24. 5. 2008 Wieder wiederholen
Da lag sie also doch noch im Briefkasten, die taz vom Donnerstag, dem 22. 5. Ein Anruf bei taz Abo hat sie mir verspätet gebracht. Ausführliche Besprechungen erspare ich mir, echt dicke Hunde gab's keine. Eine hübsche Formulierung von Brigitte Werneburg möcht ich trotzdem aufnehmen, gehört sie doch allen Kulturredakteuren der taz (und der Spezies Feuilletonredakteur im allgemeinen) ins Stammbuch geschrieben, die Formulierung. Anlässlich einer Filmkritik zu "Ich. Immendorf" schreibt Werneburg: "Er habe, sagt Jörg Immendorf, 'für die Malerei Neuland erobert'. Mit Comicelementen und der Kombination von Bild und Text, aber auch mit der Forderung einer gesellschaftsbetonten Kunst von größtmöglicher Verständlichkeit statt den Verrätselungen der bürgerlichen Kunst." Man kann "größtmögliche Verständlichkeit" als Aufforderung an alle Autoren nur immer wieder wiederholen, immer wieder wiederholen, immer wieder wiederholen und wieder so weiter.
Mehrwertsteuer senken. Ich wiederhole: MwSt senken
Noch ein Hinweis auf die taz vom Donnerstag. Ulrike Herrmann, auf deren kluge Beiträge zur Steuerpolitik ich ja schon hingewiesen habe, veranlasst Winfried Schneider aus Düsseldorf zu einem Leserbrief: "... ein Vorschlag, den ich bisher in der ganzen Diskussion schmerzlich vermisse: Mehrwertsteuer senken! Am besten zurück auf 16 Prozent, garniert mit der Einführung einer dritten Tarifstufe von 24 Prozent auf Luxusgüter, um die Einnahmeausfälle zu begrenzen." Die Luxussteuer würde ich bei den SUV glatt auf 30 Prozent anheben (Sie wissen schon, das sind diese meist schwarzen Stadtgeländewagen, die Abkürzung bedeutet Saumäßige Umwelt-Verseuchung). Das würde Leute, die sich so eine Dreckskarre leisten können, wahrscheinlich nicht vom Kauf abschrecken, aber dem Steueraufkommen würde es guttun. Man könnte das Geld zweckgebunden zur Abschaffung der Praxisgebühr oder für kostenfreie Kindergartenplätze verwenden.
In Wahrheit: selbstverständlich
Die Fehde mit dem Wahrheit-Redakteur ruht erst mal. Jemand der in seinem freitäglichen Artikel deutlich macht, dass er den Unterschied zwischen "natürlich" und "selbstverständlich" kennt und beim Schreiben beachtet, kann als Journalist nicht gaaanz schlecht sein.
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Der 23. 5. - das magische Datum
Sie wissen schon, die Zahl 23, Quersumme 5. Weshalb zwischen den Beiträgen über den 23. 5. mal wieder der Hinweis auf
erlaubt sein sollte. Im 23. Kapitel dieses "Ratgeberromans" erfahren sie alles über die 23, weshalb sie ein Filmstar wurde, das Alphabet zwischen A und Z 23 Buchstaben hat, und bei einem sehr weit verbreiteten Ballspiel immer 23 Leute auf dem Spielplatz stehen. Klicken Sie einfach auf den ausgiebigen Buchtitel hier oben oder gleich auf "Nachricht / Bestellung". Am besten, Sie fordern gleich 23 Exemplare an. Danke. --------------------Ende der Webseitensonderveröffentlichung--------------------------------------
Kannitverstan
Der Artikel auf den Kulturseiten, in dem es um die Treuhand, den Verleger Bernd F. Lunkewitz, den Bestsellerautor und Juristen Bernhard Schlink, den Aufbau Verlag und irgendwelche kriminellen Machenschaften beim Verscherbeln desselben geht, könnte genauso gut auf der Wahrheitseite stehen. Falls der Autor Jörg Sundermeier versucht hat, dem Leser diesen "ungeheuerlichen Fall" bzw. "Aufbau-Krimi" (so die Zeitschrift Buchmarkt) zu erklären, so war es bei mir zwecklos: Ich habe nichts kapiert.
Der einen Langweiler ist des anderen Meisterwerk
Cristina Nord, unsere Frau im Süden (beim Filmfest in Cannes), fand den "Che"-Film von Steven Soderbergh schlicht langweilig, während ihr Kollege von der Süddeutschen begeistert von einem "Meisterwerk" berichtete. So it goes.
Marsmusik
Nicht mein Tag heute? Oder nicht meine Kulturseite? Neben dem "Aufbau"-Krimi, von dem ich aber auch gar nix verstanden habe, stehen drei Plattenkritiken, die mich anscheinend auch nicht ansprechen wollen. Überschrift: "Die Achse der Wimps". Aha. Ich gebe nicht auf. Die Bands kenne ich genauso wenig wie die Musik, die sie machen. Aber ich lese gern über Musik, wie Sie ja wissen, schließlich hab ich meine Karriere damit begonnen, über Musik zu schreiben (fragt da jetzt schon wieder ein Stimme aus dem Hintergrund: Welche Karriere? Halt den Mund, Blödmann!). Also, ich zitiere aus der ersten Kritik, in der es um eine Band mit Namen James geht: "Während der großen Raveomania konnten sie mit dem Nach-dem-Sex-auf-E-Stück 'How was it for you?' einen der ganz großen Hits landen." Verstehe, Sex auf E. Und in der dritten Kritik erfahre ich über "die Essenz" der La's: "Sixtiessound, trotzdem federnd und schwungvoll, und jeden Wimp auf die Tanzfläche treibend." René Hamann scheint zur nicht-esoterischen Popschreibergruppe zu gehören. Wenn ich nur wüsste, warum er glaubt, dass es was Besonderes ist, wenn Nieten tanzen. Und warum er unbedingt Wimp schreiben muss, wenn's Versager auch getan hätte.
Täterätääää! Tusch! Verbeugung! tvF!
Wie extra für mich ins Blatt gesetzt kam mir der Artikel "Gegenseitige Umarmung" in der taz vom 23. 5. 2008 auf Seite 15 vor. Er gehört zum Besten, Stimmigsten, Informiertesten, Makel- und Fehlerlosesten, was ich jemals über meine absolute Lieblingsband The Grateful Dead gelesen habe. Phantastisch! Und, wer beschreibt meine Verblüffung: Das Layout mit dem kleinen Bild in der oberen linken Ecke, daneben der tiefgesetzte Titel und viel weißer Raum darüber, erinnert ganz verblüffend an das Layout dieser Webseite hier. Magie? Tja, was soll ich sagen? Nichts in dem Stück ist falsch, und sogar ich erfahre noch was Neues, dass nämlich Gloria Jones, die Witwe von Marc Bolan, eine Weile in der Jerry Garcia Band, einem der vielen Unternehmen des Dead-Gitarristen, mitgespielt hat. Das wusste ich nicht, obwohl ich die Band mehrmals auf diversen Bühnen in San Francisco und Umgegend gesehen und gehört habe, einmal sogar mit dem Wunderpianisten Nicky Hopkins. Jedenfalls geht der tvF-Preis (taz vom Feinsten) an Detlef Diederichsen aus der gleichnamigen Schreiberdynastie. Hervorragend! Meinetwegen
Mir schon recht, dass Tokio Hotel auf Platz 5 der Album-Hits in den USA liegen. Die Jungs machen offensichtlich etwas richtig, und Tom Kaulitz, der Gitarrist mit den Rastazöpfen, der Bruder des Sängers Bill, hat anscheinend gewaltigen Schlag bei den Mädels. Beim US-Zoll wurde er rausgewunken - diese Langhaarigen sind ja immer verdächtig, Drogen und so. Man hat sein Gepäck gefilzt und tatsächlich fanden Sie eine prallgefüllte Plastiktüte. Mit Kondomen.
Drei Witze auf Ökosex
Dass der Umweltminister mit eine Dienstlimousine durch die Gegend brettert, die 222 Gramm CO2 aus dem Auspuff jagt und 250 Sachen Spitze drauf hat, stand ja schon vorige Woche hier. Den Witz, der Martin Unfried dazu einfällt, will ich Ihnen nicht vorenthalten: Sagt Sigmar Gabriel zu seinem Fahrer: "Wir müssen unbedingt die Fahrzeugflotte der Bundesregierung noch stärker ökologisieren. Da ist das Drei-Liter-Auto wirklich eine tolle, revolutionäre Sache für den Klimaschutz." Fragt der Fahrer ungläubig: "Herr Minister, Sie meinen doch nicht etwa runter auf drei Liter Verbrauch?" Gabriel klopft ihm jovial auf die Schulter und sagt: "Hubraum, Schmidt, drei Liter Hubraum!" Najahaha.
25. Mai 2008 Neues vom Tiger
Oh Mann, was für ein toller Beitrag im taz mag!!! Detlef Kuhlbrodts langer Text mit eingebettetem Interview - gute Form! - und Detlev Schilkes Fotos über den Tiger von Kreuzberg - da geht einem das Herz auf. Da hat sich ein straßenschlaues Duo gesucht und gefunden, denn auch Tigers Partner Murat Ünal scheint ein ausgesprochen kluger Kopf zu sein. Und so, wie Kuhlbrodt die Sache anging, mit viel Liebe und offensichtlicher Begeisterung, wird locker ein Trio aus dem Unternehmen. Interessanterweise hat der Tiger erst mal auf YouTube mit seinen Videos angefangen, jetzt bringen sie ihn auf die Bühne in Berlin. (Wobei ich das Gefühl habe, dass Ali G. alias Sacha Baron Cohen auch anderswo eine kleine Flut von Nachfolgern gefunden hat - z. B. der Drummer von The Pops, der sich Pavel Popolski nennt. Da gibt's ausnahmsweise einen Link hier zur Website. Man erfährt, dass die Popmusik vor 100 Jahren von Pavels Opa erfunden wurde. Damals hieß sie noch Popolski-Musik, aber das hat der Opa dann abgekürzt.) Und weil Murat Ünal so tolle Sachen sagt in dem Interview kriegt er hier das vorletzte Wort: "Egal, was ich für einen Satz bei ihm eingebe, er kommt in Tigersprache bei ihm heraus. Tiger ist der Master der Essenzen. Die Welt ist ziemlich klar. Das ist auch typisch bei den Orientalen. Es gibt gut und böse. Es gibt superfreundlich und supersauer. Dieses Überschwängliche in jede Richtung, und dass es keine Zwischentöne gibt, das bringt Tiger sehr gut rüber. Er ist ja Heißblüter. Die Abendländische Kultur dagegen ist geprägt vom Moderaten. Da gibt es viele Grau- und Zwischentöne." Das letzte Wort kriegt selbstverständlich Tiger: "Bei Tiger musst du aufpassen. da kannst du was lernen. Zum Beispiel: Die harten Typen, die mit Tyson-Schnitt rumlaufen, die sind oft lammfromm, wenn sie von ihrer zierlichen, kleinen Freundin angemacht werden. Dann sind die wie angebissene Pitbulls. Dann ist die Frau die Krasse."
