismus verstehen sie was.

Déjà vu: Mieser Journalismus

Wer will schon bei Kleinigkeiten recht haben? Aber erwähnenswert ist es doch: Schon wieder lassen sie auf der "inland"-Seite bei den Umfragewerten zur Landtagswahl in Bayern die Linke weg. Jetzt mal unabhängig davon, ob es was bringt, überhaupt eine Meldung übers "ZDF-Politbarometer" reinzusetzen, aber wenn man schon die Werte für CSU (50 Prozent), SPD (20), Grüne (9) und FDP (6) erwähnt, warum zum Teufel schweigt die Redaktion der taz die Linke einfach tot?
Ich muss mir also die Prozentzahl der Linkspartei woanders holen, werde fündig über die Suchmaschine, ausgerechnet bei Welt online: Die Linke liegt bei 4 Prozent. Was die taz auch noch weglässt: 54 Prozent der befragten Wähler in Bayern sind unschlüssig, wen sie wählen sollen. Ja Herrgott noch mal: Warum dann diese Meldung über das ZDF-Politbarometer überhaupt abdrucken?
Mies. Obermies. Siehe auch den Eintrag am 1. August 2008 - es ist nicht zu glauben!

Atomkraft? Nicht schon wieder

Ausnahmsweise Werbung für den tazshop: "6 Buttons, 25 mm Durchmesser mit Bogennadel oder 10 Bögen mit je 6 Aufklebern". Buttons oder Aufkleber kosten 3 Euro. Sie sehen genauso aus wie früher, gelber Hintergrund, rote Smiley-Sonne, nur der Text hat sich geändert: Oben drüber steht "Atomkraft?" und unten "Nicht schon wieder" (eine Abbildung sehen Sie oben auf dieser Seite). Ich hab mir sechs Stück bestellt und mache hier zum ersten Mal hemmungslos Schleichwerbung für eine Nicht-Eigenproduktion: www.taz.de/zeitung/tazshop/freizeit/akw/

5. August 2008

Andere Geschichte(n)

Es gibt ja böse Zungen, die behaupten, ich sei schon völlig gaga, weil ich den ganzen Tag nur noch die taz lese. Das mit gaga kann schon stimmen, aber ich les auch andere Sachen, gewohnheitsmäßig, so wie Max Tidof seine 40 Zigaretten am Tag pafft. Da kam mir, weil er ja gerade 84-jährig gestorben ist, Nicolaus Sombarts "Journal intime 1982/83" unter, das ich mit dem größten Vergnügen gelesen, ja, verschlungen habe (Aufbau Taschenbuch Verlag). Ganz bezaubernd und liebevoll, wie er über seine Callgirls schreibt: "Abends Sabine, die eigentlich Merit heißt. Nettes Gespräch. Ich bin immer wieder überrascht von der menschlichen Qualität dieser Mädchen und der Schönheit dieser jungen disponiblen Körper." Zwischendurch stellt er ganz lapidar, ohne Jammern, fest, dass man in seinem Alter - er ist 60 - eben für alles bezahlen muss.
Sehr erhellend auch, wenn man seine einfach so hingestreuten Bemerkungen über Historisch-Politisches liest: "Im Gespräch wird mir allerhand über mein Buch klar: das völlige Fehlen jedes linken Einflusses in meiner Jugend, und sei es nur republikanisch-liberal. Trotzdem ist das meine Grundhaltung geworden. Es klingt fast wie ein Paradox: am 'linkesten' war noch mein Vater."
Der Vater: Werner Sombart, von dem mal jemand sehr zutreffend gesagt hat, er wäre der größte deutsche Soziologe seiner Zeit gewesen, wenn es Max Weber nicht gegeben hätte. Das Buch, das er erwähnt: "Jugend in Berlin". Das will ich mir als nächstes besorgen und hoffe sehr, dass es nicht vergriffen und als Taschenbuch erhältlich ist. Um zu verdeutlichen, dass Nicolaus Sombart immer den eigenen Kopf zum Denken benutzt hat, hier noch ein Zitat, bei dem ich plötzlich hellwach geworden bin:
"Mittwoch, den  20. Juli (1983)
Axel von dem Bussche hat zu einer Feierstunde und einem Essen im Berliner Hof eingeladen, zum Andenken an den 20. Juli. Ich gehe nicht hin. (...) Schiera ist hingegangen und war sehr beeindruckt von dem Aufgebot an deutscher Aristokratie. Es ist gut, dass dieser Putsch gescheitert ist. Damit ist das wilhelminische Deutschland endgültig gescheitert." (S. 190)
Holla, hab ich mir gedacht, so kann man das sehen? Ganz offensichtlich, so kann man's auch sehen.

Heute nichts zu:

Küppers- und Dribbusch, die Klingelschmitt-Kolumne übers Älterwerden, den Atomdeal zwischen USA und Indien (aber Iran wollense bombardieren, die Drecksäcke von der Bush-Junta).

Leser

Ein Mann aus Itzehoe, Walter Manzey, freut sich, dass Christian Semler im Kommentar auf Seite 1 den SPD-Rausschmiss von Wolfgang Clement gut findet (noch hamse den Braunkohlesack ja nicht los!) und beklagt: "In der meinungsbildenden Presse von Gewicht war leider ausschließlich das Gegenteil zu vernehmen." Und fragt sich: "Vielleicht kommt diese Ignoranz und Arroganz heutiger Journalisten durch die Nähe zu den Mächtigen rund um den Pariser Platz zustande? Man schwebt auf gleich hohem Luxus-Niveau mit der Macht, völlig abgehoben von den auf Mutter Erde krauchenden? Mit Ausnahme der taz - zumindest in diesem Fall. Kompliment."
Zumindest in diesem Fall ...

Ciao, bis morgen - da gibt's vielleicht wieder mehr Solidarisches, Kritisches, Ärgerliches, Erfreuliches.

6. August 2008

Ein Gespenst wird 80: Das Vakuum in seinen Augen

Alles Gute zum Geburtstag, alter Tscheche! Andrew Warhola würde heute im Kreise seiner Lieben den 80. Geburtstag feiern, vermutlich in der Factory, wenn - ja, wenn er nicht vor 21 1/2 Jahren, am 22. Februar 1987, gestorben wäre.
Heh, das kann doch nicht sein! So lange ist das her? Und er ist nur 59 Jahre alt geworden? Oder vielleicht sollte ich sagen "immerhin 59", denn wenn es nach Valerie Solanas gegangen wäre, hätte er ja schon 1968 sterben müssen, als sie auf ihn geschossen hat. Da war er grade mal 40.
Vielleicht sollte man zur Feier des Tages eine Dose Campbell's Tomatensuppe aufmachen. Und mal wieder "Like a Rolling Stone" von Bob Dylan spielen. Der kannte Andy Warhol aus der Szene. Da hieß er Mystery Tramp, und das Vakuum in seinen Augen haben andere nach Dylan auch gesehen:

You said you'd never compromise
with the Mystery Tramp but now you realise
he's not selling any alibis
as you stare into the vacuum of his eyes
and ask him: Do you want to make a deal?

Stoppt Mehdorn!

