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tazblog 15. 6. bis 30. 6. 2008
24.06.2008 14:55:44
15. Juni 2008

EM - EU:  1 : 0

Titelzeile: So schlagen wir Österreich. Dazu eine Fotomontage, Joachim Löw kombiniert mit einem Clipboard, auf dem, so die Ankündigung rechts oben schräg, "Exklusiv: Jogi Löws Geheimplan" zu sehen ist. Einer der Punkte: "Der Ball muss ins Tor (Gegner)!" Iss das komisch? Nö, unter meinem Niwoh. Vielleicht bin ich aber auch nur verblüfft, dass die tazler diese Fußball-EM wichtiger oder verkaufsträchtiger finden als  die Abstimmung über den EU-Vertrag.

Adorno - Dutschke: 2 : 0

Es musste ja so kommen, einer musste es ja tun: Rudi Dutschke auf Lebensgröße zurechtstutzen. Wo, wenn nicht auf der Wahrheitseite, wer, wenn nicht Jürgen Roth! Der lässt mal wieder seine schlechte Laune am Leser aus, weil er sich über einen "Club 2" aus dem Jahre 78  geärgert hat, in dem Dutschke neben Cohn-Bendit auf der Couch saß. Ausgerechnet Theodor W. Adorno muss mit Zitaten herhalten, um Roths Zorn auf Dutschke und ein paar stumpfe Phrasen zu unterstützen. Es geht 2 : 0 aus für Adorno.
Warum son humorloses Genörgel - im Fall Jürgen Roth wäre wohl das Adjektiv "bierernst" treffender - auf der Wahrheitseite steht, weiß wohl der zuständige Redakteur.

Zitat

"Wir mögen heute in Europa skeptisch geworden sein gegenüber den Schlagworten von Freiheit, Verantwortung, gleichem Recht für alle und dergleichen mehr. Aber es genügt, die dumpfe Knechtschaft von nahem gesehen zu haben, die aus Gottes Geschöpfen freudlose, angsterfüllte Wesen macht - und man wird die Entmutigung abschütteln wie einen bösen Traum und wieder der Vernunft das Wort reden, die uns auffordert, an die schlichten Ziele eines menschenwürdigen Daseins zu glauben und sich dafür einzusetzen."
Annemarie Schwarzenbach

Gerade bekommt sie viel Beachtung, die Schweizer Fabrikantentochter Annemarie Schwarzenbach, weil ihr 100. Geburtstag gewesen wäre. Gestorben ist sie 1942, da war sie 34 Jahre alt. Christina Puschak schmückt die Reiseseiten mit einem lesenswerten Essay, in dem nicht - wie so oft - die Frage nach der sexuellen Orientierung im Mittelpunkt steht, sondern die außergewöhnliche Persönlichkeit, die brillante Journalistin und Schriftstellerin, die mutige Reisepionierin. In Berlin zeigt das Literaturhaus eine Ausstellung bis zum 3. August.

Menschenverachtend ist nicht links

Keine Ahnung, wer auf "flimmern und rauschen" mit FRA unterzeichnet, ich vermute mal Arno Frank. Diese nassforsche Schreibe ist manchmal schwer erträglich, manchmal unausstehlich. In der Besprechung des Albums "Electrocore" von einem Alexander Marcus schreibt FRA über den Sänger: "Es handelt sich um exakt das gleiche sardonische Lächeln, mit dem man im antiken Sardinien die Alten totgeschlagen hat - und mit dem noch heute beim 'Frühlingsfest der Volksmusik' oder im 'Musikantenstadl' den sogenannten Senioren akustische Sterbehilfe gewährt wird. Wer so lächelt, der lügt. Nun ist der 'volkstümliche Schlager' ein Produkt, dessen Attraktivität streng auf die Zielgruppe der Debilen und Dementen beschränkt bleibt."
Das ist nicht cool, das ist eiskalt - zynisch und menschenverachtend.

Weltfriedenswanderer

Ein ganz wunderbares Interview hat Miriam Janke mit Stefan Horvath geführt, einem Österreicher, der seit fast 20 Jahren als Friedenswanderer durch die Welt reist. Janke hat ein gutes Gespür für diesen Menschen, nimmt ihn ernst, stellt die richtigen Fragen. Horvath sieht seine Wanderungen als "Job", als "Berufung". Auf die Frage nach seinem Lebensstil antwortet er: "Ich gehe zu den Menschen hin und bin einfach glücklich, wenn die lachen können und ich auch. Wenn ich dann nur trostlose Jammerei höre, hab ich keinen Bock." Weltfrieden wird nie möglich sein, was ist dann ihr Ziel? "Ich sehe ja die Realität. Das Ziel ist, den Menschen aufzumuntern. Irgendwann einmal, wenn's zu spät ist, werden sie draufkommen: Ah, der hat Recht. Ich wünsch den Menschen alles Gute, dass sie wieder wie bei der WM 2006 sind. Dass sie wieder ehrlich, offen sind die Deutschen. Da haben sie wirklich einmal gezeigt, dass es auch so gehen kann. Feiern, 'komm, da hast Geld, trink ein Bier, find' ich toll, dass du für Toleranz und gegen Rassismus unterwegs bist!'. War super. Das waren drei Monate, da habe ich immer Interviews gehabt."

Weltpopmusik

Also, Celine Dion ist einfach die Größte. Das hätte ich nicht gedacht. Aber Heinrich Dubel hat mich überzeugt. Nach einem Konzert in der Berliner Waldbühne schreibt er in seiner Kritik: "Sie hat mehr Alben  verkauft als Madonna."
Das beeindruckt mich schon mal. Aber Dubel weiß, wie man den Leser vollends überzeugt. Subtil steigert er die Begründungen, weshalb die kanadische Sängerin unvergleichlich ist, um dann mit einem Argument zu enden, gegen das kein Widerspruch mehr taugt. Aber lesen sie selbst:
"Drei Jahre lang trat sie vier mal die Woche in Las Vegas auf."
Issjadoll!
"Sie hat neben etlichen Branchenpreisen den Respekt des US-Musikestablishments gewonnen, von Phil Spector, Rick Rubin, Timbaland oder Prince."
Donnerwetter.
"In Ghana spielen die Autoradios der Taxifahrer Celine Dion als Musik eines permanenten Valentinstages."
Nicht zu fassen!
"Als der kanadische Kulturminister 1998 China besuchte, verlangte die chinesische Regierung offiziell eine Chinatour mit Celine Dion."
Offiziell, ja da legsti nieder.
"In Jamaica avancierte ihre Musik voll aufgedreht zur 'Soundtapete in üblen Nachbarschaften'".
Gibt's doch nicht!
"Und ein irakischer Künstler sagte einer amerikanischen Tageszeitung: 'Alle lieben Celine Dion. Sie sehen in ihr den Gipfel der Traurigkeit.'"
Ein irakischer Künstler. Einer amerikanischen Tageszeitung. Echt Wahnsinn.
 Aber Heinrich Dubel holt gerade zum entscheidenden Schlag aus - er gibt mir den Rest: "Übrigens: Am 22. Mai 2008 wurde Celine Dion vom französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy zur Ritterin des Ordens der Ehrenlegion ernannt."
Jetzt sag ich nix mehr.
"Führer"-schein!

Leser Steffen Barthelmäs aus Schrozberg bringt die Leserbriefe zu "Onkel Baracks Hütte" auf den Punkt und weiß Abhilfe: "Vermutlich fahren einige Redakteure, die im Besitz einer als 'Führerschein' bezeichneten Fahrerlaubnis sind, sogar 'Volkswagen', nennen Schaumzuckerküsse vielleicht 'Mohrenkopf'. Nein, das hat Barack Obama wirklich nicht verdient! Kämpft dagegen an und lest Bild!"

Apropos Barack Obama

Nachdem das Oberste Gericht der USA die Rechtlosigkeit der Gefangenen in Guantanamo für verfassungswidrig erklärt hat, erklärte Dschordsch Dabbeljuh, er nehme den Richterspruch zur Kenntnis, aber "das bedeutet nicht, dass ich dem Urteil zustimme."
Auch Kandidat John McCain meckerte herum: "Diese Häftlinge sind feindliche Kämpfer, sie sind nicht amerikanische Bürger."
Demnach gelten Menschenrechte nur für US-Bürger?
Barack Obama sagte: "Das Urteil ist ein wichtiger Schritt, um die Glaubwürdigkeit der USA als demokratischer Rechtsstaat wiederherzustellen."
Ich nehme mal an, Obama muss sich demnächst vor Joseph McCarthys "Komitee für unamerikanische Umtriebe" verantworten.

Irland, zum Zweiten: taz vom Feinsten!

Die taz hat eine Anzahl sehr guter Korrespondenten, und Ralf Sotschek, der aus Dublin über Irland und die Nachbarinsel berichtet, gehört mit Sicherheit dazu. Der Kommentar, mit dem er den EU-Vertrag von Lissabon in seine Einzelteile zerpflückte, hat mir deutlich gemacht, dass meine gefühlsmäßige, auf Hörensagen beruhende Ablehnung mit guten Gründen belegt werden kann. Sein Seite-3-Artikel "Die Querulanten von der Insel" bringt jetzt den Hintergrund zur Sprache, weshalb die Iren dagegen gestimmt haben. Sotschek hat die Zahlen parat, das Wachstum seit der Jahrtausendwende, die Stagnation in den letzten zwei Jahren und: "In keinem Land Europas ist die Spanne zwischen den reichsten und den ärmsten 10 Prozent der Bevölkerung größer als in Irland. Nur die Politiker haben es bisher stets geschafft, ihr Schäfchen ins Trockene zu bringen, selbst während der mageren Jahre. Zahlreiche hochrangige Politiker sind in Bestechungsskandale und Steuerbetrügereien verwickelt."
Nun, Irland stellt da keine Ausnahme dar, aber dass der EU-Vertrag gerade in den weniger wohlhabenden Gegenden abgelehnt wurde, zeigt wohl deutlich, dass es vor allem ein Nein zur politischen Klasse gewesen ist. Und da stehen die Deutschen den Iren in nichts nach - man muss sich nur die Wahlbeteiligungen in den letzten Jahren ansehen. Die Hälfte aller Staatsbürger glaubt nicht mehr daran, dass es irgendeinen Unterschied macht, ob sie die eine oder die andere Partei ankreuzen.
Wer könnte es ihnen verdenken.

Der Berg der Wahrheiten

Und das taz mag? Ein langes Stück über den Monte Verita bei Ascona, der Anfang des 20. Jahrhunderts eine große Zahl von Freigeistern und Lebensreformern angezogen hat, ein Magnet für Maler, Schriftsteller, Anarchisten, Aussteiger, Zivilisationsmüde und vielerlei Weltverbesserer. Jan Feddersen hat vor Ort sorgfältig recherchiert und gewohnt gut geschrieben. Das macht er ja meistens, kommt aber, nachdem er seine Fundsachen allgemeinverständlich dargestellt hat, häufig zu reichlich abstrusen Schlussfolgerungen.
Na ja, ich seh die Dinge meist ganz anders als Feddersen - aber wenn er das sooo sieht ... Wahrheit gibt's nicht in der Einzahl, auch nicht am Berg der Wahrheit.

Klassefotos: tvF!

Unbedingt erwähnen möchte ich die grandiosen Fotos des 1957 in Bern geborenen Michael von Graffenried, die sich durchs ganze taz mag ziehen. Ein Schweizer fotografiert sein Heimatland - tolle Auswahl, große Klasse! Wer auch immer diese Großformatfotos ins Blatt gebracht hat: Hut ab -  tvF- taz vom Feinsten!


17. Juni 2008

Tag der deutschen Einheit

Sie erinnern sich, heute wäre eigentlich Feiertag, wenn nicht alles ganz anders gekommen wäre. Aber es kam so, und deshalb ist heute ein ganz normaler Werkltag, und ich wünsche allen Nostalgikern frohes Schaffen.

Fuuuußballlll

Acht Seiten Berichte über die Europameisterschaft, es darf nicht wahr sein! Da ham die Redakteure ganz schön geschuftet, und bei genauer Prüfung stelle ich fest, die acht Seiten sind schon berechtigt - da sind feine Sachen dabei. Das gefälschte Tom-Kummer-Interview mit Michael Ballack entlarvt sich allerdings ganz schnell: Viel zu hochgestochen, so redet der nicht. Ein ganz wunderbares Kleinod steht zwischen vielen langen Beiträgen: Julian Müller-Meiningens Bericht vom Fußballgucken in der rumänischen Barackensiedlung in Rom. Das ist einfach schön, und es fängt so an: "Wer bei Giorgio an die Pforte klopft, dem wird nicht per Gegensprechanlage geantwortet. Ein Esel schreit, zwei Hunde bellen, drei Hühner gackern und ein paar der 15 Ponys am Fluss grüßen mit einem Wiehern." Und dann beschreibt er die Besonderheiten, wenn  Rumänen in Rom das Spiel Italien - Rumänien im Fernsehen gucken. Giorgio erzählt, dass seine Söhne in Trikots des italienischen Fußballstars Francesco Totti herumlaufen: "Damit sie wie die Kinder der Römer aussehen und ihnen nichts passiert."

Volkes Stimme

Online-taz-Leser Carlo Goetz sei hier zitiert, denn es freut sich der Mensch, wenn er sagen kann: Ganz meine Meinung. Zur Ablehnung des EU-Vertrags schreibt Goetz: "Herzlichen und tiefsten Dank an alle Iren, die mit Nein gestimmt haben. Resultat der Volksabstimmung: Ein militaristisches, undemokratisches und unsoziales Europa wurde verhindert."
Ein paar Seiten weiter vorn trägt Daniela Weingärtner, die taz-Frau in Brüssel, ihre Bedenken vor und zählt auf, was mit dem EU-Vertrag alles besser geworden wäre. Aber ihre Vergleiche beziehen sich lediglich auf die vorher üblichen Prozeduren. Das nennt man wohl Betriebsblindheit, rein systemimmanente Kritik. Sie kann sich nicht vorstellen, dass die Franzosen, die Niederländer und die Iren die Verfassung und den Vertrag abgelehnt haben, weil sie der politischen Elite zutiefst misstrauen und diese Art von Europa auf gar keinen Fall unterstützen wollen: Es ist immer noch das Europa der Konzerne und der jetzt herrschenden politischen Klasse. Daran ändern ein paar kosmetische Korrekturen und die Umbenennung der "Verfassung" in "Vertrag" gar nichts.

Mehr Impressum!

Das viel zu sparsame Impressum der taz hab ich ja schon mehrmals kritisiert. Ich will als Leser wissen, wer für die einzelnen Ressorts zuständig ist, welche Redakteure dort arbeiten, und welcher Korrespondent von woher schreibt. So berichtet in dieser Ausgabe ein Mauritius Much vom SPD-Parteitag aus München. Der Name klingt sehr nach Pseudonym. Versteckt sich der Auslandskorspondent für Bayern dahinter, der sonst immer Max Hägler heißt?
Auch nachdem ich den Artikel über den Sturm auf das Gefängnis in Kandahar und den Kommentar dazu gelesen hatte, blieben Fragen. Beides waren feine Stücke in bester taz-Manier, und ich dachte: Wer zum Teufel ist Thomas Ruttig? Neuer taz-Mann in Kabul? Experte für die genaue Beschreibung geglückter Gefangenenbefreiung? Rätsel über Rätsel. Warum erfährt der Leser nicht, wenn Korrespondenten wechseln?
Ruttig stellt die richtigen Fragen: "Wie kann es sein, dass unsägliche Zustände in Kandahar sowie in anderen Gefängnissen, Folter und mangelnder Zugang zu Verteidigern so lange unbemerkt bleiben, bis die Gefangenen meutern? Was treiben eigentlich die ausländischen Mentoren und Berater?"
In dem Gefängnis wurden Häftlinge ähnlich gefoltert wie in dem berüchtigten Abu Ghraib in Bagdad - nur ging in diesem Fall kein Aufschrei durch die westlichen Medien. Wenn jetzt die Taliban mit zwei Tonnen Sprengstoff die Mauer zerstören und nach kurzem Kampf 800 Gefangene befreien, dürfen sie sich des Beifalls vieler Afghanen sicher sein.

Leserin

Noch ein Brief zu dem Kommentar von Hilal Sezgin über den alltäglichen Sexismus in den Medien, der mich letzte Woche so genervt hat. Ich hatte geschrieben, dass ich als Mann wohl schwerlich etwas anderes haben könnte als den männlichen Blick, den Sezgin gern abschaffen würde. Monika Klaiber aus Weilheim spricht mir aus dem Herzen: "Ich bin der Meinung, dass es generell gut wäre, die männliche und die weibliche Intelligenz gleichermaßen zur Kenntnis zu nehmen, gerade in dieser Zeit, die so viele Probleme aufwirft."

Fußballkater

Schluss für heute, nachdem ich leicht beschädigt bin nach dem öden Spiel der deutschen Elf gegen die Austriaken. Ich hab wohl beim Gucken mit Pedro und Daniela den Kummer über die beiden Gurkenmannschaften in zu viel Weißbier ertränkt. Da kann man nur hoffen, dass es Donnerstag zu Ende geht, das Rumgegurke. Hoffentlich erbarmen sich die Portugiesen und schicken den DFB nach Hause schicken.
Iss doch wahr!

18. Juni 2008

In eigener Sache:
Beschwerde gegen die taz beim Deutschen Presserat

Der Beschwerdeausschuss des Deutschen Presserats hat meine Beschwerde gegen die Berichterstattung der taz vom 23. April 2008 „einstimmig für unbegründet erklärt“. Es ging um ein ganzseitiges Foto auf Seite 1, auf dem der „Präsident der ruandischen Hutu-Milizen, Ignace Murwanashyaka, der in Deutschland lebt“ (Zitat Presserat) zu sehen war, dazu die Schlagzeile „Deutschland duldet Terrorchef“. Weiter legte ich Beschwerde ein gegen zwei Artikel über Murwanashyaka  im Zusammenhang mit dem Besuch des ruandischen Präsidenten Paul Kagame von Dominic Johnson, auf Seite 3 derselben Ausgabe. Zitat Presserat zu meiner Beschwerde: „Die Berichterstattung verletze den Dargestellten in seiner Ehre. Darüber hinaus fallen nach Meinung des Beschwerdeführers beide Artikel unter den Begriff Sensationsberichterstattung und bedienen sich einer unangemessenen Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid.“
Der Presserat stellte fest: „Das großformatige Foto ist nicht zu beanstanden, die Auswahl liegt im Ermessen der Redaktion.“ Auf den Inhalt der Schlagzeile ging der Presserat nicht  ein. Der Anwalt der taz nahm Stellung und behauptete, „es handele sich bei dem Beitrag (von Dominic Johnson) vielmehr um ein Musterbeispiel ausgewogener Berichterstattung.“
Hier die abschließende Stellungnahme des Presserats:
„Der Beschwerdeausschuss ist der Auffassung, dass die TAZ mit der Berichterstattung 'Der Fall Ignace M.' vom 23. 04. 2008 nicht gegen presseethische Grundsätze verstoßen hat. (...) Ignace Murwanashyaka wird von der Redaktion nicht als Täter bezeichnet, sondern in der betreffenden Passage wird von einem ‚Umfeld der Täter des Völkermords von 1994’ gesprochen. Im weiteren Verlauf des Textes beruft sich die Zeitung als Quelle auf Recherchen von Menschenrechtsorganisationen. Andere falsche Tatsachenbehauptungen, die der Beschwerdeführer der Zeitung vorwirft, sind nach Meinung des Ausschusses nicht aufklärbar. Hier steht Aussage gegen Aussage. Der Ausschuss ist ferner der Ansicht, dass die TAZ sicherlich eine gewisse Tendenz in ihrer Berichterstattung hat. Doch die Grenze der Meinungsfreiheit wird nicht überschritten. Ignace Murwanashyaka kommt in dem Beitrag selbst zu Wort und erhält ausreichend Gelegenheit, sich z. B. zum Strafverfahren der Bundesanwaltschaft zu äußern.
C. Ergebnis
Insgesamt liegt damit kein Verstoß gegen die Publizistischen Grundsätze des Deutschen Presserats vor, so dass der Beschwerdeausschuss die Beschwerde einstimmig für unbegründet erklärt.“

Stellungnahme:

Wer sich für die Begründungen meiner Beschwerde interessiert, findet sie in „Achtung: tazblog!“ vom 23., 24. und 25. April hier unter „Blog + Leseproben“. Auch nach der Ablehnung der Beschwerde sehe ich keinen Grund, die Kritik an Dominic Johnsons Bericht zurückzunehmen. Ein paar Fragen bleiben meiner Ansicht nach offen:
„Ignace Murwanashyaka wird von der Redaktion nicht als Täter bezeichnet, sondern in der betreffenden Passage wird von einem ‚Umfeld der Täter des Völkermords von 1994’ gesprochen.“
Das halte ich für einen Trick. Indem der Presserat ausdrücklich feststellte, dass er nur die Beschwerde gegen die Seite drei behandelt, kann er darüber hinwegsehen, dass auf Seite eins der Beschuldigte in der Hauptschlagzeile als Terrorchef bezeichnet wird („Deutschland duldet Terrorchef“). Damit wird er nach meiner Meinung ausdrücklich als Täter bezeichnet – was sonst könnte mit „Terrorchef“ gemeint sein? Doch der Presserat teilte mir mit: „Der Beitrag ‚Deutschland duldet Terrorchef’ wurde in der Vorprüfung als offensichtlich unbegründet beurteilt.“
(Gemeint ist wohl: Die Beschwerde gegen den Beitrag, nicht der Beitrag selbst.)
Die Formulierung des Presserats, es stünde „Aussage gegen Aussage“ bezieht sich vermutlich auf die Anschuldigungen, dass ein französisches Gericht den Präsidenten von Ruanda, Paul Kagame, als Auslöser des Völkermords bezeichnet und ihn beschuldigt hat, den Auftrag für den Anschlag auf ein Flugzeug gegeben zu haben. Beim Absturz kam der damalige Präsident ums Leben.
„Der Ausschuss ist ferner der Ansicht, dass die TAZ sicherlich eine gewisse Tendenz in ihrer Berichterstattung hat.“ Das ist genau das, was ich seit zwei Monaten hier oben im Vorspann zu den täglichen Einträgen behaupte.
Und es bleibt eine Frage unbeantwortet, doch dafür ist der Presserat wirklich nicht zuständig: Weshalb wird der Präsident von Ruanda ausgerechnet vom Verteidigungsminister Franz Josef Jung empfangen?

Kommentar

Lieber Herr Pfitzinger,
lassen Sie sich nicht beirren: Ihre Beschwerde war sehr gut begründet, und ich kann die Antwort des Presserats überhaupt nicht nachvollziehen. Die Brandmarkung als "Terrorchef" auf Seite eins der taz war mehr als nur eine Geschmacksverirrung - machen Sie weiter so!
Gruss - Ihr Hans Chr. Buch
(Schriftsteller, Reporter, Essayist. Seinen offenen Brief an Bundespräsident Horst Köhler, der den Präidenten von Ruanda, Paul Kagame, in Berlin empfing, finden Sie hier!)

Österreich – ein Witz

Hier noch ein Nachtrag zum unterirdischen Fußballkick in Wien: Wo verläuft die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn? Irgendwo in der Nähe von Kufstein.

Hilft nix

Mein Boykott der Wahrheitseite am Dienstag wird fortgesetzt. Ein Vorschlag: Vielleicht sollte man einfach die Fotos von Carla Dingsbums, äääh, Bruni noch größer abdrucken, und, bitte, ihren Ehemann rausretuschieren. Ich kann dieses Gesicht nicht mehr sehen.
Und das schlecht gelaunte Rumgenöle von Jürgen Roth brauch ich auch nicht alle paar Tage, noch dazu bei diesem Wetter, iss ja deprimierend der Kerl.

Nicht von Audi

Daniel Barenboim dirigiert in seiner Heimatstadt Buenos Aires, und Niklaus Hablützel ist sein Prophet. Das liest sich flott, man erfährt auch Außermusikalisches,  und bei der Musik ist er ja eh fit, der Mann kennt sich aus mit der Klassik und der Moderne. Und ein bisschen Politik kommt auch mit rein, weil der Umbau einer großen Halle nicht weitergeht, und Barenboim für seine Aktivitäten in Israel und Palästina ja wirklich nicht oft genug gelobt werden kann. Ganz toll, wenn Hablützel über Anton Bruckners neunte Symphonie schreibt: „Barenboim dirigiert, als gehe es darum, Felsbrocken und Baumstämme aufeinanderzutürmen. Doch im Hintergrund klingt Schönberg mit. Denn auch Bruckner hat Anteil an dieser Kunst, etwa so, wie bei Plato die Dinge teilhaben an ihrer Idee. Der schlechte Saal stört nun schon, weil Bruckner sich nur schwer schnaufend mit riesigen Klangmassen daran heranarbeiten konnte.“
Verstehe ich das? Nö, aber es klingelt ganz hübsch. So wie schon die Überschrift: „Zu Hause in der Idee der Musik“. Und der Sponsor der Reise, ein bekannter Automobilhersteller aus Bayern (nicht Audi) wird auch zwei Mal diskret erwähnt. Ist doch nett, was die alles für die riesigen Klangmassen des schnaufenden Bruckner tun.

68 ohne Ende: Jetzt auch noch die Kinder

Da schreibt eine angehende Akademikerin, Nina Pauer, Kind von Akademikern aus der Generation 68, wie sie sich Mitte zwanzig fühlt, und ich hab’s mit großem Interesse gelesen. Sie nennt es einen „Zwischenruf“, arbeitet sich am Mythos ab, und bedauert, keinen Grund zur Rebellion zu finden.
Nachdem ich das gelesen hatte, überkam mich eine tiefdunkelblaue Melancholie. Pauer beschränkt sich auf das Verhältnis zu ihren Eltern, und dass sie gegen die nicht rebellieren will, ist schon einzusehen. Mir scheint, das Problem liegt wo anders: Sie blickt nicht über die Familie hinaus, keiner hat ihr erzählt, dass sich die Verhältnisse keineswegs verbessert haben, außer für sie und ihresgleichen. Dass es jenseits von Akademikerhaushalten heute wesentlich übler zugeht als vor 40 Jahren, kriegt sie gar nicht mit. Sie glaubt offenbar, nicht betroffen zu sein. Ob sie jemals von Menschen gehört hat, die trotz Vollzeitjob in Armut leben? Und sich Gedanken darüber macht, dass das politisch so gewollt und nicht unabwendbares Naturereignis war?
Gründe zur Rebellion gibt’s genug, und wer 68 allein als Revolte gegen die Eltern und ganz klein in weiter Ferne sieht, sollte das Fernglas mal umdrehen und scharf stellen.

Rente mit 67

Die Verlogenheit der politischen Klasse prangert Barbara Dribbusch in ihrem Kommentar zur Diskussion über die „Altersteilzeit“ an. Sie zitiert Michael Glos, den Wirtschaftsminister, Sprachrohr der Arbeitgeberverbände, mit den Worten: „Wir brauchen ältere, qualifizierte Mitarbeiter in den Unternehmen und nicht in der Frühpensionierung.“ Dribbusch fügt hinzu: „Ältere auf Jobsuche werden angesichts solcher Äußerungen nur bitter lächeln können. Heute ist nur ein Drittel aller 62-jährigen berufstätig – da sind Selbständige, Mini- und Teilzeitjobber schon eingerechnet.“
Wie ich neulich schon mal angemerkt habe: Ich verstehe schon, dass Glos die Interessen derer vertritt, die ihre Rekordprofite mit niemandem mehr teilen wollen und ihre Angestellten lieber dem Staat zur Versorgung überlassen. Aber ich verstehe einfach nicht, warum er das macht.

19. Juni 2008

Die taz ist tendenziös, grün und sozial

Die Ausgabe vom 17. Juni kam hier im tazblog etwas zu kurz, weil der Presserat und die fragwürdige Ablehnung meiner Beschwerde dazwischenkamen. Aber ich kann jedem Leser dieser Zeilen nur raten, sich noch einmal (oder zum ersten Mal) die Einträge vom 23. 4. 2008 und den folgenden Tagen anzuschauen – der Presserat wird den Teufel tun und sich in die Rüstungsgeschäfte der deutschen Regierung und die Politik des BDI einmischen. Insofern ist es ein Lehrstück im Kapitel „Die herrschende Presse ist die Presse der Herrschenden“.
Ja. Noch etwas loben wollte ich die taz von vorgestern, zwei wichtige grüne Themen – Umstellung der Autos auf Flüssiggas ist machbar, kostet aber so viel, dass es sich erst nach mehr als 30.000 Kilometern rechnet. Aber: Flüssiggas verpestet die Natur viel weniger als Benzin und kostet nur die Hälfte. Und dass es keine Tankstellen mit Flüssiggas gibt, stimmt nicht mehr: Sie haben „sich seit Ende 2005 auf 3.853 vervierfacht“, schreibt Tarik Ahmia, also in zweieinhalb Jahren.
Seite eins weist auf das neue Konzept der EU hin, das jetzt auch in Kraft treten wird: Lieber Müllverbrennung als Müllvermeidung und Wiederverwertung. Beate Willms tippt sich die Finger wund, und es bringt – nichts.
Stefan Reinecke versucht, die Sache mit dem Kindergeld und dem Steuerfreibetrag zu erklären, und auch wenn man sich an den Kopf fasst: Es läuft darauf hinaus, dass Besserverdiener vom  Staat mehr Geld bekommen, wenn sie Kinder in die Welt setzen, als die ärmeren Leute, die das Geld dringend brauchen. Das ist so gewollt und entspricht laut Verfassungsgericht von 1998 dem Gleichheitsgrundsatz. Absurd? Ja, aber rechtens.

zur taz vom 18. Juni:

Ode an Tilda Swinton

Die besten Filmkritiken in der taz schreibt Dietrich Kuhlbrodt. Sie wissen ja, solche Aussagen  sind immer strikt subjektiv, aber wenn ich etwas überlege, bleibt der Satz so stehen. Ich schätze Cristina Nord, auch Barbara Schweizerhof ist meist in Ordnung, neulich gab’s die feine Besprechung des Films „RR“ von Tobias Rapp, aber Dietrich Kuhlbrodt lese ich am liebsten. Und bei seiner Kritik von „Julia“, die zu einer Ode an die Hauptdarstellerin Tilda Swinton gerät, habe ich den Eindruck, da hat ein ganz außergewöhnlicher Film den taz-Autor gefunden, der ihn geistig erfassen kann. Von dem Regisseur Erick Zonka habe ich noch nie etwas gehört oder gesehen, aber mir scheint da ein Radikaler am Werk zu sein. Laut Kuhlbrodt verstößt er gegen alle Erwartungen: „Wir sind jetzt in einem anderen Film, die Trinkersequenzen vom Anfang können wir vergessen. Eine Exposition war das nicht gewesen. Wohl aber ein Verstoß gegen die Regeln eines Genres (Psychodrama) und eines Drehbuchs sowieso (wieso, weshalb, warum). Und ein Thriller wird es auch nicht. Wird die Entführerin gefasst? Darf eine Frau den kleinen Jungen zur Brust nehmen, nackt im Bett? Darf sie, verfolgt von der Bundespolizei, mit dem Auto die Grenzmauer durchbrechen und sich in Mexiko, dem Land der Freiheit sicher fühlen? Darf sie das alles? Der Film hat uns abgewöhnt, überhaupt diese Fragen zu stellen. Es passiert, was passiert. Die Moral von der Geschicht’, die gibt es nicht.“
Das klingt, als wäre das ein Film ganz nach meinem Herzen, auch wenn er zweieinviertel Stunden dauert. Kuhlbrodt schließt mit dem Hinweis: „Ich bin ein Fan von Tilda Swinton.“

Das weiße Album

So hieß ein Essayband von Joan Didion, ein anderer hieß „Die Stunde der Bestie“. Daraus hat Antje Rávic Strubel ein Auswahl getroffen, neu übersetzt und unter dem Titel „Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben“ im Claasen Verlag herausgebracht. Hoffentlich findet das Buch viele Leser, denn Joan Didion schreibt zum Herzerweichen gut. Elisabeth Raether nimmt die deutsche Neuerscheinung zum Anlass, dem taz-Leser einen Eindruck von Joan Didions Einmaligkeit zu vermitteln, und da stehen ein paar richtig schöne Sätze drin. Zum Beispiel, dass Didion in den fünfziger Jahren, da war sie 20, bei der Vogue anfing, als „Modemagazine sich selbst noch ernst nahmen“. Und Raether beschreibt auch die Irritation der einen, die Faszination der anderen (Leute wie ich) angesichts der kompromisslosen Subjektivität von Joan Didion (wobei sie ja in der Tradition von Autoren wie Jack Kerouac und Hunter S. Thompson steht): „Für Didion ist jede Einsicht eine subjektive, deshalb unterlässt sie es, ihre Ansichten als ’objektive’ zu maskieren. Sie stellt sich selbst in den Mittelpunkt ihrer Texte, um das Perspektivische ihres Denkens, allen Denkens, sichtbar zu machen.“
Elisabeth Raether hat neulich, zusammen mit Jana Hensel, das Buch „Neue deutsche Mädchen“ veröffentlicht. Jemand, der so fachkundig über Joan Didion schreiben kann, wird den Mädels wahrscheinlich keinen Mist erzählen. Hier noch ein Zitat aus der Didion-Besprechung: „’Style is character’, hat Didion gesagt, denn für sie ist Ironie keine Form, die einen Inhalt vermittelt, sondern bereits die politische Idee: die liberale Idee im altmodischen Sinne, die mit der heutigen FDP wenig zu tun hat, die das ‚gute’ Amerika ausmacht, die eigenständiges Denken bedeutet, das Nebeneinander vieler Meinungen, die Verwirklichung eines echten Pluralismus, den eigentlich amerikanischen Traum.“
Cheers!

Zitat I

"Das ist widerlicher als alles was in Bild und Bunte steht. Die Arbeitsbedingungen sind eine Katastrophe, die Bezahlung auch. Das ist der permanente Selbstbetrug."
Benjamin von Stuckrad-Barre über seinen ehemaligen Arbeitgeber, die taz

Grandios

Der einzige Mensch, der bei den Auseinandersetzungen zwischen Zeitungsverlegern und den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten über den, tief Luft holen, Rundfunkänderungsstaatsvertrag noch durchblickt, scheint Steffen Grimberg von der Medienseite der taz zu sein. Sein mit triefender Ironie übergossener „Spielbericht“ sticht aus dem ewigen Fachjargon zum Thema erfrischend heraus. Zur Erinnerung: Es geht ums Online-Geschäft, und ARD und ZDF sollen möglichst beschränkt werden bei ihren Internetnachrichten und beim Online-Fernsehen. Momentan steht es 3 : 3, weil Springer-Boss Mathias Döpfner von der Verlegermannschaft gerade ein Eigentor geschossen hat. Verlängerung dann im Herbst.

