1. April 2009
Die Erste Kirche derer, die zuletzt lachen
Diesen Aufruf schickte mir mein alter Kumpel Bob Davis aus San Francisco:
"Sag's weiter, das dumme Zeug Es ist mal wieder Zeit, eure schrägen Klamotten rauszuholen, ein Schild zu finden, das eure Stimmung ausdrückt, die verstreuten Münzen unterm Sofa zusammenzusuchen, die einzelnen Socken zu sammeln und die Lotterielose, die Nieten waren. Es ist Zeit, an die einzige Verpflichtung zu denken, die ihr am einzigartigen Feiertag als zwangsläufige Mitglieder der ältesten Religion der Welt habt, der größten Kirche der Welt ... der Ersten Kirche derer, die zuletzt lachen. Seid ihr Menschen? Dann gehört ihr dazu. Dann könnt ihr genauso gut mitmachen und herausfinden, weshalb dieser Umzug jedes Jahr immer weitergeht. Dieses Jahr findet er an einem Wochentag statt, auf dem Gehsteig, von der Embarcadero Plaza durch das Bankenviertel mit Zwischenstopp an den "Stationen der Dummheit", um die bewährten Rituale und Traditionen durchzuführen, die von den Leuten drunten im Amt für Rituale und Traditionen so geliebt werden. Bei dem, was in diesem Jahr eigentlich gemeint ist (bei jedem Umzug ist eigentlich etwas gemeint), geht es darum, dem Geschäft der Religion die Ehre zu erweisen, und der Religion des Geschäftes, weshalb der Umzug dieses Jahr in den Betonschluchten der Gier und des Standesdünkels besonders viel Spaß verspricht. Befestigt den Kopf eures liebsten überbezahlten Konzernchefs an einer Stange (und die Summe seines Verbrechens), bringt Kündigungsschreiben und Räumungsbefehle für die Hauptsitze des nicht so freien Marktes mit ... druckt euer eigenes Geld für die Rettungspläne, Abfindungen und Übernahmen. Spaß für jedes Alter! Trommeln und andere Lärminstrumente werden ausdrücklich ermutigt. Macht mit auf eigenes Risiko. Passt auf euch auf. Sagt es weiter. Mittagessen umsonst. Bei Regen oder Sonnenschein. Krieg und Frieden. Los geht's! Mittwoch, 1. April, 12 Uhr mittags, am Ende der Market Street, San Francisco, Ca. USA"
Nichts wie hin! See ya, Bob!
Die Wahrheit
Dienstags nie. (Trotzdem dank an Jenny Zilka - "Als ich fragte, ob denn das EU-Bio-Siegel bei cadmiumbelasteter Lebensmittelfarbe nicht etwas gewagt sei, schrie es: 'Das hat dir der Teufel gesagt!', riss sich an seinem eigenen Bart in zwei Stücke und versank im Erdboden.")
Der Mann mit dem Gartenschlauch
Eine Seite über HM Enzensberger - dabei hätte das Foto gereicht. Bei seiner Obduktion wird sich herausstellen, dass er anstelle eines Rückgrats einen Gartenschlauch zwischen Kopf und Becken hatte.
Psst, Herr Klingelschmitt!
Gut, dass Sie die CD "Surrealistic Pillow" von Jefferson Airplane unter "Rein" aufführen. Wenn Sie die mal wieder anhören, werden Sie feststellen: Es heißt "One pill makes you larger ...". Nix zu danken, schöne Grüße vom Besserwisser!
Bahn frei
Das ist als Titelzeile ziemlich witzig - "Bahn frei", ohne Ausrufezeichen, mit dem Bild von Mehdorn. Kompliment!
WWN*)
Conficker: Der Tag X ist da Heute wird der Computerwurm Conficker aktiv, Experten warnen vor der großen Angriffswelle. Millionen Rechner sind infiziert. Doch was der Schädling genau bewirkt, ist noch unklar. *) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)
2. April 2009
Der amerikanische Traum am unteren Ende
Zwei sehr verschiedenartige Schauplätze präsentiert US-Korrepsondentin Adrienne Woltersdorf in ihrer Doppelreportage: Eine Zeltstadt am Rand von Ontario, eines Vororts von Los Angeles, und Manassas, eine Kleinstadt im Umkreis von Washington D. C. (Manassas hieß mal die Band von Stephen Stills nach Crosby, Stills, Nash & Young. Auf dem Cover posierte Stills unter dem Ortsschild am Bahnhof). Schön, dass die taz-Frau dorthin geht, wo die praktischen Auswirkungen aufs Leben der Menschen deutlich sichtbar sind. In der Zeltstadt haben noch 2008 nur "ein paar Dutzend" Leute gewohnt, jetzt sind es "400 aus mehreren Bundesländern". Zum Verfall der Immobilienpreise in Manassas: Ein Haus, das vor zwei Jahren 300.000 Dollar gekostet hat, ist jetzt für 60.000 zu haben. So sieht's aus.
----------------------------------------------Kommentar am 2. April 2009
Hallo Hans, bei dir im Blog kann man nur kommentieren, wenn man eine Mail schickt? (So isses! -hp)
Ich habe mal ein bisschen zu Manassas nachrecherchiert, weil ich dort im letzten Jahr wegen einer ganz anderen Geschichte gewesen bin und mir das alles deshalb seitdem sehr viel konkreter vorstellen kann als die meisten Leute. Die Kollegin hat alles noch ein bisschen dramatischer gemacht, als es ohnehin ist.
Diese Geschichte enthält die besseren Zahlen: http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2009/03/13/AR2009031303018.html
Zu einer Real-Estate-Tante zu gehen, ist sicher sehr einfach. Die erklärt aber in dem Artikel nicht, weshalb die Preise weggesackt sind: Das Umland von Washington wurde in den letzten Jahren mit Häusern nur so zugeknallt. Ein suburbaner Wahn, der in der optimistischen Zeit die Preise explodieren ließ. Jetzt fallen die hyperinflationierten Preise. Und demnächst pendeln sie sich wieder in einer Zone ein, die etwas mit Angebot und Nachfrage zu tun hat.
Manassas hat noch ein anderes Problem: Es hat abgesehen von ein bisschen altem Kern und dem Bürgerkriegskram kein Gesicht und keinen Charakter (gilt für viele US-Städte). Es hat auch keine Funktion (außer als Schlaf- und Pendlerstadt). Solche Regionen werden von Kräften geprägt, die von den Leuten am Ort weder in den guten noch in den schlechten Zeiten beeinflusst werden können.
Der Hinweis, dass die Grundsteuern für die gemeindlichen Dienste herhalten, ist zwar richtig, aber als Erklärung für die Auswirkungen der Misere zu kurz gegriffen. Gemeinden können sich - anders als in Deutschland - nicht verschulden. Das heißt: Sie können in schlechten Zeiten nicht mal antizyklische Politik betreiben. Sie haben nur eine Chance: Die Steuern der Leute erhöhen, die noch Häuser haben und die Last umverteilen auf eine geringere Zahl von Bürgern. Oder die Leistungen zurückfahren (hauptsächlich im Schulbereich möglich, weil dort am meisten Geld gebraucht wird). Schöne Grüße! Jürgen Kalwa Webzwonull
Feiner Artikel auf der "bildung"-Seite von Jagoda Marinic. So geht das los: "Die Revolution hat stattgefunden. Und keiner war dabei." Nun, das stimmt zwar nicht, aber als Einstieg zu einem Artikel über das neue Studieren mit Blogs, YouTube und Twitter kann man's - für die deutsche Schul- und Uni-Landschaft - ruhig so stehen lassen. Danke für den Link zu Michael Weshs Video - das ist wirklich sehr einleuchtend. Nun sollte man aber nicht behaupten, dass seine Botschaft "revolutionär" ist. "Alte Konzepte neu überdenken" - heh, das geschieht seit Anbeginn der Menschheit. Und wenn Marinic meint, dass bei der stattgefundenen Revolution keiner "dabei war", kann ich ihr nur empfehlen, mal bei czyslansky.net vorbeizuschauen. Das sind zum Teil "Internet-Veteranen", die ziemlich von Anfang an "dabei" waren, und die These widerlegen, dass "die Gesellschaft entlang der Altersgrenze dreißig in zwei Teile" geteilt wurde. Heh, von den Czyslansky-Leuten ist keiner unter 30, aber ein paar locker an die sechzig! (Und jenseits. Aber nicht weitersagen - trau keinem über 60!).
