Sex, Musik und Licht im Dunkeln
Über michDarum geht'sKlicken - leseniWugg IndieTextFotosBevorzugte LinksKontakt / BestellungBlog - ArchivHANSblogImpressum
Neu: E-Books und tazblog!
http://hans-pfitzinger.de/
Alles stimmt!
Delfina Paradise
Achtung: tazblog! 10. 4. bis 30. 4. 2008
Achtung: tazblog! 1. bis 10. 5. 08
Achtung: tazblog! 11. bis 23. 5. 08
Achtung: tazblog! 24. 5. bis 31. 5. 08
Achtung: tazblog! 1. 6. bis 14. 6. 2008
Achtung: tazblog! 15. 6. bis 30. 6. 2008
taz - Presserat - Ruanda
Achtung: tazblog! 1. 7. bis 15. 7. 2008
Achtung: tazblog! 16. 7. bis 31. 7. 2008
Achtung: tazblog vom 1. 8. bis 10. 8. 2008
tazblog! 11. 8. - 20. 8. 2008
tazblog 21. 8. bis 31. 8. 2008
Ruanda-Propaganda: die taz als Beispiel
Achtung: tazblog! 1. September bis 15. September 2008
Achtung: tazblog! 16. September bis 30. September 2008
Achtung: tazblog! 1. Oktober bis 15. Oktober 2008
Achtung: tazblog! 16. Oktober bis 31. Oktober 2008
Achtung: tazblog 1. November bis 15. November 2008
Achtung: tazblog! 16. November - 30. November 2008
Achtung: tazblog! 1. Dezember - 15. Dezember 2008
Achtung: tazblog! 16. Dezember bis 31. Dezember 2008
Achtung: tazblog! 1. Januar 2009 - 20. Januar 2009
Achtung: tazblog! 22. Januar bis 31. Januar 2009
tazblog 1. Februar - 14. Februar 2009
Achtung: tazblog! 16. Februar bis 28. Februar 2009
tazblog! 1. März bis 15. März 2009
tazblog 16. März 2009 - 31. März 2009
tazblog 1. April 2009 bis 15. April 2009
tazblog 16. April 2009 - 30. April 2009
tazblog 1. Mai 2009 - 15. Mai 2009
tazblog 16. Mai 2009 - 31. Mai 2009
tazblog 1. Juni 2009 bis 15. Juni 2009
tazblog 16. Juni 2009 - 30. Juni 2009
tazblog 15. Juni 2009 - 30. Juni 2009
HANSblog 1. Juli 2009 bis 31. Juli 2009
HANSblog 1. August 2009 - 31. August 2009
HANSblog 1. September 2009 - 30. September 2009
HANSblog 1. Oktober 2009 - 31. Oktober 2009
März, 2008
April, 2008
Mai, 2008
Juni, 2008
Juli, 2008
September, 2008
Oktober, 2008
November, 2008
Dezember, 2008
Januar, 2009
Februar, 2009
März, 2009
April, 2009
Mai, 2009
Juni, 2009
Juli, 2009
August, 2009
September, 2009
Oktober, 2009
Januar, 2010
tazblog 1. Juni 2009 bis 15. Juni 2009
tazblog 2. Juni 2009 - 14. Juni 2009
14.06.2009 12:42:10

2. Juni 2009

Geist und Wind

Hoffentlich haben Sie an Pfingsten den Wind gespürt und vom heiligen Geist was abgekriegt.

Afrika I: Eine andere Welt wird sichtbar

Pfingsten ist rum. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, die löbliche Absicht, in der sonntaz "nur gute Nachrichten" zu bringen, rückhaltlos zu unterstützen. Aber dann kam mir der Artikel von Marc Engelhardt über Ruanda und das Parlament in Kigali unter die Augen, und aus war's.
Wer hier öfter reinschaut, hat vielleicht mitbekommen, dass ich den Afrika-Korrespondenten der taz zu meinem politischen Gegner erklärt habe. Das war vor ein paar Wochen, als er in einem Kommentar empfohlen hat, man (USA? Deutschland? UNO?) müsse "sich die Hände auch mal schmutzig machen" und in Somalia militärisch eingreifen. Die Ansicht wiederholt er jetzt wieder, ohne die entsetzliche Formulierung mit den schmutzigen Händen zu gebrauchen. Da plädiert er auf der Meinungsseite unter "Pro & Contra" für eine Intervention, während der Afrika-Redakteur der taz, Dominic Johnson dagegen schreibt: Das Problem könne nur von den Somaliern selbst gelöst werden (sieh an, Johnson und ich auf derselben Seite!). Marc Engelhardt vertritt die Position der westlichen Betonköpfe aller Länder, die immer noch glauben, dass es irgendwo auf der Welt besser wird, wenn Uncle Sam einfach Bomben draufschmeißt und Truppen hinschickt.
Mir ist der Mann zutiefst suspekt. Hauptberuflich arbeitet er für den WDR und kommt so als Afrika-Korrespondent in der ARD zu Wort, prägt also maßgeblich das Bild, das sich die deutsche Öffentlichkeit von den Verhältnissen dort macht. Seine Geschichte über die Albinos, die in Tansania ermordet und deren Leichenteile dann verkauft werden, hat er am Pfingstwochenende mit derselben reißerischen Berichterstattung sowohl der taz als auch der ARD verkauft. Brauche ich als taz-Leser einen Mainstream-Korrespondenten, der mir dasselbe erzählt, was ich bei den Öffentlich-Rechtlichen erfahren kann? Nö, brauch ich nicht.
Nun kommt aber Marc Engelhardt auch noch in der Themen-sonntaz zu Wort ("Eine andere Welt wird sichtbar"). Titel seiner Abhandlung: "Mehr Parlamentarierinnen gibt es nirgendwo sonst". Da salbadert er von dem gewaltigen Fortschritt, den man in Runda gemacht hat, weil dort 44 von 80 Abgeordneten weiblich sind. Ach Gottchen, hör mir bloß auf mit "Frauen in der Politik" und der blödsinnigen Vorstellung, sie würden etwas besser machen, nur weil sie Frauen sind! Margaret Thatcher war, nach übereinstimmenden Berichten, auch eine Frau, genau wie Golda Meir, Condoleezza Rice und Angela Merkel. Was, bitte schön, bringt es, wenn in einer Militärdiktatur ein Scheinparlament die Demokratiefassade abgibt und darin mehr Frauen als Männer sitzen?
Erst einmal wiederholt Marc Engelhardt die gängige, stark vereinfachte These von den "radikalen Hutu-Milizen" und dem Massenmord an den Tutsi. Diese Sicht der Dinge klammert aus, dass Paul Kagame, der gegenwärtige Präsident, ein Tutsi, ebenfalls seinen (teils geklärten, teils undurchsichtigen) Beitrag zum Massenmord geleistet hat. Nun könnte ja sein, dass Engelhardt gewohnheitsmäßig nur das übernimmt, was die offizielle US-Politik seit Bill Clinton und seiner Außenministerin Madeleine Albright der Welt glauben machen will.
Ein wunderbares Beispiel für die Schwierigkeiten, den Frauenüberschuss im Scheinparlament von Kigali als Fortschritt hinzustellen, führt der Afrika-Korrespondent in aller Unschuld dann selbst vor: "Unterstützung haben die Parlamentarierinnen von ganz oben. Präsident Paul Kagame, der die Leitlinien für jede politische Entscheidung vorgibt, hat etliche Frauen auf bedeutende Posten befördert - viele von ihnen hatten schon in der Rebellenbewegung wichtige Posten inne."
Das ist schön formuliert: Kagame, der seine Militärausbildung in den USA absolviert hat, wird nicht als Diktator bezeichnet. Schließlich unterstützt "unsere" Regierung
den ruandischen Präsidenten (Wahlergebnis: 96 Prozent) mit "Entwicklungshilfe" und durch "politisch-militärische Zusammenarbeit" (so Verteidigungsminister Franz-Josef Jung). Und die deutsche Rüstungsindustrie beliefert ihn mit Waffen, die er mit den Geldern aus der Entwicklungshilfe bezahlt. Nein, der Präsident regiert nicht diktatorisch, er gibt lediglich "die Leitlinien für jede politische Entscheidung" vor. Engelhardt schreibt auch nicht, dass Kagame das Parlament mit handverlesenen Anhängerinnen bestückt hat - ach was, er hat "etliche Frauen auf bedeutende Posten befördert". 
Das ist beide Male meisterhaft ausgedrückt, Kompliment an unseren Mann in Afrika! Geschickter kann man journalistische Vernebelungsaktionen entlang der Grundsätze des Auswärtigen Amts kaum betreiben.

Afrika II: Eine andere Welt wird sichtbar (Nachtrag zur sonntaz)

Aus dem zentralafrikanischen Land Malawi berichtet Joel K. Bourne: "In dem kleinen Dorf Encongolweni werden wir von zwei Dutzend Bauern vom SFHC mit einem Lied begrüßt, in dem es um die Speisen geht, die sie aus Sojabohnen und Straucherbsen zubereiten (SFHC, Abkürzung für das landwirtschaftliche Projekt Soils, Food and Healthy Communities = Boden, Nahrung und gesunde Gemeinden). Wir sitzen in ihrem Versammlungshaus, und sie berichten davon, wie der Anbau von Hülsenfrüchten ihr Leben verändert hat. Ackim Mhones Geschichte ist typisch. Indem er Hülsenfrüchte in seinen Fruchtwechsel aufgenommen hat, konnte er den Ertrag von Weizen auf seinem kleinen Stück Land verdoppeln und gleichzeitig den Gebrauch von Kunstdünger halbieren. "Das hat ausgereicht, um das Leben meiner Familie zu verändern", sagt Mhone, und es hat ihm ermöglicht, sein Haus auszubessern und Vieh anzuschaffen. Später tanzt Alice Sumphi, eine 67-jährige Bäuerin, in ihrem Beet mit den kniehohen Tomaten und weist stolz darauf  hin, dass sie besser waren als die der jüngeren Männer. Kanadische Forscher fanden heraus, dass die Kinder von mehr als 7.000 untersuchten Familien, die an dem Projekt teilnehmen, nach acht Jahren auffallend Gewicht zugelegt hatten, was deutlich dafür spricht, dass die Gesundheit des Bodens und der Gemeinde in Malawi zusammenhängen.
Deshalb ist auch Rachel Bezner Kerr, die wissenschaftliche Koordinatorin des Projekts, beunruhigt, dass Stiftungen mit großen Geldmitteln*) eine neue "grüne Revolution" in Afrika fördern. "Ich finde es ganz schrecklich", sagt sie. "Es führt dazu, dass die Bauern von ausländischen Erzeugnissen abhängig werden, an denen große Firmen Geld verdienen, statt sich mit agro-ökologischen Methoden auf lokale Möglichkeiten und ihr eigenes Geschick zu verlassen. Ich glaube nicht, dass das die Lösung ist."

aus: National Geographic, Internationale Ausgabe, "The End of Plenty", Juni 2009, S. 57.

*) Die Rockefeller Foundation und die Bill and Melinda Gates Foundation bringen zusammen fast eine halbe Milliarde Dollar auf, um die "Alliance for a Green Revolution in Africa" zu finanzieren. Sie konzentrieren sich vor allem darauf, Pflanzenzuchtprogramme an afrikanischen Universitäten zu fördern und die Bauern mit Kunstdünger zu beliefern.

WWN*)

Sexy Zicke unter Zwang?

Annemarie nimmt kein Blatt vor den Mund. Im Interview beschwert sich die DSDS-Dritte über die Methoden der Superstar-Macher: RTL habe ihr das Image als sexy Zicke auferlegt.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)


3. Juni 2009

Happy Birthday, Allen Ginsberg - aaah, sunflower!

Der bekannteste US-amerikanische Poet des 20. Jahrhunderts  ist 1926 geboren und 1997 gestorben. Auf YouTube gibt's einige Videos, die ihn lebendig halten. Häufig aufgerufen (bis heute 68.030 mal) wurde der Ausschnitt aus "The Life and Times of Allen Ginsberg" von Jerry Aronson, wo Ginsberg zusammen mit Bob Dylan das Grab von Jack Kerouac besucht. Auf dem Grabstein, der in den Boden eingelassen ist, steht sein Name und der seiner Frau Stella, dazu die Worte: "He Honored Life". Der Clip dauert 1:23 Minuten. Außerdem gibt's noch Johnny Depp über Allen Ginsberg (50 Sekunden) und Andy Warhol über Allen Ginsberg (15 Sekunden). Am aufregendsten finde ich eine Lesung im City Lights Bookstore in San Francisco, bei der Neal Cassady neben ihm sitzt und aufmerksam zuhört, wie Ginsberg in einem vier Minuten langen Gedicht Kapitalistenschweine und Kommunistenschweine nacheinander in die Pfanne haut. In jenen Tagen beendete er Lesungen immer mit "Aaaah, sunflower".


