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2. Juli 2009

Keiner kommt hier lebend raus

Nur damit Sie sich, treuer tazblog-Leser, nicht irgendwelche unbegründeten Sorgen machen, weil gestern kein Eintrag und keine Anmerkungen zur taz vom Dienstag kamen: Ich lebe noch. Aber es gibt begründete Sorgen, und die Pause hängt eng damit zusammen: leben tu ich schon noch, aber vielleicht nicht mehr lange.
Ich fand die Songzeile von Jim Morrison ausgesprochen cool, damals, als das Lied Five to One herauskam:

Five to one, baby
One in five
No one here gets out alive, now
You get yours, baby
Ill get mine
Gonna make it, baby
If we try

So genau weiß bis heute keiner, was mit "fünf zu eins, einer von fünf" gemeint war, aber die nächste Zeile hat voll gepasst. Das wurde auch der Titel der ersten Biographie über ihn: "No one here get's out alive". Zu der Zeit war Jim Morrison schon tot.
Keiner kommt hier lebend raus. Du kriegst das Deine, ich das Meine.
In meinem Fall wird's wohl ein Abgang mit Vorwarnung: Noch ein halbes Jahr, wenn ich nichts unternehme, etwas länger, ein paar Jährchen möglicherweise, wenn ich die gängigen Therapien mitmache. Aber sicher weiß das keiner. Wenige Tage nach der Diagnose, ein paar Wochen, ein halbes Jahr, oder auch Sieg und weiterleben - sicher weiß das keiner.
Es ist ein sehr, sehr blödes Gefühl, wenn dir der Arzt die Bilder von der Computertomographie zeigt und dir erklärt: "Hier, die dunklen Flecken auf der Leber, das sind alles bösartige Tumore."
Und ich schlucke und frage: "Wollen Sie damit sagen, dass ich Leberkrebs habe?"
Er schaut mir sehr ernst in die Augen: "Sie haben Krebs, und die Metastasen haben sich auch auf die Leber ausgebreitet, und auf die Lunge, und auf die Milz. Wo der Ursprung ist, kann ich jetzt nicht sagen. Das müssen Sie morgen im Krankenhaus Rechts der Isar herausfinden lassen."
Das ist der Stand von heute, 2. Juli 2009, nachdem ich gestern zum Arzt gegangen bin, weil ich vor lauter Schmerzen unter dem rechten Rippenbogen die ganze Nacht nicht schlafen konnte.
Keiner kommt hier lebend raus - schon recht, aber ich wäre ganz gern noch ne Weile dabei geblieben.
Ich melde mich wieder - gonna make it, baby, if we try.

---------------------------------Kommentar am 2. Juli

Betreff: don´t back down!

Lieber Hans Pfitzinger,
hab gerade mal wieder beim tazblog vorbeigeschaut und die Hiobsbotschaft gelesen. Scheiße!!!
Was soll ich sagen - mach Tom Pettys "I won´t back down" zu Deinem Motto. Dann schaffst Du´s bestimmt! Das wünschen Dir sicher auch alle Deine LeserInnen aus der taz!
Um abraço
Gerhard Dilger, Porto Alegre

--------------------------------------Kommentar 3. Juli
 Lieber HANS Pfitzinger,
 da treibt es mich aus unerfindlichen Gründen mal wieder auf Ihr Blog. Wahrscheinlich weil Sie schreiben können!
 Und jetzt sitzt der Schrecken tief. Abgrundtief!
 Welche Offenheit!
 Ich wünsche Ihnen GLÜCK, Zuversicht, Vertrauen in die eigene Stärke, ein kompetentes Team von Ärzten und, ich wiederhole,  Zuversicht.
--
mit freundlichen Grüßen
Bernd Romeike, Düsseldorf


7. Juli 2009

Das Ende der Freiheit

Als Erstes verlierst du die Verfügungsgewalt über deinen Körper. Der gehört jetzt den Ärzten und ihren Helferlein, die dir Spritzennadeln in die Armbeuge drücken und Blut absaugen und riesige blaue Flecken hinterlassen. Dann nehmen sie dir die Freiheit, zu bestimmen, was du isst oder trinkst - essen darfste gar nichts, dafür sollste sechs Liter milchige Bitterbrühe trinken, die deinen Darm zur völligen Entleerung bringt. Okeh, Reinigungsritual, kenne ich vom Fasten.
Dann schieben sie dir eine biegsame Stahlröhre in den Darm, mit einer winzigen Kamera und einer Leuchte dran. Das heißt Coloskopie, auch Darmspiegelung, und ist, zugegeben, faszinierend, wenn man es auf dem Bildschirm in der Vergrößerung verfolgt - wie Höhlenforschung. Ich hab mich nicht eindämmern lassen, weil ich sicher war, das mich so eine Spritze einen halben Tag lang danach noch deprimieren würde. So konnte ich den Weg der Darmsonde mitverfolgen, und hatte anschließend das aufbauende Gefühl: Klassedarm, den du da hast - und keine Tumore.
Die Suche geht weiter. Heute ist Gastroskopie, ein ähnliches Verfahren, bei dem ein Schlauch mit Kamera und Lampe in Speiseröhre und Magen versenkt wird.
Krebs ist ein Ganztagsjob, wenn man die Stunden in den diversen Wartezimmern mitrechnet. Du verlierst die Freiheit, über deine Zeit zu verfügen und dich aufzuhalten, wo du willst. Ich sitze stundenlang in mehr oder weniger großen Wartezimmern. Um dem Horror Stern-Spiegel-Zeit-Bunte-Gala nicht ausgeliefert zu sein, habe ich Erich Kästner und Arno Schmidt als Verbündete mitgebracht. Die taz auch, aber die Welt, aus der da berichtet wird, kommt mir vor wie Kinderkram, ein schlechter Witz.
Den Patienten - trotz vorher ausgemachten Termins - eine Stunde warten zu lassen, das sehen sie im Rechts der Isar als ganz normal an, auch wenn er, so wie ich heute, seit dem Aufstehen am Morgen sechs Stunden nichts gegessen und getrunken hat - da kommt's dann auf eine weitere Stunde auch nicht mehr an.
Menschen in Wartezimmern - Einzelne sind in der Minderzahl, Ehepaare häufiger. Man begleitet den Partner zur Untersuchung. Finde ich rührend.