Zitat II

"Das ist der liberalste, beste Zeitschriftenverlag, für den ich je gearbeitet habe, mit den vernünftigsten, fleißigsten und variantenreichsten Chefs, die ich je kennengelernt habe."
Benjamin von Stuckrad-Barre über seinen jetzigen Arbeitgeber, den Axel-Springer-Verlag
 
Neoliberal – so läuft der Laden

Die ProSieben Sat.1 Media AG gehört den  Investmenthäusern KKR und Permira. Und so geht’s dort zu: „Trotz Schuldenstand von 3,4 Milliarden Euro genehmigten sich die Inhaber-Investoren vergangene  Woche kräftig erhöhte Dividenden – in Höhe von 270 Millionen Euro.“
Und wenn das Gras abgefressen ist, ziehen die Heuschrecken weiter.

Das Grauen

38 Prozent der deutschen Bevölkerung geben bei einer Allensbach-Umfage an, sie hätten „keine gute Meinung“ von der deutschen Wirtschaftsordnung. Diese "Unzufriedenen" haben „dabei übersehen, dass auch der soziale Bereich mehr leisten könnte, wenn er marktwirtschaftlich organisiert würde.“
Nils aus dem Moore, „Wirtschaftsforscher beim RWI“, auf der Meinungsseite des überregionalen Blattes die tageszeitung

Al Gore für Barack Obama

Ob’s was nützt? Vielleicht schenkt Gore ihm eine Boeing mit Hybrid-Antrieb, damit Obama bei seinen Wahlkampfreisen die Polkappen nicht zum Schmelzen bringt.
Was, Sie haben noch nie von Flugzeugen mit Hybrid-Antrieb gehört? Funktioniert ganz einfach: Während des Jet-Antriebs dreht sich ein Windrad mit und lädt eine Batterie auf, die dann automatisch den Strom für den Antrieb liefert. Wenn die Batterie leer ist, schalten sich die Triebwerke wieder ein. Der Verbrauch von Flugbenzin kann auf diese Weise um 40 Prozent gesenkt werden. (Quelle: Populäre Mechanik, Oktoberheft 1954)

Deckel auf den Topf

In bewährter Manier schlagen sie bei der Demo wieder mit den Deckeln auf die Töpfe in Buenos Aires – und die Bildredaktion hat das tollste Reuters-Foto ausgewählt, auf dem ein Mann mit Schiebermütze und verknotetem Halstuch vor dem Obelisken, dem Wahrzeichen  der Stadt, einen Topf hoch über den Kopf hält und einen Deckel auf die Öffnung schlägt. Der Fotograf hat in  dem Moment auf den Auslöser gedrückt, als zwischen Topf und Deckel noch der nächtlich beleuchtete weiße Obelisk zu sehen ist.

So it goes

Olaf Scholz, Arbeitsminister, SPD, schlägt vor, den Mindestlohn an dem Tarifvertrag auszurichten, der am meisten Beschäftigte und Gewerkschaftsmitglieder umfasst. Er würde alle Verträge verdrängen, die niedrigere Löhne vorsehen. Verträge mit höheren Löhnen blieben in Kraft.
Michael Glos, Wirtschaftsminister, CSU, Freund aller Profitgeier, fällt dazu sehr vorhersehbar ein: „Wir Politiker müssen uns aus der Tarifpolitik heraushalten, das ist Sache der Arbeitgeber und Gewerkschaften.“ Glos will bei konkurrierenden Verträgen nur den niedrigsten Mindestlohn dulden, also die Tarifverträge, die Arbeitgeber mit von ihnen gegründeten und bezahlten so genannten „christlichen“ Gewerkschaften ausgehandelt haben.
Man könnte meinen, es gäbe tatsächlich ein geschriebenes Gesetz, dass der Wirtschaftsminister immer die Politik der Unternehmer durchzusetzen hat. Irrtum - es ist ein ungeschriebenes.

Die taz mal wieder!

Kaum steht auf der Titelseite „Schweden, Land ohne Geheimnisse“, kaum schreibt Reinhard Wolf, taz-Mann in Stockholm gegen das neue Telefon- und Internet-Überwachungsgesetz – schon wird die Abstimmung im Parlament verschoben und das Gesetz noch mal überarbeitet. So geschehen, gestern in Stockholm. Da sage noch einer, die Presse wäre machtlos! Heh, die taz beeinflusst sogar die Politik in Schweden! Und der Fußballgott lässt die Blaugelben prompt am Abend von den Russen rausschmeißen – es gibt doch noch Gerechtigkeit im Fußball. Wenn jetzt die Portugiesen auch noch diese DFB-Elf zurück über die Grenze schicken, widme ich ihm – dem Fußballgott – ein Extra-Weißbier.


20. Juni 2008

Keine Nörgeleien mehr

Alles wird gut: Wenn die DFB-Auswahl so spielt wie gestern Abend, darf sie meinetwegen sogar Europameister werden. War ganz schön was los auf den Straßen der Münchner Innenstadt kurz nach halb elf - Böller wie an Neujahr!
Die portugiesische Fußballlegende Eusebio gestern vor dem Spiel Deutschland - Portugal im taz-Interview: "Bitte vergessen Sie die deutsche Mannschaft nicht. Die ist immer da, wenn sie gefordert wird. Eine Turniermannschaft. Vielleicht können Sie das nicht mehr hören, aber so ist es."

Ronaldo

Die taz  zitiert Die Welt zum Thema Cristiano Ronaldo: "Wenn er Fußball spielt, halten die Männer vor Begeisterung den Atem an. Wenn er damit fertig ist und sein Trikot auszieht, tun es die Frauen."
Ihr Trikot ausziehen?

Ich mag das Wort Gender nicht mehr lesen

Auf tazzwei berichtet Sonja Vogel über "Gender-Theoretikerinnen", die sich in die "aktuelle Debatte" über "Post-, Neo- oder Alphamädchenfeminismus" einschalten. Ich flehe Sie an, Frau Vogel, bitte benützen Sie dieses unseligerweise eingedeutschte Fremdwort nicht mehr. Was ist denn gegen das deutsche Wort "Geschlecht" einzuwenden? Oder wollen Sie nicht verstanden werden?
Die Bildredaktion trägt dazu ein Bild von Jenny Elvers-Elbertzhagen (ich vermute, die heißt wirklich so)und Alice Schwarzer bei, auf dem letztere ihr Gesicht in eine üble Grimasse verzerrt. Da hat sich eine boshafte Fotoredakteurin (so boshaft kann nur eine Frau sein, harr-harr) bestimmt vor Vergnügen die Hände gerieben, als sie das Bild ins Blatt gestellt hat.

Trauerspiel: Hoher ÜQ*

Da findet einer im Internet eine Seite, wo Muslime als "Muselmane" bezeichnet werden, Minarette als "Plärrtürme" und der Islam als "Todesideologie". Eine halbe Druckseite gibt Cigdem Akyol seiner Überzeugung Ausdruck, das sei strafbar und der Verfassungsschutz müsse eingreifen. Und berichtet über einen früheren FAZ-Redakteur - der Name kommt mir nicht in dieses Blog -, der auch gegen den Islam hetzt, ein blödes Buch schrieb "und immer weniger Zuhörer hatte". Na, das ist doch fein so, also lassen Sie's gut sein, Herr Akyol. Das bisschen Islam-Geschimpfe muss man wohl aushalten, wenn einem die Meinungsfreiheit was wert ist.
Dass die Redaktion den Titel "Die Meinungsterroristen" gewählt hat, wundert nicht: "Terror" in allen Zusammensetzungen (z. B. "Terrorchef") erfreut sich in der taz großer Beliebtheit. Fast so, wie bei Bush und Schäuble.

*Überflüssigkeitsquotient

Blindflug

Ein Politikwissenschaftler, Lothar Probst, gibt der SPD in staatsmännischer Betriebsblindheit gute Ratschläge, "Wie der Sinkflug zu stoppen ist": Mit einer rot-gelb-grünen Koalitionsaussage vor den Bundestagswahlen im nächsten Jahr. Da lachen doch die Hühner: Weshalb sollte man eine von diesen Parteien wählen, wenn sie in ihren Programm eh nicht mehr zu unterscheiden sind?

Frieden und Hamas

Ein ärgerlicher Kommentar von Susanne Knaul, der taz-Frau in Israel. Blind auf dem Israel-Auge, nölt sie jetzt rum, das wäre der falsche Zeitpunkt für ein Friedensangebot, weil die Hamas in letzter Zeit immer noch Raketen auf Israel geschossen habe. Also hätte man sie zur Strafe weiter auf Friedensentzug setzen und bei der staatlich befohlenen Hinrichtung von Hamas-Kämpfern unbeteiligte Frauen und Kinder mit umbringen sollen?
Liebe Frau Knaul! Jedes Friedensabkommen ist zu jeder Zeit besser als eine Fortsetzung des Krieges.
Knaul berichtet mit aller politischen Korrektheit. Gelegentlich nimmt sie schon mal die palästinensische Sicht der Dinge wahr, zugegeben. Aber weniger pro-israelisch geht wahrscheinlich nicht im Meinungskartell.

Kleine Demo-Kunde

Sehr verbreitenswert finde ich die folgende Nachricht von taz-Korrespondent Gerhard Dilger aus Porto Allegre. Weil man sich in Südperu nicht über die Verteilung der Gewinne aus der Kupferförderung einigen konnte, hatten Demonstranten tagelang die Panamericana blockiert. Montag kamen 60 Polizisten an, um die Blockade zu beenden. Das ist ihnen nicht gelungen, stattdessen wurden sie von den Demonstranten festgesetzt und in die Kathedrale von Moquegua gebracht. Darauf hin hat die Regierung Gespräche über eine Lösung des Konflikts angeboten, und die Polizisten wurden am nächsten Tag wieder freigelassen. Es gab keine Verletzten bei der Aktion.
Vorbildlich!

Autounser oder: Das heilige Rasen

Ralph Bollmann über die Lippenbekenntnisse der CDU in punkto "Umweltschutz": Das Parteipapier heißt "Bewahrung der Schöpfung". Und da steht mal wieder das Glaubensbekenntnis zur Autoindustrie drin: "Die Einführung eines allgemeinen Tempolimits auf Autobahnen lehnen die Christdemokraten aber weiterhin ab."
Lasset uns beten: "Auto unser, das du kommst von Daimler ..."
Am selben Tag verabschiedet das Bundeskabinett das "zweite Klimapaket". Nick Reimer auf Seite 3: "Gar nicht erst angegangen wurde der Luftverkehr: Hier soll es Brüssel richten. Und das deutsche Rasen bleibt geheiligt: Ein Tempolimit ist kein Thema."

Konzis heißt kurz, gedrängt

Heide Oestreich schreibt über Gesine Schwan, und da steht der Satz: "Die Sozialdemokraten dagegen haben bisher arge Mühe damit, ihre Reformvorhaben zur Rettung des Sozialen als konzises Projekt zu formulieren." Währenddessen macht die Präsidentschaftskandidatin fleißig Hausaufgaben: "Hartz IV muss ich mir nochmal genau angucken." Das kann ich der Kollegin Politikwissenschaftlerin  nur empfehlen, wenn sie wissen will, weshalb ihre Partei so tief gesunken ist. Nette Information am Rande: Den Nato-Doppelbeschluss zur Stationierung von Raketen hielt sie 1977 für richtig. Schwan war Mitglied der "Grundwertekommission" der SPD. "1984 wird sie auf Betreiben von Peter Glotz abgewählt - ein einmaliger Vorgang. 1996 wird sie wieder in die Kommission aufgenommen."
Hm. Wenn jemand von Peter Glotz gemobbt wird, hege ich gleich die Vermutung, die Frau kann nicht gaaanz schlecht. Meine Erfahrungen mit Peter Glotz finden Sie hier unter dem Link "Die Besetzung".

Uefa heißt jetzt Fifa

Man kann der Fifa schon einiges vorwerfen, aber dafür, dass Joachim "Jogi" Löw auf die Tribüne verbannt wurde, kann der internationale Fußballverband nichts, auch wenn das in der "verboten"-Kolumne auf Seite 1 behauptet wird. Da war die Uefa zuständig.
gez. Adelbert Besserwissi

21. Juni 2008

Sommeranfang - der tazblogger nimmt sich heute hitzefrei!

Kurz nach zwei, strahlend blauer Himmel hinter üppig grünen Baumkronen, weiße Wattebauschwolken, eine leichte Brise, 25 Grad, und ich hab nicht die geringste Lust, das tazblog zu schreiben. Um halb zwölf war ich meine Litera-Tour-Runde laufen, immer den schattigen Hang entlang und dann die Opitzstraße lang, und unter den großen alten Bäumen isaraufwärts zurück - mei, ich hab's gut! Schweiß in Strömen, hat schon 22 Grad gehabt um zwölf. Dann hab ich noch n paar Liegestütze gemacht und Hanteln geschwungen, noch mehr Schweißströme. Zum Abkühlen hab ich dann Kartoffeln geschält und mir das berühmte Champignon-Gericht in der Pfanne gebrutzelt - Karotten, Paprika, braune Champs, drei Tofu-Scheiben, Salzkartoffeln angebraten, Ingwer, Knoblauch, Zwiebeln vergessen, Tomaten -, und den doppelten Espresso mit Milch, und wenn ich das hier fertig getippt und auf die Website gestellt habe, leg ich mich in die Badewanne. Danach werde ich nicht an den Schreibtisch zurückkehren, sondern die Wochenend-taz und "Kaff oder Mare Grisium" von Arno Schmidt in den Rucksack packen, mich per Fahrrad zum Tivoli Pavillon aufmachen und mal schauen, ob's wieder Gitarrenmusik gibt - mei, ich hab's gut!

Avancierteste Überflüssigkeit: Die Qualen der Kultur

Da knallte das ÜQ*-Meter wieder nach oben durch, aber an diesem schönen Sommertag werd ich trotzdem nichts weiter zu dem völlig überflüssigen Musikartikel von Uh-Young Kim auf der Kulturseite 12 sagen, nur dass "avancieren" nicht fortschreiten heißt, sondern befördern, und "das gegenwärtig avancierteste Genre" dann nicht das fortschrittlichste bedeutet, sondern das befördertste. Vielleicht meint er aber auch ganz was anderes. Nur so viel: "Tropical" heißt der neue Hype = Rummel um nichts. Dass Musiker aus allen Kulturen schöpfen und daraus was Neues machen, das gibt's seit die Münchner Band Embryo vor 40 Jahren verschiedene Musik aus Nord- und Südamerika, Asien und Afrika zu ihrer eigenen weiterentwickelte, und später hieß das dann Weltmusik, und Tropical ist halt ein neuer Name für uralte Praktiken. Der Bericht aus London ist viel Geklingel um gar nichts, gefühlte fünfzig Band- und Musikernamen, verbunden mit aussagefreien Hohlsätzen, und wenn ich schon "Gentrifizierung" lese, und der Begriff nicht erklärt wird, reicht's mir mal wieder mit der Hochnäsigkeit des taz-Feuilletons - auch wenn es sich "Kultur" nennt. Hier wird nach dem Motto verfahren: Kultur ist, wenn der Leser weiterblättert, weil er mit der entfremdeten Sprache nichts zu tun haben will.
Recht hat er.

* Überflüssigkeitsquotient

Noch einer: Es lebe Irland!

Leser Emmo Frey aus Dachau hat's auch bemerkt. Ralf Sotschek (am 12. Juni) "beweist seine Extraklasse als taz-Korrespondent. In wunderbarer Klarheit zählt er alle Argumente auf, warum dem Vertrag nicht zuzustimmen ist. Seine Kolumne sollte an alle Haushalte in Deutschland, besser noch in der ganzen EU, verteilt werden."
Ich vermute, Daniela Weingärtner sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr, wenn sie die irische Ablehnung des EU-Vertrags kritisiert. Sie steckt schon viel zu lange in der Materie drin und kann über den Brüsseler Tellerrand nicht mehr hinausschauen. Von außen sieht das anders aus. Herr Frey erläutert es sehr schön. Einem Zitat von Karl Kraus - "Die schmutzige Zumutung der Macht an den Geist: Lüge für Wahrheit, Unrecht für Recht, Tollwut für Vernunft zu halten" - folgt die aktuelle Einschätzung: "Ich ergänze: den Lissabon-Vertrag für Fortschritt zu halten."

Waffenruhe à la Israel

Zwar auf Seite 2, aber nur in einer zweispaltigen Kurzmeldung mit einem Satz erwähnt: "Kurz nach dem offiziellen Beginn der Feuerpause schoss die israelische Marine vier Mörsergranaten auf die Küste von Gaza ab."

Schönen Samstag!

22. Juni 2008

Poetik - früh vergreist und hoch gestochen

"Leuchtende Momente" verheißt die Überschrift. Was für eine Dünkelhaftigkeit dieser Beitrag und dieses Projekt ausstrahlen! Schon die Begriffswahl: "Zehn junge Schriftstellerinnen und Schriftsteller treffen sich in Hildesheim und erzählen sich ihre Poetiken" - meine Fresse, habt ihr's nicht ein bisschen kleiner? Begriffe ändern ihre Bedeutung, aber ursprünglich hatte man sich darauf geeinigt, dass Poetik die Lehre von der Dichtkunst bezeichnete. Sicher, die Dichtkunst selbst konnte Poetik auch sein. In diesem Sinne wird das wohl gemeint sein, wenn sich junge Schreiber "ihre Poetiken erzählen". Könnte es nicht sein, dass die jungen Leute einfach übers Schreiben geredet haben? Ob das dann irgendwann zur Dichtkunst wird - das zu beurteilen, sollten sie gefälligst anderen überlassen. Nein, tun sie nicht, sie nennen es selbst "Poetik", oder, noch schlimmer "Poetiken".
Das Buch heißt "Treffen. Ein Werkstattbuch", und Dirk Knipphals findet das Erscheinen wichtig genug, um zwei Spalten im taz mag mit einer Besprechung  zu füllen, und noch zwei mit Fotos von jungen Menschen beim Klassentreffen. Offenbar waren die alle auf die Schreibschule in Hildesheim gegangen und dann zu einem Treffen zusammengekommen, und jetzt gibt's ein Buch darüber. Wenn ich mir diese Buchbesprechung anschaue und lese, was Knipphals zitiert, dann juckt es mich in den Fingern, und ich möchte den Besenstil packen und diesen offenbar früh vergreisten Jungmenschen und dem taz-Rezensenten die Laptops wegnehmen, die Rücken prügeln und zurufen: "Hinaus, hinaus in die Welt! Dort lernt ihr schreiben, nicht an der Schreibschule im idyllischen Hildesheim!" Aber vielleicht kann ich den Besen in die Ecke stellen und nur zitieren und dem Leser (und potentiellen Käufer) das Urteil überlassen.
Dirk Knipphals: "Der Band versammelt die Poetiken sowie Ausschnitte aus den stattgefunden habenden Diskussionen."
Jagoda Marinic: "Es schreibt sich in diesen schönsten, leuchtendsten  Momenten etwas von der Zerrüttetheit der Welt."
Florian Kessler: "Manchmal, vielleicht, für Momente bloß, könnte etwas wie eine Militanz der Bilder entstehen."
Ann Cotten: "Nein, nein: Ich schreibe natürlich einfach, und vor allem solche Poetiken wie diese bloß, weil man davon lebt."
Steffen Popp: "Gegen die ständige Bewusstheit und zur Aussteifung des episodischen Erinnerns muss man Strukturen in Anschlag bringen, Handlungen/Geschehen ausfalten, Narration betreiben."
Dirk Knipphals: "Darüber hinaus finden sich alle Themen, mit denen sich unweigerlich herumschlägt, wer mit dem Schreiben anfängt. Reflektiert wird, dass man auf einen Buchmarkt trifft, dass man sich zwischen dem Avantgarde-Pol und dem Narrations-Pol verorten muss, dass amerikanische Erzähler oft gute Vorbilder abgeben, dass es auch Leser gibt und manches mehr."
Vor allem die Reflektion darüber, "dass es auch Leser gibt und manches mehr" scheint mir Grund genug, Papier zu bedrucken und zwischen Buchdeckel zu binden. Ob ich das kaufen würde? Nein danke, mir ist schon schlecht. "... stattgefunden habende Diskussionen", "solche Poetiken", "Aussteifung des episodischen Erinnerns", "Narration betreiben" - uuuuääääh!  - "... sich zwischen dem Avantgarde-Pol und dem Narrations-Pol" - Achtung! - "verorten".
Da geh ich doch lieber mit Winnie-the-Pooh auf die Suche nach dem Nordpol.

Kommentar 1

Nun ist er umgefallen, der schiefe Turm von PISA. Nicht in Pisa. In Hildesheim.
Da fällt einem auch noch der PEN aus der Hand, dem Herr Professor Doktor Ortheil angehört. Er ist es wohl, dem wir dieses Poetikaeia Popaeia zu verdanken haben. Er wollte mit seinem Studienstuhlgang für Kreatives Schreiben und Journalismus dem Deutschen ein Dichterfundamentlein geben. Ganz im Sinne der Verortung des Guten, des Wahren und des Schönen. In Hildesheim, dem neuen Weimar.
Meine Güte, ist das schwül. Zum Umfallen.
Wie soll man denn da kreativ schreiben können?
Jean Stubenzweig


Kommentar 2

Am 22.06.2008 um 15:06 schrieb Hans Pfitzinger an Jean Stubenzweig:

Mei, ich hab's gut - 32 Grad, trockene Hitze out of Africa (Luftfeuchtigkeit 35 %!), und wenn ich mir die nach Ingwer, Knoblauch und Milchkaffee schmeckenden Zahnreihen gebürstelt habe, schwing ich mich aufs Radl, verorte mich weiter nordwestlich und trinke zwei Halbe unterm Espenlaub am Tivoli-Pavillon, wo wahrscheinlich der olle Dieter Beck mit seinen Spezln unterm Baum sitzt und prädylaneske Folkmusik spielt.
Gehabe er sich wohlstens!
hap
P. S. "Poetiken" schreiben diese Aufschneider!

--------------------------------------------webseitensonderveröffentlichung----------------------------------------------- 




Wanted - Verlag gesucht für:

Delfina Paradiese - der aufrechte Gang
Sex, Musik und Licht im Dunkeln
Eine Liebesnovelle aus München

von Hans Pfitzinger

ca. 120 Seiten (c) 2008

Erste Stimmen:

"Heh, das ist Klasse! Hat mich an James Joyce erinnert, dieselbe Power, ich konnt nicht mit lesen aufhören."  Klaus Lemke, Filmregisseur
 
"Ich finde der Text liest sich sehr amüsant und vielversprechend. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir nach Erscheinen ein Exemplar des Buches zusenden würden." Arno Makowsky, Chefredakteur der Abendzeitung

"Ich hab's in einem Zug durchgelesen, war bis morgens um vier wach. So genau wie die Frau beschrieben ist, hab ich das Gefühl bekommen, dass ich sie kenne und denselben Typ schon ein paar Mal im Leben getroffen habe - blond, schwarz, rothaarig, mit ganz unterschiedlichen Berufen." 
Peter Patzak, Regisseur ("Kottan ermittelt")

Hier eine Leseprobe

---------------------------------------------- Ende der Werbeunterbrechung---------------------------------------------





Vier Seiten EM

Na, nun schaltet mal einen Gang zurück, liebe Sportredakteure, sonst muss ich wohl noch mehr Weltbewegendes über das brandneue 4-2-3-1-System des Herrn Löw lesen. Lasst es gut sein, bitte nicht mehr jeden Tag vier Seiten von der EM. Schreibt doch mal wieder was über andere Sportarten, die gibt's doch auch noch. Und: Die Wahrheit ist aufm Platz, der Favorit gestürzt, und alle Prognosen sind eh dummes Zeug beim Fußball.

Freiheit für Franken!

Nach meiner Sicht der Dinge steht da auf der Reiseseite unter "Radfernwege" eine politisch völlig korrekte Unterscheidung:  "Bei den beliebtesten Radreiseregionen steht Bayern auf Platz 1 vor Mecklenburg und Franken." Diese Trennung zwischen Bayern und Franken wieder herbeizuführen, die Aufhebung der undemokratischen und totalitär erzwungenen Annektion, die endgültige Teilung Bayerns also, das sei unser Auftrag.

Medinat Weimar

Medinat ist Hebräisch und heißt Republik. Ronen Eidelman, Künstler aus Tel Aviv, will in Thüringen einen jüdischen Staat gründen, Charlotte Misselwitz berichtet darüber. Da könnten dann sechs Millionen Juden unterkommen. Die Idee ist bestechend, und bevor ich mich des Langen und Breiten darüber auslasse, möchte ich Sie um Eigeninitiative bitten: Geben Sie in eine Suchmaschine die Begriffe "Misselwitz Schalom Thüringen" oder "Medinat Weimar" ein - Sie werden verblüfft sein! Die Blogger finden die Idee anscheinend klasse.

Über Hillary Clinton mag ich nichts mehr lesen

Schreiben auch nicht.

Der Leser

Ein ganz wunderbarer Leserbrief steht da auf Seite 10. Wolfgang Neef aus Berlin war anscheinend genauso genervt von diesem Blödsinn, den Nils aus dem Moore neulich auf der Kommentarseite verzapft hat. (siehe unter dem Eintrag vom 19. Juni: "Das Grauen".) Neef: "Dieses Wirtschaftssystem, das die gesamte Komplexität physikalischer, biologischer, sozialer, kultureller Faktoren auf das Steuerinstrument Geld und Markt reduziert, existiert erst seit rund 200 Jahren und hat uns in dieser vergleichsweise kurzen Zeit in den absehbaren globalen Kollaps gebracht, wie uns alle Daten über Klima-, Müll-, Wasser- und chemische Verseuchungsprobleme zeigen.
Da waren die Bauern im Feudalismus und ihre Lehnsherren klüger: Die fraßen nicht ihre Saatkartoffeln auf, wenn die Ernte schlecht war, ließ man die Produzenten nicht verrecken, weil man wusste: Man braucht sie noch."

Glaubensfragen

Jetzt meldet sich auch der ältere Staatsmann Christian Semler zur Abstimmung über den EU-Vertrag zu Wort. Er nennt vier Gründe, die "für eine europäische Union mit einem funktionsfähigen Entscheidungsmechanismus sprechen." Ich frage mich, ob er den dann angefügten Grund tatsächlich glaubt: "Erstens eröffnet die Europäische Union die Chance, in der globalen Auseinandersetzung zwischen der industrialisierten und der armen Welt ihre Verhandlungsmacht für verbesserte Chancen der armen Staaten einzusetzen."
Lieber Herr Semler, haben Sie sich mal informiert, welche Auswirkungen die Politik der EU auf die Lebensmittelversorgung der "armen Welt", wie Sie das nennen, hat? Wenn Sie sich nur mal e i n Beispiel ansehen, den Zusammenhang zwischen Überfischung der Meere und Flucht der Menschen aus den Staaten an der afrikanischen Westküste, müssen Sie Ihre Hoffnung wohl als das bezeichnen, was sie ist: Wunschdenken, das wenig mit der Realität zu tun hat. Vielleicht sollten Sie statt Jürgen Habermas mal wieder eine Tageszeitung lesen, zur Not tuz die taz.

Stasi 2.0

Rasterfahndung, Lauschangriff, heimliche Online-Durchsuchungen - Dr. Seltsam schlägt wieder zu. Wolfgang Schäuble kriegt den Datenhals nicht voll. Warum? "Wegen der hohen Terrorgefahr." Veit Medick berichtet von der Bundestagsdebatte und zitiert sogar eine Abgeordnete von der Linkspartei, Ulla Jelpke, die meinte, das Bundeskriminalamt werde damit zur "nationalen Superpolizeibehörde. Eine geheim ermittelnde Staatspolizei ist das Letzte, was wir brauchen." Schäuble gibt ihr indirekt recht, wenn er sein Gesetz verteidigt: "Das alles ist nicht neu."
Und was sagt die SPD dazu? Dieter Wiefelspütz, ein "innenpolitischer Experte" verkündet, seine Partei sei "grundsätzlich einverstanden" mit Schäubles Gesetz: "Die Sicherheitsarchitektur wird mit Augenmaß weiterentwickelt. Wir reden hier über ein völlig normales Polizeigesetz."
Alle Alarmklingeln sollten eigentlich losrattern, wenn ein SPD-Politiker etwas für "völlig normal" hält. "Sicherheitsarchitektur" - ich halt's im Kopf nicht aus. Ex-Innenminister Gerhard Baum von der FDP auch nicht: Er hat Verfassungsklage angekündigt.

Die einflussreichen Bertelsmann-Agenten

Deutschlands unheimlicher, demokratisch nicht kontrollierter Herrscher, die Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh, hat wesentlich zur neoliberalen Innenpolitik von Gerhard-Joseph Schröderfischer beigetragen und tut jetzt ihr Bestes, damit kommunale Dienste an profitorientierte Privatfirmen verscherbelt werden. Wenn's geht an ihre eigene. Auch bei der Einführung von Hochschulgebühren hat sie die Fäden im Hintergrund gezogen. Wolf Schmidt berichtet vom Abgang des "heimlichen Bildungsministers" Detlef Müller-Böling als Leiter des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE), einer Bertelsmann-Denkfabrik, die 1994 zusammen mit der Hochschulrektorenkonferenz gegründet wurde: "Unter Müller-Böling wurde sie zu einer der wichtigsten Schaltzentralen - ohne ein politisches Mandat zu haben."
Jetzt zieht er Bilanz, der Bertelsmann-Mann, und die kann sich sehen lassen: Studiengebühren in sieben Bundesländern (alle mit CDU-Regierung), und die Unis erfolgreich auf "Wirtschaftlichkeit und Wettbewerb" getrimmt, weg von der Bildung, hin zur Ausbildung. "Etliche heilige Kühe wurden geschlachtet", meint Herr Müller-Böling. Und Bertelsmann reitet weiter. Einer der beiden Nachfolger wird Jörg Dräger, ehemaliger Wissenschaftssenator in Hamburg: "Der hatte von 2001 an die Hamburger Hochschulen wie keiner vor ihm umgekrempelt, Studiengebühren eingeführt und sich dabei alles andere als beliebt gemacht", schreibt Wolf Schmidt.
Nun, Dräger hat den Auftrag ausgeführt, jetzt darf er zur Belohnung aus der Politik in die Wirtschaft wechseln und etwas Geld verdienen gehen. Pikanterweise genau dort, wo der Auftrag herkam.

Morgen ist vermutlich tazblog-Pause. Aber vielleicht fällt mir doch was ein, dann erfahren Sie es hier. Wenn nicht:
Alles Gute bis Dienstag!

24. Juni 2008

Goetz-Blog

Da bekommt einer nen Zweispalter in der taz-Kultur, noch dazu von Detlef Kuhlbrodt, weil er mit nem Blog aufhört. Feine Idee von Rainald Goetz, ein Fest zu feiern, wenn man sich aus dem Internet verabschiedet.
Ich denk mal drüber nach und sag rechtzeitig Bescheid - Mitte Juli wird's wohl so weit sein. Vielleicht schreibt ja der Goetz dann was über den Abschied von "Achtung: tazblog!"

Küppersbusch & Schweini

Frage an Friedrich Küppersbusch im allmontäglichen Interview:
Warum hat der verhältnismäßig hässliche Nationalspieler Bastian Schweinsteiger eine so verhältnismäßig hübsche Freundin?
Küppersbusch: Podolski? Na ja.
Ernsthaft, Schweinsteigers Aussehen kann es nicht sein, weshalb die 19-jährige Schülerin ihre Jugend vergeudet.
Küppersbusch: "Erfolg ist das Parfum des Mannes" (Oscar Wilde). Oder "Reinmachen." (Schweini)

Ernsthaft?

Dschihad und Immermehrismus

Sie wissen nicht, was Immermehrismus ist? So nennt man eine beliebte Spielart von Journalismus: Ein Thema wird für wichtig erklärt, weil immer mehr Leute angeblich dies oder das tun. Achten Sie mal drauf, es steht jeden Tag in der Zeitung. Auch Vielleser - und -schreiber Robert Misik begründet damit, weshalb er seinen Kommentar zum Thema "Terror" schreibt: "Es gibt einen neuen Trend: Dschihadisten gegen den Terror. Immer mehr militante Islamisten wenden sich gegen Massenmorde und Massaker." Wow - das muss ihm erst mal einer nachmachen, in zwei Zeilen so viele Reizwörter unterzubringen und damit Wichtigkeit zu signalisieren! Und das alles, weil Misik einen Artikel in einer US-Zeitschrift gelesen hat, von einem Journalisten, der "sich seit Jahren einen Namen als Rechercheur in terroraffinen Zirkeln gemacht" hat.
Bevor wir diese Zirkel verlassen, noch ein Tipp für Herrn Misik: Vielleicht sollten Sie mal wieder ein gutes Buch lesen, zum Beispiel "Warum tötest du, Zaid?" von Jürgen Todenhöfer. Der sagte dazu in einem Interview mit dem buchjournal: "George W. Bush hat in diesem völkerrechtswidrigen Krieg den Tod von mehr als einer Million Menschen zu verantworten. Und trotzdem hat er es geschafft, den Eindruck zu erwecken, die Gewalttätigkeit der muslimischen Welt sei das Problem unserer Zeit. Das ist eine bemerkenswerte Verdrehung der Wahrheit. Das Hauptproblem unserer Zeit ist die Gewalttätigkeit einiger westlicher Länder. Das möchte ich aufklären."
Ich bin ganz seiner Meinung, falls das jemanden interessiert. Und wer über "Terror" und  Al-Quaida spricht und nicht von den Angriffskriegen der westlichen Welt und den Waffenexporten und Kriegstreibereien unserer eigenen Regierung, betreibt das Geschäft von George W. Bush - zur Aufkärung trägt das nichts bei.

Abgeschottet

Kein Schwein hier regt sich über die neuen Abschieberichtlinien der EU auf. Das ganze Trara galt den Iren und der Ablehnung des EU-Vertrags, den man offenbar für solche menschenrechtswidrigen Regelungen gar nicht braucht. Schön, dass wenigstens einige Regierungen in Südamerika die Europäer an ihre eigenen Grundsätze erinnern. Gerhard Dilger berichtet aus Porto Allegre, wo sich die Staatschefs der Andengemeinschaft getroffen haben. Rafael Correa, Präsident von Ecuador, nannte die EU-Bestimmungen "kriminell und  schändlich. Wir werden hart antworten, es reicht, dass sie uns treten und demütigen." Fernando Lugo aus Paraguay erklärte, worum es ihm geht: "Wir träumen von der Freizügigkeit der Menschen." Und Hugo Chávez macht gleich praktische Vorschläge. Er will den Staaten, die das Abkommen umsetzen, kein Öl mehr liefern und den Spieß umdrehen: "Stellen Sie sich einmal vor, wir erlassen eine Abschieberichtlinie für europäische Investitionen."

