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1. 5. 2008
 First of May, first of May...

... outdoor fucking starts today. Nö, glaub ich nicht bei diesem Wetter, da holt man sich nur einen kalten Hintern. Aber "gegen Erdbeben kann man nicht demonstrieren", sagt Klaus Podak. Gegen das Wetter auch nicht.

Die reine Wahrheit steht diesmal auf der Wahrheitseite: "Noch widerwärtiger als Inzest und die boulevardeske Aufbereitung solcher Fälle sind die Ferndiagnostiker, die sich prompt zu Wort melden." Oh ja, und widerwärtiger als alle drei sind Nachrichtenagenturen, die den Seich weiterverbreiten. So etwa den des Psychiaters Reinhard Haller: Der verdächtige Vater hätte "einen Machtkomplex". Kommentiert die Wahrheit: "Dass ein Täter, der Schwächere unterdrückt, den 'Drang hat, Macht auszuüben, ist schon ein sensationeller Befund. Und dafür muss man studieren?" Des weiteren bringt die debile platituden agentur noch die "Gerichtspsychiaterin Sigrun Rossmanith unter die Leute. Die Frau erklärte, der Vater habe "im Grunde genommen zwei verschiedene Persönlichkeiten: eine im Untergrund wirkende, und eine andere, die an der Oberfläche existiert habe." Ah, verstehe: eine im Keller und eine im Erdgeschoß. Wissenschaftlicher Fachausdruck: Zwei-Etagen-Schizophrenie.

Die Kultur von heute
ist mal die reine Freude

Da schreibt eine Johanna Schmeller über die 25 Jahre alte Theaterregisseurin Jette Steckel, die von der Zeitschrift Theater heute zur "Nachwuchsregisseurin des Jahres" ernannt wurde. Das  Wunderkind hat bereist in Köln, Wien und Hamburg inszeniert, und gastiert jetzt beim Festival "Radikal jung" im Münchner Volkstheater. Sie zeigt "Gerettet" von Edward Bond aus dem Jahr 1965. Das weckt bei mir Erinnerungen an Peter Stein, der das Stück 1968 an den Kammerspielen zur Aufführung brachte und damit seinen Ruf als wilder Mann des Theaters begründete. August Everding hat ihn dann folgerichtig rausgeschmissen, und Stein ging nach Berlin.
Jette Steckel wird nun als "das Gesicht einer neuen deutschen Ernsthaftigkeit" gerühmt, eine der trendigen Phrasen, wie sie von Journalisten erfunden werden, die immer nach Schubladen für die Ablage ihrer Ratlosigkeit suchen. Auf dem Foto sieht die Frau ernsthaft in die Kamera, und damit begründet sie wohl den neuen Trend von jungen Regisseurinnen, ernsthaft in die Kamera zu gucken.
Nebenan auf der Filmseite erinnert Cristina Nord an das Festival von Cannes, das im Mai 1968 abgebrochen wurde, weil die Regisseure Jean-Luc Gordard, Francois Truffaut, Claude Lelouche und Claude Berri der Meinung waren: Wenn in Paris und anderswo Arbeiter und Studenten auf die Barrikaden gehen, wollen sie sich nicht an den "bourgeoisen Festspielritualen" beteiligen. Drei Mitglieder der Jury, Roman Polanski, Louis Malle und Monica Vitti solidarisierten sich mit den Filmern und erklärten ihren Rücktritt. Die Bilder von Godard und Truffaut, wie sie sich an den Bühnenvorhang im Festivalkino klammern und verhindern wollen, dass er geöffnet wird, gehören zu meinen liebsten Erinnerungen an den Mai 1968.
Cristina Nord hat sich eine Reihe von Filmen angeschaut, die 1967/68 gedreht wurden, "La Chinoise" und "One plus One" von Godard, den Dokumentarfilm "Die Wiederaufnahme der Arbeit in den Wonderwerken", als die Arbeiter nach Ende des Streiks zurückkehren. Auch "Partner", den frühen Film von Bernardo Bertolucci hat sie sich angesehen, und den (mich sehr) verstörenden Film "Teorema" von Pier Paolo Pasolini. (Der größte Kassenschlager in den deutschen Kinos war 1968 übrigens der fröhliche Anarchistenfilm "Zur Sache, Schätzchen!" von May Spils und Werner Enke. Sie erinnern sich? Uschi Glas, das schönste Mädchen von München, im schönsten weißen Korsett wo gibt in Welt.)
Nachdem sich Cristina Nord über den von ihr als "Filmmonster" bezeichneten "One plus One" auslässt, in dem Godard die Rolling Stones im Studio besucht, als sie "Sympathy for the Devil" aufnehmen, und eine Gruppe von Black Panthers auf einem Schrottplatz Texte über Revolution rezitieren, schließt sie: "Das ist ein Wuchern, wie man es im Kino von heute vergeblich sucht. Der erhitzte politische Augenblick mit seinen klaren Fronten, seinen eindeutigen Imperativen und seinen Dogmen hat ein Kino hervorgebracht, das sich unentwegt selbst ins Wort fällt. Die Gegenwart dagegen, die undogmatische, postideologische, der Lagerbildungen überdrüssige Gegenwart, bringt, von Ausnahmen abgesehen, ein eher biederes Kino hervor."
Und dann kommt ihr noch ein Gedanke: "Vielleicht ist das ein Indiz dafür, dass die Enge, gegen die 1968 antrat, in neuem Gewand fortexistiert."
Nun, das mit dem neuen Gewand ist sicher richtig, aber es ist wesentlich enger geworden. Die Leute waren Ende der sechziger Jahre fröhlicher, unbeschwerter, sicherer. Es gab keine Arbeitslosigkeit, und wenn dir dein Chef nicht gepasst hat, konntest du kündigen und morgen woanders anfangen. An jedem Werkstor standen große Tafeln: "Wir stellen ein: ..." Wenn du mit fehlender Fachausbildung nirgends etwas gefunden hast, konntest du bei der Post jobben, da gab's immer Arbeit. Bewerbungsschreiben? Vergiss es! Du hast angerufen, und dann bist du hin und konntest anfangen. Eine Schlagzeile wie in derselben taz von gestern wäre 1968 geradezu absurd erschienen: "Deutsche Unis fast nur für Akademikerkids". Überall konnte man den Gewerkschaftsspruch lesen: "Schick dein Kind länger auf bessere Schulen". Es gab Anstrengungen auf vielen Ebenen, die Unis allen Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen - eine Selbstverständlichkeit in einem demokratischen Staat.
Kein deutscher Soldat hatte Kampfaufträge, keiner verteidigte "die Freiheit" (sprich: die Interessen des Kapitals) vor der Küste des Libanons und Somalias, im Kongo oder in Afghanistan. Man konnte auf dem Landweg nach Indien fahren, in ungezählten VW-Bussen, oder, wie mein Studienfreund Uwe, vier mal in zwei Jahren mit dem 2 CV.
Die Existenzangst, die Verunsicherung von heute, war unbekannt, und es kam noch etwas hinzu: "Wir wussten nichts vom Ozonloch" (ein Buchtitel von Daniel Cohn-Bendit). Und heute fahren wir sehenden Auges immer schneller, mit immer größeren Geländewagen mit höherem Benzinverbrauch, mit wachsender Armut, höheren Managergehältern und den höchsten Profiten der Weltgeschichte in den Abgrund. Meldung auf der Seite "Wirtschaft und Umwelt": "Die Rekordpreise bei Öl und Gas haben den Ölkonzernen kräftig Geld in die Kasse gespült. BP konnte seinen Überschuss laut den gestern vorgelegten Zahlen in den ersten drei Monaten auf 6,6 Milliarden Dollar steigern. Shell strich einen Gewinn von 7,8 Milliarden Dollar ein, 12 Prozent mehr als im Vorjahr."
So was nennt man Erfolg: Die Zerstörung des Planeten, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, die Armut in den reichen Ländern, hat ein Ausmaß erreicht, das 1968 unvorstellbar erschienen wäre. Und dennoch gab es, im Gegensatz zu heute, Widerstand. Während in Südamerika einige Politiker - an der Spitze Hugo Chavez und Evo Morales - erkannt haben, dass der Kapitalismus als System für menschliches Elend und Umweltzerstörung verantwortlich ist, sorgt sich ein Mann wie IG-Metall-Chef Berthold Huber um die Zukunft - des Kapitalismus (auf Seite 4 der taz): "In den letzten 15 bis 20 Jahren haben sich die Gewichte zugunsten der Kapitalseite und zulasten der demokratischen Politik und der Beschäftigten verlagert. Kapitalismus hat nur eine Zukunft, wenn er akzeptiert, dass ein anonymes Management nicht über die Köpfe der Leute entscheiden kann. Sonst haben wir irgendwann die Rebellion."
Das wäre schön. Nur: Wer soll denn rebellieren? Wer sollte heute, wie die jungen Menschen der Endsechziger-Jahre, fröhlich und selbstsicher genug sein, um zu sagen: Schluss, es reicht? Die zutiefst verunsicherten Menschen aus der so genannten Mittelschicht, die Angst haben, bald ebenfalls von Sozialhilfe leben zu müssen? Die Kids, die mit elektronischem Spielzeug und Handys, i-Pods, Big Brother, Dieter Bohlen, Navigationsgeräten ruhiggestellt werden? Mein Großvater hat immer gesagt: "Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz."
Aber vielleicht wird die Wut zunehmen auf die politische Klasse, die uns das eingebrockt hat: Die gewissenlose Schröder-Fischer-Bande, die Autoindustrie und die Bertelsmannstiftung, die skrupellosen Egoisten in den  Führungsetagen der Großkonzerne, die Geldgierigen, die aus der Naturzerstörung Rekordprofite abschöpfen. Diese Rebellion wäre dann aus Wut und Frust geboren, und sie wird alles andere als fröhlich sein.
Man sollte, besonders am 1. Mai, die Faust nicht mehr nur in der Tasche ballen.

2. 5. 2008
Neil Young hat Geburtstag!
Happy Birthday - long may you run!

Nachruf auf Albert Hofmann

Am 29. April ist Albert Hofmann, der Entdecker von LSD, gestorben. Jeder Mensch, der ihm jemals begegnet ist, eines seiner Bücher gelesen oder ein Fernsehinterview gesehen hat, wird sich an diesen gütigen, liebenswerten Wissenschaftler erinnern. Wenn man davon ausgeht, dass wir alle erst unterwegs sind zum Menschsein, dann ist Hofmann in seinem Leben ein gutes Stück auf dem Weg vorangekommen.
Hofmann war in jeder Hinsicht ein besonderer Mensch. Das zeigt schon die Tatsache, dass er  besonders lang mit derselben Frau verheiratet (75 Jahre) war und selten lange leben durfte (102 Jahre). Mathias Bröckers, der Hofmann des öfteren getroffen, interviewt und bewundert hat, schrieb den Nachruf in der taz von heute (Seite 13). Der gereicht in Inhalt und Aufmachung dieser Zeitung zur Ehre - eine ganze Seite, ein wunderbares Porträtfoto, ein liebevoller, kenntnisreicher Artikel.
Falls Sie über Hofmann und die Auswirkungen seiner Entdeckung noch weiterlesen wollen: Hier sind Links zu Artikeln, die sich mit dem Thema befassen. In "Love and peace und all die Hippies" gehe ich von der Annahme aus, dass der Sommer der Liebe im April 1943 begann, als Albert Hofmann versehentlich eine winzige Dosis LSD an die Fingerkuppe bekam. Das Porträt von Ken Kesey befasst sich mit den Strategien des Autors von "Einer flog übers Kuckucksnest", LSD massenhaft zu verbreiten. Und in "Verantwortungslos laut und grausam schön - Warum heißt diese Musik eigentlich Acid-Rock?" gebe ich die Eindrücke wieder, die mir bei einem Konzert der Gruppe Hot Tuna unter der Einwirkung von LSD zuflogen.
 
"Ich bin doch ein Teil von all dem Leben hier und werde es immer bleiben."
Albert Hofmann

3. 5. 2008
Kaderschmiede des psychedelischen Humors

Irgendwie passend, dass diese Theaterkritik am selben Tag in der taz steht wie der Nachruf auf Albert Hofmann. Die Titelzeile hier drüber ist eine Selbsteinschätzung von Studio Braun, einem Theaterkollektiv um Heinz Strunk und Rocko Schamoni. Die bringen gerade ein Stück auf die Bühne des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, das heißt "Dorfpunks", stammt von Rocko Schamoni, und nach allem, was Julian Weber darüber schreibt, würde ich glatt reingehen. Wenn ich nicht a) in München wohnen und b) noch ins Theater gehen würde. Aber es klingt gut: "'Dorfpunks' bewegt sich in einem choreografischen Neuland, irgendwo zwischen Spaghettiwestern-Atmosphäre, Musikrevue und dem verdrogten Um-Kopf-und-Kragen-Reden eines Lenny Bruce. Droht ein Element ins Bodenlose zu kippen, wird ihm improvisatorisch der Sinn entzogen." (Ob man davon ausgehen kann, dass die Mehrzahl der Leser wissen, wer das war, wenn man einfach den Namen Lenny Bruce fallen lässt?) Im Finale singen sie dann "Du trägst dein Dorf mit dir herum". So eine Aufführung erntet in Hamburg "lang anhaltenden Applaus". Ich muss offenbar mein Hamburg-Bild überprüfen, jetzt, nach der Mai-Randale.

Geradezu nach Kreidefressen klingt Jan Feddersens Bericht von einer 68er-Ausstellung im Historischen Museum in Frankfurt. Abgesehen davon, dass er den Namen von Bahman Nirumand, der seit langer Zeit zu den taz-Autoren gehört, zwei Mal falsch schreibt (Niroumand), hat Feddersen anscheinend einen Lernprozess durchgemacht und muss nicht mehr ständig bösartig und hämisch über die Personen und Ideen herziehen, mit denen man 68 im allgemeinen verbindet. Das Fazit der Interviews mit einigen Schlüsselfiguren, die in einem Dokumentarfilm zu sehen sind: "Nein, es hat sich gelohnt, nichts ist gescheitert, keine Leere, der Geist war aus der Flasche. Welcher genau? (Martin) Dannecker, der 68 als Programm verstand, die Welt möge und müsse besser werden, nennt als wichtigste Qualität das Missachten von Autorität, von Macht."
Das war's dann aber schon mit der Kreidestimme, am Schluss kommt wieder der alte krächzende Feddersen durch. Er spricht von "Größenwahn, der sie offenkundig alle trug." Alle, aha. Und dann verallgemeinert er so vor sich hin, reduziert dann aber "alle" wieder auf "das Gros" und fragt: "... weshalb das Gros der Achtundsechzigerszene sich von Götz Aly so sehr angepieselt fühlt, dass sie ihn schneiden, als sei er ein Arthur Koestler oder ein George Orwell." Zu viel der Ehre, dieser Vergleich. Aber ich kann Ihnen schon sagen, weshalb Götz Aly so angegriffen wird: Weil er aus sehr durchsichtigen, vielleicht in seiner Situation nachvollziehbaren Gründen, verworrenen Unsinn erzählt. Und raffiniert auf den größtmöglichen Kassenerfolg seiner Bücher schielt. Er weiß es nämlich besser. Man merkt die Absicht ...

Roman ruckt

Besser kann man die Verlogenheit der politischen Klasse nicht vorführen, als es Ralph Bollmann mit seinem Bericht über eine Buchpräsentation in tazzwei tut. Das Machwerk heißt "Mut zum Handeln. Wie Deutschland wieder reformfähig wird". Als wäre der Titel nicht schon gruselig genug - herausgegeben hat es der Mann, der dem Grauen einen Namen gibt: Roman Herzog. Der hat auch noch einen "Konvent für Deutschland" gegründet, und dem gehört, der Gruselfaktor steigt stetig, der Starkstromlobbyist Wolfgang Clement an.
Bollmann zitiert die Herren bei der Buchvorstellung, was zur Entlarvung eigentlich ausreicht. Herzog: "Ich gestehe, dass ich die 600 Seiten noch nicht durchhabe." Clement: "Ich habe auch noch nicht alles gelesen, aber schon vieles. Vor allem, was ich selbst geschrieben habe."
Ralph Bollmann kommentiert: "Herzog hat also das Vorwort zu einem Buch verfasst, dessen Inhalt er gar nicht kennt. Fünf Exilpolitiker und Wirtschaftsführer haben die Presse zur Präsentation eines Werks eingeladen, das offenbar nicht einmal sie selbst für lesenswert erachten. Das Letztere kann man ihnen nicht verdenken, denn der Band ist tatsächlich von einer kaum fassbaren Trostlosigkeit. Es reden ausschließlich Politiker und Wirtschaftsführer zu 93 Prozent Männer ..." Yeah, Stupid White Men!

Apropos USA: Meine Freundin Gülsüm erhielt neulich eine Mail von einem amerikanischen Freund. Der hatte auf seinem Campus ein T-Shirt gesehen mit der Aufschrift: "Be nice to America, or we'll bring democracy to you".

