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tazblog 21. 8. bis 31. 8. 2008
Achtung: tazblog! 21. 8. bis 31. 8. 2008
07.01.2009 11:49:06
21. August 2008

Vorparadies verzweifelt gesucht

"Unser Mann in Havanna", Knut Henkel, hat die unselige Angewohnheit, in den kubanischen Verhältnissen herumzustochern, um das Haar in der sozialistischen Suppe zu finden und dann triumphierend hochzuhalten: Heh, guckt mal, in Kuba ist doch nicht alles perfekt! Von paradiesischen Zuständen sind sie hier weit entfernt.
In seinem Artikel scheint er sich darüber zu freuen, dass in Kuba Lehrermangel herrscht: "'Niemand will mehr Lehrer werden', grinst Enrique, ein Jurastudent der Universität von Havanna." Und Henkel grinst schadenfroh mit und versucht, jemanden zu finden, der seine Voreingenommenheit gegenüber Fidel Castro und seinen Bruder teilt. Er findet eine verbitterte Lehrerin, die gern nach Miami auswandern will, macht sich ihre Kritik zu eigen und zitiert sie in seinem Beitrag immer wieder. Dabei sprechen zwei Drittel seines Artikels und der dazugehörige Kasten eine ganz andere Sprache und zeigen deutlich, dass Kuba immer noch das beste Bildungssystem in ganz Amerika hat, die USA eingeschlossen. Es gibt kein Land sonst in dieser Weltregion, in dem 100 Prozent aller Kinder zur Schule gehen.
Henkel sollte sich mal mit ein paar Lehrern in Bayern unterhalten und ihre Ansichten mit der CSU-Propaganda im Wahlkampf vergleichen. Danach würde der taz-Mann die kubanischen Verhältnisse bestimmt mit anderen Augen sehen.

Filmkritik und Internet

"Klar, vieles ist schlecht geschriebener Unsinn, aber in welcher Zeitung gibt es keinen schlecht gemachten Blödsinn? Diskreditiert der Blödsinn die taz? Eben nicht."
Das stand so nicht in der taz, ich geb's ja zu. Ich habe in dem Zitat (aus einem Text von Cristina Nord, in dem sie Filmkritiken im Internet verteidigt), einmal "Zeitung" statt "Medium" geschrieben, und einmal "die taz" statt "das Medium".

Filmkritik und taz

Der schwarze Ritter hat sie schier überwältigt: Barbara Schweizerhof bringt in ihrer Eloge auf "Dark Night" alle Realitätsebenen durcheinander und verwechselt schließlich Schauspieler und Rolle, schreibt Heath Ledger Drehbuchsätze zu, als wären es seine eigenen, und verliert den Unterschied zwischen Leben und Film völlig aus den Augen. Es ist eine Freude. Es ist gut gemachter Blödsinn, aber Blödsinn ist es trotzdem. Diskreditiert der Blödsinn die taz? Dieser nicht.

Du brauchst Pumas!

Du brauchst Pumas fürs P 1
Du brauchst Pumas
Du brauchst Pumas fürs P 1
Du brauchst Pumas
Ohne Pumas, glaub es mir
Kommst du niemals durch die Tür
Du brauchst Pumas

(aus dem Song "Pumas" von Housemeister. Text: Hans Pfitzinger, Musik: Axel Ganguin. Bestellungen für die CD - 5 Euro in kleinen Scheinen - unter "Kontakt / Bestellung)

Letzte Woche waren es noch die adidas-Schuhe für Lang Lang auf der Titelseite der Oly-Beilage, gestern gab's dafür die Gold-Pumas von Usain Bolt als halbseitiges Foto - da schleicht die Werbung nicht mehr, sie rennt.

"Das müssen wir aufblättern"


Unter den Schuhen ein ganz wunderbares Interview mit Harry Valerien. Inzwischen ist er 84. Valerien war 1977 der erste Fernsehjournalist, der was zum Thema Doping gebracht hat: "Während der Sendung hat einer der berühmtesten Fußballtrainer angerufen und gesagt: Herr Valerien, wissen Sie eigentlich, dass im Fußball gedopt wird? Da wollte ich ihn in die nächste Sendung einladen, aber nein, er kam nicht. Aber das war ein Mann, der das dreimal wissen musste."
(Iss doch interessant, genau das hat - schauen Sie nach im tazblog, Ende Juni - mein kalifornischer Freund Douglas anlässlich der EM behauptet. Und weshalb schreibt da niemand drüber? "Hey, man, football is big business!")
Und dann sagt Harry Valerien noch ein paar Sätze, die sich jeder Journalist über den Schreibtisch hängen sollte:
"Ich habe damals schon gesagt: Wenn ich das nicht machen darf, scheide ich aus. Dann würde ich etwas verschweigen, was ich weiß. Und was wir nicht wissen, das müssen wir aufblättern. Und wenn wir es aufblättern, kommt so viel zutage, wie ich es gar nicht für möglich gehalten hätte."

Genau so ging es mir, als ich anfing, die taz "aufzublättern".