Die Privatisierung der Bahn, die Verschleuderung des Volksvermögens, sorgt sicher für Profite bei Siemens und führt ebenso sicher zu mehr Unfällen. Dass Wladimir Putin und seine Russische Bahn schon in den Startlöchern stehen, erfahre ich aus der achtseitigen Beilage von "Bahn für alle" in der Dienstags-taz. Die haben mit der Beilage ziemlich schnell auf die Beinahekatastrophe in Köln reagiert.
Alle, alle wissen es: Die Privatisierung ist große Scheiße. Vorbild für ein funktionierendes Bahnsystem wäre die (staatliche) Schweizer Bahn - hierzulande orientiert man sich lieber an Neuseeland und England, ignoriert aber die Erfahrungen, die sie dort mit der Privatisierung gemacht haben: Es war absoluter Mist. Und dennoch machen wir es nach. Helmut Mehdorns Vorstellungen und Pläne sind nicht aufzuhalten. Das Kaninchen Öffentlichkeit schaut gebannt und wie gelähmt auf die Privatisierungsschlange. Und die wird, selbstverständlich, von Kurt Beck und seiner SPD fleißig unterstützt.
Die Zeiten, in denen mit der Bahn Riesenprofite gemacht werden durften, sind vorbei. Es geht nicht darum, einen weltweit tätigen Logistikkonzern daraus zu machen, sondern die Bedürfnisse der Menschen nach Mobilität ohne Auto zu erfüllen, bis in den hintersten Winkel der Republik, und so schnell wie möglich so viele Güter wie möglich von der Straße auf die Schiene zu verlagern. Das müssen die Ziele sein - nicht Milliardengewinne!
Hallo, ist da jemand?

Man muss nicht homosexuell sein

Nein, muss man nicht. An der Kolumne von Elmar Kraushaar kann sich jeder erfreuen, der gesunden Menschenverstand mag. Der Mann hat sich seine eigene Urteilsfähigkeit trotz Gruppendrucks bewahrt, indem er sich immer als Individuum und nicht als Bewohner einer Schublade gesehen hat. Diesmal geht es um einen Typen, der sich mit 45 Jahren in eine Frau verliebt und sie heiratet. Kraushaar: "Der homosexuelle Mann ... muss nicht immer homosexuell bleiben. Das steht nirgendwo geschrieben, und keiner wird dazu zwangsverpflichtet nach dem ersten Analverkehr."
Wer jetzt aufatmet und glaubt, Kraushaar predige die Umkehr der Verfemten, kennt diesen Autor schlecht. So einfach macht er's sich und dem Leser auch wieder nicht.

Das geheime Tagebuch der Carla Bruni ...

... ist - ja, ich weiß. Nicht schon wieder. Issja recht. Heute nicht.

Die Säulenheilige

Billdunterschrift: "Eine Säulenheilige sucht vor dem Regen in Havanna Schutz". Aaaah, was für ein Foto von Jordis Schlösser! Das sind die jungen negras, die dafür sorgen, dass Europäer jeden Alters reihenweise den Verstand und ihr Geld verlieren. Das Foto illustriert eine Buchbesprechung, Knut Henkel stellt einen neuen Mario-Conde-Krimi von Leonardo Padura vor. Da freu ich mich, und ein kleines Porträtfoto von dem verschmitzt lächelnden Padura hat auch noch Platz. Möge er weite Verbreitung finden, "Der Nebel von gestern", denn dieser Autor bringt in einem Buch mehr und bessere Informationen über Kuba rüber als so mancher Korrespondent in fünf Jahren.
Nein, ich werde keinen Namen nennen.

Sie gelten

Wenn ich so was schon lese: "Sidibés Fotos gelten heute als wichtiges Zeugnis des malischen Alltags der Sechziger- und Siebzigerjahre." Irgendetwas "gilt". Daraus spricht zum einen die Schüchternheit des Autors, zu dem zu stehen, was er für gut und richtig hält. Er muss dem Leser versichern, dass er das nicht alleine so sieht. Gleichzeitig bleibt er so vage, sagt nicht, wer diese Fotos für ein "wichtiges Zeugnis" hält, kann niemanden benennen, also "gilt" das einfach. Seien Sie vorsichtig, wenn Sie in einem Artikel auf "gilt" oder "gelten" stoßen: Das ist immer ein Ausdruck von Ungenauigkeit, Hilflosigkeit - Geschwurbel.
Nichts gegen die Fotos und den Fotografen, aber extra zur Ausstellung nach Sevilla fahren werde ich nicht deswegen. Der Artikel von Julian Weber bringt jede Menge Informationen rüber, liest sich aber, wenn er die Bilder beschreibt, wie eine germanistische Gedichtinterpretation.

Na so was!

Ich blättere um auf Seite 12, "meinung und diskussion", guck mir wie immer zuerst den Cartoon an, und dann das Porträtfoto des Autors, das da den großen Kommentar abschließt - und krieg nen Knoten im Gehirn. Was? Der Bernd schreibt in der taz? Blick hinauf zur Titelzeile: "Das Essen der anderen". Was über falsche Ernährung ... Nee, das kann nicht sein, der schreibt höchstens was über pädagogische Themen. Also wieder runter zur Bildunterzeile. Der Autor heißt gar nicht Bernd, er heißt Friedrich Schorb. Na klar, der Fritz. Und dann löst sich der Knoten: Das ist ein Foto von Bernds Sohn, den ich zuletzt als Baby gesehen habe, und der jetzt genauso aussieht wie sein Vater zu der Zeit, als wir während des Studiums und in den Jahren danach befreundet waren. Das kann ich mit einem Porträtfoto belegen.
Na so was.
Heh, Bernd, wo steckst du? Und wie siehst du heute aus?
Auf den Inhalt von Friedrich Schorbs Kolumne geh ich später ein. Jetzt heb ich diese Beiträge erst mal ins tazblog, und dann muss ich raus zum Joggen, bevor es zu heiß wird, hat jetzt schon 22 Grad, und 28 sind für heute angesagt.

Hot town, Summer in the City
back of my neck getting dirty and gritty
The Loving Spoonfull

Proletenfraß & Elitendünkel

Dem Friedrich Schorb gebührt Dank schon für seine Recherchen, und dafür, dass er den Schwachsinn mal wieder zusammengestellt hat. Ich zitiere es gern noch einmal, zuerst den Professor, idiot savant, blödstudierter Historiker, der sein Geld vom Steuerzahler bekommt. So sprach Paul Nolte anno 2003:

(1) "Nicht Armut ist das Hauptproblem der Unterschicht, sondern der massenhafte Konsum von Junk Food und TV."

- Nicht Dummheit ist das Hauptproblem der Akademiker, sondern Hochmut und Dünkel.

Und Schorb lässt auch diese Labertasche Oswald Metzger noch mal zu Wort kommen, der ohne rote Ohren zu kriegen von den Grünen zur CDU gewechselt ist, und an dessen menschenverachtende Worte sich gewiss noch viele Leser dieser Zeilen hier erinnern:

(2) "Sozialhilfeempfänger sehen ihren Lebenssinn darin, Kohlehydrate und Alkohol in sich hinein zu stopfen, vor dem Fernseher zu sitzen und das gleiche den eigenen Kindern angedeihen zu lassen. Die wachsen dann verdickt und verdummt auf."

- Berufspolitiker sehen ihren Lebenssinn darin, Diäten und Bestechungsgelder in sich hinein zu stopfen, dumm in der Gegend rumzulabern und das gleiche den eigenen Kindern zu empfehlen. Die wachsen dann versaut und korrumpiert auf.

