1. September 2009
Jamaika ist eine schöne Insel in der Karibik
Vielleicht geht's ja anderen Leuten genauso: Ich kann das Wort Jamaika-Koalition nicht mehr hören, sehen, riechen. Vor allem dann, wenn es von den in den politischen Ressorts tätigen Journalisten ohne weitere Erklärung gebraucht wird. Sie quaken halt allles nach, wenn es einer mal vorgequakt hat. Möge sich der Zeitungsschreiber bei mir melden, der zuerst auf die Idee kam, eine schöne Karibikinsel in die Niederungen deutscher Parteipolitik zu zerren. Er darf mein Fahrrad putzen. Um es für Menschen wie Sie und mich noch einmal deutlich zu machen: Gemeint ist damit eine - widerliche - Koalition aus schwarz (CDU), gelb (FDP) und grün (Grüne). Und warum heißt das plötzlich allüberall Jamaika-Koalition? Weil ein unglücklicher Zufall es wollte, dass in der Flagge von Jamaika die Farben grün, schwarz und gelb vorkommen. Hier unten habe ich eine Jamaika-Fahne eingebaut, keinesfalls die offizielle, sondern eine von der Kifferfraktion veränderte Version. Wer schon mal in Jamaika war, dürfte mir zustimmen, dass diese Fahne*) den tatsächlichen Verhältnissen dort durchaus gerecht wird (vergleiche dazu Hans Söllners wunderbaren Bayern-Rap "Der Charlie"). *) Foto der Jamaika-Fahne mit Hanf-Blatt.
Und sonst?
Es geht mir - wie sagt man so schön? - den Umständen entsprechend gut. Die Entzündungen in der Mundhöhle gehen zurück, nachdem ich eine Woche brav Ampho-Moronal Lutschtabletten, na ja, gelutscht habe. Vier Stück über den Tag verteilt, jede braucht mehr als eine Stunde, bis sie zerlutscht ist. Lutschen als Halbtagsjob, hehehe. Und mit dem Spazierengehen geht's auch besser. Heute habe ich es schon in aller Frühe bis zum Geldautomaten der Sparkasse in der Bülowstraße geschafft, ohne anschließend saublöde Schmerzen im Endsehnenbereich des großen Oberschenkelmuskels an der Leiste zu spüren. Und nach allem was die Wetterberichte verkünden, war heute der letzte Tag mit über 30 Grad. Es wird kühler in Bayern - ein Segen für alle Mühseligen und Beladenen in den Kliniken und anderswo.
Schöne Tage, und schauen Sie mal wieder vorbei. Am 10. September fahr ich wieder ein ins Klinikum Rechts der Isar. Chemotherapie, Teil zwei. Ob es leichter wird, weil ich jetzt wenigstens weiß, was auf mich zukommt? 6. September 2009
Vorausgeworfene Schatten
Sicher, verdrängen wäre großartig. Aber es geht nicht, ich weiß seit einigen Wochen, dass ich am 10. September wieder ins Krankenhaus muss. Und je näher der Termin rückt, umso mehr Raum beansprucht der neuerliche Aufenthalt im Rechts der Isar in meinem Denken. Isses leichter diesmal, weil ich schon weiß, was auf mich zukommt? Sind sie fertig mit der Baustelle im Innenhof, oder muss ich wieder mit rumgeschmissenen Eimer um sechs Uhr morgens rechnen; mit dem Lärm von Baggern, die Kopfsteinpflaster aufreißen; mit dem Bellen der Bauarbeiter, denen es scheißegal ist, ob um sechs Uhr früh Patienten schlafen wollen? Was bestimmt wieder auf mich zukommt: Der Rettungshubschrauber, der drei, vier Mal am Tag auf dem Dach gegenüber landet und startet, und die Ambulanzen, die, lalü, lalü, in die Einfahrt der Chirurgie reintrompeten. Beim ersten Mal hat mich Hermann Hesse vor dem Durchdrehen beschützt. Ich hab, nach dreißig Jahren wieder, "Das Glasperlenspiel" gelesen, während tagelang literweise irgendwelche Chemikalien und Kochsalzlösungen aus den Tropfbeuteln in meine Venen flossen. Wie dankbar ich bin, dass ich lesen kann. Und wie dankbar ich Hermann Hesse bin, dass er dem Wahnsinn mit diesem Buch entgegengetreten ist. Ja, über Ulrich Peltzer und sein Meisterwerk "Teil der Lösung" habe ich mich ja schon ausgelassen. Nach der Entlassung aus dem Klinikum kam mir auch noch Ernest Hemingway unter, weiß der Kuckuck, weshalb. Mir ist eingefallen, dass ich nie was von ihm auf Englisch gelesen habe. So ging denn eine Bestellung raus: "The Old Man and the Sea", "To Have and Have Not", "The Snows of Kilimanjaro". Diese Bücher gehören zum Besten, was je geschrieben wurde. Punkt. Spaßeshalber gucke ich in der Hermann-Hesse-Gesamtausgabe bei den "Schriften zur Literatur" nach, ob er jemals etwas über Hemingway geschrieben hat. Er hat. Über die letzten beiden Kurzgeschichten aus "The Snows of Kilimanjaro", "Big Two-Hearted River, Part I" und "Part II" heißt es da in einer Kritik des 1932 auf Deutsch erschienenen Kurzgeschichtenbandes "In unserer Zeit": "Es stehen in dem kleinen Buch einige gute Geschichten und außerdem einige Naturschilderungen: die schönsten, die ich je von einem Amerikaner las. Die schönste steht auf S. 153 ff*. Ein hoher Genuss." * Es ist die Erzählung "Großer, Doppel-Herziger Strom".
Inzwischen habe ich "Das Tahiti-Projekt" von Dirk C. Fleck gelesen, Geburtstagsgeschenk von Peter O. Tja, eine feine Öko-Utopie aus dem Jahr 2022. Fleck versucht in seinem Roman, eine radikal positive Vision umzusetzen: Es muss nicht im Kollaps des Planeten enden, wir können die Umkehr schaffen. Das Buch hat mich sehr an Ernest Callenbach und sein "Ökotopia" von 1969 erinnert. Solche Bücher sind so rührend wie nötig, und Fleck rechnet - mit Angabe der jeweiligen Internetseiten - nichts hoch ins Jahr 2022, was nicht heute schon möglich wäre: "Obwohl 'Das Tahiti-Projekt' ein Zukunftsroman ist, sind die in ihm dargestellten technischen Lösungen und sozioökologischen Modelle keine Fiktion, sie existieren bereits heute! Das einzig Fiktive ist die Annahme, dass irgendwo auf diesem Planeten tatsächlich mit konkreten Veränderungen in Richtung einer zukunftsfähigen Lebensweise begonnen wurde." "Ein Ökothriller dere Extraklasse" wirbt der Verlag. Ein erstaunliches Buch von einem deutschen Autor, meint der Hans.