7. Juli, Nachmittag

Diese Gastroskopie war wesentlich unangenehmer als die Darmspiegelung, das Ergebnis auch: Tumor am Ende der Speiseröhre kurz vor dem Mageneingang. Das isser! Ich hab ihn mir angeschaut, und der Drecksack sieht ganz harmlos aus, wie wenn man  sich aus Versehen in die Backe beißt beim Kauen, nur etwas größer.
Tja, und das ist die Lage: Speiseröhrenkrebs in fortgeschrittenem Stadium, und die Metastasen haben sich bereits auf Leber, Lunge, Milz ausgebreitet. Ich habe nachgeguckt, was die Schulmedizin vorsieht:
- Chemotherapie, um den Tumor zu verkleinern
- dann Operation an der Speiseröhre, wobei großzügig drum herum gesundes Gewebe mit herausgeschnippelt wird, um auf Nummer sicher zu gehen
- möglicherweise Entfernung der Speiseröhre und direkte Verbindung zum Magen, damit der Patient weiterhin essen kann
- danach weiter Chemotherapie, weil ja Leber etc. befallen sind

Ich will das alles nicht - das Leben, das mir da um ein paar Monate verlängert wird, stell ich mir furchtbar vor.

Im Erdgeschoß des Klinikums gibt's eine katholische Kirche. Ziemlich groß, menschenleer an diesem Dienstagmittag. Da setze ich mich eine Weile in die letzte Bank zum Beten und Meditieren.

Wer eins wird mit dem Tao,
Den umfängt seinerseits willig das Tao.
Wer eins wird mit der Kraft,
Den umfängt seinerseits willig die Kraft.
Wer eins wird mit dem Versäumnis,
Den umfängt seinerseits willig das Versäumnis.

Wem es an Glauben mangelt,

Dem wird man auch keinen Glauben schenken.

- Lao-tse, Tao-te-king. Der Weg und die Kraft, Kapitel 23, Die stetige Wirkkraft der Haltung

WWN*)

Himmlisch schön, höllisch teuer

Es ist das Sommerauto der Superlative - und höchst exklusiv: Von Paganis neuem Roadster Zonda Cinque soll es nur fünf Stück geben. Die bieten dafür aber jede Menge Power.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)
 
--------------------------------Kommentar am 7. Juli
Betr.: tazblog,  2. Juni
Mann, das ist ja mal ne Nachricht!
Ging erst heute ein, da ich ein paar Tage weg war.
Nach dem ersten Schreck lähmte mich Sprachlosigkeit.
Dann blätterte ich bei Robert Gernhard.
In seinem "Späten Spagat" schrieb er auf Seite 21 einen "Dialog":
- Gut schaust du aus!
- Danke! Werds meinem
  Krebs weitersagen.
  Wird ihn ärgern.
 
Also, lieber Hans, so wird's das Beste sein: Genieße was geht und ärger deinen Krebs!
Und wenn du was brauchst, lass es mich wissen.
Herzlichst, dein Lotsch


10. Juli 2009

"Mut zur Heilung"

Da hat mir doch tatsächlich ein Mensch aus Berlin gemailt, ich würde mit meinem Gejammer anderen den "Mut zur Heilung" nehmen. So ein Schmarren!
Es gibt Banalitäten, die ich nicht unbedingt ständig aufwärmen will, aber vielleicht ist es nötig: Ja, man kann sich nur selbst heilen. Aber ich halte es für töricht, dabei nicht nach Verbündeten zu suchen und Hilfe anzunehmen, wenn man allein nicht mehr weiter weiß. Was ich in dieser Woche an Diagnoseverfahren erlebt habe, bestärkt mich in meiner Haltung: Bloß nicht aus falsch verstandener Technikfeindlichkeit auf klare Antworten verzichten. Wenn es möglich ist, Tumore und ihre Lage festzustellen, ohne den Menschen aufzuschneiden, dann halte ich das für einen ausgesprochen wünschenswerten technischen Fortschritt. Und es bedeutet nicht, dass ich damit von anderen Menschen erwarte, dass sie mir meine eigene Heilarbeit abnehmen. Es bedeutet, dass ich ihre Hilfe annehme.
Und wenn ich in dem Gewusel und der Hektik eines großen Klinikums einen menschenleeren, stillen Ort aufsuche wie die katholische Kirche im Rechts der Isar, dann bedeutet das nicht, das ich Heilung von einer kirchlichen Institution erwarte, dann heißt das nur, dass ich allein sein will, in mich gehen will, um meine Gedanken zu ordnen oder hinter mir zu lassen - Ziel der Meditation. Gott begegnen, so wie ich ihn verstehe.
Also, so weit ich die Dinge beurteilen kann, stehe ich jetzt, nach vorläufigem Abschluss der Diagnosephase, vor der Entscheidung: Chemotherapie mit anschließender Operation, ja oder nein. Ich seh den Hauptarzt aus der Tumorabteilung erst am Montag wieder, aber der Gastroskopie-Mensch hat mir das bestätigt, was die "Schulmedizin" in solchen Fällen vorsieht: Erst Tumor verkleinern durch Chemotherapie, dann operativ entfernen, dann weiter Chemotherapie, weil ja die Tumore schon auf andere Organe übergegriffen haben. Was ich mir so an Informationen zusammengetragen habe, läuft darauf hinaus: Machste keine Chemotherapie, dann stirbst du. Machste Chemotherapie, stirbst du auch, aber später - entweder an der Chemotherapie oder an Krebs -, und du verlängerst dein Leben um ein paar qualvolle Monate oder auch mehrere Jahre. Ich werde mich weiter erkundigen.
Seit Wochenanfang krieg ich Spritzen mit Mistelextrakt und ein Präparat mit Milzpeptiden zur Therapieunterstützung. Jemand hat mir eine Öl-Eiweiß-Diät empfohlen, da futterst du Hüttenkäse mit untergerührtem Leinöl und geschroteten Leinsamen. Mach ich gern, kann sicher nicht schaden.
Das Verblüffendste an meinem jetzigen Zustand ist: Ich habe halbe Tage und Abende, an denen alles so ist wie vorher - ich fühl mich wohl, bin fröhlich und guter Dinge, rede mit Freunden wie immer. Der Arzt hat gemeint, ich soll ruhig wieder das Lauftraining fortsetzen, wenn meine Sehnenreizung am Oberschenkel vorbei ist. Aber ich werde sicher nicht mehr so extrem laufen, um meine Abwehrkräfte nicht durch Erschöpfung zu schwächen. Wandern und spazieren geht eh völlig schmerzfrei, radfahren auch, und das tu ich jeden Tag.
Ach Mist, sone Scheiße aber auch.
Montag weiß ich vermutlich mehr.

