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tazblog 1. Februar - 14. Februar 2009
tazblog 1. Februar - 14. Februar 2009
20.02.2009 11:58:26


1. Februar 2009

Dass die Rose dir zum Beispiel werde!
Sonne, Tau und süßen Wind von Osten
Allen Glanz und alles Glück der Erde
Weiß sie frei und unbesorgt zu kosten.
Des Propheten Weisheit braucht sie nicht
Denn sie lebt ja so, wie jener spricht.

Khwajeh Shams al-Din Muhammad Hafez-e Shiraz, persischer Dichter, 1320-1390

Was wäre eine Zeitung ...

... ohne einen Vertrieb, der sie von der Druckerei zum Leser schafft. Der letzte in der Kette vom Redakteursschreibtisch zu mir, ein eher fern- als nahöstlich aussehender junger Mann, kommt zwar immer später in letzter Zeit, aber meist kommt er, so gegen sieben. Bis vor kurzem hat er die taz mit einem weißen Plastikstreifen zu einer Rolle gebunden und in den Flur geworfen, wo sie dann manchmal vor meiner Tür zu liegen kam, meistens aber irgendwo in der Nähe der Nachbarstüren. Seit einiger Zeit legt er sie brav und ungerollt auf die Fußmatte vor meiner Tür. Vielleicht weil er ein schlechtes Gewissen hat: In den letzten vier Wochen kam drei Mal morgens keine taz. Da hab ich dann beim taz-abo angerufen, und am Nachmittag lagen sie wenigstens im Briefkasten. Schlimmer wirkt es sich aus, wenn samstags die Wochenendausgabe nicht vor der Tür liegt, so wie jetzt zum zweiten Mal hintereinander: gestern und vergangene Woche. Am Wochenende kann man die Abo-Abteilung nicht erreichen, und das war's dann. Letzte Woche kam die Samstag-taz am folgenden Montag mit, und auf Seite zwei stand was von technischen Problemen in der Frankfurter Druckerei, weshalb die taz verspätet ausgeliefert wurde. Na ja, bis zu mir kam sie am Samstag nicht mal verspätet, aber am Nachmittag hatten sie tatsächlich eine am Ostbahnhof.
Gestern wollte ich allerdings nicht bis nach Haidhausen wandern, und hab mich lieber bei Leib & Seele im Lehel der AZ und der SZ am Wochenende zugewandt (das Paradiso hat samstags Ruhetag, da will der Saavas für seine kleinen Töchter da sein). So hab ich aus der AZ erfahren, dass am Dienstag die U-Bahn bestreikt wird und so mancher Bus nicht fahren wird. Und in der Wochenendbeilage der SZ gab's eine gar köstliche Kurzgeschichte von David Wagner mit einem herzzerreißenden Foto einer rothaarigen Elfe an einem üppig begrünten Teich- oder Seeufer.
Und so bin ich  wenigstens zum Weiterlesen in Tariq Alis Buch "Die Achse der Hoffnung" gekommen. Diese Achse bilden nach Ansicht des Autors Fidel Castro, Hugo Chávez, Evo Morales und Rafael Correa (nach meiner Ansicht übrigens auch). Tariq Ali war für das England Ende der sechziger Jahre so was wie Daniel Cohn-Bendit in Frankreich. Nur ist Ali im Kopf nicht fett geworden und hat sich auch nicht vom politischen System korrumpieren lassen wie der obergrüne Cohn-Bendit. "Die Achse der Hoffnung" hat den schönen Untertitel "Piraten der Karibik", wurde im letzten Jahr aktualisiert, und ist bei Heyne als Taschenbuch erschienen.
Ich kann es nur jedem empfehlen, der glaubt, alle "Achtundsechziger" seien angepasste Spießer geworden. Das Buch zeigt auch sehr schön, mit welchen Mitteln die US-amerikanischen und britischen Medien versuchen, die Sozialisten in Südamerika zu verleumden. Von den Medien in Deutschland ist bei Ali nicht die Rede, aber ich kann Ihnen sagen: Chávez und seine Mitstreiter kriegen hier ja auch kein Bein auf den Boden der bürgerlichen Presse. Gerhard Dilger in der taz stellt eine rühmliche Ausnahme dar. Verfolgen Sie nur mal den ARD-Korrespondenten in Mexiko-City, der für Kuba und Mittelamerika zuständig ist (der Name kommt mir hier nicht rein, Mistkerl!) - ein großartiges Beispiel für westlichen Propagandajournalismus.
So in der Art halt, wie Nicola Glass aus Bangkok, Susanne Knaul aus Israel, Martina Schwikowski aus Südafrika und Knut Henkel aus Kuba in der taz schreiben.

Schöne Tage - ab Dienstag soll hier der Föhn reinblasen, meint wetteronline, und dann wird Schluss sein mit Dauerfrost. Issmir schon recht, das Problem mit dem Föhn ist nur: Er lässt sich in den seltensten Fällen voraussagen, und drei Tage im voraus noch seltener.

Und weil wir grade dabei sind, hier gleich noch ein Gedicht von
Hafis Muhammad Schams ad-Din (es gibt viele Schreibweisen seines Namens):

Ich habe keine Lust, Verse zu schreiben,
also zünde ich meine Räucherpfanne an
mit Myrrhe, Jasmin und Weihrauch,
und die Verse wachsen in meinem Herzen
wie Blumen in einem Garten.


3. Februar 2009

Montag ist Samstag

Sonja Lehner
von der Abo-Abteilung schreibt: "In der Nacht von Freitag zu Samstag gab es erneut technische Probleme in der Druckerei in Frankfurt. Daher konnten leider weite Teile Deutschlands wieder nicht beliefert werden. Wir bitten um Entschuldigung. Wir schreiben die fehlenden Ausgaben gut."
Muss man sich mal vorstellen: Zwei Mal hintereinander haben sie ausgerechnet Freitagnacht Probleme und können die taz nicht an die Abonnenten liefern. Hm.
Montagfrüh lag dann die ersehnte Wochenendausgabe mit auf der Matte.

Personal

Ich hab hier schon mehrmals bemängelt, dass man in der taz zwar erfährt, wenn es bei irgendeinem Springer-Blatt oder einer anderen Tageszeitung personelle Veränderungen gibt - was in der taz passiert, kann sich der Leser nur zusammenreimen. Und das Impressum gibt über die Redaktion noch weniger Auskunft als der BND über seine Abteilungsleiter.
Also reime ich mal: Das taz.mag wird jetzt verantwortlich von Annette Lang betreut, Kürzel ALA, und sie scheint eine vollprofimäßige Schreiberin zu sein, und darüber hinaus - wie so viele taz-Redakteure - keine weiteren menschlichen Merkmale zu besitzen. Profis halt. Gute Journalistenhandwerker. Musil-Männer und -frauen: Ohne Eigenschaften.

Der Einfluss dieses Blogs auf die taz: Heute keine Propaganda für Israel

Erst konnte ich die Autorenzeile nicht glauben, aber es war kein Zweifel möglich. Mir fiel auf, dass Susanne Knaul tatsächlich einen Palästinenser interviewt hat. Kaum tippe ich mir vier Wochen lang die Finger wund, schon lässt die Israel-Korrespondentin einen klugen Kopf namens Mustafa Barghuti zu Wort kommen, der als unabhängiger Kandidat bei den Wahlen 2006 angetreten war.
Wow: Heute keine proisraelische Propaganda von Susanne Knaul (sollte man doch festhalten).
Barghuti, ehemaliger Informationsminister der Einheitsregierung, bekommt sogar Gelegenheit, einen Sachverhalt richtigzustellen, der in der taz gleich zwei Mal für Schlagzeilen gesorgt hat: Hamas-Leute schießen Fatah-Anhängern ins Knie oder erschießen sie - auch Knaul hat das behauptet.
Barghuti: "Nein, das ist Propaganda. Ich habe nur von einer kleinen Zahl von Leuten gehört, die, nachdem, was mir die Leute sagen, unter dem Verdacht, Kollaborateure gewesen zu sein, erschossen wurden. Ich habe diese Geschichte wiederholt überprüft und konnte nicht einen einzigen finden. Die Fatah-Leute, mit denen ich Kontakt hatte, sprachen sehr offen mit mir. Viele Leute haben sogar die Fatah-Flaggen gehisst. Tatsächlich sehe ich im Gaza-Streifen mehr Plakate mit dem Bild von Ex-PLO-Chef Jassir Arafat als im Westjordanland."
Wer jetzt glaubt, Susanne Knaul würde ihre Knieschusspropaganda verteidigen, wird enttäuscht. Sie geht nicht weiter darauf ein. Aber sie lässt Barghuti noch seine Sicht der Dinge darstellen: "Das Problem sind nicht die Palästinenser. Das Problem ist die israelische Besatzung - und die existiert schon viel länger, als es die Hamas gibt. Wenn die Hamas morgen verschwindet, wird es übermorgen vielleicht eine andere Bewegung geben. Damit wäre nichts gelöst. Das Hauptproblem ist die Unterdrückung und ein ungerechtes System, das schlimmer ist, als wir es aus Südafrika kannten."
Amen.

