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Dies ist das Inhaltsverzeichnis und (als Leseprobe) der Anfang von "Alles stimmt!". Das gesamte Manuskript (ca. 230 Seiten) kann per E-Mail (siehe Kontakt / Bestellung) erworben werden: Sie können es als Word-Datei bestellen und online lesen oder selbst ausdrucken, das kostet 10 Euro.
Erste Stimmen: "... autobiografischer Schelmenroman ... ebenso erfahrungssatt wie humorvoll." (Alexander Fest, Rowohlt Verlag)
"Wer nach 'Handlung' und 'tieferem Sinn' schnüffelt oder gar ein 'Kunstwerk' zu erblicken versuchen sollte, wird erschossen." Arno Schmidt, Schriftsteller
"Ich habe Ihren Roman schon deswegen gerne gelesen, weil ich das nicht zu übersehende Vorbild Jean Paul sehr schätze, aber das ist vielleicht auch die Krux des Ganzen. Man denkt beim Lesen immer wieder daran und der Vergleich kann natürlich nicht funktionieren. Ich nehme an, das ist von Ihnen auch nicht gewollt.Gerne gelesen habe ich auch deswegen, weil die Zeit, die Atmosphäre auch meine ist, und man Vieles wieder findet." Antje Kunstmann, Leiterin des gleichnamigen Verlags
Alles stimmt!
Oder: Leben und Sterben des vergnügten Schreiberleins Sebastian Wugg aus Grüntal
Ein Ratgeberroman mit praktischen Anleitungen, 23 Bildern und einem Beipackzettel
von Hans Pfitzinger
(c) 2008
Inhalt
Vorbemerkung
Das 1. Kapitel Wir erfahren, dass es in San Francisco noch Büffel gibt; und was es mit Tom Sawyer, Don Quijote, Jack Kerouac, dem Playboy und dem Kojoten am Ende der Straße auf sich hat
Zwischenspiel mit Erdbeben
Das 2. Kapitel Es geht um die Hippie-WG, die vegetarische Küche und den kanadischen Gletscher. Und Susan. Oder: Sex and Drugs and Rock’n’roll
Vorgeschichte
Das 3. Kapitel ist etwas länger, vor allem deshalb, weil es um die Liebe geht; der Wugg darf selbst erzählen, wie das mit Susan alles anfing; weil er dabei gern an Leonard Cohen und seinen Song erinnern wollte, änderte er den richtigen Namen, ersetzte das s mit einem z und hängte noch zwei Buchstaben dran
Suzanne
Das 4. Kapitel Über Kartoffeln, den Dreißigjährigen Krieg und die Natur der Dinge
Das 5. Kapitel Stichlinge und Gelbrandkäfer, und die Frage, ob Gott es ernst gemeint hat mit dem Versprechen, keine Sintflut mehr zu schicken; Tatzen mit dem Bambusstab tun höllisch weh
Der Goldfisch
Das 6. Kapitel Der unvermutete Anschlag des Staubsaugers auf die Leertaste
Das 7. Kapitel Was man nicht alles sieht, wenn man sehen lernt; Herr Schröder kommt auch vor; und Frau Mathiopoulos; der Wugg grantelt mal wieder vor sich hin; eine politische Fastenpredigt
Das 8. Kapitel Das Schreiberlein will beweisen, dass man vom Schreiben leben kann; wie der Wugg damit anfing; die Rettung
Nearly Normal Jimmy
Das 9. Kapitel Der Wugg arbeitet beim deutschen Playboy, in grauer Vorzeit, so um 1980; da haben die besten Autoren feine Honorare bekommen, die schlechten auch; deren Manuskripte mussten die Textredakteure halt umschreiben; dem Redaktör ist nix zu schwör; schöne Zeiten fürs vergnügte Schreiberlein
Einschub 1: Boulevardstück mit Dichter
Einschub 2: Elvira Eine kurze Geschichte
Im 10. Kapitel geht es schon wieder um die Liebe zu einer Frau, die deutsch-japanische Liebe; der Wugg erhält noch mal selbst das Wort; es geht auch um Sex im Wald und die verlorene Kontaktlinse am heiligen Mount Hood
Das 11. Kapitel Wie der Wugg früh den Tod kennen gelernt hat
Das 12. Kapitel Schöne Tage auf dem Friedhof; wie man aus Astgabeln Steinschleudern bastelt; mit Lötlampen ins Grab
Das 13. Kapitel Der Tod kennt keine Gnade
Das 14. Kapitel Der Wugg entdeckt wieder das Kochen, weil es ihm gut tut; zuerst kommt ein Rezept für die kalte Küche
Das 15. Kapitel Mittagessen; die Pfanne ist die Königin des Alleinkochs; ein Rezept gibt’s auch
Das 16. Kapitel Der Mensch, so hat das Schreiberlein einmal erkannt, ist das einzige Tier, das Müll produziert. Der Mensch ist aber auch das einzige Tier, das Religion braucht. Das liegt wohl daran, dass er denken kann und mit mehr oder weniger Phantasie ausgestattet ist, und deshalb „den fürchterlichen und fragwürdigen Charakter der Dinge“ (Nietzsche) erkennt
Das 17. Kapitel Über Kopf und Schwanz und das Denken beim Spazieren; weshalb Zehen-Buddhismus kein Schreibfehler ist; Wu-Feng-Toe-Press
Das 18. Kapitel Etwas über LSD; der Wugg und die „Drogenszene“
Kleine Ablenkung
Das 18. Kapitel, Fortsetzung und Schluss
Das 19. Kapitel ist ein Auszug aus „Raus und rein“, dem Kalifornienroman (der nach anderen Quellen „Am Goldenen Tor“ heißt); wie der Wugg zum Indianer wird; Hippies mögen ja alt werden, aber sie geben nie auf
Das 20. Kapitel Die Verwirrung ist groß, gesucht wird der Guru; von Krishnamurti, Maharishi, Bhagwan und orangefarbenen Gewändern; John Lennon kommt auch vor
Abschweifung zu Krishnamurti Ein Vernunftversuch im Dschungel der Religion
Kleines Zwischenspiel: 54 Jahre Tibet
Schluss des 20. Kapitels. Aber es geht noch weiter mit Religion, light und heavy. Gesungen wird auch.
Das 21. Kapitel Lenny bringt dem Schreiberlein eine sehr lockere Art des Meditierens bei; David Bowie und der tibetanische Buddhismus; der Wugg beim Rinpoche
Das 22. Kapitel Wie das Schreiberlein bei einer Lesung auf Gary Snyder und Allen Ginsberg und die Wale stieß; das Fähnlein der sieben Aufrechten; Save the Whales!