11. Juli 2009

Hans im Glück

Heh, ich bin Hans im Glück, und The Who ham sogar mal einen Song über mich gemacht ("Happy Jack"). Vorgestern war ich eine Stunde zu früh dran zur CT, weil die Deppen von der Tumor-Ambulanz mich eineinhalb Stunden vorher reinbestellt hatten. Ich nix wie raus aus dem Rechts der Isar, und rübergewandert in die Kirchenstraße, zur Alten Johanniskirche, wo der kleine Friedhof ist. Kenn ich beide gut von meinen Stadtwanderungen, und im Vorraum der Kirche steht auf einer Tafel eingelassen in die Wand der 23. Psalm ("Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln ..."). Wenn ich meine Wäsche in Müller's Waschsalon in die Trommel gestopft habe, geh ich da immer hin und lese den Psalm laut, wenn keiner da ist. Meistens ist keiner da. So auch vorgestern, aber jemand hat die Orgel gespielt. Wow! Extra für mich. Also hab ich mich in die Bank im Vorraum gesetzt und gelauscht - ein Meister war am Werk, ruhige, unaufgeregte Improvisationen ohne Punkt und Komma. So ging das fast eine Stunde, und ich hätte beinahe meinen Termin zur Computertomographie vergessen. Die Orgel ging immer noch weiter, aber ich musste los, und bin fröhlich zum Rechts der Isar zurückgehüpft.
Das mein ich mit "Hans im Glück".
Nein, ich geb nicht auf, aber ich will auch nicht mit Brachialgewalt mein Leben verlängern. Wenn's fertig ist, dann isses fertig.
Noch so ein Glücksfall: Mein Arzt, Ende 30, ist Allgemeinmediziner. spezialisiert auf ganzheitliche Medizin, Naturheilkunde und Akupunktur (traditionell und Laser), und ich hab das Gefühl, ich krieg den besten Rat von ihm aus Schul- und Alternativmedizin.


Der Rückzug


Könnte ja sein, dass sich jemand erinnert: Am 8. 8. 08 habe ich mal wieder das I Ging ausgezählt und hier des Breiten im tazblog zitiert. Das war der Tag, als die Olympiade in Peking eröffnet wurde, und wer genau hingeschaut hat, konnte bereits den Krieg in Georgien herauslesen, der erst Stunden später in den Nachrichten kam. Jaja, schon gut, alles eine Frage der Auslegung (hier nachzulesen).

Am 2. Juli, nach der Krebsdiagnose, habe ich es wieder ausgezählt mit den Schafgarbenstengeln ("Zum Wahrsagen gehört die Zahl von 50 Stengeln. Davon wird einer beiseite gesteckt und kommt weiter nicht in Betracht." Isses nicht wunderbar?). Jedenfalls kam das Zeichen 49 dabei heraus, "Go / Die Umwälzung (Die Mauserung)". Da wird einiges über Umwälzungen im Gemeinwesen erklärt, aber ich hatte auch noch zwei Wandellinien, unten und oben, die mir erklärt haben, zunächst noch nichts zu unternehmen, mich mit dem Möglichen zufrieden zu geben.
Das Zeichen, das sich dann ergab war 33, "Dun / Der Rückzug": "Der Rückzug. Gelingen. Im Kleinen ist fördernd Beharrlichkeit." Das Zeichen wird dann so erklärt: "Die Verhältnisse sind so, dass die feindlichen Kräfte, durch die Zeit begünstigt, im Vorrücken sind. In diesem Fall ist der Rückzug das Richtige, und eben durch den Rückzug erlangt man Gelingen. Der Erfolg besteht darin, dass man den Rückzug richtig auszuführen vermag. Rückzug ist nicht zu verwechseln mit Flucht, die auf weiter nichts bedacht ist als Rettung unter allen Umständen. Rückzug ist ein Zeichen von Stärke. Man darf den rechten Moment nicht versäumen, solange man in vollem Besitz von Kraft und Stellung ist. Da versteht man rechtzeitig die Zeichen der Zeit zu deuten und bereitet einen zeitweiligen Rückzug vor, statt sich in einen verzweifelten Kampf auf Leben und Tod einzulassen. So räumt man auch dem Gegner nicht ohne weiteres das Feld, sondern erschwert ihm das Vorrücken, indem man im Einzelnen immer noch Beharrlichkeit zeigt. Auf diese Weise bereitet man im Rückzug schon den Umschwung vor. Die Gesetze eines solchen aktiven Rückzugs zu verstehen ist nicht leicht. Der Sinn, der in solcher Zeit verborgen liegt, ist bedeutend."
Das Beharrlichkeit fördernd ist, zieht sich durchs ganze I Ging, und muss nicht als weltbewegende Neuigkeit betrachtet werden. Aber was da in der Erklärung steht, habe ich durchaus auf meine Situation bezogen, vor allem das mit dem zeitweiligen Rückzug, statt sich auf einen Kampf auf Leben und Tod einzulassen. Nach meinem jetzigen Kenntnisstand ist Chemotherapie genau das: Ein Kampf auf Leben und Tod.
Aber ich werde mich weiter erkundigen.
Danke auch für den Rat und den Zuspruch, den ich jetzt auch von völlig unerwarteter Seite bekomme. Das ist schön, und sehr wichtig für jemanden in meiner Lage.
Ich melde mich wieder.


12. Juli 2009

sonntaz: BamS am Samstag

Gute Gründe gäbe es, über die sonntaz herfallen: BamS am Samstag. Jetzt drucken sie auch noch eine (ständige???) Kolumne von Yoani Sánchez, dieser völlig überschätzten, von deutschen Mainstream-Medien missbrauchten Bloggerin aus Kuba. Und auch noch zwei Seiten plus Titelbild Tränendrüsenboulevard: Interview mit einem armen, unterdrückten, politisch bewusstlosen Mädchen aus dem Iran. So eine dümmliche Propagandascheiße.

14. Juli 2009

Nichts dazugelernt

Erich Kästner hat es seinen Landsleuten schon Anfang der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts ins Buch ("Fabian") geschrieben: "Die Gegenwartskrise ohne eine vorherige Erneuerung des Geistes lösen zu wollen, ist Quacksalberei." Der Geist ist krank, und sie weigern sich, dazuzulernen.
Aktuelle Quacksalberei I: Dieses Solarstromprojekt, bei dem mit Milliardenaufwand Sonnenkraftwerke in die Wüste gesetzt werden, zeugt vom selben Profitgeiergeist und Größenwahn wie die Atomkraftwerke.
Aktuelle Quacksalberei II: Sie wolllen eine 3.000 Kilometer lange Pipeline durch die Türkei bauen, um den "Energiebedarf" in Europa zu decken. Das zeigt auch nur, dass diese Führungseliten in Wirtschaft und Politik nichts dazulernen wollen. Kein Wunder, dass bei dem Gasröhrenprojekt mit dem klangvollen Namen "Nabucco" wieder ein ausgemachter Opportunist wie der Ex-Obergrüne Joseph Fischer seine Gierfinger im Spiel hat.
Wenn ich das schon höre: "Energiebedarf"! Allein der Begriff legt doch fest, dass alles - inklusive zerstörerische Industrieproduktion und Betonierung der Natur - so weitergehen soll, wie bisher. Wozu Energie gebraucht und verwendet wird, danach fragen sie gar nicht. Sie sorgen vor, dass weiterhin einige Großkonzerne den Rest der Menscheit abzocken. Nur machen sie ihre Riesenprofite nicht mehr mit Atomstrom, sondern mit Solarstrom aus Afrika und Erdgas aus Mittelasien statt Sibirien.
Man darf sie nicht so weitermachen lassen, sie sind wahnsinnig.

