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die tageszeitung: Lob & Tadel, Perlen & Mist
Solidarisches, Kritisches, Ärgerliches, Erfreuliches
11. 5. 2008 Verspätet: taz vom 9. 5. 2008
Sie sehen schon, geneigter Leser, ich bin immer noch einen Tag zu spät dran, und das hatte, wie Sie ja wissen, mit dem Fehler in meiner Website-Bastelkiste zu tun, aber auch mit der schönsten aller Frauen. Nachdem beide Ereignisse am Donnerstag zusammenfielen, bin ich jetzt wieder in meiner Ansicht gestärkt: ohne Yin kein Yang, ohne Licht kein Schatten ...
Spiegeleier
Wird das ein Fortsetzungsroman? Jeden Tag neue Nachrichten aus den Innereien des HH-Nachrichtenmagazins? Mitarbeiterversammlung, Geschäftsführer, Obermotz - kleine Krawatte, mittlere Krawatte, große Krawatte - heute also Steffen Grimberg über Bernd Kundrun, der laut Bildunterschrift "eine Hauptrolle hat im 'Spiegel'-Verwirrspiel." Verwirrspiel? Äh, ja schon gut - wen juckt's!
Mia san mia!
Mit großem Vergnügen lese ich immer noch und wieder die intellektuellen unter den Musikjournalisten. Was haben die der Musikvielfalt schon eine Schubladenvielfalt entgegengesetzt! Diese Insider-Verweise und -Versuche, als Erster den neuen Trend zu erkennen, diese Abgrenzungen von und todernst gemeinten Fehden mit anderen Musikjournalisten! Das zeigt zumindest, dass viele Leute immer noch daran glauben, dass Musik das Wichtigste im Leben ist und sein muss. So bekommt Andreas Hartmann fast eine ganze Seite, um über die neue CD von The Notwist zu schreiben, und das ist natürlich "die beste Band Deutschlands" - wenn das die Zeitschriften De:Bug, das Wom-Magazin und die Süddeutsche unisono behaupten, dann muss es ja stimmen. Zeit, mal wieder Iggy Pop zu zitieren: "Who plays the best guitar? Who gives a shit!" Also The Notwist aus dem oberbayrischen Weilheim ist am 9. Mai für eine Viertelstunde die beste Band der Welt seit - Tusch und Tätäräää!: The Beatles. Jawoll! Sie "wurden" nämlich schon "im Laufe der späten Neunziger zu Vorreitern einer Bewegung von Indietronic-Synthieschrauber-Bands, in denen auch einer Gitarre spielt". Diese Schublade gefällt mir sehr. Und beruhigend finde ich, dass "der auf 'Neon Golden' bereits zur Meisterschaft gebrachte Elektronik-Blubber-Pop-Sound auch auf dem neuen Werk zu hören ist." Aber man "denkt bei einem Streicherpart an Strawinsky, für einen Moment jedenfalls." Mit einer von Lokalpatriotismus stolz geschwellten Brust lese ich dann noch von der "Geschichte dieser Eigenbrötlerband, die von einem bayerischen Kaff aus die Welt erobert." Da kann ich endlich Klaus Raabs Überschrift von der gestrigen Medienseite hier oben drüber an die richtige Stelle setzen. Nebenan in den Plattenkritiken die gute Nachricht: "Neben Oldschool-Wiederbelebung feiert House aktuell durch eine Ausweitung der Tanzzone Erfolge." Da bin ich aber sehr beruhigt.
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Hans Pfitzinger, The Doors / Tanz imFeuer. Lotsch Verlag, € 14,00 ---------------------------------------------------------------------------------------
Mist und Perlen
Yin und Yang, Licht und Schatten, wie gesagt. Diesmal steht die Perle gleich neben dem Mist. Jan Feddersen kriegt die ÜQ-Medaille erster Klasse am Band für den Zweispalter, in dem er die spannende Frage klärt: "Hat Spanien Cliff Richard 1968 um die Eurovisionskrone gebracht?" Hah, wenn das nicht absolut sinnloses Gebrabbel ist - bringt das Überflüssigkeitsmeter fast bis zum Anschlag. Die Perle liegt gleich daneben: Martin Unfried lese ich immer, gern, mit großem Interesse. Seine Bemühungen, "dem niederländischen 'fietsen' in all seinen Varianten in die deutsche Sprache zu verhelfen" möchte ich nach Kräften unterstützen. Gestern, unter dem inzwischen schon recht dichten Espenlaub und dem immer noch täglich azurblau wolkenlosen Himmel, die Halbe im Henkelkrug vor mir, im Ohr den Klang einer Gitarre und einer Dobro, der gelegentlich von Vogelgezwitscher unterbrochen und dem Geruch von verbrennenden Hanfprodukten begleitet wurde, also solchermaßen von den äußeren Bedingungen wohlgestimmt, notierte ich mir neben der "Ökosex"-Kolumne: Politisch korrekt. Einfallsreich. Inspiriert. Informativ. Unterhaltsam. Und ich fietse nach Altötting, wenn der Martin Unfried nicht mit dem Peter verwandt ist.
Alice im Mädelsland
Die "medial lancierte Girlie-Welle" trage zur "Verluderung des Feminismus" bei, entrüstet sich Alice Schwarzer, die nicht akzeptieren will, dass Alpha-Mädchen und Feuchtgebiete-Charlottchen sich einen neuen Feminismus zurechtzimmern. Und Heide Oestreich, die über "Die Tücken des Muttermords" schreibt, entgegnet munter: "So what?, möchte man sagen: Es ist schließlich noch genug Patriarchat für alle da." Und fügt, klug, wie sie ist, auch eine Warnung an die Anti-Schwarzer-Girlies hinzu: "Wenn den Muttermörderinnen am Ende nur noch Harald Schmidt bleibt, dann werden sie ganz schön nach der Mama weinen."
Harald, Karl und Heiner
Leserin Susanne Feldt aus Hannover stellt richtig. Der schöne Satz vom Optimismus, der nur ein Mangel an Information ist, stammt nicht von Harald Schmidt. Der hat Heiner Müller zitiert, ohne Quellenangabe. Na, so sicher bin ich da nicht - vielleicht hat Müller wiederum Lichtenberg zitiert? Jedenfalls zitiert Frau Feldt an dieser Stelle auch noch Karl Valentin: "Es ist schon alles gesagt worden, aber noch nicht von allen." Und das motiviert schließlich viele Menschen zum Tastentippen.
Marionettenwechsel
Seite 8, "wirtschaft und umwelt", kleine Meldung links oben: "Der Sprecher des Auswärtigen Amtes, Martin Jäger, wird neuer Lobbyist beim Automobilkonzern Daimler. Der 43-jährige übernehme zum 1. September die Leitung des Bereichs Global External Affairs and Public Policy."
Der Niedergang der Niederlande
Erst die vielen schlechten Nachrichten zum Thema Hanf - weniger Freizügigkeit in den Coffee Shops, Rücknahme einst selbstverständlicher Freiheiten. Dann die erschreckende Fremdenfeindlichkeit, und jetzt bekämpfen sie in Amsterdam auch noch die Fensterprostitution in den Wallen! Was ist nur aus den Niederlanden geworden? Gunda Schwantje schreibt ein schöne Reportage unter dem Titel "Design statt Sex". "Wir müssen die Gegend den Amsterdamern zurückgeben", schwadroniert der stellvertretende Bürgermeister und wirbt für sein Konzept "Red Light Fashion". Mode, Kunst und gutes Essen will er statt Prostitution. Gut verdienenender Mittelstand soll angelockt werden, die proletarischen Touristenhorden sollen raus. Glückauf! Es geht meistens schief, wenn die Prostitution staatlicherseits bekämpft werden soll. In Schweden und Norwegen werden gerade die Preise künstlich hochgetrieben, weil käuflicher Sex ganz verboten wird. Und in Deutschland haben die rot-grünen Gesetze, die eigentlich die Frauen schützen sollten, so gut wie gar nichts gebracht.
Politikersprech
"Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik müssen mehr ineinandergreifen." ... "Keiner darf durchs Raster fallen, für dieses Ziel müssen sich die politischen Felder stärker vernetzen." ... "Politik muss vor allem die Bedürfnisse der Menschen im Blick behalten." ... "Natürlich kann man auch strikt ordnungspolitisch argumentieren."... "Hilfe muss da ansetzen, wo die nächste Hürde genommen werden muss." ...
Ob Andrea Nahles schon immer so geredet hat? Oder muss man sich zwangsläufig an die Verhältnisse anpassen, wenn man in diesem Geschäft tätig ist?f
Warnung vor Walter Steinmeier Eben, siehe oben, wechselt Walter Steinmeiers Sprecher zu Daimler. Kein Zufall, die jeweilige deutsche Regierung dient seit Jahrzehnten den Interessen der Autoindustrie. Jetzt weigert sich der Außenminister Walter Steinmeier, den Dalai Lama zu treffen bei seinem Besuch in Deutschland, was ja ganz deutlich zeigt, auf wessen Seite er beim Konflikt Tibet - China steht. Im Kanzleramt unter Schröder zog Steinmeier als Amtschef die Fäden. Er hat den ganzen Scheiß der letzten Jahre mitzuverantworten, von den dauernden Gesetzesverstößen der Geheimdienste über Hartz IV bis hin zu den grundgesetz- und völkerrechtswidrigen Kampfeinsätzen der Bundeswehr. Walter Steinmeier gehört zu den populärsten Politikern des Landes. Er ist gewiss einer der gefährlichsten.
12. 5. 2008
Alles Gute, Happy Birthday!
Burt Bacharach wird 80. Wer? Na der Mann, der so viele tolle Songs geschrieben hat (z. B. "Raindrops Keep Fallin' On My Head", aus der Filmmusik zu "Butch Cassidy and the Sundance Kid", mit Robert Redford, Paul Newman und der wunderbaren Katherine Ross). Und die wirklich heißesten Frauen waren scharf auf ihn, unter anderem Marlene Dietrich, deren Bandleader er war. Mit Angie Dickinson war er sogar verheiratet. Wikipedia weiß mehr.
Führer oder Sprecher?
Die einen sagen so, die anderen sehen es anders. Ob jetzt Paul Kagame, der Präsident von Ruanda, ein Schurke ist, oder sein Gegenspieler Ignace Murwanashyaka oder alle beide Mörder und Verbrecher sind, das weiß ich nicht. Zumindest scheint festzustehen, dass Dominic Johnson von der taz auf der Seite von Kagame steht. Der regiert diktatorisch, hat - nach allen Einflüsterungen des gesunden Menschenverstands - die Wahlergebnisse gefälscht und wurde nach seinen Angaben mit 95 Prozent zum Präsidenten gewählt. Wer ihm das abnimmt? George W. Bush zum Beispiel. Horst Köhler. Angela Merkel. Dr. Arnd Oetker vom Bundesverband der deutschen Industrie (BDI). Und Dominic Johnson. Er legt jedenfalls noch einmal ne Schippe nach und zeigt sich höchst erfreut, dass Walter Steinmeiers Staatsminister Gernot Erler vom Auswärtigen Amt bestätigt hat: Gegen Ignace Murwanashyaka wird wieder ermittelt, "aufgrund von Hinweisen auf politische Betätigung". Johnson hält sich zugute, die Aktivitäten mit seinem Artikel vom 23. April angeregt zu haben. Wie gesagt, ich halte die Parteinahme Johnsons für äußerst fragwürdig. Warten wir's ab, oder auf gut Münchnerisch: Schau mer mal.
taz vom Feinsten
Ein Kommentar gespickt mit Informationen über die Lage in Somalia steht auf der Meinungsseite unter dem Titel "Piraten kapern Medieninteresse". Dass die USA dort Bomben werfen und Zivilisten töten (85 Opfer allein bei einem Angriff vor zwei Wochen, mehr als ein Dutzend letzten Donnerstag) interessiert kein Schwein. Nach Angaben der UNO brauchen 2,5 Millionen Menschen dringend Hilfe, 750.000 wurden seit einem Jahr aus Mogadischu vertrieben. Wenn eine französische Luxusyacht oder ein spanischer Fischkutter von Piraten vor der Küste entführt werden, erfährt man es sogar in der Boulevardpresse - ohne Informationen darüber, was in Somalia eigentlich los ist. Daniela Kroslak und Andrew Stroehlein von der International Crisis Group machen vernünftige Vorschläge, wie man den Krieg dort beenden könnte. Unwahrscheinlich, dass sie umgesetzt werden.
Kulturstrich
Unterm Strich erfährt der Leser auf der Pfingstkulturseite, dass Scarlett Johanssen einen mir unbekannten Schauspielerkollegen heiratet, der vorher mit Alanis Morisette verlobt war, Liv Tyler dagegen lässt sich von Royston Langdon (?) scheiden. Für diese beiden Meldungen, die völlig ironiefrei präsentiert werden, hat die Kulturredaktion zwei Spalten à 14 Zeilen übrig. Einfach abgeschrieben aus der Zeitschrift InTouch. Aber vielleicht ist das ja schon die Ironie. Oder läuft das gar unter Pop? Drei ebenso lange Spalten widmen sie zwei Seiten weiter vorne dem Gedenken an die Bücherverbrennung im Mai 1933, und da erfährt man, dass es auf berlin.de eine "Liste des schädlichen und unerwünschten Schriftums" mit 4.500 Einträgen gibt. Mir fällt dazu Oskar Maria Graf ein, der ein paar Tage nach der Bücherverbrennung auf dem Königsplatz ein Päckchen mit seinen Büchern an die Kreisleitung der NSDAP in München schickte. Er legte einen Brief dazu und schrieb, dass bei der Verbrennung seine Bücher vergessen worden seien. Graf entging seiner Verhaftung im wörtlichen Sinn: Er ging zu Fuß über die Grenze nach Österreich und lebte dann in New York. In München wollte er auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr wohnen.
Freaks und Fantasten
Garantiert Pop: Julian Webers schöner Artikel über die Duo-Band mit dem tollen Namen Ja König Ja. Die kommen aus Hamburg, heißen Ebba Durstewitz und Jakobus Siebels, und ihre neue CD trägt den Titel "Die Seilschaft der Verflixten". Textzitat:
Nicht zu scheitern ist für Götter Heroismus bin ich leid Grenzen sind für Spötter und die Sphäre der Bedenklichkeit
Fazit von Julian Weber: "Ja König Ja sind - das bleibt bitte unter uns - sensationell!" Ich glaub's ihm einfach mal. Eine Band mit so einem Namen kann nicht ganz schlecht sein.
Brot sagt Mist
Eine rundum gelungene Medienseite, angeführt vom Bericht über einen Hausbesuch bei Bernd das Brot. David Denk beschreibt sehr schön, wer und was hinter dem Liebling aller Kinder steckt, dass die Handpuppe aus Latex besteht, und Bernd ein Brot mit Aszendent Mensch ist.
Kriegsbetreiber
Dass die CDU noch mehr Kriegseinsätze der Bundeswehr befürwortet, und dass auch so mancher mehr oder weniger betagte Sozialdemokrat (Ulrich Klose zum Beispiel) gern junge Menschen in den Krieg schicken will, hat sich wohl inzwischen herumgesprochen. Da freut man sich doch, dass der "Politologe und Konfliktforscher" Harald Müller im taz-Interview die Vernunft hochhält und Veit Medick von ihm erfährt: "Es ist keineswegs sicher, dass diese Einsätze die deutsche und westliche Sicherheit erhöhen." Das nenne ich vornehm ausgedrückt.
