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tazblog 16. März 2009 - 31. März 2009
tazblog 16. März 2009 bis 31. März 2009
04.04.2009 11:49:57
16. März 2009

Heute keine Schlagzeile

Immer noch besser als die Schlagzeilen der taz in den letzten ... äh ... fünf (?) Tagen.

17. März 2009

Gottes Gehirn

Die Überschrift habe ich von Jens Johler geklaut, so heißt nämlich einer seiner Romane. Im tazmag vom Wochenende stand ein Vorabdruck aus seinem neuen "Krimi über Gehirnforschung" mit dem Titel "Kritik der mörderischen Vernunft". Das klingt etwas holprig, aber der lange Auszug in der taz - zwei Druckseiten, sehr schön! - macht neugierig: Da schreibt einer auf dem neuesten Stand der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskussion, und verpackt das auch noch in eine Romanhandlung, ohne dass es peinlich oder aufgesetzt wirkt. Hut ab, Herr Johler!

Gründungsmythos

"Braucht die erweiterte Bundesrepublik einen Gründungsmythos?", fragt die taz-kultur. Ich frag mich das nicht, und will auch keinen langen Riemen über "Ost-West-Identitäten und Symbolpolitik" lesen. Gabba-gabba-heh auf akademischem Niveau. Interessant eine Bemerkung von Dirk Knipphals in der Randspalte. Er schreibt über einen Messerundgang in Leipzig, wo er sich etwas widerwillig in die Halle 2 verirrt, wo Kinder- und Jugendliteratur und Comics zu Hause sind. Knipphals schwant Schreckliches: "Man ertappt sich bei dem Gedanken, das die ernsthafte Literaturberichterstattung das eigentliche Nischenprogramm darstellt, während hier zwischen Weltraum-Epen und Drachen-Geschichten, zwischen großäugigen Mädchenfiguren unnd säbelrasselnden Monstern die Post abgeht."
Da muss er durch, der taz-Mann, das muss er aushalten. Und: "Guten Morgen!"

Out of time

In Vertretung von Friedrich Küppersbusch beantwortet Jörg Thadeusz die Montagsfragen auf taz zwei. Dadurch bekomme ich ein Foto von Frau zu Guttenberg zu sehen, und ich muss Thadeusz zustimmen, wenn er sagt, die Frau des neuen Wirtschaftsministers sei sehr schön. Aber Grundsätzlicheres macht mir zu schaffen: Ich weiß beim besten Willen nicht, wer oder was ein Jörg Thadeusz sein könnte. Er schaut sensibel und sympathisch drein auf dem Passfoto, aber ich gestehe: Mir sagt der Mann gar nichts. Und in der taz wird offenbar vorausgesetzt, dass man ihn kennt. Ob er was mit Färnseh macht? Oder Kommedie? Jetzt könnt ich ja guggln, aber ich will nicht.
Das kommt davon, wenn man seinen Fernseher an einen fliegenden Händler aus Böhmen verkauft. Wann war das eigentlich? 1994? Ja, so in etwa. Und jetzt? Baby, baby, baby you're out of time - so sang mal Mick Jagger. 1965? Ja, so in etwa.

Leser an taz

"Ihr macht beim Amoklauf des Boulevards mit."
- Hanns Küper aus Werne über die Berichte zum Amoklauf in Winnenden

IRA - tvF*)

Wer wirklich wissen will, weshalb in Nordirland wieder britische Soldaten und Polizisten erschossen werden, kommt an der taz wohl nicht vorbei. Denn da schreibt Ralf Sotschek, und es gibt wohl kaum einen Korrespondenten, der seinen Job besser macht. Nicht nur bei der taz. Seit er nach der Ablehnung der EU-Verfassung (des "Lissabon-Vetrags") die Beweggründe der Iren aufgedröselt hat, bin ich vom kleinen zum großen Fan von Sotschek geworden. Und seine Reportage vom Montag gehört auch zum Feinsten. Zitat von Ruairi O Brádaigh, des Präsidenten der Partei Republican Sinn Féin: "Solange die britische Regierung und ihre Besatzungsarmee in Irland sind, wird es Iren geben, die Widerstand leisten." Und der Schriftsteller Ed Moloney (The Secret History of the IRA) ergänzt: "Der Wohlstand ist an weiten Teilen der katholischen Arbeiterklasse vorbeigegangen. In deren Vierteln ist die Verbrechensrate hoch, ebenso wie die Arbeitsllosigkeit und die Armutsrate."
Komm mir bloß keiner mehr mit religiös motivierten Attentätern!

*) taz vom Feinsten


Und gleich noch mal: tvF*): "Was wir machen ist falsch"

Wenn es Gründe gibt, dass die taz immer noch eine Existenzberechtigung hat, dann steht einer davon auf Seite 3 der Montagsausgabe: Das Interview von Ingo Arzt mit dem US-Soldaten, der sich weigerte, ein zweites Mal in den Irak geschickt zu werden. Er ist desertiert und hat in Deutschland Asyl beantragt. Der Mann heißt André Shepherd, und seine Gründe sind so nachvollziehbar wie die Erklärung, dass es nicht von unten nach oben regnet. "Manche (seiner alten Kameraden aus der früheren Einheit; -hp) meinten, zum Desertieren hätte ich auch einen Joint rauchen können, dann hätten sie mich nach einem Drogentest vielleicht aus der Armee geschmissen. Ich bin aber lieber ehrlich und sage: Was wir machen ist falsch."

*) taz vom Feinsten

Monsieur le président
je ne veux pas la faire
je ne suis pas sur terre
pour tuer des pauvres gens

- Boris Vian, Le déserteur

(Herr Präsident, ich werde es nicht tun. Ich bin nicht auf der Welt, um arme Leute umzubringen.)

WWN*)

Ein Cabrio mit satten 510 PS

Jaguar spendiert dem XKR ganze 100 PS mehr. Doch ist diese Rennkatze überhaupt noch alltagstauglich? Wir haben den aufgemotzten PS-Boliden getestet.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)


18. März 2009

Endwintersonnenschein

Heute kein Eintrag zur taz von gestern - aus freundschaftsbedingten Gründen kam ich gestern nicht so recht zum Lesen - erst hat mich die Edith abgehalten, und dann kam auch schon der Ulli an. Iss nicht weiter tragisch, weil ich die taz ja immer von hinten lese. Dienstags verdirbt mir ja regelmäßig schon die Wahrheit-Seite die Laune. Und heute scheint die Sonne, ich musste raus zum Laufen - vom Wald beim Aumeister komm ich her, ich muss euch sagen: Es frühjahrt ein bisschen. Hohoho.
Und jetzt scheint die Sonne immer noch. Also werd ich in die Wanne steigen, und danach die Frühlingsdüfte am Isarstrand schnuppern. Morgen geht's heiter weiter, und bis dahin empfehle ich den hochgeschätzten Gerhard Dilger aus der taz von gestern. Klicken Sie einfach hier!

19. März 2009

Die Macht wird neu verteilt: Neil Young ruft das Ende des Erdölzeitalters aus

Neil Young liebt große Straßenkreuzer. Und er liebt den Planeten Erde. Und er hat eine Vision: "Unser Ziel ist es, eine Generation zu inspirieren, indem wir zum Antrieb von Autos eine saubere Technik schaffen, die den  Bedürfnissen des 21. Jahrhunderts dient und eine Leistung erbringt, die den Geist des Fahrers widerspiegelt. Durch die Schaffung dieser Antriebstechnik hoffen wir, die Nachfrage für Treibstoffe aus Erdöl so weit zu reduzieren, dass es keinen Krieg mehr um Energiereserven geben muss, womit die Sicherheit der USA und anderer Länder auf der ganzen Welt gestärkt wird."
Tja, die ganze Welt - drunter macht er's nicht, der Neil Young. LincVolt heißt das Auto, ursprünglich ein Lincoln Continental Mark IV, Baujahr 1959, der längste (fünfeinhalb Meter) und schwerste (zweieinhalb Tonnen) Pkw, der jemals serienmäßig hergestellt wurde. Was er damit vorhat, erklärt Neil Young so: "Wir wollen ein Auto bauen, das keine Abgase ausstößt (zero emissions automobile), das unterwegs überhaupt nicht mehr aufgetankt werden muss, ein sicheres Auto mit einem starken Motor, das bequem ist und auf langen Strecken genauso wirtschaftlich betrieben wird wie auf dem Weg zur Arbeit, ein Auto, das Strom fürs Haus erzeugt, wenn es geparkt wird, und mit dem der Besitzer auch noch Geld verdienen kann."
Was wie Utopie klingt, ist Gegenwart. Über ein Jahr hat Neil Young mit James Goodwin, einem Automobilingenieur aus Kansas, und Uli Krüger, einem deutschen Physiker, der in Australien lebt, an seiner Vision gearbeitet. In einem Interview mit dem San Francisco Chronicle sagte Young: "Wir wollen Autos und Häuser, die sich selbst mit Energie versorgen. Was am Ende übrig bleibt, wird ins Netz gespeist. Wenn jeder solch ein Haus oder Auto besitzen würde, hätten wir verteilte und nicht zentralisierte Machtverhältnisse. Das wäre der Beginn eines neuen Zeitalters."
Noch in diesem Monat macht sich Neil Young in San Francisco zu einer Reise quer durch die Vereinigten Staaten auf, um der staunenden Öffentlichkeit seinen LincVolt vorzustellen. Auf langen Strecken, so hat Young in einem Interview auf CNN verkündet, braucht der konvertierte Straßenkreuzer statt ursprünglich 20 Liter Benzin nur noch 1,8 Liter Biodiesel auf 100 Kilometer. Erstes Fahrziel ist zunächst Detroit, wo er den LincVolt den verzweifelten Bossen der Automobilkonzerne vorführen will, und dann geht's weiter nach Washington. Neil Young dreht einen Film über den Trip und überträgt die Reise per Webcam auf LincVolt.com im Internet.
Aufmerksam geworden auf das Projekt und die Aktion bin ich nicht durch die taz (ähem!), sondern weil mir die Mona aus der fränkischen Provinz einen Zeitungsausschnitt der Nürnberger Nachrichten geschickt hat. Und dann hab ich noch ein bisschen rumgegugglt (einfach > Linc Volt < eingegeben), und fand einen langen Artikel in der Online-Zeitung Huffington Post von heute, 19. 3. 2009, über die Vor- und Nachteile von Elektro- und Hybridautos. Die Post hat auch schon einen Namen für die neuen Autos: SCEV, das sind Self Charging Electric Vehicles, also Elektroautos, die sich selbst aufladen. Der LincVolt, so die Huffington Post, beweise, dass das Prinzip funktioniert.
Am 3. April erscheint Neil Youngs neues Album. Es heißt "Fork In The Road" - die Straßengabelung, der Scheideweg. Nach seiner Reise mit dem LincVolt geht er auf Europatournee, am 17. Juni spielt er in München in der Olympiahalle. Ob er den LincVolt mitbringt?
P. S. Es könnte ja sein, dass der eine oder andere Leser dieses tazblogs noch nie von Neil Young gehört hat (so wie ich von Jörg Thadeusz). Also: Neil Young ist der größte Folkrocksänger und Songschreiber der Generation, die Ende der sechziger Jahre an die Öffentlichkeit getreten ist. Zuerst war er bei Buffalo Springfield, dann solo, dann mit Crosby, Stills & Nash, dann wieder solo, manchmal mit der Band Crazy Horse, die nach dem gleichnamigen Indianerhäuptling benannt ist. Young wohnt in Kalifornien auf seiner Farm Broken Arrow, unterstützt einmal im Jahr mit einem Benefiz-Konzert die Bridge School, eine Schule für behinderte Kinder (er hat selbst zwei), und der Konzertfilm Heart of Gold von Jonathan Demme gehört zum Besten, was jemals auf eine Kinoleinwand kam. Ich schwör's. Amen.