Das 23. Kapitel die Zahl 23; Astrologie und Zahlenmystik; Burroughs, Wilson, Leary, Film und Fernsehen; Hundstage und Sternschnuppen; Krieg für Autos; und der Wugg ist geboren an einem 23. 8.
Nachtrag über die Hundstage
Das 24. Kapitel Das Fahrrad; Brief an die unbekannte Lektorin; und an den Kumpel Schmollsenior über die Computerei; Radltour nach Santa Cruz; Abschied mit Unkraut jäten und Gitarre spielen; Dick Nixon geht, Bob Dylan kommt
Das 25. Kapitel geht über die so genannte 68er-Revolte; der Wugg hat das mal für eine Berliner Zeitung geschrieben. Die folgende Fassung stand in der Online-Gazette
Sie wussten nichts vom Ozonloch
Das 26. Kapitel sollte eigentlich die Gitarre ins Leben des Schreiberleins einführen – 28 Jahre alt war es damals; allein, die Erinnerungen an die Mühen beim Erlernen des Gitarrenspiels hielten den Wugg bisher davon ab, selbige schreibend nachzuvollziehen; er spielt lieber erst mal ne Runde. In diesen Tagen haben es ihm die verzinkten Akkorde von California Dreaming angetan, die fast alle in Sultans of Swing wiederkehren; grad schee isses
Hast du jemand
Das 27. Kapitel Die Stelle im Zentrum der Welt: Von Gustave Courbet bis zum Internet
Das 28. Kapitel In dem der Wugg beim mitternächtlichen Nacktbaden mit Regina beinahe im Baggersee ertrinkt; Dilbert Abendroth war auch dabei; er hat sich seitdem nie wieder beim Schreiberlein gemeldet (Dilbert, wo steckst du?); der Grüne Heinrich lässt schön grüßen; Fazit: Folge der Frau nicht in die Fluten, wenn du stoned und betrunken bist; oder grad dann
(Als ob) Alles stimmt
Das Schlusskapitel: Vertigo
Der Wugg und der grünschillernde Käfer; der Skarabäus zieht ihn an, das Totemtier des Schriftstellers; wie der Wugg beim Fotografieren fast über die Balkonbrüstung fällt; er könnte genauso gut gestorben sein; vielleicht ist er ja schon tot; der Sturz vom Balkon in drei Varianten
Anhang Die Leute von Grüntal (1): Der Wandertag Oder: Rauchen im Walde Erinnerungen aus den fünfziger Jahren
Eine kleine Stadt in Deutschland, die späten fünfziger Jahre, tief in der fränkischen Provinz. Während die Eltern das Wirtschaftswunder aufbauen, nehmen die älteren Kinder in ihrer Welt aus Kino, Comic-Heften, Rock’n’Roll, Fußball und Hula-Hoop die sexuelle Aufklärung selbst in die Hand. Verwirrt und fasziniert beobachtet der vierzehnjährige Sebastian die Mädchen und Frauen in seiner Umgebung.
Nachbemerkungen
Nachschrift
Nachspann
(Widmung:) Für Susan und Mandodoug. Und für Mona – wie immer
Sein Lesestoff hatte sich bisher auf die Etiketten von Marmeladengläsern und Dosen mit bunten Zuckerstreuseln beschränkt, aber etwas an dem Manuskript verlockte ihn, weiterzulesen. „Also wirklich,“ sagte er sich, „das ist gar nicht schlecht.“ Es gab viel Sex, und auch das Fischefangen kam nicht zu kurz; alle Details stimmten und waren faszinierend geschildert. „Dieses Buch hat einfach alles“, fand er, schob das Manuskript zurück in die Aktentasche, packte den Griff mit den Zähnen und machte sich auf den Weg in die Stadt. William Kotzwinkle, Ein Bär will nach oben
Sog amol Mann, bist du wirklich so bled, oda was, heh, checkst du des echt net, oda was? Du bist alloa, hot’s g’sogt, du bist absolut alloa auf dera Wöld. Hans Söllner, Der Charlie
Vorbemerkung
Wie war dein Leben und Sterben so sanft und meerstill, du vergnügtes Schreiberlein Wugg! Bis ins Alter blieben dir die Erinnerungen an die Kinderzeit, und dein Leben lang hast du dich dankbar gewundert, wie selbstverständlich die Erscheinungen der Natur dir immer wieder tiefe Freude ins Herz brachten. Dass du als Kind zu allen Jahreszeiten Teil dieser natürlichen Harmonie sein durftest, das hat dich für später stark gemacht und dir schließlich den Weg ins Licht gezeigt.
Das 1. Kapitel
Wir erfahren, dass es in San Francisco noch Büffel gibt; und was es mit Tom Sawyer, Don Quijote, Jack Kerouac, dem Playboy und dem Kojoten am Ende der Straße auf sich hat
Als er beinahe zweiundsechzig Jahre gelebt hatte, setzte sich der Wugg eines Tages an seinen Schreibtisch und begann, sein vergnügtes Leben aufzuschreiben. Was hatte er nicht alles sehen dürfen auf seinen Reisen in ferne Länder und in den wilden Westen! Bis an den Rand des Pazifiks hatte er es geschafft, ans Ende des nordamerikanischen Kontinents, ins mythisch besungene San Francisco, wo die Nachfahren der Pioniere an der Grenze der menschlichen Entwicklung spielen und arbeiten. Chinesen, Japaner, Koreaner, Latinos, Schwarze, Weiße, alle in größerer Anzahl. Indianer gab’s ebenso, aber nicht viele – begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses. Büffel waren auch noch da, eine kleine Herde, vielleicht ein Dutzend, auf einer eingezäunten Wiese im Golden Gate Park. Susan ist da immer gern mit ihrem gelben VW-Käfer hingefahren, hat andächtig ihre Chocolate-Chip-Eiskrem aus der Waffeltüte geschleckt und über die Ausrottung der Büffel nachgedacht. Und dabei im Radio Joni Mitchell gehört: „They paved paradise and put up a parking lot“ – sie haben das Paradies gepflastert und einen Parkplatz angelegt. Sieben Jahre insgesamt war der Wugg unterwegs gewesen, wie ein mittelalterlicher Handwerksbursche, ein verrückter Tom Sawyer, Don Quijote von La Mancha, der alles nachstellen musste, was er in den heiligen Schriften gelesen hatte, besonders in denen des großen Meisters Jack Kerouac. Kerouac war so schön pathetisch wie nötig, wenn er die amerikanischen Spießer beschrieb: „Aber sie müssen sich Sorgen machen und an der Zeit zu Verrätern werden mit falschen Dringlichkeiten und sonst wie, einfach in Angst und unter Jammern; ihre Seelen werden erst Frieden haben, wenn sie sich an eine anerkannte und gültige Sorge hängen können, und wenn sie die einmal gefunden haben, setzen sie eine Miene auf, die dem entspricht und dazu passt; und das ist, siehst du, Unglücklichsein, und die ganze Zeit fliegt das alles an ihnen vorbei, und sie wissen es, und das bekümmert sie auch unendlich.“ Im Gegensatz zum Meister Kerouac interessierten unser Schreiberlein die Abenteuer auf den unendlichen Straßen, in den Städten, Wüsten und Gebirgen des Kontinents hauptsächlich dann, wenn Frauen dabei waren – es war schließlich der Mythos von der freien amerikanischen Frau, der den Wugg lockte, seit er mit fünfzehn den ersten Playboy seines Lebens durchgeblättert und sich in die selbstbewussten Frauen verliebt hatte, die sich nackt fotografieren ließen.