Rechnung
Leserbriefschreiberin Gerta Stählin aus München macht eine einfache Rechnung zur Rentenerhöhung auf: "Bei 1 Prozent mehr erhält einer, der 6.000 Euro Ruhegehalt hat, 60 Euro dazu, und das juckt ihn nicht. Einer der 600 Euro Rente hat, bekommt 6 Euro dazu, und das reicht nicht zum Ausgleich des Inflationsverlustes." Die Inflation hat zwischen 1991 und 2007 zu einem Verlust der Kaufkraft um 6 Prozent geführt. Die einprozentige Rentenerhöhung ist, ganz abgesehen von den 16 Prozent, die sich die Bundestagskaste gönnt, auch von daher gesehen eine bodenlose Unverschämtheit. Und dann erzählt man den Leuten, es sei kein Geld da für höhere Renten. Wer unter diesen Umständen für weitere Auslandseinsätze der Bundeswehr plädiert, gehört schlicht und einfach hinter Gitter. Aber weil Frau Stählin offenbar eine kluge Münchnerin ist, macht sie auch noch einen Vorschlag, wie das Rentenproblem gelöst werden könnte. Ich verbreite ihn gern weiter: "Alle bezahlen je nach Gehalt oder Lohn ein. Daraus entsteht der Anspruch, im Bedarfsfall abgesichert zu sein. Die Altersrente, die alle ihrem Gehalt oder Lohn entsprechend ansparen, können also als ein Anspruch für den Bedarfsfall gelten. Sage keiner, da würden die fleißigen Sparer bestraft! Eher kann man sagen, dass im jetzigen System Geringverdiener für ihren Mangel an Ausbildung und Karrieremöglichkeit im Alter bestraft werden. Gearbeitet haben sie oft hart für geringen Lohn."
Ausgewogenheit à la taz
Eine ganze Seite über den Vorsitzenden der NPD auf Seite 3, dafür eine Seite Interview mit dem Vorsitzenden der Linkspartei auf Seite 5 - da sage noch einer, die taz pflege keine ausgewogene Berichterstattung. Was beim Interview mit Oskar Lafontaine auffällt: Es ist grober Unfug, diesem Mann und dieser Partei vorzuwerfen, sie wären linksradikal. Das kann nur jemand behaupten, der die SPD noch für links hält. Wie immer vertritt der Mann die urprünglichen SPD-Weisheiten, die ja nie den Kapitalismus als solchen in Frage stellten, sondern nur seine Auswüchse bekämpfen wollten, damit das System nur nicht zusammenbricht. Eine besonders dämliche Frage der taz-Redakteure Ulrike Herrmann und Stefan Reinecke und eine gut gekonterte Antwort von Lafontaine seien hier wiedergegeben: taz: "Das Kommunistische Manifest ins Parteiprogramm, die Vertreterin der Kommunistischen Plattform Sahra Wagenknecht wird eventuell Vizechefin - ist die Linkspartei auf dem Retrotrip?" Lafontaine: "Der SPD-Vorsitzende Erich Ollenhauer hat 1959 bei der Verabschiedung des Godesberger Programms gesagt, dass das Kommunistische Manifest ein Gründungstext der Arbeiterbewegung sei. So sehe ich das auch. Die Vision einer freien Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung ist kein Retrotrip." Schön auch seine Haltung zu Steuervergünstigungen, auch wenn er die Pendlerpauschale befürwortet: "Fast ein Drittel der Beschäftigten haben von Steuervergünstigungen gar nichts, weil sie so wenig verdienen, dass sie gar keine Steuern zahlen." Und zum Schluss macht Genosse Oskar noch eine Bemerkung, für die man ihn doch mögen muss. Er zitiert mal wieder das wohlbekannte Sprichwort: "Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom."
Höhepunkte
Ganz besonders gelungen: Das taz-mag zu Pfingsten. Der lange Artikel über die Liebe einer Israelin zu einem Palästinser von Mathias Lohre zeigt viel Menschlichkeit und Mitgefühl auf Seiten des Autors. Und dann noch zwei Seiten Interview mit Verena Stephan, der Autorin von "Häutungen". Dass sich dieses Buch eine halbe Million mal verkauft hat, halte ich für eine gute Nachricht - nicht nur für die Autorin. Heide Oestreich stellt kluge Fragen und bekommt ebensolche Antworten. Eine wahre Freude, wenn man auf Frauen stößt, die ohne Scheuklappen feministisch denken und handeln. Verena Stephan: "Wissen Sie, der Feminismus ist ja schlicht eine Methode des kritischen Denkens. Wenn man sich für die Veränderung der Machtstrukturen interessiert, ist es die einzig vernünftige Methode. Dass man davon wieder mehr haben will, ist doch sehr wünschenswert." Meine Rede seit etwa vierzig Jahren. Aber interessiert man sich wirklich wieder mehr für "Veränderung der Machtstrukturen"? Ich hoffe, Verena Stephan hat recht.
14. 5. 2008 Widerliche Lebewesen
Zunächst möchte ich einem Leser antworten, der sich über das "unsachliche Zitat" von Gustav Landauer da oben beschwert hat, und fragte, ob ich damit alle Sozialdemokraten beleidigen will. Gemach, werter tazblog-Leser! Mit Absicht steht da ein Datum dahinter. Am 1. März im Jahre 1919 war Landauer schon klar, dass die sozialdemokratische Partei zum zweiten Mal in fünf Jahren ihre Anhänger verraten hatte: Das erste Mal 1914, als sie den Kriegskrediten zustimmte, und das zweite Mal 1918, als sie eine wirkliche Revolution verhinderte. Und es sollte noch schlimmer kommen: Am 17. April 1919 beschloss Reichswehrminister Gustav Noske (SPD), gegen die Räteregierung in München mit aller Härte vorzugehen und Truppen im Inneren einzusetzen, wie es die CDU heute gern wieder möglich machen will (Hugo Chávez hat recht!). Gustav Landauer wurde am 1. Mai verhaftet und am Tag darauf ermordet. Von den Schweinereien, die sich die SPD im Verlauf ihrer Geschichte bis heute geleistet hat, konnte Landauer deshalb nichts wissen, Gerhard Schröder, Wolfgang Clement, Peter Struck, Kurt Beck und das ganze Horrorkabinett blieben Landauer erspart. Und hätte er jemals ein Foto von dem vollgefressenen Walter Steinmeier gesehen, wäre sein Urteil über die Sozialdemokratie vermutlich auch nicht anders ausgefallen. Von diversen Fettsäcken bei den Grünen will ich erst gar nicht anfangen.
"Am 30. Mai ist der Weltuntergang"
Ältere Semester erinnern sich vielleicht: Diese Titelzeile war mal ein Faschingsschlager, ca. 1961. Das hat man fröhlich gesungen und dazu geschunkelt, und der Text ging weiter: "Wir leben nicht mehr lang, wir leben nicht mehr lang." Das war sehr lustig, denn wenn das stimmte, sollte man schleunigst noch seine Fachingsbekanntschaft küssen und mit ihr tanzen und danach möglichst gemeinsam in die Betten fallen. Nun ja, die Welt ist nicht untergegangen damals, aber der Untergang war schon in die Wege geleitet, und etwas mehr als 30 Jahre später wurde er noch mal kräftig angeschoben: 1994 ermutigte die chinesische Regierung ihre Bürger dazu, sich Privatautos anzuschaffen. Heute gibt es in China etwa so viele Autos wie 1915 in den Vereingigten Staaten von Amerika: 11.500.000 (elfeinhalb Millionen), und jeden Tag kommen auf den Straßen von Peking 1.000 Autos dazu. Das ist erst der Anfang. Im Jahr 2025 wird es in China mehr Autos geben als in den USA. Schon heute verkauft Rolls Royce mehr Autos in China als in irgendeinem anderen Land der Welt. 2005 gab es 1 McDonald's mit Autoschalter, sogenannte Drive-Throughs. Ende des Jahres 2008 wird es 115 McDonald's mit Autoschalter geben. Woher ich das alles weiß? Aus dem Maiheft der Zeitschrift National Geographic, internationale Ausgabe, Seite 142.
Schlagzeile der taz von heute, Seite 1: "Zehntausende verschüttet. Mindestens 12.000 Menschen sind bei dem schweren Erdbeben in China ums Leben gekommen."
Satire oder schlechtes Deutsch?
Sie wissen ja, "Das geheime Tagebuch der Carla Bruni" auf der Wahrheitseite ist nicht nur von einer französischen Zeitschrift geklaut, es hat jetzt auch noch bei meinem ÜQ-Messegerät die Skala zerstört. Aber weil vorgestern auch noch das Seil meiner Vorderbremse gerissen ist, repariere ich das am Nachmittag gleich mit. ÜQ, auch das wissen Sie ja inzwischen, ist der Überflüssigkeitsquotient, und das Messgerät dafür kann leider kein gutes Deutsch beurteilen. Aber Sie vielleicht, geneigte/r Leser/in. Was halten Sie von dem Satz: "Wenn die Platte tatsächlich im Juli kommt, müssen wir uns jetzt ranhalten." Das ist eine Anspielung darauf, dass Carla Bruni ein Popstar ist, und vielleicht will uns Silke Burmester, die Autorin des "Geheimen Tagebuchs", damit sagen, dass Frau Bruni keinen geraden Satz auf Deutsch hinkriegt, oder dass das beabsichtigt ist und Satire. Oder Frau Burmester kriegt manchmal keinen geraden Satz hin. Oder es liegt an der Übersetzung aus dem Französischen. Und wenn Sie sich fragen (danke, dass Sie noch dran sind, werte/r Leser/in), weshalb dieser Text auf der Wahrheitseite steht, und wer ist eigentlich Carla Bruni, dann muss ich Ihnen erklären, dass die vor kurzem einen Herrn Sarkozy geheiratet hat, und der ist seit einem Jahr Präsident von ... Ach, vergessen Sie's einfach. Schauen Sie lieber rechts oben nach dem Wetter, da erfahren Sie, dass Rüdiger Erbsenwirt den "Hänrie-Nonnen-Breis" erhalten hat und darob "glöklig" war - na bitte, da iss die Welt doch wieder in Ordnung, und das ist Die Wahrheit.
Kritik. Literaturkritik. Kritische Kritik. Kritik der kritischen Kritik
Man kann sich ganz schön verlaufen im Kritikdschungel. Die taz hat mich als "taz-Kritiker" bezeichnet, als ob das ein Beruf wäre. Nun, es gibt ja Berufskritiker, und früher hab ich schon auch mal die eine oder andere Mark mit Bücherlesen, Kinogehen und Musikhören verdient, indem ich anschließend darüber geschrieben habe. Gaaanz selten habe ich aber über Bücher, Filme oder LP geschrieben, die ich nicht mochte. Warum auf etwas aufmerksam machen, das man für schlecht hält? So geht's mir ja mit dem tazblog hier auch: Wenn ich die taz nicht für eine ganz gute Zeitung halten würde, brächte ich wahrlich nicht die Energie auf, mich an den Schreibtisch zu setzen. Aber es bleibt halt trotzdem das Grundproblem: Wie kritisieren, ohne besserwisserisch, lehrerhaft, arrogant, überheblich, großspurig zu wirken? Das sollte man schon im Hinterkopf haben bei der Kritikarbeit. Dirk Knipphals schreibt eine ganze Seite (inklusive großformatiges Foto) über den neuen Roman von Karen Duve. Der heißt schlicht "Taxi", womit sie diversen Leuten einen Titel klaut. Dem Klaus und mir zum Beispiel, haben wir doch neulich im Café darüber geredet, man müsste ... Nee, verrate ich nicht, sonst klaut uns noch einer die Idee. Nen anderen Titel als "Taxi" finden wir schon. Jedenfalls hat mich Karen Duve und ihre Art zu schreiben mal so deprimiert, dass ich "Regenroman" nach ein paar Seiten weggelegt und nie wieder was von ihr gelesen habe. Knipphals ging's wohl ähnlich mit dem neuen Werk, aber er hat's zu Ende gelesen, und dann schreibt er doch die Seite voll, obwohl er das Buch überhaupt nicht mag: "Von allem ist es ein bisschen geworden, und das heißt: von nichts ganz." Heißt es das wirklich? Und soll ich da jetzt weiter drüber nachdenken? Am Schluss jedenfalls meint Knipphals: "Der Taxifahrerinnenroman der Achtzigerjahre ist noch immer nicht erzählt." Hm. Muss der denn erzählt werden? Und muss man überhaupt Bücher lesen, die einen nur runterziehen? Es soll ja Leute geben, denen es nur gut geht, wenn sie deprimiert sind. Vielleicht ist das die Zielgruppe von Karen Duve.
Jewgeni Chaldej
Den Namen dieses Fotografen schreibe ich nur deshalb drüber, damit ich ihn mir endlich selbst merken kann. Scheint ne gute Ausstellung zu sein, über die Egbert Hörmann so kenntnisreich berichtet. Nur um's klar zu sagen, denn Hörmann eiert da ein bisschen rum: Chaldejs berühmtestes Foto kennt jeder, und es ist nicht dokumentarisch, es ist kein Schnappschuss, es ist akribisch inszeniert: Ein Sowjetsoldat befestigt die Rote Fahne auf dem Dach des zerstörten Reichstagsgebäudes in Berlin, vor Häuserruinen und Rauchfahnen im Hintergrund. Hörmann beklagt, dass man Jewgeni Chaldej (jetzt kann ich ihn schon fehlerlos tippen!) mit Robert Capa und Henri Cartier-Bresson vergleicht und damit seine Einzigartigkeit verleugnet wird. Das mag schon richtig sein, aber irgendwo muss er halt eingeordnet werden, und ehrenrührig für Chaldej ist das ja auch nicht.
Trendtag mit Plagiat
Bin ich froh, dass ich am Wochenende im Biergarten sitzen und den Akustikgitarren lauschen konnte, denn die Vorstellung, stattdessen dem 13. Deutschen Trendtag im Hamburger Curiohaus beiwohnen zu müssen, käme mir wie Freiheitsberatung vor. Da ging's um Marktstrategien und Identitätsmanagement, und die Megaregionen der globalen Wirtschaft, und um die Erkenntnis: "Du bist, was du ist. Du bist, was du kaufst. Du bist, mit wem du dich rumtreibst." Und, jetzt kommt's: "Du bist, wo du wohnst." Das stammt von einem Herrn mit dem schönen Namen Richard Florida, und den bringe ich vor Gericht. Das ist ein Plagiat. Hat er von mir. Und das können Sie sofort nachprüfen, indem Sie auf den folgenden Link klicken. Schon seit Wochen steht hier auf dieser Webseite unter "Klicken - Lesen" die Überschrift "Wohnen est Omen." Einfach schamlos, diese Trendforscher.
taz-Interna
Gelegentlich erfahren ja die Abonnenten des Newsletters, wenn ein Redakteur oder Korrespondent kommt oder geht. Aber in der echten Zeitung steht kaum was über Änderungen personeller Art. Und das Impressum gehört in der taz zu den spartanischsten der Presselandschaft. Nicht mal Ressortleiter werden aufgeführt, vom Fußvolk ganz zu schweigen. Nur die Namen der Obermotze erfährt man. Sieht so die Gleichberechtigung der Mitarbeiter aus? Das muss sich ändern, sonst organisiere ich demnächst eine Radldemo zum Haus Rudi-Dutschke-Str. 23. Ihr werdet staunen, welche Menschenmassen da auftauchen und auf selbstgemalten Plakaten fordern: Mehr Infos für die Leser! Gleiches Recht für alle! Wie heißen die Menschen, die für die taz arbeiten! Und für den Betriebsrat! Und, sowieso: Alle Macht den Räten!