Die Schreibmaschine

Selbstironie kann man ihm nicht absprechen. Bei taz.de hat er einen Blog mit "Theorien über alles und Kommentare über das meiste." Er schreibt für Falter und Profil in Österreich, er schreibt für die taz, quer durch die Ressorts, von Meinung bis Kultur, und einmal hat er auch für Die Gazette geschrieben. Dazu streut er, immer am Puls der Zeit, mindestens einmal im Jahr ein Buch unters Volk. Er interviewt Leute und er schreibt über Aktuelles und neu Erschienenes. Und schreibt und schreibt.
Robert Misik schreibt. Viel. Da kann naturgemäß nicht alles von derselben Qualität sein, ist schon klar. Aber ein gewisses Niveau kann er meist halten. Ich lese ihn ganz gern, so als unterhaltsames Hirn-Aerobic. Meist formuliert er so, dass auch Nichtakademiker ihn verstehen können, ganz daneben liegt er selten, aber oft weiß man hinterher nicht mehr als zuvor. So auch, wenn man seinen Kommentar zum "Horrorhaus von Amstetten" liest.
Ich hab schon gedacht: Dem Misik wird doch nix passiert sein. Alle, alle ham inzwischen ihren Senf dazugegeben, wo bleibt der Vielschreiber aus Austria? Gestern konnte ich ihn, endlich, auf der Meinungsseite lesen und beruhigt weiterblättern.

1 Kommentar:
lieber hans pfitzinger,
außerdem hab ich ein wöchentliches videoblog auf standard.at, das werden sie doch nicht übersehen haben? http://derstandard.at/?ressort=fsmisik
und mein blog, auf dem ich sie speziell auf diesen eintrag aufmerksam machen möchte: http://www.misik.at/radio-misik.php
ich schreib jetzt mal. rm

Bildpropaganda

Das Foto auf Seite 2 von DGB-Chef Michael Sommer zeigt einmal mehr, wie gut die Bildredaktion ihr Handwerk versteht, und wie man mit der Auswahl von Fotos Neigung und Abneigung demonstrieren und demagogisch Stellung beziehen kann. Sommer, der die Rede bei der Zentralkundgebung zum 1. Mai in, passenderweise, Mai-nz hält, brüllt mit weit aufgerissenem Mund ins Mikrofon, auf dem DGB steht.
Sie mögen ihn nicht in der Bildredaktion, so viel steht fest.


4. 5. 2008
Die Heilige Kuh mit Ersatzreifen

"Wirtschaft und Umwelt" gehört zu den taz-Ressorts, an denen selten was auszusetzen ist. Der Beitrag von Gerhard Dilger "Gabriel macht sich für Agrosprit stark" bringt genau die Art von Informationen, die ich in den Medien der Pressekonzerne vergeblich suche. Dieser Sigmar Gabriel betreibt seine Umweltpolitik im Sinne der deutschen Autohersteller, genau wie seine Chefin Angela Merkel ihre gesamte Politik den Interessen der Autolobby unterordnet. Warum tun sie das? Weil SPDCDUFDP auf unterschiedliche Weise schon immer die Interessen der Mächtigen vertreten haben. Mit gaaanz wenigen Ausnahmen - und wenn einzelne Abgeordnete es wagen, gegen den Konsens zu verstoßen, werden alle Hebel in Bewegung gesetzt, sie zurückzupfeifen oder bis zur Bedeutungslosigkeit zu mobben (Lafontaine, Ypsilanti, Scheer, Geißler etc.). Gabriel gehört gewiss zu den haltungsfreien, windelweichen  Karrieristen, die seit ihrem Einstieg in die Politik wenig zur Lösung irgendeines Problems, aber viel zur Förderung der eigenen Karriere beigetragen haben. Man muss nur einmal eines der Interviews lesen, die er der taz gegeben hat, um das zu erkennen. Als Umweltminister ist so ein Mann gemeingefährlich.

First of May, first of May... zum Zweiten

Nach Detlef Kuhlbrodts Besprechung des Films "1. Mai" krieg ich so richtig Lust, mal wieder ins Kino zu gehen. Ein Film, in dem ein aufrechter Linker einem Elfjährigen erklärt, dass es "Kommunismus" heißt, nicht "Computismus", kann nicht ganz schlecht sein. Ich hoffe der Film läuft noch ein paar Tage, denn der Frühlingseinbruch wird mich sicher eine Weile von dunklen Kinosälen  fernhalten.

Neues vom Luftschiffer

Dagegen hat mich Wiebke Porombka nicht davon überzeugen können, dass ich unbedingt sofort und jetzt gleich mit der Lektüre der 1.600 Seiten Thomas Pynchon ("Gegen den Tag") anfangen muss. Das hat nichts mit Porombkas Buchkritik "Neues aus Kalau" zu tun, denn die ist großartig - einfühlsam, informativ, souverän. Es liegt eher daran, dass ich immer das Gefühl bekomme, versagt zu haben, wenn ich ein Buch nicht zu Ende lese. Bei Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften" kam ich auch nur bis etwa Seite 950. Und die Gesamtausgabe von Jean Paul habe ich selbstverständlich auch (noch?) nicht vollständig gelesen. Das sind weit über 10.000 Seiten, und ich hoffe auf regenreiche Winterabende als Rentner, in einem bequemen Sessel in einer warmen Stube am Fenster sitzend, mit einer guten Lampe und dem einen oder anderen Glas Rotwein.
Ganz wunderbar finde ich die Verbindung, die Wiebke Porombka von Thomas Pynchon zur "literarischen Romantik" zieht. Sie spricht es nicht aus, aber "das Luftschiff, das gleich zu Anfang des Romans aufsteigt und fortan von angemessener Höhe aus (...) das Geschehen verfolgt..." dürfte wohl von Jean Paul inspiriert sein. In "Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch", (aus "Komischer Anhang zum Titan") macht sich Jean Paul alias Giannozzo zu 14 Fahrten mit dem Ballon auf und verfolgt ebenfalls aus "angemessener Höhe" das Geschehen da unten auf der Erde. Der Luftschiffer wird zum scharfen Kritiker der gegenwärtigen Verhältnisse - das gigantische Werk von Jean Paul in einer komprimierten Fassung.
Übrigens: Klassefoto! Bildunterschrift: "Hundert Fabrikarbeiter der Illinois Steel Company lassen sich vor ihrem zwischen 1910 und 1920 gebauten 100-Tonnenkran fotografieren." Interessant: Alle tragen eine Kopfbedeckung, Hut oder Mütze.

Nur so nebenbei

taz, S. 14, kleine Meldung links oben: Die Zahl der älteren Hilfebedürftigen ist seit der Einführung von Hartz IV im Januar 2005 bis Ende 2007 um mehr als 22 Prozent gestiegen. Das sind in der Gruppe zwischen 50 und 64 bereits 1,2 Millionen Menschen. Insgesamt leben drei Jahre nach Gerhard "Tina" Schröders Abschaffung des Sozialstaats 5,1 Millionen Menschen von Hartz IV. Dass diese "Reform" nach einem kriminellen VW-Manager benannt ist, passt haargenau.

Symbolische Kleidung

Auf der Meinungsseite ein Kommentar von Burkhard Schröder, über den Kampf einiger Linker und Antifaschisten gegen die Klamotten von Thor Steinar. "Hinter der Antifa-Attitüde, eine clevere und politisch zynische Geschäftsidee mit Mitteln des Strafrechts oder gar mit Gewalt bekämpfen zu wollen, schlummert", laut Schröder, "das typisch deutsche Obrigkeitsdenken." Und: "Ein Kampf um Symbole regt die Leute mehr auf als der Streit um politische Inhalte."

- Bericht von einem Nebenkriegsschauplatz -

taz-Boulevard

Die taz als schlichtes Propagandablatt hat ja Tradition, und wenn einer so offensichtlich seine Meinungen, Vorurteile und Abneigungen mit Berichterstattung verknüpft und dabei Tendenzjournalismus betreibt wie Veit Medick, merkt der geübte Leser rasch: Meinungsmache ist schlechter Journalismus. Und wieder beteiligt sich die Bildredaktion der taz auf höchst unsubtile Art am Kesseltreiben: Ein Porträt von "CDU-Mann Krause" neben einem Porträt von NSDAP-Mann Hitler. Das ist Boulevardzeitung ganz unten, verehrte Bildreakteure und -innen.
Mir wäre, zum Beispiel, Sven Regener als Kultusminister von Thüringen lieber, aber so weit ich weiß, steht der gar nicht zur Debatte. Nun soll also ein CDU-Mann das Amt ausüben, der früher mal für eine rechte Zeitung geschrieben und eine üble Gesinnung hat, und Medick versucht das zu belegen. Das gelingt ihm mit den ausgewählten Zitaten nicht.
Beleg für Peter Krauses mangelnde Eignung ist nach Medick offenbar die Aussage: "Hitler als historisches Individuum ist exzeptionell." Heh, kann das jemand ernsthaft bestreiten? Und was soll eigentlich an diesem Satz falsch sein, auch wenn er von einem angeblich rechten Publizisten wie Peter Krause kommt: "Die argumentative Kraft der nationalsozialistischen Reden muss zur Kenntnis genommen werden, will man das Phänomen verstehen. Es gab Gründe, die NSDAP zu wählen."
So weit ich die historische Lage in den zwanziger Jahren beurteilen kann, stimmt das tatsächlich. Das würde Herr Medick sicher zugeben, wenn er nur mal fünf Minuten die Scheuklappen abnimmt. Die Nationalsozialisten haben, wie in der Politik üblich, den Leuten das Blaue vom Himmel versprochen. Wir wissen, das es böööse ausgegangen ist, aber die Arbeitslosen zur Zeit der Weimarer Republik und der verunsicherte Mittelstand wussten das nicht (Menschen wie Erich Kästner ahnten es voraus, aber denen hat ja keiner zugehört).

- Ende des Berichts von einem Nebenkriegsschauplatz -

6. 5. 2008
"Genauso, toll!"

Keine Sorge, werter Leser, ich hab nicht aufgegeben, ich nehm mir nur montags frei, was den tazblog anbelangt. Sonntags gibt's keine taz, also geht's erst heute weiter. Mit einer Meldung von der Kulturseite: Peter Sloterdijk bekommt den "Lessing-Preis für Kritik", und ein Satz aus seinem  neuen Buch (hört der denn nie auf?) wird auch zitiert - um zu unterstreichen, dass er den Preis verdient hat? Also sprach Sloterdijk: Lessings Ringparabel sei ein Versuch der "Domestikation der Monotheismen aus dem Geist der guten Gesellschaft".
Dann doch lieber DJ Bobo, über den Kirsten Riesselmann auf derselben Seite schreibt. Seine Philosophie verstehen die Menschen wenigstens: "So, Leute, ihr nehmt jetzt den linken Arm hoch, dann den rechten, und wenn der Rhythmus einsetzt, klatscht ihr alle im Takt die Hände zusammen! Genauso, toll!"

Licht von unten

Ein schönes Foto, fast halbseitig, zeigt schöne Kunst auf dem Berliner Bebelplatz: Im Pflaster eine quadratische Glasscheibe, nachts von unten beleuchtet. Der Künstler Micha Ullmann erinnert damit an die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933. Unter der Glasscheibe sieht man eine leere Bibliothek. Der Artikel, den das Foto illustriert trägt den dämlichen Titel "Fräuleinwunder blieb vergessen". Zum Text verkneife ich mir jede Bemerkung. Nur so viel: Der Autor heißt nicht Wagner.

Wildbeck

Auf tazzwei füllt Arno Frank allen Ernstes den Textraum mit Kurt Becks Bart. Dazu ein Foto von den Wildecker Herzbuben. Besser kann man Gruseldeutschland nicht illustrieren. Sie sind unsäglich, alle zwei Herzbuben und Beck erst recht.

Gel

Manchmal sehr amüsante Einblicke in die Welt des Zeitungsmachens erhält der Nicht-Journalist unter dem Titel "Er war zufrieden mit dem Sex". Inzwischen läuft da die sechste Folge von "Das Content-Department". Was das mit dem Kolumnentitel "Charts" zu tun hat? Keine Ahnung. Ein bisschen erinnert mich das an die "verboten"-Kolumne auf Seite 1, die sich auch zwischendurch irgendwie verselbständigt hat, und mit der ursprünglichen Absicht nichts mehr zu tun hatte. Charts gibt's nicht mehr, nur noch drei Empfehlungen für Pop, Buch und Fußball. Weshalb das so ist, weiß vielleicht der Autor, Peter "Ich-war-jung-und-brauchte-das-Gel" Unfried.

Defilee der Grenzdebilen

Der obige Titel von Dagmar Herzogs Serie über die USA im Wahljahr ist zu schön, um ihn nicht zu klauen. Und den Untertitel von Arianna Huffingtons Buch "Right is Wrong" muss ich hier unbedingt zitieren, weil er noch länger ist als der von "Alles Wugg!". Der Doppelsinn von "Right is Wrong" geht in der Übersetzung verloren. Es heißt sowohl "Richtig ist falsch" als auch, was Huffington meint, "Rechts ist falsch". Das wird erst im Untertitel deutlich: "Wie verrückte Extremisten die USA gekapert, die Verfassung untergraben und uns alle größerer Unsicherheit ausgesetzt haben (und was Sie wissen müssen, um dem Wahn ein Ende zu machen)."
Dagmar Herzog zeigt, dass man auch auf den Seiten von tazzwei zur Aufklärung des Lesers beitragen kann. Das Beispiel, dass sich sogar "liberale" Medien wie besessen mit Trivialitäten befassen, lässt sich ohne Abstriche auf Deutschland übertragen. In den USA nimmt die Frage, ob sich eine 15-jährige Sängerin halbnackt in einem Betttuch fotografieren lassen darf, und ob das ihrer Karriere schadet, breiten Raum in den Medien ein. Kaum erwähnt wird hingegen, dass Dick Cheney, Bushs Vize, und Condoleezza Rice von  Anfang an dabei waren, als es darum ging, den CIA-Agenten weiterhin Folter zu erlauben (nicht dass das so überraschend wäre).
Wenn ich mich bei web.de einklicke, um an meiner Webseite und dem tazblog zu basteln, komme ich immer erst auf die Startseite mit den Nachrichten. Die Topmeldungen heute, in dieser Reihenfolge: 15.000 Tote in Birma nach einem Wirbelsturm. Bushido provoziert Kneipenschlägerei, nachdem er sich mit dem Manager von Uwe Ochsenknecht angelegt hat. Keine Meldung wert: Wer heute den - von der CDU permanent abgelehnten - Mindestlohn von 7,50 Euro verdient, muss 51 Jahre lang in die Rentenkasse einzahlen, um auf eine Rente zu kommen, die dem Niveau der Sozialhilfe entspricht.
Was man tun muss, um "dem Wahn ein Ende zu machen", findet erst recht keinen Eingang ins bewusstseinsvernebelnde Mediengeschehen. Bis zum Nachmittag haben dann drei neue Meldungen den Zyklon in Birma auf den vierten Platz verdrängt. Topmeldung ist jetzt: "Pete Doherty aus dem Knast entlassen", vor "Mit der richtigen Ernährung schneller am Ziel" und "Sünden online beichten - Buße per Mausklick".
Vielleicht weiß ja Arianna Huffington weiter.

An der Sprache sollst du sie erkennen

Seit einiger Zeit geistert eine neue Debatte durch die Zeitungsseiten: Man könne der Naturzerstörung, ebenso wie dem Klimawandel, entgegentreten, indem man den wildgewordenen Kapitalisten vorrechnet, was das alles kostet. Gegenargument von David Ehrenfeld, Ökologieprofessor, schon 1992 veröffentlicht: Naturschutz solle grundsätzlich "außerhalb des schlüpfrigen Terrains der Wirtschaftswissenschaftler und ihrer philosophischen Verbündeten" stehen. Natur ökonomisch zu bewerten sei "der Gipfel der anmaßenden Verrücktheit".
Das hat gesessen. Aber das können die schlüpfrigen Wirtschafts-"Wissenschaftler" natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Auf der Seite "Meinung und Diskussion" bekommen sie drei Spalten unter dem Titel "Natur hat ihren Preis", und dürfen ihre anmaßende Verrücktheit vor dem taz-Leser ausbreiten. Die Sprache, in der sie gegen David Ehrenfeld argumentieren, spricht für sich: "Wenn Natur vor dem Menschen geschützt wird, dann nur deshalb, weil Menschen entschieden haben, dass der Naturerhalt einen höheren Wert hat als jeder Gebrauch von Natur. Man kann der Natur einen Wert an sich beimessen, aber man darf nie unterschlagen, dass dies ein menschliches Werturteil ist, das für sich genommen nicht mehr Recht auf Gültigkeit beanspruchen kann als andere menschliche Urteile über den Gebrauch von Natur."
Gebrauch, Verbrauch, Missbrauch? Iss doch egal, solang's der Profitsteigerung dient. Der Mensch ist schließlich die Krone der Schöpfung, er kann machen, was er will. Wer so was verzapft? Die Herren heißen Joachim Weimann, ein Professor für Wirtschaftspolitik in Magdeburg und Sönke Hoffmann, der bei demselben promoviert, "über den ökonomischen Aspekt von Biodiversität". Ihr Beitrag macht sehr schön deutlich, was Professor Ehrenfeld mit "anmaßender Verrücktheit" gemeint hat.