----------------------------------Kommentar

Zu Neil Youngs LincVolt-Projekt hab ich einen schönen Kommentar gefunden, auf der sehr empfehlenswerten Website climateprogress.org/. Wobei ich noch anfügen möchte, dass die gleiche Ansicht hier schon mal vertreten wurde, unter der Überschrift "Mit dem Elektroauto in die Sackgasse". Jim Bullis schrieb am 14. März 2009 um 5:23 pm: "Man braucht Brennmaterial, um Elektrizität zu erzeugen, und in den meisten Fällen ist das Kohle, und viel von der Wärme, die dabei entsteht, geht verloren. Erst wenn sich die Hoffnung auf bessere Stromquellen erfüllt hat, sollte das Fahren mit dem Lincvolt erlaubt werden."
Ich glaube, Jim Bullis kann geholfen werden: www.eurosolar.org

20. März 2009

Frühlingsanfang: Der Widderpunkt

Hier die Definition von Meyers Online-Lexikon: Äquinoktium [lateinisch] das, Zeitpunkt der Tagundnachtgleiche, am Frühlingsanfang um den 21. März (Frühlingsäquinoktium) und am Herbstanfang um den 23. September (Herbstäquinoktium). Die Sonne steht dann im Himmelsäquator und geht um 6 Uhr Ortszeit auf, um 18 Uhr unter. Die beiden Punkte, an denen sich die Sonne zur Zeit der Tagundnachtgleichen befindet, heißen Äquinoktialpunkte (Frühlings- oder Widderpunkt und Herbst- oder Waagepunkt).

Dies hier ist der Stand auf wetteronline:

Fr, 20.03.   11:00       0.6°C      einzelne Schneesterne

Ich mag nicht mehr. Ich hab's so satt. Ich protestiere! Ich will endlich wieder im T-Shirt und mit kurzen Hosen laufen! (Allerdings muss ich zugeben: "Einzelne Schneesterne" klingt sehr poetisch für nen Wetterbericht.)
 
Das Böse hat zwei Namen: CDS und CDO

Nie gehört? Ich weiß es von Ulrike Winkelmann: "Den eigentlichen Namen des Bösen - 'Credit Default Swaps', 'Collaterized Debt Obligations' - liest man erst seit einigen Wochen." Also, ich muss gestehen, ich hab's gestern zum ersten Mal gelesen, aber, mei, aus der taz kann man halt immer was lernen. Es geht in Winkelmanns Artikel um das Versagen der Medien, und die These, dass sie erst anfingen, über die Wirtschaftskrise zu berichten, als wir schon mitten drin steckten. Im Gegensatz zur These der taz-Redakteurin glaube ich nicht, dass es an mangelndem Fachwissen in den Redaktionen lag. Die blödstudierten Dummbeutel, die sich an den Kapitalismusinstituten breit machen, sind ja zum größten Teil Nationalökonomen mit Hochschulabschluss, und die Wirtschaftsredakteure von Spiegelzeitszhandelsblattmanagermagazin ebenfalls. Aber man sollte nicht vergessen: Die herrschende Lehre an den Universitäten ist die Lehre der Herrschenden. Und wenn einer nach zehn Semestern Kapitalismusstudium zur Zeitung kommt, wird er das verbreiten, was er gelernt hat: Kapitalismus. Der spätere Nobelpreisträger Paul Krugman, beileibe kein Antikapitalist oder Sozialist, ein Keynesianer wie er im (Lehr-)Buch steht, hat schon 2006/7 immer wieder vor dem Platzen der Immoblilienkrise gewarnt, nur wollte es keiner hören. Die neoliberale Ideologie war einfach zu mächtig, und wenn Sie sich, verehrter Leser, die Mühe machen, die Einträge dieses tazblogs im letzten Juni, Juli, August durchzuschauen, werden Sie sehen, dass die Meinungsseiten zu meinem dauernden Verdruss von den neoliberalen Boys und Greisen aus den konservativen, "arbeitgebernahen" Forschungsinstituten dominiert wurden. Die  Kritik von Ulrike Winkelmann an "den Medien" gilt genauso für die taz.
Manchmal frag ich mich: Wo sind die neoliberalen Schwätzer von der Seite "meinung & diskussion" alle geblieben? Stehen die seit September in der Ecke und schämen sich?

Kurz & gut

Klasseinterview von Anselm Worthik mit Will Oldham alias Bonnie Prince Billie, fast noch besser der kleine Kasten, in dem ein TO-Kürzel die Musik von Oldham und die CD vorstellt. -
Sehr schöne Reportage von Natascha Freundel aus Nowosibirsk über die Aktivitäten des Goethe-Instituts. Eine Kulturorganisation, die LaBrass-Banda ("eine bayerische Lederhosenband") nach Sibirien schickt, kann nicht ganz schlecht sein. -
Das kommt selten vor: Jan Feddersen spricht in seiner Kolumne meine Gedanken zum Amoklauf von Winnenden aus - so ähnlich stand das auch hier im tazblog und im Kommentar von P. der Bär vor ein paar Tagen. -

Zitat

"Keep calm and carry on."

Britisches Poster aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, das jetzt wieder reißenden Absatz findet.

Die taz: Das Grauen


Nur noch einen kleinen Nachtrag zur taz vom Mittwoch:
Überschrift Seite 13, taz zwei:
Das Grauen in der kleinen Stadt
Überschrift Seite 17, flimmern und rauschen:
Das nackte Grauen

P. S. Ein richtig guter Artikel, der auf Seite 13, Philipp Gessler schreibt über das Problem der Idylle in kleinen und mittleren Städten. Das kann ich noch gut nachvollziehen: Ich wusste schon mit 15, dass ich da raus muss. Viele wissen das in dem Alter, und nur gaaanz wenige reagieren mit Amoklauf.
Das angemerkt, sei noch an Karl Valentin erinnert: Inzwischen ist alles gesagt zu dem Thema, aber noch nicht von jedem.



21. März 2009

Astrologie: Johann Sebastian Bach, Gila von Weitershausen, Jean Paul

"Das Schöne am Frühling ist,
dass er immer dann kommt,
wenn man ihn am dringendsten braucht."



Jean Paul (1763-1825)



Das Schöne am obigen Frühlingszitat ist, dass es von Jean Paul stammt. Heute hat er Geburtstag, mein großer Landsmann: Alles Gute, lieber Jean Paul, wo auch immer Sie sein mögen. Dasselbe gilt für Johann Sebastian Bach (1685) und Gila von Weitershausen (1944). Den astrologischen Verwandtschaftsgrad der Geburtstagskinder zu erklären oder zusammenzureimen, überlasse ich Ihnen. Aber hätten Sie gewusst, dass die schöne, von mir seit dem Film "Engelchen - Die Jungfrau von Bamberg" (1968) hochverehrte Gila von W. einen Sohn mit Louis Malle in die Welt gesetzt hat? Das setzt wohl voraus, dass der französische Regisseur mit ihr das getan hat, was ich mir im Alter von 23 Jahren im Kino so sehnsüchtig gewünscht habe.
Das mit dem Sohn stammt aus kalenderblatt.de, wo man immer nachgucken kann, wer an dem jeweiligen Tag geboren ist. Und sich dann (meist unergiebige) Gedanken zum Wesen der Astrologie machen.
Eine längliche Abhandlung aus meinem Federkiel zu und über Jean Paul finden Sie oben in der Menüleiste unter "iWugg Indietext". Meine Empfehlung, geneigter Leser!

Puls fühlen: Leben Sie noch?

"Und wen packte nach zwei Wochen in einer bayerischen oder niedersächsischen Kleinstadt nicht insgeheim der Wunsch, einen Baseballschläger zu nehmen und auf den Marktplatz den Stadtbrunnen zu zertrümmern oder die Auslage des Souvenirladens in eine Scherbenlandschaft zu verwandeln? Aber man tut es selbstverständlich trotzdem nicht."
Philipp Gessler, taz vom 18. März 2009

Nur um nicht missverstanden zu werden: Der taz-Redakteur hat völlig Recht. Und wer diesen Wunsch nicht verspürt, sollte mal den Puls fühlen - es könnte sein, dass  er schon tot ist.

Frühling

Nun ist er endlich kommen doch
In grünem Knospenschuh;
"Er kam, er kam ja immer noch"
Die Bäume nicken sich's zu.

Sie konnten ihn all erwarten kaum,
Nun treiben sie Schuß auf Schuß;
Im Garten der alte Apfelbaum,
Er sträubt sich, aber er muß.

Wohl zögert auch das alte Herz
Und atmet noch nicht frei,
Es bangt und sorgt; "Es ist erst März,
Und März ist noch nicht Mai."

O schüttle ab den schweren Traum
Und die lange Winterruh:
Es wagt es der alte Apfelbaum,
Herze, wag's auch du.

Theodor Fontane (1819-1898)

taz von gestern:

Speichelleckerjournalismus: Diesmal die Süddeutsche

Dem ständigen Wahrheit-Autor und Mit-Münchner Rüdiger Kind (hallo, wie geht's? Lange nicht gesehen!) verdanke ich diese wunderschöne Fundsache aus der SZ und den trefflichen Kommentar dazu. Da schrieb nämlich Thomas Öchsner über den neuen blaublütigen Wirtschaftsminister: "Ein Mensch mit Disziplin, das ist der erste Eindruck. Hinzu kommt das Erscheinungsbild, die guten Anzüge, die vollendet gebundenen Krawatten, die Hemdkragen, die akkurat nach hinten gekämmten, gegelten Haare. Alles sitzt. Wenn der neue Bundeswirtschaftsminister den Raum betritt, richten sich sofort viele Blicke auf ihn.' Nur die des SZ-Reporters nicht, denn der ist derweil vollauf damit beschäftigt, das vollendet geschnürte Schuhwerk des Freiherrn abzulecken."

King Kahn

Jetzt soll er also Manager bei Schalke werden, unser aller Olli. Nur der Kaiser stänkert dagegen an, wie ich auf der Seite "leibesübungen" erfahre. Sagte Beckenbauer: "Ich würde ihm davon abraten, er ist noch in der Findungsphase. Ich glaube nicht, dass er jetzt schon bereut wäre." Wie? Vielleicht meint er "es bereut hätte"? Es bereuen würde? Oder muss es "bereit" heißen? Ich bin noch in der Findungsphase.

Warum auf Deutsch, wenn's englisch besser klingelt?

"Schafft ein Resettlement-Programm!", fordert Sabine am Orde als Titelzeile auf der Seite "meinung und diskussion". Was das ist, erklärt sie dann schon nach gut der Hälfte ihres Kommentars: "Also ein Neuansiedlungsprogramm." Klingt auch nicht viel besser. Aber "Resettlement" hat einen höheren Klingelfaktor für Leute, die gern mit angelsächsischen Fremdwörtern um sich werfen. Klingelingeling, ach, was bin ich cool!

Die Stimme der Vernunft ...