Das sind so die Gedanken, wenn ich, wie schon öfter in letzter Zeit, den Namen Andreas Fanidazeh lese, und dann feststelle: Falsch gelesen, der Mann heißt Fanizadeh. Er ist der neue Kulturchef, und weiß der Teufel, woher ich das weiß. Jedenfalls führt er, zusammen mit Eva-Christina Meier ein Interview und befragt eine argentinische Schriftstellerin, die leider nicht viel Neues über Argentinien erzählt. Und ein bisschen Werbung für ein Buch machen die taz-Interviewer auch noch, und zufällig geben sie das heraus, und noch zufälliger erscheint es "dieser Tage im Buchhandel". Viel besser macht das die Mutter von diesem ekelhaften Schriftsteller aus Frankreich, wie man auf Seite 14 lesen kann. Den Namen schreib ich jetzt nicht hierhin, weil ich keine Werbung für den Kerl mache. Aber das bringt mich auf die Idee, dass es mal wieder Zeit wird für eine Werbeunterbrechung. Seien Sie versichert, es geht danach gleich weiter, ich bin mit der Ausgabe vom 13. Mai noch nicht fertig. Und das meine ich durchaus als Drohung.
-----------------------------------Webseitensonderveröffentlichung------------------------------------- Stimmen bisher: "Hat mich an James Joyce erinnert." Klaus Lemke, Filmregisseur "Pornografisch ... Chauvinismen zuhauf." Redakteurin, BR
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Kinski war nicht verrückt
Morgen kommt ein Film ins Kino, Klaus Kinskis Auftritt in der Berliner Deutschlandhalle, wo er 1971 auf seiner Tournee Auszüge aus dem Evangelium lesen wollte. Ging aber nicht, weil ein paar Leute seinen Auftritt gestört haben und stattdessen "diskutieren" wollten. Kinski kam so in Wut, dass die taz jetzt behauptet: "Der Auftritt markiert den Zeitpunkt, an dem der Schauspieler endgültig verrückt wird." Mit verrückt sollte man etwas vorsichtiger sein. Kinski hat ja noch eine Weile gelebt und sehr viele schöne Sachen gemacht. Wer verrückt ist, entscheidet die Mehrheit, oder nicht? Also ist George Bush nicht verrückt. Oder Sarkozy. Oder Berlusconi. Hm? Es gibt bestimmt ein paar Kriterien, nach denen Klaus Kinskis Reaktion an diesem Abend menschlich verständlich und richtig war. In seiner Autobiografie, die an dieser Stelle von der taz zitiert wird, schreibt Kinski: "Dieses Gesindel ist noch beschissener als die Pharisäer. Die haben Jesus wenigstens ausreden lassen, bevor sie ihn angenagelt haben."
"Wir schlagen zurück"
Das verkünden keineswegs die Verdammten dieser Erde, sondern die britische Innenministerin, und Ralf Sotschek stellt in seinem ausgezeichneten Kommentar auf der Meinungsseite fest: "Keine Nation in Europa hat mehr Angst vor ihren Jugendlichen als die Briten." Sotscheks Titel: "Die Haltlosigkeit von New Labour" kann genauso auf deutsche Verhältnisse übertragen werden, und wenn er am Schluss konstatiert: "Labour bleibt also, mit großem Vorbehalt, das kleinere Übel", dann liegt für mich die Betonung auf großem und Übel.
Hugo le Rouge
Der Gerhard Dilger fällt mir in letzter Zeit dadurch auf, dass er (mir zuliebe?) weniger Vorbehalte gegen Hugo Chávez zu verbreiten scheint. Dilger bringt die Dinge genau auf den Punkt, und darum geht's nun mal im Kampf gegen die Neoliberalen à la Angela Merkel: "Können Chávez, Morales & Co. die Lage der Armen in ihren Ländern verbessern, indem sie die Rolle des Staates in der Wirtschaft stärken?" Vergleicht man die Lage mit der EU - Deutschland, Frankreich, Italien, um ein paar zu nennen - sind wir noch nicht mal an der Stelle angelangt, wo das jemand auch nur versucht. Wir haben immer noch Regierungen, die unentwegt darauf hinarbeiten, die Reichen reicher zu machen. Das wird sich rächen, ich bin da zuversichtlich. Und kann hier nur noch den Titel von Gerhard Dilgers Kommentar fetten: Chávez ist nicht durchgeknallt.
Der Rest
Streubomben werden nicht verboten, Deutschland ist dagegen - die Bundesregierung will sie zwar ächten, aber die eigenen behalten und, vor allem, das Dreckszeug weiterhin exportieren. Gegen eine Ächtung sind auch die USA, Israel, Russland und Dänemark (?). Und EU-Kommissar Günter Verheugen (SPD) arbeitet wie immer für die Autokonzerne und hilft denen, die Luft zu verpesten. Grenzwerte für CO2-Ausstoß hält er für "Ökodiktatur". Freiheit heißt, dass jeder den Planeten ruinieren darf, wie er mag. Meine Freiheit, saubere Luft atmen zu dürfen und in einer Großstadt ohne Feinstaubbelastung leben zu können, interessiert diesen Kerl überhaupt nicht. Günter Verheugen ist mein politischer Feind. Und wem erzählt er das dumme Geschwätz von der Ökodiktatur, der SPD-Widerling? Bild am Sonntag! Der SPD-Umwelt(!)minister Sigmar Gabriel fährt übrigens einen Mercedes-Dienstwagen, der 222 Gramm CO2 ausstößt (die EU fordert 120 Gramm als verbindlichen Grenzwert). Der Verkehrsminister Tiefensee brettert mit einem Audi durch die Gegend, der 249 Gramm aus dem Auspuff jagt, also mehr als das Doppelte des beabsichtigten Grenzwerts. Und wer jagt solche Minister zum Teufel?
Ich heute nicht mehr, muss jetzt raus in die Sonne, will aber noch kurz festhalten, dass die gestrige Südamerikaseite (Brennpunkt) zur Kategorie TvF zählt, taz vom Feinsten! Dank an Bernd Pickert, Gerhard Dilger und Malte Kreuzfeldt. Um weiterhin Auto fahren zu können, führt man nicht nur Kriege (Irak etc.), man lässt Menschen verhungern und vernichtet die Regenwälder.
Was soll man machen? ich weiß auch nicht, aber ich repariere jetzt erstmal die Vorderbremse an meinem Fahrrad. Liebe und Frieden.
15. 5. 2008 Gar nicht komisch
Ein wahres Kabinettstück von Kay Sokolowsky auf der Wahrheitseite: Kongenial in die Pfanne gehauen, Mathias Richling mit den eigenen Waffen geschlagen! Was für eine Freude, so etwas zu lesen, entspricht es doch genau meiner Einschätzung des Richling-Humors. Ich habe den noch nie komisch gefunden, und Sokolowsky analysiert haargenau, warum das zutrifft.
Schon komisch, aber ...
Michael Sailers "Schwabinger Krawall" versickert so langsam in der Belanglosigkeit. Dass es jemand geschafft hat, der monacophoben (hehehe) taz-Redaktion eine Schwabing-Kolumne anzudrehen, sollte Sailer hoch angerechnet werden. Aber die immer gleiche Dramaturgie wirkt langsam ermüdend. Vielleicht wechselt er mal das Personal aus oder überhaupt das Thema. In der nur bayernhauptstädtisch bekannten Veranstaltungszeitschrift InMünchen schreibt Michael Sailer seit Jahren regelmäßig zu nicht festgelegten Themen, und da ist er, zumindest meiner Meinung nach, noch besser.
Mir reicht's. Punkt.
Mir fällt nichts mehr ein zum Thema 1968 in den Medien, mir steht's bis zum Hals, Überdruss, Overkill. Macht ein Ende, es reicht. Deshalb sei nur noch ein Satz von Alexander Cammann zitiert, der im Titel seiner "Schriften zu Zeitschriften" kühn behauptet: "Party war 1968 immer". Kurz vor dem Weiterblättern, bleibt mein Blick am Eingangssatz hängen: "Vierzig Jahre danach erweist sich 1968 als das erfolgreichste kapitalistischste Projekt der Geschichte." Kapitalistischste? So steht's da. Das ist der Beweis: Es gibt keinen richtigen Superlativ im größten Unsinn. Unter dem Killerbild von Goya dann die Titelzeile zum Text über die Ausstellung in Madrid: "Von der Vergeblichkeit der Revolte". Das hätten sie wohl gern, die taz-Kulturmenschen. So ein Blödsinn aber auch.
Nullinfo
Bayern München! Zensur! Süddeutsche! Na und? Frank Ribéry hat die weltbewegende Aussage gemacht, sein Verein solle neue Spieler kaufen, einen offensiven, einen defensiven und einen Verteidiger. Irgendjemand von den Vereinsobermotzen will das nicht gedruckt sehen. Daraus macht Klaus Raab einen halbseitigen Vierspalter. Informationswert etwa: 0,1. Überhaupt, die haben Sorgen bei tazzwei: Pete Doherty hat seine Katze nicht erschlagen! Das wollte ich doch unbedingt wissen. Und noch eine Bitte: Keine ganzseitigen Fotos von Helmut Kohl mehr. Bitte! Bitte!!!
Wirtschaftssprech
Flotte Unterhaltungsschreibe ohne Ecken und Kanten auf der Meinungsseite, von einem jungdynamischen Wirtschaftsjournalisten, der mal bei Cicero war und jetzt beim Forschungsinstitut RWI. Was das ist? Erfährt der Leser nicht. Aber zwei Spalten füllen, ohne irgendeine Art von Haltung zu verraten, außer, dass er voll durchblickt, das kann der Herr. Er heißt Nils von dem Moore, und RWI ist, laut Selbstauskunft, das "Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung" und "versteht sich als modernes Zentrum für wissenschaftliche Forschung und evidenzbasierte Politikberatung. Als Leitmotiv für die kommenden Jahre hat sich das RWI Essen in seinem Forschungsplan 'individuelle Prosperität und wirtschaftspolitische Handlungsmöglichkeiten im demographischen und gesellschaftlichen Wandel' gewählt." Alles klar? Mir schon. Nur verstehe ich nicht, weshalb die taz dem RWI drei Spalten einräumt, um seine Meinung zu verbreiten. Die steht doch schon überall.
Leserinfo
Von Rainer Metzmacher aus Münster erfährt der Leserbriefleser der Berliner tageszeitung noch genauere Angaben zur Besoldung der 613 Bundestagsabgeordneten, die sich, wie man weiß, gerade insgeamt 16,4 Prozent Zuschlag auf ihre gut 8.000 Euro im Monat gegönnt haben. Das sind 96.000 Euro im Jahr. Metzmacher weist darauf hin, wie fragwürdig die Bemessung der Diäten am Einkommen von Bundesrichtern ist und fügt hinzu: "Die Abgeordneten haben - hiervon abgesehen - anders als die Bundesrichter zusätzlich zu ihren Gehältern noch einen Anspruch auf eine steuerfreie Kostenpauschale von mehr als 3.700 Euro monatlich und weitere 13.660 Euro jährlich für Büro- und Mitarbeiterkosten." Lieber deutscher Wähler, Arbeitnehmer, mittelständischer Betriebsleiter, freiberuflicher Selbständiger: Denken Sie doch bitte einmal darüber nach. Ihr Bundestagsabgeordneter, der Ihre Interessen in Berlin vertritt, erhält für seine Tätigkeit in Ihrem Interesse im Jahr 154.000 Euro. Nur um es noch einmal ganz deutlich zu machen: Jetzt haben all diese von Ihnen bezahlten Abgeordneten soeben beschlossen, dass das nicht ausreicht, und ohne irgendjemanden, der das kontrolliert, in Selbstbedienung, eine Erhöhung um 16,4 Prozent beschlossen. Jetzt sind Sie dran.
Gysi kommt durch den GÜV
Der Gesinnungs-Überwachungs-Verein der taz unter Vorsitz von Philipp Gessler und Veit Medick hat Gregor Gysis Rede zum Thema Antizionismus ohne Beanstandung durchgehen lassen. Das steht auf der Seite Report unter der Überschrift "Israel spaltet die Linke". Keine GÜV-Plakette bekam dagegen die "orthodox-sozialistische" Zeitung "Junge Welt", die Gysi angegriffen und ihm vorgeworfen hatte, er begebe sich "in die feine Gesellschaft der Kriegstreiber". Auch Max Steininger, Bundessprecher der "Linksjugend" kam nicht durch den GÜV. Seine Anti-Gysi-Haltung wurde ablehnend beschieden. Steininger betonte nämlich: "Ich kann durchaus als Linker Antizionist sein, wie ja auch viele Juden die zionistische Logik ablehnen. Ich kann überhaupt nicht verstehen, warum Gysi die 'Linke' an die Staatsräson binden will. Staatsräson ist doch nur ein anderer Ausdruck für die außenpolitischen Interessen der herrschenden Klasse." Die GÜV-Plakette mit Auszeichnung bekam dagegen der "Bundesarbeitskreis (BAK) Shalom" für seine Antianti-Gesinnung: "Unser Ziel ist die Bekämpfung von Antisemitismus, Antizionismus, Antiamerikanismus und regressivem Antikapitalismus." Tief durchatmen. Fangen wir hinten an: Regressiv heißt rückschrittlich. Also kämpfen sie für fortschrittlichen Antikapitalismus? Oder sind sie gegen Antikapitalismus? Oder für Kapitalismus, für Semitismus, für Zionismus, für Amerikanismus? Egal, die Herren vom taz-GÜV sind jedenfalls ganz deutlich für den BAK Shalom.
Ich geh jetzt joggen. Shalom, bis morgen!
16. 5. 2008 Peinlicher Ausraster
Um es schon mal vorwegzunehmen: Die Beschimpfungen des Dalai Lama auf der Wahrheitseite von heute, 16. 5. 2008, sind nicht komisch. Zitat: "Vor allem mit der Finsternis kennt er sich ja gut aus, ist es doch im Kopf des Dalai Lama so düster wie im Mohrenarsch." Und neben das Bild einer Kröte zu schreiben, es sei ein Dalai-Lama-Foto, bringt mich erst recht nicht zum Lachen. Wenn das Humor sein soll, verstehe ich ihn nicht. Das ist bis hin zu dem dämlichen Wort Mohrenarsch blanker Rassismus. Möglicherweise versteht man das in Kreisen der chinesischen Regierung, die ja auf ähnlichem Niveau über den Dalai Lama herzieht. Wer als Journalist solchen Blödsinn verzapft, sollte sich überlegen, weshalb er das tut und wessen Beifall er sucht. Er beleidigt ja nicht nur das spirituelle Oberhaupt eines Volkes, er beleidigt die Leser, die den Dalai Lama schätzen und respektieren, und er beleidigt ganz allgemein die Menschen, die ihr Leben religiös ausgerichtet haben. Vor allem zeigen die dummen Bemerkungen, dass der Schreiber keine Ahnung von der Politik des Dalai Lama hat. Das mit der Finsternis im Kopf fällt auf ihn selbst zurück.
Die taz vom 15. 5.: Das Titelfoto
Neulich hab ich Sie auf meine Angewohnheit hingewiesen, die taz von hinten zu lesen. Das stimmt zwar, aber natürlich werfe ich erst einen Blick oder zwei auf die Titelseite, manchmal les ich noch die Ankündigungen, gelegentlich die verboten-Rubrik. Das Titelfoto von gestern hat es in sich. Zuerst konnte ich nicht glauben, dass das ein Foto sein kann. Es erinnert an historische Schlachtengemälde, und es sieht aus wie gestellt, als wären die Menschen "malerisch" gruppiert worden, in Szene gesetzt für ein Aufführung mit dem Titel "Erdbeben in China". Unglaublich.
