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tazblog 1. Mai 2009 - 15. Mai 2009
tazblog 1. Mai 2009 - 15. Mai 2009
16.05.2009 12:31:26
4. Mai 2009

An: TC, 2. Mai

Das ist nett, dass du dich um meine Texte für Czyslansky kümmerst. Aber es issja schon wieder vorbei, swine flu wird nicht der Renner wie die Vogelgrippe. War da was? -
Ich brauch dringend Abstand zu diesem Mediengezwitscher. Passenderweise habe ich gerade Bob Dylans "Chronicles Vol.1" in die Hände gekriegt (Ulli J. sei Dank). Und was lese ich gestern unterm Baum beim Tivoli-Pavillon? "Was Tag für Tag vor sich ging, den ganzen kulturellen Irrwitz, empfand ich als seelische Freiheitsberaubung; es ekelte mich an."
Wie hieß es am Tag zuvor im tazblog? "Es ödet mich an."-
Gestern war übrigens ideales Laufwetter um die Mittagszeit - 14 Grad, und Hochdruck. Bin auf dem Rückweg vom Aumeister fröhlich an "meiner Brücke" vorbeigelaufen und erst am Friedensengel umgekehrt. Das waren mal wieder 12 km am Tag der Arbeit. Ach, wo soll das alles enden ...

Von: Vereinstext., 2. Mai

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An: MM, 3. Mai

In dieser Woche hat mir die Mona einen Zeitungsausschnitt geschickt, da war ein Foto mit Ihnen als römischer Soldat (beim Empfang von Horst Seehofer in Gunzenhausen). Am selben Nachmittag habe ich in "Chronicles" von Bob Dylan gelesen (KiWi-Taschenbuch). Da schreibt er über eine Theatergruppe, die in seiner Jugend immer in die Stadt kam:
"Es gab jedesmal Rollen, für die Statisten gebraucht wurden. In einem Jahr spielte ich einen römischen Soldaten mit Speer und Helm, einem Brustpanzer und allem Drum und Dran. Es war keine Sprechrolle, aber das machte mir nichts aus. Ich fühlte mich wie ein Star. Das Kostüm gefiel mir. Es hatte eine belebende Wirkung ... als römischer Soldat gehörte ich dazu, ich stand im Mittelpunkt der Erde, ich war unbesiegbar."
Hoffentlich geht's Ihnen genauso.

An: Babs, 3. Mai

Ich muss dir unbedingt was mitteilen, was mit dir teilen, aus meinem Leseleben. Manchmal tauchen ja Bücher auf, die anders sind als viele gute Bücher, die man so liest, anders, weil sie die Magie und den Zauber des eigenen Lebens berühren. Und in diesen Tagen geht mir das so mit "Chronicles" von Bob Dylan. Und am Nachmittag, nachdem ich deine Mail ("the day after") bekommen habe, sitz ich unter den Espen beim Tivoli-Pavillon und lese das hier:

"Später sollte ich erfahren, dass Hank (Williams) am Neujahrstag auf dem Rücksitz eines Autos gestorben war. Ich hoffte sehr, dass es nicht stimmte. Aber es stimmte doch. Es war wie der Sturz eines mächtigen Baumes. Die Nachricht von Hanks Tod war ein harter Schlag für mich. Die Stille des Weltalls war noch nie so laut gewesen. Doch Hanks Stimme würde nie verschwinden oder verklingen; das wusste ich intutiv. Es war eine Stimme wie der schöne Klang eines Horns.
Viel später erfuhr ich, dass Hank sein Leben lang unter schweren Wirbelsäulenproblemen gelitten und furchtbare Schmerzen gehabt hatte - dass die Schmerzen mörderisch gewesen sein mussten. In diesem Lichte wirken seine Platten noch erstaunlicher. Es ist, als habe er die Schwerkraft besiegt."

Das steht auf Seite 105. "Chronicles" gibt's als Taschenbuch für 8,95. Feine Übersetzung von Kathrin Passig und Gerhard Henschel.
Liebe Grüße, schöne Tage!

Und die wunderbar bunte sonntaz?

Nach der ersten Buntausgabe schrieb mir eine taz-Redakteurin, das neue Layout sähe aus wie die Wimmelbilderbücher ihrer kleinen Tochter. Inzwischen weiß ich, was sie gemeint hat. Aber die Gestaltung, inklusive Farbe satt, issja nicht das Schlimmste. Viel erschreckender kommt mir vor, dass sich der Inhalt der Form anpasst. Von der Wochenendausgabe blieben mir nur zwei Beiträge in Erinnerung:
Bettina Gaus versucht, den Telefon- und Internetanbieter zu wechseln und gerät an 1 + 1. Dabei macht sie die gleichen Erfahrungen wie ich im Herbst 2007. In meinem Ordner vom  Oktober 2007 habe ich an die 30 Mails von und an 1+1. Ich stelle sie Bettina Gaus und ihrem Anwalt gern als Beweismaterial zur Verfügung. Es dauerte Wochen, bis der von 1+1 gekrallte Anschluss wieder freigegeben war. Diese Firmen (ich hab Ähnliches mit drei weiteren erlebt) gehen davon aus, dass nur die wenigsten Kunden die Zeit und Fähigkeit haben, sich zu beschweren. Und wenn die ersten Anrufe über eine kostenfreie Nummer gelaufen sind, erhält man die Auskunft, die weiteren Fragen kann  nur der "technische Service" beantworten - und dann sind alle Anrufe gebührenpflichtig, und zwar satt. -
Der zweite Beitrag aus der sonntaz, der bei mir hängenblieb, war ein Interview mit zwei Rockmusikerinnen aus den USA. Die dämlichen Fragen des Interviewers wurden nur von den noch dämlicheren Antworten der Interviewten übertroffen, die wirklich nichts, aber auch gar nichts zu sagen hatten.
Und dafür verschwenden die taz-Redakteure eine ganze farbig bedruckte Zeitungsseite. Das ist schade.

5. Mai 2009

"Ironischer Dandyisme" oder: Balla balla

Hier ein Zitat aus der "Berichtigung", Kulturseiten der taz vom Montag. Die kleine, viel gelesene und gelegentlich witzige Kolumne bezieht sich diesmal auf das grauenvolle Interview mit den Rockmusikerinnen in der sonntaz (vgl. meinen Eintrag von gestern). Es geht um die "gute, alte Rock-'n'-Roll-Haltung", behauptet der/die Kulturredakteur/in. Von da an wird es rätselhaft: "'Trocken und hart' sind die Attribute - nie zu müde, um jemanden von der Bühne runterzuhauen. Ein Distinktionsgewinn wie vor 30 Jahren, möchte man da sagen. Da sieht ein Haschraucher noch wie ein Penner aus und Eleganz steht für Anti-Rock-'n'-Roll. Puh, da möchte man den Musikerinnen doch glatt eine Lektion in ironischem Dandyisme erteilen."
Was das heißen soll? Was es bedeutet? Ganz klar: My baby baby balla balla. Gaga. Wer auch immer so etwas schreibt, hat sie nicht mehr alle.
Aber wer hat sie schon alle?


Hellseher


Noch mal Kulturseiten, Bericht über ein Theaterstück von Christoph Schlingensief in Berlin: "Er habe nie geglaubt, dass ihm das Theater so viel Liebe zurückgeben könnte, wie er sie mit dieser Inszenierung im September 2009 bei der Ruhrtriennale erfahren hat."
Man kann ihm nur wünschen, dass er dann noch lebt und inszenieren kann.

Das Positive

Damit es nicht wieder heißt, ich such nur nach dem Mist in der taz: Einer der besten Journalisten (nicht nur im taz-internen Vergleich) ist für mich Reinhard Wolff, der Skandinavien-Korrespondent. Neulich hab ich ihn ja schon über den grünen Klee gelobt, als er vom Pirate-Bay-Prozess in Schweden berichtet hat. Gestern durfte er auf der Meinungsseite über die Absichten der Anrainerstaaten schreiben, die sich die Ölvorräte unter der Arktis aufteilen wollen. Wolff: "Klimaschutz ernst genommen - dann müsste dieser Brennstoff im Boden bleiben. Doch wo ist der Staat, der freiwillig auf die Ausbeutung seiner Reichtümer verzichtet? Internationale Klimaabkommen, die erst bei der Begrenzung der Emissionen ansetzen, sind da nicht mehr ausreichend. Das Wichtigste ist: Der Input muss begrenzt werden."
Sag ich doch: Es ist scheißegal, wie lange die Erdölvorräte noch reichen. WIR MÜSSEN ENDLICH AUFHÖREN, ERDÖL UND KOHLE ZU VERBRENNEN.
Koste es, was es wolle. So einfach ist das.

