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1. März 2009
Wochenend und Sonnenschein
Nö, war nix mit tazblog gestern: Der letzte Februartag hat mich schon am späten Vormittag zum Brotholen hinausgelockt, und da schien die Sonne so warm und frühlingsschwanger vom Himmel, dass ich nur rasch den Sonnenblumenlaib nach Haus brachte und mich zum Spazierengehen rüstete. Und tatsächlich, als ich - magisch angezogen - am Tivoli-Pavillon vorbeikam, da war es gegen halb drei warm genug, um die Biergartensaison zu eröffnen. So saß ich denn mit einem guten Dutzend Gleichgesinnter eine Halbe lang am Tisch, las die taz-Beilage zum 20. Jahrestag des Mauerfalls, wurde auf Gesicht und Oberkörper von der Sonne erwärmt, und war von hinten der Kälte ausgesetzt. Doch mit Mütze und hochgeschlagenem Kragen saß ich vergnügt fast eine Stunde, tauender Schnee und Schmelzwasser zu meinen Füßen, wolkenloser Himmel über mir und die Gewissheit Emanuel Geibels in mir: "Es muss d o c h Frühling werden!" Grad schee war's. Die taz vom Freitag:
Bayern am Knie amputiert
So sieht es aus, das Foto auf der Seite "leibesübungen": Die ganze Mannschaft von Bayern München fällt nach dem 5:0 gegen Sporting auf die Knie vor der Fankurve in Lissabon, und sieht aus wie amuptiert oder unterhakb der Knie eingegraben. Ausnahme: de Michelis, der kauert am rechten Rand daneben und findet diese Dankesgeste entweder doof oder übertrieben, jedenfalls macht er den Zauber nicht mit. Schön auch der Beitrag neben dem Foto, vom großen Sportschreiber Ronald Reng über das 1:0 von Liverpool gegen Real, in Madrid. Reng zitiert eine spanische Sportzeitung, Marca, und den Auftrag, den Liverpools Trainer Rafael Benitez seiner Mannschaft vor dem Spiel gibt: Sie sollen Zuschauer und Gegner zu Tode langweilen. Scheint gegen Real gelungen zu sein.
Caracazo
Ohne den Aufstand in Caracas vor 20 Jahren, Caracazo genannt, als "die Leute wie die Ameisen die Berge herunterkamen", wäre die Entwicklung in Südamerika anders verlaufen, erklärt Christoph Twickel, der Chávez-Biograph, dem taz-Leser. Es war der 27. Februar 1989, und Hugo Chávez lag mit Windpocken im Bett. Vielleicht hätte er sonst zu den 400 Opfern der Volkserhebung gehört. Twickel: "Auch in Ecuador, Bolivien und Argentinien attackierten die Aufständischen im Namen der Selbstverwaltung die repräsentative Demokratie, die sich in der Krise eher als Instrument einer korrupten Politiker- und Wirtschaftselite erwies." Ach ja? Ist das hier nicht ähnlich? Völker, hört die Signale!
You too!
Schön, zu erfahren, was Thomas Winkler über die neue U2-CD schreibt: "No line on the horizon ist das wagemutigste Album der irischen Band seit Pop, dem beim Publikum eher durchgefallenen Kritikerliebling von 1997." Würd ich mir gern anhören, haben doch die bewährten U2-Produzenten Steve Lillywhite, Brian Eno und Daniel Lanois mal wieder ihre Finger im Spiel und an den Reglern gehabt. Kann mir die CD jemand brennen und zuschicken? Vielleicht noch das Cover und die Songtitel kopieren? Adresse siehe Impressum - würde mich seeehr erfreuen. Tausche gegen "Isarmärchen" von Bally Prell und 16 weitere Lieder aus München.
Ach Gottchen
So werden viele Bücher verkauft und Bestseller produziert. Die taz beteiligt sich am Verkaufsrummel für "Bitterfotze" der schwedischen Autorin Maria Sveland: taz-Frau Heide Oestreich findet, man solle "bloß nicht über Diskriminierungen reden, das macht so einen bitteren Zug um den Mund. Sveland triggert aber genau diese Zielgruppe mit der Situation, in der die Fremdbestimmung auch heute noch erbarmungslos offenbar wird: Mutterschaft." Wie man eine Zielgruppe triggert, weiß die taz-Autorin bestimmt, ich weiß es nicht. Aber wenn ich dann lese, was Dirk Knipphals darüber schreibt, weiß ich mit Sicherheit: Ich will dieses Buch nicht lesen. Aber staunen Sie selbst: Sveland lässt "das Drama eines heutigen Individuums deutlich werden, das auf eine Situation von Fremdbestimmung trifft und mit absoluter Panik reagiert. Auch das Suchbewegungen anzeigende Hin und Her der Selbstbeschreibungen ist typisch für die Literatur der neuen Subjektivität." Aha, die Schublade ist gefunden: Das Buch mit dem sadistischen Scheißtitel gehört zur "neuen Subjektivität". Typisch also: "Das Suchbewegungen anzeigende Hin und Her der Selbstbeschreibungen."
Ich geb's auf. Zu dieser entfremdeten Sprache fällt mir nichts mehr ein. Was für ein Glück, dass ich kein Politiker geworden bin, und niemals Macht über andere Menschen hatte. Solche Redakteure hätte ich, wie der Genosse Mao es getan hat, aufs Land geschickt, um bei der Ernte zu helfen. "Das Suchbewegungen anzeigende Hin und Her der Selbstbeschreibungen" hätten sie vermutlich vergessen, beim Spargelstechen in Schrobenhausen.
Meerschweinchenreflexe
Ach du grundgütiger Himmel: Ein Politiker der Linken macht sich den Aufruf des Weltsozialforums zu eigen und fordert einen Boykott israelischer Waren, um die Kriegsverbrecher in der dortigen Regierung zur Einhaltung der Menschenrechte zu bringen. Nun mal abgesehen davon, ob es wirkungsvoll wäre, keine Avocados mehr zu kaufen - keine Waffen mehr in die Region zu liefern, brächte bestimmt schneller sichtbaren Erfolg. Aber jetzt gleich wieder an den Boykottaufruf der deutschen NSDAP-Regierung vom 1. April 1933 zu erinnern ("Deutsche, kauft nicht bei Juden!"), wie Stefan Reinecke es in seinem Kommentar reflexhaft tut, ist schlicht unseriös. Es ist ein himmelweiter Unterschied zwischen rassistisch motivierten Regierungsaktionen, in denen "die Juden" boykottiert werden sollen, und Aufrufen machtloser Bürgerbewegungen, die konkret und gegenwärtig versuchen, eine außer Kontrolle geratene Kriegsmaschine mit Mitteln des Verbraucherboykotts zur Räson zu bringen. Diese Regierung wird nicht deshalb kritisiert, weil sie jüdisch ist, sie wird kritisiert, weil sie mit ihren kriegerischen Überfällen auf Nachbarländer gegen Völkerrecht, Menschenrecht, UN-Resolutionen verstößt, eine vom Internationalen Gerichtshof für unrechtmäßig erklärte Mauer errichtet hat, ein System der Apartheid aufbaut und die Palästinenser wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Der Vergleich mit 1933 soll jegliche Kritik an der israelischen Regierung zu Antisemitismus erklären. Dieser Vergleich ist unseriös.
Zitat
"Die Opfer der Schoah und die Helden des jüdischen Aufstands von Warschau würden sich mit Grausen abwenden, mit welchem Ungeist und für welche Zwecke sie offenkundig instrumentiert werden, um die undemokratische und mörderische Politik der israelischen Regierungen gegen das palästinensische Volk zu rechtfertigen und zu tabuisieren." Aus der Rücktrittserklärung von Hermann Dierkes, der seine Ämter als Fraktionsvorsitzender und OB-Kandidat der Linkspartei in Duisburg aufgegeben hat. Die "Rufmordkampagne" gegen ihn habe einer "öffentlichen Steinigung" geglichen.
Die Gute Nachricht
Barack Obama hat in seinem Haushalt nahezu sämtliche Gelder für das geplante Atommüll-Endlager Yucca Mountain gestrichen. Schon im Wahlkampf sprach er davon, Alternativen zu suchen.
Nachtrag zu Dresden
"Noch heute streiten sich die Regierungen der Großmächte, wer Dresden ermordet hat. Noch heute streitet man sich, ob unter dem Garnichts fünfzigtausend, hunderttausend oder zweihuinderttausend Tote liegen. Und niemand will es gewesen sein. Jeder sagt, die anderen seien dran schuld. Ach, was soll der Streit? Damit macht ihr Dresden nicht wieder lebendig! Nicht die Schönheit und nicht die Toten! Bestraft künftig die Regierungen, und nicht die Völker! Und bestraft sie nicht erst hinterher, sondern sofort! Das klingt einfacher als es ist? Nein. Das ist einfacher als es klingt."
Erich Kästner, geboren 1899 in Dresden, aus: Als ich ein kleiner Junge war, S. 52 (dtv, 7,90 Euro)
"Der Preis ist auch für den Frieden"
Den Oscar hat ihm ein japanischer Film weggeschnappt, aber in Frankreich lag er vorn:
"Den César für den besten ausländischen Film gewann der erste animierte Dokumentarfilm Waltz with Bashir des israelischen Regisseurs Ari Folman. In dem Film arbeitet Folman seine Erinnerungen an den Libanon-Krieg 1982 auf. 'Der Preis ist nicht nur gut für das Kino, sondern auch für den Frieden', sagte Folman. Die israelisch-deutsch-französische Produktion wurde im Januar bereits mit dem Golden Globe als bester ausländischer Film ausgezeichnet."
(Quelle: tagesschau.de, 28. Februar 2009)
Mehr zu Waltz with Bashir und zu den historischen Hintergründen finden Sie oben in der Menueleiste unter "Blog + E-Books", Eintrag vom 5. Februar 2009.
Ach geh! Mitte! Schön wär's!
Haha, wenn das nicht witzig ist: Ein ganzseitiges Foto von Sahra Wagenknecht auf der Seite eins, rote Bank als Sitz, rotbetuchter Hintergrund, dazu die Schlagzeile: "Die neue Mitte". Da will sich wohl jemand bei mir einschmeicheln. Und das ganzseitige Interview auf Seite 5 ziert als Überschrift ein Ausspruch der schönen Sahra: "Ich bin jetzt keine einsame Stimme mehr". Schön wär's!, habe ich mit Kuli dazu geschrieben. Die (immer noch) Europa-Abgeordnete, die im Herbst in den Bundestag umziehen will, erklärt den taz-Redakteuren Felix Lee und Georg Löwisch geduldig, wie die von ihr angestrebte Gesellschaft aussieht: "... eine Gesellschaft, in der die Schlüsselbereiche der Wirtschaft und die Daseinsvorsorge in öffentlicher Hand sind. In der nicht primär für Rendite produziert wird, sondern für den Bedarf. In der die Beschäftigten die Entwicklung ihres Unternehmens real mitbestimmen können. Und in der die Einkommensunterschiede viel kleiner sind als heute." Wagenknecht gesteht durchaus "Leistungsanreize" zu, nur: "Zurzeit verdient ein DAX-Vorstand im Schnitt 150-mal so viel wie ein Facharbeiter. Ackermann hat noch mehr. Die Kluft ist unerträglich. Es gibt genug Anreiz, wenn einer fünfmal so viel hat wie der andere. Größer sollte der Kontrast nicht sein." Achtung, liebe CDU- und FDP-Politiker, Vorsicht ist geboten: Diese Ansicht ist mehrheitsfähig, und wird noch mehrheitsfähiger, je stärker die Schere zwischen Arm und Reich aufgeht. Wagenknechts Vorstellungen von einer, wie die taz es ausdrückt, "kapitalismusfreien" Gesellschaft, fallen in der Wirtschaftskrise auf fruchtbaren Boden. Und ich bin sicher, dass ihr auch bei der Einschätzung des Finanzsystems eine Mehrheit zustimmt: "Die großen privaten Banken sind praktisch bankrott. Der Staat sollte sie entschädigungslos übernehmen und durch strikte Regeln dafür sorgen, dass wieder Investitionen finanziert werden statt Spekulationen." Issdoch fein, mal wieder jemandem zuzuhören, der im Geiste von Marx mit Vernunft argumentiert. "Die neue Mitte"? Ach ja, das wär schön.
Zur Wochenend-taz kommt morgen noch was. Ich halte es für sündhaft, einen solchen Sonnensonntagshimmel nicht im Freien zu würdigen und stattdessen in der guten Stube zu sitzen. Da fällt halt mal wieder der Montag als Ruhetag aus. Bleiben Sie dran, und schönes Tauwetter!
WWN*)
Boris' Antrag bei "Wetten dass...?"
Was für eine Sensation bei Gottschalks "Wetten dass...?": Ein Millionenpublikum schaut zu und Boris verkündet, dass er Freundin Lilly heiraten wird.
*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)
Uuuuuuuuuuuuuuuuäääääääääääääääääääähhhhhhhhhhhhh!
2. März 2009
Ja, es geht!
Hier eine Ergänzung zu meinem Eintrag am 27. Februar über Ilija Trojanows Kommentar, als ich am Schluss noch angefügt habe, dass erstmals seit 200 Jahren der Fortschritt wieder aus den USA kommt. Das hab ich gestern bei realclearpolitics.com gefunden, und aus der Washington Post vom 1. März 2009 übersetzt:
Der Haushaltsentwurf "spiegelt die unerbittliche Wahrheit dessen wider, was wir geerbt haben: ein Billionen-Dollar-Defizit, eine Finanzkrise und eine teure Rezession", sagte Obama. Er warnte Lobbyisten und andere Kritiker, die, wie er sagte, "sich auf einen Kampf vorbereiten, während wir hier reden. Meine Botschaft an sie ist diese: Das tu ich auch", sagte er. "Das System, das wir jetzt haben, mag ja für die mächtigen und gut verknüpften Interessen arbeiten, die Washington schon viel zu lange regiert haben, aber für die arbeite ich nicht." Republikaner und Demokraten sind sich einig, dass der Haushaltsentwurf, der 3,6 Billionen Dollar für das Steuerjahr beantragt, das am 1. Oktober beginnt, die größte ideologische Verschiebung seit dem Beginn der Reagan-Regierung darstellt. Harte Auseinandersetzungen sind bei einer ganzen Reihe von Streitfragen zu erwarten, von Obamas Plan, mindestens 634 Milliarden Dollar auszugeben, um die Krankenversorgung auf Unversicherte auszudehnen, bis hin zu seinem Vorschlag, eine ebenso große Summe aufzubringen, indem Industriebetriebe besteuert werden, die Treibhausgase ausstoßen.
Die taz vom Wochenende
Der Osten ist tot
Nö? Was denn? Rot? Ach was, verraten und verkauft wurde er, und außer dem Verfassungsentwurf findet sich wenig in der taz-Beilage, was daran erinnert, dass es auch anders hätte kommen können. Und wer hat uns die Misere eingebrockt? Richtig, der Wähler, der Souverän im demokratischen Staat, die bescheuerten Ossis, die lieber den dicken Christdemokraten als den sozialdemokratischen Saarländer als Kanzler haben wollen: Darf ich dran erinnern? Die CDU mit Helmut Kohl erhielt die Mehrheit in den so genannten "neuen Bundesländern", in Neufünfland, nicht die SPD mit Oskar Lafontaine. Man stelle sich vor, Oskar wäre der erste Kanzler der deutschen Einheit geworden... Die taz-Sonderbeilage "20 Jahre Mauerfall - Der Osten in dir" ist wirklich gut gemacht - alles so schön bunt hier, Klasselayout!. (Muss ich hier unterbringen, weil: Die Graphiker werden so selten gelobt.) Feines Titelfoto von Mona Filz - dunkelblonde Frau mit rosa Kleid im Sonnenlicht, ihr Schatten auf der Mauer. Die Auswahl der Leute, die über ihre Ostbefindlichkeit nachdenken, iss auch nicht schlecht, und den Schweizer Dieter Moor einzubeziehen darf als gute Idee festgehalten werden. Sehr erfreulich das Fazit von Anna Thalbach, der Tochter von Katharina Thalbach und Thomas Brasch: "Von der Grundtendenz bin ich wohl Sozialistin."
Sinn machen
Es hat sich ja eingebürgert, aber ist es deshalb gutes Deutsch? Ist es richtig? Kann etwas "Sinn machen"? Oder kann es eher sinnvoll sein, Sinn haben, Sinn ergeben? Meist nervt es mich, wenn ich, wie Samstag auf den "kultur"-Seiten über eine Ausstellung in Basel, lese: "Auch die Kombination der doppelgesichtigen, über vier Meter hohen Schlitztrommel aus Vanuatu mit der Kathedrale von Rouen macht wenig Sinn." Da hör ich dann zu lesen auf.
Bitte: Aufhören!