Noch toller finde ich aber die grüne Exministerin Renate Künast, denn dieses Zitat war mir neu. Es spiegelt den Stand der Wissenschaft über die Unterschicht, jenes unbekannte Wesen, im Jahre 2005 wieder:

(3) "Früher glaubten wir, die Lebensformen der Unterschicht seien die Folgen der Armut. Das Gegenteil ist richtig: Die Armut ist Folge ihrer Verhaltensweisen, eine Folge der Unterschichtskultur."

- Früher glaubten wir, die Politik der Grünen sei eine Folge der Machtverhältnisse. Das Gegenteil ist richtig: Die Machtverhältnisse sind eine Folge der grünen Politik, eine Folge der Korruptionskultur.

Nolte, Metzger und Künast versuchen, wie Schorb es ausdrückt, "eine Erklärung für soziale Ungleichheit, die die Sozialpolitik entlastet" zu liefern: "Die Armen selbst haben das Elend in Form von Chips und Cola in sich hineingestopft! Wodurch sie, so Metzgers Konsequenz, jeden moralischen Anspruch auf eine materielle Verbesserung ihrer Lage verwirkt haben."
Der Kommentar geht auch noch auf die Frage ein, wie Kinder bis 14 Jahre mit dem derzeitigen Hartz-IV-Satz von 2,71 Euro pro Tag satt werden sollen. Und weist auf den Dünkel hin, der in den Köpfen jener vorherrscht, die glauben, auf eine "Unterschicht" herabschauen zu müssen: "Unser Verdauungssystem unterscheidet nun mal nicht zwischen Fischstäbchen und Kaviar - und unter ernährungsphysiologischen Gesichtspunkten ist ein Big Mac einem mit Rucola und Parmaschinken belegtem Ciabatta ebenbürtig."
Schorb stellt die von den drei zitierten Vordenkern auf den Kopf gestellte Vernunft wieder auf die Beine und betont noch einmal das Selbstverständliche: "Erst wenn soziale Ungleichheit verschwindet, werden sich auch die Essgewohnheiten stärker angleichen."

Zitat I

"Der Kommunismus war in seinen Augen eine Emanation des westlichen rationalistischen Humanismus, der seit der Aufklärung seinen verhängnisvollen Lauf nahm."
Klaus-Helge Donath, taz-Korrespondent in Moskau, zum Tod von Alexander Solschnizyn

Zitat II

Nachtrag zur taz vom Montag, Cartoon auf der Meinungsseite. Fünf Richter in Roben, der mittlere verkündet: "In der Strafsache Clement ergeht folgendes Urteil: Der Angeklagte wird zu lebenslänglicher SPD-Mitgliedschaft verurteilt."

7. August 2008

Seepferdchen

125 wäre er heute geworden, der Joachim Ringelnatz. Mein "Literaturkalender", ein Geschenk von Mona, belehrt mich, dass "in der Seemannssprache" das Seepferdchen Ringelnatz heißt. Ach, die gute alte Seemannssprache! Hallo, ihr Spaßverleger: Wie wär's mit einem Wörterbuch "Seemannssprache - Deutsch"? Aber bitte die Überweisung für die Idee nicht vergessen - meine Kontonummer steht im Impressum.

Noch n Geburtstag

Heute wird Linsey Dawn McKenzie 30. Wer? Ein britisches Model der ungewöhnlichen Art, ich kenn sie auch nur vom Bildschirm. Linsey-Fotos müssen Sie sich schon selbst suchen. (Wo? Kleiner Tipp: Steht in der Novelle "Delfina Paradise", für die hier weiter unten geworben wird.)
Happy Birthday, Linsey, keep up the good work, good health to you!
As we say in Bavaria: Bleib xund!
Love -Hans

Eine Spinne für Neil Young

"Eine neue Falltürspinnen-Art ist nach dem Rockstar Neil Young benannt worden. Ihr Entdecker Jason Bond von der East Caroline University in Greenville taufte das Tier Myrmekiaphila neilyoungi, um seine Verehrung für den Musiker auszudrücken. Falltürspinnen werden bis zu drei Zentimeter groß, leben in unterirdischen Gängen und sind nachtaktiv."

aus: Bild der Wissenschaft, 8/2008, Seite 10
(Dank an Ulli J.!)

Rolling Stone (Mastersinger)

Na, gestern hat's hörbar geklickt, nachdem ich Brigitte Werneburgs Filmkritik zu "Factory Girl" gelesen und - endlich - zwei und zwei zusammengezählt habe: Na klar, "Like a Rollling Stone" hat Bob Dylan über Edie Sedgwick geschrieben! Und wenn Werneburg beklagt, dass die im Film "durchgängig lieb, freundlich und entgegenkommend" dargestellt wird, muss sie sich nur mal wieder den Dylan-Text anhören. Die Frau war offensichtlich eine ziemlich aktiv zickige Tochter aus reichem Ostküstenadel, und hatte ganz schöne Allüren:

You used to ride on the chrome horse with your diplomat
who carried on his shoulder a Siamese cat
now ain't it hard when you discovered that
he really wasn't where it's at
after he took from you everything he could steal
How does it feel
etc.

Draufgekommen bin ich, weil Dylan in dem Film auftaucht, und Werneburg schreibt, dass sich die Film-Sedgwick "arglos zwischen dem Popkünstler und schwulen Mentor auf der einen Seite und ihrer großen Liebe auf der anderen Seite zerreibt, einem ungenannten, aber jederzeit als Bob Dylan erkennbaren Popmusiker."
Tja, so fallen die Puzzle-Teile zusammen - gestern meine Anmerkung zu Warhols Geburtstag, die Zeilen aus dem Rolling Stone-Song, und nur ein paar Stunden später die Filmkritik in der taz.
Der Dylan-Text ist wirklich der Hammer - Binnenreime ohne Ende. Eigentlich isses ja eine Zeile, aber ich schreib's mal wie ein Gedicht untereinander, damit die Reime deutlicher werden. Hier der Anfang:

Once upon a time
you dressed so fine
threw the bums a dime
in your prime
didn't you

Oder der zweite Vers:

You've gone to the finest school
alright Miss Lonely
but you know you only
used to get
juiced in it

Dylan at his best!

Katharina Wagner (Meistersinger)

Wieder Joachim Lange aus Bayreuth - gut für die taz, der Mann. Das klingt in seiner Beschreibung richtig aufregend, was die 30 Jahre alte Patriarchentochter Katharina Wagner da mit den "Meistersingern von Nürnberg" angestellt hat. Kein Wunder, dass sie von den Traditionalisten erst mal kräftig ausgebuht wurde: Beckmesser wird als "zum wahren Künstler erwacht" dargestellt, und Hans Sachs ist "gänzlich zum Reaktionär mutiert, und jede militante Nuance seiner Schlussansprache, die ja gemeinhin immer ins politisch Korrekte uminterpretiert wird, meint er hier aufs Wort so, wie sie klingt. Dieses Selbstreferentielle, die Rezeption des Werkes Spiegelnde, gehört zum Besten an dieser Inszenierung."
Freut mich für die Wagner-Tochter, und dass sie es möglich gemacht hat, dass 30.000 Leute umsonst und draußen die Übertragung auf Großbildleinwand verfolgen durften, möchte ich ihr auch hoch anrechnen. Da rührt sich was, in Bayreuth, gute Nachrichten.