Kultur - mal grundsätzlich
Die Kulturseiten der taz werden nicht für den Leser gemacht, sondern für die Feuilletonredakteure der FAZ, der Süddeutschen Zeitung und der Berliner Blätter. Die Musikredakteure schreiben für andere Musikredakteure, oder für die Minderheit, die sich mit der gleichen Hingabe dem winzigen Ausschnitt aus der Vielfalt des Popgeschehens widmen wie die Autoren. Dasselbe gilt für viele Film- und Theaterkritiker, und für die Leute, die über Kunst und Fotografie schreiben. Es gibt auf den Kulturseiten der taz nur wenige, seltene Beiträge, die tatsächlich versuchen, den gutwilligen Leser zu erreichen, ihn an der Hand nehmen und mit dem Gegenstand vertraut machen, um den es ihnen geht. Das meiste ist kulturelle Inzucht und nur verständlich, wenn man sich vorher das Fremdwörterlexikon oder den Duden griffbereit zurechtgelegt hat. Erich Kästner hat schon in den zwanziger Jahren den Holzweg der Intellektuellen erkannt und gewusst, was man in einer Demokratie dringend braucht: aufgeklärte Demokraten. Eine geistige Elite, die sich nicht mehr mit dem Fußvolk verständigen will, ist zutiefst reaktionär. Kästner bezog sich in der folgenden Äußerung auf die Dichter seiner Zeit, die ihre Verse, völlig abgehoben, nur noch für Ihresgleichen schmiedeten. "In unserer Lage", mahnte Kästner, "helfen die berufenen Vereinfacher. Es hülfen, aber es fehlen die echten Mittler zwischen dem kaum Verständlichen und den fast Verständnislosen, jedoch Verständniswilligen." Kästner forderte "'Transformatoren', die uns die esoterische Lyrik ins Begreifliche und Anschaubare verwandeln." Das gilt eben nicht nur für Lyrik, sondern für alle Kulturbereiche. Die dafür zuständigen taz-Redakteure erwecken mit dem, was sie täglich auf ihren Seiten präsentieren, selten den Eindruck, sie hätten die "Verständnislosen jedoch Verständniswilligen" im Blickfeld. Zu großen Teilen verständigt man sich mit einer Elite, die als solche vom Bildungsbürgertum definiert wird. Das zeugt von Snobismus und Herablassung, manchmal von Unischerheit, aber im Endeffekt immer von Dummheit. Diese Haltung ist auf der politischen Ebene vergleichbar mit der Gleichgültigkeit der Politikerkaste für die Sorgen der sogenannten breiten Masse, für die Schwierigkeiten der Existenz, für die Nöte der Leute, die sie eigentlich vertreten sollten, denen sie ihre Mandate, ihr Einkommen, ihr finanziell sorgenfreies Dasein überhaupt erst verdanken.
Dystopische Adoleszenz und heterorestaurativer Ikonoklasmus
Am meisten Eindruck bei seinesgleichen schindet der abgehobene Intellektuelle immer noch mit Fremdwörtern, früher häufiger aus dem Lateinischen oder Griechischen, heute zunehmend aus dem Amerikanischen. Da wird dann mit Begriffen um sich geworfen, die vermeintlich gut klingen, den Eindruck erwecken, dass man besser durchblickt, den Gegenstand der Betrachtung im Griff hat. Vielleicht, liebe Cristina Nord, liebe/r Kulturredakteur/in, können wir uns darauf einigen, wenn's schon sein muss, wenigstens nur Fremdwörter zu verwenden, die notfalls im Duden vorkommen? Wie soll ich jemals herausfinden, was Sie mit Dystopie meinen? Und weshalb heben Sie das auch noch in der Zwischenüberschrift heraus? Und, liebe Anke Leweke, weil ich schon mal dabei bin: Wenn Sie schreiben, dass Gus van Sant vom "Paradox der Adoleszenz fasziniert" ist, freue ich mich, wie schön Sie anschließend erklären, was Sie damit meinen. Aber ich gebe zu bedenken: Hätte es "Jugend" nicht auch getan? Vorbildlich Jan Kedves auf der gegenüberliegenden Seite. Hätten Sie gewusst, was "heterorestaurativ" ist? Der Satz lautet: "Die Frauen sollen heterorestaurativ wirken - die Männer also in ihrem Mannsein bestätigen." Aha. Und um wie viel schöner wäre Ulf Erdmann Zieglers Nachruf auf Robert Rauschenberg, wenn da nicht, wiederum als Zwischenüberschrift herausgehoben, von Ikonoklasmus die Rede wäre. Und war der Geißbock mit dem Autoreifen um den Bauch tatsächlich ein Bildersturm?
Mit oder ohne Männer: taz vom Feinsten
"Letztendlich geht es ja darum, diese Interessengegensätze aufzuheben und eine menschliche Politik zu entwerfen." Gemeint sind die gegensätzlichen Interessen von Männern und Frauen, und gefragt wurde Claudia von Gélieu von Heide Oestreich. Das Interview kriegt heute den tvF-Award, Sie wissen schon: taz vom Feinsten. Es gehört zum Spannendsten, was ich in den letzten Jahren zum Thema Frau und Politik gelesen habe. Schöne Informationen: "In Berlin waren Frauen schon vor den Männern auf der Straße. 1847 haben sie die Scheiben des Schlosses eingeworfen und haben den Rücktritt des Königs gefordert. Die Herrschenden hatten Angst, dass sich Frauen und untere Schichten zusammentun." Genau darum geht's doch, und das meine ich ja auch, wenn ich die taz-Kultur für ihre elitäre Sprache kritisiere - so lange die Zusammenhänge zwischen Macht und Politik in einer Sprache dargestellt werden, die kein noch so Gutwilliger versteht, können die Acker- und Bertelsmänner in Ruhe weiterhin ihren Klassenkampf von oben betreiben. Ob da rot-grün, schwarz-rot oder sonst eine Farbkombination die Regierung stellt, ist wirklich zweitrangig. So wie Clinton im Vergleich zu Bush sehr wohl das kleinere Übel war - übel war er doch. Noch eine interessante Information: Das Haus als "traditionelle Wirkungsstätte" der Frau - "das ist Propaganda. 90 Prozent der Frauen mussten schon immer ihren Lebensunterhalt verdienen." Schön auch die Zitate von Hedwig Dohm (1831 - 1919), und die Erinnerung an Jeannette Wolf, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg schon sagte, Quoten für Frauen seien eigentlich Männerförderung: "Damit erhalten Männer die Chance, die Fähigkeiten der Frauen zu erkennen." Wie gesagt, ein feines Interview. Bleibt nachzutragen, dass Hedwig Dohm mit dem Herausgeber der Satirezeitung Kladderadatsch verheiratet war und vier Töchter hatte, darunter Hedwig Pringsheim, deren Tochter Katja die erste Physikstudentin an der Uni München war. Später erhörte sie das Flehen eines zugereisten norddeutschen Schriftstellers, namens Thomas Mann.
"Schutz und Rechtsgleichheit für Andersgläubige, Andersnationale" ... ... forderte Theodor Herzl, der Begründer des Zionismus. Schön, dass Tarafa Baghajati in seinem ausgezeichneten Kommentar daran erinnert. Ich will noch ein paar Gedanken meinerseits anfügen. Wie wenig sich die politische Führung des Staates Israel heute an Herzls Grundsätze hält, hört und sieht man fast täglich in den Nachrichten. Ich finde nicht, dass man eine Regierung unterstützen sollte, wenn sie Siedlungen und Mauern auf einem Territorium errichtet, das ihr gar nicht gehört; wenn sie staatlichen Terrorismus betreibt und Menschen ohne Gerichtsverhandlung ermordet; wenn sie Resolutionen der UNO immer wieder und über Jahre hinweg missachtet, jahrzehntelang gegen das Völkerrecht verstößt und Angriffskriege führt. Dabei ist mir egal, welcher Religion, Nation, oder Rasse die Politiker einer solchen Regierung angehören, oder ob sie männlich oder weiblich sind. Interessant auch, dass gerade Leute die israelische Politik unterstützen, die sonst die Vermischung von Staat und Religion ablehnen und sich darüber hinaus über Religion in jeder Form lustig machen, egal ob Christentum, Islam oder Buddhismus (siehe oben). Dabei ist Israel ein Staat, der sein Recht auf Existenz in erster Linie religiös begründet. Hinzu kommt, ähnlich wie in den USA, der Gegensatz zwischen Ureinwohnern und Kolonialisten, Weiße gegen Indianer, oder wie in Südafrika, Weiße gegen Schwarze. Es wäre zum Verständnis der verfahrenen Lage hilfreich, wenn man neben der Religion immer die wirtschaftlichen und machtpolitischen Hintergründe einbezieht. Belassen wir's fürs Erste dabei.
Pogrome in Italien
Während in Deutschland daran erinnert wurde, dass vor 75 Jahren Bücher verbrannt wurden, werden in Italien die Häuser von Menschen verbrannt. Ein weiterer Unterschied zu 1933: Die Aktionen werden im Fernsehen übertragen. taz-Korrespondent Michael Braun kann es nicht fassen, wie Linke und Rechte in Italien gleichermaßen die Pogromstimmung gegen Rumänen und Roma anheizen. Gut, von Berlusconi hätte ich nichts anderes erwartet, aber dass Walter Veltroni, die frühere Hoffnung der Linken, schon im letzten November den "Rumänen-Notstand" ausrief und Barackenlager der Roma räumen ließ, habe ich damals nicht mitbekommen oder wieder vergessen. In Italien scheinen momentan Zustände zu herrschen, die schlimmer sind als der Ausländerhass in den deutschen Ostgebieten.
Linkenfresser
Wer die taz-Berichte über die Linkspartei verfolgt, wundert sich nicht mehr. Gestern wurde der Verfassungsschutzbericht vorgestellt, und Veit Medick kritisiert, dass der nicht härter mit der Linken umspringt. Medick sieht dort "kommunistische Altkader um die Europaabgeordnete Sahra Wagenknecht" am Werk: Es "scheinen nicht einmal skurrile Linkspartei-Abgeordnete, die mit kruden Thesen tagelang die Schlagzeilen beherrschten, die Verfassungshüter noch zu beunruhigen. So wie das DKP-Mitglied Christel Wegner im niedersächsischen Landtag etwa, die im Februar für die Wiedereinführung der Stasi plädierte." Am Schluss holt sich Medick auch noch "die Extremismusfachfrau der Unionsfraktion, Kristina Köhler" als Kronzeugin. Frau Köhler sieht "die freiheitliche Grundordnung bedroht: 'Die bürgerliche Gesellschaftsordnung gilt dort bei vielen schon als präfaschistisch. Das ist Chávez light."" Schön ausgedrückt von der Extremismusfachfrau (für die Bezeichnung kann sie wohl nichts, das ist halt die Sprache von Medick). Mir wäre Heavy Hugo natürlich lieber.
17. 5. Der Aufreger - mit falschem Datum!
Über die Wahrheitseite vom 16. Mai hab ich mich ja gestern schon ausgiebig entsetzt. Aber nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern, und die war bei mir vordatiert - inzwischen hab ich es korrigiert. Also: Der 17. 5. ist jetzt, heute, und das Datum steht da oben drüber, und alles, was jetzt nachfolgt, bezieht sich auf die taz-Ausgabe vom 16. 5. 2008. Uff!
Charlotte Roche ohne Ende
Now look at them yo-yos that's the way you do it You play the guitar on the MTV That ain't working that's the way you do it Money for nothing and the chicks for free Dire Straits, Money for nothing
Erster Teil So also geht's, spielst Gitarre auf MTV, und dann kriegst n Haufen Geld dafür, und die Mädels umsonst. Die Typen sind wirklich nicht blöd. Und am Ende hamse ihren eigenen Privatjet, und Millionär sind se auch noch. Du kannst aber auch, als Frau, ne Sendung moderieren auf MTV (oder Viva Zwei) und da wirst du dann so eingermaßen bekannt, zum Film kommst du auch noch, und wenn alles gut läuft, schreibst du ein Buch, weil ja inzwischen jeder, den die Leute vom Färnseh kennen, ein Buch schreibt, und diese Bücher verkaufen sich wie geschmiert, und dann wirst du Millionär wie Hape Kerkeling, und kannst dir nen Privatjet kaufen, oder dir endlich die Hämorrhoiden entfernen lassen. Herzlichen Glückwunsch zum Bestseller, Charlotte Roche! Ist gut gelaufen, Sie sind wirklich ein durchtriebenes Luder. Die beste Nummer, seit der Regisseur John Waters den dicken Transvestiten Divine im Film "Pink Flamingo" Pudelscheiße fressen ließ. Hut ab, liebe Charlotte - ich darf doch du sagen? -, das haste fein hingekriegt. Und ich vermute mal, du lachst dich schlapp über den Mist, den sie jetzt in den Feuilletons verzapfen, stimmt's? Schreibst du mir ein Nachwort zu "Delfina Paradise"? Mit nem Nachwort von dir würd ich vielleicht nen Verleger finden für meine "Novelle aus München". Überleg's dir, ich lad dich auch ins Café Paradiso ein, wenn du mal wieder in München bist, und wir trinken n paar Bier zusammen. Hm, was meinst du? Schickste mir ne Mail?
Foto: Hans Pfitzinger Zweiter Teil Selbstverständlich kommt jetzt auch in der taz der große Einseiter zu Charlotte Roche: Die Überlegung, "ob es sich um einen kalkulierten Hoax" (?) handelt, und der Versuch einer Erklärung, weshalb die Feuilletons jetzt um eine Erklärung des Phänomens "Feuchtgebiete" ringen: "Diese Perspektive sowie ihre Metakritik sind im Fall von 'Feuchtgebiete' interessanter als der Primärtext. Es ist kein brillantes Buch, aber man kann dank vielfältiger Diskursivitätsoptionen super darüber reden und schreiben." Naja, super schreiben kann wohl nicht jeder, deshalb will ich mich um Himmelswillen nicht lange mit den Diskursivitätsoptionen dieses taz-Autors aufhalten. Nur so viel: Leute, die bei Porno sofort an Scheiße denken, kann ich nicht ausstehen. Und Leute, die solche Sätze schreiben, werden hier nicht mal namentlich erwähnt. Und Redakteure, die solch einen Quark in einer Zeitung abdrucken, sollten in sich gehen und über ihren Beruf nachdenken: "Es bedarf einiger gedanklicher Anstrengung, um pornografische Bilder zu entwerfen, die übertreffen, was im Internet jederzeit greifbar ist. Genau das ist in 'Feuchtgebiete' gelungen: 'Und wenn ich löffelweise von einem Hundehaufen naschen würde, es würde mir mit Sicherheit nichts passieren.' Solche Vorstellungen lassen niemanden unbeteiligt." Es bedarf also "einiger gedanklicher Anstrengung"? Na, dann: Herzliche Grüße an den angestrengten John Waters! P. S. hoax: Schwindel, Streich; auch: (Zeitungs-)Ente
Tolle Idee!
Kleine Meldung in tazzwei: Eine Band aus Manchester spielt auf den Straßen der Stadt, immer dort wo Überwachungskameras installiert sind. Dann besorgen sie sich von den Unternehmen die Bänder und stellen daraus einen Videoclip zusammen. Muss ich doch gleich mal auf YouTube suchen. Falls Sie das auch tun wollen: Die Band heißt The Get Out Clause, der Song "Paper". Tatsächlich, gibt's bei YouTube!