In seinem siebten Wanderjahr wachte das Schreiberlein eines Nachts unter dem nordkalifornischen Sternenhimmel in der Nähe der Stadt Eureka neben dem Gesicht eines Kojoten auf, der ihn neugierig beschnupperte. Unser Wugg, der gut hundert Meter von der Straße entfernt im Mondschatten eines Gebüschs die Matte zum Schlafen ausgerollt hatte, fuhr mit einem Entsetzensschrei aus dem Schlafsack hoch, was den Kojoten den Schwanz einziehen und erschrocken davonhasten ließ. Da war das Schreiberlein auf seiner nordwestamerikanischen Trampfahrt von Alberta über Montana und Oregon per Anhalter nach Süden unterwegs beim Träumeleben. Genau genommen war es aber am Ende seiner Träume angelangt, denn es wusste nicht, wo sein Weg noch hinführen sollte. Es hatte keine Wohnung mehr, die Freunde aus der Wohngemeinschaft in der Fillmore Street von San Francisco waren auseinander gegangen. Blaise, Joels Freundin, hatte die Wohnung übernommen und dem Wugg sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass er ohne Susan nicht länger erwünscht war. Diana lebte jetzt in Kansas City, Doug versuchte nach dem harten Job des Fahrradkuriers in San Francisco ein neues Leben in Montana zu finden, und Susan wohnte mit Gregg, ihrem neuen Geliebten und späteren Ehemann, im Holzhaus am Grizzly Peak Boulevard, hoch über Berkeley.
Zwischenspiel mit Erdbeben
Gregg war ein netter Typ. Er arbeitete als Arzt in einer Klinik in Oakland, fuhr einen babyblauen Porsche („Ich bin jetzt die Porsche-Blondine“, sagte Susan), und hatte das Haus eines Architekturprofessors gemietet, der ein paar Jahre in Europa lehrte. Eine Ehe mit einem gut verdienenden Doktor, der kiffte und kokste, was das Zeug hielt, versprach Wuggs langjähriger Rauschgefährtin mehr Sicherheit, als das Leben mit einem mittellosen Hippie, der sich ohne Existenzgrundlage in seinen Träumen verrannt hatte. Das war der Wugg im siebten Wanderjahr, als er zum ersten Mal den Gedanken an sich heranließ, dass er in den USA nicht mehr weiterleben konnte. Er hatte keine Ahnung, wie seine Zukunft aussehen sollte, und in die Vergangenheit führte erst recht kein Weg. Aber Susan nahm ihn noch einmal auf, ins Haus von Gregg hoch über Berkeley, und er konnte Luft holen und Sonne tanken, bevor er den Weg zurück in Platons Höhle antreten musste. Luft holen musste auch die Erde unter ihm. Der Wugg genoss gerade den kalifornischen Sonnenschein über die unbekleidete Haut und saß mit einem von Susan gemixten Tequila Sunrise auf der großen Holzterrasse. Zwei Meter weiter lag in ihrer ganzen nahtlos braungebrannten Schönheit auf dem Rücken die Susan, mit der er gerade einen dünnen Gras-Joint geteilt hatte. Susan hatte ihm beim Rauchen erzählt, wie sie letzte Woche hier im Haus eine Orgie angefangen hatte („Listen, Seb, I have to tell you how I started this orgy last week. In the end there were six people fucking!“) Das Schreiberlein schaute den Kolibris zu, die mit flirrenden Flügeln wie Spielzeughubschrauber vor den Blüten am Rand der Terrasse standen, und tagträumte vor sich hin. Von der Stereoanlage spielte die Band It’s a Beautiful Day ihr weit verbreitetes Lied „White Bird“, und die Nadel sprang mitten aus dem Song hoch, fuhr kreischend über die Platte und blieb dann in der Auslaufrille hängen. Das Haus des Architekten am Grizzly Peak Boulevard (er war Vorsitzender der Erdbebenkommission, die den kalifornischen Gouverneur beim Häuserbau beriet) schwankte kurz nach der einen Seite, verharrte einen Augenblick, und schob sich dann zurück in die Ausgangsposition. Seitdem kann der Wugg den Song nicht mehr hören. Ein Erdbeben vermittelt einem ein sehr ungutes Gefühl. Gegen Erdbeben lohnt es sich nicht zu demonstrieren, meint Klaus Podack.
Das 2. Kapitel Es geht um die Hippie-WG, die vegetarische Küche und den kanadischen Gletscher. Und Susan. Oder: Sex and Drugs and Rock’n’roll
He was born in the sum-mer of his twen-ty-sev-enth year, Com-in' home to a place he'd nev-er been be-fore. He left yes-ter-day be-hind him; You might say he was born a-gain, You might say he found a key to e-v-'ry door.
But the Col-o-rad-o Rock-y Moun-tain hi-gh, I've seen it rain-in' fire i-n the sky. The shad-ow from the star-light Is soft-er than a lull-a-by. Rock-y Moun-tain high in Col-o-rad-o, Rock-y Moun-tain high.