Noch ein Foto dieses blöden Bischofs, noch ein Angriff von Philipp Gessler auf den Papst, weil er ihn rehabilitiert hat - es nervt, es reicht. Was soll er denn tun, der Richard Williamson? Sich umbringen? Und wenn alle so sicher sind, dass er daneben liegt mit seinen Behauptungen, warum muss man dann täglich Artikel drucken, in denen steht, dass er daneben liegt? Reicht nicht ein Mal?
Asylantrag für Deutsch
Soll es in die deutsche Sprache aufgenommen werden, das Wort "Socializingabend"? (taz-kultur, S. 20) Antrag abgelehnt.
Reiseseiten: Jawoll, Ferntourismus! tazjetset!
Drei Seiten mit Empfehlungen, in den Flieger zu steigen und von hier bis Brasilien den CO2-Gehalt in 10.000 Meter Höhe zu verstärken. Aber bitte nachhaltig.
Shorty hat's erwischt!
Ein wunderbar kenntnisreicher Artikel über einen 25-jährigen Börsenzocker, ein Shorty, ein Spekulant, der auf fallende Kurse setzt. Markus Völker blickt so weit durch im Kapitalismuskasino, dass er am Beispiel dieses jungen Menschen verdeutlicht, weshalb das System als solches unmenschlich ist. Der Spekulant macht sich nicht die geringsten Illusionen. Mit seiner wachen Intelligenz hat er durchschaut, wie es abläuft und dass es ihn kaputt macht. Jetzt, nachdem er angeblich "12.500 Prozent" zugelegt hat (von was, verrät er nicht), will er raus aus der Tretmühle, "erst mal Philosophie studieren und Fotografie." Interessanterweise sagt er: "Geld war nie die Motivation. Wer an die Börse geht mit dem Vorhaben 'Ich will reich werden', der hat übermorgen keine Kohle mehr." Der taz-Autor erklärt es so: "Ihm sei es darum gegangen, die Mechanismen der Börse zu verstehen. Nach seinem nervenraubenden Intensivkurs glaubt er nicht mehr, dass es an der Börse fair zugeht. Am Ende gewinnen immer die Banken, 'der kleine Anleger legt drauf'." Also, dazu muss ich mir nicht jahrelang die Nerven zerfetzen, das weiß ich seit meinem Ausflug nach Las Vegas im Jahr 1973. Schön aber die Einschätzung des Börsenzockers: "Den Kapitalismus hält er 'für ein Testsystem ohne Backup'. Sagt es und greift ein Buch aus der Tasche: Lenins 'Was tun?'" Tja.
3. März 2009
Der Tod kommt aus Deutschland
Das finde ich bemerkenswert: "Offiziell fungiert als Hersteller von 'Smart 155' ein von Diehl und Rheinmetall gegründetes Gemeinschaftsunternehmen namens Gesellschaft für intelligente Wirksysteme." Das schreibt Andreas Zumach, der taz-Mann bei der UNO in Genf. Wenn das nicht George Orwells Neusprech hoch drei ist: Vernichtungswaffen, Bomben, Granaten, üblicherweise als Streumunition bezeichnet, werden zu "intelligenten Wirksystemen". Hut ab, da kann man als Schreiber oder Werbetexter glatt neidisch werden. (Erinnert mich an die Verkaufsstrategen der Penny-Märkte: Klopapier heißt dort "Happy End".) Andreas Zumach bringt - endlich - den Skandal zur Sprache, der offenbar niemanden stört: Ständig zunehmende Rüstungsexporte von deutschen Firmen - allen voran Diehl, Rheinmetall, Heckler & Koch. Es gab mal eine Friedensforschung und eine Bewegung gegen die Rüstungsindustrie - man forderte "Konversion", Schwerter zu Pflugscharen: Umsteigen von militärischer auf zivile Produktion. Das interessiert heute kein Schwein mehr, denn die Wende kam mit Antritt der Schröder-Fischer-Gang: Als Rot-Grün die Regierung übernahm, gingen die Rüstungsexporte schlagartig nach oben*). Unter Helmut Kohl wurden weniger als die Hälfte tödliche Produkte exportiert als unter Gerhard "Gazprom" Schröder. Die Kurve ging seither beständig weiter nach oben, was niemanden wundern kann: Die Sozialdemokraten sitzen ja immer noch in der Regierung. Als ich im letzten Sommer auf Verdacht beim Verteidigungsministerium anfragte, ob deutsche Waffen nach Ruanda exportiert werden, kam als Antwort kein Dementi, nur der Hinweis, dass die Bundeswehr keine Waffen dorthin liefert. Eine "politische und militärische Zusammenarbeit" mit dem ruandischen Diktator Paul Kagame wurde allerdings freimütig zugegeben, Einzelheiten seien aber nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Das fand ich höchst interessant. Außerdem war von restriktiven Bestimmungen für Rüstungsexporte die Rede. Da lachen ja die Hühner! Angeblich soll es Einschränkungen geben, Waffen dürfen nicht in Krisengebiete geliefert werden. Da lachen die Hähne gleich mit. Das ist bis heute lediglich ein Kodex, an den die Regierungen der EU sich halten können oder nicht. Mit der im EU-Vertrag verordneten Aufrüstung rücken gesetzliche Bestimmungen zum Waffenexport wohl in noch weitere Ferne. Zum Einen: Dieser ganze Planet ist ein einziges Krisengebiet. Nur verschärft sich das in manchen Gegenden, und wenn man schon Unterschiede macht, wird doch jeder halbwegs denkfähige Erdenbewohner zustimmen, dass der Nahe Osten ein hochexplosives Pulverfass ist. Doch auch dahin liefert meine/Ihre Regierung Waffen (die britische auch, die US-Regierung sowieso). Im Fall der deutschen U-Boote für Israel werden sie nicht einmal verkauft, sondern zu 80 Prozent aus Steuermitteln bezahlt - Ihren Steuern, geneigter Leser. (Gerhard Schröder tönte schon 2002: "Israel bekommt das, was es für die Aufrechterhaltung seiner Sicherheit braucht, und es bekommt es dann, wenn es gebbraucht wird.") Dass die Seite eins der taz gestern dem Thema Streumunition und Rüstungsexporte gewidmet wurde, gehört zur Informationspflicht. Andreas Zumach bringt es in seinem wütenden Kommentar auf den Punkt: "Das alles ist nur die übelste Spitze des größten moralischen und politischen Skandals unserer Republik: des stetig und ungehemmt ansteigenden Rüstungsexports in alle Welt. Der Bundestag versagt hier völlig. Ohne das stete Engagement von deutschen und anderen Nichtregierungsorganisationen gäbe es heute nicht einmal die beiden Abkommen von Oslo und Ottawa zur Ächtung von Streumunition und Antipersonenminen." Vielleicht leuchtet mal jemand ins Lobbyistendunkel und nennt Namen. Es hat ja wohl persönliche Einflussnahmen der genannten Rüstungskonzerne gegeben, die dafür verantwortlich sind, dass ausgerechnet die deutsche Bundesregierung für die Verwässerung der Abkommen gesorgt hat.
*) Darauf bin ich vor drei Jahren bei meinen Recherchen zu Rüstungsexporten gestoßen. 1998 wurde die Regierung Kohl von der Rot-Grün-Regierung Schröder/Fischer abgelöst. Hier die offiziellen Zahlen über die Exportgenehmigungen für Rüstungsgüter für den Zeitraum von 1996 bis 2004:
1996 1,0 Mrd. DM 1997 1,3 Mrd. DM 1998 1,3 Mrd. DM (0,7 Mrd. Euro) <---- Kohl
1999 2,8 Mrd. DM (1,5 Mrd. Euro) <---- Schröder/Fischer 2000 5,9 Mrd. DM (3,0 Mrd. Euro) 2001 3,7 Mrd. Euro 2002 3,3 Mrd. Euro 2003 4,9 Mrd. Euro 2004 3,8 Mrd. Euro
(Quelle: Exportbericht der Bundesregierung vom Januar 2006)
2005 4,48 Mrd. Euro (Quelle: Stockholm International Peace Research Institute, www.sipri.org/)
In Worten: Unter Rot-Grün wurde schlagartig mehr als doppelt so viel Rüstung exportiert als unter Kohl, 2003 sieben Mal so viel. Und der Rückgang 2004 ist wohl auf manipulierte Zahlen zurückzuführen, weil sogenannte "Dual-Use-Güter", die sowohl zivil als auch militärisch eingesetzt werden können, nicht aufgeführt sind. Nicht berücksichtigt sind in Deutschland entwickelte Panzerkanonen, Torpedos, Infrarotzielgeräte, die zum Teil in Lizenz in USA hergestellt oder ohne Firmenkennzeichnung geliefert werden (zum Beispiel von AEG nach Israel). Unter den Ländern, die Waffen exportieren, stand Deutschland 2006 auf Platz vier. Mit der Großen Koalition sind die „Rahmenbedingungen“ offenbar verbessert worden. Im Dezember 2006 habe ich in den Nachrichten auf Bayern 4 gehört, dass in diesem Jahr vierzig Prozent mehr Waffenexporte genehmigt worden sind. Vielleicht werden wir noch Rüstungsweltmeister, wenn wir uns alle anstrengen. kultur
Zum ganzseitigen Interview mit dem Direktor der Stiftung Bauhaus wäre zu sagen:
Küppersbusch
Nö, heute nix.
Höhere Aufgaben
Bei aller Kritik an den von ihm verantworteten Titelseiten: Der StllvrtrChefred Peter Unfried mag ja seine Eigenheiten und -sinnigkeiten haben, aber - lang ist's her - gern gelesen hab ich ihn schon in seinen Frühzeiten als Sportreporter. Mit seiner Kolumne - besonders der grandiose Abschnitt über Tante Gertraud - empfiehlt er sich eindeutig für höhere literarische Aufgaben. Nebenbei lässt er noch fallen, dass StllvrtrChefreds im ICE 1. Klasse unterwegs sind, aber der einseitige Mobiltelefon-Dialog, über den er dann berichtet, hat was Gruseliges in der Beschreibung durchschnittsbürgerlicher Normalität. Horror! Höhere literarische Aufgaben? Wie wär's mit einer Novelle? Vielleicht liest er demnächst "Delfina Paradise - Eine Liebe in München" (siehe Anzeige oben) und sagt sich dann: Das kann ich besser.
Soso, niemand blickt mehr durch?
Langsam breitet sich auch bei der von mir hochverehrten Ulrike Herrmann, "Wirtschaftskorrespondentin" der taz, eine nicht zu überlesende Ratlosigkeit aus, was sie in ihrem Kommentar "Was ist jetzt noch links?" offen zugibt. Keiner blickt mehr durch, wie dieses Finanzkrisendebakel (-spektakel?) angegangen werden könnte. Wie hieß es neulich sinngemäß so schön auf der Wahrheitseite? "Ein Mittel scheint das Verlesen immer höherer Milliardenbeträge in den Nachrichten zu sein." Mir scheint, sehr viel mehr hat keiner der Experten vorzuschlagen, von Paul Krugman bis Ulrike Herrmann. Aber Krugman verwendet zumindest nicht das Wort "Bonigier", über das ich erst mal nachdenken musste. Französisch, ausgesprochen Bonischié? Nein, Boni ist die Mehrzahl von Bonus, und darauf sind die Banker gierig. Noch mehr verdutzt hat mich das Fazit der hochverehrten Wirtschaftsexpertin: "Was also ist noch links? Die Antwort heißt heutzutage wohl: Man rettet den Kapitalismus, aber nicht die großen Kapitalbesitzer." Langsam breitet sich auch bei mir eine nicht zu übertünchende Ratlosigkeit aus. Zwei Zitate
"Das System, das wir jetzt haben, mag ja für die mächtigen und gut verknüpften Interessen arbeiten, die Washington schon viel zu lange regiert haben, aber ich arbeite nicht für sie." - Barack Obama, 1. März 2009
"Unsere Regierung ist da, um das Volk zu schützen, nicht die Bourgeoisie und die Reichen. Wir werden nicht zulassen, dass sie das Volk und die revolutionäre Regierung weiter an der Nase herumführen." - Hugo Chávez, 1. März 2009
Traumschlagzeile
Na endlich hat er sie untergebracht, seine Traumschlagzeile! Ich nehme an, Klaus-Peter Klingelschmitt, der schon beim Scheitern der angestrebten Rot-Grün Regierung seine Schadenfreude nicht verbergen konnte, hatte gestern einen guten Tag: "Ypsilanti verabschiedet sich unter Tränen".
WWN*)
"Wollen Kinder - am liebsten zwei"
Nach der öffentlichen Ankündigung seiner Hochzeit mit Lilly Kerssenberg bestärkt Boris Becker seine Absichten und verrät Details seiner Familienplanung.
*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)
4. März 2009
Dienstags nie
Niemals sollte der sensible und dem Guten und Schönen zugeneigte Leser am Dienstag auf der Seite "die wahrheit" verweilen. Tut er es doch, wird er sich grün und blau ärgern oder nach kurzem Augenschein genervt bis angeekelt umblättern. Der Grund: Dienstags drucken die Dösköpfe von wahrheit-RedakteurInnen seit Mo-na-ten "Das geheime Tagebuch der Carla Bruni" ab. Die Idee ist geklaut, die Ausführung unterirdisch. Nur um zu zeigen, dass ich nicht einfach aus Rechthaberei immer noch bei meiner Abneigung bleibe: "Habe mit dem Professor gesprochen. Ja, es kann sein, dass ich wegen der Hormone, die ich jetzt schlucke, total rollig bin. 'Seien Sie froh, Kindchen!' hat er gesagt. 'Das ist ein gutes Zeichen!' Tolles Zeichen. Ich bin horny wie Bolle und Nici jagt von einem Krisengipfel zum nächsten. Mein Krisenzipfel, sozusagen." So auf dieser Ebene läuft das jetzt seit letzten Frühsommer. Merkt denn niemand außer mir, dass dieses Tagebuch einfach nur bescheuert ist? Witz komm raus oder ich würg dich.
Na schön, ich geb's ja zu: Jenny Zilka auf der Seite unten mit ihrem Beitrag "träumen waagen von elektrischem gemüse?" reißt diesmal die Dienstags-wahrheit wieder raus. Zilka ist spitze!
Sex? Freude? Lust?
"Die Vulva rettete die Welt". Na ja, das als Titel über ein Interview zu schreiben, dazu ein halbseitiges Foto von Annie Sprinkle, die sich von zwei Jungs den Genitalbereich inspizieren lässt - da konnte der Kulturredakteuer wohl nicht widerstehen. Ob er damit jemanden provoziert hat? Das Interview mit Mithu M. Sanyal liest der lebenslange Student der Sexualkunde (ich) dann mit regem Interesse. Sie sagt viel Gescheites und Richtiges, die Autorin des Buches "Vulva - Die Enthüllung des 'unsichtbaren Geschlechts'". Dazu hab ich am 25. September 2008 ein Kurzessay hier im tazblog abgelassen, und am Beispiel von Nicolaus Sombart auf die Angst des/der Philosophen vor der Pussy hingewiesen. Das finden Sie, wenn Sie hier klicken. Mithu M. Sanyal (schöner Name!) sagt ein paar kluge Sachen. "Es geht darum, das Denken in Gegensatzpaaren aufzubrechen. Denn bisher haben wir ja nur den Penis und das Nichts." Ohne Einschränkung stimme ich ihr zu, wenn sie sagt, dass der Mann durch die ganze feministische Forschung nur gewinnen kann: "Ich glaube, dass beide Geschlechter in derselben Form unterdrückt werden." Auch was sie über Pornografie als "Darstellung von sexuellen Fantasien, durch die wir auch Kultur gestalten" sagt, finde ich richtig. Seltsamerweise redet sie aber weder über Glücksgefühle noch über Lust. Aber das haben promovierte Wissenschaftlerinnen aller Länder so an sich. Erst im vorletzten Satz erwähnt sie, dass "politische Themen auch Freude bereiten" müssen: "Daraus entstehen dann wieder neue Themen." Vielleicht auch mal, was für Glücksgefühle die Pussy auslösen kann?
Auf die Rest-taz von gestern komm ich vielleicht morgen noch zu sprechen. Schaun mer mal. 5. März 2009
Auf einen chinesischen Teewurzellöwen
Die Schlechten fürchten deine Klaue. Die Guten freuen sich deiner Grazie. Derlei Hörte ich gern Von meinem Vers.
Bertolt Brecht
Was das mit dem tazblog zu tun hat? Na, darum geht's doch.
Viva Chávez!
"Bereitet die Verordnung vor, wir werden Cargill enteignen. Wir werden das nicht hinnehmen." Hugo Chávez, der Präsident von Venzuela hat eine Lebensmittelfirma übernommen und gedroht, eine weitere zu verstaatlichen, weil sie seiner Forderung nach Produktion von billigerem Reis nicht nachgekommen sind. Die Drohung vom gestrigen Mittwoch richtet sich gegen Polar, das größte Privatunternehmen des Landes. Chavez sagte, dass er die Übernahme von Cargill angeordnet habe, weil sie sich den Preiskontrollen seiner Regierung entzogen haben, indem sie nicht den Reis produzieren, der der Kontrolle unterliegt.