Am Pool in Rangun
Wenn ich für taz-Kultur schreiben würde, käme jetzt der Begriff Metazynismus, angewandt auf die Kolumne von Philipp Mausshardt. Der berichtet diesmal nicht aus Kirchentellingsfurt, oder wie sein schwäbischer Wohnort heißt, sondern aus dem "Hotel 'Chatrium' im Zentrum von Rangun." Zur Erinnerung sei hier eingefügt, dass es sich dabei um die frühere Hauptstadt von Birma handelt, dem Land, in dem vor fast zwei Wochen einige zehntausend Menschen bei einem Wirbelsturm ums Leben gekommen sind. Was Mausshardt da macht? Katastrophenjournalismus, das liegt ihm, und das macht er gern und gut. Wird auch anständig bezahlt. Und man sieht was von der Welt. Der Leser erfährt, dass es zum Frühstück "Rührei mit gebackenem Schinken, verschiedene Säfte vom Buffet" gab. Den Kaffee fand er "ein wenig zu stark". Und dann: "Was es etwa 200 Kilometer südöstlich von Rangun entfernt zum Frühstück gab, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich nehme an, Brackwasser mit verfaultem Reis. Wenn überhaupt." So ist es. Und dann erzählt er noch, dass er darauf wartet, bis die Hotelangestellten die umgestürzten Bäume aus dem Swimmingpool entfernt haben, weil er ihn gern benützen möchte: "Baden in Zeiten von Flutkatastrophen - es mag geschmacklos klingen, aber ich fühle mich unschuldig." Und ich fühle mich nicht dazu bemüßigt, das zu kommentieren. Nur ganz allgemein: Den Mausshardt lese ich gern.
Einer muss es ja tun
Sie drehen wieder an der Spirale - mehr Polizeiüberwachung im Innern, Bundeswehreinsatz zu Hause und überall dort, wo uns was nicht passt, zum Beispiel, wenn "die Energiesicherheit, die Rohstoffversorgung oder die Seehandelswege gefährdet sind". Man muss ja den "internationalen Terrorismus" bekämpfen. Die "Sicherheitsstrategie für Deutschland" der CDU liest sich, als hätten George Bush und seine Junta extra deutsch gelernt, um den seit 2001 ständig wiederholten Sermon auch hier unter die Leute zu bringen. Man "behauptet eine durch den 'internationalen Terrorismus' vollständig umgepflügte Sicherheitslage und unterschlägt jede Analyse der ökonomischen, sozialen und kulturellen Wurzeln des Terrorismus", schreibt Christian Semler, der "sich unter anderem mit staatlicher Angstproduktion und mit den ausholenden Sicherheitsprojekten des Bundesinnenministers beschäftigt". Semler versucht den Kriegstreibern mit rechtsstaatlichen Argumenten beizukommen. Ob das Dr. Seltsam und seine Gang zur Kenntnis nehmen, möchte ich bezweifeln. Aber man muss es zumindest klar sagen, worauf die CDU-Politk hinausläuft: auf Kriegseinsätze. Und die kann man ja, Bush hat es vorgemacht, selbst vom Zaun brechen.
tvF - taz vom Feinsten
Warum steht so selten etwas über die Seiten "wirtschaft und umwelt" in diesem tazblog? Weil es an den Seiten "wirtschaft und umwelt" so selten etwas auszusetzen gibt. Den Namen wollte übrigens Andrea Ypsilanti dem Ministerium geben, dem Hermann Scheer vorstehen sollte in Hessen.
Links kommt vom Herzen
Seltsam, die Fotos von der Vereidigung des CDU-Ole von Beust und der Grünen-Christa Goetsch, die sich in der 'deutschland-taz' bildmäßig auf Augenhöhe begegnen: Er hebt zum Schwur die rechte Hand, sie die linke. Ob das tatsächlich so war? Oder ob die Gesetze des Layouts stärker waren als der Drang zur wahrhaftigen Darstellung der Ereignisse?
Derselbe Käse
Das Dilemma der Journalisten, die nicht am Ort des Geschehens in Birma sein können, zeigt auch die Seite 3. Nicola Glass, die in Bangkok sitzt, schreibt viel Hörensagen und die übliche westliche Propaganda, und im Endeffekt weiß sie auch nicht mehr als ein eifriger Fernsehgucker anderswo. Aber in der Wochenend-taz steht heute ein Hintergrundbericht, wie es in Birma überhaupt zu den politischen Verhältnissen in der Gegenwart gekommen ist. Da freu ich mich drauf, denn nach dem, was Frau Glass geschrieben hat, möchte ich jetzt doch mal wissen, weshalb diese Militärregierung so eifrig und einmütig und ständig in die Pfanne gehauen wird. Ich werd immer skeptisch, wenn sich alle einig sind. Schau mer mal. Bis morgen also.
18. 5. 2008 Frischer Wind
Ein letztes Mal Charlotte Roche und "Feuchtgebiete" - als wär mein Flehen erhört worden: Franziska Seyboldt macht im taz mag das Fenster auf, frische Luft kommt rein, und der Mief aus dem Kulturteil wird mit einer furiosen Buchbesprechung hinweggefegt. Sie bestätigt meine Vermutung von neulich, dass dieses Buch eben nicht von älteren Herren zwecks Pornografiegenuss gelesen wird: "Die Kategorisierung als Porno ist völlig überzogen. Wer spürt bei dem Gedanken, wie ein 18-jähriges Mädchen seinen Wundschorf isst, auch nur den leisesten Hauch von sexueller Erregung?" Es hilft nach Seyboldts Überzeugung auch nicht, dem Buch mangelnde Romanhandlung vorzuwerfen: "Das eigentliche Thema des Buchs ist der Umgang mit dem Körper an sich, und allem, was dazugehört". Also Aufklärung im besten Sinn, weg von "Bravo", weg von "Germany's Next Topmodel". Und so definiert Seyboldt denn auch die Zielgruppe von "Feuchtgebiete": "Glückselig sind die Teenager, die das Taschenbuch lesen dürfen, ohne von Mutti einen Schlag auf den Hinterkopf zu bekommen. Mit Hilfe von Charlotte Roche wird die Pubertät zu einem grandiosen Fest." Und: "Je mehr Menschen 'Feuchtgebiete' lesen, desto eher kann der hysterische, spätkapitalistische Hygienefanatismus unserer Gesellschaft gebremst werden." Franziska Seyboldt vermutet, dass das Buch dazu beiträgt, jungen Frauen und Mädchen mehr Selbstbewusstsein zu geben und sich von den Vorbildern der Werbung und "der gestrengen Oberlehrerein Heidi Klum" zu lösen. Na fein, da wünsch ich Charlotte Roche noch mal viel Erfolg. (siehe oben, 17. 5.)
AboAktion
Der taz geht's gut, das macht die fröhliche Abonnentenaktion deutlich. Die ganze Ausgabe im Vierfarbdruck mit bunten Bildchen auf jeder Seite - mein Gott, was das kooostet! Und auch noch 28 Seiten dick! Davon abgesehen: Was für ein lustiger Einfall. Mir wiederum fiel dazu ein, dass die taz von den Leuten gemacht wird, die einem auf der Straße begegnen, im Supermarkt an der Kasse oder in der U-Bahn, Menschen wie du und ich. Und eben keine Masse, sondern Einzelwesen, die alle mehr oder weniger freund- und unterschiedlich das "Danke"-Schild und die Blumen in die Kamera halten. Klasse Idee, sie alle im gleichen Bildausschnitt und im gleichen Licht zu fotografieren. Und schönen Dank auch für die Karte, lieber Richard Kniesel vom Abo/taz-Café! Das stärkt doch die Abonnenten-Blatt-Bindung, hehehe.
Endlich mal: reise
Issja nicht so, dass ich die reise-Seiten nicht lese, aber, zugegeben, eher selten. Heute stand da ein feines Stückchen von den reise-Leiterinnen Christel Burghoff und Edith Kresta. Dass die beiden tatsächlich das Ressort leiten, vermute ich nur, man erfährt ja nichts aus dem taz-Impressum (das werde ich jetzt immer wieder und so lange erwähnen, bis die wenigstens die leitenden Redakteure unter die Chefredaktion setzen. Oder mir einer sagt, weshalb sie das nicht machen). Na, jedenfalls war das schon mal ein Klassefoto von Christian Jungblodt, mit der V2 im Park von Peenemünde auf Usedom, und davor die Touristen am Cafétisch. Und ein sehr informativer Artikel - scheint ein gutes Konzept zu sein, mit dem sie da oben den Mythos V2 präsentieren, bzw. "allen Bedürfnissen nach Mystifizierung einen Riegel vorschieben." Wobei ich mich immer frage, wie man zu zweit einen Text verfasst. Darf da jede abwechselnd einen Absatz schreiben? Oder eine den Anfang, die andere den Schluss? Und wer setzt die Kommas?
Cockroach Kid
So heißt eine - hm? - Skulptur, deren Foto einen Bericht über zwei parallele Kunstausstellungen illustriert. Sehr verstörend. "Cockroach Kid" sieht aus wie eine hermaphroditische Puppe, ein nacktes Kind, ein stehendes Mädchen, das an den Hüften noch zwei Beine hat, die, abgewinkelt an den Knien, breit gespreizt nach vorne gereckt sind. Aus dem Bauch ragt ein Penis - oder eine Kakerlake. Die Künstler heißen Jake und Dinos Chapman, die "Skulptur" ist von 1994. Leider erfährt man aus dem Artikel, den das Foto illustriert, nichts zu "Cockroach Kid", aber die Ausstellungen heißen "Ad Absurdum", eine ist in Nordhorn, eine in Herford.
Antiwerbung
Unter einem von Klischees nur so triefenden Artikel über eine Wiener Musikerin/Sängerin/Liederschreiberin, die sich Gustav nennt, hat man eine Verlagswerbung gesetzt. Es geht um "Das Buch der verbrannten Bücher" von Volker Weidermann. In Großschrift knallt einem ein Zitat von Marcel Reich-Ranicki entgegen. Es klingt wie ein Befehl, dem man unverzüglich Folge leisten sollte, sonst ...: "Ich empfehle, fangen Sie an, dieses Buch zu lesen, schlagen Sie es einfach irgendwo auf." Jawoll, Herr Großkritiker! Weshalb ich den Beitrag über eine Frau namens Gustav klischeetriefend genannt habe? Würden Sie Musik hören wollen, von jemandem, der seine Arbeit so beschreibt: "Ich erzähle von der Unmöglichkeit, in den Städten ein lebenswertes Leben zu führen. Mich interessieren Gated Communities, Gentrification und Banlieues, die tägliche Demütigung durch Behörden und ganz allgemein die Vereinsamung im Kapitalismus." Ächz! Frau Gustavs Album heißt "Verlass die Stadt", ein Befehl, den ich genauso verweigere wie den von Reich-Ranicki. Lasst mich bloß in Ruhe! Das ist ein Befehl.
Kino, Kinski
Sag ich doch, Klaus Kinski war nicht verrückt. Kirsten Riesselmann hat sich den Film "Jesus Christus Erlöser" von Peter Geyer angeguckt und versichert mir, dass ich mal wieder recht hatte. (Ach wie schön ist es doch, recht zu haben. Man sollte jedes Mal ein fettes Honorar überwiesen bekommen, wenn man recht gehabt hat. Nach einer Weile, sagen wir, nach hundert Rechthabereien, darf man als Berufsbezeichnung "Rechthaber" auf die Visitenkarten drucken lassen.) Weshalb nur kann mir das Wort "Gemengelage" den ganzen Spaß an einer ansonsten feinen Filmkritik verderben? Weil ich das Wort Gemengelage absolut nicht ausstehen kann, deshalb.
Schwule Torhüter, analfixierte Kanzler
Oliver-Kahn-Samstag in der taz. Der Titel vorn drauf ist schon witzig, selbstironisch, wenn man sich dann anguckt, was und wer alles über ihn im Blatt geschrieben wird und schreibt. Markus Völkers Psychologie des Torwarts (nicht nur beim Elfmeter) hat mir sehr eingeleuchtet. Ein erhellender Satz sei hier zitiert: "Der Politiker Helmut Kohl wollte immer wissen, was hinten rauskommt. Der Torwart Kahn wollte stets verhindern, dass hinten was reinkommt. Beide waren in gewissem Sinne Ästheten des Analen." Ob Völker beim Schreiben dieses Einfalls breit vor sich hingrinsen musste, weiß ich nicht, ich jedenfalls musste es beim Lesen. Nach dieser Logik gibt es jedenfalls keine schwulen Torhüter.
Die Raffinessen der Bildredaktion
Besser kann man die Meldung zur kalifornischen Homoehe nicht illustrieren: Schwule und lesbische Paare dürfen jetzt laut Grundsatzurteil des obersten Gerichts heiraten. Dazu ein Foto von zwei fetten Lesben hinter einer großen Kitschtorte mit zwei Männerpüppchen im Smoking und zwei Frauenpüppchen im Hochzeitskleid. Wunderbar. Der Governator wurde von der Justiz gestoppt: Arnold Schwarzenegger war voll dagegen, jetzt muss er den Richterspruch achten. Hasta la vista, Baby!
Grüne Karrieren
Meldung bei "wirtschaft und umwelt": "Die ehemalige grüne Staatssekretärin im Umweltministerium Margarete Wolf setzt sich nun für eine längere Laufzeit von Atomkraftwerken ein." Sie arbeitet nach Informationen der Financial Times Deutschland für eine PR-Agentur, die wiederum für den Informationskreis Kernenergie arbeitet. Ziel der PR-Maßnahmen sei es, "das Klima für eine Verlängerung der Laufzeiten der deutschen Atomkraftwerke zu verbessern." Ja mei, von irgendwas muss Frau Wolf schließlich leben, gell?
Norbert Hansen
Meine Fresse, was für ne Fresse!
Eeeendlich: Birma-Informationen. tvF - taz vom Feinsten!
Die Seite ist mal wieder mit "der lange text" überschrieben. Der erscheint unregelmäßig in der taz - meistens Hintergrundberichte von jenseits des Tagesgeschehens. Dieser gar nicht so lange Text bringt genau die Informationen, auf die ich gewartet habe. Geschrieben hat ihn Hans-Bernd Zöllner vom Asien-Afrika-Institut an der Uni Hamburg, ein Spezialist für die "intellektuelle und politische Geschichte Birmas". Eine gute Wahl der taz-Redaktion, denn schreiben kann er auch noch, der Herr Zöllner. Und so entsteht das Bild von frühen Demütigungen Birmas durch die Briten, von einer verfehlten deutschen Außen- und Entwicklungspolitik, von deutscher Hilfe beim Bau von Waffen- und Alkoholfabriken, von Konkurrenz zwischen BRD und DDR bei der Hilfe fürs sozialistische Bruderland, von einseitiger Unterstützung der gar nicht so makellos reinen Bestrebungen der Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi und ihres Vaters. Man kann nach der Lektüre nur zustimmen: "Es lässt sich nur beklagen, wie groß das Missverhältnis zwischen den guten Absichten und den Kenntnissen über die komplexen Gründe des Elends ist." Hans-Bernd Zöllner nimmt kein Blatt vor den Mund und hat mit seinen 65 Jahren wohl auch keinen Grund mehr, aus Karrieregründen Rücksichten nehmen und unehrlich sein zu müssen. Er spricht von einer "doppelten Bildungskatastrophe". Sein Fazit zu Birma und der Berichterstattung in den deutschen Medien lautet: "Im Land selbst herrscht Bildungsnotstand, an der Basis ebenso wie an der Spitze der gesellschaftlichen Hierarchie. Dasselbe gilt aber für die Meinungsmacher und die Konsumenten solcher Meinungen in den entwickelten Ländern, darunter auch in Deutschland. Hier weiß man immer weniger über immer mehr und ersetzt das Nichtwissen zwangsläufig durch einfache Urteile." Zöllners taz-Beitrag sollte als Sonderdruck an alle Redaktionen von Presse und Fernsehen in Deutschland verschickt werden, an alle Regierungsmitglieder, und an alle politischen Parteien. Nach der Lektüre muss man gewiss nicht die Haltung der Generäle unterstützen, aber man versteht sie wenigstens besser.