Schöne Tage! Bis demnächst, hoff ich doch.
8. September 2009
Zahlen und Zähler
Vom Sonntag, 6. September ist die Rede, da hielt Verteidigungsminister Franz Josef Jung laut tagesschau.de "noch an der Darstellung fest, bei dem Luftangriff seien mehr als 50 Menschen getötet worden, ausschließlich Taliban." Das war zwei Tage, nachdem die Widerstandskämpfer in Afghanistan zwei Tanklastzüge entführt hatten, und die Bundeswehr, offensichtlich stocksauer über den dreisten Coup, ein Exempel statuieren wollte und - immer feste druff - die US-Amerikaner zum Bomben auf- und anforderte. Na ja, so locker mal klarmachen, wer in der Gegend das Sagen hat und den Benzinnachschub für die Besatzer zu stören, das ist schon ziemlich frech. Das wirft auch das schöne Bild über den Haufen, das "wir" alles unter Kontrolle haben. Während schon am Tag nach dem Bombardement von über 100 getöteten "Zivilisten" die Rede war, wusste es unser Kriegsminister am Sonntag, zwei Tage danach, immer noch besser: Alle Toten, 50 an der Zahl, waren böse Taliban. Nun fragt sich der aufmerksame Zeitungs- und Nachrichten-Online-Leser, weshalb der Herr Jung das so genau wusste. Ganz einfach: Er hat von einem Bundeswehroffizier mit Nachtsichtgerät die zuverlässigeren Zahlen erhalten. Die Taliban tragen nämlich, durchaus vergleichbar mit den Mannschaften der Fußball-Bundesliga, Trikots mit dem Namen ihres Sponsors. So kann jeder Bundeswehrsoldat sofort eine Entscheidung treffen, ob es sich um einen "Zivilisten" oder einen Aufständischen handelt. Letztere tragen nämlich allesamt T-Shirts mit dem Aufdruck "Sponsored by Taliban, Section Afghanistan". Da fällt die Unterscheidung leicht. Was aber, wenn es, wie im Fall der entführten Tanklaster, stockdustere Nacht und kein Bundeswehrsoldat mit Nachtsichgerät vor Ort ist? Auch dafür haben die Taliban eine Lösung gefunden. Um den AWACS-Aufklärungsflugzeugen, den Satelliten und nicht zuletzt den Bomberpiloten die Unterscheidung zu erleichtern, tragen die Mitglieder der Anti-Nato-Kampftruppen nachts afghanische Käppis (so in der Art wie der allseits beliebte Präsident Hamid Karsai), in die mit leuchtfarbenem Zwirn ein großes T (wie Taliban) eingestickt ist. So können sie von Franz Josef Jungs Truppen und den deutschen AWACS-Besatzungen ohne Schwierigkeiten identifiziert werden. Unter diesen Umständen muss man sich nicht wundern, dass Angela Merkels Kampfhund auch am Sonntag noch mit Überzeugung verkünden konnte, alle Getöteten, 50 an der Zahl, wären Taliban. Der Mann hatte einfach die zuverlässigeren Zahlen.
Sonntag, der dreizehnte September 2009
"So lange die Alte Welt von Kriegen erschüttert wird, so lange wird Amerikas Ernte weitergehen." - James Fenimore Cooper, The Pioneers, 1823
Wieder dahoam
Seit gestern Mittag bin ich wieder zu Hause. Als ich am Herkomerplatz in den Bus einsteigen wollte, haben meine Beine versagt. Erst im zweiten Anlauf gelang es mir, die durch langes Bettliegen vernachlässigten Oberschenkel dazu zu bringen, mich in den Bus zu hieven. Mist, aber da saß nur ein Fahrgast, der gerade woanders hinschaute, und dem Fahrer war's wohl egal. Jetzt, Sonntagmorgen, habe ich gerade die halbe Dosis 5-FU aus der Baxter-Pumpe aufgenommen. Ich schätze mal, am Dienstag, eher Mittwoch, ist die Pumpe leer und der Hausarzt kann mich davon befreien. Ansonsten: Wie beim letzten Mal im Rechts der Isar, nur ohne Baulärm - aaah! Und Zweibettzimmer, einfach so. Die wunderbare Nachtschwester hatte vormittags Dienst, und sie hat mir sehr geholfen, der unwissenden Stationsärztin meine Entlassung schon gestern zu erklären - der Vorläufige Arztbericht war auf Montag datiert, und sie hätte mich übers Wochenende dabehalten, wenn ich mich nicht auf die schwachen Hinterbeine gestellt hätte. Lesen und Dösen - die Hauptbeschäftigung, und was für ein Glück, dass Hemingway und James Fenimore Cooper rechtzeitig mit der Post gekommen sind. Zuerst habe ich parallel gelesen, Coopers "The Pioneers" bis Seite 97, dann hat mich "For Whom The Bell Tolls" reingezogen und bis zum Schluss nicht mehr losgelassen. Im Notizbüchlein, das ich die letzten Wochen kaum noch angerührt habe, steht unter dem 11. September der Eintrag: "Um halb zehn Uhr abends habe ich die letzte Zeile von 'For Whom the Bell Tolls' gelesen. Im Vorzitat von John Donne erklärt Hemingway den Titel: "Frage nie, wem die Stunde schlägt - sie schlägt dir." Im selben Moment, als ich mit dem Buch zu Ende bin, fängt's zu regnen an, und wie! Das Wasser rauscht gewaltig in die Baumkronen, und ich kann die würzige Regenluft durch die gekippten Fenster riechen. Und, ja, wie damals mit 17, als ich dieses gewaltige Buch zum ersten Mal gelesen habe, muss ich auch mit 64 zu lesen aufhören, als Robert Jordan mit gebrochener Hüfte und zerschmettertem linken Bein von Maria Abschied nimmt - ich muss ein Tempo nehmen und die Tränen aufsaugen, bevor sie mir durch die geschlossenen Augenlider über die Wangen laufen." Das Buch über den Spanischen Bürgerkrieg erschien 1941 - vor 68 Jahren. Hemingway, geboren 1899 in Oak Park, einem Vorort von Chicago, arbeitete schon mit 18 für den Kansas City Star als Reporter. Er war 42 Jahre alt, als "For Whom the Bell Tolls" herauskam, geschrieben hat er es wohl zwischen seinem 38. und 40. Lebensjahr. Die wunderschöne Ausgabe von Vintage Paperbacks hat 490 Seiten. Hemingway musste noch 13 Jahre weiterschreiben, bis er 1954 für einen sehr kurzen Roman den Nobelpreis für Literatur bekam: "Der alte Mann und das Meer" hat gerade mal 99 Seiten. Der Geist ist leicht.