Fortpflanzungsrechtsbesessenheit und Eierstockverantwortung
Den letzten Tiger-Satz da oben könnte man hier gleich aufnehmen. Der Beitrag "Das Unbehagen der Frau" ist der größte Mist, den ich seit langer Zeit gelesen habe - leider bis zum Ende, weil ich wissen wollte, worauf die Autorin hinaus will. Ich weiß es aber auch jetzt nicht. Es geht darum, ob Frauen Hillary Clinton wählen müssten oder sollten und ob Männer, die sie nicht wählen, verkappte Antifeministen sind, oder so ähnlich. Wie gesagt, ich weiß es nicht. Abgesehen davon hat die Übersetzerin ihren Job nicht ernst genug genommen, sonst hätte sie ja wohl den Begriff gender bias nicht einfach auf Amerikanisch stehen lassen und ihm fürs Deutsche Großbuchstaben verpasst. So steht dann da: "Viele junge Frauen sind dermaßen weit vom Feminismus entfernt, dass Gender Bias für sie obsolet geworden ist." Aha. Und später erfahre ich noch, "... dass viele Frauen von dem Frust sprechen, nicht in der Lage zu sein, konkrete Umstände zu benennen, die sie als Gender Bias erfahren haben." Interessant, gelle? Wer mir sagen kann, was der folgende Satz bedeuten soll, oder wo der Fehler liegt, den lade ich auf ein Bier ins Paradiso ein: "Die Gemüter erhitzen sich um ungeahnter Schnelligkeit über jede einzelne Äußerung." Und noch ein Beispiel, an dem die Grenze zur Satire unscharf wird: "Demokraten lieben Frauen, nur nicht solche Frauen, die mit ihrer Fortpflanzungsrechtsbesessenheit an uns kleben bleiben." Wer "uns" ist, weiß ich auch nicht. Aber es kommt noch schöner: "Die Behauptung von Obamamaniacs, dass Frauen für Hillary stimmen, nur weil sie Frauen seien, mag schlimm sein, aber fast genauso schlimm ist es, wenn Altfeministinnen Frauen anweisen, genau das zu tun, und zwar aus einer Eierstockverantwortung heraus." Dieser Beitrag hat einen sehr hohen ÜQ (Überflüssigkeitsquotient), es ist schade um die zwei Seiten, er ist schlecht übersetzt und miserabel oder gar nicht redigiert. Der größte Mist des Wochenendes.
Hausmeisteraktivitäten
Scheißtitelzeile: "Antibourgeoise Integration". Ach geh! Sonst aber keine Einwände - ein dickes wissenschaftliches Buch über Symbiose in der Tier- und Pflanzenwelt auf der Seite "politisches buch" von Helmut Höge besprechen zu lassen, hat etwas Subversives. Symbiose, oder, wie es der Buchtitel von Peter Kropotkin aus dem Jahr 1900 ausdrückt, "Gegenseitige Hilfe in der Tier und Menschenwelt", steht nämlich in einem gewissen Widerspruch zu Charles Darwins "Überleben der Tüchtigsten". Höge daran erinnert daran, dass über Darwins "Vom Ursprung der Arten" schon Marx und Engels Witze gemacht hätten: "Der Autor habe dabei bloß das üble Verhalten der englischen Bourgeoisie auf die Tier und Pflanzenwelt projiziert." Das besprochene Buch heißt übrigens "Evolution durch Kooperation und Integration", und wendet sich offenbar an Fachleute oder interessierte Laien. Und an Besserverdienende: Die 751 Seiten kosten 96 Euro.
Tatort-Sonderheft
Gute Titelseite am Wochenende, und zum 700. Tatort so eine Spur durch die ganze taz zu legen, zeugt auch von schöpferischen Gedankengängen der taz-MacherInnen. (Keine Sorge, ich fang jetzt nicht mit der Binnen-I-Manie an, es weiß doch eh jeder, wie viele Frauen bei der taz arbeiten. Und grundsätzlich gilt: Auch in der gängigen männlichen Form sind - und waren ja auch immer - Frauen mit gemeint.) Der Kommentar von Nicola Glass auf Seite 1 ("Birmas Generäle taktieren") könnte in fast jeder Zeitung, bei ARD, ZDF und sonstwo unterkommen. Das ist der solide Hauptstrom des bürgerlichen Journalismus, kein bisschen um Ecken und Kanten gedacht, einfach solides, uninspiriertes Handwerk im Geiste des Kolonialismus. In ihrem Größenwahn droht Frau Glass (beziehungsweise die taz, indem sie den Kommentar auf der ersten Seite abdruckt) den Generälen in Birma doch glatt mit Krieg: "Falls Juntachef Than Shwe sein Versprechen nicht hält, muss es das letzte Mal gewesen sein, dass sich die Vereinten Nationen und die Asean von den Militärs haben austricksen lassen. Spätestens dann muss sich die internationale Gemeinschaft zu einer humanitären Intervention durchringen." Ja, durchringen. Es fällt uns nicht leicht, aber wenn's sein muss, schicken wir die Bomber. Wenn ich schon so ein Gewäsch wie "internationale Gemeinschaft" und "humanitäre Intervention" lese, so Neusprech-Nullvokabeln, wie sie Bush und Steinmeier und all die entmenschlichten Automaten benutzen! Ich nehme aber an, dass sich Than Shwe die Drohung von Frau Glass zu Herzen nimmt und in Zukunft brav tut, was sie vorschlägt, weil sie ihm ja sonst Bomben aufs Haupt schmeißt, und davor hat er jetzt bestimmt große Angst.
Wunde linker Hand
Eine erschütternde Buchrezension von Jörg Magenau ziert fast eine ganze Kulturseite. Ja, so ein Beitrag ziert die taz. Dieser Autor zeigt, dass es möglich ist, sich auf hohem Niveau klar und verständlich auszudrücken. Das neue Buch von Ulla Berkéwicz bespricht Magenau sachkundig und mit bestechend klarem Urteil, stellt es in den großen Zusammenhang der Geschichte des Suhrkamp Verlags und seines Leiters Siegfried Unseld. Um dessen Tod geht es im Roman, Frau Berkéwicz ist seine Witwe. Und obwohl es auf einen ziemlich gnadenlosen Verriss hinausläuft, geht es Magenau um die Sache, nicht um die Person. Zitate: Berkéwicz bietet Kabbala, Mystik und Sätze von Heidegger'scher Dunkelheit um den 'Spalt' zwischen den Welten zu überbrücken", heißt es an einerStelle." Schön auch: "Ihre Sätze sind groß und hohl genug, dass ohne Schaden auch das Gegenteil hineinfließen könnte. 'Totsein heißt in der Zukunft sein', lautet eine Formel, die immer wieder repetiert wird, als ob sie dadurch plausibler würde." Und obwohl Magenau zugesteht, dass im Buch auch "starke, irdische Sätze wie aus einem Benn-Gedicht" vorkommen, resigniert er: "Doch sie bleiben singulär und gehen unter im Wust aus metaphysischem Kitsch und selbstgerechter Wut." Als Unseld stirbt, bläst der Sturm ums Krankenhaus, und Ulla Berkéwicz hat ein Wundmal an der linken Hand. Na ja, soll's ja geben. Magenau sieht das Problem mangelnder Qualität auch in fehlender Kontrolle. "Überlebnis" ist bei Suhrkamp und damit praktisch im Selbstverlag erschienen. Schließlich gehört der Laden der Autorin.
Bob Marley, Jonathan Demme und das Frühstück bei Tiffany
Für mich ist das die gute Nachricht: Jonathan Demme dreht den Dokumentarfilm über Bob Marley, nicht Martin Scorsese. Das finde ich schon deswegen klasse, weil ich die beiden Konzertfilme, die Demme bisher gedreht hat, fürs Beste halte, was es auf diesem Gebiet gibt: Vor vielen Jahren "Stop Making Sense" mit den Talking Heads, und vor zwei Jahren "Heart of Gold" mit Neil Young. Truman Capote hat Jonathan Demme auch sehr geschätzt, und er hatte sich mit ihm sogar auf eine Neuverfilmung von "Frühstück bei Tiffany" geeinigt. Die kam dann doch nicht zustande, weil Capote gestorben ist.
Vorgeführt
Unter dem treffenden Titel "Jung, stramm, rechts" schreibt Ulrike Winkelmann ein feines Stückchen über die unsäglichen Jungmänner vom rechten CDU-Rand. Der eine Trottel fordert ein "doppeltes Wahl-und Stimmrecht bei Bundestag- und Landtagswahlen für alle Leistungsträger in Deutschland", der andere hat mal laut darüber nachgedacht, ob man 85-jährigen Menschen noch teure künstliche Hüftgelenke einsetzen sollte. Dem Ersteren bescheinigt sogar ein CDU-Abgeordneter: "Der hat einen Knall". Trotzdem sitzt er in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Rings Christlich-Demokratischer Studenten im CDU-Vorstand. Der zweite ist nach seinem Profilierungsversuch aus dem öffentlichen Leben verschwunden. Hoffentlich braucht er nie ne künstliche Hüfe. Ulrike Winkelmann erwähnt noch eine ehemalige JU-Vorsitzende, die sich mal ähnlich in die Nesseln gesetzt hat: Hildegard Müller übernahm eine Halbtagsstelle bei der JU, und ließ sich die von ihrem Arbeitgeber, der Dresdner Bank, bezahlen. Winkelmann merkt an, dass Hildegard Müller "dies aber nie als illegitime Verquickung von Wirtschaft und Politik" verstanden habe, und fährt fort: "Gerechterweise muss man unterstellen, dass sie auch ohne die finanzielle Unterstützung ihrer JU-Arbeit niemals ein Wort geäußert hätte, das gegen die Interessen von Großbanken gegangen wäre." Ulrike Winkelmann fügt noch lapidar an: "Heute ist sie Staatsministerin im Kanzleramt von Angela Merkel."
Verschwunden
Gestern in der taz über das Lied "Disappear", mit dem die No Angels beim Schlagerwettbewerb teilnehmen: "Der von Dänen gebastelte Song kommt fast ohne Melodie aus." Gerade höre ich im Radio, dass er auch fast ohne Punkte ausgekommen und auf dem letzten Platz gelandet ist. Und über den russichen Beitrag hieß es: "Hoch favorisiert!" Gut getippt von Jan Feddersen. Ich seh schon: Nächstes Jahr muss ich selber ran. Deutschland braucht mich. Ich werd mit der Bahn nach Moskau fahren und meinen melodisch eingängigen Ökosong "Ihre Kinder" vortragen, einfach allein mit Akustikgitarre, ohne Band und Lightshow und Background-Sängerinnen mit Windmaschinen und Schleierfirlefanz, das totale Kontrastprogramm eben. Das wird die Leute so sehr rühren, das mir der erste Platz so gut wie sicher ist. Heh, ihr Verantwortlichen vom NDR - bitte melden! Um einen ersten Eindruck zu bekommen, können Sie ja meinen Clip auf YouTube anschauen. Gehen Sie jetzt zur Startseite dieser Homepage und klicken Sie auf den Link dort unter dem Hinweis "You want show? Here you go." Oder Sie klicken gleich hier auf den Link. Danke.
Der Hering - ich will's nicht wissen!
Da hab ich meine Bismarck- und sonstige Heringe immer mit dem guten Gewissen gekaut, sie stünden ja auf keiner roten Liste - und jetzt das: Kein Mensch weiß genau warum, aber der Hering macht sich vom Acker. Weil das im Falle dieses Meeresbewohners ein etwas schiefes Bild sein mag, sei hier Manfred Kriener von der Meinungsseite zitiert: "Der Hering ist in Seenot. Man vermutet, dass es für die Heringslarven ein Nahrungsproblem gibt, aber das ist nur eine These." Also Schluss mit Heringsfilets aus der Dose! Die besten hatte übrigens "Penny". Jetzt muss ich doch gleich mal guggeln oder yahooen, wie's um die Makrele steht. Sardinen jedenfalls sind noch erlaubt.