20. 5. 2008
Verworren
Die Wahrheitseite wieder mal mit einem Dalai-Lama-Verriss. Dass den Redakteur das nicht selbst anödet? An dem Artikel, der sich mit Ritualmorden und Machtkämpfen innerhalb der tibetischen Exilgemeinde in Dharamsala befasst, ist nichts komisch, nichts satirisch, kein Augenzwinkern, kein Funken Humor, nicht mal schwarzer, nicht mal der oft missglückte Wahrheit-Humor (wie neulich mit dem Mohrenarsch). Ein geifernder Mensch, der schon des Öfteren auf der Wahrheitseite gedruckt wurde, und nur ein Thema kennt, kriegt mal wieder ein Forum für seinen Hass auf den Dalai Lama. Der Autor hat ganz offensichtlich ein persönliches Problem, und der Wahrheit-Redakteur gibt ihm in unregelmäßigen Abständen die Gelegenheit, es öffentlich auszustellen. Dabei kann der Autor nicht einmal begründen, weshalb er den Dalai Lama kritisiert - weil der sich gegen eine Sekte wehrt, die Menschen umbringt und ihn ermorden will? "Verworren" sei die These des Dalai Lama, diese Sekte werde von China unterstützt, um ihn in Misskredit zu bringen. Mir erscheint eher dieser Einmannfeldzug auf der Wahrheitseite eine sehr verworrene Angelegenheit zu sein.
Rund wie der Ball
Schöne Themenauswahl zum Bundesligaabschluss auf den beiden Seiten "leibesübungen" - Magath in Wolfsburg, Club beim Abstieg, Bremen oben, Leverkusen unten, und 1899 "Viel Kohle" Hoffenheim beim Aufstieg. Eine Sportredaktion, die traditionsgemäß nicht über Autorennen berichtet, kann eben nicht ganz schlecht sein. Übrigens scheint die Frage, wer Fußballmeister wird, in Frankreich noch langweiliger zu sein als hier bei uns: Zum siebten Mal hintereinander Olympique Lyon.
Handspiegel und Schweißbänder
An der Diskussion, ob "Candy Girls" als erste Fernsehserie überhaupt nur im Internet gesehen werden kann, will ich mich nicht beteiligen. Aber schön ist, dass Klaus Raab über das Phänomen MySpace auf der Medienseite berichtet. Und "Lagerfeuer 2.0" ist ein feiner Titel für den Artikel. Und wenn daneben nicht ein kleines Stück über prager frühling stehen würde, eine neue Zeitschrift, die von Mitgliedern der Linkspartei herausgegeben wird, hätte ich wohl längere Zeit nichts davon erfahren. Überraschend: Die Autorin Lana Stille enthält sich jeder Polemik gegen die Linke, schreibt einfach über die Zeitschrift und findet sie "thematisch locker und luftig". Nebenbei bemerkt: prager frühling ist ein feiner Titel für eine Zeitschrift.
Bundesliga 2.0
Wenn die "leibesübungen" schon mal eine solch tolle Vorlage geben, wollen die tazzwei-Redakteure halt auch noch ein Tor schießen. Ob es Eigentor war, wird wohl erst die Wiederholung in Zeitlupe zeigen: Ist der Club wirklich "als amtierender Pokalsieger abgestiegen", wie Lukas Wallraff meint? Ist das nicht längst Bayern München?
McCain - da wird mir schlecht
Die Vorwahlkolumne von Dagmar Herzog lese ich wirklich gern. In der 15. Lieferung befasst sie sich mit der Heuchelei von John McCain, und wenn ich mir vorstelle, dass Barack Obama gegen den Kerl verliert, wird mir schlecht. Das wäre der Sieg von alt gegen neu. McCain verkörpert wie kein Zweiter das Establishment, die übliche Art konservativer Politik, das Weiter-So, die unheilvolle Kriegspolitik. Mit ihm würde der militärisch-industrielle Komplex weiterregieren, vor dem der Präsident Dwight D. Eisenhower 1961 so vehement gewarnt hatte. Eisenhowers Abschiedsrede am Ende seiner Präsidentschaft war eine Sensation: Ein Ex-General, der die unheilvolle Umstellung der US-Wirtschaft auf Kriegsgüter anprangert und ein Ende der Waffenproduktion fordert. Die Warnung hat nichts genützt. Erst ging's nach Vietnam, und heute hat, wie ein Leser von taz.de es ein paar Zeilen weiter unten ausdrückt, immer noch "diese USA-Pentagon-Mörderbande das Sagen" - der "militärisch-industrielle Komplex".
Verräter eigentlich nicht
Die Leserbriefredakteurin mag zwar mein tazblog nicht, aber sie leistet gute Arbeit. Zum Thema Norbert Hansen, dem Gewerkschaftsführer, der die Seiten gewechselt hat und demnächst für die Bahn Stellen abbaut (siehe unten, "Meine Fresse") druckt sie, auf Leseranregung, einen langen Beitrag von Ignaz Wrobel aus dem Jahr 1931 ab. Das hätte auch ein Autor von heute schreiben können, so aktuell liest es sich. Die Frage wäre nur - kann heute jemand schreiben wie Kurt Tucholsky? Der verbarg sich nämlich hinter dem Pseudonym. Er sagte dazu: "Wrobel – so hieß unser Rechenbuch; und weil mir der Name Ignaz besonders häßlich erschien, kratzbürstig und ganz und gar abscheulich, beging ich diesen kleinen Akt der Selbstzerstörung und taufte so einen Bezirk meines Wesens."
Die Populistin
Die allseits beliebte Frau Merkel betreibt eine Politik, dass einem das kalte Grausen kommt. Und die Volksverdummung der Medien von ARD bis BILD und FAZ zeigt Wirkung: Angela Merkel führt bei allen Umfragen die Hitparade der beliebtesten Politiker des Landes an. Es ist nicht zu fassen. Bevor ich mich mal wieder aufrege, zitiere ich lieber Gerhard Dilger von der Meinungsseite, der "Eine Spur der Zerstörung" sieht, die Angela "Angie" Merkel in Lateinamerika hinterlassen hat: Merkels "Kurs entspricht durchaus einer EU-Politik, die einseitig auf Konzerninteressen ausgerichtet ist. (...) Besonders skandalös ist der Schulterschluss mit Washington in Kolumbien: Trotz engster Beziehungen des (Alvaro) Uribe-Umfeldes zu den rechtsextremen Paramilitärs und der Drogenmafia verspricht ihm Merkel weitere Unterstützung bei seiner gescheiterten 'Antidrogen'-Politik und seinem Krieg gegen die Guerillla." Gleichzeitig verhindert die CDU im eigenen Land, dass endlich ein allgemeiner Mindestlohn eingeführt wird, damit die Menschen, die heute arbeiten, wenigstens jetzt von ihrer Arbeit leben können. Für eine Rente später reicht's sowieso nicht. Sieht denn keiner die Zusammenhänge? Doch, Perus Präsident Alan Garcia. Er rief dazu auf, "den Wahnsinn des Wettrüstens zu beenden." Garcia forderte die EU auf, keine Waffen mehr nach Lateinamerika zu liefern. Die 40 Milliarden Dollar hätten lieber für die soziale Entwicklung aufgewendet werden sollen. Und die Unterstützung für den Mistkerl Alvaro Uribe wären besser zur Sanierung des Rentensystems in Deutschland angelegt; zur Abschaffung der Praxisgebühr und der Studiengebühren; für den Nulltarif im öffentlichen Nahverkehr; für den Ausbau des Schienennetzes der DB; für kostenfreie Kindergartenplätze. (weitere Vorschläge bitte hier eintragen:
Danke.) Die nette Angela Merkel ist eine knallhart kalkulierende Neoliberale - früher nannte man diese Sorte Kapitalistenknechte -, die Politik für den Bundesverband der Deutschen Industrie betreibt. Es ist ihr völlig egal, dass die Autoindustrie den Planeten ruiniert - Hauptsache, sie fährt jetzt in der Gegenwart Rekordprofite ein. Und Merkel hilft feste dabei. Die Rolle der Medien bei dem ruchlosen Spiel: mit Fotos von Merkels Dekolleté von ihrer menschenverachtenden Politik ablenken. Eines der Staatsoberhäupter, die Merkel demonstrativ nicht besucht hat, Evo Morales, der Präsident von Bolivien, sagte vor zehntausenden von Menschen bei einer Rede in Lima: "Es wird erst Gleichheit und Gerechtigkeit geben, wenn wir die neoliberalen Regierungen besiegen. Die grenzenlose Industrialisierung macht es unmöglich, die Umwelt zu erhalten." Da nimmt Fidel Castros Wahlspruch "Sozialismus oder Tod" eine viel umfassendere Bedeutung an, als er in den fünfziger Jahren hatte. Kein Wunder, dass Merkel einen weiten Bogen um Evo Morales gemacht hat.
Sprung in der Platte
Immer noch wird der größte Unsinn damit verteidigt, dass mit dem Scheiß, den man herstellt, Arbeitsplätze geschaffen werden. Ob es sich dabei um Betonierung von Wiesen und Feldern, Zerstörung von Wäldern, Herstellung von Waffen gegen Menschen (Minen, Streubomben, Heckler & Koch-Gewehre) oder Waffen gegen die Natur (Autos) handelt, ist gleichgültig. Ein neues Porsche-Modell schafft "rund 600 neue Jobs in Leipzig, 1.500 in Zuffenhausen, in Weissach sowie bei Zulieferern." Das verkündete der Vertriebsvorstand Berning derm Gehirnwäschefachblatt Auto, Motor und Sport.
Bunter Untergang
Sehr schön, die vierfarbige Doppelseite zum Untergang unserer Mitgeschöpfe auf Seite 4 und 5, für solche Großproduktionen hat Farbe Sinn. Zeit, mal wieder Kurt Vonnegut zu zitieren (aus Requiem, einem seiner letzten Gedichte:) Wenn das letzte Lebewesen wegen uns gestorben ist, wie poetisch wäre es doch, wenn die Erde dann mit einer Stimme, die vielleicht vom Boden des Grand Canyon aufsteigt, sagen könnte: «Es ist vollbracht.» Den Menschen hat es hier nicht gefallen.
21. 5. 2008
Oh, wie bist du schön!
Ach, was für eine Freude, auf diese Schlagzeile (Seite 10, taz vom 20. 5. 2008) habe ich seit Anfang des Jahres sehnsüchtig gewartet:
"Hillary Clinton hat keine Chance mehr"
Und weil die taz erst morgen von den Vorwahlen in Oregon und Kentucky berichten wird, hier schon mal mein Eintrag in "Blog + Leseproben" vom 1. April:
Unbedingt Obama!
Hier kommt das Barack-Obama-Unterstützungskomitee zu Wort. Schon vor zwei Jahren hat Neil Young auf seinem Album "Living with War" in dem Song "Looking for a Leader" einen jungen Senator aus Illinois als nächsten Präsidenten vorgeschlagen ("maybe it's Obama, but he thinks he's too young"). Ich hatte zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung, wer oder was ein Obama sein könnte. Seitdem habe ich mich sehr für Barack Obama interessiert. Ich kann nur sagen: Gott schütze ihn! Die Rede, die er Mitte März 2008 in Philapelphia gehalten hat gibt's vollständig auf YouTube, 37 Minuten lang. (Die Links zu all diesen feinen Info-Häppchen finden Sie, wenn Sie oben in der Leiste "Bevorzugte Links" anklicken.) Schade, dass es für die Rede keine deutschen Untertitel gibt. In der International Herald Tribune steht der volle Text im Netz. Was für Leute Barack Obama unterstützen, kann man ebenfalls bei YouTube sehen. Da hat der Rapper Will.I.am ein Video reingestellt: Yes we can. Will.I.am benützt eine Rede von Obama als Grundlage für eine Art Gospel-Rap. Da machen viele Musiker mit, die ich alle nicht kenne, darunter eine atemraubend schöne schwarze Sängerin, aber auch die schöne Schauspielerin Scarlett Johansson. Produziert wurde das Vier-Minuten-Filmchen von Jesse Dylan, der einen sehr berühmten Vater hat. Warum ich das hier reinschreibe? Weil ich davon überzeugt bin, dass Barack Obama als einziger der drei Kandidaten - vielleicht - imstande sein wird, die Kriegsmaschinerie zu stoppen. Neil Young meint in seinem Song, der neue leader müsste den Großen Geist auf seiner Seite haben. Möge der Große Manitou ihm beistehen! Noch was: Die Grateful Dead, zumindest drei der Überlebenden - stehen auch hinter Barack Obama, haben sogar ein Benefizkonzert gegeben für ihn. Phil Lesh, Bob Weir und Mickey Hart spielten Anfang April zum ersten Mal seit vier Jahren wieder zusammen auf einer Bühne, um Senator Obama zu unterstützen.
Net amal ignorieren
Das sagt man so, wenn man etwas oder eine Person unsäglich findet: Gar net ignorieren. Deshalb werde ich das geheime Tagebuch der Carla Bruni auf der Wahrheitseite heute nicht einmal erwähnen. Und zum Mohrenarsch sag ich auch nichts mehr, erst morgen wieder. Ich lese noch "das wetter: der spieler" und blättere auf die "leibesübungen", erfahre alles über TSG 1899 Hoffenheim, und lese dann
Klaus Theweleit auf "flimmern und rauschen"
Er schreibt über einen Dokumentarfilm ("Konspirantinnen" von Paul Meyer), der "den nationalpolnischen Aufstand von 1944 dem Vergessen entreißt". Ehrlich gesagt,davon wusste ich bis heute nichts. Vom 1. 8. bis 2. 10.1944 kamen dabei 200.000 Menschen um, darunter 8.000 deutsche Besatzer. Theweleit erwähnt nebenbei eine "litauische Adlige, die im polnischen Aufstand 1830/32 gegen die russischen Besatzer eine Schwadron anführte" und führt sie so ein: "Als historische Figur steht Emilia Plater Pate." Hm. Den Namen und das Wort Pate hätte ich nicht so nebeneinander gestellt. Naja, das ist eine Stilfrage. Und überlegt hätte ich auch noch, ob sie nicht eher Patin steht. Das ist keine Stilfrage.
