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Dies ist "Achtung: tazblog!" für den Monat April 2008 in chronologischer Reihenfolge. Aus technischen Gründen kann hier nur der Text wiedergegeben werden, ohne graphische Gestaltung. Der Inhalt ist unverändert.


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"Die taz gehört doch auch zum Meinungskartell dazu."
Heiner Geißler

Wie einst das gallische Dorf die letzte Bastion gegen die Römer war, so stemmt sich die taz tapfer gegen die Übermacht der weitgehend gleichgeschalteten (bürgerlichen) Presseerzeugnisse. Die ganze taz? Nö, es gibt Schreiber und Redakteure, die längst nicht mehr wissen (oder wissen wollen), weshalb diese Tageszeitung einmal gegründet wurde: Um "systemkritischen Sichtweisen" eine Stimme zu geben, andere Themen für wichtig zu halten als der Rest der Presse, anderswo unterdrückte Nachrichten an die Öffentlichkeit zu bringen. Und zwar im Zweifelsfall mit linkem  Anspruch - wenn links bedeutet, "dass Menschen nicht an ihrem materiellen Besitz gemessen werden sollten, sondern ihrer Fähigkeit, das Leben der anderen - der Armen und Benachteiligten - zu verändern; dass die Wirtschaft gemäß den Interesssen aller und nicht einiger weniger neu organisiert werden müsse; und dass Sozialismus ohne Demokratie niemals funktionieren würde."
(Hinzufügen sollte man die Fähigkeit, nicht nur das Leben der anderen, sondern auch und vor allem sein eigenes zu verändern.) Und dann ergänzt Tariq Ali, von dem dieses Zitat stammt, noch: "Vor allem glaubten wir an die Redefreiheit." 
Weshalb selbstverständlich auch die Redakteure und Autoren, die ich nicht besonders schätze, in der taz zu Wort kommen dürfen/sollen (müssen?). Ihnen gilt aber mein kritisches Augenmerk ganz besonders.
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Hinweis: Die Beiträge zum Skandaltitel Deutschland duldet Terrorchef und zur tendenziösen taz-Berichterstattung über Ruanda beginnen weiter unten, am 23. 4.!
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10. 4. 2008
Ois für die Katz

Eine Meldung in der taz, ganz klein und versteckt auf Seite 7: "Fliegen ist noch schädlicher als angenommen". Na ja, wer hat denn was angenommen? Es kann ja sein, dass heute mehr Leute als vor einem Jahr wissen, wie schädlich Fliegen für die Atmosphäre ist. Fliegen und Autofahren werden dem Planeten den Rest geben.
Aber das hat keinen Einfluss auf das Verhalten meiner deutschen Mitbewohner. Im Jahr 2007 wurde noch mehr geflogen als im Jahr 2006. Und Flugbenzin wird immer noch nicht versteuert. In München und Frankfurt werden noch weitere Start- und Landebahnen gebaut. Und für 29 Euro kann man nach Malle fliegen. Spitze!
Der Medienhype um den Klimawandel, Nobelpreis für Al Gore, Dauerwerbung für Hybridautos - und herausgekommen ist nichts, nada, niente. In Deutschland wurden noch mehr Autos verkauft, noch mehr Spritschlucker gebaut von Porsche, Audi, Mercedes, BMW, Volkswagen und wie die mächtig Herrschenden heißen, an deren Marionettenfäden noch jede Regierung in diesem Land zappelte. Es gibt immer noch keine bundesweite Geschwindigkeitsbegrenzung für Pkw, keine Rußfilter für Lkw. Und es gibt keine ernsthaften Versuche, den Güterverkehr von der Straße auf die Schiene zu verlegen, im Gegenteil, nach allen Prognosen wird sich der Lkw-Verkehr in den nächsten Jahren verdoppeln. Es gibt nirgends auch nur den Hauch eines Ansatzes, endgültig den Bau neuer Straßen zu beenden und das Schienennetz zumindest auf den Stand der späten fünfziger Jahre zurückzubringen. Damals war noch jeder Winkel des Landes mit der Bahn zu erreichen, kleine und große Pakete und Güter wurden als Expressgut befördert, und damit tausende Fahrten mit Kleintransportern überflüssig. Und im Zugabteil konnte man die Fenster aufmachen und die Landschaft riechen.
Um an immer mehr Leute immer mehr Autos verkaufen zu können, wurden nach und nach alle Nebenstrecken stillgelegt, so dass heute jeder, der nicht in Großstädten lebt, zum Autobesitz gezwungen wird. Gleichzeitig werden die Nahverkehrspreise ständig erhöht (in München immer dann, wenn keine Kommunalwahlen anstehen oder sie gerade vorbei sind). Auch Bahnfahren wird immer teurer, um mit (vier) Millliarden Gewinn protzen und das ganze Volkseigentum lukrativ an der Börse verscherbeln zu können.
Dabei gibt es nur ein Verkehrsmittel, das tatsächlich den entscheidenden Unterschied beim Kampf gegen die Klimaerwärmung macht: Die Bahn. Mit einem optimalen  Schienennetz würden Inlandsflüge überflüssig und ländliche Gegenden wieder vom Auto unabhängig. Und ein großer Anteil des Güterverkehrs könnte zurück auf die Schiene gebracht werden.
Will das denn keiner? Doch, das wollen sogar viele Leute. Nur nicht die Vorstände der großen Logistik- und Autokonzerne, nicht Frau Merkel, nicht Herr Beck, keiner der abgehobenen Angehörigen der politischen Klasse, keiner, der einen steuerlich bevorzugten Dienstwagen fährt, keiner, der die Macht hat, die Weichen so zu stellen, dass der Planet nicht ruiniert wird. Keiner. Und auch Al Gore macht lieber Werbung für Autos mit Hybridmotor als für den Ausbau des Schienennetzes in seinem Heimatland.
Nicht mal ein Tempolimit kriegen sie hin in Deutschland, damit die BMW-Audi-Mercedes-Volkswagen-Porsche-Gang, die größte kriminelle Vereinigung in Deutschland, endlich gezwungen würde, andere Autos mit geringerem Spritverbrauch zu bauen statt ihrer SUV-Wahnsinnskisten (das ist die Abkürzung für Saumäßige Umwelt-Verseuchung). Den Zwang zum Auto abschaffen - nee, das wollen sie eh nicht inna Bärliner Koalitiong. Ham ja alle Dienstwagen und Chauffeur und Freifahrt Erster Klasse, und selbst die Ökos finden Fliegen schöner.
Ich hab schon oft gemerkt: Die Leute verstehen überhaupt nicht, wovon du redest. Ein Auto? Aber ey, das braucht doch jeder, Rezzo Schlauch sogar einen Porsche. Es ist die erfolgreichste Gehirnwäsche aller Zeiten, vom Nationalismus, vom Atomstrom und von den Eisbären Knut und Flocke mal abgesehen.
1 Kommentar:
zu 10. 4. 2008
"Eine Meldung in der taz, ganz klein und versteckt auf Seite 7: "Fliegen ist noch schädlicher als angenommen". Na ja, wer hat denn was angenommen? Es kann ja sein, dass heute mehr Leute als vor einem Jahr wissen, wie schädlich Fliegen für die Atmosphäre ist. Fliegen und Autofahren werden dem Planeten den Rest geben."
Finde ich genau richtig, aber ich schreibe mir da auch schon seit Jahren die Finger wund.
Ich habe übrigens noch alte Kongressbände der Grünen, wo der "Autowahn" auch psychologisch analysiert wurde. Davon ist heute nichts mehr zu hören. Man setzt lieber auf Solar (sprich Elektro)-Autos, oder Brennstoffzelle mit Wasserstoff.
Will aber nicht wahrhaben, daß man damit der "anderen Seite" das Tor öffnet.
Deshalb habe ich es auch aufgegeben regelmäßig taz zu lesen.
Viele Grüße
Roland Schnell, Berlin

12. 4. 2008
Bildung durch Fußball

Endlich weiß ich, dass Getafe ein Vorort von Madrid ist: geographische Weiterbildung für jedermann, dem Fußball sei Dank! Jedenfalls hat der dortige Verein in einem denkwürdigen Spiel gegen Bayern München ein 3:3 erreicht, ist aber rausgeflogen aus dem UEFA-Cup, weil sie im Vorspiel in München auch nur unentschieden (1:1) gespielt haben (bei gleicher Anzahl der Tore kommt der weiter, der mehr Tore auswärts geschossen hat). Am übernächsten Tag, dem 12. 4. 2008, stellten sie dem Jürgen Roth in der taz zwei Spalten zur Verfügung, um seine Euphorie abzulassen, die ihn beim Anschauen der Fernsehübertragung offenbar überkam. Ach, was hab ich mich amüsiert - und weitergebildet! "Die reine Trunkenheit, der überwältigende Glanz des Einbruchs des Numinosen in die Tristesse des Hier und Jetzt - das wird von jenem Abend im Coliseum Alfonso Pérez bleiben ..." Und: "Fußball ist keine Kunst, Fußball ist ein dezisionistischer Sport."
Der Höhepunkt der Abhandlung kam aber erst kurz vor Schluss: "Das 3:3 gegen Getafe war Fußball auf den Begriff gebracht, das war 'Wahnsinn' (RTL) und deshalb die Wahrheit, denn nur im Irrsinn entbirgt dieser Sport sein Geheimnis: in den raren Momenten der wahrhaftigen Peripetien mit der Ewigkeit verschwistert zu sein."
Da frag ich mich doch, in welchem Ausmaß Jürgen Roth in reiner Trunkenheit beim Einbruch des Numinosen mit dem Alkohol verbrüdert war. Und ob "die Tristesse des Hier und Jetzt" vielleicht einem gewaltigen Kater nach durchzechter Nacht entsprang.
Aber selbstverständlich hab ich noch nachgeguckt, was "Peripetie" heißt: Umschwung, entscheidende Wende (im Drama). Und was war gleich noch mal das Numinose? Ach richtig, nichts weniger als das Göttliche.
Bildung durch Fußball? Meine Güte, ich hol sie mir, wo ich kann.