(John Denver)
Die Kanadareise, die lange geplant war, hatte den Wugg mit seinem alten Kumpel Doug und dessen Freundin Diana zwei Sommermonate auf die Berge geführt, erst nach Kanada, in die Rocky Mountains, wo sie bis zum Gletschersee am Mount Robson aufstiegen und im Zelt am Morgen bei unter Null aufwachten, eine Raureifschicht auf den Schlafsäcken, und dann zurück über die Grenze, Back in the USA, unterwegs zur Chinesischen Mauer in der Bob Marshall Wilderness von Montana. Dort saß der Wugg mit dem Douglas an einem Abend noch lange vor dem Zelt, die Mückenschwärme waren abgezogen, die letzte Glut des Lagerfeuers war schon eine Weile erloschen, und sie schauten in den mondlosen Sternenhimmel hinauf, und die Schatten des Sternenscheins waren softer als ein Wiegenlied, da tauchte am nördlichen Horizont ein weißstrahlendes Licht auf, um einiges heller als der Polarstern. Es fuhr auf einer geraden Flugbahn in großer Höhe mit ziemlicher Geschwindigkeit über die beiden Sternengucker hinweg. Das wäre nicht weiter bemerkenswert gewesen, wenn sich das Licht wirklich geradlinig vorwärtsbewegt hätte, und nicht ständig in einem Zickzackkurs im immergleichen Abstand nach links und rechts geschossen wäre, mit so schnellen und präzisen Abweichungen von seiner Bahn, wie sie einem Flugzeug oder Hubschrauber nie möglich gewesen wären. Ob Raketen so was können, weiß das Schreiberlein nicht. Kann schon sein. Die Lichterscheinung dauerte nicht länger als eine Minute, dann war sie im Süden hinter den dunklen Bergrücken verschwunden. „Was war das denn?“, fragte das Schreiberlein den Douglas, der den Kopf weit in den Nacken gelegt hatte und mit offenem Mund in den Himmel schaute. „Frag nicht. Ich nehm mal an, man nennt so was ein unbekanntes Flugobjekt.“ In Missoula wartete dann die deutsch-japanische Liebe auf den Wugg, und er wurde wieder verzaubert.
Vorgeschichte
Die letzten sechs Monate vor der Kanada-Reise hatte der Wugg vier Abende die Woche als Nachtkoch in der Sunshine Juice Bar & Restaurant gearbeitet. Das Restaurant war eine Art vegetarischer McDonald’s, hatte bereits zwei Filialen in San Francisco, mit Soja-Burgern zum Mitnehmen. Der Job war blanke Ausbeutung, aber das Schreiberlein, mittlerweile ein illegaler Einwanderer, hatte ja keine Aufenthaltsgenehmigung und keine Sozialversicherungsnummer, es war froh, für Peter, den Sunshine-Wirt, arbeiten zu können. Harte Arbeit, aber bestes organisch-biologisches Essen. Man durfte auch mal einen Karottenkuchen mit nach Hause nehmen. Was die Entlohnung betraf, war Peter ein Knauser, zahlte nicht mal Minimumlohn. Er gab überhaupt ungern Geld fürs Geschäft aus, weil er seinen VW-Kübelwagen abbezahlen musste. Es steckt schon eine tiefe Ironie in der Lebensgeschichte des Wugg: Da arbeitete er am Goldenen Tor für einen Juden aus Chicago, einer, der wegen Love and Peace gekommen und als Geschäftsmann geblieben war. Und der am liebsten im Freizeitcabrio der deutschen Wehrmacht durch die Straßen von San Francisco fuhr. Erst nachdem das Schreiberlein von der Mülltonnenschlepperei einen Hexenschuss bekommen hatte und eine Woche nicht mehr arbeiten konnte (unbezahlt, versteht sich), schaffte Peter eine Stechkarre an. Schichtbeginn war um acht Uhr abends, Feierabend zwischen drei und vier Uhr morgens, wenn die Küche, der Gastraum mit den vier kleinen Tischen, die große Grillplatte für die Soja-Burger und die Verkaufstheke mit den Glasvitrinen wieder auf Hochglanz geputzt und aufgeräumt waren. Todmüde schwang sich der Wugg dann aufs Dreigangrad, fuhr über zwei der sieben Hügel von San Francisco nach Hause und kroch zu Susan unter die Bettdecke. Ohne Susan hätte er das Leben nicht ausgehalten zu jener Zeit. Blöd war nur, dass er sie nicht mehr exklusiv hatte. Zwei, drei Mal die Woche verbrachte sie die Nacht bei Gregory in Oakland, einem schnauzbärtigen Maler mit Hund und Gitarre. Aber Susan hatte den Wugg auch in der dunkelsten Stunde seines Jobs nicht allein gelassen. Einmal war ihm ein Plastikeimer mit Olivenöl aus den schwitzigen Händen geglitten. Zwanzig Liter Olivenöl folgten der Erdanziehung und knallten auf den Fliesenboden des Sunshine Juice Bar & Restaurant, schwappten, weil der Aufprall so hart war, eineinhalb Meter in die Höhe, und übergossen den Wugg von den Haarspitzen bis zu den leicht gebeugten Jeans-Knien mit – Olivenöl. Die Brille auch. Der Wugg war nicht blind, aber er konnte nichts mehr sehen, die Olivenöltropfen rannen ihm über die Augenwimpern. Er stand unter Schock, als ihm klar wurde, was da eben passiert war, und eine ganze Zeitlang rührte er sich nicht vom Fleck. Bis er ein Klopfen hörte. Er nahm die Brille ab und suchte eine Stelle an seinem T-Shirt, die nicht von Olivenöl triefte. Er fand sie an der rechten Hüfte, wischte die Brille ab, setzte sie auf, sah immer noch nichts, wischte sie an einer anderen Stelle über der linken Hüfte noch einmal ab, gründlicher, setzte sie auf, schaute in die Richtung, aus der das Klopfen kam. Hinter den verschmierten Brillengläsern sah er die Eingangstür mit der Glasscheibe, und da stand Susan und wringelte die Finger der rechten Hand auf Schulterhöhe: „Lässt du mich jetzt rein oder nicht?“, hörte der Wugg durch den Olivenölnebel. (Ich, Sebastian Wugg, kann gar nicht zählen, wie oft Susan mich gerettet hat. Anm. d. Korr.) Sie konnte sich nicht mehr einkriegen vor Lachen, als der Wugg da öltriefend vor ihr stand. Und da musste er mitlachen, und sie machten sich gemeinsam daran, die Katastrophe aufzuräumen. Es war eine Heidenarbeit, das Olivenöl vom Fußboden, der Wand, dem Barhocker und dem Schreiberlein auf- und abzuwischen, und Susan tat ihr Bestes, um zu helfen und den Wugg aufzumuntern. Doch das Sunshine Restaurant war für den Wugg im Schlafsack unter dem kalifornischen Vollmond mit dem Kojoten und dem Sternenhimmel von Eureka kein Ausweg. Peter würde ihn jetzt, nach zwei Monaten Abwesenheit, nicht mehr einstellen. Und vom stupiden Kästchenausfüllen auf den Listen für den Nielsen-Index, um die Einschaltquoten der Fernsehsender zu ermitteln, ein Job, den ihm Kenny Wirth verschafft hatte, konnte und wollte der Wugg auch nicht leben. Aber von was denn sonst? Dem Schreiberlein fiel nichts ein und der Abschied schwer.
Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen Von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh und Ruh’ Ist alles freudig; warum schläft denn Nimmer nur mir in der Brust der Stachel? Friedrich Hölderlin
So blieb das Schreiberlein dank Susan noch einen himmlischen Sommer mit lauter schönen Sonnentagen im Licht des Goldenen Tors. Dann erst war der kalifornische Traum ganz ausgelebt. Im Herbst lieh es sich von seinem Vater in Grüntal das Geld für den Rückflug. Das war demütigend für den Wugg, denn eigentlich hatte er vorgehabt, nie wieder nach Deutschland zurückzukehren. Gute Gründe dafür hatte er eine ganze Menge, wie wir später sehen werden. Aber man weiß ja von John Steinbeck, was aus den Plänen von Mäusen und Menschen wird. Kurt Vonnegut brachte es auf die schöne Formel: So it goes. Ein Leben nach dem Traum hatte er gar nicht vorgesehen, ganz so, als wäre er fest davon überzeugt gewesen, wie jedes junge Genie, und vor allem Novalis, früh zu sterben, spätestens mit achtundzwanzig. Aber er lebte immer noch, war von der Bergsteigerei und dem vielen Fahrradfahren über die Hügel von San Francisco körperlich in der Form seines Lebens. Vielleicht war er ja gar kein junges Genie? Jedenfalls kam er sich selbst sehr verwirrt vor in dieser Zeit, und ihm wurde klar, dass er irgendeinen Fug treiben musste, um Geld zu verdienen. Und er überlegte, was er noch konnte, außer Zucchini und Karotten in Würfel schneiden, im großen Topf die Sojapaste für vegetarische Hamburger zusammenrühren und Menschen Salatteller über die Theke reichen. Was hatte ihn denn am meisten interessiert im Leben unter dem kalifornischen Himmel? Genau. Sex and Drugs and Rock’n’Roll, am besten alles zusammen auf einer Bergtour mit Susan. Oder Monica. Aber du hattest noch eine Leidenschaft, Schreiberlein Wugg, das Schreiben. Dauernd hast du Notizhefte mit dir herumgeschleppt, hast Tagebuch geführt, und bist vormittags am Schreibtisch gesessen, in der Wohnung am Lincoln Way, wenn Susan nach dem Morgenfick ins Krankenhaus zur Arbeit gefahren war, hast auf die Eukalyptus-Bäume am Rand des Golden Gate Parks hinausgeschaut und alles abgetippt, was du seit dem Studienabschluss aufgeschrieben hattest. Auf Schreibmaschinenpapier in amerikanischem Format, rote, grüne, blaue und weiße Seiten. Das sollte deine Doktorarbeit werden, „Die Politik der Liebe“.
© Copyright 2009 by Hans Pfitzinger
(Gesamtlänge des Manuskripts ca. 230 Seiten) Sie können "Alles Wugg!" jetzt bestellen, wenn Sie oben in der Navigationsleiste oder hier auf "Kontakt / Bestellung" klicken!
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Die Novelle "Delfina Paradise - Eine Liebe in München" ist im Januar 2009 als Taschenbuch (9,90 Euro) erschienen. Sie ist in jeder Buchhandlung erhältlich (ISBN 978-3-8370-8185-5) und bei den bekannten Online-Versendern (siehe Startseite dieser Website "Über mich").
Erste Stimmen:
Das Buch ist nicht lang, eine Novelle, sie spielt in München, im Dezember 2007, und ist, wie der Untertitel sagt: "Eine Liebe in München". Der Autor ist Anfang 60, und sein Held ist ihm vermutlich ziemlich ähnlich.
Die Geschichte beginnt in einem Café, der Held verliebt sich auf den ersten oder zweiten Blick in eine jüngere, sehr schöne Frau, und drei Tage oder so geht alles gut. Dann zerbricht das empfindliche Gleichgewicht, der alte Kerl wird sentimental, erträgt die Spannung nicht und verpatzt die Sache (so wie Marlon Brando einst im "letzten Tango"). Nebenbei bemerkt: Die schöne junge Frau betreibt professionell Wunschmassagen und solche Sachen, und was sie überhaupt nicht mag, ist von ihm idealisiert zu werden. Am Ende gibt es ein Ende - und einen völlig überraschenden Schluss. Hans Pfitzinger hat bereits einen vielgelobten Reiseführer geschrieben ("Stille Winkel in München"), auch ein Buch über die "Doors" und kann wirklich schreiben. Kurze, knappe Sätze, gute Dialoge, Selbstironie. Ich hab's in einem Rutsch durchgelesen. Fünf Sterne! ***** - Rezension auf amazon.de
"Heh, das ist Klasse! Hat mich an James Joyce erinnert, dieselbe Power, ich konnt nicht mit lesen aufhören. Aber du weißt ja, ich verfilme nur meine eigenen Sachen. Musst du selber machen, Cowboy." - Klaus Lemke, Filmregisseur "Ich finde der Text liest sich sehr amüsant und vielversprechend. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir nach Erscheinen ein Exemplar des Buches zusenden würden. Aus persönlichem Interesse - aber auch als Möglichkeit, den Band in unserem Feuilleton zu besprechen." - Arno Makowsky, Chefredakteur der Abendzeitung, nach Lektüre der Leseprobe, die Sie hier im Folgenden auch lesen können.