Ein Film, auf Lackmuspapier gedreht
Mit "Das Schweigen der Lämmer" hat Jonathan Demme wohl mehr Leute erreicht als mit den sensationellen Konzertfilmen "Stop Making Sense" und "Heart of Gold" (mit den Talking Heads der erstere, mit Neil Young der zweite). Positiv aufgefallen war mir Demme auch, als ich von seiner Absicht hörte, "Frühstück bei Tiffany" neu zu verfilmen, diesmal unter Mitarbeit von Truman Capote, der Demme als Regisseur und Mensch sehr schätzte. Capote hatte getobt und geschäumt vor Wut, als ihm der Film von Blake Edwards vorgeführt wurde - unfassbar, was für einen Hollywood-Kitschschinken Edwards aus dieser meisterlichen Novelle von Capote gemacht hat! Wobei ich zugebe: Ich hab ihn ja gern gesehen, den Film mit dem jungen George Peppard, und Audrey Hepburn war anbetungswürdig, aber sie war keine Nutte, wie Capotes Holly Golightly, und in der Novelle gab's kein Happy End. Ja, und dann wurde doch nichts aus der Neuverfilmung, weil Truman Capote einfach gestorben ist, und Demme sich anderen Projekten zugewandt hat. In der taz bespricht Ekkehard Knörer den neuen Film von Jonathan Demme, "Rachels Hochzeit": "Kleine, große, leise, laute, offene, versteckte Konfrontationen beobachtet der Film. Es ist, als wäre er auf Lackmuspapier gedreht." Was für eine tolle Formulierung! Aber mal abgesehen davon: Ein neuer Film von Jonathan Demme im Kino - ich nehme mir fest vor, ihn anzuschauen (siehe den Beitrag gestern zu Josef Winklers Kolumne).
Zitat
"Am Ende ist man sich einig, dass nicht das Buch der Skandal ist, sondern die herdenhafte Literaturkritik." Stefan Reinecke über eine Veranstaltung zu Florian Havemanns Erinnerungen an seinen Vater ("Havemann").
Dreckig, liebevoll und ehrlich
Da gibt es vier Brüder, Ludolf mit Nachnamen, die einen Schrottplatz für Autos betreiben, "in einem kleinen Dorf an der Autobahn zwischen Frankfurt und Köln." Da leben sie auch. Zwei Mal die Woche kann man sie auf dem Sender DMAX im Färnseh angucken. Jetzt kommt bald ein Film ins Kino, der sie auf einer Reise in den Süden zeigt: "Dankeschön für Italien". Lutz Debus ist für die taz zum Schrottplatz gefahren, und hat sich davon überzeugt: Das ist alles echt, die Brüder sind genauso, wie sie sich in der Glotze darstellen. Debus kommt zu dem Schluss: "Die vier Brüder erzählen ein modernes Männermärchen. Die Geschichte der Ludolfs schafft dabei einen trotzigen Gegenentwurf zu der auf Äußerlichkeiten fixierten femininen Glitzerwelt. Die Ludolfs sind das genaue Gegenteil von Heidi Klum: Dreckig, liebevoll und ehrlich." Schäuble, übernehmen Sie! Röcke und Zöpfe gehören verboten!
Warum wird mir nur immer so unbehaglich zumute, wenn die taz den Schulterschluss mit Wolfgang Schäuble übt? Weil die Artikel gegen rechtsextreme Gruppen auf den "inland"-Seiten immer so schön tendenziös und diffamierend ausfallen und ich mit fragwürdigen Formulierungen zum Komplizen gemacht werden soll? "Die Frauen legen auch außerhalb der Treffen ihre Verhaltensmuster nicht ab, treten mit Rock und Zöpfen auf, geben ihren zahlreichen Kindern germanische, nordisch klingende Namen." (Aha, zahlreich! Sehr verdächtig!) Oder weil ein Befürworter des Verbots der Heimattreuen Deutschen Jugend "meint", dass es "längst überfällig" war: "Allein schon wegen des Kindeswohls." Oder stört mich diese Art von Einheitsfront: "Auch Fachleute von SPD, FDP, Grünen und der Linkspartei sprachen am Dienstag von einem überfälligen Schritt und forderten zugleich mehr Prävention." Mir wird immer ganz blümerant, wenn "Fachleute"(?) aus allen Parteien sich einig sind. Aber ich habe einen Vorschlag zur "Prävention": Zahlreiche Kinder (von der Leyen!), Röcke und Zöpfe für Frauen und "germanisch, nordisch klingende Namen" müssen umgehend verboten werden. Und: taz-Autoren dürfen nur noch Andrea und Andreas heißen, wie die Autoren dieses Artikels. Dann wird alles gut.
3. April 2008
Dieses tazblog ist wegen Frühlingseinbruch vorübergehend geschlossen
Iss aber nicht so, dass in der Gestern-taz keine interessanten Beiträge standen - das Interview mit dem Regisseur Werner Schroeter war klasse, genau wie der Artikel (anhand des Films "Defiance") über die jüdischen Partisanen in Ostpolen von Gabriele Lesser. Für ziemlich überflüssig hielt ich die Reportage von Gerald Dilger aus Argentinien, über das Dorf, wo auffallend viele Zwillinge geboren werden, und dass das nichts mit dem KZ-Arzt Josef Mengele zu tun hat. Gääähn. Und von Klaus Raab erfahre ich, über drei Spalten und eine dreiviertel Seite, dass er schon nach der ersten Sendung von "Schmitt & Pocher" geschrieben hat, die Show sei "wohlwollend ausgedrückt: unfertig". Und fertig sei sie auch 15 Monate später nicht geworden. Gestern kam sie laut taz zum letzten Mal. Und ich hab mir gedacht: Who gives a Schmitt?
4. April 2009 Yoga für Yeden
Ob man Yoga nicht mit Jott schreibt? Ob das mit Ypsilon nicht die Übernahme aus dem Englischen ist? Weil es dort sonst Dschouga ausgesprochen würde, mit stimmhaftem Dsch? Der Duden hält sich da raus, iss ihm gehupft wie gesprungen. Ich bin ins Grübeln gekommen, weil es zu einem Berliner Rapper namens Amewu auf den "kultur"-Seiten hieß: "Er spielt Querflöte, trainiert Yoga und schrammt manchmal haarscharf am Esoterischen vorbei." Na, da hat er aber Glück gehabt, denn esoterisch geht ja nicht, in der ach so aufgeklärten taz-Gemeinde. Aber kann man Yoga trainieren, wie eine Sportart? Müsste es nicht heißen "übt Yoga", oder "betreibt Yoga"? Jedenfalls kann man Amewu nur alles Gute wünschen mit seiner Querflöte, hat er doch schon mal wichtige Erkenntnisse gesammelt: "Aggressiv sein kann jeder, ich überlege mir, warum ich aggressiv bin. Ich forsche nach den Ursachen." Brav.
Irritierend, fürwahr
Ein feiner Beitrag von René Martens über "Die Musik der Außernationale". Jetzt mal von dem Begriff abgesehen, mir kam es beim Lesen vor, als wäre diese Plattenfirma Honest Jon's Records so eine Art englische Ausgabe von Trikont (Unsere Stimme, oder auch Our voices). Beide Firmen stellen historische und geographisch definierte Musik zusammen und bringen sie mit einem erklärenden Booklet auf CD heraus. Bei Honest Jon's heißt das dann "Middle Eastern Recordings", "Boogaloo Pow Wow", "Calypso from West Africa". Martens kam auf einen interessanten Fund: "Im Pressetext zu der Zusammenstellung irakischer Musik aus den 20er-Jahren fand sich 2008 die Formulierung: 'Manches klingt wie ein Mix aus dem späten John Coltrane und Sun Ra.' Das liest sich auf den ersten Blick irritierend, aber Ainley sagt, er bekomme bei seiner Forschungsarbeit oft den Eindruck, dass die Musik wie etwas kllingt, das erst Jahrzehnte später in einem ganz anderen Kontext aufgetaucht ist." Irritierend, fürwahr, habe ich doch am Abend vorher in Donovans wunderbarer Autobiographie Hurdy Gurdy Man weitergelesen, und bei seiner Erinnerung an die Zeit in Indien beim Maharishi (er war mit den Beatles dort) erzählt er eine ganz ähnliche Geschichte. Er trifft im Ashram einen gebildeten ("articulate intellectual") und gut gekleideten indischen Gentleman. Sie reden über Musik, und Donovan spielt ihm sein Lied "Sunshine Superman" vor. Der Inder hört aufmerksam zu, und sagt dann: "Ach ja, die Raga kenne ich, stammt aus dem 18. Jahrhundert, Raga im muslimischen Stil." Donovan ist schockiert. "Nein, das Lied hab ich geschrieben." Doch der Inder besteht darauf: "Nein, Raga, 18. Jahrhundert." Dann spielt Donovan "Mellow Yellow". Der Inder: "Die Raga kenne ich. Siebzehntes Jahrhundert, wurde als Abend-Raga von einem großen Sitar-Spieler improvisiert, einem Hofmusiker des Maharadscha von Jaiphur." Donovan ärgert sich maßlos ("I was getting pissed off"), dass sein Beitrag zur Populärkultur des 20. Jahrhunderts von einem lächelnden Inder im weißen Hemd zum alten Hut erklärt wird. Also spielt er ihm das sogar für seine Verhältnisse ganz schön ausgefallene "Isle of Islay" vor, und der Inder erklärt ihm ungerührt, dass auch das Musik seiner arischen Vorfahren sei. Donovan schließt das Kapitel mit dem Satz: "Ich erwiderte ihm bescheiden, mir sei klar geworden ist, dass Musik wirklich universell ist."