Und die Therapie?

Im Augenblick neige ich doch zu Chemotherapie - der Arzt im Rechts der Isar hat mich fast überzeugt: Meine Leber ist so stark von Tumoren angegriffen, dass ich in den nächsten drei Wochen was unternehmen muss. In meinem Stadium kann ich es mir nicht erlauben, auf die Wirksamkeit alternativer Therapien zu warten. Das ist für Menschen, die Aussicht auf mehr Lebenszeit haben, also nicht für mich. Übermorgen werde ich mich mit dem Allgemeinmediziner beraten, der auf ganzheitliche Medizin spezialisiert ist. Danach muss ich mich wohl entscheiden. Guter Rat ist herzlich willkommen!
Vor zwei Wochen wusste ich noch nicht mal, dass die Wissenschaft, die sich mit bösartigen Tumoren im weitesten Sinne befasst, Onkologie heißt. Inzwischen habe ich auch noch dazugelernt, dass man von Palliativmedizin spricht, wenn es darum geht, Schwerstkranken das Leben (und den Abschied von selbigem) etwas zu erleichtern (gestern habe ich noch gedacht, es heißt "pallitativ" ...). Worauf ich hinaus will: Auf einer Website zum Thema Speiseröhrenkrebs habe ich gelesen, Chemotherapie fällt im so  weit fortgeschrittenen Stadium wie bei mir bereits unter Palliativmedizin.
So sieht's aus, und der Mond nimmt gerade ab.


Flohmarktschnäppchen

Mein uuuralter Kollegenfreund Ulli J. treibt sich zu gerne mit Frau und erwachsener Studi-Tochter und ebenfalls volljährigem Schülersohn auf Flohmärkten und bei Hinterhofverkäufen rum. Da findet er manchmal ganz wunderbare Schätze, mit denen er nur ausnahmsweise selbst was anfangen kann, bei denen er aber sofort denkt: Damit kann ich dem Hans eine Freude machen. So bin ich zu einer ganz wunderbaren Ausgabe von Wilhelm Raabes "Hungerpastor" aus den Zwanzigerjahren gekommen. Neulich schleppte er einen Gedichtband von Erich Kästner an, "Der Gegenwart ins Gästebuch", schön gebunden, Büchergilde Gutenberg, 1955. Oh Freude, die dadurch erhöht wurde, dass Ulli ihn vor dem Verschenken auch noch selbst gelesen hat. Und gestern, als wir uns unterm Espenlaub beim Tivoli-Pavillon getroffen haben (siehe "Stille Winkel in München", Seite 76), brachte er ein gebundenes Buch mit, gut 300 Seiten mit lilafarbenem Schutzumschlag: Christian Morgenstern, "Das Schönste aus seinem Werk". Stammt von 1965, Südwest-Verlag, und der Buchhändler hat vorne den Preis mit Bleistift reingeschrieben: 7,80. (Mark, nicht Euro!) Nun steh ich mit Christian Morgenstern auf vertrautem Fuß, hatte mal eine Gesamtausgabe von Piper, habe spät seine Tagebuchnotizen entdeckt und damit einen großen Bruder. So blätterte ich denn am Abend, Kissen im Rücken, Leselampe über der linken Schulter, zuerst im Inhaltsverzeichnis: "Aphorismen - Tagebuchnotizen, S. 271". Und was steht da als Erstes?
"Es ist wohl gerade in unserer aufgeregten Epoche mehr denn je nötig, den Blick aus den Tagesaffären emporzuheben und ihn von der Tageszeitung weg auf jene ewige Zeitung zu richten, deren Buchstaben die Sterne sind, deren Inhalt die Liebe und deren Verfasser Gott ist."

WWN*)

Wenn Stars daneben greifen

Stilsicher? Von wegen! Auch Promis greifen mal in die Klamottenkiste statt in den passenden Kleiderschrank. Wir zeigen Ihnen die größten Ausrutscher der Reichen und Schönen.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)



16. Juli 2009

Wunder

Ist es nicht eher so, dass der Schulmedizinmann an ein Wunder glaubt? Das wäre ja rührend. Wunderwaffe Chemotherapie. Es gibt keine Alternative, sagt er.
Nein, an ein Wunder glaubt er vermutlich nicht. Aber er hat gelernt, dass man sonst nichts tun kann.
Die verbreitete Anschauung in unserer Gesellschaft hält es für richtig, lieber irgendetwas zu tun, als nichts zu tun.

Sommerlied

O Sommerfrühe blau und hold!
 Es trieft der Wald von Sonnengold,
 In Blumen steht die Wiese;
 Die Rosen blühen rot und weiß
 Und durch die Felder wandelt leis'
 Ein Hauch vom Paradiese.

 Die ganze Welt ist Glanz und Freud,
 Und bist du jung, so liebe heut
 Und Rosen brich mit Wonnen!
 Und wardst du alt, vergiß der Pein
 Und lerne dich am Widerschein
 Des Glücks der Jugend sonnen.

Emanuel Geibel (1815-1884)

Mit Carlo im Dschungel - Tage mit Goldrand

Um sieben Uhr abends regt sich kein Blatt am Tivoli-Pavillon, alle Wolken haben sich verzogen. Noch ein glücklicher Tag war mir beschert, gegönnt, verabreicht. Ich konnte dem Axel den Dschungel zeigen (siehe "Stille Winkel in München", S. 87), mich an seinem kleinen Struppi-Hund Carlo freuen, der völlig ekstatisch wie ein kleiner löwenfarbener Kugelblitz durch die Wildnis fegte, und es hat nicht angefangen zu regnen, und wir sind an der Opitzstraße rüber zum Hang gelaufen, vorbei an der streng bewachten Residenz des US-Konsuls, und dann am Brunnbach entlang zurück zur Herzogparkstraße, und die schöne breite Treppe hoch, und gleich weiter über die Max-Josef-Brücke, weil der Axel unbedingt zum Chinesischen Turm wollte. Da war es überraschend ruhig und werktäglich, Stände für Weißwurstverkauf und Schmalznudeln wurden aufgebaut, weil am Sonntag mal wieder der Kocherlball stattfindet, der schon um sechs Uhr morgens losgeht (Einzelheiten entnehmen Sie bitte der Lokalpresse, geneigter Leser).
Also hat sich der Axel zünftig eine Mass gekauft, wie es sich gehört, und für mich eine Halbe, weil ich mittags nicht so viel trinken will, und wir haben uns mit dem Carlo ein halbes Hendl geteilt, und grad schee war's.
Ja, die kleinen Freuden.