Speisekartenpoesie

Ratlos hinterlässt mich ein als "Anzeige" gekennzeichneter Kasten, der dick überschrieben ist mit "Stadt von Acqui Terme (Provinz von Alessandria) Italien. Darunter steht "Ausschreibung". Die Anzeige hat den folgenden Wortlaut: "Die kommunale Verwaltung mit Beratung Nr. 108 vom 05.06.2008 beschlossen hat, die 'Ex-Gerichtsgebäude' mit Sitz in Acqui Terme, Poritici Saracco - 12, für 30 Jahren wie Mietvertrag zu gewähren. Interessierte Parteien können ihre Gebote innerhalb weniger Stunden von 14 Tagen, 29. Juli 2008 nach vorheriger Bezug der Unterlagen über dem Wettstreit beim Verwaltungsamt, Via Salvadori 64 - Acqui Terme oder von der Website - Rathaus von Acqui Terme: www.communeacqui.com.
DIE MANAGER, Dr. Armando Ivaldi Acqui Terme, 16.06.2008"
Na ja, ich glaube zu verstehen, was da angeboten wird. Mich erinnert das an die früher so beliebten fehlerhaften Zitate von Speisekarten in der Satirezeitschrift Titanic. Aber ich frag mich doch, ob die taz-Menschen von der Anzeigenabteilung den Auftraggeber nicht auf sein fehlerhaftes Deutsch hätten hinweisen müssen. Oder fanden die das lustig? Hm.

Leser & Widerstand

Was mir in der taz vom 19. 6. auffiel, darüber beschwert sich auch ein Leser über die "Tipps vom Akademiker aus Bremen". (Sie erinnern sich bestimmt an den Eintrag hier im tazblog, oder? Falls nicht, hier isser noch mal: "Ein Politikwissenschaftler, Lothar Probst, gibt der SPD in staatsmännischer Betriebsblindheit gute Ratschläge, "Wie der Sinkflug zu stoppen ist": Mit einer rot-gelb-grünen Koalitionsaussage vor den Bundestagswahlen im nächsten Jahr. Da lachen doch die Hühner: Weshalb sollte man eine von diesen Parteien wählen, wenn sie in ihren Programm eh nicht mehr zu unterscheiden sind?") Theo Krönert fragt nun, wieso das "in meiner taz!" stehen kann. Und er weiß auch noch, wann der neoliberale Niedergang der Sozialdemokraten anfing: Am 9. September 1982. Da legte Otto Graf Lambsdorff von der FDP sein "Konzept für eine Politik zur Überwindung der Wachstumsschwäche und zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit" vor. Das hieß später dann "Lambsdorff-Papier", und man kann es getrost als Neubeginn des Klassenkampfes von oben betrachten. Leser Krönert: "Dieser Denkschrift folgt die Führungsriege der SPD immer noch, wenn sie mit Gelben oder Schwarzen koaliert. Bundeskanzler Schmidt nannte sie ein 'Dokument der Trennung', das als Wegweiser zu anderen Mehrheiten diene: 'Sie (die FDP) will in der Tat eine Wende, und zwar eine Abwendung vom demokratischen Sozialstaat im Sinne des Artikels 20 unseres Grundgesetzes und eine Hinwendung zur Ellbogengesellschaft.' Seitdem werden bei uns die kleinen Leute verarscht. Und jetzt darf der Akademiker aus Bremen in meiner taz Tipps geben, wie die SPD im Sinkflug diesen Kurs weiter verfolgen könnte, obwohl ihr propagiertes Streben nach sozialer Gerechtigkeit unglaubwürdig geworden ist."
26 Jahre nach Lambsdorff sieht es so aus, als hätte Helmut Schmidt schon vorhergesehen, was auf uns zukommt. Mir war das damals nicht so klar - ich hab eine solche Dreistigkeit einfach nicht für möglich gehalten. Und konnte mir in meinen kühnsten Alpträumen nicht vorstellen, dass Helmut Kohl 16 lange Jahre feste an der Umsetzung des Lambsdorff-Konzepts arbeiten und ausgerechnet ein sozialdemokratischer Kanzler den letzten Nagel in den Sarg des Sozialstaats hämmern würde. Zur Erinnerung hier der Wortlaut von Artikel 20 des Grundgesetzes:

1) Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.
(2) Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.
(3) Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige Ordnung, die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden.
(4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist. 

Wer sein Recht auf Widerstand nicht wahrnimmt, hilft denen, die den demokratischen und sozialen Bundesstaat abgeschafft haben. Dass über eine so genannte Ampelkoalition überhaupt diskutiert wird zeigt doch schon, dass mit "Wahlen und Abstimmungen" eine Abhilfe nicht möglich ist. Die Leute, die den demokratischen Sozialstaat abgeschafft und "diese Ordnung" des Grundgesetzes beseitigt haben, sitzen im Parlament, in der gegenwärtigen Regierung, in der Bertelsmann-Stiftung, bei Gazprom und in der "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft". Ganz klar: ein Fall für den Verfassungsschutz. Und, weil es sich um eine kriminelle Vereinigung handelt, ein Fall fürs Bundeskriminalamt.

Wieder einer

Endlich Geld verdienen will auch Joachim Wuermeling. Der ehemalige Staatssekretär aus dem Wirtschaftsministerium wird "Bevollmächtigter für europäische und internationale Angelegenheiten" beim Gesamtverband der Versicherungswirtschaft.

Niemals aufgeben

Zur Erinnerung: Nachdem der Deutsche Presserat so einfalls- wie trickreich meine Beschwerde gegen die taz abgelehnt hat (siehe auch hier), blieb die Frage offen, weshalb Paul Kagame, der Präsident von Ruanda, ausgerechnet vom deutschen Verteidigungsminister empfangen wurde. Ging's um Waffenlieferungen in Krisengebiete? Oder werden wir bald die deutsche Freiheit nicht nur "am Hindukusch verteidigen", wie es Peter Struck, der Vorgänger von Franz Josef Jung so schön ausgedrückt hat? Dies ist die Pressemeldung, die das Bundesministerium für Verteidiung zu diesem Thema herausgegeben hat - die einzige:

"Kontakte vertiefen

Berlin, 23.04.2008.
Der Bundesminister der Verteidigung, Dr. Franz Josef Jung, traf sich am 23. April mit dem Staatspräsidenten von Ruanda, Paul Kagame, zu einem Gespräch. Die guten bilateralen Beziehungen sollen weiter vertieft werden, dazu dient in erster Linie der Arbeitsbesuch des Präsidenten.

Deutschland zählt zu den wenigen westlichen Ländern, die in Ruanda stark engagiert sind und dem Land in einem schwierigen Transformations- und Versöhnungsprozess zur Seite stehen. Jung betonte in dem Gespräch die Rolle Deutschlands bei der Übernahme der Verantwortung in Afrika.

Dies geschieht zum einen im Rahmen der Vereinten Nationen und der Afrikanischen Union, zum anderen auch durch bilaterale Beziehungen. Die Voraussetzungen für die Wiederaufnahme bilateraler militärpolitischer und militärischer Beziehungen mit Ruanda wurden ebenfalls angesprochen."

"Wiederaufnahme?" Heißt das, die Bundesregierung hatte da schon früher ihre Finger drin? Militärpolitisch und militärisch? Und was bitte ist unter "militärische Beziehungen mit Ruanda" zu verstehen?


25. Juni 2008

EM

Brav - kaum schlag ich vor, die Sportseiten zu reduzieren, weil ja jetzt nicht mehr jeden Tag Fußball passiert, schon kommt die Dienstag-taz mit "nur" drei Seiten. "Nach dem Spiel ist vor dem Waldi" gehört zu den guten Schlagzeilen, eine ganze Seite über den dicken Weißbierplauderer scheint mir dann doch zu viel der Ehre. Ich kann ihn nicht ausstehen, ich mag seine Art nicht. Aber ich halt ihn auch nicht für so wichtig, dass ich mich lang über ihn aufrege.

Meine geheime Meinung

Sich nicht über Dinge ärgern, die man nicht ändern kann: Das klingt weise. Also ärgere ich mich nicht übers Wetter und über "Das geheime Tagebuch der Carla Bruni" auf der dienstäglichen Wahrheitseite und schreibe ganz emotionslos: Mein Gott, was für ein Scheiß da dauernd abgedruckt wird. Es ist nicht zu fassen. Wenigstens haben sie diesmal kein Foto von ihrem grauenerregenden Ehemann abgedruckt. Danke.

tazz-Jazz

Bisher habe ich den Mann für Jazz bei der tazz noch gar nicht gebührend gewürdigt: Christian Broecking heißt er, und ein dickes Lob ist an der Zeit. Er hat Ahnung, viel Geschichtswissen, die richtige Einstellung und eine klare Schreibe. Ich fühle mich gut informiert, egal, zu welchen Themen er schreibt, er kennt sich aus. Ein sehr guter Mann für Jazz bei der tazz.

Das Sonar

Tobias Rapp hat's gut: Fährt (na, ich nehme an, er fliegt) anscheinend jedes Jahr nach Barcelona zum Sonar-Festival. Dort treffen sich seit 15 Jahren die Avantgarde-Musiker von der elektronischen Musikabteilung, und das bringt einen Haufen gute Leute auf die Beine. Eine schöne Reportage kam dabei raus, und wie Daedalus alias Alfred Darlington das Problem löst, dass man auf der Bühne eigentlich nicht zeigen kann, wie die Musik entsteht, beschreibt Tobias Rapp am Schluss: "Daedalus ... hatte das Touchpad leicht in Richtung Publikum gekippt, sauste mit seinen Fingern über die weiße Fläche, und auf einmal sah man, was man hörte: Finger oben links - Drumbreak. Zwei  Finger unten rechts - aller Sound weg, bis auf den Bass."

Design der Diktatoren

Große Klasse - Julia Büttner schreibt eine feine Buchbesprechung zu Steven Hellers Band "Iron Fists. Branding the 20th Century Totalitarian State", der beim Phaidon Verlag in Berlin als englische Originalausgabe herauskam. Richtet sich an die Besserverdienenden - 75 Euro. Aber es scheint sich da um ein aufregendes Buch zu handeln. Heller ging der Frage nach, wie das Design der Diktatur aussah, bei Mussolini, bei Hitler, bei Stalin und bei Mao. Das scheint auf den ersten Blick ein etwas frivoler Ansatz, aber bei näherem Hinsehen ein doch sehr aufschlussreicher. Mussolini war selbst "Art Director" der von ihm heraisgegebenen Zeitung, Il popolo d'Italia, bevor er auf Dikator umsattelte und das Design für seinen eigenen Staat entwarf. Ein tolles Foto illustriert den Beitrag fast halbseitig: Eine Straßenszene in den 20er-Jahren, ein Riesenplakat an einer  Hausfassade, von oben bis unten mit Schriftzeilen, die ausschließlich das Wort SI (Ja) enthalten, und in der Mitte eine Gesichtsmaske von Mussolini.
Julia Büttner berichtet, was sie bei Heller gelesen hat: "Hitler selbst wählte mit Unterstützung seines Chefdesigners Robert Ley und seines Hausfotografen Heinrich Hoffmann die Farben, Symbole, Posen, Designs seines Reichs - und ein uraltes mythisches Symbol als Logo: Die Swastika, die in nur zwölf Jahren für immer zum Symbol für Staatskriminalität und Hass wurde."
Das Design umfasste Uniformen, Symbole, Flaggen, Waffen, Gürtel, Abzeichen. Ähnlich gingen auch Stalin und Mao vor, und der Autor Steven Heller betont im Interview die Bedeutung von Markenzeichen, das "branding" (ursprünglich das Brandzeichen für Pferde und Rinder): "Branding ist Teil unseres Lebens. (...) Daran ist nichts falsch, so werden Dinge attraktiv. Das Logo auf Ihrem Mac, das Logo auf Ihrem Walkman: So unterscheiden wir einen Gegenstand von einem anderen. daran ist per se nichts Finsteres. Finster ist, wie diese Logos benutzt wurden."
Steven Heller war 33 Jahre Art Director der New York Times und hat zahlreiche Design-Bücher veröffentlicht. Er kam auf die Idee zu diesem Bildband, weil er gemerkt hatte, wie er, als linker Student, von den schwarzen Uniformen der italienischen Faschisten fasziniert war. Und er überlegte: "Also, wenn ich verführbar bin, was ist dann mit den Leuten, die eine Verbindung zu dieser Art Ideologie fühlen? Ich wollte ergründen, wie das vom visuellen Standpunkt her gelingt, denn ich bin ein visueller Mensch."
Über schwarze Uniformen habe ich mal mit William Kotzwinkle gesprochen, das muss etwa 1984 gewesen sein, als er an seinem Buch "The Exile" gearbeitet hat. (Auf deutsch hieß es "Filmriss", ich habe es 1987 für Eichborn übersetzt, später kam es bei rororo heraus. Es ist leider vergriffen, gibt's aber noch antiquarisch.) Kotzwinkle saß mir in einem Bundeswehrjackett gegenüber, Ausgehuniform. Hatte er von einem Trödler in Bangor, Bundesstaat Maine. Er erzählte mir von seiner Faszination für Uniformen, und dass er die schwarze SS-Uniform mit dem Totenkopf und den SS-Runen für das grandioseste Uniform-Design überhaupt halte. Das war für mich damals starker Tobak, es kam mir höchst frivol vor, über den künstlerischen Wert von SS-Uniformen zu reden. Man muss offenbar den Blick von außen haben, um eine andere Sichtweise auf die Vergangenheit überhaupt zuzulassen.
Wäre interessant, in diesem Zusammenhang mal wieder über den okkulten Hintergrund totalitärer Ideologien nachzudenken. Kotzwinkle zitiert in einem Absatz in "Filmriss" einen Satz von Hitler aus den Tischgesprächen: "Denken Sie nur an diese gottverdammten Aufmärsche, die sie veranstalteten - hunderttausend glänzende Helme, hunderttausend blitzende Bajonette. Wir in Amerika betrachten das als politisch, aber Hitler hat selbst gesagt: 'Sie machen einen Fehler, wenn Sie das, was wir tun, nur als Politik ansehen.' Es war Magie, und es hat funktioniert. (...) Die haben einem ganzen Land die Seele aus dem Leib gezogen. Deutschland war die Nation von Goethe und Bach. Was ist da geschehen. Ich bin nur ein zweitklassiger Historiker, aber meine Ansicht ist: Die sind ausgetrickst worden."

Swami Meschuggananda

Da steht auf der Medienseite ein Zweispalter über das Satiremagazin Titanic - die werben mit einem kleinen Filmchen auf ihrer Webseite für regelmäßige Aids-Tests. Und was erfahre ich? Die haben einen Swami Durchananda in ihren Videoclips, der "persifliert normalerweise das Guru- und Predigergewerbe." Issjatoll. Jetzt sag bloß noch einer, ich hätte den Swami Meschuggananda, der in meiner Romanbiografie "Alles Wugg!" vorkommt von Titanic abgekupfert! Dazu eine feierliche Erklärung: Der Swami-Name in "Alles Wugg!" wurde von meinem Freund Lenny Freedman 1974 in San Francisco  erfunden, und vom Titanic-Swami habe ich gestern zum ersten Mal in der taz gelesen. Ich schwöre es.

Spekulanten

Das Wort Spekulanten wird meist in einem seeehr verächtlichen Tonfall ausgesprochen, dabei tun die doch nichts anderes, als das, was unser Wirtschaftssystem am Laufen hält: Man kauft was ein und verkauft es teurer weiter, und so macht man Gewinn. Nicola Liebert versucht in ihrem Kommentar zu erklären, ob "die Spekulanten" tatsächlich an den steigenden Preisen für fast alles schuld sind. Am Ende schwirrt einem der Kopf von all den widersprüchlichen Theorien die Liebert ausbreitet. Ich schreibe das Wort Wirtschafts-"wissenschaftler" inzwischen nur noch mit Anführungszeichen und spreche es genauso verächtlich aus wie andere Leute "Spekulanten". Lieberst Kommentar läuft auf die alte fränkische Volksweisheit hinaus: "Nix Gwies was ma ned" - Gewissheit gibt es keine. Am Schluss zitiert Liebert den US-Ökonomen Paul Krugman. Der "hegt einen bösen Verdacht, warum gerade nicht zuletzt auch Politiker jetzt so gern die Schuld an den Preissteigerungen bei Spekulanten suchen: Nur so könnten sie vermeiden, den wahren Tatsachen ins Gesicht zu sehen und die entsprechenden Konsequenzen ziehen: dass die Ressourcen endlich sind und Sparen die einzig wahre Lösung des Problems ist."
Deshalb wäre es halt schön, wenn man zumindest ein paar erste Schritte machen würde, um die Öldollarmilliarden nicht weiter nach Saudi-Arabien zu schaufeln: Den Widerstand gegen eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf den Autobahnen aufgeben, Inandsflüge stoppen, den öffentlichen Nahverkehr zum Nulltarif anbieten, Neubau von Autobahnen verbieten, Schienennetz ausbauen, Bahnpreise senken.
Aber nein - Lana Stille berichtet ein paar Seiten vorher auf "inland" darüber, wie die CDU "Die Schöpfung bewahren will": "Kernkraft ist für die CDU Öko-Energie" - so was sagt der Generalsekretär und fordert längere Laufzeiten für die Atommeiler. Tempolimit? Nicht mit Angela Merkels Autolobbypartei.

Sprechblasen-Köhler

Horst Köhler hat ein neues Bonmot unter die Leute gebracht. Wie hieß es noch bei Gerhard Schröders Agenda? Fordern und fördern. Bei Köhler heißt es jetzt, die öffentlichen Haushalte müssten umgestellt werden "vom Betreuen auf Ertüchtigen". Fragt sich nur, wozu sie ertüchtigen sollen. Aber Köhler gibt schon mal die Richtung vor, indem er befindet, der deutsche Sozialstaat sei teuer. Nein, zu teuer hat er nicht gesagt, aber "es muss darum gehen, das Geld fruchtbringend einzusetzen."
Fruchtbringend.

Atombomben? Ja, bitte!

Das meint der Bürgermeister von Büchel: "Die Bundeswehr ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Region. Wir fürchten, dass bei einem Abzug der Atomwaffen dieser Standort in Frage gestellt wird." Den Hintergrund dröselt Ulrike Winkelmann auf. Die SPD war mal für den Abzug des Dreckszeugs, die CDU ist dagegen, also passiert - wie in solchen Fällen bei Großen Koalitionen üblich - gar nichts. Alle Oppositionsparteien sind auch für den Abzug, das bedeutet, sogar im Bundestag hätten die Befürworter eine satte Mehrheit. Nur der Verteidigungsminister will sein Atombombenspielzeug nicht hergeben, "die Lagerung in Büchel sei 'Ausdruck der nuklearen Teilhabe' der Bundesrepublik", zitiert ihn Winkelmann. Die Bundeswehr hat Tornado-Kampfflieger, und mit denen kann man das Zeug schön verteilen. Nur: Wo? Na überall, wo die deutsche Freiheit verteidigt wird, da wird dem Jung schon was einfallen.
Winkelmann sieht keine schnelle Änderung des bestehenden Zustands: "Die zuständige Nato-Arbeitsgruppe tagt im Juni 2009. Weil bis dahin entweder Barack Obama oder John McCain im Präsidentensattel sitzen dürfte und beide im Wahlkampf entsprechende Ankündigungen gemacht haben, könnte dann das Ende der Atomwaffen in Europa eingeläutet werden."
Der arme Franz Josef Jung! Dafür wird er bestimmt ein anderes Spielzeug kriegen.

EU-Grenzfälle: tvF*

Die Reportage von Ruth Reichstein aus Ceuta bringt einem die europäische Politik hautnah: Es ist unglaublich, was sich an den Außengrenzen der EU abspielt. Die Zäune, die Melilla und Ceuta, die beiden spanischen Enklaven in Marokko abschirmen, sind inzwischen sechs Meter hoch. Reichstein berichtet von einem Mann aus Sierra Leone, der eineinhalb Jahre zu Fuß unterwegs war, bis er nach Tanger kam und von dort nach Ceuta geschwommen ist. Seit fünf Monaten wartet er jetzt, dass man ihn nach Spanien einreisen lässt. Am aberwitzigsten klingt die Geschichte von den "menschlichen Motoren": Viele Afrikaner können nicht schwimmen, also lassen sie sich mit einem Seil an einen Marokkaner binden und über die Grenze bringen. Paula Domingo Domingo, eine Nonne von einer christlichen Nichtregierungsorganisation, erzählt es so: "Aber das Schleusen von Flüchtlingen ist ja bekanntlich illegal. Sobald also ein Schiff der spanischen Küstenwache auftaucht, bindet der Marokkaner seinen Passagier los und macht sich schleunigst aus dem Staub." Die Nonne hat auch das letzte Wort: "Europa kann die Grenzen noch so dicht machen, die Zäune noch so hoch bauen, die Flüchtlinge werden immer Wege finden, die Barrieren zu umgehen. Es wird nur immer gefährlicher für sie."

* taz vom Feinsten!

28. Juni 2008

Über die taz vom Freitag, 27. Juni 2008

taz heißt die Journaille

Diese Titelseite ist an politischer Dummheit schwer zu überbieten. "Der andere Obama" steht da neben dem fast ganzseitigen Foto eines grimmig blickenden Präsidentschaftskandidaten, der aus einem  Flugzeug steigt und deutlich sichtbar die Zeitung Wall Street Journal in der Hand hält. Daneben  steht: "Je näher die US-Präsidentschaftswahl rückt, desto deutlicher wird, dass Barack Obama kein linker Messias ist. Seine Forderung nach der Todesstrafe für Kinderschänder ist dafür nur das jüngste Beispiel SEITE 11".
Nun könnte man fragen: Wer zum Teufel hat denn geglaubt, Barack Obama wäre der Messias, noch dazu der linke? Jemand bei der taz vielleicht? Und der oder die ist jetzt enttäuscht, dass er dem Bild nicht entspricht, das sie oder er sich von ihm gemacht hat? Und ganz abgesehen davon: "Ein" linker Messias bedeutet doch, dass es gleich mehrere davon gibt, und Obama ist nur einer davon, der keiner ist, zumindest kein linker.
Bis hierher läuft noch alles nach dem Prinzip Bild-Zeitung, oder nach dem Prinzip "Presse im allgemeinen": Man bastelt sich einen Helden, mit dem man die Auflage steigern kann, und dann zerstört man ihn, weil das auch die Auflage steigert. Damit könnte man zur Tagesordnung übergehen mit der Feststellung: Die taz ist halt auch eine Zeitung und hält sich an die geltenden Regeln.
Man kann aber auch die angekündigte Seite 11 aufschlagen, und erst recht in Wut geraten über das, was da im Vorspann zu Bernd Pickerts Artikel steht. Aber erst mal zum Titel: "Politisch käuflich?". Das Fragezeichen weißt darauf hin: Ganz genau wissen wir's auch nicht, aber es könnte schon sein, und zum Verunglimpfen reicht's schon. Was der Titel darüber hinaus aussagen soll, wird auch nach der Lektüre nicht klarer. So richtig niederträchtig ist dann aber der Vorspann: "Der demokratische US-Präsidentschaftskandidat geht lieber ausgetrampelte Pfade als unsichere neue. Dabei stellt der Senator sich als intellektuell und massentauglich zugleich dar. Denn er will gewinnen".
Nun, der erste Satz soll offensichtlich keine objektive Berichterstattung ankündigen, sondern eine Meinungsäußerung. Also schauen wir uns mal Bernd Pickerts Meinung an. Interessanterweise steht das Stück nicht im politischen Teil der taz, sondern auf der ersten tazzwei-Seite. Let me entertain you!
Es geht zunächst um eine Entscheidung des Obersten US-Gerichtshofes, der mit 5:4 Stimmen sein Urteil verkündet hat: Die Todesstrafe für Vergewaltiger von Kindern verstößt gegen die Verfassung. Da in den USA bekanntlich Wahlkampf ist, haben beide Kandidaten zu dem Urteil Stellung genommen. Was John McCain dazu gesagt hat, steht nicht in der taz, dagegen wird Obama zitiert. Er sagt im Prinzip nichts anderes, als das, was er in seinem Buch "The Audacity of Hope" geschrieben hat (audacity heißt Kühnheit, Verwegenheit, Waghalsigkeit, hope heißt Hoffnung, wenn mich nicht alles täuscht, ist es auf deutsch unter dem Titel "Wagnis Hoffnung" erschienen). Da steht: "Auch wenn die Beweislage dafür spricht, dass die Todesstrafe kaum eine abschreckende Wirkung hat, glaube ich, dass es einige Verbrechen gibt - Massenmord, Vergewaltigung und Ermordung von Kindern - die so abscheulich sind, so jenseits des Akzeptablen, dass die Gemeinschaft das Recht hat, ihre ganze Abscheu durch die höchstmögliche Bestrafung zum Ausdruck zu bringen."
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich glaube nicht, dass der Staat das Recht hat, irgendjemanden umzubringen und bin damit anderer Meinung als Barack Obama. Was nun Bernd Pickert als seine Interpretation dieses Buchzitats unter die taz-Leser bringt, verrät eine Niedertracht sondergleichen: "Der Anfang sagt: Ich bin Harvard-Absolvent, könnte als Anwalt unheimlich viel Geld verdienen, weiß, dass die Todesstrafe eigentlich nichts bringt und kenne alle Argumente. Der zweite Teil sagt: Hört auf das Volk und also: Rübe ab!"
Das ist infam. Denn damit unterstellt er Obama, dass er nicht seine Meinung ausspricht und begründet, wozu er jedes Recht hat, sondern dass er das gar nicht glaubt und es lediglich sagt, um sich beim "Volk" beliebt zu machen. Weswegen Bernd Pickert zwei Spalten weiter den Artikel lapidar zu Ende bringt: "Er will halt Präsident werden."
Pickert hat jedes Recht, seine Vorurteile öffentlich darzulegen, aber schauen wir doch mal, wo er sich die Argumente für seine Abneigung gegen Obama zusammensucht: In der New York Times, die er gleich zwei Mal zum Kronzeugen anruft und deren Meinung er sich zu eigen macht.
Ausgerechnet die New York Times! Da sollten eigentlich alle Alarmsirenen losheulen. Hat Pickert schon vergessen, wie peinlich sich die Ostküstenpresse unter Führung der Times und der Washington Post vor Beginn des Irak-Kriegs hinter die Bush-Regierung gestellt und die Lügen von Colin Powell dem Volk als Wahrhheit verkauft hat? Später haben sich beide Zeitungen für ihre Berichterstattung entschuldigt, falls Sie sich noch erinnern. Aber da lief der Krieg und die Vernichtung schon wie am Schnürchen, der publizistische Auftrag des Pentagons war erledigt, man konnte wieder so tun, als sei man liberal und gebildet und etwas links.
Wenn Bernd Pickert so naiv ist, die Kampagne der New York Times gegen Obama nicht zu durchschauen und sie auch noch in der taz zu unterstützen, dann will ich ihm sagen, weshalb die das tun: Barack Obama ist der Kandidat, der als einziger von allen Kandidaten - Demokraten und Republikaner - versuchen wird, die Vorherrschaft des Militärs in der Außenpolitik und den Rüstungswahnsinn der USA zu durchbrechen. Wenn einer es will und es schaffen kann, dann Obama. Der Mann ist das Gefährlichste, was dem militärisch-industriellen Komplex passieren könnte, und deshalb muss er mit allen Mitteln niedergemacht werden.
Hätte Pickert auch nur einen Funken von Sympathie für Obama, hätte er vielleicht noch jenseits der Establishment-Presse recherchiert. Dann wäre er auf die Webseite der National Coalition to abolish Death Penalty (Nationale Koalition zur Abschaffung der Todesstrafe) gestoßen. Völlig klar, dass dieses Komitee in scharfer Gegnerschaft zu Obamas Meinung steht. Aber fairerweise kann man dort auch lesen, dass Obama in seiner Zeit als Anwalt und Senator von Illinois eine ganze Anzahl von unschuldig Verurteilten aus der Todeszelle geholt hat. Darüber hinaus hat er immer betont, dass es ihm darauf ankommt, mit allen nur möglichen Mitteln zu verhindern, dass Unschuldige hingerichtet werden. Oder, wie die National Coalition es ausdrückt: Er ist für die Todesstrafe, aber er ist auch dafür, dass nicht der Falsche hingerichtet wird. Mit diesem Ziel hat er in den Senat von Illinois ein Gesetz eingebracht, nach dem alle Verhöre auf Tonband aufgenommen werden und alle Ermittlungsakten unbegrenzt aufbewahrt werden müssen. Das Gesetz wurde nach langen Debatten mit 58:0 Stimmen verabschiedet.
Nur um ganz bestimmt nicht missverstanden zu werden: Nach meiner Meinung ist der einzige Weg, um zu verhindern, dass Unschuldige zum Tode verurteilt werden, die Abschaffung der Todesstrafe. Obama ist in diesem Punkt ganz offensichtlich anderer Meinung. Deswegen halte ich ihn aber trotzdem für den besten Kandidaten, der in meiner Lebenszeit für die US-Präsidentschaft kandidiert hat, weit besser als John F. Kennedy.
John McCain wird der taz für die Unterstützung in seinem Wahlkampf bestimmt aufrichtig dankbar sein.

Alte taz

Zununterst liegt da noch die taz vom Mittwoch, 25. Juni, mit den Vorberichten zu Deutschland - Türkei. Detlef Kuhlbrodt interviewt den Tiger von Kreuzberg, der "eigentlich Cemal Atakan heißt, in echt aber anders." Der Tiger ist davon überzeugt, dass die türkische Mannschaft gewinnt. Kuhlbrodts letzte Frage: "Und wenn Deutschland doch gewinnnt?" "Dann Türken sind ein bisschen sauer, ein, zwei Monate und dann Dönerpreis steigt auf zehn Euro bestimmt."
Da kann man nur hoffen, dass er sich auch in diesem Punkt irrt, der Tiger.

Daily Dope: Fußball ist Big Business

Daily Dope - so heißt eine Rubrik auf der Seite Leibesübungen, die seit Beginn der EM ausfällt. Aber einer muss es ja machen ...
Die letzten Tage war mein Freund Doug aus Kalifornien zu Besuch, mit seiner Frau Sharon. Doug ist ein großer Radsportfan, hat alle Bergpässe der Tour de France selbst bezwungen und fegt drei Mal die Woche über die Küstenberge in der Nähe von Santa Cruz, Hecker Pass, Mount Madonna, was halt so in der Landschaft steht. Er wollte wissen, wie es in der Tour de Suisse steht, und ich hab  ihm erzählt, dass meine Zeitung nicht darüber berichtet, der ganze Platz auf den Sportseiten sei ausschließlich für Fußball reserviert. Und überhaupt - seit den Dopingaffären sei Radsport sowieso  nicht  mehr so beliebt in der Öffentlichkeit und den Medien.
"Was für eine Heuchelei!", empörte sich Doug. "Dabei wird doch im Fußball genauso gedopt."
Ich bezweifelte das. Doug ließ sich nicht davon abbringen. "Im Radsport tun sie jetzt wenigstens was dagegen, aber so lange es im Fußball kein Thema ist, dopen sie munter weiter. Dieser spanische Doktor, über den sie alle geschrieben haben, der hatte hunderte von 'Kunden', und nur ganz wenige waren Radprofis."
"Und die anderen?"
"Fußballer."
"Und warum schreibt da keiner drüber?"
"Fußball ist Big Business. Um einiges größer als Radsport."
"Aber heh, beim Fußball bringt Doping nichts."
"Was für ein Unsinn. Eigenblutdoping bringt in jeder Sportart was. Und die Sachen, die Leichtathleten helfen, sind auch  für Fußballer gut. Wach auf, Mann, der einzige Grund, weshalb keiner darüber schreibt ist der angeführte: Fußball ist Big Business."
Und das lass ich jetzt einfach mal so stehen.

taz vom Donnerstag, 26. Juni

Keinen Kopf fürs tazblog gestern - morgens noch mit dem Besuch beschäftigt, gegen Mittag hab ich sie zur S-Bahn gebracht und festgestellt, dass München zwar ganz gut versorgt ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln, dass aber kein Schwein das Tarifsystem und die Fahrkartenautomaten durchschaut. Und wenn jemand kein Deutsch kann isser ganz verloren. Am Nachmittag bin ich dann endlich wieder zum Zeitunglesen gekommen, und deshalb gibt's hier zumindest einen Schnelldurchgang.

XXY

Das ist ein Filmtitel, und nach der Kritik von Jan Kedves zu urteilen, scheint es sich um ein ganz besonderes Juwel zu handeln, eine argentinische Produktion, eine brillante Regisseurin (Lucia Puenzo) und eine offenbar hinreißende junge Hauptdarstellerin (Inés Efron). Es geht um einen Teenager, Alex, ein Mädchen, das von Natur aus geschlechtlich nicht eindeutig definiert ist. Alex "setzt eigenmächtig die Cortisol-Pillen ab, die ihre hormonelle Vermännlichung bislang in Schach halten." Damit löst sie Konflikte mit ihren Eltern aus, mit ihrem Arzt, und mit dem Jungen, der sich "tatsächlich heftig in sie als Person verliebt hat, nicht als Freak der Natur."
Ich hab schon ein paar andere Kritiken zu dem Film gelesen - alle waren anscheinend tief berührt von "XXY".

Beiträge mit hohem ÜQ*

"Übernächstes Jahr in Cannes" - ein Stückchen über die nigerianische Filmindustrie, und wie sie von Hollywood was lernen könnte; eine Randspalte zum diesjährigen Wettvorlesen in Klagenfurt - "Bachmannpreis verdichtet"; die Spießer-Kolumne von Anja Maier hält, zusammen mit dem "geheimen" Bruni-Tagebuch dienstags auf der Wahrheitseite, alle Rekorde auf dem Messgerät für den Überflüssigkeitsquotienten.

*Überflüssigkeitsquotient

Zipi - klingt doch niedlich

Ob das die israelische Version von Condoleezza Rice wird? Susanne Kaul kriegt eine ganze Seite, um über Zipora "Zipi" Livni, seit 2006 Außenministerin von Israel, zu berichten. Und was muss ich lesen? "Die charmante Juristin, die seit früher Jugend engagierte Tierschützerin ist und aus Überzeugung auf den Verzehr von Fleisch verzichtet, wie ihre Jugendfreundin Mira Gal berichtet, hat indes auch harte Seiten." Tja, zum Beispiel als Agentin des israelischen Geheimdienstes, dem auch Susanne Knauls Kronzeugin Mira Gal angehörte. Von der erfahren wir auch noch, das Livni am 8. Juli ihren 50. Geburtstag feiern wird: "Solide, wie ich sie kenne." Was das heißt, erläutert Knaul: "Also mit ihrem Ehemann und den beiden Söhnen."
Nach so viel Bunte-Berichterstattung kommt das dicke Ende. Die Vegetarierin gehört zu den absoluten Hardlinern: "Livnis Tonfall ändert sich schlagartig, wenn die Rede auf die Hamas kommt. Mit der islamistischen Palästinenserorgansiation geht sie keine Kompromisse ein, so wenig wie mit dem Iran oder der libanesischen Hisbollah."