Bloß keinen Dialog, meint der Professor!

Zwei interessante Beiträge in der taz von gestern, die mit Sicherheit zufällig am selben Tag ins Blatt kamen - nix Absicht, nix Verschwörung (gibt ja Leute, die schon glauben ich würde hinter jedem Mist in der taz eine Verschwörung der Chefredaktion vermuten). Aber so weit sie von einander entfernt sind (Seite 12 und Seite 16, Caracas und Leipzig), so eng gehören sie doch zusammen: Es geht in beiden Fällen um die Bereitschaft zum Dialog. Und um Ideologen, die sich weigern, auch nur miteinander zu reden.
Weil ich die taz immer von hinten nach vorne lese, kommt zuerst Micha Brumlik. Der Mann ist hochintelligent, nur manchmal trübt sich sein Blick, weil er durch die Linse der offiziellen Israel-Politik schaut. Wenn es nach dieser geht, herrscht im Iran ein Satanspack, dass die Juden ins Meer treiben, oder, wenn das nicht geht, wenigstens mit ein paar Atombomben auslöschen will. Der übelste Vertreter dieser Satansbrut heißt Ayatollah Chamenei, und sein ausführendes Organ Mahmud Ahmadinedschad, der gegenwärtige Ministerpräsident, "ein Israelhasser". So weit, so sattsam bekannt.
Nun regt sich Micha Brumlik (Professor für Erziehungswissenschaften an der Uni Frankfurt) darüber auf, dass die "Grünen-nahe Stiftung 'Weiterdenken' in Leipzig" den iranischen Botschafter in Deutschland und einen Wissenschaftler von der "Stiftung Wissenschaft und Politik" zu einem Podiumsgespräch eingeladen hat. Brumlik fordert nichts weniger, als die Veranstaltung abzusagen, weil sie den "Vertreter eines totalitären Regimes" aufwertet: "Derzeit steht das Regime kurz vor dem Besitz atomarer Waffen, mit denen nicht nur Israel, sondern das politische Gleichgewicht im ganzen Nahen Osten bedroht wird."
Nun wird eine Behauptung nicht dadurch richtig, dass sie ständig wiederholt wird. Es gibt "derzeit" nicht den geringsten Beweis für diese Behauptung Brumliks, wohl aber für die Tatsache, dass Israel seit Jahren über die Atombombe verfügt. Das nur nebenbei, denn darum geht es ja eigentlich gar nicht. Angenommen, Brumliks Behauptung träfe zu - glaubt er wirklich, dass die Bedrohung Israels gemindert wird, wenn man den Dialog mit der iranischen Regierung abbricht oder gar nicht erst führt? Wunderbar finde ich auch die Begründung, dass "schon vor Jahren" die Heinrich-Böll-Stiftung "sich verhoben hat": "Dieser Dialog ist schon damals gescheitert." Weshalb man es bitte schön für alle Zeiten gar nicht erst wieder versuchen sollte. Ob er das ernst meint, der Professor? Ich fürchte, ja.
Schließlich wird er auch noch ganz pragmatisch, denn die Grünen hätten eh nichts von einem Dialog mit dem Iran, weil Jürgen Trittin nach der Wahl "mit Sicherheit nicht Außenminister" wird, sondern Guido Westerwelle. Und dann schiebt er noch eine bösartig-hämische Bemerkung hinterher: "Trittin wird sich weiter ums Dosenpfand kümmern."
Hier haben wir einen Uni-Professor, der dazu aufruft, mit dem diplomatischen Vertreter eines Staates, dessen Regierung ihm nicht passt, gar nicht erst zu reden. Mich würde schon mal interessieren was für eine Erziehungswissenschaft der Mann in Frankfurt lehrt.
Wie sich die Bilder gleichen, wenn man den Bericht und den Kommentar von Gerhard Dilger über die Farce liest, die sich in Caracas abgespielt hat. Und, seltsam, die FDP mischt auch kräftig mit. Deren Friedrich-Naumann-Stiftung hatte zu einem Symposium einige prominente Rechtsliberale eingeladen, als Gegengewicht zur 10-Jahres-Feier der Fernsehsendung "Aló Presidente" von Hugo Chávez. Unter den Eingeladenen war auch der Schriftsteller Mario Vargas Llosa, ein erklärter Chávez-Hasser und bekannt für seine Gegnerschaft zu allem, was nach links ausschaut. Llosa hatte Anfang der siebziger Jahre die erste umfassende Chronik zu Leben und Werk seines Kollegen Gabriel Garcia Márquez ("Hundert Jahre Einsamkeit") verfasst. Die Freundschaft ging allerdings 1986 zu Ende, als der erzkonservative Llosa den Kollegen Márquez auf einem Schriftstellerkongress als "Höfling Castros" beschimpfte.
Wer also Mario Vargas Llosa nach Caracas einlädt, wie der FDP-Politiker Wolfgang Gerhard, weiß, was er tut. Als Llosa bei der Einreise zur Überprüfung seines Woher, Wohin und Wozu kurze Zeit auf dem Flughafen festgehalten wurde, jubelte FDP-Gerhard: Nun seien "letzte Zweifel beseitigt, dass es sich bei der Regierung Chávez um ein totalitäres Regime" handle.
Tja, das sind nun mal die Gegner, mit denen jeder rechnen muss, dem die Armen in den Slums näher stehen als die reichen Investoren aus den USA und der EU. Nun lud Hugo Chávez die neoliberale Intellektuellengruppe gleich vier mal ein, mit einer Gruppe von Vertretern der Linken in der Jubiläumssendung von "Aló Presidente" zu diskutieren. Das lehnten sie ab, weil sie eine "Falle" befürchteten. Vargas Llosa sprach von einem "Hinterhalt" und beschimpfte Chávez als "Autisten". Gerhard Dilger weist in seinem Kommentar darauf hin, dass sie sich damit wahrhaftig ein Armutszeugnis ausgestellt haben: "Offensichtlich ist der neoliberalen Rechten an der Dämonisierung des venezolanischen Staatschefs mehr gelegen als am Austausch von Argumenten."
Das lässt sich ohne Abstriche auf Micha Brumlik übertragen: Auch ihm ist die Dämonisierung der iranischen Regierung und ihres Botschafters in Deutschland wichtiger als der Austausch von Argumenten.
Wenn ich nur noch mit Leuten rede, die mit mir übereinstimmen, wird die Luft immer dünner. Und das Denken fällt immer schwerer.

taz Boulevard

Ein gaanz feines Stück steht auf der Aufmacherseite von taz zwei: Maren Nelly Keller  schreibt einen blitzgescheiten Artikel über einen maßlos hochgejubelten Typen, der Fotos ins Netz  stellt, die er angeblich spontan von Mädchen aufnimmt, die er auf der Straße entdeckt. Er fotografiert sie, weil er ihren Stil gut findet, und die bürgerlichen Zeitungen wie Tagesspiegel und Süddeutsche geraten völlig aus dem Häuschen über den "Hipness-Faktor" seines "Stilblogs", der von den Fans 18.000 mal am Tag aufgerufen wird (neidisch könnt' man werden). Maren Nelly Keller schreibt mit viel Wissen und sehr kritischer Haltung über das Phänomen der Stilblogs, die inzwischen auch von den Modeherstellern zur Inspiration angeklickt werden.
Beinahe hätte ich den Artikel überblättert, weil mir solche Themen schon in der Aufbereitung der SZ am Wochenende am Allerwertesten vorbeigehen. Und dann noch die Aufmachung in der taz: Die kreisrunden Fotos, die sich im neuen Layout tummeln, sind wahrlich das Letzte. Da schaut jeder aus wie ein Arschgesicht, und dieser Stilblogger Yvan Rodic ganz besonders.

Wahl-o-mat

Sollten Sie mal checken: Den Wahl-o-mat der Bundeszentrale für politische Bildung, den es auch bei taz.de gibt. Ich hab die Fragen beantwortet, und was sag ich Ihnen: Nach meiner Einstellung bin ich als Europa-Wähler am besten bei den Grünen aufgehoben, dahinter mit nur kleinem Abstand die SPD und mit ebenso kleinem Abstand Die Linke. Das hat mich doch verblüfft und zu dem Schluss gebracht, dass meine Linken-Sympathie wohl zu einem guten Teil der Solidarität mit dem Underdog zu verdanken ist, und meine Ablehnung der Grünen mit ihrem Image als Partei der Bildungsbürger. Und Joseph Fischer.
Nur eines ist sicher: Bloß nicht die SPD!


4. Juni 2009

127

So alt wird / wäre heute Karl Valentin / geworden: 127 Jahre. Falls Sie zu den Menschen gehören, die noch nie was von ihm gehört, gesehen oder gelesen haben, möchte ich Sie bedauern und Ihnen versichern, dass es von Herzen kommt. Falls Sie mehr über ihn wissen wollen, empfehle ich karl-valentin.de, wo er sich im Internet eingerichtet hat (die Website besteht seit 1882). Und wenn Sie nicht glauben, dass er uns allen noch heute Trost, Rat und Beistand stiften kann, lesen Sie nur, was er zu aktuellen Problemen zu sagen hat.

- zur "Rettung" von Opel: "Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen."

- zur Wirtschaftskrise: "Hoffentlich wird es nicht so schlimm wie es schon ist!"

- zum neuen taz-Layout: "Jedes Ding hat drei Seiten, eine positive, eine negative und eine komische."

Ois guate zum Geburtstag, Herr Nachbar!

Pneumopathologie

Den Begriff "Pneumopathologie" habe ich zum ersten Mal von dem neulich hier zitierten Eric Voegelin gelesen. Hat mich sehr beeindruckt, weil ich kein Griechisch kann und nicht wusste, dass pneumo was mit Geist zu tun hat (als Reifenhändlerssohn wusste ich, dass luftgefüllte Gummireifen in den fünfziger Jahren noch als "Pneus" bezeichnet wurden). Ich hab mich ein bisschen schlauer gemacht mit Guggl-Hilfe (kennen Sie schon "Bing"? Die neue Suchmaschine von Microsoft? Sooo schöne Bilder auf der Startseite!). Und da fand ich heraus, dass der Begriff von Friedrich Wilhelm Joseph Schelling stammt, nach dem eine Straße im Münchner Uni-Viertel benannt wurde, wo ich meine ersten Jahre auf der bayrischen Hochebene verbracht habe. Aaah, was wollte ich sagen? Genau, Uni, zweites Semester, Voegelin. Pneumopathologie: Die Krankheit des Geistes, die Unordnung des Bewusstseins. Dass wir in pneumopathologischen Zeiten leben, wusste ich schon mit zehn Jahren, und alles, was ich seitdem dazugelernt habe, hat mich in meiner Ansicht bestätigt: Was sich hier breit macht und so tut, als sei es normal, ist zutiefst beschädigt, und Leute, die glauben, ein endlicher Planet könne einer endlos wachsenden Bevölkerung ein endloses wirtschaftliches Wachstum zur Verfügung stellen, sind entweder Irre oder haben Nationalökonomie studiert.
Ich lese gern, und ich lese viel, und gebe mich, nach Jahren von als Pflicht empfundener Lektüre, zunehmend dem Lustprinzip hin: Was mich nicht interessiert, was ich nicht gern lese, lass ich bleiben. Dabei passiert es oft, dass ich gern Dinge lese, von denen ich staunend den Eindruck habe: Das gibt's doch gar nicht, dass jemand so etwas Bescheuertes schreibt, und auch noch einen Redakteur findet, der es abdruckt. Oder einen Lektor, wenn es um ein Buch geht (da bin ich dann aber wählerischer: Ein ganzes Buch lese ich nicht, nur um mich zu gruseln). Aber Staunen issja was Schönes.
So staune ich des Öfteren, wenn ich Sätze in Feuilletons oder auf Kulltour-Seiten lese, in denen die auf den Universitäten gelehrte pneumopathologische Fachsprache dem arglosen Leser zugemutet wird. Gestern gab's wieder so ein Beispiel von einem Artikel, dessen Sprache ich als schwer beschädigt empfinde. Damit will ich es aber gut sein lassen, und nur zwei Sätze aus dem Beitrag von Isolde Charim aus der taz-Kulltour von gestern zitieren: "Denn das ikonografische Defizit ist Teil dieser 'semidepressiven Konstruktion', wie Peter Sloterdijk die EU einmal genannt hat." Und: "Warum bejammert man stets die mangelnde emotionale Bindung an die Union, ist dies doch genau das adäquate Verhältnis zu solch einer postheroischen und postemotionalen Konstruktion."
Warum mich diese Sprache nervt? Sie kommt als Herrschaftswissen daher, zugänglich nur für bereits Eingeweihte, hohles, saft- und folgenloses Geklingel für eingebildete Eliten, die sich über Boulevard-Journalismus erhaben fühlen.