... darf Jerry Sommer auf der Meinungsseite unterbringen, und er wendet sich an die Leute, die sich ihre Iranophobie aus den Jahren der Bush-Regierung noch nicht abgewöhnt haben. Es ist schon erstaunlich, wie die journalistische Meute (auch und gerade bei uns) in den letzten Jahren mit den Wölfen der Bush-Cheney-Gang geheult hat. Sommer plädiert für eine realistische, propgagandafreie Sicht auf die iranische Urananreicherung: Die kann nicht verhindert werden, sehr wohl aber die Herstellung von Atomwaffen. Und Sommer gibt zu bedenken: "Dass der Iran nach Atomwaffen strebt, ist ohnehin eine Behauptung, eindeutige Beweise liegen bisher nicht vor."
Interessant: Jerry Sommer schrieb seinen Beitrag, bevor die Videobotschaft Barack Obamas ans iranische Volk veröffentlicht wurde.

Die Kriegsverbrechen Israels

Seltsam, dass solch brisante Meldungen in der taz nicht von der Israel-Korrespondentin kommen, und noch seltsamer, dass sie auf Seite 10 unten versteckt werden: Meldungen von dpa und afp bestätigen, dass israelische Soldaten willkürliche Morde und Erschießungen von Zivilisten zugegeben haben. "Beim Stürmen von Häusern, in denen sich Zivilisten aufhielten, hätten Soldaten wahllos und ohne Vorwarnung um sich geschossen." Das konnte jeder, der wollte in dem Film "Waltz with Bashir" im Kino sehen. Da ging es um den Überfall auf den Libanon im Jahr 1982. Im Jahr 2009 in Gaza sah es nach Aussage eines Soldaten so aus: "Die Vorgesetzten sagten uns, dies sei in Ordnung, weil jeder, der dageblieben ist, ein Terrorist ist. Ich habe das nicht verstanden - wohin hätten sie denn fliehen sollen?"
Der Leiter der Militärakademie, auf deren Versammlung die Soldaten ihre Aussagen machten, Danny Samir, sagte der Presse: "Für uns war das ein totaler Schock." Der Mann sollte vielleicht gelegentlich mal ins Kino gehen. Weiter heißt es in der Agenturmeldung: "Die israelische Organisation Rabbiner für Menschenrechte nannte die Vorfälle einen 'moralischen Tsunami' und rief zur nationalen Trauer und Buße auf."
Zitiert werden auch noch die Opferzahlen, die das Palästinensische Zentrum für Menschenrechte bekanntgegeben hat. Danach wurden "insgesamt 1.434 Palästinenser getötet und weitere 5.303 verletzt. Unter den Todesopfern seien 960 Zivilisten."


22. März 2009

"Die Weckung des Wunsches, hart zu arbeiten"

Schon wieder Bude! Zwei taz-mag-Seiten darf sich das unvermeidliche taz-mag-Maskottchen Heinz Bude ausbreiten, diesmal hält er eine "Laudatio zur Verleihung der Heinrich-Tessenow-Medaille" an Richard Sennett. Was es mit dieser Medaille auf sich hat, wer sie verleiht, ob und wie hoch dieser Preis dotiert ist, erfährt der Leser nicht (so viel zum Handwerk des zuständigen Redakteurs). Grundtendenz wie immer bei Bude: Kapitalismus als System ist schon okeh. "Einigkeit besteht freilich darin, dass wir mit dem Reichtum, den wir nach wie vor mit und durch den Kapitalismus schaffen, nach diesem Schuss vor den Bug fantasievoller, nachhaltiger und intelligenter umgehen sollten." Geht's noch platter? Aber ja. Vorher wiederholt er seine sattsam bekannte Litanei, die er vor zwei Wochen (oder war's erst letzte Woche?) im Interview mit Jan Feddersen ablassen durfte: ""Es existiert zwar ein Unbehagen am Kapitalismus, selbst bei jenen, die ihn in den letzten Jahren so sirenenhaft besungen haben, aber zur Disposition will ihn niemand stellen."
So weit, so bekannt. Das ist selbstverständlich die ewige Leier der Sozialdemokratie, dass man beim Kapitalismus nur hier und da ein paar Stellschrauben nachziehen muss, weil gelegentlich ein paar Dinge doch nicht so ganz vom freien Markt geregelt werden. Es geht ja in der Gesellschaft, System egal, nur um "die Weckung des Wunsches, hart und gut zu arbeiten".
Das ist sozialdemokratisches Gewäsch verbunden mit protestantischer Arbeitsethik. Ich hab ja neulich schon gefragt, auf welchem Planeten der Herr Bude wohl wohnt, wo "niemand" den Kapitalismus "zur Disposition stellen" will. Ob man sich so devot mit den herrschenden Kräften in unserer Gesellschaft gemein machen muss, um anderen einen Lehrstuhl für Soziologie wegzuschnappen?
Und warum zum Teufel darf Heinz Bude seine schrägen Thesen dauernd in der taz wiederkäuen?

Der Schaum der Wochen

Als ob dieser furchtbare Soziologe nicht genug Unfug für eine Ausgabe des tazmags verzapft hätte, kommt hinten drauf schon wieder Saskia Sassen zu Wort, eine der dümmsten Frauen der westlichen Hemisphäre. Sie gehört zu den Leuten, denen der Unterschied zwischen Technologie und Technik immer noch nicht aufgegangen ist, weshalb sie solche Sätze von sich gibt: "Man braucht die neuen Technologien nicht, um die Subjektivität zu haben." Wirklich, das sagt sie.
Bei aller Dummheit hat sie offenbar ein großes Talent zur Selbstvermarktung und Schaumschlägerei. Weil sie mit Richard Sennett verheiratet oder -bandelt ist, kann zumindest ein Bogen zum Beitrag von Heinz Bude auf den ersten Seiten geschlagen werden. Saskia Sassens Aussagen haben den Tiefgang eines Aschenbechers, sie reiht eine Hohlformel an die vorhergehende und hat absolut nichts zu sagen.
Dafür steht sie aber ständig in der taz. Wat sagt uns taz?

Die Wahrheit: Zwei Treffer

Oben beim Wetterfrosch ein Märchen, das ich am liebsten vollständig zitieren würde, und als Hauptbeitrag lässt sich Christian Bartel unter dem Titel "Archiv auf Grundeis" über Köln im Allgemeinen und den U-Bahnbau im Besonderen aus.

Christian Bartel gehört mindestens zur Top Five der Wahrheitschreiber. Es geht in seinem Beitrag darum, was bei den Räumungsarbeiten alles im Schutt des Kölner Stadtarchivs gefunden wurde (und vielleicht noch wird): "'Das ist das Originalmanuskript der Rede Wolfgang Niedeckens anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises', sagt Klöppner-Krempel und grölt ergriffen den berühmt geworden Refrain der Rede 'Verdamp lang her, dat mich noch jemand ernst nahm.'"
Tja, da hat Christian Bartel nicht mit den Organisatoren des taz-Kongresses und ihrem stllvrtr. Chefred. gerechnet. Die nehmen den Niedecken noch heute so ernst, dass er sogar nächsten Monat zur Eröffnung singen darf. Aber da treten ja auch Heinz Bude und Saskia Sassen auf.
Würg.

Papierkorb: Die schönsten Plattitüden der Weltpresse

"Auch im Tourismus ist die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen, im Fachjargon Corporate Social Responsibility (CSR), zum Schlüssel moderner Unternehmenskultur geworden".
- Untertitel auf den "reise"-Seiten

Inititiative Neue Soziale Marxwirtschaft

Ah, was für ein Gag von Attac! In einer Auflage von 150.000 Exemplaren verteilen sie eine täuschend echt nachgemachte Zeit in 90 deutschen Städten. Datum: 1. Mai 2010. Die taz berichtet darüber ganzseitig, und Stefan Spiegel und Benjamin Weber gelingt ein wunderbares Stück Information, das zeigt, auf welch hohem Niveau diese Zeitschriftenparodie gestrickt wurde. Schade, dass ich kein Exemplar abbekommen habe, aber unter www.die-zeit.net kann man einen Einddruck bekommen, wie gut das Blatt gemacht ist. Die Idee kam aus New York, wo im November die Künstlergruppe "The Yes Men" eine New York Times nachgemacht hat, die ebenfalls eine Wunschausgabe aus der Zukunft (4. Juli 2009) war. Die Titelzeile da oben weist auf eine getürkte Anzeige in der Zukunfts-Zeit hin.
Übrigens: The Yes Men werden auch am taz-Konress im April teilnehmen. Also nicht nur die oben erwähnten Schnarchnasen und Daniel Cohn-Bendit.

Klassetitel - tvF*)!

Ja, gegen die erste Seite der Wochenendausgabe ist nichts, aber auch gar nichts einzuwenden. Denn es ist schon sensationell, wenn ein Politiker tatsächlich etwas tut und nicht nur die moralische Nummer bedient (z. B. gegen "Heuschrecken" und Managergehälter wettern) und alles beim Alten lässt: Barack Obama versucht tatsächlich, die Bonuszahlungen an Pleitemanager mit 90 Prozent zu besteuern. Da kann man nur hoffen, dass sein Elan ansteckend wirkt. Ja, ein Spitzentitel - das Foto von Barack Obama in der Pose von "Uncle Sam Wants You", die subtile Montage im Präsidentensiegel ("100 % Money Back Guarantee"), und die Schlagzeile "Obama schockt die Manager". Unter dem Bild steht noch ein feiner Kommentar von Malte Kreutzfeldt, der bei der taz für "wirtschaft und umwelt" zuständig ist (das 1a-Ressort). Schön auch Obamas Äußerungen, die Adrienne Woltersdorf (immer noch Fan) auf Seite 3 zitiert. Nachdem Obama im Fernsehen in der Jay Leno Show erklärt hat, der Versicherungskonzern AIG sei nur Teil eines viel größeren Problems sagte er noch: "Das kleine schmutzige Geheimnis" sei, dass die hoch riskanten Geschäfte in der Finanzwirtschaft, die Amerika in die schwere Krise getrieben haben, "völlig legal" gewesen seien.
Ach geh. Das soll ein Geheimnis gewesen sein?

P. S. Dumm gelaufen: Der taz-Leser erhält eine Fehlinformation, die ihn zu der Annahme verleiten könnte, Obama würde sich doch wieder nicht trauen, das Geld von den Reichen zu holen. "Die Regelung soll rückwirkend zum Jahresanfang gelten, allerdings nur für Manager, deren Haushaltseinkommen 250.000 Dollar nicht übersteigt, und nur für Unternehmen, die mindestens 5 Milliarden Dollar Hilfen erhalten haben." Da ist nur der zweite Teil des Satzes richtig. Im ersten muss es heißen: "... nur für Manager, deren Haushaltseinkommen 250.000 Dollar übersteigt."
Ist das wichtig? Heh, darauf kommt's an: Obama holt sich das Geld dort, wo es bei der Verteilung von unten nach oben angekommen ist. Sehr zu Recht weist denn auch Malte Kreutzfeldt auf Seite 1 darauf hin, es gäbe keine Gerichtsurteile, die einen höheren Steuersatz auf Spitzeneinkünfte verhindern: "Dennoch gelten Steuersätze von über 50 Prozent in Deutschland selbst für Millioneneinkünfte als Tabu. Die USA zeigen jetzt: Tabus zu brechen ist nur eine Frage des politischen Willens."