Schwanengesänge

Was für ein grauenhaftes Foto von Gesine Schwan auf der "inland"-Seite! Drei Warzen im Gesicht, ein verschlagenes Lächeln, und dann hält sie auch noch die rechte Hand hoch mit eingeknicktem kleinen Finger und unsichtbarem Daumen, und sie sieht aus wie eine Hexe mit nur drei Fingern. Stefan Reinecke, der Spezialist für die Linkspartei, und Ulrike Winkelmann, Fachfrau für die Linken, berichten gemeinsam von Schwans Wahlchancen bei der Opposition. Die Grünen sind Schwan-Fans, die Linke sucht eine eigene Kandidatin.

Heuchler

Noch einmal Ulrike Winkelmann, die jetzt dankenswerterweise mehr Informationen zu Rüstungsexporten und Kriegseinsätzen in der taz unterbringt. Endlich, kann ich nur sagen, bevor der Frank-Walter Steinmeier noch mehr Leute davon überzeugen kann, dass er die neue SPD-Hoffnung ist. Selbstverständlich ist der Kerl, der die Schröder-Politik maßgeblich mitgestaltet hat, für verstärkten Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan. Winkelmann durchschaut seine Rhetorik und Gestik. Indem er rührselige Geschichten über dankbare Dorfbewohner erzählt, wirbt er für mehr Krieg: "Die Afghanen 'kämpfen für die Zukunft ihrer Kinder - wir reichen ihnen dabei nur die helfende Hand', sagte Steinmeier und hob seine Hand in vagem Bogen Richtung Regierungsbank. Die war gut gefüllt, sollte das Kabinett doch beweisen, wie wichtig nicht nur der Bundeswehreinsatz, sondern auch der zivile Aufbau Afghanistans ist." Doch Winkelmann macht eine symbolträchtige Entdeckung: "Ausgerechnet Entwicklungsministerin Heidi Wieczorek-Zeul (SPD) und Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU), denen Steinmeier explizit dankte, fehlten im Bundestag freilich. Und so musste Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) die Dankesgrüße lächelnd allein entgegennehmen."
Interessant: Der Bundestag wurde bisher nicht über die Beschlüsse auf dem Nato-Gipeltreffen Anfang April in Bukarest informiert. Trotzdem soll er im Herbst über die Entsendung von 1.000 zusätzlichen Soladten abstimmen. Der  FDP-Abgeordnete Werner Hoyer fragte: "Wie kommt man auf 1.000?" Eine Antwort bekam er nicht. Winkelmann: "Die Nato-Militärs begründen die Geheimhaltung der konkreten Ziele in Afghanistan damit, dass sie durch jede konkrete Information nur den Taliban strategisches Futter gäben. Auf diese Weise bleiben Öffentlichkeit und Bundestag auf ihr Vertrauen in den weisen Ratschluss von Militär und Regierung angewiesen. Und auf die Hoffnung, dass die schönen Dorfgeschichten stimmen."
Hoffentlich bleibt sie dran am Thema, die taz-Frau. Die Taktik von Steinmeier und Konsorten beruht ja auch darauf, dass die Medien über ihre Nebelkerzen berichten, damit sie bei ihrer Unterstützung der amerikanischen Kriegspolitik nicht gestört werden - siehe die CIA-Flüge (die Steinmeier bewusst zugelassen hat) und die Nutzung der US-Stützpunkte in Deutschland für den Irak-Einsatz.
Apropos: Wussten Sie schon, dass im Irak immer noch Krieg geführt wird? Der neulich erwähnte Jürgen Todenhöfer, der auf eigene Faust im Irak recherchiert hat, schätzt, dass 100.000 "Vollzeitkämpfer" gegen die 300.000 westlichen Soldaten im Einsatz sind, dazu jede Menge Iraker, die den Widerstand neben ihrer regulären Berufsarbeit unterstützen. Täglich gibt es 100 Kampfhandlungen, die von den Besatzern ausgelöst werden, und 100 von den Irakern. Und wir hier erfahren meistens nur von Anschlägen, für die dann die fast bedeutungslose Al-Qaida verantwortlich gemacht wird - die täglichen Lügen, Futter fürs Volk.

Schöne Überschrift

"Reiche werden mehr und reicher" steht da auf "wirtschaft und umwelt". Daneben ein Beitrag über die Dicken: "Regierung will Deutsche auf Diät setzen".
Zusammenfassung: "Die Reichen werden reicher und die Armen dicker".

Atommüll: Die unendliche Geschichte

In einem ehemaligen Salzbergwerk in Niedersachsen, Asse II, lagern 126.000 Fässer mit Atommüll. Jetzt wurde bekannt, dass dort täglich zwölf Kubikmeter Salzlauge mit radioaktvem Cäsium reinfließen. Man weiß aber nicht, woher sie kommt.
Aber man weiß jetzt, dass die ursprünglichen Beschwichtigungen gelogen waren: Die Radioaktivität liegt weit über den so genannten "zulässigen Grenzwerten".

Atomkraft ist ökologisch und sicher. Todsicher.

Ölpest in Alaska

Der Ölkonzern Exxon/Mobil war verantwortlich für die Ölkatastrophe 1989 in Alaska. Eine Jury hatte ihn deswegen "zur Zahlung von fünf Milliarden Dollar verurteilt, ein Berufungsgericht halbierte diese Summe dann aber. Auch diesen Betrag hatte das Unternehmen nicht akzeptiert." Weiter meldet dpa: "Das höchste Gericht der USA setzte die von einem Bundesgericht festgelegte Strafgeldsumme gestern laut Medien auf 507 Millionen Dollar herunter."
Jetzt zahlt es sich im wahrsten Wortsinn aus, dass der Ölpräsident George W. Bush den Supreme Court mit konservativen Nachrückern besetzt hat.


Kommentar

29. Juni 2008

Eigentlich ...

... sollte hier von der Wochenend-taz die Rede sein, allein, sie lag nicht vor der Tür gestern. Stattdessen eine kaminscheitdicke Rolle Zeitungspapier, die sich dann, nach öffnen des Knotens in dem weißen Plastikbändchen, als Süddeutsche Zeitung entrollte. War auch nicht schlecht, mal ne andere Variante aus dem Meinungskartell. Die hatten im Feuilleton ein tolles Interview mit Julie Christie - na ja, blöde Fragen, aber klasse Antworten. Die Frau habe ich schon immer (seit dem Film "Darling" von John Schlesinger) und immer noch heiß und innig ins Herz geschlossen. Am Schluss sagt sie noch etwas sehr liebevolles über Regisseure, die sie mag: "Es gibt ja nur sehr wenig interessante Regisseure: Hal Ashby, Robert Altman, Hal Hartley. Und Warren (Beatty) natürlich. Sein 'Bulworth' war doch wundervoll. Warren macht clevere Sachen. In jeder Hinsicht. Annette Benning heiraten zum Beispiel. Ich rede so über ihn, weil wir lange zusammen waren und er immer noch ein guter Freund ist, wissen Sie?"
Na klar, wir wissen, damals, als die beiden in "McCabe & Mrs. Miller" von Robert Altman
Also hab ich gestern die SZ gelesen - na ja. Den Lokalteil würde ich abonnieren, wenn's ihn extra gäbe, und die Wochenendbeilage auch. Den Sportteil - EM ohne Ende - hab ich nicht mal angeschaut. Ich glaube, ich bin von der taz her EM-geschädigt. Overkill. Dem Wirtschaftsteil entnehme ich die übliche unkritisch neoliberale Berichterstattung - ach wie schön ist Kapitalismus. Und der Rest? Autowerbung ohne Ende.
Ungelesen ins Altpapier.

Immer noch: taz vom 27. Juni

Kein Respekt

Ein wunderbar respektloses Stückchen hat der Michael Ringel für seine Freitagskolumne geschrieben. Ein Korvettenkapitän der Bundesmarine hatte ihn angerufen, weil Ringel auf der Wahrheitseite die Sprengung des Pressezentrums der Marine in Glücksburg gefordert hatte. Hehehe. Ringel war aber nicht im Haus, sodass der Blaue Junge eine Nachricht hinterließ: Er wolle mit Ringel diskutieren. Der verbittet sich so ein Ansinnen, weil er seit der Uni vom Diskutieren genug hat: "Diese studentischen Debattierklubs (sind) nur der Uterus für die Brut der Berufspolitiker, die alle dort ihre Karrieren gemacht haben. Wenn sie dann zwanzig Jahre später in Amt und Würden sind, beschließen sie Kriegseinsätze im Irak und Afghanistan." Und endet: "Diskutieren! Das kann Korvettenkapitän Krüger von mir aus in seiner Glücksburger WG machen, aber nicht mit der Wahrheit."

Wilsonmanie

Da lob ich mir die taz-Kultur: Ich erfahre endlich, dass "Pacific Ocean Blue", die geheimnisvolle Solo-LP von Dennis Wilson aus dem Jahr 1977 als CD herausgekommen ist. Und mit Maurice Summen schreibt auch noch ein Autor darüber, der dem Leser so kenntnisreich wie allgemeinverständlich die Umstände der Veröffentlichung dieses "unterschätzten Meisterwerks" und den Hintergrund von Dennis Wilson erläutert. Zum Album selbst schreibt Summen: "So wirkt dieses Album vollkommen und unfertig gleichermaßen. Die Musik ist ein Mix aus Beach-Blood, Sweat and Tears, Randy Newman, Neptun-Gospel, Pink Floyd-Prog-Schweinereien und Siebzigerjahre-ZZ-Top-Vollbartblues. Dennis Wilson singt seine selbst komponierten Lieder mit der Zerbrechlichkeit eines Robert Wyatt, allerdings auf der Stimmhöhe eines Lemmy von Motörhead. Die Rauheit seines Gesangs erinnert unfreiwillig an Joe Cocker, für dessen Welterfolg 'You are so beautiful' Dennis Wilson übrigens den Text geschrieben hat."
Alles klar? Alles klar. Haben!
gespielt haben, einem der wunderbarsten Western aller Zeiten, unvergessliche Winterbilder.


Anzeige

Ein tolles Schwarzweißfoto von Jakob Dylan, dem gut aussehenden Sohn von Bob. Es ist die Anzeige für sein erstes Soloalbum, produziert vom gigantischen Rick Rubin, der die letzten CDs von Johnny Cash und in den vergangenen Jahren zwei mit Neil Diamond aufgenommen hat. Der junge Dylan hatte mal ne Band, die hieß Wallflower und war richtig gut. Seine Solo-CD erscheint bei der Plattenfirma CBS, die auch Vater Bob in jungen Jahren unter Vertrag genommen hat.

Aufrüstungsverpflichtung

Neulich durfte die Brüssel-Korrespondentin Daniela Weingärtner einen Kommentar zum EU-Vertrag schreiben. Der zeigte deutlich, dass sie vor lauter Beschäftigung mit der EU nur noch innerhalb des Systems denken kann. Tarik Ahmia vom Ressort "Wirtschaft und Umwelt" blickt noch mal von außen drauf und bestätigt im Wesentlichen die fundierte Kritik an dem Vertragswerk, die Ralf Sotschek anlässlich der irischen Abstimmung formuliert hatte: "Freunden eines demokratischen, sozialen und friedlichen Europas gibt der Vertrag von Lissabon genug Gründe, misstrauisch zu sein." Er zählt die "Aufrüstungsverpflichtung" dazu, und "zahlreiche neoliberale Glaubenssätze" die "in Verfassungsrang  erhoben werden". Ahmia kommt zu dem Schluss: "Niemand braucht Paragrafenmonster, wie etwa die ungeschriebene Verfassung der ältesten Demokratie Europas - Großbritanniens - zeigt. Bei verbindlichen Vereinbarungen von großer politischer Tragweite ist es zudem notwendig, die Bevölkerung direkt durch Referenden zu befragen. Dieser Prozess wird zäh und zeitraubend sein, denn Demokratie ist ein mühsames Geschäft. Er ist aber nötig, um die Bevölkerung wieder von der Idee der europäischen Integration zu überzeugen und Europa aus der Krise zu führen."
Wenn man sich vor Augen führt, mit welcher Kaltschnäuzigkeit bei uns Bundestag und Bundesrat den Vertrag durchgewunken haben, wirft das ein bezeichnendes Licht auf das Demokratieverständnis hierzulande. Schon deswegen muss man den Iren dankbar sein.

Kein Kommentar

Die politische Karikatur zum Thema "taz-Wahlkampf für John McCain": Ein breit grinsender Barack Obama steht hinter einem Rednerpult mit zwei Mikrofonen und der Aufschrift "Change". Er streckt beide Arme in die Luft und zeigt mit Zeige und Mittelfinger das Peace-Zeichen. Über seinem Kopf steht in der Handschrift des Karikaturisten KS: "Für den Wandel!! Vom elektrischen Stuhl zur Giftspritze. Oder auch umgekehrt!"

Morgen kein Ruhetag!

Die taz vom Wochenende kommt also morgen ins Blog - ich hab sie mir heute, Sonntag, in aller Früh am Ostbahnhof  besorgt und werde sie am Nachmittag unterm zitternden Espenlaub lesen. Bis morgen - dann werden wir wissen, ob die Titelseite mit dem Foto von den Hufen es toten Stiers auf dem Fußballrasen prophetisch oder überhebliches Wunnschdenken war.


30. Juni 2008

Sangria - Scientology  1 : 0

"Die deutsche Mannschaft hat auch ihre Momente gehabt", meinte Tom Bartels etwa 23 Minuten vor dem Abpfiff. Kann man wohl sagen, vor allem die Momente, in denen Herr Lehmann verhindert hat, dass es 3 : 0 oder 4 :0 ausging. Ein einziges schönes Spiel in so'nem Turnier (das gegen Portugal) reicht halt nicht. Die Spanier haben alles weggeputzt, was vorbeikam. Wie gut die sind, konnte jeder sehen, als sie die Russen vorgeführt haben. Falls Sie sich wundern, was da oben mit Scientology gemeint ist: Mir kommt der Joachim Löw immer so tomcruisemäßig Scientology-angehaucht vor. Und diese eng taillierten weißen Hemden, die der deutsche Trainerstab bevorzugt, schauen auch irgendwie nach Sekte aus.

In meinem Apartment

Die Wochenend-taz fang ich immer von hinten an, das tazmag wird zuerst durchgeblättert, verschiedene Beiträge angelesen, "Letzte Fragen" überflogen. Wie alle Leser steh ich auf Interviews, könnte ja sein, dass jemand sich als Mensch entpuppt und was zu sagen hat. Beides trifft auf Silvia Bovenschen zu, Autorin von "Älter werden" und "Verschwinden", die von Frank Schäfer befragt wurde. Zum Thema Nachruhm verweist sie auf Goethe und zitiert Woody Allen: "Goethe hat ja noch seinen gesamten Nachruhm gleich mitorganisiert. Hinten machen wir es uns mit der Vulpius bequem, und vorne inszenieren wir den Nachruhm. Das hat die Leute zu Lebzeiten aufgebaut, dieser Gedanke, dass sie da irgendwie in ihren Werken weiterleben. Mir fällt da immer der Kalauer von Woody Allen ein: Ich möchte nicht in den Herzen meiner Mitmenschen weiterleben, sondern in meinem Apartment. Geht mir ganz genauso."
Na, ich weiß nicht. Schreiben kann ja ein Gewinn sein, allein, weil man es tut, ein spiritueller Gewinn. Schön ist aber auch, wenn man das Geschriebene mit anderen Menschen teilen kann, sprich: gelesen wird. Und da kommt ab einem bestimmten Alter unweigerlich der Gedanke dazu, dass man nicht allein für die jetzt lebenden Mitbewohner des Planeten schreibt, sondern auch für Menschen, die nach einem kommen. So wie man sich ja auch an Autoren freut, die vor einem da waren, längst tot sind, aber einem mit ihrer Sicht der Dinge beim Blick auf die Gegenwart helfen. Und oft stelle ich beglückt fest, wie mich jemand bestärkt, weil er oder sie schon vor achtzig oder zweihundert Jahren eine ähnliche Haltung zu seiner oder ihrer Mit- und Umwelt eingenommen hat, wie ich heute. Erich Kästner fällt mir ein, Robert Walser, Colette, Joseph von Eichendorff, Jean Paul.

So'n Theater



Der neulich hier arg gescholtene Dirk Knipphals hat ein ganz feines Interview geführt mit dem Theaterregisseur Jan Bosse und dem Autor und Intendanten des Maxim Gorki Theaters in Berlin, Armin Petras. Da kam mir beim Lesen der Gedanke, dass Theater doch noch wichtig sein kann, auch wenn ich schon lange keins mehr von innen gesehen habe - ich glaub, das letzte Mal war "Kabale und Liebe" als Abschlussinszenierung von Studenten der Theaterakademie. Und da bin ich auch nur hin, weil mein Freund der Knattermime als erfahrener alter Profi den jungen Hüpfern beistehen sollte. Jedenfalls erzählen Bosse und Petras ganz außerordentlich feine Sachen über ihre Inszenierung des 1300-Seiten-Romans "Anna Karenina" von Leo Tolstoi, und da dachte ich, dass nicht nur Theater noch wichtig sein kann, sondern auch das Schreiben und Reden darüber. Bosse sagt an einer Stelle: "Man bastelt sich heutzutage seine Dämonen selber, um sie dann schön bekämpfen zu können, weil man sich sonst gar nicht mehr verorten kann. Das empfinde ich als ein riesiges Problem unserer Zeit." Da musste ich sofort an die Art und Weise denken, wie die taz am Vortag mit Barack Obama umgesprungen ist.
Schön fand ich auch Jan Bosses These, dass große Gefühle nur in wirklichen Lebenskatastrophen entstehen: "Von da aus gibt es vielleicht sogar eine unbewusste Sehnsucht nach der totalen Krise." Und Bosse sagt dann noch was, das mich direkt auf mich selber zurückgeworfen hat: "Ich glaube schon, dass man die Sehnsucht nach einer Amour fou ernst nehmen muss. Menschen sind einfach nicht zu verstehen ohne die Sehnsucht nach dem Irrationalen, danach, dass es wie der Blitz einschlägt, dass es die Liebe auf den ersten Blick tatsächlich gibt."
Wie die Sehnsucht nach der "totalen Krise" mit der Sehnsucht nach der "großen Liebe" zusammentrifft, können Sie nachlesen, wenn Sie hier klicken und sich die Leseprobe meiner Novelle "Delfina Paradise" angucken.

In meiner Nachbarschaft

Da freut sich der Mensch, wenn auf der Seite 3 ein Artikel damit anfängt, dass der Autor, Philipp Gessler, meine Nachbarschaft beschreibt: "Und am Straßenende, am Kufsteiner Platz, wo die Kinder von Thomas Mann in die Tram stiegen und sich geheime Handzeichen gaben, dort drüben saßen sie immer auf den ruhenden Hirschen des Diana-Brunnens; auf den Rücken der steinernen Tiere, festgeklammert an den Ohren, die irgendwann abfielen. Und hier, erzählt Peter Jordan mit einer Geste Richtung Boden, ja hier, vor der Mauerkircherstraße 13, waren im Trottoir die Gedenksteine an seine ermordeten Eltern angebracht, bis die Stadt München diese 'Stolpersteine' herausreißen ließ. Vor dem Elternhaus des 85-jährigen Briten erinnert nichts mehr an seinen Vater und seine Mutter, die von den Nazis umgebracht wurden. Die Eltern tot, die Erinnerung beseitigt."
Da sage noch einer, die arg berlinlastige taz ignoriere München vollkommen. Kürzlich ein Interview mit dem neuen Chefredakteur der Abendzeitung, und jetzt rücken sie mir fast bis vor die Haustür auf die Pelle. Deshalb noch ein paar Ergänzungen. Die Kinder von Thomas Mann mussten noch ein Stückchen weiterlaufen, bis zur Ecke Mauerkircher- und Montgelasstraße, um in die Trambahn einzusteigen - am Kufsteiner Platz fuhr und fährt keine. (Über das Mann-Haus finden Sie ein Kapitel in "Stille Winkel in München" - siehe Anzeige gleich im Anschluss -, und einen Artikel hier unter "Klicken - Lesen", Überschrift "Wohnen est omen".)
Zum Diana-Brunnen wäre anzumerken, dass er vor zehn Jahren restauriert wurde, aber die Hirschohren werden auch heute noch gelegentlich von Kindern oder Rowdys abgebrochen. Zur Zeit sind sie mal wieder dran, sorgfältig ausgeführte Bildhauerarbeit, so dass man die Bruchstelle kaum bemerkt.
Die Geschichte der Gedenksteine, der "Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig, erzählt Phillipp Gessler betont sachlich und verdeutlicht die Dorfposse anschaulich, die dahintersteckt. Das Politische steht eher zwischen den Zeilen. Es geht dabei um die Intoleranz der Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, und den meist schon vorauseilenden Gehorsam des Oberbürgermeisters Christian Ude, der aus Gründen politischer Korrektheit so ziemlich alles richtig findet, was die oftmals schwer nervende Dame vorschlägt. Und wenn die sture Knobloch eine andere Kunstauffassung vertritt als der alte Herr Jordan und der Künstler, der die "Stolpersteine" erdacht hat, dann wird sich Ude hüten, ihr zu widersprechen oder sich gar mit ihr anzulegen. Mir san mir, da kennt ja a jeda kemma. (Übers. a. d. Bayer.: Wir sind wir, da könnte ja jeder kommen.)


Männer

"Männer können halt seine Gefühle nicht zeigen." Das steht als Schlusssatz unter einer tazzwei-Meldung des Inhalts, die Selbstmordrate bei Männern sei höher als bei Frauen. Angeblicher Grund: Erstere reden "gegenüber Ärzten weniger häufig von seelischen Beschwerden".
Redakteure können halt seine Sätze nicht korrigieren. Kein Grund, sich umzubringen!

Zitat

Er mag ja viel schreiben, der Robert Misik, aber das spricht nicht immer gegen das, was er schreibt. Manchmal gelingen ihm recht wohlgedrechselte Sätze. Hier ein Zitat aus seinem Artikel über den unglückseligen österreichischen Noch-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer: "Aber das einer sich auskennt, reicht noch nicht zum guten Politiker, und zwar nicht nur, weil ein Politiker in Österreich automatisch eine schlechte Presse hat, wenn er klüger erscheint "als der nächstbeste Chefredakteur" (Armin Thurnher). Wobei Gusenbauer ein besonderer Fall ist, aber auch ein Kind seiner Zeit. Ein besonderer Fall, weil er sich mit einem Schuss Eigensinn, den man auch Arroganz nennen kann, für einen ganz tollen Hecht hält und all jene, die diese Meinung nicht vollends teilen, für Idioten. Von legendärer Beratungsresistenz ist er ohnehin."

Martin Walser ist ein Blödmann

Oder zumindest war er einer, 1963, als er in seinem Tagebuch am 8. April mit dem Verleger Heinrich Maria Rowohlt eine Nacht durchmachte und in seinem Tagebuch notierte: "Abends Graham Greene bei Bucerius. Ledig-Rowohlt groß in Englisch. Danach fort nach St. Pauli. Ledig-Rowohlt bezahlt 1700. Die junge Schwarze. Aber die Großmutter kettet uns an sich. Also wird die Mulattin nicht beachtet. Man tut treu dieser Blödhure gegenüber und sieht gegen 7 Uhr ein, daß sich das nicht rentiert."
Selber Blödmann! Wenn Leute von sich immer neutral als "man" reden, werde ich zutiefst misstrauisch. Statt "ich" zu schreiben und für sich und seine Äußerungen und Taten die Verantwortung zu übernehmen.

Ökotopia

Wo müssen Stromkonzerne bis 2020 ein Drittel ihrer Energie aus erneuerbaren Energiequellen gewinnen? Wo dürfen bald nur noch Autos mit niedrigem CO2-Ausstoß fahren? Wo werden Hausbesitzer per Gesetz gezwungen, Solaranlagen auf ihre Dächer zu montieren? Wo dürfen Neubausiedlungen nur noch in der Nähe öffentlicher Verkehrsmittel errichtet werden, um Autofahrten zu reduzieren? Und wo wird der Urheber solcher Maßnahmen scharf angegriffen, von der (Auto-)Industrie und seinen Parteifreunden aus der republikansichen Partei?
Antwort auf alle Fragen: Kalifornien. All das geschieht, um die ehrgeizigen Pläne von Arnold Schwarzenegger aus dem Klimaschutzgesetz zu erfüllen, das er vor zwei Jahren unterzeichnet hat. Und wer schrie gleich Zeter und Mordio und drohte mit Klagen vor Gericht? Richtig, die deutsche Autoindustrie, allen voran Daimler und BMW, fürchtet um ihre Exporte in die USA.

Kommentar


Achtung: tazblog! 1. 6. bis 14. 6. 2008
11.06.2008 21:23:28
1. Juni 2008
Nackt unter Palmen tanzen

Mich hat der Sommer der Liebe 1967 erwischt, als ich 22 Jahre alt war. Im September wurde ich aus der Bundeswehr entlassen, und ich fühlte mich so frei wie nie zuvor in meinem Leben. Die Beatles hatten gerade "Sergeant Pepper" herausgebracht. Ich hatte ein möbliertes Studentenzimmer in einer Dachgeschoßwohnung direkt hinter der Münchner Uni, ich machte den Taxischein und spielte abends an den Flippern im "Kleinen Bungalow". Dann kamen die ersten Demos, der erste Joint, die erste (und einzige) Knast-Erfahrung. Nach dem Studium wollte ich nur noch weg. Ich ging dorthin, wo, so sah ich das damals, die wahre Revolution zugange war: Nordkalifornien, San Francisco, das mythische, viel besungene, und die Uni in Berkeley, wo 1965 alles anfing mit dem Free Speech Movement.
Heute bin ich 62, und mit Sicherheit gehöre ich nicht zur direkt angepeilten Zielgruppe von Martin Reicherts Buch "Wenn ich mal groß bin. Das Lebensabschnittsbuch für die Generation Umhängetasche". Aber ich will ja immer noch wissen, wie die heute 20-, 30-, 40-Jährigen mit dieser Welt umgehen, in die sie genauso ungefragt reingeworfen wurden wie ich. Deshalb habe ich den langen Auszug aus Reicherts Taschenbuch gelesen, für den ihm das taz.mag gleich drei Seiten eingeräumt hat. Wenn ich das Gelesene als Maßstab nehme, komme ich mir viel jünger vor als dieser 35 Jahre alte taz-Redakteur.
Der Unterschied liegt möglicherweise in den Umständen, in die ich hineingewachsen bin: Die jungen Menschen 1968 hatten nicht die Sorgen, die heute vorherrschen, und vor allem hatten sie keine Existenzangst, keine Angst um Jobs, Karrieren, Rente. Und: Die Pille für die Frau war schon erfunden, und kein Mensch wusste was von AIDS und vom Ozonloch. Die Regierenden waren zwar auch damals nicht ernst zu nehmen, aber im Vergleich zu George W. Bush hatte ein Gauner wie Richard Nixon noch Spuren von, wenn auch krimineller, Intelligenz. Und der SPD stand Willy Brandt vor, nicht Kurt Beck.
Die Grundversorgung der Menschen war gesichert, jetzt konnte man sich um die Utopien kümmern. Das war auch eine der Ursachen, weshalb Ende der sechziger Jahre Vieles so, frisch, frech, fröhlich, frei daherkam, und Erscheinungen wie die Beatles und die Stones, die Hippies und die Yippies und die Spaßguerilla und die freischwebenden Haschrebellen und Woodstock möglich wurden. Eines war dabei oberste Maxime und wurde von den meisten geteilt: Wir wollten nie so werden wie unsere Eltern. Denn die hatten den ganzen Kriegsscheiß miterlebt, hatten geackert und geschuftet, um sich aus der blanken Existenznot rauszuarbeiten, und hatten dabei ein gutes Stück Lebensfreude eingebüßt und die Rockmusik verpasst. Nein, nie so werden wie die Eltern mit ihren Wohnküchen und Schlafzimmereinrichtungen und Stühlen und Tischen und Autowaschen am Wochenende und Rasenmähen und Stores am Fenster. Wir wollten auf Kissen am Boden sitzen, auf Matratzen schlafen, den Konsum aufs Nötige beschränken und nackt unter Palmen tanzen.
Wenn ich nachrechne, könnte Martin Reichert altersmäßig gesehen mein Sohn sein. Und ich stelle erschrocken und amüsiert zugleich fest: Die "Generation Umhängetasche" (als Begriff eher smart als cool) will so werden wie die Generation meiner Eltern. Die beschreibt Reichert, ohne sie direkt zu meinen, sehr treffend so: "Menschen, die sich von Utopien und politischem Engagement entfernt haben und deren Träume nicht weiter als bis zur Haustür ihrer geschmackvollen Wohnung reichen." Und, so könnte man hinzufügen, sich nach einer festen Partnerschaft, einem Häuschen im Grünen und einem ausreichend gut bezahlten Job in der Stadt sehnen, damit sie sich ein Auto zum Pendeln leisten und ihre Einrichtung bei Ikea kaufen können. Mit anderen Worten: Glück und Erfüllung im Konsum finden.
Dagegen ist überhaupt nichts zu sagen, außer, dass Millionen in Deutschland so leben (oder so leben wollen), dass es Abermillionen in allen Ländern der Welt anstreben, und dass das schlicht und einfach nicht mehr geht. Es ist unmöglich geworden, und das haben die Konsumverweigerer von damals auch schon geahnt.
Menschen, die den von Reichert propagierten Lebensstil pflegen oder anstreben, wurden und werden sehr treffend als ahnungslose Spießer bezeichnet. Und ihr Horizont reicht eben nur bis zur eigenen Wohnungstür. Aber eine Frage sei erlaubt: Hat man das nicht schon mal so gemacht, und hat uns das nicht zur gegenwärtigen Misere geführt? Wäre es nicht angebracht, unter den neuen Bedingungen mal wieder was Neues auszuprobieren? Verantwortungsvoll zu leben? Einen Lebensstil anzustreben, der nicht zerstört, sondern heilt? Und nicht mehr zu verzichten auf die Lebensqualität, die beim liebevollen Umgang mit der Natur und den Mitmenschen und Mitgeschöpfen auf diesem engen Planeten entstehen kann?
Martin Reichert schreibt intelligent, unterhaltsam, gut, routiniert, und wenn ich zu Ende gelesen habe, überkommt mich das Gefühl, dass das eben Gelesen völlig nutzlos war. Immer wieder werden Ballons aufgeblasen, die beinahe zu schillern beginnen und vorgeben, bedeutungsvoll zu sein, und dann fallen sie wieder zu schlaffen Hüllen zusammen, und da war dann doch nichts.
That's entertainment, und das hat seinen Platz, aber es weist nirgends über sich hinaus. Und am Ende bleibt das Gefühl, die Generation Umhängetasche ist nichts weiter als eine raffinierte, berechnende Erfindung, eine smarte Geschäftsidee: Business as usual.

Kleine Abschweifung: Die Hippies

Ob die Hippies allgemein als politische Bewegung zu sehen waren, darüber ließ es sich schon damals trefflich streiten. Was sich im Lebensstil ausdrückte, hatte aber unstreitig politische Aspekte: Zusammenleben in Kommunen, mit Hanf, Pilzen, LSD, Meskalin zur Erweiterung des Bewußtseins; drastische Beschränkung des privaten Eigentums; Kreativität statt Konsum; Freiheit statt Autorität. Selbstbestimmte Stämme sorgen dafür, daß Regierung und herkömmliche Machtstrukturen überflüssig werden. Die Speerspitze der Bewegung, eine Art führerlose Kerntruppe der Blumenkinder, waren die Diggers. Bei aller scheinbaren Unbekümmertheit hatten sie eine radikal-utopische Grundhaltung. Sie organisierten das Gemeinschaftsleben in Haight/Ashbury so, als sei die Revolution bereits erfolgreich gelaufen: Jeden Tag verteilten sie umsonst Essen und Kleidung im Park, gründeten die (auch heute noch bestehende) Haight-Ashbury Free Clinic für kostenlose Gesundheitsfürsorge, dazu gab es gratis juristische Hilfe für alle Konflikte mit der Staatsmacht. Finanziert wurden diese Aktivitäten durch Benefizkonzerte, bei denen Spenden gesammelt wurden. Die Diggers verachteten die herkömmlichen politischen Institutionen — der Staat wurde, solange er sich nicht einmischte, einfach ignoriert. Finanzielle Unterstützung von den Behörden hätte Verrat bedeutet. Was sich zwischen 1964 und 1967 am Golden Gate Park abspielte, ist durchaus vergleichbar mit der Pariser Kommune oder den Gemeinschaften der Anarchosyndikalisten im Katalonien des Spanischen Bürgerkriegs. Daß in allen Fällen die Staatsmacht den Sieg davontrug, ändert nichts an der Gültigkeit des Strebens nach einer selbstbestimmten, humanitären Gesellschaft. Der «Summer of Love» war sicher nicht der letzte Versuch in diese Richtung.

(aus: Hans Pfitzinger, Love and Peace und all die Hippies. Den ganzen Text finden Sie hier: Liebe und Frieden)

Die taz wird dick. Und bunt!

Meine Güte, iss ja alles so schön bunt hier! So viele Farbanzeigen gab's, glaube ich, noch nie, entsprechend bunt und dick war die taz vom 31. Mai / 1. Juni 2008: 32 Seiten, und jede Menge Farbfotos. Gewöhnungsbedürftig. Wie einstens, als der Spiegel auf Vierfarbdruck umgestellt hat. Oder die Süddeutsche. Ich hatte bei beiden das Gefühl, es geht was an Seriösität verloren. Hm.

Die erste Seite wird ja von mir viel zu selten gelobt, dabei finde ich die meistens richtig gut gemacht, schon als sie damals grundsätzlich neu gestaltet wurde, mit dem großen Bild und den übersichtlichen Ankündigungen rechts. Am Wochenende weht die zerrissene SPD-Flagge, rot vor blauem Wolkenhimmel, und die große Titelzeile sagt: 

Werden Sie jetzt Mitglied!
Die arme SPD braucht Sie dringender denn je. Wenn es so weitergeht, hat die einst stolze Partei schon in 14 Jahren keinen einzigen Genossen mehr SEITE 4, 13

Hehehe. Hoffentlich. Ich halt mal die Daumen, denn diese SPD braucht wirklich keiner mehr.