Zitat

"Die DB hat in den letzten Jahren mehr Geld mit Lkws verdient als mit Zügen. Betriebswirtschaflich war das sinnvoll - volkswirtschaftlich und umweltpolitisch Humbug. Unter anderen Bedingungen würde das andes aussehen. Dafür muss die Politik sorgen."

- Annette Jensen, Kommentar: Über die Börsenpläne des neuen Bahnchefs

Merkel, Moneten, Marktwirtschaft

Da hält sie also einen Vortrag bei der "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft", die Kanzlerin, und Ralph Bollmann behauptet, diese erzneoliberale Sturmtruppe für Sozialabbau hätte "ohne jede Erläuterung die Himmelsrichtung ihres Denkens" geändert. Nur weil sie einen Film über Ludwig Erhardt zeigen, wie er "höchstselbst durch die Wallstreet marschiert, um die Casinokapitalisten über die soziale Marktwrtschaft zu belehren"?
Dieser Artikel ist rührend in seiner Naivität. Ich glaube nicht, dass die INSM jemals die Richtung ändert, ob mit oder ohne Himmel. Aber ich halte es für fahrlässig (oder betriebsblind) so zu tun, als wüsste "der Leser", wer dieser Verein ist, und von wem er finanziert wird. Deshalb sei es hier nachgetragen: Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft erhält zehn Millionen Euro im Jahr vom Verband der Metallarbeitgeber, um mit Hilfe hochkarätiger Werbeagenturen die Religion der neoliberalen Profitmaximierung in die Medien zu drücken. Das sollte zumindest in der taz dem lesenden Publikum nicht vorenthalten werden. Das Horrorkabinett, das als "Mitglieder des Fördervereins" ("gemeinnützig", klar) auf der Website auftaucht, macht einem die Entscheidung schwer, ob man über Ralph Bollmanns Beitrag "Die Amnesie der Reformer" lachen oder weinen soll. Wenn diese Leute irgendetwas "Soziales" im Schilde führen, konnten sie es bisher gut verbergen. Hier die Liste mit den Selbstbeschreibungen:

- Florian Gerster
ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit
- Prof. Dr. Johanna Hey
Stiftungsprofessur für Unternehmenssteuerrecht in Düsseldorf
- Michael Hoffmann-Becking
Lehrauftrag für Aktien- und Konzernrecht an der Universität Bonn
- Dr. Silvana Koch-Mehrin
Mitglied des Europa-Parlaments und des FDP-Bundesvorstands, Vorsitzende der Auslandsgruppe Europa der FDP, Brüssel
- Prof. Dr. Dieter Lenzen
Präsident der Freien Universität Berlin
- Friedrich Merz
MdB
- Ulrike Nasse-Meyfarth
Olympiasiegerin im Hochsprung
- Dieter Rickert
Gilt als Deutschlands bekanntester "Headhunter"
- Dr. Hergard Rohwedder
Rechtsanwältin
- Carl-Ludwig Thiele
 Stellv. Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion
- Prof. Dr. Hans Tietmeyer
Vorsitzender des Fördervereins und ehemaliger Präsident der Deutschen Bundesbank
- Gunnar Uldall
Senator, Präses der Wirtschaftsbehörde Freie und Hansestadt Hamburg

Was mich schon lange interessiert: Was trägt eigentlich eine Olympiasiegerin im Hochsprung zur Förderung der arbeitgebernahen Marktwirtschaft bei?

Und sonst?

Spit - zen - fo - to in der taz von gestern auf Seite 4, vom Generalstreik der Franzosen im Januar 2009. Der Fotograf muss hier unbedingt erwähnt werden: Nigel Dickinson. Ein Meister! Ich kann sein Foto leider nicht im Internet finden, aber das Bild hier ist auch nicht übel. Möge der unbekannte Fotograf mir verzeihen. Aber nach dem Eintrag über die INSM brauche ich dringend eine rote Fahne.

WWN*)

Mit Schamhaartoupet zum größten Erfolg

Kate Winslet trug im Film "Der Vorleser" ein Haarteil im Schritt.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)


5. Juni 2009

Spam? Nö, Obama!

Gestern, nach der Rückkehr von Müller's ("mein wunderbarer Waschsalon") fand ich eine Mail im Eingangsordner, die mein Programm als "Spam" eingeordnet hatte, als "unerwünschte Werbung". Na klar, Absender "The White House" - harharhar, dachte ich, das war mal ne originelle Art, Viagra anzubieten. Schon wollte ich auf "löschen" klicken, als mir der Name bekannt vorkam. David Axelrod - hm, war das nicht ein Berater von Barack Obama, nein, d e r Berater von Obama, der wichtigste Mann im Umkreis des Präsidenten? Richtig, der war's, und er hatte offenbar die folgende Mail an alle verfügbaren E-Mail-Adressen in den Datenbanken des Weißen Hauses verschicken lassen, darunter an meine. Wie er an die kam? Ganz einfach: Ich hatte das Weiße Haus mal angemailt und um eine Autogrammkarte von Barack Obama für Monas Nachbarin zu bitten. Die alte Dame ist 86 und sammelt alle Zeitungsausschnitte von ihm. Wir wollten ihr eine Freude machen. Die Karte kam zwar nie, aber die Mail war schon auch in Ordnung. Die Rede war eh klasse, und Obamas Krawattenknoten flott wie immer. Hier also die Mail von meinem guten Kumpel David, zu diesem Zeitpunkt Kairo, jetzt Dresden, morgen Normandie:

Von: "David Axelrod, The White House" <info@messages.whitehouse.gov>
Datum: 4. Juni 2009 18:32:24 MESZ
An: hanspfitz@web.de
Betreff: A New Beginning -- Watch the President's Speech
Antwort an: "David Axelrod, The White House" <info@messages.whitehouse.gov>

Hello -

As a Senior Advisor to the President, I'm here in Cairo, Egypt where I watched President Obama deliver an unprecedented speech calling for a new beginning for the United States and Muslim communities around the world.

We all know that there has been tension between the United States and some Muslim communities. But, as the President said this morning, if all sides face the sources of tension squarely and focus on mutual interests, we can find a new way forward.

The President outlined some big goals for this new beginning in his speech -- including disrupting, dismantling, and defeating violent extremism. It was a historic speech, and since many Americans were asleep at the time it was given we wanted to make sure you had a chance to see it:

(hier steht der Link zum Video auf der Website des Weißen Hauses)

Majority-Muslim countries around the world are filled with extraordinary people who simply want to live their lives and see their children live better lives, just as in America. Indeed, part of what makes America great is having nearly seven million Muslim Americans living here today and enriching our culture and communities.

We can extend that kind of relationship abroad. It won't always be easy, but if we make an effort to bridge our differences rather than resigning ourselves to animosity, we can move toward a more peaceful world over time.

Thank you,
David Axelrod
Senior Advisor to the President

Hat doch was, hm? Heute morgen stand auf der Website noch, dass man dabei sei, die Rede zu übersetzen, und zwar in "Arabic, Chinese, Dari, French, Hebrew, Hindi, Indonesian, Malay, Pashto, Persian, Punjabi, Russian, Turkish, and Urdu."

Ampel? Nein danke!


Und die taz von gestern? Eine dreiviertel Seite verschwenden sie an das Thema, ob man Lebensmittel mit rot, gelb und grün kennzeichnen soll, damit die Leute wissen, ob der Fraß "gesund" ist. Das ist der typische Nebenkriegsschauplatz - die Sorgen möchte ich haben! Und dann auch noch diese gequälte Überschrift: "Erste Ampel im Supermarkt". Was geht mir dieses Ampelgewäsch auf den Wecker, schon in der Politik, und jetzt übertragen sie den Scheiß auch noch auf die Kennzeichnung von Lebensmitteln. Hiermit fordere ich alle Journalisten mit Resthirn auf, Ampeln bitte schön auf der Straße zu lassen.

Mein Mann in Grönland

Er heißt Kuupik Kleist, und wenn die Bezeichnung nicht als politisch unkorrekt verbannt worden wäre, könnte man ihn als Eskimo bezeichnen. Nachdem ich nie (wiederhole: nie) auch nur im Traum daran gedacht habe, Eskimos herabzusetzen (ganz im Gegenteil, ich habe sie schon als Kind grenzenlos bewundert), möchte ich hiermit jubelnd verkünden: In Grönland hat ein Eskimo die Wahl gewonnen! "Kleist wird nach einem Erdrutschsieg bei den Wahlen am Dienstag Grönlands neuer Regierungschef werden." Reinhard Wolff weiß noch, dass der Mann 51 Jahre alt ist und seit zwei Jahren der sozialistischen Partei Inuit Ataqatigiit vorsteht: "Links davon ist in der  grönländischen Parteienlandschaft nur noch die Wand." Kuupik Kleist ist als Sozialarbeiter ausgebildet, schreibt Lieder und singt ("Grönlands Leonard Cohen"). Er bekam vier mal so viel Stimmen wie sein Konkurrent von den Sozialdemokraten. Im Wahlkampf wurde ihm vorgeworfen, er hätte schon mal Haschisch geraucht und trinke gern einen über den Durst. Kleists Konter: "Ich bin kein Engel, und es gibt tatsächlich wenig, womit ich keine Erfahrung habe. Aber ich halte einen Missbrauch für schlimmer: den öffentlicher Gelder für private Zwecke."
Laut taz-Korrespondent Wolff saß Kleist sechs Jahre als grönländischer Abgeordneter im dänischen Parlament und war Rektor der grönländischen Journalistenschule. Ein Mann nach meinem Herzen.

Zitat

"Lernprozesse finden nicht statt. Nicht in der Politik und nicht in den Unternehmen. Und der zweite Teil: Wer unterstützt die Klein- und Mittelunternehmen, faktisch die größten Arbeitgeber im Lande, die von der Krise ebenso gebeutelt sind, praktisch keine Finanzmittel von Banken erhalten und vielfach auch dringend Unterstützung in Struktur und Strategie benötigen? Niemand - keine Lobby vorhanden.
Meine Wahrnehmung ist: Seit Monaten werden meine Gelder als Steuerzahler weitgehend unkontrolliert und ohne Reflexion herausgeschleudert (Abwrackprämie!!!). Leider wird die historische Dimension des Handelns nicht erkannt und daher die Chance zur Modernisierung von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft vertan."

- Wolfgang Siedler, Langenhagen, in einem Leserbrief, taz vom 4. Juni 2009


6. Juni 2009

Beleidigt

Bitte beachten Sie den Kommentar von taz-Redakteur Klaus-Peter Klingelschmitt zu seiner Kolumne vom 27. Mai. Er fühlt sich beleidigt und in seiner Berufsehre verletzt. Seine Dünnpfiff-Kolumne war ursprünglich viel pfiffiger - bevor sie von einem der "oft gepiercten Jungredakteure redigiert" wurde. Sehen Sie selbst,
Eintrag am 28. Mai. Den Rest seiner Mail (er spricht von "patzigen, mich persönlich beleidigenden und meine Berufsehre verletzenden Anmerkungen") erspare ich Ihnen mit Absicht. Aber seien Sie versichert: Er meint es gut. Sagt er zumindest, und hängt als "Epilog" Eric Burdon an:
I am just a soul who`s intentions are good -
oh Lord, please don`t let me be misunderstood

Europawahl

Wahlempfehlung von "Achtung: tazblog!" für die Wahlen zum Europäischen Parlament am 7. Juni 2009:
Die Linke

Leicht lädiert

Ob das mit dem Barometerstand zusammenhängt, oder richtiger gefragt, mit dem Tiefdruck, den es anzeigt? Steht auf 1002, Tendenz fallend. Ich hab keine Lust zu nix heute, und schon gar nicht zum tazblog. Bestimmt spielt mit rein, dass ich mir gestern beim Laufen eine Verletzung im linken Bein zugezogen habe. Erst dachte ich, es hätte was mit der Leiste zu tun, dann tippte ich auf eine Muskelzerrung, dann was im oberen Gelenkbereich des Oberschenkelknochens. Ich weiß es nicht, jedenfalls trat der erste Schmerz nach etwa fünf Kilometern auf, in der Nähe meiner Wendemarke am Aumeister. Dass ich trotz stärker werdender Schmerzen nicht aufgehört und meine üblichen zehn Kilometer doch noch runtergespult habe, war möglicherweise ziemlich bescheuert. Aber man weiß ja: Aufgeben gilt nicht.
Na, jedenfalls konnte ich auch nach einem Entspannungsbad nicht schmerzfrei zum Geldautomaten und danach zu Penny zum Einkaufen latschen. Auch beim Radln später, rüber zum Tivoli-Pavillon, hab ich das schmerzhafte Ziehen gespürt, und nachts im Bett beim Umdrehen, weshalb ich viel wach lag und Zeit zum Grübeln hatte. Vielleicht sind die Laufschuhe nach einem Jahr zu sehr ausgelatscht, und ich sollte endlich die neuen einlaufen, die schon seit zwei Monaten bereitstehen, weil mir mein Schwager Helmut genau das geraten hatte: Schuhe nach einem Jahr wechseln. Jetzt sind aber eh zwei Tage Pause angesagt, erst am Montag steht Laufen wieder aufm Plan. Mal gucken.

