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03.03.2009 11:56:23
16. Februar 2009

Wer zieht sie zur Rechenschaft?

Ein taz-Leser, Dieter Lehmkuhl aus Berlin, macht sich so seine Gedanken zur Lage und stellt sich ein paar Fragen: "Wer benennt aber die Verantwortlichen und wer zieht sie zur Rechenschaft? Wo hört man das öffentliche Eingeständnis, dass man sich geirrt habe und sich von einer einseitigen Ideologie habe blenden lassen, deren Scheitern nun so offensichtlich ist. (...) Wir müssen hunderte von Billionen zu unser aller Lasten und der zukünftiger Generationen zur Rettung eines maroden Bankensystems und zur Ankurbelung der Wirtschaft pumpen, wo zuvor für die dringendsten sozialen Bedürfnisse angeblich kein Geld da war, und die Frage der persönlichen Verantwortung wird nicht einmal thematisiert.
Allzu viele haben schalten und walten können, wie sie wollten, und offensichtlich hat jegliches Risikomanagement versagt. Mit Segen und Unterstützung der Politik, die erst die Voraussetzungen dafür schuf, dass dieses System so völlig aus dem Ruder laufen konnte. Wo bleibt der Ruf nach einer Wirtschaftsdemokratie, damit sich so etwas nicht wiederholt?"

Ja, weiß der Teufel, wo der bleibt.

Sternschnuppen

Da küren sie in Berlin bei den Filmfestspielen jedes Jahr junge Schauspieler zu Shooting Stars. Das bedeutet im Englischen "Sternschnuppe", also etwas, das kurz aufscheint und dann wieder im Dunkeln verschwindet. Fünfzehn Minuten Berühmtheit. Das meinen sie aber gar nicht, die Preisverleiher, nehm' ich mal an. Gemeint ist ja wohl ein Stern, der gerade aufgeht, also ein junger Mensch, der gerade ins Blickfeld der Öffentlichkeit kommt und irgendwann ein Star sein wird: ein Rising Star.
Ob das mal jemand bemerkt oder den Leuten in Berlin erzählt?

Die Weiberleit, die Weiberleit

Kluge Frauen unter sich - das ergibt schon mal ein brillantes Interview, wie im Fall Ines Kappert und Catherine Breillat. Die französische Schriftstellerin und Filmregisseurin, inzwischen 60 Jahre alt, läuft zu Hochform auf. Männer sind "letztlich nicht die Starken", weiß sie: "Deswegen sprechen wir ja auch vom Orgasmus als 'dem kleinen Tod'. Die Frauen aber erleben keinen Tod, sondern Ekstase, die sich nicht dem Mann widmet, sondern sich selbst. Anders als es in den meisten Filmen gezeigt wird: Beim Sex ist die Frau viel egoistischer als der Mann. Während sie in der Liebesbeziehung zumeist die Schwächere ist, am Ende dominiert sie. Das ist übrigens mein Lieblingsthema." Am Zeitungsrand habe ich notiert: Wunderbar!

Und dann erfahren wir noch: Es stimmt überhaupt nicht, dass Catherine Breilllat keine Männer mag. "Was für ein Unfug! Ich liebe sie! Okay, ich mag keine Bürokraten, und ich mag es nicht, wenn sie mir beweisen wollen, dass sie intelligenter sind als ich. Weil das meistens nicht der Fall ist. Aber selbst wenn ich sie intellektuell nicht spannend finde, können sie sexuell sehr interessant sein. Und über welchen Mann, der lieber mit Frauen schläft als mit ihnen spricht, würde man sagen: Er hasst die Frauen? Ich mache es einfach nur genauso wie er."
Breillat hat schon 1965, mit 17, ihren ersten Roman ("Der leichte Mann") geschrieben, der gleich für Minderjährige verboten wurde. Ihrem ersten Film Une vraie fille (Ein richtiges Mädchen) 1976 geht es ähnlich, der darf wegen einiger Sexszenen überhaupt nicht gezeigt werden und kommt erst 2000 in Kinos. 1998 dreht sie Romance und wird wieder beschuldigt, pornografische Filme zu drehen: Angeblich war es der erste "Mainstream-Film", in dem ein steifer Schwanz zu sehen war. Breillat sagt, sie sei im Alltag Feministin, und sie findet es unerträglich, wenn "Frauen sich über Feministinnen lustig machen. Aber wenn ich Filme mache, bin ich in erster Linie Cineastin. Meine Filme sind nicht dazu da, um Frauen zu verteidigen, sondern um die Kunst zu verteidigen."
Das hab' ich gleich in mein Notizbuch geschrieben, weil das der Grund ist für mein Schreiben: Um das Schreiben zu verteidigen.
(Was das Foto betrifft: Es ist schon ein paar Jahre her, dass Catherine Breillat so ausgesehen hat. Ich hab's einfach deshalb hier reingestellt, weil ich sie darauf extrem attraktiv finde. Klug macht sexy: Catherine, je t'aime!)

Lichtblicke

Die Beiträge von Sebastian Moll in der taz lese ich grundsätzlich immer. Was ich daran mag: Moll ist nicht in erster Linie politischer Journalist, sondern ein politischer Mensch.

Hochverehrte Chefredaktion, liebe Frau Mika, lieber Herr Metzger, lieber Herr Unfried,

die Titelseite der Zeitung die tageszeitung, Wochenendausgabe vom 14./15. Februar 2009, ist schier unerträglicher Kitsch. Zur Schlagzeile "Lebenslang für Schwestermord" stellen Sie das Bild einer brennenden Kerze, auf der ein Porträtfoto des getöten Mädchens zu sehen ist. Das Kerzenwachs wurde so arrangiert, dass es aussieht, als liefe eine Träne aus dem Auge.
Dieses Titelbild empfinde ich als menschenverachtend.

17. Februar 2009

ARD: So geht die tägliche Gehirnwäsche!

Schauen Sie sich nur mal den "Bericht" zur Volksabstimmung in Venezuela an: www.tagesschau.de/ausland/venezuela140.html
Dieser Beitrag macht sehr schön deutlich, wie Meinung und Berichterstattung vermischt und als objektiver Journalismus verkauft werden. Und so wird das Machwerk angekündigt:

"Chávez' Rolle in Südamerika
Viele Petrodollars, wenig Einfluss

Venezuelas Präsident Chávez scheint omnipräsent zu sein - sein echter Einfluss in Südamerika ist aber auch nach dem gewonnenen Referendum gering. Viele Regierungen nervt er mit Ratschlägen oder sie belächeln seine Visionen. Nur in den ärmeren Ländern hat er Freunde.
Von Gottfried Stein, ARD-Hörfunkstudio Buenos Aires"

Jaja, nur die armen Schweine in den ärmeren Ländern sind mit Chávez befreundet - das spricht ja eindeutig gegen ihn. Die anderen (die vielen reichen?) Regierungen können über seine Visionen nur lächeln: Ärztliche Fürsorge, sauberes Wasser und Bildungsprogramme für Slum-Bewohner, Teilnahme der einheimischen Unterschichten an der politischen Willensbildung, Maßnahmen gegen die Ausbeutung durch die multinationalen Konzerne, sozialistische Ideen - wenn das nicht zum Lächeln ist. Sie haben schon recht, Herr Stein, dagegen muss man so tendenziös wie möglich anschreiben. Wäre ja noch schöner, wenn sich bei uns rumspricht, dass Chávez die 30-Stunden-Woche einführen will. Wenn das die ARD-Hörer mitkriegen - nicht auszudenken. Da kämen manche gar auf die Idee, dass Sozialismus gar nicht so übel sein könnte. Nein, das muss verhindert werden. Lieber die gängigen Vorurteile bedienen, wozu hockt man denn sonst dick und fett auf einem ARD-Job in fernen Ländern. Und belächelt Visionen.

Junges Grün

Die Grünen werden jünger - zumindest auf Landesebene. Das stellt Ulrike Winkelmann fest, und zitiert Stefanie Henneke, die mit 28 Lebensjahren gerade zur Grünen-Chefin in Niedersachsen gewählt wurde und kess und politisch unkorrekt behauptet: "Niemand kann mir erzählen, dass sich ein 18-Jähriger von einem 60-Jährigen vertreten fühlt." Nö, kann niemand, es sei denn, der 60-Jährige hat seine Ideale noch nicht an der Karriereleiter abgelegt und erinnert sich, wozu die grüne Partei mal gegründet wurde. Wenn ich mir die Generation der heute 25- bis 30-Jährigen ansehe und -höre, gähnt es mir oft konservativer entgegen, als bei manchen - zugegeben wenigen - 60-Jährigen. Allerdings machen mir etliche Junggrüne große Freude und geben mir einen Funken Hoffnung, dass sie die fetten Etablierten Altkandidaten mit frischem Wind verwirbeln könnten.

"Größter Neonazi-Aufmarsch aller Zeiten"

Die Schlagzeile auf Seite 1 klingt schon fast triumphierend: Heh, wir haben es geschafft! Wir schreiben so lange dumme Gegenpropaganda mit linken Scheuklappen, bis die Rechten noch mehr Zulauf kriegen. Und dann ... dann zeigt sich, dass wir recht hatten, dauernd über die Fürze der NPD zu berichten.
Dass die "braven" Gegendemonstranten - trotz abschreckender Redner wie Thierse und Müntefering - weit in der Überzahl waren, steht erst im Kleingedruckten. Und das Foto spricht mal wieder Bände: Zwei dicke junge Mädchen mit Doppelkinn im Fackelschein - so sieht sie also aus, die Neonazi-Gefahr.

Was die Piraten mit den Daten taten: tvF*)

Die Guten werden ja selten gelobt, und, zu meiner Schande muss ich es gestehen, das gilt auch für dieses Blog: Der Skandinavien-Korrespondent kommt hier kaum vor, und das liegt hauptsächlich daran, dass ich so gut wie nie was an ihm auszusetzen habe. Reinhard Wolff gehört zu den Besten im weltweiten taz-Aufgebot - er arbeitet sorgfältig, er schnappt sich die richtigen Themen, er schreibt tadellos, und nicht mal ich würde ihn als Opfer der westlichen Propagandamaschinerie bezeichnen. Deshalb möchte ich ausnahmsweise seinen Artikel über den Prozess gegen das Internet-Portal "Pirate Bay" verlinken, und zwar hier.
Der Text steht stellvertretend für viele gut recherchierte Artikel von Wolff, aber dass er auch auf dem Gebiet Internet-Recht so kompetent schreibt, hat mich doch überrascht.