Alice immer Schwarzer

Die Nachrichten aus dem Hause Emma sind ja ein gefundenes Fressen für Schwarzer-Hasser. Manchmal hab ich Alice Schwarzer ja als meine politische Verbündete gesehen - und auf einigen Gebieten ist sie das auch noch -, aber dass sie Angela Merkel unterstützt hat, vielleicht sogar immer noch dazu steht, das ging mir dann doch zu weit. Was sie da jetzt mit ihrer Nachfolgerin bei Emma anstellt, spricht nicht gerade für ihre Toleranz, aber das war eh nie ihre Stärke. Sie ist halt stur und dickköpfig, und vielleicht kommt jetzt auch noch der Altersstarrsinn hinzu. Andererseits: Nicht jeder, der im Fernsehen Erfolg hat, bringt auch die Eignung mit, eine Zeitschrift als Chefredakteur/in zu leiten. Vielleicht hat Alice Schwarzer recht, und die angeblichen Auseinandersetzungen über Sachthemen waren gar nicht der Grund, dass Lisa Ortgies gefeuert wurde, sondern ihre Unfähigkeit als Zeitschriftenmacherin? Heide Oestreich erinnert die gefeuerte Ortgies daran, was sie mal im Scherz geäußert hat: "Konflikte mit dominanten Chefinnen, schlug sie vor, solle man mediengerecht inszenieren und hinterher einen Bestseller draus machen. Den Stoff für den Bestseller sollte sie nun beisammen haben."

Pamela Anderson hat recht!

Nach Paul McCartney und Pamela Anderson kommt jetzt auch noch Jeffrey Sachs mit dem Rat, weniger Fleisch zu essen. Die gute Pamela wies neulich in einem Interview für son Hochglanzblatt darauf hin, dass der Klimawandel nur gestoppt werden kann, wenn wir aufhören Fleisch zu essen, vor allem Rindfleisch. Beatlepaul wirbt ja schon lange für vegetarische Burger und Bürger. Jetzt bestätigt ihn der Professor für Nationalökonomie Jeffrey Sachs, der UNO-Sonderberater für die Bekämpfung der Armut. Er teilt dem Interviewer Robert Misik seine Vorschläge zur Lösung der Versorgungskrise mit: "Es gibt sehr ermunternde Beispiele. Nehmen wir nur Malawi. Dort hat der Präsident vor drei Jahren, mitten in einer schweren Lebensmittelkrise, gesagt: Genug. Wir müssen die Produktion ankurbeln. Darauf wurde ein sehr simples Vouchersystem (Gutschein-) eingeführt. Die Bauern erhielten im ersten Jahr zwei Sack Düngemittel und im zweiten Jahr besseres Saatgut. Innerhalb eines Jahres hat sich der Output verdoppelt. Und im Folgejahr noch einmal. Verdoppelung und Verdreifachung in ein, zwei Jahren ist möglich." Misik ist baff und fragt: "So leicht kann man die Versorgungskrise lösen?", worauf Sachs sagt: "Längerfristig müssen wir schon unsere Ernährungsgewohnheiten ändern."
"Soll heißen: Weniger Fleisch essen?"
Sachs: "Weniger Fleisch essen, ja, das ist ja auch gesünder. Es ist einfach vom ökologischen Gesichtspunkt und von dem der Energieeffizienz ein Problem, wenn wir viel Fleisch essen. Simpel gesprochen: Von dem Getreide, dass ein Rind frisst, werden viel, viel mehr Menschen satt als von dem Fleisch des Rindes."
Gut gesprochen, Jeffrey Sachs! Klasseinterview, Robert Misik! I love you, Pamela Anderson!

Kommentar

3. Juni 2008

Kürzestgeschichten

Wenn's auf der Wahrheit nix Besonderes zu lesen gibt, schweift der Blick nach rechts oben zum Wahrheitfrosch. Dort steht zum Ende von "zoff im einmaleins" über die Fünf: "Sie lebte in ihrer eigenen Welt." Das kann man vom Autor dieser Kürzestgeschichten auch behaupten.

18.700

So viele Leser hat die schöne Zeitschrift Lettre International, und wenn es stimmt, was Redaktionsleiter Frank Berberich der taz-Autorin Nina Apin erzählt hat, schreibt diese Randerscheinung des Pressewesens sogar schwarze Zahlen. Nicht zu fassen, denn die Einschätzung von Apin trifft wohl zu: "Stramme Linke finden sie zu elitär, Freunde des Populären zu vergeistigt, häppchengewöhnten Lesern sind die Texte zu lang." Jetzt bringt Lettre zum 20. Geburtstag ein Doppelheft mit gewohnter Themenvielfalt: "Ein Essay über russische Politik, eine Reportage aus Pakistan, Wissenschaftliches über Homer in Indien oder die Bedeutung der Melone in Magrittes Welt. Kosmopolitisches mit europäischem Akzent heißt das Konzept, alle Texte sind deutsche Erstveröffentlichungen." Und dennoch schafft es der taz-Mitbegründer Berberich Lettre mit fünf Angestellten am Leben zu erhalten. Und Nina Apin weiß auch, welches Wagnis man hierzulande mit Qualitätsjournalismus eingeht: "Rein publizistisch ein Wahnsinn."

Glückliche Menschen

Links auf der Bühne steht die etwas füllige Sängern Alison Moyet in dunkler Kleidung vor einem Mikrofon, hinten frickelt Vince Clarke, ein ebenfalls dunkel gekleideter Glatzkopf an irgendwelchen Soundmaschinchen. Das Foto zeigt einen Auftritt der beiden als Yazoo, eines einstmals recht erfolgreichen Duos, das nach 25 Jahren zum ersten Mal wieder gemeinsam Musik macht. Tim Caspar Boehme schreibt über ihr Konzert in Berlin: "Moyet ist nach wie vor eine große Sängerin. Ob die Musik nun zeitlos ist oder irgendwie doch überholt, ist in diesem Moment nicht relevant. Das Ereignis, so scheint es, rechtfertigt sich allein dadurch, dass es stattfindet." Das hat er schön gesagt, und am Ende "greifen einige der umstehenden Männer zu ihren Taschentüchern. Ich habe noch nie zuvor so viele glückliche Menschen bei einem Konzert erlebt."
Ja, damit ist es doch wahrlich gerechtfertigt.

Küppersbusch

Gelegentlich eiert Friedrich Küppersbusch mit seinen meist originellen Vergleichen etwas. Im montäglichen Interview erklärt er mal wieder die Gehälter von Josef Ackermann und Wendelin Wiedeking für obszön und fragt dann: "Warum darf der Playboy erst ab 18 gelesen werden, wenn die FAZ mit Wiedekings Gehalt jederzeit Kindern in die Hände fallen kann?" Lustig.
Stimmt aber nicht. Den  Playboy kann jeder kaufen, wie die FAZ, und lesen oder die Bilder angucken. Kritisch wird es erst beim US-Penthouse, das gehört zur Abteilung "unter dem Ladentisch" und Sie kriegen es nur, wenn Sie danach fragen und über 18 sind. Sind Sie ja, nach dem Foto zu urteilen. Penthouse aus Ami-Land lohnt sich aber, muss man schon mal gesehen haben, bevor man glaubt, was da abgeht. Bob Guccione, der Gründer der Zeitschrift, hat das mal so ausgedrückt: "Der Playboy druckt, was die Leute sehen sollen, ich drucke, was sie sehen wollen."

Blaublut

Phillipp Mausshardt scheint seinen Katastropheneinsatz in Birma gut überstanden zu haben und macht sich jetzt Gedanken über den Botschafter, die verschwindende Spezies, gewissermaßen der Thunfisch unter den Diplomaten. Behauptet Mausshardt: "Botschafter sind eine vom Aussterben bedrohte Berufsgruppe, nur, sie wissen es noch nicht." Und ihm fällt auf: "Der deutsche Auswärtige Dienst hat sich dabei über all die Jahre noch als Biotop für den deutschen Adel gehalten. In keiner anderen Branche ist die Blaublüterquote so hoch wie unter den Botschaftsangehörigen."
Mausshardt scheint noch nie für den Burda Verlag gearbeitet zu haben.

taz vom Feinsten: Helge Timmerberg

Lieber Helge,
etwas irritiert war ich gestern, als ich den Anfang des Interviews mit dir gelesen habe - sagt da doch Timo Nowack "Herr Timmerberg" zu dir. So lange ich mich zurückerinnern kann, hat noch nie jemand behauptet, dass "der Helge" oder "der Timmerberg" ein Herr sei. Na egal, dafür hab ich auch noch nie jemanden getroffen, der dich nicht für einen begnadeten Schreiber gehalten hat.
Du weißt ja, wir haben uns total aus den Augen verloren seit dem gemeinsamen kurzen Versuch, Twen wiederzubeleben, mit dir als Chefreporter. Den Peter Orzechowski treff ich noch manchmal, unsere Freundschaft geht auf damals zurück, auf die Redaktion in der Schwanthalerstraße, wo du ja wie immer nur auf Durchreise warst. Von dir hat mir der Orze mal erzählt, du seist nach Marokko ausgewandert, und du würdest viel für die Bunte arbeiten, der irre Wagner hätte nen Narren an dir gefressen und deine Texte seien regelmäßig im Heft. Das konnte ich gar nicht glauben, aber dann hab ich mal beim Zahnarzt was von dir gelesen, und mir fiel ein, dass du ja eine ganze Kinderschar bei einer erklecklichen Anzahl Frauen verteilt hast, und so was kostet natürlich. Hoffentlich hamse dich gut bezahlt, denn Leute, die ihr Herzblut geben beim Schreiben, sollten eigentlich die höchsten Honorare kriegen.
Und dann hast du angefangen, über deine vielen Reisen Bücher zu schreiben, so in der Liga von Andreas Altmann, und eines hab ich sogar in die Finger bekommen, irgendwas über einen Palast und gläserne Schwäne, und wie alles von dir hab ich auch das sehr gern gelesen. Und vor mich hingekichert: Der Helge wird jetzt sone Art Bruce Chatwin für Arme. Weißt du, mir wurde klar, dass zu deiner seltenen Menschlichkeit auch noch Weisheit hinzugekommen ist bei deiner ständigen Reiserei.
Tja, und jetzt kommt gerade ein neues Buch von dir heraus, "In 80 Tagen um die Welt", und darauf freu ich mich schon. Aber erst noch zu dem Interview in der taz: Ich hab ja für das (oder den) Blog hier ein paar Kategorien für die Bewertung der Artikel und Beiträge, und das Interview gehört zu tvF = taz vom Feinsten. Schön, dass die taz-Leser solche Sätze von dir zu lesen kriegen: "Denn auf einer so langen Reise ist deine Herausforderung das Alleinsein. Besonders in Ländern wie Marokko oder Indien, wo die Menschen eingebunden sind in ihre Großfamilien, komme ich mir oft vor wie der letzte Dreck. Aber in Japan dachte ich nach ein paar Tage: Hier kann ich alleine sein, hier ist jeder alleine, hier gehöre ich dazu."
Das ist prima ausgedrückt. Wobei ich mich oft gefragt habe, weshalb du eigentlich dauernd unterwegs sein musstest - du hast immer Frauen gehabt, die deinen Charme und deine flinke Intelligenz und deine wunderbare Schreibe gemocht haben. Aber über dein ganz besonderes Alleinsein konnten sie dir anscheinend auch nicht hinweghelfen.
Deshalb  finde ich diese Beobachtung in Japan sehr schön und richtig, und das, was du über die Samurai in der Bar sagst, wo du trinkst und abdriftest, und "im Zentrum dieser Einsamkeit Zen-Dreiklänge" ausmachst: "Da dachte ich: Die sind alle unglücklich hier, aber schau dir an, wie die sitzen! Keiner jammert, die gucken dem Unglück gerade ins Auge - das sind die Samurai."
Solche Samurai habe ich oft in den schummrigen "Liquor"-Bars im Süden der USA gesehen, wo im winzigen Fenster eine Neonreklame Werbung für Miller oder Budweiser Beer macht, und drinnen ist es so dunkel, dass man erst gar nichts sieht, wenn man aus dem gleißenden Sonnenlicht reinkommt.
Schön, dass dich der Interviewer aus dem Gespräch heraus noch nach dem letzten Satz in deinem neuen Buch fragt, und du nachschaust und dann vorliest: "Wenn Gott einen Menschen bestrafen will, erhört er seine Gebete."
Oh Mann, Helge, das ging mir vielleicht runter. Du weißt schon, dass du da ein Zitat der Heiligen Teresa von Avila abgewandelt hast: "Es werden mehr Tränen vergossen über erhörte Gebete als über nicht erhörte." Truman Capote hat das als Vorzitat in seinem letzten, nie vollendeten Buch stehen, das hieß "Erhörte Gebete". Der Interviewer fragt dich dann, wo die Strafe liegt, wenn die Gebete erhört werden, und du sagst es ihm: "In dem Moment, in dem du dir einen Traum erfüllst, hast du ihn verloren, weil er real geworden ist. Aber die Aufgabe eines Traumes ist eigentlich nicht, dass du ihn erfüllst, sondern dass er dir ständig Kraft gibt."
Da bringst du jetzt zwar Träume und Gebete etwas durcheinander, aber das passiert ja im Leben eh dauernd. Deinen Traum von dem alten Haus mit dem Garten und den Apfelbäumen und den Hunden und den Hängematten, den träumst du doch schon seit ewigen Zeiten, und der hat dir ja auch viel Kraft gegeben.
Deshalb glaub ich schon, dass du eine große Sehnsucht nach einem Platz zum endlich mal Dableiben hast, aber ich glaub dir nicht, wenn du dir einredest, das sei jetzt deine letzte Reise gewesen. Ich glaub eher, du wirst noch oft losziehen, um besser mit dem Alleinsein fertig zu werden. Und der Traum vom alten Bauernhof auf der Schweizer Seite vom Bodensee wird dir hoffentlich noch lange Kraft geben, bis du dann tatsächlich die letzte Reise antrittst. Bis dahin wünsch ich dir das Beste, Helge Timmerberg, und freu mich, dass es dich noch gibt.
Happy Trails!
Hans

-----------------------------------Werbeunterbrechung-------------------------------------------

Helge Timmerberg hat seinen Traum vom Bodensee - dabei kennt er das Buch hier noch gar nicht. Sie bekommen es in jeder Buchhandlung, und es kann durchaus sein, dass Sie dann auch zu träumen beginnen.
 

Text: Hans Pfitzinger Fotos: Toni Schneiders Verlag Ellert & Richter 9,95 Euro

-------------------------------------------------------------------------------Ende der Werbeunterbrechung------------

Volksverdummung: Ein SPD-Papier

Wenn dem Staat Geld für dringend notwendige Maßnahmen fehlt, muss er Steuern erheben, um diese Maßnahmen durchführen zu können. Und wo holt er sich die Steuern? Dort, wo das Geld ist, wo denn sonst. Richtig? Falsch. Er holt es dort, wo der geringste Widerstand zu erwarten ist. Den Besitzenden Steuern aufzubürden, das wagt er nicht. Deshalb finanzieren die 27,23 Millionen Menschen, die sozialversicherungspflichtig sind, den Sozialstaat. Von ihnen und den Leuten, die eineinhalb Jahre keinen Job finden, oder schon längst aus dem Arbeitsleben ausgeschieden sind, holt sich der Staat die fehlenden Einnahmen für dringend notwendige Maßnahmen wie Kriegseinsätze ("humanitäre Interventionen", "friedensbildende Maßnahmen") und Unterstützung blutrünstiger Diktatoren.
Ulrike Herrmann zerfetzt in ihrem Kommentar das 11-seitige Programmpapier der SPD "Aufstieg und Gerechtigkeit" und stellt fest: "Zukunft ist dort einfach die Verlängerung der Gegenwart. Bis 2011 bleibt alles wie gehabt. (...) Trotzdem ist das Papier instruktiv, wenn man verstehen will, warum die SPD in den neuesten Umfragen auf den historischen Tiefpunkt von 21 Prozent abgerutscht ist."
Sie weist noch einmal darauf hin, dass die Zahl der Arbeitslosen für politische Zwecke kräftig manipuliert wird, und "dass offiziell 3,28 Millionen Menschen arbeitslos sind - und real etwa 5 Millionen eine Erwerbstätigkeit suchen."
Herrmann spricht von "Volksverdummung" und kommt zu dem Fazit: "Das SPD-Papier ist seltsam. Wer nicht wüsste, dass es von den Sozialdemokraten stammt, könnte es für eine Parodie halten."
Dann muss es tatsächlich von der SPD sein, denn die ist inzwischen selbst die Parodie einer Partei.

Nahost: USA draußen

Die gute Nachricht des Tages steht auf der "ausland"-Seite 11: taz-Korrespondent Karim El-Gawhari sieht mit großer Freude, wie sich im Nahen Osten die starren Fronten bewegt haben, und "dass die Politik Washingtons, die Hisbollah zu isolieren, genauso gescheitert ist, wie die Idee der US-Regierung, ohne die Hamas eine Lösung im Nahostkonflikt zu finden, oder die amerikanische Vorstellung, die Region ohne Mitwirkung von Iran und Syrien zu ordnen."
Das Scheitern der US-Politik hat zweifellos seine guten Seiten, das unterstreicht der taz-Mann aus Kairo noch: "Wenn nur ein Teil dieser (jetzt in Gang gebrachten) Projekte erfolgreich abgeschlossen wird, würde erstmals die Dynamik der ständigen Eskalation gebrochen. Und nicht obwohl, sondern weil die in  der Region vollkommen diskreditierte US-Regierung aus all dem ausgeschlossen ist."
Ich sah dabei den Bush-Teufel und seine Gehilfin Condoleezza vor mir und musst an Goethes Mephisto denken, als er sich dem Dr. Faust vorstellt: "Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will, und doch das Gute schafft."

P-R-O-P-A-G-A-N-D-A

Eigentlich ist es müßig, noch einmal auf die Berichterstattung von Nicola Glass hinzuweisen, hab ich ja neulich schon getan. Sie sucht sich ihre Propaganda aus Gerüchten und nur selten objektiv benutzten Quellen zusammen. Jemand "habe glaubhafte Informationen erhalten", heißt es da, und es "verdichten sich Berichte über Zwangsräumungen von Flüchtlingslagern, Klöstern und Schulen."
Sie schreibt, als wäre sie die Pressesprecherin des Pentagon und zitiert auch noch den US-Verteidigungsminister Robert Gates als Kronzeugen gegen die Regierung von Birma. Gates habe gesagt, die USA hätten "etliche Male versucht, die Militärs dazu zu bewegen, mehr Hilfe anzunehmen." Heh, was hat eigentlich das Pentagon damit zu tun? Jedenfalls kann ich  gut verstehen, wenn sie in Birma amerikanische Frachtmaschinen landen lassen, verstehe aber nicht die Empörung von Nicola Glass: "Doch den Einsatz von US-Marineschiffen und US-Hubschraubern in dem am schwersten betroffenen Irrawaddy-Delta lehnen die Generäle weiter ab."
Als nicht parteiischer Beobachter kann ich da nur sagen: Das würde ich als souveränes Land ebenfalls tun, und wenn sich der US-Verteidigungsminister einmischt und Kriegsschiffe schickt, wäre ich auch gaaanz vorsichtig.

Autolobby

EU-Kommissar Günter Verheugen benützt gern das Gehirnwäscheblatt auto, motor und sport, um die Interessen der Autoindustrie zu vertreten und das Volk darauf vorzubereiten, was die Machthaber von den Autokonzernen planen. Verbraucher müssten 2012 "im Schnitt 2.000 Euro mehr hinblättern" für ein neues Auto, weil "höhere Umwelt- und Sicherheitsstandards" eingebaut werden.
Hinblättern? Verheugen sieht offenbar Autokäufer, die mit Geldkoffern ankommen und mit Schwarzgeldern ihre Dreckschleudern bezahlen.

Grüne Chefauslese

Ulrike Winkelmann hat zwar Ein- und Durchblick ins und im Parteientheater, aber der Bericht über die "Grüne Chefauslese" hat einen hohen ÜQ*. Die Zeit und Energie, die von der guten taz-Frau zum Schreiben dieses überflüssigen Stückchens aufgebracht wurde, hätte sie besser zum Lesen von Kaffeesatz oder Stillen Winkeln verwenden sollen.
*Überflüssigkeitsquotient

Kuba

Die Berichterstattung in der taz über Kuba geht meist auf Nummer sicher, bloß nicht abweichen vom Hauptstrom. Wer etwas lesen will, was nicht ebenso gut in ARD. ZDF, FAZ oder SZ stehen könnte, wird hier nicht bedient. Man tut immer so, als würden die armen Kubaner furchtbar unter der Diktatur leiden, weil sie nicht an den Konsumorgien im westlichen Maßstab teilhaftig werden. Da werden von Knut Henkel mal wieder durchschnittliche Einkommen umgerechnet, obwohl man die überhaupt nicht vergleichen kann. Völlig unterschlagen werden die Dinge, die tatsächlich Lebensqualität bedeuten (das Gesundheitssystem zum  Bespiel, und die fortschrittliche Medizintechnik, die ebenso wie Ärzte und Know-how exportiert werden). Und die Anschaffung von 8.000 (!) abgasarmen Gelenkbussen aus China wird vom taz-Mann eher zähneknirschend als Erfolg vermeldet. Zumindest gibt er zu, dass "eines der drängenden Probleme der kubanischen Bevölkerung gelöst wurde - der Nahverkehr innerhalb der Hauptstadt." Na bitte.
Sachkundiger kommt der Artikel von Bert Hoffmann daher, aber auch er hat den Blick des überlegenen Westlers drauf, und seine Beurteilung von Raúl Castro wirkt eher überheblich als anerkennend, dabei hat der Mann seit Fidels Rücktritt schon Einiges an Reformen in Gang gesetzt. Was soll denn der Maßstab sein, nach dem man Kubas Regierung beurteilt? Wie weit sie das Land dem westlichen Wirtschaftsmodell anpasst? Gott bewahre! Fidel und Che wussten schon, was  sie taten, als sie Batista stürzten und die Amis rauswarfen.

Ju-Lis, Jamaika und tazpresso

Die Jungen Liberalen haben keine Berührungsängste vor den Grünen, erfahre ich vom FDP-Parteitag in München. Eine "25-Jährige mit dem Nasenstecker", die vom taz-Reporter befragt wurde, erzählt zwar vom schlechten Image der Ju-Lis unter den Altersgenossen, aber sie hat den unwiderstehlichen Namen Mona Model, und Guido Westerwelle sollte sie sich unbedingt zum Vorbild nehmen. Rot-gelb-grün, das eine schöne Karibikinsel verbal in die Niederungen deutscher Parteipolitik herabzieht, ist ja sowieso der heiße Tipp. Wie Ulrike Winkelmann im Kommentar auf Seite 1 ausführt, sind sich die Parteien inzwischen so  ähnlich, dass eh jeder mit jedem kann, und ich bin sicher, das bald auch tazpresso-Koalitionen ins Gespräch kommen: Schwarz-rot-grün.
Hehehe.

Kommentar

4. Juni 2008

Ois Guate zum Geburtstag!

Heute hat Karl Valentin 126. Geburtstag, er lebe hoch, hoch, hoch!

Boykott. Leserstreik.

Dienstags wird die Wahrheit boykottiert, Leserstreik. Nur das Foto von Carla Bruni angucken, dann umblättern. Bloß nicht das blöde Tagebuch lesen. Nö. Ich streike.

Titeln ist ein Verb

Ja, titeln, Texte betiteln, sich Titelzeilen ausdenken. Da erfahre ich aus einem Untertitel auf "flimmern und rauschen" (für den Nicht-taz-Leser sei angemerkt, dass es hier um die Medienseite geht): "Jugendliche werden nicht unbedingt gewalttätig beim Egoshooten". Da hab ich gestern im Café Paradiso einfach nur einen Kreis gezogen mit dem Kugelschreiber und an den oberen Rand geschrieben: "Bäh!" Ich will Ihnen sagen, warum. Englische Überschriften sollte man vermeiden und nur dann spärlich einsetzen, wenn es einen guten Grund dafür gibt. Unerträglich sind englische Wörter in deutschen Texten, die dann auch noch vom Verb zum Hauptwort transportiert und groß geschrieben werden. Ganz und gar daneben läuft die Titelei aber in diesem Fall: Man darf nicht davon ausgehen, dass der Durchschnittsleser überhaupt etwas mit diesem Wort anfangen kann. Da war entweder der Autor oder der Redakteur betriebsblind.

Entdeckt

Da hat ein Autor einen Künstler entdeckt, von dem ich nie gehört habe, an dem ich auch nach der Lektüre des Beitrags auf den Kulturseiten nicht im Geringsten interessiert bin - und doch hab ich das gern gelesen. Da geh ich einfach mal davon aus, dass dieses Stückchen über Jacob Mishori gut geschrieben war, weshalb auch noch der Schreiber hier Erwähnung findet: Tal Sterngast.

Türkei: Leicht iss nix

Leicht iss nix, wenn es um die Türkei geht, aber man kann ja mal nach Istanbul fliegen und an einer Konferenz teilnehmen, und wenn das Goethe-Institut auch noch den Flieger bezahlt...
Das hat sich wahrscheinlich Daniel Bax gedacht, und erzählt uns dann wenig Neues über "Menschenwürde und Grundrechte im liberalen Rechtsstaat". Titelzeile: "Eine Gesellschaft der Angst". Das bezieht sich, selbstverständlich, auf die türkische, und gesagt hat das ein Universitätsprofessor. Ob's stimmt, weiß ich nicht, aber der gute Mann begründet seine Einschätzung, laut Bax so: "Jede Gruppe habe nur ihre eigenen Interessen im Auge, und das gegenseitige Misstrauen sei zu stark, um zu einem Konsens zu gelangen."
Leicht iss nix, wenn es um die Türkei geht. Ich zum Beispiel musste lange rätseln, was mir das Foto sagen sollte: Frauen mit und ohne Sonnenbrillen, alle in schwarzen Tschador-Gewändern mit Sonnenbrillen, die Köpfe mit Tüchern bedeckt. Sie recken Schilder in türkischer Sprache über ihre Köpfe und scheinen etwas zu rufen, eine Frau im Vordergrund macht eine weit ausholende Geste. Bildunterschrift: "Säkulare Türkinnen demonstrieren im Tschador gegen die Pläne der türkischen Regierung, das Kopftuchverbot aufzuheben." Hm. Nachdenk. Das sind also nicht-religiöse Türkinnen, die sich als religiöse Türkinnen verkleidet haben und in dieser Verkleidung dagegen protestieren, dass die islamisch eingestellte Regierung an den Universitäten die von Kemal Atatürk einstmals verbotenen Kopftücher wieder erlaubt. Puh!
Leicht iss nix, wenn es um die Türkei geht.

Deutsche auch

Die Zwischen überschrift fiel mir ein, weil ich im Cafégarten saß, als ich den Titel in der taz gelesen habe: "Griechen sitzen gerne im Freien". Das steht über einem Interview mit einem griechischen Krimiautor, der Petros Markaris heißt, und zusammen mit Theo Angelopoulos das Drehbuch zu "Der Bienenzüchter" geschrieben hat. Sie wissen schon, mit Marcello Mastroiani. Nee? Unbedingt ausleihen.
Dieses nette Interview, dass der taz-Kulturredakteur Andreas Fanizadeh geführt hat (beinahe hätte ich ihn wieder falsch geschrieben, verflixt!), führt zwei Menschen vor, die einfach ein schönes Gespräch geführt und sich bei der Arbeit offenbar gut verstanden haben. Deutsch kann er anscheinend auch, der Petros Markaris. Er sagt so Sachen wie: "Ich gehörte zu einer griechischen Familie armenischer Abstammung, und wir sprachen in der Türkei immer griechisch. ... Meine Heimat ist Istanbul." Fragt der taz-Mann: "Haben Sie nicht einmal gesagt, Deutsch sei Ihre sprachliche Heimat?" Markaris: "Nein, ich schreibe ja griechisch. Meine ersten Träume waren griechisch. Nur, wenn ich über meine kulturelle Heimat rede, dann ist das der deutschsprachige Raum. Mit Begriffen wie Vaterland kann ich nichts anfangen. ... Wenn ich mit Freunden spreche, sage ich oft: 'Ihr Griechen'. Ich bin ein griechischer Staatsbürger, ein griechischer Autor, aber ein Grieche von der Mentalität bin ich nicht."
Na ja, leicht iss da auch  nix.

"Dutschke"

Der Name steht in Anführungszeichen, weil das ein Filmtitel ist. Mareike Barmeyer war bei der Pressekonferenz und bei den Dreharbeiten, hat mit ein paar Statisten geredet, die als Demonstrantendarsteller verpflichtet wurden. Mittags gibt's Penne mit Tomatensoße für alle. Na ja, ne kleine Reportage halt. Ein Film entsteht also, dokumentarsich und mit Spielszenen, über Rudi Dutschke. Hat mich an das Gedicht von Jim Morrison erinnert:

Du hast deine Geburt gesehen, dein Leben und deinen Tod;
vielleicht kannst du dich erinnern an den ganzen Rest -
(hast du eine gute Welt gehabt, als du gestorben bist?) -
hat es ausgereicht, um einen Film draus zu machen?

Die parlamentarische Farce

Höchst interessante Gedanken äußert Rudolf Walther in seinem Kommentar zur Volksabstimmung in der Schweiz. Eine unsägliche Verschärfung des Ausländerrechts wurde mit Mehrheit zurückgewiesen. Walther findet, das spricht für das Schweizer System: "Es wird in der Schweiz weniger, langsamer und vorsichtiger regiert, weil über allen Projekten das Damoklesschwert des Referendums oder einer Gesetzesinitiative des Volks hängt. Gesetzgeberische Fehlkonstruktionen und Schnellschüsse sind deshalb seltener als hier ('Gesundheitsreform', Diäten, Hartz IV)."
Und den Leuten, die Angst haben vor Volksentscheiden und das parlamentarische System der Volksvertretung durch gewählte Abgeordnete so toll finden, hält Walther mit Recht entgegen: "Der faktische Fraktionszwang macht parlamentarische Entscheidungen zur Farce. Denn das verkrustete Parteienwesen hat die Korrekturkräfte des parlamentarischen Systems gelähmt und die Distanz zum Souverän vergrößert."
Nun gibt es ja Leute, die als erstes Argument gegen mehr Bürgerbeteiligung immer die Todesstrafe anführen, die bei einer Volksabstimmung eingeführt würde. Dagegen kann man inzwischen gut mit einem Gegenbeispiel angehen: Hätte das Volk über den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan abgestimmt, wäre heute kein einziger Soldat am Hindukusch. Und das wäre für unsere viel beschworene Sicherheit bestimmt von Vorteil.

Leser

Alfred Mayer aus München erinnert daran, dass die SPD vor der letzten Bundestagswahl eine Erhöhung der Mehrwertsteuer strikt abgelehnt hat. Daran erinnere ich gern auch noch mal. Mayer: "Diesmal wird hoch und heilig jede Zusammenarbeit mit der Linken ausgeschlossen. Auch das könnte vergessen sein, wenn es um Posten und Pfründen oder vielleicht sogar mal um das soziale Gewissen geht."

Unterdrückte Nachrichten?

Verblüfft lese ich eine dpa-Meldung in der taz über die "Freiraum-Tage": 29 Umzugstransporter sind angezündet worden. Und ein Bekennerschreiben liegt auch vor, und die Begründung für die Brandstiftungen lautet, man habe den Unmut ausdrücken wollen, "über Räumungen und Zwangsumzüge als Teil der Verdrängung alternativer Lebensformen durch Stadtteilveredelung." Ganz abgesehen, dass ich den Begriff Stadtteilveredelung viel besser finde als die "Gentrification", die der/die hochgebildete taz-Redakteur/in und seine/ihre akademische/r Autor/in bevorzugen - wieso erfahre ich in der taz nicht, was da los war? Wer hat diese Freiraum-Tage veranstaltet? Mit welchem Ziel? Was sind das für Leute? Heh, fühlt sich die taz nicht veranlasst, wenigstens darüber zu berichten, wenn sie das nicht unterstützt? Und woher soll ich sonst was erfahren? Aus Spiegelzeitsüddeutscherfaz? Die werden höchstens mit Schaum vorm Mund darüber informieren.
Dafür lese ich seit Tagen Hofberichterstattung über die ungelegten Eier in der Grünen-Chefetage, über irgendwelche Kandidaten die in ein paar Monaten für irgendeinen Posten kandidieren oder nicht, vom linken und vom Realoflügel. Das läuft bei mir langsam in der Abteilung "Fahrrad umgefallen in Obergiesing". Und sagt jetzt bloß nicht, das eine hätte mit dem anderen nichts zu tun: Es ist immer eine politische Entscheidung, ob man über die angepasste Ex-Opposition oder über den Widerstand außerhalb der offiziellen Politik berichtet.

Beruf: Schönheit

Wunderbar der Satz im Nachruf auf Yves Saint-Laurent von Dorothea Hahn: Er "kam 1936 in der algerischen Stadt Oran zur Welt. Als Sohn eines Kinobetreibers und einer Schönheit."
Über so was kann ich mich wirklich amüsieren, hehehe. Und weil das meine Laune gehoben hat, sei hier noch ein Satz vom Couture-Meister selbst  zitiert: "Das schönste Kleid für eine Frau sind die Arme des Mannes, der sie umarmt. Für jene, die diese Arme nicht haben, bin ich da."
Das klingt im Französischen womöglich stilvoller und poetischer - Arme und umarmt ist ja eine etwas unglückliche Wiederholung. Und im zweiten Satz müsste es wohl "jene Frauen" heißen, den das kann sich ja nicht auf die Einzahl-Frau im ersten Satz beziehen. Aber inhaltlich ist das schön gemeint. Großartiges Foto von Saint-Laurent, ca. 1958!

Zweimal am Tag Maismehl: tvF!

Die Reportage aus Kenia über die Hintergründe der "Neuen Hungerkrise" (Seite 3) ist wirklich taz vom Feinsten - große Klasse. Marc Engelhardt stellt die Realität dar, jenseits der Worthülsen und Programme, die zum Thema ständig abgelassen werden. Das ist sorgfältig recherchiert, gut geschrieben, auf den Punkt gebracht, um den es geht: Engelhardt gibt den hungernden Menschen ein Gesicht und zeigt die Armut - und die Hoffnung, mit geringen Mitteln die Menschen wieder mit der eigenen Landwirtschaft zu ernähren. Dabei darf nicht übersehen werden, dass die Steuern in Europa und den USA von den Regierungen dazu verwendet werden, die Großbauern zu subventionieren, die den afrikanischen Bauern die Existenz unmöglich machen.
Passend dazu auf Seite 2 der Bericht vom Welternährungsgipfel in Rom. Hier stehen auch die Informationen, die belegen, dass Angela Merkel keine Ahnung hat. Ihre dämliche Bemerkung vor ein paar Wochen, die Hungerkrise sei dadurch ausgelöst, dass die Inder jetzt zwei Mahlzeiten am Tag essen und diese Leute halt nicht wüssten, wie man die Landwirtschaft organisiert, war genau das: strunzdämlich. Die UN-Organsation für Ernährung und Landwirtschaft hat unter Berufung auf Studien der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds festgestellt, dass die Zunahme des Nahrungskonsums in asiatischen Ländern "nicht wirklich die Hauptursache des 2006 begonnenen plötzlichen Preisantriebs" sei. China und Indien führen im Gegenteil heute viel weniger Getreide ein als in den neunziger Jahren.
Nicht einmal davon versteht sie was, die allseits beliebte Bundeskanzlerin.