19. 4. 2008
Der ewige Langhans

Schöne Beilage über die Träume von 68, der beste Artikel über Rainer Langhans seit etwa 100 Jahren, von Peter Unfried. Zitat Langhans: "Wir dachten damals, wir seien nur links. Dabei war 1968 eine spirituelle Bewegung." Tolles Foto - Langhans aus der Vogelperspektive aufgenommen, weiß gekleidet im Meditationssitz, mitten auf einer Straßenkreuzung in Westschwabing, Autos, die ihm ausweichen. Sehr schön, dieses Bild sagt wirklich mehr als 1.000 Worte.
Und ganz hinten kommt noch Arlo Guthrie zu Wort: "Das war ja auch das Geheimnis von 1968: Wir wollten die Welt verändern - aber bitte mit guter Laune. (...) Meine Hoffnung liegt in der Zukunft und nicht in dem, was vor 40 Jahren mal passiert ist."
Zu den Rappern: "Eminem spricht viele Kids an - und macht ihre Probleme sichtbar. Aber was ihn bewegt, ist nicht eine politische Kraft, sondern die Kraft des Profits. Und die hat noch selten etwas zum Guten verändert."
Zum Schluss sagt Arlo Guthrie noch: "Meine Vision bleibt eine kleine: Seid nett, ehrlich und gut zueinander. Macht das, worauf ihr Lust habt. Umarmt Bäume, fangt Fische, seid friedlich."

Im Kulturteil ein unsäglicher Beitrag, eine Buchrezension zu "Ökonomien der Armut. Soziale Verhältnisse in der Literatur." Kostet 29,90, wendet sich offenbar nicht an mich als Zielgruppe. Der Autor dieser Buchbesprechung heißt Ansgar Wagner, wofür er nichts kann, es sei denn, es handelt sich um ein Pseudonym, dann muss man ihn noch mehr bedauern. Jedenfalls kann er mal mein Fahrrad aufpumpen, bevor er wieder so einen Unfug schreibt und Arno Schmidt fahrlässig als "kauzigen Vielschreiber aus der Lüneburger Heide" bezeichnet, der sich darauf "kaprizierte, getreu der bürgerlich-altbackenen Tradition des Originalgenies vom literarischen Schreiben allein leben zu können." Und dann trifft die Scheiße den Ventilator, und dieser Ansgar Wagner deliriert vor sich hin: "Schmidt gehörte andererseits zu den Neurotikern, die neben Alkohol, Koffein und Tabletten die panische Angst vor dem Bankrott ganz einfach brauchten, um sich zum Schreiben zu zwingen." Und so weiter und so blöd.
Keine Ahnung, was der Autor braucht, um sich zum Schreiben zu zwingen. Aber wer oder was zwingt den/die taz-Kulturredakteur/in, so einen Mist abzudrucken?

20. 4. 2008
Feucht sells

Noch mal taz-Kultur, "Berichtigung", Seite 16, die Nachricht aus dem Tal der Ahnungslosen.
Zum Thema "Fernsehmoderatorin schockt mit Frauenschleim und erobert die Bestsellerlisten": "Die 'Feuchtgebiete' verkauften sich so gut, weil ältere Herren sie für Pornografie hielten, wird kolportiert. Das leuchtet ein."
Ach geh, wem leuchtet das ein? So blöd sind ältere Herren auch nicht, abgesehen davon lesen die sowieso keine Romane, und wenn, dann ganz bestimmt keinen Roman über die Befindlichkeit von Frauen ganz unten vorn und hinten. Ein Roman kommt dann auf die Bestsellerlisten, wenn Frauen ihn mögen, denn Frauen kaufen Romane in Deutschland. Ganz überwiegend sogar. Oder: "Offenkundig trifft Roches humorvolle Erkundung erogener Zonen bei sehr vielen, vorwiegend weiblichen Leserinnen auf Interesse. Ein Interesse, das sich - darin sind sich alle Rezensenten einig - nicht allein mit 'Sex sells' erklären lässt."
Klingt schon weniger ahnungslos. Wo das steht? In derselben taz-Ausgabe auf Seite 8, Meinungsressort, Ines Kappert.

21. 4. 2008#
Kampf gegen falsche Namen

Schmollsenior vom Walksfelder Boten hat's als Erster gemerkt und zur Kritik an dem Beitrag im taz-Kultturteil (siehe unten, 19. 4.) geschrieben:

"Vorsichtshalber schau'n wir nochmal etwas genauer hin. Und siehe da, der Herr heißt nicht Wagner wie der gerne zurückblickende Prophet des deutschgroßlettrigen Bildungsblattes der nie irrenden Fliegen, ist auch noch etwas jünger als dieser Methusalem des tiefergelegten Geistes, sondern trägt den sehr viel bedeutungsvolleren Namen Warner und hat sich in seiner Dissertation mit dem 'Kampf gegen Gespenster' beschäftigt."

Danke für den Hinweis. So tue ich denn Buße und schreibe den Namen des Autors zehn Mal richtig: Warner,  Warner, Warner, Warner, Warner, Warner, Warner, Warner, Warner, Warner. Was nichts dran ändert,  dass sein Artikel unsäglich ist.

22. 4. 2008
China! China! China!

Ich lese die taz, auch die vom 21. 4., immer von hinten, ärgere mich über das Ekelwort "Gemächt" auf der Wahrheitseite, auch noch in der Überschrift, und freue mich wie fast immer über die Sportseiten am Montag. Die taz macht schön deutlich, dass trotz geschätzten 500 Sportkanälen im Fernsehen auch die Printmedien noch ihren Platz im Sportjournalismus haben.

Und dann fängt's an zu flimmern und zu rauschen. Oh weh: "Oh, wie schön ist China!" Da vermute ich bei der Titelzeile schon Polemik, und das wird dann im Untertitel trefflich bestätigt. "Die 'Lügen' westlicher Medien haben am Wochenende in Berlin und in vielen anderen Städten tausende Chinesen auf die Straße  gebracht -  eine Oppositiion, die in ihrer Heimat nicht denkbar wäre". Ob diese Schlagzeilen von Sven Hansen, dem Autor des Artikels, stammen oder vom produzierenden Redakteur, weiß ich nicht. Aber das klingt schon sehr nach der Parole "Geht doch nach drüben!", die ich in den Jahren 68ff. anlässlich von Demonstrationen oft zu hören bekam. Und die "Lügen" in Gänsefüßchen deuten ja an, dass hierzulande nicht gelogen wird in den Medien - sehen die ganz falsch, die Chinesen. Und ein Spiegel-Titel mit der Geschichte "Die gelben Spione" ist dann wohl auch kein Grund für Chinesen und (nach dem Bild zu schließen hübsche) Chinesinnen, ihren Protest auf die Straße zu tragen. Dass die taz mit der Unterzeile lügt, beweist sie gleich selbst auf Seite 2 derselben Ausgabe: Ganz bestimmt wäre diese "Opposition" auch in ihrer Heimat "denkbar", denn in China wurde ebenso gegen westliche Medien und Politiker und Konzerne demonstriert, ohne dass die KP eingegriffen hätte. Und dabei trugen sie die französische Flagge mit der Aufschrift "Free Corsica" durch die Straßen - hehehe, gut gegeben.