22. August 2008

Alles Gute zum Geburtstag: Leni Riefenstahl

Die Filme "Das blaue Licht" und "Tiefland"; die Nuba-Bilder; die Unterwasserfotos und -filme; und ganz am Anfang, als sie schön und jung war, als Tänzerin, als Schauspielerin, die ihre eigenen Stunts gemacht hat, auf Skiern, beim Klettern - ich hab sie immer als große Künstlerin gesehen. Klar, sie hing voll drin im System des Dritten Reichs, aber nur Blinde werden ihr absprechen, dass sie eine tolle Regisseurin war, eine Frau, die sich selbstbewusst in einem Männerberuf durchgesetzt hat. Und selbstverständlich kamen die Heuchler aus ihren Löchern und haben ihr übel mitgespielt nach dem Ende der Hitlerei, während andere nahtlos anknüpfen konnten an ihre Filmkarrieren - Luis Trenker, Heinz Rühmann und Dutzende andere.
Sie hat im Übrigen alle Prozesse gegen alle Illustrierten gewonnen, die sie in den fünfziger und sechziger Jahren verleumdet haben. Selbstverständlich lügt sie in ihrer Autobiographie, aber das ändert nichts daran, dass sie eine höchst interessante und unglaublich begabte Künstlerin war. Und in jungen Jahren eine Schönheit, die - na ja, Geschmacksache - Marlene Dietrich  übertroffen hat. Mal checken, wie alt sie heute geworden wäre. Als sie starb, war sie jedenfalls ein Stückchen jenseits der hundert (richtig: 101, geboren 1902, gestorben am 8. September 2003).

Die taz ganz allgemein: ungenierte Nato-Propaganda

Als ich Montag den Kommentar von Klaus-Helge Donath auf Seite 1 gelesen habe - "Georgien muss in die Nato" - hab ich noch mit Kugelschreiber angemerkt: Wieso "muss"? Und misstrauisch auch noch unterstrichen und eingekreist: "Dennoch macht Merkels Angebot Sinn." Misstrauisch, weil ich zu den altmodischen Menschen gehöre, für die etwas Sinn haben oder Sinn ergeben, aber keinesfalls Sinn machen kann. Nun ja, Sprache verändert sich durch Gebrauch, und inzwischen hat sich das "Sinn machen" so weit verbreitet, dass ich mich gar nicht jedes Mal damit aufhalte. Aber wenn einer schreibt: "Doch wo die Nato steht herrscht meist Frieden", dann glaub ich einfach, ich sitz im falschen Bus. Der Kommentar endet: "Langfristig wird sich die Verteidigungsallianz in ein politisches Bündnis verwandeln. Es ist dieser friedfertige Charakter, der ein anderes Zivilisationsmodell propagiert, wovor die autokratische russische Elite wirklich Angst hat."
Da hab ich nur noch angemerkt: "Das glaub ich nicht!" Was ich aber glaube: Die taz vertritt mal wieder die offizielle Regierungslinie. Diese Zeitung könnte genauso gut die Pressemitteilungen des Auswärtigen Amts oder des Pentagons abdrucken, sie liegt voll auf der Linie der westlichen Regierungen. Und da wiederhole ich mich, weil das ja schon im Fall Dominic Johnson und Ruanda so war.
Weshalb ich jetzt darauf zurückkomme: Die taz von heute, 22. 8., druckt empörte Leserbriefe zu dieser Nato-Propaganda. Und eine Leserin, der auch die völlig nichtssagende Reportage von Barbara Oertel aus der georgischen Stadt Gori in der taz von gestern übel aufgestoßen ist, macht sich Gedanken, ob dahinter ein beabsichtiger Wandel der taz steht.
Zur Oertel-Reportage aus Gori fiel mir gestern ein: Diese Reportage zeigt beispielhaft, dass es manchmal überhaupt nichts bringt, direkt vor Ort zu sein. Vor allem, wenn man nur wie mit der Kamera draufhält und keine Hintergrundinformationen bringt. Peinlich, so ein dünnes Stück auf der Titelseite sensationell anzukündigen.

Solidarisch mit: Siné

Ein feiner Artikel von Dorothea Hahn, der taz-Frau in Paris: Auf den Kulturseiten berichtet sie über den Zeichner und Satiriker Siné, der von seinem Stammblatt Charlie Hebdo gefeuert wurde und seine handgeschriebenen und gezeichneten Kolumnen nicht mehr veröffentlichen darf. So wie Hahn die Hintergründe und das politische Klima in Frankreich beschreibt - so geht Aufklärung.
Zuerst war ich verblüfft, dass Siné immer noch zugange ist (der Mann ist inzwischen 79!), und dann hab ich mir gedacht: Wenn Siné als Anarchist bezeichnet wird, weil er sich nicht vorschreiben lässt, was und wie er zu denken hat, dann bin ich auch einer. Und weil ich mich voll solidarisch erkläre, tippe ich Ihnen den von seinem Chefredakteur beanstandeten Absatz hier aus der taz ab, in der Übersetzung von Dorothea Hahn, die ich im Übrigen als Frankreich-Korrespondentin sehr schätze. Das Wort hat Maurice Sinet, der sich als Künstler seit Jahrzehnten Siné nennt:
"Jean Sarkozy, würdiger Sohn seines Papas, sitzt schon im Regionalparlament. Und ist vor ein paar Tagen praktisch unter dem Applaus seiner Kumpel von einem Strafgericht freigesprochen worden, das ihn wegen Fahrerflucht vorgeladen hatte. Aber der Kläger war ja nur Araber. Das ist nicht alles: Jean Sarkozy hat erklärt, er wolle zum Judentum übertreten, bevor er seine Verlobte heiratet, eine Jüdin, Erbin der Darty-Haushaltsgeräte-Kette. Der Kleine wird es weit bringen."
Na ja, und Dorothea Hahn beschreibt dann sehr ausführlich, wie die üblichen Verdächtigen daraus eine Affäre hochkochen. Erst verklagt ihn ein Anwalt, der auf solche Klagen spezialisiert ist, wegen Antisemitismus. Bei solchen Gelegenheiten meldet sich auch immer Bernard-Henri Lévy zu Wort, und rechnet mit "linken Antisemiten" ab, zu denen er nicht nur Lebende wie Siné zählt, sondern auch Tote wie Pierre Bourdieu und Voltaire.
Siné hat jetzt eine Reihe von Prozessen vor sich. Die Sarkozys haben nicht geklagt, aber dementiert, dass "der Kleine" zum Judentum konvertiert - die Meldung hatte ursprünglich der Präsident der Liga gegen Antisemitismus und Rassismus verbreitet. Siné hat den Anwalt, der ihn zuerst als Antisemit bezeichnet hat, wegen Verleumdung verklagt und Anzeige gegen unbekannt erstattet, weil er Morddrohungen erhielt. Seine Zusammenfassung der Affäre: "Frankreich heute ist furchtbar, wie Berlusconi und Putin zusammen. Oder wie die USA zu den Zeiten des McCarthyismus."