Klassefotos

Es muss mal wieder sein: Ein dickes Lob für die Fotoredaktion der taz. Wann kriegen die mal einen Preis? Das fängt - von hinten, wie immer - auf der Reiseseite an, wo trotz der verheerenden Druckqualität immer noch die Schönheit des Fotos von einer Voodoo-Zeremonie in Benin zu erkennen ist (von Eric Martin). Auch die Empörung, die sich auf dem Gesicht von Rezep Tayyip Erdogan beim Wirtschaftstreffen in Davos abzeichnet, hat der ap-Fotograf im günstigsten Moment erwischt. Und das (wieder miserabel gedruckte) ap-Foto vom Weltsozialforum in Belem verkündet einen geschichtlichen Moment: Nebeneinander halten sich auf einem Podium an den hochgestreckten Händen die linken Präsidenten Lateinamerikas Lugo (Paraguay), Morales (Bolivien), Lula (Brasilien), Correa (Ecuador) und Chávez (Venezuela).
Angela Merkel mit betenden Händen und dummdreistem Lächeln hatte ich ja monatelang hier zum Einstieg auf dieser Seite - und weil diese Geste so schön ist, kommt sie auch in der Samstags-taz. Liebe Frau Merkel: Beten allein hilft nix, es muss auch Mist aufs Feld. (Fränkische Bauernweisheit)
Mein Lieblingsfoto aus der Abteilung "So sehen sie aus" (nämlich: Die Hackfressen, die uns regieren) ziert allerdings die Seite 2: Das potthässliche Doppelkinngesicht des hessischen FDP-Manns Uwe Hahn, und daneben der schier noch hässlichere Roland Koch. Der Fotograf hat sie schräg von unten erwischt, in kaum zu überbietender Selbstgefälligkeit strecken  sie den hochgestellten Daumen in die Kameras.
Würg.
Der Brechreiz geht weiter: Das rosaschnauzige Zicklein auf der Titelseite finde ich genauso bescheuert wie die Schlagzeile "Streicheln oder essen?"
Na gut, vielleicht ist das Pop, dann geht's grade noch durch.

und hier noch ein bisschen taz vom Montag, 2. Februar:

Und nochn Foto

Die Küppersbusch-Kolumne, illustriert mit einem Foto von Benedikt Ratzinger, auf dem er die Arme ausbreitet und seine Gestalt sich im Fußboden spiegelt: Es sieht aus, als liefe er auf dem Wasser wie einstmals Jesus (der, nur nebenbei, für Ratzingers Organisation nicht verantwortlich ist und gar nie eine Kirche gegründet hat).
Ratzinger kann also auf dem Wasser laufen. Kommentar aus einem uralten Witz: "Typisch, der Kerl kann nicht mal schwimmen."
Harharhar.

taz zwei mal ernsthaft: tvF*)

Der Artikel von Natalie Tenberg gehört zum besten, was ich in  der taz zum Thema deutscher Krieg in Afghanistan gelesen habe. Schöner Titel: "Es ist Krieg - und keiner schaut hin". Nur wenn Särge zurückkommen, gibt es kurzfristig Aufmerksamkeit in den Medien. Natalie Tenberg hat unter anderem mit Andreas Heinemann-Grüder vom Bonner International Center for Conversion gesprochen: "In Deutschland sehen wir eine weitgehende Entpolitisierung dieser Duiskussion. Nur die Linken probieren, sie zu politisieren, aber die gelten ja sowieso als nicht regierungsfähig."
Das Center for Conversion wird als Institut für Friedensforschung vorgestellt. Mit Conversion ist die Umgestaltung der Wirtschaft von Kriegsgütern hin zu ziviler Produktion gemeint - also nicht Konversion im Sinne von Übertritt zu einer anderen Glaubensgemeinschaft.
Na ja, vielleicht doch ...

*) taz vom Feinsten

Die taz als Monatszeitung

Nach fast vier Wochen erfährt auch der taz-Leser, dass Hugo Chávez Anfang Januar auf Grund der Kriegsverbrechen in Gaza die diplomatischen Beziehungen zu Israel abgebrochen hat. Die verspätete "Doch-noch-Meldung" kommt mit einem Vorfall, den taz-Mann Jürgen Vogt nur zu gern damit in Verbindung setzt: In Caracas wurde eine Synagoge überfallen, die jüdische Gemeinde protestiert und sieht "Antisemitismus". Immerhin bringt Vogt auch die Reaktion der Regierung. Sie "hat  den Überfall auf die Synagoge scharf verurteilt. Venezuelas Außenminister Nicolas Maduro bezeichnete den Überfall als 'verbrecherisch' und versprach eine lückenlose Aufklärung."

Akademikersprech = Herrschaftswissen

In einem Untertitel fragt die Abteilung "wirtschaft und umwelt" den Leser: "Aber wieso tun sich die Betriebe so schwer, Ressourceneffizienz zum Prinzip zu machen?"
Meine Antwort: Weil dieses Wort so scheußlich und bescheuert ist, dass niemand die Notwendigkeit erkennt, weshalb man sich mit so einem Scheiß befassen soll. Das klingt fast wie Gender Mainstreaming und steht der guten Sache genauso im Weg.
Heh, Journalisten, die ihr euch an den demokratischen Souverän wendet (der gemeinhin auch als Volk bezeichnet wird): Ihr habt als Vermittler die Aufgabe, verständliche Begriffe zu verwenden, den Grundstoff Sprache wirksamer einzusetzen. Wie wär's denn mit Rohstoffsparen? Wirksamer Einsatz von Rohstoffen?
Ach, fangt doch selber an zu denken.

Gääähn

Im darüber stehenden Artikel "Menschenkette um das Atomforum" wird über die Aktionen gegen das Treffen der Atomlobby in Berlin berichtet. Falls sich jemand
in Kreisen der AKW-Gegner fragt, weshalb diese Aktionen zu nichts führen und mal wieder kein Schwein zur Demo kommt, empfehle ich auch in diesem Fall selber zu denken. Und zwar nach. Über diesen stinklangweiligen Plakattext: "Mit der Atomenergie ist es wie mit der Finanzkrise: Gewinn für wenige, Risiko für alle!"
Gähn.
Das Geld für diese Plakate kann man auch versaufen.

Schlagzeilen

Ratzinger auf Seite eins (Wir sind peinlich) und Seite 3 (Kruzifix, Ratzinger!):
Seite eins ist okeh, Seite 3 total bescheuert.


5. Februar 2009

Vogelschlag: Vorschlag

Also war es doch irgendeine Art von Federvieh, das in die Triebwerke des Fliegers geriet, der auf dem Hudson River notlandete. Ob schon mal jemand daran gedacht hat, die Ansaugöffnungen der Turbinen mit Hühnerdraht abzudecken, damit die Vögelchen nicht mehr ins Innere gelangen und Flugzeuge zum Absturz bringen können?
Man wird ja noch fragen dürfen. Vielleicht sind die Flugzeugkonstrukteure bei Airbus und anderswo alle betriebsblind, kann doch sein.
Dass man den Schlamassel im Nahen Osten beenden könnte, wenn Israel die Mauer abreißt und sich aus den besetzten Gebieten in die Grenzen von 1967 zurückzieht - darauf scheint ja in israelischen Regierungskreisen auch keiner zu kommen.

Die tageszeitung

Ob's am Föhn lag? Oder an der  Vorfreude, am frühen Abend mit der Moni ins Kino zu gehen? Jedenfalls kam mir die taz von gestern so öde vor wie lange nicht mehr. Nichts, was mich zu Kommentaren oder Bemerkungen inspiriert hätte, nichts was mich so geärgert hat, dass ich mal wieder empört in die Tasten hacken wollte.

Hans im Kino: Waltz with Bashir

Keine Ahnung, wann ich zuletzt im Kino war. Ich glaube, es war "Der ewige Gärtner", an den ich die  besten Erinnerungen als intelligenten, teuren Großfilm habe. Der Film gestern hieß Waltz with Bashir, und das war Monis Idee. Ich hörte ihre Stimme aus meiner Sprachbox Dienstagabend, als ich vom Paradiso nach Hause kam: "Heh, kein Mensch will sich mit mir einen Dokumentarfilm über den Krieg im Libanon ansehen, noch dazu einen Zeichentrickfilm von einem israelischen Regisseur."
Ich hab sie sofort zurückgerufen und zugesagt: "Ich hab ein Interview mit dem Mann gelesen, in der taz, das war klasse. Bis morgen."
Die Kunst des Zeichenfilms benutzt Ari Folman weit jenseits von Disney und Werner und Asterix und Shrek. Es geht um den Libanon-Feldzug der israelischen Armee im Jahr 1982 und das Massaker, das christliche Falangisten nach dem Mord an Bashir Gemayel, dem libanesischen Präsidenten, verübten. Die christlichen Milizen dringen in die Flüchtlingslager der Palästinenser ein, die sie für den Mord verantwortlich machen, und bringen alle um, die nicht schnell genug weglaufen können. Und die israelische Armee sieht zu.
Waltz with Bashir ist ein seltenes Stück Filmkunst, und die Menschlichkeit, die Ari Folman einbringt, ist seine eigene. Indem er die Personen befragt, die ihm Auskunft über die Geschehnisse im Libanon geben könnten, sucht er seine eigene Vergangenheit wieder aufzubauen, die er zum Selbstschutz verdrängt hat: Folman war als junger Soldat dabei, im Sommer 1982, vor Beirut. Waltz with Bashir wurde gerade für den Oscar als bester ausländischer Film des Jahres nominiert. Ich halte ihm die Daumen - damit möglichst viele Menschen dieses außergewöhnliche politische Kunstwerk zu sehen bekommen.
Hier der historische Hintergrund (Parallelen zum Gaza-Krieg 2008/2009 sind wohl kein Zufall). IDF ist die Abkürzung für Israel Defense Forces, also die Armee des Staates Israel (defense = Verteidigung, so wie unser Kriegsminister eben auch als Verteidigungsminister bezeichnet wird. "Neusprech" heißt das in George Orwells "1984").