Ein bisschen an die eigene Nase fassen gehört schon auch zur Pflicht des Journalisten, und wer im Westen mit dem Finger auf China zeigt und die Einhaltung der Menschenrechte fordert, auf den zeigen vier Finger zurück - auf völkerrechtswidrige Angriffskriege mit über 100.000 Toten, auf geheime Gefängnisse, in denen keine Menschenrechte gelten, auf immer unverschämtere Ausbeutung, und auf eine Politik, die dafür sorgt, dass inzwischen 26 Prozent der deutschen Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben. Die taz bringt solch brisante Meldungen, das schon, aber mit Vorliebe als Agenturmeldung klein und im Innenteil versteckt. Seite 6 derselben Ausgabe: "2003 lag diese Zahl noch bei 13,9 Prozent. Insgesamt lebt fast jeder Fünfte, also 18 Prozent der Bundesbürger, von weniger als der Hälfte des Durchschnittseinkommens." Wobei das Durchschnittseinkommen wohl auch inklusive der asozialen Managergehälter berechnet wird.

Wäre doch mal interessant, die deutschen Managergehälter mit denen in China zu vergleichen. Und bei der Gelegenheit würde mich gleich noch interessieren, ob dort auch 26 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben.

Eine feine Theaterkritik steht im Kulturteil: "Der Meister und Margarita", auf die Bühne gebracht. Klingt gut, auf nach Düsseldorf! Die wunderschöne Frau auf dem zu Recht groß herausgestellten Foto ziert die Seite ganz ohne jeden Zweifel, auch wenn die Kulturredaktion wohl außerstande war, ihren Namen herauszufinden. Nein, es ist nicht die Düsseldorfer Margarita, sie heißt in der Bildunterschrift nur Darstellerin, und sie spielt in einem Film mit dem Titel "A Fairground Attraction", der aber im daneben stehenden Artikel über das Istanbuler Filmfestival nicht  vorkommt. Ein türkischer Film mit englischem Titel? Wir erfahren es nicht. Na, macht ja nix, tolle Frau, Spitzenfigur, schönes Kleid, Klassefoto, wer wird denn da noch meckern. Völlig unmotiviert leckere Mädelsfotos abdrucken - heh, das ist nun mal Journalismus!

Großes Lob für die  68er-Hitparade von Klaus Theweleit - dass war wirklich der Soundtrack in den bekifften Zirkeln jener Zeit. Ah, Velvet Underground mit Andy Warhols Bananencover - das war der Sound und das Design der Revolution. Amen.

Wie immer montags überkam mich große Freude beim Lesen des (ich nehm mal an E-Mail-)Interviews mit Selbstdenker Küppersbusch. Sehr erfrischend!

23. 4. 2008
Ein tazloser Tag

Es gibt so Blogger da draußen, die durchwühlen das Internet wie menschliche Suchmaschinen und wissen ganz schnell, wo wieder ein neuer Blogger-Kollege was in die Welt setzt. Schon am Montag freute sich ein Holgi über diesen Blog hier (manche sagen ja "das Blog", was möglicherweise korrekt ist, aber da muss ich mich erst umgewöhnen, bis dahin schreib ich noch ne Weile "der"). Jedenfalls wünschte mir Holgi, ich möge einen langen Atem haben und nicht, wie so viele Internet-Projekte, schnell wieder verschwinden.
Um den guten Mann, der anscheinend in Berlin etwas mit Rundfunk zu tun hat, nicht zu enttäuschen, will ich ganz schnell erklären, weshalb ich bisher nichts über die taz von gestern geschrieben habe: Ich hab sie bis heute nicht erhalten.
Eine Tageszeitung, von Büchern und Filmen gar nicht zu reden, braucht einen guten Vertrieb. Den hat die taz, und meistens liegt sie am Morgen irgendwo im Flur, seltener direkt vor meiner Wohnungstür. Manchmal aber nicht, und das ist ärgerlich, vor allem samstags, weil es im Umkreis von vier Kilometern keinen Laden oder Kiosk gibt, der die taz führt. Ich wohn in der taz-Leser-Diaspora. Wenn sie nicht geliefert wird, muss ich a) die Abo-Abteilung anrufen und b) mich zum Ostbahnhof aufmachen.
In der Abo-Abteilung, die ich kurz nach neun anrufe, erklärt mir eine freundliche Frauenstimme, sie würde sich gleich drum kümmern und in München anrufen. Die Zeitung würde nachgeliefert. Ich, ungläubig: "Glauben Sie wirklich?" "Aber ja, es ist doch noch früh am Morgen, Sie bekommen die taz noch heute nachgeliefert."
Nun, das sagen sie immer, iss aber noch nie passiert. Auch dieses Mal war meine Skepsis berechtigt: null taz. Kurz vor vier geh ich sicherheitshalber zum Briefkasten runter, könnte  ja sein... Iss aber nicht. Anruf bei taz-Abo: "Könnten Sie nicht dafür sorgen, dass die taz von heute wenigstens morgen früh mitgeliefert wird?"
"Ja freilich, ich ruf gleich noch mal an, aber zur Sicherheit schicke ich ihnen eine mit der Post."
Darauf muss ich jetzt hoffen, denn um halb sieben lag zwar die taz von heute vor der Tür, aber noch habe ich keine von gestern.
Hat aber auch was Gutes, denn in der Online-Ausgabe, die ich mir gestern Abend angeguckt habe, machen sie mit einem Wahnsinnsfoto von Sahra Wagenknecht auf. Mein Herz schlägt schneller, oh wie schön ist Sahra. Und dann muss ich herzlich lachen: In der dicken Balkenüberschrift steht: "Sarah soll scheitern". Das hätte er gern, der Autor Stefan Reinecke, aber erst mal scheitert die taz an einem alten Journalistengrundsatz: "Schreiben Sie, was Sie wollen, aber schreiben Sie meinen Namen richtig." Kommt ja vor, siehe hier weiter unten. Aber peinlich isses immer, und vor allem, wenn es im Titel falsch ist. Jetzt, um 7:56 Uhr, übrigens immer noch. Also, liebe/r Online-Redakteur/in: zehn Mal Sahra schreiben, ja? Und danke für das schöne Foto!

Auch wenn sie nicht geliefert wurde, meinen Tag bestimmt sie trotzdem, die taz, am 22. 4. 2008. Am frühen Nachmittag ruft Klaus Raab an und fragt mir ein Loch in den Bauch, weil er anscheinend eine Meldung über mich und den tazblog schreiben will. Steht dann heute auch auf Seite 14, mit dem hochseriösen Profifoto von meinem Freund Peter Moody Meyer.

23. 4. 2008
Linksparteifresser

Sie haben es bemerkt und geändert: Sarah heißt jetzt Sahra in der Online-taz. Tja, was fürn Einfluss dieser Blog schon hat - the pen is mightier than the sword!

Derselbe Artikel in der Printausgabe auf Seite 6 zeigt wieder die ganze Abneigung fast aller tazler gegen die Linkspartei. Das reicht offenbar bis in die Bildredaktion. In der Printausgabe nimmt man nicht das tolle Bild von Sahra aus der Online-taz, man illustriert den Artikel mit Fotos von zwei mageren Frauen, die böse in die Kamera blicken, so unvorteilhaft aufgenommen wie's nur geht. Da hätte man auch schönere Bilder finden können, tut man aber nicht, denn gegen die Linke wird in der taz grundsätzlich auf allen Ebenen gnadenlos polemisiert, weshalb Frau Wagenknecht hier im Untertitel der Vorname Kommunistin verpasst wird (so ähnlich wie im Fall des Herrn Mehdorn, der mit Vornamen immer Bahnchef heißt). Meist reicht aber Kommunistin als Schimpfwort nicht aus, da wird sie dann als Stalinistin gebrandmarkt, und nebenbei auch noch untergebracht, dass sie dem SED-Regime immer noch die Stange hält. Was sie denkt und inhaltlich vertritt - Fehlanzeige, darüber hab ich in der taz noch nichts gelesen. Nun ist aber Stefan Reinecke nicht der schlimmste Linksparteifresser unter den taz-Autoren, nö, neulich haben sich zwei Autorinnen ganz besonders hervorgetan mit reißerischen Hetzartikeln. Reinecke hebt sich mit einer gewissen Sachlichkeit von solchen Krakeelereien ab, auch dieses Mal. Aber eigentlich steht so gut wie nichts drin - ein Artikel ohne Nachricht. Positiv wäre noch hervorzuheben, dass ausnahmsweise Oskar Lafontaine nicht als Linkspopulist bezeichnet wird.
Was hamse in der taz nur immer gegen die Linkspartei? Ist das die hauptstädtische Abneigung gegen die Provinzler? Die Hochnäsigkeit von Intellektuellen, die auf die Überreste der Arbeiterbewegung herabschauen? Oder die Wut von bildungsbürgerlichen Sozialdemokraten, die den Abweichlern den Austritt aus der SPD nicht verzeihen können? Dabei ist doch die Linkspartei so sozialdemokratisch wie man nur sein kann bzw. wie es die SPD vor Schröder noch war.