Und sobald ich allein bin, komme ich dem brennenden Thema nicht aus: Was passiert, wenn ich die Chemotherapie nicht mache? Wenn ich mir keinen "Port" unterhalb vom Schlüsselbein einpflanzen lasse? Das ist ein kleines Plastikkästchen mit einem Schlauch dran, der zu einer Vene führt, und der "Port" hat oben eine Gummimembran, durch die man die Chemomedikamente einspritzt, so dass nicht bei jeder Infusion eine Vene angestochen werden muss. Sind sie nicht genial, unsere Medizinmänner? "Den Port kann man später wieder entfernen", meint Dr. von B. zuversichtlich.
Später? Na ja, wenn und falls der Patient keine Infusionen mehr braucht.
Ich schau hinauf zum Himmel und suche die Misteln in den dicht belaubten Espenwipfeln, und da kommt eine kleine Brise auf, das Espenlaub neben dem Mistelball zittert im Wind und blitzt goldene Reflektionen der Abendsonne zu mir herunter.
Lass los, Alter!
Jetzt muss ich wieder heftig schlucken.

Subtilität

Die biegsamsten Teile der Welt
Überwinden die starrsten Teile der Welt.
Das Hauchzarte kann unaufhörlich eindringen.

Deshalb weiß ich, Nutzen erwächst ohne Handeln.

Diese Philosophie ohne Worte,
Dieser Nutzen ohne Handeln -
Selten, dass man sie in dieser Welt erlangt.

Lao-tse, Tao-te-king, Kapitel 43, Subtile Kräfte



17. Juli 2009

Gestern war Sommer

Gitarrenklänge wehen herüber. Dort drüben hinter den Büschen sitzen sie auf den klobigen Holzbänken um den Balkentisch, gleich neben der Sommerstockbahn, trinken Bier und ratschen und hören dem Typen zu, der die alten Vor-Dylan-Folksongs drauf hat.
Gestern nachmittag wusste man: Heute, 16. 7.,  kommt kein Gewitter, es wird nicht mehr regnen, und die weißen Wolken sind Schönwetterboten. Der Arzt hat mir Aufschub verschafft - zwei Wochen haben wir Zeit, um zu sehen, ob die Misteltherapie was bringt. Heute war ich - morgens, nüchtern - zum Blutabzapfen in der Praxis. Vergleichswerte feststellen.
Was für ein traumhaft schöner Sommertag das war gestern, und ich blieb bis halb neun draußen unter den Bäumen. Man konnte riechen, wie es kühler wurde, der Duft von frischem Heu, Linden- und Ahorn- und Espenlaub,  von Ebereschen und Josephs Geranien. Weil's so schön war und außer mir nur zwei Leute in dem Gärtchen saßen, hab ich mir noch, wie in alten Zeiten, ein drittes Bier geholt und in "Klingsors letzter Sommer" weitergelesen, Hermann Hesse zu seiner besten Zeit, und mich darüber gefreut, dass Josephs Sohn mir extra über den Eichstrich vollgeschenkt hat.
Und immer wieder hebe ich den Blick hinauf zu den vielen Misteln in den Espenwipfeln. Sie werden mir helfen, und sei es auch nur, dass sie mir den Weg zeigen.
"Wie ein Götze", steht im "Klingsor", "ruhte er auf Wolken der Bejahung."
Wolken der Bejahung - sein Schicksal annehmen.
Als das Bier zur Neige geht hole ich noch das winzige, in dicken Karton gebundene Büchlein mit Texten von Jean Paul heraus: Format sieben mal elf Zentimeter, zwei Zentimeter dick, stark vergilbtes Papier, aber der Druck ist noch gut lesbar. Erschienen 1834, Flohmarktfundstück von Ulli J., klaro. Ich lese bei den "Impromptus für Stammbücher":
"Ein kleines Leiden setzt uns außer uns, ein großes in uns; eine Glocke mit einem kleinen Risse tönt dumpf, wird er weiter gerissen, so kehrt der helle Klang zurück."

Aaaaaaooooooommmmm

WWN*)

Geschieden in 75 Sekunden

Skandalnudel Amy Winehouse ist offiziell wieder Single: Das Hickhack um die Trennung von Blake Fielder-Civil zog sich Monate hin. Jetzt ging alles blitzschnell.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)



18. Juli 2009

Zeitung lesen

Ja, freilich, ich lese sie schon noch weiter, die taz, zwischen ungläubigem Staunen und kicherndem Amüsement, beides auf Grundlage einer Frage: Wie kann man (ich) das tägliche Nachrichtengezwitscher bloß so ernst nehmen?

Jochen Distelmeyer kann mein Fahrrad putzen

Warum ich den Kerl nicht ausstehen kann? Vermutlich, weil ich mal auf den Blumfeld-Rummel reingefallen bin und mir tatsächlich eine CD dieser Band gekauft habe. Was für ein einfallsloses Gitarrengeschrammel, was für ein stumpfsinniger Beat, was für ein Wust an drittklassigem, pseudointellektuellem Textgequalle, was für ein Ausbund an Selbstgefälligkeit. Und jetzt kriegt Distelmeyer ein halbseitiges Foto in der taz, auf dem er mit geschlossenen Augen in ein Mikrofon schreit, und Julian Weber findet ihn und seine Songs ganz dolle: "'Wohin mit dem Hass' ist klassisches Rock-'n'-Roll-Aufwieglertum: ein Summertime-Blues, in dem Nobelkarossen brennen und Hass wie Krebs wuchert."
Man möge es mir unter den gegebenen Umständen verzeihen: Ich finde diese Formulierung des taz-Autors große Scheiße. Und wenn Jochen Distelmeyer ernsthaft an diese Art von Songs glaubt, ist er entweder ein eiskalt kalkulierender Schlauberger oder ein pubertärer Dummkopf.

Jazzvibrationen

Was? Sie wissen nicht, was ein Vibraphon ist? Haben nie von Lionel Hampton gehört? Und der Name Roy Ayers geht Ihnen am Allerwertesten vorbei? Dann sollten Sie sich entweder das Interview mit dem großen alten Jazz-Vibraphonisten aus dem Netz holen (aah, Jenny Zilka, danke für die guten Fragen und das geduldige Zuhören), oder bitterlich weinend ins Bett gehen. Mit oder ohne Jochen Distelmeyer.

Größenwahn hat einen Namen: U2

Schönes Stückchen von Daniel Bax über Gigantomanie am Beispiel der Band U2. Sie sind nicht die Lösung, diese Arschlöcher sind Teil des Problems, da kann die Musik noch so toll sein. Bono ist krank.

