16. April 2009
Nachruf auf Ostern, Hochruf auf einen Krimi
Dass diese Ostertage rein wettermäßig schwer zu übertreffen sein werden, stand ja schon an anderer Stelle. Was meine Lebenslust aber noch zusätzlich anfachte, waren die Typen, die Ostersamstag und -sonntag beim Tivoli-Pavillon Gitarren gespielt und gesungen haben. Folk vom Feinsten, uralte Profis, die wie immer einfach so aus Spaß an der Freud' da waren. Zu den warmen Frühsommertemperaturen kam eine ganz leichte Brise, die manchmal den Geruch von Steckerlfisch aus der Hirschau herübertrug, und die Freude über das Buch, in dem zu lesen ich nicht mehr aufhören wollte. Es gehört zu meiner liebsten Sorte: Wenn die Seiten rechts weniger werden, fange ich an, langsamer zu lesen, damit es nicht so schnell vorbeigeht. Ich las "Kritik der mörderischen Vernunft" von Jens Johler, und ich wäre bestimmt nie auf die Idee gekommen, es zu lesen, wenn ... ja, wenn nicht im taz mag vor ein paar Wochen ein Vorabdruck gestanden hätte. Ein sehr verblüffender Romanauszug, an dem ich gemerkt habe: Da hat einer zwar einen Krimi geschrieben, aber die Informationen, die rüberkommen, könnten auch aus einem Sachbuch über Hirnforschung stammen. Ich hatte den Eindruck, der Autor weiß, was er tut, und nimmt sich das Krimi-Genre als einzige Möglichkeit, sein immenses Wissen unter die Leute zu bringen. Dabei muss ich noch einfügen: Ich bin in dieser Lebensphase bestimmt kein Krimi-Fan, auch wenn ich früher gern die dünnen schwarzen rororo-Thriller von Maj Sjöman und Per Wahlöö gelesen habe, weil die auch politisch goldrichtig lagen. Aber in den letzten Jahren bin ich eher vom Krimi-Lesen weggekommen. Ich fand das, wie Vieles in der Romanliteratur, zu frivol. Man sollte es den Leuten nicht so einfach machen und einfach nur ihr Unterhaltungsbedürfnis bedienen, um als Autor Geld zu verdienen. Ich war lange Zeit der Meinung, nur bedingungslose Aufrichtigkeit kann Menschen berühren und bewegen. "Wenn Freie freie Rede führen, / nur so kann man Gebundene rühren." Lassen wir das einfach mal so stehen. Jens Johlers Buch hab ich trotzdem verschlungen - er weiß, wie man so 'ne Romanhandlung konstruiert und serviert, er geht sicher mit den Lesererwartungen um, und was den Krimi als Krimi betrifft, kann ich mir keinen Liebhaber dieses Genres vorstellen, der am Spannungsbogen und am Showdown etwas aussetzen könnte. Was mich aber noch mehr faszinierte, war die Sicherheit, mit der Johler philosophische und wissenschaftliche Diskussionen auf den (menschlich wesentlichen) Punkt bringt. Da hab ich mich sehr gefreut, weil ich der Meinung bin, dass in der Demokratie die wichtigen Themen dem akademischen Milieu entrissen und in verständlicher Sprache unters Volk gebracht werden müssen. Und wenn das mit einem Krimi besser geht als mit Beiträgen in der ZeitSZFAZ, dann muss man halt einen Krimi schreiben. Aber auch Leute, die einschlägige Feuilleton-Diskussionen in den letzten Jahren verfolgt haben, werden sich freuen: Manchmal ist Johlers Krimi so nah an den Personen des "richtigen Lebens" dran, dass die führenden Paukenrührer, Manifestunterzeichner und Handwersklapperer aus den Kreisen der Hirnforscher unschwer zu erkennen sind. Und wer würde sich nicht klammheimlich freuen, dass diese opportunistischen Gesellen auf der Abschussliste eines Serienmörders stehen ... Höchst aufschlussreich wird auch der Hintergrund im Bereich der Finanzen beleuchtet, wie die Gelder fließen, die Verknüpfung von Wissenschaft, medizinischer Industrie, Geheimdiensten und Politik - und die bereitwillige Mithilfe der Medien, wenn es darum geht, Forschungsmittel locker zu machen. (Ich würde gern mal etwas Ähnliches aus dem Bereich Wirtschaftsforschung und die vom Staat durchgefütterten Nationalökonomen lesen. Stichworte: Die "Wirtschaftsweisen", Geschäftsklima-Index, ifo, DIW, RWI etc.) Nun ja, ich wünsche dem Buch "Kritik der mörderischen Vernunft" (Ullstein, 9.95 Euro) größtmögliche Verbreitung, und deshalb sei hier noch auf die Lesung und Buchpräsentation am 29. April um 19:30 Uhr hingewiesen: Berliner Medizinhistorisches Museum, Charitéplatz 1, 10117 Berlin. Möge er viele Leser finden - der Schauspieler, Wirtschaftswissenschaftler und Romanautor Jens Johler.
Und die taz vom Dienstag? Hier ein Interview- Zitat
"Das Geld beschreibt ja nur den Wert einer Sache. Das Problem ist der Zins - das Schmiermittel und Krebsgeschwür der Gesellschaft, wie Marx erkannte. (...) Um dem Zinswucher zu entgehen, entstehen immer mehr den Euro ergänzende Währungssysteme. In 30 Gebieten in Deutschland gibt es die inzwischen, zum Beispiel Rheingold in Düsseldorf. Durch die Verankerung in der lokalen Realwirtschaft sind diese komplementären Währungssysteme relativ krisenresistent. Das ist ein spannendes Thema, zu dem es schon zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten gibt, und das nach meiner Ansicht viel stärker praktisch erforscht werden muss." Das sagt Edgar Most, der einzige DDR-Banker, der in die Führungsetage einer Westbank übernommen wurde in einem Interview auf taz zwei. Most prägte den schönen Satz, er sei "von der Diktatur des Proletariats in die des Kapitals gewechselt".
Thailand wie üblich: Die Ungke von Bangkok
Die taz-Korrespondentin Nicola Glass sorgt sich auf der Meinungsseite wie immer um Wirtschaft und Tourismus und unkt, auch wie immer, mit den Reizworten Putsch und "Ausbruch eines Bürgerkriegs" - den sehnt sie jetzt seit Monaten herbei. Ich will nicht wieder damit anfangen, steht alles schon in einem halben Dutzend tazblog-Einträgen aus dem vergangen Sommer und Herbst. Im Osten nichts Neues.
Ach herje!
Jetzt hamse keine anderen Sorgen mehr auf der Leserbriefseite als den Klinsmann-Jesus und die Sprüche eines katholischen Bischofs. Kein Wunder, dass die Regierung ungestört mit Hilfe von Steuergeldern marode Banken retten darf und noch mehr Autos unters Volk bringt: Immer feste ablenken von den tatsächlichen Schweinereien, da kommen Trainer Klinsmann und Bischof Mixa gerade recht. Gehirnwäsche. Bis zum Schleudergang.
17. April 2009 Alles Gute zum Geburtstag, liebe tageszeitung!
Sogar im Färnseh ham sie's gebracht: Die taz wird heute 30! Woher ich das weiß, obwohl ich mein Sony-Färnseh schon vor 15 Jahren verkauft hab? Na, von tagesschau.de, wo das Filmschnippelchen von gestern Abend angeklickt werden kann. Issja wirklich ne unschlagbare Idee des Färnseh-Mannes von RBB, zum 30. taz-Geburtstag die attraktive 30 Jahre alte taz-Journalistin vor die Kamera zu holen und ihre schönen Augen in Großaufnahme einzeln und als Paar einzublenden. Solchermaßen zur Miss tageszeitung gekürt, darf Cigdem Akyol auch gleich noch vorführen, dass es bei dieser Zeitung im Job keinerlei Probleme mit Herkunft, Geschlecht, Religion und Haarfarbe gibt, und eine Ex-tazzlerin, die bei der Berliner Zeitung Karriere gemacht hat, darf wieder das Klischee von der taz als "Journalistenschule" ausbreiten. Na ja, was soll's. Jedenfalls werd ich die Ausgabe von heute erst mal archivieren - ab morgen kommt ja die "neue" taz mit dem veränderten Layout: "Das beste Persil dass es je gab." P. S. Auch wenn ich sie neulich mal wegen ihres nassforschen Interviewstils in die Pfanne gehauen habe (und erst nicht wusste, ob der Vorname männlich oder weiblich ist): Cigdem Akyol sieht verdammt gut aus und hat eine sehr angenehme Stimme. Ich würd' sie gern mal auf ein Glas Wein einladen, um mit ihr nicht über die taz zu reden. die taz von vorgestern, Mittwoch, 15. April:
River Deep, Mountain High
Mir sagt ja keiner was, aber zumindest erfahre ich aus einer Randspalte im "kultur"-Teil, dass er jetzt doch schuldig gesprochen wurde, der Unglückswurm: Phil Spector hat vor sechs Jahren eine Frau erschossen. "To know him is to love him" - das war wohl das erste Stück von Spector, dass mir unwiderstehlich im Gehörgang als Ohrwurm hängen blieb. Der Begriff Wall of Sound wird mit seinem Namen verbunden bleiben, und wer River Deep, Mountain High von Ike & Tina Turner nicht kennt, muss jünger als 30 oder taub sein. Spector machte mit seinem symphonisch-hymnischen Rock - immer noch ne Streicherschicht drüber gelegt - Komponisten wie Richard Wagner und Anton Bruckner Konkurrenz, orientierte sich stark an Filmmusik und reduzierte alles auf zweieinhalb bis drei Minuten. Zu sehen gab's Spector auch, im Hippie-Klassiker Easy Rider, als er zu Beginn des Films einer großen schwarzen Limousine entsteigt (war's ein Rolls?), und als Koks-Dealer von Peter Fonda und Dennis Hopper den Stoff kauft. Mit dem Geld, das sie zusammengerollt in Plastikschläuche schieben, verstopseln und im Benzintank verstecken, machen sich die beiden dann mit ihren Harleys auf nach Süden - ihrem Begriff von Freiheit entgegen. Phil Spector hat auch die LP "Let it be" von den Beatles produziert, verhunzt, sagen manche. Später hat er mit George Harrsion "All things must pass" und mit John Lennon "Rock'n'Roll" aufgenommen. Schon damals hieß es, dass er ein unausstehlicher Irrer war. Jetzt ist er 68, und es sieht ganz so aus, als ob er den Rest seiner Tage im Knast verbringt. Schlechter Tausch: die Wall of Sound gegen Gefängnismauern. Stadtarchiv? Nassarchiv
Eine feine Geschichte - Dietmar Bartz, ausgebildeter Archivar, zehn Jahre taz-Redakteur, heuert vier Tage lang in Köln an und hilft, die Reste des Stadtarchivs in einer großen Halle am Stadtrand zu retten. Das ist eine wunderbare Reportage, und ungemein lesenwert. Jawoll. Sogar als Fortsetzung, deren letzter Teil am kommenden Montag erscheint. Sie können noch einsteigen, und sich über Schimmel und nasse Akten informieren.