Lesend therapieren
Mein Penis schwillt am zweiten Tag der Chemotherapie wieder unförmig an, die Beine werden dicker, die Waage zeigt sechs Kilo plus. Immerhin wird das Cisplatin, das am ersten Tag in einer Stunde mit gezielter Durchlaufmenge (dafür sorgt ein kleiner Kasten mit Akku, der an dem Tropfgefährt befestigt ist) in die Blutbahn läuft, vorher mit einem Liter Kochsalzlösung aus dem Tropf verdünnt, mit drei Liter danach, mit zwei Liter am zweiten Tag. Damit das wieder rausläuft, wird dem Patienten eine weitere Flüssigkeit aus dem Tropf verabreicht, Lassix, das einen alle halbe Stunde zum Pissen zwingt. Schöner Mist, ich hab diese dicken Beine so satt. Jetzt ist gleich zehn, ich geh schlafen." Am 12. 9. notiere ich noch: "Schon interessant: 'Das Glasperlenspiel' und 'To Whom the Bell Tolls' erschienen beide im Jahr 1941. Ersteres in Zürich - Hesses Bücher durften im 'Dritten Reich' in Deutschland nicht veröffentlicht werden.
15. September 2009
Wie geht's?
Immer noch bei James Fenimore Cooper, und ich lese mit angelegten Ohren weiter in "The Pioneers" von 1823. Oh Mann, was für ein Meister!
Mit der Post kommt schon um1/2 neun Uhr noch mehr Ernest Hemingway: Das kleine Bändchen "A Moveable Feast" ("Paris, ein Fest fürs Leben"). Knapp über 100 Seiten, die Erinnerungen an die zwanziger Jahre in Paris, als Hemingway im Umgang mit anderen Schriftstellern aus den USA (F. Scott Fitzgerald, Gertrude Stein) und Irland (James Joyce) seine eigene Bestimmung fand. Geschrieben hat er das Bändchen in den späten fünfziger Jahren, es ist wohl das letzte, von ihm autorisierte Werk. Hemingway starb 1961 an den Folgen seiner Sammelleidenschaft für Schusswaffen. Darum geht's auch in "Adios Hemingway", einem Krimi von Leonardo Padura, Kubas großem Krimischreiber. Habe ich gleich mitbestellt, vielleicht als Abschluss meiner Hemingway-Manie. (William Kotzwinkle sagte mir mal: "Ein guter Tag ist, wenn Bücher mit der Post kommen." Hat was für sich, vor allem, wenn man auf einer einsamen Insel an der Ostküste der USA lebt.)
Wenn ich Glück habe, werde ich heute - Tag fünf der Chemotherapie - die Baxter-Pumpe los. Ich freue mich schon auf ein laaanges Bad, wenn die Pflaster und die Schläuche weg sind. Mir kommt es vor, als wären die Beine weniger dick angeschwollen als bei der ersten Chemotherapie. Und die Mundspülung, die den Entzündungen vorbeugen soll, scheint zu helfen. Aber wie sagt schon V. Olksmund: "Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben." Was ja kein schlechter Spruch ist. Viel blöder fand ich die fränkische Abwandlung, die mein Vater oft gebraucht hat: "Der Vogel, der in der Früh schon singt, den frisst am Abend die Katz." Blöde, reaktionäre Stimmungsbremse, wenn man fröhlich aufgewacht ist und so sanft geschlafen hat in der Nacht. Heiter weiter: "Behüte mich auch diesen Tag, dass mir kein Leid geschehen mag." Amen.
Zweitageszeitung
Jetzt hab ich zwei Mal die Woche eine Tageszeitung im Briefkasten liegen: Mittwoch und Samstag krieg ich aus Berlin die junge Welt. Und schon treffe ich alte Bekannte: Wiglaf Droste schreibt im Feuilleton, und auch Helmut Höge, der in der taz offenbar nicht genug Auslauf bekommt, trägt weitschweifig seine eigensinnigen Gedanken in die junge Welt. Mir ist die Zeitung sehr sympathisch. Da wird nicht mit vielen Farbseiten und dickem Papier Inhalt simuliert (taz!), da wird mit wenig Geld und viel politischer Haltung gegen die allgegenwärtige Gehirnwäsche der Konzern- und öffentlich-rechtlichen Medien angegangen. Ich bin bestimmt nicht mit allem einverstanden, was da drinsteht, aber allein die Idee eines Mittwoch-Samstag-Abonnement finde ich unterstützenswert. Wer braucht schon jeden Tag eine Zeitung, egal, wie sehr sie die eigene Weltsicht unterstützt? Ich nicht mehr.
IAA, sagt der Esel: WWN*)
Heiße Hostessen auf der IAA
Wenn in wenigen Tagen die IAA startet, dürfen sie natürlich nicht fehlen: die Messegirls. Wir zeigen Ihnen als Vorgeschmack die schönsten Mädels der vergangenen Shows.
*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de
17. September 2009
Lieber Hans, habe eben mit Erschrecken und Grausen Deinen Blog gelesen. Auch wenn's Dir wohl eher schnuppe ist zur Zeit und in Deiner Situation, wollte ich sagen, dass ich das ziemlich souverän finde, wie Du das angehst und mitstenographierst. Ziemlich harte Lektüre, ganz klar, aber man muss die Leute inkommodieren, hat schon Schiller gesagt. Ich wünsche Dir aufrichtig alles erdenklich Gute, den richtigen Arzt hast Du ja augenscheinlich, und die Prise Glück, die man sowieso immer braucht und Du gerade ganz besonders. Herzlich grüßt Frank Schäfer
Im Herbst
Der schöne Sommer ging von hinnen, Der Herbst, der reiche, zog ins Land. Nun weben all die guten Spinnen So manches feine Festgewand.
Sie weben zu des Tages Feier Mit kunstgeübtem Hinterbein Ganz allerliebste Elfenschleier Als Schmuck für Wiese, Flur und Hain.
Ja, tausend Silberfäden geben Dem Winde sie zum leichten Spiel, Sie ziehen sanft dahin und schweben Ans unbewußt bestimmte Ziel.
Sie ziehen in das Wunderländchen, Wo Liebe scheu im Anbeginn, Und leis verknüpft ein zartes Bändchen Den Schäfer mit der Schäferin.
Wilhelm Busch (1832-1908)
WWN*)
"Wem steht's wirklich besser?"
Pink und Shakira hatten bei den MTV-Awards das gleiche Kleid an. Für die Kameras lachten die beiden Stars über die Doppelung. Doch wem stand es eigentlich besser?