In June 1982, the Israeli army invaded South Lebanon after Israel’s northern towns had been bombarded for years from the Lebanese territory. The Israeli government’s original plan was to occupy a 40 km security zone in Lebanon in order to “cleanse” the missile range used by the Palestinians against Israel’s northern towns. In fact, the Israeli Minister of Defense at the time, Arik Sharon, developed a fantastical and ultra-imaginative plan: to occupy Lebanon as far as Beirut, including Beirut, and to appoint his Christian ally, Bashir Gemayel, President of Lebanon, thus eradicating the threat to the State of Israel from the north and expanding and increasing the front against Syria, a country that also borders on Lebanon and was always considered Israel’s cruelest and most tenacious enemy. Sharon and senior military leaders were actually the only ones who knew about the plan. While the Israeli government approved a 40 km range operation only, the IDF thrust full speed ahead all the way to Beirut.
Within one week the IDF inundated Lebanon and reached the outskirts of Beirut. However, just then, before entering the city, questions were raised: What business does the army have being in a foreign capital, so far from home? Why are Israeli soldiers being killed on a daily basis when their actions have no real link to the protection of Israel’s northern border? Suddenly, the correlation to the Vietnamese war was inevitable.
In August, two months after war broke out and the IDF was still waiting on the outskirts of Beirut for the command to penetrate the city, a treaty was signed with the Palestinians according to which all Palestinian combat fighters would be evacuated from Beirut on ships to Tunisia. In return, the IDF would remove the threat of penetrating the city. That week, Bashir Gemayel, senior commander of the “Phalangists” Christian militia, was elected President of Lebanon. Gemayel was considered extraordinarily charismatic, a fashionable young man, handsome and infinitely admired by all Christian militia soldiers and their families. He was especially esteemed by the Israeli leadership. Gemayel’s appointment as President of Lebanon was designed to ensure relative quiet on the tense border between the two countries.
While giving a speech at the Phalangist headquarters in East Beirut, Bashir Gemayel was killed by a massive explosive charge. To this day it is unknown who was responsible for the murder, but the assumption is that the assassination was orchestrated by Syrian or Palestinian factions or that they collaborated thereon.
That afternoon, Israeli troops penetrated a region in West Beirut that was mostly populated in those days by Palestinian refugees, and they surrounded the Sabra and Shatila refugee camps. Towards evening, large Phalangist forces made their way to the area, driven by a profound sense of revenge after the killing of their revered leader. At nightfall, Phalangist forces entered the Sabra and Shatila refugee camps aided by the IDF’s illumination rounds. The declared objective of the Christian forces was to purge the camps of Palestinian combat fighters. However, there were virtually no Palestinian combat fighters left in the refugee camps since they had been evacuated on ships to Tunisia two weeks earlier. For two whole days the sound of gunfire and battles could be heard from the camps but it was only on the third day, September 16th, when panic-stricken women swarmed the Israeli troops outside the camps, that the picture became clear: For three days the Christian forces massacred all refugee camp occupants. Men, women, the elderly and children, were all killed with horrific cruelty. To this day the exact number of victims is unknown but they are estimated at 3000.
News of the massacre shocked the entire world and a spontaneous protest of hundreds of thousands Israelis forced the Israeli government to create an official inquiry committee to investigate the liability of Israeli political and military authorities. Minister of Defense Arik Sharon was found guilty by the committee for not having done enough to stop the horror once he became aware of the massacre. He was dismissed of his duties and prohibited from serving as Minister of Defense for another term. This did not stop him from being appointed Prime Minister of Israel twenty years later.

Quelle: waltzwithbashir.com/home.html
(Auf der Website hört man auch ein Beispiel für die grandiose Filmmusik und sieht die phantastische Kunst des Zeichentricks - magischer Realismus, wenn Sie mich fragen.)


6. Februar 2009

Alles Gute zum Geburtstag: Bob Marley

I remember when we used to sit
in the Government Yard in Trenchtown
Oba-observing the hypocrites
that would mingle with the good people we meet
Good friends we have had
Good friends we've lost
along the way
With this bright future we can't forget our past
so dry those tears I say
No woman, no cry
No woman, no cry

Hans Söllner hat den Songtitel mal so übersetzt: Koa Frau, koa Gschroa! Was wiederum ins Schriftdeutsche übertragen heißen würde: Keine Frau, kein Geschrei. Das war ironisch gemeint! Aber Bob Marley wollte sagen: Nein, Frau, weine nicht! Es war, wie so viele seiner Songs, ein redemption song, ein Lied, das trösten sollte.
Leider kann man ihn nicht mehr fragen, ob er die Übersetzung von Söllner lustig findet, denn der große Reggae-Dichter und -Musiker Bob Marley starb am 11. Mai 1981 in Miami. Marley war Jahrgang 1945, heute wäre er 64 geworden (vgl. Beatles, When I'm 64).
Nach der Legende hatte er sich beim Fußballspielen 1977 den großen Zeh verletzt, und in der Wunde hatten sich bösartige Krebszellen entwickelt. Marley verweigerte eine Amputation, weil nach Rasta-Glauben der Körper ganz bleiben musste. In den folgenden Jahren breiteten sich die Krebszellen in die Lungen und ins Gehirn aus.

Als es zu Ende ging, suchte er Hilfe bei Josef Issels in der Krebsklinik am Tegernsee. Aber der konnte Marley nicht mehr helfen. Auf dem Rückflug von Deutschland nach Jamaika musste sein Flugzeug in Miami zwischenlanden, und er wurde dort in die Notaufnahme des Cedars of Lebanon Hospitals eingeliefert. Er starb mit 36 Jahren. Seine letzten Worte zu seinem Sohn Ziggy: "Man kann das Leben nicht mit Geld kaufen."
Bob Marley erhielt ein Staatsbegräbnis auf Jamaika und wurde in einem Mausoleum in seinem Geburtsort Nine Miles beigesetzt - zusammen mit seiner E-Gitarre (einer Gibson Les Paul), einer Bibel und einer Hanfpflanze.
Bei der letzten Europatournee im Jahr 1980 kam er mit den Wailers auch nach München und spielte im Reitstadion. Die Plattenfirma Ariola hatte seit Wochen ein Interview vorbereitet, und ich - damals Kulturredakteur beim Playboy, zuständig für Bücher, Filme, Musik, Kunst, Essen und Trinken - sollte mein Idol am Nachmittag vor dem Auftritt treffen. Morgens um zehn rief Hans-Peter Bushoff, der Pressemann von Ariola, an: "Gibt kein Interview, Marley hat abgesagt." Aber warum denn? "Er hat erfahren, dass du beim Playboy arbeitest, und ließ von seinem Manager ausrichten: 'Rastaman don't talk to magazine with naked women.'"

Emancipate yourselves from mental slavery
None but ourselves can free our minds…

Bob Marley

Obamas Anmerkungen beim traditionellen National Prayer Breakfast

Ein Auszug

 "Wir wissen auch, dass es trotz aller Unterschiede ein Gesetz gibt, das alle großen Religionen verbindet. Jesus sagte uns, "liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Die Torah befiehlt: "Was von Hass erfüllt ist, darfst du deinem Mitmenschen nicht antun." Im Islam gibt es ein Hadith das besagt: "Keiner von euch glaubt wahrhaftig, wenn er nicht seinem Bruder dasselbe wünscht wie sich selbst." Und dasselbe gilt für Buddhisten und Hindus, für Anhänger von Konfuzius und für Humanisten. Es ist selbstverständlich die Goldene Regel - der Aufruf, einander zu lieben; einander zu verstehen; diejenigen Menschen mit Würde und Respekt zu behandeln, mit denen wir einen kurzen Moment auf dieser Erde teilen.
Es ist eine uralte Regel; eine einfache Regel; aber auch eine der herausfordernsten. Denn sie verlangt von uns, ein gewisses Maß von Verantwortung für Menschen zu übernehmen, die wir gar nicht kennen, die nicht denselben Glauben haben oder mit denen wir nicht in allen Punkten übereinstimmen. Manchmal verlangt sie von uns, dass wir uns mit erbitterten Feinden versöhnen oder alten Hass begraben. Und das erfordert einen lebendigen, atmenden, aktiven Glauben. Es verlangt von uns, nicht nur zu glauben, sondern zu handeln - etwas von uns hinzugeben zum Wohl anderer und zur Verbesserung der Welt."

Barack Obama, 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, am 5. Februar 2009


7. Februar 2009

Hallelujah!