Keine Anzeige

In der taz vom 30. April fällt mir eine Anzeige auf. Das Buch heißt "Tschüss, ihr da oben", der Autor Peter Zudeick, erschienen ist es bei "Westend - Bücher für die Wirklichkeit". Ich werde neugierig, glaube ich doch immer noch daran, einen Verlag für "Die taz - das Buch" zu finden. Es stellt sich heraus, "Westend" gehört zum Piper Verlag. Und so wird das Buch dort angekündigt:
"Das Kapital von Superreichen verzinst sich stündlich mit 200.000 Euro. Wenn sie nicht reicher werden wollen, müssen sie das Geld schon verjuxen − statt Luxuskarossen oder Riesenjachten zu kaufen. Warum schauen wir tatenlos zu? Haben wir uns an die Auswüchse des Kapitalismus gewöhnt? Wollen, ja dürfen wir sie noch länger akzeptieren? Peter Zudeick zeigt, warum kein Weg daran vorbeigeht, die Systemfrage zu stellen.
Alles längst bekannt: Milliardengewinne hier, Kinderarmut da, Versager erhalten Millionenabfindungen, der Staat darf für Verluste aufkommen. Täglich überfluten uns neue Meldungen über die Auswüchse des Kapitalismus − und bislang schauten wir zu. Doch die Zeiten haben sich geändert. Die Bürger wollen nicht länger die Maßlosigkeiten einer Clique von Überprivilegierten, die sich für Elite halten, hinnehmen. Von Politikern wird keine Lösung mehr erwartet. Ihr Credo »es wird schon irgendwann werden, wenn ihr uns nur brav wählt« will kein Mensch mehr hören. Was aber muss passieren, dass die Interessen der Zivilgesellschaft wieder in den Mittelpunkt gerückt werden? Welche Folgen hat ein radikaler Humanismus, der den Menschen wieder über den Wettbewerb stellt, auf Staat, Wirtschaft und Gesellschaft? Peter Zudeick hat die Antworten."
Und ich wünsche ihm möglichst viele Leser. Das Buch hat 240 Seiten und kostet 16,95 Euro.

WWN*)

34 Elfmeter  

Das muss man sich mal vorstellen: Im Endspiel um den griechischen Fußballpokal steht es nach regulärer Spielzeit zwischen Olympiakos Piräus und AEK Athen 3 :3. In der Verlängerung schießen beide Mannschaften je ein Tor, es steht 4:4. Am Ende gewinnt Piräus nach dem Elfmeterschießen mit 15:14. Laut taz dauerte das Spiel dreieinviertel Stunden, und es waren 34 Elfmeter nötig. Ergänzend finde ich im Tagesspiegel am 5. Mai: Athen führte bei Halbzeit 2:0, 3:2 fürAthen hieß es dann nach 90 Minuten, der Ausgleich fiel erst in der Nachspielzeit. In der Verlängerung ging Piräus, die nur noch mit neun Mann spielten (zwei rote Karten), 4:3 in Führung, aber Athen glich in der 102. Minute aus. Und dann kam das Elfmeterschießen.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von taz und Tagesspiegel)




6. Mai 2009

Zwischen Bhagwan und Autowahn: Das Elend des Philosophen

Friedrich Nietzsche hatte sein Leben lang ein gesundes Misstrauen gegen fest angestellte Philosophen, vom Staat bezahlte Denker, Professoren, die sich den Luxus von Wortspielereien und ein materiell sorgloses Leben auf unkündbaren Lehrstühlen leisten konnten. Einer von diesen heißt in der Gegenwart Peter Sloterdijk. Er hat sich zu einer Art philosophischem Popstar entwickelt, mit eigener Fernsehsendung und alle Jahre wieder einer mehr oder minder umfangreichen Buchveröffentlichung. Früher hing er mal dem Bhagwan an und reiste ins indische Poona, um den Ashram in Augenschein zu nehmen und die sexuelle Befreiung zu begutachten (oder zu erfahren). Nietzsche hat er auch gelesen und darüber geschrieben. Naja, spricht wirklich nicht gegen ihn, und wenn Universitäten für folgenloses Wörterjonglieren auch noch Geld ausgeben ... Wer wollte es ihm verdenken, wenn er es sich überweisen lässt und sich heimlich ins Fäustchen lacht.
Nun hat er also ein neues Werk herausgebracht, und ich nehme es zum Anlass, wie der Igel dem Hasen zuzurufen: Ich war zuerst da. Im April 2008 fing ich an, auf meiner Website ein tazblog einzurichten, weil ich den Eindruck hatte, dass bei diesem Täglichblatt einige Leute nicht mehr wissen, wozu es ursprünglich ins Leben gerufen wurde. Und ich habe einen undogmatischen Linken zitiert, der mir noch aus den späten sechziger Jahren als wahrhaftiger und aufrechter Charakter in Erinnerung war, Tariq Ali, ein Pakistani mit Wohnsitz in London. Der hatte Anfang April 2008 im tazmag zum Thema "Was ist heute links?" geschrieben: "... dass Menschen nicht an ihrem materiellen Besitz gemessen werden sollten, sondern ihrer Fähigkeit, das Leben der anderen - der Armen und Benachteiligten - zu verändern; dass die Wirtschaft gemäß den Interesssen aller und nicht einiger weniger neu organisiert werden müsse; und dass Sozialismus ohne Demokratie niemals funktionieren würde."
So weit, so schön. Nur hatte ich schon immer eine Abneigung dagegen, sich auf Veränderungen "da draußen" zu beschränken. Das war schon recht, aber nur veränderte Einzelne würden eine veränderte Gesellschaft ergeben - das ist auch ein alter Hut, von Donovan über John Lennon ("you better free your mind instead") bis zu Krishnamurti. Also ergänzte ich den Satz von Tariq Ali und schrieb: "Hinzufügen sollte man: Die Fähigkeit, nicht nur das Leben der anderen, sondern auch und vor allem sein eigenes zu verändern."
Das steht da jetzt seit etwas mehr als 12 Monaten (siehe oben), und ich hab' mich doch etwas gewundert und mir die Augen gerieben, als mir neulich der Titel von Peter Sloterdijks neuem Buch untergekommen ist: "Du musst dein Leben ändern". Sollte ich  mich  geschmeichelt fühlen, dass der große Meister endlich auf den Trichter kommt? Dass er seinen Buchtitel bei mir klaut? Dass er endlich was Sinnvolles schreibt? Dass er mich und seine Leser duzt?
Für die taz kam der blitzgescheite Robert Misik auf die Idee, Sloterdijk zu interviewen. Nun weiß ich wenigstens, was der Karlsruher Professor mit verändern meint: "Wir gelangen durch entfesselten Konsum an die Grenzen der Naturproduktivität. Die Menschheit erweist sich als eine Gattung, die es fertigbringt, die Natur leerzufressen."

Wenn das eine neue Erkenntnis für ihn sein sollte, möchte ihm ein herzliches "Guten Morgen, lieber Peter!" zurufen (ich duze zwar nicht jeden, der mich duzt, aber manchmal mache ich Ausnahmen). Und was  schlägt er vor, um dem Übel abzuhelfen? Wortspielereien: Er will in seinem Buch "das Konzept des Ko-Immunismus begründen".
Ko-Immunismus. Er schwurbelt dann noch eine Weile vor sich hin, bis ihn Robert Misik mit der Feststellung unterbricht: "Das heißt ja Gemeinwohl: dass Kooperation mit anderen nicht Altruismus ist, sondern zu meinem eigenen Nutzen." Das gibt Sloterdijk durchaus zu, "aber das muss bewiesen werden."
Na schön, dann beweis mal. Ob der Planet wohl noch bewohnbar ist, wenn Sloterdijk seinen Beweis erbracht hat?
Ich glaub, es wird wieder Zeit für Kurt Vonnegut:

Requiem

Wenn das letzte Lebewesen
wegen uns gestorben ist,
wie poetisch wäre es doch,
wenn die Erde dann
mit einer Stimme, die vielleicht
vom Boden des Grand Canyon aufsteigt,
sagen könnte:
«Es ist vollbracht.»
Den Menschen hat es hier nicht gefallen.

Was noch?

Ob den taz-zwei-Redakteuren mal jemand verklickern kann, dass "Graffiti" bereits Mehrzahl ist, und "Graffitis" doppelt gemoppelt (Seite 14, "Wende-Soundtrack")? Schöne Grüße auch an Sofia Shabafrouz.

I Love Linda

Um gegen die Aussaat von Gen-Kartoffeln zu protestieren, kamen ein paar Leute in Mecklenburg auf die gute alte Schleudertechnik zurück: "Sie haben Kartoffeln mit einer Schleuder auf das Feld geschossen und auch Kartoffeln am Rand vergraben." Das soll die Auswertung des Versuchs erschweren. Gefreut hat mich, dass sie bei ihrer Aktion zehn Kilo der Sorte Linda verwendet haben. Genau die kam bei mir gestern Abend in die Erde - hoffentlich werden sie wieder so hübsch wie letztes Jahr.

8. Mai 2009

Hund beißt Mann

Der Kalauer ist so alt wie die Zeitung: "Hund beißt Mann" ist keine Meldung, "Mann beißt Hund" schon. Daran musste ich denken, als ich gestern die Überschrift im Auslandsressort gelesen habe: "Israel kritisiert einen Bericht der UNO zum Gazakrieg". Das ist eine Meldung wie "Hund beißt Mann".

Täglich frisch!