Keintilschreiber
Man muss kein Fan von Til Schweiger sein, und erst recht nicht von seinen Filmen, um ihn vor taz-Redakteur David Denk in Schutz zu nehmen: Schweiger ist bestimmt keine "Hohlbirne". Auch wenn er Dummbeutelhumor auf die Leinwand bringt und, zugegeben, nicht gerade hochintelligent ausschaut, eine gewisse funktionelle Intelligenz kann ihm wohl niemand abstreiten. Die Filme mögen unterirdisch sein, aber dumm ist der Mann nicht, er weiß, wie man das Volk ins Kino lockt. Auch die Bild-Zeitung wird ja nicht von Hohlbirnen gemacht.
Kurden: Kleinteil, Seite 11
Kurdische Politiker von der DTP-Partei kriegen mal wieder die volle Breitseite ab, und der taz ist das gerade mal ein paar Zeilen auf Seite 11 wert, Agenturmeldung von afp. Die Parteivorsitzenden werden verhaftet, ein Fernsehsender wird verboten und durchsucht, Kommunalpolitier und Anwälte von Kurdenanführer Abdullah Öcalan in den Knast gesteckt. Vorwürfe, wie üblich: Unterstützung der PKK.
Doppelnamen
Sie wissen ja: In unregelmäßiger Reihenfolge erscheinen hier meine liebsten Doppelnamen. Im Moment an der Spitze der Hitparade: Roswitha Müller-Piepenkötter. Sie ist bei der CDU und Justizministerin von Nordrhein-Westfalen.
Klassereportage: Uganda-Söldner im Irak
Prima Recherche, mutig mitten rein ins Gewühl: Simone Schlindwein berichtet über die Firmen, die Sicherheitskräfte aus Uganda für den Irak anwerben und ausbilden. Ugander (Monatslohn 600 Dollar) sind billiger als Amerikaner oder Europäer, und weil Sicherheitsdienste den Profit steigern wollen, werden die Leute dort angeheuert, wo sie für das wenigste Geld zu haben sind. So einfach ist das. Inzwischen schauen sich die Firmen in Nepal um, wo Personal für 100 Dollar zu haben ist. Und der nächste Halt ist Afghanistan: "Ab April werden erstmals 300 Ugander in der Provinz Kandahar amerikanische Militärcamps bewachen." Für 800 Dollar im Monat, weil sie auch auf Streife gehen müssen.
Neues von der Schröder-Gang
Da muss doch noch ein Job zu holen sein, - so dachte sich wohl der Ex-NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement. Nach Gerhard "Gazprom" Schröder heuerte jetzt auch sein damaliger Wirtschaftsminister bei einem russischen Konzern an. Die Firma heißt Energy Consulting und holte Clement in den Aufsichtsrat. Seine "Erfahrungen und internationaler Einfluss sollen helfen, die Kooperation mit ausländischen Partnern zu erweitern", gaben die Russen bekannt. Herzlichen Glückwunsch, Genosse Wolfgang! Da sieht man mal wieder, dass die SPD das beste Sprungbrett für internationale Karrieren ist, so lange man den Energiekonzernen beim Kohlemachen und -verbrennen hilft. Is doch kein Wunder, dass dem Clement diese Ypsilanti mit ihrem Solar-Scheer so auf den Wecker ging! Die haben einfach nicht kapiert, wozu die SPD gebraucht wird.
taz vom 16. April:
Apropos SPD
Die Art von resignierter Anpassung an das, was ist, an die herrschenden Verhältnisse, an denen man sowieso nichts ändern kann, findet der taz-Leser nicht nur bei 69 Jahre alten SPD-Zauseln wie Wolfgang Clement. Da bringt die Meinungsseite gestern ein längeres Stückchen von Julia Grosse mit dem Titel "Klassenkampf für Profis". Die Frau ist 33, und schreibt für Blättchen wie FAS, Neon und Glamour, und, passenderweise, auch für die taz. Nachdem sie sich lang, breit, hohl und herablassend über die Proteste gegen das G20-Treffen in London ausgelassen hat, kommt sie nach drei Spalten professionell-aalglatter Mainstream-Schreibe zu dem Schluss, dass die Demonstranten schon zur Vernunft kommen werden: "In nächster Zukunft taucht man wieder unbekümmert zu hundert Prozent ins System ein, mit vielgelobtem, da vollkommen harmlosem Aktionismus im Lebenslauf. Und tritt die gut bezahlten Posten als Corporate-Social-Responsibility-Berater in großen Konzernen an." Na, das passt doch wie angepasst. Die Protestler werden schon merken, dass Kapitalismus das einzig Wahre ist. Man kann eh nichts machen. Julia Grosse kommt mir vor wie eine phantasielose alte Frau, die auf Grund ihrer Lebenserfahrung an ehrlich gemeintes politisches Engagement gar nicht mehr glauben kann: Die Spinner werden schon sehen, dass das System stärker ist. Ja, Omma, hast ja recht, so geht das immer mit die junge Leute.
Blaues Wunder
Zugegeben, ich mach es mir leicht. Ich mach mir selbst die Hände nicht schmutzig. Wenn ich dann aber lese, dass in Dresden ein Bundeswehr-Depot in Flammen aufgeht, und dabei niemand verletzt wurde, überkommt mich mehr als klammheimliche Freude: Hah, es gibt noch Leute da draußen, die nicht resigniert haben (siehe Meldung oben) und auf Jobs als Corporate-Social-Responsibilty-Berater schlicht und einfach scheißen. Und wenn dann ein Bekennerschreiben auftaucht von der "Initiative für ein neues blaues Wunder", überkommt mich mehr als ein klammheimliches Schmunzeln: Ich muss breit grinsen. Auch was drinsteht möchte ich zitieren, denn es ist schlicht und allgemein verständlich gehalten, nix Aufruf von Herstellern kulturellen Kapitals: "Um menschenverachtendes Kriegsgerät unbrauchbar zu machen, haben wir es einfach angezündet." Und immer schön aufpassen, dass keiner verletzt wird, Jungs und Mädels, gell? Nein, will ich nicht
Die Frage war: Will ich in der taz eine Seite über "das Comeback" des geldgierigen "Motivationstrainer" Jürgen Höller lesen, und ein halbseitiges Foto angucken müssen, auf dem sein Gesicht vom Kinn bis zum Haaransatz zu sehen ist? Die Antwort steht schon in der Überschrift.
Genug ge-gen-t
Okeh, die CSU-Frau Aigner hat Genmais verboten. Okeh, die taz macht sich seitenweise über das Thema her. Okeh, die CSU hat Angst, dass ihr die Wähler weglaufen. Und sonst? Die CDU-Annette Schavan, Wissenschaftsministerin, arbeitet selbstverständlich auf der Gen-Lobby-Seite, und, ach ja, ein ganz neues Argument wirft ein besonders origineller CDU-Mann in die Debatte. Er heißt Peter Bleser und ist sich nicht zu blöd für Monsanto-Genmais zu plädieren, weil sonst "langfristig Arbeitsplätze in Gefahr" seien. Geht's noch dümmer? Wenn ich bei Monsanto was zu sagen hätte, würde ich die Zahlungen an ihn einstellen.
WWN*)
Schwanger: Ein Baby für Heidi
Erst gab es Gerüchte, jetzt ist es offiziell raus: Model-Mama Heidi Klum erwartet ihr viertes Kind. Ehemann Seal überglücklich: "Wir bekommen ein Baby."
*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)
18. April 2009
"Iss ja alles so schön bunt hier!"
Für Spätgeborene: Der Ausruf in der Titelzeile stammt von Nina Hagen, die das im Song "TV-Glotzer", der deutschen Version von White Punks on Dope (The Tubes), dazwischenkrähte. An Nina musste ich denken, als ich heute die taz mit dem neuen Layout in der Hand hielt - tazsächlich, bunte Bilder von vorn bis hinten, sogar der Touché-Comic auf der Wahrheit-Seite kommt farbig. Der Schriftzug des Zeitungstitels steht in unveränderter Schrift oben drüber, aber er ist ganz nach oben gerückt, ohne Bildleiste wie früher. Und war vorher "die tageszeitung" das Rote auf dem Weißen, ist jetzt "die tageszeitung" das Weiße im roten Block. Wenn das keine symbolische Bedeutung hat ... Damit sind sie jetzt alle bunt, die überregionalen Zeitungen in Deutschland. Mir kam schon beim Spiegel der Schritt zur Farbe, erzwungen durch die von Anfang an bunte Focus-Konkurrenz, wie der Abschied vom seriösen Journalismus vor (was sich ja dann auch als richtige Einschätzung erwiesen hat). Und auch das große bunte Titelseitenbild der Süddeutschen fand ich für eine ernsthafte Zeitung viel zu poppig. Na ja, es war nicht aufzuhalten, nicht mal die FAZ konnte widerstehen. Damit beginnt ein neues taz-Zeitalter. Wie es der Zufall wollte, habe ich mit meinem Blog das letzte taz-Jahr im alten Layout begleitet. Es ging los mit einer grundsätzlichen Bemerkung am 10. April 2008, und wurde dann zur täglichen Gewohnheit vom 19. April 2008 an, das war 29 Jahre und zwei Tage nach dem ersten regelmäßigen Erscheinen der tageszeitung. Ich hatte keine Ahnung, dass ich damit ein taz-relevantes Datum erwischt hatte, wirklich nicht. Und im April 2008 kam mir auch nie der Gedanke, diese tägliche taz-Kritik (Watchblog sagen die Fachleute) ein Jahr lang fortzusetzen.
Tja, und dann stellt sich also heraus, dass genau ein Jahr später die taz ihr 30-jähriges Bestehen feiert, und aus diesem Anlass auch noch die Verpackung ändert. Was ich davon halte? Auf den ersten Blick finde ich das Layout voll gelungen. Herzlichen Glückwunsch und alles Gute für die nächsten 30 Jahre! Ob ich dieses Web-Logbuch weiterführe, weiß ich im Moment noch nicht. Zumindest nicht in der ausführlichen Form wie in den letzten zwölf Monaten. Ich habe die Absicht, mir diese ungeheure Textmenge noch einmal anzusehen und eine Art "Best of Achtung: tazblog!" zusammenzustellen, einen Querschnitt durchs Wendejahr 2008/2009, taz für taz, gespiegelt in der Berichterstattung der tageszeitung und meiner Einschätzung der Lage und der Dinge. Im Moment krieg ich das kalte Grausen, bei dem Gedanken an die damit verbundene Arbeit. Aber andererseits könnte das ein einzigartiges Zeitdokument werden. Mal sehen, vielleicht kann ich ja die Verlegerin oder den Verleger dafür finden: Die taz - das Buch. (Für Vorschläge, wer das sein könnte, klicken Sie bitte hier.) Bleiben Sie mir gewogen, schauen Sie wieder vorbei, ganz aufhören mit dem tazblog werde ich wohl nicht. Sie kennen ja meine Devise, die ich von David Crosby übernommen habe: You got to speak out against the madness.
Zitat des Tages (18. April 2009)
"Die weltweite Finanzkrise, der Klimawandel, die Lebensmittelkrise und die Energieprobleme sind Konsequenzen der Dekadenz des Kapitalismus. Deshalb müssen wir ein alternatives System entwickeln, dass auf Solidarität statt auf Wettbewerb setzt."