Ein Samstag, an dem die Wochenend-taz vor der Tür liegt! Das hat es seit drei Wochen nicht mehr gegeben. Und auf der letzten Seite klingelt eine Bildunterschrift (zwei Mädchen an einem Computer) "Non-formale Peer-to-peer-Lernwelten: Lernen 2.0".
Ey, Volldurchblicker bei der taz, wa? Donnerstag gab's als Titelzeile im Kulturteil "Lust an der eigenen Genealogie".
Mir vergeht da die Lust aufs Zeitunglesen.

Piraten im Mittelmeer

Zwei Randmeldungen am Freitag, unverbunden, aber untereinander auf die Seite 10 gestellt: "Israels Marine fängt Schiff ab". Ein libanesisches Schiff, beladen mit Hilfsgütern von arabischen und libanesischen Hilfsorganisationen wird von der israelischen Marine geentert und in den Hafen von Aschdod umgeleitet. Und: "Gekaperter Frachter frei". Gegen eine Lösegeld von angeblich 3,2 Millionen Euro wurde ein ukrainischer Frachter freigelassen, der vor fünf Monaten im Golf von Aden gekapert worden war.
Der wesentliche Unterschied beim Entern: In einem Fall handelten die Piraten in staatlichem Auftrag.

Neues aus Palästina

Heh, hier wird nicht nur rumgemeckert: Die Israel-Korrespondentin nimmt inzwischen ihren Job wirklich ernst und bringt mehr als nur umgeschriebene Pressetexte des israelischen Außenministeriums. Falls meine so permanente wie penetrante Kritik an ihrer Einseitigkeit dazu beigetragen hat, würde mich das sehr freuen. Gestern erfuhr der taz-Leser, dass die Koexistenz der palästinensischen und israelischen Bevölkerung im Staat Israel am besten unter Jitzhak Rabin zwischen 1992 und 1995 funktioniert hat. In Bezug auf die bevorstehenden Wahlen schreibt Susanne Knaul über die Palästinenser, die in Israel leben: "Die Schlüsselfrage ist für sie deshalb nicht, für wen sie stimmen werden, sondern ob es überhaupt Sinn hat, die Stimme abzugeben." Denn: "Keiner der Spitzenkandidaten für die nächste Woche anstehenden Wahlen ist für sie wählbar."
Na, das kenn ich doch von hier, geht mir genauso: Ich hab die Wahl zwischen der AMP (Automobile Merkel-Partei), der SMD (Steinmeier-Müntefering-Desaster), der FWK (Fröhliche Westerwelle-Kapitalvertreter), dem Bündnis 9.000/Die Grünen (Bündnis für 9.000 Euro Abgeordnetengehalt/ehemals grüne Partei) und der ASPD (alte SPD, läuft heute unter dem Namen "Die Linke").

Witze I: Sauberer Kapitalismus

Bei Frau Merkel in Berlin haben sich die "Chefs der führenden Weltwirtschaftsorganisationen" getroffen (wer das ist, stand nicht dabei). Sie "kündigten an, ihre Zusammenarbeit für eine 'stärkere, sauberere und fairere Wirtschaft' zu verstärken." Das melden taz und dpa.
Mit anderen Worten: Die Umverteilung von unten nach oben geht verstärkt weiter, mit fairer Ausbeutung. Und reinigen und polieren wollen sie auch - der Mercedes-Stern wird mit Sidol auf Hochglanz gebracht, und die Fenster der Bank-Wolkenkratzer in Frankfurt werden auch mal wieder geputzt.

Witze II: www.oldjewstellingjokes.com/

Mein Freund und früherer Gitarrenlehrer Ms. Bob aus San Francisco schickt mir gelegentlich Witze per E-Mail. In den meisten Fällen handelt es sich um gute, in noch mehr Fällen um jüdische. Jetzt hat er mir einen Link geschickt: www.oldjewstellingjokes.com/. Das ist eine Website mit einfach gestalteten Videoclips, in denen genau das passiert: Alte Juden erzählen Witze. Für die Auswahl gibt es drei Kriterien: Die Witzeerzähler müssen jüdisch sein, über sechzig Jahre alt, und sie müssen vor der Kamera ihren Lieblingswitz erzählen. Jeden Dienstag und Donnerstag kommt ein neuer hinzu.
Für meine Empfehlung gibt es ebenfalls drei Kriterien: Sie brauchen einen sehr schnellen DSL- oder Breitbandanschluss; Sie müssen zu den Menschen gehören, die amerikanisches Englisch verstehen; und Sie sollten sich nicht wundern, wenn da deutsche Werbung auftaucht.
Eigentlich mag ich Leute nicht, die mich ständig mit Witzen zulabern und damit versuchen, mich auf ihr Niveau hinabzuziehen. Aber nach meiner Erfahrung aus den frühen achtziger Jahren mit Franz Spelmann, meinem inzwischen verstorbenen älteren Kollegen und Förderer, sind Witze durchaus erträglich, wenn sie von Juden erzählt werden, die über sechzig sind. (Hallo Karel - du gehörst auch zu den Ausnahmen!)

7. Februar 2009, abends

Hey, Joe
oder: Das nördliche Lehel im Zentrum der Welt

"I hob den Papst g'sehng", sang amal der Georg Ringsgwandl. Um am Schluss  zur Pointe zu kommen: "Der Papst hat mi g'sehng."
Nichts von beidem traf am Samstagnachmittag auf mich zu, aber trotzdem wurde ich an das Lied erinnert, als ich so gegen vier Uhr nachmittags über die Max-Josef-Brücke von Bogenhausen ins nördliche Lehel spazierte, und auf der nachfolgenden Brücke über den Zubringer zum Mittleren Ring stehen blieb, denn ich war völlig verblüfft: Unter mir fuhren keine Autos. Die Fahrbahnen in beiden Richtungen waren leer, auch aus der Widenmayerstraße kam kein Nachschub. Und: Es herrschte absolute Stille. Das war schön.
Bevor ich aus dem Haus gegangen war, hatte ich noch bei tagesschau.de geklickt, bei bbc.news und bei english.aljazeera vorbeigeschaut, und nicht ganz ohne Lokalstolz konnte ich feststellen, dass bei allen drei Nachrichtenportalen meine Heimatstadt der Top-Aufmacher, die Meldung Nummer eins war: Sie berichteten von Joe Biden, der bei der Münchener Kriegskonferenz von "neuen Tönen" in der US-Außenpolitik gesprochen hatte. Na ja, ich war ganz gegen meine Gewohnheit skeptisch - so neu war der Ton gar nicht, als er da sagte, dass er vom Iran die vollständige Einstellung des Atomprogramms verlangt.
Daran dachte ich aber nicht, als ich eine Weile andächtig auf der Brücke stand, die Hände wie betend aufs Geländer gelegt, und in der Ferne kreiste ein Hubschrauber fast unbeweglich hoch über der Innenstadt. Dann tauchte über der Isar ein weiterer auf, aber ich beachtete ihn nicht so recht, bekam stattdessen angenehme Visionen von einer Stadt ohne Automobile. Befreit von Kraftfahrzeugen hatte ich diese Straße nämlich noch nie gesehen. Mit wenigen Autos schon, früh am Sonntagmorgen, aber ganz ohne noch nie (auch beim Marathon waren ja die Stinker unter der Brücke weitergefahren). So sann ich denn für mich hin, als ich in meiner meditativen Versunkenheit jäh unterbrochen wurde, von einer Stimme in Berliner Tonfall, die rechts hinter mir ertönte: "Bitte jehn Se weiter."
Ich wandte mich dem Ursprung der Stimme zu, und fand, dass neben mir ein junger Mensch im schwarzen Overall stand, ein wichtig aussehendes Funkgerät in der zum Ohr hochgestreckten Hand. "Warum sollte ich das tun?", fragte ich und konnte meine Überraschung nicht verheimlichen.
"Weil ich Ihnen das sage", kam es von dem jungen, wie ich jetzt sehen konnte, gut rasierten Mann, der etwas kleiner war als ich.
Hah, wie stolz war ich dann rückblickend auf meine Antwort: "Sie haben mir gar nichts zu sagen."
Er blickte etwas irritiert, wusste aber die Staatsmacht hinter sich: "Habe ich doch, gehen Se weiter, aus Sicherheitsgründen."
"Dann sagen Sie mir erst mal, warum ich hier nicht stehen kann."
"Weil da gleich jemand durchfährt."
"Ach du lieber Gott, ich tu wirklich niemandem was."
"Det jlob ick Ihnen ja, aber jehn Se da rüber, hier dürfen Se nich stehnbleibm."
Na schön, ich tat ihm den Gefallen.
Und dann kam Joe.
Joe Biden. Na ja, der Mann von tagesschau.de, bbc.news und english.aljazeera. Joe ist so wichtig, dass er nicht allein im Auto durch München fahren kann. Und so bedeutend, dass alle Straßen vom Bayerischen Hof am Promenadeplatz bis zum Flughafen im Erdinger Moos abgesperrt werden, wenn er wieder nach Washington D. C. zurückfliegen will.
Also, ehrlich gesagt, ich hab ihn nicht gesehen, den guten alten Joe. Aber ich nehm mal an, er saß in einem der geschätzt etwa dreißig Autos, die mit mindestens 90 Sachen angerast kamen - kurz nach den sechs grün gekleideten Ledermonturpolizisten auf grünweißen BMW-Motorrädern, die keine zwei Minuten nach meiner kurzen Unterhaltung mit dem kleinen Preußenbullen, blau blitzendes Licht an den Lenkerenden, unter den kahlen Bäumen der Isarparallele aufgetaucht waren.
Ich hatte einen hervorragenden Aussichtspunkt, etwas erhöht, direkt vor den schönen Jugendstilhäusern an der Ecke Widenmayer-/Tivolistraße, die hinten auf den Eisbach rausgehen. Nirgends standen geparkte Autos, denn von Freitag sechs Uhr bis Sonntag 15:30 Uhr war überall Halteverbot. Auch das erhöhte den ästhetischen Wert der Umgebung und schuf ein freies Blickfeld. So konnte ich die Autokolonne des Vizepräsidenten schon sehen, als sie fern in der Widenmayerstraße auftauchte und auf die Unterführung zupreschte. Die US-Geländewagen des Security Service waren leicht zu erkennen, weil sie rote und blaue Blinklichter über den Stoßstangen hatten. Die deutschen Polizeiautos kamen nur mit Blaublink, und das leuchtete von den Autodächern. Es fuhren auch ein halbes Dutzend unbeleuchtete und nicht gekennzeichnete Zivilautos mit, und in einem davon saß wohl good old Joe Biden, Barack Obamas Vize, und fuhr, gegen alle möglichen deutschen Straßenverkehrsgesetze verstoßend, zum Flughafen. Er beachtete keine Ampeln, keine Vorfahrtsschilder, keine Geschwindigkeitsbegrenzung, und verstieß permanent gegen Paragraph 1 der Straßenverkehrsordnung: Er belästigte und behinderte tausende von Autofahrern und -besitzern in der Stadt München, und mich auch.
Interessanterweise fuhr auch eine Ambulanz mit in der Kolonne, und ein schwarzer Kleinlaster, der wie ein Leichenwagen aussah. Meine Güte, die denken wirklich und gründlich an alles, die Jungs vom Secret Service.
Aber richtig g'sehng hab ich ihn net. Und er mich vermutlich genauso wenig. Aber wer weiß? Hey, Joe, ich war der mit der grauen Wollstrickmütze, oben links von dir aus gesehen, auf der andern Straßenseite, kurz vor der Unterführung an der Tivolistraße.
Und ich hab nicht gelächelt.