(Quelle: english.aljazeera.net) Ohrstöpsel
Neulich hat sich ja schon (unter großem Beifall von tazblog) Grandmaster Flash gegen iPods und so Zeug ausgesprochen, weil er sich da ausgeschlossen fühlt. Er will mitkriegen, was um ihn herum vorgeht. Dietrich zur Nedden nimmt auf der wahrheit-Seite den Faden auf. Erst zitiert er "einen Philosophen": "Das Leben ohne Musik ist einfach ein Irrtum, eine Strapaze, ein Exil." Um dann fortzufahren: "Stimmt zwar, und doch, so manche Wahrheit währt nicht ewiglich: Wer mit dröhnenden Ohrstöpseln in der S-Bahn fährt oder durch den Stadtwald joggt, verschafft sich nach meinem Dafürhalten mit Musik ein Exil, eine Strapaze, und insgesamt ist es ein Irrtum." Sag ich doch seit Erfindung des Kopfhörers.
Für eine Handvoll Demut
Robert Redford. Das ist der einzige US-Filmschauspieler, der mir einfällt, wenn ich nach einem Größenvergleich mit Clint Eastwood suche. Vorletzte Woche hat er in einem SZ-Interview meiner schönen Isarstadt geschmeichelt, dass sich die Balken bogen: "Ich erinnere mich kaum, schon mal eine so schöne Verbindung von Bergen, Seen und einer Stadt gesehen zu haben wie in München. Ob das ein Gott gemacht hat? Fragen Sie mal den Papst, der weiß es sicher. Es ist mir egal. Deswegen genieße ich diese Schönheit nicht ohne Demut." Mir geht es ähnlich, wenn ich mir ansehe, was Eastwood der Menschheit durch seine Kunst gegeben hat, aber vielleicht sollte Demut allein dem Göttlichen vorbehalten sein, und Respekt den Menschen. Und Respekt hab' ich vor dem Mann, seit ich "Für eine Handvoll Dollar" zum ersten (von mindestens fünf) Mal im Kino gesehen habe. Das war neu, das war anders, das war revolutionär, und Clint Eastwood gab sein Gesicht dafür her. Der Regisseur Sergio Leone, ein Italiener, hatte 1964 ein vertrautes Filmgenre umgekrempelt, indem er einen Baustein des großen amerikanischen Mythos aufs Wesentliche reduziert hat: den Western. Womöglich hätte sich ein US-Regisseur sowas gar nicht getraut, aber dass Clint Eastwood da mitspielte, sprach sehr für ihn. Ich nehme mal an, er war jung und brauchte das Geld (Marianne Koch war übrigens auch dabei!). Dass Eastwood dann immer weiter gemacht hat mit guten Rollen in interessanten Filmen, selbst Regisseur geworden ist, seine Filme nicht nur erfolgreich, sondern auch klug und menschlich waren, hat meinen Respekt immer mehr vergrößert. Und dass dieses Gesicht mit zunehmendem Alter immer interessanter wurde, und dass er jetzt, mit bald achtzig Jahren, ein richtig schönes altes Gesicht hat, macht mich froh. Bert Rebhandl schreibt über Eastwoods neuen Film "Gran Torino" wie über etwas, das man so wenig kritisieren kann wie die Pyramiden oder den Kölner Dom oder die Filme von Buster Keaton. Das ist schön. Clint Eastwood erzählt den Mythos der USA von heute mit filmischen Mitteln. Und wenn am Schluss abgerechnet wird, wenn die Gegenwart Geschichte geworden ist, wird man feststellen: Er hat dem Mythos sein Gesicht gegeben.
In Clint Eastwoods Film steht er sinnbildlich für die guten alten Zeiten, in denen Autos noch schön waren: Der Gran Torino Baujahr 1972 von Ford. Wie das Bild zeigt, gabe es einen weiteren Unterschied zur Gegenwart. Amerikanische Autos wurden damals sogar noch gekauft. Der beste Club der Welt
Pah, neidisch könnt man werden, und auf die Idee kommen, von einem missgünstigen Schicksal zu früh in die Welt geschickt worden zu sein: In Berlin, behauptet Tim Caspar Boehme, gibt's den besten Club der Welt, und der Ober-DJ bringt jetzt auch noch ein Album raus, das die Welt braucht, mit einer Musik drauf, die jeder hören muss, der Ohren hat. Ehrlich, das klingt gut, was Boehme da über Berghain schreibt: "Ihre Wirkung entfalten die Stücke während der endlosen Nächte allmählich und unaufhaltsam, nach und nach werden die Tänzer von der 'warmen Klangdusche' in einen Strudel aus Meditation und Ekstase gezogen. Wer will oder nicht mehr anders kann, sucht einen der Darkrooms auf, mitunter soll es in den Morgenstunden auch auf der Tanzfläche zu Handgreiflichkeiten kommen." Hah, das hätte er aber sorgfältiger recherchieren müssen. Wird nun auf der Tanzfläche im Berghain gevögelt oder nicht? Na, egal, das ist und wird nicht meine Welt, aber ich freu mich für die jungen Leute, und das Wort von Bernd Klock über sein Album "One" möge ihnen als Leitspruch dienen: "Wir haben das gemacht, woran wir glauben, was wir mögen."
Der taz-zwei-Kolumnen-Fan
Bin ich ja auch - kommt halt immer darauf an, wer da schreibt. Einer meiner Favoriten, neben Martin Unfried und, äh, hm ... vielleicht fällt mir ja noch jemand ein. Also, was ich sagen wollte: Dieser Philipp Mausshardt ist zwar ein mit allen Katastrophen dieser Welt vertrauter, knallharter Reporter, der nicht nur die ganze Welt kennt, sondern auch mit der Halb- und Unterwelt vertraut zu sein scheint. Ne Weile hat er sich mal bei The Daily Horror (vulgo: die Münchner Abendzeitung) als Chefreporter verdingt, aber das ist viele Jahre und, so weit ich weiß, mindestens eine Ehescheidung her. Inzwischen les ich ihn nur noch in der taz, und gestern hab ich über die Kolumne gekritzelt: Ach ja, da geht das Herz auf! Es geht um ein Licht, dass er nachts an einem Berghang im Wallis leuchten sieht, aber er kann nicht herausfinden, wer es jede Nacht anmacht. In Stuttgart verabredet er sich dann mit Attila, einem "Rotlichtkönig", beim dicken Vincent Klink (für dessen Lokal Mausshardt einen satten Absatz lang mindestens ebenso dicke Schleichwerbung unterbringt). Aber Attila sagt ab, er liegt in der Klinik. Um Ihnen zu verdeutlichen, weshalb mir das Herz aufging, möchte ich den letzten Absatz ganz zitieren: "Mir fiel der Berg wieder ein und das kleine Lichtlein. Schon einmal hatte ich Attila besucht, als es ihm nicht gut ging. Damals war er Häftling im Gefängnis von Stammheim, eine dumme Geschichte. Ich hatte ihm Schokolade mitgebracht und wir versicherten uns, dass wir uns lieb hatten. Man muss nur genau hinsehen, dann sieht man überall ein Lichtlein leuchten." Der Piratenprozess und "Meister Floh"
Die Verhandlung gegen Pirate Bay wegen Urheberrechtsverletzung ist zu Ende, ein Urteil ist erst in einigen Wochen zu erwarten. Reinhard Wolff berichtet über die öffentlichen Reaktionen. "Ein Kommmentator verglich den Versuch, eine solche Handlung strafbar machen zu wollen, mit der totalitären Zukunftsvision Steven Spielbergs im Film 'Minority Report', wo eine 'Precrime Squad' Straftaten verhindern will, bevor sie begangen werden." Das hat mich an E. T. A. Hoffmanns Märchen "Meister Floh" erinnert. Da kommt der Geheime Hofrat Knarrpanti vor (der im Übrigen Denkweisen wie Wolfgang Schäuble an den Tag legt). Knarrpanti (über merkwürdige Namen später mehr) berichtet dem Rat der Stadt, es sei ihm gelungen, den Täter auszuforschen, und er ersuche darum, ihn festzunehmen. Worauf der Rat erwidert, es sei gar kein Verbrechen bekannt geworden. E. T. A. Hoffmann weiter: "Auf die Erinnerung, dass doch eine Tat begangen sein müsse, wenn es einen Täter geben solle, meinte Knarrpanti, dass, sei erst der Verbrecher ausgemittelt, sich das begangene Verbrechen von selbst finde."
Lokalstolz: Schon wieder München
Na, wenigstens gilt die ungehemmte Schleichwerbung, die inzwischen auf taz zwei betrieben wird, diesmal nicht der Bundesmarine. Da bin ich doch etwas erleichtert, und wenn Bernhard Hübner für die Münchner Hofpfisterei und das Bio-Sonnenblumenbrot wirbt, möchte ich doch die Kritik hinter meinem Lokalstolz verstecken. Und die Berliner beglückwünschen: Jetzt haben sie nicht nur den besten Club der Welt, sondern können auch noch das unnachahmliche und -kopierbare Pfister-Brot aus München in den - demnächst schon drei - Läden kaufen. Hübner widmet sich ausgiebig der Frage, ob bio noch öko sein kann, wenn die Hofpfisterei die Brote täglich mit Lastwagen nach Berlin transportiert. Vielleicht sollten sie es lieber mit dem ICE verschicken, muss man halt noch'n Gepäckwagen dranhängen (hallo, liest da jemand mit beim Pfister? Oder bei der Bahn?). Als ich das halbseitige Foto mit den angeschnittenen Brotlaib gesehen habe, dachte ich einen Moment, ich könnte die Kruste riechen. Lasst's euch schmecken, Preißnvolk!
Das System
Jeder kann mit jedem kopu-, ääh, koalieren - das scheint die Botschaft der Grünen zu sein. Zumindest die der Spitzenkandidaten Renate Künast und Jürgen Trittin. Die wollten Rot-gelb-grün gleich als Ziel ins Wahlprogramm schreiben. Das hat den hin- und mitreißenden Titel "Grüner Gesellschaftsvertrag für wirtschaflichen Aufbruch, neue Arbeit und mehr Teilhabe". Gäääääääähhhnnn. Von Ulrike Winkelmann erfahre ich, wie Grünmenschen sonst noch heißen: "Weiter offen ist das Rentenkonzept. Der Abgeordnete Wolfgang Strengmann-Kuhn verlangt einen größeren Schritt Richtung Bürgerversicherung und garantierte Mindestrente, als es die Rentenexpertin Irmengard Schewe-Gerigk bislang vorsieht." Würden Sie von Leuten, die so heißen, eine gebrauchte Sonnenblume kaufen?
WWN*)
Wieselflinker Wiesmann
Weltpremiere in Genf: Mit dicken 420 PS unter der Haube beschleunigt der neue Roadster MF4 in 4,4 Sekunden auf Tempo 100 - und schaut auch noch gut aus.
*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)
6. März 2009
Hundert Jahre einsam? Um Himmelswillen!
Wer will schon ein Buch lesen, das "Hundert Jahre Einsamkeit" heißt? Ich nicht, so viel war schon mal klar, als es 1970 auf deutsch herauskam. Hundert Jahre Einsamkeit - das erschien mir unerträglich. Wer könnte das aushalten? Erst viel später, 1976, hab' ich mich getraut, es zu lesen, in einer amerikanischen Übersetzung. Da war Bob Dylan schuld, weil er es in einem Interview mit der Zeitschrift Rolling Stone in den höchsten Tönen gelobt hatte. Ich weiß noch, dass ich schon auf der ersten Seite den Eindruck hatte: So ein Buch habe ich noch nicht gelesen. Es hat mich umgehauen. Ich konnte es nicht fassen, dass sich jemand traut, diese magische Wirklichkeit darzustellen, die wissenschaftlich völlig unhaltbar war. Damals wusste ich noch nicht, dass gewisse Wahrheiten eben nicht von der Wissenschaft erfasst werden können. Als "Cien anos de soledad" herauskam, war Gabriel Garcia Márquez vierzig Jahre alt. Heute wird er 82. Er ist derselbe Jahrgang wie Fidel Castro, mit dem er seit 1959 befreundet ist. Vor genau zwei Jahren feierte er seinen 80. Geburtstag unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit dem alten Kumpel: Fast zwei Wochen verbrachte er in Castros Nähe und besuchte ihn täglich am Krankenbett. Auf der Website mostlywater.org hat er, auf Englisch, einen längeren Essay über "Der Fidel Castro, den ich kenne" veröffentlicht. Den finden Sie hier - Sie wissen ja, um der allgegenwärtigen Gehirnwäsche in Sachen Castro und Hugo Chávez entgegenzutreten, scheue ich weder Zeit noch Mühe.
So um 1980 herum kannte ich jemanden, der Márquez persönlich kannte und ihn immer Gabo nannte, wenn er mir erzählte, dass er ihn mal wieder in Paris getroffen hatte. Das war Florian Hopf, ein Filmkritiker, der später als Synchronregisseur französische Filme auf Deutsch herausbrachte. Florian kam mal bei der Zeitschrift vorbei, für die ich als Kulturredakteur arbeitete, und brachte eine Filmkritik mit, die wir abdrucken sollten. Da stellten wir verblüfft fest, dass wir uns schon aus meiner Jugend kannten. Damals gab ich die Schülerzeitung heraus, und er war beim Lokalblatt zuständig für Sport, Religion und Landwirtschaft. 1989 ist Florian Hopf gestorben, da war er gerade mal 50 Jahre alt. Vorher hat er noch einen französischen Orden bekommen, Chevalier von irgendwas, für seine Verdienste um die Vermittlung französischer Kultur in Deutschland.
Zu "Hundert Jahre Einsamkeit" finde ich noch bemerkenswert: Als Márquez 1982 den Nobelpreis für Literatur bekam, wurde er ausdrücklich nicht für sein Gesamtwerk geehrt, sondern für diesen einen Roman, der eine Gesamtauflage von 30 Millionen Exemplaren in einem Dutzend Sprachen erreichte. Mit dem Nobelpreisgeld gründete Márquez eine Tageszeitung in seiner Heimat Kolumbien, El Otro. Seit 1998 ist er auch noch Mitbesitzer der Zeitschrift Cambio (auf Deutsch Veränderung, Wende, Wechsel: Barack Obamas Change). Márquez, der Anfang der fünfziger Jahre als Journalist zu schreiben begonnen hatte, hat sich immer als politischer Mensch gesehen. Nachdem er die Reportage "Die Abenteuer des Miguel Littin - Illegal in Chile" veröffentlichte, zerbrach seine Freundschaft mit dem Schriftstellerkollegen Mario Vargas Llosa, der ihn in einer Rede während des PEN-Kongress 1986 als "Höfling Castros" bezeichnete. Was ich sonst noch von Márquez gelesen habe? "Liebe in den Zeiten der Cholera", "Der General in seinem Labyrinth", "Der Herbst des Patriarchen", und, erst letztes Jahr, "Erinnerung an meine traurigen Huren", das 2004 auf deutsch erschienen ist. Es ist herzzerreißend. Was ich noch lesen will: Seine Autobiographie "Leben, um davon zu erzählen". Er war 75, als sie 2002 herauskam. Zuletzt erschien "Das Licht ist wie das Wasser – Geschichten von der Liebe und anderen Dingen" (Erzählungen, 2006). Alles Gute zum Geburtstag, Senor Márquez!
Und die taz? Sorgt sich um die Apotheken Umschau
Im Balken über dem Fernsehprogramm wundert sich ein Redakteur: "'Apotheken Umschau verkauft über 9,5 Millionen Hefte', verkündet das Magazin stolz. Gibt's die nicht umsonst? Sind wir alle Diebe?" Gemach, gemach! (Das ist ein veralteter Ausdruck, der im Duden mit "langsam, nichts überstürzen" erklärt wird.) Umsonst ist der Tod! Die Apotheken Umschau verkauft ihre Hefte sehr wohl: An die Apotheker. So kommt zu den satten Anzeigenerlösen von der Pharma-Industrie (bei 9,5 Mio Auflage wahrscheinlich stolze Tarife) auch noch ein hübsches Sümmchen durch den Verkauf herein. Bemerkenswert: Die AU gehört nicht mal zu einem der Großverlagskonzerne, sondern einem schlauen Mittelstandsverleger.
