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20. Juni 2009
Demokratie ist ...
... wenn dem Westen das Wahlergebnis passt. Wenn es den Wünschen der USA (oder der EU) nicht entspricht, wird der demokratisch gewählte Kandidat vom CIA abserviert - das war in Persien zu Beginn der fünfziger Jahre schon mal so, und das war auch in Chile so, als Salvator Allende gewählt wurde. Oder es beginnt eine Medienkampagne, in der die Rechtmäßigkeit der Wahl angezweifelt wird. Da ist dann von Wahlbetrug oder -manipulation die Rede. Kriegt man den gewählten Präsidenten trotzdem nicht weg, wird er jahrelang mit negativer Propaganda überzogen (das geschieht gegenwärtig mit Hugo Chávez), oder die demokratisch gewählten Vertreter werden als Gesprächspartner gar nicht anerkannt (wie früher im Fall Daniel Ortega in Nicaragua, oder, gegenwärtig, im Fall der Hamas in Palästina). Jetzt wurde im Iran ein Präsident wiedergewählt, der großen Rückhalt bei der Mehrheit der Bevölkerung hat, vor allem in ländlichen Bereichen, von den Eliten in den großen Städten wegen seiner etwas ungehobelten, volkstümlichen Art aber abgelehnt wird. Der gebildete und intellektueller wirkende Kandidat Mir Hussein Mussawi scheint von der westlich orientierten Großstadtbevölkerung, den Studenten in Teheran und den westlichen Regierungen vorgezogen zu werden, weshalb man seine Haltung des schlechten Verlierers zur Wahrheit erklärt: Mahmud Ahmadinedschad bleibt nur auf Grund von "eklatanter Wahlfälschung" (taz) im Amt. Jetzt kommt die Stunde der Demagogen, der Propagandisten, der Dämonisierer, die mit sehr unterschiedlichen Interessen im Hintergrund den Iran und sein Regierungssystem angreifen. Bahman Nirumand, der taz-Fachmann für den Iran, hat sehr persönliche Gründe, die islamische Republik und ihre Vertreter zu dämonisieren. Von objektiver, unparteiischer Berichterstattung kann bei ihm keine Rede sein - das sollte der taz-Leser wissen, und Nirumands Beiträge als das einschätzen, was sie sind: Propaganda gegen die politischen Feinde, die ihn ins Exil getrieben haben. Er trägt die Hassbrille, wenn er über die gegenwärtigen Machthaber im Iran schreibt. Dagegen ficht der Nahost-Korrespondent Karim al-Gawhari wenigsten keine persönlichen Fehden aus und berichtet einigermaßen unvoreingenommen über die Geschehnisse. Aber an die - in diesem Fall beispielhafte - Berichterstattung der ARD auf tagesschau.de kommt auch er nicht heran. Die Rede von Ajatollah Ali Chamenei gestern beim Freitagsgebet wurde ohne Vorurteile referiert, was dem besonnenen Inhalt wohl gerecht wurde. Chamenei hat nicht Öl ins Feuer gegossen, er hat nicht den Krieg erklärt, wie heute ein propagandistischer Gastkommentar auf der ersten taz-Seite behauptet, verfasst von einem Hass predigenden Exil-Iraner mit Schaum vorm Mund, na klar doch. (Wenn Journalisten den Leser mit dem Keulenwort "Blutbad" auf ihre Seite bringen wollen, steigen meine Zweifel rapide, wie seriös da einer argumentiert.) tagesschau.de stellt Chameneis Rede so dar:
"Bei der Abstimmung hätten die Iraner für den Kandidaten gestimmt, den sie als Präsidenten gewollt hätten. Zweifel an den offiziellen Ergebnissen und der Wiederwahl von Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad müssten auf juristischem Wege untersucht werden. Laut Chamenei erhielt Ahmadinedschad 24,5 Millionen der rund 40 Millionen Stimmen. Die Wahl sei ein Vertrauensbeweis der Bevölkerung in die Islamische Republik. Chamenei betonte, es stehe den Kandidaten zu, offen zu protestieren. Sie könnten anwesend sein, wenn "einige" der Stimmen noch einmal ausgezählt würden. Gleichzeitig müssten die Kandidaten aber vorsichtig mit ihren Aussagen sein, da diese gefährliche Konsequenzen haben und die Gesellschaft radikalisieren könnten. Westlichen Führern warf er vor, sie hätten in der Debatte ihre Maske fallen gelassen und gegenüber dem Iran ihr wahres Gesicht gezeigt. Am schlimmsten sei dabei die britische Regierung gewesen. London berief daraufhin den iranischen Botschafter ins Außenministerium ein. An die Adresse des unterlegenen Kandidaten Hussein Mussawi gewandt sagte Chamenei in seiner Rede, politische Entscheidungen würden an den Urnen fallen, nicht auf der Straße. Es mache keinen Sinn, dass Wahlverlierer auf die Straße ziehen und die Sieger dies auch machen. 'Warum haben wir denn dann gewählt?', fragte Chamenei. Er rief beide Seiten auf, der Gewalt ein Ende zu bereiten. Straßenproteste seien der falsche Weg und müssten aufhören. Das System lasse sich davon nicht einschüchtern."
Wenn Sie mich fragen: Das klingt von seinem Standpunkt aus durchaus vernünftig. Am Vortag brachte tagesschau.de ein Interview mit Marcus Michaelsen, einem Kommunikationswissenschaftler, der sich mit den Auswirkungen des Internets auf den Iran befasst. Er wies darauf hin, dass sich die Voreingenommenheit der westlichen Öffentlichkeit in diesen Tagen zu verändern beginnt: "Jetzt hat sich durch das Internet vor allem der Blick des Westens auf den Iran geändert: Durch die Proteste, die via Internet in aller Welt zu sehen sind, wird das Bild einer geschlossenen, autoritären Gesellschaft gebrochen. Wir sehen nicht mehr nur ein autoritäres Regime, das nach der Atombombe strebt, sondern auch eine lebendige Zivilgesellschaft: Menschen, die Demokratie für sich und ihr Land einfordern." Und das in einer islamischen Republik. Vielleicht lernt ja die taz-Redaktion auch was dazu - dass man eine fremde Gesellschaft viel besser versteht, wenn man sie nicht nur mit den eigenen - westlichen - Maßstäben misst. Und dass es nicht der Aufklärung, sondern der Verwirrung dient, wenn man vorwiegend Exiliraner zu Wort kommen lässt, denen der Hass auf die Machthaber in ihrer Heimat den Blick trübt.
Hell, ohne zu blenden
Ordnung kann sich ins Ungewöhnliche verkehren; Gutes kann sich ins Wunderliche verkehren; Und die Verwirrung der Menschen dauert wahrlich Eine lange, lange Zeit.
Deshalb sind reife Menschen Unmissverständlich, ohne zu entzweien; Ehrlich, ohne zu verletzen; Geradeheraus, ohne zu überfordern; Hell, ohne zu blenden.
Laotse, Der Weg und die Kraft (Tao-te-king), Vers 58: Die Mitte ausbilden
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16. Juni 2009
Die Nabelschnur
Heute morgen wurde ich mal wieder daran erinnert, wie abhängig sich der Mensch (ich) in seinen Gewohnheiten vom reibungslosen Funktionieren des Internetzugangs gemacht hat. Morgens zuerst nach dem Wetter, den Nachrichten und den E-Mails gucken, nach was guggln, was ich mir am Abend vorgenommen hatte, und dann das tazblog schreiben und ins Netz stellen. Nur: Es geht nicht. So oft ich mit dem Browser, der Internet-Verbindung, dem Mail-Programm versuche, eine Verbindung zu t-online herzustellen - es geht nicht, Fehlermeldung. Okeh, vielleicht liegt's am DSL-Modem? Nö, blinkt wie immer. Vielleicht an der Telefonleitung? Nö, Freizeichen, und kein Problem, die Netbox abzuhören. Vielleicht hat eine Verbindung vom Modem zum Telefon oder zum Computer Wackelkontakt? Alle raus, alle wieder feste reingedrückt, noch mal probieren. Es geht nicht. Neustart. Noch mal - nichts. Also mach ich erst mal was anderes, bin eh im Rückstand mit der Lektoratsarbeit, die Ende nächster Woche fertig sein soll. Nach einer Stunde probier ich es noch mal. Es geht nicht. Ich fummle die Zugangsdaten zum PPP-Server aus der Schreibtischschublade ganz unten, vergleiche sie mit den eingestellten - alles stimmt. Auf dem Formular steht auch eine Service-Nummer, 0,14 Cent pro Minute. Könnte denen so passen. Ich rufe die 0800-Nummer an, erfahre von der Automatenstimme, sie hätte sich geändert, erfahre die neue, werde aber weiterverbunden und erst mal gefragt, was ich kaufen will. Nichts will ich kaufen. Dann soll ich "Service" sagen. Dann meine Nummer mit Vorwahl. Dann liest sie mir die verschiedenen Möglichkeiten vor. "Störung". Okeh, ich papageie "Störung". Prompt kommt die Ansage: "Der DSL-Zugang ist zur Zeit nur eingeschränkt möglich. Wir arbeiten an der Behebung. Falls es sich um eine andere Störung handelt, sagen Sie 'andere'." Ich sage nichts, und die Automatenstimme bedankt sich für meinen Anruf. Also erst mal nichts mit Wetter, Nachrichten und Mails. Na, da kann ich genauso gut auf die taz von gestern eingehen. (Dass Sie den Text hier lesen können, beweist: t-online hat es hingekriegt, gegen halb 12 Uhr. Was da nur los ist - neulich gab's keine Mobilfunkverbindungen, heute kein DSL ...)