*) taz vom Feinsten


24. März 2009

Schlingensief und das kalte Rieseln

Unglaublich. Unfassbar. Seit über einem Jahr weiß er jetzt, dass er an Lungenkrebs erkrankt ist. Und hört nicht auf, seine Kunst trotzdem (oder deswegen) weiterzuführen. Eva Berendt berichtet so umfassend wie sachkundig über "Mea culpa", die neue Inszenierung von Christoph Schlingensief am Wiener Burgtheater: Ein Stück über sein eigenes Leben und Lieben, mit der Gewissheit, bald an Krebs zu sterben. Da rieselt's mir kalt über den Rücken, und das hat nichts damit zu tun, dass in der vergangenen Nacht die Temperatur in 15 Minuten  von sechs auf null Grad gefallen ist. Die Dächer und Gärten im Hinterhof sind wieder durchgehend weiß bedeckt, und ein dichter Schneesturm um neun Uhr morgens wirbelt noch mehr Winter vor mein Fenster.
Heh, Schluss jetzt mit dem Unfug, es reicht!

Bildung bildet

Ich hol' mir meine Bildung, wo ich kann, wenn's sein muss, sogar aus der taz. Da schreibt die blitzgescheite Elisabeth Raether lange Riemen über die Modeschauen in Paris und anderswo, und ich bin immer ganz perplex, wie man aus Klamotten so viel Verbindungen zu Geschichte, Gegenwart, Kunst und Handwerk rausholen kann. Gestern schrieb sie über die Ausstellung des Modeschöpfers Martin Margiela im Münchner Haus der Kunst, die gleichzeitig mit einem Laden in der Maximilianstraße eröffnet wurde. Vor dem neuen Geschäft standen "von oben bis unten weiß angepinselte Fahrräder, deren Sättel und Griffe von einem weißen Baumwollstoff überzogen sind". Damit konnten die Leute zum Haus der Kunst hinüberradeln, und an der Vernissage-Party teilnehmen (wenn sie eingeladen waren). Eine nette Idee, und Raether nimmt sich eines der weißen Stahlrösser. "Steigt man vom Fahrrad ab, vor dem Haus der Kunst angekommen, die Hände steif gefroren, sind die schwarzen Wildlederschuhe von der abgeblätterten weißen Farbe mit feinen Sprenkeln überzogen. Ein Palimpsest?"
Ah, der taz-Fremdwörtertest! Grübel. Was war das noch mal? Ein Lösungsmittel? Ich guck doch gleich bei Novalis rein, da kam mir das schon mal unter, auf der ersten Seite des "Monolog". Nein, knapp daneben: Alkahest, stand da, und in meiner krakeligen Studentenhandschrift mit Bleistift angemerkt: Lösungsmittel. Also zum zuverlässigen Nachschlagewerk "Auf deutsch", das schon ganz zerfleddert in Reichweite des Schreibtischs liegt. Treffer! Ein Palimpsest ist eine "Handschrift auf Pergament, das vorher schon einmal beschrieben worden war".
Eigentlich ein schönes Bild für Elisabeth Raethers schwarze Wildlederschuhe nach der Fahrt mit dem weiß angepinselten Fahrrad.
Ja, gell, schwer was los in München!

Kaffee(er)satz

Für Friedrich Küppersbusch wurde aushilfsweise Jörg Thadeusz montags befragt. Das war wie der Ersatz von Mocca durch Kaffee koffeinfrei. Beispiel?
Frage taz: "Die Opel-Belegschaft will sich am eigenen Konzern beteiligen, um mehr Einfluss auf Entscheidungen zu bekommen. Sollten die Arbeiter den Laden nicht gleich ganz übernehmen? Wird dadurch alles besser?"
Antwort Thadeusz: "Auch wenn Nordkorea bestimmt ein schönes Hinterland hat: Ich kann Sozialismus nicht leiden."
Ist die Antwort nur dämlich oder schon bösartig?

Die falsche Zeit

Das gefälschte Wochenblatt hat ganz schöne Irritationen hervorgerufen. Nicht nur mein Kollegenfreund Tim Cole hat an eine Werbeaktion des Zeit-Verlags geglaubt, und das viel zu dünne Blättchen in einen Papierkorb der Fußgängerzone von Recklinghausen entsorgt. (Wohin einen der Zwang zum freiberuflichen Geldverdienen aber auch führen kann!). Auch "Martin, 46" und "Andrea, 35," wissen laut taz-Bericht vom Montag "nicht wirklich, was sie mit der Zeitung anfangen" sollen. "Nach der Lektüre wird Martin und Andrea jedoch klar, dass das nicht die echte Zeit ist. Ein Problem haben sie beide nicht. 'Wenn es einem guten Zweck dient, ist das okay für mich', sagt Martin." 
Im tazblog habe ich mir Sonntag noch gewünscht, die Fälschung in die Hand zu bekommen, schon am Montag wurde mein Wunsch vor der Wohnungstür erfüllt: Attac hat die vorgetäuschte Zeit taz-sächlich der taz beigelegt. Und ja, diese Zeitungsparodie ist verdammt gut gemacht und ausgesprochen ernst gemeint. Die Grundidee: Was könnte in einer Ausgabe der Zeit vom 1. Mai 2010 stehen? Was hat sich zum Positiven verändert? Was von dem, was Attac und andere denkende Menschen fordern, ist tatsächlich verwirklicht worden? Damit können Ideen verbreitet, neue Denkansätze vorgestellt, andere Formen des Wirtschaftens erwogen werden. Was mir am besten gefallen hat, war die Kritik an der Zahnlosigkeit der Mainstream-Presse, die Kungelei mit den politisch Mächtigen, Meinungen, die dann als alternativlos verbreitet werden, was nur der Aufrechterhaltung von Macht und der ungebrochenen Umverteilung von Volksvermögen nach oben dient. (So wie jetzt die meisten Maßnahmen zur "Bekämpfung der Krise".)
Im Editorial der gefälschten Zeit heißt es: "Wenn diejenigen, die darüber berichten könnten, sich schweigend am Büffet gütlich tun, werden demokratische Prozesse konterkariert. Für die Redaktion der ZEIT ist es ein Anliegen, mit diesem Schweigen zu brechen und an die Seite der interessierten und wachen Bürgerinnen und Bürger zurückzukehren. Unsere Aufgabe als Journalisten besteht nicht darin, mit am Tisch zu sitzen, sondern zu berichten und kritische Fragen zu stellen. Das werden wir in Zukunft tun."
Unterschrieben ist das Editorial mit "Matthias Trocken" - ein eher müder Kalauer, wenn man weiß, dass der stellvertretende Chefredakteur der "echten" Zeit Matthias Nass heißt. Den ebenfalls echten Chefredakteur Giovanni di Lorenzo zitiert die taz mit den Worten: "Fälschungen können wir natürlich nicht gutheißen, vor allem nicht in dieser Qualität." Na, wenn das kein Kompliment ist! Die taz weiter: "Eine Klage schloss der Verlag jedoch aus. Er staune über den Aufwand, dass ginge richtig ins Geld, sagte Di Lorenzo. Darüber habe man bei Attac geschmunzelt, sagt Fabian Schedler. Der Großteil der Arbeit sei ehrenamtlich geleistet worden. Die Kosten zur Produktion hätten bei 15.000 Euro gelegen, die zum großen Teil durch Spenden finanziert wurden."
Falls Sie auch ohne bedrucktes Papier einen Eindruck gewinnen wollen, sei noch einmal www.die-zeit.net/ empfohlen. Ich hab dort ein bisschen rumgeklickt, und bin bald auf den Online-Seiten der "echten" Zeit gelandet.
An dieser Stelle wird's mal wieder echt Zeit für das Motto der Monty Python Radio Show: "And remember: everything you know is wrong - so long, seekers!"

Zwei Augen, ein Gewissen - tvF*)

Eine Spitzenreportage auf taz zwei von Marco Lauer! So geht das: Die besten Geschichten liegen auf der Straße, man muss nur nach Gammesfeld bei Rothenburg ob der Tauber fahren, und sie aufheben. Titel: "Auf dem Trockenen". Es geht um die Raiffeisenbank Gammesfeld, die kleinste Bank Deutschlands, ein Unternehmen ohne Krise. Lauer schreibt über Fritz Vogt, den legendären Vorgänger des jetzigen Bankiers: "Einst, um die Bank in seinem Sinne und dem der Genossen weiterzuführen, drohten Vogt drei Jahre Gefängnis, weil ihm die Bankenaufsicht 1984 die Betriebserlaubnis entzog und er trotzdem weitermachte, illegal. Einen hauptamtlichen Mitarbeiter sollte er einstellen, damit die Kontrolle durch das Vier-Augen-Prinzip auch in Gammesfeld gelte. Seine beiden Augen und sein Gewissen sähen gut genug, entgegnete Vogt. Erst 1990, nach zähem Ringen durch die Instanzen, gab ihm das Berliner Oberverwaltungsgericht die Erlaubnis zurück."

*) taz vom Feinsten!

Phrasen sind zum Dreschen da, faleri und falera!

I
"Repression ohne Prävention ist nicht viel wert. Ohne Stärkung der Zivilgesellschaft und demokratischer Jugendkulturen wird es nicht gehen. Ohne eine Politik, die es den Menschen ermöglicht, ihr Leben selbstbewusst zu gestalten, bleibt alles Makulatur."

- Eberhard Seidel auf der Seite "meinung und diskussion"

II
"Mit dem Wissen von heute hätte man eine solche Transaktion mit dieser Verschuldungsthematik sicher nicht gemacht."

- Georg Schaeffler, Sohn von Marie-Elisabeth Schaeffler, zur Übernahme von Continental

WWN*)

Flirten will gelernt sein

Ansprechen, lächeln, in die Augen schauen - richtig flirten ist gar nicht so einfach. Aus Angst vor einer Abfuhr halten sich viele zurück. Wir zeigen, worauf es wirklich ankommt.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)








25. März 2009

Krugman spricht

Sie wissen ja, Paul Krugmans Blog gehört zu den Adressen, wo die Vernunft vorherrscht. Gestern meinte er zu der Idee, in den  USA eine "Bad Bank" anzulegen und den Banken ihre faulen Kredite abzukaufen: "Es ist ein bisschen enttäuschend zu sehen, dass sich die Regierung Obama auf diese Weise an der Verherrlichung des Markts beteiligt - Märkte als eine gute Sache an sich auszurufen, statt als oft, aber nicht immer nützliches Mittel für einen bestimmten Zweck. Aber ich habe Grund zu der Annahme, dass sie, im Gegensatz zu den Bushies, eigentlich nicht dran glauben; es ist einfach nur Politik. Und das ist nach meiner Einschätzung tatsächlich besser, als wenn echte Marktfanatiker die Dinge bestimmen."
(Quelle: http://krugman.blogs.nytimes.com/ , 24. März 2009)




Die taz macht damit auf Seite eins auf: "Obamas Reste-Rampe". Ulrike Herrmann findet die Idee auch nicht gerade berauschend: "Was also soll der Krampf?", fragt sie, und kann nicht verstehen, weshalb die Banken nicht gleich vom Staat übernommen werden: "Denn bei verstaatlichten Banken ist ausgeschlossen, dass private Investoren Gewinne einfahren, während die Regierung die Verluste auffängt." Aber Herrmann weiß auch weshalb das nicht geht in Ami-Land: "Die US-Politik scheint zu fürchten, man könnte sie des 'Sozialismus' bezichtigen."
So isses. War früher das schlimmste Schimpfwort der Konservativen für den politischen Gegner "liberal", so ist das inzwischen von "socialist" abgelöst worden. Und "socialist = communist" - und da dräut immer der Schatten von Stalin. Obama muss also seine eher sozialdemokratischen Maßnahmen im Geiste von John Maynard Keynes so verkaufen, dass keiner "Sozialismus!" schreit. Das meint Krugman da oben, wenn er sagt: "... es ist einfach nur Politik."