Man nehme ...

... jedes abgestandene Klischeeadjektiv, dass jemals über die spätsechziger und frühsiebziger Jahre gesagt, geschrieben, gesendet wurde, zum Beispiel diese Sammlung: "Es waren ja auch tatsächlich dynamische Zeiten damals. Die junge westdeutsche Republik ließ die düstere Vergangenheit hinter sich und wandte sich energisch der weit offen vor ihr liegenden Zukunft ..." Na, was wohl? "...zu." Genau. "Sie gründete Familien und zog um ins Eigenheim." Wer jetzt? Die Zukunft? Die Vergangenheit? Die junge Republik?
Dann nehme man möglichst viele abgekaute Klischeehauptwörter, die in der Gegenwart von der Phrasendrescherabteilung der Berliner Politiker unter die Leute gebracht werden, und winde sie zu Hohlsatzgirlanden, zum Beispiel den folgenden: "Viel hängt deshalb für die SPD davon ab, ob sie sich noch rechtzeitig von ihrer rückwärtsgewandten Fixierung auf jene knappe, als besonders glückhaft empfundene Zeitspanne lösen kann, die mittlerweile vier Jahrzehnte zurückliegt. Ihre in die Jahre gekommenen westdeutschen Kerntruppen und Funktionäre mögen dem vorwärtsgewandten Narrativ einer neuen sozialdemokratischen Politik für Lebens-, Aufstiegs- und Verwirklichungschancen nicht viel abgewinnen können."
Schließlich nehme man völlig sinnfreie, aber gut klingelnde Nullaussagen und vergesse nicht, dass jünger = besser bedeutet. Klingeling: "In den jüngeren Gruppen unserer Gesellschaft wächst längst die Nachfrage nach einer ..." Na, was wohl? "... modernen ..." Klaro. Und was noch? "... und dynamischen", genau, "Interpretation sozialer Demokratie für das 21. Jahrhundert." Mindestens. "Für das neue Jahrtausend" wäre als Klingelwort auch nicht schlecht gewesen.
Und wie sähe diese Interpretation aus? "Eine energische Politik der Aufstiegschancen für alle besäße heute beträchtliche Attraktivität; die Idee des vorsorgenden Investierens in Menschen und ihre Fähigkeiten genießt völlig zu Recht wachsende Zustimmung."
Und Sie glauben, "dynamisch" sei schon ausgereizt? Nein, einmal geht noch: "Als dynamische Partei des Fortschritts, der Emanzipation und der Erneuerung besitzt die SPD alle Chancen. Was den energischen Aufbruch nach vorn einstweilen verhindert, ist nicht zuletzt die miesepetrige Mentalität der zu Nostalgikern gewordenen Progressiven von einst. Auch das wird vergehen."
Dem letzten Satz kann ich nur zustimmen - das wird vergehen, und zwar zusammen mit der SPD, in der sich niemand wundern muss, das ihr die Mitglieder und die Wähler davonlaufen, weil sie dieses Phrasengedresche nicht mehr hören wollen und können. Aber wenn man alle angeführten Zutaten nimmt, hat man am Ende einen Kommentar für die taz-Seite "meinung und diskussion" zusammengerührt und sich als Chefredakteur der Zeitschrift "Berliner Republik" für höhere Aufgaben empfohlen, so wie Tobias Dürr, von dem alle Zitate stammen. Dass es sich bei seinem Blatt um eine Publikation von SPD-Abgeordneten handelt, die im Vorwärts-Verlag erscheint, erwähnt die taz nicht. Die Redaktion geht wohl davon aus, dass es der Leser selbst merkt. Wer, wenn nicht ein moderner, dynamischer SPD-Karrierist würde so einen Quark verzapfen?


23. August 2008

Darf man sich selbst zum Geburtstag gratulieren?