Gezeichnete Wahrheit
Hab ich hier schon mal darauf hingewiesen, dass die täglichen Cartoons auf der Meinungsseite auf hohem Niveau liegen, ganz selten total daneben, meist gut, manchmal richtig zum Schmunzeln, gelegentlich schaurige Volltreffer. So wie der: Ein breit lachender Typ im Anzug stößt per Champagnerglas an mit einem ebenso breit lachenden Typen in Uniform und Barett auf dem Kopf. Sagt der Anzugtyp: "Beim G20-Gipfel wird beraten, wie die neue Finanz-Ordnung für die Welt aussehen soll." Sagt der Uniformtyp: "Und beim NATO-Gipfel, wie sie dann durchgesetzt werden soll." Bildunterschrift: "Hand in Hand".
"ausland": Es lebe der goldene Westen
Wenn Knut Henkel vom Standpunkt des Befürworters westlicher Kapitaldemokratien über Kuba berichtet, weiß der Leser schon: Diese blöden Sozialisten dort kriegen das nie auf die Reihe. Henkel betreibt die übliche Hetze der vereinten bürgerlichen Presseerzeugnisse - seine Sicht unterscheidet sich in nichts von der üblichen Herablassung gegenüber Kuba in der gesamten bürgerlichen Presse . Und so sieht die Berichterstattung auf den "ausland"-Seiten häufig aus. Wie die zuständigen Redakteure ticken, kann man an Überschriften zu Agenturmmeldungen ablesen: Hugo Chávez bietet an, Häftlinge aus Guantánamo aufzunehmen. Dagegen gibt's ja nun wirklich nichts zu sagen, und die Agentur epd enthält sich auch jeglicher Häme. Nicht so die taz: "Chávez hat mal wieder neue Idee". Deppen!
Die Vollgas-Lemminge: Sie drängeln immer weiter
Deprimierend, wenn man zusieht, wie wenig alle Aufklärung über Klimawandel nützt - die politische Klasse macht immer noch so weiter wie seit eh und je. Die Autokultur wird ausgebaut und mit Milliarden an Steuergeldern gefördert. Ein Manager von Daimler übernimmt die Bahn, Autofahrer werden mit der Schrottprämie zum Kauf von Neuwagen geradezu gedrängt: "Im ersten Quartal wuchs der deutsche Pkw-Markt um 18 Prozent auf über 868.000 Fahrzeuge. Die inländischen Auftragseingänge stiegen um 75 Prozent." Spitze! Das freut den Deutschen, denn jahrzehntelang wurde ihm eingetrichtert, dass es ihm gut geht, wenn es der Autoindustrie gut geht. So gewinnt man Wahlen. Wie hieß es früher mal? "Mein Auto fährt auch ohne Wald." Heute wäre ein neuer Aufkleber aktuell: "Mein Auto fährt auch ohne Klima."
Zitat
"Hubschrauber üben seit Tagen, wie man landet oder einfach über der Stadt kreist. Die Polizei übt ebenfalls seit Tagen am Boden, wie man an Straßenkreuzungen vor Einsatzfahrzeugen rumsteht."- taz-Reporter Ingo Arzt berichtet vom NATO-Gipfel aus Baden-Baden
WWN*)
Wer ist die Schönste? Michelle Obama und Carla Bruni bei ihrem Treffen in Straßburg (Foto: AP)
Vorhang auf für zwei der atemberaubendsten Präsidenten-Gattinen der Welt: Carla, die Femme Fatale, die mit Nacktaufnahmen und Sangeskünsten für Furore sorgt, und die herzliche Michelle, die selbst die Queen wie selbstverständlich umarmt. Da gerät der NATO-Gipfel schnell zum Schönheitswettbewerb. Angela Ulrich berichtet.
*) Wirklich Wichtige Nachrichten (diesmal von tagesschau.de)
5. April
Gehirnwäsche à la ARD
"Mit dem 56-jährigen Rasmussen wechselt ein erfahrener Politiker an die NATO-Spitze. Zuletzt profilierte er sich als Verbündeter der USA im Kampf gegen den Terror. Seine Wähler überzeugte der passionierte Radler als konservativer Regierungschef und mit seinem Einsatz für den Sozialstaat."
So wird dem Leser von tagesschau.de der "neue Mann" vorgestellt. Mein Kommentar: kein Kommentar.
Karmasophie
Weshalb die taz immer noch an den Sonderseiten "anthroposophie" festhält? Na, wegen der Anzeigen, vermute ich mal, eine Drittelseite auf jeder Seite, und der Rest ist eh Schleichwerbung für Waldorfschulen und Weleda-Produkte. Wunderbar fand ich die Meldung "GründerInnen mit Karma gesucht". Ob da gutes oder schlechtes erwünscht war, ging aus der Überschrift nicht hervor. Aber würden Sie einen Gründerpreis "für ökologisch-nachhaltige Start-ups" annehmen, mit dem "junge Social Entrepreneurs" unterstützt werden sollen? Dann nichts wie bewerben bei "KarmaKonsum". Ich wünsch Ihnen guten Konsum gutes Karma.
Schwein gehabt oder: Das Glück des Tüchtigen - tvF*)
Tja, gut gelaufen für Peter Unfried - da schreibt er eine ganzseitige Reportage auf "leibesübungen" über den VfL Wolfsburg, und am Nachmittag putzen die den FC Bayern weg, dass es nur so rauscht. Nur um's den Bayern-Fans so richtig reinzureiben: Am Ende stand es 5 : 1 für Wolfsburg, und beim letzten Tor - mit der Hacke erzielt - wurden sie regelrecht gedemütigt, die Bayern. Von der Schadenfreude abgesehen (nein, ich bin kein 60er-Fan, nur moderater Bayern-Hasser) - der Artikel über Wolfsburg gehört zu den gaaanz feinen taz-Beiträgen. Unfried läuft in seinem alten Ressort Sport häufig zu Hochform auf. Da schreibt er einfach besser, als wenn er einen alten Kollegen lobt oder das Grauen namens Niedecken interviewt. Nur die Titelzeile wirkt reichlich abgestanden: "Der etwas andere Verein". Ach geh, das ging vielleicht vor 15 Jahren noch, aber inzwischen bringt jedes Anzeigenblättchen solch einfallslose Titelei. (Oder das taz.mag, wo es heißt "Anderes im Anderen".)
*) taz vom Feinsten
Sprachrohr der radikalen Mitte
Jetzt peilen sie also die sonntaz an, in der Rudi-Dutschke-Straße 23, und an diesem Wochenende bringen sie das taz.mag zum letzten Mal. Das gibt dem umtriebigen Jan Feddersen die Gelegenheit zu einer Grundsatzerklärung, mit der er deutlich macht, dass er zwar einen beträchtlichen Einfluss auf die taz hat, aber kein Linker sein will. Im Gegenteil, die Linken baut er geradezu als Feindbild auf und verortet sie schließlich irgendwo bei Günter Grass. Häh? Vatermord? Eine - seine ganz persönliche - Revolution hat Feddersen offenbar gereicht, und er fühlt sich sehr wohl im "Hauptstrom" der Konsumentengesellschaft und des parlamentarischen Kapitalismus'. An dem hat er nichts auszusetzen, was möglicherweise an mangelnder Vorstellungskraft liegt, vielleicht auch daran, dass er ein zutiefst unpolitischer Mensch ist. Die kriegerischen Aggressionen nach außen und die Verelendung im Innern nimmt er offenbar in Kauf. So lange seine persönliche Freiheit gewährleistet wird, zählt er sich zur radikalen Mitte. Lächerlich wird sein Bekenntnis zur besten aller Welten, wenn er behauptet, "fast alle Liberalisierung der Bundesrepublik hatte ja ihren Impuls in liberalen und sozialdemokratischen Szenen, nicht in linksradikalen oder kommunistischen." Das könnte ihm so passen, aber es ist schlicht Geschichtsklitterung. Dass er sich dann noch an Es-Pe-De-Grass und Jürgen Habermas abarbeiten muss - ach Gottchen, geschenkt. Popanze. Im Gegensatz zu diesen beiden nimmt er sich den Spiegel-Autor H. M. Enzensberger zum leuchtenden Vorbild. Damit zeigt er sehr deutlich, was ihm besonders suspekt ist: Eine politische Haltung.