Zen und die Kunst des Färnsehs

Ach, was für ein kleiner Textdiamant auf der Seite "flimmern und rauschen": "Erhaben gleitet der gelbe Stein über die Bahn, losgelöst von den  Krisen dieser Welt. Anmutig wischen die Besen das Eis, tauen es für die Dauer eines Schmetterlingsflügelschlages. Curling - das Zen des Winterleistungssports."
Das steht da als Programmhinweis auf die Übertragung der Curling-WM auf Eurosport.

Super: Dichter

In Köln, der Stadt der eintürzenden Altbauten, gibt es immer im März anscheinend eine Art literarisches Oktoberfest, so was wie eine Dichter-Wiesn: Die Lit.Cologne. Darüber berichtet in der taz Christian Werthschulte und kommt zu dem Fazit: Es geht wenig bis gar nicht um die Qualitäten von Texten, sondern um den Auftritt bei der Lesung, die dann rezensiert wird wie ein Pop-Konzert. Jepp, das ist der Lit.Circus, und wer da mitmacht ist entweder selbst schuld, oder weiß darüber hinaus genau, was er tut. So wie T. C. Boyle, dessen Foto beim Bühnenauftritt mit Moderatorin fast so groß aufgemacht ist wie der Text - in dem er dann gar nicht vorkommt.

Keine schlichte Lobbypolitik

Da behauptet Rudolf Walther in einem Nachklapp zu seinem Text vor ein paar Tagen, der Appell "Für Publikationsfreiheit  und die Wahrung der Urheberrechte" sei "nicht ein Verlegerkomplott und schlichte Lobbypolitik". Um dann die Namen von 15 Erstunterzeichnern aufzuzählen, von denen sechs Verleger sind.
Nö, diese Lobbypolitik ist bestimmt nicht schlicht.

Was? Ich? Avantgarde?

Ob sich die Bezeichnung "Meggins" durchsetzen wird? Sie werden fragen, was das sein könnte. Nun, Enrico Ippolito erklärt es dem geduldigen taz-Leser: Das sind "Leggins für den Mann". Nun gibt es bestimmt Menschen, die auch nicht wissen was Leggins sind. (Das erklärt Ihnen übrigens auch die Kurzgeschichte "Elvira", die sie hier oben in der Menüleiste unter "iWugg IndieText" finden.) Also: Diese hautengen Strumpfhosen, die unten keine Socken dran haben, sondern am Knöchel aufhören. Inzwischen haben sie sich beim Ski- und Radfahren auch bei Männern durchgesetzt, beim Eislaufen und beim Laufen. Da heißen sie Lauftights, und ich hab mir im vergangenen Herbst wohlweislich welche bei Tchibo gekauft (schwarz, mit kleinen Reflektoreinsätzen am Oberschenkel), und ich kann nur sagen: Gott segne den Erfinder dieser High-Tech-Laufhosen! Unfassbar, was da an Ingenieurgeist reingeflossen ist - sogar an besondere Netzeinsätze zum Ableiten des Schweißes an den Kniekehlen wurde gedacht. Und ich kann es bezeugen: Mit diesen Textilien an den Beinen kann man selbst bei minus zehn Grad und strammem Nordwestwind locker die zehn Kilometer runterschnurren, selbst bei Eis und Schnee - grad schee!
Nun geht es in dem kleinen Zweispalter in der taz allerdings nicht um Sport, sondern um Mode. Der Autor hat offenbar bei Modenschauen die Lauftights oder Leggins an Männerbeinen erblickt, kombiniert mit kurzen Hosen. Und richtig verweist er auf die Herkunft aus der Pop-Musik der siebziger Jahre, als die "Glam-Rocker" gern mit bonbonfarbenen Strumpfhosen auf der Bühne standen - man denke an Mick Ronson, den Gitarristen von David Bowie, oder, wie die taz-Fotoredaktion, an Kiss. Da erhebt sich selbstverständlich die Frage: "Braucht Mann in  diesem Frühjahr Leggins, um im Gespräch zu bleiben?" Für die taz keine Frage: "Unbedingt."
Tja, es iss ne Weile her, dass ich Avantgarde war, aber ich möchte dran erinnern, dass ich meine "Lauftights" schon seit letzten Herbst drei Mal die Woche anhabe. Und ganz allgemein muss man als Angehöriger von Avantgarden nur lang genug durchhalten - irgendwann kommt das, wofür man stand, sowieso wieder vorbei.
P. S. William Kotzwinkle hat mir in den achtziger Jahren mal erzählt, er wäre wohl Musiker geworden, wenn es ihn nicht zum Schreiben gedrängt hätte. Und er sei ganz froh darüber, nicht in Neonunterhosen vor 10.000 Leuten auftreten zu müssen.




Esst keine Wurscht!




Ein schöner, undogmatischer Artikel von Marlene Halser: Sie ernährt sich veganisch, also vegetarisch minus Milchprodukte. Aber so ganz strikt hält sie die Vorschriften nicht ein, denn gegen Wildlederschuhe und Lederjacken hat sie nichts. Um zu zeigen, wie tolerant sie ist, führt sie auch noch ihren fleischfressenden Lebensgefährten an. Dessen Oma meinte allerdings, ihn wegen der spinnerten Veganerin trösten zu müssen: "Junge, du findest schon noch die Richtige."
Es gab mal die blöde Frage an Träger von Synthetikstoffen: "Heh, Mann, was glaubste wie viele Polyester für deine Jacke umgebracht wurden?"




Deutschunterricht




"Trotzdem gibt es keinerlei Anzeichen aus der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Codex, Gender Diversity in die Empfehlungen des Kodexes aufzunehmen."




- Anke Domscheit auf der Seite "meinung und diskussion"




26. März 2006

Neumond

Im Mondkalender finde ich in der Abteilung Neumond die üblichen astrologischen Sprüche: "Während dieser Mondphase sollten sie Neues beginnen und schlechte Gewohnheiten ablegen. Dieses trifft besonders im Zusammenleben mit anderen Menschen zu (Partnerschaft, Arbeitskollegen, Freunde). Des weiteren ist es zu diesem Zeitpunkt etwas leichter, Freund- und Partnerschaften zu knüpfen."
Hah! Schlechte Gewohnheiten ablegen - zum Beispiel unschuldige taz-Redakteure und -Autoren beschimpfen, mich über Platitüden lustig machen (oder schreibt man das "Plattitüten"?), polemisch und unsachlich über die Berichterstatter aus fernen Ländern herfallen, nur gelten lassen, was ich für richtig halte.
Wissen Sie was? So langweilig will ich nicht werden. Ich behalte meine schlechten Gewohnheiten, denn ab einem bestimmten Alter (wann, weiß ich nicht genau) machen Schrullen, Marotten, Eigenheiten und -sinnigkeiten und, ja, auch schlechte Gewohnheiten einen großen Teil der Persönlichkeit aus ("Idiosynkrasien", für die Kulturredaktion). Da hau ich lieber verbal um mich, denn dieses taz-Web-Logbuch entsteht in Notwehr.



Weshalb es höchste Zeit wird, an Fritz Vogt zu erinnern. Kennen Sie nicht? Der kam Montag in der schönen Reportage von Marco Lauer über die kleinste Bank Deutschlands vor (Titel: "Auf dem Trockenen"). Und das hab ich heute bei www.czyslanyky.net hinterlassen, wo Tim Cole einen fulminanten Artikel eingestellt hat, in dem er seinem Zorn gegen die Zensurversuche der Frau von der Leyen Luft macht:
"Mir fällt zu deinem mit ehrlicher Empörung geschriebenen Beitrag der Spruch von Bert Brecht ein, den sich Fritz Vogt, der frühere Chef und einzige Angestellte der Raiffeisengenossenschaftsbank in Gammesfeld bei Rothenburg ob der Tauber, handschriftlich über seinen Schreibtisch gehängt hat: 'Dass du dich wehren musst, wenn du nicht untergehen willst, wirst du doch einsehen.'
Es ist schon klar, dass mit Kampfbegriffen wie 'Kinderpornographie' und 'Killerspiele' ganz durchsichtig Wahlkampf getrieben wird. Die Familienministerin weiß ganz bestimmt, was sie tut, und die Neben- und Auswirkungen der angestrebten Maßnahmen - Zensur im Allgemeinen - sind in ihren Kreisen ja durchaus erwünscht. 'Wehret den Anfängen' greift allerdings zu kurz. Über die Anfänge sind wir längst hinaus, wir sind bereits mittendrin."

Mittwochs-Wahrheit I

Wunderbar, der Beitrag über die Unterwassergrenze im Bodensee von Patrick Brauns. Jetzt muss die Geschichte des Gewässers neu- bzw. umgeschrieben werden. In dem prachtvollen und dennoch wohlfeilen (9,90 Euro) Bildband "Der Bodensee" (Fotos von Toni Schneiders, Text von einem gewissen Hans Pfitzinger) steht nämlich noch, die Grenze zwischen Schweiz und Deutschland sei im Untersee, dem kleineren Teil des Bodensees, nicht markiert. (Äääh, eine Prise Besserwisserei sei an dieser Stelle eingestreut: Wenn es stimmt, dass "die weltweit einzigartige Unterwassergrenze" demnächst "eröffnet und bald als 'Sea Art' gefeiert wird", gebe ich zu bedenken: Nur der Schwabe bezeichnet den Bodensee als Meer, für andere bleibt er ein - zugegeben ziemlich großer - See. Und dann muss es "Lake Art" heißen, gelle?)

Mittwochs-Wahrheit II

Feiner Barack-Obama-Ernüchterungsbeitrag von Hartmut el Kurdi: Na klar ist er in der Politik tätig, hat ja nie was anderes behauptet. Und el Kurdi gibt zu, dass ihn Obama bei aller skeptischen Nüchternheit, mit den er sein Tun verfolgt, immer wieder überrascht, zum Beispiel mit der Rückkehr "zur guten alten US-Taktik, mit Feinden, die man nicht besiegen kann, zu verhandeln." Yes.

Deutsches Zensurmuseum

Iss das nicht ganz wunderbar? Es gibt ein "Deutsches Zensurmuseum", zumindest online: www.deutsches-zensur-museum.de Das erfahre ich aus einem gaaanz feinen Interview, dass Michael Eichhammer mit Roland Seim geführt hat, seines Zeichens "Zensurforscher".  Seiner Behauptung, die Berichte der Boulevardmedien seien gefährlicher als Videospiele, mag ich nicht widersprechen. Seim hat einen erfreulich mehrseitigen Zugang zur Materie, nur erfahre ich nicht, was er zum Schluss gesagt hat, denn der Text bricht mitten im Satz ab. Dabei kam es mir vor, als hätte er mich direkt angesprochen, der Zensurforscher, als er an den Philosophen Hans-Georg Gadamer erinnerte, der zu bedenken gab, "dass der andere auch Recht haben könnte. Man sollte also nicht nur auf seinem Standpunkt beharren, sondern auch mal gucken, was den anderen so umtreibt. Wahrheit und Weisheit hat keine Seite" - so bricht es ab, kein Punkt nach Seite, einfach Schluss, umblättern hilft nix. Man muss sich sein Teil denken - aber das hat doch auch was für sich.