Sozialismus? Bloß nicht!
In der taz - und da stimmt sie mit den Konzernblättern und dem öffentlich-rechtlichen Mainstream überein (was Heiner Geißler "das Meinungskartell" nennt) - in der taz gibt es nur wenige Schreiber und Redakteure, die den sozialistischen Bewegungen in Mittel- und Südamerika wohlwollend oder mit Sympathie begegnen. Im Gegenteil: Mit vereinten Kräften (abfällige Texte, herablassende Titelzeilen) arbeiten sie an der Dämonisierung von Hugo Chávez. Die Hetzpropaganda gegen ihn beherrscht nicht nur die Auslandsseiten, neulich hat sie sich von Seite eins aus durch die ganze sonntaz gefressen. Das ist Mainstream. Man muss sich nur mal die einseitigen Berichte im "Weltspiegel" der ARD ansehen. Und da kommt unweigerlich immer der "Chávez-Gegner" Professor Friedrich Welsch zu Wort. Der Mann dient allen einschlägig verdächtigen (neo-)liberalen Medien wie Zeit, taz und ARD als Gewährsmann für Chávez-Kritik. Dass er sein Lehramt an der Simon-Bolivar-Universltät immer noch ausüben darf, zeigt den Grad der Meinungsfreiheit in Venezuela. Aber Welsch ist längst nicht so voreingenommen wie die Medienleute, die mit seinen Äußerungen ihre Propaganda gegen Chávez unterfüttern. Er tut nur das, was bürgerliche Wissenschaftler so tun. Ein typisches Beispiel für eine flotte Feder im Dienst des Kapitalismus ist der taz-Autor Knut Henkel, der seine antisozialistischen Vorurteile früher aus Havanna verbreitete, und gestern aus Caracas berichtete, mit dem einzigen Ziel, die gängige Ablehnung von Hugo Chávez zu untermauern: Der Kerl schafft es einfach nicht, das Land zu regieren. Überschrift, zweifelsohne von einem Redakteur des Auslandsressorts gebastelt: "Das System Chávez strauchelt". Dass Knut Henkel gar nicht so weit geht, das zu behaupten - issja wurscht, Hauptsache wir haben dem blöden Indio mal wieder eine reingewürgt. Das mit dem Straucheln ist reines Wunschdenken, aber nichts wäre Henkel offenbar lieber. Selbstverständlich werden die Erfolge im Gesundheits- und Erziehungswesen und bei der Hilfe für die Ärmsten nebenher erwähnt, aber möglichst klein geredet. Henkel geht, ob in Kuba oder Venezuela, immer nach dem gleichen, leicht durchschaubaren Schema vor. Er zitiert eine Stimme aus dem Volk, die Unzufriedenheit artikuliert, und lässt sie seine (Henkels) Sicht der Dinge aussprechen: "Zwar gibt es bei uns einen Gesundheitsposten, aber Arbeit hat uns Chávez bisher nicht gebracht." Jetzt mal ganz abgesehen davon, dass unser taz-Mann eine solche Aussage vor jeder Arbeitsagentur einer deutschen Groß-oder Kleinstadt einholen kann, die Absicht wird deutlich: Chávez soll madig gemacht werden. "Zwar konnten die Armuts- wie die Anaplphabetenquote merklich gesenkt werden", gibt Henkel zu -aha! - doch: "Experten wie der in Caracas lehrende Politikprofessor Friedrich Welsch argumentieren, dass diese Erfolge wenig nachhaltig seien." Was immer das auch heißen mag. Auch das gehört zum Schema F der Berichte von Knut Henkel: Nach der unzufriedenen Stimme aus dem Volk lässt er den "Experten" zu Wort kommen. Wer oder was dieser "Politikprofessor" ist, erfährt der Leser nicht, nur dass er offenbar Henkels Voreingenommenheit und Abneigung gegen die sozialistische Demokratiebewegung von Chávez teilt: "Wichtige Indikatoren wie Kindersterblichkeit sind nicht wesentlich gesunken." Und dann erfährt der taz-Leser, dass Chávez seine Misiones Sociales, die Sozialprogramme für Gesundheit, Bildung und Armenspeisung, aus den Einnahmen des Erdölexports finanziert (früher ging die ganze Kohle an die multinationalen Ölkonzerne). Und jetzt geraten die Programme in Schwierigkeiten, "weil ihm das Geld angesichts der relativ geringen Weltmarktpreise für Erdöl ausgeht". Man sieht richtig, wie sich Knut Henkel schadenfroh die Hände reibt: "Das System Chávez strauchelt". Henkel tut einfach so, als könnte der venezolanische Präsident selbst den Weltmarktpreis für Öl bestimmen, und wäre schuld daran, dass weniger Geld für die Misiones Sociales zur Verfügung steht. Es geht also abwärts, hehehe, und da darf auch Professor Welsch noch einmal die pessimistische Grundhaltung Henkels bezeugen: "Auch Anhänger der Regierung sind schon auf die Straße gegangen, weil der Staat seinen Zahlungsverpflichtungen nicht gerecht wird." Hah! Was zu beweisen war: Dieser Sozialist kriegt's einfach nicht auf die Reihe. Man sollte so was gar nicht erst anfangen - Kapitalismus bringt's!
Eine etwas ausgewogenere Sicht der Dinge verbreitete die "Bundeszentrale für politische Bildung" über Venezuela im August 2007. Da schrieb Steffen Leidel in einem sehr informativen Beitrag über den von Chávez verstaatlichten Erdölkonzern PdVSA (interessant, dass auch da Professor Welsch rumnörgelt): "2006 setzte das Unternehmen 102 Milliarden US-Dollar um. Dennoch brach der Netto-Gewinn um rund 30 Prozent ein. Mit ein Grund dafür ist das hohe Sozialbudget des Unternehmens. Es stieg laut PdVSA 2006 um 91 Prozent auf 13,3 Milliarden US-Dollar. Manch einer bezeichnet PdVSA etwas spöttisch als Charity-Unternehmen mit einer Erdölabteilung. 'PdVSA baut Straßen, Schulen und Krankenhäuser, kümmert sich um Denkmalschutz, fördert Kunst, Kultur und Wissenschaft. Doch das Kerngeschäft wird vernachlässigt', sagt der Politologe Friedrich Welsch von der Simon-Bolívar-Universität in Caracas. Mit den Erdöleinnahmen finanziert Chávez auch die so genannten 'Misiones'. 2003, kurz nach dem gescheiterten Putsch gegen ihn, hatte Chávez die milliardenschweren Sozialprogramme eingerichtet. Eines der bekanntesten ist 'barrio adentro' (Im Viertel). Es soll vor allem die medizinische Versorgung der verarmten Bevölkerung sicherstellen. Auf der Grundlage eines Kooperationsabkommens zwischen Kuba und Venezuela sind mehr als 25.000 kubanische Ärzte, Arzthelfer und Krankenschwestern nach Venezuela gekommen, die die Bevölkerung kostenlos behandeln. Im Gegenzug liefert Venezuela 100.000 Barrel Öl täglich nach Kuba. Insgesamt gibt es etwa 20 'Misiones'. Ein weiterer Schwerpunkt ist Bildung. Für Erwachsene gibt es die Möglichkeit, einen Schulabschluss nachzumachen und eine der neuen Universitäten zu besuchen. Über die so genannten Mercal-Geschäfte werden Grundnahrungsmittel zu verbilligten Preisen angeboten. Weitere 'Misiones' widmen sich unter anderem der Förderung der Landwirtschaft, des Wohnungsbaus und der Kultur. Chávez verteilt seine Geschenke öffentlichkeitswirksam und provoziert damit auch gerne mal seinen Lieblingsfeind, die US-Regierung. So lieferte er schon Heizöl an arme Menschen in der Bronx."
Die taz hat nur einen einzigen Korrespondenten in Südamerika, der die sozialistischen Bewegungen mit Sympathie und Hoffnung begleitet: Gerhard Dilger. Aus den Berichten Knut Henkels lese ich nur völliges Unverständnis für den Kampf gegen die neoliberalen Kräfte, gegen die Herrschaft der alten kapitalistischen Eliten und der multinationalen Konzerne. Mit anderen Worten: Knut Henkel dient dem herrschenden System. In der taz.