Antisemitisch und homophob = Gesprächsverbot

Etwas mulmig wird mir, wenn Ralf Sotschek aus Dublin berichtet, Ken Livingston hätte sein Amt als OB von London verloren, weil er "seine linken Anhänger verprellt" habe, "als er den antisemitischen und homophoben islamischen Geistlichen Yusuf al-Qaradi zu einem Gespräch nach London einlud." Mal unterstellt, Sotscheks Küppeladjektive, mit denen er den "islamischen Geistlichen" abfertigt, wären korrekt: Sind Livingstons "linke" Anhänger wirklich so unduldsam, dass sie es als Tabu empfinden, mit jemandem auch nur zu reden, der nicht dieselbe Meinung zum Weltenlauf hat wie der linke Mainstream? Hm.

Kiffbach

Meldung auf der "ausland"-Seite: Der 4. Mai war der Tag, an dem weltweit in 239 Städten für die Legalisierung von Marihuana demonstriert wurde, "unter anderem in Johannesburg, Tel Aviv, Tokio und Miesbach." Nie von Miesbach gehört? Das liegt von Berlin aus gesehen im bayrischen Ausland.

Urwaldersatzdiesel

In der Debatte um "Soja statt Regenwälder" wird jetzt bei "Wirtschaft und Umwelt" immer häufiger der Begriff Agrodiesel gebraucht, während früher vorwiegend von Biodiesel die Rede war. Nun verbindet man ja mit "Bio" vom Nahrungsmittelsektor her positive  Vorstellungen, so wie die Stromindustrie auf dem eher positiven "Kern" statt dem negativen "Atom" besteht, wenn es um ihren Wahnsinnsstrom geht. "Agro" klingt da eher neutral. Vielleicht wäre "Urwaldersatzdiesel" die korrektere Bezeichnung für diesen Treibstoff?

 Plus minus X

"CSU in Not" titelt die Inland-Seite. Da möchte man sich doch gleich ganz sakrisch freuen als bayrischer Ureinwohner. Aber dann entpuppt sich die Titelzeile doch als Wunschdenken: Die CSU kommt trotz Huberbeckstein noch auf 48 Prozent. So viel zum Volk der Bayern. Selbst wenn alle anderen Parteien eine Koalition bilden würden - eine völlig abwegige Vorstellung - kämen SPD (23), Grüne (10), FDP (6) und Freie Wähler (5) nur auf 44 Prozent der Stimmen. Aber vielleicht hat bisher noch keiner die Linkspartei auf der Rechnung? Wenn die der CSU noch 5 Prozent abjagen würden ... Nicht auszudenken! Aber das ist seeehr unwahrscheinlich. Es sieht eher danach aus, als würden Huberbeckstein die Betonierung des Landes auch nach der Landtagswahl fortsetzen werden. Gott mir, du schönes Isental!

SDS-Kongress in Berlin: 2008! Echt!
 
Da hätte man erfreut konstatieren können, dass sich endlich mal grauhaarige oder glatzköpfige Altachtundsechziger mit interessierten jungen Studenten zusammensetzen, statt nostalgisch unter sich zu bleiben und eine 40 Jahre alte Revolte zu beweihräuchern. Nö, tut man nicht, man schreibt schließlich für die taz. Deniz Yücel spöttelt sich mit arroganter Überheblichkeit durch zwei Drittel einer taz-Seite und sucht nach dem Haar in der Kongresssuppe - allein, er findet keines. Was soll auch schlecht daran sein, dass die jungen Kongressteilnehmer in der Mehrheit sind und sich interessiert anhören, was die Alten zu sagen haben, in der Berliner Humboldt-Universität, beim Kongress "40 Jahre nach 1968 - Die letzte Schlacht gewinnen wir"? Der Autor bemäkelt gleich mal das Motto. das sei nicht nur "ebenso großspurig wie verstaubt", es sei auch noch entlehnt "aus dem plattesten Agitprop-Stück, das die Band Ton, Steine, Scherben jemals fabriziert hat - das ist der Song, in dem sich 'Saarbrücken' auf 'unterdrücken' reimt."
Wow! Scharfsinnig stellt der Autor das Wichtigste an den Anfang. Deniz Yücel kennt nicht nur alle Songs von Ton, Steine, Scherben, er weiß auch zu beurteilen, welcher davon das "platteste Agitprop-Stück ist". Ich finde, damit hat er's den Veranstaltern aber tüchtig gegeben. So ein Kongress muss zum Scheitern verurteilt sein, ist doch klar. Und wie bei Demonstrationen üblich, weichen die Angaben der Veranstalter über die Teilnehmerzahl von den Angaben der Polizei stark ab. Nur dass die Rolle der Polizei hier die taz übernimmt und in der Überschrift von "über 1.000 Besuchern" des Kongresses spricht, die Veranstalter vom Hochschulverband "Die Linke.SDS" dagegen von 1.600. Na ja, so ganz gelogen ist das nicht von der taz, 3.000 wären auch "über 1.000".
Von den Referenten und -innen erfährt man: "Die meisten davon sind, sofern sie nicht zum neuen SDS gehören, Veteranen der Linken der Sechziger- und Siebzigerjahre, darunter einige Politiker der Linkspartei." Igitt - man sieht förmlich, wie der Autor angewidert das Gesicht verzieht beim Tippen. Und so kriegen sie denn ebenso munter wie unsachlich was auf die Mütze, Veranstalter wie dumme Besucher: "Der Verband, der sich des historischen Kürzels bedient (gemeint ist SDS; hp), die allgegenwärtigen Ikonen vergangener Tage, selbst die Party mit den 'Rebel-Sounds of the 60th und 70th' - atmet das alles nicht den Muff von vor 40 Jahren? Die jungen Besucher stört das nicht." Abgesehen davon, dass 60th nicht Sechziger heißt sondern Sechzigster, darf man davon ausgehen: Die Frage ist rein rhetorisch gemeint. Aber weshalb sollte die Besucher Partymusik aus der Zeit stören, um die es laut Kongressmotto gehen sollte? Das mit dem atmenden Muff ist schon ein verwegenes Bild - bis man sich fragt: Was meint er denn eigentlich mit dem Muff von vor 40 Jahren? Vielleicht war er ja dabei und hat die Zeit ganz anders erlebt als ich? Hm.
Am Ende weiß Deniz Yücel auch, dass die bedauernswerten Anwesenden "die letzten linken Studenten" gewesen sind, die "für einige Tage diese Einsamkeit vergessen" konnten. Welche Einsamkeit? Na, die des linken Studenten natürlich.
Wäre wenigstens das nicht ein positives Fazit? Nicht in der taz. Der Kongress war ja schließlich von der Linken veranstaltet worden.

Licht und Schatten

Mist und Perlen liegen bei der taz oft nah beieinander, in diesem Fall gegenüber: Hanna Gersmann beschreibt auf der linken Doppelseite: "Wie werde ich ein sexy Artenschützer?" Auch wenn der Titel etwas bemüht erscheint (und von Martin Unfrieds "Ökosex"-Kolumne abgekupfert ist) - der Beitrag ist ebenso informativ wie humorvoll, so theoretisch korrekt wie praxisnah. Hanna Gersmanns Artikel ist die Perle des Tages, und ich kann richtig froh sein, dass ich die taz immer von hinten lese: Die Perle nach dem Mist stimmt einen doch wesentlich hoffnungsvoller als umgekehrt. Da kann man so was wie den allgemeinen Rentenbeschiss und die Abschaffung des Rechtsstaates nach den Vorstellungen der CDU gleich viel besser verdauen.


7. 5. 2008
Die Debilenüberschrift der Woche

Den Preis für die bescheuertste Titelzeile der Woche erhält heute -
die Seite 4 vom 6. 5. 2008:
"Jungfrau Maria in Elefantenscheiße"
Liebe verantwortliche taz-Redakteure: Ihr habt nicht mehr alle Tassen im Schrank!

Streng geheim!

Pssst! Die Idee zu Das geheime Tagebuch der Carla Bruni, das unglücklicherweise in regelmäßigen Abständen auf der Wahrheitseite auftaucht, ham sie von der französischen Zeitschrift Le Canard Enchaîné abgekupfert. Pssst! Nicht weitersagen, nicht der Chefredaktion petzen! Nicht versäumen: Das Wetter rechts oben auf der Wahrheitseite.

Gratulation

Bernd Schuster war mein Idol, als er noch selbst Fußball spielte - genial, aufmüpfig, selbstbewusst, und immer im Clinch mit den Deppen vom DFB. Jetzt ist er Trainer in Spanien, hat zuerst den kleinen Verein Getafe in den UEFA-Cup gehievt, wo er erst im Halbfinale ausgeschieden ist, gegen die Bayern - man erinnert sich. Und jetzt erfahre ich auf Leibesübungen von Rainer Wandler, dem zuverlässigen taz-Mann in Madrid, dass er mit Real Meister geworden ist. Herzlichen Glückwunsch, Bernd Schuster!

Elite? Meine Fresse!

Wen interessiert eigentlich die Metaphysik der ARD-Talkshows? Mutmaßungen über Leute, die Anne Christiansen oder Frank Jauch oder Reinhold Kerner oder Sandra Will heißen? Zumindest die Redakteure und Autoren von "flimmern und rauschen". Aus Neugier lese ich den Beitrag von Christian Bartels mit dem Titel "Definiere Elite!", weil ich das gern mal definiert gesehen hätte. Aber ich erfahre es nicht. Dafür steht gegen Ende des Beitrags der schöne Satz: "Er (Günther Jauch) belehrte alle, die glaubten, er würde bei komplexen Themen lange Sätze sinnvoll beenden, eines Besseren."
Ich bekenne: Mich interessiert das eigentlich nicht die Bohne, was wohl auch damit zusammenhängt, dass ich meinen Fernseher vor 15 Jahren einem fliegenden Händler aus Prag verkauft habe. Den damit unbrauchbar gewordenen Video-Recorder hat der Mann auch gleich mitgenommen. 400 Mark bar auf die Kralle hat er bezahlt, und eine schriftliche Bestätigung des Verkaufs hat er auch gebraucht, damit sie ihn nicht an der Grenze wegen Hehlerei festnehmen. Es war eine der guten Entscheidungen in meinem Leben, ich hab's noch keinen Tag bereut.

Der Doppelschreiber

Gleich zwei Mal Robert Misik auf den Kulturseiten. Vorgestellt habe ich ihn schon letzte Woche, den Vielschreiber aus Austria (Sie erinnern sich: "Theorien über alles, Meinungen über das meiste".) Heute trifft es den Kunstmarkt einerseits (16) und die Ökonomen Keynes und  Schumpeter andererseits (17). Dass "Keynes' Lehre in den Dreißiger Jahren wie eine Bombe einschlug", ist in kriegerischen Zeiten wie unseren eine gern gebrauchte Metapher, allein, mir fehlt die Vorstellungskraft, wie etwas in Jahre einschlagen kann, von Bomben ganz abgesehen. Aber dafür entlässt mich Misik mit Hoffnung im letzten Satz über den Kunstmarkt: "Aber es ist in der Kunst etwas Utopisches und im Künstlersubjekt etwas Eigensinniges, das selbst der fadeste Betriebswirt nicht herauskriegt."
So möge es sein. Nur: Wozu das -subjekt? Hätt's ein Künstler allein nicht auch getan?

Mainstream-Pop

Madonna! Hard Candy! Fazit: "Man hat das alles schon gehört." Warum dann eine 3/4-Seite Madonna in der taz? Madonna! Hard Candy! Kaufen! Kaufen! Kaufen! Madonna! Neue CD! Hard Candy! Kaufen!
taz heute mit Madonna! taz kaufen!

Seelenzerfasernd

Jan Feddersen rechthabt mal wieder. Der Bücherverbrennung wird am falschen Tag gedacht. JAF weiß es selbstverständlich besser: Der 6.Mai "war der Auftakt des rasenden Volksdeutschen, nicht der allgemein kanonisierte 10. Mai 1933." Aha, ah ja. An diesem Tag, dem 6. Mai 1933, wurden nämlich "die Archivalien und die Institutsbibliothek" Magnus Hirschfelds "in Brand gesteckt". Magnus Hirschfeld war der Pionier der Sexualforschung, und Feddersen überliefert uns auch noch den "Feuerspruch": "Gegen die seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens."
Tja, was für ein Spruch! Das ist so unfassbar genial und komisch, man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen, diese hellsichtige Verbindung von Trieb und Seele. "Seelenzerfasernd" - ich halt's im Kopf nicht aus!
Die Umleitung "des Trieblebens" hat ja dann unweigerlich zum nächsten Krieg geführt. Es war noch ein weiter Weg bis "Make love not war!".

Wahlbeobachter

Da alle und jeder über den Wahlkampf in den US von Amerika schreiben, muss ich wirklich nicht alles lesen, was da geschrieben wird. Aber grundsätzlich lese ich alles, was Marcia Pally schreibt, und deshalb auch die Kolumne gestern zum Thema, wie Barack Obama "Am Big Mac gescheitert" ist. Marcia Pally erbringt den Beweis, dass man auch aus einem völlig abgelutschten Thema noch eine neue Variante herausholen kann. Diese Frau kennt das Geheimnis, wie man den Kaugummi ewig weiterkaut, und dabei den Geschmack wieder zurückbringt. Verblüffend! Und obwohl sie Akademikerin ist, hat sie sich common sense bewahrt, den gesunden Menschenverstand, den verständlichen Schreibstil, die Fähigkeit, Nichtakademikern Zusammenhänge zu erklären, ohne hilflos im Fachlatein oder in Fachamerikanismen zu versumpfen. Bei ihr gibt's eben keine "Domestikation der Montheismen" (siehe Sloterdijk, 6. 5.) oder "Diversifikation des Gender-Mainstreaming" (siehe nirgends - hoffentlich!, man weiß aber nie.)
Am Ende nimmt Pally eine Anregung von Fidel Castro auf, ohne ihn als Urheber der Idee anzugeben: "Nun mache ich mir Sorgen, dass die Demokraten, die Obama hassen, weil er zu elitär ist - oder zu "schwarz" oder zu muslimisch -, schließlich für McCain stimmen. Und die Republikaner, die McCains Wirtschaftspolitik nicht mögen, für Obama votieren. Sie werden sich gegenseitig aufheben; und Hillary wird aus keiner Ecke genügend Stimmen zusammenkratzen können. Dann wird am Ende niemand gewählt. Und wir können Wahlbeobachter aus Kenia und Simbabwe zu Hilfe holen, damit sie das Durcheinander wieder in Ordnung bringen."
Das ist sehr komisch, aber die Idee stammt von Castro. Als beim Wahlbetrug in Florida George Bushs Bruder Jeb die Stimmen immer wieder auszählen ließ, bis dann Al Gore vom Obersten Gerichtshof zum Verlierer erklärt wurde, bot Fidel Castro an: "Wenn sie die Stimmenauszählung in Florida nicht hinkriegen, schicken wir ihnen gern ein paar Wahlhelfer aus Kuba."
Wie gesagt, sehr komisch.

VWBMWMERCEDESAUDIPORSCHEFORDOPEL - hoch, hoch, hoch!

taz vom 6. Mai 2008: "Die deutsche Autoindustrie fährt aus dem Tal. In den ersten vier Monaten 2008 stieg der Absatz binnen Jahresfrist um mehr als 7 Prozent auf 1,05 Millionen Pkw." Verstehen Sie wie der Absatz in vier Monaten binnen Jahresfrist steigen kann? Der taz-Redakteur anscheinend auch nicht. Also versucht er's noch einmal: "Allein im April kletterte die Zahl der Neuzulassungen gegenüber dem Vorjahresmonat um 20 Prozent auf 318.000." Ah, jetzt versteh ich es auch: Nach uns die Sintflut! Wir machen ihn alle, den Planeten! Wir schaffen es schneller als erwartet! Ein dreifach hoch!
Und weil Kurt Vonnegut am 11. April 2007 gestorben ist, denken wir an ihn und seine wunderbaren Bücher schon heute mit den letzten Zeilen seines Gedichts Requiem:

Wenn das letzte Lebewesen
wegen uns gestorben ist,
wie poetisch wäre es doch,
wenn die Erde dann
mit einer Stimme, die vielleicht
vom Boden
des Grand Canyon aufsteigt,
sagen könnte:
«Es ist vollbracht.»
Den Menschen hat es hier nicht gefallen.