 23. 4. 2008
Meckibecki

Links zu anderen Web-Seiten, vor allem zu taz.de, sollen hier die Ausnahme bleiben. Grundsätzlich wird nur verlinkt, wenn es um jemanden geht, den ich persönlich kenne. So wie den Peter Moody Meyer. In seinem Fall kommt noch dazu, dass ich ein echter Fan seiner Fotografie bin. Hier kommt eine Ausnahme: Ein Link zu taz.de. Grund dafür ist das unten erwähnte superaffenscharfe Kommunistinnenfoto, und auf derselben Seite in der rechten Spalte unter "Das gibt zu denken" steht die Meldung über mich (also jemand, den ich persönlich kenne, hihihi). (Anmerkung einen Tag später, 24. 4. 2008: Frau Sahra ist zwar noch da, aber in der Spalte "Das gibt zu denken" bin ich von Till Schweiger abgelöst worden.)  

Sie ist eingetroffen, die taz von gestern, mit der Post hat's geklappt, und weil ich nichts gefunden habe, was mich so richtig auf die Palme gebracht hat (sogar über Jan Feddersens tazzwei-Kolumne konnte ich mich nicht ärgern), sei hier nur ein Loblied auf die Bildredaktion gesungen. Ich hab über die Jahre gelegentlich mal den einen oder anderen Leserbrief an die verantwortliche Redakteurin Gabriele von Thun geschickt, um die Leser auf  "die beste Bildauswahl aller Tageszeitungen" hinzuweisen, aber abgedruckt wurde keiner. Zu der Meinung stehe ich immer noch, und die taz von gestern liefert anschauliche Beispiele -  schon auf der Titelseite. Das ist montiert, ein Farbfoto über ein Schwarzweißfoto gelegt, weshalb auch ein Dank an die Graphik geht. Großartig, der farbige Dutschke in der Lederjacke. Ist eigentlich schon mal jemandem aufgefallen, was für eine Menschlichkeit dieses Gesicht immer ausgestrahlt hat, sogar wenn er sich bei öffentlichen Vorträgen in Rage geredet und den Mund verzerrt hat?
Ja, und dann das Foto auf Seite 3 von Kurt Beck alias Igel Mecki auf seiner Privatbahn - ach je, und da gibt es viele Leute in der SPD, die glauben, die Linkspartei würde ihnen Wählerstimmen kosten. Irrtum, das besorgen die Sozis bei der Wahl ihrer Vorsitzenden seit Scharping doch selber. Mit Schröder und Platzek haben sie das nur konsequent weitergetrieben. Allerdings scheint mit Meckibecki ein neuer Tiefpunkt erreichbar, gemäß der Möllemann-Devise: 18 % sind möglich.
Schön auch die beiden Fotos zu den Wahlen in Paraguay, auf der Kulturseite zur Besetzung der Kirche von Saint-Denis, und auf der Wahrheitseite das Bild von Sarkozy und Bruni.
Auch die Bilder heute zu dem Artikel über die Linkspartei verraten ein gutes Gespür: Sie sind ja klug ausgewählt und durchschaubar polemisch. Man  merkt die Absicht und wird verstimmt.

23. 4. 2008
Geht's noch?

Heh, die Titelseite erinnert an einen Fahndungsaufruf des Bundeskriminalamts. Auf den ersten (und auch noch auf den zweiten) Blick ist das ein Fall für den Presserat, aber mindestens ist es "Der Fall Dominic J.", seines Zeichens langjähriger Redakteur der taz, zuständig für Afrika. Wenn mich mein erster Eindruck nicht täuscht, ist das eines der übelsten taz-Stücke seit langer Zeit. Hinrichtungsjournalismus, mit einem fast ganzseitigen Foto des Delinquenten auf Seite 1. Ich werd erst einmal drüber schlafen, denn spontane Empörung ist meist ein schlechter Ratgeber. Aber irgendetwas stinkt hier.
Ein Hinweis, wie Johnson argumentiert: Er stellt den Präsidenten von Ruanda als seriösen Staatsmann vor, und sich auf seine Seite, weil: "Miltärische Ehren, Empfang  durch den Bundespräsidenten, Gespräche mit Wirtschaftsvertretern markieren den Deutschlandbesuch von Ruandas Präsidenten Paul Kagame." Doch: Deutschland ist "ein Land in dem das Umfeld (?) der Täter des Völkermords von 1994 geduldet wird."
Ganz wohl scheint Johnson bei seiner Anklage allerdings nicht zu sein. Denn Ignace Murwanashyake, gegen den sich die Seite 1 und 3 der heutigen taz richten, steht in Opposition zu Präsident Paul Kagame, aber Ignace Murwanashyake "war an Ruanadas Völkermord nicht beteiligt, sondern lebte als Student in Deutschland."
Trotzdem muss er ein übler Bursche sein, denn seine Aktionen, von denen wir nichts erfahren, richten sich ja gegen einen Politiker, der von Hotte Köhler empfangen wird und Gespräche mit deutschen Wirtschaftsvertretern führt. Heh, Dominic Johnson, geht's noch?
Was passiert hier eigentlich? Und weshalb hebt die taz so was auf die Titelseite?
Bleiben Sie dran - wenn Ihnen nicht klar ist, was da läuft, sind wir schon zu zweit. Morgen wissen wir vielleicht mehr.
Nur noch ein Hinweis, bevor ich schlafen gehe: "Der zuständige Berater des  EU-Sondergesandten für die Region" hält "Murshanashyakas Einfluss auf die FDLR" für "sehr negativ". Grund genug, den Mann in der taz seitenweise in die Pfanne zu hauen und mit dem Völkermord zu verbinden, an dem er gar nicht beteiligt war? Auf wessen Seite stehen wir eigentlich?
Gute Nacht, geneigter Leser! Bis morgen.

 24. 4. 2008
Faules Ei

Es ist tatsächlich "Der Fall Dominic J." Und es ist gleichzeitig grobe Fahrlässigkeit der Chefredaktion - da haben sich Bascha Mika, Reiner Metzger und Peter Unfried ein Ei ins Nest legen lassen, dass zum Himmel stinkt. Ich fühl mich darüber hinaus auch persönlich beleidigt, weil ich Dominic Johnson all die Jahre für einen kenntnisreichen, seriösen Journalisten gehalten habe. Also, von seriös kann keine Rede sein. Und wenn er trotz seiner Kenntnisse solch eine infame Veröffentlichung in die taz hebt, grenzt das an Bösartigkeit. (Sie merken schon, geneigter Leser, ich bin wirklich sauer.)
Wenn ein Artikel im reißerischen Boulevardstil anfängt ("Frauen und Mädchen mit zerfetzten Unterleibern und anderen brutalsten Vergewaltigungswunden"), dann klingeln bei mir schon mal sämtliche Alarmglocken und ich werde zutiefst misstrauisch. Unterstellt wird, der per Steckbriefjournalismus im darüberstehenden Artikel angeprangerte Ignace Murwanashyaka sei für die Gräuel verantwortlich. Und selbstverständlich muss dieser Mann von der taz angegriffen werden, steht er doch in Opposition zu Ruandas Präsident Paul Kagame, der von solchen Bastionen der Wohlanständigkeit wie Horst Köhler, Angela Merkel, und den Ministern für Verteidigung und Entwicklungszusammenarbeit empfangen wird. Merkwürdig, wieso eigentlich vom Kriegsminister? Die üblichen Waffenexporte in Krisengebiete, über deren Verbot sich die deutsche Regierung gewohnheitsmäßig hinwegsetzt?
Nun steht auf der ganzen Seite drei nichts über Paul Kagames Hintergrund, aber weil ich mich, wie schon gesagt, immer auf das Wissen von Dominic Johnson verlassen und ihm vertraut habe, wenn es um Afrika-Themen geht, habe ich nie nachrecherchiert. Das war ein Fehler, man soll halt nichts glauben, was in der Zeitung steht. Das Vertrauen in Dominic Johnson ist nach 20 Minuten Internetrecherche für alle Zukunft vorbei.
-  Der ruandische Diktator Paul Kagame, der 2003 durch massive und unverschämte Wahlfälschung (95 % der Stimmen) an die Macht gekommen ist, war nach Einschätzung eines französischen Richters der eigentliche Auslöser des Völkermords in dem afrikanischen Land.
- Der Exgeneral ist laut UN-Bericht vom April 2004 verantwortlich für die Ausbeutung kongolesischer Bodenschätze in massivem Ausmaß. Zitat des Berichts: "Die Präsidenten Kagame und (der ugandische Präsident) Museveni sind gerade dabei, die Paten der illegalen Ausbeutung der Bodenschätze und der Fortsetzung des Konflikts in der Demokratischen Republik Kongo zu werden." Der Bericht schätzt, dass sich führende Mitglieder der ruandischen Regierung beim illegalen Mineralienhandel mit hunderten Millionen Dollar bereichert haben.
- Als die Herren Bush und Blair den Krieg im Irak mit gefälschten Dokumenten und Lügenpropaganda vom Zaun brachen, erhielten sie vehemente Zustimmung von Paul Kagame, was in Europa, vor allem in Frankreich, zu heftiger Kritik führte. Inzwischen ist er wieder hoffähig und wird in Berlin "mit miliärischen Ehren empfangen", was Dominic Johnson in der taz ganz offensichtlich voll in Ordnung findet.
- Im Lauf der Jahre wurde Kagame mehrmals von George Bush im Weißen Haus empfangen. Paul Kagame ist Ehrendoktor der University of the Pacific in den USA; der Oklahoma Christian University in den USA; der University of Glasgow in Schottland.
Paul Kagame ist Träger der Andrew-Young-Medaille für Kapitalismus und sozialen Fortschritt der Georgia University in den USA.
- Alison Des Forges von Human Rights Watch hat am 4. 12. 2004 die Einstellung der Finanzunterstützung für das Kagame-Regime gefordert.