Und die taz von gestern? Klassefoto von Maurizio Cattelans Pferd-an-der-Wand-Skulptur auf der zweiten Seite von taz zwei: In mehreren Metern Höhe hängt ein Pferdeleib, der Kopf ist unsichtbar, vielleicht in der Mauer verschwunden. Nur zur Erinnerung: Derselbe Künstler hat auch damals den betenden Adolf ins Münchner Haus der Kunst platziert. Spitzentyp!

Golo Mann war ein Reaktionär

Da strampelt sich Jan Feddersen mal wieder mit "seinen" Achtundsechzigern ab. Manchmal sind diese Beiträge nur rührend, manchmal ärgerlich. Irgendwer sollte ihm mal sagen, dass man Theodor W. Adorno und Max Horkheimer einiges nachsagen kann, aber nicht, dass sie zu den 68er gehörten. Sie standen der antiautoritären Studentenbewegung ähnlich skeptisch gegenüber wie die ihnen.

Vielleicht erinnert sich noch jemand an die Studentinnen, die Adorno mit nackten Brüsten aus dem Hörsaal vertrieben.*) Sicher wurden Horkheimer und Adorno von den Studenten gelesen, der Erstere mehr, weil er nicht son verschwurbelten Stil drauf hatte. Und ja, beide haben über Themen geschrieben, die auch den linken Studenten wichtig waren, beide galten im stockkonservativen Uni-Betrieb eher als liberale Linke. Aber wenn Feddersen jetzt behauptet, sie hätten Golo Mann die Berufung versaut, weil er schwul war, dann möchte ich doch vehement daran erinnern, dass Golo Mann damals als CDU-hörig, als konservativ, als reaktionär eingeschätzt wurde. Dass da seine sexuelle Neigung überhaupt eine Rolle gespielt hat, bezweifle ich stark - hat doch niemand gewusst, und darüber geredet wurde auch nicht. Und Golo Mann hat auch nicht erst in den Siebzigern begonnen sich "den Konservativen zuzurechnen".  Er "und viele andere", behauptet Feddersen nun im Jahre des Herrn 2009, "wollten bloß vom plattmachenden Furor der Selbstbesoffenheit jener Achtundsechzigerkreise nicht erfasst werden. Das war ihre Tragik."
Wenn ich nur wüsste, was das heißen soll.

*) Die FR schrieb darüber letztes Jahr in ihrer Serie über 68:
T.W.A.-Anekdoten gibt es viele, nicht alles ist verbürgt, das berühmteste Ereignis, das vor den Klappsitzen im "Sechser" (Hörsaal) geschah, aber schon. Das "Busenattentat" wurde jedoch mehr als eine Fußnote der Studentenproteste, mehr als eine Anekdote. Es wurde zum Drama. "Ich gebe Ihnen fünf Minuten Zeit. Entscheiden Sie, ob meine Vorlesung stattfinden soll oder nicht." Für Theodor W. Adorno ist es an diesem 22. April 1969 nicht das erste Mal, dass Studenten seine "Einführung in das dialektische Denken" mit Zwischenrufen stören - er ist auch nicht der einzige Professor, dem das widerfährt.
In dem Moment, als er seinen Satz beendet hat, treten drei Studentinnen in Lederjacken auf ihn zu. Sie umringen ihn, versuchen ihn zu küssen und reißen sich die Jacken auf: Darunter kommen ihre Brüste zum Vorschein. Das ist mehr als eine Kampfansage an den 65-Jährigen. Die Initiatoren wollen ihren Lehrer demütigen. Geschockt greift der Sozialphilosoph seine Aktentasche, hält sie sich schützend vors Gesicht und läuft in Tränen aufgelöst aus dem Hörsaal. Hinter sich vernimmt er Johlen und Gelächter. "Wer nur den lieben Adorno lässt walten, der wird den Kapitalismus ein Leben lang behalten" steht an der Tafel, mit Kreide, ungefähr da, wo 39 Jahre später die konvex gekrümmte Indifferenzkurve per Mausklick erscheint und verschwindet.
Es war die letzte Vorlesung, die Theodor W. Adorno in seinem Leben gehalten hat. Wenige Wochen später stirbt er im Urlaub in der Schweiz an einem Herzinfarkt.


SPD - nee

Was hat er nicht rumgedröhnt, der Sigmar Gabriel, Kohlekraftwerke nur noch zuzulassen, wenn sie CO2 auffangen und nicht in die Luft entlassen. Das hätte bedeutet: Keine Kohlekraftwerke mehr, denn die Technik ist teuer und weit vom Nachweis entfernt, dass es überhaupt geht. Sie kommt wahrscheinlich nie, auch wenn für die Entwicklung momentan ein Haufen Geld ausgegeben wird. Aber: Keine Kohlekraftwerke, das kriegt in der SPD niemand durch, nicht mal Herrmann Scheer, und schon gar nicht Sigmar Gabriel. Innerhalb von drei Tagen ham sie ihn zurückgepfiffen, da reichte wahrscheinlich ein Anruf von Wolfgang Clement bei Väterchen Franz Müntefering, vielleicht musste er auch noch FW Steinmeier anrufen, aber das war's dann schon. Wie sagt Rainer Baake, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe ganz richtig: "Die SPD macht ihrem Ruf als Kohlepartei weiterhin alle Ehre."
Rot-schwarz, wie gehabt.

Neues aus Toyota

Kann ja mal vorkommen, aber lustig isses trotzdem. Unter dem Titel "Hybridautos Bestseller in Japan" schreibt "Aus Toyota Martin Fritz" (Wirtschaft + Umwelt, S. 8). Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass die japanische Hauptstadt umbenannt wurde, aber das hat sicher mit der Krise und dem neuen Sponsor zu tun.

-------------------------------------------------------Kommentar am 10. Juni
Hallo Hans Pfitzinger,
eine kurze Anmerkung zu Ihrem tazblog:
"Aus Toyota Martin Fritz" mag witzig klingen, ist aber völlig richtig. So heißt die Stadt, in der der gleichnamige Konzern seinen Hauptsitz hat, schon seit 1959. Und ja, unser Autor war tatsächlich dort.
Viele Grüße
Malte Kreutzfeldt
Ressortleiter Wirtschaft & Umwelt

WWN*)

Sind Sie ein guter Küsser?

Eigentlich denkt doch jeder, dass er gut küssen kann - aber ob das bei Ihnen wirklich stimmt, erfahren Sie nur, wenn Sie unseren Test machen. Worauf warten Sie?

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)



7. Juni 2009

Fröhliche Wissenschaft, Abteliung U, wie unerfreulich

Weshalb sich hier der taz-Redakteur Klaus-Peter Klingelschmitt ausbreiten darf, entnehmen Sie bitte seinen beiden Mails, die er gestern, am 6. Juni 2009, und heute, am 7. Juni 2009, an mich geschickt hat. Die Telefon- und Faxnummern und die Adresse habe ich - hoffentlich ist er damit einverstanden - aus Datenschutzgründen unkenntlich gemacht. Aber falls Herr Klingelschmitt darauf besteht, werde ich sie selbstverständlich nachtragen. Die Texte sind buchstabengetreu in Originalschreibweise kopiert, Tippfehler wurden nicht korrigiert.
Schönen Sonntag!

Von: Klaus-Peter Klingelschmitt <kpk52@web.de>
Datum: 6. Juni 2009 16:29:46 MESZ
An: hanspfitz@web.de
Betreff: Ihre Kritik an meiner (letzten) Kolumne.

Sehr geehrter Herr Pfitzinger.

Ein Kollege hat mich auf Ihre patzigen, mich persönlich beleidigenden und mein Berufsehre verletzenden Anmerkungen zu meiner letzen Kolumne "Älterwerden" von Ende Mai aufmerksam gemacht; ich selbst lese Ihre Einlassungen nämlich nicht - was ich von der ganzen Bloggerei etc. halte, habe ich ja bereits in einer meiner letzten Kolumnen öffentlich gemacht.
Nur so beiseite gesprochen: Haben Sie eigentlich sonst nichts zu tun, als sich den lieben langen Tag mit der Arbeit der ANDEREN zu beschäftigen? Und wen sollte ihre permante "Abarbeitung" an den Redakteuren und Autoren der taz und ihren Texten im Blatt - außer einigen Psycholgen - eigentlich (noch) interessieren?
Anyway. Nur zwei Anmerkungen zu Ihren falschen Schlussfolgerungen: An "dumm" daher kommenden Textpassagen in Zeitungen und Zeitschriften ist nicht immer der Autor schuld. Redigierfehler oft gepiercter Jungredakteuere kommen häufig vor - und sind ein permanentes Ärgernis auch in der taz. Der von Ihnen monierte Satz lautet - von mir aufgeschrieben - vollständig: "Leider herrscht aber auch in den Köpfen dieser Containerkinder (Big Brother), die in der Informationsgesellschaft heute - im Gegensatz zu uns .... - doch alles besser wissen müssten (!), viel Finsternis."
Der entscheidende Halbsatz zum Verständnis fiel einem plötzlich entdeckten Übersatz von 30 Zeichen zum Opfer; da geht es vor Redaktionsschluss dann zu wie beim Kofferpacken bei Charlie Chapin: Was rausguckt, wird abgeschnitten!    
Ansonsten scheint es Ihnen am notwendigen Witz und auch an Verstand zu mangeln, um zu erkennen, dass diese Kolumne in tutto eine satirische Replik auf die überall und leider oft auch in der taz zu lesenden Verächtlich- und Lächerlichmachungen älterer Menschen ist. Der Spieß wurde einmal umgedreht - und Sie sind voll `reingelaufen; dumm gelaufen.

Mit freundlichen Grüßen (nach Diktat verreist)
Klaus-Peter Klingelschmitt
Redaktionsvertretung der Berliner tageszeitung (taz) in Frankfurt am Main.
(Straße)
(Postleitzahl) Frankfurt am Main
kpk@taz.de
Telefon: xxxxx
Mobil: xxxx
 FAX: xxxx
Epilog:
"I am just a soul who`s intentions are good - oh Lord, please don`t let me be misunderstood" (Eric Burdon)

Das hier war dann, neben dem Eintrag im tazblog (s. gestern, 6. Juni, und 28. Mai) meine Reaktion:
Von: Hans Pfitzinger
An: K-P K.
am 6. Juni 21:53

Ja mei, ein altes Leiden, dass Sie da ansprechen - es mangelt mir an Verstand. Das ist schon ein Jammer. -
Nachdem Sie Ihre Abneigung gegen diese neumodische Bloggerei ja schon öffentlich kundgetan haben (ich achte Ihren Mut, sich als Journalist so selbstbewusst zu Ihrer Ignoranz zu bekennen), muss ich Sie vielleicht extra darauf hinweisen: Gucken Sie doch noch mal vorbei auf meiner Website - ich hoffe, dass ich Ihren Beschwerden auf freundliche Weise gerecht geworden bin.
Noch ein kleiner Tipp: Wer nicht selbst lernt, vom hohen Ross zu steigen, fällt leicht auf die Nase (fränkische Bauernweisheit).
Frohes Schaffen, schöne Tage!
-hp

Darauf antwortete Klaus-Peter Klingelschmitt
am 7. Juni 2009 um 12:29 Uhr:

Sehr geehrter Herr Pfitzinger.

Sorry für meine Mail; ich hatte Ihnen und Ihren Anmerkungen in Ihrem Blog ursprünglich tatsächlich noch einige Bedeutung beigemessen - und war deshalb geneigt, wenigstens Ihren Fleiß anzuerkennen und Ihnen "auf Augenhöhe" zu antworten.
Leider scheint es Ihnen nicht nur an Witz und Verstand, sondern auch an Courage zu mangeln. Von meiner Mail jedenfalls haben Sie nur einen Auszug ins Netz gestellt - und alles weggelassen, was an Kritik an Ihrer Vorgehensweise, Ihrem sicher für Psycholgen interessanten permaneten Leben im Leben und Arbeiten der ANDEREN, und Ihrer Neigung zu Vorverurteilungen (bar von jedem Hintergrundwissen) auch darin stand; und Sie haben die kleine satirische Spitze ("gepiercte Jungredakteure") wieder nicht richtig reflektiert, sondern für "bare Münze" genommen.

Das ist Lernresistenz pur: "Er schien eher eine Tischlerarbeit zu sein als ein wirklich menschliches Geschöpf!" (Lichtenberg).