Zitat

Ronald Düker über die Heucheleien rund um die IOC-Absahne und die Pro- und Contrapaganda: "Die Olympischen Spiele sind die Spiele der kapitalistischen Internationale. Und die ist in Peking genauso zu Hause wie überall sonst, wo es genügend Stadien und Kunden gibt."
Und die taz droht schon seit Tagen: Täglich acht Seiten Sonderteil!
Heiter weiter.

Arbeitnehmervertreter

Da entwickelt die gute Bettina Gaus mal wieder ein paar bemerkenswerte Gedanken darüber, was den Vorstand meiner Gewerkschaft und den Atomkraft-Lobbyisten aus der SPD verbindet: "Beide haben es im Lauf ihres Lebens zu Spitzenpositionen in Organisationen gebracht, die auf eine lange Tradition im Kampf für Arbeitnehmerrechte zurückblicken können." Frank Bsirske erinnert sie daran, dass es 1976, als das Mitbestimmungsgesetz verabschiedet wurde und Gewerkschaftsvertreter in die Aufsichtsräte einzogen, "um Kontrolle ging, nicht um Vergünstigungen für einzelne." Und Wolfgang Clement macht sie klar: "Ein Angestellter, der privat das Produkt der eigenen Firma nicht wählt, hat nichts zu befürchten. Aber wenn er öffentlich davon abriete, es zu kaufen, würde ihm gekündigt."
Und am Schluss nimmt Bettina Gaus die Ausgangsfrage noch einmal auf: "Beide meinen, dass für sie spezielle Regeln gelten, deren Notwendigkeit man allerdings - leider - der breiten  Masse nicht begreiflich machen kann.
Stimmt. Kann man nicht. Mir kann man das jedenfalls nicht begreiflich machen. Beides nicht."
Wobei ich noch anmerken möchte, dass ich zuerst völllig verblüfft war über die Reaktionen innerhalb der SPD: Dieser Aufruf von Clement gegen Andrea Ypsilanti, die den saugefährlichen Hermann Scheer zum Minister für Wirtschaft und Umwelt machen wollte, sollte unter die Abteilung "freie Meinungsäußerung in einer demokratischen Partei" fallen! Was für ein versauter Haufen. Mich wundert nur, dass Scheer immer noch Mitglied ist. Aber andrerseits: Wo sollte er hin, um seine Vorstellungen umzusetzen? Grüne? Vergiss es! Linke? Vielleicht später mal, wenn sie zweitstärkste Partei geworden sind.

Beleidigte Leberwurscht

Seit ich weiß, dass Renée Zucker "Achtung: tazblog!" nicht lesen will oder nicht mag, lese ich auch ihre Kolumne nicht mehr. Das hat sie jetzt davon.

PKOB*

Oh je, da wird in den nächsten Wochen so einiges auf den taz-Leser zurollen - moralisierende, moralische, moralinsauere Artikel mit politisch korrekter Gesinnung, die das diktatorische Parteienregime in Peking geiseln, die Vergabe dorthin anprangern, die Firmen bezichtigen, die da mitmachen, die Sportler herausstellen, die sich kritisch äußern und, wie gestern, eine Petra Hannen (Pseudonym für Sven Hansen?), die einen australischen Konzern in die Pfanne haut, weil er die Siegermedaillen sponsort und den Veranstaltern umsonst zur Verfügung stellt. Wohlfeile Empörung wird Einzug halten, wie man sie in der taz kennt, wenn rechtsradikale Rübenzüchter im hintersten Meck-Pomm auftauchen, oder arabische Anzeigenkäseblätter in Berlin was gegen Homosexuelle abdrucken. Oder, wie ein paar Seiten weiter vorn, sich ein taz-Autor aufpumpt, weil vor 33 Jahren ein Soziologe als Fachhochschullehrer gearbeitet hat, der angeblich "ökofaschistische Ideen" verbreitete. Nur am Rande: Der Mann ist seit zehn Jahren tot.
Gähn.

*Politisch korrekte Olympiaberichterstattung

Wo, bitte ist denn das Uran?

Drei Spalten schreibt Klaus-Peter Klingelschmitt zum Thema Uran im Trinkwasser, ein Aufreger im Sommerloch, das in diesem Fall von der ARD-Sendung "Report" aufgefüllt wurde. Interessanterweise finde ich jede Menge Informationen, über Orte und Gegenden, wo die "Grenzwerte" nicht überschritten werden, und nicht einen Ort oder eine Gegend, wo kritische Mengen Uran aus der Wasserleitung laufen. Iss wohl beim Kürzen weggefallen. Oder nicht so wichtig.

Nicht vergessen: Wer viel schwitzt muss viel trinken!

Ciao, bis morgen, ich muss jetzt noch mal "Like a Roling Stone" spielen, bevor's zu heiß wird. 32 Grad sind vorhergesehen fürn Nachmittag, und dann kommt das Irland-Tief angerauscht.
Carpe diem - pack den Tag am Schwanz!