Das steht zwar da oben als Anreißer, dieses "Täglich frisch!", aber Sie wissen ja, das Wesentlich zur taz im Allgemeinen ist gesagt, also werd' ich mir nur noch Themen rausgreifen, die mich anmachen, oder die von dem abweichen, was schon gesagt wurde. Zur Ausgabe von gestern fällt mir nix Rechtes ein, aber die heutige hat mindestens zwei Beiträge auf die ich morgen eingehen möchte: Den Kommentar von Bettina Gaus zum Besuch des israelischen Außenministers, und den Meinungsbeitrag von Dominic Johnson zur Amtseinführung von Präsident Jacob Zuma in Südafrika. Ums gleich vorwegzunehmen: beide Texte sind tvF*).

*) taz vom Feinsten

WWN*)

Die Schöne und der Benz

Julia Stegner wird bei Mercedes zum "Objekt der Begierde": Das Supermodel und das neue E-Klasse Coupé - die perfekte Kombination für die "Mercedes-Benz Fashion Week".

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)

9. Mai 2009

Rassistisch? Naja, eurozentrisch

Ob die taz wieder Leserbriefe bekommt, in denen ihr rassistische Tendenzen vorgeworfen werden? Dummerweise wurden die Zeilen aus Thomas Machos Essay über das Schwein auch noch groß hervorgehoben: "Schon physiologisch sind Hausschweine und Menschen einander ähnlich, was sich in der rosigen Hautfarbe und der Beschaffenheit des Fleisches zeigt."
Menschen haben also eine rosige Hautfarbe. Das ist zumindest sehr eurozentrisch gedacht, ganz abgesehen davon, dass es Schweinerassen mit dunkler Haut, mit schwarzen Flecken und mit schwarzem Kopf gibt.
Nix zu meckern: "Die coole Sau" ist ein guter Titel, und dazu gibt's noch ein sautolles Saufoto auf der ersten Seite!

Israelische Außenpolitik: Ohne Rahmen

Was für eine Erleichterung, wenn mal weitgehend ideologiefrei über die Politik der israelischen Regierung geschrieben wird. Bettina Gaus fegt mit ihrem Kommentar auf Seite eins den Nebel und den Rauch weg, die üblicherweise aufwabern, wenn es um die Kritik an einer menschenverachtenden Politik geht: "Avigdor Lieberman sprengt den Rahmen demokratischer Meinungsäußerungen." Da empfängt FW Steinmeier diesen Amtskollegen, der sich bis heute als Kriegshetzer inszeniert und selbst für israelische Verhältnisse extreme Positionen vertritt. Und Bettina Gaus macht sich Gedanken darüber, ob man diesen Mann mit einem freundlichen Lächeln empfangen sollte: "Liegt es im jüdischen Interesse - falls es überhaupt so etwas gibt wie ein jüdisches, ein christliches, ein islamisches Interesse - wenn man von einem israelischen Außenminister schweigend hinnimmt, was man von einem Berlusconi, einem Haider, einem Le Pen nicht hinnehmen würde oder hingenommen hätte?"
Manchmal genügt ein vernünftiger Satz, um den Muff von tausend abenteuerlich verrenkten Gedankenkonstruktionen wegzupusten.

Immermehrismus

Bitte weitersagen: Eine Meldung mit "Immer mehr ..." anzufangen, zeugt von großer journalistischer Einfallslosigkeit. Das wird nur noch übertroffen, wenn der Immermehrismus schon in der Überschrift auftaucht, so wie auf der "Wissenschaft"-Seite: "Immer mehr Depressive".
Solche Titel lösen bei mir leicht Depressionen aus. Ganz besonders dann, wenn der dazu gehörige Artikel eine ganz andere Aussage trifft: "Es gibt heute kaum mehr Betroffene als vor fünfzig Jahren." Aber eine aggressivere Vermarktung entsprechender Medikamente.

Zitat

"Auch ihr Sound klang auf arschtretende Weise radikal."

- Patricia Wedler über Peaches, anlässlich der Besprechung ihres neues Albums "I feel cream"

Merry Pranksters

"Ich schreibe, weil ich schreiben muss. Aber ich schreibe nicht, um dem Leser meine Seele zu zeigen. Ich schreibe, um dem Leser seine Seele zu zeigen."
- Ken Kesey

Das freut den Leser: Ken Kesey bekommt mal wieder die gebührende Aufmerksamkeit. Auch wenn es nicht seine eigene Schreibe ist, aber eine Neuauflage von Tom Wolfes unsterblicher Reportage über den großen Meister darf durchaus als gute Nachricht gesehen werden. "Der Electric Kool-Aid Acid Test" kam gerade bei Heyne als Taschenbuch heraus (9,95 Euro). So beschrieb Wolfe den Schriftstellerkollegen: "Ende Juni fahren wir durch die Dämpfe des südlichen Alabama, und Kesey erhebt sich direkt aus dem Comic-Heft und wird zu Captain Flag. Er zieht einen pinkfarbenen Kilt an, der aussieht wie ein Minirock, dazu pinkfarbene Socken und Markenschuhe aus Leder und eine pinkfarbene Sonnenbrille und bindet sich eine amerikanische Flagge wie einen Turban um den Kopf und durchbohrt sie hinten mit einem Pfeil, damit sie hält, und klettert auf das Dach des Buses, der dröhnend durch Alabama röhrt, und fängt an, für die Menschen am Straßenrand auf der Flöte zu spielen."
Hoffentlich haben sie bei Bernhard
Schmid eine neue Übersetzung in Auftrag gegeben, denn in früheren Jahren kursierten geradezu abenteuerliche deutsche Fassungen. Eine hieß "Unter Strom - die legendäre Reise von Ken Kesey und den Pranksters". Die erschien 1987 bei Eichborn, und damals schrieb Henner Voss in der taz: "Eine besengte Übersetzung, die keinen Umweg über den Schreibtisch eines Lektors genommen hat."
In der taz von gestern schreibt Klaus Bittermann nichts über die Qualität der deutschen Fassung, fiel ihm wohl nicht negativ auf. Seine Rezension kommt mir im Übrigen recht kundig vor, ein Zeichen, dass er immer dann am besten formuliert, wenn er sich nicht, wie neulich, auf geradezu krampfhafte Weise abmüht, die aggressive Kriegspolitik der Israelis zu verteidigen.
Über Ken Kesey habe ich vor einigen Jahren einen längeren Artikel verfasst, nachdem ich 2002 von seinem Tod erfahren hatte. Sie finden den Nachruf hier. Während der zeitliche Abstand größer wird, bleibt mir von seinen Romanen "Sometimes a Great Notion" stärker in Erinnerung als "Einer flog übers Kuckucksnest". Da wird die Erinnerung ans Buch auch zu sehr vom Film und Jack Nicholson überlagert.

Die besseren Weißen

Man erinnert sich? Letztes Jahr um diese Zeit habe ich mich über Dominic Johnson aufgeregt und meine Recherchen in einem "Pamphlet" (so eine Zeit-Redakteurin) zusammengefasst. Es ging um Johnsons einseitige Berichterstattung über die Regierung des ruandischen Diktators Paul Kagame (Sie finden das Runda-Dossier hier).
Da steht auch, dass ich Johnson bis dahin als gut informierten Journalisten geschätzt habe, und das gilt heute wieder: Sein besonnener, sachkundiger Kommentar über Jacob Zuma, den neuen Präsidenten der Südafrikanischen Republik, versöhnt mich mit einem halben Dutzend tendenziöser Artikel der taz-Korrespondentin Martina Schwikowski. Johnson stellt den schwierigen Charakter Zumas im Zusammenhang mit seiner Biographie als Freiheitskämpfer gegen das Apartheid-Regime vor, und weist auf einen interessanten Aspekt hin: "Zuma bricht mit der Lebenslüge des ANC, dass die Schwarzen doch eigentlich immer nur die besseren Weißen sein wollen. Im Grunde ist das für alle eine Erleichterung." Außenpolitisch könnte Zuma ebenfalls eine wichtige Rolle spielen, denn "der Bedarf nach einer starken afrikanischen Stimme im Weltmaßstab ist groß, und Südafrika kann ihn erfüllen."
Jacob Zuma sprengt mit seiner unbändigen Energie ganz offensichtlich die Maßstäbe, die an "Normal"-Politiker angelegt werden. Er hat jetzt die Chance, seinen schlechten Ruf zu korrigieren und seinen Gegnern zu zeigen, dass er das Präsidentenamt ausfüllen kann. Nelson Mandela, der ihn in der wichtigen Schlussphase seines Wahlkampfes unterstützt hat, traut es ihm offenbar zu.


10. Mai 2009

Alles Gute zum Geburtstag, lieber Donovan!