17. Juni 2009
Picknick-Tag der Deutschen Einheit
Heh, erinnert sich noch jemand? Heute ist Feiertag, zum Gedenken an die Opfer des "Arbeiteraufstands" 1953 in Ostberlin wurden früher immer Picknick-Körbe gepackt, die Kinder auf den Autorücksitz verfrachtet, und ab ging's ins Grüne. Ja, der 17. Juni war eine sehr beliebter Feiertag. Ich werde ihn auch in diesem Jahr einhalten, der Brüder und Schwestern in der Zone gedenken, ihren heldenhaften Einsatz gegen die kommunistische Diktatur würdigen und das Prachtwetter unter einem Baum genießen. Der Wetterbericht sagt für heute und morgen strahlenden Sonnenschein voraus, da will ich mich doch nicht lang mit der taz abmühen.
Letzte Warnung an die Wahrheit-Redaktion
Seeehr komisch, das Tagebuch in die Verlängerung gehen zu lassen. Gibt's nächste Woche noch Elfmeterschießen?
Randale in Kreuzberg! Iran bestellt deutschen Botschafter ein!
Die Fotos aus Teheran erinnern sehr an den 1. Mai in Kreuzberg. Hat schon mal jemand davon gehört, dass deswegen der deutsche Botschafter vom iranischen Außenminister einbestellt wurde? Nee? Aber wenn FW Steinmeier den iranischen Botschafter zu sich zitiert, um sich in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes einzumischen, finden das alle in Ordnung. taz-Autor Bahman Nirumand, der in Berlin wohnt, weiß selbstverständlich, dass die Wahlen gefälscht wurden ("der eklatante Wahlbetrug gleicht einem Staatsstreich"), Mussawi ist der Gute, Ahmadinedschad der Böse und Ajatollah Chamenei der Hässliche. Alle Medien berichten mal wieder in trauter Einheitlichkeit dasselbe - Mullahs sind bäh, wir hier wüssten schon, wie man den Iran regieren muss.
Schöne Sommertage!
P. S. Wenn das Wetter schlechter wird, erzähle ich Ihnen gern mal was von dem Deutschen, der einer der einflussreichsten Berater von Hugo Chávez ist. Wollen Sie jetzt schon mehr wissen? Klicken Sie einfach auf den Link im gestrigen Eintrag. Im Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung von Steffen Leidel steht was über ihn.
19. Juni 2009
Betr.: Abwesenheitsmitteilung Freie Union
Einen wunderschönen, guten Tag!
Aufgrund der enormen Anfragen aus ganz Europa, ja sogar bis Übersee, sind wir derzeit nicht in der Lage alle eMails individuell zu beantworten. Bitte schauen Sie wegen der neuesten Vorgänge auf die Homepage www.gabriele-pauli.de! Dort werden alle nötigen Informationen zeitnah veröffentlicht. Die Parteigründung wird am kommenden Sonntag, 21.06.2009 in München im Hofbräukeller in der Inneren Wiener Str. 19 im 1. Stock/ Festsaal ab 13 Uhr stattfinden!
Frühlingserwachen für Deutschland
Danke! i.A. Josh Reuter Klimaschutz? Ich? Nie gehört!
Sie sind jetzt also, geschätzter Leser, beim Eintrag vom 19. Juni 2009 gelandet. Nachdem Sie sich gefragt haben, was das Foto da oben bedeuten soll, auf dem schwarze Porsche-Autos zu sehen sind, die vor einem Passagierjet abgestellt wurden. Und vor allem haben Sie bestimmt überlegt: Was bedeutet die Bildunterschrift "Da lacht der Lemming!"? Vielleicht kann ich Ihnen weiterhelfen, mit ein paar Meldungen aus den letzten Tagen und Wochen. Ein Musikredakteur, früher taz, jetzt Spiegel, schreibt über den Easyjetset, die jungen Menschen, die aus ganz Europa übers Wochenende per Billigflieger in Berlin einfallen und der Clubszene einen tollen Boom bringen. Kein Wort des früheren taz-Mannes zur Frage, was diese Fliegerei für Auswirkungen aufs Klima hat. Klimawandel? Waaas? Irgendein altgedienter ARD-Journalist, dessen Name mir gerade entfällt, hat seinen Hauptsitz am Starnberger See und einen zweiten Job in Berlin. Er sieht sich als "Pendler" - fliegt drei Mal die Woche zwischen München und Berlin hin und her. Kein Wort des taz-Journalisten, dass ein solcher Lebensstil das Klima beeinflusst. Miriam Meckel, die Professorin für Kommunikationswissenschaft mit Lehrstuhl in St. Gallen, arbeitet auch noch für die PR-Firma Brunswick in Berlin. Der taz-Autor, der sie besucht, stellt keine Fragen, wie das geht, zugleich in der Schweiz und in der deutschen Hauptstadt Jobs zu haben. Es geht, wenn man ständig zwischen Berlin und Zürich hin- und herfliegt. In der taz vom Dienstag schreibt Annette Jensen über das neue Heft der Zeitschrift Transit zum Thema "Klimapolitik und Solidarität": "Der Aufsatz des Politologen Ingolfur Blühdorn geht mit ebendiesen Bürgern hart ins Gericht. Die Ölkrise, Tschernobyl und der Erdgipfel in Rio - zu vielen Zeiten wurde eine umweltpolitische Wende erwartet. Tatsächlich aber ist der ökologische Fußabdruck der Menschen in den fortgeschrittenen Konsumentendemokratien immer größer geworden. Heute herrsche ein stiller Konsens, dass 'Lebensstile, seien sie nun nachhaltig oder nicht, im Prinzip nicht verhandelbar' seien. Besonders pessimistisch muss dabei stimmen, dass ausgerechnet diejenigen, die umweltpolitisch am besten informiert sind, die meisten Ressourcen verbrauchen, wie Nadine Pratt aufzeigt." Interessant: Lebensstile sind nicht verhandelbar. So ähnlich hat das auch mal George W. Bush ausgedrückt: "The American Way of Life is not negotiable", über den amerikanischen Lebensstil kann man nicht verhandeln. Nicht einmal die taz und ihre Redakteure und Autoren (es gibt Ausnahmen, aber ja!) haben - trotz ihrer Informationen - auch nur eine Spur von kritischer Einstellung zum Lebensstil der "fortgeschrittenen Konsumentendemokratie". Noch ein Beispiel? taz von gestern, Sportseite, "Leibesübungen". Ronny Blaschke berichtet ohne eine Spur von Problembewusstsein, schon fast begeistert, über Horst R. Schmidt, einen ehemaligen Generalsekretär des Deutschen Fußballbunds, der in Südafrika bei der Organisation der Fußball-WM als Berater arbeitet: "... nun ist er regelmäßig in Südafrika. Seit zweieinhalb Jahren, zuletzt acht Tage im Monat." Wie das geht? Na, er fliegt ein Mal im Monat von Deutschland nach Johannesburg, arbeitet dort acht Tage, und fliegt dann wieder zurück. Jetzt mal abgesehen davon, dass ich den Mann wirklich nicht beneide: Er ist irre. Genau wie all die Leute, die immer noch nicht geschnallt haben, dass es auf die Veränderung ihres Lebens ankommt. Und zwar nicht im Sinne von "Du musst dein Leben ändern", wie Peter Sloterdijk seinen Lesern empfiehlt, sondern im Sinne von "Ich muss mein Leben ändern", wie es hier oben im Vorspann heißt. Dieses tazblog erscheint regelmäßig seit April 2008. Und das Folgende war der erste Eintrag, wie alle Einträge seither nachzulesen, wenn Sie oben in der Leiste auf "Blog + E-Books" klicken. Von einer "Abwrackprämie" wusste ich, wussten wir damals noch nichts.