"Ich hab's in einem Zug durchgelesen, war bis morgens um vier wach. So genau wie die Frau beschrieben ist, hab ich das Gefühl bekommen, dass ich sie kenne und denselben Typ schon ein paar Mal im Leben getroffen habe - blond, schwarz, rothaarig, mit ganz unterschiedlichen Berufen." - Peter Patzak, Regisseur ("Kottan ermittelt")
"... Da der Text für eine Hörspieladaption mitunter zu explizit pornografisch gerät und uns die zuhauf vorgebrachten konventionellen Chauvinismen wenig erhellend erscheinen ..." - Christiane Hänsel, Hörspielredaktion Bayerischer Rundfunk (siehe dazu oben in der Leiste die Rubrik "Darum geht's")
"Hallo Hans, gerade bin ich fertig mit deinem Buch. Es ist gut und echt und ehrlich. Sehr schön!!!" - Ingrid Huch-Hallwachs, Büro Ixtlan in Moosburg
heh, dein delfina buch gefällt mir im nachschmecken immer besser, sehr ehrlich, da kann sich jeder alte sack wiedererkennen. für junge säcke bestimmt auch spannend heh, aber mit dem umschlag kaufen die das nicht. - Thomas Degen, Fotograf in Ebenhausen
Delfina Paradise – Eine Liebe in München
- Novelle -
Von Hans Pfitzinger
© Copyright 2008
Inhalt:
Vorspiel
- Erster Satz: Herz
1 Sie ist da
2 Die Brücke
3 Im Café
4 Nachtgedanken
5 Die Verabredung
5 a Einschub. Sachsen-Anhalt von oben
- Zweiter Satz: Schwanz
6 Paradiso
7 Stilfragen
8 Das Spiel um Geld und Liebe
9 Am Freitag Engel
10 Alles stimmt
11 Zweite Begegnung, zweiter Zufall
12 Der Regenspaziergang
13 Die Vertreibung
14 Die Außenwelt
- Dritter Satz: Seele
15 The Power of Song
16 Slapstick. Es wird ernst
17 Die Verfinsterung des Lichts
- Vierter Satz: Kopf
18 The End, Beautiful Friend, the End
19 Nachtgedanken II
20 Nachspann
Für Diana
"Ich rief: 'Bleib!' (Glas und Blech erscholl nicht gedämpfter). 'Lisa!' aber eine Leine machte Knoten und raschelte. Da ging ich hinaus und gaffte, wie sich der Reif auf dem Land bildete." Arno Schmidt, Schwarze Spiegel
"I think it's a mistake to ever look for hope outside of one's self." Arthur Miller
Vorspiel
Es war ein hell flackerndes Feuer, und es brannte zehn Tage lang. Bis die Glut ganz erloschen war, dauerte es noch einmal vier Tage. Übrig blieb nur die eiskalte Weißglut der Enttäuschung. Die unerbittliche Wahrheit ließ ihn an jenem Abend seine Lage so klar und leer sehen wie schon einige Male zuvor in seinem Leben – er musste die harte Droge der enttäuschten Liebe schlucken. Am Schluss trat Delfina mit den Sohlen ihres spitzen, mattschwarzen Stöckelschuhs die letzten glimmenden Reste der Glut aus und eilte weiter.
Von: sebwugg@xxxxxx Betreff: wmv Datum: 21. Dezember 2007 19:08:59 MEZ An: mail@xxxxxxxxxx
Die .wmv-Datei, die du angehängt hast, macht mein Quicktime nicht auf. Aber wenn du mal'n Abend frei hast in der staden Zeit, können wir uns gern treffen. Mein Leben sprengt mich fast. Jeder kriegt das, was er aushalten kann, manche mehr. Aber die müssen's auch aushalten. Love & peace! Seb
Von: mail@xxxxxxxxxx Betreff: Das Leben als Song Datum: 21. Dezember 2007 19:23:01 MEZ An; : sebwugg@xxxxxx hallo seb, für wmv brauchste den windows media player. den gibt's umsonst unter: http://windows-media-player.softonic.de/mac "mein leben sprengt mich fast" ist übrigens 'n feiner songtitel. beste grüße! axel
Von: sebwugg@xxxxxx Betreff: Das Leben als Song Datum: 21. Dezember 2007 21:47:34 MEZ An: mail@xxxxxxx
Betr.: ’mein leben sprengt mich fast’ ist übrigens 'n feiner songtitel. Original von mir, hehehe. Danke, Axel, hab seit Tagen zum ersten Mal vergnügt vor mich hingekichert. Schreiben hat sie mir schon wieder beigebracht, vielleicht kommt Songschreiben als Nächstes. Sogar meine Fassung von "Hotel California" fand sie gut. War richtig gerührt von meiner Aufführung. Ach ja, im Tumult die Flöten blasen. Love & peace Seb
Mit zwanzig Jahren hatte er diese Weißglut der Enttäuschung zum ersten Mal so intensiv erlebt, als er, vom Liebeswahn gebeutelt, den Kopf gegen die Wand schlug. Und ein paar Jahre danach zum zweiten Mal, als er Mona geohrfeigt hat, in Lenggries, an Silvester, weil sie mit dem Mille rumgeknutscht hatte. Da gingen Türen auf, zu ihm selbst, und in die gnadenlose und schreckliche Natur der Dinge. Und jetzt war er wieder im Hier und Jetzt der Wahrheit angelangt. Und es stand nicht in seiner Macht, irgendetwas dagegen zu tun oder seine Lage zu verändern. Es geschah einfach. Die große Illusion brach schlagartig zusammen. Man kann das Schicksal nicht zwingen. Und die Liebe erst recht nicht. Kein Schamane, kein Zauberer. Liebe ist frei, unzähmbar, und wenn sie nicht erwidert wird, tut sie weh wie grenzenlose Ohnmacht. Er registrierte verwundert, wie sehr ihn sein Seelenschmerz körperlich angriff. Er spürte ständig einen Druck in der Brust, Beklemmungen, Atemnot, Herzflimmern. Später kam ihm der Gedanke, dass er jetzt anders damit umgehen müsste als damals. Er war ja ein paar Jahre älter geworden.
Erster Satz: Herz
1 Sie ist da
Ich hatte schon etwa eine Woche in dem Haus gewohnt, als mir auffiel, dass am Briefkasten, der zu Apartment 2 gehörte, eine merkwürdige Karte im Namensschlitz steckte. Darauf stand in nüchternen Druckbuchstaben: Miss Holiday Golightly; und darunter in der Ecke, Auf Reisen. Es wurde zum Ohrwurm bei mir: Miss Holiday Golightly auf Reisen. Truman Capote, Frühstück bei Tiffany
Sebastian hatte am Nachmittag vor der ersten Begegnung mit Delfina im Notizbuch festgehalten: 30. 11. Wie kann ich nur so vergnügt sein, an einem Tag wie heute? Morgens krieg ich die Mail vom Verleger, er wird den „Wugg“ nicht drucken. Die Art, in der er mir das mitteilte, war, hm, charmant. Von sympathisch war die Rede, davon, dass so ein Buch als „Werkstattbericht“ durchginge, wenn ich ein berühmter Schriftsteller wäre usw. Er hat sich bemüht, war nett, der W. F. Aber was bleibt ist: Abgelehnt. Warum bin ich trotzdem so gut drauf heute?