So'n Theater
Klasse, was dieser Stefan Kaegi von der Theatergruppe Rimini Protokoll da in Berlin macht: Stellt echte Muezzine aus Kairo auf die Bühne und lässt sie von und aus ihrem Leben erzählen. "Singen und saugen" lautet der Titel von Tim Caspar Boehmes Beitrag, und weist damit auf die Beschäftigung der Muezzine hin: Sie sind nicht nur die Ausrufer und Koran-Sänger, sondern auch so eine Art Hausmeister in der Moschee und reinigen die Gebetsteppiche mit dem Staubsauger. Boehme: "Gerade im Beharren auf dem Alltag gelingt Kaegi das Kunststück, mit dem Thema Islam auf fast schon spielerische Weise umzugehen, ganz ohne moralisch oder belehrend-öde zu werden." Wie gesagt, schon die Idee finde ich klasse, und Stefan Kaegi fiel mir schon letzte Woche im Interview durch eine bemerkenswert selbstbewusste, gefestigte Offenheit des Denkens auf.
Superwoman
Der neue taz-Mann Dominik Kalmazadeh, der neulich eine tolle Kritik zum Film The Wrestler geschrieben hat, interviewt die französische Regisseurin Claire Denis zu ihrem neuen Film "35 Rum". Als ich vor langer, langer Zeit ein Porträt des Kameramanns Robby Müller schrieb, hat er noch mit Wim Wenders zusammengearbeitet, und dessen Regieassistentin damals hieß Claire Denis. Müller hat sich vor Bewunderung gar nicht mehr eingekriegt: "Eine Klassefrau! Du wirst sehen, von der wird man noch hören. Claire ist Superwoman!" Robby Müller sollte recht behalten. Die Superfrau hat inzwischen ein ganz beträchtliches Werk geschaffen, und arbeitet seit vielen Jahren mit den gleichen Leuten zusammen: "25 Jahre mit Agnés, über 10 Jahre mit Stuart, 20 Jahre mit Alex." Agnés Godard ist die Kamerafrau, Stuart Staples der Filmkomponist, Alex Descas der schwarze Schauspieler, der auch in "35 Rum" eine Hauptrolle spielt. Claire Denis, inzwischen 60 Jahre alt, als Französin in Westafrika geboren, setzt sich immer wieder mit dem Kolonialismus auseinander. Über Frantz Fanon und die Idee der Revolte sagt sie: "Sie stimmt immer noch. Man darf die Wut nicht verlieren - ich finde jedenfalls nicht, dass Fanon aus der Mode gekommen ist. (...) Fanon würde die Gegenwart wohl als noch schmerzhafter empinden. Es ist alles noch schlimmer geworden. Damals gab es Krieg in Algerien, in Vietnam - zu diesen Kriegen konnten sich Menschen positionieren und auf das Ende einer bestimmten Form der Unterdrückung pochen. Nun gibt es ein neues Königreich, das Königreich des Geldes." Fragt der taz-Mann: Gegen das sich nicht aufbegehren lässt, weil es noch hegemonialer ist? Denis: "Die Hegemonie war schon immer da, aber die Börse kann man nicht bekämpfen. Es ist schwierig an eine Revolution zu glauben, die die Börse überwinden will. Es ist zu abstrakt, daher gibt es diese besondere Frustration." Nun ja, keiner hat jemals behauptet, dass es nicht schwierig wird. Zu Frantz Fanon (1924 auf Martinique geboren, Philosophiestudium in Paris, gestorben 1961) wäre noch zu sagen: Er war wohl einer der wichtigsten schwarzen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Ende der sechziger Jahre hatte er gewaltigen Einfluss auf die Studentenbewegung. Sein Buch "Die Verdammten dieser Erde" gab's als rororo-Band mit einem Vorwort von Jean-Paul Sartre. Fanon war die Stimme der unterdrückten Kolonialvölker, und seine Wut auf Europa und die USA ansteckend - SDS, Black Panthers, die meisten Befreiungsbewegungen beriefen sich auf Fanons Theorie der Revolte. Also: Nichts wie hin, den neuen Film von Superwoman anschauen. "Rum 35". Sofort!
Knieschusspropaganda
Am 3. Februar 2009, also vor gut vier Wochen, stand hier im tazblog: "Heute keine proisraelische Propaganda von Susanne Knaul (sollte man doch festhalten). Mustafa Barghuti, ehemaliger Informationsminister der Einheitsregierung, bekommt sogar Gelegenheit, einen Sachverhalt richtigzustellen, der in der taz gleich zwei Mal für Schlagzeilen gesorgt hat: Hamas-Leute schießen Fatah-Anhängern ins Knie oder erschießen sie - auch Knaul hat das behauptet. Barghuti: 'Nein, das ist Propaganda. Ich habe nur von einer kleinen Zahl von Leuten gehört, die, nachdem, was mir die Leute sagen, unter dem Verdacht, Kollaborateure gewesen zu sein, erschossen wurden. Ich habe diese Geschichte wiederholt überprüft und konnte nicht einen einzigen finden. Die Fatah-Leute, mit denen ich Kontakt hatte, sprachen sehr offen mit mir. Viele Leute haben sogar die Fatah-Flaggen gehisst. Tatsächlich sehe ich im Gaza-Streifen mehr Plakate mit dem Bild von Ex-PLO-Chef Jassir Arafat als im Westjordanland.' Wer jetzt glaubt, Susanne Knaul würde ihre Knieschusspropaganda verteidigen, wird enttäuscht. Sie geht nicht weiter darauf ein." Dafür kommt sie jetzt wieder damit an, in der taz von gestern nämlich. Aber weil ich diese Zeitung ja immer von hinten lese, zuerst die gute Nachricht: Es gibt noch Leute, die sich in diesem furchtbaren Israel-Palästina-Chaos die Vernunft bewahrt haben. Auf der Meinungsseite kommt Zeev Avrahami zu Wort, ein "Israeli iranischer Abstammung und Friedensaktivist, der für die Zeitung Ha'aretz aus Berlin berichtet". Er erinnert noch einmal daran, "dass die Hamas die Herzen der Palästinenser durch ihre Wohlfahrtspolitik eroberte". Mit dem Gaza-Krieg "musste Israel die Grenzen seiner Macht erfahren, weil es weder vermochte, die Hamas zu stürzen, noch ihren Rückhalt in der Bevölkerung zu brechen." (Darauf hat im Übrigen Uri Avneri schon während des Kriegs hingewiesen.) Avrahami kommt zu dem Schluss: "Wenn Israel nun verstanden hat, dass es die Hamas nicht für alle Zeiten im Kampf besiegen kann, muss es auf eine andere Möglichkeit setzen, den Krieg zu gewinnen: Es muss die Hamas zu einem Gesinnungswandel bringen und sie davon abbringen, Israel als Feind zu betrachten. Ich weiß, das klingt verrückt - aber wenn die Realität so verrückt ist, müssen wir auch nach verrückten Lösungen suchen." Susanne Knaul tut das nicht. Sie wiederholt nur immer wieder die sattsam bekannte Hamas-Hetze, besucht ein Krankenhaus, in dem ein Beinamputierter behauptet, "Hamas-Kämpfer" hätten ihm 70 Kugeln in beide Beine geschossen, und: "Die Hamas-Leute verstecken sich in Wohnhäusern. Sie sind nicht zu kriegen, ohne dass Unschuldige getötet werden." Heh, diese Leute wohnen in Gaza, in Wohnhäusern. Und dann tischt sie dem taz-Leser auf, was ihr die Fatah-Polizisten über ihre Hamas-Gegner erzählen. Fazit: "Die Islamisten seien 'grausam und verrückt'". Und das lässt die taz-Frau in Israel einfach so stehen, ohne Kommentar, als wäre es ihre Meinung. Grausam und verrückt. Menschen, die sich gegen eine von den USA und Deutschland finanzierte Kriegsmaschinerie wehren, sind verrückt. Nichts Neues also von der taz-Korrespondentin im Nahen Osten. Ich weiß, diese Frau lebt umzingelt vom Wahnsinn. Kann sie nicht mal einer rausholen? Ihr einen Job in Berlin anbieten? Sie ins Berghain mitnehmen? Ihr einen Laib Öko-Sonnenblumenbrot von der Hofpfisterei schenken? Ihr einen Ort zeigen, an dem nicht der Wahnsinn regiert? Ihr klar machen, dass nicht die ganze Welt ein Hospital mit arm- und beinamputierten Menschen und krebskranken Kindern ist? Dass es auch gesunde Menschen, Tiere und Pflanzen gibt?
Morgen noch ein kleiner Nachtrag zu Martin Unfrieds Ökosex-Kolumne und die grenzenlose Blödheit von Thomas Gottschalk. Und der Versuch, eine Antwort auf die Frage zu finden: Ist Afrika-Redakteur Dominic Johnson ein Splatter-Fan?
WWN*)
Anrüchige Musik macht frühreif
Wissenschaftler wollen jetzt herausgefunden haben: Jugendliche, die sexuell aggressive Musik hören, erleben ihr erstes Mal früher als ihre Altersgenossen.
*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)
Anrüchige Musik? Musik, die riecht?
7. März 2009
Nachtrag, taz vom 5. März
Hilfe!!!
Es wurde "ein neuer staatlicher Hilfsfonds" gestartet. Er "stützt "Firmen, die durch die Finanzkrise in Schieflage geraten." Größenordnung: 100 Miliiarden. Stefan Spiegel berichtet, dass die Bundesregierung für den Fonds ein "Beratergremium geschaffen" hat, "das von Michael Rogowski geleitet wird. Der ehemalige Vorstand des Bundesverbandes der Induustrie (BDI) sammelte zuletzt als Aufsichtsratsmitglied der IKB Erfahrungen. Die Bank wurde mit Milliardensummen vor dem Zusammenbruch bewahrt." Genau solche Experten braucht die Regierung, wenn entschieden wird, wie Steuergelder verteilt werden. Spiegel stellt auch den Rest der Gang vor: "Unternehmer Hubertus Erlen (Exvorstandschef von Schering). Jürgen Heraeus (Aufsichtsratschef des gleichnamigen Unternehmens), Nikolaus Knauf (CSU, Geschäftsführer Knauf Gips), der Ökonom Martin Hellwig und der Gewerkschaftsvorsitzende Hubertus Schmoldt (SPD)." (Bliebe zu ergänzen: Heraeus ist nach eigenen Angaben ein "weltweit tätiges Edelmetall- und Technologieunternehmen mit Sitz in Hanau bei Frankfurt und festen Wurzeln am Standort Deutschland", und Schmoldt ist Vorsitzender der Gewerkschaft IG Bergbau, Chemie, Energie.) Stefan Spiegel fügt noch den Rest an und macht eine sehr interessante Beobachtung: "Komplettiert wird das Gremium von dem ehemaligen Staatssekretär Alfred Tacke (SPD) und von Walter Hirche (FDP), Exwirtschaftsminister in Niedersachsen. Ein Großteil des Lenkungsrats ist staatsskeptisch. So hatte sich Michael Rogalski als BDI-Vorsitzender stets gegen zu viel Einflussnahme des Staates gewandt." Ein Fachmann für die Verbindung Politik und Industrie ist auch Alfred Tacke: Der langjährige Spezl von Gerhard Schröder war bis 2004 Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, das von Werner Müller geleitet wurde. Der wurde dann Chef der Ruhrkohle AG. Tacke, so steht's bei Wikipedia, erteilte Jahr 2002 "in Vertretung von Wirtschaftsminister Müller die Ministererlaubnis bei der Übernahme der Ruhrgas AG durch E.ON. Ende 2004 gab Tacke seinen Posten als Staatssekretär auf und wurde Vorstandsvorsitzender beim Stromversorgungsunternehmen STEAG, einer 100%igen Tochter der RAG Aktiengesellschaft, an der wiederum E.ON beteiligt ist. Von Juni 2003 bis zum 31. Dezember 2008 wurde die RAG von seinem ehemaligen Chef Werner Müller geleitet." (Um Müller muss man sich auch nach dem Ausscheiden aus der RAG keine Sorgen machen. Er ist seit 2005 Vorsitzender des Aufsichtsrats der Deutschen Bahn AG. In derselben Funtion arbeitet er auch für die Gesellschaft für Entwicklung, Beschaffung und Betrieb mbH (g.e.b.b.), die zu hundert Prozent dem Bundesministerium der Verteidigung gehört. Das sind die Leute, mit denen sich der SPD-Kanzler Gerhard Schröder umgeben hat.) Warum ich das hier anbringe? Weil ich es unglaublich finde, dass in einem demokratischen Staat ein solches Gremium bei der Vergabe von Steuergeldern an Firmen mitreden kann. Und glauben Sie bloß nicht, die machen das ehrenamtlich und ohne Bezahlung. Wer noch Zweifel hatte, dass dieses Land von einer eng verwobenen Clique aus Wirtschaft und Politik regiert wird - Schröder und Angela Merkel haben alle Zweifel beseitigt.
taz vom 6. März
John Lennon lebt!
"Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass der Frühling naht, aber im Moment träume ich herrlich wirre Geschichten." So hebt Michael Ringel an in seiner allfreitäglichen Kolumne auf der Wahrheitseite - und wow!, heh, mir geht's ähnlich. Bei ihm taucht Britney Spears auf, bei mir ein Rockstar nach dem andern. Die letzten drei Nächte waren voll mit klaren, filmartigen Bildergeschichten. Dienstagnacht hat mich John Lennon in seinem Haus empfangen, quicklebendig, und erst mal hat er mich rumgeführt in den riesigen Räumen mit den dunklen Tapeten. Die Räume sahen so aus wie die am Ende von "2001 - Odyssee im Weltraum" nur düsterer. Lennon hat zwei Kinder, aufgeweckte, nette Jungen im Teenageralter, zwei Hunde und einen unglaublichen Ausblick aus dem Panoramafenster im Erdgeschoß: Da steigt nicht weit vom Haus entfernt ein Berghang in den Himmel, an dem ein Amphitheater angelegt ist, mit jeder Menge griechisch-römischen Säulen. Später saßen wir im Wohnzimmer und haben fröhlich geplaudert, im Kamin brannte ein Feuer. In derselben Nacht war ich bei einem Festival, das aber nicht im Freien stattfand, sondern in einer großen Messehalle, die in kleine Säle unterteilt war, und überall spielten Bands und Musikgruppen, und in einem Saal gab's einen Lichtbildervortrag über die Münchner Szene zu der Zeit, als es noch Das Blatt als Stadtzeitung gab. Dann kam Neal Cassady an, mit einem seltsamen Musikinstrument unterm Arm, das er mir in die Hand drückte. Es war zum Aufklappen, und sah aus wie eine Sitar, aber dann hab ich festgestellt, dass die Saiten nicht gespannt waren, sondern locker in der Luft hingen, und gespielt wurde es, indem man die Saiten schüttelte. Das hab ich dann gemacht und locker improvisiert, weil nämlich Jerry Garcia und die Grateful Dead auch da waren, und es hat ganz toll geklappt, und sie haben sich ganz schnell an den orientalischen Rhythmus angepasst, den ich vorgelegt hab. Aber dann musste ich weiter, weil ich in einem anderen Saal noch Gitarre spielen sollte. Und dann war ich aufgestellt für die Fußballnationalelf, als Linksaußen, klaro. Mein Vater war der Nationaltrainer, und kurz vor dem Spiel haben wir uns verkracht, und ein Zeitungsreporter lief durch die Straßen und verkündete, ich sei rausgeschmissen worden. Und ich lief hinterher und hab ihm gesagt, heh, du Depp, das stimmt doch gar nicht, ich hab von mir aus verzichtet. Na ja, und am nächsten Tag kam Madonna an und wollte unbedingt mit mir schlafen. Wir haben viel gekichert, und ob da was draus wurde, hab ich entweder verdrängt oder vergessen, ich weiß nur noch, dass sie aussah wie vor zwanzig Jahren. Und gestern Nacht schließlich ging es um David Bowie, den ich trösten musste, weil er so traurig war. Meine Schuld! Er wollte bei mir übernachten, und ich hab ihm gesagt, dass das nicht geht, ich hätte noch nie mit einem Mann geschlafen, und wegen ihm würde ich auch nicht damit anfangen. Ich hab ihm den Arm auf die Schulter gelegt und seinen Kopf gestreichelt, da konnte er wieder lächeln. Und heute Nacht bin ich gegen halb sechs aufgewacht und hab mich gewundert, dass ich nichts geträumt hatte, oder mich an keinen Traum erinnern konnte. Und dann bin ich noch mal weggedöst, und hab im Kopierladen einen Artikel über eine russische Schriftstellerin kopieren lassen (nie in meinem Leben hab ich was über eine russische Schriftstellerin geschrieben). Im Kopierladen war aber nicht der freundliche Herr mit dem Schnauzbart, sondern die russische Studentin, die nette Elena, die ein paar Tage in der Woche im Paradiso bedient. Sie war sehr interessiert an dem Artikel und hat gefragt, ob sie ihn für sich auch kopieren darf. Das hat mir sehr geschmeichelt, und dann tauchte auch noch der Schankkellner vom "Leib & Seele" auf und erzählte, dass er mein Buch ganz toll findet. Mannohmann, was will mir das sagen? Nicht ein Albtraum diese Woche, alles nett und aufbauend. Und das Tollste ist ja wohl: John Lennon lebt! Um noch einmal Michael Ringel zu zitieren, der seinen Traumbericht mit den Worten schließt: "Ich aber erwache und bin froh, dass ich nicht Dr. Freud bin." Kann ich gut verstehen.