------ 10. 4. 2008
Ois für die Katz
Eine Meldung in der taz, ganz klein und versteckt auf Seite 7: "Fliegen ist noch schädlicher als angenommen". Na ja, wer hat denn was angenommen? Es kann ja sein, dass heute mehr Leute als vor einem Jahr wissen, wie schädlich Fliegen für die Atmosphäre ist. Fliegen und Autofahren werden dem Planeten den Rest geben. Aber das hat keinen Einfluss auf das Verhalten meiner deutschen Mitbewohner. Im Jahr 2007 wurde noch mehr geflogen als im Jahr 2006. Und Flugbenzin wird immer noch nicht versteuert. In München und Frankfurt werden noch weitere Start- und Landebahnen gebaut. Und für 29 Euro kann man nach Malle fliegen. Spitze! Der Medienhype um den Klimawandel, Nobelpreis für Al Gore, Dauerwerbung für Hybridautos - und herausgekommen ist nichts, nada, niente. In Deutschland wurden noch mehr Autos verkauft, noch mehr Spritschlucker gebaut von Porsche, Audi, Mercedes, BMW, Volkswagen und wie die mächtig Herrschenden heißen, an deren Marionettenfäden noch jede Regierung in diesem Land zappelte. Es gibt immer noch keine bundesweite Geschwindigkeitsbegrenzung für Pkw, keine Rußfilter für Lkw. Und es gibt keine ernsthaften Versuche, den Güterverkehr von der Straße auf die Schiene zu verlegen, im Gegenteil, nach allen Prognosen wird sich der Lkw-Verkehr in den nächsten Jahren verdoppeln. Es gibt nirgends auch nur den Hauch eines Ansatzes, endgültig den Bau neuer Straßen zu beenden und das Schienennetz zumindest auf den Stand der späten fünfziger Jahre zurückzubringen. Damals war noch jeder Winkel des Landes mit der Bahn zu erreichen, kleine und große Pakete und Güter wurden als Expressgut befördert, und damit tausende Fahrten mit Kleintransportern überflüssig. Und im Zugabteil konnte man die Fenster aufmachen und die Landschaft riechen. Um an immer mehr Leute immer mehr Autos verkaufen zu können, wurden nach und nach alle Nebenstrecken stillgelegt, so dass heute jeder, der nicht in Großstädten lebt, zum Autobesitz gezwungen wird. Gleichzeitig werden die Nahverkehrspreise ständig erhöht (in München immer dann, wenn keine Kommunalwahlen anstehen oder sie gerade vorbei sind). Auch Bahnfahren wird immer teurer, um mit (vier) Millliarden Gewinn protzen und das ganze Volkseigentum lukrativ an der Börse verscherbeln zu können. Dabei gibt es nur ein Verkehrsmittel, das tatsächlich den entscheidenden Unterschied beim Kampf gegen die Klimaerwärmung macht: Die Bahn. Mit einem optimalen Schienennetz würden Inlandsflüge überflüssig und ländliche Gegenden wieder vom Auto unabhängig. Und ein großer Anteil des Güterverkehrs könnte zurück auf die Schiene gebracht werden. Will das denn keiner? Doch, das wollen sogar viele Leute. Nur nicht die Vorstände der großen Logistik- und Autokonzerne, nicht Frau Merkel, nicht Herr Beck, keiner der abgehobenen Angehörigen der politischen Klasse, keiner, der einen steuerlich bevorzugten Dienstwagen fährt, keiner, der die Macht hat, die Weichen so zu stellen, dass der Planet nicht ruiniert wird. Keiner. Und auch Al Gore macht lieber Werbung für Autos mit Hybridmotor als für den Ausbau des Schienennetzes in seinem Heimatland. Nicht mal ein Tempolimit kriegen sie hin in Deutschland, damit die BMW-Audi-Mercedes-Volkswagen-Porsche-Gang, die größte kriminelle Vereinigung in Deutschland, endlich gezwungen würde, andere Autos mit geringerem Spritverbrauch zu bauen statt ihrer SUV-Wahnsinnskisten (das ist die Abkürzung für Saumäßige Umwelt-Verseuchung). Den Zwang zum Auto abschaffen - nee, das wollen sie eh nicht inna Bärliner Koalitiong. Ham ja alle Dienstwagen und Chauffeur und Freifahrt Erster Klasse, und selbst die Ökos finden Fliegen schöner. Ich hab schon oft gemerkt: Die Leute verstehen überhaupt nicht, wovon du redest. Ein Auto? Aber ey, das braucht doch jeder, Rezzo Schlauch sogar einen Porsche. Es ist die erfolgreichste Gehirnwäsche aller Zeiten, vom Nationalismus, vom Atomstrom und von den Eisbären Knut und Flocke mal abgesehen.
Meldung, taz von heute, 19. Juni 2009, Seite 1: Klimaziel kaum noch erreichbar Berlin taz Klimawissenschaftler warnen in einem neuen Bericht davor, dass das wichtigste Klimaziel kaum mehr erreichbar ist: eine Begrenzung des Temperaturanstiegs auf 2 Grad.
WWN*)
Die unsinnigsten Beauty-OPs
Für jede Problemzone gibt es mittlerweile den passenden Eingriff. Ob Gesäßstraffung oder Schamlippenverkleinerung - alles ist möglich. Sehen Sie selbst.
*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)
21. Juni 2009
Sommersonnenwende
Heute ist der längste Tag des Jahres, Johannistag. Hier in München ging die Sonne bei klarem Himmel um 4 Uhr 54 auf - ich hab's glatt verschlafen, obwohl ich unbedingt ein Foto machen wollte, um festzuhalten, an welcher Stelle sie da drüben über den Dächern der Herzogparkstraße hochkommt. Gerade höre ich in den Nachrichten, dass sich noch nie so viele Menschen in Stonehenge zum Sonnenaufgang versammelt haben wie in diesem Jahr. Leider war der Himmel von Wolken bedeckt, und die Leute konnten nicht sehen, wie um 4 Uhr 58 die Sonne genau hinter dem vorgesehenen Stein aufging. Dafür hab ich keine Mühe gescheut und das Foto hier im Internet geklaut: So sieht's an einem wolkenlosen Sommersonnenwendetag in Stonehenge aus. Ich wünsche Ihnen (und mir) sonnige Monate mit nicht mehr als 30 Grad, angenehm kühle Nächte, und genug Regen, damit die Bäume und Pflanzen üppig wachsen und gedeihen.
Guter Rat
An einem Sommermorgen Da nimm den Wanderstab, Es fallen deine Sorgen Wie Nebel von dir ab.
Des Himmels heitere Bläue Lacht dir ins Herz hinein, Und schließt, wie Gottes Treue, Mit seinem Dach dich ein.
Rings Blüten nur und Triebe Und Halme von Segen schwer, Dir ist, als zöge die Liebe Des Weges nebenher.
So heimisch alles klinget Als wie im Vaterhaus, Und über die Lerchen schwinget Die Seele sich hinaus.
Theodor Fontane (1819-1898)
Die sonn(wend)taz
Redaktionskonferenz, Freitag, 19. Juni, 17:30 Uhr, taz-Gebäude, Rudi-Dutschke-Straße 23, Berlin. Man braucht dringend eine Schlagzeile für die Seite eins der Samstagsausgabe. Müde sitzen herum: Zwei stellvertretende Chefredakteure, ein Chef vom Dienst und eine Praktikantin, die lernen soll, mit welchen Reizwörtern Zeitungen am besten verkauft werden. Ganz sicher ist: "Angst" und "Furcht" sind immer gut, "irre" Regierungschefs anderer Länder bringen auch Auflage. Bei der taz kommt noch ein Name hinzu, der sich als verkaufsfördernd bewährt hat: Lafontaine. Aber nur, wenn er schlecht gemacht wird.
stellv. CR 1 (schaut auf die Rolex): "Noch zwanzig Minuten, dann legt die Druckerei in Frankfurt los. Und wir haben immer noch keine Schlagzeile." (langes Schweigen in der Runde) CvD: "Wie wär's mit 'Chamenei - der Irre von Teheran'?" stellv. CR 1: "Heh, nicht schlecht! Wir müssen aber was über Die Linke aufn Titel bringen, die ham Parteitag." stellv. CR 2: "Na, da sach ick mal, nur so angedacht: 'Oskar Lafontaine steht das Wasser bis zum Hals'?" CvD: "Hatten wir neulich erst." stellv CR 1: "Dann halt was mit Angst. Hatten wir nicht vor ein paar Wochen 'Angst vor der Schweinegrippe'." stellv. CR 2: "Ah, ja, aber ich glaub, es hieß 'Furcht vor der Schweinegrippe'." Prakt.: "Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Furcht und Angst?" stellv. CR 2: "Naja, Furcht ist was Konkretes, da weiß man, wovor. Angst ist, wenn man nicht genau weiß, was einen bedroht." Prakt.: "Vielleicht so was wie neulich mit Seehofer: 'Lafontaines Geliebte - Furcht vor Schwangerschaft'." stellv. CR 2: "Hat der denn eine Geliebte?" Prakt.: "Issdas nicht egal?" stellv. CR 2: (wirft ihr einen düsteren Blick zu) CvD: "Hah! Ich hab's: 'Die Angst vor Lafontaine'." (längeres Schweigen. Dann:) stellv. CR 1, stellv. CR 2 (wie aus einem Munde): "Oh Mann, das ist genial! Genau dasisses!!! Gib's ein, Mann, das wird die Schlagzeile auf Seite eins, Samstagsausgabe: 'Die Angst vor Lafontaine'." CvD: "Da werden sie mal wieder Augen machen bei der Bild-Zeitung."
(Alle klappen die Laptops zu und eilen wortlos hinaus. Wochenende! Samstags hat der Journalist frei.)