Kommentar

5. Juni 2008

Witz komm raus

"Ai gatta mai, mai gatta ria." Sagt ein Inder zu einer Gruppe von Indern, und die fangen alle an zu lachen. Daraus entsteht eine Textauslegung, die zeigt, wie brillant die etwas andere Art von Satire auf der Wahrheitseite manchmal sein kann. Guter Tag für die Wahrheit, denn unten schreibt auch noch Dietrich zur Nedden, und der kann wirklich mit Sprache umgehen und seine Geschichten in die erlebte gesellschaftliche Gegenwart einbinden.

Alice immer Schwarzer

Neulich, Montag oder Dienstag, auf Seite eins in der "verboten"-Rubrik rechts unten, wurde Alice Schwarzer unsachlich und gar nicht im üblichen locker-flockigen Tonfall angegriffen: Sie sei so ziemlich alles, aber keine Journalistin. Nun kann man so Einiges an ihr kritisieren, aber ihr abzusprechen, dass sie Journalistin ist, grenzt an Rufmord. Später habe ich dann herausgefunden, was zu diesem Angriff geführt hat: Ein Artikel über Birma, den Schwarzer für die Frankfurter Allgemeine Zeitung geschrieben hat. Darin hat sie sehr differenziert und sachlich die öffentliche Gleichmeinung zum Thema Birma und seine gegenwärtige Regierung angegriffen. (Sie erinnern sich, dass mir das am Beispiel der taz-Korrespondentin Nicola Glass auch aufgefallen ist.) Schwarzers Artikel war gut geschrieben, recherchiert anhand eigener Erfahrung: Sie hat Birma mehrmals bereist. Sie erinnert auch daran, dass der Name in Myanmar geändert wurde, weil nicht nur Birmesen in dem Vielvölkerstaat leben. Auch auf das Buch "Tage in Burma" von George Orwell weist sie hin, der in den dreißiger Jahren äußerst kritisch über die Engländer als Kolonialherren in Birma geschrieben hat. Kostet 10,90 Euro im Buchhandel.
Alice Schwarzer wurde für ihren FAZ-Artikel prompt von Spiegel und Süddeutscher wütend  attackiert - wer nicht mit dem Hauptstrom schwimmt, wird gnadenlos angekläfft.
Die taz versucht auf der Medienseite zumindest ihre eigenen vorschnellen Angriffe im Zusammenhang mit der Ablösung von Lisa Ortgies als Chefredakteurin der Zeitschrift Emma zurechtzurücken. Wie ich vermutet habe, ging es eben nicht so sehr um Alt- gegen Neufeminismus, sondern offenbar hauptsächlich darum, dass die Fernsehfrau Ortgies eben keine Erfahrung mit Zeitschriftenjournalismus hatte. Zumindest stellt es die Emma-Redaktion in einer Mitteilung an die taz so dar. Das versteckt man als kleine Meldung im Medienticker, während der voreingenommene Bericht von Heide Oestreich, die sich voll auf die Seite von Lisa Ortgies gestellt hatte, eine halbe Seite ausmachte. So geht Tageszeitungsjournalismus.

Kiss iss wieder da

Gestern hamse das erste Konzert in Hamburg gespielt: Die Monster von Kiss sind auf Tournee. Anlass, die Veteranen in der taz vorzustellen. Die Band gibt's jetzt seit 35 Jahren, und Didi Neidhart beschreibt sie kennntnisreich mit gutem Gespür dafür, wo sie im Popgeschehen einzuordnen sind. Was ich nicht mag: Wenn Musikjournalisten den Unsinn anderer Musikjournalisten zitieren. Auf Englisch, ohne zu übersetzen oder zumindest auf den Inhalt Bezug zu nehmen. Es stimmt nämlich nicht, dass alle Leser Englisch können, und erst recht nicht, dass man davon ausgehen kann, die meisten würden so was verstehen: "Pared-down urban-burlesque bootstrap electrocution for teenagers who wanna (mostly male), about teenagers who don't (mostly female)." Fängt schon an mit pared-down: beschnitten, eingeschränkt. Ach geh! Das ist doch blöde Schaumschlägerei, auf Englisch genauso wie auf Deutsch. Und wer mit seinem Spezialwissen so aufn Putz haut, überfordert dann auch noch Korrektor und Redakteur, die möglicherweise annehmen, der Autor wüsste so viel, da lässt man ihm dann auch durchgehen, dass es "Backmetal" gibt, wenn er offensichtlich Blackmetal meint: "Diverse Backmetalcombos glauben sogar, dass der Name Kiss 'Knights in Satans Service' bedeutet."
Lustig. Bei dem Comic-Spektakel, dass die bemalten und kostümierten Kiss-Männer aufführen, vergisst man meist zu erwähnen, dass sie zu ihrer Zeit richtig gute Konzerte abzogen, mit recht einfacher, handwerklich gekonnter Rockmusik. Und ein paar richtig gute Songs haben sie auch geschrieben.
Daneben steht ein Nachruf - Bo Diddley ist tot. Dass er eine "würfelförmige, aus dem Kunststoff Bakelit bestehende Gitarre" gespielt hat, glaub ich aber nicht. Das Material mag stimmen, aber sie war eher rechteckig und flach.

Spricht Gott arabisch?

Bahmad Nirumand berichtet über die Diskussion unter muslimischen Religions- und Rechtsgelehrten, die ein iranischer Philosoph ausgelöst hat: Abdolkarim Soroush ist der Ansicht, nicht Gott sei der Autor des Korans, sondern der Prophet Mohammed, ein Mensch mit Schwächen und zeitgebundener Sicht der Dinge. Das bringt Soroush in Gegensatz zu den Gelehrten, die den Koran für unfehlbar halten, weil er von Gott stammt, und deshalb kann man auch nicht anfangen, über den Inhalt zu diskutieren. Niroumand stellt die unterschiedlichen Positionen mit großem Sachverstand dar, und er macht deutlich, welche Auswirkungen sie auf das politische Geschehen in islamischen Ländern haben. Feiner Artikel, notwendige Aufklärung für interessierte Leser.

Immer gegen die eigene Regierung

Ein Kommentar zu den Pogromen in Südafrika, drei Spalten Kritik an einem Mann, dessen Vorname nicht ein Mal erwähnt wird. Vielleicht heißt er ja Präsident, der südafrikanische Politiker Mbeki. Der taz-Kommentator von Soest haut ihn jedenfalls gewaltig in die Pfanne, den Thabo Mbeki. Nun mag schon sein, dass der das Ausmaß des Hasses unterschätzt hat und die Truppen zum Schutz der Zuwanderer früher hätte einsetzen sollen angesichts der überforderten Polizeikräfte. Aber diese Art von belehrender Kritik hat auch etwas herablassendes. Ich weiß nicht, mir kommt es immer vor, als wüssten Leute wie von Soest (er heißt übrigens Christian mit Vornamen) bequem auf ihren reichlich dotierten Sesseln in europäischen Forschungsinstituten sitzen und von dort aus gut reden und schreiben haben. Dass "in den 14 Jahren demokratischer Regierungszeit ... Millionen Haushalte in den Townships an das Wasser- und Stromnetz angeschlossen" wurden und "die Gesundheitsversorgung verbessert" wurde, erwähnt er nur am Rande. (Wobei man nur vor Kurzschluss warnen kann, wenn Wasser- und Stromnetz tatsächlich eins sind.) Der Autor macht Mbeki verantwortlich für "die fortbestehende Armut und Ungleichheit. Bis heute ist Südafrika eine der ungleichsten Gesellschaften der Welt." Ob man "ungleich" steigern kann, sei dahingestellt, aber diese Aussage ist sinnfrei. Die "latente Fremdenfeindlichkeit" hätte Thabo Mbeki schon früher erkennen und deshalb die Pogrome verhindern können - so die These. Beleg: In einer Studie von 2006 waren "zwei Drittel der Befragten der Meinung, dass Ausländer staatliche Leistungen in Anspruch nähmen, die  eigentlich den Südafrikanern zuständen."  Eine solche Studie würde in Deutschland zu ähnlichen Ergebnissen kommen. Und mit dem Satz, dass "das beachtliche Wirtschaftswachstum in den vergangenen Jahren lediglich einer kleinen Schicht zugute" kommt, sollte man als Deutscher bei der Kritik einer anderen Regierung sehr vorsichtig sein. Ersetzen Sie doch einfach "das beachtliche Wirtschaftswachstum" mit "die Rekordprofite der großen Konzerne", schon reden wir über Schrödermerkeldeutschland.
Abbie Hoffman, 1968 Gründer der Yippies, der Youth International Party, sagte einmal sehr richtig: "Grundsätzlich sollte man immer am Sturz seiner eigenen Regierung arbeiten."

Regierung belügt Parlament

Die Bundesmarine verstößt ständig gegen das Mandat des Bundestags und gegen das Völkerrecht, und das Verteidigungsministerium verschweigt die Verstöße vor dem Parlament. Lügen durch verschweigen. Andreas Zumach versucht Licht in die Grauzone des Marineeinsatzes vor Somalia zu bringen und erinnert an die "heiße Kriegsphase vom 20. März bis zum 1. Mai 2003". In "26 erwiesenen Fällen gab die Bundesmarine Kriegsschiffen der Vereinigten Staaten und Großbritanniens, die Soldaten für den völkerrechtswidrigen Krieg gegen Irak und die anhaltende Besetzung des Landes transportierten, aktiven Geleitschutz."
Dieser Geleitschutz verstieß nicht nur gegen das Bundestagsmandat sondern auch gegen das Völkerrecht. Mit letzterem nimmt man es in Berlin eh nicht so genau. Die vorschnellen Anerkennung des Kosovo hat auch die rechtliche Situation der Bundeswehrsoldaten dort geändert. Und trotzdem wird das Mandat verlängert.
Gute Nachricht: Australiens Labour-Regierung beginnt mit dem Truppenabzug im Irak. Na bitte - geht doch. Wir sollten uns eben auch eine Regierung wählen, die Auslandseinsätze beendet. Okay, Landsleute?

Grün und schwarz

Zur seitenweisen und tagelangen Hofberichterstattung über grüne Karrieristen, die auf gut bezahlte Spitzenjobs ihrer Partei scharf sind, mag ich kein Wort mehr verlieren. Und über Roland Koch, den geschäftsführenden Ministerpräsidenten von Hessen mag ich eigentlich auch keine ganze Seite lesen und gucken (was für ein sympathisches Foto von dem Ekel!). Aber dann lese ich das Koch-Porträt trotzdem, weil es von Georg Löwisch geschrieben wurde, und der gehört zu den besten taz-Schreibern. Probe gefällig? "Koch verletzt Grenzen, aber bedacht, er gerät nie in Raserei. Seine Kampagnen erzeugen Gefühle. Doch er löst sie nicht impulsiv aus, sondern berechnend. Wird er attackiert, gibt er nur aggressiv zurück, wenn das nicht schadet."
"Edelfeder" nannte man das früher mal. Zeitgemäß könnte man vielleicht von Edellaptop sprechen.

Love & peace

In fünf Jahren sind weltweit die Militärausgaben um 30 Prozent auf 1,2 Billionen Dollar gestiegen. Ulrike Winkelmann berichtet über eine Pressekonferenz, bei der die fünf größten Friedensforschungsinstitute ihre neuen Zahlen vorstellten. Das halte ich für wesentlich wichtiger, als sich mit austauschbaren und gesichtslosen Anpassern von der Grünpartei zu beschäftigen. Aber trotzdem: Das bleiben abstrakte Zahlen, und nach dem oben angeführten Grundsatz von Abbie Hoffman sollte man sich auch bei diesem Thema lieber die eigene Regierung vornehmen. Vielleicht geht die gute Frau Winkelmann ja mal einen Schritt weiter und befasst sich mit den Lobbyisten, die hierzulande die Produktion von und die Geschäfte mit Kriegswaffen antreiben. Über Margarita Mathiopoulos, Exgünstling von Willy Brandt, Exgattin von Friedbert  Pflüger, leider keine Exlobbyistin für Rüstung weltweit, würde ich gern mal wieder was lesen. Die wohnt gar nicht weit von der taz entfernt.
Vielleicht hab ich ja einen Wunsch frei bei der taz. Iss n Haufen Arbeit, son Blog.

6. Juni 2008

Onkel Baracks Hütte

Weil die Schlagzeile auf Seite 1 so schön war, geht's heute mit dieser los. Da nimmt ein Farbfoto vom Weißen Haus in Washington die Hälfte der Titelseite ein, und "Onkel Baracks Hütte" steht oben drüber im blauen Himmel. Tja, da kommen jetzt bestimmt wieder politisch korrekte Leser an und beklagen sich - Obama wäre bestimmt kein Onkel Tom in der US-Gesellschaft, und überhaupt ... Rassismus etc. Ich kann mir nicht helfen: Das ist eine geniale Titelseite. Wenn einem so was einfällt, muss man's auch bringen, da geht kein journalistischer Weg dran vorbei.
Unten steht der übliche Seite 1-Kommentar, diesmal von Bernd Pickert, und der kommt ins Schleudern, wenn er über Hillary Clinton schreibt, "jene Frau, die so hart dafür gearbeitet hat, die erste weibliche Präsidentin der Vereinigten Staaten zu werden." Hm. Wollte sie nicht der erste weibliche Präsident werden? Oder die erste Präsidentin? Oder die erste Frau im Präsidentenamt? Ach, es ist ein Kreuz mit dem Deutschen und seinen weiblichen Endungen. Hätte ein Binnen-I geholfen? Die erste PräsidentIn. Der erste PräsidentIn? Die Amis habens da gewiss leichter: president ist wie so Vieles geschlechtsneutral. Im Englischen braucht's keine presidentess.

Die Schweiz: Heim ins Reich

Auf der Wahrheit fordert Thomas C. Breuer die Schweizer auf, sich endlich zu ergeben und dem Großkanton Deutschland beizutreten. Eine Forderung, die hier auf "Achtung: tazblog!" uneingeschränkte  Zustimmmung findet. Jawoll, auch wenn manche Schweizer gute Gründe dagegen anführen: "Das kann man schon verstehen, dass euch die Deutschen auf die Nerven gehen. Uns geht es ja selbst so, und wir wohnen in Deutschland. Die Probleme sind allgegenwärtig: Fluglärm, AKWs, Schweiz- ... - Pardon: Schwarzgeld und vor allem die Invasion der Gastarbeiter: Im Kanton Zürich ist schon jeder vierte Deutsche ein Mensch." Aber der Wahrheitschreiber Breuer hat einen Vorschlag zur Güte: "He, Schweizer, wir verschwinden gern wieder, wenn ihr dafür den Ackermann von der Deutschen Bank zurücknehmt. Dann sparen wir immerhin 14 Millionen Euro im Jahr."

Fährnseh

Nun mal ganz abgesehen davon, dass ich kein Fährnseh mehr hab, und das seit, was weiß ich, 15 oder 20 Jahren - interessiert es wirklich jemanden, ob Markus Lanz der bessere Kerner ist, wenn er Verena Poth interviewt? Wie bitte? Hieß die nicht mal Feldbusch und kommt seit 15 oder 20 Jahren im Fährnseh? Die hab ja sogar ich schon gesehen. David Denk hat genau hingeschaut: "Sie trug ein ziemlich enges knallrotes Kleid - eine eigene Kreation?"
Das sind so die Fragen, die "flimmern und rauschen" bewegen. Zur Abschreckung informiert mich Denk noch wie's weitergeht: "Am Freitag übernimmt er auch Kerners freitägliche Kochsendung - die sogar dauerhaft."
Nachdem ich das erfahren habe, muss ich mir wirklich kein neuen Fährnseh anschaffen - sogar dauerhaft.

Ehre der Ritter

Es gibt einen spanischen Film, "Honor de Cavalleria", von Albert Serra. Man kann ihn in einer englischen Version beim Versand erwerben, da heißt er dann "Honor of Knights" und kostet 30 Euro und n paar zerquetschte. Das iss ganz schön teuer für DVD, aber vielleicht doch nicht. Es geht um eine stark reduzierte Version des "Don Quijote". Den Schluss beschreibt Ekkehard Knörer in seiner Kolumne "dvdesk" so: "... als wären Don Quijote und Sancho Pansa in einem Stück von Beckett gelandet und stünden nun, etwas ratlos, darin herum. Gehen erst mal schwimmen. Albert Serra fängt das mit der Geduld und der Liebe eines Vogelbeobachters zu seinem Gegenstand ein. Am Ende gibt es aus heiterem Himmel Musik. Don Quijote spricht vom Tod und wird sterben. Das ist, ich weiß nicht warum, herzzerreißend."

Berichtigung

Da steht: "Richtig hätte es in Didi Neidharts prima Artikel über Kiss, die Mutter aller Schminkebands, gestern heißen müssen, Paul Stanley spielt die Gitarre. Nicht Bass! ... Den Bass spielt der Kiss-Sänger Gene Simmons höchstpersönlich."

Berichtigung der Berichtigung

Richtig hätte es in der Berichtigung gestern heißen müssen, dass der Artikel wirklich nicht so prima war.

Unser jährlich Allen

Ob ich den Artikel über den jährlichen Woody-Allen-Film lesen soll/will?
Ach nee, muss nicht sein. Ob ich ihn anschauen soll, ohne Scarlett Johansson? Nee, muss auch nicht sein.

Milch verschüttet

Man kann ja nicht oft genug daran erinnern, deshalb tut es Hanna Gersmann mal wieder, unter dem schönen Titel "Milch für die Welt": "Der europäische Steuerzahler hat das weltweite Bauernsterben lange Zeit massiv unterstützt: Jede Firma aus Europa konnte ihre Lebensmittel der Welt billig anbieten, weil sie aus dem EU-Agrartopf Geld bekam. Diese Subventionen sollen auf Drängen der Welthandelsorganisation zwar aufgehoben werden. Die hiesige Molkereiindustrie beeindruckt das aber nicht: Sie zahlt den Bauern weniger für die Milch und sahnt die Gewinne ab."
Also war das mit dem Verschütten der Milch schon richtig? Im Ansatz ja, aber ich finde, man hätte sie auch verschenken oder zu Milchpulver verarbeiten oder sonst irgendwie subversiv am Handel vorbei unter die Leute bringen können. Es bleibt ein unbehagliches Gefühl zurück, auch wenn die Aktionen offenbar zum Ziel geführt haben.

DKP - nee

Klaus-Peter Klingelschmidt schreibt in seiner Kolumne über "Väterchen Franz", Franz Josef Degenhardt, dessen Verirrung zur DKP im Jahr 1968 sehr viele Leute mächtig verwundert hat. Der Mann hatte schließlich "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern" geschrieben, und plötzlich sang er dann "Zwischentöne sind nur Krampf im Klassenkampf". Das kam mehr als Kalauer denn als ernstzunehmende Aussage rüber. DKP - das ging nicht, mit diesen bürgerlichen Kommunisten wollte ich nichts zu tun haben, auch nicht als der andere rebellische Franz beitrat, der Xaver Kroetz. Vielleicht hat die Partei in jenen Jahren Menschen mit doppelten Vornamen verstärkt angezogen? Dagegen spricht Klingelschmidts Einstellung, der damals auch entsetzt war, und eine DKP-Versammlung im Jahr 2008 als "offene Psychiatrie" bezeichnet.
Zu Degenhardts Ehre sei gesagt, dass er nicht lange für die DKP geklampft hat, und danach sang er wieder viele feine, neue Lieder, und das tut er jetzt, mit 77 Jahren auch noch. Weiß ich von Klingelschmidt: "Heute zieht er mit seinem Sohn durch die Konzertsäle. Und er hat seinen Spaß dabei."
Ich nehm mal an, dass es sich um eher kleine Konzertsäle handelt. Aber das kann ja erst recht Spaß machen.

Israel: Alte Politik, neue Waffen

Ehud Olmert, dem wegen Korruptionsvorwürfen das Wasser bis zum Hals steht, rasselt weiter mit dem Säbel: "Die iranische Bedrohung muss mit allen  Mitteln gestoppt werden." Er meint aber nicht diplomatische Mittel, sondern neue Waffensystem. Nichts Neues also vom israelischen Ministerpräsidenten, immer noch die alte Politik: Atombomben bauen und aufrüsten. Deshalb fliegt er noch schnell zu George Bush nach Washington, man weiß ja nie, wer nachkommt. Könnte durchaus sein, dass Barack Obama ihm keine brandneuen F22 Kampfflieger rausrückt, das neue Killerflugzeug, das die USA bisher noch an kein Land geliefert haben. Weil es weiter und höher fliegt, käme es genau recht, um iranische Anlagen für Atomforschung zu pulverisieren, als friedenstiftende Maßnahme. Und ein Raketenschutzsystem soll auch noch rausspringen bei dem Besuch.

Türkei: Alte Probleme, neue Politik

Die Türkei hat es doch tatsächlich geschafft, Verhandlungen zwischen Syrien und Israel in Gang zu bringen. Jürgen Gottschlich, guter Mann in Istanbul, weiß auch, wer hinter der neuen offensiven Außenpolitik steckt: Professor Ahmet Davutoglu, wichtiger Berater und Beauftragter von Ministerpräsident Tayyip Ertogan. Davutoglus Konzept: "Die Türkei als sowohl europäisches wie asiatisches Land kann sich nicht mit der passiven Rolle einer Brücke zwischen Ost und West begnügen, sondern muss selbst seine Interessen aktiv vertreten." Jürgen Gottschlich weiter: "Dazu gehöre an erster Stelle ein gutes Verhältnis zu allen Nachbarstaaten, weshalb die Türkei die Konfrontationspolitik gegen Syrien und den Iran nicht mitmachen dürfe."
Davutoglu hat kürzlich auch den Premier der autonomen Kurdenregion im Nordirak zu Gesprächen getroffen, berichtet Gottschlich. Und zur neuen türkischen Außenpolitik gehört auch die baldige Öffnung der Grenze zu Armenien. Na so was.
Den Namen des Professors Ahmet Davutoglu sollte man sich merken. So einen Berater kann man der israelischen Regierung nur wünschen
 
Neues vom Topf

Sie wissen ja: Ich will Sie immer wieder mal darauf hinweisen, wie gut in der taz oft die Bildauswahl gelingt. Die "brennpunkt"-Seite, auf der immer ausschließlich ein Thema vorkommt, oft in  mehreren Beiträgen, schmückt ein großes Foto vom Besuch des neuen Russen-Präse Dimitri Medwedjew (drei Mal vertippt beim ersten Schreiben!). Der Russe sitzt rechts in einem Stuhl mit Armlehnen (sehr edel antiquarisch wie neu aussehend) und hält sich an den Beschlägen am Ende derselben fest. Er trägt einen dunklen Anzug (der Russe, nicht der Stuhl!), dazu einen großen Seidenschlips mit dickem Knoten. Die Jacke ist mit einem Knopf geschlossen, das Schlipsende quillt unten merkwürdig erigiert heraus. Medwedjew (jetzt schon ohne Fehler getippt) schaut zu Angela Merkel, die symmetrisch zu ihm (dem Russen, nicht dem Fehler) links in einem gleichen Stuhl sitzt (sie und der Stuhl sehr edel antiquarisch wie neu aussehend), in einer ihrer immer gleichen Jacken mit den immer gleichen tellergroßen Knöpfen und den Flatterhosen. Sie hat die Ellbogen aufgestützt und die Hände vor sich auf dem einen Knie, das sie übers andere geschlagen hat. Zwischen ihnen steht ein schwerer Couchtisch mit Schublade vorn und dicken, glänzend gedrechselten Beinen. Edel, ach was sage ich, sehr edel antiquarisch wie neu aussehend. Merkel schaut ihren Gast nicht an, sondern feinsinnig und amüsiert lächelnd knapp an ihm vorbei, wahrscheinlich flirtet sie mit einem Objektiv aus der Fotografenmeute, die da vor den beiden knipsen dürfen. Hinter demTisch gähnt ein großer, offener Kamin, mit penibel aufeinander geschichteten Holzscheiten, die aber nicht brennen, sondern lediglich zur Dekoration in einem Metallgestell liegen. Alles ist penibelst sauber, sogar die Backsteine des Kamins sind rußfrei.
Klaus-Helge Donath, taz-Mann in Moskau, schreibt, dass es inzwischen 4.600 deutsche Firmenniederlassungen in Moskau gibt, davon 300 von Großunternehmen wie Siemens. Wen wundert's, wenn Donath noch anfügt: "In dem System aus Bestechung und Korruption scheinen sich besonders deutsche Unternehmen hervorzutun. Britische oder amerikanische Firmen lassen sich dagegen kaum auf illegale Nebenpfade ein." Donath zitiert aber vorsichtshalber noch Dietrich Möller, den Chef von Siemens Russia, der glaubt, "dass man in Russland ein sauberes Geschäft machen kann."
So sauber wie der Kamin auf dem Foto.
Siemens. Sauberes Geschäft.
Ich zum Beispiel glaube an den Weihnachtsmann, den Osterhasen und die freie Marktwirtschaft.

Kommentar

7. Juni 2008

Fische fangen

Afrikaner in Europa. Im Unterschied zu Asylbewerbern nennt man sie "Wirtschaftsflüchtlinge", weil sie dem Elend in ihren Heimatländern entgehen wollen. Dort finden sie keine Existenzmöglichkeit mehr, und sie vertrauen sich Schleppern an zu Lande und zu Wasser, um in Europa nach einem neuen (Über-)Leben zu suchen. Oft sind es Menschen von der Küste Westafrikas, die ihren Lebensunterhalt seit Generationen mit Fischfang bestritten. Das geht jetzt nicht mehr, weil europäische Fangflotten das Meer leergefischt haben. Neulich wurde ein spanisches Fischereiboot vor der Küste Somalias von Piraten gekapert. Ein spanisches Boot? Richtig, die Westküste bringt nichts mehr, Europäer müssen bis zur Ostküste, um Fische zu finden.
Die EU subventioniert den Fischfang mit Ihren Steuergeldern. Die verwendet sie auch, um "die Außengrenzen" zu schützen. Und seit sich die Innenminister der europäischen Länder geeinigt haben, werden Steuergelder auch dafür ausgegeben, um die Menschen, denen die Flucht aus dem von Europa geschaffenen Elend gelang, so schnell wie möglich wieder abzuschieben. Dazu schreibt Dominic Johnson auf der ersten taz-Seite einen treffenden Kommentar unter der Schlagzeile "Europameisterschaft im Abschieben": "Die gerne von den Lobsängern europäischer Kultur vertretene universelle Gültigkeit der Menschenrechte hat Europa selbst aufgehoben."
Das hat Tradition, denn unter der Tünche der Aufklärung wurden schon im 19. Jahrhundert in Afrika, Amerika und Asien die grauenvollsten Massenmorde verübt - Belgiens Leopold II. im Kongo, Englands allseits beliebte Königin Victoria in Indien, die Abgesandten spanischer Könige in Südamerika, Frankreich in der Karibik, Deutschland in Südwestafrika. Wer sich die Mühe macht, findet unzählige Beispiele barbarischer Gewalttaten, die Europäer in den Kolonien begangen haben, während sich Adel und Bildungsbürger wie die Krone der Humanität vorkamen und sich ob ihrer Aufgeklärtheit und Kultiviertheit gegenseitig auf die Schultern klopften.
Ich hör lieber auf.

Hüpfburg

Wunderbar, der mit Kohlestift gezeichnete Cartoon auf der Wahrheitseite: Ein Frosch mit hängenden Beinen schwebt frei in der Luft, neben ihm ein Mann mit breitem Lächeln, Hände lässig hinter dem Rücken, Beine locker nach hinten angezogen. Bildtitel: "Begegnung auf der Hüpfburg".
Der Text daneben, "Sportliche Altherrensensation", über den "49-jährigen Wonzbacher Bernd Würges" der "Weltfußballer des Jahres 2008" wird, ist ein echter Schmarren.
Unten beschreibt Michael Ringel, wie er vor zwei Jahren zur Weltmeisterschaft versucht hat, ein Panini-Sammelalbum mit Fußballbildchen komplett vollzukriegen. Das liest sich spannend, und am Ende versteht man auch die Überschrift: "Sex ist besser als Panini".

Sozialismus macht schlank!

Ob das schon das richtige Schlagwort ist, diese Zwischenüberschrift, um das massenhafte Interesse am Aufbau einer menschlicheren Gesellschaft neu zu wecken, jetzt, wo so viele den Klassenkampf von oben zu spüren bekommen? Oder doch lieber "Sozialismus hilft beim Abnehmen"? Wäre auch nicht schlecht. Vielleicht "Sozialismus ist sexy"? Hm, "sexy" wird eh zu oft verwendet. Oder wie wär's mit "Wir sind Sozialismus"? Nö, es ist ja noch nicht so weit. Nur im Buchhandel: Dietmar Dath hat im Suhrkamp Verlag eine "Streitschrift" verlegt bekommen, mit dem Titel "Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus." Der Titel bringt's garantiert nicht, das massenhafte Interessse. Mathias Bröckers schreibt darüber im "kultur"-Teil und zitiert den Ex-Spex- und Ex-FAZ-Redakteur Dath: Der Sozialismus "liefert einen soliden Begriffsrahmen, der durch die Geschichte der Sowjetunion und ihr unschönes Ende so wenig außer Kraft gesetzt ist wie die Aeronautik durch die Abstürze der ersten Flugmaschinen. Es gibt zehntausend Jahre Menschheitsgeschichte; erst seit hundertfünfzig Jahren wird versucht, sie bewusst zu steuern. Dass da einiges schief geht, ist unvermeidlich."
So kann man das schon sehen, und in Südamerika versucht man ja gerade wieder, bewusst am Steuerrad zu drehen. In den 90er Jahren kam ein Buch von Jean Ziegler heraus (der sich jetzt für die UNO um den Hunger in der Welt kümmert), ein Buch mit dem Titel "Marx, wir brauchen dich". Da hat Giovanni di Lorenzo nur müde gelächelt, als ich ihm, der zwei Tische weiter im "Zest" in der Adalbertstraße saß, die Anzeige für das Buch in der Süddeutschen zeigte. Er winkte ab, Sozialismus interessierte ihn nicht, er war viel zu sehr mit Karriere beschäftigt, die er dann ja gemacht hat.
Und ich hielt ihn, bei unserer ersten Begegnung ein paar Jahre zuvor, für einen hoffnungsvollen Nachwuchsjournalisten, mutig, links, aufrecht, eitel, aber engagiert für die Unterdrückten dieser Erde. Er schlug ein Interview mit Toni Negri im Pariser Exil vor. Yesss, das klang subversiv, konspirativ, links, aufrecht, engagiert und gar nicht eitel. Als di Lorenzo dann zurückkam aus Paris, brachte er ein Klasseinterview mit, ewig lang, aber so gut, dass wir es nicht kürzen wollten und über zwei Ausgaben von TransAtlantik verteilt haben.
Von dem Typen werden wir noch viel hören, dachte ich damals. Vermutlich aber nichts, was auf dem Weg zum Sozialismus nützlich wäre, denke ich heute. Mathias Bröckers setzt seine Hoffnung eher aufs Internet, "Lenin 2.0 gewissermaßen. Web2.0 macht jetzt endlich eine echte Planwirtschaft möglich, Genosse Stalin war seinerzeit einfach noch überfordert!"
Das Buch von Dietmar Dath kostet 10 Euro.

Wasser und Assbring

Ob das Zufall sein kann, dass da eine Doppelkritik zu zwei neuen CDs steht, und die Frauen haben beide etwas ungewöhnliche Nachnamen? Nun, Joan Wasser nennt sich als Popstar Joan As Police Woman, und Sarah Assbring veröffentlicht unter El Perro del Mar. taz-Autor Ulrich Rüdenauer hat sie mir beide näher gebracht, und in den Herkunftsländern der beiden Sängerinnen sind die Namen wohl gar nichts Besonderes: Wasser kommt aus USA, und die Schwedin Assbring würde wohl auch nur in englischsprachigen Ländern ein Glucksen auslösen. Besonders Joan Wasser hat mein Interesse geweckt. Die kennt vielleicht Leute! Mit Jeff Buckley war sie liiert und hat in seiner Band gespielt, für Lou Reed und Nick Cave hat sie ebenso den Geigenbogen geschwungen wie für Anthony and the Johnsons, und dann ging sie zuletzt auch noch mit Rufus Wainwrigt auf Tour. Ob ich mir mal wieder eine CD zulege? "To Survie" heißt die neue, und vielleicht ist es mal wieder Zeit, der notleidenden Musikindustrie unter die Arme zu greifen. Ich glaube, die letzte CD, für die ich Geld ausgegeben habe, war ein Dreifachalbum von Chet Baker bei 2001. War ein echtes Schnäppchen.

Solidarisch!

Sie bringen schon auch mal was Nötiges, Braves, Relevantes, Solidarisches auf "flimmern und rauschen", so isses ja nicht. Der ausführliche Bericht über den Journalisten Detlef Kolze, der von einer Bremerhavener Verlegerin wegen kritischer Berichte gefeuert wurde, gehört dazu. Gut geschrieben, gründlich recherchiert von Jan-Philip Hein, ein Lehrstück über Pressefreiheit in der Provinz, wenn einer sich mit den Honoratioren vor Ort anlegt. Den Namen der Verlegerin lass ich aus Bosheit weg, die kommt mir nicht ins Blog hier.
Hattse jetzt davon.

Pausenzeichen

Okay, ich mach mir jetzt was zu Mittag. Heute gibt's die berühmten Linsen, die in der Novelle "Delfina Paradise" so granatenmäßig danebengegangen sind. Was, die Novelle kennen Sie nicht? Da wird's aber Zeit für eine Werbeunterbrechung. Ach nee, lassen wir's. Gehen Sie einfach weiter runter, ich hab ja erst gestern dafür geworben.