Er wird heute 63 - Donovan, der keltische Schamane aus Glasgow, der mit seinen Liedern die sechziger Jahre mitgeprägt und sich Anfang der siebziger Jahre aus dem Showgeschäft zurückgezogen hat. Vor ein paar Wochen habe ich seine wunderbare Autobiografie gelesen, "Hurdy Gurdy Man", der Mann mit der Drehleier, was ja auch der Titel eines seiner vielgespielten Songs war. Ich hab das Buch geradezu verschlungen, ah, Donovan kann wirklich schreiben. Es ist (auch) die Geschichte einer zunächst unerfüllten Liebe: Linda, für die er die erfolgreichen Liebeslieder geschrieben hat, war eine Weile mit Rolling Stone Brian Jones zusammen gewesen, hatte ein Kind mit ihm, arbeitete als Model in England und zog später nach Los Angeles. Sie sollte nach einigen Jahren der Trennung doch noch Donovans Frau werden, und sie ist es bis heute.
In den letzten fünf Jahren scheint Donovan einen neuen Aktivitätsschub bekommen zu haben. Er hat eine CD veröffentlicht, "Beat Café", hat das erwähnte Buch geschrieben, und jetzt kommt auch noch eine Doppel-DVD heraus, "Sunshine Superman", eine Filmdokumentation des österreichischen Produzenten Hannes Rossacher, mit Filmausschnitten aus den sechziger Jahren und neuem, bislang unveröffentlichtem Material. Darin tauchen auf: Bob Dylan, die Beatles, Pete Seeger, Arlo Guthrie, Donovans langjähriger Musikproduzent Micky Most, der legendäre US-Produzent Rick Rubin, die Gitarristen Jimmy Page, und Jeff Beck, und die Filmregisseure Franco Zeffirelli und David Lynch.
Mit David Lynch gehen Donovan und Frau Linda demnächst (zum 40-jährigen Jubiläum seiner Meditationsschulung bei Maharishi Mahesh Yogi) auf Brasilienreise: Sie wollen in Schulen und Universitäten auftreten und gemeinsam  für Transzendentale Meditation werben, Lynch und Linda mit Vorträgen und Diskussionen, Donovan mit seinen Songklassikern.
Die transzendentale Meditation scheint dem Erfinder des Celtic Rock immer noch ein großes Anliegen zu sein. Vor zwei Jahren gründete er eine Privatschule im schottischen Glasgow, "The Invincible Donovan University". Deren Aufgabe soll es sein, "unbesiegbares Nationalbewusstsein durch transzendentale Meditation zu erlangen". Unterstützt wird er dabei von David Lynch und dem Quantenphysiker John Hegelin. Von diesen schottischen Nationalisten wird man vermutlich noch viel hören.
Aus "Hurdy Gurdy Man" habe ich auch noch erfahren, dass Jimmy Page, der Bassist John Paul Jones und der Drummer John Bonham zum ersten Mal als Studiomusiker bei Aufnahmen für Donovan zusammen gespielt haben. Als sie merkten, wie gut das abging, haben sie sich den Sänger Robert Plant dazugeholt und als Led Zeppelin weitergemacht. Auf "The Very Best of Donovan" sind sie die Begleitband bei der elektrischen Version von "Catch the Wind". Jones spielt dabei eine unglaublich tolle Basslinie.
Wer wissen will, was Donovan und die Beatles und Mia Farrow während ihres Ashram-Aufenthaltes beim Maharishi in Indien vor vierzig Jahren so getrieben haben, kann auch das in "Hurdy Gurdy Man" nachlesen. So zum Beispiel, dass John Lennon von Donovan den Fingerpicking-Stil gelernt hat, den der sich wiederum von Dirty Phil, einem unbekannten Gitarristen, am Strand von St. Albans in Devon hatte beibringen lassen.
Happy Birthday, Old Shaman!

Justemilieu

"Die Furcht vor 'sozialen Unruhen' ist die Folge einer Vorstellung von 'sozialem Frieden', die im Justemilieu der alten Bundesrepublik ihren Ursprung hat." Die Überschrift zu diesem Artikelanfang hieß "Den Zorn kultivieren", aber mit diesem ersten Satz hat mich Christian Semler als Leser verloren. Ganz offensichtlich wollte er von mir nicht gelesen werden.

Neusprech, eine weitere Folge: Krieg = Stabilsierungseinsatz

Die Lügen über den Krieg in Afghanistan werden immer unverschämter. Ein ganz besonders gelungenes Beispiel für Propagandasprache à la George Orwells "1984" lieferte Thomas Raabe, Pressesprecher des Kriegsministers, am Freitag dieser Woche. "Er bestritt, dass es sich um Kriegshandlungen gehandelt habe: 'Das ist ein Stabilisierungseinsatz in einem souveränen Land."
Sehr kreativ formuliert, der Mann hätte es sicher auch in der Werbebranche weit bringen können.

Weltmusikwerbebeilage

Acht bunte Seiten zum Thema Weltmusik - selten konnte man die Vermischung von Werbung und redaktionellem Beitrag besser studieren, als in diesem Blättchen. Alle, die eine Anzeige geschaltet haben, werden brav in den Artikeln der taz-Redakteure und -Autoren erwähnt, und zwar möglichst auf derselben Seite. So geht unabhängiger Journalismus, in der "einzigen Tageszeitung, die ihren Lesern gehört."

Judith liebt Jonathan

"Man arbeitet als Autor an einer großen menschlichen Komplexität."
- Jonathan Franzen

Zum zweiten Mal in kurzer Zeit darf Judith Luig eine Liebeserklärung an Jonathan Franzen ablassen, und wie schon beim Bericht über die Lesung kann man deutlich sehen: Liebe macht blind, die taz-Redakteurin wird zum Teenie-Fan. Meine Güte, wie hab ich mitgebibbert beim Lesen, die Tragik des Genies hat mich zutiefst ge- und berührt. Meine Bewertung: vier von fünf möglichen Tränen. Aber lesen Sie selbst: "Seit über einem Monat hat Franzen eine Schreibkrise, sein intellektueller Charme des selbstbewussten Understatements leidet darunter keineswegs, aber eine Anspannung merkt man ihm an."
O Gott, eine Schreibkrise! Und das, obwohl laut Luig feststeht: "Er ist einer der ganz Großen der Literatur. Sein letzter Roman wurde mit den 'Buddenbrooks' verglichen. Sein nächster wird sehnsüchtig erwartet. Über all dem Erfolg ist Jonathan Franzen nicht abgedreht. Auch das muss man erst mal hinkriegen."
Hm. Wer denn nun? Er oder sie?
Was ich sagen wollte: Jonathan Franzen gehört zu den am meisten überschätzten US-Autoren der Gegenwart. Und er mag ja bei jungen Journalistinnen und bei seinen Lesungen Charme versprühen ohne Ende, aber sein viel verkauftes Buch "Die Korrekturen" zeigt jedem, der es sehen will mit aller Deutlichkeit: Franzen hat nicht eine Spur von politischem Bewusstsein. Dafür aber clevere Verlagsmanager und eine Werbeagentur vom Feinsten. Diese völlig unpolitische Haltung machte den Riesenerfolg des Buches möglich, denn damit konnte er eine entpolitisierte Öffentlichkeit auf beiden Seiten des Atlantiks am besten ansprechen.
Das klingt jetzt, als wäre ich neidisch, weil er einige Millionen Bücher verkauft hat. Na klar bin ich neidisch, schließlich schreiben alle Mainstream-Medien von Newsweek über BBC bis zu Welt, FAZ und taz seitenweise über Franzen und helfen ihm, noch mehr Bücher zu verkaufen. Und außerdem bin ich auf seine Schaumschlägerei in "Die Korrekturen" selbst reingefallen. Mein Unbehagen kam erst später, als ich gemerkt habe, wie ahnungslos der Mann tatsächlich ist.
Aber damit will ich nichts gegen die Liebe sagen ("Love is all you need"), weshalb selbstverständlich Judith Luig das letzte Wort hat: "Nein, er schwebt nicht über den Dingen. Ganz klar ist nach diesen zwei Tagen mit Jonathan Franzen: Gerade deswegen, weil er so viel Eigenliebe und gleichzeitig so viel Selbstverachtung in seine Figuren legt, ist er ein so wunderbarer Erzähler des Menschlichen."

Zitat

"Eine Gleichsetzung der beiden Systeme verbietet sich schon aufgrund ihrer Unterschiede. Aber ein Vergleich kann sehr erhellend sein."
- Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Autor von "Honeckers Erben. Die Wahrheit über Die Linke",
über die braune und die rote Diktatur in Deutschland

Und sonst?

Zwei feine Buchbesprechungen: Frank Schäfer erinnert daran, was für ein Ausnahmeautor der eben verstorbene J. G. Ballard war und empfiehlt das neu erschienene "Liebe & Napalm" in der Übersetzung von Carl Weissner. Und Matthias Lohre weiß alles - jedenfalls mehr als der Buchautur Lothar Gall - über Walther Rathenau, das Vorbild für Robert Musils Romanfigur Doktor Paul Arnheim in "Der Mann ohne Eigenschaften". Lohre haut "Walther Rathenau. Porträt einer Epoche", das bei C. H. Beck erschienen ist, kenntnisreich und genussvoll in die Pfanne. -
Auffällig: Die taz-Layouter besinnen sich wieder auf die Wirkung von Schwarzweißbildern, der Farbenrausch der ersten sonntaz-Ausgaben kommt deshalb etwas abgemildert daher. Das tut gut und ist schön und sinnvoll. Hätte man auch mit dem kleinen Porträt von Harald Schmidt machen sollen, vielleicht wäre das Teiggesicht in schwarzweß besser rübergekommen.