Und der Rest der sonntaz? Klassenkampf im Bilderland
Eine höchst interessante Besprechung auf der Seite "Politisches Buch": Brigitte Werneburg schreibt über "Bildermarkt Nahostkonflikt. Ethonlogische Untersuchungen zur Praxis der Kriegsfotografie" von Martin Heidelberger. Der fiel mir letztes Jahr schon mal auf, weil er in der taz von dem Fotografenkollektiv Activstills aus Tel Aviv berichtet hatte. Das war offenbar Teil seiner Arbeit, die jetzt beim Lit Verlag Berlin als Buch herauskam (19 Euro). Die Ergebnisse seiner Untersuchung sind nur auf den ersten Blick überraschend. Brigitte Werneburg: "Statt auf Manipulation und Inszenierung stößt Heidelberger auf ein journalistisches Klassensystem mit Arbeitsbedingungen, Honoraren und Löhnen, die sich ebenso krass unterscheiden wie die jeweilige Bewegungsfreiheit des Fotografen." Während ein israelischer Fotograf auch mal in Berlin und Brasilien ausstellen kann, so Heidelberger, hat ein palästinensischer Fotograf aus Bethlehem "aufgrund der politischen Situation oft nicht einmal die Möglichkeit, in die benachbarte Stadt zu fahren."
22. Juni 2009
Liebe, Friede, Freude - und Geduld: Das (weiß-)blaue Wunder
Eines muss man Dr. Gabriele Pauli lassen: Sie hat ein Gespür für Freiräume. Und für Symbole. Und für den Fluss der Dinge ebenso wie für den rechten Zeitpunkt. Beim Sturz von Edmund Stoiber hat sie deutlicher als andere gesehen, dass er reif zum Abpflücken war, das Potential der Freien Wähler hat sie ebenso rechtzeitig genutzt, und wenn sie jetzt eine Partei jenseits der Politik gründet, darf sie - da verlass ich mich jetzt mal auf mein Gespür - zu diesem Zeitpunkt mit großem Zuspruch rechnen. Die jetzt herrschenden Parteien haben ein Vakuum geschaffen, in das Gabriele Pauli eindringen kann, ohne auf Widerstand zu stoßen: Da ist ja niemand. Indem sie den Begriff des Politischen erweitert, schafft sie sich selbst einen neuen politischen Freiraum, nimmt Land in Besitz, das bisher keiner beansprucht hat. Und es könnte sein, das da mehr Leute wohnen, als den etablierten Parteien recht sein kann. Pauli könnte dafür sorgen, dass die ihr (weiß-)blaues Wunder erleben.
"Freie Union" als Parteiname ist schon mal nicht schlecht, und dann auch noch mit "Liebe, Friede, Freude" genau die Dinge anzusprechen, die im Politikbetrieb nicht vorkommen, zeugt auch von Instinkt: Das meine ich mit Freiräume. Pauli besetzt die offenen Felder, wo sie sich ausbreiten kann, weil alle anderen den Freiraum gar nicht wahrgenommen haben. Wer bei "Liebe und Frieden" nur bis zu den Hippies der Sechziger Jahre zurückdenkt, wird erstaunt sein, dass Gabriele Pauli mit ihrem Motto noch viel tiefer schürft - in der Geschichte und im kollektiven Unterbewussten. "Liebe, Friede, Freude" - das war die Botschaft des ägyptischen Pharaos Echnaton (etwa 1350 vor Christus), dessen Ehefrau bis heute berühmter ist als er selbst: Nofretete. Echnaton hatte sich, durch ein Erweckungserlebnis - ähnlich dem von Mystikern wie Meister Eckard und Jakob Böhme - vom Glauben an viele Götter abgewandt und in seiner Regentschaft den Glauben an nur einen Gott propagiert: Aton, der Gott der Sonnenscheibe. Das war zu seiner Zeit die wahre Ketzerei, denn die Macht hatten die Priester, die Ägyptens vielfältige Götterwelt vertraten, an der Spitze die Priester des Gottes Amun. Schon vor dem Alten Testament begründete Echnaton also eine montheistische Religion. Echnatons Motto "Liebe, Frieden, Freude" und sein Glaube an den einen Gott wurden schon kurz nach seiner Regentschaft vergessen (gemacht) und erst im 19. Jahrhundert wieder entdeckt. Ich wette, Gabriele Pauli verwendet sein Motto nicht zufällig. Dass sie noch "Geduld" hinzufügt, erweitert den Kreis der Menschen, die sie ansprechen will. Für sie selbst gilt wohl eher der Grundsatz: Abwarten bis zum richtigen Zeitpunkt, und dann zuschlagen. Jetzt bin ich mal gespannt, wie sie das in Parteipolitik umsetzt. Ich halte ihr beide Daumen. Jeder, der Wählerstimmen von der korrupten politischen Klasse CDU-CSU-SPD-Grün-FDP abzieht, hat meine Sympathie. Dass ich trotzdem gestern nicht hinüber zum Hofbräukeller zur ersten Versammlung der "Freien Union" gegangen bin, hat zwei Gründe: Ich würde niemals in eine Partei eintreten, die Leute wie mich aufnimmt. Und: Ich boykottiere den Hofbräukeller, weil ein Preis von 3,50 Euro für eine Halbe Bier darauf hinweist, dass der Wirt seinen Laden nach dem Motto "Gier ist geil" führt.
23. Juni 2009
Boris Vian - ausnahmsweise
Sie wissen ja: Hier werden nur Geburtstage gefeiert, keine Todestage. Aber weil sich heute alle möglichen Bürgermedien damit abquälen, den großen Anarchisten Boris Vian zu feiern, der vor genau 50 Jahren gestorben ist, wiederhole ich einfach, was an seinem Geburtstag (20. März) hier im tazblog stand.
Die Kurzbio klau ich gleich bei Wikipedia: "Boris Vian (* 10. März 1920 in Ville d'Avray; † 23. Juni 1959 in Paris) war ein französischer Schriftsteller, Jazztrompeter, Chansonnier, Schauspieler, Übersetzer, wesentliches Mitglied des Collège de Pataphysique und Leiter der Jazzplattenabteilung bei Philips. Nach seinem Tod zunächst ein wenig in Vergessenheit geraten, gilt er heute wieder als einer der interessantesten Intellektuellen der französischen Nachkriegszeit." Das freut den Fan: Vian "gilt" - hä? Wer sagt das? Woran merkt man das? Und weshalb benutzen Journalisten immer wieder diese hilflose Vokabel "gilt"?
Mein Lieblingsbuch: "Der Schaum der Tage" Mein Lieblingstitel (Buch und Theaterstück): "Ich werde auf eure Gräber spucken" Mein Lieblingslied: "Le déserteur" Meine liebste Vian-Biographie: "Boris Vian. Der Prinz von Saint-Germain", von Klaus Völker, 12,90 Euro Meine zweitliebste: "Boris Vian" von Philippe Boggio (antiquarisch, ab 8 Euro)
Zitat: "Wenn es schon nötig ist, sein Blut hinzugeben, dann geben Sie doch ihr eigenes hin. Sie sind mir ein schöner Apostel, monsieur le président." (aus: Le Déserteur)
Amtliche WARNUNG vor DAUERREGEN für Landkreis und Stadt München
Es tritt Dauerregen mit Mengen zwischen 40 und 60 Liter pro Quadratmeter in 48 Stunden auf. Vereinzelt können die Regenfälle auch durch Gewitter verstärkt werden. Dann können zeitlich und räumlich eng begrenzt auch über 60 Liter bis Mittwoch Abend zusammen kommen. [gültig von: Montag, 22.06.2009 12:00 Uhr bis: Mittwoch, 24.06.2009 12:00 Uhr]
Now can't you see those dark clouds gathering up ahead? They're gonna wash this planet clean like the bible said Now you can hold on steady, try to be ready but everybody's gonna get wet Don't think it won't happen just because it hasn't happened yet
- Jackson Browne, The Road and the Sky
Die Kur
Es ging um die Frage, ob bei ihm eher die "Freude in Erwartung eines politischen Wandels" vorherrscht, wenn er die Nachrichten aus Teheran verfolgt. Da erinnert Friedrich Küppersbusch gestern in seinem Montagsinterview in der taz erst einmal daran, dass Bush sen. den Iran-Gegner Saddam Hussein im Irak an der Macht hielt (vielleicht darf ich noch daran erinnern, dass der Westen das Giftgas geliefert hat, mit dem Saddam den Iran angriff). Küppersbusch: ""Seit dem zweiten Golfkrieg drohte Bush jun. mit einem Angriff auf Iran." Und dann sagt Friedrich Küppersbusch einen Satz, der in Marmor gemeißelt über den Eingangstüren deutscher Zeitungen angebracht werden sollte:
"Die Welt besteht nicht aus glücklichen westlichen Ländern und armen nichtwestlichen, die wir noch nicht kuriert haben."
Die Guten ...