Ja, ich finde schon. Wenn mir vor vierzig Jahren jemand gesagt hätte, dass ich 2008 immer noch froh und munter auf diesem Planeten zu Gange bin, hätte ich es bestimmt nicht geglaubt. Denn die Devise war nun mal: Lebe wild und gefährlich, Arthur! Und weil ich mich für ein junges Genie hielt, und als solches, wie alle meine Vorbilder, an der Spitze Novalis, keine 30 Jahre alt werden würde, hab ich auch nie gedacht, jemals 63 zu werden. Nun ja, möglicherweise war ich gar kein Genie, nicht mal ein junges, aber gratulieren möcht ich mir schon: Heh, Alter, issja Spitze, dass du noch mitspielst hier, mach's gut weiterhin!
Wenn ich bedenke, was ich so alles getrieben habe und mit mir treiben ließ, und dass ich eigentlich schon vor drei Jahren knapp am finalen Abgang vorbeigekippt bin - ich kann nur sagen: Wer auch immer zuständig war und ist, danke für die Zugabe! Ich will sie nützen. Dank auch all denen, die mich mit Liebe, Freundschaft, Freundlichkeit und Interesse unterstützt haben.
Das tazblog geht vermutlich morgen weiter. Wer Lust hat, heut mit mir anzustoßen: Ab halb fünf im Ritzi, Maria-Theresia-Str. 2 a, gleich hinterm Maximilianeum.

Nicht vergessen: Heute hat auch Sigi Sommer Geburtstag, der große Kollege und München(be)schreiber - Glückwunsch, Sigi! Und während ich am Ende des Zweiten Weltkriegs geboren bin, kam er am Anfang des Ersten auf die Welt, 1914. Gestorben ist er im Januar 1996, da war er 81. Wenn ihn auch jenseits von München nicht viele Menschen kennen - sein Buch "Und keiner weint mir nach" ist sogar verfilmt worden. 1996 kam der Film in die Kinos. Ob die Tatsache, dass Joseph Vilsmaier Regie geführt hat, irgendetwas mit dem Ableben von Sigi Sommer zu tun hat, weiß ich nicht zu sagen.  Außerdem war er jahrzehntelang "Blasius der Spaziergänger" in der Abendzeitung. Deshalb hab ich ihn auch in "Stille Winkel in München" zitiert, im Kapitel über den Auer Mühlbach.
Ciao!



24. August 2008

"Wir wollen, dass es sich ändert, aber wir wollen nicht, dass wir uns ändern"

Nützt alles nichts - ich muss noch  einmal auf diesen unglückseligen Kommentar von Klaus-Helge Donath zurückkommen, den die (Chef-)Redaktion auf die  Seite 1 gehievt hat (am 18. 8. 2008). Darüber war groß das Foto abgedruckt, das ich in allen anderen Zeitungen und bei tagesschau.de ebenfalls gesehen habe: Ein gütig lächelnder georgischer Präsident Saakaschwili blickt hinab auf eine ebenfalls freundlich lächelnde Angela Merkel, die ihm eben gesagt hat, oder ihm gleich sagen wird, dass Georgien Mitglied der Nato werden kann. Wie gesagt, die taz betitelt Donaths Kommentar: "Georgien muss in die Nato".


Das Problem ist nicht dieser einzelne Beitrag in der taz. Der Leser Hartmut Behrens aus Oberndorf schreibt: "Die extrem einseitige Berichterstattung und Kommentierung des Kaukasuskrieges in der taz ist mir unerträglich. Bildzeitungsmäßige Headlines, in denen immer Russland der Böse ist bis hin zu dem Kommentar von K.-H. Donath, der aus der Nato eine Friedenstruppe macht, vor der die Russen nun wirklich keine Angst zu haben brauchen. Aus der einstigen linken Tageszeitung ist offenbar ein Kampfblatt der Nato geworden."