Kleingedrucktes
Meldung am Rande: Michael Naumann, der SPD-Verlierer aus Hamburg, hat, wieder einmal, genug von der Politik und geht zurück zur Zeit, wo sie ihm den Sessel warm gehalten haben. Wen wundert's? Vielleicht sollte ich noch mal dran erinnern, dass er damals seinen Job als Kulturstaatssekretär unter Schröder mit den Worten aufgegeben hat, er müsse jetzt endlich mal Geld verdienen. Bei der Zeit. Für Naumann gilt das Landauer-Zitat da oben auf dieser Seite ganz besonders: Ein widerlicher Kerl.
Öl um Mitternacht
Tja, ein Interview mit Peter Garrett auf Seite 3. Fein. Garrett war mal der Sänger der australischen Band Midnight Oil, und die musste man einfach mögen. Pop mit politischem Anspruch, aber gut. Jetzt isser Minister für Umwelt, Kulturerbe und Kunst im Kabinett von Kevin Rudd, und der hat als Erstes das Kioto-Protokoll unterschrieben. Schön und gut, aber irgendwie krieg ich beim Lesen den Eindruck, Garrett redet auch nur wie ein Politiker. Ein paar Sätze über seine Kinder mag ich doch zitieren: "Sie sollten einen Weg wählen, der sie selbst glücklich macht. Es ist völlig egal, was du machst, Hauptsache es macht dir Spaß!" Na, da iss was dran. So ähnlich sagt das auch der Tiger von Kreuzberg, beziehungsweise sein Partner Murat: "Wir wollten etwas machen, was uns Spaß macht. Wichtig ist, dass der Spaß daran erhalten bleibt und man nicht immer daran denkt, Kohle zu verdienen. Das ist uns bisher nie so richtig wichtig gewesen. Das muss vom Herzen kommen. Die Liebe dazu ist unser Impuls gewesen, und das ist auch das, was uns am Leben erhält." Bis Dienstag dann. Liebe. Frieden. Ciao.
26. Mai 2008 Der Mensch freut sich ja immer, wenn ihm seine Meinung oder Überzeugung oder Einstellung bestätigt wird. Neulich, als sich mal wieder alle über China und Tibet so seltsam einig waren, habe ich zu bedenken gegeben: Wenn jemand aus dem Westen mit dem Finger auf China zeigt, deuten drei Finger auf ihn zurück. Das Folgende schrieb Peter Hessler für die Mai-Ausgabe 2008 von National Geographic, die vollständig China gewidmet war. Zur weiteren Verbreitung habe ich das Zitat übersetzt:
"Und niemand in der entwickelten Welt sollte China kritisieren, ohne einen gründlichen Bilck in den Spiegel zu werfen. Das Land ist aufgestiegen, indem es Produkte für den Konsum in Übersee hergestellt hat, und die materialistischen Träume des durchschnittlichen Chinesen sind uns nicht fremd. Ein Amerikaner, der Chinas Umweltbilanz kritisiert, gleicht einem Drogensüchtigen, der seinen Dealer beschuldigt."
27. Mai 2008 Käfighaltung
Nachtrag zur Wochenend-taz. Da war hinten ein Foto drauf, wie die tazler auf der Dachterrasse des Hauses Rudi-Dutschke-Straße 23 an langen Tischen sitzen und die Danke-Karten an die Abonnenten schreiben. Irgendwie rührend. Und man konnte die Umgebung sehen, lauter trostlose hohe Häuser, kein Baum, kein Strauch, triste Großstadtumgebung, Wohn- und Büroblöcke. Da entstehen also taz und BILD: Zeitungen von Journalisten in Käfighaltung.
Marta, Marta
Die beste Fußballspielerin der Welt heißt Marta, kommt aus Brasilien und spielt für einen nordschwedischen Verein, Umeå IK. (Auf das a gehört noch son kleiner Kreis, mal sehen ob ich das bei den Sonderzeichen finde. Ja, hat geklappt!) Jedenfalls haben die Schweden undMarta gerade das Endspiel im Uefa-Cup gegen 1. FFC Frankfurt verloren, und Marta wurde von den Zuschauern dauernd ausgepfiffen, weil sie, wie der Frankfurter Trainer es ausdrückt, "dauernd lamentiert, eine gelbe Karte für die Gegnerin gefordert und Fouls vorgetäuscht" hat. Aber dass Marta "eine geniale Spielerin" ist, gibt er schon zu. Irgendwann wird es heißen, Pelé war die männliche Marta.
Jubiläum! Neu! Untergang des Abendlandes!
Den größten Teil von "flimmern und rauschen" nimmt ein Stück ein, dass Matthias Michael über den Niedergang von "Spiegel TV" verfasst hat. Anlass für den Abdruck: Wie so häufig wird ein Jubiläum bemüht, seit 20 Jahren geht das Magazin jetzt schon übern Äther. Herr Michael, Professor an einer Medienhochschule in München, war selber mal Mitmacher bei "Spiegel TV", und kritisiert ebenso vorhersehbar wie akademisch den Niedergang der Kultur, die Verflachung eines einst anspruchsvollen Fernsehmagazins. Da stehen dann tausend Mal bemühte Sätze wie dieser: "Angesichts der beschriebenen Tendenzen ... warnen Pessimisten vor einem Rückfall unserer Zivilisation in die Vor-Gutenberg-Zeit. Denn der Mensch, das Augentier, entwickelt sich wegen der täglichen visuellen Überflutung durch TV und Internet zurück von der Schriftkultur zur Bildkultur. Und das Publikum huldigt dem Imperator Fernsehen und seinen Werten Beliebigkeit, Zerstreuung und Kommerz." Denn siehe, der Untergang des Abendlandes ist nahe. Aber wer kann es jemandem verdenken, der lieber "Big Brother" glotzt als Sätze wie diese zu lesen: "Mit dieser Plot-Erzählweise übernimmt das factual television zunehmend die narrative Struktur des fictional television. Doch die dargestellten Konflikte werden nicht aufgelöst - damit bleibt der kathartische Effekt aus, den die meisten Spielfilme erzielen." Da wären, wenn schon der Professor Michael kein Gespür für diese Satzungetüme hat, die taz-Redakteure gefragt gewesen. So etwas geht gerade noch in einer wissenschaftlichen Abhandlung - auch da fällt es unter schlechtes Deutsch -, aber es geht einfach nicht in einer Tageszeitung. Ich hab jetzt keine Lust, Matthias Michael ins Deutsche zu übersetzen, aber die Hausaufgabe für die Medienredaktion lautet: Schreiben Sie den Text des Herrn Professors zum Wohl des Lesers um! Als kleine Hilfestellung sei Ihnen verraten: Plot heißt Handlung, narrativ heißt (Geschichten-) erzählend, factual heißt auf Tatsachen beruhend, fictional heißt erfunden, und kathartisch heißt befreiend, läuternd, auflösend. Sie haben fünf Minuten Zeit. Bitte senden Sie ihr Ergebnis mit der Betreffzeile "Hausaufgaben" an "Achtung: tazblog!". Klicken Sie hier. Selbstverständlich kann sich jeder beteiligen, der dies liest.
Bebopalula
Wenn jemand Hipp heißt, Klavier spielt, gut aussieht und sich im Musikgeschäft betätigt, kann eigentlich nichts schief gehen. Bei Jutta Hipp ging es allerdings schief, wie René Zipperlen in einem gut recherchierten und kenntnisreichen Artikel nachweist. Die Frau aus Leipzig (Spitzenfoto - supercool!), geboren 1925, war Mitte der fünfziger Jahre, die "First Lady of European Jazz", spielte in New York einige Alben für die renommierte Plattenfirma "Blue Note" ein und ging 1958 mit eigener Band auf Tournee durch die Südstaaten. Im selben Jahr hat sie den Pianodeckel zugeklappt und verschwand in der Versenkung. 2003, 45 Jahre später, ist sie in New York gestorben, da war sie 78. Im Jahr zuvor hatten die Leute von Blue Note die alte Frau im Stadtteil Queens ausfindig gemacht, weil sie ihr 40.000 Dollar Tantiemen nachzahlen wollten. Zipperlen schreibt mit viel Hintergrundwissen über die Jazz-Szene gegen Ende der fünfziger Jahre. Weshalb Jutta Hipp ihre Karriere beendet hat, weiß anscheinend keiner so genau, Tatsache ist: Sie hat bis zu ihrem Tod keine Platte mehr aufgenommen. Jetzt kam eine CD mit Hipp und dem Saxophonisten Zoot Sims bei Blue Note heraus, und bei Bear Family Records gibt's eine 8-CD-Box vom Deutschen Jazzfestival 1954/55.
Antiautoritäres, die Fortsetzung
Gabriele Goettle kann doch nicht aufhören mit den Menschen, die "68" geprägt haben, und sie versucht mit einem zweiten Beitrag Dorothea Ridder zu erfassen. Diesmal redet die Filmemacherin Renate Sami über Ridder, und ich nehme alles zurück, was ich über meinen Überdruss betreffend Medien und "68" geschrieben habe. Wenn Gabriele Goettle Menschen zum Reden bringt, erfährt man auf zwei Seiten mehr als aus so manchen Büchern. Sie entschuldigt sich an einer Stelle sogar für eine längere Zwischenbemerkung, die man ihr gerne verzeiht, stellt sie doch darin den viel zitierten Satz von Max Horkheimer richtig: "Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen." Und ganz nebenbei versucht Goettle herauszubekommen, weshallb Dorothea Ridder einen Schlaganfall bekommen hat. Renate Sami meint, das hätte auch zu tun gehabt mit dem "Ärger in der Praxis, mit den ganzen Umstellungen im Gesundheitswesen, das wurde ja immer mehr eingeschränkt." Und Goettle führt aus: "Die Leistungen pro Patient sollten immer mehr reduziert werden, das Entsolidarisierungssystem, bei dem wir heute angekommen sind, wurde damals unerbittlich auf den Weg gebracht." Sami erzählt aber auch von ihrer eigenen Politisierung, von ihrer Empörung, als Päsident Richard Nixon 1969 Truppen in Kambodscha einmarschieren ließ: "Das war der Gipfel! Statt den Viernamkrieg zu beenden, überfällt er auch noch Kamdodscha." Dabei wurden, wie Goettle anmerkt, eine halbe Million kambodschanischer Zivilisten umgebracht. Das war in der Tat für viele Studenten in Europa und den USA der Auslöser für noch mehr Proteste. In Ohio kam es an den Universitäten zu Kämpfen mit der Nationalgarde, bei denen vier Studenten erschossen wurden. Neil Young schrieb unter dem Eindruck der Fernsehnachrichten seinen später weltberühmten Song "Four Dead in Ohio":
Tin soldiers and Nixon coming We're finally on our own This summer I hear the drumming Four dead in Ohio
Renate Sami wurde nach einer Demo vor dem Amerikahaus in Berlin festgenommen. Ohne konkrete Vorwürfe blieb sie ein Jahr in Einzelhaft, weil sie in einer Wohngemeinschaft lebte, was die Polizei als "leicht lösliche Wohnverhältnisse" bezeichnete. Sami wohnte im selben Haus, wo auch die Anarchistenzeitung 883 entstanden ist, eines der Vorbilder für die taz: "Eine ganze Menge Leute lebten damals so, aber das war eben immer noch relativ abseits der Norm." Erst nach zwölf Monaten kam es zur Haftprüfung, und Sami wurde 1971 freigelassen. Beim ersten Prozess wurde sie vom Anwaltskollektiv Ströbele, Eschen, Schily verteidigt. Sami: "Neulich habe ich mal die Prozessakten nach langer Zeit wieder gelesen und ich habe festgestellt, dass der Otto Schily einen ganz tollen Schriftsatz verfasst hat, wo er zum Beispiel Nixon als Zeugen fordert, die ganze amerikanische Regierung - ja, in unserem Prozess. Es ist wirklich ein guter Schriftsatz. Wir sind dann zu einem Jahr verurteilt worden. Sind in die Revision gegangen und erst da gab's den Freispruch." Viel später hat Renate Sami Haftentschädigung bekommen und mit dem Geld einen 60 Minuten langen Dokumentarfilm über das Sterben von Holger Meins gemacht, einen der RAF-Leute, der sich aus Protest zu Tode gehungert hat. Der Titel des Films war ein Zitat von Meins: "Es stirbt allerdings ein jeder, Frage ist nur wie, und wie du gelebt hast." Im Herbst 2008 macht Renate Sami "so eine kleine Tour, in Amerika. Verschiedene Universitäten machen Veranstaltungen." Der Veranstalter in Harvard "wollte diesen Film unbedingt haben. Ich hoffe, dass ich das Geld bekomme für die Kopie." Wenn Gabriele Goettle Menschen zu Wort kommen lässt, verflüchtigt sich meine Abneigung gegen die ewigen 68er-Artikel der letzten Monate. Der Nebelschleier, mit dem die Jahre der Revolte zwischen 65 und 72 gern überzogen werden, reißt auf und klares Licht scheint auf die Zeit. Artikel über 68? Ja bitte!