Gegen den in der taz vom 23. 4. 2008 auf der Titelseite (Deutschland duldet Terrorchef) angeprangerten Oppositionellen Ignace Murwanashyaka hat die Bundesanwaltschaft am 26. Mai 2006 ein Ermittlungsverfahren eröffnet: "Anfangsverdacht wegen Beteiligung an Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der Demokratischen Republik Kongo". Zu Dominik Johnson sagte er dazu: "Ich habe den Prozess gewonnen, die Regierung hat Berufung eingelegt. Bis heute, nach dreizehn Monaten, hat das Gericht nicht entschieden, ob es die Berufung annimmt." Und: "Welche Vorwürfe könnte man mir machen? Seit über einem Jahr ist das Verfahren eingestellt. Ich habe im Juli 2007 einen Brief gekriegt, in dem das drinsteht."
Da bleibt Dominic Johnson nichts anderes übrig, als zuzugeben: "Der Sprecher der Bundesanwaltschaft bestätigte gestern die Einstellung des Verfahrens."
Das ehrt Johnson, zumindest gibt er die Ergebnisse seiner Recherchen an. Aber warum dann die reißerische Aufmachung der Seite drei? Warum die Totschlagzeile Deutschland duldet Terrorchef auf der Titelseite?
Ich habe verstärkt den Eindruck, die taz vom 23. 4. 2008 ist ein Fall für den Presserat.

Betreff: Kommentar zu (24. 4.): Ignace Murwanashyaka

Vielleicht statt taz die jungeWelt lesen?
Roland Schnell, Berlin

25. 4. 2008
An einem Strang

"Der Fall Dominic J." wird immer interessanter, der Fall Paul Kagame auch. Mir wird langsam klarer, dass die tendenziöse Berichterstattung mit Fahndungsfoto auf der Titelseite (taz vom 23. 4.) durchaus Methode hat. Ich wusste ja bis vorgestern nicht, wer Kagame ist, und von seinen Gegnern, der FDLR und Ignace Murwanashyaka, hatte ich auch keine Ahnung, und bis heute habe ich große Mühe, den Namen richtig zu schreiben. Dominic Johnson ist mir da weit voraus, er kennt sich aus, und er weiß ganz  offensichtlich, was er tut.
Heute berichtet er auf Seite 10 unter der Überschrift "Ruanda fordert deutsche 'Maßnahmen'", dass Herr Kagame (in der taz heißt er offenbar "Ruanda") am 23. 4. einen Vortrag vor der Deutschen Gesellschaft für auswärtige Politik gehalten hat. Wer oder was diese Gesellschaft ist, erfahren wir nicht. Weil ich inzwischen sehr misstrauisch bin, frage ich mich natürlich gleich, weshalb Johnson mir dazu nichts sagt. Will man doch wissen, klingt ja hochoffiziell, fast wie "Auswärtiges Amt". Nun, diese Gesellschaft ist alles andere als offiziell und vor allem: gewiss nicht ideologiefrei. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für auswärtige Politik ist ein gewisser Dr. Arnd Oetker. Der ist offenbar ein umtriebiges Kerlchen, denn gleichzeitig hat er auch noch den Posten des stellvertretenden Vorsitzenden des BDI inne. BDI? Ja, genau, der Bundesverband der deutschen Industrie. Den Posten hat Herr Oetker deshalb, weil er  mit Marmelade (Schwartau, Hero) Millionen gescheffelt hat. Dabei scheint er dem deutschen Standort nicht sonderlich verbunden zu sein. Der Stern darf bis heute unwidersprochen behaupten, dass Dr. Oetker "große Teile seines Vermögens in die Schweiz verschoben hat". Und der stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbandes der deutschen Industrie gibt ganz offen zu, dass da steuerliche Gründe eine Rolle gespielt haben. Der Marmeladenmillionär also gibt Paul Kagame ein Forum, auf dem er "die Zurückhaltung von Regierungen weltweit" anprangert, und fordert, seine Gegner zu entwaffnen.
BDI, Paul Kagame, Dominic Johnson - ist das jetzt meinerseits infam, da eine ideologische Interessengemeinschaft zu konstruieren? Leute, die Interessen vertreten, neigen dazu, die eigene Sicht als objektiv darzustellen und anderen Ideologie vorzuwerfen. Genau das tut Dominic Johnson dann auch: "Wie einflussreich die Ideologie der ruandischen Völkermordapologeten (hah - ein tolles Wort, dazu gleich mehr; hp) in Deutschland ist, zeigte sich unterdessen in den linksliberalen Tageszeitungen Junge Welt und Frankfurter Rundschau, die  anlässlich des  Kagame-Besuchs in Meinungsbeiträgen zentrale Thesen der FDLR wiedergaben." Völkermordapologeten? Johnson macht aus Leuten, die Kagame bekämpfen, flugs Verteidiger des Völkermords. Es ist haarsträubend. Dabei ist Kagames eigene Rolle beim ruandischen Völkermord durchaus umstritten (siehe unten). Nur eines ist sicher: Sein Gegner Ignace Murwanashyaka war nicht beteiligt, weil er, und das weiß ich von Dominic Johnson, zu der Zeit in Deutschland studiert hat.
Nach dem heutigen Beitrag steht wohl fest, dass Johnson in diesem Konflikt eindeutig auf der Seite von Paul Kagame steht. Aber er befindet sich ja in guter Gesellschaft, der Dominic Johnson von der taz, Hand in Hand mit Horst Köhler, Angela Merkel, Verteidigungsminister Jung, Entwicklungsministerin Wieczorek-Zeul und Arnd Oetker vom Bundesverband der deutschen Industrie.
Was mich allerdings mehr beschäftigt ist die Frage, ob sich die taz damit aus dem Kreis der "linksliberalen Tageszeitungen" verabschiedet hat.

25. 4. 2008
Großer Käse

Der große Kollege Henry Miller hat mal zu Papier gebracht: "Wissen ist wie ein Käse, der immer größer wird, wenn man von ihm abbeißt." Jemand hat mir einen Link zu Radio Utopie geschickt, die sich auf ihrer Website schon am 2. März 2008 mit Ruanda, Paul Kagame und, da schau her, Dominic Johnson beschäftigt haben. Hm. Da steht: "Auch dass der damalige Regierungschef von Ruanda, Juvénal Habyarimana, am 06.04.1994 offensichtlich durch den Abschuss seines Flugzeuges mit einer US-amerikanischen Rakete im Auftrag von Paul Kagame ermordet wurde, wird in den Medien unter Verweis auf die von der französischen Regierung und der UNO geheimgehaltenen Beweismittel nach wie vor regelmäßig zu einem Absturz aus ungeklärter Ursache umdeklariert." Den ganzen Text können Sie hier nachlesen. Merkwürdig, dass der unten erwähnte französische Untersuchungsrichter (in dem Flugzeug saßen französische Staatsbürger) zu dem gleichen Schluss gekommen ist.

Kommentar von Schmollsenior am 25. 4. 2008

Bitte! Sowas Schönes gehört in das taz-Blog! Denn:
 http://holgi.blogger.de/
 Achtung: tazblog!
 "Vor allem glaubten wir an die Redefreiheit."
 Weshalb selbstverständlich auch die Redakteure und Autoren, die ich nicht besonders schätze, in der taz zu Wort kommen dürfen/sollen (müssen?). Ihnen gilt aber mein kritisches Augenmerk ganz besonders.
 (Im Walksfelder Boten gefunden. Hoffentlich hat Pfitzinger einen längeren Atem als all die anderen vielversprechenden Totgeburten des modernen Internets. Und ein RSS-Feed wäre wirklich praktisch.)