Tja, so hab ich das auch gesehen (siehe Eintrag am 22. August). Und wenn ich mir vorstelle, dass da Methode dahinter steckt, dann fühl ich mich verhöhnt und verarscht. Behrens weiter: "Die Ergebnisse der Desinformationsstrategie US-amerikanischer PR-Agenturen - die den georgischen Angriff auf Südossetien offenbar mit vorbereitet haben - kann ich überall finden, dafür muss ich nicht die taz lesen."
Auch das stand hier schon mehrmals, meist im Zusammenhang mit den durchgeknallten Nationalökonomen, die in der taz ständig ihre neoliberale Ideologie ausbreiten dürfen. Auch das gehört zur "Desinformationsstrategie" der entsprechend tätigen PR-Agenturen - man muss sich nur vor Augen halten, dass allein der Arbeitgeberverband Gesamtmetall für die Verbreitung neoliberalen Gedankenguts mit Hilfe der "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" (INSM) 10 Millionen Euro - jährlich - ausgibt. Zumindest die Frage sollte erlaubt sein: Gibt es Redakteure in der taz, die davon profitieren, dass sie dieses Geschwurbel vom endlosen Wachstum und Märkte, Märkte über alles ins Blatt setzen? Und gibt es Redakteure und/oder Korrespondenten, die davon profitieren, dass sie dem taz-Leser die Desinformationen der PR-Agenturen von Pentagon und State Department unterjubeln?
Wenn diese Fragen mit nein beantwortet werden, sieht die Lage der taz nicht viel besser aus. Es wäre gleichermaßen sehr beunruhigend. Denn das würde bedeuten, dass hier Überzeugungstäter zugange sind, Journalisten, die sich aus den allgemein zugänglichen Informationen ein Weltbild zusammengesetzt haben, das so aussieht wie das der herrschenden westlichen Politikerklasse, und das sie unkritisch an den Leser weiter geben. Das würde bedeuten: Die Gehirnwäsche hat funktioniert. Der große Bruder sitzt im Kopf. Der Journalist hat die Interessen der Regierung zu seinen eigenen erklärt und unterstützt sie: Sein Weltbild wird zu "wir". Wir sind Bush.
Der taz-Leser Uwe Spieckermann schreibt dazu: "Es ist ein Hohn, die Nato, diesen militärischen Arm der westlichen Wertegemeinschaft unter Führung der USA-Bush-Clique, als Friedensbringer zu bezeichnen. Das bedeutet, die Bomben auf Exjugoslawien, Irak und wo auch immer als Friedensmission zu verstehen, das ist ja wohl mehr als zynisch. Herr Donath findet es geradezu unerhört, dass Russland die 'ehemaligen Sowjetrepubliken als sein Eigentum betrachtet', klar, schließlich ist Georgien ja jetzt 'unser' Eigentum, schließlich brauchen 'wir' das Öl aus der Pipeline, deren Bau 'wir' finanziert  haben ebenso wie die Aufrüstung der georgischen Armee mit Waffen und Militärberatern."
Unter diesem Apsekt erscheint die Forderung der taz, "Georgien muss in die Nato" nur noch unausweichlich. Spieckermann weiter: "Es geht ja um 'unser' Öl. Diese Form der Rohstoffsicherung ist ja viel eleganter, als direkt die 'Krisenreaktionskräfte' mit Bombern und Panzern auf Rohstoffe sichernde Friedensmission zu schicken."
Die Leserbriefredakteurin hat am selben Tag (es geht hier immer noch um Freitag, den 22. 8.) einen weiteren Leserbrief ausgewählt, den Rudolf Böck aus München geschrieben hat, und der hauptsächlich ein Zitat enthält, von Robert Jensen, Professor für Journalismus an der University von Texas in Austin. Jensen befasst sich mit den beiden Themenbereichen, um die es mir auch bei der taz - und hier in diesem Beitrag - geht: "Religiöser Fundamentalismus ist für Journalisten durchaus ein Thema, auch wenn solche Untersuchungen oft zu seicht sind. Fundamentalistische Überzeugungen anderer Art - wahrscheinlich noch gefährlicher als die religiösen - werden zunehmend als natürliche Gegebenheiten betrachtet und von Journalisten kaum je hinterfragt. Dazu gehören nationalistischer Fundamentalismus (der Glaube, das wir unseren jeweiligen Nationalstaaten Loyalität schulden und dass Patriotismus etwas Gutes ist) und Marktfundamentalismus (der Glaube, dass der marktwirtschaftliche Konzernkapitalismus weltweit die gegenwärtig einzig vernünftige Möglichkeit ist, Wirtschaft zu organisieren).'"
So weit, so richtig. Es muss also niemand vom CIA oder vom Pentagon oder vom BND bezahlt werden, um diesen fundamentalistischen Unsinn ins Blatt zu setzen. Der Journalist verdient seinen Lebensunterhalt dadurch, dass er das System, das ihn ernährt, mit seiner Arbeit unterstützt. Der Gedanke, dass die Presse dazu da ist, aufzuklären und die Mächtigen in Politik und Wirtschaft zu beobachten, zu überwachen, zu kontrollieren, zur Rechenschaft zu ziehen, kommt da gar nicht erst auf.
Erich Kästner hat die Zustände 1931 so gesehen: "Die Technik multipliziert die Produktion. Die Technik dezimiert das Arbeitsheer. Die Kaufkraft der Massen hat die galoppierende Schwindsucht. In Amerika verbrennt man Getreide und Kaffee, weil sie sonst zu billig würden." (Einschub: Heute verbrennt man Öl aus Pflanzen, die der Ernährung dienen sollten, um Autos anzutreiben, und verteuert dadurch die Tortillas in Mexiko). "In Frankreich jammern die Weinbauern, dass die Ernte zu gut gerät. Stellen Sie sich das vor! Die Menschen sind verzweifelt, weil der Boden zu viel trägt! Zu viel Getreide, und andere haben nichts zu fressen! Wenn in so eine Welt kein Blitz fährt, dann können sich die historischen Witterungsverhältnisse begraben lassen."
Und wenn Journalisten dieses System (den  marktwirtschaftlichen Konzernkapitalismus) mit ihrer Arbeit auch noch unterstützen, dann werden sie selbst Teil des Problems - möge die Medien, die das betreiben, der Blitz treffen, es wäre nicht schade um sie. Nun glaubt aber Erich Kästner keineswegs an eine Heilung des heillosen Zustands, in dem wir uns damals - ich zitiere aus "Fabian" von 1931 - und heute befinden. Denn: "Wir werden nicht daran zugrunde gehen, dass einige Zeitgenossen besonders niederträchtig sind, und nicht daran, dass andere besonders dämlich sind. Und nicht daran, dass einige von diesen und jenen mit denen identisch sind, die den Globus verwalten. Wir gehen an der seelischen Bequemlichkeit aller zugrunde. Wir wollen, dass es sich ändert, aber wir wollen nicht, dass wir uns ändern. 'Wozu sind die anderen da?' denkt jeder und wiegt sich im Schaukelstuhl. Inzwischen schiebt man von dorther, wo viel Geld ist, dahin Geld, wo wenig ist. Die Schiebereien und die Zinszahlen nehmen kein Ende, und die Besserung nimmt keinen Anfang."
Wenn Sie das Zitat von Erich Kästner ("wir wollen  nicht, dass wir uns ändern") mit der Einleitung vergleichen, die hier oben zum tazblog steht, und die letzten beiden Sätze mit meiner Kritik an der taz-Berichterstattung zu Ruanda (das finden Sie ebenfalls oben in der Einleitung verlinkt), dann verstehen Sie auch, weshalb ich Ihnen die Lektüre von "Fabian" dringend ans Herz legen möchte (dtv-Taschenbuch, 8 Euro).