"Wir müssen stark werden, ohne je unsere Zärtlichkeit zu verlieren." Che Foto: Hans Pfitzinger
Küppersbusch
taz: Herr Küppersbusch, was war schlecht in dieser Woche? Friedrich Küppersbusch: Bundesrat winkt das Epochenthema "Europäische Verfassung" unbemerkt durch. Wenn, wie in Frankreich und Holland, die Bevölkerung nicht zustimmt, darf sie eben gar nicht abstimmen.
Show
Auf derselben tazzwei-Seite erfahre ich endlich, dass der Name des Rappers Sido die Abkürzung von "Super-intelligentes Drogenopfer" ist. A bissl a Bildung muss der Mensch schon kriegen beim Zeitunglesen, gell? Und von Jan Feddersen weiß ich nicht, ob sein Satz über den Eurovison Song Contest jetzt Ironie ist oder ob er das ernst meint: "Die Legende von der Dominanz des Ostblocks entpuppte sich als Mär. Unter den Top 12 lagen sieben Länder, die früher hinterm Eisernen Vorhang darbten, fünf aus klassischen ESC-Ländern." In Feddersens Bericht übernehmen die Russen beim Sängerwettstreit die Rolle von Bayern München im Fußball, und gewinnen, weil sie das meiste Geld reinstecken.
Die Charts - Folge VII: Der doppelte Boden
Wow, jetzt dreht Peter Unfried in der "Charts"-Kolumne seine Fortsetzungsgeschichte aus dem "Content Department" in vertrackte Höhen. Oder erreicht Tiefgang durch den doppelten Boden, schwer zu sagen. Sie erinnern sich: Es geht dabei um einen Typen namens Kern und seinen Stellvertreter Mies, zwei Männer, die offenbar im Journalismus tätig sind. Unfried hebt die Erzählung jetzt gewissermaßen auf eine raffinierte Metaebene: "Was dagegen keiner wusste: Warum diese so genannte Kolumne von Mies eigentlich 'Die Hitparade' hieß. Geschweige denn, was da drinstand. Es ging offenbar um zwei Männer, von denen einer ein systemkritischer Supertyp war. Der andere dagegen war ein karrieregeiler Versager. Weil Mies neben allem anderen auch nicht schreiben konnte, waren die Charaktere total platt und verzerrt gezeichnet. Hätte Kern etwas zu sagen gehabt, dann wäre das Zeug niemals erschienen." Hah, das hat was. Ob sich hinter Kern eine gewisse Bascha Mika verbirgt? Und Mies einen gewissen stellvertretenden Chefredakteur zum Vorbild hat? Warten wir's ab, die Spannung steigt, bis es wieder heißt: "Die Charts". Das wäre dann Folge VIII. Bleiben Sie dran, ich garantiere für nichts!
Da läuft was richtig
Wer traut sich schon an gute Nachrichten aus dem Nahen Osten glauben? Jedenfalls scheint im Libanon was richtig zu laufen, und dass dort ausgerechnet ein General die Vernunft vertritt, scheint mir auch bemerkenswert. Michel Suleiman könnte der richtige Mann sein auf dem Präsidentenposten. Erstaunlich, was der so macht und gemacht hat.
Das Grauen hat Tradition ...
... in Österreich. Von Ralf Leonhard, dem guten taz-Mann in Wien, erfahren wir in der Kolumne "Nebensachen aus ...", was ein britischer Germanist herausgefunden hat: Schon 1853 erzählt Adalbert Stifter in seiner Novelle "Turmalin" von einem Rentner, der "aus Enttäuschung über die Untreue seiner Frau seine Tochter in den Keller" sperrte. 1917 erscheint ein Buch von Franz Nabl, "Das Grab des Lebendigen", und "in Elias Canettis 'Blendung' tritt der Ingenieur Josef Fritzl als Hausmeister Pfaff auf, der seine eingesperrte Tochter regelmäßig vergewaltigt." Leonhard vermutet, dass diese Gestalten im "Umfeld der Autoren reale Vorbilder" hatten. Ja da legsti nieder!
Der Leser
Mir kommt's so vor, als wäre der Leserbrief von Benjamin Kettner zum Vergleich "Bundestagsabgeordnete und Hartz-IV-Empfänger" eigentlich an "Achtung: tazblog!" gerichtet. Es geht um den Professor Morlok, und ich hab ihm für seine Äußerung den "Dummbeutel der Woche" verliehen. Hier ist sie noch mal: "Man kann doch nicht sagen, Hartz-IV-Empfänger haben seit Jahren keine Erhöhung bekommen, also dürfen das jetzt die Abgeordneten auch nicht haben. Immerhin arbeiten die Volksvertreter ziemlich viel, Hartz-IV-Empfänger aber eben nicht." Schreibt der taz-Leser: "Anstatt jedoch die Aussagen als 'Mist' abzutun, sollte man sich die Mühe machen, sie genauer zu analysieren." Das tut der Herr Kettner dann auch. Noch einer regt sich über diesen Vergleich auf, Theo Krönert aus Kaisersbach, und der kommt auf eine interessante Lösung, "um die Machtbalance wieder zu Gunsten der Arbeitnehmer zu verschieben. Die Produktivität ist seit den Siebzigerjahren um 25 Prozent gestiegen. Aber die Wochenarbeitszeit wurde nicht um diese 25 Prozent reduziert, um Vollbeschäftigung weiter zu erhalten, sondern die liegt immer noch bei 40 Stunden. Das ist die Hauptursache unserer Massenarbeitslosigkeit, der schwachen Binnennachfrage und der meisten Armut." Sein Wort in Gottes Ohr! Nicolas Sarkozy, der Mann des Großkapitals und der Rüstungsindustrie, will die Wochenarbeitszeit in Frankreich gerade wieder erhöhen, dort hatten die Sozialisten schon mal 35 Stunden erkämpft. Und Sie glauben im Ernst, dass es jemanden gibt, der die Wochenarbeitszeit auf 30 Stunden herabsetzt? Ja, den gibt es. Er heißt Hugo Chavez, ist Präsident in Venezuela, und wird hierzulande vom überwiegenden Teil des Medienkartells nach allen Regeln der journalistischen Propagandakunst als völlig durchgedreht, höchst gefährlich oder nicht ernst zu nehmen hingestellt.
Satireverdacht
Angeblich kein Witz, diese Meldung über eine Mutter "aus dem Unterallgäu", die auf Ebay Folgendes versteigern will: "Ich biete mein noch fast neues Baby zum Verkauf an, da es mir mittlerweile zu laut geworden ist." Ach komm, da behauptet die Agentur ap auch noch, dass gegen die Mutter ermittelt wird, "den sieben Monate alten Merlin nahm das Amt in Obhut." Wenn das keine Satire ist, erfunden von der Mutter, von Ebay, von der Polizei, oder doch von ap?
------------------------------------Webseitensonderveröffentlichung-------------------------------------------- "Das Kapitel über seine ganz persönliche Wiese im Englischen Garten ist zum Niederknien." Die Welt
Hans Pfitzinger, Stille Winkel in München
Erschienen im Verlag Ellert & Richter, Hamburg € 12,95 in jeder Buchhandlung
--------------------------------------------------------------------Ende der Webseitensonderveröffentlichung
Kommunikationsstratege: Small is beautiful!
Überraschung! Von jemandem, der sich von Berufs wegen Kommunikationsstratege nennt (klingt nach smarter Bissnezzman) hätte ich das nicht erwartet: Ein Plädoyer für "Small is beautiful", ja, mit etwas Wohlwollen kann man sogar die Forderung nach Stammesorganisation erkennen - alles olle Hippie-Ideen. Der Mann heißt Lutz Engelke, ist Geschäftsführer einer Firma namens Triad, und berät unter anderem auch die Telekom. Der taz-Aufreger des Tages (mit schöner Titelzeile auf der ersten Seite "Die Doppelflatrate Call & Spy") ging über die Telekom, die Kundendaten ausspioniert hat, um herauszufinden, wer Firmengeheimnisse an die Medien weitergibt. taz-Mann Christian Rath weist zu Recht darauf hin, dass der Fall stinkt, aber noch mehr stinkt das Gesetz, Kundendaten sechs Monate auf Vorrat speichern zu müssen/dürfen. Dazu wird nun von einem Kai Schlieter dieser Kommunikationsstratege Engelke interviewt, und der macht selbstverständlich dicke Werbung für sich und seine Firma, denn Vertrauenskrisen, die von Managern in den Top-Etagen ausgelöst werden, gibt's jede Menge, und da kann er beratend eingreifen. Seine Analyse: "Das Grundproblem ist, dass sich Management-Eliten momentan fatal entpolitisiert haben. Es gibt kein politisches Personal mehr in dieser Art von Großkonzernen." Nun könnte man einwenden, die hatten es ja nicht nötig, sich um Politik zu kümmern, die Regierungen Kohl, Schröder-Fischer und Merkel-Steinmeier taten und tun ja sowieso ihr Bestes, um die Konzerninteressen umzusetzen. Flick, VW und Bertelsmann kümmerten sich stellvertretend für alle anderen um die jeweiligen Pollie=ticker. Engelke sieht nun "eine Krise von kommunikativen Großsystemen." Und er weiß auch, weshalb die Konzernhäuptlinge ihren eigenen Mitarbeitern so misstrauisch gegenüberstehen: "Es existiert eine schon paranoide Angst vor einem schlechten Image, weil die positiven Nachrichten natürlich den DAX beeinflussen." Ein positives Image, sagt er, ist bares Geld wert. Wie man aus der Krise rauskommt, weiß der Mann auch: "Ich glaube da auch nicht an die Selbsterneuerungskräfte von Management-Eliten. Es geht um Modelle, die außerhalb von Großindustrien gelebt werden. Kleine Strukturen, die organisch gewachsen sind. Formen der Kommunikation, vergleichbar mit creative industries, wo viel kooperativer gearbeitet wird, wo man sich an Werten orientiert." Was Engelke damit meint, hat er vorher im Interview schon angedeutet: "Es gab in Stuttgart lange vor Schrempp den Spruch: 'Ich arbeite beim Daimler.' Da waren, vom Arbeiter bis zum Vorstand, die Leute von Stolz erfüllt. Da sollte man wieder hin." Daimler als Stamm, der die Leute vereint, etwas, womit sie sich identifizieren können. Wie gesagt, altes Hippie-Gedankengut. Der Firmenname für Engelkes Strategie- und Kommunikationsunternehmen, Triad, ist übrigens ein Songtitel von Crosby, Stills, Nash & Young.