8. August 2008

die taz als Propagandablatt

Dominic Johnson schlägt wieder zu: Immer wenn es ein Beitrag von Dominic Johnson auf Seite 1 schafft, klingeln bei mir sämtliche Alarmglocken - und siehe da, er bleibt sich treu. Schlagzeile: "Frankreichs Schande". Titelbild: Ein weißer Soldat mir roter Baskenmütze, umringt von halbwüchsigen Schwarzen. Bildunterschrift: "Ein Untersuchungsbericht aus Ruanda (klingeling!!!) enthüllt neue Details des Völkermords an den Tutsi im Jahr 1994. Im Bild zu sehen ist der französische Colonel Didier Tauzin im Flüchtlingslager Nyarushishi. Unter seinem Kommando soll es hier zu Vergewaltigungen und Morden gekommen sein."
Man beachte das Wörtchen "soll". Die taz weiß es nicht, gibt nur eine Behauptung weiter. Das ist in höchstem Maße unseriös. Und es läuft nach dem gleichen Schema wie in der Ausgabe vom 23. 4. 2008.
Nun ist also in Ruanda ein Untersuchungsbericht - nicht veröffentlicht worden, das steht sogar in dem Artikel auf Seite vier. Aber Dominic Johnson kennt den Inhalt, offensichtlich wurde ihm der Bericht zugespielt, und er weiß, dass den Bericht "eine unabhängige Untersuchungskommission am Dienstag in Ruandas Hauptstadt Kingali präsentiert hat." Diese "unabhängige Untersuchungskommission" hat ganz offensichtlich im Auftrag des ruandischen Präsidenten Paul Kagame gearbeitet, denn sein Justizminister wird von Johnson zitiert. Geleitet wurde die Kommission von Kagames Generalstaatsanwalt. Diesen Bericht eines Diktators, der durch Wahlbetrug an die Macht gekommen ist, stellt die taz ohne ein einziges kritisches Wort vor, als wäre das Ergebnis die historische Wahrheit.
Johnson und die taz vertreten also die Meinung des ruandischen Präsidenten und geben seine Sicht der Dinge wieder. Wer ist Paul Kagame?
"Bei den Präsidentenwahlen im August 2003 wurde Paul Kagame als Präsident mit 94 % der Stimmen bestätigt. Die Opposition, unter der Führung von Faustin Twagiramungu (der selbst den Völkermord von 1994 nur durch Zufall überlebt hat), wirft ihm Wahlbetrug vor und erkennt diese Wahl nicht an." (wikipedia)
Kagame wurde an einer Militärakademie in den USA ausgebildet und wird von George Bush, Angela Merkel, Franz Josef Jung, dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und von der taz unterstützt, nicht aber von dem unabhängigen kenianischen Ökonomen James Shikwati. Der "wirft Kagame vor, inzwischen Millionen Menschen im Kongo auf dem Gewissen zu haben." (wikipedia)
Ich schau mich um, weil ich nicht weiß, wer Shikwati ist und finde einige Informationen im Internet: "James Shikwati (* 1970) ist ein kenianischer Ökonom, Direktor des Inter Region Economic Network (IREN) in Kenia und Experte für Afrikas wirtschaftliche Entwicklung."
Der Wirtschaftsexperte James Shikwati aus Kenia ist der Auffassung, mit Geld schadeten die Industrienationen dem Kontinent schon seit 40 Jahren. "Wenn sie den Afrikanern wirklich helfen wollen, sollen sie endlich diese furchtbare Hilfe streichen." Jenen Ländern, die die meiste Entwicklungshilfe kassiert hätten, gehe es am schlechtesten. Überdies schwäche, so der Wirtschaftsfachmann, die Entwicklungshilfe die lokalen Märkte und die unternehmerische Initiative.
Das klingt vernünftiger als alles, was ich jemals von Heidemarie Wieczorek-Zeul gelesen habe. Bei wikipedia finde ich: "Shikwati gilt als entschiedener Gegner der Entwicklungshilfe. Diese bringe die Entwicklungsländer in eine Abhängigkeitssituation und unterdrücke Unternehmergeist und Handelsbeziehungen zwischen Nachbarstaaten. Mit Entwicklungsgeldern würden instabile Regime stabilisiert, diese (gemeint sind die Gelder -hp) gäben ihnen die Möglichkeit zu gewaltsamen Aktionen und repressiver Politik. Als Beispiele nennt er Mengistu aus Äthiopien, Pol Pot aus Kambodscha oder Idi Amin aus Uganda. Selbst Lebensmittelhilfe sei an Soldaten verteilt worden, deren einziges Ziel die Unterdrückung der Bevölkerung sei, wie zum Beispiel von Robert Mugabe in Simbabwe."
Und dann finde ich ein Spiegel-Interview mit Shikwali aus dem Juli 2005. Er wird gefragt, weshalb er denn so vehement gegen Entwicklungshilfe eintritt, die Gelder würden doch gezielt vergeben:

SPIEGEL: Die Bundesregierung ist stolz, genau zu überprüfen, wen sie unterstützt.
Shikwati: Und was kommt dabei heraus? Ein Desaster. Da hat sie Ruandas Präsidenten Paul Kagame das Geld in den Rachen geworfen. Dabei hat der Mann mittlerweile Millionen Menschen auf dem Gewissen, die seine Armee im Nachbarland Kongo umgebracht hat. (DER SPIEGEL 27/2005 vom 04.07.2005)

In der Zeitschrift Das Parlament, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung, Ausgabe Nr. 51 - 52, vom 18. 12. 2006, bespricht Robert Luchs zwei Neuerscheinungen, Bücher, die sich mit Afrika befassen, darunter "Black Box Afrika" von Hans Christoph Buch: "Ernüchternde Reportagen und Analysen vom schwarzen Kontinent. Die Blackbox des am 6. April 1994 beim Anflug auf Kigali abgestürzten Flugzeugs mit den Präsidenten Ruandas und Burundis an Bord lag zehn Jahre lang unausgewertet in einem Büro der Vereinten Nationen. Schlamperei oder Absicht? Der Schriftsteller und Reporter Hans Christoph Buch unterstellt Letzteres, hätte die Auswertung der gespeicherten Daten doch Auskunft geben können über ein Unglück, das den Auftakt bildete zu einem der schlimmsten Völkermorde der jüngsten Vergangenheit. Die Wahrheit kam erst Jahre später ans Licht. Paul Kagame, Anführer der Tutsi-Befreiungsfront und Staatschef von Ruanda, soll den Abschuss der Maschine befohlen haben, der den Genozid an der Tutsi-Bevölkerung auslöste.
Ein Beispiel mit schrecklichen Folgen, ein Beispiel zum einen für die Skrupellosigkeit und den unstillbaren Machthunger afrikanischer Herrscher einerseits und für das Wegschauen der Vereinten Nationen. Nicht nur die USA verschlossen die Augen vor dem Völkermord, die UNO nahm ihn sogar in Kauf und ordnete trotz verzweifelter Appelle den Abzug der Blauhelmtruppen aus Ruanda an."
Nun ja: Auch hier wieder das unselige "soll": Kagame "soll den Abschuss der Maschine befohlen haben". Das hat aber auch ein französischer Untersuchungsrichter behauptet, der deshalb tätig wurde, weil französiche Staatsbürger in der Maschine saßen.
Das alles weiß Dominic Johnson, und trotzdem benutzt er die taz als Sprachrohr für seine offensichtliche Unterstützung von Paul Kagame (siehe dazu auch oben in der Einleitung der Link zu den Berichten vom April über die Opposition gegen Kagame). Johnsons Berichte in der taz über Ruanda und die Gruppen, die in Opposition zu Kagame stehen, haben mit Journalismus wenig zu tun. Ich bin sicher, dass die französische Kolonialpolitik jede Menge Dreck am Stecken hat, aber warum sind die Artikel von Dominic Johnson so einseitig auf die offizielle Politik des Auswärigen Amtes ausgerichtet? Des US-amerikanischen State Departments? Und, heh, sie entsprechen haargenau den Interessen der britischen Regierung. Johnsons "journalistische" Beiträge sind lupenreine Propaganda. Der taz-Redakteur macht sich die Sichtweise des ruandischen Berichts zu eigen, zitiert  dubiose Zeugen, ohne sich um den Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen zu kümmern ("der einstige Milizionär", "ein Feuerwehrmann", "ein ehemaliger ruandischer Soldat", "Dorfbewohner", "zahlreiche Augenzeugen", "in einzelnen Fällen sollen französische Soldaten selbst Tutsi getötet haben" - wieder das Wort "sollen", also abermals eine unbewiesene Behauptung). Johnson beruft sich, weil ja eh niemand Bescheid weiß, auf "Ruandas prominentesten Sozialwissenschaftler Jean-Paul Kimonyo" (er kennt natürlich alle anderen prominenten Sozialwissenschaftler, und kann diesen Superlativ guten Gewissens hinschreiben, um die Glaubwürdigkeit des Berichts zu unterstreichen), und schreibt weiter: "Die Mucyo-Kommission hatte ab April 2006 anderthalb Jahre lang gearbeitet."
Ja, wenn das so ist ... "anderthalb Jahre", das klingt seriös und nach sorgfältiger Arbeit. Dann wird schon alles stimmen.
Dominic Johnson verbreitet ganz offensichtlich unkritisch - und mit voller Absicht unkritisch - ruandische Regierungspropaganda: Die Sichtweise der Regierung des Präsidenten Paul Kagame.
Warum tut er das? Für wen arbeitet der taz-Redakteur? Und weshalb stellt ihm die Chefredaktion für seine Propagandakampagnen alle paar Monate die Titelseite zur Verfügung?
Und warum agiert die tageszeitung, eine angeblich unabhängige, von 8.000 Genossen getragene Zeitung, als Sprachrohr des deutschen Außenministeriums?