*) taz vom Feinsten!

Und gleich noch eins: tvF*)

Juristen mit  gesundem Menschenverstand - auch eine seltene und bedrohte Spezies. Ihr gehört Wolfgang Neskovic an. Der 60-jährige Ex-Bundesrichter, der schon vor Jahren durch seine vernünftigen Vorschläge zur Legalisierung von Cannabis aufgefallen ist, schreibt einen taz-Kommentar zum leidigen Thema Gleichheit vor dem Recht und Bewährungsstrafen für reiche Steuerhinterzieher. Und spricht sich gegen "Deals" aus, die jetzt auch noch Gesetz werden sollen: "Denn der Handel mit der Gerechtigkeit ist falsch. Er verletzt ein tragendes Grundprinzip der rechtsstaatlichen Demokratie: die Gleichheit der Menschen vor dem Recht. Manche juristischen Prinzipien kann man vielleicht folgenlos verletzen. Andere Prinzipien sind der Kitt einer ganzen Gesellschaft. Wer sie beschädigt, rührt an den Selbstverständlichkeiten, die einem Land seinen sozialen Frieden geben."
Interessant ist auch der politische Lebenslauf von Neskovic. Bis  zu seinem 46. Lebensjahr, 1994, war er bei der SPD, dann elf Jahre bei den Grünen. 2005 trat er aus und sitzt jetzt als parteiloser stellvertretender Fraktionsvorsitzender für die Linke im Geheimdienstausschuss des Bundestags.

*) taz vom Feinsten!

Volkes Stimme

Diese saudumme Kitschtitelseite mit dem Kerzenfoto des ermordeten Mädchens ging wohl auch noch anderen Leuten auf den Geist. Almut Inselmann aus Brandenburg hält die Seite für "entwürdigend und sensationsgeil". Sie schreibt an die taz: "Ich finde überhaupt, dass Sie sehr aufpassen sollten, dass die Qualität der taz nicht zu sehr abflacht. Seichtes Geschwätz bietet sicher manchmal ein Gegengewicht zu den schlimmen Dingen der Welt - aber dafür brauche ich eigentlich nicht die Zeitung."
Genau. Und ich möchte noch betonen: diese Zeitung.


18. Februar 2009

Ich hoffe auf nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei

Hat heute Geburtstag: Nikos Kazantzakis (Autor von u. a. Alexis Sorbas, Die letzte Versuchung, Griechische Passion, Rechenschaft vor El Greco). Er kam 1883 in Megalo Kastro, dem heutigen Iraklio, zur Welt und starb 1957 in der Uni-Klinik in Freiburg. Die stärksten Anregungen für seine Lebensarbeit erhielt er von Homer (Kazantzakis schrieb seine eigene Nachdichtung der "Odysee"), Lenin, Buddha, Nietzsche, Goethe und Shakespeare. Sein berühmtester Roman, "Alexis Sorbas", erschien 1946. Die Verfilmung (1964) von Michael Cacoyannis mit Anthony Quinn, Irene Papas und Alan Bates wurde, ebenso wie die Filmmusik von Mikis Theodorakis ("Sorbas Tanz") ein weltweiter Erfolg. Der Roman "Die letzte Versuchung" (The last Temptation of Christ) wurde 1998 von Martin Scorsese verfilmt (deutscher Titel: Die letzte Versuchung Christi) und löste, wie schon das Buch, heftige Proteste orthodoxer und katholischer Christen aus.

Kazantzakis war auch Politiker (Minister, Botschafter) und Übersetzer aus dem Deutschen, Französischen und Englischen. Er erhielt den Lenin-Friedenspreis der Sowjetunion. Nach seinem Tod wurde er von Freiburg nach Griechenland übergeführt und in Iraklio beigesetzt. Auf seinem Grabstein steht: "Den elpizo tipota. Den fovumai tipota. Eimai eleftheros." (Ich hoffe auf nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei).

Hugo Chávez: Ein Mann nach meinem Herzen

Was rede ich mir den Mund fuselig, um gegen die allgegenwärtige Gehirnwäsche in Bezug auf Hugo Chávez, den Präsidenten von Venezuela, anzukämpfen. Nun, die Art, wie hierzulande von den Medien über ihn berichtet wird, beweist ja nur, dass alles seinen sozialistischen Gang geht. Trotzdem - manchmal nervt es mich gewaltig, wenn sogar einigermaßen gut informierte Menschen wie Konrad Franke keine Ahnung haben, und mir auf meine Chávez-freundlichen Sätze antworten: "Die sozialistischen Präsidenten machen doch alles falsch. Der Chávez tut auch nichts fürs Volk, sondern bereichert sich nur."
Lieber Konrad, ich mag ja der taz sehr kritisch gegenüberstehen, und ihr Korrespondent Jürgen Vogt wiederum sieht Chávez sehr kritisch, aber für die Ausgabe von gestern hat er doch mal auf Seite 3 zusammengestellt, was am "Sozialismus des 21. Jahrhunderts in Venezuela" dran ist. So wurden die staatlichen Sozialausgaben unter Chávez zwischen 1998 und 2006 verdreifacht. Vogt erläutert: "Teil der Sozialprogramme sind die Versorgung der armen Bevölkerungsschichten mit Lebensmitteln durch die Misión Mercal und die medizinische Versorgung mit Hilfe des Programms Barrio Adentro." Das war die Aktion "Öl gegen Ärzte", als Fidel Castro 3.000 kubanische Ärzte in die Armenviertel von Caracas und anderen Städten schickte. Vogt weiter: "Heute läuft das Programm bereits erfolgreich in der vierten Phase, die die Einrichtung von Gesundheitsposten und den Bau von Krankenhäusern vorsieht.
Die UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik, Cepal, bestätigt den Erfolg der Maßnahmen. Nach ihren Angaben ist der Anteil der in Armut lebenden Bevölkerung seit 2002 von 51 Prozent auf 28 gesunken, die extreme Armut sank dabei von 25 auf 8,5 Prozent. Auch auf die Arbeitslosigkeit wirken sich die Sozialprogramme positiv aus. Sie verringerte sich von 11 auf 7,4 Prozent. Allerdings hat sich in den zehn Jahren Chávez-Präsidentschaft die Zahl der Staatsangestellten nahezu verdoppelt. Von 1,4 Millionen stieg die Zahl auf 2,2 Millionen, die mit den Mitteln des Staatshaushalts entlohnt werden müssen."
Nun sollte man mit Vergleichen vorsichtig sein, aber wenn Jürgen Vogt abschließend darauf hinweist, dass sich das Wirtschaftswachstum verringert hat (von jährlich sieben bis acht Prozent auf 4,8 Prozent 2008), dann sieht man wieder, wie auch der taz-Mann in europäischen Kategorien denkt: So ein Wachstum würde bei uns als großer Erfolg gefeiert. In Venezuela dagegen sieht der Korrespondent das Glas nicht halb voll, sondern halb leer.
(vgl. dazu meinen Eintrag von gestern über die ARD-Berichterstattung, wo die Anti-Chávez-Propaganda selbstverständlich nicht von einem Hauch von Informationen getrübt wird.)

Zitat I

"... seit Herbst, spätestens aber jetzt, sollte man auch darüber nachdenken, ob man etwa die Investitionsförderung nicht fantasievoller gestalten könnte. Autos, Beton, Putz und Mörtel sollten für ein hochindustrialisiertes Land nicht das letzte Wort sein."

Ullrich Heilemann, Direktor des Instituts für Empirische Wirtschaftsforschung der Universität Leipzig

Georg-Elser-Halle

In München erinnert eine Halle für Pop- und Rockkonzerte an Georg Elser, der schon 1938 versucht hat, Adolf Hitler mit einer Bombe im Münchner Bürgerbräukeller umzubringen. Zwischen dem Kulturzentrum am Gasteig und dem Durchgang zum Hilton Hotel, gleich beim Gema-Gebäude, an der Stelle, wo die Bombe hochging, wurde im Boden eine Gedenktafel an Elser eingelassen. So kann die Erinnerung an den Hitler-Attentäter mit Füßen getreten werden, ein Argument, mit dem sich die Jüdische Gemeinde in München und OB Christian Ude gegen die Gedenksteine für ermordete Juden eingesetzt haben.
Die taz bringt einen Artikel, einen Vortrag von Michael Wildt, in dem aufgedröselt wird, weshalb ein einfacher Schreiner und Kommunist wie Elser nicht zum Helden des Widerstands wurde, sondern ein elitär denkender Adeliger wie Stauffenberg. Und mir wurde mal wieder deutlich: Stauffenberg und die Verschwörer des 20. Juli wollten Hitler umbringen, weil er dabei war, den Krieg zu verlieren. Als er noch am gewinnen war, haben sie ihn ja voll unterstützt.
Georg Elser wollte Hitler umbringen, damit er keinen Krieg beginnen kann.

O Gott, der Klingelschmitt!

Der taz-Redakteur macht sich in seiner Kolumne Sorgen, dass der Papst "dem Ansehen dieses Landes schweren Schaden zufügen" darf.
Häh? Sind wir Papst oder was?

Zitat II

"Ich halte es nicht für angebracht, abwertend über die relgiösen Ansichten anderer Menschen zu sprechen. Wenn sie mich nach meiner persönlichen Meinung fragen, werde ich ihnen antworten, aber ich werde mich hüten, ihnen zu sagen, was sie denken sollten."

Martha C. Nussbaum, Professorin für Philosophie, University of Chicago

19. Februar 2009

Der Boulevard

Die erste Meldung in den Nachrichten auf Bayern 4 Klassik, um 12 Uhr und um 13 Uhr, das offenbar wichtigste Ereignis am 19. Februar: Der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder einer Schülerin, die 1981 umgebracht wurde, hat in Augsburg begonnen.