Farbdichotomien
Sakra, nix les ich lieber als die Musikkritiken auf den Kulturseiten. Sehen Sie selbst, schon der Titel: "Und sie reitet das Pferd". Untertitel: "Schwarz auf weiß: Die afroamerikanische Musikerin Santogold aus Brooklyn/NYC betreibt auf ihrem Debütalbum mitreißend und gekonnt Genre-Bending zwischen Dub, Elektro, Punk und Wave". Meine Güte, und ich hätte darauf getippt, dass sie Musik macht. Und dann wird von Sonja Eismann gleich auf die Pauke gehauen, dass es nur so kracht: "Die afroamerikanische US-Musikerin, die bereits jetzt als heißeste Neuentdeckung des Jahres 2008 gefeiert wurde." Von wem? Von ihrer Plattenfirma vermute ich mal. Und die hat wohl all die heißen Wörter verstreut. Wobei ich schon bei "afroamerikanische US-Musikerin" hängen bleibe. Ich find's problematisch, schwarze US-Bürger "afroamerikanisch" zu nennen. Das sind US-Amerikaner, die haben mit Ihnen und mir gemeinsam, dass unsere Vorfahren alle einmal aus Afrika gekommen sind, aber die meisten haben mit Afrika weniger zu tun als ich. (Nur um zu erläutern, was ich meine: Ich war mal kurz in Seuta, weil ich nach Marokko einreisen wollte, durfte aber nicht. Und drei Mal habe ich Freunde in Südafrika besucht. Die meisten schwarzen Amerikaner, die heute leben, sind in den USA aufgewachsen und waren noch nie in Afrika.) Die Musikkritik geht dann weiter, und ich erfahre, dass in 1 "amerikanischen Musikblog" 1 "User" "auf das Gerücht" anspielte, sie "mache schwarzen Rock für Weiße". (Und in Obergiesing ist 1 Fahrradl umgefallen.) Die heißeste Neuentdeckung, "deren ungerührte Verquickung verschiedenster Einflüsse Kritiker und Fans schon Monate vor dem Erscheinen ihres ersten selbstbetitelten Soloalbums in Sphären der Verzückung katapultierte, ärgert diese essenzialistische Rezeption maßlos." Aber so tragisch ist das dann doch nicht, wenn 1 User auf 1 Gerücht anspielt, denn "Kanye West ist angeblich auch ihr Fan. Und wenn sie dann noch dazu beitragen kann, dass überflüssige Farbdichotomien aus unserem Verständnis von Pop gekickt werden, ist ihr Platz in der Musikgeschichte sowieso sicher." Warum hab ich nur das Gefühl, das jede Journalistengeneration immer wieder von vorn anfängt, als wäre vor ihr nichts geschehen? Und dass man anscheinend ein paar Jahre in dem Gewerbe tätig sein muss, um maßlos übertriebene PR der Plattenfirmen als schlichten Hype zu erkennen: Leute, die kein Schlagzeug spielen können, hauen eben gern mit Wörtern auf die Pauke.
Post für dich
Ob es mehr als eine halbe tazzwei-Seite wert ist, über eine Briefmarke mit dem Bild von Rudolf Heß zu berichten? Hintergrund: Die Deutsche Post AG bietet im Internet "Plusbriefe" an. Da kann man eigene Motive für Briefmarken auswählen, die Post druckt sie aus und schickt sie einem zu, und die gelten dann wie offizielle. Jemand hat das ausgenützt, und eine Briefmarke mit dem Bild von Heß drucken lassen. Der Artikel ist schöne Werbung für das Postangebot. Wie gefährlich eine Rudolf-Heß-Marke, die wahrscheinlich eh nur in bereits überzeugten Kreisen zirkuliert, für die FDGO sein könnte, wage ich nicht zu beurteilen. (Was, Sie wissen nicht was FDGO bedeutet? Kein Wunder, die Abkürzung kam in den letzten Jahren ein bisschen aus der Mode. Steht für: freiheitlich-demokratische Grundordnung.) Was ich aber beurteilen kann: Links sein bedeutet, dem politischen Gegner an Menschlichkeit voraus zu sein. Wenn ich mich auf das menschenverachtende Niveau der Rechten herablasse, werd ich wie sie, dann macht links und rechts keinen Unterschied. Und andere Menschen als "Hackfressen" zu bezeichnen, wie in der Bildunterschrift zu einem Foto von Heß-Anhängern beim Gedenkmarsch in Wunsiedel, das zeugt von Hass. Und den sollte man den Rechten überlassen.
"Wir müssen stark werden - ohne je unsere Zärtlichkeit zu verlieren." Che Guevara (Foto © hp)
Gott schütze Barack Obama
Nicht viel Neues steht im Interview mit dem Amerikanisten Volker Depkat zum Thema Obama, aber dass er seine Auftritte im Vorwahlkampf inszeniert "als eine Mischung aus Popkonzert und religiöser Andacht" scheint mir gut beobachtet. Zwei klasse Fotos: Oben eine Gruppe seiner Anhänger hinter einer Absperrung, alle im jungendlichen Alter, fast alle weiße Mädchen, dazwischen ein kleiner schwarzer Junge, der sich vorgedrängt hat, alle Gesichter strahlen, variieren zwischen heller Freude, Jubel und Entzücken, und ich werde unwillkürlich an die Beatles-Fans in den frühen sechziger Jahren erinnert. Unten auf der Seite ein Foto von Obama hinter der Bühne, allein neben einem Notausgang. Er wirkt entspannt und gleichzeitig konzentriert, lehnt mit dem Rücken und dem Kopf an der Wand, Kinn vorgestreckt, Arme verschränkt, ein Fuß über den anderen gelegt, Anzug, Krawatte, weißes Hemd. Er bereitet sich mental auf den Auftritt vor, und er sieht stark aus, und er sieht auch aus, als könnte er alle Hilfe der Welt brauchen. Denn er hat Gegner, die vor nichts zurückschrecken.
Lügen durch Weglassen
Wenn's nach mir ginge, würde die taz-Wirtschaftsredaktion das Finanzministerium übernehmen und eine Steuerreform nach den Vorstellungen von Ulrike Herrmann durchsetzen. Sie weist in ihrem Kommentar auf den entscheidenden Punkt bei der Steuerdebatte hin: "Das Unwissen der meisten Wähler wird nirgendwo so ausgebeutet wie im Steuerstreit." Und die Politiker, die jede Woche mit neuen Vorschlägen ankommen, wissen sehr gut, dass sie durch Weglassen der tatsächlichen Folgen Wähler täuschen, belügen und betrügen. Und es läuft immer auf das hinaus, was Erich Kästner 1931 in seinem Roman "Fabian" geschrieben hat: "Der Staat beschleunigt den Schwund der Massenkaufkraft durch Steuern, die er den Besitzenden nicht aufzubürden wagt." Ulrike Herrmann hat genau hingehört, als dem CSU-Mittelstandschef Hans Michelbach in einem Fernsehinterview herausgerutscht ist, "er wolle die 16 Millionen 'Leistungsträger' entlasten. Das ist eine sehr freimütige Äußerung, zumal in der CSU, die sich offiziell als Volkspartei versteht: Insgesamt sind 40 Millionen in Deutschland erwerbstätig. Von den geplanten Steuersenkungen würde vor allem das obere Drittel profitieren."
SPD - oh weh!
Schwer, sich der Polemik zu enthalten: Wer eine "Zwangsprostituierte" vögelt, soll bestraft werden. Auf diese Idee kann nur eine SPD-Ministerin kommen. Woran soll einer denn Zwangsprostituierte erkennen? Tragen die Schilder? "Ich bin illegal in Deutschland und werde zur Prostitution gezwungen". Noch toller die Vorschläge der CDU: Die will schon Strafen einführen, wenn jemand "leichtfertig" die Zwangslage einer Frau nicht erkennt. Brigitte Zypries plädiert mit ihrem SPD-Kompromiss für Freiheitsstrafen von bis zu zehn Jahren, wenn Sexkunden "unter Ausnutzung einer Lage, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist" Frauen sexuell missbrauchen. So weit ich weiß, nennt man das Vergewaltigung, und die ist sowieso strafbar. Glauben diese Politiker im Ernst an den Alice-Schwarzer-Wahn, dass die meisten Frauen zur Prostitution gezwungen werden? Heh, Alice, das sind häufig gescheite Frauen, die gemerkt haben, dass man damit ohne Abitur und Studium (aber auch mit) ganz schnell viel Geld verdienen kann. Oder junge Frauen, die lieber selbst bestimmen, wann und wie sie ihr Geld verdienen, und sich nicht von einem Bürojob und einem ausbeuterischen Chef die Arbeitszeit diktieren lassen wollen. Diese Frauen brauchen keinen Zuhälter, die sind selbständig, freiberuflich, und ganz allein für ihr Geschäft verantwortlich. In der Wirklichkeit da draußen, von der sich die Politikerklasse so weit entfernt hat, geht es doch darum, Frauen und Mädchen zu schützen, die zur Prostitution gezwungen werden. Dabei hilft es wenig bis gar nichts, die Kunden zu bestrafen oder Prostitution ganz zu verbieten.Das treibt nur die Preise in die Höhe, die Gewinnspanne wird größer, und das Geschäft übernimmt die Mafia. Das war bei der Prohibition für Alkohol so, das ist beim Handel mit Hanfprodukten so, und das ist wohl auch in Schweden der Fall. Dort wurde Prostitution per Gesetz verboten, und seitdem gibt es in Schweden keine mehr. Wenn Sie das glauben, kann man Ihnen auch weißmachen, dass hierzulande alle Macht vom Volk ausgeht.
Streubomben schaffen Arbeitsplätze
Im Auftrag der Rüstungsindustrie hat meine Regierung, die aber auch Ihre Regierung ist, laut taz "die Kritik aus allen Fraktionen" des Bundestags "missachtet" und sich bei der Verhandlungsrunde in Dublin gegen ein vollständiges Verbot von Streubomben ausgesprochen. Von hier an zitiere ich Andreas Zumach: Die deutsche Bundesregierung "hält Streubombenmunition weiterhin für militärisch erforderlich und will die Typen, die wegen Selbstzerstörungsmechanismen oder anderer technischer Spezifikation angeblich keine Gefahr darstellen, von einem Verbot ausnehmen. Dabei handelt es sich um Typen, die bereits in Arsenalen der Bundeswehr befinden, sowie um die von Rheinmetall, Diehl und anderen deutschen Rüstungsfirmen betriebene Neuentwicklung, mit denen die Unternehmen große Exportinteressen verbinden." Nichts Neues im Westen: Deutschland liefert die Waffen in alle Krisengebiete dieser Welt, und so richtig fett gewachsen sind die Rüstungsexporte im ersten Jahr der Schröder-Fischer-Regierung. Und seitdem steigen sie ständig. Mir fällt dabei mal wieder Arlo Guthries Vater Woody ein, der seinen Mitbürgern immer vorgesungen hat, dass dieses Land ihr Land sei, und eben auch sein Land, und dass man es sich von den Dreckskerlen nicht wegnehmen lassen darf. Und er hat damit ausdrücklich die Ausbeuter und Kriegsgewinnler gemeint.
This land is your land this land is my land from California to the New York Island from the Redwood Forest to the Gulf Stream waters this land was made for you and me
Birma: Der koloniale Blick
Der seltene Fall, dass am selben Tag ein taz-Bericht und ein kritischer Leserbrief dazu erscheint: Nicola Glass berichtet wie immer aus Bangkok über Birma, Leserin Katharina Lenner kritisiert allgemein die Grundhaltung der Berichte: "Es wird suggeriert, sie (die westlichen Hilfsorganisationen) wären neutrale, selbstlose Akteure, die - ebenso wie die Betroffenen der Katastrophe - Opfer der irrationalen Entscheidungen der birmanischen Junta werden. (...) Der Anspruch der birmanischen Regierung dies (die Katastrophenhilfe) selbst zu tun, wird als absurd zurückgewiesen. Diese Argumentationsweise hat eine lange Tradition: Die Unfähigkeit außereuropäischer Völker, sich selbst zu regieren, bildet schon seit Jahrhunderten eine zentrale Legitimation für koloniale und postkoloniale Herrschaft und ist auch in scheinbar neutralen Institutionen wie den UN weiterhin gängig." Dabei haben die Militärs inzwischen Helfer ins Land gelassen, wie Frau Glass berichtet: "Die Junta gibt grünes Licht für Helfer aus Südostasien, die sich im Katastrophengebiet frei bewegen dürfen." Nun kann man also nur noch beklagen, dass "Helfer aus dem Westen weiterhin gar nicht oder nur 'von Fall zu Fall' einreisen dürfen." Frau Lenner scheint richtig zu liegen, wenn man von Nicola Glass erfährt: "China und Indien ... äußerten sich auch nach der Sturmkatastrophe nicht öffentlich zur Ignoranz und zum kläglichen Krisenmanagement der Militärs." Und auch die Haltung der UN bestätigt die Einschätzung der taz-Leserin, wie Nicola Glass deutlich macht: "UN-Generalsekretär Ban Ki Moon entsandte seinen Hilfskoordinator John Holmes, der die Militärs dazu bewegen soll, mehr internationale Hilfsorganisationen, vor allem aus dem Westen, ins Land zu lassen."
Meine liebe Schwan!
Gesine Schwan will (immer noch oder schon wieder) Bundespräsidentin werden. Und dass geht nur mit Hilfe der "verfassungsfeindlichen" (Erwin Huber) Linkspartei. Das Porträtfoto der Noch-nicht-Kandidatin könnte nicht schöner sein. Bildunterschrift: "Gesine Schwan möchte Bundespräsidentin werden". Die taz-Bildredakteurin will es ganz offensichtlich auch.
Links, wo polemisiert wird
Was für ein Unsinn hier mal wieder über die Linkspartei verzapft wird! "Geheimdienste spalten Linkspartei" - schon im Titel wird das Wunschdenken des Redakteurs deutlich. Es geht um Wolfgang Neskovic, den rechtspolitischen Sprecher der Bundestagsfraktion. "Zwei Ideen ärgern die zahlreichen Geheimdienstkritiker in der Partei besonders: So sollen Abgeordnete künftig zu exklusiven Treffen wie der Präsidentenrunde und der nachrichtendienstlichen Lage im Kanzleramt Zugang erhalten. Zudem soll das parlamentarische Kontrollgremium mit Dereiviertelmehrheit erlauben können, Parlamentarier zu bespitzeln. Schnüffler, so der Umkehrschluss, hält Neskovic also generell für legitim." Häh? Veit Medicks grundsätzlich eingeschränkter Blick beim Schreiben über die Linkspartei hat sich hier wohl ganz verschleiert. Könnten Sie eben mal kurz die Scheuklappen und Ohrenschützer abnehmen? Danke. Neskovic will größere Kontrolle dieser undemokratischen Zirkel wie "Präsidentenrunde" und "nachrichtendienstliche Lage". Das ärgert ganz bestimmt keinen Geheimdienstkritiker der Linkspartei. Was die ärgert, ist der Pragmatismus von Neskovic, der genau weiß, dass die Geheimdienste nicht abgeschafft werden, auch wenn sich das manche Leute in der Linkspartei wünschen. Und wenn man die "Schnüffler", wie Medick sie nennt, nicht abschaffen kann, sollte man sie wenigstens besser kontrollieren. Ja? Herr Medick! Hallo! Hm. Jetzt hat er Scheuklappen und Ohrenschützer wieder aufgesetzt. Anscheinend schreibt er den nächsten Artikel über die Linkspartei.