8. 5. 2008
Spiegeleier, ach Quatsch... Spiegelbayern

Mir wird so langsam klar, dass ich die Medienseite immer ganz interessiert lese, weil der Exotikfaktor so hoch ist. Gestern also die Sorgen der ARD-Insider, ob Anne Will das Mercedes-Model Christiansen würdig vertritt - Informationswert für mich: null. Heute wieder Exotisches: RAAs Blick in die Innereien eines Hamburger Nachrichtenmagazins, von dem ich mich etwa zur gleichen Zeit verabschiedet habe wie von meinem Fährnseh. Informationswert des Beitrags (nicht nur) für mich: fast null. Schwierigkeiten bei der Titelfindung allerorten in der taz, auch bei "flimmern und rauschen": "Mia san schließlich mia" wird da über das Artikelchen geklebt, in dem es um ein, wie gesagt, Hamburger Magazin geht: "Oder soll der Spiegel im 'Mia san mia'-Sinn der Mitarbeiter geführt werden, denen Gründer Rudolf Augstein einst die Hälfte am Verlag überlassen hatte?" Auch mit dieser Frage wird der Leser allein gelassen. Und ich hätte auch noch gern gewusst, ob die jetzt, wie der Titel vermuten lässt, nach München umgezogen sind.

Fotorealistisch

Von Ursula Wöll erfahre ich, dass eine Frau, die zur Volksgruppe der Sinti gehört, Sintiza heißt. Wär ich nie draufgekommen. Aber ich lerne auch sonst ne ganze Menge aus der Besprechung eines Bildbandes, der beim Günter-Grass-Verlag Steidl herausgekommen ist und 60 Euro kostet. Ursula Wöll weist auch darauf hin, dass der unterstellte "Wandertrieb" der "Zigeuner" ein Mythos ist: Meist waren Vertreibung und Ausgrenzung die Ursache für den Ortswechsel. Der Buchtitel "Die Romareisen" bezieht sich denn auch auf den Fotografen und die Autorin. Die Problematik eines solchen Buches für Gutverdiener sieht Frau Wöll ganz richtig: "Es reisen vor allem die Autoren, und wir reisen im Lesesessel mit ihnen. Von einer so gemütlichen Warte aus erhält Armut leicht eine romantische Note, zumal sie in farbenfrohen Gewändern auftritt."

Wenn einem gar nix einfällt: Sexy

Vor ein paar Tagen sollte man ein sexy Artenschützer werden, gestern konnte man erfahren "Wo Intellektualität richtig sexy wird". Weil's um Zeitschriften geht, fang ich denn an zu lesen, und erfahre vom saisonal verstärkten Paarungstrieb des Autors Alexander Cammann: "Endlich erwärmt Sonne Herzen, Hirne und Hüften; die Jahreszeit von Flirt-SMS und scheu glühenden Blicken ist ausgebrochen. Da hat es der Geist schwer, wenn das willige Fleisch derart präokkupiert ist. Doch der Mensch ist nicht nur Mängelwesen, wie Arnold Gehlen meinte, sondern auch multitaskingfähig."
Ja, ich hör schon auf mit zitieren, bevor mir der gutwilligste Leser auch noch abspringt. So schreibt er halt, der multitaskingfähige Herr Cammann. Am Ende noch was Interessantes, und Sie vermuten richtig, wenn Sie jetzt ein Zitat erwarten. Es ist von Nicolás Gómez Dávila, der mir bisher gänzlich unbekannt war: "Linke und Rechte streiten sich lediglich um den Besitz der Industriegesellschaft. Der Reaktionär ersehnt deren Tod."
Ich werd darüber nachdenken, ob ich nicht vielleicht doch selbst ein Reaktionär bin. Im Sinne von Herrn Dávila wohl schon: "Die Rebellion  ist Reaktion auf einen unerträglichen Zustand; die Revolution ist Technik eines bürgerlichen Projekts."

Apropos Rebellion

Wenn Sie mich fragen, ob nach 40 Jahren nicht mal wieder eine Rebellion fällig wäre, kann ich nur begeistert zustimmen: Ja. Ich halte es für unvorstellbar, dass sich die Menschen in diesem Land noch lange so ruhig verhalten wie in den letzten Jahren. Die Politiker- und die Managerkaste haben sich so weit von den Sorgen und Nöten der meisten Menschen entfernt, dass sie ihre eigene Dreistigkeit gar nicht mehr richtig einschätzen können.
Beispiel: Peter Struck, der Typ, der als Erster den Satz fallen ließ mit der Freiheit, die am Hindukusch verteidigt werden muss. Dieser SPDler wie er im (Geschichts-)Buch steht, hält die erneute Selbstbedienung der Bundestagsabgeordneten, fünf Monate nach der letzten Diätenerhöhung, für "eine ganz normale Anpassung". 491 Euro zusätzlich wollen die Herren und Damen Abgeordneten dann monatlich der Staatskasse entnehmen. Das ist mehr, als sie anderen Leuten als Existenzminimum zugestehen.
Innerhalb von zwei Jahren gönnen sich diese Selbstbediener also 16,4 Prozent mehr Lohn, obwohl sie schon an die 9.000 Euro verdienen, mit allen Nebengeräuschen. Sogar Herr Westerwelle von der FDP findet das inzwischen geschmacklos.
Diese Abgeordneten sind für Verhältnisse verantwortlich, unter denen jemand nach 51 Jahren Berufstätigkeit weniger Rente im Monat bekommt, als die Summe, um die jetzt die Diäten erhöht werden. Wissen Sie, was ein Bundestagsabgeordneter nach acht Jahren Bankdrücken und Handaufheben an Rente erhältt? 1.432 Euro, nach der jetzt geplanten Erhöhung 1.632 Euro.
Die einzigen, die schon der letzten Erhöhung nicht zugestimmt haben, waren übrigens die Abgeordneten der Linken. Sie stiften die Mehreinnahmen für gemeinnützige Projekte.
Ich bin neugierig, wie lang sich "das Volk" dieses Schauspiel noch ansieht, bevor es das ausbeuterische Pack samt und sonders zum Teufel jagt. Vielleicht sollte man mit Peter Struck anfangen und ihn probehalber "ganz normal" ein paar Jahre mit Hartz IV auskommen lassen. Am Hindukusch.

Jahreszeitlich bedingt fällt das heutige tazblog etwas kürzer aus. Die schönste Frau der Welt hat vorgeschlagen, den blauen Himmel bei einer Wanderung unter frühlingsgrünen Bäumen am gleichfarbigen Fluss zu genießen. Wer bin ich, ihr nicht freudig zuzustimmen.


9. 5. 2008
Tschuldigung

Gestern kein Eintrag im Blog. Das lag nicht am blauen Himmel, und auch nicht an der zufälligen Begegnung mit der schönsten Frau der Welt. Es lag schlicht am "Site Builder". Das ist eine Software, mit der ich diese Website zusammenbastle und und ergänze und verändere. (Klicken Sie doch mal auf iWugg IndieText oben in der Leiste, da gibt's seit vorgestern einen Artikel über Jean Paul!). Der Site Builder wollte - und will - mich nicht mehr auf die Site lassen, wo "Bearbeiten" möglich ist, und bei "Publizieren" kommt dieselbe Fehlermeldung. Und der Service von web.de, den ich gestern per E-Mail um Hilfe gebeten habe, antwortet nicht. Glauben die, ich ruf die auch noch per kostenpflichtiger Service-Nummer an? Heh, ich zahl doch eh schon Gebühren für die Website!
P. S. Nachdem ich 18 Minuten auf einen Menschen am Servicetelefon eingeredet und alle möglichen Varianten meinerseits mit ihm durchgeklickt habe (Kosten: 2,52 Euro) und nichts dabei rauskam, bin ich erst mal ins Café Paradiso geradelt - der erste milde Frühlingsabend, mit Draußensitzen bis halb neun. Dann kam ich nach Hause, und das "Bearbeiten" und "Publizieren" funktionierte wieder. Wunder über Wunder. Und dann kam tatsächlich noch eine Mail von web.de, in der sie mich Schritt für Schritt aufklärten, was zu tun ist. Diese Schritte war ich zwar schon mit dem Menschen am Telefon  durchgegangen, aber es dauerte wohl eine Weile, bis das System die Änderungen verarbeitet hatte. Hallo, da bin ich wieder!

Tschilp!

Ein Nachtrag zu tazzwei vom 7. 5. Da hieß es: "Viele Menschen haben angeblich das Gefühl, dass man sich früher häufiger am Gesang von Zaunkönig, Singdrossel oder Sperling erfreuen konnte." Das Gefühl trügt, zumindest beim Sperling: Der gehört gar nicht zu den Singvögeln. Macht ja nix, dafür darf der Redakteur am Sonntag Vögel zählen.

Lebenshilfe

Das nenn ich einen nützllichen Artikel - Verbraucherberatung auf der Wahrheitseite! Boris Halva klärt auf über Ablaufdaten anhand einer Tube "Ketchup-Mayo-Mix-in-one". Sehr erhellend! Dieses "Mindestens haltbar bis Ende" empfand ich auch immer als zutiefst philosophisch, der Wahrheit nahe, immer richtig: Alles ist haltbbar bis zu seinem Ende.

Gekapert

Wer wissen will, wie Kapitalismus funktioniert, sollte gestern den Artikel von Steffen Grimberg gelesen haben: "Auf Kaperfahrt!", Medienseite (18): "Ein Lehrstück, wie man Fernsehsender ruiniert" nannte er es im Untertitel, und das ist es in der Tat.
Ein paar Zahlen, die deutlich machen, wie die Heuschrecken arbeiten: ProSiebenSat1 war bis 2006 im Besitz von Haim Saban. Der hatte den Laden für 525 Millionen Euro erworben und für 3 Milliarden Euro an die Finanzinvestoren Permira und KKR.
Heute ist der Laden nur noch 2,25 Milliarden wert. "Nun soll die Nutzung des existierenden Programmvermögens'...", sagt der Vorstandschef - na was wohl? "...optimiert werden". Ja, meine Rede seit (18)33: Kapitalismus bringt's nicht.
So it goes.

Michel de Montaigne und Jim Morrison

Nach der Überschrift dieses Blogs soll ja hier auch Solidarisches stehen. Ganz besonders solidarisch verbunden fühle ich mich mit dem Text, den Klaus-Peter Klingelschmidt gestern in der neuen "Kolumne über das Altwerden" unterbrachte. Oder kann man sich mit einem Text gar nicht solidarisch verbunden fühlen, sondern nur mit einem Menschen? Dann eben mit Klingelschmidt, dessen Name ich schon seit so vielen Jahren in der taz lese. Diese Kolumne ist ganz wunderbar und rührend und wahrhaftig und ernsthaft und persönlich aufrichtig, und sie möge strahlen und leuchten und anderen Kolumnenschreibern als Vorbild dienen: Es muss ja nicht immer sinnloser Unfug in diesen vier Spalten stehen, oder? Auch Seriöses kann unterhaltsam sein.
Zur Inspiration empfohlen: Die von Klingelschmidt nicht rausgeschmissenen Neil Young-Alben "Harvest" und "After the Gold Rush". Oder man hört sich mal wieder den traditionellen Folksong "Death Don't Have No Mercy In This Land" an, am besten von den Grateful Dead. Auf YouTube gibt's ein halbes Dutzend Versionen, eine sehr schöne mit zwölfsaitiger Gitarre von Daddy Stovepipe. Auch die von Jorma Kaukonen und David Bromberg, die man daneben anklicken kann, ist klasse, dauert acht Minuten. Und als historisches Dokument gibt's, auch gleich daneben zum Anklicken, ein Schwarzweißfilmchen vom Autor des Songs, Blind Gary Davis.

Morgen geht's weiter, und da will ich mich um den Kriegstreiber, Schreibtischtäter und Bilderbuchopportunisten Thomas Schmid kümmern, der jetzt zusammen mit Mathias Döpfner die Springer-Gehirnwäsche verwaltet.  Merke: Die herrschende Presse ist immer die Presse der Herrschenden. Und die Wichtl hängen sich immer an die Mächtigen, auch wenn sie als Wichtl zwei Meter messen.


10. 5. 2008
Ein paar Nachträge zur taz vom 8. 5. 2008

Abrissbirne

Prachtvoll, Klaus Raabs Formulierung: "Schmid schreibt seine Texte gerne mit dem Florett, manchmal mit der Keule. Über Fischer schrieb er mit der Abrissbirne." Gemeint Ist Joseph Fischer, der zusammen mit Gerhard Schröder ... na ja, Sie wissen schon. Thomas Schmid ist der Mann, der früher (Weg-)Genosse von Daniel Cohn-Bendit, Mathias Beltz und Joseph Fischer war und die Gruppe "Revolutionärer Kampf" mitbegründet hat. Später hat er auch mal für die taz geschrieben, und jetzt leitet er die ganze Abteilung "Welt" im Axel-Springer-Verlag. Zu Klaus Raabs Artikel über Schmid wäre noch hinzufügen, dass Letzterer ein Opportunist und Demagoge ist, der früher mal links war und jetzt auf der Seite derer steht, die den Sozialstaat abgeschafft haben. Kriegseinsätze der Bundeswehr unterstützt er vom Schreibtisch aus. Ich hab Thomas Schmids Schreiben und Karrierestreben eine Weile verfolgt und gebe unumwunden zu: Ich kann den Kerl genauso wenig ausstehen wie seinen Chef Mathias Döpfner.

Bahnausverkauf

Zwei sehr schöne und einleuchtende Leserbriefe zur Privatisierung der Bahn am 8. 5. Noch mal, zum Mitschreiben: Diese Regierung hat beschlossen, etwas zu verkaufen, was ihr gar nicht gehört. Es gibt zwei Beispiele, wie man mit der Bahn nicht umgeht: England und Neuseeland haben ihre Bahnen schon in den 90er Jahren privatisiert, mit verheerenden Folgen. Die Regierung von Neuseeland hat die Bahn gerade wieder in Staatsbesitz übernommen und mehr dafür bezahlt, als sie beim Verkauf bekommen hat.
Und es gibt ein Land in unmittelbarer Nachbarschaft, das die effektivste Bahn in ganz Europa und die höchste Zahl an Fahrgästen bezogen auf die Einwohnerzahl hat: Die Schweiz. Dort haben sie die Bahn nicht privatisiert und denken auch gar nicht daran.
Die Entscheidung, die deutsche Bahn zu verkaufen, zeigt, wie gewissenlos die gewählten Volksvertreter die Interessen der Finanzinvestoren gegen das Gemeinwohl vertreten.

Adaptionskompatibel

So eine Vokabel verleitet mich normalerweise umgehend dazu, mit dem Lesen aufzuhören, auch wenn Ilija Trojanow sie benutzt. Weil ich ihm aber nicht unrecht tun will und ihn sonst als Autor schätze, lese ich "Fünf Ringe für einen Witz" auf der Meinungsseite zu Ende. Fazit: Öder Witz, ein Kommentar mit hohem ÜQ (Überflüssigkeitsquotient).

Renitente Rentner Partei (RRP)

Neulich hab ich mal einer taz-Redakteurin, die auf dem Gebiet der Parteien und ihren Farbkombinationen sehr kompetent ist, eine Mail geschickt und ihr geschrieben: Wenn ich noch an Parteien glauben würde, wäre es jetzt an der Zeit, die RRP zu gründen, die Renitente Rentner Partei. Wer sollte sonst für Zoff sorgen, wenn nicht die Leute, die 1968 jung waren, und mitgekriegt haben, dass man gemeinsam den Mund aufmachen muss, weil "die da oben" sonst machen, was sie wollen: "Allein machen sie dich ein", nicht wahr?
taz vom 8. 5. 2008, Seite 7: "Rentner greifen nach der Macht". Ein Helmut Polzer aus Egmating (das liegt zwischen Huberbecksteins München und Stoibers Wolfratshausen) hat sie gegründet und auch noch RRP genannt. Nur steht bei ihm das erste R für Rentnerinnen. Aber Polzer sieht seine Partei auch als Interessenvertretung der heute 30- bis 40-Jährigen: "Die zahlen Unsummen ein, wissen aber nicht, wie viel Rente sie bekommen." Die RRP will schon bei den bayrischen Landtagswahlen im Herbst antreten. Zieht euch warm an, alle, die ihr euch 16,4 Prozent Mehrverdienst grapscht und den Rentnern obszöne 1,1 Prozent.
Links: rentner-deutschland.de, rentnerplattform.de, rentneropposition-hamburg.de

Kriegsbetreiber

Schöne Sache, dass das Bundesverfassungsgericht der Schröder-Fischer-Gang eins auf den Deckel gegeben hat: Die Überwachungsflüge der Bundeswehr über der Türkei, 2003, im Vorfeld des Irakkriegs, waren ein Verstoß gegen das Grundgesetz. Über den Einsatz hätte das Parlament abstimmen müssen. Nun könnte man einwenden, dass die Bundeswehr laut Grundgesetz eine Verteidigungsarmee sein soll, und auch mit Billigung der Bundestagsmehrheit nicht im Ausland eingesetzt werden darf. Wie wir wissen, wird sie, vom Parlament (Ausnahme: Die Linke) trotzdem ständig in die weite Welt geschickt. Und wer hat angefangen? Nur um es für die Nachwelt festzuahlten: Die oben erwähnte Gang und die Parteien SPD und Grüne. 
tazblog 1. 5. bis 10. 5. 2008
12.05.2008 22:32:11
Achtung: tazblog!