8. Februar 2009

Neal Cassady: Happy Birthday!

'The bus came by and I got on, that's when it all began
There was Cowboy Neal at the wheel of the bus to Nevereverland'


('The Other One' by The Grateful Dead)


Born: February 8, 1926

Place of Birth: Salt Lake City, Utah
Died: February 4, 1968
Place of Death: San Miguel De Allende, Mexico


Ja, mir kommt's auch so vor, dass sich Geburts- und Gedenktage hier häufen, aber: So wenig wie Bob Marley sollte auch Neal Cassady vergessen werden. Außerdem taucht er immer wieder auf in meinem Leben - im letzten Sommer, als mir mein alter Kumpel Doug Reynolds eine CD von David Anderson mitbrachte, Layover in Reno, schön öko, verpackt nicht in der Plastikbox, sondern in einer gut gestalteten Papphülle (machen ja brave Künstler wie Pearl Jam schon lange). Den letzten von neun Folksongs hat David Recollections of Neal Cassady betitelt, und er rappt ganz in der Art des Energiebündels sechs Minuten lang seine unvergesslichen Begegnungen mit dem Antriebsmotor der Beat-Generation herunter, und dazu die Biographie des großen Fahrers (hier eine Hörprobe).

Cassady saß wohl die meiste Zeit seines Lebens hinter dem Steuer eines (oft gestohlenen) Autos. Er war der Fahrer (Dean Moriarty) in Jack Kerouacs Roman "Unterwegs" (On the Road), er war der Fahrer, als Ken Kesey und die Merry Pranksters im psychedelisch bemalten Bus mit dem Bestimmungsort Further (Weiter) oben am Dach die USA durchquerten, um beim Woodstock-Festival den Ordnungsdienst zu organisieren. Das ging gründlich schief, weil sie die größten Chaoten der Welt waren, aber jeder, der den Woodstock-Film gesehen hat erinnert sich an Wavy Gravy von den Pranksters und seinen Spruch: "What we have in mind is breakfast in bed for four hundred thousand people."
Erst letzte Woche tauchte Cassady wieder auf, was kein Zufall und kein Wunder ist: Ich hab Living with the Dead gelesen, die sehr schön ins Deutsche übersetzte Geschichte der Grateful Dead (Titel: "Amerikanische Odyssee"), aufgeschrieben von Rock Scully und David Dalton, und da schleicht sich Neal auch wieder auf die Seiten, zum ersten Mal auf Seite 29: "Cassady läuft eben erst warm. Er jongliert einen Vorschlaghammer, den er hoch in die Luft wirft: Schwumm-schwumm-schwumm-schwumm geht es im Rhythmus eines pochenden Herzens. Während er seine Hammernummer abzieht quasselt er wie zehn Mann; die Leute um ihn herum sind sich des tödlichen Instruments, das da um Haaresbreite über ihre Köpfe wischt, noch nicht mal bewusst. Ich bin drauf und dran, 'Achtung, Kopf weg!' zu schreien, da schnappt er ihn schon wieder mitten im Satz aus der Luft.
Ehrfürchtig schüttelt Garcia den Kopf. 'Wahnsinnstyp, dieser Neal, einfach irre, verstehst du. Hat uns beigebracht, Gott zu spielen, indem man in unübersichtliche Kurven fährt.'"
Die Erstausgabe von Allen Ginsbergs Langgedicht Howl (Geheul, 1956)) hat er Jack Kerouac, William Seward Burroughs und Neal Cassady gewidmet. Bei jedem der drei Namen erläutert Ginsberg in ein paar Zeilen, was sie geschrieben haben. Zu Cassady heißt es da: "Autor von 'Das erste Drittel', einer Autobiografie (1949), die Buddha erleuchtet hat."
 


Rest in peace, Neal Cassady!

taz am Wochenende

Im tazmag drucken sie eine Buchbesprechung von einem völlig überschätzten deutschen Schreiber, der wohl einen taz-Redakteur kennt. Denn wie sonst ist zu erklären, dass Stephan Wackwitz immer wieder auf den Wochenendseiten auftaucht? Dazu passt, dass er das Buch eines völlig überschätzten amerikanischen Schriftstellers bespricht, Philip Roth, der in "Empörung", seinem neuen Roman, "die dunkle Vorgeschichte von 1968 nachliefert, die schlimmen Folgen eines Aufbegehrens inklusive".
Ach du Scheiße.

Lecture heißt Vortrag

"Auf dem tazkongress vom 17. bis 19. April spricht Cord Riechelmann in einer Lecture zum 200. Darwinjahr zur Kritik am Naturalismus". So steht's im tazmag.
Er "spricht in einer Lecture"? Könnte es auch sein, dass er einfach einen Vortrag hält, zum Darwin-Jahr?

"Ein Journalismus der nicht lügt": Vorabdruck als Schleichwerbung

Verstehen Sie mich nicht falsch: Nichts gegen den Vorabdruck aus einem Buch, das demnächst erscheint, und zu dem auch ein taz-Redakteur einen Beitrag abgeliefert hat. Darin zitiert Jan Feddersen den durch Bildblog bekannt gewordenen Stefan Niggemeyer mit den Worten: "Meine größte Sorge ist, dass die Leute nicht mehr erkennen, was das ist: ein Journalismus, der nicht lügt, der unabhängig ist, der keine versteckte oder offene Propaganda betreibt."
Um das Buch, in dem diese Sätze stehen, unter die Leute zu bringen, stellt Feddersen eine Randspalte Werbung auf die Doppelseite, erwähnt noch mal, dass er dazu beigetragen hat, und druckt auch noch das Titelbild, Erscheinungsdatum und alle Verlagsangaben ab.
Ein Journalismus, der keine versteckte oder offene Propaganda betreibt. Seufz.


P. S. Auffällig an diesem Vorabdruck: Feddersen ist ein ziemlich guter Autor, wenn er sich, wie hier offenbar geschehen, mehr Zeit lässt.


Selber suchen ...

... in der Online-taz müssen Sie den Beitrag von Christian Bartels auf der Wahrheitseite. Titel: "Der Börsenhaifischfutterplatz". Warum Sie das suchen sollen? Weil es genial geschrieben ist. Es geht um die "Finanzkrise", und Bartels stellt die neu gegründete "Bad Bank" in Frankfurt vor. Kostprobe: "Um wenigstens die größten sozialen Härten abzufedern, hat der Staat riesige Geldbeträge erfunden, die jeden Tag öffentlich vorgelesen werden. Das beruhigt die nervösen Märkte, die derzeit kaum etwas bei sich behalten können, so schlecht ist ihnen."

taz: Kultur


"Egoshooter, Nerd, attraktive Inklusionsmodi, Celebrity Culture, Wissensgesellschaft avant lettre, artiste maudit, 'das Frequentieren einer queeren, transgressiven Undergroundszene', heterosexuelle Matrix, Eventmarketing, Boomhysterie".
Da kann ich nur wieder einmal dafür plädieren, den Usus von Fremdwörtern zu optimieren, indem sie auf ein Minimum reduziert werden, sonst wird das nix mit der selektiven Partizipation des Prekariats am elitären Diskurs.