Der 8. 8. 08

Die Acht verspricht besonders günstige Umstände. Es ist kein Zufall, dass die Chinesen sich für die Olympischen Spiele im Jahr 8 beworben haben, und auch die Eröffnung am 8. 8. ist kein Zufall. Im "I Ging", dem "Buch der Wandlungen", dem Orakelbuch für chinesische Kaiser, das wesentlich älter ist als die Bibel, bedeutet das achte Zeichen

8: Bi / Das Zusammenhalten

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"Das Urteil
Das Zusammenhalten bringt Heil.
Ergründe das Orakel nochmals,
ob du Erhabenheit, Dauer und Beharrlichkeit hast;
dann ist kein Makel da.
Die Unsicheren kommen allmählich herbei.
Wer zu spät kommt hat Unheil."

Wer würde da nicht an Michail Gorbatschow denken, und seinen nur ganz leicht abgewandelten Spruch: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." Aber ich werde mich erst mal daran machen, das Orakel "nochmals zu ergründen", und den Rechner eine Weile in den Ruhestand versetzen. -
Beim Auszählen mit den Schafgarbenstengeln am Vormittag des 8. 8. 08 ergab sich das Zeichen

38: Kui / Der Gegensatz

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"Das Urteil
Der Gegensatz. In kleinen Sachen Heil.

Das Bild
Oben das Feuer, unten der See: das Bild des Gegensatzes. So behält der Edle bei aller Gemeinschaft seine Besonderheit.

Wie die beiden Elemente Feuer und Wasser, auch wenn sie beisammen sind, sich nie vermischen, so wird der gebildete Mensch auch durch Verkehr und gemeinsame Interessen mit anders gearteten Menschen sich nie dahin bringen lassen, daß er sich gemein macht, sondern er wird bei aller Gemeinsamkeit doch immer seine Eigenart bewahren."

Na fein, ist doch schon mal nicht schlecht für meine Orakelbefragung am 8. 8. 08. Da sich beim Auszählen zwei Wandellinien ergeben haben, lese ich die beim Zeichen 38 auch noch nach. Zuerst:

 "Neun auf zweitem Platz bedeutet:
Man begegnet seinem Herrn in enger Gasse.
Kein Makel.

Infolge der Mißverständnisse ist es nicht möglich, daß Menschen, die ihrer Art nach Zusammengehören, auf ganz korrekte Weise zusammenkommen. Da mag dann ein zufälliges Zusammentreffen unter unformellen Umständen auch hingehen, wenn nur die innere Zusammengehörigkeit vorhanden ist."

Und weil auch die oberste Linie eine Wandellinie geworden ist, lese ich noch:

 "Oben eine Neun bedeutet:
Durch Gegensatz vereinsamt, sieht man seinen Gefährten wie ein schmutzbeladenes Schwein,
wie einen Wagen voller Teufel.
Erst spannt man den Bogen nach ihm, dann legt man den Bogen weg.
Nicht Räuber er ist, will freien zur Frist.
Beim Hingehen fällt Regen, dann kommt Heil."

Das trifft sehr genau meine persönliche Situation in den letzten Tagen, in denen es nach großen Unstimmigkeiten mit einem langjährigen Freund und Kollegen dazu kam, dass "man den Bogen weggelegt" hat. Aber das "I Ging" hat nicht nur das Private des Kaisers im Blick (für ihn ist es ja erstellt worden, wer es heute befragt, ist immer der Kaiser), sondern auch die politische und darüber hinaus die kosmische Lage: Das mit dem Bogen, der weggelegt wird, könnte auch die Idee vom olympischen Frieden bedeuten, die Waffenruhe während der Spiele.
Da sich ein Wandelzeichen mit zwei veränderlichen Strichen ergeben hat, war ich sehr gespannt, in welches Zeichen sich 38 verwandeln würde. Es entstand das Zeichen
 
51: Dschen / Das Erregende (Das Erschütternde, der Donner)

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"Das Urteil:
Das Erschüttern bringt Gelingen.
Das Erschüttern kommt: Hu, Hu!
Lachende Worte: Ha, Ha!
Das Erschüttern erschreckt hundert Meilen,
und er läßt nicht Opferlöffel und Kelch fallen."

Das finde ich ganz wunderbar, und ich möchte Ihnen die Erklärung des Urteils in der schönen Sprache von Richard Wilhelm keinesfalls vorenthalten, nachdem ich an diesem 8. 8. schon so weit in die alte chinesische Weisheit vorgedrungen bin. Aber lesen Sie selbst:

"Die Erschütterung, die durch das Hervortreten Gottes im Innern der Erde aufsteigt, macht, daß der Mensch sich fürchtet, aber diese Furcht vor Gott ist etwas Gutes; denn sie bewirkt, daß Fröhlichkeit und Freude folgen kann. Wenn man innerlich gelernt hat, was Furcht und Zittern ist, so ist man gegen den Schrecken durch äußere Einflüsse gesichert. Wenn auch der Donner tost, also, daß er hundert Meilen im Umkreis erschreckt, so bleibt man innerlich so gefaßt und ehrerbietig, daß man die Opferhandlung nicht unterbricht. Ein solcher tiefer, innerer Ernst, der alle äußeren Schrecken machtlos abprallen lässt, ist die Geistesverfassung, wie sie die Führer der Menschen und die Herrscher haben müssen.

Das Bild
Fortgesetzter Donner: Das Bild des Erschütterns.
So macht der Edle unter Furcht und Zittern sein Leben recht
und erforscht sich selbst.

Der fortgesetzte Donner bringt durch seine Erschütterung Furcht und Zittern mit sich. So steht der Edle stets in Ehrfurcht vor dem Hervortreten Gottes und bringt sein Leben in Ordnung und erforscht sein Herz, ob nichts im geheimen dem Willen Gottes widerspricht. So ist die Ehrfurcht die Grundlage der wahrhaftigen Lebensbildung."

(alle Zitate: 1923 in Peking aus dem Chinesischen übertragen und erläutert von Richard Wilhelm. Eugen Diederichs Verlag, 1972)

9. August 2008

Schöne Tage

Morgens aufwachen nach durchschlafener Nacht, es hat abgekühlt, angenehme Zimmertemperatur. Sich recken und strecken, gesunde Glieder, auch das linke Ohr spielt wieder mit, draußen regnet's sanft, leises Rauschen in den Bäumen, die taz liegt vor der Tür, mit Olympia fängt der Krieg an - in Ossetien. Weiß jemand, wo das liegt? Im Kaukasus. Worum geht's? Ein Landesteil will Unabhängigkeit. Russland mischt mit, und in Georgien haben die Westmächte die Finger drin. Der Donner - siehe das "I Ging" vom 8. 8.: "Das Erschüttern kommt: Hu, Hu!"
Ich hab eine ziemlich wertvolle Armbanduhr verloren, weil ich die Außentasche am Rucksack nicht zugezippt hatte und hinter einer 17er-Tram herlief. Die hab ich trotzdem verpasst. Im Café stell' ich fest: Der Reißverschluss war offen, das Okatvheft ist noch da, die Kugelschreiber auch. Die Uhr ist weg. Na was soll's? Materielle Dinge ... Das "I Ging" hatte recht: Ha, ha!