25. 4. 2008
Brave Jungs

Kleiner Nachtrag zur taz von gestern: Im Kulturteil ein ganz wunderbarer Beitrag über das Fotografenteam Activestills von Martin Heidelberger (fast hätte ich Heidegger geschrieben).  ;-) (Man muss höllisch aufpassen mit den Namen, führt ja immer gleich zu Hohn und Spott von gewissen Leuten, wenn man Namen falsch schreibt, zum Beispiel Sarah statt Sahra, siehe unten.) Activestills, eine Gruppe junger Fotografen aus Tel Aviv, plakatieren Fotos in den Straßen ihrer Heimatstadt, Aufnahmen aus Palästina und von der Trennmauer, informieren ihre Mitbürger über die Vorgänge an der Grenze und in den besetzten Gebieten. Sie wollen "als Korrektiv zum üblichen Bilderspektakel der Massenmedien und Nachrichtenagenturen im israelisch-palästinensischen Konflikt fungieren." Das Internetportal flickr nützen sie auch, NGOs und alternative Nachrichtennetzwerke beliefern sie kostenfrei.
Brave Jungs, feiner Artikel, gute Themenwahl der Kulturredaktion. Die informiert mich zwei Seiten weiter auch noch darüber, dass der neue Film von Wim Wenders, "The Palermo Shooting", nächsten Monat in Cannes aufgeführt wird. Englischer Filmtitel, na klar, Wenders hat immer die ganze Welt im Visier.
Die Meldung erinnert mich an den Dialog: "Heh, kommste mit ins Kino? Den neuen Film von Wim Wenders gucken?" "Nee, geh mal alleine, ich bleib lieber wach."
Ach, fast hätte ich es vergessen: Über der Wenders-Meldung steht ein Artikel zu einer Ausstellung der Künstlerin Yin Xiuzhen mit dem Titel "Commune" ("China in Chemnitz"). Die Autorin des Artikels hat den wunderbaren Namen Julia Gwendolyn Schneider. Iss das nicht ein wunderbarer Name?

26. 4. 2008
"Gebündelte Verkehre"

Wenn die taz-Redakteure gelegentlich mal einen Blick auf die Leserbriefspalte ihrer Zeitung werfen und die oft sehr guten Beiträge beherzigen würden, könnte ich mir die Bloggerei hier weitgehend sparen.

Am 24. 4. interviewt ein Richard Rother einen Professor Andreas Knie auf der Seite Meinung und Diskussion. Der Herr Knie wird mit seinem Lockenkopfbild vorgestellt, und schon als ich lese, was er macht, frage ich mich, wieso die taz ausgerechnet so'nem Typen Gelegenheit gibt, seinen Senf zur Bahnprivatisierung abzugeben. Kein Wunder, dass er die Verscherbelung des Volksvermögens à la Kurt Beck für zu kurz gegriffen hält, 24,9 Prozent sind nicht genug. Und wie bei allen neoliberalen Propaganddreschern kommt natürlich sofort der Globalisierungshammer: "Um langfristig global und national Produkte und Dienstleistungen mit hoher Qualität anbieten zu können, braucht die Bahn sehr viel Geld, Finanzmittel, die nicht aus öffentlichen Haushalten finanziert werden können."
Ah ja, Finanzmittel können nicht finanziert werden. Und so salbadert er weiter: "integrierte Verkehrsdienstleistung" ... "Synergien" ... "gebündelte Verkehre" ... "Schieneninfrastrukturen" ... "Pufferküssermentalität"(!) ... "schwachlastige Regionen" ... "blablabla und bla". Schwerlastiger Unfug.
Der krekele Herr Knie ist schwer beschäftigt: Er "ist Professor für Soziologie mit Schwerpunkt Technikforschung an der TU Berlin und Geschäftsführer des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ), an dem u. a. die Deutsche Bahn AG beteiligt ist. Er ist zugleich Bereichsleiter der DB Rent GmbH, die u. a. call a bike anbietet und zur Deutschen Bahn gehört. Außerdem arbeitet er am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB)." Das nenne ich einen unabhängigen Wissenschaftler, von keinerlei Interessen beeinflusst, kritisch nach der Wahrheit suchend, genau der richtige Mann, um der taz-Leserin und dem -Leser die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse darzulegen, wie man einen optimalen Bahnbetrieb am besten gewährleistet. Das Sprachrohr des genialen Hartmut Mehdorn, der ja weiß, wie's geht: Privatisieren was das Zeug hält. Ich mach mir im Café eine Notiz an den Zeitungsrand: "So'n Trottel - alles logisch, wenn man neoliberale Propaganda betreibt."
Warum aber muss er seine von der Wirklichkeit längst widerlegten Thesen (siehe England) unbedingt in der taz ausbreiten?
Das haben sich andere Leser auch gefragt, weshalb von fünf Leserbriefen sich heute vier mit den Thesen von TU-Professor InnoZ Call-a-Bike auseinandersetzen: "Da wird im Interview mal wieder das Mantra der Globalisierung heruntergebet, als wäre es ein unausweichliches Naturgesetz", schreibt Andreas Hörmann aus Frankfurt. Edmund Lauterbach aus Unterschleißheim erinnert daran: "Das Grundgesetz weist dem Staat die Verantwortunng für die Eisenbahn-Infrastruktur zu." Und Peter Kröger aus Minden fragt: "Warum nimmt Herr Knie eigentlich als gegeben hin, dass die Kosten gefälligst der Staat zu tragen habe, während mögliche Gewinne an den privaten Investor zu zahlen sind?" Auf den Punkt bringt es Obbe Bahnsen aus Rimbach. Er schreibt: "Ich finde es wirklich schade, dass die taz ihren kostbaren Platz zur Verfügung stellt, damit ein Professor und vor allem Propagandist der neoliberalen Wirtschaft seine allzu bekannten Thesen noch einmal in all ihrer Dürftigkeit darstellen darf."
(Möglicherweise halten manche taz-Redakteure den Platz für nicht so kostbar wie manche taz-Leser?)
Und der fünfte Leserbrief? Marion Maneck aus Essen singt das Loblied auf Peter Conradi, "der sich traut, den Mund aufzumachen". Weil er nämlich darauf hinweist, dass sich Kurt Beck munter über den Beschluss des SPD-Parteitags hinwegsetzt, der die Privatisierung abgelehnt hat.

Wieder einmal drängt sich mir der Eindruck auf: Die taz verliert den Kontakt zur Basis, ähnlich der poltischen Klasse, die völlig abgehoben keine Ahnung mehr hat, für wen sie eigentlich da sein sollte. Ah, gab's da nicht mal einen Begriff, woran sich politische Arbeit zu orientieren  hat? Wie hieß  das noch gleich, warten Sie, mir fällt's gleich ein ... Gemeinwohl, genau. Aber das war früher. Heute ist man einem anderen Begriff verpflichtet, und weil Englisch ja modern klingt, heißt es Shareholder Value. Gemeint ist: Mit allen Mitteln dafür sorgen, dass die Reichen reicher werden. Wie das geht? Gewinne privatisieren, Verluste verstaatlichen, bei Rekordprofiten zehntausende von Menschen entlassen, für deren Unterhalt dann der Staat zu sorgen hat, damit sie wenigstens ein Existenzminimum bekommen. Wie hoch das ist, entscheiden Abgeordnete mit 9.000 Euro im Monat. Die Opfer der Ausbeutung, propagandistisch Globalisierung genannt, zu der es laut Gerhard "Tina" Schröder "keine Alternative" gibt, sind die NDI, die neuen deutschen Indianer. Wie diese werden sie vom Staat mit dem Allernötigsten versorgt, damit sie sich Bier aus Pet-Flaschen und billige Jägermeister-Imitate kaufen können.
Dabei frisst die Inflation die mageren Lohnerhöhungen wieder auf, und für diejenigen, die noch Jobs mit mehr als 1 Euro haben und Steuern zahlen, gilt: "Der Fabrikant drückt die Löhne; der Staat beschleunigt den Schwund der Massenkaufkraft durch Steuern, die er den Besitzenden nicht aufzubürden wagt; das Kapital flieht ohnedies milliardenweise über die Grenzen. Ist das nicht konsequent? Hat der Wahnsinn etwa keine Methode? Da läuft doch jedem Feinschmecker das Wasser im Munde zusammen!" (Erich Kästner, "Fabian", 1931)

27. 4. 2008
Das Richtige im Falschen

Das ist schön beobachtet von Martin Reichert in seinem Artikel über die Folksängertreffen auf Burg Waldeck in den Jahren 1964 bis 1969, und dem im Jahr darauf folgenden Woodstock-Festival an der US--Ostküste ((steht im taz.mag vom 26./27. 4. 2008): "Man lebte einfach das Richtige im Falschen und schaffte es so, eine nachhaltige Breitenwirkung zu erzielen, die auch die proletarischen Stände nicht ausschloss." Das steht so auch sinngemäß in meinem Artikel "Liebe und Frieden", der hier auf der Webseite zu finden ist (oben in der Menuleiste  unter "Klicken - lesen"). Da geht's zwar um den "Sommer der Liebe" und die Diggers in San Francisco, aber die haben einfach so gelebt, als sei die Revolution schon gelaufen.