Seltsame Verbündete
Den Rat von Ulrike Winkelmann muss man wohl beherzigen: tief Luft holen, bevor man ein Buch von Hans-Werner Sinn anfasst oder gar aufschlägt. Nun, sie hat es offenbar im unerschrockenen Selbstversuch getan, und nicht nur das: Winkelmann hat das Buch mit dem Titel "Das grüne Paradoxon" gelesen. Und fand darin eine harsche Kritik am Handel mit Verschmutzungszertifikaten. Und darüber hinaus gibt Sinn zu bedenken: "Wir sollten nicht hoffen, dass die Endlichkeit der fossilen Ressourcen von selbst dazu führt, dass bald weniger CO2 produziert wird. Im Gegenteil: Es ist noch viel zu viel Öl und Kohle in der Erde. Alles, was wir tun können, ist, die Ölscheichs und sonstigen Eigentümer dazu zu bringen, die Förderung zu verlangsamen. Es muss sich für sie lohnen, das Zeug im Boden zu lassen." Spätestens jetzt sollte einem klar werden, worauf der Volkswirt Sinn hinaus will: Wenn wir im Westen weniger Benzin und Öl verbrauchen, sinkt die Nachfrage und damit der Preis. Und deswegen fördern die Ölländer immer mehr. Laut Sinn führt die Klimadebatte dazu, "den Ressourcenabbau und damit den Klimawandel zu beschleunigen. Das ist der Effekt, den man das grüne Paradoxon nennen könnte." Mir scheint, der Chef des ifo-Instituts, das überwiegend von Regierungsaufträgen (das heißt: von Steuergeldern) finanziert wird, sieht die Welt vor lauter Dogmen nicht. Könnte es nicht so einfach oder einfach so sein: Dem Klima ist es wurscht, wie viel die fördern, es kommt einzig und allein darauf an, ob der Dreck verbrannt wird. Es regelt sich eben nicht alles über den Preis, manches regelt sich über Aufklärung, Einsicht und verändertes Bewusstsein, das zu verändertem Handeln führt. Es ist scheißegal, was Kohle und Erdöl kosten: Wir müssen aufhören, sie zu verbrennen. Amen. Haben Turnschuhe Eltern? oder: Bob Dylan hört nie auf
Er wird Konzerte vor seinem Publikum geben, bis der Tod sie scheidet. Bob Dylan spielt heutzutage aber nur noch Orgel und gelegentlich Mundharmonika, die Gitarre hat er seit einiger Zeit aufgegeben. Warum eigentlich? Aus Erfurt berichtet Ulrich Rüdenauer, dass er viele Leute in den Dreißigern beim Konzert gesehen hat. Na, das klingt doch hoffungsvoll - die nie endende Tour bleibt kein bloßes Versprechen. Kichern musste ich bei dem Satz, es hätte sogar "Neuinfizierte" gegeben, "junge Menschen in hippen Turnschuhen, die diesmal ihre Eltern zu Hause gelassen haben." Und ich überlegte: Haben Turnschuhe Eltern? Träumen Androiden von elektrischen Schafen? Was ich nicht mehr hören und sehen kann: Wenn einer Dylan als "His Bobness" bezeichnet. Das ist out, Mann, uncool. Klassefoto!
Schon wieder ein Sack Reis umgefallen
"Der Architekt und Urbanist Markus Miessen ist von London nach Berlin umgezogen, trotz schlechter Flugverbindungen". Will ich das lesen? Nur bis zu diesem Satz, einer wörtlichen Rede des dargestellten Urbanisten: "Denn verglichen mit einer Stadt wie London ermöglicht Berlin ökonomisch immer noch erheblichen Spielraum und konkrete freie Zeit, um bewusst unökonomisch an Ideen zu arbeiten." Und die Windmaschine anzuschmeißen.
No to Nato
Es kommt halt immer darauf an, wo man sich informiert und mit wem man als Journalist spricht. Es macht eben einen Unterschied, ob ein Spezialist von der regierungsnahen Stiftung Wissenschaft und Politik interviewt wird oder ein Kriegsgegner von den Grünen. Ja, solche Fossile gibt's noch und Ulrike Winkelmann hat ihn vors Mikro geholt. Uli Cremer heißt der Mensch und "organisierte 1999 den Grünen-internen Widerstand gegen Joscka Fischers Außenpolitik". Meine Sympathien sind ihm sicher, und was er von sich gibt, hat Hand und Fuß - und ist zutiefst deprimierend. Auch wenn der Afghanistan-Krieg in der Bevölkerung mehrheitlich abgelehnt wird, "sind wir sehr, sehr weit davon entfernt, dass der Bundestag gegen den Einsatz stimmen wird. Und selbst eine Aufstockung der Truppen, wie die USA und die Nato sie weiterhin fordern werden, wird noch mit großer Mehrheit durchgehen." Interessant: Seit die taz-Redakteurin von der Bundeswehr nach Afghanistan geflogen wurde (was ja wohl zu positiverer Berichterstattung führen sollte), hat sich ihre kritische Haltung gegen diesen Krieg offenbar eher verstärkt. Gut für die taz.
Links stinkt's
Der ständige taz-Autor Stefan Reinecke bestimmt in großem Ausmaß die Haltung des Blattes in Fragen der Innen- und Parteipolitik, schon deshalb, weil er allgegenwärtig ist. Bei allem Respekt vor seinen handwerklichen Fähigkeiten und seiner meist besonnenen Berichterstattung - seine windelweiche SPD-Einstellung geht mir, vor allem bei seinen Artikeln über die Linkspartei, manchmal ganz schön auf den Senkel. Auf der Meinungsseite geht er der Frage nach, weshalb die FDP von der Krise profitiert und die Linke nicht. Nun, Reinecke kommt zu dem Schluss, dass die 80 Prozent Wähler, die niemals auch nur daran denken würden, links anzukreuzen, "in der Krise Sicherheit" wollen. Er rät der Linken deshalb, "das Machbare im Blick zu behalten", und auf "Luftnummern" zu verzichten. Ihre Forderungen sind demnach "unrealistisch", fünf Prozent Vermögensteuer für Millionäre seien schlicht verfassungswidrig. Das glaub' ich nicht. Reinecke: "Eine verfassungskonforme Vermögensteuer in Höhe von einem Prozent würde, laut einer Studie des DIW, dem Staat etwa 16 Milliarden Euro bringen. Aber Millionärsteuer und 80 Milliarden klingt knalliger." Da lob ich mir doch den taz-Redakteur, der neulich die 90 Prozent Steuer gelobt hat, die Barack Obama auf Bonuszahlungen für Manager eingeführt hat. Und dazu noch schrieb: Es kommt nur darauf an, ob es politisch gewollt wird. So isses, und was die Banker und Arbeitgeber vom DIW, dem halbstaatlichen Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, von sich geben, würde ich noch lange nicht als Maßstab für "das Machbare" ansehen. Die fürchten höhere Steuern für ihresgleichen wie der Teufel das Weihwasser die Linke.
7. April 2009 Gipfel-Theater
Was für eine abgeschmackte Inszenierung, und sogar die taz-kultur kommt sich nicht zu blöd vor, den Nato-Gipfel inklusive Abschaffung der Bürgerrechte in Baden und Elsass mit einem Kurzessay über "Mode und Macht" aufzuwerten. Ulrike Winkelmann, die bedauernswerte taz-Reporterin vor Ort hat die richtige Einsicht: "Niemand braucht Nato-Gipfel." Und vor allem braucht niemand die schreibende Presse vor Ort - die Inszenierung gilt allein der Produktion von Bildern. Weshalb die Verweigerung Berlusconis, sich am Gruppenfoto zu beteiligen, Sonntag auch zur Hauptmeldung in den Nachrichten wird. Wie bei ähnlichen Anlässen (Kriegstreiberkonferenz in München) schon lange üblich, werden die Print-Journalisten in Pressezentren gesteckt, wo sie weitab von irgendeinem Geschehen fernsehgucken dürfen. Es ist so lächerlich wie der ganze Zinnober - die Gehirnwäsche besteht darin, dem Volk vorzumachen, die Körpergröße der französischen Präsidentengattin oder die Garderobe der amerikanischen hätte irgendetwas mit Politik zu tun. Das wahre Gesicht der Nato sieht anders aus. Interessant, dass Angela Merkel am nächsten Tag nach Afghanistan fliegt und die Truppen im Militärlager besucht, aus dem sie sich kaum noch raustrauen. Das Gesicht der Nato - das sind Zivilisten, die in Pakistan von US-amerikanischen Fernlenkraketen umgebracht werden, weil sich angeblich Partisanenkrieger in ihrer Nähe aufhalten. Und deutsche Soldaten, die im Nato-Auftrag ... ja, was eigentlich tun? Sich davor schützen, nicht ebenfalls umgebracht zu werden. Ob von den Bundeswehrlern auch nur ein einziger glaubt, dass sie dort die deutsche Freiheit verteidigen?