E-Autos: Auf dem Weg in die Sackgasse
Eine Seite über Tesla, die Autofirma, die diesen Elektroflitzer herstellt, der in vier Sekunden von null auf 100 beschleunigt und 120.000 Dollar kostet. Die Firma hat offenbar große finanzielle Schwierigkeiten, und der Chef, Elon Musk, ein Multimillionär, der mit einer Internetsoftware reich wurde, schießt inzwischen aus seinem Privatvermögen zu. Mein Mitleid hält sich in Grenzen - die alte Denkweise (schneller! weiter! höher!), die hinter diesem "Sport"-wagen steht, führt eh in die Sackgasse. Aber auch langsamere Elektroautos sind nur interessant, wenn sie mit Solarstrom fahren, und wer weiterhin Karren baut, deren Herstellung so viel Energie verbraucht, wie die gängigen Dreckschleudern, liegt eh voll daneben. Aber vorstellbar wären abgespeckte, leichte Gefährte, deren Akkus mit Sonnenenergie aufgeladen werden. Die kann man bei Solartankstellen umtauschen, die aus südlichen Ländern sonnenbetankte Akkus geliefert kriegen, die mit Segelschiffen und per Bahn angeliefert werden (die selbstverständlich ausschließlich mit grünem Strom fährt). Ich weiß auch schon den Namen der Vertriebsgesellschaft: AAA (Akkus aus Afrika).
Was für ein unsäglicher Mist: Höchster ÜQ*) des Tages
Die Frau wird, aus mir völlig unverständlichen Gründen, in angelinksten Kreisen als Kapazität angesehen. Mir ist völlig schleierhaft, auf welchem Gebiet. Vor ein paar Monaten hab ich schon mal ein Interview mit ihr in der taz gelesen, in dem außer wirrem Wortgeklingel nichts stand. Man musste nicht zwischen den Zeilen lesen, um zu bemerken, wie einfalls- und inhaltslos Saskia Sassen daherredet. Davon gibt sie eine weitere Kostprobe am Freitag auf der Meinungsseite. Und so fängt der Seich an: "Seit 1980 zählt es zu den bemerkenswerten Dingen unserer Zeit, dass wir mit extrem komplexen Finanzinstrumenten arbeiten. Und zwar zum Zweck einer ausgesprochen primitiven Akkumulation." Wenig später kommt sie zu der umwerfenden Erkenntnis: "Die Finanzwirtschaft war und ist darauf aus, die kärglichen Ersparnisse der kleinen Haushalte abzuschöpfen." Wow! Um das zu sehen, muss man schon Soziologie studiert haben. So salbadert sie eine Binse nach der anderen vor sich hin, bis sie einen ganzen Strauß angesammelt hat, und beweist kurz vor Schluss ihrer Präsentation, dass es noch schlichter geht: "Seit einigen Jahrzehnten verfügt die Welt über die Technologie, Krankheiten auszurotten, von denen weltweit Millionen von Menschen betroffen sind." Sie entlässt uns mit der umwerfend neuen Erkenntnis: "Das Anschwellen der Finanzmärkte über die letzten 30 Jahre hinweg hat die negativen Effekte, welche die Logik der Profitmaximierung mit sich bringt, massiv verschärft." Und weiter? Nix weiter. Ende. Binsenbündel fertig. Was für eine aufgeblasene Quacksalberei. Ein Windei, diese Frau.
*) Überflüssigkeitsquotient, hoher Wert auf der nach oben offenen Entbehrlichkeitsskala
Beleidigungen
"Nein!" Geh zu - nun mach schon! "Nein. Über Ralph Bollmanns Kommentar auf der Seite 'meinung & diskussion' schreib ich heute nichts."
Zitat
"In Ägypten tagen Vertreter vieler Staaten, um über Mittelvergabe für den Wiederaufbau von Gaza zu beraten. Das ist im Interesse der Not leidenden Menschen dort sehr zu begrüßen. Erstaunlich ist für mich allerdings, dass Israel bei dem Treffen offenbar fehlt. Sind die Einladenden der Ansicht gewesen, dass ein Staat, der solche Grausamkeiten und Brutalitäten verübt, wohl kaum die erforderliche Mitmenschlichkeit und Solidarität aufbringt, den Leidenden Barmherzigkeit zu zeigen? Zu solcher 'Nächstenliebe' wird man Israel auch nicht zwingen können, aber zur Zahlung sollten die Verursacher der Schäden doch wohl herangezogen werden. Also sollten die Israelis den Wiederaufbau der zerbombten Gebäude und Infrastruktur im Gazastreifen auf ihre Rechnung bekommen. Das Geld dafür würde einfach von den laufenden Unterstützungszahlen aus Europa und den USA abgezogen." Leserbrief von Georg Fritzen, Düren (taz vom 6. März 2009)
WWN*)
Riesenzoff bei "DSDS"
Die 17-Jährige Vanessa hatte Streit mit Kandidatin Annemarie und schmeißt jetzt hin. Der Grund: Beide wollten sich bei ihrem großen Auftritt die Klamotten vom Leib reißen.
*) Wirklich Wichtige Nachrichten
8. März 2008
Tante Lina kniete vor ihm nieder und zog ihm den Schuh aus
Zum internationalen Frauentag
Zunächst hörten wir, wie jemand das Gartentor heftig zuschlug, und Frieda sagte: "Der Herr kommt." Anschließend sprang die Haustür auf, daß die bunten, bleigefaßten Glasscheiben klirrten, und die Tante rief, von Furcht und Freude übermannt: "Der Herr kommt!" Dann brüllte im Korridor ein Löwe das Wort "Frau!" Und mit dem Rufe "Ja, Franz!" stürzte die Tante, von Frieda und Dora umgeben, aus der Küche ins Treppenhaus, wo ihnen der Herr der Pferde, bereits ungeduldig, Hut und Spazierstock entgegenstreckte. Sie rissen ihm die Utensilien beflissen aus den Händen, halfen ihm zu dritt aus dem Mantel, verstauten Stock und Hut und Mantel an der Garderobe und rannten, ihn überholend, durch den Korridor, um die Wohnzimmertür zu öffnen und das Licht anzuknipsen. Er setzte sich ächzend aufs Sofa und streckte ein Bein von sich. Tante Lina kniete vor ihm nieder und zog ihm den Schuh aus. Frieda kniete neben ihr und angelte die Pantoffeln unterm Sofa hervor. Während ihm die Tante den zweiten Schuh auszog, und Frieda den ersten Pantoffel über den Fuß schob, knurrte er das Wort "Zigarre!" Dora rannte ins Arbeitszimmer, kehrte eilends mit Zigarrenkiste und Streichhölzern zurück, klappte die Kiste auf, stellte sie, nachdem er eine Zigarre gegriffen hatte, auf den Tisch und hielt ein Streichholz parat. Nachdem er die Zigarrenspitze abgebissen und auf den Teppich gespuckt hatte, gab sie ihm Feuer. Die drei umstanden und umknieten ihn wie die Sklavinnen ihren Großmogul, hingen an seinen Lippen und erwarteten weitere Befehle. Fürs erste sagte er nichts, und so standen und knieten sie eifrig weiter. Er paffte seine Zigarre, strich sich den blonden Schnurrbart, worin schon graue Haare schimmerten, und sah aus wie ein Räuber, wenn er satt ist."
Erich Kästner, Als ich ein kleiner Junge war, dtv-Ausgabe, S. 158 (Zeit: ca. 1909)
Mundtot gemacht
Dominic Johnson berichtet in der Ausgabe vom Freitag, 6. März, auf Seite 2 über das Urteil gegen den "Präsidenten der FDLR", einer Guerilla-Organisation, die im Ostkongo gegen den ruandischen Diktator Paul Kagame kämpft. Der Mann, der in Deutschland politisches Asyl erhalten hat, wurde zu vier Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, weil er sich "politisch betätigt" hatte.
Am 07.03.2009 um 19:32 schrieb Hans Pfitzinger an den Ruanda-Experten S.:
In der taz von gestern zitiert D. J. den "Amtsrichter Thomas Palm" aus Mannheim in seiner Urteilsbegründung gegen Ignace Murwanashyaka mit den Worten: "Sie haben Stillschweigen zu bewahren, wenn es Ihnen hier nicht passt, gehen Sie in ein anderes Land." Ich finde, das ist ein skandalöser Satz für einen Richter in einem Land, dessen Verfassung die Meinungsfreiheit als hohes Gut betrachtet. Was sagen Sie dazu? Herzliche Grüße! -hp ---------------------------------Kommentar
Lieber Herr Pfitzinger, vielen Dank für den Hinweis. Ich hatte etwas Mühe, den Artikel in der taz zu finden. Jetzt habe ich auch einen Artikel im Mannheimer Morgen gefunden. Ich hatte von dem Urteil bis dato nichts erfahren. In welchem Land leben wir? Dass ein Richter eine solche Wortwahl gebraucht, ist schon irre. In der Sache will man ihn mit dem Urteil mundtot machen. Das Ausländerrecht deckt solche Auflagen. Dass auch Karlsruhe eine Auslieferung nach Kigali ausschließt, ist immerhin positiv. Das ist ein gutes Präjudiz für Onsephore Rwabukombe, der in Weiterstadt in Untersuchungshaft sitzt und gegen den die Bundesanwaltschaft ermittelt.
Beste Grüße S.
Wirkungsmächtigst
Falls Sie's noch nicht mitbekommen haben: Zum dreißigsten Jahrestag ihres regelmäßigen Erscheinens haut die taz Mitte April gewaltig auf die Pauke, lässt den Kongress tanzen, die Experten (ein-)fliegen (im tazjet), die Fragen schwirren, die Redakteure moderieren und die Vorträge tragen. Aber mal im Ernst: Möchten Sie an einem Kongress teilnehmen, der von Wolfgang Niedecken eröffnet wird? Er wird beworben als "Gründer, Sänger und Texter von BAP, der wirkungsmächtigsten deutschen Band der vergangenen 30 Jahre." Wirkungsmächtigst? Oh Mann, dass iss aber verdamp lang her.
Eilmeldung: Niemand mehr gegen Kapitalismus!
"Die meisten Leute sind eigentlich zufrieden mit diesem Land." Wirklich, das gibt das taz-mag-Maskottchen Heinz Bude von sich, der in der Wochenendbeilage so was wie den Thomas Gottschalk für Intellektuelle spielt. Er hat nichts Interessantes zu sagen, das aber regelmäßig. Warum? Weil er wohl mit dem Interviewer, Jan Feddersen, die Einstellung teilt: iss doch alles prima hier. Freie Fahrt für freie Banker. Aber es könnte selbstverständlich noch ein bisschen besser werden: "Im Prinzip", so Bude, "spricht sich niemand gegen den Kapitalismus aus. Stattdessen sagen alle, man müsse ihn stabilisieren, damit nicht alles den Bach runtergeht." Und wer stabilisiert am besten, fragt der taz-Mann: "Welche Konstellation ist im Hinblick auf die Bundestagswahl besonders begünstigt?" Bude: "Die Hamburger Konstellation. Mit einer grünen Partei, die wirklich wieder auf die Beine kommen würde, die weiß, dass sie diese prekäre Klientel mit hohem Bildungshintergrund hat, vereinigt sich mit einer selbstsicheren, bürgerlichen Partei. Also eine nicht von Ressentiments getriebene CDU und die modernitätsoffenen Grünen." Keine Ressentiments? Modernitätsoffen? Genau richtig. Dann sind die meisten Leute in diesem Land noch zufriedener, alle finden den Kapitalismus selbstsicher gut, und wir bauen Kohlekraftwerke, subventionieren die Autoindustrie und betonieren den Rest der Republik mit stellenlosen 1-Euro-Jobbern. Wie bitte? Sozis? Linke? Ach was: "Die SPD fällt momentan raus." Und die Linke? "... hat im Grunde ihren Höhepunkt überschritten." Die Linke ist bereits Geschichte, und auch das kann Heinz Bude schlüssig erläutern: "Ihre Geschichte war das typische Produkt einer Hochkonjunkturphase, sie wird verlieren und sich dann auf niedrigem Niveau stabilisieren." Und dann wird er ganz systembejahender Staatsmann, der Soziologe Heinz Bude, und erklärt dem geneigten Leser, dass "die meisten Leute, selbst die prekär lebenden, eigentlich zufrieden sind mit diesem Land. Wir sind als Land in der Phase der großen Selbstanerkennung, und zwar nach der Einheit." Alles bestens also, einheitlich weiter so. Interessant wäre, zu erfahren, wo der Mann lebt. Offenbar in einer Gegend, in der sich niemand gegen den Kapitalismus ausspricht. Blankenese? Grünwald? Landkreis Starnberg? Baden-Baden? Frankfurter Bankenviertel? Letzteres ist sehr unwahrscheinlich.
DIE FRAUEN in der Fassung von T. C. Boyle
Wann, wenn nicht am Frauentag, sollte Frank Schäfer den neuen Roman von T. C. Boyle besprechen? Titel: "Die Frauen". Thema: ein Mann. Es geht um Amerikas Architektenstar Frank Lloyd Wright, und Schäfer findet, Boyle kommt "nicht richtig aus dem Knick". Tja, mir ging der Mann auch schon oft gewaltig auf den Wecker, und er hat auch eher schwache Werke abgeliefert, aber die guten Seiten (im Wortsinne) überwiegen in meiner Erinnnerung. Schäfer führt sie auch an: "Ein Freund der Erde", "Drop City", "Willkommen in Wellville". Hinzufügen möchte ich noch "America", mein Boyle-Lieblingsbuch. Aber wer, wie Frank Schäfer es tut, als Kronzeuge für Vorbehalte gegen das neue Buch Jean Paul und seine "Vorschule der Ästhetik" anführt, kann gar nicht total daneben liegen. Trotzdem trau' ich mich mal behaupten: Ein Roman von T. C. Boyle, in dem er "nicht richtig aus dem Knick kommt", dürfte immer noch interessante Lektüre sein, auch wenn er "streckenweise schlicht langweilig" ist.