- Daniel Ortega, Präsident von Nicaragua, beim Gipfeltreffen der amerikanischen Staatschefs in Trinidad-Tobago (Quelle: tagesschau.de)
--------------------------------Kommentar am 18. April 2009
Lieber Hans,
nein, nicht aufhören. Die Welt braucht den tazblog, enau wie BILD den Bildblog und die römischen Feldherren den Diener, der ihnen im Moment des größten Triumphs die Worte ins Ohr flüstern mussten: „Gedenke - auch du bist nur ein Mensch.“ Die Damen und Herren der vierten Gewalt brauchen auch ein gelegentliches Memento mori, wie die Politiker und Richter und all die anderen Bornierten, die gerade dabei sind, unsere liberale Demokratie in eine Überwachungsrepublik zu verwandeln. Also: Weitermachen! Tim Cole
19. April 2009 Online vorn: die taz Samstagmorgen, nachdem ich die neu durchgestylte sonntaz angeguckt und überflogen hatte, wollte ich doch mal nachschauen, wie sich die taz jetzt online präsentiert. Da bin ich dann schnell bei 30jahre.taz.de gelandet, und war ääächt beeindruckt: So geht das, dachte ich mir. Da wird gebloggt und getwittert und brandaktuelle Berichterstattung betrieben, dass es eine Freude ist. State of the art. Und weil ich mit dem "Internet-Urgestein" Tim Cole seit letzten Herbst wieder in Verbindung stehe, habe ich ihn gebeten, sich mal ins Getümmel zu stürzen und mir zu sagen, ob mein Eindruck stimmt: Besser geht's nicht. Hier sein Gastkommentar.
In der Zukunft angekommen
von Tim Cole
Die taz ist nach 30 Jahren in der Zukunft angekommen. Jedenfalls ist das, was die Kolleginnen und Kollegen im Internet als digitales Begleitprogramm zum "tazkongress" im Haus der Kulturen der Welt (vulgo: "die schwangere Auster") in Berlin anbieten, allererste Sahne. Nicht nur, dass man es verstanden hat, das breitgestreute Themenprogramm zu präsentieren, man hat auch das neue Medium Internet verstanden und seine Fähigkeit, Distanzerlebnisse mit unmittelbarem Charakter zu schaffen. Auf der Website http://30jahre.taz.de/ geht es Schlag auf Schlag, der Leser wechselt per Mausklick laufend die Ebenen und das Tempo: hier die zwangsläufig leicht zeitversetzte redaktionelle Berichterstattung vom Event, hier die meist bedächtig formulierten Kommentare zum Blog, dort die aus der Hüfte geschossenen, oft noch im Saal ins Handy getippten Twitter-Zwischenrufe. Das ist alles herrlich chaotisch und lebensnah. Wäre da noch ein Live-Videostream zu sehen (was sicher auch ohne signifikante Mehrkosten möglich gewesen wäre), man hätte von München oder Timbuktu aus das Gefühl, man wäre in Berlin dabei gewesen. Auf jeden Fall hat man das Gefühl, etwas versäumt zu haben.Maßgeblichen Anteil daran haben die guten Texte, die die wesentlichen Aussagen der Podiumssprecher knapp zusammenfassen und dafür den Stimmen (und der Stimmung) aus dem Publikum mehr Raum lässt. Es verdichtet sich dadurch das Bild einer engagierten Diskussion, in der man gerne selber mal das Wort ergriffen hätte. Man sieht wieder mal, wie wichtig Twitter als Kommentarfunktion heute ist (http://twitter.com/tazkongress): Lesermeinung als nackte Wahrheit, auf maximal 140 Zeichen verdichtet. Wie schön wäre das, wenn wir Journalisten zu jedem Artikel, den wir schreiben, einen solchen Feedback bekommen könnten. Warum eigentlich nicht: Einfach am Ende jedes Artikels in der Papier- oder Online-Ausgabe ein "#headline" setzen und sehen, was passiert. Nur die so genannten "Kommentar-Regeln" hinterlassen einen schalen Nachgeschmack: Seltsam streng für ein Blatt, dass sich sonst so antiautoritär gibt. Was ist "destruktive Nörgelei"? Und das man sich Kommentare mit "verständlichem Inhalt" wünscht, ist zwar verständlich, aber schwammig. Und ob "die Einhaltung gewisser Rechtschreibung" dafür eine Voraussetzung sein muss, darüber könnte man zumindest streiten. Und so merkt man, dass selbst die taz sich doch noch ein bisschen schwer tut mit der neuen Transparenz und mit der Frage, die sich alle Journalisten heute stellen, nämlich: Ist der Leser in der Zeitung von morgen wirklich gleichberechtigter Partner und Inhaltslieferant - oder ist er nach wie vor hauptsächlich Empfänger der vom Journalisten vorgegebenen und "qualitätsgeprüften" Inhalte? Ich denke, wir müssen da alle noch etwas mutiger werden. (Lieber Tim - herzlichen Dank!) Zitat aus: die tageszeitung, sonntaz, vom 18. April 2009
"Nun bringt Honda den neuen Insight Hybrid als 'Volks-Hybrid' in Stellung - gegen den teureren Prius. Der Insight (101 g/km CO2) beginnt bei 19.550 Euro. Im taz-Test machte der Insight einen guten Eindruck. Mit professionelller Fahrweise kann man den Automatik mit 4,7 Litern Benzin fahren (bei etwa 110km/h auf der Autobahn). Angenehm: die perfekte Start-Stopp-Automatik, mit der sich der Motor an der Ampel leise und ohne Ruckler aus- und anschaltet. 'Wir glauben, dass der Insight auch ohne Umweltprämie eine Chance hat', heißt es bei Honda.'"
Sie glauben nicht, dass diese Schleichwerbung für ein Auto mit Verbrennungsmotor in der taz steht? Schauen Sie nach: Die Rubrik heißt KONSUM, und der Artikel steht auf Seite 25 der neuen sonntaz. Er stammt aus der Tastatur von Peter Unfried, dem stellvertretenden Chefredakteur. Gottseidank beherrscht er die "professionelle Fahrweise" - was immer sich so ein taz-Testfahrer darunter vorstellen mag. Wahrscheinlich ist er wie Obelix als Kind in den Kessel mit dem Zaubertrank Superbenzin gefallen. Oder er hat einen traumatischen Schaden als Testfahrer für Matchbox-Autos hinter sich. Eine Bitte: Verschont mich mit Auto-Testberichten in der tageszeitung, solange es keine Elektromobile mit Solarantrieb gibt. Danke.
20. April 2009
Koa Ruah am Ruhetag
Ein Freund, der Seminare veranstaltet, um schamanische Heilverfahren zu lehren, schrieb mir heute: "Man muss sich ja nur umhören. Es ist geil, dass die Politiker das Volk so unterschätzen. Die wissen gar nicht, welche Woge sich da aufbaut." Das war meine Antwort: Ich hab mich am Wochenende sehr ausführlich über den taz-Kongress informiert (s. Einträge von gestern), und beim Rumklicken zu anderen Themen (SPD-Parteitag) festgestellt, dass die Mainstream-Medien (ARD: tagesschau.de, Anne Will etc.) über einen "Linksruck" in Steinmeiers SPD gefaselt haben. Dabei hat die SPD-Linke nicht mal eine Vermögensteuer durchsetzen können, und der Spitzensteuersatz (der Mainstream nennt das Reichensteuer) soll von 45 auf 47 Prozent steigen. Interessanter Linksruck: Unter CDU/FDP in den 90er Jahren lag er bei 53 Prozent, gesenkt auf 45 hat ihn - na? - Gerhard Schröders Rot-Grün. Die Leute wissen das, und die öffentliche Meinung ist längst woanders als die veröffentlichte. -Und wann spielt Chelsea gegen Barcelona? Dazwischen sollten wir uns aber schon noch am Tivoli-Pavillon unterm Baum treffen. Hasta la vista, Baby! Neues Layout
Vor zwei Tagen stand hier als Bemerkung zur neuen Gestalt der taz zu lesen: "Und war vorher 'die tageszeitung' das Rote auf dem Weißen, ist jetzt 'die tageszeitung' das Weiße im roten Block. Wenn das keine symbolische Bedeutung hat ..." Nun, falls Sie's weiterhin rot auf weiß wollen, müssen Sie nur fleißig hier vorbeischauen - oben auf dieser Seite stand der Zeitungstitel früher schwarz auf weiß, und jetzt - hah! Sääährrr symbolisch! 22. April 2009
Die Sau von gestern
Interessant, wenn auch durchschau- und vorhersehbar, sind die Reaktionen der deutschen Medien auf den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad. Reflexhaft demonstriert man inzwischen Einigkeit und kein Recht auf Meinungsfreiheit. Die übliche Keule wird hervorgeholt ("Holocaustleugner"), wie allen Kritikern Israels haut man ihm die Bezeichnung "Antisemit" um die Ohren, und wie selbstverständlich wird darauf verwiesen, dass er für sein Land nach Nuklearwaffen strebt. Das hat zwar bisher niemand schlüssig beweisen können, aber kein Schwein regt sich darüber auf, dass Israel und Indien mit US-amerikanischer Hilfe zu Atommächten geworden sind. Nun hat also FW Steinmeier beschlossen, dass kein deutscher Abgesandter an der Menschenrechtskonferenz der UN in Genf teilnehmen sollte, weil Ahmadinedschad sie als einziger Staatschef für so wichtig gehalten hatte, dass er selbst hinfuhr. Und weil er das Recht auf freie Meinungsäußerung für sich in Anspruch nahm, verließen alle Delegierten aus den Staaten der EU den Saal. Zu Beginn der Rede, die der iranische Präsident mit einem Gebet einleitete, hatten noch einige jüdische Studenten aus Frankreich gegen ihn protestiert: Sie trugen Perücken in Regenbogenfarben und warfen rote Clownsnasen in Richtung Rednerpult. Der Ordnungsdienst der UN drängte sie aus dem Saal. Tja, und was hat er gesagt? Interessiert ja keinen, könnte man glauben, wenn man die Meldungen so durchgeht. Weder ARD noch BBC brachten Auszüge, nur bei Al Jazeera englisch gab's ein paar Originalzitate. Worauf man sich vor allem konzentrierte, war der folgende Satz im vorab veröffentlichten Redemanuskript. Dort beschuldigte er die westlichen Nationen der Komplizenschaft bei der Gewalt gegen die Palästinenser im Zuge der Staatsgründung von Israel. "Im Gefolge des Zweiten Weltkriegs, verübten sie militärische Aggressionen um eine ganze Nation heimatlos zu machen, unter dem Vorwand jüdischer Leiden und der unklaren und zweifelhaften Frage des Holocausts" (im Englischen: ambiguous and dubious - "unklar, vieldeutig, nicht eindeutig"). Das stand aber nur im Manuskript, gesagt hat er es in Genf nicht. Marie Heuze, die Sprecherin der Vereinten Nationen, gab dazu eine Erklärung ab: UN-Offizielle hätten sich bei den Übersetzern erkundigt und die Aufzeichnung der Rede, die in der Landessprache Farsi gehalten wurde, überprüft. Dabei wurde festgestellt, dass der iranische Präsident die beiden Begriffe "unklar und zweifelhaft" nicht gebraucht hatte. Er sprach lediglich vom "Missbrauch der Frage des Holocausts". Die Delegierten des Vatikan blieben im Saal. Auf Befragen gaben sie an, Ahmadinedschad hätte den Holocaust in seiner Rede nicht geleugnet.