WWN*)

Daniel schluchzte vor Freude

So knapp war's noch nie: Mit 50,47 Prozent aller Anrufer gewinnt Daniel Schumacher das Finale von DSDS und jubelt: "Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll."

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)


12. Mai 2009

Dem Philosoph ist nix zu doof

Der Leser dieses Blogs erinnert sich: "Zwischen Bhagwan und Autowahn: Das Elend des Philosophen" hieß es hier am 6. Mai 2009. Es ging um ein Interview von Robert Misik mit Peter Sloterdijk, das die taz am Vortag gedruckt hatte. Weil der Kollege Tim Cole mir angeboten hat, gelegentlich mal einen Beitrag bei czyslanski.net einzustellen, gab ich meinen kleinen Sloterdijk-Essay dort ab. Die folgende Reaktion kam gestern. Der Autor gehört ebenfalls zu den sieben IT-Experten, die gemeinsam das czyslanski.net betreiben.

Ossi Urchs am 11 Mai 2009 um 17:40

Lieber Hans Pfitzinger,
ja, wenn das alles so einfach wäre - dann müsste man wirklich nur noch die taz lesen, und alles würde gut.
Aber den Titel hat Sloterdijk nun eben nicht aus dem taz-Blog/tazmag “geklaut”, sondern bei Rilke (was “Zitat” zu nennen eigentlich passender wäre) - wie er selbst, allerdings in einem Interview mit der FAZ, auch freimütig bekennt und im Buch extensiv thematisiert. Und bei diesem Prozess der Veränderung (”Yes, we can!” - anyone?) setzt er nicht etwa auf Götter oder Gurus (was übrigens in Sanskrit nichts anderes als “Lehrer” bedeutet), sondern auf die Möglichkeit der Erkenntnis. Selbst in den Zeiten der Krise, die heute an die Stelle der vorgenannten getreten ist. Auch das sagt er im FAZ-Interview:
“Schon in der älteren Geschichte der Menschheit gab es strenge Autoritäten, Götter, Gurus und Lehrmeister, die ihre Gefolgschaft mit enormen Forderungen beunruhigten. Jetzt haben wir es mit einer ungöttlichen Göttin namens Krise zu tun, die von uns verlangt, neue Lebensformen zu entwickeln.” (FASZ Nr. 12 vom 22. 3. 09, p. 21)
Nun ja, manchmal hilft es eben, über den eigenen Tellerrand hinaus zu lesen und dem eigene Ego beim bloggen etwas Ruhe zu gönnen.

hans am 11 Mai 2009 um 20:31

Woher wissen Sie eigentlich, dass Sloterdijk nicht meinen Blog gelesen und sich dabei an Rilke erinnert hat? Trotzdem, herzlichen Dank für die Belehrung - hinter der FAZ steckt halt immer ein kluger Kopf! Da kann ein taz-Leser mit kleinem Bärenverstand (wie Puh) nicht mithalten. Für Ihren Ratschlag, dem eigenen Ego beim bloggen etwas Ruhe zu gönnen, möchte ich Ihnen ebenfalls danken. Es geht doch nichts über konstruktive Kritik. Wie ich mich kenne, denke ich jetzt wieder tagelang darüber nach, ob ich die FAZ abonnieren soll, damit ich endlich auch mal mitreden kann.
Schade, dass Sie meinen tazblog nicht lesen, vielleicht wäre Ihnen dann die Selbstironie nicht so ganz an der Antenne vorbei gebeamt.
P. S. Ja, “strenge Autoritäten, Götter, Gurus und Lehrmeister”, und die “ungöttliche Göttin namens Krise” - die werden’s schon richten. Vor allem, wenn das in der “FASZ” steht. Ich weiß ja nicht, wo eine gemeinsame Basis sein könnte, aber ich hab mal einen Song von Van Morrison sehr geschätzt: “No Guru, no Method, no Teacher”.
Schönen Gruß aus dem eigenen Teller!

Niemand hat die Millionen jemals gesehen

Schon lange erfreue ich mich an Fundsachen - wenn in "alten" Büchern Dinge beschrieben werden, die ziemlich genau auf die Gegenwart zutreffen. So habe ich auch zu Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise (war da was?) gerne an Erich Kästners Roman "Fabian" von 1931 erinnert, in dem er sinngemäß schreibt, dass die Wirtschaftskrise nicht überwunden werden kann - es sei denn, wir fangen an, anders zu denken. Gestern las ich weiter in "Treibhaus" von Wolfgang Koeppen, das ich schon im letzten Herbst angefangen habe, dann eine Weile liegen ließ, und jetzt doch mit großer Freude fortsetze.
Da geht es (Schauplatz: Bonn, Zeit: 1953) um die Grundwidersprüche der SPD (ähnlich wie heute), und um einen MdB, der an Carlo Schmid erinnert (zumindest übersetzt er Baudelaire). Der Mann heißt Keetenheuve und steht für die aussterbende Spezies von Abgeordneten, die noch an etwas glauben, jenseits von Macht um der Macht willen und Posten zur eigenen Versorgung. Zur Sitzung des Auschusses, dem er angehört, kommt er zu spät, weil er in Nachdenken versunken spazieren gegangen ist (schon mal ein sehr sympathischer Zug). Und dann fällt es ihm schwer, sich auf die Sitzungsarbeit zu konzentrieren.
"Keetenheuve vernahm Zahlen. Sie waren wie das Rauschen einer Wasserleitung vor seinem Ohr, eindrucksvoll und doch nichtssagend. Sechshundertfünfzig Millionen aus öffentlichen Mitteln. So viel aus zentralem Aufkommen. Sondermittel für Versuche; das waren nur fünfzehn Millionen. Aber dann gab es auch noch den Einlauf aus den Umstellungsgrundschulden. Korodin las die Zahlen vor, und zuweilen guckte er Keetenheuve an, als erwarte er von ihm einen Einspruch oder eine Zustimung. Keetenheuve schwieg. Er konnte sich auf einmal zu Korodins Zahlen so wenig äußern, wie der Zuschauer einer Zaubervorstellung zu den rätselvollen und eigentlich langweiligen Vorgängen auf der Bühne; er weiß, daß ein Trick angewandt und er getäuscht wird. Keetenheuve war von der Nation in diesen Ausschuß gesetzt, um aufzupassen, daß niemand hintergangen werde. Dennoch - für ihn war die Beratung jetzt nur noch ein verblüffender Zahlenzauber! Niemand würde die Millionen sehen, von denen Korodin  sprach. Niemand hatte sie jemals gesehen. Sie standen auf dem Papier, wurden auf dem Papier weitergereicht, und nur auf dem Papier wurden sie verteilt. (...) So recht begriff es keiner. Selbst Stierides, der Bankier der Reichsten, begriff das magische Spiel der Zahlen nicht; aber er war Meister in einem Yoga, das seine Konten wachsen ließ."
So ähnlich komme ich mir vor, wenn ich seit Monaten immer neue Zahlen höre, die im Rundfunk verlesen werden, oder immer höhere Beträge sehe, die in der Zeitung stehen. Nur dass es heute nur noch selten um Millionen geht, sondern um meist um Milliarden. Und Josef Ackermann, der Bankier der Reichsten, kommt mir ebenfalls vor wie der Yoga-Meister, bei dem die Konten wachsen.

Kulltour: Fressen für den Besserwisser

Diese Art von Steigerungsstufe kommt häufig in Schüleraufsätzen vor, in Klatschspalten, in Anzeigen von Provinzunternehmen, in Werbebeilagen, seltener auf den Kulltour-Seiten der taz: "bestmöglichst". Über die Frau des Schriftstellers Joseph Roth heißt es da: "Solange es die politischen Umstände zuließen, hat er Friedl durch seine Honorare, um die er stets wütend verhandelte, die bestmöglichsten Heilanstalten finanziert." Ob Wiebke Porombka, die Autorin des Beitrags, das so abgeliefert hat? Und dem Redakteur fiel es nicht auf, dem Korrektorat auch nicht. Tja, von der bestmöglichen Bearbeitung des Textes kann wohl nicht die Rede sein, von möglichst gutem Deutsch auch nicht.
(Nebenbei bemerkt: Man stelle sich einen Autor vor, der "um seine Honorare" für  Feuilletons "wütend verhandelt". Was für ein Schmarren!)