Wie schon gesagt: Es wird nicht wieder vorkommen. Verlassen Sie sich darauf.

Mit der Ihnen gebührenden Hochachtung
Klaus-Peter Klingelschmitt
Redaktionsvertretung der Berliner tageszeitung (taz) in Frankfurt am Main

Nachtrag von Hans Pfitzinger: Weil das hier mein Weblog ist, hab ich auch das (vorläufig?) letzte Wort. Mir ging's überhaupt nicht darum, Herrn Klingelschmitt zu zensieren oder dem Leser dieses Blogs seine Einschätzung meiner Arbeit vorzuenthalten. Nö, ich fand seine erste Mail nur so peinlich, dass ich ihn nicht unnötig lächerlich machen wollte. Aber wenn ich ihn richtig interpretiere, will er diese Mails veröffentlicht sehen.
Ich bin ja manchmal auch nicht zimperlich im Austeilen und schieße vielleicht gelegentlich übers Ziel hinaus mit meiner Kritik. Aber ich finde, wer seinem Gegner in der Diskussion die Menschlichkeit abspricht, überschreitet eine Grenze.
Dorthin folge ich nicht.
-hp

---------------------------------------------------------Kommentar am 9. Juni 2009

Was für Kleingeister sich mittlerweile im Journalismus tummeln! Habe Deine Mail-Fehde aufmerksam gelesen. Überschrift: Vom Ende des Humors bei der taz, oder Die neue Ernsthaftigkeit der taz-Redakteure. Was waren das mal für witzige und pfiffige Kollegen!

- Peter Orzechowski

9. Juni 2009

Happy Birthday, Donald ohne Mc!

Die Donaldisten wissen es: 1934, am 9. Juni, erschien er zum ersten Mal in einem Comic-Strip. Es ging darin um eine Henne, und die Ente Donald war so unwiderstehlich, dass sie bald Hauptrollen auf den Leib gezeichnet bekam. Später machte sich dann der legendäre Carl Barks an die endgültige Gestaltung, und als ich Anfang der fünfziger Jahre mit Donald Duck Bekanntschaft machte, wusste ich noch nicht, dass es der Beginn einer langen Freundschaft war. Zunächst nahm ich mir, altersbedingt, seine drei Neffen Tick, Trick und Track zum Vorbild, später wurde Donald dann zur Ikone derer, die irgendwie antiautoritär angehaucht waren. Schon als Gegenmodell zu Micky Maus, der ja immer spießiger wurde. Jedenfalls sieht man Donald die 75 Jahre wirklich nicht an, und schon deshalb wird er wohl noch ne Weile weitermachen.
Heh, Alter, bleib dran, lass die Wut raus, wenn's sein muss, erinnere dich an das Motto dieser Website da oben ("You gotta speak out against the madness!"), und alles Gute zum Geburtstag!

Und die BUNTE, äh, die sonntaz?

Inzwischen fühle ich mich von diesem Farbgewusel am Samstag wie erschlagen. Die sonntaz ist eindeutig Form vor Inhalt: Hauptsache bunt. Und guckt mal, was für tolle Layoutideen wir wieder gehabt haben und in die Welt schreien! Davon abgesehen: Dieses dicke Papier wirkt wie Hochstapelei, nicht mal nen Fisch kann man anständig einwickeln damit. Wenn sich dann mal ein guter Beitrag auf die Reiseseiten verirrt, wie der von Julius Hess und seine Überlegungen zum Slum in Madagaskar, steht da gleich ein äußerst fragwürdiges Stück über den Slum-Tourismus in Indien daneben. Heißt das jetzt, man soll mit dem taz-Easyjetset nach Indien fliegen, um sich in Mumbay auf einer geführten Tour die Leute in dem Slum anzuschauen, wo der Oscar-Gewinner "Slumdog Millionaire" gedreht wurde? Dafür zahlt der aufgeklärte Öko-Spießer dann seinen Klimaablass für das vom Flieger rausgepustete CO2, und von dem Geld werden in Indien Bäume angepflanzt. Und wenn der jetsettende taz-Leser wieder zu Hause ankommt, rät ihm die sonntaz auf der "Konsum"-Seite zu einem elektrischen Milchschäumer von Nestlé (mit Teflonbeschichtung - wow!). Der Ramsch kostet schlappe 70 Euro, verbraucht auch keinen Strom aus Atomkraftwerken, weil der kommt ja bei uns aus der Steckdose, "sorgt auf Partys für Gesprächsstoff und ist das neue Hochzeitsgeschenk der Saison".
Son Schwachsinn kann ich auch jeden Samstag in der Wochenendausgabe der Süddeutschen lesen.


Parlamentspiraten


Vielleicht hat es ja jemand mitgekriegt: Nach dem Urteil gegen die Internet-Tauschbörse “Pirate Bay” haben einige Leute aus dem IT-Bereich in Schweden eine Partei gegründet. Sie setzt sich gegen die zunehmende staatliche Überwachung und Reglementierung des Internets und für freie Software ein. Bei den Wahlen zum Europa-Parlament hat die “Piratenpartei” auf Anhieb 7,1 Prozent der Stimmen erreicht und wird in Zukunft mit einem Abgeordneten in Straßburg vertreten sein. Ich finde das ganz beachtlich, wenn man bedenkt, dass sich ihr politisches Programm auf Gesetzgebung fürs Internet beschränkt.
Wie notwendig eine solche Partei auch hierzulande wäre, zeigt diese afp-Meldung von gestern: “Der SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz will die bei der Kinderpornografie geplante Sperrung von Internetseiten auf andere Bereiche ausdehnen. ‘Natürlich werden wir mittel- und langfristig auch über andere kriminelle Vorgänge reden’, sagte Wiefelspütz der Berliner Zeitung.”
Schon interessant, was solche Leute für “natürlich” halten.

--------------------------------------------------Kommentar am 9. Juni 2009
von Stefan (www.fischerlaender.net):
Dieter Wiefelspütz hat auf abgeordnetenwatch.de erklärt, dass der Artikel der Berliner Zeitung "eine bösartige Fälschung" und er zu solchem "groben politischen Unfug" nicht fähig sei. Zumindest letzteres würde ich bezweifeln, aber ich halte es nur für fair, darauf hinzuweisen.
http://www.abgeordnetenwatch.de/dr_dieter_wiefelspuetz-650-5785--f192984.html#q192984

Die taz von gestern:

Der Kunstmarkt: Geldwäsche ohne Ende

Ein prima Artikel zum Thema "Kunst und Geld" im Kulltour-Ressort. Stefan Heidenreich schreibt fachkundig und unterhaltsam über die steuerhinterzogenen Gelder, mit denen der Kunstmarkt am Leben erhalten wird. Dass, nach kurzem Gesäusel aus Politikermund, inzwischen kein Schwein mehr Anstalten macht, die Steueroasen zu schließen, hat wohl sogar der flüchtige Zeitungsleser bemerkt. Und wie hoch ist der Anteil an Schwarzgeld auf dem Kunnstmarkt? Heidenreich: "Ich habe mich also ein wenig erkundigt. Wenn er nach der Herkunft seiner Überweisungen geht, nämlich Virgin Islands, würde ein Bekannter den Anteil ungefähr auf die Hälfte schätzen, entschlüpfte es ihm spät in der Nacht."

Rapper-Weisheit

Ein Interview stellt Samy Deluxe vor, Hamburger Rapper, Jahrgang 1977, und Kollege von mir (als Buchautor, hehehe). Seine Autobiografie "Dis wo ich herkomm" stellt er demnext auf einer Lesetour vor, und dem taz-Mann Julian Weber gibt er einen weisen Rat mit auf den Weg: "Klar habe ich als Rapper andere gedisst, wurde selbst gedisst. Aber ich habe längst begriffen: Negativer Kram führt nur zu noch mehr negativem Kram."
Das sollten sich so manche Zeitungs- und Blog-Schreiber gut merken.


Werbung für rechts

Was mir diese wohlfeil politisch korrekte Gegen-Nazis-sind-wir-doch-alle-Berichterstattung in der taz auf den Wecker geht! Wie viele Dummbeutel werden denn erst durch zwei Zeitungsspalten über Lieder mit rechtsradikalen Texten auf son Mist aufmerksam gemacht. Aber sie kommen sich ganz toll vor, die taz-Inlandsredakteure mit ihrer Skandalnudelmentalität.
Ist das jetzt schon wieder negativer Kram? Muss ich mal den Kollegen Samy fragen.

Küppersbusch?

Nee, wieder nix: Schön gedrechselte Wortkaskaden allein tun's nicht. A bissl mehr Inhalt dürfte schon sein. Schöne Grüße nach Dooortmund.

Laufen

Nur um es noch einmal deutlich zu sagen: Dieter Baumanns Kolumne zum Thema "Laufen" lese ich immer. Da wird deutlich, dass der Dauerläufer auch nach Abschluss der Leistungssport-Phase in seinem Leben sich zumindest eines bewahren kann: Den gesunden Menschenverstand. Diesmal erfahre ich sogar noch einiges über Finanzinvestoren und die Galopprennbahn in Wien. Sympathisch, weil für mich ebenso zutreffend: "Hiermit versichere ich Ihnen: Ich trage nicht nur keinen Anzug. Ich besitze nicht mal einen."

"Der Kuchen wird größer"
oder: Von nichts kommt was

Ach herjeh, sie machen tatsächlich ungerührt weiter, die Nationalökonomen, die von den sicheren Lehrstühlen der Unis den neoliberalen Profitgeiern Flankenschutz geben. Da führt Hannes Koch ein Interview mit einem Münchner Uni-Prof namens Karl Homann. Der wird so vorgestellt: "Als einer der Ersten verknüpfte er Philosophie und VWL." Klingt gut, gell? Aber es bringt in seinem Fall wenig bis gar nichts. Was dabei herauskommt ist: Weiter so, Kapitalismus pur!
Man sollte ihm ein Fernglas schenken, damit er über den Suppentellerrand der westlichen Industrieländer mal hinausblicken kann: "Das System des Wettbewerbs stellt generell alle besser, auch wenn sie mal Verlierer sind oder sich als solche fühlen. Denn alle Bürger profitieren von der guten Gesundheitsversorgung, die Lebenserwartung aller Menschen hat sich gegenüber dem 18. Jahrhundert verdoppelt."
Der taz-Mann wendet ein: "Das kann man für manche Länder in Afrika bezweifeln."
Aber der Ideologe ist nicht zu stoppen: "Im statistischen System des Mittelalters bedeutete Gewinn, dass man einem anderen etwas wegnehmen musste. Dank des permanenten teilweise enormen Wirtschaftswachstum ist das im Kapitalismus anders. Der Kuchen wird größer. Die Reichen gewinnen, aber auch die Armen profitieren. Man kann den Zuwachs verteilen und alle gleichzeitig besser stellen. Das gilt auch für die Entwicklungsländer."
Also: Von nichts kommt was, und das nennt man Kapitalismus. Und der geht nur mit "permanentem, teilweise enormem Wirtschafstwachstum". Das stimmt. Von der Ausbeutung der Natur, vom Raubbau an unserem Planeten bis hin zur Unbewohnbarkeit, von Klimawandel und Anstieg des Meerespiegels hat Karl Homann offenbar noch nichts gehört. "Der Kuchen wird größer" - soso. Der Planet aber nicht.
Zwei Seiten vorher, in derselben taz, eine Meldung von dpa: "Sollte der Fischfang nicht eingeschränkt werden, könnte bis 2050 die kommerzielle Fischerei weltweit erledigt sein, sagte sie (die Sprecherin des WWF). Die EU ist laut WWF Rekordhalter bei der Überfischung. 88 Prozent der Bestände in der EU seien überfischt."
Weshalb sie erst die Westküste von Afrika leergefischt haben, dann die Ostküste, und als dort spanische Fischereiflotten von Piraten bedroht wurden, hat die EU Kriegsschiffe hingeschickt.
Fragen Sie doch mal Professor Karl Homann von der Ludwig-Maximilians-Universität in München, was das mit seinem "enormen Wirtschaftswachstum" zu tun hat.

Katar kauft Porsche

Der Emir von Katar, der stinkereich geworden ist, weil überall auf der Welt sein Öl in Automotoren verbrannt wird, hat angeboten, Porsche mit ein paar Milliarden unter die Arme zu greifen. Das nenne ich vorausschauend gedacht: Nicht nur den Treibstoff verkaufen, auch gleich noch mit den kleinen Maschinchen Geld verdienen, die ihn verbrennen. Das ist so ähnlich wie damals der Einstieg von Sony bei Warner Brothers: Nicht nur die Fernseher und CD-Player verkaufen, auch gleich noch die Filme und die Musik produzieren, die man damit abspielt.