Linksfresser? Nö.
Mein tazblog tut schon seine Wirkung! Früher haben bösartige Linkenfresserinnen (und Veit Medick) über die Partei Die Linke berichtet, jetzt macht das meistens der viel sachlichere und besonnene Stefan Reinecke. Aber auch wenn das nichts mit mir und meiner Schreiberei zu tun hat, es ist eine positive Veränderung. Und sogar über Sahra Wagenknecht wird nicht hämisch hergezogen, sondern schlicht gemeldet, dass sie mit 70,5 Prozent in den 44-köpfigen Parteivorstand gewählt wurde und damit das beste Ergebnis der Frauen erhalten hat. Glückwunsch! Jetzt muss mich nur noch die Bildredaktion erhören, und bald wieder ein tolles Foto von der schönen Kommunistin abdrucken. Danke im Voraus. Hab ich doch mal wieder "schön" und "Kommunistin" untergebracht! Demnächst krieg ich bei der taz ne Kolumne im Stil von "Öko ist sexy": Sozialismus macht schlank!
28. Mai 2008 Nicht ganz holla
Ist doch schön: Es regt sich wieder jemand über die Kunst von Martin Kippenberger auf, auch wenn der gekreuzigte Frosch nicht zu seinen besonders originellen Werken gehört. Allerdings wird man ihm kaum die Nachricht vom Wahrheit-Frosch ausrichten können ("Kippenberger, wir wissen wo dein Auto steht!"), denn der Künstler ist am 7. März 1997 in Wien gestorben. Aber wir wissen, wo das Auto des Redakteurs steht, und blättern dienstags wie immer schnell weiter, nachdem wir noch kurz beim Foto von Carla Bruni verweilt haben.
Reden und schreiben
Gleich zwei Autoren berichten auf einer ganzen Kulturseite über ein Literatentreffen in Hildesheim. Das hieß "Prosanova", und Dirk Knipphals bemängelt, dass Texte vorlesen besser geklappt hat, als über Texte und Gedichte zu reden. Wen wundert's? Christoph Schröder wiederum findet es problematisch, dass Verlage auch schwache Texte veröffentlichen, Hauptsache, sie kommen aus den Schreibschulen von Hildesheim und Leipzig. Hm. Ist das so? Und wer bestimmt, was schwache Texte sind?
Zwischen den Mauern
Schön, Cristina Nords Abschlussbericht aus Cannes - und die Palme geht an: "Entre les Murs", einen Film, in dem jugendliche Laiendarsteller die Hauptrollen spielen und Schule mit Kindern verschiedener Hautfarbe und unterschiedlicher Herkunft zum Thema wird. Unschlagbar der taz-Titel: "Das siegende Klassenzimmer". Aber die korrekte Übersetzung wäre der Titel hier drüber.
Deutschland von rechts
Undogmatische Journalisten würden nicht einfach behaupten, die Junge Freiheit sei igitt, und wer sich von denen interviewen lässt oder für sie schreibt, sei Sympathisant der Rechten. Das war aber bisher die gängige taz-Art, erst neulich, als sich ein Redakteur tagelang mit fadenscheinigen Argumenten bemüht hat, dem Mann, der Kulturminister von Thüringen werden sollte, eine Nähe zu Adolf Hitler anzuhängen. Die andere Möglichkeit wäre, dem taz-Leser mal zu berichten, was an dieser Zeitung eigentlich so schlimm sein soll. Das würde heißen: Hingehen, mit den Leuten reden, darüber schreiben, was sie für einen Eindruck sie machen, was sie zu sagen haben, wie das Blatt entstanden ist, warum sie so denken. Genau das hat Lydia Harder gemacht und für tazzwei eine Reportage geschrieben. Die war auch noch mit einem hübschen Foto illustriert, das aber bestimmt nicht zufällig entstanden sondern arrangiert war: An einem Zeitungsständer hängt oben ein Exemplar der Jungen Freiheit, darunter die Allgemeine jüdische Wochenzeitung. Mir scheint, auch für die Junge Freiheit gilt Rosa Luxemburgs Spruch von der Freiheit des Andersdenkenden. Viel gefährlicher als so eine konservative Randerscheinung auf dem Zeitungsmarkt ist doch die Konzentration der Großverlage, die Verengung der Meinungsvielfalt. Pressefreiheit wird zunehmend die Freiheit von ein paar Millionären, Gehirnwäsche und Volksverdummung zu betreiben. In Frankreich sind die wichtigen Presseorgane in den Besitz der Rüstungsindustrie übergegangen, in Italien bestimmt Silvio Berlusconi, was die Leute an politischer Aufklärung zu sehen bekommen, in Deutschland betreiben das Pressegeschäft nur noch wenige Konzerne, und die haben in den letzten Jahren auf dem Gebiet der Wirtschaftspolitik alle in etwa die gleiche neoliberale Botschaft verbreitet - ob Spiegel, FAZ, Zeit, Stern, Süddeutsche, Wirtschaftswoche, Managermaganzin, Cicero, Bild, Financial Times, alle haben sie die Ideologie des neoliberalen (Früh-)Kapitalismus' verbreitet und behauptet, zu Schröders asozialer Politik gäbe es "keine Alternative". Die taz war die rühmliche Ausnahme. Man muss sich nur an die Wahlhilfe des Stern für Angela Merkel erinnern. Plötzlich gab es von der Frau, die vorher wie ein unscheinbarer Topf daherkam, nur noch Fotos, die sie im besten Licht erscheinen ließen. Dass sie eine knallhart neoliberale Innen- und Außenpolitik betreibt und Schröders Agenda fortsetzt, erfährt man in keinem der erwähnten Blätter. Dafür wird die Leserschaft angehalten, sich Gedanken zu machen, wie tief das Dekolletee einer Bundeskanzlerin beim Opernbesuch sein darf. Was Marco Morosini daneben auf der Meinungsseite über sein Land feststellt, gilt doch hier genauso: "In Italien dienen die herrschenden Medien grundsätzlich nicht den Lesern oder Zuschauern, sondern den Eigentümern und Werbekunden." Das ist völlig richtig. Wer würde von Spiegel, Stern, Zeit einen kritischen Hintergrundbericht über die Politik der Bertelsmann-Stiftung und ihre Einflussnahme auf die Bundesregierung erwarten - sind doch alle drei über Gruner + Jahr mindestens teilweise im Besitz des Bertelsmann-Konzerns. Und welche Tageszeitung schreibt kritisch über Machenschaften von Aldi oder Lidl, solange sie täglich zwei Seiten Anzeigen von ihnen bekommt?
Kinderkram
Der eben erwähnte Marco Morosini arbeitet als freiberuflicher Journalist und für den hier im Blog auch schon gefeierten Beppo Grillo. Morosinis Kommentar zur Volksverdummung in Italien enthält wenig Neues, aber er fasst die Lage unter Berlusconi recht schön zusammen. Wer sich wundert, wie dieser Wichtigtuer jetzt zum zweiten Mal zum Regierungschef gewählt werden konnte erfährt es hier: Mit Hilfe seiner Fernsehsender. Es ist Gift für diese Art von Demokratie, wenn Politiker die Medien beherrschen und über die Medien herrschen wollen. Berlusconi hat zudem verstanden, "dass man das 'Publikum' am besten gewinnt, wenn man es wie elfjährige Kinder anspricht." Man muss sich nur umsehen - 90 Prozent aller Werbung (grob geschätzt) wendet sich an das Kind in Mann und Frau. Der größte Teil dessen, was so als Konsum durchgeht, befriedigt kindliche Bedürfnisse, bis hin zur Lust am Auto und solchen Kleinkindersportarten wie Formel 1-Rennen. Brrrrmmm! Brrrmmmm! Fernsehen? Kinderniveau geht immer. Und der kindliche Glaube an Atomenergie führt dazu, dass Berlusconi jetzt wieder Atomkraftwerke anvisiert. Und da wird er halt gefährlich, der neue Duce light: Der Atomdreck ist eben kein Kinderkram.
Polli=ticker
Eine der merkwürdigsten und wohl auch gefährlichsten Gestalten in Angela Merkels Geisterbahn kommt von der CSU und heißt Michael Glos. Der meldet sich immer mit Äußerungen zu Wort, die den Eindruck erwecken sollen, er sei voll auf der Seite des vielbeschworenen kleinen Mannes, Otto Normalwähler sozusagen. Isser aber nicht, in Wahrheit und echt macht er Politik im Interesse der Großkonzerne und der wirtschaftlich Mächtigen. Für die arbeitet er, sonst wäre er ja nicht Wirtschaftsminister. Nick Reimer wirft ihm vor, dass er in der Energiepolitik dilettiert. Das glaub ich nicht mal. Ich vermute eher, der Glos weiß schon, was er tut. Aber warum macht er das? Was treibt ihn dazu, die Interessen des Kapitals zu vertreten? Was hat er davon?
Hauptsache Arbeitsplätze
"Luftfrachtdrehkreuz" nennt sich das, was da am Flughafen Leipzig/Halle entsteht, und mit dem üblichen Mantra "schafft Arbeitsplätze" durchgezogen wird. Die taz-Autoren Sonja Fehr und Andre Seifert haben festgestellt, dass zwei Drittel der rund 2.000 Beschäftigten Teilzeit arbeiten und von den Löhnen nicht leben können. Jetzt hat sich eine Bürgerinitiative gegen den Fluglärm gebildet. Deren Vorsitzender Michael Teske: Neue Arbeitsplätze würden für ostdeutsche Standorte immer als Totschlagargument benutzt. Nicht nur an ostdeutschen Standorten, Herr Teske, überall, und für jeden Scheiß.
Schwanengesang
Die Demokratie, sagt Gesine Schwan, steckt in einer "kulturellen Krise". Ohne Vertrauen, sagt Gesine Schwan, könne eine Demokratie nicht funktionieren, und Vertrauen bilde sich nur, wenn sich "die Interessen vor dem Gemeinwohl verantworten müssen." Sagt Gesine Schwan. Da hat Gesine Schwan ganz recht. Wie aber sollen das die Berliner Politiker verstehen? Die wissen doch gar nicht mehr, wie man Gemeinwohl buchstabiert. Deshalb heute ein besonderer Service von "Achtung: tazblog!" So buchstabiert man Geimeinwohl: G wie Gesine, E wie Engels, M wie Marx, E wie Eppler, I wie Internationale, N wie Narjes, W wie Willy, O wie Oskar und L wie Luxemburg. Bis morgen!
29. Mai 2008
Pistole oder ausziehen
"Heutzutage musst du ganz schnell eine Pistole ins Spiel bringen oder deine Figuren möglichst rasch ausziehen." So beschrieb Sydney Pollack das Erfolgsrezept heutiger Großproduktionen im Kino. Oder, wie Cristina Nord es neulich ausdrückte, du fängst mit einer Explosion an und steigerst dich dann langsam. Pollack hat das nie gemacht, Erfolg hatte er trotzdem. An seinen Filmen war nichts Revolutionäres, einfach nur hervorragendes, intelligentes Regiehandwerk, Hollywood im besten Sinn, zutiefst menschlich, liebevoll, bewegend. Meine Lieblingsfilme: "Jeremiah Johnson", "Jenseits von Afrika", "Yakuza" (Robert Mitchum!), "Der elektrische Reiter". Ekkehard Knoerer schreibt einen sehr treffenden Nachruf, vergleicht Pollack als Regisseur mit Norman Jewison ("Thomas Crown ist nicht zu fassen", die erste Version, mit Steve McQueen und Faye Dunaway) und mit Robert Redford. Bleibt noch zu ergänzen, dass Pollack sein Leben lang mit Redford befreundet war. Beide spielten 1962 zum ersten Mal gemeinsam in einem Film mit, "War Hunt" von Denis Sanders. Als Schauspieler war Pollack 1999 auch in Stanley Kubricks "Eyes Wide Shut" zu sehen, zuletzt in diesem Jahr im Film "Verliebt in die Braut". Seine letzte Arbeit als Regisseur war ein Dokumentarfilm über den Architekten Frank Gehry.