Bin Laden gegoogelt

Ein Geographie-Professor aus Los Angeles behauptet, Ussama Bin Laden halte sich in Pakistan, zwölf Kilometer von der afghanischen Grenze auf. Mit "wissenschaftlichen Methoden" und Sateliltenaufnahmen haben der Prof und sein Team drei Häuser identifiziert, in denen sich der großgewachsene Oberterrorist angeblich aufhält. Typische Titelzeile heute, 19. Februar, auf taz.de: "Globales Neighborhood-Watch". Das Watch?
Nachdem die dpa-Meldung zitiert wurde, fügt ein taz-Redakteur offenbar noch seinen eigenen Senf an (getreu der taz-Devise, nur keine Gelegenheit auslassen, wenn Information und Meinung vermischt werden können): "Wahrscheinlich wäre es hilfreich gewesen für die Sache des Professors, seine Erkenntnisse nicht öffentlich auszuposaunen. Schließlich muss man davon ausgehen, dass auch Bin Laden von der Veröffentlichung hört. Insofern wäre eine vertrauliche Behandlung dieser Information auch ein Frage des 'gesunden Menschenverstandes' von dem das Geografen-Team spricht. Aber vielleicht geht es Professor Gillespie gar nicht darum, die US-Geheimdienste zu unterstützen. Ein wenig Publicity ist ja auch nicht schlecht."
Ich krieg mich nicht mehr ein, als ich das lese, und stelle einen Kommentar dazu:
"Heh, sag mal: Informationen zurückhalten, statt sie zu veröffentlichen, um den Geheimdiensten zu helfen? Toller Vorschlag! Das lässt tief blicken in Bezug auf die journalistische Berufsauffassung dieses taz-Redakteurs. Wow!"

Die taz von gestern ...

... verschiebe ich auf morgen: Ich bin nicht zum Lesen gekommen, weil Steffen, der Neffe aus Italien, gestern im Paradiso aufgetaucht ist. Na ja, es gab viel zu erzählen, wir haben geratscht bis gegen halb zehn, und als wir uns in der Lerchenfeldstraße bei minus zehn Grad verabschiedet haben, war ich mit drei Hellen und einem kleinen Bier noch gar nicht so besoffen. Aber weil der Neffe - ein dunkles Weißbier, eine Apfelschorle, drei Espressi - noch weiterfahren musste nach Landsberg, hab ich seinen von Saavas spendierten Ouzo mitgetrunken. Dann isser wieder losgebrettert, der Neffe, mit seinem Saab-Dienstwagen und dem neuen Navi vom Media-Markt ("Hat nur 99 Euro gekostet!")
Also mehr zur Mittwochs-taz, wenn ich sie gelesen habe.

WWN*)

"Ja, ich bin bisexuell"

Die brünette 19-jährige Tessa scheint auf den Spuren von Gina-Lisa zu wandeln und ist auch abseits von Heidi Klums beliebter Topmodel-Show ziemlich umtriebig.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)

Hoffnung

Und dräut der Winter noch so sehr
Mit trotzigen Gebärden,
Und streut er Eis und Schnee umher,
Es muß d o c h Frühling werden.

Und drängen die Nebel noch so dicht
Sich vor den Blick der Sonne,
Sie wecket doch mit ihrem Licht
Einmal die Welt zur Wonne.

Blast nur ihr Stürme, blast mit Macht,
Mir soll darob nicht bangen,
Auf leisen Sohlen über Nacht
Kommt doch der Lenz gegangen.

Da wacht die Erde grünend auf,
Weiß nicht, wie ihr geschehen,
Und lacht in den sonnigen Himmel hinauf,
Und möchte vor Lust vergehen.

Sie flicht sich blühende Kränze ins Haar
Und schmückt sich mit Rosen und Ähren,
Und läßt die Brünnlein rieseln klar,
Als wären es Freudenzähren.

Drum still! Und wie es frieren mag,
O Herz, gib dich zufrieden;
Es ist ein großer Maientag
Der ganzen Welt beschieden.

Und wenn dir oft auch bangt und graut,
Als sei die Höll' auf Erden,
Nur unverzagt auf Gott vertraut!
Es muß d o c h Frühling werden...

Emanuel Geibel (1815-1884)

Und Sommer wird's auch mal wieder!

Dann fahr' ich mit Serena Williams ans Meer.

Achtung: tazblog! am 26. September 2008:

Zitat I

"Für die Allgemeinheit lebenswichtige Produktionsmittel, Großbanken und Versicherungsunternehmen können in Gemeineigentum überführt werden, wenn die Rücksicht auf die Gesamtheit es erfordert."
Bayerische Verfassung, Artikel 160

Zitat II

"Die Forderungen des Parteivorsitzenden der Linken, Oskar Lafontaine, zur Verstaatlichung von Großunternehmen und Enteignung von Familienbetrieben rühren an den Grundfesten unserer freiheitlichen Rechts- und Wirtschaftsordnung."
Die Überwachung der Linkspartei durch den Verfassungsschutz sei "dringend geboten".

Günther Beckstein, bayerischer Ministerpräsident


20. Februar 2009

"Auch aus Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du etwas Schönes bauen." - Erich Kästner

Informationen für Sie

So sieht das aus, wenn die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ihrem Informationsauftrag nachkommen. Selbstverständlich müssen die auch noch dafür sorgen, dass der EU-Vertrag akzeptiert wird - wir sind doch hier nicht in Frankreich oder Irland und den Niederlanden. Wenn also jemand an diesem Vertrag Kritik übt, muss er ja ein abgefahrener Spinner sein. Wir sind uns schließlich einig. Zumindest tut der wackere ARD-Journalist so, der diese Art Nachrichten fürs Volk aufbereitet:

Tschechiens Präsident sorgt für Eklat
"Karnevalsrede" im EU-Parlament

Der tschechische Präsident hält überhaupt nichts vom EU-Reformvertrag. Diese Meinung tat Vaclav Klaus jetzt auch vor dem Europaparlament kund - und erntete heftige Kritik: "Nationalistische Posse" lautete eine Reaktion, etliche Abgeordnete verließen den Saal.
(Quelle: tagesschau.de)

--------------------------------------------Kommentar am 19. 2. 2009
Lieber Hans Pfitzinger,
"Aaah, diese Dorothea Hahn". - "Diese saudumme Kitschtitelseite" (von mir). - "O Gott, der Klingelschmitt!"
Ist das Verzweiflung oder grooven Sie sich nach zwischenzeitlicher Depression wieder ein?
Mit herzlichen Grüßen, Peter Unfried

---------------------------------Meine Antwort an den stellvertretenden Chefredakteur der taz:
Na, Sie lesen das tazblog - iss doch schon mal was.
Um Ihre Frage zu beantworten: Dorothea Hahn hat mit Verzweiflung ganz bestimmt nichts zu tun. Ob Sie da was missverstanden oder verwechselt haben? Hahn ist ein Lichtblick in den Zeiten der taz-Dunkelheit. Zur Verzweiflung neige ich bei Nicola Glass. -
Die anderen angeführten Themen könnten mich schon eher in die Depression treiben:
"Diese saudumme Kitschtitelseite". Jepp, dazu stehe ich, auch wenn Sie das gebastelt haben. Un-säg-lich. U-n-s-ä-g-l-i-c-h. Entwürdigend. a) Für das ermordete Mädchen. b) Für das arme Schwein von Mörder - heh, das Arschloch kann auch nix dafür, dass er so bescheuert ist. c) Für die taz. d) Vielleicht nicht für Peter Unfried, der möglicherweise unschuldig ist. Wie Ronald Reagan. -
Und Klingelschmitt? Ich bitte Sie - er findet Ratzi unmöglich, weil der das Ansehen des Vaterlands schädigt! Ach geh. Was glauben Sie, wie wurscht mir ein "Ansehen Deutschlands in der Welt" ist, wenn Ratzinger das beschädigen kann. Der Papst vertritt nicht Deutschland (wenn, dann Bayern, äh, Oberbayern), sondern die römisch-katholische Kirche. -
Aber ich bin echt gerührt, dass Sie sich Sorgen machen, ob ich mich wieder eingroove. Da haben Sie eine ehrliche Antwort verdient. Ja, ich denke schon, auch wenn mir die taz manchmal als hoffnungsloser Fall erscheint: zu viel Beliebigkeit, zu wenig Überzeugung. Es ist eben nicht alles gleich und eh wurscht. Es kommt wirklich auf das "Wie" an, egal, was man macht. Mit César Luis Menotti bin ich bis heute überzeugt, dass es linken Fußball gibt (Hoffenheim in der Vorrunde). Und linken Journalismus. -
Ende März hör ich auf mit dem täglichen tazblog, und dann führ ich das etwas entspannter weiter. Ich versuch immer noch, das Grundmaterial nach irgendwelchen Gesichtspunkten einzudampfen und ein Buch draus zu machen. Die Titelideen und die Auswahlkriterien wechseln fast täglich, aber im Moment neige ich zu:
"Ein Jahr taz ohne Bewährung.
Was ist noch links an der tageszeitung?"
Schöne Tage!
-hp
http://de.youtube.com/iWugg

die taz vom 18. Februar:

Süßes Nichts

Diese tägliche Kolumne auf taz zwei, in der wechselnde RedakteurInnen und AutorInnen mit Passbild illustriert Unterhaltsames von sich geben sollen, überschreitet oft die Grenze zwischen flüssig und überflüssig. Mittwoch schreibt Natalie Tenberg über Männer, die mit Märklin-Eisenbahnen aufgewachsen sind. Und Bordeaux-Weine trinken. Tenberg sieht irgendwie süß und nett aus auf ihrem Foto. Die Kolumne überschreitet noch eine Grenze: von überflüssig ins Nichts.

Albtraum

Prophetische Worte: 2001 veröffentlichte die US-amerikanische Satirezeitschrift The Onion eine erfundene Rede des gerade vom obersten Bundesgericht ernannten Präsidenten George W. Bush. Darin sagte er: "Endlich ist der lang anhaltende Albtraum von Frieden und Wohlstand vorbei." Außerdem kündigte er an, einen Golfkrieg zu beginnen ("Wozu haben wir denn sonst eine Armee?"), die Wirtschaft in eine tiefe Rezession zu schicken und die Kluft zwischen Arm und Reich zu vergrößern.
All das ist während seiner Präsidentschaft eingetroffen. Um in den Krieg zu ziehen, reichte Bush die erste Amtszeit, um die Wirtschaft zu ruinieren und das Geld von unten nach oben zu verteilen, brauchte er die zweite.
Alexander Steininger stellt das Satiremagazin auf einer taz-Seite vor. Bei einer Auflage von 700.000 scheint die Zukunft gesichert, auch wenn Barack Obama ein weniger dankbares Objekt für Satire abgibt - die US-Medien werden schon dafür sorgen, dass den Onion-Redakteuren der Stoff nicht ausgeht (theonion.com).