Der allgemein anerkannte Gebrauch von Kindern

Die taz macht keine Ausnahme: Ständig schreibt irgendjemand vom "sexuellen Missbrauch von Kindern". Wenn dieses Wort Sinn hat, dann müsste es doch auch einen allgemein anerkannten (sexuellen) Gebrauch von Kindern geben.

Trauerspiel: Der taz-Pranger

Weshalb habe ich ein so ungutes Gefühl, wenn die taz eine ganze Seite zur Verfügung stellt, um über einen Mann zu berichten, inklusive voller Namensnennung, Adresse und Foto seines Wohnhauses, und es auch noch als "Zivilcourage" verkauft, wenn ein Einzelner in seiner Gemeinde an den Pranger gestellt wird? Weil er ein Rechter ist, weil er Horst Mahler kennt. Weil er (wie Charlotte Knobloch und der Münchner OB Christian Ude) gegen die "Stolpersteine" kämpft, die vor seinem Haus zum Gedenken an verschleppte Juden verlegt wurden? So weit ich dem Artikel entnehme, hat der Mann keine Straftat begangen.
Das ist Minderheitenhetze, was Philipp Gessler da betreibt, und er merkt es nicht einmal. Schon der Ton des Artikels ist verräterisch: Der Mann hätte "ein Häuschen gekauft und dort ein etwas ärmliches Internetcafé eröffnet."
Ich finde auch, dass so ein Typ an den taz-Pranger gestellt werden muss: Rechtsradikale sollten keine ärmlichen Cafés eröffnen dürfen.
Ach bitte, das kann doch nicht der Auftrag eines Journalisten sein: Die Presse sollte gegen die Mächtigen vorgehen, nicht gegen Machtlose.

Na also: Sotscheck is back!

Gerade rechtzeitig zum unaufhaltsamen Abstieg der einst ruhmreichen Labour-Party berichtet er wieder aus Dublin und UK: Die irische Elfe Ralf Sotscheck, taz-Korrespondent für Irland, Schottland und den Rest der Inseln, ist wieder da, wo er hingehört. Deswegen tritt Gordon Brown nicht zurück, und aus Peter Mandelson wird bestimmt kein anständiger Mensch, aber wir erfahren zumindest wieder mehr über die Hintergründe, weshalb die Briten beide nicht loswerden, und wie es dazu kam, dass "Politiker im Ansehen der Briten nur noch knapp über Kinderschändern stehen."
Welcome back, Ralf Sotscheck (mit ck)!


10. Juni 2009

Schreiben & Urteilen

Das Leben: Ein Kampf mit den Trollen
in den Tiefen des eigenen Ich
Schreiben: Gerichtstag halten
und urteilen - über sich

- Robertson Davies, kanadischer Schriftsteller (1913 - 1995)

Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Schluss mit dem Tagebuch!

Gestern war ein Freudentag für alle Fans der Wahrheit-Seite: Schier ungläubig habe ich auf die Ankündigung gestarrt, dass eeendlich "Das geheime Tagebuch der Carla Bruni" eingestellt wird. Zugegeben, a bisserl misstrauisch war ich schon, und es hätte ja wieder der manchmal etwas seltsame Humor der Wahrheit-Redakteure sein können: Ätsch, nächsten Dienstag geht's doch weiter. Aber heute morgen habe ich gesehen, das die Autorin dieses unfassbaren Machwerks zukünftig mittwochs bei "Flimmern & Rauschen" unterkommt, und da habe ich meinem Jubel doch freien Lauf gelassen. Über ein Jahr hamse mich dienstags mit diesem unterirdischen ... ach, Schwamm drüber, ich hab mich wahrlich oft genug dazu geäußert (Sie erinnern sich? "Die Wahrheit - dienstags nie").
Es ist vorbei. Das etwas Schlimmeres nachfolgt, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, weder bei "Flimmern & Rauschen" noch bei der Wahrheit. (Übrigens, Tipp für Insider: Die Überschrift soll an die Übertragung des Endspiels um die Fußballweltmeisterschaft 1954 erinnern.)

Eine ruhigere Welt ist möglich - tvF*)

Wenn ich eine Buchbesprechung von Jochen Schimmang in der taz lese, habe ich immer den Eindruck, einen Ausflug in eine ruhigere, langsamere, gelassenere Welt zu machen. Gestern durfte er sich gleich eine ganze Seite lang mit dem Schriftsteller Roland E. Koch befassen, und dafür bin ich dem zuständigen Kulltour-Redakteur aufrichtig dankbar. Das Buch hat den Titel "Ich dachte an die vielen Morde", und ist schon deshalb bemerkenswert, weil da etwas Seltenes vorgeführt wird: "Koch bewertet nicht, was seine Geschöpfe machen: Er zeigt sie uns bloß." Ganz zu Recht steht am Anfang der ausführliche Hinweis auf die Bedingungen, unter denen ein Autor wie Koch überhaupt Bücher veröffentlichen kann. Kiepenheuer & Witsch ließ ihn nach fünf Romanen fallen, das neue Buch erschien bei Edition Tausend im Verlag Ralf Liebe, Weilerswist. Kiwi, so schreibt Schimmang, hat, "nachdem die Verkaufszahlen nicht den Erwartungen entsprachen, keine weiteren Bücher mehr mit ihm gemacht. Das ist eine Praxis, die keineswegs auf den Kölner Verlag beschränkt ist, und die man gewissermaßen nicht persönlich nehmen darf." Hier weiß einer, wovon er spricht.
Schön auch diese Definition des Berufs: "Ein Schriftsteller ist jemand, der schreibt, egal, wie seine Publikationschancen sind, jemand, der schreiben muss, der einfach sterben würde, wenn er nicht schreiben könnte." Schimmang nennt dies das "ideale Bild des Schriftstellers", und dem entspricht Roland E. Koch "ganz und gar".

*) taz vom Feinsten!

Und gleich noch mal: tvF*)

Ein mir bisher unbekannter Autor, David Fischer-Kerli, schreibt auf der Meinungsseite einen Kommentar zur Verbotsdebatte, im Internet und sonstwo, bei der es angeblich um den Schutz von Kindern geht. Und er kommt zu dem Schluss, dass es eher darum geht, die Bürger in einem demokratischen Staat wie Kinder zu behandeln. Das ist klug und richtig, und gut formuliert. Und der Einstieg zeigt (offenbar ungewollt - weil Fischer-Kerli die taz nicht liest?) mit dem Finger auf die Werbekampagne zur taz-Genossenschaft: "Ob in der Werbung oder in der Politik, Kinder ziehen immer. Erstaunlich ist das schon. Sollte man doch meinen, dass sich dieses vielleicht älteste Mittel aus der Trickkiste manipulativer Botschaften längst abgenutzt hat."
Ach was, schauen Sie sich doch die täglichen Eigenanzeigen der taz-Kampagne für neue Genossen an. Samstags in Farbe!
Übrigens: So weit ich mich erinnere, sind in Schweden Fernsehwerbespots mit Kindern verboten. Ob die taz sich nicht zumindest Selbstbeschränkung auferlegen möchte? FSK?

*) taz vom Feinsten. Ausnahmsweise gibt's hier mal nen Link zu David Fischer-Kerlis Kommentar "Kindersicherung für alle".


Zitat

"Noch gibt es 20 Prozent, die sie trotzdem wählen. Wären sie auf den Anteil derer angewiesen, die sie nicht trotz ihrer Politik, sondern wegen ihrer Politik wählen, die 5-Prozent-Marke wäre wohl eine ernste Hürde."

- Robert Misik über die Sozialdemokraten (unter dem leicht missverständlichen Titel "War's das mit Links?")

--------------------------------------------Kommentar am 10. Juni
Betr.: tazblog 6. Juni 2009

Hallo Hans Pfitzinger,
eine kurze Anmerkung zu Ihrem tazblog:
"Aus Toyota Martin Fritz" mag witzig klingen, ist aber völlig richtig. So heißt die Stadt, in der der gleichnamige Konzern seinen Hauptsitz hat, schon seit 1959. Und ja, unser Autor war tatsächlich dort.
Viele Grüße
Malte Kreutzfeldt
Ressortleiter Wirtschaft & Umwelt
tageszeitung


11. Juni 2009

Feiertag

Dieser Feiertag mit dem geheimnisvollen Namen Fronleichnam hat mir als Kind schon immer große Freude gemacht. Zum einen, weil ich es lustig  fand, dass es einen frohen Leichnam gab, zum anderen weil die Katholiken eine echt gute Straßenshow zusammenbrachten, und der Oberpriester unter einem großen Baldachin durchs Städtchen zog, prächtig gewandet, und mit einem großen Schmuckstück, das er vors Gesicht hielt. Das Teil hieß Monstranz, man konnte durchgucken, und irgendwie war da der Heilige Geist drin. Hat mich sehr beeindruckt.
"Und wo ist der frohe Leichnam?", fragte ich meine Mutter. Wir standen am Straßenrand, weil wir evangelisch waren und nicht bei der Prozession mitmachen durften. Die Kinderfrage war meiner Mutter vor den anderen Leuten so peinlich, dass sie mich weiterzog. Wahrscheinlich wusste sie es auch nicht, und ehrlich gesagt, ich hab bis heute keine Ahnung, was da gefeiert wird, aber ich weiß wenigstens, dass "vronleichnam" irgendwie auf althoch- oder -mitteldeutsch bedeutete "der Leib des Herrn". Lassen wir's gut sein, bei Wikipedia finden Sie sicher mehr darüber.
Ob die Heiden in Berlin auch Feiertag haben? Ich vermute es, auch wenn mein Kalender es anders behauptet, aber gestern kam eine taz hier an, die auf "Mittwoch/Donnerstag, 10./11.Juni 2009" datiert war. Vielleicht galt das aber nur für die süddeutsche Ausgabe.

Kicker-Literaturpreis

Die Seite "Leibesübungen" vergibt am Wochenende immer den "Kicker-Literaturpreis" für eine herausragende Formulierung im Bereich Fußballsportberichterstattung (Klassewort, hm?). Mein Vorschlag: Der Preis muss diese Woche an die taz gehen für das Zitat aus dem Bericht von Tom Mustroph zur Lage des italienischen Fußballs. "Doch kaum kommt der Sommer, da verschwinden ausgerechnet jene Stars aus der Liga, die es im nächsten Lenz richten sollten, einfach von der Bildfläche. Sie heuern auf jenen Fußball-Fregatten an, die ihnen eher ein Einlaufen auf glorreichen Champions-League-Gewässern garantieren können als die grob  gezimmerten Schaluppen im Lande des immer noch amtierenden Weltmeisters."
Oh edler Wohlklang schöner Rede!

Apropos Rede: Schreiben ist sexy

Toller Übergang, finden Sie nicht? Hehehe, ich wollte nämlich schon lang mal erwähnen, dass es hinter den grandiosen Reden des US-Präsidenten (Sie erinnern sich? Der heißt jetzt nicht mehr Bush) einen genialen jungen Redenschreiber gibt, den Barack Obama erst im letzten Sommer angeheuert hat. Der Typ heißt Jon Favreau und sieht vom Typ her dem Benjamin Stuckrad-Barre entfernt ähnlich. Favreau ist gerade mal 27 Jahre alt, und weil Journalisten nichts lieber mögen als Superlative, wurde er von der angeblich so seriösen Süddeutschen gleich zum "jüngsten Redenschreiber aller Zeiten" ernannt. Gemeint waren solche, die für US-Präsidenten arbeiten, aber das stimmt auch nicht, denn Jimmy Carter hatte einen, der war erst 26. Glauben Sie nichts, was in der (Süddeutschen) Zeitung steht.
Nun geht die Kunde, dass Jon Favreau ein ganz feiner Kerl ist, so wie Sie und ich (na, bei Ihnen weiß ich nicht, und für mich würde ich bestimmt die Hand nicht ins Feuer legen), ein sympathischer junger Mann, der vor dem Umzug ins Weiße Haus noch in einer WG gewohnt hat. Und weiter heißt es, dass er 16 Stunden am Tag arbeitet, und die Reden des Präsidenten in einer Art Schreibsymbiose entstehen, denn Obama ist ja selbst kein schlechter Autor, was man an den Büchern sehen kann, die er geschrieben hat. Weshalb ich das hier unterbringe, hat mit dem wunderbaren Klatsch und Tratsch zu tun, der um Jon Favreau gewoben wird: Er hat sich nämlich in eine kluge junge Frau mit dem poetischen Namen Ali Campoverdi verknallt, drei Jahre jünger als er, die ebenfalls im Weißen Haus arbeitet (für einen von Obamas Top-Beamten) und früher als Model für die Zeitschrift Maxim posiert und auf diversen Laufstegen Dessous vorgeführt hat. Und nach gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen beruht die Zuneigung auf Gegenseitigkeit.
Ach, wie ich ihm das gönne - da hat er mit 27 den tollsten Redenschreiber-Job der Welt, und dann läuft ihm auch noch diese schöne Frau zu! Da glaubt der Mensch doch wieder an die Kraft der Feder, an die Magie des Schreibens. Und so sehen sie aus, die jungen Leute, die Obama ins Weiße Haus geholt hat: (hier Foto von Ali in BH und Hösche; und Foto von Jon Favreau auf der Flugzeugtreppe mit umgehängtem Laptop.)
 