1. 5. 2008
 First of May, first of May...

... outdoor fucking starts today. Nö, glaub ich nicht bei diesem Wetter, da holt man sich nur einen kalten Hintern. Aber "gegen Erdbeben kann man nicht demonstrieren", sagt Klaus Podak. Gegen das Wetter auch nicht.

Die reine Wahrheit steht diesmal auf der Wahrheitseite: "Noch widerwärtiger als Inzest und die boulevardeske Aufbereitung solcher Fälle sind die Ferndiagnostiker, die sich prompt zu Wort melden." Oh ja, und widerwärtiger als alle drei sind Nachrichtenagenturen, die den Seich weiterverbreiten. So etwa den des Psychiaters Reinhard Haller: Der verdächtige Vater hätte "einen Machtkomplex". Kommentiert die Wahrheit: "Dass ein Täter, der Schwächere unterdrückt, den 'Drang hat, Macht auszuüben, ist schon ein sensationeller Befund. Und dafür muss man studieren?" Des weiteren bringt die debile platituden agentur noch die "Gerichtspsychiaterin Sigrun Rossmanith unter die Leute. Die Frau erklärte, der Vater habe "im Grunde genommen zwei verschiedene Persönlichkeiten: eine im Untergrund wirkende, und eine andere, die an der Oberfläche existiert habe." Ah, verstehe: eine im Keller und eine im Erdgeschoß. Wissenschaftlicher Fachausdruck: Zwei-Etagen-Schizophrenie.

Die Kultur von heute
ist mal die reine Freude

Da schreibt eine Johanna Schmeller über die 25 Jahre alte Theaterregisseurin Jette Steckel, die von der Zeitschrift Theater heute zur "Nachwuchsregisseurin des Jahres" ernannt wurde. Das  Wunderkind hat bereist in Köln, Wien und Hamburg inszeniert, und gastiert jetzt beim Festival "Radikal jung" im Münchner Volkstheater. Sie zeigt "Gerettet" von Edward Bond aus dem Jahr 1965. Das weckt bei mir Erinnerungen an Peter Stein, der das Stück 1968 an den Kammerspielen zur Aufführung brachte und damit seinen Ruf als wilder Mann des Theaters begründete. August Everding hat ihn dann folgerichtig rausgeschmissen, und Stein ging nach Berlin.
Jette Steckel wird nun als "das Gesicht einer neuen deutschen Ernsthaftigkeit" gerühmt, eine der trendigen Phrasen, wie sie von Journalisten erfunden werden, die immer nach Schubladen für die Ablage ihrer Ratlosigkeit suchen. Auf dem Foto sieht die Frau ernsthaft in die Kamera, und damit begründet sie wohl den neuen Trend von jungen Regisseurinnen, ernsthaft in die Kamera zu gucken.
Nebenan auf der Filmseite erinnert Cristina Nord an das Festival von Cannes, das im Mai 1968 abgebrochen wurde, weil die Regisseure Jean-Luc Gordard, Francois Truffaut, Claude Lelouche und Claude Berri der Meinung waren: Wenn in Paris und anderswo Arbeiter und Studenten auf die Barrikaden gehen, wollen sie sich nicht an den "bourgeoisen Festspielritualen" beteiligen. Drei Mitglieder der Jury, Roman Polanski, Louis Malle und Monica Vitti solidarisierten sich mit den Filmern und erklärten ihren Rücktritt. Die Bilder von Godard und Truffaut, wie sie sich an den Bühnenvorhang im Festivalkino klammern und verhindern wollen, dass er geöffnet wird, gehören zu meinen liebsten Erinnerungen an den Mai 1968.
Cristina Nord hat sich eine Reihe von Filmen angeschaut, die 1967/68 gedreht wurden, "La Chinoise" und "One plus One" von Godard, den Dokumentarfilm "Die Wiederaufnahme der Arbeit in den Wonderwerken", als die Arbeiter nach Ende des Streiks zurückkehren. Auch "Partner", den frühen Film von Bernardo Bertolucci hat sie sich angesehen, und den (mich sehr) verstörenden Film "Teorema" von Pier Paolo Pasolini. (Der größte Kassenschlager in den deutschen Kinos war 1968 übrigens der fröhliche Anarchistenfilm "Zur Sache, Schätzchen!" von May Spils und Werner Enke. Sie erinnern sich? Uschi Glas, das schönste Mädchen von München, im schönsten weißen Korsett wo gibt in Welt.)
Nachdem sich Cristina Nord über den von ihr als "Filmmonster" bezeichneten "One plus One" auslässt, in dem Godard die Rolling Stones im Studio besucht, als sie "Sympathy for the Devil" aufnehmen, und eine Gruppe von Black Panthers auf einem Schrottplatz Texte über Revolution rezitieren, schließt sie: "Das ist ein Wuchern, wie man es im Kino von heute vergeblich sucht. Der erhitzte politische Augenblick mit seinen klaren Fronten, seinen eindeutigen Imperativen und seinen Dogmen hat ein Kino hervorgebracht, das sich unentwegt selbst ins Wort fällt. Die Gegenwart dagegen, die undogmatische, postideologische, der Lagerbildungen überdrüssige Gegenwart, bringt, von Ausnahmen abgesehen, ein eher biederes Kino hervor."
Und dann kommt ihr noch ein Gedanke: "Vielleicht ist das ein Indiz dafür, dass die Enge, gegen die 1968 antrat, in neuem Gewand fortexistiert."
Nun, das mit dem neuen Gewand ist sicher richtig, aber es ist wesentlich enger geworden. Die Leute waren Ende der sechziger Jahre fröhlicher, unbeschwerter, sicherer. Es gab keine Arbeitslosigkeit, und wenn dir dein Chef nicht gepasst hat, konntest du kündigen und morgen woanders anfangen. An jedem Werkstor standen große Tafeln: "Wir stellen ein: ..." Wenn du mit fehlender Fachausbildung nirgends etwas gefunden hast, konntest du bei der Post jobben, da gab's immer Arbeit. Bewerbungsschreiben? Vergiss es! Du hast angerufen, und dann bist du hin und konntest anfangen. Eine Schlagzeile wie in derselben taz von gestern wäre 1968 geradezu absurd erschienen: "Deutsche Unis fast nur für Akademikerkids". Überall konnte man den Gewerkschaftsspruch lesen: "Schick dein Kind länger auf bessere Schulen". Es gab Anstrengungen auf vielen Ebenen, die Unis allen Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen - eine Selbstverständlichkeit in einem demokratischen Staat.
Kein deutscher Soldat hatte Kampfaufträge, keiner verteidigte "die Freiheit" (sprich: die Interessen des Kapitals) vor der Küste des Libanons und Somalias, im Kongo oder in Afghanistan. Man konnte auf dem Landweg nach Indien fahren, in ungezählten VW-Bussen, oder, wie mein Studienfreund Uwe, vier mal in zwei Jahren mit dem 2 CV.
Die Existenzangst, die Verunsicherung von heute, war unbekannt, und es kam noch etwas hinzu: "Wir wussten nichts vom Ozonloch" (ein Buchtitel von Daniel Cohn-Bendit). Und heute fahren wir sehenden Auges immer schneller, mit immer größeren Geländewagen mit höherem Benzinverbrauch, mit wachsender Armut, höheren Managergehältern und den höchsten Profiten der Weltgeschichte in den Abgrund. Meldung auf der Seite "Wirtschaft und Umwelt": "Die Rekordpreise bei Öl und Gas haben den Ölkonzernen kräftig Geld in die Kasse gespült. BP konnte seinen Überschuss laut den gestern vorgelegten Zahlen in den ersten drei Monaten auf 6,6 Milliarden Dollar steigern. Shell strich einen Gewinn von 7,8 Milliarden Dollar ein, 12 Prozent mehr als im Vorjahr."
So was nennt man Erfolg: Die Zerstörung des Planeten, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, die Armut in den reichen Ländern, hat ein Ausmaß erreicht, das 1968 unvorstellbar erschienen wäre. Und dennoch gab es, im Gegensatz zu heute, Widerstand. Während in Südamerika einige Politiker - an der Spitze Hugo Chavez und Evo Morales - erkannt haben, dass der Kapitalismus als System für menschliches Elend und Umweltzerstörung verantwortlich ist, sorgt sich ein Mann wie IG-Metall-Chef Berthold Huber um die Zukunft - des Kapitalismus (auf Seite 4 der taz): "In den letzten 15 bis 20 Jahren haben sich die Gewichte zugunsten der Kapitalseite und zulasten der demokratischen Politik und der Beschäftigten verlagert. Kapitalismus hat nur eine Zukunft, wenn er akzeptiert, dass ein anonymes Management nicht über die Köpfe der Leute entscheiden kann. Sonst haben wir irgendwann die Rebellion."
Das wäre schön. Nur: Wer soll denn rebellieren? Wer sollte heute, wie die jungen Menschen der Endsechziger-Jahre, fröhlich und selbstsicher genug sein, um zu sagen: Schluss, es reicht? Die zutiefst verunsicherten Menschen aus der so genannten Mittelschicht, die Angst haben, bald ebenfalls von Sozialhilfe leben zu müssen? Die Kids, die mit elektronischem Spielzeug und Handys, i-Pods, Big Brother, Dieter Bohlen, Navigationsgeräten ruhiggestellt werden? Mein Großvater hat immer gesagt: "Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz."
Aber vielleicht wird die Wut zunehmen auf die politische Klasse, die uns das eingebrockt hat: Die gewissenlose Schröder-Fischer-Bande, die Autoindustrie und die Bertelsmannstiftung, die skrupellosen Egoisten in den  Führungsetagen der Großkonzerne, die Geldgierigen, die aus der Naturzerstörung Rekordprofite abschöpfen. Diese Rebellion wäre dann aus Wut und Frust geboren, und sie wird alles andere als fröhlich sein.
Man sollte, besonders am 1. Mai, die Faust nicht mehr nur in der Tasche ballen.

2. 5. 2008
Neil Young hat Geburtstag!
Happy Birthday - long may you run!

Nachruf auf Albert Hofmann

Am 29. April ist Albert Hofmann, der Entdecker von LSD, gestorben. Jeder Mensch, der ihm jemals begegnet ist, eines seiner Bücher gelesen oder ein Fernsehinterview gesehen hat, wird sich an diesen gütigen, liebenswerten Wissenschaftler erinnern. Wenn man davon ausgeht, dass wir alle erst unterwegs sind zum Menschsein, dann ist Hofmann in seinem Leben ein gutes Stück auf dem Weg vorangekommen.
Hofmann war in jeder Hinsicht ein besonderer Mensch. Das zeigt schon die Tatsache, dass er  besonders lang mit derselben Frau verheiratet (75 Jahre) war und selten lange leben durfte (102 Jahre). Mathias Bröckers, der Hofmann des öfteren getroffen, interviewt und bewundert hat, schrieb den Nachruf in der taz von heute (Seite 13). Der gereicht in Inhalt und Aufmachung dieser Zeitung zur Ehre - eine ganze Seite, ein wunderbares Porträtfoto, ein liebevoller, kenntnisreicher Artikel.
Falls Sie über Hofmann und die Auswirkungen seiner Entdeckung noch weiterlesen wollen: Hier sind Links zu Artikeln, die sich mit dem Thema befassen. In "Love and peace und all die Hippies" gehe ich von der Annahme aus, dass der Sommer der Liebe im April 1943 begann, als Albert Hofmann versehentlich eine winzige Dosis LSD an die Fingerkuppe bekam. Das Porträt von Ken Kesey befasst sich mit den Strategien des Autors von "Einer flog übers Kuckucksnest", LSD massenhaft zu verbreiten. Und in "Verantwortungslos laut und grausam schön - Warum heißt diese Musik eigentlich Acid-Rock?" gebe ich die Eindrücke wieder, die mir bei einem Konzert der Gruppe Hot Tuna unter der Einwirkung von LSD zuflogen.
 
"Ich bin doch ein Teil von all dem Leben hier und werde es immer bleiben."
Albert Hofmann

3. 5. 2008
Kaderschmiede des psychedelischen Humors

Irgendwie passend, dass diese Theaterkritik am selben Tag in der taz steht wie der Nachruf auf Albert Hofmann. Die Titelzeile hier drüber ist eine Selbsteinschätzung von Studio Braun, einem Theaterkollektiv um Heinz Strunk und Rocko Schamoni. Die bringen gerade ein Stück auf die Bühne des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, das heißt "Dorfpunks", stammt von Rocko Schamoni, und nach allem, was Julian Weber darüber schreibt, würde ich glatt reingehen. Wenn ich nicht a) in München wohnen und b) noch ins Theater gehen würde. Aber es klingt gut: "'Dorfpunks' bewegt sich in einem choreografischen Neuland, irgendwo zwischen Spaghettiwestern-Atmosphäre, Musikrevue und dem verdrogten Um-Kopf-und-Kragen-Reden eines Lenny Bruce. Droht ein Element ins Bodenlose zu kippen, wird ihm improvisatorisch der Sinn entzogen." (Ob man davon ausgehen kann, dass die Mehrzahl der Leser wissen, wer das war, wenn man einfach den Namen Lenny Bruce fallen lässt?) Im Finale singen sie dann "Du trägst dein Dorf mit dir herum". So eine Aufführung erntet in Hamburg "lang anhaltenden Applaus". Ich muss offenbar mein Hamburg-Bild überprüfen, jetzt, nach der Mai-Randale.

Geradezu nach Kreidefressen klingt Jan Feddersens Bericht von einer 68er-Ausstellung im Historischen Museum in Frankfurt. Abgesehen davon, dass er den Namen von Bahman Nirumand, der seit langer Zeit zu den taz-Autoren gehört, zwei Mal falsch schreibt (Niroumand), hat Feddersen anscheinend einen Lernprozess durchgemacht und muss nicht mehr ständig bösartig und hämisch über die Personen und Ideen herziehen, mit denen man 68 im allgemeinen verbindet. Das Fazit der Interviews mit einigen Schlüsselfiguren, die in einem Dokumentarfilm zu sehen sind: "Nein, es hat sich gelohnt, nichts ist gescheitert, keine Leere, der Geist war aus der Flasche. Welcher genau? (Martin) Dannecker, der 68 als Programm verstand, die Welt möge und müsse besser werden, nennt als wichtigste Qualität das Missachten von Autorität, von Macht."
Das war's dann aber schon mit der Kreidestimme, am Schluss kommt wieder der alte krächzende Feddersen durch. Er spricht von "Größenwahn, der sie offenkundig alle trug." Alle, aha. Und dann verallgemeinert er so vor sich hin, reduziert dann aber "alle" wieder auf "das Gros" und fragt: "... weshalb das Gros der Achtundsechzigerszene sich von Götz Aly so sehr angepieselt fühlt, dass sie ihn schneiden, als sei er ein Arthur Koestler oder ein George Orwell." Zu viel der Ehre, dieser Vergleich. Aber ich kann Ihnen schon sagen, weshalb Götz Aly so angegriffen wird: Weil er aus sehr durchsichtigen, vielleicht in seiner Situation nachvollziehbaren Gründen, verworrenen Unsinn erzählt. Und raffiniert auf den größtmöglichen Kassenerfolg seiner Bücher schielt. Er weiß es nämlich besser. Man merkt die Absicht ...

Roman ruckt

Besser kann man die Verlogenheit der politischen Klasse nicht vorführen, als es Ralph Bollmann mit seinem Bericht über eine Buchpräsentation in tazzwei tut. Das Machwerk heißt "Mut zum Handeln. Wie Deutschland wieder reformfähig wird". Als wäre der Titel nicht schon gruselig genug - herausgegeben hat es der Mann, der dem Grauen einen Namen gibt: Roman Herzog. Der hat auch noch einen "Konvent für Deutschland" gegründet, und dem gehört, der Gruselfaktor steigt stetig, der Starkstromlobbyist Wolfgang Clement an.
Bollmann zitiert die Herren bei der Buchvorstellung, was zur Entlarvung eigentlich ausreicht. Herzog: "Ich gestehe, dass ich die 600 Seiten noch nicht durchhabe." Clement: "Ich habe auch noch nicht alles gelesen, aber schon vieles. Vor allem, was ich selbst geschrieben habe."
Ralph Bollmann kommentiert: "Herzog hat also das Vorwort zu einem Buch verfasst, dessen Inhalt er gar nicht kennt. Fünf Exilpolitiker und Wirtschaftsführer haben die Presse zur Präsentation eines Werks eingeladen, das offenbar nicht einmal sie selbst für lesenswert erachten. Das Letztere kann man ihnen nicht verdenken, denn der Band ist tatsächlich von einer kaum fassbaren Trostlosigkeit. Es reden ausschließlich Politiker und Wirtschaftsführer zu 93 Prozent Männer ..." Yeah, Stupid White Men!

Apropos USA: Meine Freundin Gülsüm erhielt neulich eine Mail von einem amerikanischen Freund. Der hatte auf seinem Campus ein T-Shirt gesehen mit der Aufschrift: "Be nice to America, or we'll bring democracy to you".