Falsche Dinge perfekt falsch - tvF!*)
Zwei Seiten über Michael Braungart? Ob sich Peter Unfried da nicht überhoben hat? Nein, hat er nicht, denn Braungart ist der mit Abstand erfrischendste Denker unter unserm Himmel. Und dazu ein Polemiker, ein Selbstdarsteller, ein Marktschreier und Provokateur. Seine Frau Monika Griefahn, die Exchefin von Greenpeace Deutschland, die ja etwas herumgekommen ist in der Welt, sagt das hier bestimmt nicht im verblendeten Liebeswahn: "Er ist der intelligenteste Mensch, den ich kenne." Ich kann da zwar nicht mitreden, weil ich ihn nicht kenne, aber was er so öffentlich von sich gibt, spricht für diese Einschätzung. (Das gleiche hat übrigens Bertrand Russell über John Maynard Keynes gesagt, allerdings ohne mit ihm verheiratet zu sein.) Unfried machte sich also ohne Zeilenbeschränkung an die Arbeit, und herauskam ein respektvolles, ernsthaft interessiertes Porträt des Chemikers, der eine Philosophie verbreitet, die nichts weniger als die Welt retten kann. Unfried stellt Braungarts Ansatz so dar: "Der Kern der Ökonomie ist der Prozess der Umwandlung von Ressourcen und Energie. Er basiert derzeit noch hauptsächlich auf der Umwandlung nichterneuerbarer Ressourcen. Allerdings nicht mehr lange, denn die gehen bekanntlich zu Ende. Der vom derzeitigen Wirtschaftsprozess erzeugte Müll- ist nicht nur ein Umwelt- sondern ein Wirtschaftsproblem, denn er wandelt nutzbare in verlorene Energie um. Es läuft grundsätzlich falsch, sagt Braungart. Und was machen die perfektionistischen Deutschen? Erfinden 'nachgeschaltete Umwelttechnik', also 'hoch optimierte falsche Systeme und machen damit die falschen Dinge perfekt falsch'. Zum Beispiel recyceln sie Dinge, die nicht für Recycling geschaffen sind, etwa Toilettenpapier. Jetzt wollen sie auch noch Kohlekraftwerke weniger schädlich machen. Und dadurch neue rechtfertigen. Unfug." Ob das mit dem Toilettenpapier ein glückliches Beispiel von Peter Unfried ist? Da bin ich mir nicht so sicher: Es gibt zwar welches aus Recyclingpapier, aber recycelt wird es, glaube ich, nicht. Wenn Braungart über grundsätzliche Dinge spricht, muss ich ihm vorbehaltlos zustimmen. Braungart "will eine Welt ohne Umweltverschmutzung und Abfall. Eine Welt, in der man alle Verbrauchsgüter gefahrlos aufbrauchen kann, weil sie nützlich für die Umwelt sind, und in der man alle Gebrauchsgüter endlos wiederverwerten kann." Dem Prinzip hat Braungart, zusammen mit seinem amerikanischen Partner William McDonough, einen Namen gegeben: Cradle to Cradle, C2C, von der Wiege zur Wiege. Und Braungart belässt es nicht beim Philosophieren, weil er daran glaubt, dass das Sein eher mit Design verändert werden kann, als mit Bewusstsein: Er entwirft die neue Welt bereits. Einen taz-Kommentar letzten Sommer hat er für kräftige Eigenwerbung benutzt und seinen "essbaren" Schonbezug für Flugzeugsitze vorgestellt. Airbus hat ihn in den A 380 eingebaut. Daneben entwirft er recycelbare Turnschuhe für Nike und kompostierbare T-Shirts und Bürostühle. Braungart hat mit der Zukunft schon mal angefangen. Ganz wunderbar seine Antwort auf Unfrieds Frage, ob es nicht vorzuziehen sei, ein Auto mit drei Litern Verbrauch zu fahren als eines mit sieben. "Ist das nicht gut?" Braungart: "Kommt drauf an. Das ist, als ob Sie ihr Kind vorher siebenmal geschlagen haben, und jetzt nur dreimal." Was die Umsetzung seiner Ideen anbelangt, hat Braungart bemerkt: "In Deutschland überwiegen die Skeptiker, die sagen, dass das alles nicht geht." Dafür wird er in den USA begeistert gelesen - Brad Pitt hat publikumswirksam verkündet, Braungarts Buch gehöre zu den drei wichtigsten Büchern, die er je gelesen habe. Braungart meinte dazu auf seine typische Art: "Danke, sehr nett. Aber ich weiß ja nicht, ob Pitt in seinem Leben schon drei Bücher gelesen hat." In den Niederlanden hat sich die südlichste Region, Limburg mit der Hauptstadt Maastricht zur weltweit ersten "Cradle to Cradle-Region" erklärt. In einer niederländischen Fernsehsendung kamen Braungart und McDonnough so überzeugend rüber, als sie ihre Dokumentation "Abfall ist Nahrung" vorstellten, dass die Behörden in Maastricht seither versuchen, seine Ideen umzusetzen. Am Schluss erzählt Unfried noch die Anekdote über den Nobelpreis für Al Gore, aber ich glaub, er kriegt sie nicht ganz richtig hin. Ich kenne sie so: Braungart fragt Jürgen Trittin, weshalb Al Gore den Nobelpreis bekommen hat und nicht der deutsche Exumweltminister? Und gibt ihm selbst die Antwort: "Jürgen, das kommt daher, dass Al Gore acht Jahre nichts gegen den Klimawandel unternommen hat, du aber nur sieben."
Michael Braungart, William McDonough, Einfach intelligent produzieren. Cradle to Cradle. 10,80 Euro
*) taz vom Feinsten
Und sonst?
Sehr schöne Reportage von Uli Gutmair über Umm El-Fahm, einen Ort in Israel, in dem "viele Araber in einem zusammenhängenden Siedlungsgebiet leben." Fein beobachtet, mit dem Willen zur Verständigung geschrieben, nicht, um Gräben zu vertiefen. - Die Reiseseiten - oh je, ob's an meiner Kritik am tazjetset lag letzte Woche? Diesmal keine exotischen Flugreiseziele, sondern Worms und "Kulturwandern im Mittelgebirge". Hab ich das gewollt? - Klassefoto auf der "ausland"-Seite: Eine Umweltaktivistin übergießt den britischen Handelsminister Peter Mandelson auf dem Weg zu einer CO2-Konferenz mit einem Becher custard, einer grüngelben Eiercreme. Damit protestiert sie gegen den Bau der neuen Startbahn des Flughafens Heathrow. bbc.news bringt auch noch die Begründung der 29-jährigen Leila Deen für die Aktion: "Wenn die Demokratie versagt, muss man zu allen notwendigen Mitteln greifen, so lange sie friedlich sind und andere Menschen nicht verletzen." Yeeesss! - Ulrike Herrmann hat keine Antworten auf die Wirtschaftskrise mehr, nur noch Fragen. Na ja, damit fängt's immer an, und irgendwann landen sie für die Antworten alle wieder bei Karl Marx. - Gestern hab ich noch "Gäääähhhnnn" geschrieben zum Titel des grünen Parteiprogramms: "Der grüne Neue Gesellschaftsvertrag". Drunter tun die's nicht. Aber hallo! Vertrag mit Westerwelle, wenn's nach Künast und Trittin geht! Da wird's doch schon wieder Zeit für Erich Kästner, der im "Brief an den Weihnachtsmann" schrieb:
Ziehe denen, die regieren, bitte schön, die Hosen stramm. Wenn sie heulen und sich zieren, zeige ihnen ihr Programm.
Nachdem mir Ulrike Winkelmann verdeutlicht, was im grünen Gesellschaftsvertrag drinsteht, gähne ich weiter. Wenigstens Hans-Christian Ströbele bleibt dabei: Nicht "mit der FDP, so wie sie sich im Moment präsentiert - nein." - Und die zwölf Seiten Frauenthemen zum Frauentag, überwiegend von Frauen geschrieben, gestaltet, ausgewählt? Die Weiberleit, die Weiberleit - lese ich doch immer. Als ernsthafter stud. fem. bin ich etwa im hundertsten Semester. Vielleicht schreib ich morgen was dazu, obwohl Montag eigentlich Ruhetag ist. Schönen Sonntag noch.
10. März 2009
Universelle Halbbildung und Besserwisserei
Davon verstehe ich was: universelle Halbbildung. Auch wenn's zur Universalbildung nicht reicht, aber eine solide Halbbildung sollte sich der Journalist als solcher schon aneignen. Und dann möglichst locker damit rumwerfen. So wie Kristin Rübesamen, die Interviewerin in der SZ am Wochenende. In einem Gespräch mit der Bestsellerautorin Sophie Kinsella lässt sie über den "gerade wieder sehr in Mode gekommenen britischen Ökonomen John Maynard Keynes" fallen, das sei der Mann, der "Anfang der siebziger Jahre eine Steigerung der Staatsausgaben verschrieb, um die Konjunktur zu stimulieren. Und schon ist der Rezessionseinkauf geboren." Nun ja, Wirtschaftstheorien sind bekanntlich Glücksache, und in der Zuverlässigkeit der Aussagen stehen Nationalökonomen weit hinter den Föhnforschern. Nun könnte es ja sein, dass Keynes tatsächlich den Rezessionseinkauf im Sinne der "Schnäppchenjägerin" empfohlen hat (so heißt das weit verbreitete Buch von Frau Kinsella, um dass es in dem SZ-Interview geht. Haben Sie sicher gelesen, oder?). Ganz bestimmt aber hat Keynes Anfang der siebziger Jahre nichts "verschrieben", so dachte ich bei der Lektüre des wunderbar überflüssig dahingackernden Interviews, denn da war er schon lange tot. Hah, die SZ mit ihrem Riesenarchiv und ihrem Heer gutbezahlter Korrektoren bei einem dicken Hund von Fehler zu ertappen, erhellte mir den verregneten Samstag. Weshalb ich gleich bei Wikipedia, dem Rettungsring für Halbgebildete, das Geburtsjahr (1863) und das Sterbejahr (1946) von John Maynard Keynes nachgeguckt habe. Und sein Hauptwerk, dessen Titel ich schon wieder vergessen hatte: "Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes". Sicher hab ich mich gefreut, meine Besserwisserei ausgerechnet bei der Süddeutschen zum Einsatz zu bringen. Aber das hat nur einen Teil der Freude ausgemacht. Hier ist der andere: Endlich hab ich mal wieder Anlass das Foto von Keynes in jungen Jahren im tazblog unterzubringen. Treue Leser kennen es schon, und es steht für meine Bemühungen, möglichst jugendliche Porträts der verblichenen Geistesgrößen zu finden. Denn häufig haben sie ihre besten Einfälle in jungen Jahren gehabt. Überliefert sind aber meist Bilder von alten Leuten. Beispiel: Der rauschebärtige Johannes Brahms, der in jungen Jahren aussah wie ein Filmstar. Und dann wurde ich gleich noch mal fündig bei der hochnäsigen Tante SZ: In derselben Wochenendbeilage behauptet eine Maxi Leinkauf, über den Schauspieler Jean Reno und seine Rolle in dem Film "Im Rausch der Tiefe" (Le grand bleu): "Als durchtrainierter Apnotaucher Enzo Molinari rast er, braungebrannt, mit Sonnenbrille in einem kleinen roten Ford Cabrio über eine griechische Insel". Nun ja, wenn Journalisten schludrig arbeiten, fallen nicht gleich Stadtarchive ein, aber dass es sich bei dem Auto um einen knallroten Fiat 500 gehandelt hat, war für die von Reno dargestellte Figur im Film wesentlich. Gaaanz wichtig. Enzo war schließlich Italiener. Kult!
Noch mehr Besserwisserei
Schöner Beitrag über den Philosophen Slavoj Zizek und seinen Film The Pervert's Guide to Cinema im Kulturteil der Montag-taz: "Denker der Neurose". Nur will mir der Autor Tim Caspar Böhme wohl sagen: Deine solide Halbbildung kannst du bei der taz-Kritik ebenso zur Geltung bringen, da musst du nicht bei der Süddeutschen fremdgehen. Okeh, so sei es: Nicht Kim Novak, wie Böhme behauptet, hat im Film "Die Vögel" die Madeleine verkörpert, es war Tippi Hedren. Und sie hieß in ihrer Rolle Melanie. Und jetzt ist Schluss mit Besserwisserei, was ich durch das Zitat von Slavoj Zizek aus demselben Artikel unterstreichen will: "Es ist genau umgekehrt!" Oder, wie es am Ende der Monty Python Radio Show immer hieß: "So long, seekers! And remember: Everything you know is wrong."
Alles Gute zum Geburtstag!
Die Kurzbio klau ich gleich bei Wikipedia: "Boris Vian (* 10. März 1920 in Ville d'Avray; † 23. Juni 1959 in Paris) war ein französischer Schriftsteller, Jazztrompeter, Chansonnier, Schauspieler, Übersetzer, wesentliches Mitglied des Collège de Pataphysique und Leiter der Jazzplattenabteilung bei Philips. Nach seinem Tod zunächst ein wenig in Vergessenheit geraten, gilt er heute wieder als einer der interessantesten Intellektuellen der französischen Nachkriegszeit." Das freut den Fan: Vian "gilt" - hä? Wer sagt das? Woran merkt man das? Und weshalb benutzen Journalisten immer wieder diese hilflose Vokabel "gilt"?
Mein Lieblingsbuch: "Der Schaum der Tage" Mein Lieblingstitel (Buch und Theaterstück): "Ich werde auf eure Gräber spucken" Mein Lieblingslied: "Le déserteur" Meine liebste Vian-Biographie: "Boris Vian. Der Prinz von Saint-Germain", von Klaus Völker, 12,90 Euro Meine zweitliebste: "Boris Vian" von Philippe Boggio (antiquarisch, ab 8 Euro) Zitat: "Wenn es schon nötig ist, sein Blut hinzugeben, dann geben Sie doch ihr eigenes hin. Sie sind mir ein schöner Apostel, monsieur le président." (aus: Le Déserteur)
Zitat
taz: Was glauben Sie: Wird Boris Becker diesmal wirklich heiraten? Friedrich Küppersbusch: Ich glaube, sie wollen es als Außenwette machen.
Administration
Ich kann's nicht ab, nicht mal, wenn es der von mir hoch geschätzte Andreas Zumach verwendet: Administration. Das ist im Deutschen eine Verwaltungsbehörde. Was Barack Obama betreibt, ist eine Regierung, auch wenn die US-Amerikaner es Obama administration nennen: Hierzulande ist es die Regierung Obama. Bitte. Ich weiß, Zumach liest dauernd englischsprachige Zeitungen und Texte, und dann schleicht sich sowas beim Schreiben ein. Aber er ist ja nicht der Einzige, der dauernd von Administration faselt, das tun auch öffentlich-rechtliche Journalisten, ohne zu denken. Aber hat die taz nicht eine berühmt gute Korrekturabteilung? Ihr gilt mein Appell: Schmeißt sie raus, die Administration! P. S. Das "berühmt gut" ist nicht ironisch gemeint. Neulich fiel mir in einer Kneipe ein Kulturteil der Welt in die Finger - ich hab nur so gestaunt, was da an Fehlern drin war. Und früher war die Frankfurter Rundschau geradezu berüchtigt für die Schlampereien der Korrektoren. Ob sich das geändert hat, weiß ich nicht. Liest noch wer die FR? Hallo? Liest noch wer die FR?
Nach Belieben leer
"Die Leere, die solche Beliebigkeit hinterlässt, ist irritierend", schrieb Elisabeth Raether über die "kultur"-Seiten der taz. Nein, falsch, sie schrieb das über die Modenschauen in Paris, auf den taz-"kultur"-Seiten, aber nicht gestern, sondern schon am Wochenende. Ein taz-Redakteur vermutet in der "Berichtigung", Leere und Beliebigkeit seien "womöglich" die "passenden Chiffren einer Zeit, der Strategien zum Ausweg aus der selbstverschuldeten Krise fehlen." Also hat die Zeit die Krise - und auch noch selbst - verschuldet? Oder die taz-kultur?
Blei über Berlin
Nur damit's nicht ganz verloren geht: Graphic Novel heißt das Genre auf Deutsch. Das heißt aber nicht graphischer Roman, sondern das sind Comics mit Romanhandlung. Okeh, es sind gezeichnete Geschichten, die wie ein Roman aufgebaut sind. Wobei Roman ja inzwischen Vieles sein kann. Ich will nur sagen: Kai Schlieters Besprechung des Bilderromans "Berlin - Bleierne Stadt" von Jason Lute ist so gut, dass ich mir die Lektüre des Buchs sparen werde. Der Carlsen Verlag wird den Verlust verkraften, Harry Potter und Gott sei Dank.
Palästina
Nein, heute gibt's nichts rumzunörgeln am Handwerk der Nahost-Korrespondentin. Solide Berichterstattung über die politische Entwicklung nach dem Gaza-Krieg. Ergänzend möchte ich anfügen: Die Blockade dauert an - nichts und niemand scheint imstande zu sein, die politische Klasse der Kriegsverbrecher, die sich in Israel die Demokratie gekrallt haben, zu einer menschlicheren Politik zu bewegen.
WWN*)
Wenn der Partner fremdgeht
Männer merken es laut einer Studie eher als Frauen, wenn der Partner sie betrügt. Und sie liegen mit ihrem Verdacht öfter richtig. Frauen haben indes mehr Grund für Misstrauen.
*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)
11. März 2009
Die Wahrheit
Dienstags nie.
Israel statt Bayern
Erinnert sich noch jemand an Mahmud Ahmadinedschads Argumentation? Der iranische Präsident fragte: Wenn die Gründung des Staates Israel nötig war, weil die Juden von den Deutschen verfolgt und umgebracht worden sind, warum wurde der Staat Israel dann nicht in Deutschland gegründet? Warum in Palästina, wo bekanntlich Menschen lebten, die mit dieser Verfolgung nichts zu tun hatten? Klaus Bittermann greift das auf, ohne Ahmadinedschad als Inspiration zu nennen: "Sicher wäre es gegenüber den Palästinensern gerechter gewesen, wenn den Juden für die Gründung Israels beispielsweise Bayern zur Verfügung gestellt worden wäre, aber es nützt nichts, dieser verpassten Gelegenheit nachzutrauern." Falls er gerade diesen Satz in seinem völlig ironiefreien Text ironisch meint, kommt es bei mir nicht so an. Bittermann fährt fort: "Die entscheidende Frage ist: Wie geht Israel mit seinen Minderheiten um? Sicher nicht zur Zufriedenheit der Minderheiten, aber besser als jeder andere Staat, der sich von Rebellen oder vielleicht auch nur von einer imaginären Gefahr bedroht sieht ..." In Afrika, Lateinamerika und Asien ist alles viel schlimmer, behauptet Bittermann. Ob er das schon vor dem Angriff der F 16-Bomber auf Gaza, vor dem Abschuss der Phosphorgranaten, vor der jahrelangen Blockade, vor dem Bau der Mauer geschrieben hat? Ob er noch nie von palästinensischen Flüchtlingslagern gehört hat? Geradezu abenteuerlich sind Bittermanns Gedankengänge: "Es ist unsinnig, den Israelis vorzuwerfen, sie hätten einen Staat gegründet auf einem Territorium, das bereits von anderen Menschen bewohnt wurde." Ah ja, unsinnig. Und weshalb sollte das Unsinn sein? Ganz einfach: Bittermann dreht das Argument um, das immer von Israel gebraucht wird, um Anspruch auf das Land anzumelden, und verwendet es gegen die Palästinenser: "Ein Volk. das quasi sein ursprüngliches Heimatland innerhalb bestimmter Grenzen durch eine überirdische Instanz zugesprochen bekam, gibt es höchstens in irgendwelchen religiösen Mythologien." Daraus folgt für Bittermann: Israelis und Palästinenser hätten beide gleichermaßen einen Anspruch auf dieses Land, und da gilt dann halt das Recht des Stärkeren: "In Palästina standen sich zwei gleiche Rechte gegenüber. Zwischen gleichen Rechten entscheidet oftmals die Gewalt, und Israel hatte in diesem Konflikt die bessere Armee und somit die besseren Karten." Weil Bittermann wohl einsieht, auf welches Terrain er sich mit dieser Argumentation begeben hat, behauptet er vorsorglich: "Das ist kein Zynismus, sondern die den meisten Nationalstaatsgründungen inhärente Bedingung." Im Grunde läuft's eben darauf hinaus: Wer mit den besseren Waffen beliefert oder beschenkt wird, hat das Recht auf seiner Seite. Und die Palästinenser wären noch viel schlimmer als die Israelis, wenn sie herrschen würden. Das behauptet Klaus Bittermann einfach mal so. Illustriert hat die Redaktion diesen Beitrag mit einem sehr eindrucksvollen, halbseitigen Foto: Umgeben von Rauchschwaden suchen vier Männer, ohne Waffen, mit leeren Händen, in einer Wüstengegend Zuflucht unter einem dürren Baum. Bildunterschrift: "Nichts schweißt eine Gemeinschaft besser zusammen als ein Feindbild: Palästinensische Demonstranten suchen bei Nilin im Westjordanland unter einem Olivenbaum Schutz vor israelischem Tränengas". Diese Relativierung bringt nicht viel, hier gilt mal wieder, dass ein Bild manchmal mehr sagt als tausend Worte.