Ich war jung und brauchte die CDU

Ach herjeh, was für ein überflüssiger Artikel von einer jungen Journalistin, die im heldenhaften Selbstversuch herausgefunden hat, was passiert, wenn man sich bei der CDU als Neumitglied bewirbt. Fazit des ganzseitigen Beitrags: "Die Parteien stecken viel Kraft in die Rekrutierung des Nachwuchses. Am Ende kommt der Typus des jungen Karrieristen in die Top-Jobs, der Politik als Business versteht. Für den geleisteten Input möchte man Output haben. Kommt dieser nicht zustande, zieht man weiter."
Input-Output-Puttputt. Was für eine überraschende Erkenntnis! Und dafür muss ich mich durch mehr als eine halbe Seite Graumasse kämpfen. Hätte ich wahrscheinlich eh nicht getan, wenn da nicht ein riesengroß aufgemachtes, geradezu sensationelles Foto von Thomas Lohnes abgedruckt worden wäre. Frau Merkel klein am Rednerpult, groß auf der Projektionswand, und über ihr ein Deckengemälde, auf dem Helios siebenspännig im Sonnenwagen über den Himmel zieht. Und dazwischen die Worte an der Saalwand: "Verantwortung übernehmen."
Spit-zen-fo-to!

Zitat

"Insgesamt wurden im Sommer 1944 mehr französische Zivilisten (rund 70.000) durch Bomben der Alliierten getötet als britische Zivillisten durch deutsche Bomben (rund 50.000). Wie pervers klingt in diesem Zusammenhang der Begriff 'friendly fire'."

- Ilija Trojanow zum Thema "Der D-Day als Sinnbild eines gerechten, moralisch unangreifbaren Krieges ist ein Mythos"

Der große Unterschied

Die Autokanzlerin Angela Merkel und ihre schwarz-rote Industrieregierung sind sich nicht zu blöd, die sogenannte Wirtschaftskrise dadurch zu bekämpfen, dass sie den Autofirmen mit "Abwrackprämien" unter die Arme greifen, marode Kfz-Hersteller "retten" (zumindest bis nach den Wahlen) und den Bau von noch mehr Autobahnen fördern. Amerika, du hast es besser: "In New Jersey haben am Montag die Bauarbeiten für das größte Verkehrsprojekt in den USA begonnen: Unter dem Hudson soll für 8,7 Miliarden Dollar (6,25 Milliarden Euro) ein neuer Bahntunnel nach New York gebaut werden." (ap)

WWN*)

Ja, sie sind ein Paar

Seit Wochen wurde spekuliert, jetzt ist es endlich offiziell: Oliver Pocher und Becker-Ex Sandy Meyer Wölden sind doch mehr, als nur gute Freunde.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)

Ach ja. Frohen Leichnam!

12. Juni 2009

taz-Schlagzeile, Seite 1: CSU wieder schwanger

Zuerst hab' ich mich schon gefragt: Ist das witzig? "CSU wieder schwanger". Es könnte witzig sein, wenn die Geliebte von Horst Seehofer, dem Parteivorsitzenden der CSU tatsächlich zum zweiten Mal ein Kind von ihm erwarten würde. Das große Foto zeigt dann Seehofer mit gefalteten Händen beim Beten in einer Kirche in Rott am Inn. Das mag man für eine - bei Politikern übliche - Inszenierung halten, mit der Schlagzeile hat es nichts zu tun, soll aber den Leser zu dem Schluss verleiten: Seht her, was für ein Heuchler!
Unter dem Bild steht dann: "Die Freundin des Bayerischen Ministerpräsidenten Seehofer soll ein Kind von ihm erwarten."
Soll. Mit anderen Worten: Die taz-Redakteure wissen es nicht, aber "CSU ist schwanger", einfach so als Tatsache in die Welt gesetzt, klingt gut.
Nun hatte ich den zugehörigen Artikel von Michael Stiller und Waltraud Taschner, der auf Seite 13 heute ganzseitig das Thema auswälzt, schon gestern abend auf taz.de gelesen. Etwas verblüfft war ich, dass ein seriöser Journalist wie Stiller sich für so etwas hergibt (Frau Taschner ist mir nicht bekannt). In diesem ganzen langen Beitrag steht nichts, was die Nachricht, Seehofers Geliebte sei wieder schwanger, erhärtet. Aber es steht auch nicht drin, wer die Gerüchte aufgebracht und verbreitet hat, nur: "Horst Seehofer und seine angebliche Ex-Geliebte sollen ein zweites Kind erwarten. (...)
Bald hörte man in Berlin von CSU-Leuten: 'Die sind noch zusammen.' In den letzten Wochen kam noch ein Detail dazu: 'Die beiden bekommen ein zweites Kind.'"
Aha, "von CSU-Leuten" weiß es die taz. Das ist also die Quelle, aus der die taz ihre Nachricht schöpft: Anonyme "CSU-Leute". Illustriert wird der ganzseitige Artikel von einem kleinen Titelbild der Zeitschrift BUNTE. Darauf sieht man eine lachende Frau, die sich ein Baby um den Bauch geschnallt hat. Dem Text auf dem Titelbild ist zu entnehmen: "Horst Seehofer. Jetzt spricht seine Geliebte." Das wirkt so, als ob die Informationen aus der neuen BUNTE stammen. Als Bildunterschrift in der taz von heute steht da nur: "'Bunte'-Titel". Kein Wort davon, dass es sich um ein Titelbild aus dem Jahr 2007 handelt.
Ich wollte wissen, wo die taz-Information herkommt, und gab bei Google ein: < Seehofer Geliebte schwanger >. Das oberste Suchergebnis war, wen wundert's, taz.de: "Seehofers Geliebte erneut schwanger." Punkt. Einfach so, als Behauptung. Ich klicke auf die Website, und finde;
"Seehofers Geliebte erneut schwanger?
Dringender Termin in Berlin"
Man hat die Behauptung zurückgenommen, jetzt steht ein Fragezeichen dahinter.
Aber Google weiß auch, wie andere Zeitungen mit der Meldung umgehen, und dass sie allesamt aus der BUNTE abgeschrieben haben. Die Süddeutsche zum Beispiel: "Beide, Seehofer und die 35-jährige Frau, die nach wie vor im Bundestag arbeitet, lehnten jede Stellungnahme ab. In CSU-Kreisen wird der Vorgang als Versuch Seehofer-kritischer Parteimitglieder gewertet, dem CSU-Chef zu schaden - zumal nach SZ-Informationen Gerüchte, die Frau sei erneut von ihm schwanger, nicht stimmen."
Wie die BUNTE arbeitet, ist ja hinlänglich bekannt. Man stellt einen Paparazzi vor die Berliner Wohnung, rüstet ihn mit einem hochwertigen Teleobjektiv aus und bringt ihm gelegentlich nen Cheeseburger und ein gekühltes Schultheiß vorbei, damit er nicht verhungert und den Frust runterschwemmen kann. Der Nachrichtenservice von t-online weiß mehr:
"Jetzt veröffentlicht die Illustrierte Fotos, die die Ex-Geliebte beim Betreten und Verlassen des Apartmenthauses Nr. 13 im Berliner Abgeordnetengebäude zeigen. Der CSU-Chef hat hier weiterhin seine Zweitwohnung. Laut 'Bunte' sollen beide in der Nacht vom 1. auf den 2. Mai in Seehofers Ein-Zimmer-Wohnung gefeiert haben.
Die Illustrierte berichtet außerdem von Gerüchten in Berlin und München, nach denen Seehofers Ex-Geliebte erneut schwanger sei. Der CSU-Politiker Seehofer sowie die Büroleiterin Fröhlich hätten dazu keinen Kommentar abgeben wollen. Juristen der Münchner Staatskanzlei hätten zeitweilig erwogen, die Auslieferung des Magazins in letzter Minute stoppen zu lassen, berichtet die 'Bild'-Zeitung.
(Quelle: t-online.de)

Na, jetzt ist die taz doch endlich in der Gesellschaft, zu der sie offenbar gern gehören will: BUNTE und Bild. Angela Böhm, eine seriöse und ernst zu nehmende Journalistin aus München, die seit vielen Jahren für die teilseriöse und nur gelegentlich ernst zu nehmende Abendzeitung schreibt, formuliert das, was bekannt ist, so: "Seit Wochen kochen die Gerüchte über. Die 'Bunte' berichtet sogar über eine reine Spekulation: 'Anette Fröhlich sei angeblich zum zweiten Mal schwanger vom CSU-Vorsitzenden.'" (Quelle: AZ)
"Eine reine Spekulation", nennt es Angela Böhm, und die SZ hat "Informationen, dass die Gerüchte, die Frau sei erneut von ihm schwanger, nicht stimmen."
Und was sagt die BUNTE, die Quelle, aus der alle schöpfen? Auf ihrer Homepage so gut wie gar nichts:
"Politik: Horst Seehofer: Der bayerische Ministerpräsident ist oft bei seiner Zweitfamilie in Berlin."
Schlagzeile der gedruckten taz vom 12. Juni 2009: CSU wieder schwanger



14. Juni 2009

Seehofer und die Folgen

Keine. Selbstverständlich kann die taz folgenlos Gerüchte in die Welt setzen. Horst Seehofer wird den Teufel tun, und sie verklagen. Demnächst behauptet die taz, Angela Merkel soll schon mal gevögelt haben. Das würden anonyme CDU-Leute, die ihren Namen nicht in der Zeitung sehen wollen, schon seit Wochen behaupten.
Was ich sagen will: Es kümmert kein Schwein mehr, was die taz schreibt, und wer geglaubt hat, dass es darum geht, einen gewissen Standard an seriöser Berichterstattung zu pflegen, wird herb enttäuscht. Nur frage ich mich, worum es dann geht? Folgenlose Unterhaltung? Wer braucht dazu die taz? Das macht die BUNTE besser. Übrigens: Sogar die Bild-Zeitung macht sich über die taz lustig. Nach dieser Veröffentlichung könnte sie wohl nicht mehr mit dem Finger auf andere Boulevard-Blätter zeigen.
Stimmt ausnahmsweise.

"Wissenschaft": Ein Trauerspiel

Zitate (Seite "Wissenschaft", taz vom 12. Juni)

"Die Sorge um Ernährung und Gedeihen des Kindes ist sehr eng mit der mütterlichen Identität verknüpft."

- Mechtild Papousek, Wissenschaftlerin an der Uni München
(nur damit Sie wissen, zu welchen Erkenntnissen die Ausgaben für Bildung in diesem Land führen)

 "Auch wenn es im Zuge der 1968er-Bewegung zu einem neuen Selbstverständnis der Mütter und einer neuen Sicht der Mutter-Kind-Bezehung gekommen ist, kämpfen Eltern heute noch mit einer starken Verunsicherung im Umgang mit ihrem Nachwuchs. Und diese Unsicherheit zeigt sich auch beim täglichen Essen."

- Kathrin Burger, taz-Autorin, "Kampf am Mittagstisch" - über Essstörungen bei Kleinkindern.

Nicht mal die "Verunsicherung im Umgang" mit Babys konnten sie abschaffen, die 68er!  Die "Wissenschaft"-Seite der taz ist weitgehend ohne gesellschaftskritischen Anspruch. Da drucken sie sogar unkommentiert PR-Mitteilungen von BASF über "trockenresistenten Mais" ab, gentechnisch verändert, klaro. Ob es so was wie "linke" Wissenschaft gibt? Das wäre eine Wissenschaft, die kritisch fragt, wem die Forschung nützt und wer damit verarscht wird. Warum kommt das in der taz nicht vor? Stattdessen werden saudumme Agenturmeldungen abgedruckt, aus denen ich umwerfende Erkenntnisse erfahre: Der "trockenresistente" Genmais sei "gerade für wasserarme und heiße Gegenden interessant". Oder: "Forscher vom Nationalen Kinderkrankenhaus im US-Bundesstaat Ohio" haben herausgefunden, dass Kinder unter fünf Jahren "häufig über Kabel oder Computerteile stolpern".
Das ist die reine Platzverschwendung.

Soziale Absicherung verbessern? Hartz-IV-Sätze erhöhen? Unbezahlbar!