(Quelle: Bradley S. Klapper und Alexander G. Higgins, AP, Dienstag, 21. April 2009)
Das Recht auf unabhängige Informationen gehört auch zu den Menschenrechten. Ich fühle mich bevormundet, wenn aus falsch verstandener Rücksicht auf Charlotte Knobloch und Benjamin Netanjahu vorgefasste Meinungen verbreitet werden und lediglich Leute zu Wort kommen, die Ahmadinedschad verteufeln. Und um niemanden im Unklaren zu lassen: Ich bin ebenfalls der Meinung, dass die Gründer des Staates Israel mit Hilfe der USA und der europäischen Mächte ein Volk aus seiner angestammten Heimat vertrieben haben. Und dass der Aggressor bis in die Gegenwart Israel heißt und mit dem Bau der Siedlungen auf palästinensischem Boden, mit derTrennmauer, der Blockade des Gaza-Streifens und dem Überfall im Dezember und Januar eine rassistische Politik betreibt. Und ich halte es für eine Verhöhnung der Opfer dieser israelischen Politik, wenn der taz-Redakteur Ulrich Gutmair den Krieg gegen die palästinensische Zivilbevölkerung damit relativiert, dass andernorts ebenfalls Kriege stattfinden. Wie groß muss das Brett vorm Kopf sein, wenn man im Jahr 2009 immer noch nicht sehen mag, dass Israel seit 1967 nicht mehr das arme, unterdrückte Opfer eines überlegenen arabischen Feindes, sondern mit Kampfbombern und Waffen der USA und mit Unterstützung aller deutschen Regierungen seit Adenauer zu einer Bedrohung für seine Nachbarn geworden ist? Und morgen wird die nächste Sau durchs deutsche Mediendorf getrieben.
23. April 2009
Noch mal die leidige Israel-Propaganda
An ihrer Sprache möge man sie erkennen: "Denn der für die mögliche nukleare Bewaffnung wirklich Verantwortliche, der Nachfolger Chomeinis und sogenannte Revolutionsführer Ali Chamenei, ist wie Präsident Ahmadinedschad ein überzeugter eliminatorischer Antisemit, der den israelischen Staat auslöschen möchte." - Micha Brumlik in taz-"KULTUR", 21. 4. 2009
"Eliminatorischer Antisemit". Irgendwann haben sie das Wort so oft missbraucht, bis es völlig sinnlos geworden ist. Darf ich Hilfe anbieten? Ein Antisemit sagt: Dieser Salomon Levy führt sich auf wie ein Arschloch, weil er Jude ist. Ein Kritiker des Menschen Salomon Levy sagt: Dieser Levy führt sich auf wie ein Arschloch, und es ist mir egal, ob er Jude oder Afrikaner oder Araber oder Deutscher ist. Ein großer Teil der taz-Berichterstattung zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich durch nichts von der in Deutschland allgemein üblichen Sichtweise in den Medien abhebt: Solidarität mit dem Staat Israel um jeden Preis (weil vor 70 Jahren Juden in Europa verfolgt wurden); Kritiker der israelischen Politik sind nicht einfach Kritiker einer amoklaufenden Regierung, sondern Antisemiten: und die Palästinenser sind allesamt Barbaren, die sich gegenseitig ins Knie schießen, und denen man die Werte westlicher Demokratien einbläuen muss - notfalls mit Mauern, Stacheldraht, Phosphorbomben und jahrelangen Hungerblockaden.
Oh je, die kommt jetzt wohl öfter
Offenbar drohen jetzt die Zynismen von Julia Grosse zur Fortsetzungsgeschichte zu werden. Den Auftakt gab sie letzte Woche mit ihrer Sicht der Dinge, dass die Demonstranten gegen den G20-Gipfel in London sich bald allesamt brav ins System integrieren werden. Offenbar hat sie nur dieses eine Thema, denn sie trägt es mit geringfügiger Variation schon wieder vor. Es geht um "Langsamkeitsratgeber" und "Slow-down-Festivals": "In ein paar Monaten, so meine Vermutung, werden die Festivals und Akademien dann als Franchise-Lehrstücke in die gestressten Metropolen dieser Welt weiterverkauft. Mit der Kritik am zu schnellen System noch viel schneller Geld verdienen sozusagen." Kann ihr jemand sagen, dass ihre Platte einen Sprung hat? Oder die Autorin einen in der Schüssel? Unter dem Text mit dem Titel "Slow down, mein System!" steht die Drohung: "Die Autorin ist Kulturreporterin der taz in London." Das hat dieser Zeitung gerade noch gefehlt, eine Kulturreporterin in London mit aalglatter Zynikerschreibe, die ihre pessimistische Weltsicht in regelmäßigen Abständen ausbreiten darf. Denn darauf deutet diese Anmerkung hin. Hoffentlich täusche ich mich.
Nachruf auf J. G. Ballard
Mir wird er zeitlebens in Erinnerung bleiben als Autor von "Kristallwelt". Das hab ich so Mitte zwanzig gelesen, und es hat sich für den Rest meines Lebens eingeprägt. Ich weiß nicht, wie viele Bücher mich so berührt haben - ein Dutzend, vielleicht zwei. Dieses Buch - ein schmales Fischer-Taschenbuch in der Science-fiction-Reihe - gehörte jedenfalls dazu. Berühmter wurde "Das Reich der Sonne" (wegen Verfilmung durch Steven Spielberg), aber das konnte ich nie zu Ende lesen. Sein "Miracles of Life", erfahre ich von Ekkehard Knörer, kam 2008 heraus und wurde noch nicht ins Deutsche übersetzt. Ganz wunderbar Knörers Einschätzung von James Graham Ballard: Er "verabscheute, was alle Welt doch sehr liebt: Vereinfachung, Nostalgie und Sentiment. Die offiziellen Würdigungen hielten sich schon deshalb in Grenzen, aber einen wie ihn hat der Nobelpreis nicht verdient." Diese Formulierung mag nicht offiziell sein, aber sie ist würdig.
Liebe Barbara Dribbusch,
Ihr Foto zur regelmäßigen Kolumne auf taz zwei ist furchtbar. Diese beringte Hand unters Kinn geschoben - nein, das geht nicht mal als Ironie durch. Bitte.
Zeitungsanzeigen
Okeh, Media Markt zieht Anzeigen zurück, weil ihnen was in den Wolfsburger Nachrichten nicht gepasst hat. Dieser Bericht lenkt nur davon ab, dass es Dutzende und Aberdutzende von Zeitungen in Deutschland gibt, die nie, nie, niemals was Kritisches über ihre Anzeigenkunden schreiben (können, dürfen, wollen). Oder glauben Sie - nur als Beispiel - die Münchner Abendzeitung würde jemals irgendeine Form von Wahrheit über Lidl, Norma, Aldi oder BMW verlauten lassen? Ja? Wie naiv sind Sie eigentlich?
Geizhaus - von Frauen für Männer
In Hamburg (wo sonst) fing es an: Frauen organisieren Prostitution selbst. Das Konzept heißt Geizhaus, und ich finde den Namen ganz furchtbar. Aber davon abgesehen, scheint das eine gute Geschäftsidee zu sein, und inzwischen gibt's das Geizhaus auch in anderen Städten. Katharina Finkes Reportage ist angenehm vorurteilslos. Aber selbstverständlich werden Leserbriefe auf die Erniedrigung der Frau und das Böse am bezahlten Sex hinweisen. Die Frage ist aber eine ganz andere: Werden die Frauen ausgebeutet, und macht es dann einen Unterschied, ob von Zuhältern oder Bordellbetreiberinnen? P. S. Der erste Leserbrief beklagt sich denn auch, dass die taz unkritisch über "gekaufte Frauen" berichtet. Als ob es dort Frauen zu kaufen gibt! Heh, geht das in manche Köpfe nicht rein? Die Frauen verkaufen Sex. Die ganze Frau kaufen, das geht nur in der Versorgungsehe - und genau genommen nicht mal da.
Immermehrismus
Sie wissen ja, es gibt zwei journalistische Tricks, um die Wichtigkeit eines Themas zu unterstellen: "Immer mehr ..." und "Millionen". Eine Meldung zum "Klimawandel" wird betitelt: "Millionen Menschen in Not und Gefahr". (Diese Überschrift sei schon mal der Titanic empfohlen, das ist als Satire zeitlos gültig: klassisch.) Und was steht drin? ""Der Oxfam-Klima-Experte Jan Kowalzig appellierte vor allem an die acht wichtigsten Industrienationen (G8), ihrer Verantwortung für den Klimawandel gerecht zu werden und konkrete klimapolitische Zusagen zu machen." Lieber Herr Kowalzig, vergessen Sie's! Wer wird sich den von so einem abstrakten Appell angesprochen fühlen? Das ist doch lediglich heiße Luft und verschwendetes Papier. Und noch ein Tipp: Fordern Sie niemals "Zusagen" - es gibt keinen Politiker auf dieser Welt, der "Zusagen" ernst nimmt. Wenn Sie schon was fordern, dann konkrete Handlungen und Maßnahmen. Sagen Sie den Leuten, was sie tun können und sollen. Wenn Sie das nicht wissen, verschwenden Sie ihre (und meine) Zeit. Danke und mit freundlichen Grüßen!
Räusper, hüstel, hüstel
Wenn ich des Öfteren den Eindruck erweckt habe, dass mir Ralph Bollmann gehörig auf den Senkel geht, dann war dieser Eindruck richtig und beabsichtigt. Dennoch sei angemerkt, dass dieser eben erwähnte taz-Redakteur durchaus als handwerklich versierter Journalist eingeschätzt werden kann. Und zwar immer dann, wenn er nicht glaubt, als großer Staatsmann die politische Gesamtlage einschätzen zu müssen. Was er in der Dienstag-taz über Kaufhäuser am Beispiel der Karstadt-Pleite schreibt, hat so richtig alles, was der Leser zum Thema an Information haben will. Eine solide Rolltreppe von einem Beitrag, sozusagen.
taz-Titel Dienstag
Nicht schlecht die Schlagzeile: "Althaus wieder auf der Piste". Und dann Boulevard-as-Boulevard-Can auf Seite 2: "Ein ernster Zug um den Mund und unruhige Augen prägten das Gesicht von Dieter Althaus. Aber seine Stimme verrät keinerlei Emotion." Na, das will ich doch wissen. Daneben erfahre ich: "Schwere Schädelverletzungen können zu Persönlichkeitsveränderungen führen". Muss aber nicht. Oder, wie mein Großvater mütterlicherseits sich immer über Bauernregeln und Wettervorhersagen lustig zu machen pflegte: "Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter, oder es bleibt wie es ist."
Und die taz von gestern, Mittwoch?