Inlandressort der taz: 20.000 Meilen unter dem Meer

Eigentlich müsste oben drüber GRAUEN stehen, in Großbuchstaben, wie es das neue taz-Layout vorsieht. Aber es steht INLAND drüber - was dassselbe bedeutet. Diese Seiten heben sich in keiner Weise von irgendeinem x-beliebigen Inlandressort irgendeiner anderen deutschen Tageszeitung ab. Sie sind frei von jeder Inspiration, frei von Humor, frei von Überraschungen, voller überflüssiger Meldungen, zu geschätzten 80 Prozent geschrieben von Leuten, die ihre Texte ebenso beim Itzehoer Anzeiger wie bei der Passauer Neuen Presse unterbringen könnten - falls sie dort die Qualitätsprüfung bestehen.
Da befragt doch tatsächlich eine taz-Frau (der Name kommt mir nicht ins Blog) eine Medienwissenschaftlerin, "die zum Islambild in den Medien promoviert hat" zum Thema Mord im Gerichtssaal. Sie erinnern sich: Eine Ägypterin wurde im Dresdener Landgericht erstochen. Und im Laufe des Gesprächs fällt der wackeren "Inland"-Journalistin diese Frage ein: "Wo sind all die empörten Muslime, wenn eine Frau von muslimischen Männern ermordet wird, weil sie angeblich die Familienehre beschmutzt hat?"
Was für eine niederträchtige Denkweise! Als ob damit der Mord im Gerichtssaal weniger Empörung rechtfertigen würde.
Die Einfallslosigkeit im "Inland"-Ressort macht eine weitere halbe Seite Aufreger-Journalismus deutlich: "Rechtsextreme nutzen soziale Netzwerke wie Facebook und Studi-VZ um sich abzusprechen." Diese Art von Neonazischauer verbreiten sie mit Vorliebe, die Dumpfbacken vom "Inland"-Ressort, fast täglich, wohlfeiler Antifaschismus - hach, wir sind doch so wachsam, schulterklopf, schulterklopf! (Die eigene Schulter, eh klar.)
Und dann verbreiten sie auch noch den Inhalt einer Studie der Apotheken Umschau als dpa-Meldung, wonach "die meisten Deutschen (71 Prozent) angeblich zufrieden damit" sind, wie sie aussehen, und dass "rund 30 Prozent der unter 20-Jährigen mit ihrem Aussehen rundum zufrieden" sind. Das wollten Sie, verehrter Leser, doch schon immer unbedingt wissen. Rund und rundum.
Ist Ihnen schon mal aufgefallen, was für eine gute und höchst erfolgreiche PR-Arbeit die Apotheken Umschau leistet? Es gibt keine Ausgabe, aus der nicht irgendeine Belanglosigkeit den Weg zu den Nachrichtenagenturen und in die taz findet - gefundenes Medienfressen für die Einfaltspinsel des "Inland"-Ressorts.
Ich weiß ja nicht, aber ich kann mir vorstellen, dass man diese zwei täglichen Seiten auch anders füllen kann - so, dass eine gewisse Haltung deutlich wird, ein besonderes Engagement, ein eigener Swing, ein Augenzwinkern, und nicht nur der Eindruck, dass eh alles gleich und wurscht ist.

Kein Brot, aber Spiele

In Schleswig-Holstein kann ein ätzender Typ von der CDU einen ätzenden Typen von der SPD nicht mehr ausstehen, und eine Landesregierung rutscht ins Meer (wahlweise Nord- oder Ostsee).
Im Münchner Stadtteil Untergiesing stürzte gestern, bei aufkommenden, gewitterbedingten Sturmböen, vor einem Haus in der Nockher-Straße ein Fahrrad um.

Und die Krankmeldung?

Relativ viel geschlafen, vier T-Shirts durchgeschwitzt, Entscheidung über Chemotherapie verschoben, weiterhin Injektionen von Mistelextrakt; Dr. Johanna Budwigs Öl-Eiweiß-Diät; Broccoli-Sprossen im Einmachglas, selbst gezüchtet (!); Versuche, keinen überflüssigen Mist zu lesen (klappt nicht immer, siehe taz); täglich mit dem Fahrrad durch die Gegend toben (Lauftraining geht noch nicht, ziepft nach wie vor im Oberschenkel), feste in die Pedale treten, Sauerstoff in die Lungen pumpen und mir einreden, damit die Tumore zu verjagen; meine Songs aufnehmen mit Axels mobilem Digitalstudio, bei mir zu Hause, mit Blick auf Himmel und Bäume (hatte ich mir als Studioausblick schon immer gewünscht), neun haben wir schon im Speicher - und wenn der Gitarrenboden gegen meinen Bauch vibriert, habe ich das Gefühl, auch das könnte dem Tumor ein Signal geben, sich zu verziehen.
Ich wünsche frohes Schaffen, schöne Tage, und bis bald!