In eigener Sache: Heiter weiter

Dieses tazblog wird sich in nächster Zeit etwas verändern - treue Leser haben es bestimmt schon in den letzten zwei Wochen bemerkt. Zum einen verlangt das Thema "taz, Ruanda, Waffenlieferungen nach Afrika" mehr Arbeit. Eine Zeitschrift hat Interesse an einer umfangreicheren Hintergrundgeschichte gezeigt, und die will ich jetzt erst einmal schreiben. Der obige Eintrag zeigt Ihnen, in welche Richtung der Artikel gehen soll.
Zum anderen habe ich jetzt ja fast ein halbes Jahr grundsätzlich festgehalten, worum es mir ging und geht - ich könnte das noch monatelang wiederholen und den Leser immer mehr langweilen. Mein Vorschlag: Greifen Sie einfach ziellos hinein in "Achtung: tazblog!", suchen Sie sich eine Woche oder einen Monat heraus unter "Blog + E-Books" und freuen Sie sich an der zeitlosen Aktualität der taz-Kritik von gestern - und auf die Veröffentlichung von "Achtung: tazblog!" in Buchform. Titel: "Mein linker Sommer - die tageszeitung kritisch gelesen". (Verlegeranfragen willkommen!).
Und schauen Sie weiterhin vorbei - neue Einträge wird's auch in Zukunft geben. Die taz und ihre Redakteure und Autoren werden mich bestimmt noch häufig ärgern.

-------------------------------------------------Kommentar
28. 8. 08

Und wer liest mir nun - täglich! - aus der taz vor bzw. sagt mir, was drinzustehen hätte, wäre es noch die taz?!
Fluch der Brotarbeit.
Jean Stubenzweig


29. August 2008

Die erste Präsidentin

Man muss es den gottverdammten Republikanern lassen: Sarah Palin als Kandidatin für den Posten des Vizepräsidenten zu nominieren, ist ein genialer Schachzug von John McCain. Die Frau sieht gut aus, hat dicke Titten und fünf Kinder. Bevor Sie mich als männliches Chauvinistenschwein abtun: Werden Sie realistisch-klar wie John McCain (siehe unten: realclearpolitics!). Der Kerl steht so weit weg von allem, was ich politisch für richtig halte, aber diese Entscheidung könnte dazu führen, dass die 44 Jahre alte Gouverneurin von Alaska (!) die erste Präsidentin der USA wird. Erst verschafft sie ihm die Stimmen der Demokraten, die Hillary wollten, einfach nur, weil eine Frau ran soll. Er wird Präsident, weil die Demokraten auf eine Frau und einen Schwarzen gesetzt haben - weder für das eine noch für das andere ist die Mehrheit reif. Inhalte? Politische Programme? Außenpolitik? Ein Krieg oder zwei Kriege, ganz weit weg? Ich bitte Sie! Hat die Mehrzahl der Amerikaner noch nie interessiert. Die Regierung macht das schon, egal wer grad Präsident ist. Es kommt viel mehr darauf an, wie einer aussieht und im Fernsehen rüberkommt.
Angenommen, McCain wird im November gewählt. Dann fordert das Alter seinen Tribut: McCain hält den Stress nicht aus, wird erst berufsunfähig, stirbt nach zwei Jahren, und sie tritt seine Nachfolge an. Sarah Palin, die erste Frau, die als Präsidentin im Weißen Haus sitzt - ohne jemals Wahlkampf gemacht zu haben, ohne vom Volk gewählt zu sein.
Erinnern Sie sich bitte: Sie haben es hier zuerst gelesen!

tagesschau.de am 29. 8. 2008:

"Den riesigen Staat im äußersten Nordwesten regiert sie (Sarah Palin) indes erst seit 2006. In Parteikreisen gilt sie als zupackend: Ihren Spitznamen 'Sarah Barracuda', den sie wegen ihrer aggressiven Spielweise im Basketball-Team an der Highschool bekam, benutzen politische Gegner noch heute. Sie geht in der Wildnis ihres Bundesstaates jagen, auch Elche, fischen und läuft Langstrecken-Rennen. Mitte der 80er Jahre gewann Palin einen Schönheitswettbewerb. 'Sie sieht immer noch großartig aus', schrieb unlängst die renommierte Polit-Webseite realclearpolitics.com 'Und höllisch schlau ist sie auch.'"