Wichtig: die taz

Es gibt, so behaupte ich, nur noch zwei bedeutsame Bereiche, in denen die taz wirklich und wahrhaftig wichtig genommen wird: Hier bei "Achtung: tazblog!" und bei den Grünen. Kein Wunder, dass die Parlamentsredakteurin Ulrike Winkelmann, zuständig für grün und links, zum Parteitag gleich eine ganze Seite Bericht und Interview füllen darf ("Schwerpunkt", Seite 3), und auch noch den Kommentar auf Seite eins bekommt. Das fetzige kleine Interview mit dem "Nachwuchstalent" (das ist astreine Fußballsprache, man erinnert sich?) Arvid Bell, einem 24 Jahre alten Vorzeigejunggrünen, hat mich ausgesprochen amüsiert. Nach einer grenzenlos banalen Aussage Bells ("Demokratie ist eben manchmal schwierig") kommt Winkelmann ganz wunderbar aufs Wesentliche zu sprechen: "Das war jetzt eine super Wahlkampfprofi-Antwort. Was hat man Ihnen denn dafür geboten, dass Sie Ihren Antrag für einen kleinen rot-grünen Akzent im Wahlaufruf selbst zurückziehen?"
Arvid Bell: "Sehr witzig. Es gab eine klare Verständigung darüber, dass wir außer Jamaika keine Koalition ausschließen. Das heißt dann auch: Wir schließen Rot-Rot-Grün nicht aus. Nun bin ich immer noch der Meinung, dass wir gegenüber den beiden sozialdemokratischen Parteien mutiger sein und die gemeinsame Option deutlicher benennen sollten. Es kann ja nicht sein, dass SPD und Linkspartei mit Ausschließeritis beziehungsweise Fundamentalopposition ökologisch-soziale Formen blockieren. Aber wenn das der Hauptstreitpunkt auf dem Parteitag gewesen wäre, hätte die die taz wieder geschrieben, die Grünen reden nur über sich selbst. Den Gefallen wollten wir Ihnen nicht tun."
Hah! Nur damit die taz nicht über die Grünen herzieht, hat Arvid Bell nicht weiter auf einem rot-grünen Akzent im Wahlaufruf bestanden. Hier zeigt sich ganz deutlich die Macht der Presse. In Berlin-Mitte.
Vielleicht darf ich noch einen Hinweis zum besseren Verständnis der parlamentarischen Insider-Sprache anfügen: "Jamaika" hat grundsätzlich nichts mit der schönen Insel oder mit Ganja oder Bob Marley und Reggae zu tun. Es geht nur um die Landesfarben. "Jamaika" wird als Kürzel verwendet, wenn eigentlich eine schwarz-gelb-grüne Koalition gemeint ist, also CDU, FDP und Grüne zusammen eine Regierung bilden. Also: Kommt nicht in Frage, sagt das grüne Jungtalent.
Das würde bedeuten, "Ampel" käme durchaus infrage, eine rot-gelb-grüne Koalition: Effweh Steinmeier von der alten Schröder-Gang, Guido Westerwelle vom Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) und Jürgen Trittin-Renate Künast vom ökologisch angehauchten Bildungsbürgertum treten zusammen an zum Wohle des deutschen Volkes. So widerlich das klingt, in Wirklichkeit wird es ja längst praktiziert. Nur offiziell soll's nichts werden: Spielmobil-Guido will da nicht mitspielen. Aber die Spekulationen mit den Farbunterschieden dienen sowieso nur noch dazu, das bestehende System zu stützen und so zu tun, als stünden tatsächlich Unterschiede zur Wahl.
Außerhalb des Raumschiffs Berlin-Mitte glaubt das aber kein Mensch mehr.


13. Mai 2009

Die Lügen über den Krieg in Afghanistan werden immer unverschämter

So stand es am 10. Mai hier im tazblog. Weiter hieß es: Ein ganz besonders gelungenes Beispiel für Propagandasprache à la George Orwells '1984' lieferte Thomas Raabe, Pressesprecher des Kriegsministers, am Freitag dieser Woche. "Er bestritt, dass es sich um Kriegshandlungen gehandelt habe: 'Das ist ein Stabilisierungseinsatz in einem souveränen Land.'"
Sehr kreativ formuliert, der Mann hätte es sicher auch in der Werbebranche weit bringen können.

So weit, so perfide. Nach und nach stellt sich raus, dass die Berichte nicht nur kreativ formuliert, sondern tatsächlich schlicht und einfach gelogen waren. In der taz am Samstag hieß es noch (eine Reuters-Meldung): "Vier Angreifer seien von den afghanischen Sicherheitskräften getötet worden, sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Thomas Raabe am Freitag in Berlin." Gestern sah die Sache schon anders aus: "Das Bundesverteidigungsministerium hat die Zahl der Toten bei einem Kampfeinsatz von Bundeswehrsoldaten am vergangenen Freitag nach oben korrigiert und eingeräumt, dass auch Deutsche dabei töteten. Ministeriumssprecher Thomas Rabe sagte am Montag in Berlin, mindestens zwei Gegner seien in dem Gefecht bei Kundus von deutschen Soldaten der internationalen Isaf-Truppe getötet worden. Rabe korrigierte die bisher mit vier angegebene Zahl der getöteten feindlichen Kämpfer auf sieben, die Zahl der Verletzten von vier auf vierzehn."
Der Mann heißt Raabe, auch wenn die taz zwei Mal Rabe schreibt, und um seinen Job ist er wirklich nicht zu beneiden. 70 Prozent der Bevölkerung lehnen die Kriegsteilnahme ab, also muss öffentlich der Eindruck erweckt werden, dass die Bundeswehr ja gar keine Leute umbringt, sondern im "Stabilisierungseinsatz" die Drecksarbeit - das Töten von Menschen - den anderen überlässt. Tut sie aber nicht. Tote Afghanen sind anscheinend stabiler.
Es ist widerlich.

Zitat

"Was die staatlichen Medien tun, kommt einer Volksverdummung gleich. Da ist es fast ein Wunder, dass die Menschen überhaupt protestieren."
- Naira Gelaschwili, georgische Schriftstellerin über Deutschland, ach Quatsch, über ihr Heimtland Georgien

Die Revolution wird getwittert

Es gab mal einen sehr weit verbreiteten Song von Gil Scott-Heron: The Revolution Will Not Be Televised, die Revolution wird nicht im Fernsehen übertragen. Und weiter hieß es da: The revolution will be live. Was Scott-Heron damit gemeint hat, wird sogar in einem deutschen Wikipedia-Eintrag erläutert. Der Song kam mir gestern in den Sinn, als ich Ulrike Winkelmanns Artikel "Die Grüne Inszenierung" gelesen habe. Da ging es um die Medienaufmerksamkeit für so einen Parteitag, und darum, wie sich Vertreter der gedruckten Presse, die für morgen schreiben, zwischen den Reden und "spontanen" Demonstrationen für die Kameras, Online-Angeboten und Twitter überhaupt noch behaupten können. Die Abbildung in den Medien wirkt auf das Ereignis (den Parteitag) unmittelbar und sofort ein. Winkelmann schließt mit einem bedenkenswerten Vorschlag: "Sollte allerdings die Geschwindigkeit, in der die Berichterstattung über Parteitage zumTeil der Parteitage wird, noch zunehmen, könnte man sie auch gleich als Blog ins Internet verlegen. Die Printjournalisten und interessierte Parteimitglieder könnten sich hinterher zum Grillen verabreden."
Da wird's Zeit, dem Song von Gil Scott-Heron einen neuen Text zu verpassen: "Die Revolution wird getwittert werden."

Schweinchenrosa Propaganda

Geht's noch ein bisschen durchsichtiger? Die taz-Kampagnen gegen Die Linke im allgemeinen und gegen Oskar Lafontaine im Besonderen werden immer lächerlicher. Da wird doch glatt eine Titelseite geopfert, um den Vorsitzenden der ungeliebten Linkspartei genüsslich in die Pfanne zu hauen. Man nehme ein Foto, auf dem er so richtig unsympathisch mit schweinchenrosa Gesichtsfarbe daherkommt, passe dazu noch den Farbton des Hintergrunds an, und benutze als Schlagzeile die Äußerung eines Abtrünnigen aus der Linkspartei, der gerade alle Parteiämter niedergelegt hat: "Oskar Lafontaine steht das Wasser bis zum Hals". Und auf Seite drei kriegen die kranken Berufszyniker vom Ressort Inland Freigang aus ihrer geschlossenen Abteilung, um eine so richtig beknackte Schlagzeile loszuwerden: "Soo-zia-lis-mus, schaa-lala-lala!"
Geht's noch?
Da darf ein unzufriedenes Parteimitglied seine frustrierte Sichtweise groß vorführen, nachdem es auf Spiegel-Online mit seiner Partei abgerechnet hat. Nur deshalb stürzt sich die taz auf den Mann und gibt ihm noch zusätzliche Öffentlichkeit. Und was sagt er? "Statt anschluss- und damit handlungsfähig zu bleiben, beschränken wir uns auf die Dämonisierung der SPD und erheben Maximalforderungen wie 'Hartz IV muss weg' und 'Nato muss weg'."
"Anschlussfähig"? "Handlungsfähig"? Anschluss an die anderen Parteien, die ganz selbstverständlich behauptet haben, es sei kein Geld da, um die Sozialsysteme menschenwürdig auszustatten. Und sich nicht schämen, gleichzeitig die Umverteilung von unten nach oben zu betreiben? Und dann erdreistet sich der Torfkopf auch noch zu behaupten, es fehle eine "sachliche Begründung" dafür, den "Regelsatz" für Hartz IV auf 500 Euro zu erhöhen. Eine sachliche Begründung für ein einigermaßen menschenwürdiges Dasein? Diesem Kerl wünsche ich von ganzem Herzen, dass er für den Rest seines Lebens (er ist 39) mit 7 Euro Mindestlohn, und 18 Monate nach seiner Entlassung mit 345 Euro Staatsalmosen auskommen muss.
Und dem Redakteur, der den Titel "Soo-zia-lis-mus, schaa-lala-lala!" gedichtet hat, wünsche ich eine Karriere bei Springer. Geschieht ihm recht, dem Blödmann.