*) Wirklich Wichtige Nachrichten (von web.de)
18. September 2009
Apotheken-Gedanken
In einem anderen Leben, das gerade mal drei Monate zurückliegt, bin ich immer montags, mittwochs und freitags von meiner Wohnung aus unten an der Hangkante entlang, dann am rechten Isaruferweg und über die St.Emmerams-Brücke zum Aumeister am Ende des Englischen Gartens gelaufen. Zurück gings dann durch den Auwald nördlich der Hirschau und durch die Wiesen zum linken Isarufer, zurück über die Max-Josef-Brücke zum Kufsteiner Platz. Aaah, zehn Kilometer locker dahinlaufen - grad schee war's. Dabei kam ich am Ende des Laufs immer schwitzend an der Apotheke vorbei und war irgendwie stolz darauf, nie was mit dem Laden zu tun zu haben. Mal Olbas-Tropfen gegen Erkältung, das war aber schon alles. Ach, so dachte ich immer, was für ein Glück, ich bin kein Apothekenkunde. Seit Anfang Juli vergeht keine Woche, in der ich nicht mindestens zwei Mal Rezeptgebühr abdrücke oder Arzneimittel bezahle, die von der Kasse nicht erstattet werden. Wobei ich anfügen muss, dass die Damen hinter dem Verkaufstresen so was von freundlich sind - na ja, nach den Medikamenten zu urteilen, die ich verschrieben bekomme, können sie ja zwei und zwei zusammenzählen und daraus schließen, dass ich mehr als eine Erkältung habe.
Zuspruch
Betr.: Rave On, Hans - Gute Besserung
Lieber Hans Pfitzinger,
auf deiner Blogseite gelandet. Respekt und tiefe Anteilnahme wie du mit dem evtl. bevorstehenden Tod umgehst. Habe in den letzten Jahren, die einem dann so kurz und gleichzeitig unendlich weit weg vorkommen, meinen geliebten Schwiegervater, meinen Vater (letztendlich habe ich Frieden gemacht, indem ich ihn ein halbes Jahr jeden Tag im Krankenhaus "0berhalb der Elbe, hah" besuchte), alles Krebs und die über alles geliebte Schwiegermutter (sechs Jahre Pflegestufe III nach Gehirnschlag) Anfang diesen Jahres und einige Freunde in dieser Zeit verloren. Kann so stark nachvollziehen, dass du so wenig Interesse an der Oberflächlichkeit von Medien, Nachrichten und dem ganzen Gesülze hast.
Jens Sienknecht
P. S.
Rave on John Donne, rave on thy Holy fool Down through the weeks of ages In the moss borne dark dank pools Rave on, down through the industrial revolution Empiricism, atomic and nuclear age Rave on down through time and space down through the corridors Rave on words on printed page
Rave on, you left us infinity And well pressed pages torn to fade Drive on with wild abandon Uptempo, frenzied heels
Rave on, Walt Whitman, nose down in wet grass Rave on fill the senses On nature's bright green shady path
Rave on Omar Khayyam, Rave on Kahlil Gibran Oh, what sweet wine we drinketh The celebration will be held We will partake the wine and break the Holy bread
Rave on let a man come out of Ireland Rave on on Mr. Yeats, Rave on down through the Holy Rosey Cross Rave on down through theosophy, and the Golden Dawn Rave on through the writing of A Vision Rave on, Rave on, Rave on, Rave on, Rave on, Rave on
Rave on John Donne, rave on thy Holy fool Down through the weeks of ages In the moss borne dark dank pools
Rave on, down through the industrial revolution Empiricism, atomic and nuclear age Rave on words on printed page
Van Morrison, von der LP: "Inarticulate Speech of the Heart", 1983
Torten
In meinem eher asketischen Dasein vor dem Monat Juli habe ich ja Zuckerbäckereien grundsätzlich gemieden. Weil ich aber zur Zeit alles esse (und das den ganzen Tag lang), was mir Appetit und Spaß und dick macht, habe ich die beiden Konditoreien in der Nachbarschaft für mich entdeckt, die mir den Zugang zur Torte leicht machen. Die Café-Konditorei im Nebenhaus hat wirklich die unglaublichsten Kreationen, die schon beim Anschauen dick machen (mich leider nicht). Jedenfalls führe ich Nachmittagsbesuche grundsätzlich dorthin ("In einer kleinen Konditorei, da saßen wir zwei bei Kuchen und Tee"). Vor zwei Tagen, als Peter O. zu Besuch kam, sind wir gleich runter, und die Torte, die ich bestellt habe, hieß zu recht Fruchtbombe. Und unten am Kufsteiner Platz gibt's eine von einem halben Dutzend über den Ostteil der Stadt verteilten Filialen von "Brotmanufaktur Paul Schmidt". Jetzt mal von der etwas gequält originellen Bezeichnung für eine Bäckerei abgesehen, bei Schmidt gibt es mein derzeitiges Lieblingsbrot - Vollkornsonnenblumenbrot, in einem kleinen runden Laib verarbeitet. Und, meine Güte, was für prachtvolle Konditorschweinereien der Schmidt anbietet. Zur Zeit kann ich von den Russischen Punschschnitten mit Marzipandeckel und, tatsächlich, leisem Punschgeschmack, gar nicht genug kriegen. Man muss das mal genüsslich aussprechen und auf der Zunge zergehen lassen: Russische Punschschnitte. So ähnlich schmeckt sie auch. Und jetzt gibt's - mittags ein Uhr - Linseneintopf mit Hühnerfleisch. Issne neue Kreation, sonst kommen Wiener dazu. Aber als ich gestern Heißhunger auf ein halbes Hendl hatte, blieb die Hähnchenbrust übrig, weil ich kein halbes Hendl auf einmal essen kann. Also gibt's die Hähnchenbrust heute in Stücke geschnitten zu den Linsen. Ist vielleicht gar keine schlechte Idee, sie kurz im Eintopf mitzukochen, dann schmeckt sie nicht so trocken. Äh - guten Appetit allerseits!