Der aufgeklärte Leser
Manchmal ersetzt die Leserbriefspalte Dutzende windelweiche taz-Artikel, in denen so richtig deutlich wird, dass diese Zeitung mit 30 Jahren schon die meisten Zähne verloren und kein neues Gebiss bekommen hat. Was - ja ich weiß schon - am Tagesgeschäft liegt, in dem man durch zu viel Nähe zu Menschen und dem Gegenstand der Berichterstattung zwangsläufig den Überblick verliert. Und die kritische Perspektive auf das eigene Tun und das der Politiker, denen man auf die Finger klopfen sollte. Das gilt durchwegs für die meisten "inland"-Redakteure, die nur noch innerhalb des vorgefundenen Systems kritisch berichten (wenn sie überhaupt Kritik üben). Ein Leserbriefschreiber weist auf die verpasste Gelegenheit hin, am Beispiel der bei den Grünen ausgetretenen Angelika Beer deutlich zu machen, woher diese Partei kam und wo sie jetzt angelangt ist: "Beer steht genauso wie Fritz Kuhn, Christa Sager, Joschka Fischer und Anja Hajduk und viel zu viele andere mehr für einen Ausverkauf der grünen Programmatik: Beer eben bei 'Frieden' und einem Angriffskrieg, Kuhn bei neoliberaler Wirtschaftspolitik und gegen 'sozial', Sager als Generalistin im Koalitionsbett mit der CDU für ganz viel Politik gegen die Interessen des volkswirtschaftlichen Ganzen eines kleinen Stadtstaats, Fischer gewissermaßen für alles, ob Volksentscheide, Bürgerrechte, Otto-Kataloge gegen Datenschutz usw., Hajduk für die Genehmigung eines Kohlekraftwerks als zuständige grüne Umweltsenatorin." Das hat Thomas Wüppesahl an die taz geschickt, der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Kritischer PolizistInnen. In der taz hieß es, Angelika Beer sei die "glücklose" Grüne gewesen. Das mag schon sein, und vielleicht war sie tatsächlich eher eine tragische Figur als eine berufsmäßige Opportunistin. Tatsache bleibt: Sie hat Krieg nicht nur politisch befürwortet, sie hat auch privat dem Militärischen Vorrang eingeräumt und einen Bundeswehroffizier geheiratet. Sollte das journalistisch ausgeblendet werden, weil keiner weiß, wo die Liebe hinfällt und der Steinewerfer immer im Glashaus sitzt (oder demnächst sitzen könnte)? Dazu mag ich mich nicht äußern.
Zitat
"Diese Seiten sind kritisierungswürdig nicht im Sinne von falsch oder richtig, sondern im Sinne von Denken und Diskussion. Geschichte ist kein System, das aus sich heraus entsteht und wirkt. Es sind die kleinen, privaten Details, die die großen historischen Zusammenhänge formen. Goettle schaut sich das 50-Pfennig-Stück in ihrer Kleinkinderhand an, und lässt daran die großen Zusammenhänge sichtbar werden."
Pablo von Frankenberg in einem Leserbrief zu Gabriele Goettles Zweiseiter vom Montag letzter Woche
Flüssig - überflüssig - taz-Interview: Stinklangweiliger Dummbatz
Der CDU-Mann Volker Kauder kann sich routiniert auf einer ganzen Seite als Phrasendrescher darstellen, weil ihm die taz-Redakteure Ralph Bollmann und Matthias Lohre die Gelegenheit dazu geben. Das meine ich mit zu viel Nähe zu Politikern und zum täglichen Einheitsbrei des Geschehens: Da fallen den taz-Leuten nur noch Fragen ein, die jeder Redakteur von SZ, BZ, AZ, FAZ, Spiegel, Stern, Zeit (bitte tragen Sie das angepasste Blatt Ihrer Wahl hier ein: ) auch stellen könnte. Abgesehen davon, dass diese staatstragende Grundhaltung zum Kotzen ist - heh, Jungs, wenn euch schon bei einem CDU-Mann wie Kauder keine Fragen einfallen, die ihn in Bedrängnis bringen, warum arbeitet ihr dann eigentlich bei der taz? Dieses staatsmännische Getue, diese schafsbrave Kumpanei, dieses offensichtliche Hecheln nach Anerkennung von den Politikern des herrschenden Parteiensystems führt zu stinklangweiligem Dummbatz. Die taz als Oppositionszeitung? Aber nein, wir doch nicht, wir arbeiten fürs "inland"-Ressort. Mit derartigen Beiträgen verspielt die taz ihre Existenzberechtigung und gibt Heiner Geißler mal wieder völlig recht: "Die taz gehört doch auch zum Meinungskartell dazu."
WWN*)
"Bis morgens im BH getanzt"
In der aktuellen Ausgabe des Herrenmagazins "FHM" spricht Jeanette Biedermann über ihre neue CD - und lässt ganz nebenbei auch noch die Hüllen fallen.
*)Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)
8. April 2009
Merk(el)würdigkeiten: Es ist was faul im Staat Afghanistan
Ist sie abgehauen, weil ihre Sicherheit nicht mehr garantiert werden konnte? Angeblich erst "unmittelbar nach ihrer Visite bei der Bundeswehr in Kundus wurde das Feldlager mit zwei Raketen beschossen." So dpa. Spiegel online zitiert "den Sprecher der Taliban", der behauptet, sie hätten von dem Besuch gewusst, es sei eine gezielte Attacke gewesen. Wenig später erfährt der aufmerksame Radiohörer, Angela Merkel hätte ihren Besuch in Afghanistan wegen "schlechten Wetters" abgebrochen und sei vorzeitig abgereist. Die netzeitung.de formulierte das gestern, 7. April, morgens um 8:30 Uhr, so: "Der Überraschungsbesuch endet auch überraschend: Angela Merkel musste ihren Aufenthalt in Afghanistan eher beenden als geplant. Eigentlich wollte sie auch den dritten Standort der Bundeswehr in Faisabad besichtigen. Wegen schlechten Wetters hat Bundeskanzlerin Angela Merkel ihren Überraschungsbesuch in Afghanistan am Dienstag vorzeitig beenden müssen. Die Kanzlerin konnte wegen ungünstiger Witterungsbedingungen nicht wie geplant mit dem Hubschrauber vom größten Bundeswehrstützpunkt Masar-i-Scharif nach Faisabad fliegen. Wegen tief liegender Wolken war nach Angaben der Bundeswehr nicht gewährleistet, dass die Kanzlerin in jedem Fall den Stützpunkt erreicht und nicht wieder hätte umkehren müssen. Die Delegation Merkels flog daraufhin direkt mit der Transall von Masar-i-Scharif zum Bundeswehrflughafen Termes in Usbekistan, der Drehkreuz für die Versorgung der Soldaten in Afghanistan ist. Die Kanzlerin wird nun am frühen Nachmittag in Deutschland landen." "Wegen tief liegender Wolken" - glauben Sie das? Wenn mich einer fragt (wie immer tut das ja keiner): Sie haben Merkel so rasch wie möglich rausgeholt, und zwar wegen tief fliegender Raketen. Sie haben - zu Recht - das große Muffensausen bekommen. Wenn die Taliban schon den streng geheimen Besuchstermin rauskriegen, dann aber nichts wie weg mit der Kanzlerin! Das darf man natürlich nicht zugeben, denn damit wäre der Beweis erbracht, dass die Taliban den Landstrich unter Kontrolle haben, nicht die Bundeswehr.
WWN*)
Mehr Muskeln für X5 und X6
BMW lässt die Power-SUVs von der Leine: Der X5 und sein Coupé-Bruder X6 bekommen eine extra Portion Pferdestärken. Mit Biturbo wollen die Bayern die Konkurrenz platt walzen.
*) Wirklich Wichtige Meldungen (von web.de)
Und die taz? Da stand gestern nichts drin, was mich übermäßig gefreut oder geärgert hat. Morgen gibt's wieder mehr, bleiben Sie dran, die taz von heute, Mittwoch, sah nach dem ersten Durchblättern am Morgen richtig aufregend aus. Und verpassen Sie nicht Klaus Lemkes Film "Dancing with Devils", heute, 23:45 Uhr im ZDF. Da spielt wieder Saralisa Volm mit - und die, so finde ich, hat was.