Bio-Puten gibt es nicht

Eine ganze Seite neue Puten-Hysterie - das kommt an beim besorgten taz-Leser. Erinnert mich an die berühmten letzten Worte des bayrischen Metzgermeisters, der seine Söhne und Töchter ums Sterbebett versammelt und mit kaum noch hörbarer Stimme verröchelt: "Esst's koa Wurscht!"


Hamburg, Deutschland: Demokratie. Presse- und Informationsfreiheit

Ich hab's ja neulich schon erwähnt: Auch andere Menschen haben "bemerkt, wie die deutschen Medien bevorzugt die israelische Position im Nahostkonflikt verbreiten und andere Stimmen ignorieren." Das schreibt taz-Leser Joseph Glagla aus Hamburg als Leserbrief zu dem Kommentar von Iris Hefets (siehe Eintrag vom 31. Januar). Und fügt eigene Erfahrung hinzu: "Anfang Januar wurde in unserem Kabelnetz der Sender Al-Jazeera/English abgeschaltet. Rein zufällig war es genau die Zeit, in der der Gazakrieg tobte, Israel ausländischen Journalisten den Zugang in den Gazastreifen verwehrt hat und nur die dort anwesenden Al-Jazeera-Journalisten berichten konnten."
Na klar, reiner Zufall.
Demokratie heißt: Die Herrschaft der Banken und der Rüstungsindustrie mit einem Parlament, in dem die Systemfrage nicht mehr gestellt wird. Alle sind sich einig, dass man so weiter macht. Es geht nur darum, die Maschinerie zu warten und gelegentlich mit milliardenschweren "Konjunkturprogrammen" zu ölen.
Non olet. Geld stinkt nicht, es ruiniert zwar unsere Lebensgrundlagen und bringt ständig Menschen um, aber das Prinzip ist schon richtig: Jeder, der smart genug ist, darf so egoistisch sein, wie er will. Heh, wenn er nicht schlauer wäre als andere, wäre er doch nie so reich geworden! Arme sind einfach dümmer. Geschieht ihnen recht.
Dies ist unter namhaften Wirtschaftswissenschaftlern auch bekannt als erster Satz der Kapitaldynamik.
Prost!



9. Februar 2009

WWN*) (von tagesschau.de)


HeidelCement wartet auf Impulse


Der zur Merckle-Gruppe gehörende Baustoffkonzern hat 2008 seine angekündigten Ziele erreicht. Nur vage äußert sich Heidelcement zum laufenden Jahr. Lichtblicke gibt es dagegen beim Abbau der Verschuldung.

*) Wirklich Wcihtige Nachrichten

10. Februar 2009

Rettungspaket, Made in USA: Really, really bad

"Tatsächlich stellt sich jetzt die Frage, ob es Obama gelingt, noch einmal zurückzukommen und mehr zu verlangen, nachdem sich herausgestellt hat, dass der Plan bei weitem nicht ausreicht.
Ich schätze, nein. Das ist wirklich, wirklich schlimm."

Paul Krugman, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaft 2008, am 7. Februar 2009

Suhrkamp füllt die Seiten

Ulla Unseld-Berkéwicz, Leiterin des Suhrkamp Verlags, mir so was von unsympathisch, hat bekanntgegeben, dass sie den Laden von Frankfurt nach Berlin verlegt. Solche Dinge beschäftigen die Feuilletons im allgemeinen und die taz-Kultur im besonderen schier endlos. Seitenweise spekulieren sie über das warum und weshalb, und ob das für Frankfurt den Untergang bedeutet und für Berlin das Heil schlechthin. Seitenweise, tagelang. Es ist zum Davonlaufen. Eine nette Überlegung stellt Christoph Schröder an, nachdem Unseld-Berkéwiz von sich gab, Suhrkamp (also sie) "wolle an das Berlin vor 1945 anknüpfen." Das fand Schröder merkwürdig: "Vor 1945, wie bitte? Da war doch noch was."

Zeichner: tvF*)

Klassethema, toller Artikel, guter Titel: "Mehr Sein als Schein". Anne Haeming schreibt über drei Zeichner und erkundet, was zeichnen im Zeitalter der digitalen Bildbearbeitung (noch) bedeutet. Dazu redet sie mit einem Expeditionszeichner, einer anatomischen Zeichnerin und einem Gerichtszeichner. Haeming: "Dokumentarische Zeichner sind, wie Fotografen, stets Augenzeugen. Sie liefern einen Zugang zur Realität mit einer authentischen Wucht, die früher nur Fotos zu leisten vermochten. Denn egal ob eine Zeichnung eine Fahrt durchs arktische Meer zeigt, den Blick in menschliche Eingeweide oder eine Gerichtsverhandlung - immer ist klar: Da war einer, der diesen Moment beobachtet hat. Und der das Wahrgenommene in ein Bilddokument übersetzt hat."

*) taz vom Feinsten

Neue Antikapitalistische                                 Partei in Frankreich (NPA)

Aaah, diese Dorothea Hahn, die für die taz aus Paris berichtet - sie ist ein echtes Juwel unter den taz-KorrespondentInnen. So erfahre ich in einem ausführlichen Bericht von der neugegründeten NPA, die sich den "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" auf die roten Fahnen geschrieben hat. Hahn: "In anderen europäischen Ländern haben sich TrotzkistInnen mit MaoistInnen, EurokommunistInnen oder ÖkologInnen zusammengetan. In Frankreich haben sie sich einer jungen Basis von radikalen Linken geöffnet. (...) Den anderen Linksparteien bieten sie politische Bündnisse an. Voraussetzung: Die anderen verzichten grundsätzlich auf jede Zusammenarbeit mit der Sozialdemokratie."
Vorsitzender der NPA wurde ein 34 Jahre alter Briefträger, der laut Hahn die populärste Figur der französischen Linken ist: Olivier Besancenot, "seit zwei Jahrzehnten ein 'Militanter'." Er trägt weiterhin Briefe aus. Bekannt wurde er im April 2007, als er gegen Nicolas Sarkozy bei den Präsidentschaftswahlen antrat.
Im Westen doch was Neues: ein Hoffnungsschimmer in Frankreich. Ich gestehe hiermit: Ich werde jede linke Partei wählen, die nicht mit der SPD zusammenarbeitet. Wer zumTeufel traut denn Müntefering, Steinmeier, Nahles, Steinbrück, Lauterbach, Maget, Schäfer-Gümbel uswusf noch über den Weg?
Der einzige SPD-Mensch, dem ich ein gebrauchtes Fahrrad abkaufen würde, ist Hermann Scheer. Und der kriegt in dem Verein eh kein Bein aufn Boden.

Titelseite: Einen ziehen lassen

Mit weiß-türkisfarbenen Rautenmustern fordert die Titelseite "Freiheit für Michael Glos". Schade, dass Bild, Layout und Kommentar schon Makulatur waren, als die taz gedruckt wurde. Aber man sollte mal fragen dürfen, wie wenig Durchblick ein politischer Redakteur wie Ralph Bollmann hat, wenn er noch am Sonntagnachmittag glaubt, Michael Glos müsse "jetzt sieben Monate Zwangsminister bleiben". Und Seehofer "kann den Minister nicht ziehen lassen, weil es das fragile Machtgefüge der neuen CSU gefährden würde."
Es? Das Ziehen?



11. Februar 2009

Blahblahblah ...

... "der Ministerwechsel zwingt die Union zu mehr Wirtschaftsprofil." Häh?
Steht da. Gedruckt. Verfasst von Ralph "der große Staats- und" Bollmann. Und weiter heißt es in dem Kommentar: Blah. Blahblah. Blah. Blahblahblahblah.

Fasching

"Doch im Parlament verfügen Konservative über eine absolute Minderheit", schreibt Bahman Nirumand. So geht's zu im Iran. Die taz passt sich der Jahreszeit an und wird zur echten Faschingszeitung.

Staatsmänner unter sich

Interview mit Bob Geldof. Fragt taz-Mann Hannes Koch: "Deutschland investiert viel weniger Mittel in die Bekämpfung der Armut, als die Vereinten Nationen verlangen. Was müsste passieren?"
Antwortet Staatsmann Bob Geldof: "Die deutsche Entwicklunggshilfe sollte bis 2010 auf 0,51 Prozent des Bruttosozialeinkommens anwachsen, wie zugesagt. Davon ist die Bundesregierung noch um einiges entfernt."
Geldof hat seine letzte CD vor acht Jahren  veröffentlicht. Schade, dass ihm musikalisch nichts mehr einfällt. Jetzt hält er sich für einen Politiker, und das ist ein großer Jammer. Phrasendreschen ohne Ende.
 