9. September 2009
Lieber Reinhold, danke für die Mail. Interessierte Fragen verdienen befriedigende Antworten. Also: - Die letzten beiden Menschen, die mir Zuspruch und Unterstützung geschickt haben, kenne ich nicht. Mit Frank Schäfer hatte ich mal eine Mail ausgetauscht wegen einem feinen Artikel, den er für die taz geschrieben hatte. - Ich fühl mich recht gut zur Zeit, und weil ich immer nur einen Tag nach dem anderen lebe, heute besonders gut: Ich konnte viel schlafen, und bin erst um halb neun aufgestanden. - Auch wenn dich dein Job in ihre Nähe geführt hat - die Appenzeller mit ihrem Käse werden in diesem Hause boykottiert, schon weil sie Fernsehwerbung machen, und dann auch noch mit Uwe Ochenknecht. Brrrrr! Woher ich das mit der Fernsehwerbung weiß? Weil mir die Verkäuferin beim letzten Käsekauf (Oberstdorfer!) einen Werbezettel für Appenzeller in die Tüte gesteckt hat (statt Tell-Apfel legen sie einen Käselaib auf den Kindskopf - ist leichter zu treffen!). - CCS? Hm, kenne ich nicht mehr, aber Alexis Korner hat immer feine Musik gemacht. - Als es mir gaaanz schlecht ging, konnte ich überhaupt keine Musik mehr hören. Jetzt geht sogar wieder Pop, wenn's net zu krachert ist. Axel hat mich auf James Yorkston gebracht. Musst mal gucken, ist britisch, seine Musik entspricht mir zur Zeit am natürlichsten. - Hermann Hesse: Ohne die geistige Welt, die er im "Glasperlenspiel" aufbaut, hätte mich die erste Chemotherapie seelisch zerschmettert. Was für eine Freude, das als "reifer" Mensch nach all den Jahren wiederzulesen. Das steht wie ein riesiger Felsbrocken in der Literatur, und nichts kann ihm was anhaben. - Am HANSblog bastle ich weiter, inzwischen krieg ich schon Zuschriften, wenn ich mal zwei Tage nichts eintrage. Gute Reise ins Rheinland ("Warum ist es am Rhein so schööön ..."), und danke für die Wünsche - Hans
24. September 2009
Hausarzt
Gute Nachrichten am frühen Morgen: "Ihre Blutwerte haben sich in fast allen Bereichen zum Positiven verändert. Die Chemotherapie spricht gut an bei Ihnen." Und mal richtig geschlafen habe ich auch in der Nacht von gestern auf heute. Fröhlich und beschwingt - so weit das die Sehnenschmerzen im linken Oberschenkel zuließen - bin ich in die Apotheke gelatscht, die gleich zwischen der Arztpraxis und meinem Hintereingang angesiedelt ist. Ich wohne am idealen Ort für Kranke. Als hätte ich es geahnt, als ich vor zweieinhalb Jahren hierher gezogen bin. Ach Schmarren, ich hatte keine Ahnung.
Aufzuggespräch
Eine ältere Dame kommt von oben heruntergefahren, ich steige in meinem Stockwerk ein. "Guten Morgen." "Guten Morgen." Sie schaut mir freundlich prüfend ins Gesicht. "Sie wohnen aber noch nicht lange hier." "Doch, doch. Inzwischen sind's über zweieinhalb Jahre." "Na, sag ich doch! Ich wohn' schon seit 40 Jahren hier." Im Kellergeschoß, wo wir beide aussteigen, weil wir den Hinterausgang benutzen, verabschieden wir uns. Sie nimmt den direkten Weg, ich geh lieber über die Platten zwischen dem Rasen. "Schönen Tag noch." "Ihnen auch."
Gastbeitrag
Lieber Hans, ich fand das auch gut, gestern nachmittag, obwohl's ja eigentlich traurig war, mich bekümmernd. James Fenimore Cooper also weit vor Thoreaus "Walden", schau an. Ich hatte den Cooper als Jugendautor gewertet und ihn in dieser Zeit auch gelesen. Jetzt bringst Du mich drauf, ihn anders wiederzulesen und das mach ich, nach dem Fontane. Man muss ja außer der Sachbuch-Lektüre auch immer was fürs Gemüt lesen. Im Augenblick ist das bei mir Saul Bellow, den lese ich morgen, wenn ich nach Düsseldorf fahre. Im Zug geht das so schön. Lieber Hans, nach Lage der Dinge siehst Du mich frühestens Anfang November, weil ich weg bin. Dann aber bestimmt. Vielleicht bewegt sich bei Dir was. Zu irgendwas müssen die Mühsalen der Chemotherapie doch gut sein... Du hast, scheint mir, eine gute Haltung gefunden. Herzlich Konrad
21. September 2009
Alles Gute zum Geburtstag, Leonard Cohen!
Irgendwann in den späten achtziger Jahren hat eine gutgehende Monatszeitschrift beschlossen, mich nach Paris zu schicken, wo die Plattenfirma CBS Interviews mit Leonard Cohen organisiert hat. Hah, feiner Auftrag, dachte ich, und das war's auch, von einem Sturm über Paris mal abgesehen, der mich ein paar Mal zur Tüte greifen ließ, was dann aber nur vorbeugend war, denn anscheinend war mein Frühstück längst verdaut. Mit einer dreiviertel Stunde Verspätung landeten wir dann auf dem Flughafen, der nach einem langjährigen Präsidenten benannt ist, dessen Name mir hier nicht ins Blog kommt. Dann ging's mit dem Taxi (alles Spesen fürs Hochglanzmagazin) in die Innenstadt, wo die Pressedame von CBS UK schon sehnsüchtig wartete, weil ich ihren Zeitplan durcheinander brachte. Es war eins von diesen raren Interviews, wo sich zum Vergnügen der Beteiligten ganz schnell ein Gespräch entwickelt und keine vorgefertigten Fragen abgehakt werden, sondern gemeinsam beim Reden neue Gedanken verfertigt werden (schöne Grüße an Heinrich von Kleist). So kamen wir auf Cohens ersten Auftritt beim wichtigsten Folk-Festival der USA in Newport zu sprechen ("if you can make it there, you'll make it anywhere"). "Ich saß in diesem Wohnwagen und war schon drei Mal auf der Toilette gewesen, vor lauter Angst und Lampenfieber. Mein Anwalt hatte mich nach Newport gefahren, und als ich das dritte Mal vom Klo kam, fragte er mich: 'Hey, Leonard, was ist los mit dir? Stimmt was nicht?' Ich wusste das auch nicht so genau, aber dann fiel mir ein Grund ein: 'Ich soll da jetzt rausgehen, dabei kann ich gar nicht singen.' Der Anwalt schaute mich an, mit einer Mischung aus Mitleid und völligem Unverständnis. 'Was ist dein Problem? Keiner von den Leuten hier auf dem Festival kann singen. Na und? Deshalb bin ich nicht hier. Wenn ich jemand hören will, der singen kann, geh' ich in die Metropolitan Opera.'" Für jemanden, der nicht singen kann, hast du's ziemlich weit gebracht, lieber Leonard. Und herzlichen Dank für "Suzanne"!
Sie übernehmen ganz von allein
Zum ersten Mal habe ich sie bei der ersten Chemotherapie zwischen Halbschlaf und Einschlafen bemerkt. Ich hatte das Gefühl, dass ich für meine dick angeschwollenen Beine gar nicht zuständig bin. Sie würden sich schon drum kümmern. Sie? Na ja, die für meine Beine zuständigen Stellen. Ich hab' sie zwischen halbwach und schlafen deutlich wahrgenommen, als körperlose, geschäftige Energiewesen, die mir die Arbeit abnahmen. "Mir"? Na ja, "ich" hatte damit nichts zu tun, es kam mir nachträglich so vor, als hätte eine Art körperliche Intelligenz die Führung übernommen. Das war nicht erschreckend, es hat mich eher beruhigt. Mit meiner Heilung war nicht mein Verstand beschäftigt, die Arbeit hatte längst eine unterbewusste Instanz übernommen. Die Empfindung habe ich immer noch, nachts, kurz vorm Aufwachen, bevor ich auf die Toilette muss. Auch darum kümmern "sie" sich.