Myafkabob - Myanmar, formerly known as Birma or Burma

Birma. Generäle. Junta. Diktatur. Elend. Taifun. Immer mehr Tote. Internationale Hilfsorganisationen. Generäle.  Frankreich: Kriegsschiff. USA: Kriegsschiffe. Kampfhubschrauber. UNO: Generalsekretär. Und die taz schlägt vor, auf Seite eins, am Ende eines Kommentars von Nicola Glass: Wenn die Regierung von Birma keine (wohlgemerkt: westliche) Hilfsorganisationen ins Land ließe, dann müsse man eben eine "humanitäre Intervention" starten. Diese Neusprechvokabel heißt ja nichts anderes als "friedensstiftende Maßnahme": Krieg.
Ohne mehr über Myanmar zu wissen als der durchschnittliche Zeitungsleser, kam mir etwas seltsam vor an der Art und Weise, wie Nicola Glass die ganze Zeit über "Birma" berichtet, das seit vielen Jahren Myanmar heißt. Und mir viel auf, dass sich offenbar alle Medien darauf geeinigt hatten, es jetzt wieder beim alten Kolonialnamen Birma zu nennen. Und noch was viel mir auf: Plötzlich waren die Generäle, die in Myanmar regieren, auf ähnliche Weise das Feindbild der deutschen und westlichen Medien, wie vor sechs Jahren Saddam Hussein.
Erst später habe ich erfahren, dass es den USA darum ging, ihre Kampfhubschrauber im Katastrophengebiet einzusetzen, dass die Nahrungsmittel auf Kriegsschiffen der US-Marine transportiert wurden, die zur Entladung in den Häfen von Myanmar einlaufen sollten. Und dass es gar nicht stimmte, dass die Junta keine ausländischen Helfer ins Land lassen wollte: Die südostasiatische Staatengemeinschaft war schon heftig am helfen.
Dann erfuhr ich, dass die Fäden der "Hilfsaktion" direkt im Pentagon zusammenliefen, und der amerikanische Verteidigungsminister Robert Gates sie in der Hand hielt. Und immer noch berichtete Nicola Glass aus  Bangkok in der taz dasselbe, was das bundesdeutsche Meinungskartell auch absonderte. Alle waren sich einig.
Alle? Nein. Ausgerechnet Alice Schwarzer, die das Land Myanmar von mehreren Reisen kennt, stemmte sich - ausgerechnet in der FAZ, gegen die Einheitsmeinung und wagte, ihre eigene dagegenzusetzen. Und wie sie aufschrieen, Spiegel, Süddeutsche, taz!
Weshalb ich das jetzt noch mal aufs Tapet bringe? Weil in der taz von gestern, 6. Juni, Andreas Zumach, der Korrespondent bei der UNO in Genf, in einem besonnenen, souveränen Kommentar mit klaren Worten die Invasionsforderung der Nicola Glass (ohne ihren Namen zu nennen) als groben Unfug bezeichnet, der die dümmste Politik beim Umgang mit der Militärjunta gewesen wäre, gegen das Völkerrecht verstoßen und lediglich den westlichen Interessen genutzt und nicht der Hilfe für die Bevölkerung gedient hätte.
Was ich sagen will: Seien Sie immer dann vorsichtig und misstrauisch, wenn sich alle - vom Außenministerium bis zur taz-Korrespondentin - einig sind. Das Pentagon hat eine hervorragende Propagandaabteilung, und der CIA hat seine Leute auch an den Stellen sitzen, wo entschieden wird, was als Meldung mit welcher Stoßrichtung verbreitet wird. Wenn ein paar Wochen alle dasselbe berichten, glauben selbst Medienprofis, das sei die objektive Wahrheit.
Oder, um es noch einfacher auszudrücken: Glauben Sie erst mal nichts, was in der Zeitung steht.

Die überhörte Stimme

Ein Leserbrief von Tobias-Jan Hagenbäumer aus Gerlingen gehört mit Sicherheit nicht zum Hauptstrom der veröffentlichten Meinung und hat bestimmt keine Aussicht, jemals eine Mehrheit zu finden. Schon deshalb sei er hier zitiert, weil es ja für die Wahrheit egal ist, ob sie von den meisten geteilt wird. Zum Artikel "Bei Aldi geht die Milch aus" schreibt Hagenbäumer: "Leider wird zurzeit in Bezug auf den Milchbauernstreik nur die Frage gestellt: 'Wie teuer muss Milch werden, damit die Milchbauern besser leben können?' Dabei finde ich die Frage: 'Kann Milch so teuer werden, damit Kühe besser leben können?' viel entscheidender."
Und wissen Sie was? Wenn der Streik diesen Aspekt einbezogen hätte, würde es auch den Bauern besser gehen.

Pamela Anderson und die EM

Hehehe, das beste Foto, das ich jemals von Pamela Anderson gesehen habe, ziert die Sonderbeilage zur Fußball-Euro, und dabei wird auch noch versucht, eine Verbindung zwischen den beiden Ereignissen herzustellen. Na ja, mühsam, schon klar, und nur weil Tom Kummer in seinem Beitrag über Pool-Jouranlismus ein paar Zeilen über Pamela Anderson verliert, wirkt der Zusammenhang nicht weniger gequält. Aber wenn ich abwäge, ob man deshalb auf das Foto lieber verzichtet hätte, schlage ich mich auf die Seite der taz-Redakteure: Unbedingt drucken. Die Seite würde ich für einen Layout-Preis in der Abteilung Tagespresse einreichen, vielleicht beim Art Directors Club.
Was den Artikel von Tom Kummer betrifft, da bin ich nicht so von der Wichtigkeit überzeugt. Andrerseits hat er recht: Die Stars im Showbusiness und im Sport wären ja keine, wenn sie die Zeitungen und die anderen Medien nicht zu Stars machen würden. Und Journalisten sind selbst schuld, wenn sie sich zu Deppen degradieren und sich ihre Arbeitsbedingungen vorschreiben lassen.
Lob: Ein absolutes Spitzenfoto illlustriert den Artikel, ein Körper taucht in einen Swimmingpool ein, nur die Beine sind zu sehen und die Sonnenreflexe unter Wasser am Grund. Der Fotograf sei extra mal erwähnt. Er heißt Julio Lopez, und sein Foto ist schlichtweg genial.
Tadel: Die Illustration trägt zur Verwirrung der Leser bei. Pool-Journalismus hat nichts mit Swimmingpool zu tun, sondern bezeichnet die Situation, wenn Interviews mit Sport-, Film-, Musik- oder Fernsehstars nicht mehr einzeln geführt werden können, sondern nur mit sechs, zehn, 20 Kollegen im Pool, und das heißt nicht, dass alle mit Pamela Anderson oder MichaelBallack schwimmen gehen. Pool heißt in dieser Bedeutung: Arbeits-oder Interessengemeinschaft, Gruppe, Kader. Kommt auch in der Bedeutung car pool vor, wenn sich ein paar Leute zusammentun und gemeinsam mit dem Auto zur Arbeit fahren.
Ich finde, das Leben ist schon verwirrend genug, man muss es nicht noch extra verrätseln. Da war Tom Kummer ja vorbildlich: In seinen gefälschten Interviews haben sich die Stars klarer ausgedrückt als in echten.

Nachtrag Medwedjew

Das Foto vom Donnerstag, ausführlich von mir beschrieben, auf dem Angela Merkel und der russische Präsident Dmitri Medwedjew in trauter Zweisamkeit auf edlem Gemöbel vor dem Kamin sitzen, stammte von ihrem Besuch in Moskau, nicht von seinem in Berlin. Da hätte ich schon vom Stil der Möbel her drauf kommen können. Die taz berichtigt für ihre Leser folgendermaßen: "Der Besuch des russischen Präsidenten Medwedjew fand ja erst gestern statt und hatte nicht schon vorgestern stattgefunden, wie die taz auf Seite 6 gestern zu berichten wusste. Wir bitten heute für gestern und vorgestern um Entschuldigung für diesen peinlichen Fehler."
Vom Foto sagen sie nichts, aber Sie haben es ja hier gelesen.

 Semitismus

Ein starkes Stück über Kriegsdienstverweigerer in Israel von Lutz Bernhardt. Ich erfahre, dass 26 Prozent aller wehrfähigen Männer und 43 Prozent der Frauen den Wehrdienst verweigern und damit gegen die Besetzung der palästinensischen Gebiete protestieren.
Prima.
Aber in dem Artikel steht auch, dass Kriegsdienstverweigerer anschließend große Schwierigkeiten haben, einen Job zu finden. Die Armee hat immer noch ein gutes Image beim Staatsvolk.

Heiligendamm: Alt ausgesehen

War alles nix letztes Jahr mit dem G 8-Gipfel und dem Abwehrzaun in Heiligendamm und mit George Bush im Strandkorb. Der Rambo aus USA hat keines seiner Versprechen in punkto Umweltschutz gehalten. eine Menge Leute wurden festgenommen, ohne dass ihnen was vorgeworfen oder später nachgewiesen werden konnte, und der Pressesprecher der Polizeitrupe Kavala (so hieß die 16.000-Mann-Versammlung) gibt zu: "Die Öffentlichkeit fühlte sich von mir falsch informiert, und zwar zu Recht." Die taz: "Er bestritt tagelang, dass bei den Protesten am Zaun Zivilpolizisten im Outfit von Autonomen im Einsatz waren - weil er es nicht besser wusste: 'Als die Polizeiführung den Einsatz schließlich zugab, habe ich ziemlich alt ausgesehen. Es war eine Peinlichkeit hoch drei, so vorgeführt zu werden."

Na dann, bis zum nächsten Mal, wenn es wieder heißt: "Achtung: tazblog!" - frech, kritisch, unabhängig.
Schönen Tach noch!

Kommentar

8. Juni 2008

Von hinten

Die taz-Redakteure wissen ja auch, dass viele Leser (so wie ich) die Zeitungslektüre auf der letzten Seite beginnen. Da steht  an diesem Wochenende nicht die Wahrheit, sondern es geht los mit dem Sonderteil Fußball-EM. Oben Hinweise auf die vorhergehenden Seiten 21 und 23. Michael Ballack in der Überschrift als besten Spieler der Welt zu bezeichnen ist natürlich großer Unsinn. Da bekennt der Autor Björn Bicker wohl seine Liebe, und die macht ja bekanntlich blind.

Wiese

Heute auf Seite 16, "Wiese", die Anzeigenseite:

                !!!
"Achtung: tazblog!"
Frech, kritisch, unabhängig
www.hans-pfitzinger.de
               !!!

Ob's was bringt? Keine Ahnung, ich hab noch nicht rausgefunden, wie und wo ich meine Seitenbesucher zählen kann. Aber der Service hat mir eine E-Mail geschickt, und da steht drin, wie ich auf ftp (oder heißt das ptf?) zugreifen und rausfinden kann, wie viele Zugriffe ich hab. Hätt ich wohl ein bisschen früher wissen müssen ...

Doch mal was aus München

Son Zufall: Kaum schaltet ein Münchner wie ich eine Anzeige, schon berichten die Monacophoben von der taz aus meiner Heimatstadt. Um die schwer gebeutelte Abendzeitung geht's auf der Medienseite, und den neuen Chefredakteur Arno Makowsky, dem seine Vorgänger 20 Prozent Leserschwund hinterlassen haben. Makowsky hat mit neuem Schwung das Layout und die Schrift umgestaltet, den Ablauf verändert und ein tägliches Stadtmagazin eingeführt. Jetzt sind auch mal längere Texte drin, und der neue Chef will offenbar die abgesprungenen etwas gehobeneren Volksschichten zurückgewinnen, nachdem die niederen Stände eh zu den Konkurrenten tz und Bild übergelaufen sind. Man kann ihm nur die Daumen halten. Ein hier namenlos bleibender Redakteur hat mir neulich berichtet, dass der Umbau noch andauert, aber die Redaktion würde jetzt wieder froh ans Werk gehen: "Hauptsache, der Fricke ist weg." Das war der Vize-Chef, und der macht jetzt keine Schleichwerbung mehr, der ist direkt Firmensprecher, bei einem Privatsender.
Auch Max Hägler, taz-Mann fürs Bayrische, schien von der netten Art des Herrn Makowsky angetan: "Er wäscht Erdbeeren und stellt die Hälfte davon seiner Assistentin auf den Tisch ('Ich glaube, dass die Zeit der bad-guy-Chefredakteure vorbei ist')."
Na ja, irgendwann kommt man vielleicht wieder auf die alte Erkenntnis zurück: Zeitungen werden besser, wenn die Redakteure Spaß an ihrer Arbeit haben. Das merkt dann irgendwann auch der Leser, und beim Zählen der Einnahmen am Schluss sogar der Verleger. Der gibt dann möglicherweise eine Runde Erdbeeren aus.

Gesprächsstoff

Es hat geklappt: Man redet wieder über die taz. Anlass gab die Titelseite vom Donnerstag (Bild vom Weißen Haus, dazu die Schlagzeile "Onkel Baracks Hütte"), und es bedurfte keiner großen hellseherischen Fähigkeiten zu meiner Bemerkung von vorgestern, dass sich wieder die politisch Korrekten zu Wort melden würden. Stürmisch ging's zu, Spiegel-Online schmierte den Senf drüber, und die Leserbriefredakteurin musste bestimmt ne Sonderschicht einlegen. Die Zuschriften, die den Gag misslungen fanden, blieben Minderheit.
Die Kontroverse, ob das als guter oder schlechter Journalimus einzustufen ist, ging offenbar auch durch die Redaktion, und man einigte sich auf eine Pro-und-Contra-Seite. Vorhersehbar gegen die Titelseite: Jan Feddersen, moralinsauer wie häufig. Dafür plädiert Bernd Pickert. Er verteidigt den Titel recht geschickt: "Wir geben mit der Zeile und dem majestätischen Bild des Washingtoner Machtzentrums dem Triumph Ausdruck, dass Onkel Tom passé ist - in Zeiten Onkel Baracks ist alles ganz anders. Schade, dass das missverstanden werden konnte."
Dabei hamse sich ja des naheliegenden Kalauers "Onkel Baracks Baracke" geflissentlich enthalten, Glückwunsch. Jetzt kann man nur die Daumen drücken, dass Obama tatsächlich einziehen wird in die mächtigste Hütte der Welt.
Sie wissen ja, auf dieser Webseite hier wird der Kandidat schon seit Ende März unterstützt. Neil Young war der Erste, der mich vor mehr als zwei Jahren auf Obama hingewiesen hat (das stand im Frühjahr 2006 in einem Artikel über Young - klicken Sie hier, oder in der Menueleiste oben auf "Bevorzugte Links"). Auch Stevie Wonder tut für Obama was er kann. Auf die Frage eines Redakteurs der Süddeutschen Zeitung, was die Nominierung für die "Community der Afroamerikaner" in Amerika bedeuten wird, sagte Stevie Wonder diese Woche in London:  "Ich habe keine Ahnung. Ich weiß ja nicht mal, wie Afroamerikaner aussehen."

Hoher ÜQ*

Kein schlechter Titel über Ilija Trojanows Lamento zum Thema bescheuerte Spezies: "Die Backpacker an der Buddha-Bar". Trojanow hat mal wieder alle Argumente gegen Rucksackreisende gesammelt, und die sind alle richtig. Nur könnte sein Kommentar auch vor fünf, zehn oder 20 Jahren geschrieben worden sein. Das ist wie bei Trojanow üblich wohlformuliert, aber es steht inhaltlich nichts drin, was ich nicht schon irgendwo gelesen habe. Ach, hätte ich doch weitergeblättert.
* Überflüssigkeitsquotient

Haareraufen

Wenn ich mehr und längere Haare hätte, würde ich mir dieselben raufen: Roland Koch führt die Parlamentsmehrhheit von SPD, Grünen und Linken in Hessen vor wie eine Schar unmündiger Anfänger. Ausgerechnet an einem fehlenden Satz, also an einem Formfehler, lässt er die Abschaffung der Studiengebühren scheitern. Einen größeren Gefallen hätte ihm Andrea Ypsilanti nach ihrem ersten und - wie sich herausstellte - sehr kurzfristigen Triumph über Koch nicht tun können. Die Frau kriegt wirklich nichts auf die Reihe, das wird schon fast tragisch. Genüsslich reibt ihnen Koch auch noch Salz in die Wunden: "Ich bin nicht das Kindermädchen der Mehrheitsfraktionen."
Georg Löwisch in seinem Kommentar: "So bleibt Rot-Rot-Grün in Hessen nur, auf bessere Zeiten zu warten. Auf einen anderen SPD-Chef als Kurt Beck. Auf einen Fehler von Roland Koch. Oder darauf, dass die Linke-Allergikerin Dagmar Metzger nach Amerika auswandert."

Mal wieder Ruanda

Er lässt immer noch keine Gelegenheit aus, seine Abneigung gegen die FDLR, die Demokratischen Kräfte für die Befreiung Rundas, zu unterstreichen. Und wieder ist er auf Vermutungen angewiesen, der Afrika-Spezialist Dominic Johnson: "Neun Menschen wurden getötet und über 20 verletzt, als mutmaßliche Kämpfer der ruandischen Hutu-Milizen FDLR am Mittwoch das Lager Kinyandoni überfielen, rund 80 Kilometer nördlich von Goma, der Provinzhauptstadt von Nord-Kivu."
Mutmaßlich, das gibt er zu. Und auch das steht noch da: "Während die FDLR jede Verantwortung zurückwies, obwohl sie das Gebiet kontrolliert, sprach die UN-Mission im Kongo (Monuc) von einem terroristischen Akt."
Irgendwie kriegt Johnson bei dem Thema immer wieder Schwierigkeiten, bei seiner Voreingenommenheit gerade Sätze zu formulieren. Auch wenn die FDLR das Gebiet kontrolliert, könnte es doch sein, dass sie für diesen speziellen Überfall nicht verantwortlich ist. Und auch wenn die Monuc das als terroristischen Akt bezeichnet, behaupten sie damit doch nicht, dass ihn die FDLR begangen hat.
Worum es im Ostkongo tatsächlich geht sagt Johnson auch: um Mineraliengeschäfte. Darauf sind sie alle scharf, die USA, die EU, der Präsident von Ruanda, der von Uganda, die Regierung des Kongo und wahrscheinlich auch die FDLR. Dass Dominic Johnson über die Ereignisse und die Beteiligten in der taz so berichtet, als sei er Pressesprecher des Auswärtigen  Amtes, das hat mich ja schon im April sehr verwundert. Ich kapier's bis heute nicht.
Aber nachdem ich mal neugierig geworden bin, bleibe ich auch dran.

Politik alter Art

Um Israel verläuft die Grenze zwischen westlicher Lebensart und dritter Welt. Diesseits der Grenze befindet sich der Vorposten der USA, die übliche Verschwendung - man liegt am Pool und schaut über die Mauer hinaus ins Land. Und man weiß, dass den Leuten da drüben gerade der Strom abgestellt wurde und sie unter Wassermangel leiden.
Die gegenwärtig Herrschenden lernen offenbar nichts dazu. Ehud Olmert kehrt nach seinem Einkaufsbummel für neue Kampfflieger aus Washington zurück, und will von Verhandlungen nichts wissen. Laut dpa sagte er, "das Pendel schlage eher in Richtung einer Militäroperation als in Richtung Waffenruhe aus."
Was für eine Sprache - pendelt er seine politischen Entscheidungen bei okkulten Sitzungen aus? Jedenfalls scheint ihm der große Bruder und Geldgeber in Washington Rückendeckung für seine Politik alter Art gegeben zu haben: Missachtung von UNO-Resolutionen, Grenzverletzungen, staatlich befohlene Todesstrafe ohne Gerichtsverfahren (wobei billigend unschuldige Opfer in Kauf genommen werden), Besetzung von fremdem Territorium, willkürlich unterbrochene Energieversorgung, Abriegelung des Gaza-Streifens und Armeeüberfälle auf palästinensisches Territorium.
Aber es tut sich was ringsum, im Libanon, in der Türkei, in Syrien, in den Golfstaaten, und vielleicht taucht ja auch in Israel endlich ein Politiker auf, der für einen Wechsel steht, die alte, verknöcherte Konfrontationsstrategie überwindet und sagt: Yes, we can!

Kommentar


9. Juni 2008, später Eintrag

Peter Rühmkorf - servus!

Schön ist: Es war ihm vergönnt, noch die letzte Buchveröffentlichung zu erleben: "Paradiesvogelschiß". Da konnte er beruhigt abgehen - ihm war ja klar, dass die Zeit gekommen ist, und die letzten Gedichte hat er uns bereits mit dem bewussten Blick aufs Ende hinterlassen. Seinen Humor verloren hat er nicht deswegen.

"Schaut nur nicht so bedeppert in diese Grube.
Nur immer rein in die gute Stube.
Paar Schaufeln Erde, und wir haben
ein Jammertal hinter uns zugegraben."

"Also - gut, Du willst den Dichter geben.
Praktisch von den eigenen Seufzern leben."

"Dies Gedicht für Nicole Kidman
könnt ich praktisch jeder widmen"

Wenn irgendwo in einer Zeitung der Name Peter Rühmkorf aufgetaucht ist, ging es mir immer gleich ein bisschen besser. Das fing schon an, als ich noch zur Schule ging, und hörte auf, als vor ein paar Wochen sein letztes Buch in der taz besprochen wurde. Da hatte ich den Eindruck, er war fertig mit der Arbeit, im besten Sinne.
Ja, trauern wir um Peter Rühmkorf, und schweigen wir nicht - ganz in seinem Sinne -, wenn die Dreckskerle jetzt beschließen, neue Atomkraftwerke zu bauen. Sie sollen nicht damit durchkommen.

9. Juni  2008

Sie wissen ja, montags macht der tazblog Pause, weil's sonntags keine taz  gibt. Damit der Tag nicht ganz ohne Eintrag bleibt, kommt hier eine Mail, die ich an einen Fruend und Kollegen geschickt habe, der mir seinerseits ein paar Fragen und Hinweise zum tazblog zukommen ließ. Hier meine Antwort:

Lieber B., herzlichen Dank für deine wahrhaft konstruktive Kritik.
Was Myanmar oder Birma oder, wie ich es demnächst nennen werde, Myafkabob (Myanmar formerly known as Birma or Burma) betrifft, hab ich davon so wenig Ahnung wie du. Na ja, vielleicht ein bisschen mehr, weil ich neulich mal nen Artikel gelesen habe, in dem stand, wie die Menschen dort von den Briten in den 30er-Jahren beschissen, gedemütigt und ermordet wurden, und seither kann ich j e d e s Misstrauen dererseits gegenüber allem, was aus Richtung westlich kommt, besser verstehen. Inzwischen glaube ich, dass sich die Amis gern Birma unter den schmutzigen Nagel reißen würden, um einen weiteren Fuß neben China zu haben, so wie sie Irak wegen dem viel wichtigeren Iran befreit haben. Merke: Be nice to America, or we will bring democracy to your country.
Zur Gehirnwäsche: "Die Sehnsucht nach kondomer Meinung" - oh, wie recht du unglücklicherweise hast. Das deutsche Medienkartell wird gefüttert von CIA und Pentagon. Nach einer Weile glauben die Leute, das in Spiegelsüddeutschezeittazfaz ihre eigene Sicht der Dinge steht. -
Zu Alice Schwarzer: Wenn die meine Pornosammlung sieht, schneidet sie mir den Schwanz ab. Das ändert nichts daran, dass ich sie in mancher Hinsicht als meine Verbündete schätze, weil sie sich aus den allgemein zugänglichen Nachrichten nicht das allgemein Verlangte und Gewollte rausholt, sondern es erst mal durch ihren eigenen Kopf laufen lässt. Und dann teilt sie ihre eigenen Gedanken mit, ohne Rücksicht darauf, was gerade massenkompatibel ist. Das mag ich an ihr.
 
Die "fehlende Möglichkeit des Kommentierens in Deinem tazblog": Da haste unrecht, denn im Vorspann ist ein Link auf meine E-Mail. Aber du hast recht, es ist ja keine als Blog eingerichtete Vorgabeseite, die ich da benutze, wo man zu jedem Beitrag einen Kommentar eingeben kann. Das ist meinerseits Absicht, weil ich diese Art Seite etwas ungewöhnlicher gestalten kann. Deiner Anregung nachgebend, habe ich jetzt immer am Ende eines Tages eine weitere Möglichkeit zum Kommentieren eingerichtet. Probier's mal aus und mail mir, ob das auch geht. Danke.
Das mit der Doppelablage (in "Blog + Leseproben") wirkt vielleicht lästig für dich, ist aber aus zweierlei Gründen ein Service: a)tens: Man kann es in chronologischer Reihenfolge hintereinander lesen. b)tens: Es geht nicht anders. Wenn ich etwa das Volumen erreicht habe, das eine Woche Einträge ausmacht, stürzt mir der Webbaukasten ab, wenn ich noch was Neues eingeben will. Offenbar ist der Speicherplatz pro Seite begrenzt.  Also: Meine Lösung ist eine Reaktion auf die technischen Möglichkeiten, an die ich gebunden bin, kein Versuch, das pp. Publikum durcheinander zu bringen.
Hach, der Hans und die Technik.

Schöne Tache,
frohes Schmatzen,
möge dein Konto aus allen
Nähten platzen!

EM bringt Kunst

Doch was zur taz, Nachtrag vom Wochenende: Weil in Österreich Fußball-EM abgehalten wird, stellt man ein taz mag mit Themen aus dem Nachbarland zusammen, und weil 40 Jahre seit 1968 vergangen sind, bringt Robert Misik einen Beitrag zur Kunst unter. Dem Fachmann Jean Stubenzweig hatte ich den Artikel mit dem doch sehr trefflichen Titel "Blut, Scheiß und Tränen" geschickt. Es ging um die Aktionskünstler Günter Brus, Valie Export, Otto Muehl, Hermann Nitsch, und andere mehr.
Valie Export ist mir in guter Erinnerung, weil ich einmal ihre Brüste befühlen durfte bei einer Veranstaltung im Circus Krone in der Marsstraße. Da spielten auch Paul und Limpe Fuchs. Limpe spielte Schlagzeug, und sie trat immer mit nacktem Oberkörper auf, den sie, wie auch das Gesicht, schwarz bemalt hatte. Ihr Ehemann Paul spielte auf selbst gebauten Instrumenten und erzeugte oft infernalischen Lärm. Derweil ging Valie Export im Publikum herum und führte ihr "Tastkino" vor. Dazu hatte sie sich einen Pappkarton um den Oberkörper gebunden, der vorne offen, aber mit einem Vorhang versehen war. Jeder der wollte, durfte in den Karton hineinlangen und ihre Brüste befummeln. Das war sehr schön und ich fand das erregend, so demokratisch jeden, der sich traute, an ihre Titten zu lassen. Sie hatte wohl auch ihren Spaß, ihre Nippel wurden ganz hart, und sie sah mir gütig lächelnd und irgendwie triumphierend in die Augen.
Misik vertritt nun im taz mag den Standpunkt, dass "68" in Wien eher als Revolte gegen den Kunstbegriff denn als politischer Aufstand in Erinnerung geblieben ist. Als ich den Artikel aus der Online-taz fischen wollte, fragte Google ungläubig: "Meinten Sie 'Blut, Schweiß und Tränen'?", zeigte aber brav gleich das Gesuchte in den Ergebnissen an.

Kommentar von Jean Stubenzweig:

Der Text ist soweit in Ordnung, zeigt aber einmal mehr das Problem der jüngeren Zeit: Sie schreiben schnoddrig und allwissend, gehen aber nicht in die Tiefe. Auf die Wurzeln dieses Aktionismus gehen sie nicht ein: daß nämlich Blut, Schweiß und Tränen tief in diesem unglaublichen Katholizismus und in einer vermutlich daraus resultierenden romantisch-apolitischen Haltung verankert sind. Das dürfte mit der Grund sein, daß Brus, Nitsch und so weiter in der Regel Unverständnis entgegensprang und -springt. Aber so ist das eben mit unseren Journalisten und Schriftstellern: Da viele nicht bereit sind, den Teufel zu studieren, sind sie auch nicht in der Lage, ihn auszutreiben.

Kommentar

10. Juni 2008

Obama und die Dylans

Neil Young. Scarlett Johansson. Stevie Wonder. Grateful Dead. Der Liste der Künstler und Musiker, die Barack Obama unterstützen, muss jetzt auch noch der Name Bob Dylan hinzugefügt werden. "Unterm Strich" zitiert die taz-Kultur ein langes Interview aus The Times mit dem Pulitzerpreisträger 2008: "Wir haben da jetzt diesen Kerl, der die Bedeutungen von Politik von Grund auf neu definiert." Und: "Bin ich hoffnungsvoll? Aber ja, ich hoffe, dass sich die Dinge mit ihm zum Besseren wenden werden. Manche Dinge müssen sich einfach grundsätzlich ändern."
Dylan ist jetzt 67, Obama gehört schon zur nächsten Generation. Da gibt's in der Familie Dylan anscheinend keinen Konflikt, denn Bobs Sohn Jesse hat den wunderbaren Videoclip "Yes, we can!" mit dem Rapper Will.I.am produziert, den man auf YouTube sehen und dabei noch ein paar schöne Frauen außer Scarlett Johansson bewundern kann. Bob Dylan hat im Times-Interview auch noch väterlichen Rat für die jungen Leute: "Man sollte immer das Beste aus der Vergangenheit herausholen, alles Schlechte dort zurücklassen und weiter in die Zukunft gehen."
Das sollte man.

Die Perser

Klassisches griechisches Theater in Braunschweig, "Die Perser" von Aischylos, mit Publikumsbeteiligung auf der Bühne und einem Chor aus 300 Braunschweiger Bürgern, in der taz aufbereitet für all jene Bildungsbürger, die sowieso schon Bescheid wissen. Das liest sich dann so: "Nicht nur der Zusammenhang zwischen Theater und Demokratie, auch die Kollektiverfahrung in einer individualisierten Gesellschaft und die Auslotung psychischer Grenzen zwischen Ichbehauptung und Massenemphase sollten erfahrbar gemacht werden."
Graue Theorie kippt mal wieder um in zappenduster.

Chinapop

Mit einem Ticket von EMI, Warner und Universal ausgestattet, darf Susanne Messmer drei Tage nach Hongkong fliegen und für die taz eine Seite füllen. Was sich die Plattenmultis davon versprochen haben weiß der Kuckuck, aber Frau Messmer hat mal wieder ein Stück von der - na, was wohl? - "globalisierten Welt" sehen dürfen. Und falls Sie sich als taz-Leser für "Cantopop, Mandopop, Cutiepop" - so die Überschrift - interessieren, hier werden Sie geholfen. Ein Foto hat sie auch mitgebracht, aber das wurde dann von der Redaktion wohl vertauscht. Oder die Bildunterschrift. Oder sollte der Leser rätseln, wo die zwei Bewohnerinnen Hongkongs versteckt waren?
Aber es war das nicht nur eine lustige Rätselseite, auch wer was für seine musikalische Bildung tun wollte, kam voll auf seine Kosten: "Im Kantonesischen gibt es neun Tonhöhen, also fünf mehr als in Mandarin. Es sei also schwer, so zu texten, dass die Töne auch in die Melodien passen." Das haben Sie bestimmt nicht gewusst, oder? Ich jedenfalls habe noch mehr Neues gelernt, zum Beispiel: "Cantopop lebt und heißt jetzt Cutiepop." Vollkommen beruhigt hat mich dann der Schlusssatz: "In Hongkong haben die Dinge noch immer mehr Ordnung als in anderen Megacitys in dieser" -  Achtung, jetzt kommt's gleich! - "globalisierten Welt."
Halloooo? Sind Sie noch wach? Es geht weiter!

Die Woche

Sie wissen ja, Friedrich Küppersbusch gehört zur Pflichtlektüre.  Wegen der Fußball-EM hamse nur eine Seite taz zwei, und da kommt geballt die Kolumne von Dagmar Herzog über die USA im Wandel vor der Wahl, ein schöner Ausflug in die Popgeschichte anhand von Pete Doherty und seinem Knastaufenthalt und eben das Küppersbusch-Interview. Über eine Antwort zum Vorwahlkampf Clinton - Obama musste ich breit grinsen: "Wenn die Democrats das rauskriegen wollten, wissen sie jetzt: Man muss den Amerikanern mit einer Frau Angst machen, damit sie einen Farbigen akzeptieren. Oder umgekehrt."
Das erinnert mich an eine Geschichte über Stevie Wonder, die ich immer für einen Witz gehalten habe. Seit letzten Samstag seine Sprüche in der Süddeutschen standen, bin ich mir nicht mehr so sicher. ("So Sie kommen aus Deutschland? Tollen Anzug haben Sie an! Waren Sie bei meinem letzten Konzert? Tatsächlich? Ich hab sie gar nicht gesehen.") Also, das, was ich immer für einen Witz gehalten habe, ging so: Frage eines Journalisten an Stevie Wonder: "Ist es nicht schrecklich, blind zu sein?" Sagt Stevie Wonder: "Lieber blind als schwarz."

Der buddhistische Gang

Manchmal entwickeln sich die Dinge schneller, als ich es in meinen kühnsten Träumen zu hoffen wage. Vor zwei Jahren stand in einer kleinen Intellektuellen-Zeitschrift mit dem untertriebenen Titel Die Gazette ein Artikel über das Ende des Ölzeitalters. "Peak Oil" hieß der damals nur wenigen Leuten bekannte Begriff, und gemeint war der Zeitpunkt, an dem die Erölförderung ihren Höhepunkt erreicht, weil die Vorräte zu Ende gehen. Von da an geht's bergab, Öl und damit Benzin und Gas werden immer teurer.
Das verändert unsere gesamte Existenz in einem Ausmaß, das sich die meisten Menschen im Westen, die den gegenwärtigen Lebensstil für "natürlich" halten, schwer vorstellen können. Für uns ältere Zauseln wird sich die Rückkehr zu früheren Überlebensstragien nicht so dramatisch darstellen. Zum Beispiel werden Kartoffeln aus Chile und Südafrika nicht mehr mit denen aus Erding und Fürstenfeldbruck konkurrenzfähig sein, weil an die S-Bahn Güterwaggons zur Versorgung der Großstädter mit Lebensmitteln angehängt werden. Weine für Münchner kommen nicht mehr aus Chile und Kalifornienen, sondern mit Güterzügen aus Schwaben, Franken und höchstens noch vom Gardasee. Der Plastikramsch, der ja ebenfalls aus Erdöl hergestellt wird, verschwindet. Kinder kriegen wieder Holzspielzeug. Die Karosserien der solar betriebenen Elektroautos werden aus Hanf hergestellt, der in unseren Breiten wächst und gedeiht. Und Iran und Israel werden schon bald von Atom- auf Solarenergie umsteigen, denn die gibt's dort im Überfluss. In ganz Afrika entstehen unter Anleitung von Jürgen Kleinwächter aus Lörrach Solar Villages, die ihren Energiebedarf selbst erzeugen. Die Sahelzone wird wieder begrünt und zur Kornkammer für die umliegenden Länder. Irgendwann wird es dann keine Kriege für Öl mehr geben, weil es kein Öl mehr gibt. Das wird noch ein bisschen dauern, andere Dinge werden sich schneller ändern. Der Verkauf von Geländewagen und anderen Spritfressern geht jetzt schon zurück, was wiederum den CO2-Ausstoß reduziert.
Und ich muss mich nicht dauernd aufregen, dass so Vieles falsch läuft um mich herum, und kann mich zum Meditieren zurückziehen mit dem Wissen: Es geht alles seinen buddhistischen Gang. Aaaaoooommmm.
Hm.