Rechte Schlägereien

Die taz-Redaktion sollte mal grundsätzlich über ihre Berichterstattung zu den Aktivitäten der rechten Szene nachdenken. Wem ist denn geholfen, wenn das Aufmacherfoto auf Seite 1 einen Glatzkopf zeigt der vor einem anderen Jungen im Schnee steht? Das reicht noch nicht mal, um zu beweisen, dass jemand verprügelt wurde. Und dann auf Seite 3 die Jubelüberschrift: "Die Sieger von Dresden". Das klingt schon fast triumphierend - hah, grusel, grusel. Dazu ein ausführlicher Artikel vom Grusel-Trio Infernal aus dem "inland"-Ressort.
Wem hilft das? Wird damit eine einzige Gewalttat verhindert? Werden dadurch Rechte zu braven Bürgern erzogen? Werden weniger Menschen NPD wählen? Oder werden  nur Stereotypen bedient und Vorurteile bestätigt? Und taz-Redakteure beschäftigt?
Ach, würden sie doch lieber Kreuzworträtsel entwerfen.

taz von gestern, 19. Februar

Auf Seite 3 diesmal "der lange text", mit dem Titel "Das Krisengespenst". Geschrieben hat ihn Friedrich Krotz, Professor für Kommunikationswissenschaft in Erfurt, und er redet - endlich tut es jemand - Klartext: "Statt die Steuermittel gezielt und sinnvoll einzusetzen, transferiert die Regierung lieber die Steuern der nächsten Generation in das marode Bankensystem von heute. Im Namen der Marktwirtschaft wird so die Marktwirtschaft ruiniert. Statt der Vermögen der Banker werden die Verluste der Banken verstaatlicht und dadurch erst sozialisiert und den Steuerzahlern aufgebürdet."
Yesss!, hab ich am Rand notiert. Und auch diese Sätze habe ich dick angestrichen, denn sinngemäß stand das hier schon im September letzten Jahres (schauen Sie einfach bei "Blog + E-Books" oben in der Menüleiste vorbei): "Im Unterschied zum Staatskapitalismus haben die Banken aber einen Weg gefunden, das Ende des Kapitalsmus noch einmal in ein neues Aufblühen zu verwandeln. Denn zusammen mit den Medien sorgen sie dafür, dass sich die Struktur des Wirtschaftssystems nicht ändert, aber der Staat die Kosten trägt. Wie lange? Bis auch er pleite ist."
Genau so wird's kommen. Und von immer neuen High-Tech-Spielzeugen, von der Volksverdummungsmaschinerie Fernsehen und von immer neuen Ängsten und Drohungen in Schach gehalten, lässt sich das arbeitende Volk von den Leuten, die ihr Vermögen arbeiten lassen, leicht betrügen: Der EU-Vertrag, der das gegenwärtige System stärkt, ausbaut und aufrüstet, ist gut, Sozialismus ist bäh. Die Präsidenten in Südamerika sind alles Trottel, und die Linke in Europa ist zu dumm zum Bierholen.
Na, an dem letzten Nebensatz scheint doch was zu stimmen.

Koffer in Prag

Nelly Mann, die letzte Ehefrau von Heinrich, dem Bruder des großen Thomas, wird in Briefen von Alfred Döblin als "so gute, so menschlich freie, aufgeschlosse Frau" beschrieben. Das habe ich immer vermutet, denn die Ablehnung der Manns gegen Nelly beruhte ja hauptsächlich darauf, dass Heinrich sie im Berliner Nachtclubmilieu kennengelernt hatte. Klar, dass Bruder Thomas und die ganze bucklige Großbürgerverwandtschaft die Heirat nicht standesgemäß fanden. Aber Heinrich hat sich nicht drum gekümmert. Nach dem Tod Nellys, die wohl Probleme mit Drogen und Alkohol hatte, schrieb ihm Döblin in einem Beileidsbrief 1944, es sei selten, "dass sich solche Vitalität mit echter Menschlichkeit verbindet".
Woher ich das weiß? Auf einem Dachboden in Prag ist 2004 ein Koffer von Heinrich Mann gefunden worden, der jetzt im Mann-Archiv der Berliner Akademie der Künste ausgewertet wird.
Schön für Nelly, dass sie nicht als die Schlampe in die Literaturgeschichte eingeht, als die sie von Schwager und Schwägerin immer bezeichnet wurde. Ach, die Verwandtschaft!

Torfkopf

Gott sei Dank kriegt er die tazzwei-Kolumne äußerst selten, aber gestern war ein Mal zu oft: Was Joachim Lottmann da für einen Unfug verzapft, ist sogar für seine Verhältnisse beachtlich. Die Fakten sind alle daneben, die Schlussfolgerungen aus den falschen Behauptungen völlig vertrottelt, und alles, was er über Merkel, zu Guttenberg und Barack Obama zum besten gibt, ist am selben Tag widerlegt worden: Deutschland schickt mehr Soldaten, und Obama erst recht.
Was für ein Torfkopf!

taz jetzt vereinigt mit "So war der deutsche Landser": Der Stürmer 2.0


So steht das in der taz im Februar 2009, ohne einen Funken Ironie: "Zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Die Bundeswehr soll vor der Küste Somalias Piraten fangen. Abseilen aus dem Hubschrauber, klettern, schwimmen in voller Montur: Das ist vor allem eine sportliche Herausforderung. Genau das reizt viele Soldaten."
Eine Seite PR für die Bundesmarine, redaktioneller Beitrag, keine Anzeige: Die Kriegsschiffe der Bundesmarine, die vor der Küste Somalias Piraten bekämpfen sollen, so erfahre ich, sind für die Hungerhilfe im Einsatz. Und so hört sich das an in der flotten Schreibe der taz-Reporterin: "'Na klar macht das Spaß, wir haben immer Action, und ich habe einen Beruf, der viel mit Sport zu tun hat - das, was ich immer wollte', erzählt Nicole H. Sie strahlt dabei. Es besteht kein Grund, ihr nicht zu glauben, dass sie gerne eine deutsche Lara Croft ist, die nur eben nicht vom Computerspieler, sondern von Bundestagsmandaten in den Einsatz geschickt wird. (...) Mehr als hundert Schiffe hat sie schon geboardet."
Geboardet. Verstehe. Aber, erfahre ich weiter, der Einsatz ist eben nicht nur eine sportliche Herausforderung, die Kriegsschiffe sind auch so etwas wie Seenotrettungskreuzer: Wenn jemand in Seenot gerät, "unterstützen sie medizinisch, geben Wasser und Benzin oder schleppen das Boot in die Nähe des nächsten Hafens. Ob es sich um Menschenhändler oder ein Boot voller Flüchtlinge handele, sei dabei egal. 'Save our souls' ist dann das, was wir machen', sagt der Kompaniechef. Als Sanitäterin ist auch Nicole H. in solchen Situationen nah dabei: entschlossen, ernst und hilfsbereit."
So endet der Artikel, in dem Jasna Zajcek über einen Besuch bei der Bundesmarine in Eckernförde berichtet, wo sie einer Pressevorführung (Soldaten beim Abseilen aus  dem  Hubschrauber) beiwohnen und eine taffe Marinesoldatin interviewen durfte. Die Kriegs-Propaganda der Bundeswehr funktioniert reibungslos, so lange sie willige journalistische Helferlein hat - und Schreibtischtäter in den Redaktionen.
Wie kann so ein Mist den Weg in die taz finden? Dieses widerliche Propagandastück ist an Niedertracht schwer zu überbieten - das liest sich wie die Einstimmungsartikel in den gleichgeschalteten Blättern der NSDAP anno 1938/39, mit denen das Fußvolk auf den bevorstehenden Krieg vorbereitet wurde. Oder wie der Kitsch in den billigen Heftchen, "So war der deutsche Landser", in den Fünfzigerjahren: die tageszeitung - Der Stürmer 2.0.

Was aber denkt sich der Ressortleiter, was denken sich die verantwortlichen Redakteure, die dafür eine ganze Seite in der taz zur Verfügung stellen? Nichts, nehm ich einfach mal an.

Nachtrag: Neugierig geworden, was für eine Art von Journalismus Jasna Zajcek sonst noch betreibt, hab ich ein bisschen rumgegugglt. Na ja, klar, sie hat eine Website, und offensichtlich gehört sie zu den hirnlosen JournalistensöldnerInnen, die jedem, der ihnen einen Freiflug bezahlt und ein Honarar verspricht, nach dem Mund reden. Hier ihr letzter Beitrag zur Geschichte des abendländischen Journalismus, Januar 2009, bevor sie im  Februar Krieg als sportliche Übung in der taz populär zu machen versuchte:







"Neuschnee auf Zedern








Wenn Partygänger und Pistenrowdys aufeinandertreffen: Was man beim Skifahren im Libanon alles erleben kann."

Klingt wie mein Running Gag mit den WWN*), den Wirklich Wichtigen Nachrichten, oder? Für die tazzwei offenbar genau richtig, solche Autorinnen.

21. Februar 2008

Nachtrag zur taz vom 19. Februar:

Endlich wieder da!

Was habe ich diese Schlagzeile vermisst! Ich glaub' fast, es ist zwei Jahre her, dass ich sie zuletzt gesehen habe, und ich hab' gedacht: Da wird doch nichts passiert sein? Nö, alles in Ordnung: "Vogelgrippe-Pandemie droht".

Zitat

"Ohne kritische Auseinandersetzung gerade unter Journalisten kann es nicht verwundern, wenn vermeintliche Überzeugungen von heute auf morgen aufgegeben werden, der politische Journalismus immer mehr an Kontur verliert und letztlich zur eitlen Selbstbespiegelung verkommt."

Albrecht von Lucke in einem Kommentar mit der Überschrift "Kartell der Krawalljournalisten"

Positiv denken: Heute nur gute Nachrichten


- Grandmaster Flash mag keine iPods: "Macht mich nervös, wenn ich nicht mitkriege, was um mich abgeht."

-Tobias Rapp, früher Musikredakteur bei der taz, verdient jetzt richtig Geld: Er arbeitet beim Spiegel. Aber in der taz darf er immer noch eine Seite füllen mit der Überschrift "Der Easyjetset fliegt auf diese Stadt". Zitat: "Es ist nicht länger ein teurer Luxus, sondern ein preiswertes Massenvergnügen, übers Wochenende in europäische Metropolen zu jetten."
Und das soll eine gute Nachricht sein? Aber ja: Mein Jet fliegt auch bei Klimawandel!