Was die Linkspartei so alles im Programm hat, um den armen Leuten hierzulande ein menschenwürdigeres Leben zu ermöglichen, das "ist ja unbezahlbar". Das Argument gehört zu den Reflexen, wenn von Erhöhung der Hartz-IV-Sätze und von 10 Euro Mindestlohn pro Stunde die Rede ist.
Aus einer kleinen rtr-Meldung, die von der taz schamhaft auf Seite 6 versteckt wird, erfahre ich, dass jetzt doch alle 180 Eurofighter angeschafft werden, obwohl die Kosten gestiegen sind und es letzte Woche Überlegungen gab, 38 Maschinen weniger zu kaufen. Die bewillligten Mittel von 14.664.000.000 Euro sind nämlich bereits ausgeschöpft. Wir müssen aber die vorgesehenen 180 Kampfflieger haben, weil: "Die Bundeswehr müsse sich nicht nur in Krisen im Ausland engagieren, sondern auch den Schutz Deutschlands sicherstellen. Dafür sei der Eurofighter unerlässlich und deshalb halte man an der geplanten Stückzahl fest."
Wer das sagt? Na, das Verteidigungsministerium des Franz Josef Jung. Dabei verstößt der Einsatz der Bundeswehr im Ausland gegen unsere Verfassung. Und weshalb der "Schutz Deutschlands" mit 142 Eurofightern nicht sicherzustellen ist, muss mir der Mann auch erst mal erklären.
Bis dahin gilt: Es ist eine Lüge, wenn jemand behauptet, für die Erhaltung menschenwürdiger Sozialsysteme sei in Deutschland kein Geld da. Es kommt lediglich darauf an, wofür es die demokratisch gewählte Regierung ausgibt. Und wenn sie es lediglich den Banken, der (Rüstungs- und Auto-)Industrie in den weit geöffneten Rachen schmeißt und in der afghanischen Wüste versenkt, sollte sie ganz einfach nicht mehr gewählt werden. In der Demokratie.

Die sonntaz-Überraschung

Issja nicht so, dass ich hier nicht dauernd an der sonntaz rumgenörgelt hätte. Vielleicht bin ich deshalb so überrascht gewesen, als ich gestern unter den Espenbäumen am Tivoli-Pavillon feststellen musste: Holla, da stehen ja diesmal eine ganze Reihe interessanter Beiträge drin. Man muss nur versuchen, gegen die kreischende Buntheit anzukämpfen und sich nicht in Leselähmung versetzen zu lassen.
Weil da draußen ein Sommersonntag mit wolkenlosem Himmel auf mich wartet, gibt's trotzdem nur den

Schnelldurchlauf: sonntaz. Fast Forward >>

Stopp: Absurdes Piratentheater

- Ach, die Bettina Gaus schreibt mal wieder aus Kenia, wo sie früher eine der besten taz-Korrespondentinnen war. Ihr Kommentar zur Räuberjagd vor der somalischen Küste und dem Immobilienboom in Kenia verdient eigentlich, in voller Länge zitiert zu werden, aber weil das nicht geht, gibt's hier nur ein Zitat: "Westliche Militärs jagen Piraten, die als Geldbeschaffer für Mitglieder einer 'Regierung' operieren, die vom Westen unterstützt wird. Im westlichen Auftrag stellt das Nachbarland Kenia einige Piraten vor Gericht, deren Hintermänner gleichzeitig die Beute in Kenia investieren. Ist das vorstellbar? Nein. Das kann nicht sein. Das wäre ja weder ein Märchen noch eine Denksportaufgabe. Sondern absurdes Theater."

Stopp: Casting für Johnny Cash

- Neues Image: Peter Unfried, das einzige Gesicht aus der Chefredaktion, das in der taz durch Fotos und Beiträge präsent ist, sieht jetzt anders aus. Früher hat er den Leser mit Wetgel im Haar auf gleicher Höhe in die Augen geschaut, jetzt guckt er leicht von oben herab und sieht eher so aus, als ob er beim nächsten Casting für den Johnny-Cash-Ähnlichkeitswettbewerb mitmachen will. Ob er sich extra von Anja Weber hat fotografieren lassen, weil ihre Porträtfotos hier im tazblog ein paar Mal sehr gelobt worden sind? Thema seiner Kolumne: Klopft man ans Seitenfenster, wenn jemand seinen Automotor im Stehen weiterlaufen lässt? Und wenn ja, ist man dann ein Fall fürn Psychiater? Mein Rat: Im Sommer nicht ans Seitenfenster, sondern an die eigene Stirn tippen, im Winter einen Schneeball in den Auspuff stopfen, dann säuft der Motor ab.

Stopp: Ein Ölgemälde wie ein Farbholzschnitt

- Was für ein Wahnsinnsbild! Und fast eine halbe Seite! Und ein tolles Interview mit dem Maler Daniel Richter! Dieses Ölgemälde auf Leinwand sieht aus wie ein farbiger Holzschnitt, oh Mann, ich krieg ja kaum was mit von dem ganzen Kunstwirbel, aber wenn dann so was in meinem Gesichtskreis auftaucht, weiß ich wieder, weshalb manche Leute ihr ganzes Leben der Malerei widmen oder als Journalisten darüber schreiben. taz-Kulltour-Mann Andreas Fanizadeh stellt auch noch ein paar wunderbar naiv-richtige Fragen. Richters letzte Worte: "Ein radikaler Künstler ist nicht automatisch der, der sich explizit politisch äußert. Darin sehe ich nicht die Qualität von Kunst."

Stopp: Egalitär? Elitär? Fahrplan her!

- Eine ganze Seite über Jürgen Habermas zum 80. Geburtstag, mit einem herzergreifenden Foto von Götz Schleser, der den alten Mann auf eine lehnenlose Bank in einem Uni-Flur gesetzt hat. Und dazu ein langer Artikel von Rudolf Walther, der sogar eigene Fehleinschätzungen zugibt. Schön ausgedrückt: "Habermas bietet keine Fahrpläne und keine Fahrziele, sondern Aufklärung über Verfahren und Kriterien, mit denen rational und zugleich egalitär-demokratisch darüber entschieden werden kann, warum und wann die Reise wohin gehen soll."
Zuerst habe ich mich vertippt, und musste "elitär-demokratisch" korrigieren. Interessant, gell, Herr Freud?

Stopp: Wenn das Wichtigste umsonst ist ...

- Eine Buchbesprechung von Annette Jensen über das letzte Buch von André Gorz, der im September 2007 verstorben ist: "Auswege aus dem Kapitalismus. Beiträge zur politischen Ökologie". Ich frage mich wirklich, weshalb so dummbeutelige Ökonomen wie Karl Homann von der Uni München (der vor ein paar Tagen seinen neoliberalen Schwachsinn in der taz ausbreiten durfte) nicht wenigstens ihre Hausaufgaben machen, und solche Bücher lesen. Gorz geht davon aus, dass "die informationelle Revolution" dem Kapitalismus den Garaus machen wird, weil Wissen immer wichtiger wird und einen eigenständigen Wert erlangt. Der "bemisst sich nicht in Geld, sondern an dem Interesse, das es weckt, an der Verbreitung, die es findet." Was neu daran ist referiert Jensen: "Die Digitalisierung ermöglicht seine kostenlose weltweite Verbreitung." (Das Buch von André Gorz gibt's beim Rotpunktverlag, Zürich, für 16 Euro).

Stopp: Gutkrieger

Hah: "Wir Gutkrieger. Warum die Bundeswehr im Ausland scheitern wird". So heißt das Buch von Eric Chauvistré, der gelegentlich in der taz schreibt und von Ulrike Winkelmann befragt wird, die zwar als Parlamentskorrespondentin der taz in Berlin arbeitet, aber seit einem "eingebetteten" Journalistenbesuch bei der Bundeswehr in Afghanistan zunehmend Informationen sammelt, wie der Wahnsinn dort beendet werden könnte. Chauvistré plädiert dafür, sich klar zu machen, welche Ziele man ursprünglich mit dem Kriegseinsatz verfolgte: "In Afghanistan gilt inzwischen schon als Erfolg, wenn wenig Raketen auf Bundeswehrlager fliegen." Und er will die "Umkehr der Beweislast: Nicht die Gegner eines Einsatzes müssen belegen, dass dieser seine Ziele nicht erreichen kann. Es ist die Aufgabe der Befürworter, zu belegen, dass er funktioniert."

Stopp: Lobbyistin im Schafspelz

Schön,  dass das Ressort "Flimmern + Rauschen" mal eine Seite Auslauf erhält, um des Breiten über Miriam Meckel zu berichten. Die Machenschaften dieser Pseudowissenschaftlerin aufzuklären, wäre eine vornehme Aufgabe für jeden Journalisten. Johannes Gernert wird ihr nur zum Teil gerecht (der Aufgabe, der Meckel auch). Interessant, wie Gernert den Niedergang des eigenen Gewerbes verdeutlicht: Diese nachträgliche "Autorisierung" von wörtlichen Aussagen, die eine/r im Interview gemacht hat, sorgt für die zunehmende Langeweile in den Medien. Heh, wenn sich eine Profesorin für Kommunikationswissenschaft auf ein Gespräch mit einem Journalisten einlässt, dann muss sie auch damit zurechtkommen, das der Mann ihre Aussagen abdruckt. Das tut er aber nicht: "Meckel sagt einen Satz, der sich anhört, als wolle sie sich von dieser ganzen Mecom-Geschichte jetzt ein für alle Mal distanzieren. Sie wird ihn anschließend nicht autorisieren. So wie sie überhaupt nichts zum Thema autorisiert. Aus Gründen der vertraulichkeit, schreibt Meckel."
Das entlarvt sie zwar geschickt, aber ich kann mir nicht helfen: Das ist Selbstkastration der Presse.
Hintergrund: Miriam Meckel hat einen Lehrstuhl in St. Gallen, den sie, so die taz, "2005 von SPD-Vordenker Peter Glotz erbt". "Erbt" ist gut: Die Frau war genauso zielstrebig und SPD-windelweich auf Karriere eingestellt wie ihr Vorgänger. Nun macht der taz-Autor etwas Gewese darum, dass sie auch noch in Berlin für die PR-Agentur Brunswick arbeitet und dabei "Strategieberatung für Kommunikation" betreibt. Die Agentur hat den britischen Investor David Montgomery und seine Mecom-Holding beraten, als er noch Besitzer der Berliner Zeitung war. Johannes Gernert: "Die uanbhängige Wissenschaftlerin als Lobbyistin? Schon wenn man die Frage formuliert, beginnt Miriam Meckel, sich zu ärgern. Ihre Stimme klingt jetzt schärfer, gereizt. Die Formulierungen dagegen werden unpräziser."
Das ist gute Journalistenarbeit, gut beobachtet und dargestellt, allerdings fehlt ein entscheidender Punkt: Miriam Meckel kann diesen Ansatz nicht nachvollziehen. Diese Frau hat doch keinen Rollenkonflikt! Für sie ist das kein Gegensatz, Wissenschaft und Industrielobby, sie betreibt Wissenschaft für und im Auftrag der Großkonzerne. Was soll bei einer solchen Einstellung an ihrer Arbeit für Brunswick auszusetzen sein? Das ist Fortsetzung ihrer "Wissenschaft" mit anderen Mitteln. Und wenn sie "einen Satz" sagt, "der sich anhört, als wolle sie sich von dieser ganzen Mecom-Geschichte jetzt ein für alle Mal distanzieren", dann gefährdet sie ihren Job bei Brunswick. Der Lehrstuhl in St. Gallen reicht ihr offensichtlich nicht aus, um Geld zu scheffeln.
Meckel gehört zu den Nachwuchskräften aus der SPD (auch wenn sie für Wolfgang Clement - ausgerechnet Clement! - als "Parteilose Staatsekretärin" gearbeitet hat), die sich mit Zielstrebigkeit dorthin gedrängt haben, wo die dicke Kohle zu holen ist. Kein Wunder, dass sie in St. Gallen Peter Glotz "beerbt" hat: Der Lehrstuhl wird in einem "Joint Venture" finanziert von der Uni St. Gallen, der Heinz-Nixdorf-Stfitung und - ja, genau - der Bertelsmann-Stftung (warum steht das eigentlich nicht in der taz?). Ziel dieser von der Industrie finanzierten "Wissenschaft" ist es, "die transformierende Wirkung der digitalen Medien auf die Medienwirtschaft und die Kommunikation zu erforschen."

Summer in the City

Ach ja, war wohl nix mit dem Schnelldurchlauf. Aber jetzt hat's schon 25 Grad da draußen, und für heut' ist Schluss.

WWN*)

Schöne Frauen machen Männer blöd

Arme Männerwelt: Forscher wollen bewiesen haben, dass Männer während und kurz nach der Begegnung mit einer schönen Frau nicht mehr klar denken können.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de). Jean Paul sagte zu dem Thema vor 200 Jahren: "Wer nie bei Schönheit blöde war ..."












0 Elemente gesamt