Hemingway
Ja, ich hab jetzt alles von ihm, was mich interessiert, auf Amerikanisch gelesen, und wenn einer ankommt und mir erzählen will, dass Ernest Miller Hemingway nicht zu den größten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts gehört, dann darf er mir den Schuh aufblasen. Nachdem ich auch die sehr schöne rororo-Monographie gelesen habe, nehme ich jetzt tatsächlich Abschied mit "Adiós Hemingway" von Leonardo Padura. Ein schöner Abschied. Dazwischen lese ich noch Sir Peter Ustinovs Vermächtnis "Achtung! Vorurteile", und danach freue ich mich aufs letzte Viertel von James Fenimore Coopers "The Pioneers". Kennen Sie das auch? Ein wunderschönes Buch ist mir in die Hände gefallen, und weil der Abschied von den Personen und der Stimmung, die es ausstrahlt, so schwer fällt, lese ich zum Ende hin immer langsamer, oder, wie im Fall Cooper, lasse es ein paar Tage liegen. Ich freue mich auf den Rest wie andere Leute auf die Wies'n.
Schöne Tage allerseits.
22. September 2009
Herbstanfang
Nein, nicht schon wieder ein Herbstgedicht ("Dies ist ein Herbsttag wie ich keinen sah ..."), nur die Erinnerung daran, dass heute Tag und Nacht im Gleichgewicht sind. Ab morgen werden die Nächte länger als die Tage.
Zehn Jahre - und nichts dazu gelernt
Ja, ich bekenne: Nach meiner Einschätzung der politischen Köpfe in dieser von den Parteien geklauten Demokratie kann niemand Oskar Lafontaine das Wasser reichen. Mit zehn Jahren Verspätung lese ich sein Buch "Das Herz schlägt links", das vom Jokers-Versand für 2,95 Euro verramscht wird. Sehr erfreut mich, dass er immer wieder den Volkswirtschaftler Paul Krugman zitiert, den Lafontaine schon 1999 für nobelpreisverdächtig hielt. Nun, 2008 hat Paul Krugman den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaft erhalten. Er war einer der wenigen seines Fachs, der gegen die neoliberale Dummbeutelideologie ankämpfte, und er sah das Platzen der Immobilienblase und den Zusammenbruch des Finanzsystems schon vor fünf Jahren voraus. Für englischsprachige HANSblog-Leser hier Krugmans Blog: Paul Krugman - Op-Ed Columnist - New York Times Blog Auf Seite 52 habe ich im Lafontaine-Buch dieses hier gefunden: "Arbeitslosenzahlen sagen viel über die Wirtschafts- und Finanzpolitik aus. Wenn die Arbeitslosenzahlen immer weiter ansteigen, ist die Wirtschafts- und Finanzpolitik falsch. Alles andere ist ideologisches Geschwätz, das nur noch denen leicht von den Lippen geht, die von der Arbeitslosigkeit nicht betroffen sind oder sich in einem bestehenden Wirtschaftssystem mit Unterbeschäftigung gut eingerichtet haben." Es ist schon unglaublich, dass im Jahr 2009 das Geschwätz unbeirrt weitergeht.
Die Drohung
So richtig wohlgefühlt habe ich mich Zeit meines Lebens immer am Rand - der Gesellschaft, des amerikanischen Kontinents, des journalistischen Treibens, des literarischen Betriebs. Was die Feuilletons der bürgerlichen Presse betrifft, stand ich nie am Rand: Meine Abneigung gegen diesen systemstützenden Mist war einfach zu groß, um da mitzumachen. Jetzt wohne ich wieder am Rand: Unterhalb meiner Dichterklause im vierten Stock dehnt sich nordwestlich der Herzogpark aus. Dort erreichen die Immobilienpreise die bekannten Münchner Rekordwerte, und es scheint so, als ob mindestens 60 Prozent der Bewohner diese schwarzen Abgasschleudern Marke Porsche Cayenne oder ihre Verwandten von Mercedes, BMW, VW, Range Rover fahren. Neulich wäre ich auf dem Kufsteiner Platz fast von einem Hummer überfahren worden. Der Fahrer grinste - wörtlich verstanden - von oben herab auf den blöden Fußgänger, der nicht schnell genug zur Seite sprang. "Heh, in meinem Panzer kann mir keiner was!" Ja, und weil in dieser Gegend sowieso 18 Prozent FDP wählen (letzte Landtagswahl), plakatieren die auch noch in meiner Nachbarschaft wie wild auf ihren Stellwänden an jedem Baum und Strauch. Seit etwa zehn Tagen muss ich auf dem Weg zu Bäcker, Metzger und Obst- und Gemüsestand an einem quietschgelben Plakat vorbei, auf dem in riesigen Lettern steht: "Westerwelle kommt." Und darunter der Termin - 23. 9. auf dem Marienplatz. Westerwelle kommt - ich empfinde das wirklich als Drohung. Dabei kann man dem Ätztypen ja eine gewisse Ehrlichkeit nicht absprechen: Ich mache Politik nach den Vorgaben des Bundesverbandes der deutschen Industrie. Ehrlich.
Und die Gesundheit?
Ja mei, so weit, so mager: Ich esse mehr denn je, und lege kein Gramm Gewicht zu. Eher im Gegenteil. Und den rasanten Muskelschwund im Spiegel auszuhalten, verlangt schon einigen Mut. Mir kommt es vor, als sei mein Körper in drei Monaten um zehn Jahre gealtert. "When I'm seventy-four ..." Am meisten nervt mich, dass ich keine längeren Spaziergänge machen kann. Schon nach dem Einkaufen oder einem kleinen Ausflug zum St.-Georgs-Kircherl und einem Gang über den Friedhof, komm ich mit Schmerzen im Oberschenkel direkt an der Leiste zurück. Lästig.
27. September 2009
Wahlqual
Auch wenn's schwer fiel mit meinen Schmerzen im Oberschenkel, hab' ich mich doch in die Berufsschule auf dem Bogenhausener Kirchbergl aufgemacht. Vermutlich bin ich der einzige Wähler in meinem Wahlkreis, der beide Stimmen der Linken gab. Und weil gleich nebenan der Bogenhausener Friedhof und die St.-Georgs-Kirche auf mich warteten, bin ich wie üblich auch dahin gegangen. Und dabei fiel mir ein, dass ich Ihnen, geneigter Leser, das Kapitel über St.-Georg aus "Stille Winkel in München" (S. 64) nicht vorenthalten sollte.