Schwanzvergleich

Da spricht vermutlich der blanke Neid aus dem tazzwei-Ressortleiter: Arno Frank hat wohl nen Kleinen. Weshalb sonst sollte er behaupten, Robert Plant hätte bei seinen Auftritten als Sänger von Led Zeppelin "eine Hasenpfote in der engen Hose" getragen? Der Beitrag über die fünf Auszeichnungen bei der Grammy-Verleihung zeigt mal wieder deutlich, was für ein gerüttelt Maß an Zynismus und Menschenverachtung dieser taz-Redakteur oft in seine Beiträge stopft.
Schon der Titel setzt den Ton: "Gnaden-Grammy für Altrocker". Heh, was soll das? Könnte es nicht sein, dass die CD "Raising Sand", die Plant zusammen mit Alison Krauss veröffentlicht hat, schlicht und einfach deshalb ausgezeichnet wurde, weil es gute Musik ist? Allein die Tatsache, dass der 60-jährige Hardrock-Sänger mit der 37-jährigen Bluegrass- und Country-Musikerin auf Tour gegangen ist und eine CD produziert hat, zeigt doch, wie offen für neue Ideen er ist. Er mag ja doppelt so alt sein wie der taz-Redakteur, aber - ich schätze mal - nicht halb so borniert.
Dabei hat der früh vergreiste Schreiber nicht den geringsten Grund zur Überheblichkeit - außer vielleicht den, dass er tatsächlich keine Ahnung hat, und diese Tatsache mit nassforscher Schreibe überdecken will. Das geht voll daneben, nicht mal das Zitat aus "Lemon Song" von Led Zeppelin kriegt er auf die Reihe, und über die Qualitäten von Bluegrass weiß Frank gerade mal, dass da ein Banjo dazugehört. Wie sonst könnte er solch dummes Zeug schreiben: "Alison Kraus hält übrigens den Rekord mit 26 Grammys, was einiges über diesen Preis aussagt."
Dass Krauss, eine begnadete Virtuosin, im Alter von acht Jahren ihren ersten Fiddling Contest gewonnen hat (das sind die beliebten Fiedelwettbewerbe im US-amerikanischen Süden), und mit zehn ihre erste eigene Band hatte, erfährt der taz-Leser nicht. Man muss ja die Art von Musik nicht mögen, aber wenn Arno Frank mal seine Scheuklappen ablegt und die Ohrenstöpsel rausnimmt, wird er vielleicht auch mitkriegen, dass diese Musik klasse gespielt ist. Und gute Pop-Songs schreiben kann Alison Krauss ebenfalls.
Vielleicht sollte der tazzwei-Redakteur doch lieber über Motorradfahren schreiben. Ich nehm einfach mal an, von irgendwas wird er wohl Ahnung haben.

12. Februar 2009

Die Besetzung
oder: Sie wussten nichts vom Ozonloch

(Vor genau 40 Jahren wurde zum ersten und einzigen Mal ein Universitätsinstitut in München von Studenten besetzt. Die Ereignisse am 11. und 12. Februar 1969 veranlassten mich vor fünf Jahren, diese teilnehmende Beobachtung aufzuschreiben. Da sich seitdem einige Dinge geändert haben, überprüfte ich den Text und fügte, wo nötig, ergänzende Informationen ein. Hier eine Leseprobe:)

Das Ende der Aktion kam für mich am Morgen des 12. Februar 1969. Da wurde ich gegen fünf Uhr in die nassen Schneeschauer von München entlassen. "Entlassen", richtig, nach drei Stunden im Polizeigefängnis an der Ettstraße. Ich hatte Glück gehabt - fester Wohnsitz, Ersttäter, keine Flucht- oder Verdunkelungsgefahr, denn das Delikt war klar: Hausfriedensbruch.
Ich trat durch die große Toreinfahrt des Polizeipräsidiums, knöpfte meine Jacke zu und stemmte mich gegen das Sauwetter. Es passte, haargenau. Nach all den Kollektivaktionen, nach dem Zirkus in der Zelle, stand ich so allein vor den Scherben der Studentenrevolte, wie man nur allein stehen kann. Während ich durch den Schneematsch hinüber zum Karolinenplatz stapfte, um den senfgrünen Fiat 500 abzuholen, den ich damals fuhr, gingen mir die letzten Tage und Stunden durch den Kopf - die Zuspitzung der Lage kurz vor dem Prüfungstermin, die Auseinandersetzungen mit den Assistenten, Peter Glotz profilierungssüchtig an der Spitze, und die "Genossen", die unvermittelt gestern Morgen aufgetaucht waren, als klar wurde, dass die Vollversammlung sich für unbefristete Besetzung aussprechen würde. Plötzlich waren sie da, verteilten Matratzen im Seminarraum, installierten einen Plattenspieler und ließen die Rolling Stones Sympathy for the Devil dröhnen - "wir müssen die neue Gesellschaft schon im Kampf gegen die alte vorwegnehmen" - und zur neuen Gesellschaft gehörten die Stones, keine Frage. Während nebenan im großen Saal pausenlos diskutiert wurde, zogen aus dem Seminarraum die Hanfdämpfe auf den Flur - ganz wie es sich für befreites Gebiet gehörte.

Für den ganzen Artikel klicken Sie hier (oder oben in der Menueleiste unter "iWugg IndieText", es ist der letzte Beitrag (8) in einer Sammlung von Artikeln, Interviews und einer Kurzgeschichte). Bei der Aktualisierung fiel mir auf, dass drei der beteiligten Lehrkräfte - Otto B. Roegele, Peter Glotz, Heinz Starkulla - kurz nacheinander im selben Jahr (2005) gestorben sind. Und inzwischen wurden auch Brigitte Mohnhaupt und Rolf Heißler aus dem Gefängnis entlassen.

Und die Zeitung von gestern? Stand by!


Zur taz gibt's - vermutlich - morgen wieder was. Ich will nicht einfach schlecht gelaunt rummosern, da reicht schon der gestrige Eintrag. Aaah, manchmal geht mir diese Zeitung so was von aufn Wecker ...
Deshalb nur die schönste Meldung von gestern, ein Mann nach meinem Herzen: Der nordirische Umweltminister. Er heißt Sammy Wilson, was auch für einen Rockstar ein guter Name wäre. Wilson hat einen TV-Clip verboten, der die Nordiren aufforderte, ihren Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, indem sie die Standby-Funktion ihres Fernsehers abschalten. Minister Wilson meinte, es sei Unsinn, den Eindruck zu erwecken, dass damit das Abschmelzen der Gletscher verhindert werden könnte.

13. Februar 2009

Schäuble gehackt

Na, da kann ich nur sagen: Hut ab! "007 aka gewinner" nannte sich der Hacker, der in die Website von Wolfgang Schäuble eingedrungen ist. Sie wissen schon: Das ist der Innenminister, der uns alle Furzlang mit neuen Ideen zur Abschaffung der Privatsphäre im Computerbereich nervt. Jetzt wurde, behauptet die taz, seine eigene Website gehackt. Der Hacker fügte einen Link zum Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung ein und machte die Betreiber der Seite darauf aufmerksam, dass die Software Typo 3 veraltet ist: "Typo 3 - please update it :-)".
Das ist klasse, Glückwunsch, 007 aka gewinner!
Auf tazzwei wird weiterhin behauptet, Schäubles Website sei "derzeit nicht erreichbar". Das ist entweder gelogen oder von vorgestern. Heute ist sie jedenfalls erreichbar. Letzter Eintrag: Eine Rede vom 11. 2. 2009. Titel: Radikalisierung im Internet – Herausforderung für Staat und Gesellschaft.

Dresden 1945

Am 13. Februar 1945 wurden in Dresden innerhalb von 14 Stunden 75.000 Menschen von britischen und amerikanischen Bomberpiloten umgebracht. Für dieses Verbrechen wurde nie jemand zur Rechenschaft gezogen. Alle haben lediglich Befehle befolgt.

Wie der Ochs vorm 18-Prozent-Berg


So steh ich da, wenn ich versuche, mir den Stimmenzuwachs der FDP zu erklären: Genau die Leute, die mit ihren neoliberalen Theorien die Praxis der Umverteilung von unten nach oben angekurbelt haben, profitieren jetzt von der Krise, die sie ausgelöst haben. Ich fass es nicht!

Ich will nichts mehr hören ...

... und sehen von der Messerstecherei in Passau. Ich kann dieses Gesicht nicht mehr sehen, ich kann den Namen dieses Polizeipräsidenten nicht mehr hören, und ich werde jedes Mal daran erinnert, wie unverantwortlich die taz und jede Menge andere Zeitungen sofort und wochenlang ohne Beweise die NPD dafür verantwortlich gemacht haben.
Wenn die taz-Redakteure dieselbe Scheiße fabrizieren, wie alle anderen Zeitungen, wozu braucht dann irgendjemand noch die taz?
Die einzige Antwort auf diese Frage lag heute wieder mit der Freitagausgabe vor der Tür: Die Monatszeitschrift Le Monde diplomatique. Der Abonnent (ich) erhält die nämlich als Zugabe - die reine Freude. Erprobte Medizin, wenn einem vor lauter taz-Mist der Kopf zu platzen droht.

WWN*)


Hat Rihanna zuerst zugeschlagen?