Die Schreibmaschine

Selbstironie kann man ihm nicht absprechen. Bei taz.de hat er einen Blog mit "Theorien über alles und Kommentare über das meiste." Er schreibt für Falter und Profil in Österreich, er schreibt für die taz, quer durch die Ressorts, von Meinung bis Kultur, und einmal hat er auch für Die Gazette geschrieben. Dazu streut er, immer am Puls der Zeit, mindestens einmal im Jahr ein Buch unters Volk. Er interviewt Leute und er schreibt über Aktuelles und neu Erschienenes. Und schreibt und schreibt.
Robert Misik schreibt. Viel. Da kann naturgemäß nicht alles von derselben Qualität sein, ist schon klar. Aber ein gewisses Niveau kann er meist halten. Ich lese ihn ganz gern, so als unterhaltsames Hirn-Aerobic. Meist formuliert er so, dass auch Nichtakademiker ihn verstehen können, ganz daneben liegt er selten, aber oft weiß man hinterher nicht mehr als zuvor. So auch, wenn man seinen Kommentar zum "Horrorhaus von Amstetten" liest.
Ich hab schon gedacht: Dem Misik wird doch nix passiert sein. Alle, alle ham inzwischen ihren Senf dazugegeben, wo bleibt der Vielschreiber aus Austria? Gestern konnte ich ihn, endlich, auf der Meinungsseite lesen und beruhigt weiterblättern.

1 Kommentar:
lieber hans pfitzinger,
außerdem hab ich ein wöchentliches videoblog auf standard.at, das werden sie doch nicht übersehen haben? http://derstandard.at/?ressort=fsmisik
und mein blog, auf dem ich sie speziell auf diesen eintrag aufmerksam machen möchte: http://www.misik.at/radio-misik.php
ich schreib jetzt mal. rm

Bildpropaganda

Das Foto auf Seite 2 von DGB-Chef Michael Sommer zeigt einmal mehr, wie gut die Bildredaktion ihr Handwerk versteht, und wie man mit der Auswahl von Fotos Neigung und Abneigung demonstrieren und demagogisch Stellung beziehen kann. Sommer, der die Rede bei der Zentralkundgebung zum 1. Mai in, passenderweise, Mai-nz hält, brüllt mit weit aufgerissenem Mund ins Mikrofon, auf dem DGB steht.
Sie mögen ihn nicht in der Bildredaktion, so viel steht fest.


4. 5. 2008
Die Heilige Kuh mit Ersatzreifen

"Wirtschaft und Umwelt" gehört zu den taz-Ressorts, an denen selten was auszusetzen ist. Der Beitrag von Gerhard Dilger "Gabriel macht sich für Agrosprit stark" bringt genau die Art von Informationen, die ich in den Medien der Pressekonzerne vergeblich suche. Dieser Sigmar Gabriel betreibt seine Umweltpolitik im Sinne der deutschen Autohersteller, genau wie seine Chefin Angela Merkel ihre gesamte Politik den Interessen der Autolobby unterordnet. Warum tun sie das? Weil SPDCDUFDP auf unterschiedliche Weise schon immer die Interessen der Mächtigen vertreten haben. Mit gaaanz wenigen Ausnahmen - und wenn einzelne Abgeordnete es wagen, gegen den Konsens zu verstoßen, werden alle Hebel in Bewegung gesetzt, sie zurückzupfeifen oder bis zur Bedeutungslosigkeit zu mobben (Lafontaine, Ypsilanti, Scheer, Geißler etc.). Gabriel gehört gewiss zu den haltungsfreien, windelweichen  Karrieristen, die seit ihrem Einstieg in die Politik wenig zur Lösung irgendeines Problems, aber viel zur Förderung der eigenen Karriere beigetragen haben. Man muss nur einmal eines der Interviews lesen, die er der taz gegeben hat, um das zu erkennen. Als Umweltminister ist so ein Mann gemeingefährlich.

First of May, first of May... zum Zweiten

Nach Detlef Kuhlbrodts Besprechung des Films "1. Mai" krieg ich so richtig Lust, mal wieder ins Kino zu gehen. Ein Film, in dem ein aufrechter Linker einem Elfjährigen erklärt, dass es "Kommunismus" heißt, nicht "Computismus", kann nicht ganz schlecht sein. Ich hoffe der Film läuft noch ein paar Tage, denn der Frühlingseinbruch wird mich sicher eine Weile von dunklen Kinosälen  fernhalten.

Neues vom Luftschiffer

Dagegen hat mich Wiebke Porombka nicht davon überzeugen können, dass ich unbedingt sofort und jetzt gleich mit der Lektüre der 1.600 Seiten Thomas Pynchon ("Gegen den Tag") anfangen muss. Das hat nichts mit Porombkas Buchkritik "Neues aus Kalau" zu tun, denn die ist großartig - einfühlsam, informativ, souverän. Es liegt eher daran, dass ich immer das Gefühl bekomme, versagt zu haben, wenn ich ein Buch nicht zu Ende lese. Bei Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften" kam ich auch nur bis etwa Seite 950. Und die Gesamtausgabe von Jean Paul habe ich selbstverständlich auch (noch?) nicht vollständig gelesen. Das sind weit über 10.000 Seiten, und ich hoffe auf regenreiche Winterabende als Rentner, in einem bequemen Sessel in einer warmen Stube am Fenster sitzend, mit einer guten Lampe und dem einen oder anderen Glas Rotwein.
Ganz wunderbar finde ich die Verbindung, die Wiebke Porombka von Thomas Pynchon zur "literarischen Romantik" zieht. Sie spricht es nicht aus, aber "das Luftschiff, das gleich zu Anfang des Romans aufsteigt und fortan von angemessener Höhe aus (...) das Geschehen verfolgt..." dürfte wohl von Jean Paul inspiriert sein. In "Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch", (aus "Komischer Anhang zum Titan") macht sich Jean Paul alias Giannozzo zu 14 Fahrten mit dem Ballon auf und verfolgt ebenfalls aus "angemessener Höhe" das Geschehen da unten auf der Erde. Der Luftschiffer wird zum scharfen Kritiker der gegenwärtigen Verhältnisse - das gigantische Werk von Jean Paul in einer komprimierten Fassung.
Übrigens: Klassefoto! Bildunterschrift: "Hundert Fabrikarbeiter der Illinois Steel Company lassen sich vor ihrem zwischen 1910 und 1920 gebauten 100-Tonnenkran fotografieren." Interessant: Alle tragen eine Kopfbedeckung, Hut oder Mütze.

Nur so nebenbei

taz, S. 14, kleine Meldung links oben: Die Zahl der älteren Hilfebedürftigen ist seit der Einführung von Hartz IV im Januar 2005 bis Ende 2007 um mehr als 22 Prozent gestiegen. Das sind in der Gruppe zwischen 50 und 64 bereits 1,2 Millionen Menschen. Insgesamt leben drei Jahre nach Gerhard "Tina" Schröders Abschaffung des Sozialstaats 5,1 Millionen Menschen von Hartz IV. Dass diese "Reform" nach einem kriminellen VW-Manager benannt ist, passt haargenau.

Symbolische Kleidung

Auf der Meinungsseite ein Kommentar von Burkhard Schröder, über den Kampf einiger Linker und Antifaschisten gegen die Klamotten von Thor Steinar. "Hinter der Antifa-Attitüde, eine clevere und politisch zynische Geschäftsidee mit Mitteln des Strafrechts oder gar mit Gewalt bekämpfen zu wollen, schlummert", laut Schröder, "das typisch deutsche Obrigkeitsdenken." Und: "Ein Kampf um Symbole regt die Leute mehr auf als der Streit um politische Inhalte."

- Bericht von einem Nebenkriegsschauplatz -

taz-Boulevard

Die taz als schlichtes Propagandablatt hat ja Tradition, und wenn einer so offensichtlich seine Meinungen, Vorurteile und Abneigungen mit Berichterstattung verknüpft und dabei Tendenzjournalismus betreibt wie Veit Medick, merkt der geübte Leser rasch: Meinungsmache ist schlechter Journalismus. Und wieder beteiligt sich die Bildredaktion der taz auf höchst unsubtile Art am Kesseltreiben: Ein Porträt von "CDU-Mann Krause" neben einem Porträt von NSDAP-Mann Hitler. Das ist Boulevardzeitung ganz unten, verehrte Bildreakteure und -innen.
Mir wäre, zum Beispiel, Sven Regener als Kultusminister von Thüringen lieber, aber so weit ich weiß, steht der gar nicht zur Debatte. Nun soll also ein CDU-Mann das Amt ausüben, der früher mal für eine rechte Zeitung geschrieben und eine üble Gesinnung hat, und Medick versucht das zu belegen. Das gelingt ihm mit den ausgewählten Zitaten nicht.
Beleg für Peter Krauses mangelnde Eignung ist nach Medick offenbar die Aussage: "Hitler als historisches Individuum ist exzeptionell." Heh, kann das jemand ernsthaft bestreiten? Und was soll eigentlich an diesem Satz falsch sein, auch wenn er von einem angeblich rechten Publizisten wie Peter Krause kommt: "Die argumentative Kraft der nationalsozialistischen Reden muss zur Kenntnis genommen werden, will man das Phänomen verstehen. Es gab Gründe, die NSDAP zu wählen."
So weit ich die historische Lage in den zwanziger Jahren beurteilen kann, stimmt das tatsächlich. Das würde Herr Medick sicher zugeben, wenn er nur mal fünf Minuten die Scheuklappen abnimmt. Die Nationalsozialisten haben, wie in der Politik üblich, den Leuten das Blaue vom Himmel versprochen. Wir wissen, das es böööse ausgegangen ist, aber die Arbeitslosen zur Zeit der Weimarer Republik und der verunsicherte Mittelstand wussten das nicht (Menschen wie Erich Kästner ahnten es voraus, aber denen hat ja keiner zugehört).

- Ende des Berichts von einem Nebenkriegsschauplatz -

6. 5. 2008
"Genauso, toll!"

Keine Sorge, werter Leser, ich hab nicht aufgegeben, ich nehm mir nur montags frei, was den tazblog anbelangt. Sonntags gibt's keine taz, also geht's erst heute weiter. Mit einer Meldung von der Kulturseite: Peter Sloterdijk bekommt den "Lessing-Preis für Kritik", und ein Satz aus seinem  neuen Buch (hört der denn nie auf?) wird auch zitiert - um zu unterstreichen, dass er den Preis verdient hat? Also sprach Sloterdijk: Lessings Ringparabel sei ein Versuch der "Domestikation der Monotheismen aus dem Geist der guten Gesellschaft".
Dann doch lieber DJ Bobo, über den Kirsten Riesselmann auf derselben Seite schreibt. Seine Philosophie verstehen die Menschen wenigstens: "So, Leute, ihr nehmt jetzt den linken Arm hoch, dann den rechten, und wenn der Rhythmus einsetzt, klatscht ihr alle im Takt die Hände zusammen! Genauso, toll!"

Licht von unten

Ein schönes Foto, fast halbseitig, zeigt schöne Kunst auf dem Berliner Bebelplatz: Im Pflaster eine quadratische Glasscheibe, nachts von unten beleuchtet. Der Künstler Micha Ullmann erinnert damit an die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933. Unter der Glasscheibe sieht man eine leere Bibliothek. Der Artikel, den das Foto illustriert trägt den dämlichen Titel "Fräuleinwunder blieb vergessen". Zum Text verkneife ich mir jede Bemerkung. Nur so viel: Der Autor heißt nicht Wagner.

Wildbeck

Auf tazzwei füllt Arno Frank allen Ernstes den Textraum mit Kurt Becks Bart. Dazu ein Foto von den Wildecker Herzbuben. Besser kann man Gruseldeutschland nicht illustrieren. Sie sind unsäglich, alle zwei Herzbuben und Beck erst recht.

Gel

Manchmal sehr amüsante Einblicke in die Welt des Zeitungsmachens erhält der Nicht-Journalist unter dem Titel "Er war zufrieden mit dem Sex". Inzwischen läuft da die sechste Folge von "Das Content-Department". Was das mit dem Kolumnentitel "Charts" zu tun hat? Keine Ahnung. Ein bisschen erinnert mich das an die "verboten"-Kolumne auf Seite 1, die sich auch zwischendurch irgendwie verselbständigt hat, und mit der ursprünglichen Absicht nichts mehr zu tun hatte. Charts gibt's nicht mehr, nur noch drei Empfehlungen für Pop, Buch und Fußball. Weshalb das so ist, weiß vielleicht der Autor, Peter "Ich-war-jung-und-brauchte-das-Gel" Unfried.

Defilee der Grenzdebilen

Der obige Titel von Dagmar Herzogs Serie über die USA im Wahljahr ist zu schön, um ihn nicht zu klauen. Und den Untertitel von Arianna Huffingtons Buch "Right is Wrong" muss ich hier unbedingt zitieren, weil er noch länger ist als der von "Alles Wugg!". Der Doppelsinn von "Right is Wrong" geht in der Übersetzung verloren. Es heißt sowohl "Richtig ist falsch" als auch, was Huffington meint, "Rechts ist falsch". Das wird erst im Untertitel deutlich: "Wie verrückte Extremisten die USA gekapert, die Verfassung untergraben und uns alle größerer Unsicherheit ausgesetzt haben (und was Sie wissen müssen, um dem Wahn ein Ende zu machen)."
Dagmar Herzog zeigt, dass man auch auf den Seiten von tazzwei zur Aufklärung des Lesers beitragen kann. Das Beispiel, dass sich sogar "liberale" Medien wie besessen mit Trivialitäten befassen, lässt sich ohne Abstriche auf Deutschland übertragen. In den USA nimmt die Frage, ob sich eine 15-jährige Sängerin halbnackt in einem Betttuch fotografieren lassen darf, und ob das ihrer Karriere schadet, breiten Raum in den Medien ein. Kaum erwähnt wird hingegen, dass Dick Cheney, Bushs Vize, und Condoleezza Rice von  Anfang an dabei waren, als es darum ging, den CIA-Agenten weiterhin Folter zu erlauben (nicht dass das so überraschend wäre).
Wenn ich mich bei web.de einklicke, um an meiner Webseite und dem tazblog zu basteln, komme ich immer erst auf die Startseite mit den Nachrichten. Die Topmeldungen heute, in dieser Reihenfolge: 15.000 Tote in Birma nach einem Wirbelsturm. Bushido provoziert Kneipenschlägerei, nachdem er sich mit dem Manager von Uwe Ochsenknecht angelegt hat. Keine Meldung wert: Wer heute den - von der CDU permanent abgelehnten - Mindestlohn von 7,50 Euro verdient, muss 51 Jahre lang in die Rentenkasse einzahlen, um auf eine Rente zu kommen, die dem Niveau der Sozialhilfe entspricht.
Was man tun muss, um "dem Wahn ein Ende zu machen", findet erst recht keinen Eingang ins bewusstseinsvernebelnde Mediengeschehen. Bis zum Nachmittag haben dann drei neue Meldungen den Zyklon in Birma auf den vierten Platz verdrängt. Topmeldung ist jetzt: "Pete Doherty aus dem Knast entlassen", vor "Mit der richtigen Ernährung schneller am Ziel" und "Sünden online beichten - Buße per Mausklick".
Vielleicht weiß ja Arianna Huffington weiter.

An der Sprache sollst du sie erkennen

Seit einiger Zeit geistert eine neue Debatte durch die Zeitungsseiten: Man könne der Naturzerstörung, ebenso wie dem Klimawandel, entgegentreten, indem man den wildgewordenen Kapitalisten vorrechnet, was das alles kostet. Gegenargument von David Ehrenfeld, Ökologieprofessor, schon 1992 veröffentlicht: Naturschutz solle grundsätzlich "außerhalb des schlüpfrigen Terrains der Wirtschaftswissenschaftler und ihrer philosophischen Verbündeten" stehen. Natur ökonomisch zu bewerten sei "der Gipfel der anmaßenden Verrücktheit".
Das hat gesessen. Aber das können die schlüpfrigen Wirtschafts-"Wissenschaftler" natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Auf der Seite "Meinung und Diskussion" bekommen sie drei Spalten unter dem Titel "Natur hat ihren Preis", und dürfen ihre anmaßende Verrücktheit vor dem taz-Leser ausbreiten. Die Sprache, in der sie gegen David Ehrenfeld argumentieren, spricht für sich: "Wenn Natur vor dem Menschen geschützt wird, dann nur deshalb, weil Menschen entschieden haben, dass der Naturerhalt einen höheren Wert hat als jeder Gebrauch von Natur. Man kann der Natur einen Wert an sich beimessen, aber man darf nie unterschlagen, dass dies ein menschliches Werturteil ist, das für sich genommen nicht mehr Recht auf Gültigkeit beanspruchen kann als andere menschliche Urteile über den Gebrauch von Natur."
Gebrauch, Verbrauch, Missbrauch? Iss doch egal, solang's der Profitsteigerung dient. Der Mensch ist schließlich die Krone der Schöpfung, er kann machen, was er will. Wer so was verzapft? Die Herren heißen Joachim Weimann, ein Professor für Wirtschaftspolitik in Magdeburg und Sönke Hoffmann, der bei demselben promoviert, "über den ökonomischen Aspekt von Biodiversität". Ihr Beitrag macht sehr schön deutlich, was Professor Ehrenfeld mit "anmaßender Verrücktheit" gemeint hat.