Die Sau im Mediendorf
Ein sehr nachdenklicher Beitrag von Arno Frank zum Thema "öffentliche Erregung". Frank erinnert an die Erklärung der Menschenrechte, dass jeder, der nicht rechtskräftig verurteilt wurde, als unschuldig anzusehen ist. Am Beispiel des Abgeordneten, gegen den wegen Besitz von Kinderpornographie ermittelt wird, zeigt Frank, wie sehr dieser Grundsatz der Unschuldsvermutung im Medienbereich außer Kraft gesetzt wird. Erregung verkauft Nachrichten, "und Vorsicht ist immer geboten: So manche Sau, die da durchs Dorf getrieben wird, ist eigens zu diesem Zweck gezüchtet worden."
"Miss Kern"
Na, zumindest wurde sie von den russischen Kraftwerksbetreibern nicht heuchlerisch "Miss Kern" genannt, die schönste Frau der Atomindustrie: "Miss Atom" wurde gewählt, um die Bemühungen zu unterstützen, mehr öffentliche Akzeptanz für Erhalt alter und den Bau neuer Atommeiler zu bekommen. Bei uns sprechen die Befürworter lieber von Kernenergie und Kernkraftwerken, die Gegner benutzen Atom, weil's abschreckender klingt. Tanja Gaudian nimmt die Miss-Wahl zum Anlass, um das Verhältnis von Frauen und Protest gegen Atomkraft zu untersuchen. Fazit: Nö, die Masche zieht nicht, auch und gerade Frauen engagieren sich gegen Nuklearenergie, da hilft auch die von der Atomlobby unterstützte Initiative Women in Nuclear (WiN) wenig. Hoffentlich hab ich jetzt Eon nicht auf dumme Ideen gebracht, und sie benützen demnächst Teile ihres Rekordprofits von acht Milliarden Euro aus dem Jahr 2008 für eine Miss-Wahl. Sie seien gewarnt: Falls sie die Siegerin dann "Miss Kern" nennen wollen, müssen sie mir den Titel abkaufen. Hiermit melde ich Urheberrechtsschutz an.
Nicht ganz so einfach
Weshalb sich der taz-Rechtsexperte Christian Rath im Fall der somalischen Piraten voll auf die Seite der Bundesregierung stellt, geht mir nicht ganz auf. Zur Abschiebung nach Kenia schreibt Rath: "Ein solches rechtsstaatliches Verfahren ist in Kenia grundsätzlich gewährleistet. Das sagt auch Amnesty International." Nein, das sagen die nicht. Raths Meinung steht im Gegensatz zur ap-Meldung auf der "inland"-Seite: "Amnesty International kritisierte das Übernahmeabkommen, da die Einhaltung von Rechtsstandards in Kenia 'teilweise zweifelhaft' sei."
Beruferaten
Die Redakteure der Seite eins wissen, was den Leser interessiert: "Berufsgigolo muss für sechs Jahre in Haft". Gibt's auch Amateurgigolos? Sind das Typen, die kein Geld für ihre Dienste verlangen? Nennt man die dann noch Gigolos? So viele Fragen, da geh ich lieber laufen.
12. März 2009
Weißt du nicht, dass Gott Puh der Bär ist?
Für Jack Kerouac
Geboren in Lowell, im Bundesstaat Massachusetts. am 12. März 1922, gestorben am 21. Oktober 1969 in St. Petersburg, Florida, an zu viel Alkohol und gebrochenem Herzen.
"So in America when the sun goes down and I sit on the old broken-down river pier watching the long, long skies over New Jersey and sense all that raw land that rolls in one unbelievable huge bulge over to the West Coast, and all that road going, all the people dreaming in the immensity of it, and in Iowa I know by now the children must be crying in the land where they let the children cry, and tonight the stars'll be out, and don't you know that God is Pooh Bear? the evening star must be drooping and shedding her sparkler dims on the prairie, which is just before the coming of complete night that blesses the earth, darkens all rivers, cups the peaks and folds the final shore in, and nobody, nobody knows what's going to happen to anybody besides the forlorn rags of growing old, I think of Dean Moriarty, I even think of Old Dean Moriarty the father we never found, I think of Dean Moriarty, I think of Dean Moriarty." - Jack Kerouac - On the Road
"Wenn dann in Amerika die Sonne untergeht und ich auf dem alten, kaputten Pier am Fluss sitze und den weiten, weiten Himmel über New Jersey betrachte und all das raue Land spüre, das in einem unglaublich riesenhaften Wulst der Westküste entgegen rollt, und die Straße spüre, die dorthin führt, und all die Menschen, die in dieser Unermesslichkeit träumen, und weiß, dass jetzt in Iowa die Kinder weinen müssen, in diesem Land, wo man die Kinder weinen lässt, und dass heute Nacht die Sterne herauskommen werden; und weißt du nicht, dass Gott Puh der Bär ist? der Abendstern muss sinken und sein gedämpftes Funkeln über die Prärie ausstreuen, kurz bevor vollkommene Nacht die Erde segnet, und alle Flüsse verdunkelt und die Gipfel umhüllt und die letzte Küste hochgeklappt wird, und niemand, niemand weiß, was irgendwem beschieden ist, außer den trostlosen Fetzen des Alterns, dann denk ich an Dean Moriarty, ich denke sogar an den alten Dean Moriarty, den Vater, den wir nie gefunden haben, ich denke an Dean Moriarty, ich denke an Dean Moriarty." - Jack Kerouac, Unterwegs
Im Netz gibt es viele Seiten zu Kerouac und den Beat-Dichtern. Schier unerschöpflich ist kerouacalley.com/ Diesen Straßennamen gibt es tatsächlich, es ist eine kurze Gasse in San Francisco, die zwischen dem City Lights Bookstore und dem Café Vesuvio die Grant und Columbus Avenue verbindet. Die Website führt so ziemlich alle Namen auf, die irgendwie mit den Beats und dem Jazz ihrer Zeit in Verbindung gebracht werden können, dazu massenhaft Zitate aus Büchern und Gedichten.
Steuergelder für die Rüstungsindustrie
“Für konjunkturstützende Maßnahmen im Bereich des Investitions- und Ausstattungsbedarfs der Ressorts sollen dem Bundesministerium der Verteidigung 226,17 Mio. Euro zur Verfügung stehen.”
Das schreibt der parlamentarisches Staatssekretär Thomas Kossendey (CDU) auf eine Anfrage der Linksfraktion. Im Einzelnen kauft die Bundeswehr unter anderem 1000 Maschinenpistolen vom Typ MP7, 34 Dingo2 (ein Art gepanzerter Unimog für Patrouillenfahrten), zehn Fennek-Spähwagen und 37 zum Teil gepanzerte Tanklaster. Außerdem gibt’s zur Bescherung noch Minenjagdausrüstung, chirurgische Instrumente, Zelte, Stromgeneratoren, Toilettenanlagen (nein, keine gepanzerten Dixi-Klos) und ein “schocksicheres” Mehrzweck-Messboot (Kostenpunkt: 23 Millionen Euro).
(Quelle: tagesschau.de, 24. Februar 2009)
Was für eine schamlose Bagage, diese schwarz-rote Regierungsclique!
Oh neeeiiiinnn! Jetzt hilft nur noch beten
Agenturmeldung, 11. März 2009: In den gegenwärtigen Staatseingriffen in die Wirtschaft sieht die Kanzlerin jedoch eine Ausnahmesituation. Sie wolle so schnell wie möglich wieder auf den wirtschaftspolitischen Kurs vor der Krise zurückkehren.
WWN*)
Wenn Macken des Partners nerven
Offene Zahnpasta, ständiges TV-Zapping, Geiz im Restaurant: Wenn die erste Verliebtheit verflogen ist, dann beginnt für viele Paare der Alltag - und der kann anstrengend sein.
*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)
Freitag, der 13., März 2009
Revolution Number Nine
Gestern gab's nichts zur taz von vorgestern, ich weiß. Das lag überwiegend daran, dass ich keine Lust hatte und lieber Jack Kerouac gefeiert habe. Und in On the Road wurden nun mal keine Zeitungen gelesen. Die Kerle waren echte Zeitungsignoranten, allesamt hinter dem wirklichen Leben her. Wobei mir wieder der Politikwissenschaftler Eric Voegelin einfällt und sein Spruch, den er in einer Vorlesung abließ: "Schauen Sie sich nur mal an, wie der Karl Marx gelebt hat! Jeden Tag isser ins Britische Museum gegangen und hat dort Bücher gewälzt. Ein jeder Trambahnfahrer in Wien hat ein aufregenderes Leben geführt." Hat mich sehr beeindruckt. Genau wie Kerstin Decker, und damit komm ich doch noch auf die taz von vorgestern: "Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Revolution ausbricht, ist gegen Ende eines Jahrzehnts um 99 Prozent höher als zu Anfang eines Jahrzehnts." Das schreibt sie im Kommentar auf der Meinungsseite. "Es gibt kein Revolutionsjahr mit 0 oder 1 oder 2 hinten. Nicht mal eines mit 6.*) Revolutionen fangen bei der Endzahl 7 an - siehe Oktoberrevolution. Wir leben in gefährlichen Zeiten." Aber ja doch, "Ba-ba-banküberfall, das Böse lauert immer und überall". Das war ein sehr schöner Song von der Ersten Allgemeinen Verunsicherung. Aus Kerstin Deckers Revolutionsängsten schließe ich: Es wird höchste Zeit, dass wir die Kurve kriegen, es ist schon März, und wir haben nur noch neuneinhalb Monate Zeit, denn dann kommt ne 0 am Ende, und bis 2017 geht gar nichts mehr. Also, immer schön an John Lennon denken und mantramäßig wiederholen: "Number nine, number nine, number nine." Ach ja, und Amokläufer schlagen, wie vorgestern gleich zwei, am liebsten bei Vollmond zu. Und heute ist Freitag, der 13.!
*) 1776 zählt anscheinend nicht, weil die USA so weit weg waren.
Literatätärä: Untsiewegs
Ach ja, jetzt inzüchten sie wieder alle in Leipzig auf der Buchmesse, und mein Leib- und Magenblättchen hat gestern wie üblich bei diesem Anlass die Literataz beigelegt, illustriert mit Buchtiteln, bei denen das Geschlecht umgekehrt war: "Monsieur Bovary", "Lord Chatterly's Lover", "Gruppenbild mit Herren" undsoweiterundsofort. Beim dritten Beispiel war's schon langweilig. Brigitte Werneburgs einleitende Erklärung war spannender als die Kunst, die sie beschrieb. Mir kam dann die Idee, angesichts des Geburtstags von Jack Keroauc sein Buch "Unterwegs" in "Untsiewegs" umzutiteln. Okeh, ich zahl freiwillig zwei Euro in die Kalauerkasse. Buch und Rose
Ein altes Buch in pergamentnem Band, Jahrhunderte vielleicht nicht aufgeschlagen - Weil fremd sein Wort erklingt aus fremdem Land, Und alte Dichter wenigen behagen. Ein altes Buch fiel jüngst mir in die Hände, Und wie ich träumend seine Blätter wende, Und Moderstäubchen wirbelnd mich umfliegen, Seh staunend ich in seinem Schoß verdorrt, Doch Lenzensduft noch hauchend fort und fort, Verblichen, farblos eine Rose liegen.
Friedrich Halm (1806-1871)
Essbare Flugzeuge: Hochgradig irrelevant
Sie erinnern sich an meine sehr positive Einstellung in Bezug auf Michael Braungart und sein Cradle to Cradle-Prinzip? Von der Wiege bis zur Wiege? Menschliche Produktion, ohne Müll zu erzeugen? Wieder im Einklang mit der Natur leben, den Planeten nicht verbrauchen, sondern ihm zurückgeben, was ihm von Menschen genommen wurde? Mir erscheint das grundsätzlich vernünftig. (In "Alles Wugg!", dem Roman, der hier unten schleichbeworben wird, heißt es an einer Stelle, der Mensch sei das einzige Lebewesen, dass Müll erzeugt, und das einzige, das Religion braucht.) Nicht jeder vernunftbegabte Mensch findet Braungart und seine Ideen überzeugend, und nicht alle teilen die Ansicht seiner Frau, dass er besonders intelligent ist. So der taz-Leser Frank Schnieder aus Osnabrück: ""Ressourcensparendes Leben und Wirtschaften ist entgegen Michael Braungarts Sicht keine Miesepeterei, sondern ausgesprochen attraktiv - der intelligente Mensch strebt grundsätzlich danach, und zwar ohne materielle Not und drohende Klimakatastrophe. Braungarts Botschaft wird hingegen ausgesprochen gern gehört bei denjenigen, die rein gar nichts ändern wollen, aber so tun müssen, als ob. Dass seine Ideen für die Praxis hochgradig irrelevant sind, hat er längst selbst gemerkt. Deswegen beschert er uns nicht etwa das ökologische Flugzeug, sondern lieber den essbaren Flugzeugsitzbezug." Da möchte ich schon noch auf die Ansicht von Hermann Scheer verweisen: Man muss eben beides tun - aufhören, Öl und Kohle zu verbrennen, und im Sinne Braungarts neue Produktionskreisläufe verwirklichen. Das eine darf das andere nicht ausschließen.
Linke völlig gaga?
Die taz-Redakteure im "inland"-Ressort lauern nur darauf, Konflikte und Kontroversen in der Linkspartei aufzublasen und machen gern aus jedem Pickel eine Beule. So gestern wieder Felix Lee beim Thema bedingungsloses Grundeinkommen versus "Hartz IV light". Und beim Windmacherversuch wird aus dem Streben nach menschenwürdigem Dasein das Gegenteil. Es geht um ein internes Papier mit "Vorschlägen für eine bedarfsdeckende soziale Mindestsicherung". Daran wird von einem Mitglied, Werner Schulten, Kritik geübt. Und da verhaspelt sich Lee beim Zitieren: "Schulten und seine Mitstreiter stören sich vor allem an der Formulierung, dass es in der Verantwortung des Einzelnen liege, 'zumutbare Arbeit zur menschenunwürdigen Gestaltung seines Lebens zu nutzen.'" Na, da bin ich aber auch dagegen.
Neuer Amoklauf, altes Schema
Journalistenreflexe, wenn der Schalter "Amoklauf" gedrückt wird: Vermutungen; Falschmeldungen; Reporterherden vor Ort; "Entsetzen"; "Fassungslosigkeit"; Köhler; Merkel; Ministerpräsident; Amokexperten- und Psychologenbefragung; Schuld sind: Computerspiele - Waffengesetze - Schule - Elternhaus. Nichtzutreffendes streichen. ------------------------------Kommentar am 13. März
Recht hast mit deinem tazblog! Und spinnen tun's jetzt auch alle. Am besten: Deutschland weint. I net. Mich berührt der Amokschütze gar nicht, denn es werden noch viel mehr kommen. Weil's nämlich den Blödsinn nicht mehr ertragen und die dauernde Panikmache. Und wie so oft im Leben reagiert der eine auf Angst mit Mutlosigkeit, Trauer und Depression, der andere mit Aggression und Gewalt. Drum wird's noch viel öfter scheppern in nächster Zeit. Umso wichtiger: Sich abschotten und seinen eigenen Stiefel durchziehen.