13. Mai 2009, Nachtrag

Wer will schon recht haben?

Ich nicht, vor allem, wenn die Verdummung so deutlich praktiziert wird - ich fühle mich unter meinem Niveau verarscht. Der folgende Text hat das Datum vom 13. März 2009 - zwischen Beginn der Kampagne von Roche, dem Hersteller von Tamiflu (25. April), und Vollzug durch die Bundesregierung liegen nicht mal drei Wochen:

Mangelndes Vertrauen in Vorräte der Länder
Bund kauft eigene Grippemittel

Angesichts der Gefahr einer Grippe-Pandemie befürchtet die Bundesregierung, dass die Vorräte der Länder an antiviralen Mitteln nicht ausreichen könnten. Sie will daher eine eigene Bundesreserve anlegen, wie aus einer Vorlage an den Bundestags-Haushaltsausschuss hervorgeht. In dem Papier beantragt das Gesundheitsministerium eine außerplanmäßige Ausgabe von bis zu 90 Millionen, um Medikamente wie Tamiflu und Relenza anzuschaffen.

Die Mehrausgaben seien "sachlich unabweisbar"*), heißt es in der Vorlage. Zwar gebe es bei den Ländern eine umfangreiche Medikamentenbevorratung. "Die aktuelle Pandemiegefahr führt jedoch zu der Einschätzung, dass eine ergänzende Bundesreserve dringend erforderlich ist." Ein Regierungsvertreter sagte, die Bundesreserve solle für den Fall angelegt werden, dass die Vorräte der Länder nicht ausreichten.

Keine Zeit für Nachtragshaushalt

Aufgrund der aktuellen Gefährdungslage und knapper werdender Medikamente müsse die Belieferung der Bundesreserve innerhalb der nächsten Tage mit den Herstellern vertraglich abgesichert werden. Die Verabschiedung eines zweiten Nachtragshaushalts für 2009 könne nicht abgewartet werden.
(Quelle: tagesschau.de. Der ganze Text steht hier:
www.tagesschau.de/inland/grippemittel100.html)

*)"Sachlich unabweisbar": Tina = there's no alternative. Damit kann man Roche mit einem 90-Millionenauftrag unter die Arme greifen, der durch keinerlei parlamentarische Kontrolle verhindert werden kann oder abgesegnet werden muss. Im Spiegel (20/2009) stand ein Interview mit Bernd Mühlbauer, Direktor des Instituts für Pharmakologie Bremen-Mitte. Über die Wirkung von Tamiflu sagt er: "Die Krankheitsdauer wird im Durchschnitt um einen Tag verkürzt."
Das Mittel hat keinerlei vorbeugende Wirkung, auch das ist allgemein bekannt.
Spiegel
: "Kann Tamiflu denn wenigstens die Ausbreitung der Schweinegrippe eindämmen?"
Mühlbauer: "Viel geeignetere Maßnahmen hierfür sind, im Krankheitsfall zu Hause zu bleiben und vor allem, sich häufig die Hände zu waschen."

Daraus folgt: Die Bundesregierung sollte lieber Seifenvorräte anlegen.
Ich kann's einfach nicht glauben, dass so ein durchsichtiger Schwindel so reibungslos funktioniert!
----------------------------------------------Kommentar 14. Mai
Ach Hans,
du verstehst das nicht. Zum einen ist es doch toll, dass der Staat so rührend dafür sorgt, das obere Fünftel der Bevölkerung einen Tag weniger unter der Grippe leiden zu lassen, zum anderen kann er doch gar nicht anders, weil ihm durch das Pandemie-Gesetz die Hände gebunden sind.
Gruß - U. J.


14. Mai 2009

Sozialismus, zum Zweiten

Weshalb ich mich gestern über die dämliche Schlagzeile "Soo-zia-lis-mus, schaa-lala-lala!" in der taz so aufgeregt habe? Weil ich nicht kapiere, wie man eine derart kreuzbrav sozialdemokratische Partei wie Die Linke überhaupt in die sozialistische oder gar kommunistische Ecke abdrängen will. Die fordern doch nicht mal verbal oder in ihrem Programm irgendetwas, das zum Sozialismus oder Kommunismus führen könnte, von Überwindung oder Abschaffung des kapitalistischen Systems, von Umsturz oder Revolution ist nirgends die Rede. Es gibt ein paar Frauen in der Partei, die von links gegen die sozialdemokratische Linie von Lafontaine und Gysi ankämpfen, aber große Wirkung erzielen sie nicht. Die Partei Die Linke hat lediglich die Lücke gefüllt, als sich die Schröder-SPD endgültig ganz offen mit dem Kapital verbündet hat und die Vorstellungen von VW und Bertelsmann (unter dämlich-perfider Mithilfe der Fischer-Grünen) umgesetzt hat. Lafontaine ist erst abgesprungen, als er gemerkt hat, was Schröder tatsächlich vorhat. Aber Oskar Lafontaine sozialistisches Gedankengut anzuhängen oder gar vorzuwerfen, zeigt nur, wie weit sich die Urheber dieser besengten taz-Berichterstattung von einer linken Politik entfernt haben.
Nett, dass wenigstens in einer Randspalte der "Sozialismus" aufgelistet wird, den es in der taz lächerlich zu machen gilt. Das fordert Die Linke von einem möglichen Koalitionspartner:

- 10 Euro Mindestlohn (die Regierung von Nicolas Sarkozy, wahrhaft linker Gedankengänge unverdächtig, steht bereits bei 8,71 Euro, will aber demnächst erhöhen)
- Hartz IV wird abgeschafft, bis dahin aber auf 500 Euro erhöht (weiß jemand im Bundestag, wie das Leben mit 500 Euro monatlich aussieht?)
- Der Kriegseinsatz in Afghanistan wird so rasch wie möglich beendet
- Das Gesundheitssystem wird reformiert, Praxisgebühr und Zuzahlungen bei Medikamenten abgeschafft. (Wäre es sozialistisch, die Milliardengewinne der
Pharmakonzerne zu reduzieren?)
- Und jetzt kommt's gleich ganz kommunistisch: Privatbanken sollen verstaatlicht werden, Leerverkäufe, Derivate, Hedgefonds verboten.

Nirgends im Wahlprogramm fordert Die Linke ein anderes Wirtschaftssystem: Das kapitalistische System wird repariert, die Opfer etwas besser entschädigt, die schlimmsten Auswüchse beseitigt, damit es nicht völlig zusammenbricht. So geht sozialdemokratische Politik seit 1914, und wer mal Äußerungen des IG-Metall-Chefs Berthold Huber gelesen hat, weiß: Auch den Gewerkschaften geht es nur um Reparaturmaßnahmen, das System wird nicht in Frage gestellt.
Wo stehen diese taz-Trottel eigentlich, wenn ihnen Die Linke sozialistisch vorkommt? Und für wen missbrauchen sie die taz? Wer hat denn ein Interesse an der Hetze gegen die einzige Partei, die nicht offen Politik für die Kapitalbesitzer der Oberschicht betreibt?
Dazu passt sehr gut das folgende Zitat, ebenfalls aus der taz vom 12. Mai (der mit dem Hetztitel gegen Lafontaine):

Zitat I

"Wie aktuelle Vermögensstatistiken ausweisen, besitzen 70 Prozent der Bürger fast nichts - nämlich zusammen nur 9 Prozent vom Gesamtvermögen. Das reichste Zehntel dagegen kontrolliert 61 Prozent aller Werte in Deutschland. Nur diese Oberschichten hatten die Mittel, um zu spekulieren und im Finanzboom Gewinne einzustreichen."
- Ulrike Herrmann, Meinung + Diskussion, Seite 12

Daraus schließt die taz-Redakteurin: "Nun sollten sie auch für die Verluste aufkommen. Die Instrumente sind bekannt: Anstieg des Spitzensteuersatzes, Vermögensteuer, Erbschaftsteuer, höhere Abgeltungssteuer. Stattdessen fabuliert die Union über Steuersenkungen. Die geplanten Bad Banks passen da bestens ins Konzept. Die Risiken werden in die Zukunft verschoben, die Reichen aber jetzt schon entlastet. So werden in der Finanzkrise nicht nur die Verluste sozialisiert - sondern auch noch die Gewinne der Oberschichten maximiert. Kein Wunder, dass der Optimismus an die Börsen zurückkehrt."
Nur damit es die taz-Inland-Redakteure verstehen: Auch Ulrike Herrmanns "Instrumente" haben nichts mit Sozialismus oder gar Kommunismus zu tun, sie dienen lediglich dazu, das kapitalistische System etwas "vernünftiger" einzurichten, den Raubtierkapitalismus zu bändigen.