Nach dem Streit zwischen Rihanna und Chris Brown brodelt die Gerüchteküche: Wer wurde zuerst handgreiflich und warum? Einige Quellen bringen sogar Paris Hilton ins Spiel.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)

14. Februar 2009

Masochismus

Nein, man muss kein Masochist sein, um ein taz-Abo zu bestellen, aber es ist hilfreich: An den letzten vier Samstagen fand ich die Wochenendausgabe gerade ein Mal (1 X) vor meiner Wohnungstür. Ebenfalls ein Mal hat sich die Redaktion auf Seite 2 der Montagsausgabe bei den süddeutschen Abonnenten entschuldigt - na ja, das ist vielleicht zu viel gesagt, aber zumindest in ein paar Zeilen auf Software-Probleme in der Frankfurter Druckerei hingewiesen.
Heute also wieder keine Wochenendausgabe. Diesmal liegt es bestimmt am Wetter - wer hätte schon gedacht, dass es im Februar schneien könnte?

Alison Des Forges stirbt bei Flugzeugabsturz

Wer sich jemals mit dem Völkermord 1994 in Ruanda befasst hat, musste unweigerlich irgendwann auf ihren Namen stoßen: Alison Des Forges, Menschenrechtsaktivistin für die Organsiation Human Rights Watch. Sie ist gestern bei dem Flugzeugabsturz nahe ihrem Heimatort Buffalo im US-Bundesstaat New York umgekommen. Einen sehr schönen Nachruf hat die Zeitschrift The New Yorker auf ihre Internetseite gesetzt.

----------------------------------------------------Kommentar am 15. 2. 2009

Wäre nur alles halbwegs richtig, was der New Yorker über die Arbeit von Alison Des Forges schreibt. Fast alles, was sie früher geschrieben hat, ist falsch. Sie gehört zu denen, die Gourevitch zu den falschen Berichten aus Ruanda im New Yorker motiviert hat. Der New Yorker, der wohl in den USA zur linken Szene gehört, hat dazu beigetragen, dass die Linke dieser Welt noch immer an den von den "Hutu-Extremisten" geplanten Völkermord glaubt.
So ist die Welt. Aber natürlich hätte ich Alison Des Forges einen anderen Tod und ein langes Leben gewünscht. Sie war in jüngster Zeit eher auf einem guten Weg. Im Unterschied zu Human Rights Watch, die uns schon wieder einen fürchterlichen Blödsinn über die "FDLR-Gefahr" und ihre Taten bietet. Das Drama scheint weiter zu gehen.

- Ruanda-Experte

Ideologen schreiben schlechter

Sie sind meist auf den ersten Blick durchschaubar: Die Schreiber, die mit Vorurteilen beladen an ein Thema herangehen, eine Ideologie vertreten, Propaganda verbreiten, Machtinteressen unterstützen, politische Einflussnahme anstreben. Dann sinkt das handwerkliche Niveau der Texte, und der Leser fühlt sich verarscht, auch wenn er von eben diesem Autor schon mal Besseres gelesen hat.
So versucht Ulrich Gutmair krampfhaft, den iranischen Präsidenten Machmud Ahmadinedschad als iranische Variante von Adolf Hitler hinzustellen. Anlass: Auf der Berlinale wurde ein Dokumentarfilm gezeigt, "Letters to the President", eine kanadische Produktion von Petr Lom, die mit Unterstützung des iranischen Regierung entstanden ist (wie auch sonst?). Gutmair  zeigt, wie gut die westliche Gehirnwäsche im Journalisten-Mainstream funktioniert und stellt bereitwillig seine ideologischen Absichten aus: "Auf dem Dorfplatz schreit ein Mann: 'Es gibt kein  Wasser im Dorf, so kann es nicht weitergehen!' Ahmadinedschad fragt über die Schulter hinweg seine Mitarbeiter: 'Kann ich den Leuten versprechen, dass es in einem Jahr Wasser geben wird?' Klar ist: Wenn es in einem Jahr kein Wasser gibt, werden sie schuld sein, nicht er. Das kommt dem deutschen Zuschauer bekannt vor: Wenn das der Führer wüsste!"
Anstatt zu berichten, was er im Kino gesehen hat, zwingt Gutmair dem Leser seine Schlussfolgerung auf. Betitelt ist das Machwerk folgerichtig: "Wenn das der Führer wüsste!", dazu gibt's ein Foto, auf dem der iranische Präsident ausgestreckte Hände ergreift. Er ist nämlich ("in einem Mittelklassewagen fernöstlicher Produktion", wie Gutmair schreibt) auf die Dörfer gefahren, um sich die Sorgen der Leute anzuhören. Solchen volksnahen Aktionen hat Ahmadinedschad seine Popularität zu verdanken. Aber diese ungebildeten Dummbeutel durchschauen, so der taz-Autor weiter, selbstverständlich nicht, wie sehr sie verarscht werden: "Während auf dem Land der Stern des Präsidenten trotzdem hell strahlt, wissen die Teheraner Bescheid. Sie lassen sich von Ahmadinedschad nicht hereinlegen, manche äußern sogar unverhohlen Hass auf die Theokratie und Häme über deren idiotische Vorstellungen vom richtigen Leben."
So einfach ist das: Idiotisch. Abgehakt. Theokratie = Hitler-Diktatur. Dieser Beitrag auf den taz-Kultur-Seiten erreicht mühsam das Niveau der DDR-Propaganda im Neuen Deutschland, ca. 1978.

Zitat

"Die deutsche katholische Kirche mag dank der Hilfe des Staats etwas lahmer, satter und feister sein als die Kirchen anderer Staaten. Dafür ist sie liberaler, toleranter und gegenüber Rom selbstbewusster als die meisten katholischen Kirchen des Westens - und das tut dieser Gesellschaft und der Weltkirche durchaus gut."
Philip Gessler in der tageszeitung, 13. 2. 2009, S. 13

Da bleibt mir kurz die Luft weg. Das steht in derselben Zeitung, die vor ein paar Tagen noch - Boulevard verkehrt - die erste Seite mit einem Formular zum Austritt aus der katholischen Kirche bedruckt hat. Sage niemand, es gäbe keine Meinungsvielfalt in der taz-Redaktion. Und Gessler scheint mit einem tüchtigen Satz über den eigenen Schatten gesprungen zu sein.

WWF heißt: Wir werben folgenlos!

Ein sehr schönes Foto macht deutlich, dass der World Wildlife Fund sein Geld zum Fenster raus wirft: Da demonstrieren als Eisbären verkleidete Aktivisten vor dem Brandenburger Tor mit profimäßig gestalteten Plakaten. Sie sind dem berühmten Poster nachempfunden, auf dem Uncle Sam auf den Betrachter zeigt und sagt: "I want you for US-Army!" Auf dem WWF-Plakat ist aus Uncle Sam ein Eisbär geworden, und der Text dazu lautet: "I want you to tackle Climate Change". In einer Sprechblase sagt der Bär: "Yes you can!"
Ah ja, ich soll den Climate Change tacklen, alles klar, mach ich doch. Wenn mir jetzt noch jemand sagt, was eine konkrete Tackle-Handlung wäre, fang ich gleich an mit der Rettung der süßen Knut-Eisbären.
Heh, liebe Verantwortliche vom WWF: Seid ihr bescheuert?

Sozial schwache "inland"-Redakteure

Nun ja, sie haben es nicht selbst formuliert, aber sie drucken diese dpa-Meldung unverändert und unkommentiert ab, die Redakteure von der "inland"-Redaktion: "Ernährungsministerin Aigner (CSU) will den Kampf gegen Übergewicht vor allem bei Kindern mit ausländischen Wurzeln und aus sozial schwachen Familien verstärken."
Das muss man sich mal bildlich vorstellen: Kinder mit ausländischen Wurzeln! Und wann geht es in die Köpfe deutscher Journalisten endlich mal rein: Leute mit niedrigem Einkommen sind nicht automatisch "sozial schwach"! Sie haben nur weniger Geld. Sozial schwach sind Leute, die andere ausbeuten und ohne Rücksicht aufs Gemeinwohl riesige Vermögen anhäufen, Gelder nach Liechtenstein transportieren und Steuern hinterziehen. Oder ihre Firmen- und Wohnsitze ins Ausland verlegen, um sich vor ihren Verpflichtungen der Allgemeinheit gegenüber zu drücken. Das sind sozial schwache Personen.
Ob sie das bei dpa mal kapieren? Und die "inland"-Redakteure der taz?

Doch noch mal: Dresden

Die taz rackert sich tapfer und mit den immer gleichen Phrasen in Sachen Bombenterror ab: Der Jahrestag der Bombardierung von Dresden soll nicht von "Neonazis und anderen Rechtsextremisten für ihre nationalistische und revisionistische Propaganda" - ja was wohl? - "instrumentalisiert" werden. So schreibt Felix Lee und erläutert: "Der Tag erinnert an die Bombennacht von 1945, als britische Flugzeuge aus Vergeltung für die Angriffe der Deutschen auf das britische Coventry fast die komplette Dresdner Innenstadt zerstörten."
Und weiter? Nichts weiter. Nach taz-Lesart wurde damals die Dresdner Innenstadt zerstört. Von Menschen ist nicht die Rede: Ein Tag erinnert, und eine Innenstadt wurde zerstört.

Je Winter, desto Schnee!

Schöne Tage - und nicht ausrutschen! Und sommerliche Gedanken machen mit Serena Williams (Foto: Serena im Bikini, dem Meer entsteigend).

 


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