Antisemitisch und homophob = Gesprächsverbot

Etwas mulmig wird mir, wenn Ralf Sotschek aus Dublin berichtet, Ken Livingston hätte sein Amt als OB von London verloren, weil er "seine linken Anhänger verprellt" habe, "als er den antisemitischen und homophoben islamischen Geistlichen Yusuf al-Qaradi zu einem Gespräch nach London einlud." Mal unterstellt, Sotscheks Küppeladjektive, mit denen er den "islamischen Geistlichen" abfertigt, wären korrekt: Sind Livingstons "linke" Anhänger wirklich so unduldsam, dass sie es als Tabu empfinden, mit jemandem auch nur zu reden, der nicht dieselbe Meinung zum Weltenlauf hat wie der linke Mainstream? Hm.

Kiffbach

Meldung auf der "ausland"-Seite: Der 4. Mai war der Tag, an dem weltweit in 239 Städten für die Legalisierung von Marihuana demonstriert wurde, "unter anderem in Johannesburg, Tel Aviv, Tokio und Miesbach." Nie von Miesbach gehört? Das liegt von Berlin aus gesehen im bayrischen Ausland.

Urwaldersatzdiesel

In der Debatte um "Soja statt Regenwälder" wird jetzt bei "Wirtschaft und Umwelt" immer häufiger der Begriff Agrodiesel gebraucht, während früher vorwiegend von Biodiesel die Rede war. Nun verbindet man ja mit "Bio" vom Nahrungsmittelsektor her positive  Vorstellungen, so wie die Stromindustrie auf dem eher positiven "Kern" statt dem negativen "Atom" besteht, wenn es um ihren Wahnsinnsstrom geht. "Agro" klingt da eher neutral. Vielleicht wäre "Urwaldersatzdiesel" die korrektere Bezeichnung für diesen Treibstoff?

 Plus minus X

"CSU in Not" titelt die Inland-Seite. Da möchte man sich doch gleich ganz sakrisch freuen als bayrischer Ureinwohner. Aber dann entpuppt sich die Titelzeile doch als Wunschdenken: Die CSU kommt trotz Huberbeckstein noch auf 48 Prozent. So viel zum Volk der Bayern. Selbst wenn alle anderen Parteien eine Koalition bilden würden - eine völlig abwegige Vorstellung - kämen SPD (23), Grüne (10), FDP (6) und Freie Wähler (5) nur auf 44 Prozent der Stimmen. Aber vielleicht hat bisher noch keiner die Linkspartei auf der Rechnung? Wenn die der CSU noch 5 Prozent abjagen würden ... Nicht auszudenken! Aber das ist seeehr unwahrscheinlich. Es sieht eher danach aus, als würden Huberbeckstein die Betonierung des Landes auch nach der Landtagswahl fortsetzen werden. Gott mir, du schönes Isental!

SDS-Kongress in Berlin: 2008! Echt!
 
Da hätte man erfreut konstatieren können, dass sich endlich mal grauhaarige oder glatzköpfige Altachtundsechziger mit interessierten jungen Studenten zusammensetzen, statt nostalgisch unter sich zu bleiben und eine 40 Jahre alte Revolte zu beweihräuchern. Nö, tut man nicht, man schreibt schließlich für die taz. Deniz Yücel spöttelt sich mit arroganter Überheblichkeit durch zwei Drittel einer taz-Seite und sucht nach dem Haar in der Kongresssuppe - allein, er findet keines. Was soll auch schlecht daran sein, dass die jungen Kongressteilnehmer in der Mehrheit sind und sich interessiert anhören, was die Alten zu sagen haben, in der Berliner Humboldt-Universität, beim Kongress "40 Jahre nach 1968 - Die letzte Schlacht gewinnen wir"? Der Autor bemäkelt gleich mal das Motto. das sei nicht nur "ebenso großspurig wie verstaubt", es sei auch noch entlehnt "aus dem plattesten Agitprop-Stück, das die Band Ton, Steine, Scherben jemals fabriziert hat - das ist der Song, in dem sich 'Saarbrücken' auf 'unterdrücken' reimt."
Wow! Scharfsinnig stellt der Autor das Wichtigste an den Anfang. Deniz Yücel kennt nicht nur alle Songs von Ton, Steine, Scherben, er weiß auch zu beurteilen, welcher davon das "platteste Agitprop-Stück ist". Ich finde, damit hat er's den Veranstaltern aber tüchtig gegeben. So ein Kongress muss zum Scheitern verurteilt sein, ist doch klar. Und wie bei Demonstrationen üblich, weichen die Angaben der Veranstalter über die Teilnehmerzahl von den Angaben der Polizei stark ab. Nur dass die Rolle der Polizei hier die taz übernimmt und in der Überschrift von "über 1.000 Besuchern" des Kongresses spricht, die Veranstalter vom Hochschulverband "Die Linke.SDS" dagegen von 1.600. Na ja, so ganz gelogen ist das nicht von der taz, 3.000 wären auch "über 1.000".
Von den Referenten und -innen erfährt man: "Die meisten davon sind, sofern sie nicht zum neuen SDS gehören, Veteranen der Linken der Sechziger- und Siebzigerjahre, darunter einige Politiker der Linkspartei." Igitt - man sieht förmlich, wie der Autor angewidert das Gesicht verzieht beim Tippen. Und so kriegen sie denn ebenso munter wie unsachlich was auf die Mütze, Veranstalter wie dumme Besucher: "Der Verband, der sich des historischen Kürzels bedient (gemeint ist SDS; hp), die allgegenwärtigen Ikonen vergangener Tage, selbst die Party mit den 'Rebel-Sounds of the 60th und 70th' - atmet das alles nicht den Muff von vor 40 Jahren? Die jungen Besucher stört das nicht." Abgesehen davon, dass 60th nicht Sechziger heißt sondern Sechzigster, darf man davon ausgehen: Die Frage ist rein rhetorisch gemeint. Aber weshalb sollte die Besucher Partymusik aus der Zeit stören, um die es laut Kongressmotto gehen sollte? Das mit dem atmenden Muff ist schon ein verwegenes Bild - bis man sich fragt: Was meint er denn eigentlich mit dem Muff von vor 40 Jahren? Vielleicht war er ja dabei und hat die Zeit ganz anders erlebt als ich? Hm.
Am Ende weiß Deniz Yücel auch, dass die bedauernswerten Anwesenden "die letzten linken Studenten" gewesen sind, die "für einige Tage diese Einsamkeit vergessen" konnten. Welche Einsamkeit? Na, die des linken Studenten natürlich.
Wäre wenigstens das nicht ein positives Fazit? Nicht in der taz. Der Kongress war ja schließlich von der Linken veranstaltet worden.

Licht und Schatten

Mist und Perlen liegen bei der taz oft nah beieinander, in diesem Fall gegenüber: Hanna Gersmann beschreibt auf der linken Doppelseite: "Wie werde ich ein sexy Artenschützer?" Auch wenn der Titel etwas bemüht erscheint (und von Martin Unfrieds "Ökosex"-Kolumne abgekupfert ist) - der Beitrag ist ebenso informativ wie humorvoll, so theoretisch korrekt wie praxisnah. Hanna Gersmanns Artikel ist die Perle des Tages, und ich kann richtig froh sein, dass ich die taz immer von hinten lese: Die Perle nach dem Mist stimmt einen doch wesentlich hoffnungsvoller als umgekehrt. Da kann man so was wie den allgemeinen Rentenbeschiss und die Abschaffung des Rechtsstaates nach den Vorstellungen der CDU gleich viel besser verdauen.


7. 5. 2008
Die Debilenüberschrift der Woche

Den Preis für die bescheuertste Titelzeile der Woche erhält heute -
die Seite 4 vom 6. 5. 2008:
"Jungfrau Maria in Elefantenscheiße"
Liebe verantwortliche taz-Redakteure: Ihr habt nicht mehr alle Tassen im Schrank!

Streng geheim!

Pssst! Die Idee zu Das geheime Tagebuch der Carla Bruni, das unglücklicherweise in regelmäßigen Abständen auf der Wahrheitseite auftaucht, ham sie von der französischen Zeitschrift Le Canard Enchaîné abgekupfert. Pssst! Nicht weitersagen, nicht der Chefredaktion petzen! Nicht versäumen: Das Wetter rechts oben auf der Wahrheitseite.

Gratulation

Bernd Schuster war mein Idol, als er noch selbst Fußball spielte - genial, aufmüpfig, selbstbewusst, und immer im Clinch mit den Deppen vom DFB. Jetzt ist er Trainer in Spanien, hat zuerst den kleinen Verein Getafe in den UEFA-Cup gehievt, wo er erst im Halbfinale ausgeschieden ist, gegen die Bayern - man erinnert sich. Und jetzt erfahre ich auf Leibesübungen von Rainer Wandler, dem zuverlässigen taz-Mann in Madrid, dass er mit Real Meister geworden ist. Herzlichen Glückwunsch, Bernd Schuster!

Elite? Meine Fresse!

Wen interessiert eigentlich die Metaphysik der ARD-Talkshows? Mutmaßungen über Leute, die Anne Christiansen oder Frank Jauch oder Reinhold Kerner oder Sandra Will heißen? Zumindest die Redakteure und Autoren von "flimmern und rauschen". Aus Neugier lese ich den Beitrag von Christian Bartels mit dem Titel "Definiere Elite!", weil ich das gern mal definiert gesehen hätte. Aber ich erfahre es nicht. Dafür steht gegen Ende des Beitrags der schöne Satz: "Er (Günther Jauch) belehrte alle, die glaubten, er würde bei komplexen Themen lange Sätze sinnvoll beenden, eines Besseren."
Ich bekenne: Mich interessiert das eigentlich nicht die Bohne, was wohl auch damit zusammenhängt, dass ich meinen Fernseher vor 15 Jahren einem fliegenden Händler aus Prag verkauft habe. Den damit unbrauchbar gewordenen Video-Recorder hat der Mann auch gleich mitgenommen. 400 Mark bar auf die Kralle hat er bezahlt, und eine schriftliche Bestätigung des Verkaufs hat er auch gebraucht, damit sie ihn nicht an der Grenze wegen Hehlerei festnehmen. Es war eine der guten Entscheidungen in meinem Leben, ich hab's noch keinen Tag bereut.

Der Doppelschreiber

Gleich zwei Mal Robert Misik auf den Kulturseiten. Vorgestellt habe ich ihn schon letzte Woche, den Vielschreiber aus Austria (Sie erinnern sich: "Theorien über alles, Meinungen über das meiste".) Heute trifft es den Kunstmarkt einerseits (16) und die Ökonomen Keynes und  Schumpeter andererseits (17). Dass "Keynes' Lehre in den Dreißiger Jahren wie eine Bombe einschlug", ist in kriegerischen Zeiten wie unseren eine gern gebrauchte Metapher, allein, mir fehlt die Vorstellungskraft, wie etwas in Jahre einschlagen kann, von Bomben ganz abgesehen. Aber dafür entlässt mich Misik mit Hoffnung im letzten Satz über den Kunstmarkt: "Aber es ist in der Kunst etwas Utopisches und im Künstlersubjekt etwas Eigensinniges, das selbst der fadeste Betriebswirt nicht herauskriegt."
So möge es sein. Nur: Wozu das -subjekt? Hätt's ein Künstler allein nicht auch getan?

Mainstream-Pop

Madonna! Hard Candy! Fazit: "Man hat das alles schon gehört." Warum dann eine 3/4-Seite Madonna in der taz? Madonna! Hard Candy! Kaufen! Kaufen! Kaufen! Madonna! Neue CD! Hard Candy! Kaufen!
taz heute mit Madonna! taz kaufen!

Seelenzerfasernd

Jan Feddersen rechthabt mal wieder. Der Bücherverbrennung wird am falschen Tag gedacht. JAF weiß es selbstverständlich besser: Der 6.Mai "war der Auftakt des rasenden Volksdeutschen, nicht der allgemein kanonisierte 10. Mai 1933." Aha, ah ja. An diesem Tag, dem 6. Mai 1933, wurden nämlich "die Archivalien und die Institutsbibliothek" Magnus Hirschfelds "in Brand gesteckt". Magnus Hirschfeld war der Pionier der Sexualforschung, und Feddersen überliefert uns auch noch den "Feuerspruch": "Gegen die seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens."
Tja, was für ein Spruch! Das ist so unfassbar genial und komisch, man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen, diese hellsichtige Verbindung von Trieb und Seele. "Seelenzerfasernd" - ich halt's im Kopf nicht aus!
Die Umleitung "des Trieblebens" hat ja dann unweigerlich zum nächsten Krieg geführt. Es war noch ein weiter Weg bis "Make love not war!".

Wahlbeobachter

Da alle und jeder über den Wahlkampf in den US von Amerika schreiben, muss ich wirklich nicht alles lesen, was da geschrieben wird. Aber grundsätzlich lese ich alles, was Marcia Pally schreibt, und deshalb auch die Kolumne gestern zum Thema, wie Barack Obama "Am Big Mac gescheitert" ist. Marcia Pally erbringt den Beweis, dass man auch aus einem völlig abgelutschten Thema noch eine neue Variante herausholen kann. Diese Frau kennt das Geheimnis, wie man den Kaugummi ewig weiterkaut, und dabei den Geschmack wieder zurückbringt. Verblüffend! Und obwohl sie Akademikerin ist, hat sie sich common sense bewahrt, den gesunden Menschenverstand, den verständlichen Schreibstil, die Fähigkeit, Nichtakademikern Zusammenhänge zu erklären, ohne hilflos im Fachlatein oder in Fachamerikanismen zu versumpfen. Bei ihr gibt's eben keine "Domestikation der Montheismen" (siehe Sloterdijk, 6. 5.) oder "Diversifikation des Gender-Mainstreaming" (siehe nirgends - hoffentlich!, man weiß aber nie.)
Am Ende nimmt Pally eine Anregung von Fidel Castro auf, ohne ihn als Urheber der Idee anzugeben: "Nun mache ich mir Sorgen, dass die Demokraten, die Obama hassen, weil er zu elitär ist - oder zu "schwarz" oder zu muslimisch -, schließlich für McCain stimmen. Und die Republikaner, die McCains Wirtschaftspolitik nicht mögen, für Obama votieren. Sie werden sich gegenseitig aufheben; und Hillary wird aus keiner Ecke genügend Stimmen zusammenkratzen können. Dann wird am Ende niemand gewählt. Und wir können Wahlbeobachter aus Kenia und Simbabwe zu Hilfe holen, damit sie das Durcheinander wieder in Ordnung bringen."
Das ist sehr komisch, aber die Idee stammt von Castro. Als beim Wahlbetrug in Florida George Bushs Bruder Jeb die Stimmen immer wieder auszählen ließ, bis dann Al Gore vom Obersten Gerichtshof zum Verlierer erklärt wurde, bot Fidel Castro an: "Wenn sie die Stimmenauszählung in Florida nicht hinkriegen, schicken wir ihnen gern ein paar Wahlhelfer aus Kuba."
Wie gesagt, sehr komisch.

VWBMWMERCEDESAUDIPORSCHEFORDOPEL - hoch, hoch, hoch!

taz vom 6. Mai 2008: "Die deutsche Autoindustrie fährt aus dem Tal. In den ersten vier Monaten 2008 stieg der Absatz binnen Jahresfrist um mehr als 7 Prozent auf 1,05 Millionen Pkw." Verstehen Sie wie der Absatz in vier Monaten binnen Jahresfrist steigen kann? Der taz-Redakteur anscheinend auch nicht. Also versucht er's noch einmal: "Allein im April kletterte die Zahl der Neuzulassungen gegenüber dem Vorjahresmonat um 20 Prozent auf 318.000." Ah, jetzt versteh ich es auch: Nach uns die Sintflut! Wir machen ihn alle, den Planeten! Wir schaffen es schneller als erwartet! Ein dreifach hoch!
Und weil Kurt Vonnegut am 11. April 2007 gestorben ist, denken wir an ihn und seine wunderbaren Bücher schon heute mit den letzten Zeilen seines Gedichts Requiem:

Wenn das letzte Lebewesen
wegen uns gestorben ist,
wie poetisch wäre es doch,
wenn die Erde dann
mit einer Stimme, die vielleicht
vom Boden
des Grand Canyon aufsteigt,
sagen könnte:
«Es ist vollbracht.»
Den Menschen hat es hier nicht gefallen.