Zitat II

"An unserem Geschäftsmodell hat sich bislang wenig verändert. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens: Weshalb sollten wir unsere Strategie ausgerechnet in einer Krisenphase mit all ihren langfristigen Unsicherheiten umbauen? (...) Zweitens glaube ich, dass unser Geschäft auch in Zukunft beste Chancen hat. (...) So hoffe ich, dass auch die aktuelle Krise letztlich hilft, unser System zu verbessern, ein marktwirtschaftliches natürlich, denn alles andere hat sich in der Geschichte schon selbst ad absurdum geführt. Richtschnur müssen Freiheit und Verantwortung sein."

- Das stammt direkt von der Quelle: Worte des Großen Vorsitzenden Ulrich Dibelius, alleiniger Deutschland-Chef von Goldmann Sachs, einflussreichster deutscher Banker im Hintergrund, Einfädler des großen Daimler-Chrysler-Flops und der Zusammenführung von Vodafone und Mannesmann, Besitzer der wieder aufgebauten Villa von Thomas Mann in München. Die zitierten Sätze stammen aus einem Interview mit der Zeitschrift Der Spiegel (19/2009).

Das natürliche Wirtschaftssystem des Menschen ist also "ein marktwirtschaftliches". Ob dem Herrn schon mal aufgegangen ist, wie absurd das System ist, dem er seine Intelligenz und Arbeitskraft zur Verfügung stellt?
P. S. Die FDP-Kandidatin für die Europawahl plakatiert zur Zeit in meinem Viertel alle Straßenkreuzungen mit ihrem Porträt (jung, gut aussehend) zu. Als einzige politische Aussage steht neben ihrem Foto in blau auf quietschgelbem Grund: "Freiheit!"


15. Mai 2009

Und immer wieder erhalte ich Briefe,
in denen ihr, dick unterstrichen, schreibt:
„Herr Kästner, wo bleibt das Positive?“
Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.
- Erich Kästner

taz vom Mittwoch - nur das Positive

taz-Jazz

Selten genug, deshalb will ich es unbedingt erwähnen: Eine Kulltour-Seite mit zwei vergnüglichen Beiträgen. Am taz-Jazz gibt's so gut wie nie etwas auszusetzen, Christian Broecking sei Dank. Sein Stückchen über die drei Codona-Alben, die gerade wieder herauskamen, bringt vielleicht sogar ein paar Leser dazu, sie sich anzuhören. Was für eine ausgefallen schöne Musik das war! Broecking beschreibt das so: "Auch fast 30 Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung wirken die Klänge seltsam zart; dass es vor und nach dem Projekt Codona nichts Vergleichbares gab, wird mit der Wiederveröffentlichung des Gesamtwerks wieder deutlich." Drei Alben haben sie zwischen 1978 und 1982 aufgenommen, Don Cherry, Collin Walcott und Nana Vasconcelos. Der Name des Trios war von Collin, Don und Nana abgeleitet. Walcott spielte Sitar und Tabla, Don Cherry viele Arten von (Kinder-)Trompeten, und Vasconcelos die Percussionsinstrumente seiner Heimat Brasilien. Er ist der einzige Überlebende, erfahre ich von Broecking: Walcott kam 1984 bei einem Autounfall auf der Transitstrecke in der DDR ums Leben, Cherry starb 1995 im Haus seiner Stieftochter Neneh in Malaga.
(Sie erinnern sich? Neneh Cherry hatte ein paar Pop-Hits Mitte der neunziger Jahre, darunter "7 Seconds" mit Youssou N'Dour. Ihr jüngerer Halbbruder Eagle Eye Cherry macht ebenfalls erfolgreich Musik.


Illuminati - katholisches Actionkino

Ach, ich bin viel zu ignorant, um mir eine Bestsellerverfilmung im Kino anzugucken - meine Güte, was ich da wieder alles verpasse! Aber da geht es mir wie beim Bundesligafußball: Ich lese lieber die Spielberichte in der taz. Und wenn Dirk Knipphals, der sich sonst redlich mit deutscher Gegenwartsliteratur abmüht, eine kurzweilig-lesenswerte Filmkritik zu "Illuminati" gelingt, muss ich das doch unter "positiv" einordnen. Zitat: "... und Armin Müller-Stahl macht diesmal in prächtigem Kardinalsornat sein berühmtes Armin Müller-Stahl-Gesicht. Viel mehr als abwechselnd bedeutend und gehetzt gucken, brauchen sie alle nicht."
Na schön, weil auch noch Tom Hanks mitspielt, braucht mich der Verleiher wirklich nicht im Kino - es werden bestimmt genug andere Leute reingehen.

Alles online!

Endlich, nach ziemlich unverständlichem Geschwurbel zum Thema Online-Bücher, Verlegerappelle und Copyright-Probleme im Internet endlich ein verständlicher, kompetenter Artikel in der taz: "Für eine unendliche Bibliothek". Geschrieben wurde er von Stefan Heidenreich, "Kunst- und Medienwissenschaftler", und ganz offensichtlich nicht von der schönen neuen Digitalwelt überfordert. Zitat: "Was der Musikindustrie widerfahren ist, wird auch dem Buchgeschäft passieren. Entweder man findet eine legale Lösung, die die technischen Machbarkeiten anerkennt, oder die Leser ziehen sich in die Sphäre des Illegalen zurück. (...) Der Heidelberger Appell ist von dieser Zukunft aus gesehen nur ein erster Aufruf der Gestrigen, dem noch viele folgen werden." Heidenreich warnt, dass es bereits geschieht, in den Filesharing-Netzwerken. Er hält das für "eine technisch gesehen vernünftige Lösung, die so lange illegal vorangebracht werden wird, bis die Verlage zur Vernunft kommen und sie selbst anbieten."
Verleger, hört die Signale! Lernt von den Plattenfirmen, wie man es nicht macht!

Mehr Positives in Kürze. Ich muss jetzt raus, laufen und Isar gucken gehen. Ich bin neugierig, denn seit letzten Dienstag (vor drei Tagen), passiert nördlich von München etwas, das es seit 80 Jahren nicht mehr gegeben hat: Der Fluss kriegt sein gesamtes Wasser zurück. Alles, was seit den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts bei Oberföhring in den Kanal abgeleitet wurde, fließt bis zum Herbst im Flussbett Richtung Donau. Hier die Meldung vom 12. Mai:

Mittlerer Isarkanal wird saniert

Der mittlere Isarkanal wird ab heute Nacht teilweise trockengelegt. Denn der Kanal wird vom Energiekonzern e.on saniert. Die Sanierung dauert mehrere Monate. Das Wasser aus dem Kanal nimmt die Isar auf. Deshalb wird der Wasserpegel der Isar steigen. Wenn es in den kommenden Monaten verstärkt regnet, müssen laut eon Anwohner mit überflutenden Kellern rechnen. Der Mittlere Isarkanal führt durch die Landkreise München, Erding, Freising und Landshut. (Quelle: www. top-fm.de)

P. S. Es regnet seit Montag "verstärkt", die Isar hat bereits einen ungewöhnlich hohen Wasserstand. Ich halt Sie, laufend im wahren Wortsinn, auf dem Laufenden.

P. P. S. Randvoll ist die Isar nach dem Wehr in Oberföhring, aber der Wasserspiegel   im Kanal ist nur wenig gesunken. Vielleicht warten sie erst mal das Hochwasser ab, bevor sie den Kanal trocken legen. Immerhin kann man unten am Ufer noch bis zur Fußgängerbrücke laufen. Dann kommt eine Absperrung: Der recht Uferweg ist geschlossen, und das wird wohl so bleiben den Sommer über. Grad jetzt, wo ich meine Laufstrecke bis zum Poschinger Weiher ausdehnen wollte. Tja, war wohl nichts.

Und die taz vom Donnerstag? Ein Interview mit einem Wirtschaftsexperten der Linken, von Ulrike Winkelmann, als Ausgleich für das Gespräch mit dem Abtrünnigen, dessen dummer Spruch zur dummen Schlagzeile geführt hatte; auf der Meinungsseite ein paranoid-fanatischer, grottenschlecht geschriebener Kommentar für Abreibung von einer Sarah Diehl; ein wunderbarer Doppelname für meine Sammlung: Ingeborg Rakete-Dombek (eine Scheidungsanwältin aus Berlin); die Bestätigung, dass im Libanon vom letzten israelischen Feldzug immer noch eine Million Streubomben rumliegen (von vier Millionen abgeworfenen) und Menschenleben gefährden; und ein Superklassefoto von bayrischen Gebirgsschützen bei einem Treffen in Elbach auf Seite 3 - weil's so toll ist, hier der Name des Fotografen: Thomas Einberger; aber auch die Titelzeile auf derselben Seite zum Thema (nicht) verschärfte Waffengesetze verdient Erwähnung: "Sieg der Peng-Gang".
Schöne Tage!




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