Zitat

"Es fehlt eine Vorstellung, die weiter reichen würde als hysterische De- oder Inflationsangst, das Geschimpfe auf Managergehälter, die Mantras von Konjunkturbelebungen auf diese oder die entgegengesetzte Art. Als könnten Gesellschaften dümmer werden, als könnten sie von einer Generation zur nächsten komplett vergessen, was sie bereits einmal gewusst haben."
Ulrich Peltzer auf der Seite "meinung und Diskussion, 25. 3. 2009 ("Ohne Begriffe kein Denken")

K. Mustermann, Hauptstelle für Befragungswesen

**** - so sah der obere Rand der Seite drei nach der gestrigen taz-Lektüre aus: Vier Sterne habe ich mit Kugelschreiber über "Informant Migrant" geschrieben, eine Seite-3-Reportage vom Feinsten. Christian Fuchs hat sich in die Niederungen des Bundesnachrichtendiensts begeben, und unter dem Namensschild "K. Mustermann" die "Hauptstelle für Befragungswesen" gefunden. Sie ist am Berliner Hohenzollerndamm 150 untergebracht, und man könnte auf die Idee kommen, die BND-Leute würden die "Wahrheit"-Seite in der taz lesen. Dort berichtet Jan Ullrich in unregelmäßigen Abständen aus dem "Ministerium für Aufgaben und Angelegenheiten". Christian Fuchs hat fleißig recherchiert und herausgefunde, dass der BND Exil-Iraker (davon gab es 46.000 in den Jahren 2000 bis 2005) systematisch ausgeforscht hat, um Informationen über Bombardierungsziele im Irak an die USA-Geheimdienste weiterzugeben - und damit an die Air Force. So sah eine der deutschen Beteiligungen am Irak-Krieg aus.
"Hauptstelle für Befragungswesen" - ich krieg gleich zuviel!




27. März 2009

Prachttitel

Jeden Morgen die Ungewissheit beim Aufrollen der taz: Werde ich mich über den Titel freuen, isser mir wurscht, werd' ich mich ärgern? Aufrollen? Ja, die taz kommt zusammengerollt hier an, mit einem schmalen, weißen Plastikband verschnürt, weil der Zusteller sie dann leichter in den langen Flur schmettern kann, wo sie dann eher selten vor meiner Tür zu liegen kommt. Meist muss ich der taz ein gutes Stück entgegenkommen, und das ist jetzt durchaus symbolisch gemeint.
Gestern Morgen entrollte sich ein Prachttitel: Ein Frauenporträt, Grundfarbe blau weil die blonde Dame wohl vor einem blauen Gemälde saß, blaue Augen, dünner helllila Strickpullover, mit beiden Unterarmen auf einen Tisch gelehnt, in der Hand einen Kugelschreiber, von dem nur die blaue Spitze am linken Ellbogen aus den Fingern der rechten Hand herauslugt. Spitzenfoto. Katharina Heimeier hat es aufgenommen, die Autorin des Seite-3-Artikels. Titelzeile: "Ärztin mit Courage". So schaut sie aus. Thema: Sie ist die einzige, die im tiefschwarzkatholischen Paderborn Abtreibungen vornimmt. Wahlspruch: "Ich stelle die Frau, die lebt und mir gegenübersteht, über das ungeborene Leben."
Mein Kommentar: kein Kommentar.

tazjazz

Vor vielen Monden hab' ich hier schon mal entschuldigend darauf hingewiesen, dass ich so gut wie nie Christian Bröcking, den taz-Mann für Jazz erwähne. Das liegt an der Qualität seiner Beiträge: Es gibt einfach nichts dran auszusetzen. Der Mann weiß Bescheid, schnappt sich die richtigen Themen und Personen, versteht sein Schreiberhandwerk, wird nie peinlich. Deshalb nur ein Zitat, das er gestern Joshua Redman, Sohn von Dewey in den Mund legt: "Wer sagt, dass man Jazz verstehen muss, dem antworte ich, dass ich ihn nicht verstehe. Wir kommen der Musik jedenfalls nicht näher, wenn wir sie mit zu viel Gerede überfrachten."

Sprache

Im "Merkheft" von 2001 hamse vor vielen Jahren in jeder Ausgabe die Werbetrommel gerührt für einen Klassikvirtuosen, den Joachim Kaiser als "der größte gelebt habende Pianist" bezeichnet hatte. Das ging so über Monate und Jahre, und keinem fiel auf, was für ein schlechtes Deutsch das war. Gestern fängt eine Meldung auf den "kultur"-Seiten "unterm strich" so an: "Der sich gegen die Scanpraktiken von Google-Books wendende Appell 'Für Publikationsfreiheit und die Wahrung der Urheberrechte' ... sorgt für Diskussionen."
Ach Gottchen.

Wendy Gondeln

Es gibt tatsächlich eine Band, die so heißt: Wendy Gondeln. Das bedeutet, dass ein Filmtitel unauslöschlich ins öffentliche Bewusstsein eingedrungen ist: "Wenn die Gondeln Trauer tragen". Man erinnert sich? Julie Christie, Donald Sutherland, Venedig, unfassbar toll gefilmte Liebesszene, Tod, Spannung, Horror, Kanäle, Gondeln, Venedig. Das war der Film von Nicolas Roeg, der nach dem Kultfilm "Performance" (Jagger/Pallenberg) ein größeres Publikum erreichte. Und dann fällt mir noch ein Meisterwerk ein von Roeg, aber nicht der Titel: Oliver Reed mit junger Frau auf einer einsamen Südseeinsel - ein absoluter Wahnsinnsfilm.*) Na ja, Roeg stand immer auf der Kippe, und davon hat er in seinen Filmen berichtet. Jetzt erfahre ich in der "dvdesk"-Kolumne von Ekkehard Knörer, dass es ihn noch gibt. Nicolas Roeg lebt, ist so um die 80 und hat 2007 einen Spielfilm mit dem Titel "Puffball" gedreht. Ich hab nichts davon mitgekriegt, aber dass es den für 15 Öre auf dvd gibt, issne gute Nachricht. Vielleicht kann ich mal nen Menschen mit sonem Player überreden, ihn auszuleihen und mich zum Gucken einzuladen.

Bis später - ich muss jetzt raus und mich vom Westwind durchblasen lassen (Böen mit 50 km/h sagt wetteronline), der die Bäume im Hinterhof umwedelt. Marmorierter Himmel mit etwas Blau, Barometerzeiger senkrecht, acht Grad - ich freu mich aufs Laufen.

*) Castaway, lief auch mal unter dem deutschen Titel "Die Insel". Issmir ums Verrecken nicht eingefallen, musste guggln. Ich hab ihn mindestens vier Mal auf Video gesehen - es gibt da eine Szene, in der Roeg genüsslich zeigt, wie die Spitze einer nackten Brust hart wird.

Apichatpong Weerasethakuls

Ein Name wie ein Gedicht, oder eher wie ein Mantra: Apichatpong Weerasethakuls, Apichatpong Weerasethakuls, Apichatpong Weerasethakuls. Ein feines Interview mit dem thailändischen Regisseur, der vom 3. bis 15. April im Münchner Filmmuseum geehrt wird. Für die taz fragt ihn Tilman Baumgärtel aus und erwähnt sein Motto "In fünf Milliarden Jahren wird es auch die Sonne nicht mehr geben." Das hat mich sehr an ein Gedicht von Nazim Hikmet erinnert. Zwei schöne Antworten von Apichatpong Weerasethakuls möchte ich noch anführen: "Wenn man an den Markt denkt, macht man solche Filme wie ich am besten überhaupt nicht." Und: "Meine Hauptabsicht ist, etwas Ehrliches zu machen, etwas, das mich anregt."

Lesehemmung

Wenn es im Untertitel heißt: "Der Umzug in die Kleinstadt war ein biographischer Backlash. Auch die Pubertistin wird ihn später mal erleiden" - dann kann es sich nur um einen Beitrag der Gruselspießerin handeln. Es überkommt mich tiefes Mitgefühl mit ihrer Tochter, und ich blättere rasch weiter.

Bitte. Bitte! Bitte!!!

Keine Nahaufnahmen des Gesichts von Josef "Feistkopf" Fischer mehr. Danke.



Nur Fliegen ist schöner

Die Malediven verschwinden, weil der Wasserspiegel ansteigt. Schuld daran ist die Klimaerwärmung. Die wird zu einem großen Teil vom Flugverkehr verursacht. Da muss der Reporter doch schnell mal hinfliegen, zu den Malediven, um drüber zu schreiben. Die Malediver behaupten von sich, "dass sie zum Treibhauseffekt so gut wie nichts beitragen - ihr kleines Land ist nach Regierungsangaben für 0,0012 Prozent des globalen Kohlendioxidausstoßes verantwortlich." In der nächsten Spalte erfahren wir dann: "Mehr als eine halbe Million Reisende kamen im letzten Jahr auf die Malediven." Mit dem Flugzeug.
(Ach was, die sind alle mit dem Paddelboot hingefahren.)
Aber davon abgesehen: Sehr informativ, der Artikel von Alexander Dluzar.

Vaclav Klaus for President!

Blödsinn, er isses doch schon.





28. März 2009

Als dann der Frühling im Garten stand,
Das Herz, ein seltsam Sehnen empfand,
Und die Blumen und Kräuter und jeder Baum
wachten auf aus dem Wintertraum,
Schneeglöckchen und Veilchen hat über Nacht
der warme Regen ans Licht gebracht,
Aus Blüten und dunkler Erde ein Duft
durchzog wie ein sanftes Rufen die Luft.

- Percy Bysshe Shelley (1792-1832)


"Automatisch verbessert": Pharma-Schleichwerbung in der taz


Wie anders sollte man das nennen, was Barbara Kerneck da auf der Wissenschaftsseite betreibt? Grob fahrlässige PR für die Pharmafirma Novartis? Nachdem sich langsam herumgesprochen hat, dass das Hochspielen von ADHS, das sogenannte Zappelphilipp-Syndrom bei Kindern (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) im Wesentlichen eine Kampagne des Pharma-Multis zum Absatz seiner Droge Ritalin war, suchen sie jetzt nach neuen Opfern - Erwachsenen. Dabei ist bereits die Diagnose fragwürdig und es ist nicht erwiesen, ob man überhaupt von einer Erkrankung reden kann. Der taz-Artikel weist durchaus darauf hin, wie umstritten die Verabreichung dieser Speed-Droge bei Kindern ist, propagiert dann aber ziemlich unverhüllt die Abgabe an Erwachsene, "damit sie in Beruf und Alltag erst auf Augenhöhe mit Nichterkrankten antreten können."
Noch deutlicher wird die Stoßrichtung ganz zum Schluss: "Schüler bewegen sich in einem so engen Korsett von Aufgaben, dass die Medikamentenabgabe meist automatisch ihre Schulleistungen verbessert. Erwachsene hingegen müssen entscheiden, was sie mit ihrer neu gewonnenen Effektivität überhaupt anfangen wollen."
Mit Ritalin werden Schulleistungen "automatisch verbessert" - so einfach macht es sich nicht einmal mehr der Hersteller Novartis. Dieser Artikel ist skandalös. Mir ist bei diesen Sätzen fast schlecht geworden. Für wie dumm hält Barbara Kerneck ihre Leser eigentlich?