... werden so selten gelobt, weshalb ich noch auf den großartigen Artikel von Elisabeth Raether über die französische Politikerin Rachida Dati hinweisen möchte. Was für eine traurige Erfolgsgeschichte! Eine Immigrantin aus Algerien (Vater: Maurer, Mutter: Putzfrau), die sich zur Richterin und mit 41 Jahren zur Justizminsterin unter Nicolas Sarkozy hocharbeitet, und mit der herrschenden Machtelite gegen die unteren Klassen paktiert. Jetzt wurde sie ins Europaparlament abgeschoben, weil Sarkozy offenbar mit ihr nichts mehr anfangen kann. Wie sang Neil Diamond so weise: The higher you pop, the longer you drop.
WWN*) (Krise? Welche Krise? Was fürn Klima?)
Spaß satt
Fun-Mobil mit über 600 PS: Tuner Fornasari baut einen neuen Geländesportwagen. Der "Racing Buggy" schafft 280 km/h. Ganz billig ist der Extremsportler aber nicht.
*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)
24. Juni 2009
Die Wahrheit
Schwestern, Brüder, Mitbürger! Es geht aufwärts, zur Sonne, zur Freiheit, zum Licht! Das Grauen ist besiegt! Goldene Zeiten brechen an! Die Zukunft liegt strahlend und glitzernd vor unseren Augen, der Regenbogen verkündet das Ende der Dunkelheit, denn gestern wurde schier Unglaubliches Wirklichkeit: Es erschien die erste Dienstagsausgabe der taz seit über einem Jahr ohne "Das geheime Tagebuch der Carla Bruni." Na bitte - geht doch!!! Jetzt glaube ich auch, dass gesellschaftliches Leben ohne Herrschaft von Menschen über Menschen möglich ist: Anarchie ist machbar, Herr Nachbar!
Sag ich doch: Die Autokanzlerin
"Ob Waldgesetz oder Umweltgesetzbuch, ob Effizienzgesetz, Versteigerung von CO2-Zertifikaten oder EU-Autorichtlinie: Praktisch jedes umweltpolitische Projekt dieser Legislaturperiode hat die Union bekämpft. Im besten Fall wurden die Gesetze dadurch nur verzögert oder abgeschwächt, häufig aber völlig verhindert." - Malte Kreutzfeldt, Ressortleiter Wirtschaft + Umwelt, taz
Noch Fragen? www.die-klima-allianz.de www.kohle-protest.de www.klimawahl2009.de
Die Piemont-Fraktion - weder gerührt noch geschüttelt: gehobelt
"An diesem ersten Abend lassen wir uns in einem Restaurant im nahen Provinzstädtchen Moncalvo Spaghetti mit weißem Trüffel (gehobelt) und Filetstreifen vom Wildschwein in Barolo servieren. Spät in der Nacht genießen wir noch die Stille des Weltalls - und eine Flasche süffigen Barbaresco der hiesigen Winzergenossenschaft Sette Colli." - Klaus-Peter Klingelschmitt, taz-Vertretung in Frankfurt, zur Frage, warum es "einfach zu schön" ist, mit 50 plus noch links zu sein.
Wow! Interview mit Hamas-Führer!
Wie konnte das passieren? Erst bin ich total verblüfft, weil ich schon angenommen habe, die Israel-Korrespondentin Susanne Knaul wäre mal von ihrer einseitigen Berichterstattung abgewichen. Doch beim zweiten Hinsehen fällt mir auf, dass Kirstin Helberg das Interview geführt hat. Trotzdem bleibt festzuhalten: In der taz kommt Musa Abu Marsuk zu Wort, Vize des Politbüros der Hamas, der Partei, die in Palästina die letzten demokratischen Wahlen gewonnen hat. Und er stellt eine berechtigte Frage: "Die internationalen Abkommen beinhalten das Rückkehrrecht der Palästinenser, die Zwei-Staaten-Lösung, Israels Rückzug aus den 1967 besetzten Gebieten, einen Siedlungsstopp und ein Ende der illegalen Landnahme. Alle diese Prinzipien werden von Israel verletzt. Wie können sie von Hamas eine Anerkennung früherer Abkommen fordern, an die sie sich selbst nicht halten?" Und bevor es ganz in Vergessenheit gerät, sei noch einmal daran erinnert: Der Gaza-Streifen wird von Israel immer noch zu Wasser und zu Lande abgeriegelt.
Wie immer
Zehn Tonnen einer ätzenden und wassergefährdenden Chemikalie, die abgekürzt HPN heißt, sind aus dem BASF-Stammwerk in Ludwigshafen in den Rhein gelaufen. Na, was glauben Sie, was der Pressesprecher als Erstes verkündet? Klaro: Eine Gefährdung von Mensch und Umwelt ist nicht zu befürchten.
Bundeswehr-Trauma: Alles gut und suffizient behandeln
Der Herr ist Psychiater, Spezialist für Traumaerkrankungen, und arbeitet für die Bundeswehr. Das ist brav, denn dort wird er benötigt: Zehn Prozent der Jungs, die in unseren Auslandskriegen eingesetzt werden, sind hinterher schwer gestört. Aber, so die taz schon in der Unterzeile: "Die psychische Störung ist in der Truppe ein Tabu, kann aber geheilt werden." Ah, prima, wir haben alles im Griff, seelische Kriegsschäden sind heilbar. Der Psychiater Peter Zimmermann auf die Frage, ob Traumapatienten danach wieder an Kriegseinsätzen teilnehmen können: "Doch, doch. Wenn jemand gut und suffizient behandelt wurde, gibt es gar keinen Grund, ihn nicht wieder ins Ausland zu schicken." Danach kann man ihn dann ja wieder gut und suffizient behandeln.
25. Juni 2009
Misstrauen
Warum werd ich nur immer so misstrauisch, wenn sich alle Medien einig sind? Ich sehe nur noch Propaganda, und jetzt wird Mahmud Ahmadinedschad von tagesschau.de auch noch dafür verantwortlich gemacht, dass ihn ein paar Rechtsradikale in Deutschland gut finden. Was die Kritik an England und der BBC-Berichterstattung betrifft: Da hat die iranische Führung ja wohl gute Gründe, jede Einmischung in innere Angelegenheiten des Landes zurückzuweisen. Die britische Upper Class glaubt seit Jahrhunderten, sie wüsste, wie man dem Rest der Welt eine bessere Regierungsform beibringt. Vor allem zwischen Mittelmeer und Ganges gibt es kein Volk, das nicht von den Briten belogen und betrogen worden ist, Iran ganz besonders bei den Auseinandersetzungen mit Russland im 19. Jahrhundert. Wer wissen will, was die britischen Kolonialisten im 20. Jahrhundert in Burma (Birma, Myanmar) angerichtet haben, dem empfehle ich die Lektüre von George Orwells Roman "Tage in Burma". Und die Nachfahren dieser britischen Upper Class, die bis in die Knochen korrupte politische Klasse von heute, hat erst vor ein paar Jahren - unter Mithilfe aller Medien von Sun bis BBC - ein propagandistisches Lügengebäude aufgebaut, um den Angriffskrieg gegen den Irak vor dem Wähler zu rechtfertigen. Tony Blairs Nachfolger Gordon Brown hat vor zwei Wochen ohne viel Umschweife deutlich gemacht, dass man eine unabhängige Untersuchung der Irak-Lügen vergessen kann, solange Labour die Regierung stellt. Im Gegensatz zu den Ereignissen im Iran kann Brown auch kein Wahlbetrug vorgeworfen werden - er hat sich nie einer Wahl gestellt. Und die USA? Bis vor Kurzem hat die Regierung in Washington selten eine Gelegenheit ausgelassen, dem Iran mit einem militärischen Angriff zu drohen (von den Gewaltandrohungen der Israelis mal ganz abgesehen, die alles in Grund und Boden bomben wollen, was mit dem iranischen Atomprogramm zu tun hat - wenn man ihnen nur freie Hand ließe). Wieso soll ich jetzt auf einmal auf der Seite Englands oder der USA, auf der Seite von Angela Merkel oder Benjamin Netanjahu stehen? Weil ein Video im Internet zeigt, wie eine junge Frau auf der Straße stirbt? Ging nicht erst vor ein paar Monaten ein Video um die Welt, in dem zu sehen war, wie britische Polizisten bei den Demonstrationen gegen das G-20-Treffen in der U-Bahn einen Mann umgebracht haben? Was ist der Unterschied zu dem Video aus Teheran? Dass es sich im einen Fall um eine junge Frau handelt, im anderen um einen Mann in mittleren Jahren? Es gibt noch ein Beispiel von Polizeigewalt aus den letzten Wochen, das allerdings nicht auf Video festgehalten wurde. Es passierte ganz in der Nähe: In Regensburg wurde am 30. April 2009 ein 24-jähriger Musikstudent mit dem ungewöhnlichen Namen Tennessee Eisenberg erschossen, der angeblich zwei Polizisten mit einem Messer bedroht hat. Bei der Obduktion fand man zwölf Kugeln aus Polizeipistolen in seinem Körper, einige trafen ihn im Rücken. Die Staatsanwaltschaft spricht, wie in solchen Fällen üblich, von Notwehr. Nichts gegen Menschen, die um eine 19-jährige Frau trauern, die in Teheran auf der Straße angeschossen wurde und gestorben ist. Nur: Wer weiß schon, was da passiert ist? Wer geschossen hat? Warum? Wo? Wann? Und was beweist ihr Tod? Ich weiß nur, dass das Video jetzt zu Propagandazwecken missbraucht wird. Demokratie ist, wenn dem Westen das Wahlergebnis passt.