Transsibirien-Express: Vermutlich Birke
Da steht auf den Kulturseiten eine wunderbar unprofessionelle Reportage von einem Kölner DJ, Hans Nieswandt, der mit der transsibirischen Eisenbahn nach Nowosibirsk gefahren ist, um dort aufzulegen. Für das dortige Goethe-Institut, dem der taz-Leser erst neulich einen Beitrag über Nowosibirsk verdankte. Ach, wer möchte nicht auch mal mit dem mythenumwobenen Transsibirienexpress fahren, noch weiter, mindestens bis Wladiwostok? "Die Landschaft, durch die der Zug gemütlich rumpelte, bestand aus Birken und Schnee, Schnee und Birken, Birken, Schnee, dann ein bisschen mehr Schnee, dann wieder ein paar Birken, dann verschneite Steppen und ab und zu ein kleines Dörfchen aus Holzhäusern, vermutlich Birke. Das Ganze in einem milden, etwas fahlen Sonnenlicht - ein Bild, das sich wie Balsam auf die verquollene Netzhaut legt. Man konnte stundenlang starren, wie in Trance, was die meisten anderen Passagiere auch taten. Das ist der eigentliche Reiz einer solchen Fahrt." Und der eigentliche Reiz des Textes besteht darin, dass dieser begnadete Schreiber kein Profi ist, und ich diesen eben zitierten Absatz von ihm gegen fünfzig Kulturkolumnen aus London nicht tauschen würde. Zum besseren Verständnis sei noch angefügt: Die "verquollene Netzhaut" verdankt der Autor nicht der Bahnfahrt an sich, sondern dem dabei konsumierten Wodka, weil er noch mit zwei deutschen und drei russischen DJs unterwegs war, und sie anscheinend die ganze Zeit gesoffen haben. Die jungen Leute heutzutage, nicht mal anständige Drogen schmeißen sie mehr ein.
Die Politiker vor der Bundestagswahl: ratlos
Von Peter Unfried erfahre ich, dass ein grüner Spitzenpolitiker auf dem taz-Kongress "bei einer Tasse Kaffe den besten Satz des ganzen Kongresses" von sich gab: "Die Wahl ist verloren." Interessanterweise kommt Unfried zu dem Schluss, dass der Politico damit nicht die Wahl für die Grünen meint, sondern "dass die Wahl grundsätzlich verloren ist. Für die Gesellschaft, für uns alle. Es meint: Es ist ziemlich irrelevant, ob nachher eine große Koalition regierte oder CDU/FDP oder eine Ampel." Wow! Ein grüner Spitzenpolitiker spricht aus, was jeder "Mann auf der Straße" seit Jahren weiß. Und was Leute wie Herbert von Arnim (Autor von "Das System") der abgehobenen Politikerkaste im Raumschiff Berlin seit vielen Jahren mitzuteilen versuchen. Aber diese Affen sehen und hören nicht, sie reden nur. Ja, und die Kinderkrankheiten des neuen taz-Layouts sorgen dafür, dass ich von Unfried zwar erfahre: "Live: Jackson Browne auf Welttour. Das 'authentische Live-Erlebnis' für den gepflegten Spät-". An dieser Stelle bricht der Kolumnentext einfach ab, und ich hätte zu gern gewusst, ob Unfried den Spät-Hippie meint, denn dann hätte ich daraus schließen können, dass er am 9. Oktober mein hymnisches Geburtstagsständchen für Jackson Browne hier im tazblog gelesen hat. Na ja, dafür bring ich noch mal das Foto. Heute Abend spielt er hier im Circus Krone - und Etienne hat Geburtstag! Er ging mit einer Amerikanerin in die High School, und die ist jetzt mit Jackson Brownes Drummer verheiratet, und wollte extra zum Konzert und zu Etiennes Geburtstag nach München kommen. Hoffentlich hat's geklappt: Alles Gute, Etienne!
Schöne Tage!
24. April 2009
Den Hans vergessen!
Gestern war vom "Mann auf derStraße" die Rede, der schon längst geschnallt hat, dass ihn diese Parteien im Bundestag nur verarschen. Und von einem Professor für Öffentliches Recht und Verwaltungslehre, der seit Jahren darauf hinweist, dass was schief gelaufen ist mit der Demokratie. Allerdings hab ich seinen Namen unvolllständig angegeben: Der Mann heißt Hans Herbert von Arnim, und sein Buch "Das System" hat den Untertitel "Die Machenschaften der Macht". Ursprünglich 2001 erschienen beim Verlag Droemer Knaur in München, kam es auch als Taschenbuch heraus, ist aber nicht wieder aufgelegt worden. Nun hat sich an den verkorksten Verhältnissen seit von Arnims Kritik nichts - gar nichts - geändert, deshalb brachte der Jochen Kopp Verlag das Buch noch einmal als gebundene Ausgabe unters Volk (www.kopp-verlag.de/, 9,95 Euro). Hans Herbert von Arnim durchleuchtet das Parteiensystem und kommt zu dem verheerenden Schluss, dass "die politische Klasse ein Netzwerk geknüpft hat, das unsere demokratische Ordnung zu ersticken droht. Schwarze Kassen, fehlerhafte Rechenschaftsberichte, Steuerhinterziehung, Postenwirtschaft, Selbstbedienung, kurz: Kungelei bis hin zur Korruption - das sind die Kennzeichen dieses Systems." Selbstverständlich wird von Arnim als Außenseiter seiner Zunft abgetan und von den Nutznießern der Fehlentwicklung regelmäßig in die Pfanne gehauen - auch in der taz, wo im letzten Herbst ein von den Bundestagsparteien bezahlter Wirtschaftsprofessor mit einem Verriss des neuen Buchs von Hans Herbert von Arnim beauftragt wurde (im Kulturteil!). Der Diplom-Volkswirt und Jurist von Arnim weist zum Beispiel darauf hin, dass in Deutschland die Parteien den Staat als Selbstbedienungsladen betrachten. Die staatliche Parteienfianzierung, beschlossen 1959, wäre damals weltweit einmalig gewesen, wenn nicht zwei überaus korrupte Staaten - Costa Rica und Argentinien - sie schon vorher eingeführt hätten. Wer wirklich kapieren will, weshalb die politische Klasse der Berliner Republik den Kontakt zum Volk verloren hat, bekommt bei Hans Herbert von Arnim die Argumente geliefert. Das für mich Erschreckendste an seiner Kritik: Sie bleibt immer im Rahmen des herrschenden Systems, ist weder sozialistisch noch kommunistisch oder antikapitalistisch einzuordnen. Von Arnim haut der politischen Klasse lediglich ihre eigenen Grundsätze um die Ohren - denn sie hält sich nicht mal mehr an die ursprünglichen Prinzipien der westlichen Demokratien. 25. April 2009
Entsinnlicht und entfremdet
Diese Sprache! Die Sprache der Entfremdeten. Die Sprache der Politapparatschiks. Die Sprache derer, die in Amt und Würden sitzen. Ich weiß ja nicht, ob sich jemand die Mühe gemacht hat, mal eine Rede von Barack Obama anzuhören oder zu lesen. Der Mann wurde zum Präsidenten gewählt, weil sich seine Sprache so wohltuend abhebt von den Sätzen, zu denen Politiker im Normalfall fähig sind. Der Normalfall wurde in dieser Woche auf der taz-Meinungsseite gleich zwei Mal vorgeführt. Erst von Berthold Huber, dem Vorsitzenden der IG-Metall, ein paar Tage später von Heidemarie Wieczorek-Zeul. Nachdem ich den ersten Absatz ihres Kommentars (Titel: "Wir werden jetzt handeln") gelesen hatte, kam mir der Gedanke: Die gibt ihre öffentlichen Äußerungen beim selben Schreiber in Auftrag wie Huber. Aber dann kam ich zu einem anderen Schluss: Wenn sich jemand über Jahrzehnte hinweg durch Parteiversammlungen und Konferenzen in Führungspositionen hochgearbeitet hat, hört sich das eben so an. Dann hat sich das Denken so sehr von menschlichen Regungen verabschiedet, dass nur noch Substantive in die Sätze einfließen. Diese Menschen leben in einer völlig verdinglichten Welt, in der nur noch für Begriffe Platz bleibt, die mit -ung enden: "Der G-20-Gipfel fand richtige Maßnahmen: die Regulierung der globalen Finanzströme, die Bekämpfung global organisierter Steuerhinterziehung und die Bekräftigung der Milleniumsentwicklungsziele." Eine Hohlformel jagt die nächste; 20 Wörter, ein Verb, acht Substantive, fünf davon mit -ung. Dieser Sprache ist jeder Bezug zum Leben ausgetrieben worden. Sie ist nicht krank, sie ist tot. Wenn ich lese, dass "die Bekräftigung der Milleniumsentwicklungsziele" eine richtige Maßnahme war, wundert mich nichts mehr. Diese Art von Politik ist am Ende, und wenn HWZ verkündet, "wir werden jetzt handeln", dann frage ich mich: Was hat sie eigentlich vorher gemacht? Und glaubt sie wirklich, dass ihr das irgendjemand glaubt? Oder dass es noch ein Schwein interessiert? Wenn die taz-Redaktion mit diesem Beitrag vorführen wollte, dass diese Frau völlig verwirrt ist, dann kann man nur sagen: gelungen. Wie wenig Bezug zum "richtigen Leben" sie hat, stand an einer anderen Stelle in derselben Ausgabe (23. April): Sie fährt einen Dienstwagen, der die Luft (die uns allen gehört) mit 259 Gramm CO2 pro Kilometer verpestet. Heidemarie Wieczorek-Zeul gehört der SPD an und sitzt als Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in der Auto-Regierung von Angela Merkel. Von Amts wegen sorgt Ha-Weh-Zet auch noch dafür, dass afrikanische Diktatoren und Eliten viele Euros aus dem Bundeshaushalt bekommen, mit denen sie dann der deutschen Rüstungsindustrie Waffen abkaufen. Aber das ist eine andere Form von Verpestung. (Mehr zum Thema finden Sie in meinem Dossier zur taz-Berichterstattung über Ruanda.) Und weil sie alle ihre Autos so lieben und den Herstellern der deutschen Dreckschleudern so gern zu größeren Profiten verhelfen, fassen sich die Merkel-Minister vor Kabinettsitzungen immer an den Händen und singen gemeinsam die dritte Strophe des Deutschlandliedes: "Auto, Auto über a-halles, über alles auf de-er Weeelt."
Wie ein Aldi-Prospekt
Lange habe ich überlegt, woran mich diese martialischen, viel zu dick aufgetragenen Doppelwinkel erinnern, die jetzt die neu gestaltete taz immer auf den Seiten drei bis fünf oben links zieren. Dann bin ich drauf gekommen: ans Aldi-Logo. Die Seitenbalken sehen beim ersten Hinsehen aus wie Anzeigen oder Prospekte der allseits beliebten Ladenkette, die ihre Besitzer mit billigen Lebensmittel zu den reichsten Männern der Welt gemacht hat.
WWN*) - 1
Vorsicht Suchtpotential
Der neue Porsche 911 GT3 im Test: In nur vier Sekunden schießt er auf Tempo 100. Schluss ist erst bei 312 km/h. Eines ist klar: Dieser Über-Elfer braucht viel Auslauf.