Terence Koh: Starkes Interview, taz vom Feinsten!!!
Die Kultur macht mit einem fast halbseitigen Foto von Terence Koh auf, mit nem komischen Hut steht er in einem Kriegerkostüm auf der chinesischen Mauer, die im Hintergrund unscharf über einen Berg verschwindet. Das Interview mit Koh, geführt von Jenny Schlenzka, ist schlichtweg umwerfend. Der Mann hat zur Zeit eine Ausstellung in der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt, und was er zu sagen hat, was Frau Schlenzka aus ihm rausholt, gehört zum Gescheitesten, das ich in den letzten Monaten irgendwo gelesen habe. Die Ausstellung heißt "Captain Buddha", und das ist schon mal ein guter Titel, aber die meiste Zeit reden Koh und Schlenzka gar nicht über seine Kunst, sondern über den Roman "Moby Dick" von Herman Melville. Und über Schönheit. Zuerst sagt Koh, er habe "Moby Dick" gelesen und sei "in der ersten Zeile hängen geblieben: 'Nennt mich Ismael'." Dann reden sie eine Weile über das Buch und kommen auf Religion zu sprechen. Koh: "Spirituelle Menschen glauben an eine Kraft in sich selbst, religiöse Menschen an ein höheres Wesen, außerhalb ihrer selbst. Ich glaube an nichts von beidem. Aber Sie haben recht, 'Moby Dick' ist durch und durch christlich. Und buddhistisch zu sein ist sehr unchristlich." Schlenzka spricht ihn auf seine Ausstellung in Berlin an, "Mein Tod, mein Tod", wo er seine Beerdigung inszeniert hat, mit einem Grabstein aus weißem Marzipan. Und Schlenzka fragt: "Kann Schönheit helfen, mit der Vergänglichkeit umzugehen?" Worauf Koh antwortet: "Oh ja, Schönheit ist wichtig. Es ist nichts falsch daran, sich etwas Schönes anzuschauen. Oder noch besser, ein schönes Leben zu haben. Aber wer weiß schon genau, was Schönheit ist. Scheiße kann irgendwie auch schön sein, oder?" Zum Schluss bringt Koh noch eine Überraschung, als er behauptet, er hätte "Moby Dick" gar nicht gelesen: "Wie gesagt, ich bin an der ersten Zeile hängengeblieben." Da will Schlenzka natürlich wissen, woher er das Buch dann so genau kennt, und Koh meint, vielleicht hätte er es mal in der Schule gelesen, "oder als Film gesehen. Jeder kennt doch 'Moby Dick'." Und dann fängt er an zu singen: "Nennt mich Ismael", und sagt: "Nennt mich Koh. Das ist mein Name, und ich weiß, dass ich sterben werde. Die Geschichte, die ich euch erzähle, handelt von meinem Versuch, zu entfliehen. Aber sterben muss ich trotzdem." Wie gesagt, ganz starkes Interview.
Ne halbe Seite über schwule Fußballer
Dazu möchte ich folgenden Kommentar abgeben: .
Zu viele Migranten
Ganz wunderbar erzählt diesmal: Die Kolumne von Jan Feddersen. Sein Friseur Mohammed, ein Libanese, zieht weg aus Neukölln, weil ihm da zu viele Migranten wohnen. Das hat mich an Costa erinnert, meinen griechischen Wirt in Haidhausen, der immer misstrauisch aus den Fenstern seiner Kneipe zum Haus gegenüber geguckt hat. Da hatte die Stadtverwaltung Aussiedler aus Russland untergebracht, nur Familien, einzelne Männer waren der CSU zu gefährlich. Aber Costa fand auch die Familien nicht gut. Er war der Meinung, dass es langsam viel zu viele Ausländer in München gab.
Solingen
Möchten Sie einen Kommentar lesen zum Brandanschlag in Solingen vor 15 Jahren, mit dem Titel: "Ein traumatisches Generationserlebnis"? Nein? Ich auch nicht.
Leser
Brav! Auch Änne Detels-Elling und Rainer Elling waren geschockt vom letzten Satz im taz-Kommentar der Nicola Glass am vergangenen Samstag, in dem es hieß, "dann muss sich die internationale Gemeinschaft zu einer humanitären Intervention durchringen." Sie empfehlen Naomi Kleins Buch "Schock-Therapie" zur Aufklärung darüber, "wer profitiert, wenn man die 'Internationalen Hilfeleister' ins Land lässt." Ich kenne das Buch nicht, mein Misstrauen gründet sich nur auf die Art der Berichterstattung in den deutschen Medien und die Formulierungen von Nicola Glass.
Die gute Nachricht
Von Ben Schwan erfahre ich in einem kleinen Artikel über die Benzinpreise in den USA: "Laut aktuellen Marktdaten fiel der Verkauf der Sport Utility Vehicle in Ausführung 'Full Size' im April um satte 32,3 Prozent, meldet der Boston Globe." SUV, Sie wissen schon, Stadtgeländewagen à la Porsche, BMW, Audi, Hummer, Mercedes, Range Rover, meistens in schwarz, 23 Liter auf 100 Kilometer im Stadtverkehr, Saumäßige Umwelt-Verseucher.
Zitate
Seite 9: "Die Stimmung der deutschen Verbraucher ist deutlich gesunken." Nächster Absatz: "Das Klima in den Chefetagen hellte sich auf, wie das Münchner ifo-Institut vergangene Woche mitteilte."
Seite 7: "Die Sozialdemokraten legen ein neues Konzept für Steuern und Abgaben vor. Die Steuern für Spitzenverdiener sollen steigen, mittlere und untere Einkommen entlastet werden - aber erst ab 2012."
"In der ganzen Naturgeschichte kenne ich kein ekelhafteres Lebewesen als die Sozialdemokratische Partei." Gustav Landauer, 1919 ;-)
30. Mai 2008
Der Sozialstaat wird - immer noch - zurückgebaut
Heute geht's los auf Seite 3 in der taz vom 29.5.: Ein Interview mit Dierk Hirschel. Der ist 38 Jahre alt und "Chefökonom" des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Wie wir aus der taz erfahren, hat er mal Tischler gelernt und sich dann schlau gemacht über den "Einkommensreichtum und seine Ursachen". Hirschel nennt die Dinge beim Namen: "Gewinn und Vermögenseinkommen sind in den vergangenen vier Jahren um ein Viertel gestiegen - die Realeinkommen aber gesunken." Und dann spricht er aus, was ja inzwischen alle wissen: Die soziale Ungleichheit ist eine Folge der "Steuer-, Sozial- und Einkommenspolitik. Dafür die Globalisierung verantwortlich zu machen ist absurd. Dass der Kapitalismus aus sich selbst heraus Ungleichheit produziert, wissen wir seit über 200 Jahren. Die westeuropäische Antwort darauf waren der Sozialstaat und starke Gewerkschaften. Diese Erkenntnis ist offenbar verloren gegangen. Minilöhne, 1-Euro-Jobs, Leiharbeit und andere Formen prekärer Beschäftigung fallen doch nicht einfach vom Himmel. Der massive Lohndruck ist vor allem durch die Hartz-Reformen entstanden. Das hat die Gewerkschaften empfindlich geschwächt." Noch mehr Informationen gefällig? "Besserverdienende wurden durch die Senkung des Spitzensteuersatzes um 9 Milliarden entlastet, Unternehmen um 16 Milliarden. Als Folge sind die Nettoeinkommen der Besserverdienenden stärker gestiegen als ihre Bruttoeinkommen." Nun könnte man einwenden, das sei alles von der Schröder-Bande so eingerichtet worden, um die Staatsschulden abzubauen und die Zinszahlungen dafür zu senken. Das ist aber nicht passiert. Dierk Hirschel: "Der öffentliche Schuldenberg wurde dadurch nicht abgebaut." Auch was die Agenda 2010 betrifft, findet Hirschel klare Worte: "SPD und Grüne haben die Idee vertreten, der umverteilende Sozialstaat gehöre ins Museum, während stattdessen der investierende Sozialstaat das einzig Wahre ist. Sie müssen realisieren, dass dieser Ansatz auf ganzer Linie gescheitert ist."
Ich hab mich ja schon darüber aufgeregt, dass Gerhard Schröder als Bundeskanzler zusammen mit Wladimir Putin das Geschäft mit der Ostsee-Pipeline eingefädelt, dann mutwilllig seinen Job als Bundeskanzler aufgegeben und bei Gazprom angeheuert hat. Ob er die Steuersenkung für die hohen Einkommen auch schon in weiser Voraussicht und zu seinem persönlichen Vorteil durchgezogen hat? Jedenfalls verdient er bei Gazprom 250.000 Euro im Jahr, und vom Ringier-Verlag kriegt er bestimmt noch eine hübsche Summe dazu für seine "Berater"-Tätigkeit. Kein Wunder, dass er jetzt sein Reihenhaus in Hannover aufgibt und in ein besseres Viertel und eine größere Villa umzieht. Ob Schröder die Ausnahme oder die Regel in der politischen Klasse darstellt ist in diesem Zusammenhang nicht sooo wichtig. Aber seine Politik hat hunderttausende von Menschen in die Armut getrieben, während er sich nach allen Regeln politischer Kunst bereichert hat. Vor ein paar Tagen habe ich das Zitat von Gustav Landauer hier über den Einträgen entfernt, ich wollte ja nicht alle SPD-Leute pauschal abschrecken. Jetzt steht's wieder da: Was Schröder gemacht hat, darf nicht vergessen werden. Und historisch gesehen hat man für derartige Schweinereien schon immer die SPD gebraucht.