- Christa Wichterich, wissenschaftliche Beirätin bei Attac, bringt in 1 Satz auf 10 Zeilen 13 Hauptwörter äääh, Substantive unter: "Umverteilung und Umbewertung von Produktions- und Reproduktionsarbeit sind eine tragende Säule für demokratische und solidarischere Wirtschaftsregeln, die der Versorgung und Reproduktion von Gesellschaft und Natur den Vorrang vor Wirtschaftswachstum und Profitmaximierung geben."
Die gute Nachricht? So'ne Sprache lockt keinen Hund hinterm Ofen vor, Josef Ackermann kann beruhigt weitermachen.

- Montasser al-Saidi, der Mann, der seine Schuhe auf George W. Bush geworfen hat, kommt vielleicht frei. Die Verhandlung wurde am ersten Tag unterbrochen, weil erst festgestellt werden muss, ob Bush offiziell als Staatsgast eingeladen war. Schuh-bi-du!

- Quecksilber wird verboten! Und: Die Energiesparlampen gehen auch mit Amalgam. Sagen die Chinesen.

- Die Schlagzeile auf Seite eins bringt wahrheitsgemäß die Einstellung der meisten taz-Redakteure auf den Punkt: "Wir glauben an nichts mehr". Echt!

WWN*)

"Heidi Klum ist zu schwer"

Das sitzt wie eine Ohrfeige: Star-Designer Wolfgang Joop lästert über Klums Figur. Nach den schweren Beleidigungen bekommt das Topmodel jetzt Unterstützung.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)

22. Februar 2009

Humor: Die Faschingszeitung

Ach, was ham wir gelacht! Über die Schlagzeile der taz zu Fastnacht, Fasching, Karneval! Seite eins: Das Foto von ineinander geschobenen Einkaufswagen mit dem rotweißblauen Aldi-Logo auf den Handgriffen, und dazu, auf Mitte gesetzt in Großbuchstaben:







Alle
zu Aldi







Spitzenwerbung, ganzseitig. Was das wohl eingebracht hat? Und: Ist es das erste Mal, dass eine Tageszeitung ihre Titelseite an ein Unternehmen für ganzseitige Werbung verkauft? Nö, ich glaub, das gab's schon mal. Aber für die taz ist es eine echte Innovation. Auch der Werbetext unter dem Großfoto ist gut formuliert: "Die Wirtschaftskrise treibt die Kunden noch schneller in die Billigläden als bisher - inmitten allgemeiner Hiobsbotschaften geht es Aldi, Lidl und Co blendend."
Klasse! Na ja, Aldi kann sich für sowas die besten Agenturen leisten - und dass der Konkurrent im eigenen Werbetext erwähnt wird, gehört mittlerweile zum guten Ton für erfolgreiche Zeitungsreklame.
In den nächsten Tagen erscheint bestimmt ein ganzseitiges Innterview mit dem Aldi-Geschäftsführer (die Albrecht-Brüder reden ja nicht mit der Presse), so wie letzten Sommer. Da hat die taz eine ganzseitige Anzeige von BP abgedruckt, und fünf Tage später ein Interview mit dem Chef der deutschen Konzernsparte geführt.
(Der letzte Satz gehört nicht mehr zum Faschingsscherz dazu.)


Deutsche Literatur: Watch the Gap

Passenderweise mit einem englischen Titel steht da eine sehr schöne Betrachtung von Jagoda Marinic über die Befindlichkeiten einer schreibenden Frau in Berlin. Dazu nimmt sie als Vergleichsmaßstab Heidelberg und New York, und kommt zu verblüffenden Einsichten. Am besten hat mir diese gefallen: "Denn in dem Moment, da ich das Haus verlasse, wird sich die Stadt nicht, wie Heidelberg, meinen Stimmungen und Gedanken fügen, sie gar verstärken. Nein, sie wird sie auslöschen. Ganz allmählich. Mit jedem Schritt tritt etwas, das nichts mit meinem Schreiben zu tun hat, in mich."
Marinic gelingen reihenweise stimmige Beobachtungen zu Berlin und der Wirkung, die diese Stadt ausübt - jedenfalls erscheinen sie mir stimmig, auch wenn ich seit 1991 nicht mehr dort war. Nach der Lektüre denke ich über mein Verhältnis zu der Stadt nach, in der ich lebe. Nein, München löscht meine Gedanken und Stimmungen nicht aus. Mir geht es hier eher wie Jagoda Marinic in Heidelberg. Aber ich hab auch lange nach den Orten gesucht, wo sie verstärkt werden.
(Ob das jetzt peinlich erscheint, wenn ich noch anfüge, dass Sie, werter Leser, viele dieser Orte in dem Büchlein "Stille Winkel in München" finden können? Nö, issja Fasching! Schon gut - es gibt auch so etwas wie eine Informationspflicht. Mehr dazu finden Sie hier auf der Seite, deutlich als Werbung gekennzeichnet.)

AdT*): vestimentäre Emanzipation

"Gab Coco Chanel der Frau Bewegungsfreiheit und hatte sie bei Yves Saint-Laurent endlich die Hosen an, so sorgte Sonia Rykiel bei ihrer vestimentären Emanzipation endlich für den nötigen Komfort."
- Annabelle Hirsch: "Was bist du schön!", kultur, S. 19

*)Akademikersprech des Tages


I love Susanne Messmer

Wirklich. Schon für das Interview mit Mathias Frings möchte ich sie umarmen. Frings, Schriftsteller, früher auch taz-Autor, hat ein Buch über den inzwischen verstorbenen Kollegen Ronald M. Schernikau geschrieben, und Susanne Messmer versteht es, im Gespräch die menschliche Haltung und den liebevollen Arbeitsansatz von Frings zu verdeutlichen. Dieses Interview schwappt zu Recht auf die nächste Seite über, und scheut sich auch nicht, die Kritik an der taz und die persönlichen Konsequenzen des Autors zur Sprache zu bringen: Mathias Frings war so empört über die Häme, mit der Roy Black bei seinem Tod in der taz überzogen wurde, dass er beschloss, "ich würde nie wieder eine Zeile lesen, die in dieser Zeitung abgedruckt ist."
Und Susanne Messmer fragt: Sind Sie dabei geblieben?
Frings: Ich bin dabei geblieben.
Schön auch, dass neben dem Interview noch eine kurze Buchbesprechung von Messmer steht. Es heißt "Der letzte Kommunist. Das traumhafte Leben des Ronald M. Schernikau", und Mathias Frings erinnert damit an eine dieser Gestalten mit einer Dimension zu viel, die einfach nicht in die beschränkte Wirklichkeit dieses Zeitalters passen. Messmer vermutet, Schernika hätte "nur einen einzigen Gang runterschalten" müssen, dann würde er es, wie der von ihm verehrte Rainald Goetz, zumindest in die "Feuilletons, Seminare und Lexika" geschafft" haben. Müßige Gedanken - Schernikau konnte eben nicht runterschalten. Ich vermute mal, dass er diesen Betrieb in den Jahren der Ablehnung seiner Bücher eh durchschaut hat und auf diese Feuilletonexistenz gepfiffen hätte.
Auf zwei Bücher von Schernikau möchte ich der Vollständigkeit halber noch hinweisen: "Tage in L." ist gerade neu aufgelegt worden, und das 800 Seiten dicke "Legende" gibt's womöglich auch noch irgendwo.

Und sonst? Die Krise kriegt die Krise

Aldisierung, Lehman-Brothers, Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Regierungskrise, Zeitungskrise, die Krise kriegt langsam die Krise. Wobei mir einfällt: Meine Magisterarbeit aus dem Jahr 1971 beschwor damals ebenfalls die Krise "der westlichen Welt". Ich war gerade mal Mitte 20 und dachte mir, wenn ich feste auf den Krisenputz haue, kriege ich eher ein USA-Stipendium. Das hat geklappt. Weshalb ich heute zu der Ansicht neige: Die Krise gehört zu den Bedingungen des Menschseins, und Krisengerede und -geschreibe dient der Aufrechterhaltung von Machtstrukturen oder der Verschleierung von Machtgelüsten. Oder dem Erlangen eines Vorteils, zum Beispiel dem Verkauf von Zeitungen. Wobei auch viel Wichtigtuerei mit reinspielt: Heh, ich weiß noch was viel Schlimmeres als du, und du hast ja keine Ahnung, wie ernst die Lage ist.
Neulich hab ich einem ehemals befreundeten Zeitschriftenverleger den Rat gegeben, nicht alles zu glauben, was in der Zeitung steht. Er hatte die schlimmsten Befürchtungen für 2009 geäußert. Ich habe ihm zwei Dinge fürs neue Jahr gewünscht: Gesundheit, und dass er sein Blatt nicht einstellen muss. Er hat nicht darauf geantwortet.
Ihnen wünsche ich Gesundheit, schöne Sonnenuntergänge, und dass Ihnen Geldsorgen erspart bleiben. Genießen Sie die Krise, solange es noch geht, hinterher wird's erst recht ganz furchtbar: Das Böse lauert immer und überall!
 


23. Februar 2009

Eigentlich ... ist ja Montag Ruhetag. Aber heute mach ich das tazblog ausnahmsweise für einen meiner liebsten großen Schreiberbrüder auf.

An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern.

Erich Kästner zum 110. Geburtstag

1899 ist er in Dresden geboren und aufgewachsen. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Erich Kästner vorwiegend in München gewohnt. Erst in Schwabing in der Fuchsstraße, bis er dann Mitte der fünfziger Jahre in eine Doppelhaushälfte im Herzogpark umzog, in die Flemingstraße 52. Dort erinnnert heute nichts an ihn, keine Tafel, kein Hinweis. Kästner starb 1974. Ich werde am Nachmittag zum Bogenhausener Friedhof hinaufsteigen und eine Kerze am Grab anzünden, das er mit seiner Lebensgefährtin Luiselotte Enderle teilt.
Kästner hat die wohl populärsten Jugendbücher seiner - und meiner - Zeit geschrieben. Fast alle wurden - und werden bis in die Gegenwart immer wieder - verfilmt. Nachdem 1933 seine Bücher auf dem Königsplatz in München verbrannt wurden (Kästner stand in der Menge, die dabei zusah), erhielt er Publikationsverbot. Das Drehbuch zu "Münchhausen", einem der populärsten Filme der Kriegszeit, musste er unter Pseudonym schreiben.