28. 4. 2008
Sozialporno

Friedrich Küppersbusch bringt heute im Montagsinterview einen Nachtrag zur taz vom Wochenende: "Ein Arbeitsleben lang einzahlen, um am Ende das zu bekommen, was ich ohne Beiträge bekäme, ist Sozialporno. So was gucken FDP-Parteitage, wenn die Jungen Liberalen im Bett sind."
Gestern hab ich unter azurblauem Himmel und noch spärlich belaubten Espen gesessen und den Beitrag von Ulrike Herrmann "Riester-Rente für die Reichen" gelesen. Also Herr Rüttgers, das ist der CDU-Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, der Heimat von Herrn Küppersbusch, "fordert eine Mindestrente oberhalb der Grundsicherung für alle Rentner." Na fein, denke ich. Stimmt aber nicht, denn dann folgt die Einschränkung: "...die länger als 35 Jahre in die Sozialkasse eingezahlt haben." Hab ich das? Hm.
Also oberhalb der Grundsicherung, deren Höhe, das habe ich weiter unten schon mal eingebracht, von Leuten wie Hans Eichel bestimmt wurde. Eichel war mal OB von Kassel, Ministerpräsident von Hessen, Finanzminister von Deutschland. Er hat einen Pensionsanspruch als Ex-OB von 6.344,81 Euro, als Ministerpräsident von 3.301,50 Euro, als Minister von 7.151,05 Euro. Nun hatte die Stadt Kassel beschlossen, ihm keine OB-Pension auszuzahlen, weil Eichel ja wahrlich vom Land und vom Bund gut versorgt wird. Das fand Eichel nicht und verklagte die Stadt vor dem Verwaltungsgericht in Kassel. Letzten Freitag entschied das Gericht gegen die Stadt - sie muss den Versorgungsbescheid neu berechnen. Jetzt könnte Hans Eichel theoretisch zu den 7.151,05 Euro Ministerrente noch 5.900 Euro dazubekommen. Aber er hat schon erklärt, dass er nur einen Teil davon haben will. Das finde ich ausgesprochen großzügig von Herrn Eichel.
Woher ich das weiß? Aus einer dpa-Meldung, die noch auf dieselbe  taz-Seite gequetscht wurde wie der Bericht über Mindestrente und Grundsicherung.
Was ich damit sagen will? Die politische Klasse lässt sich vom Steuerzahler extrem großzügig aushalten, erhöht ihre Abgeordnetendiäten regelmäßig selbst (zuletzt im Januar um flotte 10 %) und debattiert auch noch wochenlang, ob man die Renten um 0,5 % oder um 1,1 % erhöhen soll. Das ist obszön.
Ich hab schon anlässlich des Lokführerstreiks vorgeschlagen, dass Löhne, Gehälter und Renten immer zur selben Zeit und mit denselben Prozentpunkten erhöht werden sollten wie die Abgeordnetendiäten. Das würde uns allen viele Streiks ersparen (ich hab noch nie von einem Abgeordnetenstreik gehört). Wie man das finanzieren kann? Indem man die Vermögensteuer und die Einkommensteuer wieder erhöht, eine Spekulationssteuer für Finanztransaktionen im Sinn von George Soros und Attac einführt und endlich das Flugbenzin besteuert. Wenn man dann noch aufhört, die landwirtschaftliche Großindustrie zu subventionieren, hat man einen Haufen Geld in der Staatskasse, kann kostenlose Bildung vom Kindergarten bis zur Uni anbieten, das Gesundheitssystem auf den Stand des kubanischen bringen (freie Heilsfürsorge für jeden Bürger). Dann führt man noch, wie Hugo Chavez in Venezuela, die 35-Stunden-Woche ein, womit wieder mehr Leute Arbeit finden und Steuern zahlen statt Arbeitslosenhilfe oder Hartz IV zu beziehen.
Welche der bestehenden Parteien das vertreten soll? Na ja - selbstverständlich keine. Aber viellleicht gibt's bald die RRP (Renitente Rentner Partei). Kairos - die Zeit ist gekommen.

28. 4. 2008
23

Könnte ja sein, dass Sie es noch nicht wissen, werte/r Leser/in: Die taz residiert in ein paar Tagen (ab 1. Mai wird's wohl offiziell) in der Rudi-Dutschke-Straße. Das ist ein Grund zum Feiern, und das tun sie auch am Vorabend. Heftig kichern musste ich, als ich die Hausnummer las, die ihnen Genosse Zufall verpasst hat: "23". Hihihi, da ist sie wieder, die ominöse 23. Sie errinnern sich an den Film mit dem gleichnamigen Titel von Hans Christian Schmid? Sehr sehenswerter Film, um Computerhacker und KGB und den 23. 5., an dem bekanntlich alle großen Anarchisten gestorben sind, eben auch die Hauptperson von "23". Ein Film nach dem richtigen Leben: Den Hacker gab's tatsächlich. Der Drehbuchautor war Michael Gutmann, der gestern abend beim Tatort "Der oide Depp" Regie geführt hat. Also: Rudi-Dutscke-Straße 23. Das verpflichtet, und wird selbstverständlich dazu führen, dass die taz wesentlich besser wird und Beschwerden beim Presserat in Zukunft nicht mehr nötig sein werden.
Aber hier möchte ich den tazblog aus gutem Grund kurz unterbrechen. Wir melden uns nach dieser Werbeinblendung wieder.

- Webseitensonderveröffentlichung -

Die mysteriöse 23! Wer dächte da nicht an die "Illuminatus!"-Trilogie von Robert Shea und Robert Anton Wilson? Sie nicht? Dann haben Sie echt was verpasst und müssen unbedingt einige Lesestunden einlegen.

Mit der Zahl 23 befasst sich auch das neue Werk des Münchner Autors Hans Pfitzinger. In einem biografischen Roman, der in einer höchst ungewöhnlichen Form und mit genauso ungewöhnlichem Inhalt verfasst wurde, widmet sich ein ganzes Kapitel der Zahl 23. Welches Kapitel? Das 23. natürlich! Der Roman umfasst  etwa 230 (!) Seiten und heißt

Alles Wugg! oder: Leben und Sterben des vergnügten Schreiberleins Sebastian Wugg aus Grüntal

Wenn Sie wissen wollen, was da drinsteht und an einer Leseprobe interessiert sind, dann
 klicken Sie hier.

Alexander Fest, der Leiter des Rowohlt-Verlags, kam nach der Lektüre zu dem Urteil:
"Ein Schelmenroman um den weitgereisten Sebastian Wugg,
ebenso erfahrungssatt wie humorvoll."

Bestellen können Sie "Alles Wugg!" oben in der Menuleiste unter "Kontakt / Bestellung".

Eine iWugg IndieText Produktion
- Schöne Tage, frohes Schaffen! -

29. 4. 2008
Blabla-Preis

Was die taz-Kritik angeht, will ich gelegentlich - immer wenn ich dran denke, weil es sich aufdrängt - den Blabla-Preis des Tages verleihen. Gestern lieferten sich ein Leerkopf an -kopfrennen: Der allzu häufig auftretende taz-Autor Jürgen Roth und ein gewisser Achim Goerres. And the winner is: Achim Goerres, ein Politikwissenschaftler von der Uni Köln. Der schafft es, auf der Seite "Meinung und Diskussion" drei Spalten mit null Information zum Thema  "Populistische  Rentnerpolitik" zu füllen. Es steht absolut nichts drin in seinem Kommentar, und die Redaktion hätte den Platz auch leer lassen und oben drüber "Raum für Notizen" schreiben können. Das hätte die Kreativität gefördert und bestimmt viele schöne Strichmännchen oder anderes Gekrakel hervorgebracht. Jürgen Roth lag mit kleinem Abstand dahinter, weil sein Text auf der Wahrheitseite stand, wo absolut sinnfreie und -lose Beiträge mit hohem ÜQ (das ist der Überflüssigkeitsquotient) ja eigentlich hingehören. Wobei ich zugeben muss, dass ich im Falle von Roths Beitrag "Der Himmel weinte Bälle" die kleine Kolumne "Das Wetter", täglich oben  rechts auf der Wahrheit, bei weitem vorziehe.
Na ja, ich hab anscheinend keine Antenne für einen großen Teil dessen, was die Wahrheit-Redaktion für Humor hält. Macht ja nichts, Humor ist, wenn es trotzem kracht, harrharrharr.

Über die Linkenfresser bei der taz hab ich mich ja schon anlässlich des schönen Fotos von der schönen Sahra ausgelassen. Heute geht's deshalb nur um Stilfragen. Möge ein Satz des Autors Michael Bartsch für sich sprechen. Es geht um Klaus Sühl, Oberbürgermeisterkandidat der Linken in Dresden: "Sühl scherte sich kaum um das an in Anlehnung an einen Slogan aus Walter Ulbrichts Zeiten gewählte Thema 'Überholen ohne einzuholen' und verharrte im Umkreis des Elbtales."
Aah, verstehe, "an in Anlehnung an...". Sie können nicht geholfen werden. Schon gar nicht im Umkreis des Elbtales.