Samstagmittag, 1. Dezember Nach dem nächtlichen Trinkgelage radelt er zu ihrem Haus hinüber, um sich zu vergewissern, dass er sie nicht geträumt hat. Er will ihr Klingelschild angucken. Es ist ein zweistöckiges Mietshaus, vielleicht 25 Klingelknöpfe, nirgends ihr Name. Da die Haustür offen steht, sucht er die Briefkästen ab und findet das kleine Papierschild, auf das mit Kugelschreiber „Paradise“ gekritzelt steht. Später sagt sie ihm, dass sie auch gleich am Tag danach zu seinem Haus gegangen ist, um sein Klingelschild zu suchen, vergeblich, weil sie es unter den vielen Namen nicht entdecken konnte. Ging ihm beim Einziehen genauso. Wohnsilo. An die siebzig Schilder. Den ganzen Samstag gehen ihm die Bilder vom Vorabend nicht aus dem Kopf. Er versucht, sich ihr Gesicht vorzustellen. Es taucht kurz auf in seiner Erinnerung, verschwindet, taucht wieder auf. Er sieht sie beide fest aneinandergedrückt auf dem Gehsteig, in der kalten Nachtluft am Eisbach. Die wenigen Lichter der großen Jugendstilhäuser spiegeln sich in den geriffelten Wellen, die an der Wasseroberfläche dahintreiben. Der Eisbach fließt etwas schneller als Delfina und Sebastian. Der passt sich mit einem kleinen Hüpfer ihrem Schritt an. Wie lange ist es her, dass er mit einer Frau so nah ein Stück des Wegs gemeinsam gegangen ist.
Die Frau hat Stil. Das ist das erste, was ihm auffällt an ihr, als sie, die Unbekannte mit den schwarzen Haaren, in der Ecke am Caféhaustisch sitzt. Und ihre aufrechte Haltung. Und wie langsam sie den Wein trinkt. Saavas, der Kellner, steht an ihrem Tisch, unterhält sich mit ihr. Sie hat die Unterarme aufgestützt und sieht aufmerksam zu ihm hoch. Er fragt, wo sie wohnt. Dann schaut er zu Sebastian rüber. „Ah, in der Kunigundenstraße. Ist das nicht in deiner Nachbarschaft?“, fragt er. Saavas hat keine Ahnung, wo die Kunigundenstraße sein könnte. Sebastian verzieht den Mund zu einem freundlichen Grinsen. Er packt das Notizbuch weg, schiebt den „Anton Reiser“ zurück in den Rucksack. Dann steht er auf und geht zur Toilette. Das Lokal ist wenig besetzt, zwei, drei Tische, die griechische Sirtaki-Musik hat genau die richtige Lautstärke. Als er zu seinem Tisch in der linken Ecke zurückgeht, lächelt er die Frau mit den schwarzen Haaren selbstbewusst und freundlich an. Sie lächelt zurück. Selbstbewusst und freundlich. Er setzt sich wieder an seinen Tisch und dreht eine Zigarette. Gelegentlich schaut er in ihre Richtung. Frau mit schwarzen Haaren. Sie nippt an ihrem Wein, schaut zu ihm hin. Er hört, wie seine Stimme sagt: „Mögen Sie nicht Ihren Wein hier an meinem Tisch austrinken?“ Sie lächelt, nickt, steht auf, hängt die hellbraune Ledertasche über die Schulter, schnappt sich den Mantel mit einer Hand, das Glas mit der anderen. Ihr Gesicht sieht er erst richtig, als sie vor ihm steht und ihn zum zweiten Mal an diesem Abend anlächelt und sagt: „Ich heiß Delfina.“ Meine Güte, denkt er und spürt einen Druck in der Brust, die schaut ja lieb aus! „Ich heiß Sebastian.“ Sie reicht ihm die Hand über den Tisch, er ergreift sie. Sanfter Händedruck.
Die dunkle Nacht will nicht vergehn Nur dein Blick verspricht mir Feuer Und er gibt mir zu verstehn Du und ich, wir sind das Neue Komm, wir zünden unser Feuer Komm, wir zünden unser Feuer Die Nacht verbrennt in unserm Feuer
Weiter jetzt, bleib nur nicht stehn Liebe braucht das Abenteuer Dunkelheit kann nur vergehn Wenn die Glut die Zeit erneuert Komm, wir zünden unser Feuer Komm, wir zünden unser Feuer Die Nacht verbrennt in unserm Feuer
Die alten Worte sind verbraucht Ihr hohler Klang erstirbt am Feuer Klarheit schenkt dir erst der Rauch Aus der Asche wächst das Neue Komm, wir zünden unser Feuer Komm, wir zünden unser Feuer Die Nacht verbrennt in unserm Feuer
In rasender Geschwindigkeit waren sie aufeinander zugefahren. Sie hat noch einen Wein bestellt, es war ihr zweiter, er bestellte das vierte Bier, und sie hat sofort angefangen, richtig zu fragen. Nix Smalltalk. „Hast du was mit Film zu tun?“ Er muss lachen. „Interessant, das war deine erste Frage. Wie kommst du denn da drauf? Seh ich so aus?“ „Ich hab ein paar Sätze von eurer Unterhaltung vorhin aufgeschnappt.“
Da waren noch der Klauski und der Popp an seinem Tisch gesessen. Mit dem Mimen hatte er sich am Anfang gleich ganz wunderbar in die Haare gekriegt. Sebastian konnte ihm, mit Klauski als Zeuge, endlich mal nachweisen, dass er gerade sooo einen Stuss erzählt hatte, und dass er immer so’n Stuss erzählt, und Schauspieler nur einen Satz gerade denken können, wenn man ihnen einen Text zum Auswendiglernen gibt. Und dann ham sie sich wieder eingekriegt, und der Popp hing gemütlich auf dem Stuhl, der Klauski war schon weg. Er hatte der schönen schwarzen Luna mit dem glänzenden Fell und dem freundlichen Hundecharakter ein pinkfarbenes Leuchthalsband umgelegt und war in der Großstadtnacht verschwunden. Sebastian hat dem Popp dann noch erzählt, dass der K. seinen Prozess gegen den Verschling-Konzern gewonnen hat, wo’s um sieben Millionen ging, aber mit der neuen Filmproduktion hätt’ der K. noch nicht angefangen, weil er im Moment vor Gericht mehr Geld verdienen kann, als wenn er nen Film produziert. Reizworte: Sieben Millionen. Film. „Du, guck mal“, sagt der Popp dann halblaut, weil ihn K.s Prozesse und Filme und Millionen nicht die Bohne interessieren, „die Frau da drüben hat was.“ Sebastian hatte sie gar nicht bemerkt beim Reinkommen. Jetzt schaut er kurz hinüber. Hmmhmmmm. „Ja Popp, die hat was, aber die ist nicht für dich.“