*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)
WWN*) - 2
Gut aufgestellt
Der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering hat der SPD-Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan und DGB-Chef Michael Sommer in der Debatte über mögliche soziale Unruhen widersprochen. "Deutschland ist stark. Es gibt Vertrauen in die, die politisch handeln, in Gewerkschaften und die Arbeitgeberverbände", sagte er dem "Kölner Stadt-Anzeiger". "Ich denke, dass wir gut aufgestellt sind, auch weil wir ein Sozialstaat sind, der den Menschen sagt: 'Wir geben euch Sicherheit.'"
*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von tagesschau.de)
26. April 2009
Ungehobeltes Proletenpack
Er hat es geschafft, und allen Grund zum Feiern: Jacob Zuma wird der nächste Präsident von Südafrika. Die Zweidrittelmehrheit hat er um 0,1 Prozent verpasst, aber 65,9 Prozent klingt ja auch nicht schlecht. Grund zur Freude für die Linken, ein schwarzer Tag für die taz-Korrespondentin: Martina Schwikowski, die ihre Abneigung gegen Zuma nie verhehlt hat, muss jetzt seinen überwältigenden Wahlsieg anerkennen. Das ist bitter, und sie lässt keine Gelegenheit aus, Zuma runterzumachen. Der taz-Leser erfuhr in den letzten Tagen ein halbes Dutzend mal, dass Zuma gern "Bring mir mein Maschinengewehr" singt, und dass es sein "Lieblingslied" sei. Was der Leser nicht erfährt: Es ist das alte Kampflied des ANC, aus der Zeit, als Zuma zu den Leuten gehörte, die bewaffnet gegen die Apartheid kämpften. Schwikowski bedient in der taz die gängigen Vorurteile der (oberen) weißen Mittelklasse gegen Zuma. Im letzten Herbst machte die taz-Frau kein Hehl daraus, dass sie dem neoliberalen Ex-PräsidentenThabo Mbeki nachweint und kriegte sich im November fast nicht mehr ein, als sich nach Jacob Zumas Sieg über den Rivalen ein neoliberaler Flügel vom ANC abspaltete. Ausführlich bejubelte Schwikwoski in der taz die Gründungsversammlung des Congress of the People (Cope) und faselte von einer ernsthaften Bedrohung für Zumas ANC. Jetzt hat Cope die Quittung bekommen: Ganze 7,4 Prozent der Wähler gaben ihnen ihre Stimme. Jacob Zuma kann in mancher Hinsicht mit Hugo Chávez verglichen werden. Den Eliten, die dem westlichen Kapitalismus anhängen, sind beide zutiefst suspekt, und in den Medien werden sie als ungehobeltes Proletenpack dargestellt. Martina Schwikowski beeilt sich denn auch, Zuma bei jeder Gelegenheit herabzusetzen: "Zulu-Tanz, Sekt und Motorräder" titelt die taz - was für eine unfeine Art, die bevorstehende Übernahme des Präsidentenamts zu feiern! Dabei hat sich gerade erwiesen, dass aus dem früheren Apartheidstaat Südafrika eine wirklich lebendige Demokratie geworden ist: Eine Wahlbeteiligung von 77 Prozent kriegt hier in Deutschland schon lange keiner mehr hin. Jacob Zuma hat es geschafft, die Wähler zu mobilisieren, und sein Volk liebt ihn, weil er fest in der afrikanischen Tradition verwurzelt ist (daher seine Liebe zum Zulu-Tanz). Und die Unterschicht kann sich eher mit ihm identifizieren als mit dem spröden Intellektuellen Thabo Mbeki. Zuma hat lediglich einen Volksschulabschluss, und - das macht ihn Leuten wie Martina Schwikowki so supekt - er stützt sich auf die Gewerkschaften und die südafrikanischen Kommunisten. Stimmen brachte ihm auch die Freundschaft mit "Winnie Madikizela-Mandela, der radikalen einstigen Ehefrau von Nelson Mandela". Zum großen Entsetzen der taz-Korrespondentin hat das unumstrittene Idol Südafrikas zum Schluss auch noch an der Seite von Jacob Zuma in den Wahlkampf eingegriffen. Spätestens an diesem Tag wurde absehbar: Die Gegner von Zuma, die den ANC verlassen und Cope gegründet hatten, waren chancenlos. Tja, und was macht die taz-Frau jetzt? Enttäuscht rummaulen. Noch einmal betonen, dass Zuma bei der Siegesfeier "Bring mir mein Maschinengewehr" singt, dass er eine Lederjacke trägt, der Proll, und dass er sich von Harley Davidson-Motorrädern eskortieren lässt. Und warnt erst einmal vor seiner Politik: "Zuma verspricht den Armen sozialwirtschaftliche Verbesserungen, zügigere Landreform, Jobs und kostenlose Bildung, aber ein klares Programm hat er noch nicht vorgelegt." Dafür wird aber die Haltung von Martina Schwikowski immer klarer: Ihre Sorge gilt den "internationalen Investoren", die Zuma jetzt erst mal "beruhigen" muss.
Zitat I
"Ja, wir werden alle Öko-Wäschetrockner, Öko-Autoreifen, Öko-Fernseher kaufen, wir werden mit Öko-Flugzeugen in den Öko-Urlaub fliegen; wir werden Öko-Erdbeeren, die per Öko-Luftfracht hergeflogen werden kaufen; aber CO2 wird nach wie vor (in nur leicht geringeren Mengen) ausgestoßen! Dann erlebt die Erde einen verheerenden Klimawandel. Aber zumindest haben wir ein reines Gewissen, weil wir alle 'Öko' gekauft haben. Nein, ich werde erst an eine gesunde Änderung unseres Systems glauben, wenn wir auf öffentlichen Verkehr umgestiegen sind, wenn wir Lebensmittel 'aus der Region' vorziehen, und wenn wir unseren Urlaub ohne 'Fliegerei' genießen können. Bis dahin bleiben solche Maßnahmen ein gefährliches 'Alibi', für das die Erde uns nicht danken wird."
- taz-Leser Alan Searle aus Köln, taz vom 24. April 2009
Zitat II
"Frauen mit geringem Einkommen sollen nach dem Willen der NWR-Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen künftig Verhütungsmittel oder eine Sterilisation auf Staatskosten bekommen."
- dpa-Meldung vom selben Tag
Sexistische Bemerkung
Verdammt gut schaut sie aus, die französische Justizministerin Rachida Dati. Und obwohl ich sicher bin, dass sie eine unerträglich konservative Gesinnung hat, betört sie mich mit ihrem offenen, fröhlichen Lachen auf dem schönen Frauengesicht. Dazu kommt, dass sie offenbar den Politzirkus weniger ernst nimmt als ihre politischen Gegner. Empörte sich doch die Zeitung Libération darüber, was Dati bei einer Veranstaltung zur Europawahl gesagt hatte: "Europa kümmert sich um das, was man ihm zum Kümmern gibt." Häh??? Vielleicht klingt das im Original anders, aber weshalb das anstößig sein soll, kapiere ich nicht. Außerdem wird ihr vom selben Blatt vorgeworfen, sie "sei bei einem Wahlkampfauftritt 'völlig neben der Spur' gewesen. Sie lachte mehrmals ohne Anlass auf." Als ob man bei einem Wahlkampfauftritt zur Europawahl auch noch einen Anlass zum Lachen bräuchte.
Schlusszeilenalarm
Langsam geht es mir gewaltig auf den Geist: Dauernd fehlen letzte Zeilen in der taz. Ob das an der neuen Gestaltung liegt, mit der sie noch nicht umgehen können? An der Frühjahrsmüdigkeit der Redakteure und Korrektoren? Oder ist "der Säzzer" zurückgekehrt und sabotiert den neuen Digitaldruck mitsamt den bescheuerten Großbuchstaben in Kleinstschrift, die sich durch den Kessel Buntes der sonntaz ziehen? Jedenfalls erfahre ich bei dem Interview mit Hubert Weiger vom BUND ("Wir müssen radikaler werden") mal wieder nicht, was er gesagt hat: "Die Gesellschaft braucht einen demokratisch fundierten, handlungs-". Schluss. Ende. Scheiße, liebe taz-Redaktion.
Samstagtitel: "Wenn aus der Wut der Widerstand erwächst"
Ja sakra, dös klingt aber jetzt ganz schön links! Und dazu darf sogar der große alte taz-Mann den Kommentar auf Seite eins schreiben, als wäre das Redaktionsmeinung. Aber wo er recht hat, der Christian Semler, da hat er recht: "Nur die kampflose Hinnahme von Massenarbeitslosigkeit und sozialer Demontage bereitet der Sehnsucht nach dem neuen Führer und damit dem Rechtsradikalismus den Boden." Und schon kommt die Autokanzlerin Angela Merkel und mahnt: Ruhe ist die erste Konsumentenpflicht. Kauft Autos! Was Herr Müntefering dazu gesagt hat, stand im gestrigen Eintrag. Folgen Sie einfach dem SPD-Parteilogo: Wo SPD drauf steht, ist immer Anpassung drin.
P. S.
Mir fällt mal wieder auf, dass Anton Bruckner ein paar ganz grauenvolle Symphonien geschrieben hat. Jedenfalls verdirbt mir gerade mein Lieblingssender Bayern 4 Klassik mit der "Romantischen" den Sonntagvormittag. Und Sonne kommt, trotz Vorhersage, immer noch keine raus. Ich koch mir jetzt lieber was, hab was übrig vom gestrigen Linseneintopf, und dazu goldbraun angebratene Salzkartoffeln und zwei Putenwiener aus der Pfanne, die werden meine Laune heben. Sonst fragt mich der Peter Unfried wieder per E-Mail, ob ich mich nicht bald "eingroove". Dabei hat er doch extra eine gute Nachricht in der Wochenendausgabe untergebracht: Die taz fusioniert nicht mit Springer, und "der überwiegende Teil der Leser reagiert" (auf das neue Layout) "positiv". Na also. Postiv denken. In ein paar Minuten geht die Bruckner-Symphonie zu Ende, und dann kommen Nachrichten. Endlich keine Sorgen um die Wirtschaft mehr, vergessen wir die Arbeitslosenquote und dass die Regierung unser Geld den Banken und den Autokonzernen in den Rachen wirft, nein, jetzt wird erst mal mit der Schweinegrippe von den Schweinereien abgelenkt. Und nach den Nachrichten um fünf nach zwölf kommt die Music Hall auf Bayern 4 mit Xaver Frühbeis, dem besten aller Radiomoderatoren.
Schöne Tage, frohes Schaffen - morgen ist Ruhetag, aber das ist so wie bei Puh-Bär und den Bienen: Man kann nie wissen.
28. April 2009
Der Tod kommt aus Deutschland - und USA und Russland und Frankreich und ganz allgemein aus den so genannten Demokratien
Die deutschen Rüstungsexporte sind nach Berechnungen des unabhängigen schwedischen Friedensforschungsinstitutes SIPRI in den vergangenen fünf Jahren um 70 Prozent gestiegen. Deutschland baute seinen Weltmarktanteil am Waffenhandel im letzten Fünfjahres-Zeitraum demnach von sieben auf zehn Prozent aus. Mehr konventionelle Rüstungsgüter führten nur die USA mit einem Anteil von 31 Prozent und Russland mit 25 Prozent aus, teilte das "Stockholm International Peace Research Institute" mit. (Quelle: tagesschau.de)
A Redder Shade of Brown
Es gibt viele Rottöne, und die taz probiert sie offensichtlich der Reihe nach alle durch als Hintergrund für die weiße Titelschrift. Montag kam's mir vor wie ein rötlicher Braunton.