In den Kindheitserinnerungen "Als ich ein kleiner Junge war" beschreibt Kästner seine Eindrücke in Dresden vor dem Ersten Weltkrieg. Das Buch wendet sich an Kinder und Erwachsene, was genauso für alle anderen "Kinderbücher" von Kästner gilt. Aber ich möchte zum Geburtstag doch noch einmal aus "Fabian - Die Geschichte eines Moralisten" (1931) zitieren (das stand im vergangenen Sommer schon im tazblog): "Der Fabrikant drückt die Löhne; der Staat beschleunigt den Schwund der Massenkaufkraft durch Steuern, die er den Besitzenden nicht aufzubürden wagt; das Kapital flieht ohnedies milliardenweise über die Grenzen. Ist das etwa nicht konsequent? Hat der Wahnsinn keine Methode? Da läuft doch jedem Feinschmecker das Wasser im Munde zusammen." Das lässt Erich Kästner einen Wirtschaftsjournalisten sagen, einem "Handelsredakteur". Der Mann kommt noch zu einem bemerkenswerten Schluss: "Wir gehen an der Trägheit unserer Herzen zugrunde. Ich bin ein Wirtschaftler und erkläre ihnen: Die Gegenwartskrise ohne eine vorherige Erneuerung des Geistes ökonomisch lösen zu wollen, ist Quacksalberei."
"Fabian" gibt's bei dtv für 8 Euro. Es ist kein Kinderbuch. Dringend empfohlen! Und weil ich ihm auch in "Delfina Paradise" (siehe Anzeige oben) ein winziges Denkmal gesetzt habe, hier eine Leseprobe:

Nach den Tennisplätzen, als die Hangwiese anfängt, deutet Sebastian vage nach links. „Da oben hat Erich Kästner gewohnt.“
Sagt ihr nichts.
„Emil und die Detektive. Das doppelte Lottchen. Pünktchen und Anton. Das fliegende Klassenzimmer. Das ganz besonders. Toller Film.“
„Ja, Erich Kästner kenn ich doch.“
„Und erst die Ge – dich –  te!!! Gibt’s bei Reclam.“

Zitate von Erich Kästner

Und immer wieder erhalte ich Briefe,
in denen ihr, dick unterstrichen, schreibt:
„Herr Kästner, wo bleibt das Positive?“
Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.

Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie.

Dass wir wieder werden wie Kinder, ist eine unerfüllbare Forderung. Aber wir können zu verhüten versuchen, daß die Kinder so werden wie wir.

WWN*)

Wer ist die klügste Politiker-Frau?

Bildung, Attraktivität und Kinderzahl: Welche Politiker-Frau gewinnt diesen Wettstreit? Testen Sie Ihr Wissen über die Gespielinnen der Mächtigen in unserem Quartett.  

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)

24. Februar 2009

Winter bei ein Grad über Null

Grässlich. Senkrechter Schneeregen, immer gleichmäßig, ohne Unterlass, kein Windhauch, Luftfeuchtigkeit 96 Prozent. Gestern musste ich auf den Straßen laufen - der Weg an der Hangkante entlang war mit knöcheltiefem Schneematsch bedeckt, so dass ich zum ersten Mal in diesem Winter in die Flemingstraße ausweichen musste, und an Erich Kästners früherem Wohnhaus vorbeikam. Am Oberföhringer Wehr ging nichts mehr weiter, und auf dem Rückweg, auf den Wegen in der Hirschau, hatte ich das Gefühl, auf glitschiger Schmierseife zu rutschen. Längs der Isar zwei Sorten Matsch: An manchen Stellen ging der tauende Schneematsch in tauenden Dreckmatsch über. Also zurück über die Pienzenauerstraße, auf der Fahrbahn, weil die Bürgersteige ebenfalls mit tauenden Eisplatten bedeckt waren. Erst im letzten Abschnitt, ab der Ecke Poschinger, konnte ich auf dem Gehweg laufen. So war ich gestern höchstens sechs Kilometer unterwegs, der Winter wollte nicht, dass ich weiter laufe.
Und heute? Ich lauf erst morgen wieder, da soll laut Wetterbericht die Sonne rauskommen. Wenn ich den Kopf von der Tastatur wende und zum Fenster rausschaue: Grässlich. Senkrechter Schneeregen, immer gleichmäßig, ohne Unterlass, kein Windhauch, Luftfeuchtigkeit 96 Prozent.

Schlagzeile, Seite eins: hechel, hechel
 
Bild mit roter Fahne vor blauem Himmel, in dem in Großbuchstaben die Schlagzeile des Tages steht: "Linkspartei stellt Abweichler kalt". Dann lese ich den dazugehörigen, auf eine ganze Seite 3 hochgepusteten Klingeltext von Stefan Reinecke mit der dürftigen Information: Zwei EU-Parlamentarier stehen (noch) nicht auf der Liste für die Europawahl, weil sie den EU-Vertrag nicht so rigoros ablehnen wie Oskar Lafontaine. Aber entschieden ist noch nichts, weil der Parteitag entscheidet. Aber, so Reinecke, es gibt "Wirbel". Na, wenn das kein Grund ist, die erste und die dritte Seite damit zu füllen. Wirbel.
Mein Vorschlag für die Schlagzeile auf Seite eins: "Schon wieder ein Radl in Untergiesing umgefallen".

taz-Kulturseiten am Rosenmontag

(                    )

"Wir"

Friedrich Küppersbusch wird im Montags-Interview gefragt, weshalb die Mehrheit der Deutschen will, dass der Staat bei Opel einsteigt, bei Schiesser das Mitleid aber nicht so groß war. Der Fritz führt das darauf zurück, dass man den "US-Vormund" gern loswerden will: "Das hat neben dem Nationalfetisch Auto auch zu tun mit der Gefühlshaltung, mit der wir etwa Bushs Kriege nicht mitgemacht haben."
Ob Küppersbusch das wirklich glaubt? Dass "wir" die Kriege nicht mitgemacht haben? Der Irak-Krieg wäre ohne logistische Unterstützung der deutschen Regierung gar nicht möglich gewesen (Militärbasen und -hospitale in der Pfalz, Überflugrechte etc.). Und Bushs Krieg in Afghanistan? Da machen "wir" auch nicht mit?

Tante Bettina schimpft mit Onkel Gerhard


Bettina Gaus wird auf der Kommentarseite mal wieder staatstragend. Wenn Gerhard Schröder nach Teheran fliegt, ohne vorher zu fragen, ob er das darf, dann muss er ihr aber hinterher schon erklären, weshalb  er das getan hat: "Nun ist er also in den Iran gereist, ohne dass man weiß, warum. Das schadet. Ihm, seiner Partei und seinem Land."
Weshalb das seinem Land schadet, erfahren wir von Bettina Gaus nicht. Aber wir können es dem Bericht von Bahman Nirumand ein paar Seiten vorher andeutungsweise entnehmen, konsequenterweise im Ressort "inland": Weil Präsident Mahmud Ahmadinedschad ein ganz schlimmer Finger ist, nämlich ein (Knüppel raus!) "Holocaustleugner". Und dass Schröder deswegen dem "Ansehen der Bundesregierung und der Bundesrepublik Deutschland schweren Schaden zufügt" - das stammt wörtlich vom "Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland", Stephan Kramer. Schröder, so meint der Mann, "würde im Sinne der Menschenrechte besser auf das Treffen verzichten."
Inzwischen blinken bei mir alle Warnlampen, denn nur wenige Schlagworte wurden in den letzten Jahren von westlichen Politikern stärker missbraucht als "die Menschenrechte". Und wenn Sie meine unmaßgebliche Meinung lesen wollen: Der Zentralrat der Juden, allen voran Charlotte Knobloch und Herr Kramer, hat noch kein kritisches Wort zur ständigen Verletzung der Menschenrechte, dem Bruch des Völkerrechts und der Missachtung von UNO-Resolutionen seitens der israelischen Regierung geäußert. Im Gegenteil - jede Kritik an der israelischen Regierung wird umgehend als Antisemitismus denunziert. So weit ich es mitbekommen habe, waren die Repräsentanten des Zentralrats immer mit allem einverstanden - mit der Abriegelung und der Seeblockade des Gaza-Streifens, dem Bruch des Waffenstillstandsabkommens am 4. November, und dem völkerrechtswidrigen Überfall auf die Zivilbevölkerung Ende Dezember.
Aber wenn es ihm politisch in den Kram passt, beruft sich Stephan Kramer auf die Menschenrechte. Das klingt wie eine dreiste Verhöhnung der Opfer israelischer Kriegseinsätze.
Und was den Iran betrifft: Kramer wird sich noch wundern, wer demnächst alles Gespräche in und mit Teheran führen wird.

Nichts Neues von Dr. Seltsam

"Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) dringt auf einen besseren Schutz der Energie- und Wasserversorgungsnetze vor" - na, was wohl? - "Terroranschlägen." (dpa)

Krise! Milliarde! Weltweit! Ultra! Holocaustleugner! Hochexplosiv! Untergang des Abendlandes! Mindestens!

"Seit gut einem Monat befindet sich die katholische Kirche mit ihrer über einer Milliarde Gläubigen weltweit in der Krise, weil sie vier exkommunizierte, ultratradionelle 'Bischöfe', darunter den Holocaustleugner Richard Williamson, wieder aufgenommen hat. Nun hat der Konflikt auch innerhalb der deutschen Kirche einen hochexplosiven Ableger bekommen."
Wow! Und was ist passiert? Muss man das Sprengkommando rufen? Das SWAT-Team? Die GSG 9? Soko? Philipp Gessler, zur Aufklärung extra nach Regensburg und Deggendorf gereist, sagt es uns:
"Drei Theologen der Regensburger Uni haben einen Protestbrief unterstützt. Bischof Müller ist erzürnt."
Umfang der taz-Berichterstattung: Eine ganze "reportage"-Seite. Wenigstens die Atheisten von der taz nehmen die katholische Kirche noch ernst.

Wenn ich den Kopf von der Tastatur wende und zum Fenster rausschaue: Grässlich. Senkrechter Schneeregen, immer gleichmäßig, ohne Unterlass, kein Windhauch, Luftfeuchtigkeit 96 Prozent.


25. Februar 2009

«Kunst ist religiös — oder sie ist keine Kunst. Wenn Sie die Natur wirklich bewundern, dann kommen Sie gar nicht umhin, das religiös auszudrücken. Zu malen, was man vor Augen hat, ist nichts anderes, als sich dem Göttlichen anzunähern. Sich als Künstler von der Natur abzuwenden, ist für mich Verrat. Nur wer sich der Natur zuwendet, wird erkennen, dass sie Gottes Schöpfung ist. Seitdem die Maler aufgehört haben, die Welt zu betrachten, hat die Kunst ihren Sinngehalt, alles Heilige verloren.»