Tanzendes Rokoko: St. Georg auf dem Kirchbergl
Nach dem Friedhofsrundgang bin ich, alter Gewohnheit folgend, in die Kirche gegangen. St. Georg erinnert von außen an eine bescheidene kleine Dorfkirche, was kein Wunder ist, denn klein fing sie ja einmal an, im romanischen Stil, wie die Außenmauern verraten. Innen allerdings war seit dem Jahr 1760 Schluss mit der Bescheidenheit. Da zog nämlich ein Graf mit dem üppigen Namen August Josef von Törring-Jettenbach nach Bogenhausen und erwarb am Fuß des Kirchbergls das Schlossgut Neuberghausen. An dem hat Francois Cuvilliés mitrenoviert, der Schöpfer des gleichnamigen Theaters in der Münchner Residenz, trotzdem wurde Graf Törrings Schlossgut schon 1863 abgerissen. Aber der kunstsinnige Graf dehnte seinen Verschönerungswillen von Anfang an auf die benachbarte Kirche aus, und die steht bis heute, und seit 2001 schöner denn je. Franz Georg Riedl, der Pfarrer von Bogenhausen, hatte im Jahr 1759 einen Kostenvoranschlag für den Umbau der St.-Georg-Kirche im Barockstil bei Johann Michael Fischer, dem größten Baumeister der Zeit, in Auftrag gegeben. 1.820 Gulden sollte das kosten, aber ohne den Grafen Törring wäre wohl nichts aus den hochfliegenden Plänen geworden, denn der Rat der Stadt München und der „Kurfürstliche Geistliche Rat“ lehnten das Umbaugesuch des Pfarrers erst einmal ab. 1766 ging’s dann los mit dem Rokokoprunk, und für St. Georg waren nur das Beste und die Besten gut genug. Im „Kleinen Kunstführer“ von 2002 steht etwas von einem der „bedeutendsten Kirchenräume des ausgehenden Rokoko in Bayern“, und das darf man ruhig für wahr halten. „Hier verbinden sich Glaube und volkstümliche Frömmigkeitsformen mit außerordentlichem künstlerischem Können zu Kunstwerken ersten Ranges.“ Oder, mit anderen Worten: Die Katholiken in Bayern haben in der Barockzeit ganz schön auf den Putz gehauen, um mit viel Gold und Prunk den Geist des Glaubens in Materie darzustellen. Man wollte Eindruck machen – Show gehörte für diese Variation des südländischen Christentums einfach dazu. Allerdings darf man den Innenraum der kleinen Kirche nicht betreten, nur der Vorraum ist zugänglich. Das Kirchenschiff, den Hochaltar, die Deckenfresken, Seitenaltäre, die Kanzel – in der Tat alles spektakuläre Kunstwerke – sieht der Besucher nur aus der mit eisernen Gitterstäben gesicherten Entfernung. Das ist wirklich schade, denn Johann Baptist Straubs Reiterstatue des schnauzbärtigen Heiligen Georg, der am Hauptaltar hoch zu Schimmel das grässliche Drachenuntier absticht, würde man zu gerne näher in Augenschein nehmen, auch, um ihn mit dem silbernen Kühler-Georg auf dem Auto von Elizabeth II. von England zu vergleichen. Man würde gern im Kirchenraum herumgehen und die Rosenkranzmadonna zwischen den Marmorsäulen des linken Seitenaltars aus der Nähe betrachten oder genauer herausfinden, was es mit dem bepackten Bären zu Füßen des Heiligen Korbinian am rechten Seitenaltar auf sich hat. Die beiden Seitenaltäre wurden vom Barockgroßmeister Ignaz Günther geschaffen, und der hat auch noch die Kanzel auf der linken Seite beigetragen. Man würde gern unter dem prachtvollen Deckenfresko im Hauptschiff den Kopf in den Nacken legen, und das Martyrium des Heiligen Georg von Philipp Helterhof genauer studieren. Das ist alles Rokoko vom Feinsten, immer noch ein paar Putten und Engel und geschwungene Goldrahmen und Verzierungen und Schnörkel – sakrale Kunst, die tanzt, und man möchte gern mittanzen, darf aber nur von außen durchs Gitter gucken. So entgeht dem Besucher die eigenwillige Schreibweise des schönen Spruchs über der Günther-Kanzel: „Selig, die Gottes Wort hören und dasselbe beowachten.“ Auch die Schleichwerbung für den Sponsor über dem Abschlussbogen des Altars fällt kaum auf, aus der Perspektive hinter den Vorraumgittern. Nachdem Graf von Törring-Jettenbach am 15. März 1773 die Rechnung über 550 Gulden für den Hochaltar beglichen hatte, wurde sein Familienwappen hier verewigt. Ich vermute einmal, die Aussperrung der Kirchenbesucher geschieht aus Sicherheitsgründen. Vielleicht ist das Risiko zu groß, dass diese überwältigenden (und zwischen 1997 und 2001 teuer und aufwändig restaurierten) Kunstwerke von einem Irren beschädigt werden. Oder dass jemand den Hochaltar mit einem gemieteten Möbelwagen abtransportiert. So kann man die Rokokopracht jenseits des Gitters nur am Donnerstag um 8, am Sonntag um 9 und am Dienstag um 18:30 Uhr bewundern, wenn in St. Georg eine Heilige Messe stattfindet. Aber schön ist es trotzdem, sich auf die Bank im Vorraum zu setzen und mit den „volkstümlichen Frömmigkeitsformen und Kunstwerken ersten Ranges“ allein zu sein. Der Bogenhausener Friedhof ist täglich geöffnet, der Eintritt ist frei. Die St.-Georg-Kirche ist nur beschränkt zugänglich.
29. September 2009
Zuspruch aus New York
Betreff: Gesundheit/Krankheit Lieber Hans, ich habe zwar deine kurze Antwort neulich gesehen, bin aber dem Querverweis in der Mail nicht gleich nachgegangen. Am Wochenende hatte ich mehr Zeit und habe deine Aufzeichnungen gelesen und war einfach von der News erschlagen. Ich habe mich dann ein wenig daran aufgerichtet, was du geschrieben hast und auch an dem wie. Die Sprache in deinen Texten besitzt eine unbetäubte Klarheit. Wenn es nicht ein so herber Anlass wäre, würde ich völlig unbekümmert sagen: Das ist richtig gut. Aber so klebe ich zwischen Wort- und Ratlosigkeit auf dem Fleck und wünsche dir einfach von so weit weg erst mal nur Kraft, Zeit, Ruhe, gute Bücher, gute Ärzte und gute Freunde. Ich bin froh, dass die neuesten Nachrichten etwas besser sind. Herzliche Grüße Jürgen
30. September 2009
Schlaflose Nächte
Einmal bin ich doch eingepennt, und als ich wieder wach wurde, hatte ich den Eindruck, ich hätte von einer schlaflosen Nacht geträumt. Da soll noch einer durchblicken. Jedenfalls gab's auch "richtige" Träume, in denen ich ständig an einem Schacht in unserem Innenhof vorbeiging. Da gibt es zwar keinen Schacht, aber in meinem Traum habe ich dort immer Bücher reingeworfen. Einmal kam ich vorbei, und ganz unten am Boden stand so ein Brummkreisel aus Blech, auf einer kleinen, runden Plattform, und oben war ein kleiner Ring mit einer Schnur daran. Wenn man an der Schnur zog, fing der Blechkreisel an, sich zu drehen. Er war in der Mitte breiter und wurde nach oben und unten schmaler. Bei näherem Hinschauen wurde deutlich, dass die aufgemalte Frauengestalt aussah wie Angela Merkel, mit extrem breiten Hüften.