Gequirlte Scheiße
"Standard Operating Procedure" - so heißt das, wenn etwas als ganz gewöhnliche, übliche Prozedur gilt, der reguläre Dienstablauf eben. So heißt jetzt auch ein neuer Dokumentarfilm, in dem US-amerikanische Soldaten, die wegen Folterung verurteilt wurden, sich vor der Kamera darstellen dürfen. Der Film dauert 118 Minuten, der Regisseur Errol Morris hat zu den Interviews auch noch mit Schauspielern Folterszenen aus dem Gefängnis Abu Ghraib in Bagdad nachgedreht. In der taz schreibt Diedrich Diederichsen darüber und macht sich so seine Gedanken. Ein Drittel seiner Spalten nimmt die Kritik am Komponisten der Filmmusik ein, der auch die Titelmelodie für "Die Simpsons" geschrieben hat. Ein Satz lautet: "Mit Ausnahme der als Höhepunkte markierten Momente des Folter-Reenactments, die von dubbigen Triphop-Geräuscheffekten untermalt werden, läuft aber die ganze Zeit eine merkwürdig narrative, altmodische, weitgehend orchestrale Filmmusik, die ebenso gut Fortschritte und Rückschläge beim Bau eines Eigenheims (in der Rolle des Vaters: Gerd Baltus) illustrieren könnte oder einen lehrreichen Dokumentarfilm über die Geschichte der friedlichen Kernkraftnutzung aus den 50ern." Dann ist noch davon die Rede, dass die Interviews "crisp gefilmt" seien. Der Regisseur hat "sich nicht nur für eine Larger-than-life-Optik entschieden, er hat sich auch in die Manierismen seiner Gegenüber verknallt." Von den Interviewten erfahren wir darüber hinaus noch, "Dass diese Täter alle nur arme Schweine waren, glaubt man gerne." Aber: "Das System und die Struktur hinter all dem ist dem Verhalten der armen Schweine nicht fremd," Und: "Ihre Arme-Schweinizität ist Gelenk und Hebel dieser Strukturen." Fehl am Platz findet Diederichsen außer der Filmmusik noch die extreme Vergrößerung von Augenbrauenhaaren und entlässt den Leser mit dem Fazit: "Die analytische Dürftigkeit des Tertium Comparationis 'krass' ist aber nicht nur hier die große Schwäche von Errol Morris' Film." So weit ich ihn verstehe, kann ich Diederichsens Ansichten manchmal zustimmen. Was mich schon seit gut 20 Jahren abstößt, ist die vermeintlich elitäre Sprache, in der er seine Gedankenwindungen mitteilt: "Die Reenactments wirken in ihrer Mischung aus Prodigy-Video-Anmutung und Lars-von-Trier-Drehabfall-Look, als erwarte uns demnächst ein Guido-Knopp-Format für die anpolitisiert fühlende Jugend." Warum sagt dem Professor Diederichsen eigentlich keiner, dass so ein Satz gequirlte Scheiße ist? Die Porträtfotos zum Artikel sind übrigens klasse!
Hoher ÜQ*
Von Anja Maier drucken die tazzwei-Redakteure eine Kolumne über "Germanys Next Top Model", in der die Autorin offenbar vor lauter Freude über die eigene Originalität ihre heranwachsende Tochter sechs Mal in dreieinhalb Spalten als Pubertistin bezeichnet. Zwei Beispielsätze gefällig? "Da saßen die Pubertistin und ich vor dem Fernseher, es gab fettreduziertes Knabbergebäck und Cola light. Ihren Vater hatten wir - wegen wiederholter unqualifizierter Kommentare - des Raumes verwiesen, ihre Schwester hatte sich wie stets donnerstags ins pralle Kleinstadtleben verdrückt. Es war die 'Drama! Drama!'-Saison eines feminin agierenden Kampfpiloten (das behauptete der extrovertierte Walk-Trainer zumindest), jene Staffel, in der Heidi Klum betonte, alles essen zu können (außer Kartoffeln, Reis, Nudeln usw. usf.), in der schließlich eben jener Kampfpilot die historische Forderung erhob, Handtaschen zum Leben zu erwecken." Jaja, ich hör schon auf mit Zitieren. Wer das liest ist doof. Wer das schreibt erst recht. Mit der Frau möchte ich nicht verheiratet sein. Sie mit mir hoffentlich auch nicht.
* = Überflüssigkeitsquotient
Meine Heldin
Lea Hinze ist 28 Jahre alt. Sie hat eine Lehre als Zimmerin gemacht und ging dann drei Jahre als Gesellin auf Wanderschaft. Jetzt kämpft sie gegen den Anbau genmanipulierter Pflanzen. Sie geht nachts mit ihrer Hacke raus auf die Felder und zerstört das Dreckszeug. Dass sie danach von der Polizei festgenommen wird, scheint ihr ziemlich wurscht zu sein. Ihr drohen Prozesse wegen Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung. Sie beruft sich auf Artikel 34 des Strafgesetzbuches, Rechtfertigender Notstand. taz-Autorin Anke Lübbert erklärt das so: "Kann eine höher zu bewertende Gefahr durch eine Straftat abgewehrt werden, gilt sie nicht als rechtswidrig. In keinem der bisher ausgehandelten Prozesse um Gentechnik wurde diese Argumentation von einem Richter übernommen." Hätte mich auch gewundert in diesem Land. Anke Lübbert über Lea Hinze: "Mittlerweile kann sie mit Motorsäge, Hammer und Axt umgehen, backt jede Woche vierzig Brote und redet vor vollen Sälen über Grüne Gentechnik. Gibt es etwas, womit sie Schwierigkeiten hat? Lea überlegt. Sie steht über den Farbeimer gebeugt, regungslos, die Farbe tropft von der Rolle in den Eimer. Irgendwann sagt sie: 'Mir fällt gerade nichts ein.'" Die Initiative "Gendreck weg" will am 26. und 27. Juni ein Feld in Kitzingen in Baden-Württemberg zerstören. Infos unter www.gendreck-weg.de Lea Hinze ist meine Heldin des Monats.
Wieder nichts...
... über "wirtschaft und umwelt"? "Endlager-Flutung gefährdet Umwelt" - sie wissen immer noch nicht wohin mit dem Atommüll. Nirgends. In keinem Land. "Europas Milchbauern halten zusammen". Gut so. "Abhörunternehmen belastet Ex-Telekom-Spitze" - auch gut. "'Monsieur Airbüs' in Polizeigewahrsam" - noch besser. An Themen und Darstellung auf den Seiten "wirtschaft und umwelt" gibt's mal wieder nichts auszusetzen.
31. Mai 2008
Na bitte, geht doch! (Starke Frauen I)
Die Überschrift bezieht sich auf zweierlei: Eine Muslimin aus der grünen Fraktion wird Vizepräsidentin der Hamburger Bürgschaft! Und ich finde sogar das Sonderzeichen, um ihren Namen korrekt zu schreiben: ç. Die Frau ist 42 Jahre alt und heißt Nebahat Güçlü. Ha! Geboren 1965 im anatolischen Kayseri, kam mit fünf nach Hamburg, fing auf der Grundschule mit Fußballspielen an, war das erste türkische Mädchen in der Vereinsmannschaft von Adler Uhlenhorst. Später hat sie dann Taekwondo gemacht - ne Kämpferin, ohne Zweifel. Und dann hat sie sich durch ein Uni-Studium gekämpft, wurde Politologin, war viel unterwegs in der Welt, hat Frauenprojekte gegründet in Mexiko, Uruquay, Südafrika, Thailand, Türkei. Und dabei hat sie auch noch allein eine Tochter aufgezogen. Bei den Hamburger Grünen war Nebahat Güçlü Fachsprecherin für Soziales, Frauen und Migration. Was für ein Glück für die Hamburger, solche Frauen braucht das Land! Sven-Michael Veit von der Seite 2 möchte ich für die Informationen danken. Sowas les ich gern.
Geföhnt
Starkes Foto auf derselben Seite, die Ex-Chefs der Telekom grinsen frisch rasiert und flott geföhnt in die Kamera. Muss wohl ein älteres Foto sein, inzwischen ist ihnen wohl das Lachen vergangen, weil: Es ermittelt die Bonner Staatsanwaltschaft gegen Kai-Uwe Ricke und Klaus Zumwinkel - Verstoß gegen das Post- und Fernmeldegeheimnis. Wenn ich mir die Gesichter von diesen beiden Aalglatten ansehe, frag ich mich, ob ich denen ein gebrauchtes Fahrrad abkaufen würde. Eindeutig nein. Würde ich ihnen Call & Surf Comfort Plus für 33,57 Euro im Monat plus MwSt. abkaufen? Keine Frage, hab ich ja schon. Und zwei Jahre Kündigungsfrist. Also: Wenn Sie das hier lesen können, dann dank Telekom.
Kurt Beck. Schmeckt's?
Auf der Wahrheit vergleicht Michael Ringel den SPD-Beck mit der Leberwurst, die in Ringels WG immer "das graue Geheimnis" genannt wurde - man weiß ja nie, was drin ist. Gott schütze uns vor Saumagen und Leberwürsten in der Politik. 1 Pfälzer als Bundeskanzler reicht für alle Zeiten, mein Bedarf ist gedeckt. Ich mag auch keine Leberwurst, weil ich immer an den Witz mit dem Metzger denken muss, der auf dem Sterbebett die drei Söhne um sich versammelt. Er kann kaum noch reden, nur noch ganz leise, so dass sie sich nah zu seinem Mund hinunterbeugen müssen, um die letzten Worte zu verstehen: "Esst keine Wurst!"
Die Junge Freiheit der Andersdenkenden
Schon wieder ein Beitrag über die Junge Freiheit. Die muss den taz-Machern ganz schön wichtig sein, sonst würden sie doch nicht dauernd drüber schreiben. Nun lasst mal gut sein - das Blättchen steht ganz gewiss unter den Schutz der Pressefreiheit, ob einem das passt oder nicht. Und wen der angeblich neue Rechtsintellektualismus nicht interessiert, der wird von niemandem gezwungen, das zu lesen. Ich hab's auch noch nicht getan, aber wenn die eine Blattkritik von mir wollten, würde ich ihnen schon sagen, wie ich das sehe. Von mir aus.
Aufbäumen und umgarnen
Mann, ich hab wirklich wenig Ahnung, was so in den aktuellen Popmusikszenen läuft, geb ich bereitwillig zu. Aber ich lese, wie mehrmals berichtet, gern die Nachrichten aus der vielfältig zersplitterten Landschaft. Von Death Cab for Cutie erfahre ich zum ersten Mal aus der taz, und zwar aus einem Artikel von Joanna Itzek, an dem es nichts auszusetzen gibt - das ist gut geschrieben, originell, ohne bemüht zu sein, informiert sogar komplette Idioten wie mich, und sorgt dafür, dass mich die Band jetzt tatsächlich interessiert. Itzek hat eine gute Art drauf, die Musik zu verdeutlichen: "Im Eröffnungssong 'Bixby Canyon Bridge' zum Beispiel. Wie es selig losgeht mit hellem Gesang, wie dann Schlagzeug und Gitarre die Geduld verlieren, sich aufbäumen und niederkrachen und von Nick Harmers Bassspiel so lange umgarnt werden, bis wieder Ruhe ist im Canyon - das ist was." Diese Plattenkritik auch.
Gar net ignorieren
Nein, über den Artikel "Die Farben des Geldes", in dem es um Musik der "Bindestrich-Identitäten" in England seit 25 Jahren geht, sag ich nichts. Gar nichts. Nicht mal den Autor werde ich erwähnen. Nur knurren werde ich: Grrrrrrrr.
Dogmatik
Wieder eine feine Kolumne von K.-P. Klingelschmidt. Der hat so lange in der taz sachliche Nachrichten aus dem Hessischen geschrieben, dass ich ihm den Umgang mit Kolumnen erst zugetraut habe, als er neulich damit angefangen hat. Zwei Schmankerln aus dem Beitrag vom 30. 5.: "Christine B. reklamiert das Recht auf Irrtum für sich. Altersweisheit ist das - Gott sei Dank - nicht." Später schreibt er: "Wir waren dann zum Dinner 'à la imperialistischer Klassenfeind' bei ihr eingeladen. Es gab Hummer aus dem Atlantik mit scharfen Saucen aus der kreolischen Küche von New Orleans zum dippen. Und als Kontrastmittel dazu weißen kubanischen Rum: 'Auf Che!' Noch bis spät in die Nacht hörten wir alte zerkratzte Platten von Janis Joplin: 'Buried Alive in the Blues'. So schön undogmatisch kann älter werden sein." Aber dann wird er doch wieder ein bisschen dogmatisch und empfiehlt zum Rauswerfen: "Alle CDs der Stones nach Exile on Mainstreet." Da iss schon was dran. Aber auf die Art den Durchblicker rauslassen, wirkt dann doch etwas, hm, uncool? Dogmatisch?