21. Juli 2009

Abenteuer

Wer sich, wie ich, nie mit Krebs und den Ursachen dieser Krankheit befasst hat, steht fassungslos vor der Vielzahl von Theorien und Therapien, die sich da im Internet tummeln. Und ratlos vor den Möglichkeiten, die sich auftun, vor den Entscheidungen die zu treffen sind, und die einem keiner abnehmen kann. Auch wenn ich dem behandelnden Arzt noch so sehr vertraue - die Frage, was geschehen soll, kann nur ich beantworten.
Die Haltung der "Schulmedizin", so wie ich sie erlebt habe, ist klar. Das Krankenhaus Rechts der Isar gehört, laut Fachmann, zu den besten Kliniken auf dem Gebiet der Tumor-Erkrankungen. Ich bin da hingegangen, weil der Allgemeinarzt davon überzeugt ist, dass sie dort die beste Diagnose stellen können. Nachdem das geschehen ist, habe ich keinen Grund, daran zu zweifeln: Das war kompetent, überaus professionell, auf der Höhe der zeitgenössischen Technik. Sie betrachten den Menschen als Ansammlung von Organen, von denen ein paar erkrankt sind, finden heraus, welche, und schlagen dann ihre Therapie vor, die sich im Wesentlichen auf drei Säulen stützt: Chirurgenmesser, chemische Keule, radioaktive Strahlen.
Diese Art von Medizin hält die Vorstellung, dass der Mensch mehr ist als die Summe seiner Organe, für reine Zeitverschwendung. Der hochkompetente Onkologe (das sind die Tumorspezialisten) hat seine und meine Zeit nicht mit irgendwelchen Fragen nach Beruf, Familienstand, sozialem Hintergrund, Geist und Seele verschwendet. Jeder Patient wird nur danach beurteilt, in welchem Zustand sich seine Organe befinden. Alles andere interessiert nicht. In meinem Fall ist die Wahl der Therapie für diese Art von Medizin klar: Operation wäre in diesem Stadium Unfug, ebenso Strahlentherapie, die einzige Möglichkeit, um die "Fernmetastasen" einzudämmen, wäre eine Chemotherapie. Das heißt, man füllt tagelang Gift in den Körper, das die Krebszellen abtötet, aber auch gesunde Zellen, die das Immunsystem braucht, um den Krebs zu bekämpfen. Letztere erholen sich rasch wieder, sagt der Onkologe, Krebszellen nicht. Praktisch würde Chemotherapie bedeuten: Krankenhausaufenthalt, fünf Tage Dauerinfusion, dann drei Wochen Pause, dann Wiederholung, danach Computertomographie um zu sehen, was die Behandlung gebracht hat.
Noch abenteuerlicher geht's auf dem Gebiet der Alternativmedizin zu. Da wird Krebs schon mal als seelische Erkrankung gesehen, aber auch als Stoffwechselkrankheit, und entsprechend vielfältig sind die Therapien. Einigermaßen anerkannt, auch von Schulmedizinern, wird die Misteltherapie. Dabei bekommt der Patient Spritzen mit Extrakt aus Eichenmisteln, eine Behandlung, die auf Rudolf Steiner und die Anthroposophie zurückgeht. Der Extrakt kommt in kleinen Ampullen mit unterschiedlicher Konzentration und wird von den Krankenkassen bezahlt. Keiner behauptet jedoch, dass Mistelextrakt allein Krebs stoppen oder gar heilen kann, man spricht von "therapieunterstützenden Maßnahmen". Irgendwo habe ich gelesen, dass dadurch Chemotherapie erträglicher wird. Na, wenigstens etwas, wenn's schon sein muss.
Und sonst? Jemand hat mir bittere Aprikosenkerne empfohlen. Es soll Leukämiepatienten geben, die jahrelang fröhlich damit leben, 40 Aprikosenkerne über den Tag verteilt zu essen. Die Treffer unter < Aprikosenkerne Krebs > bei Google fördern erstaunliche Websiten zutage. Mir scheint, da ist was dran. Ich esse täglich zehn, um die Leber nicht zu strapazieren, immer drei Kerne mit einem Stück getrockneter Aprikose, um den Bittergeschmack erträglicher zu machen.
Dazu kommt die Öl-Eiweiß-Diät von Dr. Johanna Budwig; die Schweinemilzdragees, drei Mal täglich vor dem Essen; und die Broccoli-Sprossen, die ich seit vorletzter Woche ständig in einem Einmachglas ziehe und einfach so esse, oder dem in Hüttenkäse verrührten Leinöl nach Dr. Budwigs Rezept zugebe, oder auf warmen Speisen verteile.
Broccoli-Sprossen als therapieunterstützende Maßnahme. Macht Spaß, ihnen beim Wachsen zuzuschauen.

Weitere therapieunterstützende Maßnahmen

Neulich hat mich mein Sarkasmus überwältigt: "Die Gesundheitsminister warnen: Wer jahrelang die taz liest und ohne zu Murren runterschluckt, was einem da geboten wird, kann leicht an Speiseröhrenkrebs erkranken."
Nein, gar nicht witzig. Andererseits habe ich dem Klaus Raab von der taz, der mich im April 2008 fragte, weshalb ich ein tazblog schreibe, zur Antwort gegeben: "Aus Notwehr".
Mit meinem Musikerfreund Axel nehme ich dieser Tage meine Originalsongs aus den letzten zwanzig Jahren neu auf. Axel sagte letzte Woche, als ich ihn auf die Vielzahl von - allesamt schwarzen - Porsche Cayenne, BMW-, Audi-, Volkswagen-, Land Rover- und Mercedes-Geländewagen aufmerksam gemacht habe, die gerade an der Ampel in die Mauerkircherstraße einbogen: "Heh, es ist wie es ist, und wenn man sich darüber aufregt, wird man krank."
Da hat er vermutlich recht. Aber die Hobbits haben den Terror der - allesamt - schwarzen Reiter auch nicht tatenlos hingenommen. Axel hat noch hinzugefügt: "Jeder so, wie er will."
Und ich hab gesagt: "Nein, das geht nicht mehr, wenn einer dabei die Lebensgrundlagen für alle anderen zerstört."

Jetzt hab ich mir ein Probe-Abo der junge Welt bestellt. Die wird jetzt, noch dünner als die taz, drei Wochen lang mittags im Briefkasten liegen. Schon die erste Ausgabe hat mir etwas Linderung verschafft: Ich bin nicht der einzige, der die vorherrschende Iran-Berichterstattung für gut geölte Propaganda hält. (Die taz macht da ja auf teils erschreckend primitive Weise mit, ganz im Sinne der britischen, israelischen und US-amerikanischen Interessen.)
Und die Umstellung auf Hybrid- und Elektroautos bringt überhaupt nichts, solange die mit Kohle- und Atomstrom fahren. Und wenn man nicht den Lkw-Verkehr reduziert und den Güter- und Personenverkehr auf die Schiene verlegt, sieht's eh zappenduster aus.
Meine Rede seit 1897.

WWN*)

Cover-Lüge bei den Topmodels

Was ist da los? Obwohl Sara, Mandy und Marie in Singapur das große Fotoshooting hatten, ist keine von ihnen sondern eine asiatische Sängerin auf dem Cover der Elle.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)


24. Juli 2009

Nach dem Schock

Lieber J. J., danke für den Zuspruch - es ist nicht zu glauben, wie viele Menschen direkt oder im Verwandten- und Bekanntenkreis mit Krebs konfrontiert werden. Nun rückt der Tag der Entscheidung für oder gegen Chemotherapie näher, und wenn sich bis nächsten Mittwoch keine Fortschritte zeigen, muss ich wohl die - dann - einzige Chance wahrnehmen.
Was das Schreiben anbelangt - ja, das geht noch, auch wenn die Bauchschmerzen dabei immer rascher losgehen. Mein tazblog ruht mangels Motivation, und wenn mir nichts einfällt, das über einen Bericht zum persönlichen Befinden hinausgeht, gibt's wohl an manchen Tagen keinen Eintrag. Es sieht so aus, als würde ich viel körperliche Energie für meine Abwehr brauchen, und das setzt den Antrieb zum Schreiben herab.
Sie sprechen vom "ersten Schock" - das trifft die Situation. Damit kann kein Mensch auf Dauer leben, weshalb sich der Schrecken nach einer Weile im Alltag auflöst. Die anfänglichen Verzweiflungsanfälle sind vorbei, der Drang zu weinen wird seltener.
Ich versuche, an die Möglichkeit einer Heilung zu glauben, und mich gleichzeitig mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass es das Wunder körperlicher Unsterblichkeit nicht gibt.
Lernen, loszulassen.
Herzliche Grüße!
-hp

WWN*)

Shoppen bis der Arzt kommt

Schnäppchenjäger aufgepasst: Auch wenn es offiziell keinen Sommerschlussverkauf mehr gibt, purzeln die Preise zur Freude der Verbraucher momentan auf breiter Front.