Und hier noch der Kommentar von Klaus Lemke zu meiner Novelle "Delfina Paradise - Eine Liebe in München": "Heh, das ist klasse! Hat mich an James Joyce erinnert, dieselbe Power, ich konnt nicht mit lesen aufhören." (Wenn Sie oben in der Menueleiste "Blog +E-Books" anklicken, finden Sie mehr über das neue Buch.) 10. April 2009 Die Kampagnen der Obama-Administration = Die Kriege der US-Regierung
Heiliger Strohsack - sie wollen mich ärgern, diese hirn- und gedankenlosen Schreiberlinge, die dauernd von einer "Obama-Administration" faseln. Liebe schreibende Zunft, Kollegen, Mitbürger, hört mich an: Im Deutschen heißt das Regierung. Regierung. Regierung. Okeh? Und als würde das nicht ausreichen, schwadronieren sie jetzt auch noch von "Kampagnen", wenn sie schlicht und einfach "Krieg" meinen und sagen sollten. Nur: Kampagne klingt zivilisiert, bereinigt, sauber - wer würde da an Tod und Zerstörung denken. So geschehen heute, am 10. April (Karfreitag) auf tagesschau.de: "US-Präsident Obama will vom Kongress einen Nachtragshaushalt von fast 84 Milliarden Dollar für die Kriege in Afghanistan und im Irak. Beide Kampagnen haben nach Berechnungen des US-Repräsentantenhauses bislang 800 Milliarden Dollar gekostet - das meiste davon ging in den Irak." Im Englischen heißt das Wort "campaign" tatsächlich Feldzug oder auch Schlacht. Im Deutschen verwendet man "Kampagne" für einen Wahlkampf, eine Pressekampagne, eine Werbekampagne, aber nicht für Krieg. Es sei denn, man arbeitet am schleichenden Neusprech im Sinne von George Orwells Roman "1984". Dann werden tote Zivilisten zu Kollateralschäden, und Kriege zu Kampagnen. Da sei mal wieder an "Alice im Wunderland" erinnert: Wer die Definitionen hat, der hat die Macht. Lasst es ihnen nicht durchgehen: Im Irak und in Afghanistan werden Kriege geführt, Menschen von Bomben und Granaten zerrissen, Wohnhäuser zerstört, Hochzeitsgesellschaften ermordet, Soldaten aus westlichen Ländern getötet - und das heißt Krieg und nicht Kampagne, ihr hirnlosen ARD-Trottel.
zur taz vom Mittwoch
Natürlich
Jetzt kam also John Updikes Abschiedsgeschenk an die Leser auf Deutsch heraus, "Die Witwen von Eastwick". Ob ich das lesen will? Ich weiß nicht, aber sicher werd ich nicht 19,90 Euro für die gebundene Ausgabe locker machen. Der Autor und sein Werk sind ja nur bedingt verantwortlich dafür, wer sich von ihnen angezogen fühlt und über sie schreibt. Oder vielleicht doch? In der taz jedenfalls glaubt Stephan Wackwitz, er hätte was zu Updike zu sagen. Das klingt dann so: "Mütterlicherseits kommt er aus der literarischen Gosse, dem Zeitungswesen des 19. Jahrhunderts. Noch die hochkulturell nobilitierten Glanzstücke des klassischen Feuilletonromans der Belle Epoque - die Romane Balzacs und Dostojewskis - tragen die Buckel, Trichterbrustkörbe, Hakenwurmbefunde und Pickel ihrer niedrigen Herkunft durch die Literaturgeschichte ..." Und wenn sie jetzt noch wissen wollen, worum es in "Die Witwen von Eastwick" geht, darf ich Ihnen nicht vorenthalten, was Wackwitz alles "natürlich" vorkommt, wenn er "selbstverständlich" meint: "Natürlich kommen ihre übersinnlichen Fähigkeiten zurück, sobald sie wieder zusammen sind. Natürlich gehen sie zusammen wieder nach Eastwick. Natürlich stirbt dort eine von ihnen. Natürlich entgehen die anderen knapp einem Mordversuch. Natürlich gibt es eine Sexgeschichte. Natürlich kommt Manhattan vor. Und natürlich ist eine weitere Fortsetzung angelegt. Das soll alles gar nicht im Einzelnen verraten werden." Natürlich nicht.
Grass für Steinmeier Günter Grass unterstützt im Wahlkampf Frank-Walter Steinmeier: "Ich rat euch, Eff-We-Ess zu wählen." Oder so.
Fünf Fotos und tausend Buchstaben
So in etwa liegt das Verhältnis von Bild und Text auf einer sehr schön gemachten tazzwei-Seite mit dem Titel "Fass mich an!". Fotos der großen Staatsmänner und -frauen beim Gipfel in London und Straßburg, Gesten der körperlichen Annäherung, prima sarkastische Bildbeschreibung, tolle Idee.
Warum sagst du's dann nicht, persönlich?
Hüten Sie sich vor Menschen, die sagen: "Ich würde sagen ...". Meistens heißt das nämlich nicht, dass sie es bleiben lassen, sie sagen es mit Sicherheit. Und hüten Sie sich doppelt vor Menschen, die schreiben: "Ich persönlich würde sagen ..."! Wer denn sonst? Ich unpersönlich? Und unter welchen Umständen würde sie denn, wenn sie könnte? Was ich sagen will und hier schreibe: Die taz-Kolumnistin Hilal Sezgin schreibt manchmal einen ziemlichen Schmarren zusammen.
Werfen lernen!
Der journalistische Schuhwurf scheint sich so langsam als legitime Meinungsäußerung der Presse zu verbreiten: "Ein indischer Journalist hat in Neu-Delhi Innenminister Chidambaram mit einem Schuh beworfen, aber verfehlt." Scheiße, schon wieder daneben! Wenn Schuhewerfen nicht endlich auf den Lehrplan der Journalistenschulen gesetzt wird, glaub ich nicht, dass mal einer trifft. Aber ich seh schon kommen, dass man bei Pressekonferenzen am Eingang die Schuhe ausziehen muss. (Pssst: Schon mal den Weitwurf mit Mobiltelefonen üben!)
Chelsea Hotel Revisited
Letztes Jahr ging's ja schon mal durch die Presse (war das jetzt Vanity Park oder Fair Avenue?): Das Chelsea Hotel in New York (23. Straße!) ist bedroht, "Heuschrecken" wollen eine Luxusabsteige daraus machen, die Tradition schänden, die Dauermieter rausekeln. Sebastian Moll hat mit ein paar Leuten geredet, der Widerstand scheint Erfolg zu haben, bis jetzt sind erst ein paar Zimmer renoviert, und die "Wirtschaftskrise" wird's wohl richten: Der Schmuddelcharme bleibt erhalten. Moll erinnert an all die Leute, die hier gewohnt (und gelebt) haben - Sarah Bernhard, Mark Twain, Allen Ginsburg, William Burroughs, Jack Kerouac, Bob Dylan, Iggy Pop, Sid Vicious und und und: "Leonard Cohen erhielt von Janis Joplin einen Blow Job und schrieb ein Lied darüber." Da blieb ich erst mal hängen. An das Lied kann ich mich erinnern, aber hat er tatsächlich geschrieben und gesungen, dass sie ihm einen geblasen hat? Ich geb < Cohen Chelsea Hotel Lyrics > ein, und tatsächlich:
I remember you well in the Chelsea Hotel, you were talking so brave and so sweet, giving me head on the unmade bed, while the limousines wait in the street.
"Giving me head " - so heißt das, wenn eine Frau einen Mann oral befriedigt (was, laut Bill Clinton, aber kein Sexualverkehr ist). Und dann kamen auch noch die Zeilen, die mich immer zum Lachen gebracht haben, weil sie so cool und selbstironisch waren:
You told me again you preferred handsome men but for me you would make an exception. And clenching your fist for the ones like us who are oppressed by the figures of beauty, you fixed yourself, you said, "Well never mind, we are ugly but we have the music."
Das ist so schön, dass ich's übersetzen will:
Du hast wieder gesagt, du magst gut aussehende Männer lieber, aber für mich würdest du eine Ausnahme machen. Und du hast deine Faust geballt für Leute wie wir, die von den schönen Gestalten unterdrückt werden, hast dich zurechtgemacht und hast gesagt: "Mach dir nichts draus, wir sind hässlich, aber wir haben die Musik."
taz von gestern, Donnerstag, 9. April
Nassforsches Gesülze
Da schreibt einer auf der Meinungsseite einen Kommentar - ein US-Amerikaner namens John Hulsmann - aus US-amerikanischer Sicht und beklagt sich, dass Barack Obama bei seinem Europa-Besuch die "Interessen" der USA nicht durchsetzen konnte. Der Kommentar ist - danke - wesentlich kürzer als üblicherweise an dieser Stelle. Mr Hulsmann scheint so verliebt in seine eigenen hohlen Floskeln zu sein, dass ihm gar nicht aufgeht, wie leer sein nassforsches Gesülze daherkommt. So einen Seich könnte er sogar bei BamS unterbringen. Un-säg-lich.
Jaha! Krieg! Einmarsch in Somalia!! Säubern!!! Hurraaah!!!!