Nachtrag am 30. 8. 2008

Unlängst ist gut: Der Ratschlag für McCain, mit Sarah Palin als Vizepräsidentin in den Wahlkampf zu gehen, steht da seit dem 4. Juni 2008. "Sie sieht immer noch großartig aus" heißt im Original "she still looks drop dead gorgeous". Als Rednerin bewegt sie sich auf Augenhöhe mit Barack Obama, John McCain schlägt sie um Längen - ihre Antrittsrede in Dayton/Ohio gibt's ebenfalls unter dem Link da oben, und sie macht durchaus den Eindruck, dass sie McCain auch geistig weit überlegen ist.
Schöner ist sie sowieso - the beauty and the beast. Sie spekuliert tatsächlich auf die weibliche Solidarität, auf die Wählerinnen von Hillary Clinton, erwähnt sie sogar kurz vor Schluss ihrer überwiegend frei vorgetragenen Rede und fügt hinzu: "Wir Frauen sind noch lange nicht am Ende angelangt."
Die Hauptsache aber hebt sie sich für den Schluss auf: Ihr ältester Sohn hat sich  am 11. September 2007 freiwillig zur Armee gemeldet, und sie als Mutter eines Soldaten will dafür sorgen, dass John McCain Präsident wird, denn "der Kriegsheld John McCain ist der richtige Oberbefehlshaber".

Next stop: White House!

------------------------------------------Kommentar
31. 8. 2008

Da fragt man sich schon, lieber Hans. Zum Beispiel, ob das wirklich Frauen sind, Clinton & Co., oder ob die Aliens uns jetzt schon komplett unterwandert haben. Zu der Befürchtung tendiere ich nämlich.
Eva

Aliens? Hihihi. Replikanten, wie in "Blade Runner", Roboter, dem Menschen nachempfunden. Bei der Clinton ham se noch geübt, da ist der Hintern zu dick geraten. Palin ist aus der neuen, verbesserten Produktion, da ham se noch das Schönheitsideal aus fünf Jahrzehnten Playboy mit einprogrammiert.
Hans


31. August 2008

Planetenschmerz

De - pri- mie - rend. Wer die taz vom Wochenende liest, und sich nur zusammensucht, was über den Umgang mit diesem Planeten drinsteht, könnte leicht Kurt Vonnegut zustimmen: "Es ist zu spät." Der alte Herr gab kurz vor seinem Ableben im Spätwinter 2007 ein letztes Interview, in dem er dem jungen Menschen, der da mit ihm redete, sinngemäß erklärte: "Es nützt nichts mehr, wir sind schon zu weit gegangen, wir werden den Planeten unbewohnbar für den Menschen machen." Der Interviewer wandte ein, das sei doch eine sehr hoffnungslose Sicht der Dinge, was würde er denn einem jungen Greenpeace-Mitarbeiter sagen, der sich mit ganzer Kraft dafür einsetzt, der Zerstörung Einhalt zu gebieten? "Ich würde ihm sagen, dass er unbedingt weitermachen soll. Aber aufhalten kann man es nicht mehr."
Wer will, findet in fast jeder Ausgabe jeder Zeitung Hinweise darauf, dass Kurt Vonnegut recht hatte: Als Kollektiv haben wir - die Menschen - noch nicht einmal angefangen, zurückzurudern. Wir tun immer noch so, als wüssten wir nichts von den zerstörerischen Auswirkungen unseres Wirtschaftens, dabei sind die Grundtatsachen seit Ende der sechziger Jahre bekannt. Nur: Die meisten Leute glauben immer noch, dass der Planet gerettet werden kann, wenn man sich nur etwas "umweltfreundlicher" betätigt.
Sie auch? Dann habe ich Neuigkeiten für Sie: Dieser Planet wird möglicherweise viel früher für Mensch und Säugetier unbewohnbar sein, als die schlimmsten Pessimisten glauben. Und: Es gibt keine Rettungsmöglichkeit, wenn wir mit dieser Form des Wirtschaftens weitermachen. Wir müssen den Kapitalismus als System abschaffen - und das geht nur, indem man denen die Macht wegnimmt, die den Kapitalismus weiterhin fördern. Der Glaube, jeder könne unendlich lange so viel Geld anhäufen, wie er will, ist dummes Zeug. Das wäre nur dann vernünftig, wenn auch die Lebensgrundlagen unendlich verfügbar wären. Da sie das nicht sind, dürfen wir keinen Müll mehr produzieren, und wir müssen als erstes damit aufhören, Müll zu verbrennen. Egal was jetzt möglich ist, es kommt die Zeit, in der wir all das dringend brauchen werden, was wir jetzt törichterweise wegwerfen und dann vernichten. Mit anderen Worten: Wir müssen zurück in den Kreislauf der Natur, aus dem wir uns entfernt haben. Wenn uns das nicht ganz rasch gelingt, hat schon die nächste Generation keine Chance mehr.
Und im Hintergrund laufen die Nachrichten vom "Jahrhundertsturm" Gustav.

Bio und öko: Ein gut' Gewissen ...