Die taz: Richtung Boulevard, iss doch klar
Gucken Sie doch mal hier im Eintrag vom 26. April: Dass die Schweinegrippe zum Pressefutter fürs Volk wird, war schon am Sonntag klar. Aber dass die taz so boulevardmäßig reflexhaft darauf anspringt, hat mich schon überrascht. Und dann gleich noch mit dem riesig aufgemachten, ganz offensichtlich gestellten Foto von zwei jungen Menschen, die sich mit umgebundenen Grippemasken küssen. Was für eine Scheiße! Als ob's nicht andere Themen zu Hauf gegeben hätte, um sich vom Rest der Presseerzeugnisse abzuheben - Wahlen mit Linksruck in Island (Titel Seite 2: "Links, weiblich, Island"); 1.700 Teilnehmer beim McPlanet-Kongress der Umweltverbände in Berlin; Proteste der Atomkraftgegner zum Jahrestag von Tschernobyl ... Nein, man braucht genau dieses grunzdämliche Foto und das Wort "Furcht" in der Titelzeile. Wie weit sich die Denkweise der taz-Redakteure bereits dem Niveau jedes x-beliebigen Boulevardschmierblatts angepasst hat, sehe ich am Nachmittag, als ich auf einem Biergartentisch eine liegen gebliebene Abendzeitung finde: Dort bringen sie auf Seite 3 genau das Bild vom taz-Titel, in etwa der gleichen Größe. Würg!
Zitat
"Inside Kanzleramt. Es steht viel auf dem Spiel in den kommenden Monaten: Für Deutschland geht es ums ökonomische Überleben, für Angela Merkel um Sieg oder Niederlage. Star-Regisseur und Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff hat die Kanzlerin bei der Arbeit beobachtet." - aus einer Anzeige der Zeitschrift Cicero (Ringier Verlag) in der taz vom Montag
Zweierlei gibt's da zu sagen. a) So geht Journalismus. Beschworen wird Sein oder Nichtsein, Leben oder Tod, ob ökonomisch oder tatsächlich, wen juckt's. So preist man die Presseware an. Kaufen Sie diese Zeitschrift, sonst geht Deutschland unter. b) Schlöndorff macht sich auf seine alten Tage endgültig zur Nutte für Merkel und Ringier. Ich vermute, es geht ihm dabei nicht mal um den Batzen Geld, den ihm das einbringt. Nein, Volker Schlöndorff ist angekommen und hat seinen Frieden mit den herrschenden Mächten geschlossen. Der glaubt an das, was er da tut. Hat jemand etwas anderes erwartet? Und wenn Sie noch wissen wollen, was "Guttenberg und der Darling-Faktor" sein könnte, oder Antwort haben wollen auf die Frage, was "steckt hinter dem Medienliebling zu Guttenberg", dann kaufen Sie Cicero - Gehirnwäsche de Luxe, Premium-Waschgang.
P. S. Die Grundfarbe auf dem Zeitschriftentitel ist eher A Browner Shade of Red.
Die Wahrheit: Antiobjektivistischer Impuls
Pflichtlektüre für alle KULTUR-Redakteure: Michael Quasthoffs Kabinettstückchen auf der Wahrheitseite. Das ist Satire vom Feinsten: "Damit verweist Little Blue Bicycle auf den antiobjektivistischen Impuls der Theorien ästhetischer Erfahrung in den kunsttheoretischen und philosophschen Debatten, die die konkrete Anwesenheit eines Kunstobjektes entbehrlich machen und dem Betrachter eine neuartig aktive Rolle zuweisen." Dieses Stückchen dürfen Sie ruhig in der Online-taz suchen. Titel: "Ein Nichts an Nichts". Alles wahr!
Neues Layout, blöde Idee
ES HAT SICH BEI DER UMGESTALTUNG DERTAZ LEIDER JEMAND DURCHSETZEN KÖNNEN, DER NICHT WEISS, WIE SCHWIERIG TEXTZEILEN ZU LESEN SIND, WENN SIE IN GROSSBUCHSTABEN GEDRUCKT WERDEN. VOR ALLEM DANN, WENN DIESE ZU ELLENLANGEN UNTER- ODER ÜBERTITELN ANEINANDER GEREIHT UND WINZIG KLEIN GESETZT WERDEN.
Gandhi - war da mal was?
Ein feiner Beitrag auf der Meinungsseite über Mahatma Gandhis missbrauchtes Erbe in Indien. Maryam Schumacher klärt mich über das vor 100 Jahren veröffentlichte Manifest "Hind Swaraj" auf, das jetzt von indischen Nationalisten dafür benutzt wird, für wirtschaftliche Abschottung zu werben. Dabei hatte Gandhi etwas ganz anderes im Sinn: Die heimische Wirtschaft zu fördern, statt Massenproduktion eine Produktion der Massen zu schaffen, um sich auch wirtschaftlich unabhängig von der Kolonialmacht Großbritannien zu machen. So weit ich weiß, haben das ein paar kluge Leute in Afrika (Senegal) bereits erkannt, fördern inzwischen lieber die einheimische Landwirtschaft, statt die billigen, von der EU subventionierten Lebensmittel zu kaufen, und lehnen jede Form von Geldspenden an die korrupten Regime (im Politikerdeutsch "Entwicklungshilfe" genannt) generell ab. Und Maryam Schumacher weist noch auf ein paar andere Aspekte des Manifests von Gandhi hin, die im Indien der Gegenwart untergegangen sind: Gewaltfreiheit und Pazifismus. Und da komme ich wieder auf die Frage zurück: Weshalb war es für George W. Bush so wichtig, Indien bei der atomaren Aufrüstung zu helfen und dabei gegen alle Verträge zu verstoßen, nach denen Atomwaffen nicht weiter verbreitet werden dürfen? Wozu braucht Indien Atomwaffen? Um sich vor Pakistan zu schützen, dessen damaliger Diktator ebenfalls eng mit den USA verbündet war?
Siebenkäs - tvF*)
Sie kennen ihn nicht, den Armenadvokaten Siebenkäs, dem Jean Paul eines seiner schönsten Werke gewidmet hat? Dann muss ich es Ihnen unbedingt ans Herz legen, noch dazu, weil es sich um einen der weniger umfangreichen Romane des großen Franken handelt. Der vollständige Titel lautet "Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs". Weil das etwas lang ist, will ich das Buch im Folgenden einfach mit dem Nachnamen seines Helden benennen. "Siebenkäs" war nicht nur der erste Ehe- und "Beziehungs"-Roman der deutschen Literatur, es war auch eines der ersten Bücher, dessen "Helden" nicht dem Adelsstand angehörten (wie sonst üblich in den Werken von Jean Pauls Zeitgenossen - siehe Goethes Hauptfiguren in den "Wahlverwandtschaften" oder im "Jungen Werther"). Jean Paul mit seinem großen, liebenden Herzen wandte sich den "kleinen" Leuten zu, und wenn Sie jetzt glauben, ich hätte im Titel etwas durcheinander gebracht, so darf ich Ihnen versichern (ohne Ihnen die Spannung vor dem Lesen zu nehmen): Nein, die Reihenfolge stimmt schon. Erst beschreibt Jean Paul den Ehestand des Armenadvokaten, dann seinen Tod, und dann seine Hochzeit. Und das sind nicht moderne Zeitsprünge im Romanablauf, nein, es läuft genau so chronologisch ab. Neugierig geworden? Nun, so viel sei verraten: Siebenkäs inszeniert mit Hilfe eines Freundes sein Ableben - aber nur, weil er seine Ehefrau so sehr liebt. Es ist wunderbar, zum Lachen und zum Weinen und zum Niederknien: Jean Paul war und ist der Größte. Punkt. Ja. Nebenbei bemerkt: Im "Siebenkäs" hat Jean Paul als "Erstes Blumenstück" auch den Aufsatz "Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei" untergebracht, und ich darf Ihnen versichern: Das ist ein starkes Stück. So weit ich mich erinnere, gibt es diese Rede irgendwo in den Weiten des Internets, aber viel ergiebiger ist doch, sie zusammen mit dem "Zweiten Blumenstück" ("Der Traum im Traum") zwischen dem zweiten und dritten Bändchen des "Siebenkäs" zu finden und zu lesen. Und weil ich Sie jetzt neugierig gemacht habe, will ich Ihnen keinesfalls enthalten, was Jean Paul als Anmerkung 1 dazu gesetzt hat: "Wenn einmal mein Herz so unglücklich und ausgestorben wäre, daß in ihm alle Gefühle, die das Dasein Gottes bejahen, zerstöret wären: so würd' ich mich mit diesem Aufsatz erschüttern und - er würde mich heilen und mir meine Gefühle wiedergeben." Wie gesagt, ein starkes Stück.**) Und wie bin ich jetzt überhaupt hier im tazblog auf den "Siebenkäs" gekommen? Weil Waltraud Schwab in ihrem "Portrait" auf Seite 5 der taz (05 heißt das jetzt in der neuen Gestaltung) genau so einen Armenadvokaten aus der Gegenwart beschreibt: "Der Anwalt der Schwachen". Er heißt Benedikt Hopmann, war früher Straßenmusiker (Geige), Hilfsarbeiter, Schweißer, Schlosser, Betriebsrat, hat mit 44 Jahren angefangen, Jura zu studieren und mit 50 sein zweites Staatsexamen gemacht. Heute ist Hopmann 59 Jahre alt und verteidigt Menschen wie die Verkäuferin, die von Kaiser's wegen eines Getränkebons entlassen wurde, und vertritt Betriebsräte gegen Schlecker, weil dort Frauen plötzlich 15 Prozent weniger Lohn bekommen. Der Armenadvokat Hopmann hat einen Leitspruch, der lautet: "Es sollen alle ein gutes Leben haben." Und über sich sagt er: "Ich bin Sozialist. Ich finde unsere Gesellschaft nicht gerecht. Ich war Musiker, Hilfsarbeiter, Schweißer, ohne Arbeit und Beamter auf Zeit. Jetzt bin ich Rechtsanwalt."
*) taz vom Feinsten
**) "Siebenkäs" gibt's bei Insel mit einem Nachowrt von Hermann Hesse zu 14,50 Euro, und bei Reclam in Gelb für 13,10 Euro.
Gute Nachricht, blöder Titel
Die frühere Geschäftsführerin von Attac, Sabine Leidig, wird für Die Linke in den Bundestag einziehen. Sie wurde auf Platz eins der hessischen Landesliste gewählt. Na bitte, geht doch! Die taz kalauert als Titel: "Mit Attac(ke) in den Bundestag". Harrharr.