Was soll man zu solchen Sätzen sagen? Ein taz-Korrespondent, Marc Engelhardt, der auch für noch staatstragendere Medien tätig ist, fordert Krieg: "Somalia hat keine funktionierende Regierung, seit 18 Jahren nicht. Nur deshalb können die Piraten so frei agieren. Man bräuchte einen Militäreinsatz, der in Somalia die staatliche Ordnung wiederherstellt." Soso. Bräuchte "man", wer immer das ist. Die staatliche Ordnung wiederherstellen? Welche denn? Die von Europa und den USA gewollte? Das erfahren wir nicht, nur dass es darum geht, mit Krieg die Sauberkeit zu fördern: "Manchmal muss man sich die Hände schmutzig machen, um eine wirklich saubere Lösung hinzubekommen." "Eine wirklich saubere Lösung hinzubekommen." Im Ernst, das steht da. In der taz. die tageszeitung: "Man bräuchte einen Militäreinsatz", um "eine wirklich saubere Lösung hinzubekommen." Meister Proper, übernehmen Sie! Erst mal die Hände schmutzig machen (Mogadischu bombardieren), dann die Besatzer einschiffen und -fliegen, auf alles schießen, was nicht bei drei im Keller ist, und dann eine westliche Marionettenregierung einsetzen. Und alles wird gut. Hände waschen nicht vergessen! Marc Engelhardt ist mein politischer Gegner.
Da schau her: Nichts auszusetzen
Selten kommt's vor, aber an diesen "kultur"-Seiten gibt's nix zu mäkeln - ein sehr informatives, großartig recherchiertes, kompetentes Stück über 3-D-Kino von Andreas Busche, eine gewohnt feine Filmkritik unter "dvdesk" von Ekkehard Knörer über den letzten Film des 86 Jahre alten Eric Rohmer ("Les amours d'Astrée et de Céladon"), und ein prima Essay von Robert Misik über Wut und kollektiven Zorn in Revolutionen ("Die Wutprobe"). Les' ich doch alles gern, sogar wenn Dietmar Kammerer über einen Film schreibt, der mich nicht die Bohne interessiert, aber so erklärt wird: "'Bedingungslos' kracht - mit beeindruckendem Schwung und visueller Verve - durch die Haustür, wo er besser unbemerkt durchs Fenster einsteigen sollte." Das hat doch was.
Titelzeile des Tages
"Akademiker brauchen Arbeitslosigkeit nicht fürchten". Und Journalisten brauchen für ihren Beruf kein richtiges Deutsch zu können.
12. April 2006
Frohe Ostern!
Do it yourself - die taz macht ihre eigenen Nachrichten: Ein ganzes "kongress mag" ersetzt das taz mag in der Samstagausgabe. Und wir erfahren, was am nächsten Wochenende so alles geboten wird, wenn es "30 Jahre taz" zu feiern gilt. Der taz-Leser wird sich dann, ob er will oder nicht, an ein neues Erscheinungsbild gewöhnen müssen: Die tageszeitung bekommt ein neues Layout. Die Graphik-Designer KircherBurkhardt, die auch schon die FAS umgestaltet haben, dürfen sich an der taz versuchen. Da bin ich mal neugerig. Im Interview sagt Nelli Havemann, die bei dem Unternehmen als "Creative Director" fungiert, den schönen Satz: "Wenn nur Scheiße drinsteht, hilft natürlich auch das Design nichts." Amen.
Zu "mainstreamig"
Hah, ich hab den Eindruck, Arno Luik liest mein tazblog. Sagt er doch glatt im Interview: "Die taz ist in Gefahr, zu mainstreamig zu werden. Aber Mainstream sind alle. Die taz kann im Idealfall ein Zugpferd sein für innovativen Journalismus, ein Glücksversprechen. Sie gehört den Leuten, die sie machen." Und auf die Frage des Interviewers Jan Feddersen: "Ist die Printzeitung nicht bald tot?", antwortet Luik: "Dieses defätistische Gerede über das Zeitungssterben habe ich satt. Die Zeitungen in den USA gehen nicht wegen des Internets ein, sondern weil die Zeitungen kaputt gespart werden – um das Internet zu finanzieren." Arno Luik, inzwischen wohl beim Stern gelandet, war mal Chefredakteur der taz. Das mag Mitte der neunziger Jahre gewesen sein. Dann hat's ihn zur Karriere getrieben, zwischendurch war er mal unglücklich als Vizechef der Abendzeitung, und jetzt stellt ihn die taz als "Kulturjournalist des Jahres 2008" vor. Wer ihm den Titel verpasst hat, erfährt der Leser nicht. Ob man das wird, weil man so tolles Deutsch drauf hat wie "mainstreamig"? Oder trotzdem?
Neinneinneinneinnein!!!!!!!!!
Geht's Ihnen auch so? Wenn ich lesen oder hören muss "Die Krise ist auch eine Chance", will ich schreiend davonlaufen. Und was steht unter dem Interview mit Arno Luik als Überschrift: "Die Medienkrise ist auch eine Chance". UUUUÄÄÄÄÄÄÄÄHHHH!
Zwei Mal Wehmut
Wenn ich mir die beiden Seiten ansehe, die ein kluger Redakteur da nebeneinander gestellt hat (an Zufall glaub ich nicht in diesem Fall), dann überkommt mich eine tiefe Wehmut. Links stehen die kleinen Porträts und Bildunterschriften, mit denen zehn junge Frauen und ebenso viele junge Männer vorgestellt werden. Sie nehmen an einem Kurs zum Thema Kritischer Journalismus teil, an der neu gegründeten taz-Akademie. Diese unverbrauchten Gesichter, aus denen Neugier und Lebensmut strahlt, Aufbruchstimmung, Hoffnung auf einen interessanten Beruf, ein spannendes Leben: Sie wollen alle Journalisten werden, und wissen noch nichts vom Ärger, den Enttäuschungen, den Demütigungen und dem Frust, der sie erwartet. Gott sei Dank. Rechts steht ein ganzseitiges Interview mit dem schwer erkrankten Fritz Teufel. Er hat die Interviewerin, Waltraud Schwab, zum "therapeutischen Tischtennisspielen" eingeladen, und das Foto zeigt ihn, merkwürdig verrenkt, mit dem Schläger bei der Angabe. Der Fritz ist jetzt 65 und hat die Parkinsonsche Krankheit, seit zehn Jahren. Er muss ständig Medikamente einnehmen, und hofft, dass er sich noch mal einkriegt und irgendwann wieder radfahren kann. Er erzählt von früher, als er sich zu 15 Jahren Haft wegen Entführung eines Politikers verurteilen ließ, und erst dann mit seinem astreinen Alibi herausrückte. Und er erzählt von der Zeit, als er abwechselnd mit Wolfgang Neuss eine taz-Kolumne geschrieben hat. Und dann über seine Krankheit: "Das Schlimmste ist, wenn du wie festgenagelt irgendwo stehst und nicht mehr weiterkannst, weil du Angst hast, du fällst hin. Soll ich es vormachen? Lieber nicht. Ich muss alle drei Stunden Pillen einnehmen. Wie spät ist es jetzt? Viertel nach sechs. Ich hätte schon um sechs die Pillen einnehmen müssen. Ich merke es." Ich hab fast geheult beim Lesen. Die Titelseite: Klinsmann am Kreuz. Hm. Äh. Naja.
Soll man das? Ein Foto eines Gekreuzigten mit Seilen und Nägeln und Dornenkrone und nacktem Oberkörper und Lendentuch, und in die langen blonden Haare einmontiert das Gesicht von Jürgen Klinsmann mit aufgerissenem Mund und Leidensmiene. Dazu steht da als Titel das Motto und der Songtitel von Monty Python: "Always Look on the Bright Side of Life". Jaja, schon klar, wir haben alle "Das Leben des Brian" gesehen. Ja, das soll britischer Humor sein. Ja, Satire darf alles. Auch den guten Geschmack verletzen, wer auch immer den definiert. Aber ist das eine gute Titelseite an Ostern? Sind religiöse Gefühle ein Witz? Wen will man damit provozieren?
WWN*)
Der Berg ruft
Muskelprotz weiß-blau: Tuner G-Power peppt den BMW X5 auf und verpasst dem gelände-gängigen Sportler einiges an Extra-PS - plus eine neue, bissige Optik.
*) Wirklich Wichtige Nachrichten
14. April 2009
Alles Gute zum Geburtstag, liebe Diana!
Wo auch immer du sein magst.