8. 5. 2008
Spiegeleier, ach Quatsch... Spiegelbayern

Mir wird so langsam klar, dass ich die Medienseite immer ganz interessiert lese, weil der Exotikfaktor so hoch ist. Gestern also die Sorgen der ARD-Insider, ob Anne Will das Mercedes-Model Christiansen würdig vertritt - Informationswert für mich: null. Heute wieder Exotisches: RAAs Blick in die Innereien eines Hamburger Nachrichtenmagazins, von dem ich mich etwa zur gleichen Zeit verabschiedet habe wie von meinem Fährnseh. Informationswert des Beitrags (nicht nur) für mich: fast null. Schwierigkeiten bei der Titelfindung allerorten in der taz, auch bei "flimmern und rauschen": "Mia san schließlich mia" wird da über das Artikelchen geklebt, in dem es um ein, wie gesagt, Hamburger Magazin geht: "Oder soll der Spiegel im 'Mia san mia'-Sinn der Mitarbeiter geführt werden, denen Gründer Rudolf Augstein einst die Hälfte am Verlag überlassen hatte?" Auch mit dieser Frage wird der Leser allein gelassen. Und ich hätte auch noch gern gewusst, ob die jetzt, wie der Titel vermuten lässt, nach München umgezogen sind.

Fotorealistisch

Von Ursula Wöll erfahre ich, dass eine Frau, die zur Volksgruppe der Sinti gehört, Sintiza heißt. Wär ich nie draufgekommen. Aber ich lerne auch sonst ne ganze Menge aus der Besprechung eines Bildbandes, der beim Günter-Grass-Verlag Steidl herausgekommen ist und 60 Euro kostet. Ursula Wöll weist auch darauf hin, dass der unterstellte "Wandertrieb" der "Zigeuner" ein Mythos ist: Meist waren Vertreibung und Ausgrenzung die Ursache für den Ortswechsel. Der Buchtitel "Die Romareisen" bezieht sich denn auch auf den Fotografen und die Autorin. Die Problematik eines solchen Buches für Gutverdiener sieht Frau Wöll ganz richtig: "Es reisen vor allem die Autoren, und wir reisen im Lesesessel mit ihnen. Von einer so gemütlichen Warte aus erhält Armut leicht eine romantische Note, zumal sie in farbenfrohen Gewändern auftritt."

Wenn einem gar nix einfällt: Sexy

Vor ein paar Tagen sollte man ein sexy Artenschützer werden, gestern konnte man erfahren "Wo Intellektualität richtig sexy wird". Weil's um Zeitschriften geht, fang ich denn an zu lesen, und erfahre vom saisonal verstärkten Paarungstrieb des Autors Alexander Cammann: "Endlich erwärmt Sonne Herzen, Hirne und Hüften; die Jahreszeit von Flirt-SMS und scheu glühenden Blicken ist ausgebrochen. Da hat es der Geist schwer, wenn das willige Fleisch derart präokkupiert ist. Doch der Mensch ist nicht nur Mängelwesen, wie Arnold Gehlen meinte, sondern auch multitaskingfähig."
Ja, ich hör schon auf mit zitieren, bevor mir der gutwilligste Leser auch noch abspringt. So schreibt er halt, der multitaskingfähige Herr Cammann. Am Ende noch was Interessantes, und Sie vermuten richtig, wenn Sie jetzt ein Zitat erwarten. Es ist von Nicolás Gómez Dávila, der mir bisher gänzlich unbekannt war: "Linke und Rechte streiten sich lediglich um den Besitz der Industriegesellschaft. Der Reaktionär ersehnt deren Tod."
Ich werd darüber nachdenken, ob ich nicht vielleicht doch selbst ein Reaktionär bin. Im Sinne von Herrn Dávila wohl schon: "Die Rebellion  ist Reaktion auf einen unerträglichen Zustand; die Revolution ist Technik eines bürgerlichen Projekts."

Apropos Rebellion

Wenn Sie mich fragen, ob nach 40 Jahren nicht mal wieder eine Rebellion fällig wäre, kann ich nur begeistert zustimmen: Ja. Ich halte es für unvorstellbar, dass sich die Menschen in diesem Land noch lange so ruhig verhalten wie in den letzten Jahren. Die Politiker- und die Managerkaste haben sich so weit von den Sorgen und Nöten der meisten Menschen entfernt, dass sie ihre eigene Dreistigkeit gar nicht mehr richtig einschätzen können.
Beispiel: Peter Struck, der Typ, der als Erster den Satz fallen ließ mit der Freiheit, die am Hindukusch verteidigt werden muss. Dieser SPDler wie er im (Geschichts-)Buch steht, hält die erneute Selbstbedienung der Bundestagsabgeordneten, fünf Monate nach der letzten Diätenerhöhung, für "eine ganz normale Anpassung". 491 Euro zusätzlich wollen die Herren und Damen Abgeordneten dann monatlich der Staatskasse entnehmen. Das ist mehr, als sie anderen Leuten als Existenzminimum zugestehen.
Innerhalb von zwei Jahren gönnen sich diese Selbstbediener also 16,4 Prozent mehr Lohn, obwohl sie schon an die 9.000 Euro verdienen, mit allen Nebengeräuschen. Sogar Herr Westerwelle von der FDP findet das inzwischen geschmacklos.
Diese Abgeordneten sind für Verhältnisse verantwortlich, unter denen jemand nach 51 Jahren Berufstätigkeit weniger Rente im Monat bekommt, als die Summe, um die jetzt die Diäten erhöht werden. Wissen Sie, was ein Bundestagsabgeordneter nach acht Jahren Bankdrücken und Handaufheben an Rente erhältt? 1.432 Euro, nach der jetzt geplanten Erhöhung 1.632 Euro.
Die einzigen, die schon der letzten Erhöhung nicht zugestimmt haben, waren übrigens die Abgeordneten der Linken. Sie stiften die Mehreinnahmen für gemeinnützige Projekte.
Ich bin neugierig, wie lang sich "das Volk" dieses Schauspiel noch ansieht, bevor es das ausbeuterische Pack samt und sonders zum Teufel jagt. Vielleicht sollte man mit Peter Struck anfangen und ihn probehalber "ganz normal" ein paar Jahre mit Hartz IV auskommen lassen. Am Hindukusch.

Jahreszeitlich bedingt fällt das heutige tazblog etwas kürzer aus. Die schönste Frau der Welt hat vorgeschlagen, den blauen Himmel bei einer Wanderung unter frühlingsgrünen Bäumen am gleichfarbigen Fluss zu genießen. Wer bin ich, ihr nicht freudig zuzustimmen.


9. 5. 2008
Tschuldigung

Gestern kein Eintrag im Blog. Das lag nicht am blauen Himmel, und auch nicht an der zufälligen Begegnung mit der schönsten Frau der Welt. Es lag schlicht am "Site Builder". Das ist eine Software, mit der ich diese Website zusammenbastle und und ergänze und verändere. (Klicken Sie doch mal auf iWugg IndieText oben in der Leiste, da gibt's seit vorgestern einen Artikel über Jean Paul!). Der Site Builder wollte - und will - mich nicht mehr auf die Site lassen, wo "Bearbeiten" möglich ist, und bei "Publizieren" kommt dieselbe Fehlermeldung. Und der Service von web.de, den ich gestern per E-Mail um Hilfe gebeten habe, antwortet nicht. Glauben die, ich ruf die auch noch per kostenpflichtiger Service-Nummer an? Heh, ich zahl doch eh schon Gebühren für die Website!
P. S. Nachdem ich 18 Minuten auf einen Menschen am Servicetelefon eingeredet und alle möglichen Varianten meinerseits mit ihm durchgeklickt habe (Kosten: 2,52 Euro) und nichts dabei rauskam, bin ich erst mal ins Café Paradiso geradelt - der erste milde Frühlingsabend, mit Draußensitzen bis halb neun. Dann kam ich nach Hause, und das "Bearbeiten" und "Publizieren" funktionierte wieder. Wunder über Wunder. Und dann kam tatsächlich noch eine Mail von web.de, in der sie mich Schritt für Schritt aufklärten, was zu tun ist. Diese Schritte war ich zwar schon mit dem Menschen am Telefon  durchgegangen, aber es dauerte wohl eine Weile, bis das System die Änderungen verarbeitet hatte. Hallo, da bin ich wieder!

Tschilp!

Ein Nachtrag zu tazzwei vom 7. 5. Da hieß es: "Viele Menschen haben angeblich das Gefühl, dass man sich früher häufiger am Gesang von Zaunkönig, Singdrossel oder Sperling erfreuen konnte." Das Gefühl trügt, zumindest beim Sperling: Der gehört gar nicht zu den Singvögeln. Macht ja nix, dafür darf der Redakteur am Sonntag Vögel zählen.

Lebenshilfe

Das nenn ich einen nützllichen Artikel - Verbraucherberatung auf der Wahrheitseite! Boris Halva klärt auf über Ablaufdaten anhand einer Tube "Ketchup-Mayo-Mix-in-one". Sehr erhellend! Dieses "Mindestens haltbar bis Ende" empfand ich auch immer als zutiefst philosophisch, der Wahrheit nahe, immer richtig: Alles ist haltbbar bis zu seinem Ende.

Gekapert

Wer wissen will, wie Kapitalismus funktioniert, sollte gestern den Artikel von Steffen Grimberg gelesen haben: "Auf Kaperfahrt!", Medienseite (18): "Ein Lehrstück, wie man Fernsehsender ruiniert" nannte er es im Untertitel, und das ist es in der Tat.
Ein paar Zahlen, die deutlich machen, wie die Heuschrecken arbeiten: ProSiebenSat1 war bis 2006 im Besitz von Haim Saban. Der hatte den Laden für 525 Millionen Euro erworben und für 3 Milliarden Euro an die Finanzinvestoren Permira und KKR.
Heute ist der Laden nur noch 2,25 Milliarden wert. "Nun soll die Nutzung des existierenden Programmvermögens'...", sagt der Vorstandschef - na was wohl? "...optimiert werden". Ja, meine Rede seit (18)33: Kapitalismus bringt's nicht.
So it goes.

Michel de Montaigne und Jim Morrison

Nach der Überschrift dieses Blogs soll ja hier auch Solidarisches stehen. Ganz besonders solidarisch verbunden fühle ich mich mit dem Text, den Klaus-Peter Klingelschmidt gestern in der neuen "Kolumne über das Altwerden" unterbrachte. Oder kann man sich mit einem Text gar nicht solidarisch verbunden fühlen, sondern nur mit einem Menschen? Dann eben mit Klingelschmidt, dessen Name ich schon seit so vielen Jahren in der taz lese. Diese Kolumne ist ganz wunderbar und rührend und wahrhaftig und ernsthaft und persönlich aufrichtig, und sie möge strahlen und leuchten und anderen Kolumnenschreibern als Vorbild dienen: Es muss ja nicht immer sinnloser Unfug in diesen vier Spalten stehen, oder? Auch Seriöses kann unterhaltsam sein.
Zur Inspiration empfohlen: Die von Klingelschmidt nicht rausgeschmissenen Neil Young-Alben "Harvest" und "After the Gold Rush". Oder man hört sich mal wieder den traditionellen Folksong "Death Don't Have No Mercy In This Land" an, am besten von den Grateful Dead. Auf YouTube gibt's ein halbes Dutzend Versionen, eine sehr schöne mit zwölfsaitiger Gitarre von Daddy Stovepipe. Auch die von Jorma Kaukonen und David Bromberg, die man daneben anklicken kann, ist klasse, dauert acht Minuten. Und als historisches Dokument gibt's, auch gleich daneben zum Anklicken, ein Schwarzweißfilmchen vom Autor des Songs, Blind Gary Davis.

Morgen geht's weiter, und da will ich mich um den Kriegstreiber, Schreibtischtäter und Bilderbuchopportunisten Thomas Schmid kümmern, der jetzt zusammen mit Mathias Döpfner die Springer-Gehirnwäsche verwaltet.  Merke: Die herrschende Presse ist immer die Presse der Herrschenden. Und die Wichtl hängen sich immer an die Mächtigen, auch wenn sie als Wichtl zwei Meter messen.


10. 5. 2008
Ein paar Nachträge zur taz vom 8. 5. 2008

Abrissbirne

Prachtvoll, Klaus Raabs Formulierung: "Schmid schreibt seine Texte gerne mit dem Florett, manchmal mit der Keule. Über Fischer schrieb er mit der Abrissbirne." Gemeint Ist Joseph Fischer, der zusammen mit Gerhard Schröder ... na ja, Sie wissen schon. Thomas Schmid ist der Mann, der früher (Weg-)Genosse von Daniel Cohn-Bendit, Mathias Beltz und Joseph Fischer war und die Gruppe "Revolutionärer Kampf" mitbegründet hat. Später hat er auch mal für die taz geschrieben, und jetzt leitet er die ganze Abteilung "Welt" im Axel-Springer-Verlag. Zu Klaus Raabs Artikel über Schmid wäre noch hinzufügen, dass Letzterer ein Opportunist und Demagoge ist, der früher mal links war und jetzt auf der Seite derer steht, die den Sozialstaat abgeschafft haben. Kriegseinsätze der Bundeswehr unterstützt er vom Schreibtisch aus. Ich hab Thomas Schmids Schreiben und Karrierestreben eine Weile verfolgt und gebe unumwunden zu: Ich kann den Kerl genauso wenig ausstehen wie seinen Chef Mathias Döpfner.

Bahnausverkauf

Zwei sehr schöne und einleuchtende Leserbriefe zur Privatisierung der Bahn am 8. 5. Noch mal, zum Mitschreiben: Diese Regierung hat beschlossen, etwas zu verkaufen, was ihr gar nicht gehört. Es gibt zwei Beispiele, wie man mit der Bahn nicht umgeht: England und Neuseeland haben ihre Bahnen schon in den 90er Jahren privatisiert, mit verheerenden Folgen. Die Regierung von Neuseeland hat die Bahn gerade wieder in Staatsbesitz übernommen und mehr dafür bezahlt, als sie beim Verkauf bekommen hat.
Und es gibt ein Land in unmittelbarer Nachbarschaft, das die effektivste Bahn in ganz Europa und die höchste Zahl an Fahrgästen bezogen auf die Einwohnerzahl hat: Die Schweiz. Dort haben sie die Bahn nicht privatisiert und denken auch gar nicht daran.
Die Entscheidung, die deutsche Bahn zu verkaufen, zeigt, wie gewissenlos die gewählten Volksvertreter die Interessen der Finanzinvestoren gegen das Gemeinwohl vertreten.

Adaptionskompatibel

So eine Vokabel verleitet mich normalerweise umgehend dazu, mit dem Lesen aufzuhören, auch wenn Ilija Trojanow sie benutzt. Weil ich ihm aber nicht unrecht tun will und ihn sonst als Autor schätze, lese ich "Fünf Ringe für einen Witz" auf der Meinungsseite zu Ende. Fazit: Öder Witz, ein Kommentar mit hohem ÜQ (Überflüssigkeitsquotient).

Renitente Rentner Partei (RRP)

Neulich hab ich mal einer taz-Redakteurin, die auf dem Gebiet der Parteien und ihren Farbkombinationen sehr kompetent ist, eine Mail geschickt und ihr geschrieben: Wenn ich noch an Parteien glauben würde, wäre es jetzt an der Zeit, die RRP zu gründen, die Renitente Rentner Partei. Wer sollte sonst für Zoff sorgen, wenn nicht die Leute, die 1968 jung waren, und mitgekriegt haben, dass man gemeinsam den Mund aufmachen muss, weil "die da oben" sonst machen, was sie wollen: "Allein machen sie dich ein", nicht wahr?
taz vom 8. 5. 2008, Seite 7: "Rentner greifen nach der Macht". Ein Helmut Polzer aus Egmating (das liegt zwischen Huberbecksteins München und Stoibers Wolfratshausen) hat sie gegründet und auch noch RRP genannt. Nur steht bei ihm das erste R für Rentnerinnen. Aber Polzer sieht seine Partei auch als Interessenvertretung der heute 30- bis 40-Jährigen: "Die zahlen Unsummen ein, wissen aber nicht, wie viel Rente sie bekommen." Die RRP will schon bei den bayrischen Landtagswahlen im Herbst antreten. Zieht euch warm an, alle, die ihr euch 16,4 Prozent Mehrverdienst grapscht und den Rentnern obszöne 1,1 Prozent.
Links: rentner-deutschland.de, rentnerplattform.de, rentneropposition-hamburg.de

Kriegsbetreiber

Schöne Sache, dass das Bundesverfassungsgericht der Schröder-Fischer-Gang eins auf den Deckel gegeben hat: Die Überwachungsflüge der Bundeswehr über der Türkei, 2003, im Vorfeld des Irakkriegs, waren ein Verstoß gegen das Grundgesetz. Über den Einsatz hätte das Parlament abstimmen müssen. Nun könnte man einwenden, dass die Bundeswehr laut Grundgesetz eine Verteidigungsarmee sein soll, und auch mit Billigung der Bundestagsmehrheit nicht im Ausland eingesetzt werden darf. Wie wir wissen, wird sie, vom Parlament (Ausnahme: Die Linke) trotzdem ständig in die weite Welt geschickt. Und wer hat angefangen? Nur um es für die Nachwelt festzuahlten: Die oben erwähnte Gang und die Parteien SPD und Grüne. 


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