Balthus, in: Süddeutsche Zeitung Magazin, Nr. 9, 3. März 2000, S. 34 (mit Dank an Stubenzweig!)

Lob: Büta-Award

Issja nich so, dass hier dauernd nur schlecht gelaunt rumgemeckert wird. Und wie jeder Fan von "Achtung: tazblog!" weiß: Hier herrscht Zuversicht, Begeisterungsfähigkeit, Mut und Entschlossenheit, ganz im Sinne von Barack Obama. "Ja freilich, wir kriegen das schon hin" war früh das Motto dieser Website, und wenn Sie oben in der Menueleiste rumklicken, finden Sie auch den Barack-Obama-Fanclub. Gründungszeit: April 2008. Das war zwei Jahre, nachdem Neil Young den "new leader with the Great Spirit on his side" beschworen hat, und dabei Obama erwähnte (Neil, der Prophet, sang damals noch "vielleicht").
Dieses mal wieder gesagt und betont, wird hier auch Lob verteilt, um die braven Menschen in der taz-Redaktion zu motivieren, sie anzuspornen, ihr Bestes zu geben im täglichen Kampf für die freie Presse, gegen die Volksverdummung und für die 30-Stunden-Woche. So sei es denn:
"Klopausen werden kürzer" als Überschrift zu einem Artikel über die sinkenden Werbeeinnahmen im Fernsehen ist ein ganz besonders guter Titel. Das Ressort "flimmern und rauschen" erhält hiermit den Büta-Award, den Preis für die "Beste Überschrift des Tages".

Schwan: Ich glaub nicht dran

Ich wette nie, aber wenn ich wetten würde, dann keinen Cent  darauf, dass Gesine Schwan Bundespräsidentin wird. Mir ist zwar schleierhaft, wie eine Figur wie BuPräs Köhler so populär werden konnte, und weshalb ihn auch noch die Freien Wähler unterstützen wollen, aber Frau Schwan kommt nicht dran. Nö.
Weshalb die mir so unsympathisch ist, entzieht sich meiner Erklärungsfähigkeit, aber sie ist mir unsympathisch. Gestern hatten sie eine ganze kultur-Seite Schwan in der taz, inklusive Großfoto mit großer Geste, und bei allen Vorbehalten gegen die Frau hab ich mir an einer Stelle am Rand notiert: "Seh ich auch so. Leb ich auch so." Das war, als Gesine Schwan mit den Worten zitiert wurde: "Der Bürger ist kein Zuschauer. Jeder systematische Misserfolg von Parteien ist auch der Misserfolg der Gesellschaft."
Das ist gar nicht so weit weg von dem Erich-Kästner-Zitat, das am Montag hier stand: "An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern."
Nur um die geistige Befindlichkeit bei "taz-kultur" zu illustrieren, sei auch noch die Überschrift zu dem Schwan-Artikel zitiert: "Wider das Unterkomplexe".

Bundeswehr-PR

Sie erinnnern sich? taz zwei vom 19. 2.? "Zu Lande, zu Wasser und in der Luft" - eine Seite über die sportliche Herausforderung, die so ein Marine-Einsatz vor der Küste Somalias darstellt, und die tapfere Sanitäterin Nicole H. ist "auch in solchen Situationen nah dabei: entschlossen, ernst und hilfsbereit." Wenn Sie sich meinen Eintrag vom 20. Februar ansehen, hab ich mich schwarz geärgert darüber. Nun sieht das ein taz-Leser, Konrad Nestle aus Stuttgart, als "eine wunderbar gelungene Satire auf 'embedded journalism'! So vollkommen, das man den Text beinahe für ironiefrei halten könnte. Oder: Ist das das jüngste Beispiel des lustigen Redaktionsspiels 'Abonnenten ärgern'?"

Rudern: zurück, zurück

War ja alles nicht so toll, auch wenn am Vortag gleich die Hauptschlagzeile auf Seite eins den unterschwelligen Stalinismus in der Linkspartei beschwor. Jetzt differenziert der brave Stefan Reinecke sehr seriös und sorgfältig, weil er wohl Zunder für sein Boulevard-Niveau bekommen hat. Titel: "Linkspartei auf europakritischem Kurs". Er stellt die unterschiedlichen Positionen in der Partei vor und zeigt, dass er sein Journalistenhandwerk eigentlich ganz gut versteht. Ob seinen Beitrag von gestern jemand in der Redaktion absichtlich sensationalisiert hat, um auf Oskar-komm-raus eine verkaufsträchtige Schlagzeile zu fabrizieren? Die Vermutung liegt nahe.

War schon 2007 klar: Die Autobauer sind bescheuert

Ein Interview mit Helmut Becker, einem früheren BMW-Chefvolkswirt, bringt es an den Tag: Es war schon vor Jahren bekannt, dass die deutschen Autofirmen voll daneben liegen. Im Jahr 2007 hat Becker ein Buch veröffentlicht, dass den Titel trägt: "Ausgebremst. Wie die Autoindustrie Deutschland in die Krise fährt". So wird deutlich, dass sie selbst systemintern betrachtet schon seit Jahren Mist bauen. Aber so lange sie acht Milliarden Euro Gewinn im Jahr gemacht haben (Daimler), sahen sie keinen Grund, was zu ändern. Erst als sie nur noch zwei Milliarden einfuhren, schrien sie nach Mama Merkel und ließen sich subventionieren, um, wie VW, mit Staatsmillionen endlich verkaufbare Autos zu entwickeln.
Und die Autokanzlerin ließ sich nicht lange bitten. Bahn? Öko? Klimawandel? Scheiß drauf, Autos bringen Kohle.

Zitat

Die Hoffnung stirbt zuletzt:

"Es wird viele Jahre Arbeit benötigen, um das Vertrauen der Menschen in dieses Wirtschaftssystem und seine Regeln wiederherzustellen."
- Frank-Walter Steinmeier, SPD

Na, daran arbeitet seine Partei doch seit anno 1914, als die Genossen für die Kriegskredite gestimmt haben. Jetzt stimmen sie für die Staatshilfen, nachdem die neoliberalen Scheißköpfe das System zu Grunde gerichtet und ohne Ende abgesahnt haben. Wird schon hinhauen.

26. Februar 2009

Skandinavien I: Sjöwall/Wahlöö

Smörebdröd, smörebröd - dieses Krimischreiber-Duo klang immer wie der dänische Koch in der Muppets-Show, aber gelesen hat man freilich alles, was es von ihnen gab: Maj Sjöwall und Per Wahlöö. Das war so herzerfrischend schlau und politisch, und zwar genau richtig politisch: links nämlich. Die beiden Schweden trafen den Zeitgeist, und die dünnen schwarzen rororo-Bände lagen in jeder gut sortierten Wohngemeinschaft rum. In der taz sehe ich zum ersten Mal ein Foto der Autoren, 1971 in Stockholm aufgenommen. Lieb schauen sie aus. Und in einem ausführlichen Beitrag von Katharina Granzin erfahre ich: Die zehn Krimis, die sie gemeinsam verfasst haben, wurden gerade neu übersetzt und bei Rowohlt veröffentlicht. Granzin gibt aber zu bedenken, "dass auch nach gewissenhafter Prüfung schwer zu sagen ist, was an den alten Übersetzungen von Ekkehard Schultz so unakzeptabel gewesen sein soll." Für diesen Hinweis bin ich ihr sehr dankbar, denn mangels Schwedischkennntnissen könnte ich die Qualität nicht so recht beurteilen, mir kam das aber wie gutes Deutsch vor. Beim Vergleich, den Granzin anstellt, kommt sie zu dem Schluss, "dass die Schultz'schen Übersetzungen die sprachliche Eigenart des Originals wesentlich getreuer nachahmen als die neuen, denen eine enttäuschende Tendenz zur Verflachung gemeinsam ist."
Und das gilt nach meiner Erfahrung mit Buchverlagen ganz allgeimein: LektorInnen neigen heute zu einer Art Einheitsdeutsch und bringen jede sprachliche Originalität auf Standardmaß. Bei Sjöwall/Wahlöö gibt es im Original "auch mal umständliche Satzstrukturen, die mit einer präzisen, stark rhythmisierten Form der Dialogführung kontrastiert werden. All dies wird in den neuen Übertragungen umstandslos geglättet, eingeebnet und in ein Standard-Krimideutsch gebracht."
Endlich spricht das mal jemand an - ich hab mir jahrelang den Mund fusslig geredet und mich mit mindestens zwei Lektorinnen fürs Leben verkracht, weil ich als Übersetzer immer auf der Seite des Autors, nicht der Vereinheitlichung stand. Das gilt im Übrigen für Lektorenarbeit im Allgemeinen: Sprachliche Eigenarten werden häufig als schlechtes Deutsch empfunden und rausgeschmissen. Die Folge: Die Autoren, die durch die Lektoratsfilter verändert wurden, klingen alle gleich. Gute LektorInnen wissen das, die meisten wissen es nicht und fördern die Einheitssprache.
Was ich nicht wusste: Der immer gleiche Untertitel "Roman über ein Verbrechen" meinte "das Verbrechen der Sozialdemokratie an der schwedischen Arbeiterklasse." Und dass die beiden Autoren in den sechziger Jahren Mitglied der schwedischen KP waren, ist mir auch neu, erklärt aber die Anziehungskraft ihrer Krimis bei der "neuen Linken".
Maj Sjöwall lebt noch, sie ist 73. Per Wahlöö starb 1975 mit 48 Jahren.
Hach, welche Freude, die Kulturseiten mal ausnahmsweise nicht mit elitärem Ausstellungs- und Theatergelaber zugemüllt!

Skandinavien II: Fuck for Forest

Ein etwas konfuser Artikel mit dem Titel "Ficken für den Frieden 2.0" ziert ganzseitig taz zwei, mit einem schönen Foto der nackten Leona Johansson im Wald hinter bemoosten Zweigen (fotografiert von Anja Weber). Liab schaut's aus. Leona ist Schwedin, und sie betreibt mit ihrem norwegischen Lebensgefährten Tommy Hol Ellingsen eine Pornoseite im Internet, deren Erlös der Rettung des Regenwalds zugute kommt. Sagt sie.
Die Aufmachung von fuckforforest.com sieht ein bisschen amateurhaft aus, nicht nach den üblichen Hochglanz-Profi-Seiten. "Authentisch" nennt das Leona. Für 15 Euro Monatsbeitrag bekommt man Zugang zu den Bildern und Videos. Angeblich haben sie 1.000 Kunden. Die beiden scheinen es mit ihrem Anliegen ernst zu meinen und sehen Raubbau an der Natur und Unterdrückung der Sexualität als zwei Seiten derselben Medaille.
Sie wohnen in Berlin, weil sie sich geweigert haben, in Norwegen 1.000 Euro Strafe wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses zu zahlen. Im Sommer 2004 hatten sie beim Festivalauftritt einer Hardrockband in Kristiansund die Gelegenheit ergriffen, und am vorderen Bühnenrand direkt vor dem Schlagzeug im Stehen gevögelt. Das ist auch fotografisch dokumentiert, und passt zu Leonas Motto: "Es ist ein Spiel. Wir wollen Spaß haben und zeigen, dass Sex schön ist." Offenbar fanden das auch die Leute beim Konzert, aber die Behörden waren nicht so begeistert und verhängten die Geldstrafe.