29.8.2008
Achtundsechzig und kein Ende abzusehen

Gestern war wieder Goettle-Montag. Für ungeübte taz-Leser: Jeden letzten Montag im Monat druckt die taz einen gaaanz langen Text von Gabriele Goettle. Das Schema dieser Artikel ist immer das gleiche: Goettle stellt einen Menschen vor, lässt ihn ausführlich zu Wort kommen, und schiebt kleine Anmerkungen dazwischen. Illustriert sind diese Artikel immer mit Fotos von Goettles Lebensgefährtin Elisabeth Kmölniger, manches Mal auch mit historischen Bildern oder Grafiken. In diesem Monat geht es um Dorothea Ridder, die heute weitgehend vergessen ist, kurzzeitig zumindest in der Apo-Szene zwischen 67 und etwa 72 bekannt war, weil sie die Kommune 1 mitbegründet hat und später wegen angeblicher Unterstützung der RAF in Einzelhaft kam. Seeehr bewegend, die Lebensgeschichte, die sie der Gabriele Goettle erzählt. Die schreibt im Vorspann: "Verständlich, dass niemand mehr etwas hören will über 68 und 68er. Selbst die schrillen Faschismusanalogien langweilen inzwischen den Leser. Das ist zweifellos der richtige Moment für eine kleine Serie zum Thema bzw. am Thema vorbei. Denn hauptsächlich geht es mir darum herauszufinden, wer Dorothea Ridder ist."
Zweifellos ist der Einstiegssatz zutreffend. Genau das habe ich Anfang letzter Woche hier auf dieser Website unter "Klicken und Lesen" eingestellt:

Fangt Fische und seid friedlich!
Langsam aber sicher will ich nichts mehr sehen, hören und lesen über "1968 und die  Folgen". So wie die inflationäre Hitlerei in Film, Funk und Fernsehen von den politisch-militärischen Verbrechen ablenken soll, die in der Gegenwart durchgezogen werden, so scheint es auch mit den Berichten über das Jahr 1968 und die damals Beteiligten zu laufen. Vielleicht sollte man lieber über den Mauerbau in Israel und den USA reden. Oder über die Kriegsverbrechen in Palästina, im Irak und in Afghanistan. Oder über das KZ-ähnliche Gefängnis in Guantanamo und andere Menschenrechtsverletzungen der  US-amerikanischen Regierung. Und über die Unsäglichkeiten, die uns die Schröder-Fischer-Gang hinterlassen hat: Den zertrümmerten Sozialstaat, den kriminellen Feuerschutz für Bush und Rumsfeld, die Unterstützung krimineller Angriffskriege, die Verteidigung der deutschen Landesgrenzen am Hindukusch. Von der unverschämten Pro-Auto-Politik der Frau Merkel will ich gar nicht erst anfangen.
Aber was reg ich mich auf. Vielleicht hat Arlo Guthrie recht, der in einem Interview im April 2008 gemeint hat: "Meine Vision bleibt eine kleine: Seid nett, ehrlich und gut zueinander. Macht das, worauf ihr Lust habt. Umarmt Bäume, fangt Fische und seid friedlich." Und: "Meine Hoffnung liegt in der Zukunft und nicht in dem, was vor 40 Jahren mal passiert ist."
Was 68 betrifft, da hab ich mich schon vor vier Jahren ins Öffentliche begeben. Das Stückchen gehört zu dem bio-pornografischen Roman "Alles Wugg!", wo brav darauf hingewiesen wird, dass es zuerst online erschienen ist, in der Gazette.

30. 4. 2008
Goethe-Institut: Abgehoben

Ein wunderbar gescheiter Artikel stand am 29. 4. auf kultur, Seite 17: "Der Muff des Humanismus", von Ekkehard Knörer. Den schätze ich sowieso sehr, aber was er da über eine Veranstaltung des Goethe-Instituts zum Thema "Nationalkultur" schreibt, zeigt deutlich, dass die Kultur, Spiegel der wirtschaftlichen Verhältnisse, wieder in streng getrennte Klassen auseinanderfällt. Das (Bildungs-)Bürgertum isoliert sich zunehmend von Pop, von der Unterschichtkultur.
Knörer: "Das Lied allerdings kennt man. Es heißt 'Humanismus', und man singt es zur hochtönenden Melodie eines Menschheitsideals, das man einzig durch die Leugnung real existierender Klassen- und Interessens-Differenzen und -Gegensätze 'aller Art' produziert. Universal gesetzt wird im Humanismus das Bürgertum als die Klasse, die sich für die perfekte Vertretung des Ganzen nur halten kann, weil sie in Oper, Theater, Universität und Literatur auf anderes als sich selbst selten trifft."
So auch bei dieser Veranstaltung: "Nicht der leiseste Hauch von Populärkultur irgendwo. Und  natürlich passt da auch Fatih Akins verteufelt humaner Film 'Auf der anderen Seite' bestens in die Landschaft. Wer sich erinnert, dass das Goethe-Institut jahrzehntelang stolz darauf war, gerade das nicht Staatstragende in aller Welt ais deutsch zu verkaufen, dem durfte angesichts dieser Versammlung hochmögender Geister wirklich der Schreck in die Glieder fahren."

Im Grunde sind das die gleichen Geister, die sich schon radikal wähnen, wenn sie, als revolutionärer Akt gegen die eigene Klasse, Parteien wie SPD und Grüne wählen, die sich nichts dabei denken, ihren "Humanismus" notfalls mit Waffengewalt zu verbreiten.
Und prompt kommt es in der tazzwei-Kolumne zu Wort, das Bildungsbürgertum, in Person von Anja Maier - Häuschen im Grünen, Tochter macht Abitur, und Frau Maier fuhr, anders als Ekkehard Knörer, ebenfalls der Schreck in die Glieder: Als sie die real existierende Armut erblickte. Ihre Abneigung gegen die Unterschicht macht sich in Frau Maiers Beschreibung derselben Luft: "Junge, sehr junge Mädchen, in der rechten Hand die Zigarette, in der linken den Kinderwagengriff und die Hundeleine mit dem Pitbull dran. In Dreier- und Vierergrüppchen kreuzten sie durch die kleinstädtische Fußgängerzone, manchmal hatten sie minderjährige Jungs dabei, rasierte Schädel, schiefe Zähne, Bomberjacken, an ungeraden Tagen hielten sie die Hundeleine. Wenn uns solch ein Geschwader des Schreckens begegnete, sagte ich zu meiner Tochter: 'Immer schön in der Schule aufpassen!' Ich hielt das für humorvolle Erziehung."
Ach, ist das lustig. Aber die Tochter hat sich ja dran gehalten, sie macht gerade Abitur und spielt nicht mit den Schmuddelkindern.
Würg!

Eine total bescheuerte Karikatur auf der Meinungsseite, dümmlich-rassistisch bis zum Anschlag: Ein Chinese, dadurch gekennzeichnet, dass er kein "r"  aussprechen kann, sitzt  am Tisch mit dem Dalai Lama. Der Chinese: "Dalf ich Sie mit Genosse ansplechen?" Dalai Lama: "Genosse Gott, bitte." Der Zeichner Burkh war schon mal witziger.

Ein schöner Kommentar zur Abstimmung über den Flughafen Tempelhof, mit der guten Nachricht, dass "die historsiche Großimmobilie erhalten bleibt". Ulrike Winkelmann gibt mir oft das Gefühl, dass in der taz doch noch einige vernünftige Menschen tätig sind: "Dieser  Volksentscheid bestätigt die Vermutung der Direkte-Demokratie-Fans, wonach Bürgerbeteiligung immer eine Form der demokratischen Intelligenz hervorbringt."

Glücksversprechen des Tages:

"Wenn ihr für die Konservativen stimmt, bekommen eure Frauen größere Brüste, und eure Chancen steigen, irgendwann einen BMW M3 zu fahren."
Boris Johnson, Kandidat der konservativen Partei bei der Oberbürgermeisterwahl in London am 1. Mai

Die Managergehälter zu deckeln - es geht doch! Auf Seite drei erfahre ich, dass bei Apple, dem Hersteller meines weißen iBooks, die Hauptversammlung der Aktionäre darüber abstimmt, ob die Gehälter des Toppersonals begrenzt werden. Na bitte. 100 Firmen sind, auf Druck der Aktionäre, dem Beispiel Apple schon gefolgt. Mal sehen, welche Firma hierzulande damit anfängt. Die deutschen Manager haben sich bei ihren irrsinnigen Gehaltsforderungen doch immer auf das Vorbild USA berufen.


So it goes.
Bis später!
Eine Welt. Ein Traum.

© 2008 by Hans Pfitzinger
Lest Hans Pfitzinger! (siehe Fotos)
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