For Truman with Love
Heute wäre Truman Capote 85 Jahre alt geworden. Da unten steht zwar 84, das liegt daran, dass ich den Eintrag aus dem tazblog vom letzten Jahr kopiert habe. Bleibt ja aktuell, auch wenn es (Literatur-)Geschichte ist. Irgendwo in den archäologischen Tiefen meiner Schreibtischschublade liegt ein handgeschriebener Brief von Capote an mich - na ja, nicht an mich persönlich, sondern in meiner Eigenschaft als Playboy-Redakteur. Da ging es um einen Vorabdruck aus seinem nächsten Buch, "Erhörte Gebete", und er schrieb, dass er nichts dagegen hätte, und für 10.000 Mark könnten wir das Stück abdrucken. Da musste ich erst mit dem Chefredakteur reden, weil es das höchste Honorar war, das jemals vom deutschen Playboy bezahlt wurde. Selbstverständlich hat der Chef zugestimmt. Heh, das war exklusiv von Truman Capote. Nur ein Idiot hätte das abgelehnt.
Ein schönes Kind
Marilyn: Erinnerst du dich, ich habe gesagt, wenn dich irgendjemand einmal fragen würde, wie ich war, wie Marilyn Monroe wirklich war - nun, was würdest du ihnen antworten? (Sie sagte das neckisch, spöttisch, aber auch ernsthaft: Sie wollte eine ehrliche Antwort.) Ich wette, du würdest ihnen sagen, dass ich eine Schlampe war. Eine Angeberin. Truman Capote: Natürlich. Aber ich würde auch sagen ... (Das Tageslicht wurde schwächer. Sie schien mit ihm zu verschwinden, sich mit dem Himmel und den Wolken zu vermischen, sich über ihnen aufzulösen. Ich wollte mit meiner Stimme die Schreie der Möwen übertönen und sie zurückrufen: Marilyn! Marilyn, warum musste alles so beschissen werden, wie es jetzt ist? Warum muss das Leben so beschissen sein?) TC: Ich würde sagen ... Marilyn: Ich kann dich nicht hören. TC: Ich würde sagen, du bist ein schönes Kind.
(Truman Capote, A Beautiful Child, 1979. Aus: Portraits)
Heute wäre Truman Capote 84 Jahre alt geworden. Er wurde 1924 geboren, wuchs in New Orleans auf, hat nie eine Universiät besucht. Mit zwölf Jahren begann er zu schreiben, seine erste Kurzgeschichte erschien 1945. Als er 1948 mit seinem ersten Roman "Andere Stimmen, andere Räume" auf der Bühne der amerikanischen Literatur erschien, war er selbst noch ein schönes Kind. Es folgten Novellen ("Die Grasharfe", "Frühstück bei Tiffany", das endlich in einer neuen Übersetzung vorliegt), Reportagen, Reiseberichte - darunter "The Muses Are Heard" (Die Musen werden gehört, 1956). Es ist die Geschichte einer Bahnreise mit einer schwarzen Theatertruppe von Berlin aus nach Leningrad (Petersburg) und Moskau, um "Porgy und Bess" aufzuführen. Weltberühmt wurde Capote mit "Kaltblütig", dem Bericht über einen Massenmörder, den er jahrelang immer wieder in der Gefängniszelle besuchte und bis zur Hinrichtung begleitete. Weil man nicht wusste, ob das noch als Reportage einzuordnen war oder eher als Roman, erfanden amerikanische Feuilletonredakteure den Begriff "faction", abgeleitet aus fact und fiction. In der Folge schrieben auch Norman Mailer, Tom Wolfe, Hunter S. Thompson, Gore Vidal und andere Schriftsteller Bücher, die als faction bezeichnet wurden. Nach dem Erscheinen von "Kaltblütig" gab er dem US-Playboy ein Interview, in dem er sagte: "Ich habe mitbekommen, dass der Tod der zentrale Faktor im Leben ist. Und das einfache Verständnis dieser Tatsache verändert einem die gesamte Perspektive ... Die Erfahrung hat dazu geführt, mein Gefühl für die tragische Sicht des Lebens zu verstärken, das ich schon immer gehabt habe, und das für den Teil von mir verantwortlich ist, der so außerordentlich frivol erscheint; dieser Teil steht immer in einem dunklen Flur und macht sich über die Tragik und den Tod lustig. Deswegen trinke ich so gern Champagner und steige im Ritz ab." Das Marilyn-Monroe-Porträt, dessen Schluss ich oben zitiert habe, gehörte zu einer ganzen Serie, in der er auch Begegnungen mit anderen Schauspielern und Berühmtheiten literarisch aufarbeitete, darunter mit Marlon Brando, Elizabeth Taylor, Colette, Pablo Picasso, Mae West, André Gide, Coco Chanel, Somerset Maugham, Charlie Chaplin, Louis Armstrong, Humphrey Bogart und John Huston. Marlon Brando sagte nach der Veröffentlichung des Porträts über ihn, er würde "dieser Schwuchtel am liebsten den Hals umdrehen". Capotes Freundschaften mit den Schönen und Reichen der New Yorker Society spiegeln sich in den letzten Büchern, "Musik für Chamäleons" und "Erhörte Gebete". Weil er den Lebensstil der oberen Zehntausend sehr offen und sehr kritisch beschrieb, und so, dass viele der dargestellten Personen sich wiedererkannten, ließen ihn seine früheren Freunde nach der Veröffentlichung fallen wie eine heiße Kartoffel. In einem Interview-Buch von Lawrence Grobel - "Gespräche mit Capote" - erinnert er sich an die Zeit, als "Erhörte Gebete" erschien: "Was haben die denn geglaubt, wen sie um sich hatten? Einen Hofnarr? Heh, ich bin Schriftsteller." In demselben Buch charakterisierte er sich selbst: "Ich bin Alkoholiker. Ich bin drogensüchtig. Ich bin homosexuell. Ich bin ein Genie." Er starb im August 1984 in Los Angeles kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag, einsam, alkoholkrank, amphetaminsüchtig. Sein Leben wurde vor ein paar Jahren mit Seymour Hoffman in der Hauptrolle verfilmt.
|