Ich habe die folgenden Informationen aus www.das-gesundheitsportal.com/sites/ritalin.html:
 
"Ritalin kann folgende Nebenwirkungen haben: Müdigkeit  Übelkeit, Appetitlosigkeit, Blutdruckstörungen, Schwindel, Erschöpfung, Depressionen, Ängste, Verdauungsstörungen, Wachstumsverzögerungen, Schlaflosigkeit.
In den USA wurden Studien durchgeführt, wie z.B. die „Talking back to Ritalin“ Studie von Dr. Peter Breggin. Er konnte beweisen, dass das Wachstum des Gehirns behindert bzw. gehemmt wird. Das Gehirn wiegt bei Kindern, die regelmäßig Ritalin zu sich nehmen weniger, als bei gleichaltrigen Kindern ohne diese Gabe. Zudem nimmt die Gehirndurchblutung um 23 % ab. Diese Gefahren sind nicht zu unterschätzen.
Da die regelmäßige Einnahme von Ritalin auch zu Appetitmangel führt, werden die wichtigen Vitalstoffe, Vitamine und Mineralstoffe noch weniger aufgenommen, was zu stetig steigendem Energiemangel führen kann.
Ritalin sollte nur stark gewalttätigen und aggressiven Kindern gegeben werden. Am besten zusammen mit einer Verhaltens- bzw. Psychotherapie für Kinder.
In den letzten Jahren hat hier ein Wandel stattgefunden, Ärzte wägen genau ab, ob die Einnahme von Ritalin sinnvoll ist oder nicht und welche Alternativen es geben kann. Diese Entwicklung ist sehr zu begrüßen und wird sich in den nächsten Jahren noch weiter ins Positive verändern."

Auf derselben Website stehen Dutzende Therapiemöglichkeiten ohne "Medikamentengabe" (was für ein Wort!). Wer zweifelt, dass die taz mit diesem Beitrag einer PR-Kampagne aufgesessen ist, die den Absatz von Ritalin ankurbeln soll, kann sich hier ziemlich umfassend informieren.

Geisterbahn

Kann jemand dem Julian Weber ausrichten, dass ghost  im Englischen Geist im Sinne von Gespenst bedeutet? Für andere Bedeutungen ist entweder mind oder spirit gebräuchlich. Das nur zu seiner Besprechung der CD Heavy Ghost von D.M. Stith, in der er fragt: "Seit wann ist der Geist schwer?"
Na, vielleicht kommt er jetzt selbst auf eine Antwort.

Gefühlte 100 Jahre alt

Na ja, mindestens 20 Jahre alt ist das riesig aufgemachte Foto der Fans von Jim Morrison an seinem Grab in Paris. 1990 ließen seine Eltern einen neuen Grabstein aufstellen, weil ihnen die Graffiti und die Kitschbüste würdelos vorkamen (zu Recht, wie man auf dem alten Foto sehen kann). Das Bild soll den Artikel illustrieren, in dem es um eine CD geht, Final Songs # 1, auf der die Musik vereint ist, die sich diverse Leute zur eigenen Beerdigung wünschen. Klaus Walter zeigt mit seiner Besprechung, dass er zumindest von Doors-Musik wenig Ahnung hat. Weil Peter Paul Zahl sich deren Musik zur Trauerfeier wünscht, vermutet Walter leicht sarkastisch, das müsste wohl Break On Through To The Other Side sein. Von The End hat er anscheinend nie gehört. Ärgerlich wird's dann am Schluss des reichlich konfusen Artikels: "Bei aller (vermuteten) Kirchenferne erhebt doch wieder die Religion ihr hässliches Haupt."
Was soll man dazu sagen? Am besten: Nichts.


Pisa-Notstand: München oder Wien? Iss doch egal!

"Die anderen Bilder zeigen Landschaften oder Blumenstudien in Aquarell und wurden angeblich in den 1920er-Jahren angefertigt, als Hitler noch als brotloser Künstler in Wien lebte."
- Marlene Halser über eine Versteigerung von Bildern in England, die Adolf Hitler gemalt haben soll. Ob sie weiß, dass der große Führer überzeugter Vegetarier war?

Mein neuer Lieblingsdoppelname

Zum Thema falsche DNA-Spuren auf Wattestäbchen und daraus folgender Polizeisuche nach der Phantommörderin äußert sich eine Professorin für Forensische Genetik aus Kiel. Die Frau trägt den Namen Nicole von Wurmb-Schwark.

Kästner der Woche

Und immer wieder erhalte ich Briefe,
in denen ihr, dick unterstrichen, schreibt:
„Herr Kästner, wo bleibt das Positive?“
Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.

- Erich Kästner

WWN*)

"Reunion ist definitiv durch"

Frauenwelt aufgepasst: Robbie Williams hat sich mit Take That versöhnt und es ist beschlossene Sache. Ab 2010 startet die große Reunion-Tour der Boyband.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)








29. März 2009

Nachtrag zur taz vom 27. März

Die Ohnmacht ...

... hat einen Namen: Aufruf. Zum Beispiel dieser hier, eine zweispaltige Anzeige über die ganze Seite 7 der taz, Ressort "inland":




Aufstehen zu einem langen Frühjahr
der Politisierung und Mobilisierung -

für soziale Mindeststandards:

Menschenwürdige Grundsicherung,

gesetzliche Mindestlöhne, solidarische

Arbeitsumverteilung - mit Demonstrationen
Streiks und zivilem Ungehorsam!





 




Aufruf von Publizisten, Wissenschaftlern und Personen, die das kulturelle Kapital mehren






Ein Beispielsatz aus dem laaangen Text, dem leider keine Leselupe beigelegt wurde: "Neoliberal verstockt versuchen die Staatsakteure, die Struktur der Privatheit globaler Ökonomien und ihrer nationalstaatlichen Dependenzen zu erhalten. Indem sie ins so schon hochverschuldete Staatssäckel greifen. Damit Spekulationslöcher von Banken und Unternehmen gestopft werden mit steuerlichem Geld und staatsmonopolistischen Blankoschecks des blinden Vertrauens."
Unterschrieben ist der kleingedruckte "Aufruf" von geschätzten 50 noch kleiner gedruckten Personen, und ich entdecke drei, die möglicherweise der Abteilung angehören, "die das kulturelle Kapital mehren": Die Musiker Manfred Maurenbrecher, Hannes Wader und Konstantin Wecker. Ob die glauben, dass mit solchen Sätzen ein einziger Hund hinter dem Ofen hervorgelockt werden kann?
Die Tragödie in Deutschland zeigt sich so: Die wissenschaftliche Sprache ist die Sprache der Herrschenden, auch wenn diese Wissenschaftler glauben, auf der Seite der Unterdrückten zu stehen. So lange Aufrufe in dieser Sprache verfasst und nicht in allgemeinverständliches Deutsch übersetzt werden, kann die Merkel-Steinmeier-Westerwelle-Gang beruhigt ihr Geschäft wie üblich betreiben und weiterhin Geld, das ihnen nicht gehört, nach oben durchreichen.

taz mag ohne Bude!

Statt Heinz Bude (dem wird doch nix passiert sein?) gibt es eineinhalb Seiten Interview mit Horst Dreier, einem Professor für Rechtsphilosophie in Würzburg und Erfurt. Dreier sollte Verfassungsrichter werden, wurde aber von einer Allianz aus CDU-Konservativen und linken (taz!) Publizisten abgelehnt, weil er angeblich für die Folter plädiert hatte. Jan Feddersen stellt ihm die richtigen Fragen, und Dreier bekommt die Gelegenheit, seine Position in schöner Ausführlichkeit darzustellen. Ganz prima finde ich seine Einschätzung der Autoren von "unzähligen Artikeln zum Beispiel in der FAZ oder SZ" als Dampfmichel. Dringend benötigt wird sein Nachhilfeunterricht zum Unterschied zwischen traurig und tragisch am Beispiel der Vorwürfe wegen seiner Äußerungen zur Folter: "Wenn dir ein Stein auf den Kopf fällt, und du bist tot, dann ist das traurig. Aber wenn zwei hohe Werte kollidieren und einer weichen muss, dann ist das tragisch - der klassische  Fall der Antigone."

Dampfmichel in Aktion

"Die Sakralisierung als Krankheitserreger" lautet der Titel. Darunter steht dann: "Die Trauerweiden am Landwehrkanal, die Apfelbäume am Michaelsberg oder der Palast der Republik: Eben standen sie noch für das fraglos Gewohnte - jetzt geht es plötzlich ums Ganze, um die Totalität. Gedanken zu einer Kulturtechnik". Wenn etwas so verschwurbelt angekündigt wird, kann es sich nur um einen Text von Michael Rutschky handeln. Und richtig: Da steht ja sein Name drüber. Schon rascheln die Zeitungsseiten beim Umblättern. Heute Schwurbelboykott.




Front deutscher Äpfel

So heißt eine Künstlertruppe um Alf Thum, und ihre Ziele lassen aufhorchen: "Nationale Initiative gegen Überfremdung des deutschen Obstbestandes und gegen faul herumlungerndes Fallobst". Sie treten mit Armbinden und roten Fahnen auf, auf denen schwarze Äpfel im weißen Kreis zu sehen sind. Wenn der Apfel demnächst als Darstellung verfassungsrechtlich untersagter Symbole verboten wird, haben sie schon viel erreicht.

Zugegeben: Schon wieder eine Spitzentitelseite!

Ein US-Soldat in voller Kampfmontur mit Automatikgewehr und Helm, hinter ihm unscharf weitere Soldaten, und der Kämpfer hat das Gesicht von Barack Obama - eine perfekt gelungene Fotomontage ziert den Titel der Wochenendausgabe. Titelzeile: "Er kann auch Krieg".

Die "reise"-Seiten: Neues vom tazjetset

Ja freilich, wir fliegen nach Chile, versauen die Atmosphäre mit einem Langstreckenflug, um dort Fahrradtouren zu unternehmen. Ist das nicht rührend?

Der amerikanische Traum

Der Regisseur Stanley Kubrick hat Michael Herr einmal den folgenden Witz erzählt: "Was ist der amerikanische Traum?" "Eine Million Schwarze schwimmen zurück nach Afrika mit einem Juden unter jedem Arm." Ich hab das in einem langen Text über Randy Newman bei mobile.salon.com gefunden, wo der Autor vermutet, das sei die Art von Humor, die Newman bestimmt "entzücken" würde (delight). Der Witz ist uralt, zum ersten Mal hat ihn mir cirka 1976 mein Freund Roy Levin erzählt, und danach hab ich ihn als Wandspruch auf einem Foto in einem Ausstellungskatalog von Michael Köhler ("Das Aktfoto") gesehen. In der taz macht sich Sebastian Moll Gedanken zum American Dream, der nach seiner Darstellung erst 1931 von dem Historiker James Truslow Adams so benannt wurde. Es ging darum, dass "das Leben in Amerika für alle reicher und wertvoller" sein solle, als an anderen Orten auf diesem Planeten: "Jeder solle", interpretiert Moll, "ungeachtet seiner sozialen und ethnischen Herkunft eine Chance  bekommen." Nun hat sich in der amerikanischen Zeitschrift Vanity Fair (die gibt's ja immer noch) der Autor David Kamp den Traum vorgenommen, und erinnert daran, dass es dabei um eine Solidargemeinschaft ging. "Irgendwann im wachsenden Wohlstand der Nachkriegszeit, so führt Kamp aus, ging dieser Solidaritätsgedanke jedoch verloren. Aus dem amerikanischen Traum wurde zunächst das Haus, das Auto und der Fernseher, dann das größere Haus, das zweite Auto und der dritte Fernseher. Der US-amerikanische Traum wurde unersättlich und egoistisch: 'Spätestens seit der Reagan-Ära bedeutet der amerikanische Traum nur noch, reich zu werden oder großen Erfolg zu haben', so Kamp."
Und nun steht eine Wende auch auf dieser Traumebene bevor, meint Sebastian Moll: "Barack Obama führt dem Traum nun wieder den Aspekt der Solidarität zu - der amerikanische Traum, so macht er immer wieder deutlich, kann nur ein gemeinsamer sein. (...) Mit dieser Diskurskorrektur hat Obama noch lange nicht die Wirtschaftskrise behoben. Aber er tut etwas, was für jede Politik in der idealistischen Kultur der Vereinigten Staaten unerlässlich ist: Er bemüht sich neben dem Kampf gegen die materielle Krise um den dringend benötigten Bewusstseinswandel - und rettet dabei den amerikanischen Traum, indem er ihn beschränkt."
Der dringend benötigte Bewusstseinswandel? Da kommt mir doch schon wieder Erich Kästner zu Hilfe. Das hier hab ich neulich schon mal zitiert, aus "Fabian", dtv-Ausgabe Seite 37: "Ich bin ein Wirtschaftler und erkläre Ihnen: Die Gegenwartskrise ohne eine vorherige Erneuerung des Geistes ökonomisch lösen zu wollen, ist Quacksalberei!"
Das schrieb Erich Kästner 1931, im selben Jahr, als James Truslow Adams in The Epic of America zum ersten Mal vom amerikanischen Traum sprach.