Schier endlos: Oly

Jetzt geht's also los, schier end-los, jeden Tag, taz-mag-dick: Acht Seiten Oly-Beilage. Spitzentitel im realistischen Mao-Stil gemalt: Chinesischer Polizist mit weißer Mütze und ebensolcher Uniformjacke hält einen Vogelkäfig am ausgestreckten Arm, die Gitterstäbe werden von den Oly-Ringen zusammengehalten, drinnen flattert die weiße Friedenstaube vor dem Hintergrund des Pekinger Olympiastadions. Klasse gemacht von Birgit Metzger und Ulrike Jensen! Hat was. Und auch das ganzseitige Foto auf der ersten Beilage, Nahaufnahme des Stadions, verrät Stil. Ja, die taz-Layouter und -Fotomenschen, sie haben mal wieder ein dickes Lob verdient. Innen: 100 Dissidenten, die im Gefängnis sitzen. Brav, taz!

Zitat

"Die steigenden Fruktosemengen bereiten dem Verdauungsapparat erhebliche Beschwerden."
Seite "wissenschaft". Titel: "Wenn Fruktose zum Problem wird".
Verstehe - pffffuurrrz.

Gerd Ruge hat heute Geburtstag: Alles Gute zum 80.!

Als meine Eltern 1956 den ersten Schwarzweißfernseher ins Wohnzimmer gestellt haben - es gab nur ein Programm, das ging nachmittags um 5 los, um 11 war Schluss - und es einen Bericht aus Moskau gab, erschien immer Gerd Ruge. Vor ein paar Monaten hab ich ihn mal bei Vinzenz Murr in der Bülowstraße getroffen, als ich mir ein halbes Hendl gekauft habe. Da stand er vor mir an, und weil ich ja schon seit vielen Jahren fernsehlos lebe, dachte ich mir: "Heh, Gerd Ruge iss aber alt geworden." Er bestellte sich eine Leberkäs-Semmel, und weil ich großen Respekt vor ihm habe - nein, ich glaube es ist schon mehr als das: Verehrung -, tat ich ihm den Gefallen und sagte nicht zu ihm: "Sie sind doch Gerd Ruge."
Er dankte es mir mit einem kleinen Kopfnicken, als er wegging.
Herzlichen Glückwunsch, Gerd Ruge, und schönen Dank für all die tollen Beiträge in den letzten 50 Jahren!
Auf der Medienseite kriegt er ein feines Geburtstagsständchen von Bernhard Hübner. Ich erfahre, dass Ruge immer noch arbeitet, herumreist, Filmreportagen dreht. Seine Frau sagt: "Als Rentner ist mein Mann ein ziemlicher Versager."

PKOB*

"Sie (die Olympischen Spiele) sind nichts weiter als ein ekelhaftes Geschäft internationaler Konzerne, weltweit-operierender Medien-Mogule, korrupter Sportfunktionäre und zynischer Parteikader."
Philipp Gessler (taz-Reporter, "beschäftigt sich vor allem mit religiösen Themen")

* Politisch korrekte Olympiaberichterstattung

Dicker Hund: "Sozial schwach"

Iss mir glatt durchgegangen: Eine ganze Reihe von Lesern beschweren sich über die Titelzeile "Die Energiepreise steigen. Muss der Staat sozial Schwachen helfen?" Rainer Werner aus Mannheim bringt es ganz wunderbar auf den Punkt: "Ich bin der Meinung, dass der Staat sehr vielen sozial Schwachen geholfen hat, indem er jahrelang Geländewagen nicht besteuert hat, die Vermögensteuer abgeschafft wurde, Liechtenstein immer noch nicht gegen Geldkoffer abgeriegelt wurde und Spekulanten aus Habgier die Preise für Wohnraum und Rohstoffe hochtreiben." Und Wilhelm Wilken aus Zetel "fällt die Kaffeetasse aus der müden Hand. 'Sozial schwach' ist doch etwas ganz anderes, und wenn es etwas ganz anderes ist, dann schreibt es doch bitte auch anders. Oder war es so gemeint?"
Nein, gemeint waren Haushalte mit niedrigem Einkommen, finanziell arme Leute also.

Bestes Ressort der taz: wirtschaft und umwelt

Nur um es mal wieder aufzuschreiben: Das Ressort "wirtschaft und umwelt" ist einfach klasse!

Heh?

"Jung verurteilt Anschlag" - was soll der Verteidigungsminister denn sonst tun, wenn bei einem Selbstmordanschlag in Afghanistan drei Bundeswehrsoldaten verletzt werden?

Evo Morales: Er lebe hoch!

Saublöder Titel ("Morales on tour"), Spitzenreportage von Marta Platia über den ersten Präsidenten Boliviens, der von Indios abstammt. Könnte man da nicht noch erfahren, wo ihr die Reportage gekauft habt, liebe taz-Redakteure? Von "El Pais"?

Zwei Zitate

Francois Misser in seinem Report aus Angola:
(1) "Noch vor wenigen Jahren war Angola eines der ärmsten Länder der Welt. Heute beträgt das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf über 3.000 Dollar."
(2) "Zwei Drittel der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze von einem US-Dollar pro Tag, jedes vierte Kind stirbt vor seinem fünften Geburtstag."

Leserin

Eva Stegen aus Freiburg am 7. 8.: "Der Satz findet auch von ganz allein den Weg über sämtliche Presseagenturen. Wir alle können ihn längst mitsingen, wir kennen unseren Einsatz: nach der Wortkombination 'Atomkraftwerk' und 'Störfall'."
"Eine Gefahr für Mensch und Umwelt hat zu keinem Zeitpunkt bestanden."

10. August 2008

Der neue Engel

"Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er  im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm."

Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte. These IX. 1940

Tokioho - tvF*!

Selten lese ich was im Reiseteil der taz, aber wenn ein solch grandioses Foto senkrecht fast die halbe Seite einnimmt, und da "Um Mitternacht an einer Straßenecke im Tokioter Stadtviertel Shinjuku" ein japanisches Mädchen auf dem Pflaster sitzt, den Laptop auf den Jeans-Oberschenkeln, Pumas an den Füßen, das konzentrierte Gesicht beleuchtet vom Bildschirm, im Hintergrund unscharf ein anderes Mädchen, das am Zebrastreifen wartet, um die Straße zu überqueren - dann werd ich neugierig auf den nebenstehenden Artikel. Und der beginnt so: "Tokio ist die Stadt der Träume. Tokio ist nicht modern. Tokio ist romantischer als Paris, es ist in seinen Gassen abseits der Hauptstraßen italienischer als Mailand oder Florenz und so unschuldig, wie wir es vor dreißig Jahren gewesen sind. Tokio ist nicht die Zukunft, Tokio ist das, was wir verloren haben."
Wow! Spitzeneinstieg, und ich guck nach dem Autorennamen - noch nie gelesen in der taz: Roberto Lalli Delle Malebranche. Ha! - was für ein Name. So lese ich also weiter, und folge ihm gern in seiner Liebeserklärung an eine Stadt, die ich nicht kenne, wahrscheinlich auch nie kennenlernen werde, aber nach diesem sehr sinnlichen Artikel viel besser verstehe als vorher. Sogar riechen kann ich sie jetzt. Und in den beigefügten Tokio-Tipps der schöne Satz über die Prachtstraße Omotesando: "Prada, Armani und Louis Vuitton, präsentiert in Läden, die internationale Architekturpreise gewonnen haben und das Herz jedes Götzenanbeters garantiert höher schlagen lassen."
Ich muss doch mal wieder über die Maximilianstraße bummeln, ich glaube zu wissen, was der Autor meint: Der indiskrete Charme der Luxuswaren und ihrer Ausstrahlung.
* taz vom Feinsten