„Nee“, sagt er auf Delfinas Frage. „Mit Film hab ich eigentlich nichts zu tun. Der Typ vorhin, das war der Popp. Der ist zwar Schauspieler, aber Bühnenschauspieler. Nix viel Geld mit Fernsehserien. Provinztheater ein Leben lang. Jetzt rentnert er. Nö, nichts mit Film. Ich bin Schriftsteller.“ „Was schreibst du?“ „Bücher. Früher auch Zeitschriftenartikel. Reportagen. Kurzgeschichten. Bis vor zwei Jahren hab ich bei einer Zeitschrift mitgearbeitet, ohne Kohle, und Artikel geschrieben. Die wurden wenigstens honoriert, aber lausig. Kultur und so. ‚Hunger’, von Knut Hamsun.“ Sie sieht ihn fragend an, da kommt ein Geräusch aus ihrer gelben Ledertasche. Sie wendet den Kopf ruckartig, holt das Handy heraus und schaut das Display an. „Entschuldige. SMS.“ „Hast du noch was vor heute?“ „Nein. Lass uns nen Ouzo trinken.“
Und dann hat sie ihm von sich erzählt – dass sie aus Sachsen-Anhalt kommt, wegen Arbeit in den Westen gegangen ist. Zuerst in ein Wellness-Hotel am Tegernsee. „Ich bin Physiotherapeutin,“ hatte sie zuvor geantwortet auf seine Frage. „Prima Beruf, das ist wichtig, es ist gut, wenn sich die Leute um ihren Körper kümmern. Und du hilfst ihnen dabei. Ich brauch’s Gottseidank nicht, ich kümmer mich selbst drum. Mach Gymnastik, Bodybuilding, bisschen Yoga. Bin viel mit dem Fahrrad unterwegs.“ „Yoga ist gut. Und Massagen?“ „Ja freilich, feine Sache.“ Dazu nickt sie nur, und sie reden über andere Dinge, Alter – 37. Verheiratet – nein. Das Handy klingelt. „Ich bin hier in einem Café, ich unterhalt mich gerade sehr gut, magst du vorbeikommen. ... Na, dann ruf mich morgen an.“ Sie steckt das Handy in die gelbe Tasche. „War das dein Geliebter?“ „Nein, ein Freund.“ „Hast du einen?“ „Einen Geliebten? Nein, zurzeit nicht.“ „Warst du mal verheiratet?“ Sie überlegt. „Beinahe. Letzten Mai. Das war knapp, aber ich hab’s Gott sei Dank noch rechtzeitig gestoppt.“ Er lacht. „Da bin ich aber froh.“ Weiter ohne Pause, sie pushen einander zu ständigem Reden auf. In Wien hat sie auch schon gewohnt, die Ossifrau, gern, sie mochte die Wiener mit ihrer Einstellung. „Das stimmt ja gar nicht, dass die alle so morbide sind. Wien hat mir gut gefallen.“ „Mir auch, war ein paar Mal zu Besuch. Ich war mit jemandem befreundet, der da wohnt. Ein Stück außerhalb. Aber ich hab immer in einem Hotel gewohnt, direkt hinterm Stephansdom, bin viel in der Stadt herumgelaufen.“ „Außer in München möchte ich höchstens in Wien wohnen.“ „Für immer?“ „Was heißt schon immer? Ich zieh viel um. Vor Wien hab ich hier im Herzogpark gewohnt, Adalbert-Stifter-Straße.“ „Oh Mann, du hast wirklich Instinkt für die besten Wohnlagen. Tegernseer Tal, Herzogpark, und jetzt Biederstein. Läuft gut für dich im goldenen Westen.“ Sie schmunzelt. „Heh“, sagt er, „weißt du, dass du dich glücklich schätzen kannst? Das sind die Idyllen auf diesem Planeten. Ich hab n bisschen was gesehen in der Welt. Kultur ist, wenn die Häuser nicht höher sind als die Bäume.“ Sie lacht. „Ja, ruhige Straßen, viel Grün draußen, der Herzogpark ist schon okay. Aber ich bin nicht so naturverbunden im Moment. Außerdem war es das reinste Irrenhaus, dauernd irgendwelche Leute in der Wohnung. Keiner hat mehr gewusst, ob die da wohnen oder zu Besuch sind.“ Klingt wie mein Leben, dachte er. Abteilung Albtraum. „Ich hab mich dann mit der Mitbewohnerin zerstritten und bin nach Wien gegangen.“ „Da war ein Mann im Spiel?“ „Ja, ein Mann.“ Sie schaut aufs Tischtuch, dann wieder in sein Gesicht. „Weißt du, es ist doch immer ein Spiel.“ Er sagt nichts dazu. Iss eh klar. Und Männer. „Ich will nicht wegziehen“, sagt er, „auch nicht nach Wien. Mein Herz hängt an dieser Stadt. Mir gefällt die Anonymität in München, da, wo ich jetzt wohne. Ich kenne niemanden in meinem Haus, von der Hausmeisterin abgesehen. Die ist richtig nett. Man grüßt sich freundlich auf der Treppe und lässt einander in Ruhe. Manchmal stehen Bücher oder CDs auf dem Briefkasten. Zum Tauschen, zum Verschenken. Ich glaub, ich hab meinen Platz zum Schreiben hier gefunden. Kein Verkehrslärm, alte Bäume im Hinterhof, Blick in den Himmel, fünf Minuten bis zum Urwald. Und die Treppen hochwippen in den vierten Stock hält mich auch noch fit. Ich kann Aufzugfahren nicht ab. Man verschwendet mehr Energie, als man sich beim Treppensteigen holen kann.“ Oh je, er doziert schon wieder. Sie sagt nichts dazu. Er fragt: „Bleibst du denn in München?“ „Erst mal schon. Weihnachten fahr ich nach Hause, meine Schwester besuchen. Mein Zwilling. Und ich treff mich mit einer Freundin, die sich mit Finanzierungen auskennt. Ich will mir ein Haus kaufen, irgendwo in der Harzgegend.“ „Ein Haus kaufen? Hast du so viel Geld?“ „Das kann man finanzieren, meine Freundin hat das schon ausgerechnet. Ich verdien’ ja ganz gut.“ „Wahrscheinlich sind die Immobilienpreise eh günstig in der Gegend. Die haben doch überall Einwohnerschwund ohne Ende da drüben.“ „Wird alles teurer werden, wart nur ab, in ein paar Jahren ist das alles mehr wert.“
Er träumt. Er zieht zu Delfina in ein Haus im Harz. Ein Kind kriegt sie auch von ihm. Er kümmert sich um das Baby, wie John Lennon es getan hatte. Sebastian arbeitet ja sowieso zu Hause. Aber er wünscht sich ein Mädchen.
Hans Pfitzinger Delfina Paradise- Eine Liebe in München. Novelle. 164 Seiten Erschienen im Januar 2009 - Taschenbuch, 9,90 Euro In jeder Buchhandlung: ISBN 978-3-8370-8185-5 oder bei amazon.de, libri.de, buecher.de, buch.de, bod.de
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