"Die Welt besteht nicht aus glücklichen westlichen Ländern und armen nichtwestlichen, die wir noch nicht kuriert haben." -Friedrich Küppersbusch, 22. Juni 2009
26. Juni 2009
Neue Chefin bei der alten taz: Sie will "inhaltliche Relevanz ausbauen"
So steht es in taz.de:
Bascha Mika bleibt bis Mitte Juli im Amt. Nachfolgerin wird Ines Pohl (42). Pohl arbeitete bisher als Korrespondentin für die Mediengruppe Ippen in Berlin. Zuvor leitete sie das politische Ressort der Hessischen / Niedersächsischen Allgemeinen. 2004/2005 war sie als Stipendiatin der Nieman Foundation for Journalism für ein Jahr an der University of Harvard.
"Ich freue mich darauf, gemeinsam mit dem taz-Team in diesen Zeiten, in denen die sozialen Kosten der Finanzkrise immer deutlicher werden, das Profil der taz zu schärfen und ihre inhaltliche Relevanz auszubauen," sagt Ines Pohl.
Reiner Metzger bleibt stellvertretender Chefredakteur. Der bisherige stellvertretende Chefredakteur Peter Unfried wird Chefreporter und taz-Autor.
So weit die Ankündigung der taz in eigener Sache. Spiegel Online drückt den Sachverhalt so aus: "Peter Unfried, zweiter Stellvertreter, wird dagegen künftig nur noch als Autor und Reporter für die 'taz' arbeiten." Was der Spiegel-Mensch wohl meint mit "nur noch"? Der stellvertretende Chefredakteur, degradiert zum Chefreporter?
Interessant die Formulierung der taz, Ines Pohl hätte "für die Mediengruppe Ippen in Berlin" als Korrespondentin gearbeitet. Welcher Leser, der nicht gerade selbst aus der Branche kommt, kann sich darunter etwas vorstellen? Warum so verschämt? Warum sagt die taz ihren Lesern nicht, dass Pohl für den - hmmm - eher konservativ ausgerichteten Münchner Merkur des - hmmm - eher konservativ ausgerichteten Münchner Verlegers Dirk Ippen (68) gearbeitet hat? Schon merkwürdig, dass sie danach Chefredakteurin der taz wird. Oder gar nicht merkwürdig, folgerichtig? Solides Handwerk ist die Hauptsache, politischer Hintergrund nebensächlich - die taz 2009.
Das ist die "Mediengruppe Ippen" - eine kleine Auswahl: - Münchner Merkur (274.000 Expl., alle folgenden Auflagezahlen, sofern nicht anders vermerkt: verkaufte Auflagen laut IVW 3/05) - Hessische/Niedersächsische Allgemeine, Kassel (241.539 Expl.) - tz, München (155.289 Expl.) - Westfälischer Anzeiger Dazu kommen in ganz Deutschland acht weitere Lokalzeitungen und 20 Anzeigenblattverlage, und in Spanien die - Costa del Sol Nachrichten (12.000 Expl.) - Costa Blanca Nachrichten (24.000 Expl.) - Costa Cálida Nachrichten (5.000 Expl.)
Die Gesamtauflage der Tageszeitungen, die Dirk Ippen besitzt oder an denen er maßgeblich beteiligt ist, liegt bei über einer Million verkaufter Exemplare, sagt wikipedia.
27. Juni 2009
Der Kampf um Herzen und Köpfe oder: Can' t Buy Me Love
Als der Vietnamkrieg seinem Ende entgegenging, 1974, kam ein viel beachteter Dokumentarfilm von Peter Davis, einem US-amerikanischen Filmemacher in die Kinos: Hearts and Minds. Der Film hatte großen Einfluss auf die Antikriegsbewegung und wurde 1975 mit einem Oscar ausgezeichnet. Da hatten die Friedensverhandlungen in Paris bereits begonnen. In dem Film ging es um die verheerenden Auswirkungen, die der Krieg auf die Zivilbevölkerung hatte. Der Titel stammte aus einem Zitat von US-Präsident Lyndon B. Johnson: "Der endgültige Sieg wird von den Herzen und Köpfen der Menschen abhängig sein, die da draußen leben." (The ultimate victory will depend on the hearts and minds of the people who actually live out there). Daran musste ich denken, als ich in der taz von gestern die Reportage von Ulrike Winkelmann aus Farah im Süden Afghanistans gelesen habe. Anfang Mai hatten amerikanische Bombenflugzeuge 50 Kilometer nördlich von Farah mehr als 140 Zivilisten getötet. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, welch verheerende Auswirkungen das auf die Zivilbevölkerung hat. Wie die US-Army die Herzen und Köpfe gewinnen will, lässt sich am Ausspruch eines Presseoffiziers ablesen, den Winkelmann zitiert: "Wir gehen in die Dörfer und sagen, wenn ihr die Taliban rauswerft, geben wir euch Straßen, Kanäle, Schulen." Der US-Etat für Aufbauprojekte beträgt in diesem Jahr 7,5 Millionen Dollar, etwas mehr als doppelt so viel wie 2008. Ich weiß nicht, ob ich angesichts solcher Naivität lachen oder weinen soll. Sie glauben offensichtlich, sie könnten die Herzen und Köpfe der Afghanen kaufen.
-----------------------------------------------Kommentar am 28. Juni
Von jemandem, der's wissen muss, habe ich die folgende Information über die Gelder erhalten, die von der US-Regierung nach Afghanistan gepumpt werden: "Nur der Projektetat des PRT Farah (PRT= Provincial Reconstruction Team) ist auf 7,5 Mio gewachsen. Das Volumen der Entwicklungshilfe der USA in Afghanistan ist gewaltig. Allein der Etat für die Straßenbauprojekte in der kleinen Provinz Paktya (290 Mio Dollar) übersteigt den Gesamtentwicklungsetat Deutschlands für Afghanistan 2009 (170 Mio Euro)." 28. Juni 2009
Gute Nachrichten: sonntaz ganz okeh!
Ich musste zwei Mal durchblättern, bevor ich es glauben konnte: Der nichtsnutzige Medizinerbeitrag ist rausgeflogen. Da kann der Leser (ich) nur hoffen, dass dies keine einmalige Maßnahme bleibt. "Stethoskop" hieß die Kolumne, die aus unerfindlichen Gründen mit Erscheinen der sonntaz ins Blatt kam. Was für ein überflüssiger Unfug das war - könnte ja sein, dass die taz-Leute das selbst geschnallt oder bergeweise böse Briefe bekommen haben. Der Mediziner war weder besonders lustig, noch besonders eloquent oder originell oder gar alternativ - er war ein langweiliger Vertreter dessen, was man Schulmedizin nennt.
Davon abgesehen: Es gab eine ganze Reihe von feinen Doppelseitern in dieser sonntaz-Ausgabe, und sogar Anja Maier hat bei mir keine Aggressionen erweckt - im Gegenteil. Das Porträt von Bodo Ramelow hat mir endlich gezeigt, dass sie richtig gut schreiben kann, wenn sie sich nicht an verkrampften Spießerkolumnen versucht. Und Peter Unfried, der sich ja laut Hausmitteilung aufs Reportern und Schreiben verlegen wird, fing schon mal ganz entspannt mit einem Zweiseiter über die erfolgreichste neue Zeitschrift der letzten Jahre an: LandLust. Das Zweimonatsblatt erscheint in einem mittelständischen Landwirtschaftsverlag in Münster und verkauft 463.000 Exemplare - da mögen sich doch bitte die hochbezahlten Entwicklungsexperten bei den Großkonzernen in den Arsch beißen! Dass Unfried zu diesem Phänomen auch noch Ulf Poschardt befragte, den Exchefredakteur und Oberschaumschläger der gescheiterten Dumm-Elitenzeitschrift Vanity Fair, spricht für den hintergründigen Humor des taz-Manns. Poschardt meinte zu LandLust, "das Heft sei 'ohne jede Raffinesse'. Aber genau das habe 'etwas Bestechendes'." Ich war verblüfft, dass Poschardt doch noch nicht so weit in den neoliberalen Ferrari-Himmel entrückt ist, dass er so etwas sieht.
Vegetarier: Alles verkappte Nazis!