So sehen die beiden jetzt Berlin als Exil an. Die Bewohner der Hauptstadt können sich schon mal freuen, denn Leona will nach Aussage des taz-Autors Enrico Ippolito "ohne Unterhose durch Berlin laufen, in der U-Bahn ihre Brüste entblößen, in der Öffentlichkeit vögeln und auf Spielplätzen ohne Unterwäsche die Rutsche runtergleiten."
Wird Zeit, dass der Frühling kommt!
P. S. Grundsätzlich sollte gelten: Never pay for porn! Näheres dazu findet der geneigte Leser in der Novelle "Delfina Paradise - Eine Liebe in München" (siehe Anzeige auf dieser Seite).

Gleichklang

Bild, Abendzeitung und taz haben gestern mit derselben Meldung die Titelseite gefüllt: Kassiererin von Kaiser's wegen 1,30 Euro Unterschlagung entlassen. Tja, Boulevardjournalisten wissen schon, was das Volk lesen will: Folgenlose Aufregerthemen. Hat da jemand was von der galoppierenden Boulevardisierung der taz gesagt?

Wir bewegen uns nicht

"Zur Energiewende gibt es keine Alternative", meint Ilija Trojanow auf der Kommentarseite. Aber: "Wir bewegen uns nicht." So sehr ich dieses TINA-Gerede (There Is No Alternative) hasse - diese Bankrotterklärung der Politik, gewisse Entscheidungen seien ohne Alternative -, muss ich dem Autor recht geben. Ob der Vielflieger Trojanow es hält wie jener SZ-Redakteur, der einmal geschrieben hat: "Mein Beitrag zum Umweltschutz besteht darin, dass ich weiß, wie schädlich fliegen für die Atmosphäre ist, wenn ich im Flieger nach Berlin sitze."
Mehr zu Trojanow morgen.

27. Februar 2009

Der öffentliche Wahn

Wie versprochen: Ich wollte noch mal auf Ilija Trojanow und seinen Kommentar "Der Kohlenwasserstoffmensch" zurückkommen. Er geht auf den Bericht der IEA (
International Energy Agency) ein, der im November veröffentlicht wurde (vor nicht mal vier Monaten) und im allgemeinen Geplapper über Krisen allerorten kaum wahrgenommen wurde. Die IEA hat ihre Angaben über den Rückgang der Fördermenge von Erdöl korrigiert und auf 6,7 Prozent jährlich beziffert (ein Jahr zuvor hat sie mit der Vorhersage von 3,7 Prozent Rückgang noch größere Schlagzeilen bekommen). Trojanow wiederholt nun die sattsam bekannten Katastrophenrufe, denn so, wie die Industriegesellschaft weltweit durchgesetzt wurde und wird, kann es nicht weitergehen. Ob man das will oder nicht, möchte ich ergänzen, spielt keine Rolle. Und das hat gar nicht in erster Linie damit zu tun, wie viel Öl noch gefördert werden kann. Wenn wir alle vorhandenen Öl- und Kohlevorräte des Planeten verbrennen, sind wir sowieso am Ende, und Gedanken, was der Mensch zum Leben braucht oder was unnötiger Luxus ist, sind müßig. Denn wir werden das Klima so weit verändern, dass Menschen und Säugetiere keine Überlebenschance mehr haben. Und wir werden weiter Kriege ums Öl führen. Daraus folgt: Wir müssen aufhören, Öl, Benzin und Kohle zu verbrennen.
Vielleicht sollte man noch einmal betonen, dass nur Irre und Wirtschaftswissenschaftler glauben, auf einem begrenzten Planeten sei unbegrenztes Wirtschaftswachstum drin. Und unbegrenzte persönliche Bereicherung. Nein, liebe Mitmenschen: Das geht nicht mehr. Trojanow kommt zu der Binsenweisheit, es "muss das Diktat des ewigen Wirtschaftswachstums begraben werden". Vor allem, möchte ich einwerfen, Wachstum, das derart auf Naturverseuchung und -ausbeutung begründet ist wie die westliche Industriegesellschaft. Produkte, die von der Herstellung bis zum Betrieb derart zerstörerische Auswirkungen haben wie das Auto mit Verbrennungsmotor, sind, global geshen, schlicht asozial. Trojanow sieht "keine andere Lösung, als weniger Energie zu nutzen und gleichzeitig die gesamte Wirtschaft auf erneuerbare Energie umzustellen."
Nun ja, das sind wohlfeile Forderungen, die jeder unterschreiben kann, und die von den wenigsten Leuten umgesetzt werden. Ich mach mich ja gern über die braven Mitmenschen lustig, die sich nichts dabei denken, Inlandsflüge zu buchen ("Easyjetset" hieß das neulich völlig unbeleckt von ökologischen Zusammenhängen in der taz), oder die "dem Winter entkommen" oder "die schönsten Wochen des Jahres" erleben wollen und Langstreckenflüge in südliche Gegenden unternehmen. Sicher, diese Mentalität wird absichtlich angeheizt, Kritik daran als fundamentalistische Spinnerei hingestellt, und die totale Auto-Mobilmachung als Normalfall.
Trojanow fragt: "Und was unternimmt unsere Regierung? (...) Sie fördert massiv die Automobilindustrie, ohne auf eine Umstellung auf Hybrid- oder Elektroautos zu bestehen. Sie sorgt nicht einmal dafür, dass der Anteil an erneuerbaren Energien am Gesamtverbrauch zunimmt." So weit, so richtig. Und auch den folgenden Schluss kann ich nachvollziehen, wenn ich mir so Gipsköpfe wie den EU-Kommissar und obersten Autolobbyist Günter Verheugen ansehe: "Wir leben in Zeiten öffentlichen Wahns, der als rationaler Kompromiss verkauft wird." So isses, Verheugen, SPD-Mitglied und früher mal Parteisekretär, ist wahnsinnig: Er will zehn Milliarden EU-Gelder ohne neue Abgas- und Umweltvorschriften an die Autoindustrie verteilen.
Was tun? Trojanow meint: "Unsere politischen und wirtschaftlichen Führer haben völlig versagt, und es ist höchste Zeit, dass wir die Zukunft in die Hände nehmen."
Wenn ich nur wüsste, wen er mit "wir" meint? Die Leute, die jetzt der FDP 18 Prozent Wähleranteil in den Meinungsumfragen bringen? "Wir" Porsche Cayenne-, BMW-, Audi- und Mercedes-Geländewagenfahrer? "Wir" Easyjet- und Ryan-Air-Billigflieger? "Wir" Thailand-Urlauber? "Wir" bayerische Ministerpräsidenten, die das Audi-Modell mit dem höchsten CO2-Ausstoß überhaupt als Dienstwagen fahren?
Ich habe momentan den Eindruck, dass nach all den deprimierenden Jahren unter Bush und den Jahrzehnten des ungebremsten Autowahns der wahre Fortschritt - endlich, 200 Jahre hat's gedauert - wieder aus den USA kommt. Barack Obama fuhr wenigstens mit der Bahn zur Amtseinführung nach Washington.

taz von gestern

Noch einmal: "kultur" bringt's!

Eine bemerkenswerte Filmkritik, für alle, die von dem grässlichen, halbseitigen Foto nicht abgeschreckt wurden, das Mickey Rourke als blutüberströmten, schwitzenden Profi-Catcher ("The Wrestler") zeigte. Der Autor heißt Dominik Kamalzadeh, und ich kann mich nicht erinnern, jemals was in der taz von ihm gelesen zu haben. Aber dieser Artikel war ebenso gut wie einfühlsam geschrieben - das liest sich wie der gelungene  Text eines Filmkritikers und Profischreibers, der im harten Journalistenbusiness seine Menschlichkeit bewahrt hat. Klasse!
(Ich geb's ja zu: Das war schon haltlose Polemik gestern, dass die "kultur"-Seiten "nur" mit elitärem Theater- und Ausstellungsmüll vollgestopft werden. Das "nur" nehm ich feierlich zurück.)

Und taz zwei bringt's auch!

Nämlich einen kenntnisreichen Beitrag über die Twitter-Manie und ihren Beitrag zur Nachrichtenübermittlung, speziell bei Flugzeugabstürzen. Titel: "Crash @ Schipol". Es sieht so aus, als kämen mit Twitter-Botschaften solche öffentlichen Katastrophen schneller ins Bewusstsein der Menschen - was schon bei der Notlandung auf dem Hudson River deutlich wurde. Da habe ich zufällig bei bbc-news reingeguckt, und die haben reihenweise Twitter-Nachrichten und Bilder aus New York auf die Website gehoben, von Flugzeugpassagieren und von Anwohnern. Benjamin Weber berichtet über die Nachrichtenlage beim Absturz der türkischen Maschine in Amsterdam und kommt zu dem Fazit: "Gestern konnte Twitter zwar früh berichten, aber die beiden wichtigsten Fragen (Wie viele Menschen sind tot? Warum ist das Flugzeug abgestürzt?) blieben offen. So ist Twitter keine neue Form des Journalismus, sondern eine andere Art zwischenmenschlicher Kommunikation."

Laufen

Ja, das ist mir jetzt wichtiger, als den Rest der taz und den Zustand des Planeten zu bekritteln. Obwohl es leicht regnet und gerade mal drei Grad hat, und ich, wie es aussieht, vor lauter Schneematsch wieder nicht auf meinen gewohnten Wegen laufen kann und auf die Straßen ausweichen muss. Vielleicht komm ich am Nachmittag noch dazu, Günter Verheugens Autolobby-Wahn noch etwas ausführlicher zu erläutern. Frühkindliche Prägung durch Schuco und Matchbox?
Na ja, therapiert muss er werden, so viel steht fest.







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