22. 5. 2008
Il Fenomeno
So richtig gehören die Beiträge von Klaus Wittmann eigentlich nicht auf die Wahrheitseite - aber wo sonst soll man sie unterbringen? Wittmann schreibt keine wie auch immer definierte Satiren, er berichtet vom Eigenartigen in der Welt, dem etwas Danebenen, und meist beschränkt er sich auf Bayrisch-Südwest, die Region zwischen Bodensee und Augsburg. Bei mir haben seine Beiträge einen festen Platz im Ressort "Immer wieder gern gelesen". Wittmanns Bericht über Il Fenomeno hat seinen Ursprung ebenfalls im Allgäu, weil dort eine Wette abgeschlossen wird, aber dann geht's ab in die Gegend nördlich von Rom, unweit von Castelgandolfo, wo die Päpste immer sommerfrischen. Dort gibt's ein Stück abschüssige Landstraße, auf der die Autos, wenn man sie mit ausgeschaltetem Motor abstellt, bergauf rollen. Bisher weiß kein Schwein, weshalb das so ist, und wir stehen vor einem Rätsel, dass bisher auch für "die Wissenschaft" im Verborgenen blieb. So nennt man es eben "Das Phänomen". Ich gebe gern Wittmanns Information weiter: "Wer 'Il Fenomeno' bewundern möchte, gebe bei YouTube.com zum Beispiel die Stichwörter 'Salita' und 'Arricia' ein." Drunter schreibt Susanne Fischer mal wieder, und bei der habe ich immer den Eindruck, ihre Beiträge entsprechen genau dem, was sich die Urheber der Wahrheitseite mal bei Einführung derselben vorgestellt haben. Nicht vergessen: Oben rechts, "das wetter". "Ach, der Halunke liebte die Halunkerei. Er hatte den tollsten Beruf der Welt."
Ökosexfoto nachgestellt!
Auf "flimmern und rauschen" wird die erschütternde Wahrheit offensichtlich: Das Autorenfoto, mit dem Martin Unfried auf seine "Ökosex"-Kolumne aufmerksam zu machen pflegt, ist nachgestellt, vom erhobenen Zeigefinger bis zum pfiffigen Lächeln. Echt ist nur die Brille, die trägt Ernst Huberti nicht. Dank an die Bildredaktion, die ein Foto der Sportschaumoderatoren von 1957 ausgegraben hat. Huberti hält ein Schild in die Kamera, assistiert von Dieter Adler und Addi Furler, und ja, er streckt den Zeigefinger wie einst Lehrer Lämpel. Nur um dem betagteren Lesepublikum die Tränen der Nostalgie noch etwas stärker in die Augen zu treiben, möchte ich die Namen wiederholen: Addi Furler, Dieter Adler und Ernst Huberti. Sagen Ihnen nichts? Typischer Fall von spät geboren! Schauen Sie doch mal wieder bei Ihrem Großvater vorbei: "Opa, erzählst du mir, wie das damals war, als Addi Furler noch über Pferderennen berichtet hat?"
Indiana Jones und der Fortsetzungszwang
Vor ein paar Tagen berichtete Cristina Nord aus Cannes, dass nur die Topjournalisten (also die mit der hohen Auflage) Zugang zur Vorführung von "Indiana Jones" erhielten. Das ist schon irgendwo demütigend, aber sie kann sich trösten, denn der Kollege, den sie zitiert hat, beschrieb die Formel ja sehr treffend: "Man fängt den Film mit einer Explosion an und steigert sich dann langsam." Steven Spielberg und George Lucas können ihren Spieltrieb und den Hang zum Geldausgeben, um noch mehr zu verdienen, eben nicht unterdrücken. Aber ich bin sicher, dass sie mein Geld nicht kriegen.
Die Weiberleit, die Weiberleit
Die Überschrift zitiert einen Dialog aus dem in ganz Süddeutschland und Österreich weltberühmten Grusical "Der Watzmann ruft" von Wolfgang Ambros und diversen seiner Beisl-Kumpanen. Etwas seriöser geht Brigitte Werneburg mit dem Thema Weiberleit um in ihrem Bericht aus New York über Kunst und die feministische Revolution. Ganz wunderbar ihre Beschreibung eines Videos von Rebecca Horn, "... das sie in den 70er-Jahren produzierte und das die beschatteten, nackten Schultern einer Frau mit einem riesigen Afro in der Rückenansicht zeigt. Während sich die Protagonistin langsam der Kamera und damit dem Betrachter zuwendet, fragt man sich unwillkürlich, ob sie in Profil und Frontalansicht wohl so attraktiv und exotisch ausschaut, wie es der Afro erwarten lässt. Aber da ist schon der pikante Moment erreicht, in dem klar wird: Hey, dieser Afro kennt weder Anfang noch Ende! Er umgibt das ganze Gesicht! Atemberaubend, wie Horn damals lakonisch, komisch und präzise unsere Erwartungen samt ihrem unterschwelligen Sexismus und Rassismus ad absurdum führte." Aufregende Kunst scheint mir auch das Mode- und Kunstmagazin Visionaire zu sein. Es erscheint als runde Plastikbox mit fünf Vinylschallplatten. Schon fragt man sich, wer heutzutage noch einen Plattenspieler hat, erfährt man des Rätsels Lösung: Es gab mal ein japanisches Spielzeugauto mit Abtastnadel und Lautsprecher, das die Rillen entlangfuhr. Zeitgemäß tat man sich jetzt mit den Herstellern des neuen Modells "Clubman" von Mini zusammen, und so macht man ganz nebenbei Autowerbung. Schlau.
Furchtlos, frech, wahrhaftig
Die Kolumne von Bettina Gaus ("Keine Angst vor George W. Bush") sollte man an den Journalistenschulen verteilen. Im Gegensatz zu Deutschland hat sich in den USA die Auffassung von I. F. Stone aus den späten fünfziger Jahren noch nicht verflüchtigt, dass es "die vornehmste Aufgabe einer Zeitung ist, ihrer Regierung die Hölle heiß zu machen." Das gilt bis heute sogar für Fernsehjournalisten, wenn sie außerhalb der großen Volksverdummungssender arbeiten. Oder könnten Sie sich ein Interview mit George Bush vorstellen, in dem ein Journalist wie Keith Olberman zu seinem Präsidenten sagt: "Ich gebe ihnen noch einen letzten Rat: Halten Sie verdammt noch mal den Mund!" Schön auch die Formulierung: "Dringt es immer noch nicht durch ihren Dunstschleier aus Selbstbeweihräucherung und Selbstmitleid, dass diese Nation den Irak in Schutt und Asche gelegt hat, um Ihre politischen Ziele zu erreichen?" Seehr gut, und sehr verdienstvoll von Bettina Gaus, ihre deutschen Kollegen mal wieder dran zu erinnern, dass Meinungs- und Redefreiheit für alle gilt, nicht nur für die Mächtigen und ihre Helfer in Ämtern und auf Posten, sondern auch und gerade für Journalisten. Die sind ja sogar per Grundgesetz dazu verpflichtet, den Dampfplauderern und Volksverarschern aus der politischen Klasse kräftig contra zu geben. Hallo? Ist da jemand? Haaallooo!
Prima Nina
Ach, wie hab ich sie geliebt, die Nina Hagen Band, die erste LP, mit den tollen Schwarzweißfotos von Jim Rakete und dem grandiosen "White Punks on Dope" von den Tubes, das in Ninas Fassung "Ich glotz TV" hieß. Und eigentlich hab ich sie so fest ins Herz geschlossen, die selbstbestimmte Nina, mit ihrem bahnbrechenden Masturbationsunterricht im österreichischen Fernseh-"Club 2", mit den Ufos und der rotzfrechen Unsicherheit, die sie so menschlich macht, da kann auch die eine oder andere Dummheit nichts an meiner Zuneigung ändern. Von ihrer Musik hab ich später kaum noch was mitgekriegt, von ihrer schönen Tochter schon. Und jetzt seh ich sie täglich am Bushäuschen am Kufsteiner Platz, wo sie Glitzerpulver vor der Zunge schweben hat und Werbung macht für Ahoj-Brause. Oh Mann, dass es die noch gibt (ich meine beide, Nina und Ahoj)! Taz-sei-dank erfahr ich auch noch, dass es dabei um "zischige Prickellust mit ewig jungem Gaumenabenteuer" geht.
Videospiele: Größer als Hollywood
Ein Glücksfall für die taz: Carsten Görig. Ich muss zugeben, dass ich von Videospielen wenig bis keine Ahnung habe, aber wenn Görig drüber schreibt, habe ich nie den Eindruck, beim Lesen Zeit zu verschwenden. Sein Anliegen: Videospiele endlich nicht mehr als Kinderkram anzusehen. Der lange Bericht über die Veröffentlichung von "Grand Theft Auto IV" rechtfertigt jeden Platz, den er in der Zeitung einnimmt. Höchst interessant fand ich die Information, dass sich Filmverleiher und Plattenfirmen am Erscheinen eines neuen Videospiels wie "Grand Theft Auto IV" orientieren und Filmstarts und Neuerscheinungen verschieben, weil in so einer Woche die Aufmerksamkeit (und die Kauflust) dem neuen Spiel gilt. Das war in den frühen neunziger Jahren auch so, wenn ein neues Album von Dire Straits herauskam. Man wusste: Die Zielgruppe gibt in dieser Woche ihr Geld für die Dire-Straits-LP aus, warten wir lieber noch ein bisschen mit unserer. Herrlich die Information, dass der New Yorker Generalstaatsanwalt Eliott Spitzer einmal gegen die Macher von "Grand Theft Auto" wegen der Darstellung von Prostituierten in einem Spiel vorging. Als er dann Gouverneur des Staates New York war, musste er zurücktreten, weil er eine Affäre mit einem Callgirl hatte. (Seither misst man den Unterschied zwischen amtlichem und gefühltem Recht mit der neuen Maßeinheit ein Spitzer.) Nachtrag: Die Produzenten der Videospielserie "Grand Theft Auto" heißen Dan und Sam Houser, zwei Brüder, die ursprünglich aus England stammen und jetzt in New York leben - daher wohl auch der kritische Außenseiterblick auf die US-Kultur: "Die Welt von GTA", sagt Dan Houser, "ist das, was Amerika wäre, wenn man seinen Medien glaubte: Gewalttätig, ängstlich, von Sex besessen und vernarrt in Waffen."
Gscheite Frau
Kerstin Decker schreibt einmal im Monat auf der Meinungsseite, und diese Frau ist so gescheit, dass ich mich gern an der Hand nehmen und durch ihre Gedankengänge führen lasse. Allein - manchmal kann ich ihr trotz bestem Willen einfach nicht ganz folgen. Dieses Mal hab ich den Eindruck, dass sie mit Recht noch einmal das abgelutschte Thema vom Inzest in Amstetten aufnimmt. Und das Zitat aus Goethes "Faust I" steht hier auch an der richtigen Stelle: "Er nennt's Vernunft und nutzt's allein, noch tierischer als jedes Tier zu sein." Und noch ein Satz von Frau Decker persönlich gab mir zu denken: "Die Tragik des modernen Mitteleuropäers besteht nicht zuletzt darin, dass wir ganz sicher klüger wären, wenn wir weniger wüssten."
Der Leser
Ob sie meinen tazblog inzwischen doch mag, die Leserbriefredakteurin, weiß ich nicht. Aber heute hat sie die ganze Spalte mit dem Thema "Dalai Lama in der taz" gefüllt, und unter drei Briefen, die sich über die Wahrheitseite aufregen, auch meinen Aufreger (siehe unten) platziert. Darüber hinaus weist ein sehr gut informierter Christian Reis seinen Vornamensvetter Semler von der taz darauf hin, dass die tibetische Exilregierung sehr wohl präzise Vorstellungen über die Autonomie hat. Es gefällt mir immer wieder, wenn ich feststelle, dass es offenbar viele taz-Leser gibt, die besser informiert sind als Journalisten, die zu einem bestimmten Thema schreiben.
Die SPD schwimmt und grapscht ...
... verzweifelt nach den davon schwimmenden Fellen. Nur um die Meinung eines mir bis dato unbekannten Herrn Ralf Stegner festzuhalten, die er in einem sehr schönen Porträt, geschrieben von Georg Löwisch, äußert, im Mai 2008: "Die Union hat doch auch null Skrupel, mal mit dem Ganoven Schill, und mal mit den Grünen zu regieren. Wir wären schön doof, wenn wir uns die Optionen von anderen diktieren ließen. Nie-Sätze gibt es nur für Nazis." Mir scheint der Mann hat Zukunft in der SPD. Löwisch sieht ihn schon als nächsten Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein. Mir wäre er sympathischer, wenn er nicht gleich nach seinem gar nicht dummen Spruch auf der Wahlkampftour mit dem örtlichen Landtagskandidaten ein Autohaus besuchen würde. So zukünftig, dass er den ersten Spatenstich zum Neubau einer Bahnstrecke tun würde, ist er anscheinend nicht. Das kann aber auch daran liegen, dass nirgends neue Bahnstrecken gebaut werden, von ICE-Trassen mal abgesehen.
Hybrid-Embryonen
Na ja, was das ist, wusste ich bis gestern auch nicht, ich hab nur gelesen, dass die Briten nichts gegen die Forschung mit ihnen haben. Ralf Sotschek klärt mich auf, indem er seine erworbene Sachkunde mit mir teilt, mir mitteilt. So macht man das als Journalist, und Sotschek macht es vorbildlich. Dies ist die zweite Aufgabe einer Zeitung (neben der oben aufgeführten, der Regierung die Hölle heiß zu machen): Dem unbedarften Leser die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse so zu erklären, dass dieser beim Lesen bedarft wird. Hehehe.
Dummbeutel der Woche
Interview auf Seite 2: Bei der Debatte um die Abgeordnetendiäten, so meint ein Parteienforscher von der Uni Düsseldorf mit Namen Martin Morlok "werden völlig abwegige Vergleiche gewählt - zum Beispiel mit Hartz-IV-Empfängern." taz: Warum finden Sie das abwegig? Morlok: "Man kann doch nicht sagen, Hartz-IV-Empfänger haben seit Jahren keine Erhöhung bekommen, also dürfen das jetzt die Abgeordneten auch nicht haben. Immerhin arbeiten die Volksvertreter ziemlich viel, Hartz-IV-Empfänger aber eben nicht."
Herr Martin Morlok von der Uni Düsseldorf bekommt für diese dämliche Bemerkung den einmal wöchentlich verliehenen Dummbeutel der Woche. Die Übergabe ist mit einer kräftigen Watschn verbunden. Im Anschluss darf Herr Morlok einen Monat im Selbstversuch ausprobieren, wie er mit dem Geld zurechtkommt, das einem Harz-IV-Empfänger von Staats wegen zusteht. Bis dahin möge er verdammt noch mal die Klappe halten.
23. 5.2008 Nur damit Sie, verehrte/r Leser/in, nicht annehmen, der tazblog sei eingestellt worden - nee, nachdem Holger Klein (Blogger Holgi) mir einen langen Atem gewünscht hat, werd ich schon noch ne Weile weitermachen. Bis Mitte Juli regelmäßig, von da an gelegentlich, wenn's dicke Hunde hagelt. Was die heutige Kurzfassung betrifft: Das hat mit Fronleichnam zu tun. Diesen Feiertag, der immer an einem Donnerstag kurz nach Pfingsten begangen wird, gibt's nur bei den Christkatholischen, und wo sie in der Mehrheit sind, geht an diesem Tag keine Zeitung raus. Ich bin zwar nicht katholisch, aber Feiertage begehe ich gern, nach Möglichkeit alle, evangelische wie Buß- und Bettag, jüdische wie Chanukka, heidnische wie Walpurgisnacht, kurdische wie Newroz, und außerdem feiere ich die Sonnenwenden. Und bei Käpt'n Blaubär hab ich gelesen, dass in Atlantis mittwochs immer Feiertag war. Den Mittwoch begehe ich nach Möglichkeit auch immer.
Morgen geht's weiter, die Welt hat sich gedreht, und vor der Wohnungstür lag schon um halb sieben die taz, vornedrauf mitm schönen Schwanenfoto. Das lag nahe, und ich musste schmunzeln, denn die Titelzeile "Meine liebe Schwan!" hatte ich schon vorgestern (siehe unten, 21. 5.). Aloha und Arrivederci!
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