Überlegenswert

Das immer gleiche Foto des immer gleich als "führender Parteienforscher" bezeichneten Politikprofessors Franz Walter geht mir wirklich auf den Keks - allein, ich lese seine Artikel gern (er kann schreiben) und die Interviews lese ich auch gern, weil das, was er sagt, Hand und Fuß hat. Zur SPD fällt ihm etwas sehr Überlegenswertes ein. Es sind gar nicht die Rechten in der Partei, die eine Koalition mit der Linkspartei ablehnen, es sind eigentlich die Linken: "Das ist ja das Absurde. Wenn der linke Flügel die sozial Deklassierten für die SPD zurückerobern will, dann muss er die Linkspartei bekämpfen und nicht mit ihr koalieren. Die Strategen der politischen Mitte sind dagegen auf Koalitionspartner angewiesen, weil sie sich mit Wahlergebnissen zwischen 20 und 30 Prozent zufriedengeben müssen. Wäre ein Machtpolitiker wie Gerhard Schröder heute SPD-Vorsitzender in Hessen, würde er jedenfalls sofort mit der Linkspartei koalieren. Daran zweifle ich keine Sekunde."
Der Mann hat recht. Obwohl das Andrea Ypsilanti ja auch tun wollte, und die gehört eher zum linken Flügel der SPD - so wie die "Linkspartei" ja eigentlich auch. Deren Name hat nur im Spektrum der gegenwärtigen Parteienlandschaft überhaupt einen Sinn. Im Grunde sind ja auch die Gysis und die Lafontaines ganz brav sozialdemokratisch, möchten ihre Hansaplaststreifen auf die Wunden legen, damit der Kapitalismus reibungsloser funktioniert und die Marktwirtschaft wieder "sozial" genannt werden kann. Insofern haben die Leute recht, die Lafontaine als rückwärts gewandt bezeichnen. Er scheint immer noch nicht kapiert zu haben, dass der Kapitalismus, die Marktwirtschaft in der Form, wie wir sie kennen, am Ende ist - beziehungsweise das Ende dieses Planeten als Wohnort für Menschen herbeiführt.
Eine Linkspartei wäre wirklich was anderes, da müssten eher Sahra Wagenknecht und Jutta Ditfurth den Vorsitz übernehmen.

Die taz tut, was die taz tun muss: tvF*!

Die Serie "Leben ohne Rohstoffe", jetzt die fünfte Folge, gehört zum Besten, was ich - nicht nur in der taz - in den letzten Jahren zum Thema "Wie könnte es weitergehen, jetzt, wo alle wissen, dass es so nicht weitergehen kann?" gelesen habe. Da kommen Autoren zu Wort, die tatsächlich über neue Möglichkeiten nachgedacht haben und offenbar im allgemeinen neoliberalen Propagandatrommelfeuer nicht gehört werden. Zum Beispiel Adelheid Biesecker, die laut taz-Auskunft Ökonomische Theorie an der Uni Bremen gelehrt hat: "Sie ist Mitglied im Netzwerk 'Vorsorgendes Wirtschaften' und in der Vereinigung für Ökologische Ökonomie VÖO)." Gut zu wissen, dass sowas überhaupt existiert. (Hätten Sie's gewusst? Und warum nicht? Weil die herrschende Presse lieber über Hans-Werner "Ifo" Sinn und das IDW und das RWI und die INSM und andere neoliberale Schwachköpfe berichtet.)
Was Adelheid Biesecker  von sich gibt, hat mich dazu gebracht, über meinen generellen Gebrauch von "Ökonomen" als verächtlich gemeintes Schimpfwort nachzudenken. Wenn diese Zunft Denker wie Adelheid Biesecker hervorbringt, scheint die Nationalökonomie als solche doch eine lernfähige Disziplin zu sein. Das kriegt man nur nicht mit, wenn man die Typen sieht, hört und liest, die sich in den Mainstream-Medien (und auch immer wieder in der taz) breit machen, die Anhänger der Marktwirtschaftsreligion.
Adelheid Biesecker beschreibt in der taz, wie die neue Wirtschaftsform aussehen muss. Als "generelle Handlungsregel" gilt: "Stelle heute deine Güter so her und verbrauche sie derart, dass die hergestellten Produkte zu produktiven Ressourcen für deine Ur-Ur-...-Urenkel werden." Und dann führt Biesecker unter Einsatz des gesunden Menschenverstandes vor, dass dieses Wirtschaften auf Sozialismus hinausläuft - ohne das Wort auch nur ein einziges Mal zu erwähnen. Der kluge Kommentar verdeutlicht, dass vernünftiges, verantwortliches Handeln zwangsläufig die Abschaffung des Kapitalismus bedeutet, und dass man kein marxistisches Vokabular und keine linksverdächtigen Begriffe braucht, um das allgemein verständlich darzustellen.
Biesecker nennt das "(Re)produktive Ökonomie", Wirtschaften jenseits der Verschwendung: "Das Primat der Politik kehrt zurück - und spielt beispielsweise auch eine Rolle bei der Bestimmung von Löhnen und Gehältern. Denn (re)produktives Wirtschaften beruht auf (re)produktiven - das heißt lebenserhaltenden - Löhnen und Preisen. Dagegen hat der Markt für so etwas kein Gespür."
Den "Transformationsprozess" in diese Richtung sieht Biesecker schon weltweit in Gang gesetzt, aber dieser Prozess "ist nicht geradlinig, er ist nicht ohne Anstrengung zu haben, und weil es Verlierer geben wird, wird er nicht friedvoll verlaufen. Denn (Re-)Produktivität macht unabhängig von Macht und Märkten, von kapitalistischen Profitinteressen, und ist aus diesem Grund umkämpft. Anders aber ist Zukunftsfähigkeit nicht zu erreichen."
So genau und scheinbar mühelos hat noch niemand auf den Punkt gebracht, was ich meinen Mitmenschen seit Jahren mit großer Mühe zu verklickern versuche. Besser geht's kaum. Weshalb der ausführliche Kommentar hier angeklickt werden kann.
Verehrte Redakteure und -innen der Meinungsseite: Bitte setzt die Reihe "Leben ohne Rohstoffe" mit ähnlich hellsichtigen Autoren fort, so lange, bis ihr daraus ein Büchlein oder eine Broschüre herstellen und unters Volk bringen könnt. Adelheid Bieseckers Beitrag sollte in allen Oberstufen aller deutschen Schulen verteilt werden, um den neoliberalen Propagandanebel der Mainstream-Medien aufzureißen.

Zitat

"Er ist über 35 und in den USA geboren."

Bill Clinton auf die Frage, ob er Barack Obama für qualifiziert halte, Präsident der USA zu werden.
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