Leserbrief von Helmut Nestle aus Werkhausen in der Wochenend-taz zum Artikel über CO2 und Landwirtschaft ("Biokost allein löst die Klimafrage nicht"), in der Ausgabe vom 25. 8.: "Alle, die in dem Beitrag zu Wort kommen, zeigen erschreckend wenig Wissen von 'bio' und 'öko': Alle Lebewesen leben grundsätzlich klimaneutral; das von ihnen freigesetzte CO2 wurde von ihnen direkt oder auf dem Umweg über Nahrungspflanzen kurz zuvor der Atmosphäre entnommen! Ein Vergleich mit dem Auto ist daher hirnrissig.
Das klimarelevante CO2 stammt aus den von Menschen zur Pflanzen- und Tierproduktion verwendeten fossilen Energieträgern, die bei der Landbewirtschaftung, Ernte, Verarbeitung usw. verbraucht werden; hierbei schneiden die 'Biobauern' gegenüber den konventionellen eindeutig besser ab. Zu berücksichtigen ist ferner, dass einerseits derjenige, der es mit 'Öko' ernst meint, von selbst weniger tierische Produkte isst und andererseits viele Ökosysteme nur über Tiere genutzt und erhalten werden können. Für den Fortbestand der Menscheit ist entscheidend, dass sie endlich aufhört, sich wie eine vom Krebs infizierte Zelle zu verhalten!"

Elektroauto - ach geh!

Bernward Janzing rechnet die Kosten durch und kommt zu dem Schluss, dass die meisten Propagandisten der billigen Alternative zum Benzinauto die Batteriekosten nicht mit einbeziehen. Der Akku dieses neuen Superrennflitzers für Reiche beispielsweise muss nach 1.500 Ladezyklen erneuert werden. Preis: 15.000 Euro. "Der Elektroantrieb ist nur der dritte Akt in einem bizarren Schauspiel, das im Zeitalter knappen und teuren Rohöls billige Lösungen für die Massenmobilität sucht - und am Ende nur Pseudolösungen findet."
Der erste Akt war die Brennstoffzelle, Sie erinnern sich? Wasserstoffautos. Die sollten laut Opel 2004 auf dem Markt sein, laut Daimler 2005. War wohl nix. Kommen vielleicht nie.
Der zweite Akt war Treibstoff aus Pflanzen. Dann hat man aber festgestellt, dass die Klimabilanz auch nicht so toll ist, und dass Regenwälder zusätzlich vernichtet werden. Janzing: "Vor allem treibt Sprit vom Acker eines an - die Lebensmittelpreise."
Und jetzt kommt als dritter Akt das Elektroauto. Das hätte "durchaus Charme und eine große Zukunft", meint der Autor. Vor allem, meine ich, wenn es mit Solarstrom aufgetankt wird. Aber: "Nur eines wird der Batterieflitzer eben nicht sein: ein Vehikel, das uns durch Discountpreise vom Zwang zur Verkehrsvermeidung befreit."

Angela Merkel: Die CO2-Schleuder

Sie lässt sich zusammen mit Ministerpräsident Jürgen Rüttgers und Jürgen Großmann, dem feisten Oberboss von RWE, fotografieren. Sie stoßen in Hamm in Westfalen auf die Grundsteinlegung eines neuen Kohlekraftwerks an. Merkel steht strahlend in der Mitte, der RWE-Boss überragt sie um Haupteslänge. Das Kraftwerk wird sieben Millionen Tonnen CO2 jährlich ausstoßen.
30 neue Kohlekraftwerke sollen in den nächsten Jahren ans Netz gehen.

Atomkraft? Todsicher!

Na? "Es gebe keine Risiken für die Umwelt", so die "Atomaufsicht" am Freitag, nachdem bekannt geworden ist, dass schon am Wochenende vorher aus einem Forschungszentrum in der Nähe des belgischen Dorfes Fleurus Radioaktivität frei wurde: "Die Behörden haben den Anwohnern vom Verzehr von Obst, Gemüse und frischer Milch aus der Region abgeraten."
Sie erinnern sich an den Eintrag neulich über die immer gleiche Formulierung bei solchen Meldungen? "Eine Gefahr für Mensch und Umwelt hat zu keinem Zeitpunkt bestanden."
Kann mir dann jemand erklären, weshalb die Leute kein Obst und Gemüse und frische Milch aus der Gegend mehr verzehren sollen?

Rudimentär heißt verkümmert

"Wenn Menschen in ihrem Alltag 'magische Momente' oder 'Augenblicke des Glücks' erleben - bei einer nächtlichen Schneewanderung unter dem Sternenzelt oder wenn sie mit lieben Freunden am Meer oder auf einem Berg sitzen -, was geschieht da? Ganz plötzlich fällt die Last ihrer inneren Konflikte von ihnen ab. Sie fühlen sich im Einklang mit anderen, mit sich selbst, mit der Welt. Das gibt ihnen ein gutes Gefühl, und der innere Konflikt ist eine Zeitlang verschwunden. (...)
Immer neue Glücksgefühle zu erzeugen, nur um sich gut zu fühlen, wäre selbst im besten Fall nur eine rudimentäre Art von Geistestraining und könnte sogar gegenteilige Effekte hervorrufen. Rudimentär, weil die Vorstellung, einen Menschen zu heilsamer, das heißt für ihn förderlicher Entfaltung zu führen, eigentlich die Kultivierung eines breiten Spektrums von Qualitäten umfasst, von Weisheit bis Mitgefühl, und darauf abzielt, echtes Glück und ein gutes Herz zu erlangen. Das kann man als Ziel des Lebens ansehen."
Matthieu Ricard
in: derselbe und Wolf Singer, Hirnforschung und Meditation. Seite 111. Edition Unseld, 10 Euro.


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