Religiöses
In Griechenland hat der Bürgermeister einer ägäischen Insel angekündigt, dass er demnächst ein gleichgeschlechtliches Paar trauen wird, ob männlich oder weiblich, will er noch bekanntgeben. Das wäre das erste Mal in Griechenland. Die Insel heißt Tilos, und der Bürgermeister versteht was von Tourismuswerbung, so viel ist klar. Jan Feddersen vermutet gleich: "Tilos könnte ein Wallfahrtsort werden." Ist schwul sein jetzt schon eine Religion? Da hab ich wohl was verpasst.
Schluss mit 26 (Starke Frauen II)
"In meinem ersten Jahr rannte ich nur den ganzen Tag ab frühmorgens gestresst durch Berlin, machte im Anzug auf wichtig-wichtig. Da erschien dann im Stern dieser Artikel: 'Anna ist früh vergreist.' Das war gemein und unfair, aber die Gefahr bestand tatsächlich, krass zum Apparatschik zu werden." So drückt es Anna Lührmann in einem langen Interview aus, das Ulrike Winkelmann mit ihr geführt hat. Anlass: Die ehemals jüngste Abgeordnete aller Zeiten hört nächstes Jahr mit der Politik im Bundestag auf. Lührmann war mit 13 Sprecherin der Grünen Jugend in Kassel, mit 15 in ganz Hessen, kam mit 19 ins "Hohe Haus", und mit 26 will sie nicht noch einmal kandidieren: "Bliebe ich im Bundestag, bis ich 39 wäre, würde ich abhängig von der Partei, müsste darum betteln, wieder aufgestellt zu werden, weil ich sonst keine Perspektive sähe." Ulrike Winkelmann stellt die naheliegende Frage: "Haben Sie Ihre grünen Kollegen betteln sehen?" Lührmann: "Ja, das kann man so sagen. (...) Ich könnte mir vorstellen, dass manche meiner Kollegen ihr Abstimmungsverhalten zum Afghanistaneinsatz nicht daran ausgerichtet haben, was sie selber denken, sondern daran, welche Auswirkungen das auf ihren Listenplatz haben würde." Tja. Ich gebe gern zu, dass meine Kriktik an der Politischen Klasse manchmal recht pauschal ausfällt, was viel mit der Dreistigkeit der Berliner Apparatschiks zu tun hat. Das Interview zeigt sehr schön, dass es auch unter den Abgeordneten des Bundestags menschliche Charaktere gibt, das will ich gar nicht abstreiten. Anna Lührmann hat zumindest die Gefahr erkannt, selbst zum Apparatschik zu werden und hört auf. Zu den Abgeordneten, die ich schätze, zählt auch einer, den ich seit 1968 beobachte und immer zu meinen politischen Gegnern gezählt habe: Peter Gauweiler. Damals war er Vorsitzender des RCDS an der Uni München - igitt. Dann hat ihn Franz-Josef Strauß sehr gefördert, und er wurde was in der CSU. Aber wie das so läuft, die ganz große Karriere hat er dann doch nicht gemacht. Dafür hat er doch zu sehr seinen eigenen Kopf zum Denken benützt. Mit zunehmendem Alter fängt er an, mir langsam aber sicher zu imponieren. Manche seiner Ansichten könnte ich hier als meine reinkopieren. Und als ich vor zwei Jahren mal Hermann Scheer von der SPD zugehört habe, war ich schon sehr beeindruckt von seiner Art, eine Stunde lang ohne Manuskript und mit klaren Argumenten ökologische Vernunft zu vertreten. Das wird mich nicht daran hindern, das ganze Pack oftmals zu verwünschen und zu fordern, sie so schnell wie möglich zum Teufel zu jagen, die Politische Klasse, die sich unsere Demokratie unter den korrupten Nagel gerissen hat. Hehehe.
Blumentopf & Akademische Würden
Nette Meldungen auf der "ausland"-Seite. Bei der Wahl zu Israels Nationalvogel "schlug der Wiedehopf (hebräisch: Duhifat) mit 35 Prozent Meldevogel und Finken." Das ist schön, anscheinend gibt's heute keine schlechten Nachrichten aus der Gegend. Und mein ganz besonderer Glückwunsch geht an den Mann, der hier sonst immer nur als SPD-Ekel ins tazblog kommt: "Die russische Akademie der Wissenschaften hat Exbundeskanzler Gerhard Schröder (64) für seine Verdienste um die europäisch-russischen Beziehungen in ihre Reihen aufgenommen." Mein Misstrauen gegen Wissenschaftler, vor allem gegen russische Wissenschaftler, nimmt damit in dramatischem Ausmaß zu. Arno Schmidt hat ihnen in "Die Gelehrtenrepublik" schon weitblickend zugetraut, sie würden nicht einmal davor zurückschrecken, Gehirne von Schachweltmeistern in Pferdeköpfe zu verpflanzen.
Was kostet die Welt?
"Wenn die Wälder weiterhin mit der gleichen Rate zerstört werden, kostet uns allein das bis zum Jahr 2050 rund 6 Prozent des jährlichen Weltsozialprodukts." Solch ein Satz kann nur einem kranken Hirn entspringen. Wissen Sie, wie viel 6 Prozent des Weltsozialprodukts ist? Ich auch nicht, Pavan Sukhdev von der Deutschen Bank vielleicht schon, aber er sagt es uns nicht in Malte Kreutzfeldts Beitrag "Rodungen kosten Billionen". Jetzt fangen sie also wieder an damit: "Insgesamt wird der jährliche finanzielle Nutzen eines Hektars Korallenriff auf bis zu 6.000 Dollar geschätzt" - Nutzen für die Tourismusindustrie, wohlgemerkt. "Die Knappheit der Ressourcen muss einen Preis bekommen." Wer das wohl gesagt hat? Sigmar Gabriel, der sich "Umwelt"-Minister nennt und als solcher mit einer dicken C02-Schleuder über die Autobahnen brettert. Natur ist also dann schützenswert, wenn ihre Zerstörung einen Haufen Geld kostet, oder wenn man mit ihrer Erhaltung Geld verdienen kann. Leute, die so denken, sind krank. Mit solchen Argumenten Menschen davon überzeugen zu wollen, dass es falsch ist, diesen Planeten zu ruinieren, ist ebenfalls Teil der Krankheit. Und wer glaubt, dass man mit dem Kapitalismus einfach weitermachen kann, ohne unsere eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören, hat nicht mehr alle Nadeln an der Tanne. Dass jeder unkontrolliert so viel Profite einfährt, wie er will, das gibt dieser Planet nicht mehr her. Und dass man für ständig steigende Unternehmensgewinne immer noch mehr Öl und Benzin verbrennt, geht auch nicht. Kapiert das denn keiner von diesen Apokalyptikern in Politik und Wirtschaft?
Macht euch die Erde untertan war der falsche Weg von Anfang an
(aus: Ihre Kinder. Ein Lied aus dem Jahr 1990)
Daneben steht in der taz auf der Seite 8 ein kurzer Vierspalter: "Pkws entscheiden Kampf gegen Klimawandel", ein Bericht vom "Weltverkehrsforum" in Leipzig, wo man immer noch glaubt, die heiße Luft aus Politikermund würde irgendetwas am Klima ändern. Angela Merkel durfte dort den Klimaschutz zur "eindeutig spannendsten Aufgabe des 21. Jahrhunderts" erklären. "Sie plädierte dann aber für mehr marktwirtschaftliche Lösungen statt ordnungsrechtliche Vorgaben." "Spannend" nennt sie das. Aber sie ist zuversichtlich: "Der Markt" wird's schon richten. Solange man mit der Zerstörung viel Geld verdienen kann, wird's schon nicht so schlimm werden. Aber spannend. Diese Frau hat ein neoliberales Brett vorm Kopf, das ist dicker als ihr Hintern.
Guantanamo
Im US-amerikanischen KZ Guantanamo gibt es Menschen, die sogar von der Bush-Junta für unverdächtig gehalten werden. Trotzdem werden sie nicht freigelassen, weil die US-Regierung sie unter keinen Umständen im Land haben will. Es gibt aber auch keine anderen Länder, die sie aufnehmen wollen. Johano Strasser, Präsident des deutschen PEN-Zentrums (das ist eine Schriftsteller-Vereinigung), will, dass diese Menschen nach Deutschland ausreisen dürfen. Hans-Christian Ströbele hat sich der Forderung angeschlossen. Die Aufnahme in Deutschland sollte eigentlich ohne weitere Diskussion selbstverständlich sein.
Wichtigtuerei
Wenn's um überflüssigen Gesinnungsjournalismus geht, wo oft das Wort "soll" vorkommt, Gerüchte kolportiert und aus undurchsichtigen, trüben Quellen zitiert wird, ist die taz schon mal freudig dabei. Jetzt haben zwei Autoren, Daniel Schulz und Andreas Speit, eine CDU-Frau ausgemacht, die "soll in ihrer Jugend Mitglied rechtsextremistischer Organisationen gewesen sein." Ihr verabscheuungswürdiges Tun: Sie gehörte als Studentin dem "Ostpolitischen Deutschen Studentenverband" an. Die wackeren taz-Reporter haben jetzt herausgefunden: "Bei der Jahreshauptversammlung 1979 stimmte (Yvonne) Olivier offenbar über einen interessanten Antrag mit ab. Laut dem sollte sich der ODS sich bei CDU-Bundestagsmitgliedern dafür einzusetzen, nicht für die Aufhebung der Verjährungspflicht von NS-Verbrechen zu stimmen." Interessant. Dass der letzte Satz dermaßen daneben ging - ich hab keinen Buchstaben verändert -, liegt vielleicht daran, dass der ganze Beitrag völlig überflüssig und platte Wichtigtuerei ist. Ob die Frau dem Antrag zugestimmt hat oder dagegen war, wissen die Autoren auch nicht, sonst hätten sie es sicher in ihr Machwerk reingeschrieben. Was aber wäre bewiesen, wenn sie mit damals 18 Jahren (heute ist sie 47) für oder gegen irgendetwas gestimmt hat? Übrigens, wussten Sie schon? Günter Grass war in der SS. Das wäre doch mal ne Meldung wert, mit der sich ein paar Wichtigtuer interessant machen könnten.
Streubomben: Tod aus Deutschland
Das Ding heißt Smart-155. Der Hersteller heißt Rheinmetall und beschreibt es als "intelligentes, autonomes und hochwirksames 'fire and forget'-Artilleriegeschoß." Feuern und vergessen. Das würde ihnen so passen. Ich zitiere taz-Autor Andreas Zumach, der vom Vertragstext berichtet, der am Vortag von 111 Staaten in Dublin unterzeichnet wurde. Es geht darum, Streubomben zu verbieten: "Die Bundesregierung sprach von einem 'wichtigen Fortschritt' und von einem 'Meilenstein bei der Entwicklung des humanitären Völkerrechts'. Zusammen mit der britischen Regierung hatte sie maßgeblich darauf hingewirkt, dass bestimmte Streubombentypen von dem Verbot ausgenommen blieben, allen voran Smart-155." Die Bundesregierung unter Angela Merkel kümmert sich nach Kräften darum, die Interessen der deutschen Rüstungsindustrie weltweit zu vertreten. Einige Staaten haben an der Konferenz gar nicht erst teilgenommen. weil sie sowieso nicht auf den Einsatz dieses barbarischen Dreckszeugs verzichten wollen: USA, Russland, China, Indien, Pakistan und Israel.
Und immer wieder schickt ihr mir Briefe, in denen ihr, dick unterstrichen, schreibt; "Herr Kästner, wo bleibt das Positive?" Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.
Erich Kästner, Gedichte. Reclam 8373
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