Noch mal Ostern
Besseres Osterwetter als das im Jahre des Herrn 2009 gibt's nicht. Punkt. Ich wollte noch was zum Osterthema auf den "kultur"-Seiten der taz (Philosophie und Essen) sagen. Titel des Beitrags von Klaus Ebenhöh: "Erst das Fressen, dann die Moral". Neu war mir, dass der bekannte Spruch "Du bist was du isst" von Ludwig Feuerbach stammt: Wer nichts Ordentliches esse, könne auch nichts Ordentliches denken, meinte der deutsche Philosoph, mit dem sich auch Karl Marx intensiv beschäftigt hat. Feuerbach hat Gottfried Keller sehr beeindruckt, und "Der grüne Heinrich" steht mit beiden Beinen in der Weltanschauung von Ludwig Feuerbach. So weit ich es verstanden habe, sieht er die Natur, ganz ähnlich wie die Indianer in Nordamerika und andere "Natur"-Völker, als Ausdruck des Göttlichen. (Ich hab das noch ein bisschen weiter ausgeführt in "Alles stimmt! oder: Leben und Sterben des vergnügten Schreiberleins Sebastian Wugg aus Grüntal", auf das ich ganz am Ende dieser Seite in einer Anzeige hinweise. Ahem.) Nicht neu war mir, dass Pythagoras bekennender Vegetarier war. Darüber hat er auch eine wunderbare Abhandlung geschrieben, die nichts an Aktualität eingebüßt hat. Kann man bei Ovid nachlesen, in den Metamorphosen (die grandiose Prosaübersetzung von Gerhard Fink, erschienen bei Artemis, sei hier ausdrücklich empfohlen): "O welche Sünde ist's, Fleisch in Fleisch zu begraben, den Leib mit gierig verschlungenen Leibern zu mästen und vom Mord an einem anderen beseelten Wesen als denkendes Wesen zu leben!" (Mit freundlichen Grüßen an M. H.!)
Superpelztiere Sicher, stimmt ja, blöde Bezüge auf Namen sollte man tunlichst unterlassen, aber wenn ein Musikkritiker Maurice Summen heißt, muss ich halt schon schmunzeln. Im Übrigen gibt's weder an seinem Artikel noch an dem Thema was auszusetzen. Nur zu zitieren. Erst mal sei die Information weitergegeben, dass ein Stück auf der neuen CD "Dark Days / Light Years" der Super Furry Animals den Titel hat: "The Very Best Of Neil Diamond", und ein anderes "Moped Eyes": "Hier klingen die Super Furry Animals wie man sich das Quasi-Comeback von David Byrne im Geiste Brian Enos vor wenigen Monaten gewünscht hätte: nach verschlepptem Kunsthochschulfunk, dessen Unterhaltungswert einem Alexander-Kluge-Interview mit einem Astrophysiker entspricht." Damit das bloß niemand missversteht: "Aus den Songs sprechen höchst anregende melodiöse Glücksgefühle." Und der Autor findet, dass sie "tatsächlich wie eine Offenbarung klingen: eine echte Spinnnerplatte eben." Eine feine Musikkritik in der taz eben. Und dazu passt das grandiose Bandfoto mit den bärtigen Herren. Sehr schön.
Zitat
"Aber es ist schon Wahnsinn, wie kampflos der letzte Unsinn im Fernsehen, gerade auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern, hingenommen wird. Und niemand sich fragt, was da für eine Ideologie am Werk ist, wenn jetzt alle Oliver Pochers Weggang aus der ARD beweinen. Kapitalismuskritik mit Ideologiekritik zu verbinden, das wäre in Ordnung. Dann machte Ersteres wieder Sinn."
- Jürgen Kuttner im taz-Interview, "Redet mal übers System"
Theateraktion - Aktionärstheater
Was nun das Theatralische an der Daimler-Hauptversammlung war, erfahre ich auf der ganzen Druckseite nicht, die in der taz für Andreas Fanizadehs Artikel zur Verfügung steht. Das "Rimini-Protokoll", eine Berliner Thatertruppe, die mir neulich mit ihrer Inszenierung echter Muezzins auffiel, wollte offenbar die Aktionärsversammlung zu einem Theaterstück erklären. Ja, und? Also "Wirklichkeit" als "Theater"? Na und? Der taz-weblog-schreiber in der Zirkuskuppel: ratlos.
Und Klinsmann?
Über das Oster-Titelbild (siehe Eintrag von gestern, Jürgen Klinsmann am Kreuz, dazu der Spruch von Monty Python, Always Look on the Bright Side of Life) mag man streiten, man kann's auch bleiben lassen. Der FC Bayern will die taz angeblich verklagen. Ach, wie ist das blöd. Aber ein paar Zeilen zu dem dazugehörigen Artikel mögen schon sein: Was Daniel Theweleit da schreibt, gehört zum Besten, was in der taz jemals über Fußball zu lesen war. Statt sich über die Titelseite aufzuregen, sollte Uli Hoeneß lieber Theweleits Beitrag lesen. Und vom FC Barcelona lernen: Die haben einen Kader von 24 Spielern, und elf davon entstammen der eigenen Nachwuchsabteilung, darunter Superstar Lionel Messi.
WWN*)
Jetzt sind Sie dran!
Ansprechen, anrufen, abschleppen - ein Job für ihn oder sie? Zwar gibt es kein Patentrezept für das erste Date, aber doch ein paar Grundregeln, die man befolgen sollte.
*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)
15. April 2009
Robert Walser wurde geboren am 15. April 1878
Gestorben ist er am 25. Dezember 1956, erfroren im Schnee bei einem Spaziergang, was eigentlich ganz in Ordnung war, denn Robert Walser ist sein Leben lang spazieren gegangen. Gelegentlich wird er mit seinem Namensvetter Martin verwechselt, der lebt aber noch, und Robert könnte sein Großvater sein. Isser aber nicht, die beiden sind nicht verwandt, aber ich hab mal gelesen, dass der deutsche Martin den Schweizer Robert sehr schätzt. Wenn Sie noch nie etwas von ihm gelesen haben, empfehle ich "Poetenleben". Das sind durchwegs kürzere Texte, und mein liebster darin ist die Beschreibung seiner Wanderung von München nach "Würzburg", der Stadt, die dem Stückchen den Titel gegeben hat. Wie alle nicht-arroganten Schriftsteller war Walser auch ein leidenschaftlicher Leser, und diese schöne Beobachtung stammt von ihm: "Es gibt Bücher, ... die sinken allmählich in uns hinein und hören und hören nicht auf, in uns hineinzusinken, und wir hören nicht auf, uns darüber zu wundern, dass Bücher ein so unendliches und sanftes Gewicht haben können und dass in uns solche Tiefen zu wecken sind. Was man dabei empfindet, grenzt an Glück." So ging es mir bei den Büchern von Robert Walser. Noch ist gar nicht alles von ihm veröffentlicht, denn die vielen Packpapierseiten, die er jahrelang in winziger Schrift mit Bleisift vollgeschrieben hat, sind noch gar nicht alle entziffert. Bis dahin können Sie aber schon mal "Der Gehülfe" lesen, oder "Geschwister Tanner", "Der Räuber" (!) oder "Jakob von Gunten". Auch "Fritz Kochers Aufsätze", die es als hübsches Insel-Bändchen gibt, hab' ich sehr gemocht. Hermann Hesse hat mal über seinen Zeitgenossen geschrieben: "Wenn solche Dichter wie der Walser zu den 'führenden Geistern' gehören würden, so gäb es keinen Krieg. Wenn er 100.000 Leser hätte, wäre die Welt besser." Vielleicht hat er ja inzwischen 100.000 Leser. Und bekommt noch ein paar dazu, die das hier gelesen haben. Sensationalistisch
"Deutschland lernt von Bangladesh" - das klingt schon arg verrenkt als Titelzeile auf Seite 1. Es geht um Kleinkredite für Selbständige, die aus eigener Kraft durch ihrer Hände Arbeit ein Geschäft betreiben wollen. Das ist ein uralter Gedanke (Friedrich Wilhelm Raiffeisen lässt aus dem Jahr 1860 schön grüßen), und keineswegs eine Erfindung aus Bangladesh. Muhammad Yunus hat dafür zwar den Nobelpreis gekriegt, aber im langen Text von Andreas Wyputta wird dann auch deutlich, dass die GLS-Bank schon eine ganze Weile ähnlich vorgeht, und das nicht erst seit der sogenannten Wirtschaftskrise. Was ich nicht erfahre aus der taz: Was zum Teufel heißt denn GLS? Nun, auch auf ihrer Website muss der neugierige taz-blogger erst eine Weile suchen, aber unter den "häufig gestellten Fragen" ist dann auch diese dabei, und die Antwort lautet: "GLS heißt Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken. Unser Grundgedanke ist, dass Geld unterschiedliche Qualitäten hat: als Zahlmittel, als Leih- und als Schenkungsgeld. Wir verstehen Geld dabei als soziales Gestaltungsmittel." Da stehen noch viele andere interessante Dinge, über das, was diese Bank so tut und lässt und die taz nicht weiter erwähnenswert findet.
Klimabedingt ...
... muss ich jetzt raus, weil es mittags schon 20 Grad hat, und die angenehmste Temperatur zum Laufen um die 15 Grad liegt. Also hab ich meinen Termin eine Stunde vorverlegt bei diesem Frühsommerwetter. Bis später, es gibt bestimmt noch was zu sagen zur taz von gestern.
WWN*)
Ab durch den Flügel
Er ist noch leicht getarnt, aber dies fällt sofort auf: Extralange Motorhaube, Lüftungsdüsen wie ein Jet - und natürlich Flügeltüren. Ent- spannter Extremsport im Mercedes SLS.
*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)
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