Ach, hier stimmt alles!


Dieser Titel steht, in meiner Handschrift mit Kugelschreiber, neben einer Theaterkritik auf den "kultur"-Seiten. Das kommt selten vor, noch dazu, wenn es um Theater geht. Aber wer möchte da nicht weiterlesen, wenn Christiane Kühl so anfängt: "Im Anfang war Polen, und alles gehörte zu Polen, und was nicht dazu gehörte, wurde gastfreundlich begrüßt. Man kann also davon ausgehen, dass nicht Gott sondern der Papst die Schöpfung geregelt hat (der alte natürlich). Dann aber nahmen sie den Polen zuerst Amerika, Afrika, Asien und Australien weg, später auch England, Italien etc. und am Ende sogar Deutschland. Seitdem werden überall Fremdsprachen gesprochen, selbst im Vatikan. Nur in Polen spricht man polnisch, damit sich die Polen wie der letzte Dreck vorkommen." Diese Einleitung führt ins Werk der polnischen Schriftstellerin Dorota Maslowska, die für die Berliner Schaubühne ein Stück mit dem Titel "Wir kommen gut klar mit uns" geschrieben hat. Da möchte der Mensch doch in Berlin leben und mal wieder ins Theater gehen. Aber er freut sich ersatzweise über diese grandiose Theaterkritik, die so ausgeht: "Maslowska beschreibt die Situation mit engagiertem Zynismus: Aus der aktuellen Stagnation helfe nur eine Ganzkörpertransplantation bis in die vierte Generation, inkl. Änderung des Geburtsorts."
Titel des Artikels: "Sein oder Polnischsein".

Und der Rest vom Wochenende?

Ich werde mir den Namen Hans-Jürgen Urban merken. Was der Mann im taz-Interview von sich gibt, macht mir die IG-Metall wieder sympathisch, trotz ihres windelweichen Vorsitzenden Berthold Huber. Wenn da ein Mann wie Urban im Vorstand die Geschäfte führt, besteht doch noch Hoffnung.






30. März 2009

Heute Ruhetag im tazblog, daher: The Daily Horror

Weil mir gestern im Café die Wochenendausgabe der Abendzeitung in die Finger gerutscht ist, konnte ich mal wieder sehen, was für ein unfassbarer Scheiß in diesem Münchner Boulevardblättchen manchmal steht! Unter der Überschrift "Tschechien in der Krise: Prag schämt sich für den 'Irren' von der Burg" schicken sie ihren "Chefreporter" Matthias Maus nach Prag, um Kiosk- und Ladenbesitzer zu Tschechiens Präsident Vaclav Klaus und seiner Ablehnung des Vertrags von Lissabon zu interviewen. Natürlich kommen nur solche Leute zu Wort, die Vaclav Klaus dafür verurteilen, dass er "Europa" ablehnt. Vom Vertrag hat - mit einer Ausnahme - von den Befragten noch niemand gehört, aber es geht ja nur um Stimmungsmache. "Der Vertrag, der Europas Institutionen fit machen soll für eine Gemeinschaft von 27 Staaten, er liegt in Tschechien unratifiziert beim Senat. Und Klaus, der Böse von der Burg, will ihn nicht unterzeichnen." Klaus könnte dafür sorgen, dass der Vertrag von Lissabon scheitert, dessen Konsequenzen der AZ-Reporter wahrscheinlich genauso wenig kennt wie der Mann vom Kiosk. Aber: Europa gutt, nix Europa schlächt. Von der Ablehnung des Vertrags in Frankreich, den Niederlanden und Irland ist selbstverständlich nicht die Rede, nur vom "Irren von der Burg". Das geht so weit, dass Maus sogar jemanden zitiert, der Klaus für einen "schlafenden Agenten des KGB" hält.

WWN*)

"Das hat der Familie wehgetan"

Sie ist jung, sie ist blond, und sie spaltet die Nation: Bohlen kürte die DSDS-Kandidatin zu "Everbody's Arschloch". Jetzt reden Annemarie Eilfelds Eltern Klartext.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)






31. März 2009

Jedermanns Gier

"Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht genug für jedermanns Gier."
- Mahatma Gandhi


Lange Pause: Gabriele Goettle ist wieder da, und ihr verdanke ich das Gandhi-Zitat. Die Tradition, dass sie am letzten Montag des Monats zwei Seiten in der taz bekommt, kann gar nicht hoch genug in Ehren gehalten werden. Zum Auftakt ihrer neuen Serie, die vermutlich wieder in ein Buch mündet, schreibt sie "Überlegungen zur Lage und zum Geld". Wenn Goettle immer nur die Leute zu Wort kommen lässt, die sie trifft, vergisst man leicht, was für eine ausnehmend gute Autorin sie ist - keine Lücken in der Recherche, und die Fähigkeit, komplizierte Zusammenhänge einfach und ohne Verlust an Tiefe darzustellen. (Ich glaube, so ähnlich habe ich mein Ideal des Schriftstellers und Journalisten schon mal an einem anderen Beispiel beschrieben.) Ein paar Sätze treffen im Grunde die - auch in der taz - übliche Berichterstattung und die empörten Kommentare über haarsträubende Einzelfälle wie "entlassene Kassiererin" oder "bettelnder Empfänger von Sozialhilfe": "Und so gesehen hat es letztlich eigentlich auch gar keinen Sinn, sich immer wieder über geldgierige Spekulanten, überbezahlte Manager, über Politiker, die vor allem als Erntehelfer des Kapitals fungieren, nutzlos aufzuregen. Sie sind ja nicht die Ursache des Problems. Die Ursache ist die Beschaffenheit dieses feindseligen Wirtschafts- und Finanzsystems, mit seinen ausschließlich auf Profitmaximierung und Wachstumszwang ausgerichteten Mechanismen, das zu diesem globalen Kahlfraß führt."
So isses. Und das wissen wir seit 40 Jahren. Jim Morrison und die Doors fragten 1969: "What have they done to the earth?" (Was haben sie der Erde angetan?), die Moody Blues sangen: "Men's mighty mine machines / digging in the ground /stealing rare minerals / where they can be found" (Die mächtigen Bergbaumaschinen der Menschen graben im Boden und stehlen seltene Minerale, wo sie gefunden werden können). Und bei Jackson Browne hieß es in "Before the Deluge" (Vor der Sintflut):
"Some of them were angry / at the way the earth was abused / by the men who learned how to forge / her beauty into power." (Einige waren wütend / über die Art und Weise wie die Erde geschändet wurde / von den Männern, die gelernt hatten, / ihre Schönheit in Macht umzuschmieden.) Folgerichtig kommt auch Goettle ein paar Spalten weiter zu der sarkastischen Feststellung: "Vor kurzem wurde eine US-Rakete ins Weltall geschossen, sie soll nach bewohnbaren Planeten suchen. Wir hatten einen."

Morgen schau ich mir die Ausstellung an

Kennen Sie das? Immer wieder nehmen Sie sich vor, endlich die Ausstellung zu besuchen, in der schon alle waren, bis auf Sie und die Beatles (um einen Buchtitel abzuwandeln)? Josef Winkler macht aus dieser Erfahrung  des Aufschiebens (Prokrastination nennt man das auch, oder Mañana-Prinzip) ein kleines Kabinettstückchen über die Demütigungen durch das Aufsichtspersonal, die bei ihm zu "wüsten Vernichtungsgedanken im Kopf" führen. Denn selbstverständlich ging er erst am letzten Tag und in den Abendstunden in die gehypte "Muss"-Ausstellung.

Er ist wieder da

Nach zwei Wochen Muckefuck-Ersatz ist der einzig wahre Friedrich Küppersbusch wieder da, und weil ich ja an Magie im Alltag glaube, lese ich aus seinem Montagsinterview gleich eine Botschaft an mich heraus: "Blogs sind Massenmedien nicht mehr, weil man Massen erreichen kann, sondern weil sich dort Massen äußern. Im nächsten Schritt werden kluge Blogwarte Best-ofs veröffentlichen, dann wird es spannender." Vielleicht hat er ja meine diesbezüglichen Überlegungen hier im tazblog gelesen und schreibt mir ein Vor- oder Nachwort? Haaallooo, ist da jemand? Falls ja: Einfach unten auf "Kommentar" klicken.

Ignoranz

Da steht als Überschrift: "Spaniens Katholiken gegen Fristenlösung". Und daneben mit Kugelschreiber: "Warum interessiert mich das nicht?"
Ja, warum eigentlich?

Mathequatsch - ach Gottchen!

Eine halbe Seite opfert das "inland"-Ressort für einen Beitrag von Klaus-Peter Klingelschmitt über falsche Matheaufgaben beim Abitur in Hessen. Sorgen haben die Leute!

Eeendlich ...

... einmal ein g'scheites Foto von Sahra Wagenknecht in der taz. Gut schaut sie aus, wie sie ihre Stimmkarte hochhält, auf der "Die Linke" gedruckt steht. Nun ja, nichts ist erfolgreicher als Erfolg - sie kommt sicher in den Bundestag, und bei der Nominierung erhält sie von den NRW-Linksdelegierten die meisten Stimmen von allen Kandidaten. Da sieht wohl auch die taz-Fotoredaktion langsam ein, dass man sie nicht mehr mit unvorteilhaften Fotos aufhalten kann.
taz-Mann Stefan Reinecke glaubt immer noch, dass Wagenknechts konsequenter  Linkskurs Stimmen kostet. Putzig, das. So schließt er seinen Bericht: "'Wir können nur hoffen, dass uns Wagenknecht bei den Wählern mehr nutzt als schadet', sagt ein skeptischer Genosse." Na ja, Herr Reinecke, das ist durchsichtig: Sie zitieren anonym jemand, der Ihre Meinung ausdrückt. Aber keine Sorge: Wenn Ulla Jelpke warnt vor der "Sozialdemokratisierung, die sich auch in unserer Partei breit macht", dann sind die Linken schon auf dem richtigen Weg. Ich kenne Leute, die "du Sozialdemokrat" inzwischen als Schimpfwort benützen.
Ich zum Beispiel.












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