- P. der Bär
14. März 2009
Geht's noch schlichter?
"Weg mit den Waffen!" So steht's als Schlagzeile auf der taz-Seite 1. Das ist an Schlichtheit kaum zu übertreffen. Doch: "Die Waffen nieder!". Oder: "Nie wieder Krieg!" oder: "Schwerter zu Pflugscharen!" Oder: "Ami go home!" Oder: "Nieder mit der Schwerkraft!" Toll fand ich das Foto der Tatwaffe, "Pietro Beretta" steht da eingraviert, und "Made in Italy". Spitzenpistole! So eine hatte ich schon als Kind, war aus gelbem Plastik, und unten am Griff war ein Stöpsel, da konnte man Wasser einfüllen: Spritzenpistole!
Hallo Achim und Eva!
Bei BP hat's noch fünf Tage gedauert zwischen ganzseitiger Anzeige und Interview mit dem BP-Chef. Bei Trikont lag nur ein Tag zwischen Anzeige (Donnerstag in der Literataz zur Buchmesse) und ganzseitigem Artikel über den Chef und die Chefin von Trikont. Na ja, ganzseitig war's dann doch nicht, weil der Axel Springer Verlag unten rechts noch eine Viertelseite für sein neues Magazin sounds by Rolling Stone geschaltet hat. Nur damit mich keiner falsch versteht: Nichts gegen einen Beitrag über Trikont und Achim Bergmann und seine laaangjährige Lebens- und Arbeitsgefährtin Eva Mair-Holmes. Heh, wenn was aus der linken Szene heraus entstanden ist, dann Trikont. Der Verlag und die Plattenfirma sind praktisch von Che Guevara in die Welt geschrieben worden. Die 200.000 verkauften Exemplare seines Tagebuchs sorgten für die Anschubfinanzierung. Und dann kam's halt, wie bei vielen linken Projekten: Dem Achim war der Partner Herbert Röttgen mit seinem weiteren Verlagsprogramm zu esoterisch, und er hat sich auf die Musik spezialisiert. Und dafür sei er gelobt und gepriesen, was ja Julian Weber in der taz auch tut: "Das Gedächtnis der Populärkultur" nennt er Trikont - Unsere Stimme. Vielleicht hätte er noch erwähnen sollen, dass neben Hans Söllner und anderen auch Georg Ringsgwandl zu den Musikern gehört, die ohne Achim Bergmann wohl nie so viele Leute erreicht hätten. Spitzendoppelporträtfoto oben quer über die Seite, Achim mit seinem unverkennbaren Charakterschädel, Eva mit leicht süffisantem Lächeln, aufgenommen mit wenig Licht im Dunkeln (Gerald von Foris, der Fotograf, hat eine Erwähnung hier verdient). Während ich das tippe, singt im Hintergrund Bally Prell. Gestern abend im Paradiso hat mir nämlich Herr Wagner, der große Münchenexperte aus dem nördlichen Lehel, eine Doppel-CD von Trikont in die Hand gedrückt. Da hatte ich gerade den Artikel über Achim und Eva zu Ende gelesen. Magie des Alltags - ich mag sowas. Die CD heißt schlicht "Bally Prell Aufnahmen 1955 - 1973". Und wie immer bei Trikont liegt ein sorgfältig gestaltetes Booklet mit vielen Fotos dabei, die CD-Hülle ist aus Karton, nicht aus Plastik, und Bally Prell singt zum Herz- und Steinerweichen. Wer nur ihre "Schönheitskönigin von Schneizlreuth" kennt, fällt von einer Überraschung in die nächste. Auf CD 2 singt sie sogar "Una furtiva lagrima" aus der Oper "Der Liebestrank" von Gaetano Donizetti, eine Arie, mit der auch Benjamino Gigli geglänzt hat. Und Klavier spielt die Bally!!!
Pech gehabt
Auf taz zwei eine Seite "pro" und "contra" Videospiele. Beim Lesen hatte ich den Eindruck, dass ein eher autoritätsgläubiger Mensch wie Christian Füller zu Verboten neigt, während Arno Frank auf die Fähigkeit zur Unterscheidung setzt. Die Jugendlichen "wissen, was sie tun. Und sie können, so sie keinen veritablen Dachschaden haben, sehr gut zwischen digitalisiertem und echtem Blut unterscheiden." Füller hat ausgesprochen Pech mit seinem "contra"-Beitrag: Er ist, wie der Minister in Baden-Württemberg, auf die gefälschte Ankündigung der Tat reingefallen und zitiert mehrmals aus dem angeblichen Chat-Beitrag. Das wirkt peinlich: "Alle lachen mich aus, niemand erkennt mein Potenzial" - man muss schon sehr verbohrt sein, um das nicht als Satire zu erkennen. Und Füller nimmt das für bare Münze und rekonstruiert damit den Tathergang. Tja, Pech gehabt. Da ich den Autor nicht besonders schätze, und Aufrichtigkeit einer der Grundsätze dieses Blogs sein sollte, gebe ich gern zu: Eine gewisse Schadenfreude kam beim Lesen schon auf.
Uuuuuäääähhh - ich kann's nicht mehr hören: Die Krise als Chance
Wenn schon im Untertitel steht "Die Finanzkrise ist die Chance ...", will ich gar nicht mehr wissen, wofür. Und ich will auch den Beitrag von Rudolf Walther auf der Meinungsseite nicht lesen, und ich will es nicht mehr hören und sehen, dass die Krise als Chance begriffen werden muss. Ich will vor so viel Phrasendrescherei (siehe unten: Sigmar Gabriel) nur noch schreiend davonlaufen.
Immer weiter
Ich weiß nicht, ob es jemanden gibt, der sich so besessen an Joseph Ratzinger, dem sechzehnten Benedikt, abarbeitet, wie der brave Redakteur Gessler in der taz. Vielleicht wäre er ja gern selbst Papst geworden, und neidet ihm die Stelle? Es vergeht selten ein Tag, an dem er sich nicht berichtend oder kommentierend an der katholischen Kirche und ihren personellen und anderen Erscheinungen reibt. Gestern schließt Philipp Gessler seinen Kommentar mit dem Satz: "Richard Williamson muss seine Holocaust-Leugnung widerrufen." Und dann? Wird alles wahrer?
Zitat I
"Und es ist einfach absurd, wie Frau Knaul die Hilfsbereitschaft des Tel-Haschomer-Krankenhauses in den Vordergrund rückt! Kaum sind rund 1.300 Palästinenser im Gaza-Krieg umgebracht worden, schon werden einige Überlebende in Israel behandelt. Mir kommen die Tränen." Monika Klaiber, Weilheim, in einem Leserbrief zu Susanne Knauls Beitrag "Solange Hamas herrscht ...", in der taz vom 5. März (siehe auch meinen Eintrag am 6. März)
Zitat II
"Auf den Cayman-Inseln unterhält die Commerzbank AG lediglich ein Buchungszentrum für das Firmenkundengeschäft, das uns die Möglichkeit gibt, Buchungen innerhalb der amerikanischen Zeitzone vorzunehmen." Simone Fuchs, Sprecherin der Commerzbank zu den Vorwürfen, diese würde ihren Kunden helfen, Steuerhinterziehung zu betreiben. Und ich hab den Playboy nur angeschaut, weil es da so tolle Interviews zu lesen gab.
Sigmar Gabriel und die unausrottbare Phrasendrescherei der SPD-Granden
"Mit der Linkspartei, die gegen den Lissabon-Vertrag ist, für Neonationalismus steht und für Gewerkschaftsrechte in Deutschland ist, aber nicht in Kuba, kann man auf Bundesebene keine gemeinsame Politik machen." Heiliger Marx & Engels - ich muss was verpasst haben. Hat die Linkspartei jetzt auch schon in Kuba was zu sagen? Und muss es nicht "Neon-Nationalismus" heißen? Ich erfahre es nicht aus dem Interview mit dem selbstgefälligen Umweltminister, für das die taz gleich drei Redakteure aufgeboten hat (um wenigstens gleich viel Pfunde auf die Waage zu bringen?). Die beste aller Gabriel-Phrasen zur Linkspartei kommt kurz vor Schluss: "Man muss ihr die Chance geben, in der Bundesrepublik endgültig anzukommen." Und was "Bundesrepublik" bedeutet, definiert die CDSFPDU, zusammen mit ein paar verwelkten Grünen - iss doch klar.
Amoklauf der Presse
Das beste und widerlichste Foto bringt die taz auf Seite 2: Dutzende von Fotografen stehen im Halbkreis um trauernd sich umarmende Menschen in Winnenden. Die Betroffenheitsshow für Bild, Funk und Fernsehen.
15. März 2009
Warum läuft Herr K. Amok?
Die interessantere Frage wäre doch: Warum laufen nicht mehr Leute Amok? Als ob's nicht Motive ohne Ende gäbe! Viel aufregender sind doch Leute, die nicht Amok laufen. Sie haben offenbar einen Grund gefunden, es nicht zu tun. So wie Albert Camus die Frage des Selbstmords als einzige wesentliche der Philosophie ansah. Genau zum richtigen Zeitpunkt kam Joachim Gaertners Buch heraus, ein "dokumentarischer Roman" über die Amokläufer von Littleton in Colorado, die 1999 an einer High School zwölf Schüler und einen Lehrer ermordet haben. Waren sie Vorbilder für deutsche Täter? Kann irgendetwas getan werden, um Nachahmung zu verhindern? Autor und Verlag (Eichborn) stellen es so dar: Indem man zu verstehen versucht, was in den jungen Menschen vorging, kann in Zukunft Schlimmeres verhütet werden. Dass ist, glaube ich, großer Unfug. Es geht eher darum, die Sensationsgier zu befriedigen und mit möglichst reißerischer, berührender Schreibe Bücher zu verkaufen. Darauf weißt schon der Titel hin: "Ich bin voller Hass - und das liebe ich". Im Original sagte er Junge vermutlich: "I'm full of hate - and I love it." Dieses "I love it" einfach so ins Deutsche zu übersetzen, na ja, ich weiß nicht. Würde es nicht heißen: Ich bin voller Hass - und das gefällt mir. Oder: ... - und ich mag das. Aber: "... das liebe ich"? Ach geh. Schwierigkeiten kriege ich erst recht, wenn ich in der mit der heißen Nadel gestrickten Buchbesprechung von Andreas Fanizadeh solche Sätze lese: "Der rasende, frustrierte, männliche Teenager wird zum Alb der westlichen Konkurrenzgesellschaft. Eine Plage ähnlichen Ausmaßes wie der religiös motivierte Attentäter des Orients." Edle Einfalt, keine Größe: Da wird mal wieder die westliche Gehirnwaschmaschine angeworfen. "Attentäter des Orients" - was für eine dummdreiste Verallgemeinerung - seien "religiös motiviert". Wenn sich eine junge Palästinenserin in Israel in die Luft sprengt, braucht sie doch keine Religion als Motiv - sie hat politische und gesellschaftliche Gründe im Dutzend. Wenn sich ein Iraker in Bagdad mit einem Bombengürtel ins Jenseits befördert und dabei US-hörige Polizeirekruten mitnimmt, braucht er auch kein religiöses Motiv, ebenso wenig wie der Afghane, der eine Autobombe ins Hauptquartier der Bundeswehr fahren will. Ganz abgesehen vom "Orient": Glaubt denn immer noch jemand, dass es in Irland um religiöse Motive ging, und nicht um die gesellschaftlichen Folgen des britischen Kolonialismus? Wer solche Vereinfachungen wie "der religiös motivierte Attentäter des Orients" in die Welt setzt, handelt entweder fahrlässig (das wäre Dummheit) oder hat unlautere Absichten (das wäre Propaganda). Aber vielleicht beginnt das Verständnis für den jugendlichen Amokläufer in der "westlichen Konkurrenzgesellschaft" mit der Erkenntnis, dass er hilflos und verzweifelt einen Ausweg aus den Zwängen der Ersatzreligion Konsumismus sucht.
Schweinshaxn mit Knödel
Auf den hier viel gescholtenen Reiseseiten hat jemand eine gute Idee umgesetzt: eine Anzahl kürzerer Texte unter dem Thema "Geheimtipps". Dharamsala, der Zufluchtsort des Dalai Lama in Nordindien gehört da gewiss nicht dazu, was aber im Untertitel schon relativiert wird: "... von dem allzu viele schon gehört haben." Vollkommen einverstanden bin ich allerdings mit Andreas Rüttenauer, den ich vorwiegend von den Sportseiten der taz, den "leibesübungen" kenne. Er beschreibt einen Nachmittag im Innenhof des Münchner Hofbräuhauses. Und es stimmt: Die meisten Menschen, auch langjährige Münchner, zucken bei Erwähnung dieser Touristenattraktion gelangweilt mit der Schulter und überlassen sie den Horden aus Japan, USA und Berlin. Das ist ein Fehler, und Rüttenauer beschreibt sehr schön, wie man dort eine gute Zeit verbringen kann. Vielleicht treffen wir uns mal, wobei ich aber vorausschicken möchte: Vier Mass wie der taz-Sportreporter vertrag ich nicht, nach zwei ist Schluss. Und die Schweinshaxn mit Knödel muss ich auch nicht unbedingt verdrücken. Aber "im Schatten der unerwartet riesigen Bäume" einen Nachmittag mit Nichtstun und freier Rede verbringen, da wär ich dabei. P. S. Völlig zu Recht auch warnt Rüttenauer vor der galoppierenden Schuhbeckisierung der Gegend. Und dabei zählt er das Schuhbeck-Imperium gar nicht vollständig auf: Neben dem Eisladen, dem einen Lokal, das sauteuer ist, dem Ein-Stern-Restaurant "das noch sauteurer ist" und dem Gewürzladen betreibt der umtriebige Gschaftlhuber rund ums Hofbräuhaus auch noch eine Kochschule. Nein, mit dem Hofbräuhaus hat er (noch?) nichts zu tun.
Zitat I
"Ich lebe seit 39 Jahren auf Kuba, und für mich ist es bis heute schwierig, die komplizierte Realität des Landes zu verstehen. Kuba ist ein surrealistisches Land, das nicht logisch funktioniert." - José Miguel Sanchez, Schriftsteller
Klemmi?
Ist es ein Zeichen von Verklemmtheit, wenn einem das Wort "nackt" nicht über die Tasten kommt? Wenn man stattdessen "nackig", "nackert" oder, wie taz-Autor Christian Buss in einer Vorabbesprechung des "Tatorts", "nackend" schreibt? Ich weiß es nicht, aber es klingt putzig, wie späte fünfziger Jahre: "Nach einigen riskanten, aber durchaus plausibel gehaltenen Handlungswendungen sitzen sich die beiden Schulfreundinnen nackend in einer Badewanne gegenüber." Rührend. Zeit für Müller-Lüdenscheid, und ewigen Dank an Loriot!
Zitat II, Interview
taz-Redakteur Christian Rath: Soll es zum Schutz der Privatsphäre Bereiche geben, in die der Staat verlässlich nicht hineinschauen darf? Innen-Staatssekretär August Hanning: Natürlich nicht.
Unsachliche Polemik meinerseits
Angekündigt wird es so: "Immer dann, wenn NS-Täterinnen im Mittelpunkt des medialen Interesses stehen, ist nicht Schuld, sondern Schuldfähigkeit das Thema." Okeh. Okeh? Ich versuche, mit großer Mühe, Sonja Vogels Geschwurbel über den Film und den Roman "Der Vorleser" zu verstehen. Die Mühe ist vergebens.
Deutschland wird wieder Weltmeister!
Er verblüfft mich immer noch: Barack Obama hat einen Nachtragshaushalt unterzeichnet, mit einer Regelung, die den Export von Streubomben verbietet. Wenn das so weiter geht, wird Deutschland doch wieder Weltmeister: in der Exportdisziplin Streubomben.
Ablenkung
Hah, da titeln sie groß und fett auf Seite 1: "Die Blamage der Amok-Ermittler". Das lenkt selbstverständlich munter davon ab, dass die tazler, allen voran Christian Füller, selbst auf die Fälschung reingefallen sind.
Und zum taz-mag?
Keine "Letzten Fragen" mehr? Das ist vielleicht besser so - die letzten "Letzten Fragen" waren das Letzte. Zum Gehirnforscher-Krimi morgen mehr - hab schon reingelesen, klingt gut. Hat übrigens schon mal jemand bemerkt, dass die Hirnforscher mit der Abschaffung des freien Willens in die Zeit vor Nietzsche und Aufklärung zurückfallen? Gott ist dann nämlich nicht tot. Gucken Sie doch mal beim Eintrag am 12. März vorbei, da steht's schwarz auf weiß: Gott ist Puh der Bär!
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