*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)



25. Juli 2009

Röhrengucker

Oh je, keine sonntaz am Samstag! Das ist der Tag, an dem sich der Abonnent am meisten ärgert, wenn das Käseblättchen nicht vor der Tür liegt. Aber alle einschlägige Fach- und Sachliteratur weist mich darauf hin, dass ich mich nicht ärgern darf und soll. Naja, vielleicht hat es was Gutes: Die sonntaz macht mir ja immer unausweichlich bewusst, wie schmerzlich ich die Entwicklung der taz zum staatstragenden Unterhaltungsblatt empfinde. die tageszeitung war einmal die Speerspitze einer gesellschaftlichen Bewegung gegen dieses mörderische Spießbürgersystem, jetzt ist sie die Nasenspitze eines Plüschbären auf dem Fernsehsofa.
Also schnappe ich mir stattdessen ein wohlmeinendes Buch ("The Secret" von Rhonda Byrne) und ziehe mich damit zurück auf den Thron mit dem Schild "Münchener Freiheit". Spätestens um halb elf liegt ja die "junge Welt" im Briefkasten (Probe-Abo), die mich gestern sehr erfreut hat. Da gab's über zwei Seiten ein Essay des früheren Spiegel-Kolumnisten Otto Köhler, über Axel Springer, den Architekten der Berliner Mauer.

Positiv denken

So genieße ich die Sommertage, mache ausgedehnte Wanderungen isarauf und -ab, flitze auf dem Fahrrad durch die Botanik, lese das Beste vom Feinsten, genieße den Blick in den Himmel auf die uralten Zitterpappeln mit den vielen Misteln (!) am Tivoli-Pavillon, lasse dort den wildesten Gelüsten freien Lauf, nach Dingen, die ich sonst nie esse (gestern: hausgemachte Fleischpflanzl ***** mit Kartoffelsalat, Kompliment an Rosita, die Köchin), und freue mich auf morgen, wenn meine Schwester Elisabeth zu Besuch kommt und ich am Abend Peter und Daniela zum Abschiedsessen im Thang Long treffe (Daniela zieht Montag um nach Berlin, Peter bleibt in München. Thang Long heiß "der aufsteigende Drachen").
Wie man sieht - der ganz normale Alltag unter dem Damoklesschwert.

26. Juli 2009

Alles Marinade - oder: Seitenweise Wahlschleichwerbung

Die sonntaz macht ihrem Spitznamen "BamS am Samstag" mal wieder alle Ehre. Ich bin doch glatt am späten Nachmittag nach dem irren Regenguss rüber zum Ostbahnhof gewandert - mei, war das schön, was für eine Luft! Dort hatten sie bei Buch & Presse das heiß vermisste sonntaz-Blatt, und deshalb kann ich Ihnen heute schon von der Art von Journalismus berichten, die da jetzt überhand nimmt.
Auf Seite 18, unter der Rubrik GENUSS wird ein "SPD-Politiker Karl Lauterbach über seine Wandlung zum Dauergriller" interviewt. Wenn ich alles richtig mitbekommen habe, kandidiert der Mann, Prof. Dr. Dr., für den nächsten Bundestag, und die taz schafft es auf einer Seite, inklusive Foto einer verkohlten Paprika, unverhohlen politische Schleichwerbung für ihn zu betreiben - ohne auch nur eine Andeutung zu bringen, für welche politischen Inhalte Herr Lauterbach steht, eintritt oder gar kämpft. Das nennt man Image-Werbung, und eine politische Haltung würde da nur stören. Dafür drucken sie sein Rezept für eine Marinade zum Grillen, und am Schluss wird er doch noch hochpolitisch: "Demnächst mache ich Solar-Grillen mit dem Umweltminister. Sigmar Gabriel hat das politische Potenzial des Grillens klar erkannt. Wir haben für unsere Kampagne auch einen Grünen-Spitzenpolitiker gewonnen, den Namen verraten wir später. Gesundes Solar-Kampfgrillen unter rot-grüner Anleitung - dem dürfte der politische Gegner nichts entgegenzusetzen haben."
Okeh, das ist nicht ohne Witz, zugegeben. Und womöglich hat er damit auch schon sein politisches Programm formuliert: Alles Marinade.
Aber brauche ich eine solche Zeitung?

Und brauche ich im selben Blatt noch einen windelweich angepassten SPD-Mann wie Ernst Ulrich von Weizsäcker, der für seine spezielle Schleichwerbung gleich zwei Seiten bekommt? Unwidersprochen darf er verbreiten, wie dolle die Umweltbilanz der Großen Koalition unter Angela Merkel ausfällt - und der taz-Interviewer Malte Kreutzfeldt, der es wahrlich  besser weiß, hakt nicht nach, widerspricht ihm nicht.
Die sonntaz hat offenbar ihre Aufgabe gefunden: Sie ist eifrig damit befasst, das Politische aus der Politik zu entfernen, und wenn's schon politisch sein muss, dann aber grünsozialdemokratischbürgerlichmittig.
Vorwärts! Weiter so! Alles ist gut!
Die taz ist angekommen - sie hilft der poltischen Klasse, die sich die Demokratie unter den Nagel gerissen hat, eifrig beim Staatstragen.

Die drei Spatzen

In einem leeren Haselstrauch
da sitzen drei Spatzen, Bauch an Bauch.

Der Erich rechts und links der Franz
und mitten drin der freche Hans.

Sie haben die Augen zu, ganz zu,
und obendrüber da schneit es, hu!

Sie rücken zusammen dicht an dicht.
So warm wie der Hans hats niemand nicht.

Sie hörn alle drei ihrer Herzlein Gepoch.
Und wenn sie nicht weg sind, so sitzen sie noch.

- Christian Morgenstern (1871 - 1914)


27. Juli 2009

So isses

Abo 187106
Lieber Herr Pfitzinger,
vielen Dank für Ihre Nachricht.
Wir bedauern sehr, dass Sie Ihr taz-Abo kündigen!
Wir werden Ihre Abokündigung fristgerecht bearbeiten und
schicken Ihnen innerhalb der nächsten 14 Tage eine schriftliche
Bestätigung per Post an die Lieferadresse.
Melden Sie sich, wenn Sie noch Fragen an uns haben?

Mit besten Grüßen aus der taz
Claudia Conrad
taz Aboservice


Hans Pfitzinger schrieb am 27. Juli 2009:

Bitte teilen Sie mir mit, bis zu welchem Tag mein Abonnement mit der Nummer 187 106 geliefert wird. Mit diesem Datum bitte ich, die Zustellung zu beenden. Bitte schicken Sie mir keine weitere Rechnung mehr.
Mit freundlichen Grüßen!
 
(Ende der Juli-Einträge!)


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