Das Menschenmaß verloren
Den Titel habe ich geklaut. Er stammt von Tim Cole, und der hat ihn aus der SZ, wo er über einem Beitrag zu Automoblidesign stand. Cole stellt den Titel über den Eintrag auf seiner Website www.cole.de vom Montag, 27. April 2009. Untertitel: "Das war aber eine kurze Krise. Nur: Was haben wir daraus gelernt?" Er will das mit dem verlorenen Menschenmaß in einem weiteren Sinn verstanden wissen. Cole weist darauf hin, dass die Banken wieder Gewinne einfahren (was die heutigen Nachrichten für die Deutsche Bank bestätigen), und es ganz so aussieht, als ob das System weiterläuft wie bisher. Doch Cole erinnert daran: "Das System ist krank, das ist im vergangenen Krisenwinter sonnenklar geworden. Das Finanzsystem ist aus dem Ruder gelaufen, die Reichen haben das Prinzip 'Gier ist geil!' zum Handlungsmaßstab erklärt, die Aufsichtsinstrumente haben sich als zahnlos erwiesen, die politische Führung hat versagt. Es wäre an der Zeit, aufzuräumen, und die Gelegenheit wäre günstig, denn der Machtelite ist der Hahnenkamm gestutzt worden, ihre Widerstandskraft gegen Reformen und gesellschaftliche Neuorientierung und Rückbesinnung vorübergehend geschwächt." Aber, so Cole weiter, das passiert nicht. Denn: "Wir haben das rechte Maß verloren." Ich bin zwar gewiss nicht seiner Meinung, dass Oskar Lafontaine als Wahlgewinner den Karren noch weiter in den Dreck schieben würde, aber ich stimme voll mit ihm überein, wenn er schreibt: "Das Problem ist: Wir wissen eigentlich gar nicht, was wir wollen. Es fehlt eine Blaupause, ein Modell dafür, wie diese Gesellschaft nach der Krise aussehen soll, ein konsensfähiger Kompromiss zwischen Raubrittermentalität und Ehrbarem Kaufmann, ein ethisch-moralischer Kompass, an dem sich Bosse und kleine Gehaltsempfänger gleichermaßen orientieren können." Den vollständigen Beitrag finden Sie hier.
29. April 2009
Wer braucht schon Schweinegrippe? Wir haben doch Schweinsteiger!
Schon am Samstag, dem 25. April, hat die Weltgesundheitsorganisation WHO die Meldung verbreitet, das Medikament Tamiflu sei ein wirksames Mittel gegen die Schweinegrippe. Am selben Tag hieß es in einer Dow-Jones-Meldung, die Epidemie habe in Mexiko bereits 60 Opfer gefordert. Ich hab mich gefragt, weshalb die in Mexiko nicht drauf gekommen sind, den Leuten Tamiflu zu geben. Wenn Tamiflu gegen das neue Virus hilft, dann kann man hierzulande doch ganz beruhigt sein, denn für dieses Medikament hat unsere Regierung schon zu Zeiten der Vogelgrippe im Jahr 2005 vor- und fürsorglich ein paar Millionen Euro ausgegeben und das Zeug eingelagert. Auch das Pentagon hat 2005 für 58 Millionen Dollar Tamiflu gekauft, denn niemand wollte das Risiko eingehen, dass die US-Armee wegen der Vogelgrippe an Schlagkraft verliert. Interessanterweise hat der damalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in kurzer Zeit 1,3 Millionen Dollar daran verdient, denn er besitzt Anteile an der kalifornischen Bio-Tech-Firma Gilead Sciences, die Tamiflu entwickelt hat und das Patent hält. In Lizenz hergestellt und vertrieben wird Tamiflu seit 1996 vom Schweizer Pharmaunternehmen Roche. Die WHO hat ihren Sitz in Genf. Man kann nur beeindruckt sein, wie rasch diese Organisation feststellen konnte, dass Tamiflu gegen das gerade erst entdeckte Virus hilft. Offensichtlich arbeiten die Medien, die damals willig die Bedrohung durch die Vogelgrippe aufgebauscht und die Bevölkerung wochenlang für dumm verkauft haben, auch diesmal nach dem gleichen Muster. Und wenn, wie in der heutigen taz-Ausgabe (29. April) auf Seite 17 zu lesen ist, Süddeutsche, FAZ, Frankfurter Rundschau und taz am Montag mit der gleichen Schlagzeile herauskamen, erhebt sich doch wieder einmal die Frage: Wozu taz? Wenn sie wie alle anderen Zeitungen bei der Volksverdummung mitmacht, wird sie ganz schnell überflüssig. (Das war übrigens einmal der Grund, weshalb die tageszeitung entstanden ist: Weil 1977 die ganze Medienmeute nur noch das gedruckt hat, was die Regierung an Meldungen über die Aktionen der RAF herausgab.)
Hier eine Meldung von Reuters, heute, 10:24 Uhr: Zürich, 29. Apr (Reuters) - Die rasante Verbreitung der Schweinegrippe verschafft dem Roche-Grippemittel Tamiflu starke Nachfrage. Der Schweizer Pharmakonzern sei im Zusammenhang mit dem Auftreten des neuen Erregers H1N1 von verschiedenen Regierungen wegen zusätzlicher Tamiflu-Lieferungen kontaktiert worden, erklärte Roche am Mittwoch. Das Basler Unternehmen wollte allerdings nicht näher auf die Anzahl der aktuellen Neubestellungen eingehen. Bis zum heutigen Datum habe Roche insgesamt 220 Millionen Tamiflu-Behandlungseinheiten an Regierungen weltweit ausgeliefert, hieß es. Hinzu kämen fünf Millionen Behandlungseinheiten, die das Unternehmen der Weltgesundheitsbehörde WHO im Jahre 2006 gespendet hatte. Roche unterstütze aktiv den Aufruf der WHO zur erhöhten Wachsamkeit wegen des Ausbruchs der Schweinegrippe und die Bemühungen der Weltgesundheitsbehörde zu deren Bekämpfung. Laut WHO sei Tamiflu auch gegen den H1N1-Erreger wirksam.
Eine weitere interessante Meldung finde ich kurz danach auf tagesschau.de (Mittwoch, 29. April):
Was geht in Mexiko vor sich? Woran sterben die Menschen? Diese Fragen werden im Land immer lauter gestellt, Zweifel an der Informationspolitik der Regierung nehmen zu. Die überraschendste Nachricht kam dann auch zuerst von der Weltgesundheitsorganisation aus Genf. WHO-Direktor Fukuda erklärte: "In Mexiko haben wir 26 durch Laboruntersuchungen bestätigte Fälle von Schweinegrippe. Sie kommen aus vier Bundesstaaten. Weltweit gibt es bislang sieben Todesfälle: alle in Mexiko." (...) In Deutschland etwa sterben nach Angaben des Instituts für Virologie der Charité Berlin jährlich 20.000 Menschen an Grippe-Erkrankungen.
Im Übrigen sucht man jetzt nach einem neuen Namen für die Schweinegrippe, nachdem jemand festgestellt hat, das bisher kein Schwein daran erkrankt ist. Werden Sie kreativ, lieber Leser, schicken Sie Ihre Vorschläge an die WHO!
30. April 2009
Wegen Zeitungsgrippe vorübergehend geschlossen
Dieses Weblog hat die Zeitungsgrippe und macht ein paar Tage Pause. Unter uns: Angesichts dieser auf Hochtouren laufenden Verblödungsmaschinerie fällt mir nichts mehr ein. Im Moment ist die Luft und die Lust raus. Ich spiel lieber Gitarre.
--------------------------------------------------Kommentar am 30. April "Gute Besserung! Hoffentlich nichts mexikanisches?" -Tim
Wo denkst du hin? Nein, mir geht's prächtig, ich bin nur stocksauer auf die Art und Weise, wie seriöse Zeitungen mal wieder Leute verarschen. Ich hab's ja auf dem tazblog zusammengestellt: In Mexiko sind sieben Menschen an der so falsch benannten Schweinegrippe gestorben (ein infiziertes Schwein wurde bisher nicht gefunden.) In Deutschland sterben in einem ganz gewöhnlich statistisch erfassten Jahr 20.000 Menschen an Grippe. Wer also profitiert von der Pressegrippe: Die Zeitungen, die Medien, zwei Pharmamultis, und die Leute, deren Leben so langweilig ist, dass sie so etwas als Kitzel brauchen. Die Schweinegrippe hat etwa denselben Nachrichtenwert wie die Raucher auf der Verkehrsinsel vor dem Landtagsgebäude. Nur bekommt sie ungleich mehr Aufmerksamkeit. Wem nützt es? Na, iss doch klar: All denen, die gerade wieder die Kurve kriegen und so weiter machen wollen wie bisher. Es ödet mich an.
------------------------------------------------Kommentar am 30. April Wo kommt die Zahl 20.000 Grippetote her? -Tim
tagesschau.de: Klingt bedrohlich…
Detlev H. Krüger, Berliner Virologe: …aber trotzdem sollte man nicht in Panik verfallen. Nur zum Vergleich: Im Schnitt sterben in Deutschland pro Jahr bis zu 20.000 Menschen an der "normalen" jährlichen Grippe. An der Schweinegrippe sind gegenwärtig nur einige Dutzend verstorben. Wenn man das ins Verhältnis setzt, ist es wirklich unverständlich, warum jetzt eine so große Aufregung herrscht.
Quelle: www.tagesschau.de/inland/schweinegrippe206.html
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Alles Gute zum Geburtstag!
Wie alt sie wird, weiß ich nicht, aber im gerade vergangenen Lebensjahr war ganz schön was los bei der Babs. Unter anderem hat sie den Großbassmann geheiratet, und ich wünsche ihr Eheglück, Gesundheit und ein langes, schmerzfreies Leben. Bleib tapfer, Babs, du bist die Heldin! (Das Zitat da unten in der April-Liste ist für dich. Love & peace!)
Die April-Liste
Bücher des Monats: Jens Johler, Kritik der mörderischen Vernunft. Ullstein Taschenbuch, 9,95 Euro
Bernhard Imgrund, Quinn Kuul. Haffmans bei Zweitausendeins, gebunden, mit Lesebändchen, 3,95 Euro (!)
Musik des Monats: Kinks, To the Bone (2 CD, inkl. Lola, Celluloid Heroes, Don't forget to Dance, You really got me, Come Dancing u. v. a.)
Zeitschriftenartikel des Monats: Bruno Preisendörfer, Totschlagen und andere Begabungen, Le Monde Diplomatique, April 2009. Auch online: hier. (www.monde-diplomatique.de/pm/2009/04/03.mondeText1.artikel,a0034.idx,7
Ereignis des Monats: Frühsommer im April (Umsatzrekord beim Tivoli-Pavillon)
Bier des Monats: Dunkler Maibock von Hofbräu
Fußballer des Monats: Grafite (VfL Wolfsburg)
Zitat des Monats: "Du bist nicht weniger ein Kind des Universums, als es die Bäume und die Sterne sind. Du hast ein Recht, hier zu sein, und ob dir das klar ist oder nicht: Kein Zweifel besteht, dass das Universum sich so entfaltet, wie es sich entfalten soll. Darum lebe in Frieden mit Gott, wie auch immer du ihn verstehst." - auf einem Grabmal, Alter Haidhauser Friedhof, München, Kirchenstraße WWN*)
Bikinis und viel Gemecker
Sonne, Strand und Meer sind nur nette Beigaben, wenn die alles entscheidende Frage geklärt wird: Wer nimmt bei GNT Larissas Platz als Oberzicke ein?
*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)
Bis die Tage!
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