Es muss wohl gleich zu Anfang gesagt werden: Nein, ich bin kein Vegetarier. Aber mir fällt immer wieder auf, wie erbärmlich sich Fleischfresser in der Defensive winden, wenn sie über vegetarisches Essen schreiben. Der langjährige "Genuss"-Schreiber der taz, Till Ehrlich, macht da leider keine Ausnahme. Nicht nur, dass er seine Meinung zu Tofu, dem Sojaprodukt, das wie weißer Frischkäse aussieht, aus dem vorurteilsbelasteten Gedächtnis geschrieben hat. Hätte er nur mal in den letzten Jahren in einem Bioladen ins Kühlregal geguckt, wäre ihm bestimmt aufgefallen, dass es inzwischen dutzendfach Tofu-Zubereitungen mit verschieden Gewürzen und Gemüsebeigaben gibt, und nicht nur das - zugegeben - ziemlich geschmacksneutrale Natur-Tofu. Aber auch das isst ja niemand, ohne es nach eigenem Gutdünken zu verfeinern. (Abgesehen davon: Wonach schmeckt denn Fleisch, bevor es gewürzt oder gesalzen wird?) Ehrlichs Beitrag ist an Niedertracht kaum zu überbieten. Erst wiederholt er das immer wieder gern gebrauchte Dummbeutelargument, "bekanntlich zerstört der Sojaanbau die Umwelt und forciert die Armut". Klar, "bekanntlich"! Dafür fördert Rinder- und Schweinezucht die Umwelt und bekämpft die Armut. Wie blöd kann man denn werden? Nicht der Sojaanbau für menschliche Nahrung zerstört die Regenwälder, sondern der Sojaanbau für die Rinderzucht - um den entsprechenden Nährwert zu erreichen, verbraucht die Fleischproduktion das Fünf- bis Sechsfache von dem, was pflanzliche Nahrung dem Menschen - direkt verzehrt - liefert. Die Abneigung gegen vegetarische Kost steigert Ehrlich dann ins Bizarre - den Herstellungsprozess von Tofu beschreibt er so, dass einem der Appetit vergehen soll (Soja wird mit "ätzenden Magnesiumsalzen denaturiert"), und dann holt er auch noch die Faschistenkeule raus: Unter der Überschrift "Die Wunderbohne der Nazis" verkündet Till Ehrlich: "Die Sojaforschung wurde von den Nazis massiv vorangetrieben ... die heute in der vegetarischen Szene beliebten Bratlinge, Aufstriche und Sojawürste haben in der Nazizeit ihre Vorläufer." Da fällt die Schlussfolgerung nicht schwer: Vegetarier sind eigentlich alle verkappte Nazis. Ob Till Ehrlich noch alle Buletten in der Pfanne hat?
P. S. Darunter steht dann zu allem Überfluss das hirnlose Loblied aufs Steak von Jan Feddersen. Der findet den unwiderlegbaren Klassenstandpunkt bei seiner Argumentation für blutiges Rindfleisch und gegen pflanzliche Nahrung: "Weil aber BürgerInnen eher ungern in geschmackliche Nähe der aus ihrer Sicht Unterklassen kommen mögen, sie sich also lieber mit Tofu geißeln, als sich der Fleischeslust hinzugeben, hat das Steak keine gute Presse." Zugegeben, ich hab' von diesem taz-Redakteur schon so viel Schmarren gelesen, dass mich seine Argumentationen kaum noch wundern, aber dieser Satz gehört mit Sicherheit in die Top Ten der blödsinnigsten Feddersen-Sätze.
30. Juni 2009
Söldnerausbildung, finanziert von Ihnen, lieber Leser
Zugegeben, die Titelzeile klingt etwas überspitzt: Sie würden doch niemals Ihr Geld hergeben, damit jemand zum Söldner ausgebildet wird. Niemals! Es sei denn, Ihr Geld würde ohne Ihr Wissen dafür verwendet. Nun, genau so isses. Im Jahr 2008 wurden von der (von Ihnen finanzierten) Bundeswehr 1.721 "Fördermaßnahmen" bezahlt, damit Soldaten nach ihrem Abschied vom Bund ins "Sicherheitsgewerbe" wechseln können. Damit finanziert der Verteidigungminister zum Beispiel auch "Fortblidungen bei der International Security School in Israel. Da werden die Leute nicht zu Disco-Rausschmeißern ausgebildet, sondern zu Söldnern." Das behauptet der Journalist Franz Feyder in einem taz-Interview, das Ulrike Winkelmann für die Samstagsausgabe geführt hat. Feyder hat unter dem Pseudonym Franz Hutsch gerade ein Buch veröffentlicht mit dem Titel "Exportschlager Tod. Söldner als Handlanger des Krieges" (Econ Verlag). Nun weiß ich nicht, was die International Security Academy alles anbietet, aber wer auf ihrer Website vorbeischaut, kriegt den Eindruck, dass sie dort unter dem Angebot "Protection & Counter Terrorism" ziemlich kriegerische Einsätze wie Straßenkampf und Schiffe entern verstehen. Die ISA ist eine private Einrichtung, die 1992 von Mirza David im israelischen Herzliya gegründet wurde. Auch Ulrich Wegener, der legendäre GSG 9-General, hat für David in leitender Funktion gearbeitet und "Sicherheitskräfte" ausgebildet. Er war "Präsident" dieses israelisch-deutschen Joint Venture. Vielleicht stammen daher die guten Verbindungen zum Verteidigungsministerium in Berlin, vielleicht wird deswegen die "Fortbildung" aus dem Etat von Franz Josef Jung finanziert. Schon 1999 schrieb die Berliner Zeitung: "Mit Schluchten, künstlich angelegten Hinterhalten und Baracken - hier werden Attentate und Sturmangriffe zur Befreiung von Geiseln simuliert - dürfte sich die Anlage kaum von Ausbildungscamps irgendwelcher Guerilleros unterscheiden." Na ja, das Angebot bei der ISA heißt nicht umsonst Counter Terrorism. Ulrich Wegener wird übrigens am 22. August 80 Jahre alt.
So ein Mist aber auch
Gut, dass ich die Angewohnheit habe, die taz von hinten nach vorne zu lesen. So konnte ich den Text von Gabriele Goettle über Sophie Bayer so lesen, wie die Autorin es wollte: Mit einem Schluss, der den Leser trifft wie ein Schlag in die Magengrube. Ich musste heftig schlucken, um die Tränen zurückzuhalten. Was sich die taz-2-Redaktion allerdings mit der Ankündigung von Gabriele Goettles Text geleistet hat, lässt sich an Dummheit nur schwer übertreffen. Ich hab's ja dann, Gott sei Dank, erst beim Vorblättern gelesen. Nicht nur, dass sie Goettles schicksalhafte Pointe verraten, verwenden sie - ohne die leiseste Spur von Feingefühl für die beschriebene Tragik, völlig hirn- und mitleidlos - das Geschehen auch noch, um es mit der daneben stehenden Kurzankündigung zu einem dummen Kalauer zu verbinden. Nein, ich will nichts zitieren, könnte ja sein, dass Sie diese Geschichte über Sophie Bayer erst im nächsten Buch von Gabriele Goettle lesen, oder sich die Montagstaz noch mal vornehmen und von hinten aufblättern - ich kann Ihnen nur sagen: Dieser Text gehört zu "Best of Goettle". Wobei ich der Meinung bin, dass es schlechte Texte von ihr nicht gibt, nur gute und sehr gute.
Uuuuäääähhhh!!!!!!!
Himmelherrgottnochmal - schon am Sonntag wurde der Doktor von Michael Jackson in den BR-Nachrichten als "Leibarzt" bezeichnet, und ich hab' mir gedacht: Was für ein Schwachsinn, dieser Asudruck. Und was schreibt die von mir sonst sehr geschätzte Jenni Zylka über Conrad Murray? Er sei Michael Jacksons "Leibarzt". Schrei-end da-von-lau-fen möchte ich manchmal.
Zitat
"Er war möglicherweise der größte Künstler, ganz sicher aber die ärmste Sau des Universums." - Friedrich Küppersbusch über Michael Jackson
Vorsicht, Dünkel!
Im Gewande berechtigter Kritik an der iranischen Regierung kommt nicht nur ein gerüttelt Maß exiliranische Propaganda daher, sondern auch westliche Überheblichkeit, dünkelhafte Hetze gegen Dinge, die man nicht versteht, rassistisches Denken, unverdaute kolonialistische Einstellungen und herablassende Besserwisserei - man sollte gaaanz vorsichtig sein, wenn man als Journalist auch noch Öl ins Feuer gießt. Eine Schlagzeile wie "Keine Geschäfte mit den Mullahs" wirft so einige Probleme auf, vor allem, wenn Mullah als Schimpfwort gebraucht wird. Und wem hilft es, wenn deutsche Firmen keinen Handel mit dem Iran treiben? Vielleicht sollte ich auch mal wieder daran erinnern, dass der Iran in seiner neueren Geschichte niemals einen seiner Nachbarstaaten angegriffen hat. Und dass die deutschen Interessen nicht identisch sind mit denen der USA, Israels oder Großbritanniens.
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