Kommentar von Dr. Jean Stubenzweig

Aber wer wird zuerst seine Stars and Stripes in die Sonne rammen und laut rufen: Ich bün all hier!?

Nichts begriffen

"Aber wirklich begriffen haben beide Seiten nichts." Das nenne ich Journalismus, und ein solch kühner Satz muss schon von solidem Wissen über seinen Gegenstand untermauert sein. Dieses Wissen und die Souveränität hat der Medienredakteur Steffen Grimberg, wenn es um den Streit der Verleger und der öffentlich-rechtlichen Anstalten ums Internet und das zukünftige Online-Fernsehen geht. Grimberg kriegt gleich zwei Gelegenheiten, seine Kenntnis der Dinge vor dem Leser auszubreiten, einmal auf der Seite "flimmern und rauschen", und dann noch, was selten vorkommt, auf der Seite "meinung und diskussion". Fazit der Berichterstattung: Die Verleger kämpfen für ihre Marktposition, die Öffentlich-Rechtlichen für ihren Informationsauftrag, und die Politik bastelt einen neuen Staatsvertrag, der angesichts der rasanten Entwicklung des Internets nach Grimberg "aberwitzig" sein wird.

Hübsch auf Karriere getrimmt

So 'nem Juso-Vorsitzenden standen ja früher mal alle Wege offen, MdB, Fraktionsvorsitz, Parteivorsitz, und danach musste man gar nicht lange an den Gitterstäben des Kanzleramts rütteln, und dann war man auch schon drin. Wie gesagt, früher. Heute fällt es schwer, sich irgendeinen Sozialdemokraten als Bundeskanzler oder gar -kanzlerin vorzustellen, von der Juso-Vorsitzenden Franziska Drohsel ganz zu schweigen. Obwohl - vielversprechende Ansätze, die Grundvoraussetzungen zu erfüllen, hat sie schon gezeigt: Aus reinem Opportunismus hat sie die Rote Hilfe verlassen, weil sie befürchtete, die weitere Mitarbeit könnte ihrer politischen Karriere schaden. Das war doch schon mal ganz fein SPD-mäßig, vielleicht bringt sie es doch noch zu was - als Frau hübsch aussehen muss ja kein Nachteil sein.

Kein Staat mit Kopftuch

An der taz-Berichterstattung über die Türkei gibt's einfach nichts auszusetzen - weder vom Umfang noch von  der Kompetenz her. Gleich drei Leute informieren über die Lage nach dem Verbot des Kopftuchverbots - oder sollte man sagen nach der Aufhebung der Kopftucherlaubnis? - der bewährte taz-Korrespondent Jürgen Gottschlich und Dilek Zaptcioglu berichten aus Istanbul, und Deniz Yücel bringt Licht in die neuen Fronten zwischen Linken und den "moderaten Islamisten." Sage keiner, die türkische Politik sei langweilig. Was sich da im Spannungsfeld zwischen Regierung, Parlament, Justiz und Militär abspielt, könnte kein Theaterregisseur der Welt aufregender inszenieren. Türkische Politik im 21. Jahrhundert hat größeren Unterhaltungswert als so manches Fußballspiel.

Sie wehren sich

Mit Pfeil und Bogen, Frauen und Männer Seite an Seite, wehren sich die letzten Eingeborenen im Dschungel an der Grenze zwischen Peru und Brasilien gegen das Flugzeug, aus dem sie fotografiert werden. Was soll man dazu sagen, vor allem: Was soll man dagegen tun? Alle Leute dazu zwingen, sich John Boormans Film "Der Smaragdwald" (1985) anzuschauen? Das Thema und das Bild auf die Seite eins bringen, wie die taz es tut? Einen gut recherchierten Beitrag für die Seite drei zu schreiben, wie Gerhard Dilger es getan hat? Darauf hinweisen, dass der geplante Bau der Transocéanica-Autobahn den Geschäften mit Agrarexporten für den chinesischen Markt dient? Oder daran erinnern, dass hier in Deutschland die Versiegelung des Bodens mit Parkplätzen, Straßen, Autobahnen, Einfamilienhäusern ungebremst weitergeht? Lokal handeln, global denken - dann muss man, ohne die Sauereien in anderen Ländern außer acht zu lassen, erst einmal vor der eigenen Haustür kehren:

Endlich Schluss mit dem Autowahn -
kein Geld mehr für die Autobahn!

Das wär doch schon mal eine Parole für die Demo bei Wolfgang Tiefensee, dem Verkehrsminister, der es in seiner bisherigen Amtszeit nicht geschafft hat, auch nur einen Lkw von den Autobahnen zu holen. Dafür fällt er vor allem dadurch auf, dass er noch niemandem aufgefallen ist. Nein, stimmt nicht, neulich kam er in dem Bericht über den CO2-Ausstoß der ministeriellen Dienstlimousinen vor - in der Spitzengruppe.
In diesem Zusammenhang sei noch auf Tiefensees Auftritt in der heutigen Wahrheit-Kolumne hingewiesen. Peter Köhler, der schon die polnische Kartoffel abgehandelt hat, bringt Tiefensee gewohnt kenntnisreich unter in seiner Serie "Schurken, die die Welt beherrschen wollen."

Kommentar

11. Juni 2008

Podolski Polski Popolski

Ach Gottchen - die gesamte taz praktisch in Zeitungspapier eingewickelt, auf dem viel Druckerschwärze dafür verwendet wird, dass es bei der EM 50 Fußballer gibt, die nicht in dem Land geboren wurden, für dessen Nationalelf sie spielen. Das wird dann zu dem Gähn-Titel "Die Kraft der zwei Herzen" auf der Titelseite, und auf der Rückseite zu gleich zwei Artikeln über Lukas Podolski und seine angeblich herzzerreißenden Treffer beim Sieg Deutschlands gegen Polen. "Podolski putzt die Polski" titelte, unnachahmlich wie immer, die Bild-Zeitung.
Ach Gottchen. Vier Seiten Fußball jeden Tag, und Klaus Theweleit wird in der taz zum Beckenbauer für Intellektuelle.

... and the Oscar goes to:

Sie wissen ja, dienstags wird die Wahrheitseite boykottiert, Leserstreik, weil ich das Geheime Tagebuch der Carla Dingsbums, äääh, Bruni so grässlich doof finde, sogar das Foto wird heute nur so flüchtig wie irgend möglich gestreift. Aber dann bleib ich doch am unteren Beitrag hängen, und für Elmar Kraushaars Kolmune "Der homosexuelle Mann" werden die Prinzipien über Bord geworfen. Den lese ich immer gern, iss einer der wenigen Selbstdenker, und da erfahre ich gleich noch, dass nach dem Dokumentarfilm über Harvey Milk, der 1985 den Oscar gewann, jetzt auch ein Spielfilm "Milk" entsteht. Klingt gut - Gus van Sant führt Regie, Sean Penn spielt die Hauptrolle. Harvey Milk war der erste offen schwule Politiker, der - na wo denn sonst? - in San Francisco in den Stadtrat gewählt wurde. 1978 hat ihn - und den Bürgermeister George Moscone gleich noch dazu - ein ehemaliger Polizist erschossen. Der Dokumentarfilm von Rob Epstein bekam 1985 den Oscar. Im selben Jahr war auch "Marlene" nominiert, ein Film über die Dietrich, den der Münchner Produzent Karel Dirka gefertigt hatte, engelsgeduldig und in jahrelanger, mühevoller Kleinarbeit mit der zickigen Diva. Maximilian Schell, der dann als Regisseur firmierte, führte die Interviews mit der Einsiedlerin in ihrer Pariser Wohnung. Bei der Abstimmung der Academy gewann dann Epstein mit der Milk-Doku, und das hatte, wie so häufig, auch einen politischen Hintergrund. Dabei hätten Dirka und Schell schon für ihre unendliche Geduld beim Umgang mit Marlene Dietrich einen Ehren-Oscar verdient gehabt.
So it goes.

Sachen gibt's

Ekkehard Knörer berichtet von einem Kongress "Prognosen über Bewegungen". Na, ich weiß wirklich nicht, ob mich das interessiert, auch nicht nach der fast vollständigen Lektüre des Artikelchens. Aber dann kommen zum Schluss doch noch ein paar Sätze von Knörer'scher Qualität: "Die Beteiligten sendeten auf sehr unterschiedlichen Frequenzen. Mehr als einer näherte sich dem Thema der Tagung nur von sehr fern. Vier Tage lang galt es, aus manch Störgeräuschen und Rauschen zu filtern, was Einsicht versprach. Diese Offenheit war von den Veranstaltern durchaus gewollt: als Spielraum für Denkbewegungen aller Art."
Da wehte offenbar ein Hauch von Freiheit durch Berlin.

Over the Rainbow: Judy auf Speed

Da schreibt einer, Hans-Christian Dany aus Hamburg, ein Buch über "Speed", weil ihm aufgefallen ist, "dass es kaum Literatur darüber gibt." Weshalb das Interview mit dem Autor ein großformatiges und -artiges Porträtfoto der 15 Jahre alten Judy Garland aus "Der Zauberer von Oz" ziert, erfahre ich auch: "Just zu Beginn der Dreharbeiten,1939, fing sie an zu pubertieren. Darauf hat die Produktion ihr Amphetamin verschreiben lassen, um ihren Appetit zu zügeln und das Pubertieren zu bremsen. Wenn man den Film mit diesem Wissen anschaut, fällt ihr Blick noch mehr auf. Sie schaut einen so entrückt aus der Ferne an."
Dany sagt in dem Interview, so weit ich über Speed Bescheid weiß, nichts Falsches, und ich teile auch seine Einschätzung über den Speed-Verbrauch unter Musikern: "Für die Popmusik des 20. Jahrhunderts war es wichtiger als Kokain, Heroin oder Cannabis."
Aus meiner Sicht wäre noch anzufügen: Bevor Haschisch so um 1968 auftauchte, waren Captagon (Cappies) und AN 1 sehr beliebt in Studenten- und Fernfahrerkreisen. Jack Kerouac und die Beatniks schluckten in den fünfziger Jahren Benzedrin (Bennies), und das hat man wohl auch Judy Garland verpasst, war ja eine legale Droge. Heute schlucken die Kids das viel höher dosierte Crystal, das angeblich, mit Viagra kombiniert, das Stehvermögen in jeder Hinsicht fördert.
"Speed" ist in der Edition Nautilus erschienen.
Ich schmeiß mir jetzt erst mal ein paar Cappies ein und geh ne Runde joggen. ;-)
Bleiben Sie dran, wir kommen nach dieser Werbeunterbrechung wieder!

Die reichen Länder haben es verpennt: Scheißegal

30 Jahre lang, seit Anfang  der siebziger Jahre klar geworden ist, dass diese Abhängigkeit vom Erdöl und die Förderung des Automobilsystems der reine Wahnsinn sind, 30 Jahre lang haben wir in den reichen Ländern des Westens so weiter gemacht, als wäre nichts geschehen. Die Regierungen und Parlamente, nur auf das bedacht, was bequem zur Wiederwahl führt und die bestehenden Machtverhältnisse nicht gefährdet, haben ihren Wählern vorgegaukelt, es ginge alles so weiter wie bisher.
In den vergangenen Jahren haben ihnen dann Wissenschaftler die Ergebnisse ihrer Untersuchungen gezeigt: Wenn wir so weitermachen wie bisher, ruinieren wir unsre Lebensgrundlagen - wir zerstören nicht nur unsere Mitgeschöpfe, als da sind Pflanzen und Tiere, wir zerstören die Überlebenschancen unserer Kinder und deren Nachkommen.
Auch das hat nichts gebracht: Der Absatz der Automobilindustrie ist seitdem gestiegen, der Flugverkehr hat zugenommen. Liebe Mitbürger, mir ist in den letzten Jahren klar geworden: Es ist euch Deppen offensichtlich scheißegal.
In der taz weist Reiner Metzger darauf hin: "Hätten wir in deutschen Städten sinnvolle Heizsysteme, die Gaspreise wären eine Randmeldung. Aber wir haben es verpennt. Die reichen Länder haben 30 Jahre verschwendet."
Und meine Nichte fliegt mal rasch für eine Woche nach New York: "Ey, iss krass billig, und mit dem Euro kannste ganz toll einkaufen."
Wie sagte schon der neue Duce Berlusconi in Italien: Immer daran denken, dass man am besten fährt, wenn man die Leute auf der Bewusstseinsstufe von Elfjährigen anspricht.
Das Prinzip werde ich jetzt mal unterlaufen. Im Herbst 2005 habe ich für die Vierteljahreszeitschrift Die Gazette (Nummer 8, 2005) einen Artikel über das Ende des Ölzeitalters übersetzt. James Howard Kunstler hatte ihn geschrieben, und der Gazette-Herausgeber Fritz Glunk hat ihn in einer US-Zeitschrift entdeckt. Der Artikel lief unter dem Titel "Das Gelage ist zu Ende". Das mit der "Kreditorgie" hat Kunstler sehr treffend vorausgesehen - vor drei Jahren wollte kein Schwein und keine Bayerische Landesbank etwas davon hören. Inzwischen zahlen Sie mit Ihren Steuergeldern die Milliardenverluste der Banken. Kunstlers Fazit zeigt sehr deutlich, was auf uns zukommt und worauf wir uns einrichten müssen - je schneller, umso besser:
"Industriegesellschaften werden wahrscheinlich infolge des Öl-Peaks dahinwelken. Die Tricks, mit denen wir heute noch irgendwie zurechtkommen (die unerhörte Kreditorgie der amerikanischen Konsumenten, die Alchimie fast kostenloser Hypotheken, der Kasino-Kapitalismus der Hedge-Fonds), werden in einer Welt wirklicher Not und Knappheit ihren Zauber verlieren. Der Trend nach dem Öl-Peak wird die enttäuschte Rückkehr in vertraute Regionen sein, die Zurücknahme unserer Aktivitäten. Was heute noch in größtmöglichem Maßstab organisiert ist, etwa Weltkonzerne, Riesenuniversitäten, Zentralregierungen, wird an Kraft verlieren, oft mit tödlichem Ausgang. Walmart mit seinem 'Kaufhaus auf Rädern' wird sehr schnell verschwinden.
Die Herausforderung wird darin bestehen, lokale Netzwerke auf Gegenseitigkeit einzurichten. Das wird nicht leicht sein. Die großen Ladenketten haben die örtlichen Gemeinschaften bereits so gründlich zerstört, das allein das Aufsammeln der Scherben Jahrzehnte dauern kann. Es wird viel weniger Dinge zu kaufen geben, und Einkaufen überhaupt wird an Bedeutung verlieren. Die zivile Luftfahrt, wie wir sie  kennen, gibt es dann auch nicht mehr, und Autos spielen in unserem Leben höchstens noch eine Nebenrolle. Wer glaubt, dass das Leben weiterhin ein endloses internationales Schnäppchen-Shopping ist, wird eine Enttäuschung erleben. Und die Welt wird wieder größer."
Ich hab keine Ahnung, ob ich das noch erleben werde, aber ich freu mich drauf.

Kommentar

12. Juni 2008

Ouzo in die Türkei tragen

Auf der ersten Sportseite - für mich, der von hinten anfängt und dort mit dem Inhaltsverzeichnis der vorherigen Seiten begrüßt wird, die vierte -, also auf Seite 18  steht unten links immer so eine Art Eigenanzeige. Geworben wird fürs taz-Café, wo die EM-Spiele alle übertragen werden. "Lokalrunde am Ende jedes Spiels mit dem  Getränk des Siegers." Da spielt dann Pilsner : Portwein (klein drunter die Nationen: Tschechien : Portugal) und Obstler : Ouzo (Schweiz : Türkei). Ich weiß schon, die wollten nur  testen, ob es die Leser merken: Die Türken trinken Raki, Ouzo steht für Griechenland. Aber vielleicht war der Raki ausgegangen im taz-Café?

Schwabing

Neulich hab ich hier ein bisschen rumgemäkelt am eigentlich hoch geschätzten Michael Sailer und seiner Kolumne "Schwabinger Krawall". Deshalb hier mal die positive Seite: Die Typen stimmen, die Art, wie sie reden und denken stimmt auch, der Alkoholkonsum wird nur leicht übertrieben dargestellt, und die Schauplätze sind auch richtig. Vor allem hat die Serie den Hauch der Mitteilungen für Eingeweihte. Wenn da steht, dass "der Hubsi noch in der Sieben gesessen" ist, dann wissen wenige Menschen jenseits von Schwabing, welche Kneipe da gemeint sein könnte, aber in diesem Zusammenhang kann er an dieser Stelle der Geschichte gar nirgends anderswo sitzen. Und wenn dem Jackie "nach der Vernissage bei der Monique auf dem Flauchersteg seine EC-Card in die Isar gefallen ist", dann gibt's daran nichts auszusetzen, denn wo sonst sollte ihm die EC-Karte in die Isar fallen? Auch wenn der Flaucher gar nicht in Schwabing liegt. Was ich sagen will: Sailer lesen macht Spaß.

Oben beim Wetter mal wieder eine Serie: "lustige streiche" (3):
"Einmal war er (der Spaßvogel Edwin Henne; Anm. d. Verf.) sogar so weit gegangen, dass er in einem Laden eine Schneekugel in die Hand nahm und sie schüttelte. Heißa, wie da sein Herz hüpfte. Kein Spaßvogel je war wie er!"

Rühmkorf

Sogar der Bundespräsident rief ihm nach. Und keiner, der daran erinnert, dass sich Peter Rühmkorf ganz entschieden im Kampf gegen Atomkraftwerke engagierte. Da muss man heute gegen Merkel, Berlusconi, Sarkozy ankämpfen, denn unter dem Vorwand "Die Lichter gehen aus!" arbeiten sie längst wieder auf den Einstieg in die Atomkraft hin - mit der lassen sich nach wie vor gigantische Profite abschöpfen. Vor allem, wenn der Staat den Konzernen dabei hilft und ihnen auch noch die Sorge um den gottverdammten Atommüll abnimmt und seine Transporte schützt. Nur, auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Kein Mensch weiß bis heute wohin mit dem Dreck, und der Dreck ist mindestens haltbar bis Ende 15.000.
Alexander Cammann ruft Rühmkorf hinterher: "Natürlich war er links, aber anders als die konkret-Kollegin Ulrike Meinhof stets im Vollbesitz seiner Zweifel." Das ist schön formuliert, aber weshalb die eine gegen den anderen ausspielen? Weil man die Sache vom Ende her betrachtet? Drum sei es hier extra betont: Die beiden haben, jeder auf seine Art, an derselben Baustelle gearbeitet, und Ulrike Meinhofs ursprünglicher Antrieb war die Fassungslosigkeit und die Empörung über die verlogenen, menschenverachtenden Verhältnisse, in die wir hineingeboren wurden. Schlag nach bei Arno Schmidt, der wie viele andere Schriftsteller gegen die Nachkriegspolitik wütete. Cammann zitiert Schmidt, aus einem Brief vom Juli 1956 an den 27-jährigen Rühmkorf: "Das ist der einzige Trost in der heutigen 'Großen Zeit', daß es noch Männer gibt wie Sie!" Und im nächsten Jahr, nach einem Besuch Rühmkorfs, notiert er: "175 groß; engbrüstig; Brille und Judennase; ab und zu ein Kirchhofshusten; trinkt und raucht gut. Und gute Gesinnung." Und über den ersten Gedichtband des jungen Kollegen schrieb Arno Schmidt: "Drischt aufs herrlichst-entlastende mit zu, und pfeift noch dabei! Wunderbar!"
Und weil Cammann noch einen feinen Vers aus dem Jahr 1999 gefunden hat, der im Augenblick genau passt, bekommt Peter Rühmkorf das letzte Wort, und ich lasse es gut sein:
"Wünsch mir im Himmel einen Platz
(auch wenn die Balken brächen)
bei Bellmann, Benn und Ringelnatz
Und wünschte, dass sie einen Satz
in einem Atem sprächen:
Nimm Platz!"

Weiberkram

Die Meinungsseite und die taz zwei sind heute, bis auf Bernward Janzing, der über Sozialtarife bei Strom und Gas schreibt, fest in Frauenhand. Jenny Zylka und Franzsika Seyboldt besprechen je eine neue Erotikzeitschrift für Frauen, und Hilal Sezgin breitet ihre Meinung aus über den alltäglichen (veröffentlichten) Sexismus.
Jenny Zylka lässt kein gutes Haar an der Zeitschrift Jungsheft, die Mädels erotisieren soll: "Es ist zu wenig. ZumLesen und zum Onanieren." Franziska Seyboldt findet Alley Cat daneben: "Es ist kein einziger komplett nackter Mann zu sehen." Zum Schluss zitiert sie die Chefredakteurin Ina Küper, die ihre muskulösen männlichen Pin-ups verteidigt: "'Ich will eindeutig im Softbereich bleiben und nicht in diese Porno-Ecke gehen.' Außerdem seien hühnerbrüstige Indie-Jungs nicht das, was die breite Masse sehen will: 'Die hat man sowieso im eigenen Bett.'"
Dass sich eine erotische Frauenzeitschrift ausdrücklich an "die breite Masse" wendet, finde ich beachtlich. Jetzt wundert mich auch nicht mehr, weshalb auf allen Titelblättern aller Frauenzeitschriften ständig mit Tipps zum Abnehmen geworben wird: Offenbar wenden sich alle an die breite Masse. Lasst dicke Frauen um mich sein - die Masse ist breit.
Tja, und Hilal Sezgin, die mir mal wie ein ganz vernünftiges Frauengeschöpf vorkam, hat es mit ihrem "Schlagloch"-Kommentar geschafft: Ich werd sie nicht mehr lesen. Sich darüber aufzuregen, dass die Kandidatin Clinton in der taz als Hillary bezeichnet wird, und gelegentlich bei Frauennachnamen nicht einfach dieser sondern noch der Zusatz "Frau" steht, und das auch noch als Sexismus anzuprangern - oje, Sezgin, Sie haben mich verloren. Wenn die FAS ein Foto bringt, auf dem nur die Frisur von Gesine Schwan zu sehen ist, bedeutet das: "Offenbar hat sich nach all dem Trial and Error am Beispiel der Kanzlerinnenberichterstattung immer noch nicht die gesamte Presse den Kommentar zum Körper abgewöhnt."
Wie bitte? Das nenn ich an den gelockten Haaren herbeigezogen! Abgesehen davon, dass eine Frau mit so einer Frisur ja ganz bewusst etwas sagen will (so wie Pamela Anderson mit ihren Kunsttitten auch), darf ich vielleicht daran erinnern, dass über Schröders gefärbte Haare mehr zu lesen war als bisher über die Frisur von Gesine Schwan. Und es war eine Frau, die neulich in der taz - lange vor der FAS - die Frisur von Gesine Schwan zum Thema gemacht hat. Und ist das Bild einer Frauenfrisur tatsächlich ein Kommentar zum Körper?
Den Rest gab mir dann, dass Frau Sezgin meint, die Feministinnen aus der Anfangszeit hätten schon recht gehabt mit ihrer Analyse, und die Zustände seien heute immer noch wie damals: "die Frau als Objekt, der Phallus als Signifikant, Heteronormativität, männliche Semiotik und männlicher Blick."
Was soll man da noch sagen? Gott sei Dank erreicht Hilal Sezgin mit so einer Sprache lediglich ein paar Akademikerinnen. Nur so viel zum Schluss: Was für einen Blick soll ich denn als Mann haben, wenn nicht einen männlichen? Den zwinge ich aber niemandem auf, nicht mal anderen Männern. Frauen schon gar nicht, denn deren Blick interessiert mich, weil sie den fraulichen Blick haben. Und glauben Sie im Ernst, dass ich meine sexuelle Einstellung, die mehr oder weniger zufällig hetero ist, irgendjemandem als Norm aufzwinge oder auch nur empfehle?
Heteronormativität! Meine Fresse.

Der unendliche Bahnskandal

Auf "wirtschaft und umwelt" erfahre ich: Das Schienennetz der Bahn ist seit 1990 um 16 Prozent "geschrumpft". Eine etwas unglückliche Formulierung, denn Schienen schrumpfen nicht, sie werden willentlich abgebaut. Der Geschäftsführer der "Allianz pro Schiene" drückt sich so aus, und fügt noch an: "Nur in Polen war die Netzschrumpfung noch stärker."
Dafür geht es bei uns mit dem Autowachstum prächtig voran, da kommen die Polen nicht mit. Aber wenn nicht endlich die Umkehr gelingt und das Netz nicht nur nicht abgebaut sondern in großem Umfang ausgebaut wird (nicht im ICE-Bereich, sondern regional und lokal), dann stauen wir uns in den Innenstädten weiter auf den Abgrund zu.
Gestern sitze ich zur Stoßzeit, so gegen 18 Uhr, am Fenster eines Lokals in der Emil-Riedel-Straße im Münchner Stadtteil Lehel. Die Autos stehen in zwei Reihen nebeneinander, fahren langsam ein Stück weiter, wenn die Ampel an der Prinzregentenstraße grün zeigt, stehen wieder. Viele große Geländewagen von Porsche, BMW, Mercedes, Audi sind darunter, dies ist die Verbindungsstraße vom Herzogpark zur Innenstadt. Und mir fällt auf: In keinem dieser Autos sitzt mehr als eine Person. Dann kommt mal eins mit einem Paar, und dann geht's wieder unendlich lange so weiter: 1 Mensch in 1 Auto.
Das ist, neben vielen anderen Erscheinungen, das Symptom der Krankheit: Gut ist, was vereinzelt. Getrennt werden sie geschlagen, oder auch: Allein machen sie dich ein. Wenn dieses bescheuerte Autosystem vor die Hunde geht und die bescheuerte Frau Merkel gleich mit, dann weine ich beiden keine Träne nach. Es bringt den Tod. Und nur wenn es zusammenbricht, werden die Menschen in diesem Land wieder anfangen zu denken, nachzudenken, wie ein Leben mit den gegebenen Voraussetzungen möglich ist, mit den Gesetzen der Natur, nicht im Verstoß dagegen.
Wir müssen den Größenwahn der Ackermanns, Wiedekings und Mehdorns bekämpfen. Kann man sie heilen? (Sie erinnern sich: Heilt Hitler!) Vielleicht werden Sie freiwillig in die Therapie gehen? Unwahrscheinlich. Was kann man dann tun? Zwangsjacke. Alle Maßnahmen unterhalb sind zu gefährlich für diesen Planeten und die nächsten Menschengenerationen.

Heiter weiter: Onkel Baracks Hütte

Die ganze Leserbriefspalte, neun Einträge, nur zu einem einzigen Thema: "Ist dieser Titel rassistisch?" Es geht immer noch um das Foto vom Weißen Haus auf der Titelseite und der Schlagzeile "Onkel Baracks Hütte". Einer der Briefe stammt aus dem tazblog: "Ich kann mir nicht helfen: Das ist eine geniale Titelseite. Wenn einem so was einfällt, muss man's auch bringen, da geht kein journalistischer Weg dran vorbei. Hans Pfitzinger, München".
Ein Leser aus Berlin, Bernhard Wagner, sieht die Sache so:
"Dieselbe Kombination von Zeichen kann in verschiedenen Kontexten verschiedene Bedeutung haben. Ich finde, letztlich definieren die Absichten der 'SprecherInnen' die Bedeutungen (inkl. Konnotationen) einer 'Aussage' (verbal und nonverbal), nicht die eventuellen (Miss-)Verständnisse der 'EmpfängerInnen' in allen möglichen Kontexten, Intertextualitäten etc. Allerdings kann eine Aussage bestimmte potentielle Bezugnahmen etc. zu sehr ignorieren und dann zu leichtfertig, zu missverständlich etc. sein. Dies ist hier der Fall. Also die Aussage ist nicht per se eine Diskriminierung, provoziert aber Deutungen, die sie zu einer solchen machen."
Also mal ehrlich: Hätten Sie das gedacht?

Krieg, Krieg, Hurra!

Der Mann der Rüstungsindustrie macht seinen Job nach Plan und Auftrag: Nicolas Sarkozy bringt Frankreich zurück in die NATO und verstärkt die Truppen in Afghanistan. Bei der so genannten "Geberkonferenz" in Paris spielt er den Gast- und Geldgeber, will noch mehr Geld für den Präsidenten von Amerikas Gnaden lockermachen, und schlägt alle Warnungen in den Wind, dass dieser Krieg so nicht zu gewinnen ist. Hamid Karsai, der im weit überwiegenden Teil von Afghanistan keine Unterstützung findet, wird deswegen auch gern "Bürgermeister von Kabul" genannt. Der weit überwiegende Teil der westlichen Medien, Sprachrohre der jeweiligen Außenministerien, wird trotzdem weiterhin so tun, als betriebe der Mann die einzig vernünftige Politik für das Land. Und die einzige Partei in Deutschland, die diesen Militäreinsatz ablehnt und beenden will, wird gerade deshalb als "nicht regierungsfähig" eingestuft.
Dagegen sind Bush und Sarkozy Beispiele für "regierungsfähig", hm?

Die Abgasschleuder

Merkel & Sarkozy sind sich einig: Wichtiger als Wohl und Wehe von Mensch, Tier, Pflanze und Planet sind Wohl und Wehe der Automobilindustrie. Zu diesem Thema habe ich in diesem Blog schon viel gesagt. Für die taz vom 11. Juni gilt: Schöner Titel. Der Merkel kommen - die Hände wie betend aneinandergelegt - vor blauem Himmel die Abgaswolken aus den Ohren. Obertitel: Merkels fauler Kompromiss bei den Autoabgasen. Haupttitel: Nur heiße Luft.
Diese Frau arbeitet als oberste Lobbyistin für die Autoindustrie. Damit verstößt sie gegen ihren Amtseid. Oder gilt vielleicht: Was für Mercedes gut ist, das ist auch für Deutschland gut?
Ja, das gilt.

Kommentar

13. Juni 2008

Für Zugfans

Was für eine wunderbare Filmkritik von Tobias Rapp zu "RR" von James Benning, der in 111 Minuten 43 Züge zeigt, im "Grenzbereich zwischen Kino und Kunst". Die Kameraeinstellung ist jedes Mal anders, die nordamerikanischen Landschaften wechseln, was passiert bleibt immer gleich: Erst sind leere Schienen zu sehen, dann kommt ein Zug, der fährt an der Kamera vorbei, und dann sind die Schienen wieder leer. Menschen kommen so gut wie gar nicht vor. Rapp fand: "Langweilig wird es nie, denn dieser immer gleiche Rahmen gibt Raum für riesige Unterschiede. Da sind die verschiedenen Landschaften, staubige Wüsten, grüne Wälder, heruntergekommene Fabrikhöfe, einmal sind wir mitten in der Stadt, wo ein schwerer Güterzug fast ungeschützt neben der Straße fährt. Es gibt Täler und Brücken, Küstenstreifen und Flüsse. Manche Züge fahren schnell, andere langsam. Einmal ist der lang erwartete Zug nur eine kleine Draisine."
Und dann nützt Rapp die mehr als halbseitige Besprechung für Informationen über die Eisenbahn in den USA, die Veränderungen, die sie dem Land gebracht hat, die Ausbeutung der Wälder, den Kahlschlag in Wisconsin, Michigan und Wyoming, die Schlachthöfe in Chicago, die sich nur rentierten, weil die Rinder billig mit der Bahn aus Texas antransportiert werden konnten. Rapp: "Die archaische Gewalt dieser Ausbeutungsprozesse scheint man fühlen zu können, wenn einer jener riesigen Güterzüge im Bild erscheint, langsamer wird und unter mächtigen Erschütterungen zum stehen kommt. Wer so einem Bremsvorgang lauscht, kann hören, wie die ursprüngliche Akkumulation die Materie zum Quietschen bringt."
James Benning hat vorher zwei Filme gedreht mit dem Titel "13 Seen" und "10 Himmel", in denen genau das zu sehen war. Rapp findet denn auch: "Es ist ein kleines Wunder, dass dieser Film überhaupt ins Kino kommt." Er hat den taz-Autor zu einer außergewöhnlichen Filmkritik angeregt. Überschrift: "Vor dem Fahrplan sind alle gleich."

Die Liebe

Der geheimnisvolle Regisseur mit dem seltsamen Namen M. Night Shyamalan hat wieder zugeschlagen. Vielleicht erinnert sich noch jemand an "Der sechste Sinn" mit Bruce Willis, an "Signs" oder "Das Mädchen aus dem Wasser"? Immer geht es ums Unerklärliche, um Dinge aus dem Zwischenreich. Sein neuer Film heißt "The Happening" und bringt Anke Leweke zu dem schönen Schlusssatz: "Merke: Von allen unerklärlichen Kräften ist die Liebe die stärkste."
Bleiben Sie dran! Es geht gleich weiter mit der Liebe.

Ciao, Dshamilja!

Ausgerechnet in Nürnberg ist er gestorben, der große Kirgise Tschingis Aitmatow. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich "Dshamilja" gelesen habe, in verschiedenen Übersetzungen, von denen mir die erste, ein Insel-Bändchen, dann doch die liebste geblieben ist. Geworben wurde immer mit der Einschätzung von Louis Aragon, es sei "die schönste Liebesgeschichte der Welt", was Blödsinn ist, denn die gibt es nicht. Aber eine der schönsten ist sie bestimmt. Einmal kam der Film im Fernsehen, das muss Anfang der siebziger Jahre gewesen sein, an einem Sonntagnachmittag, eine russische Produktion, so weit ich mich erinnern kann, mit ganz wunderbaren Schwarzweißbildern, und der Film war auf seine Art so gut wie das Buch.
Ich  hab dann lange Zeit alles gelesen, was ich von Aitmatow in die Finger bekam, aber irgendwann in den letzten Jahren hatte ich den Eindruck, er hat den Zauber verloren. Bei einem Schriftstellertreffen, irgendwas mit Literatur und Europa, saß er dann mal auf dem Podium im Alten Rathaussaal in München. Zu der Zeit, nach dem Ende der Sowjetunion, war er kirgisischer Botschafter in Brüssel, und was er so redete, unter der Gesprächsleitung von Michael Krüger, das hat mich so deprimiert und enttäuscht wie die ganze Veranstaltung. Mein verehrter kirgisischer Zauberer sprach wie der Diplomat, der er ja auch war, und ich hatte den Eindruck, das ich jetzt nichts mehr von ihm lesen muss.
Ekkehard Knörer schreibt einen kundigen Nachruf, und ich erfahre, dass Aitmatow in Kirgisien ein Staatsbegräbnis bekommt. Das hat er allein wegen "Dshamilja" verdient.

Dünkelkolumne

Auf taz zwei wieder Anja Maiers spießbürgerliche Dünkelkolumne, die vermutlich in die Brigitte gehört, oder in Madame. Diesmal probiert sie es ironisch, aber die Ironie funktioniert überhaupt nicht, von Selbstironie ganz zu schweigen. Und das werde ich in Zukunft tun, was diese Kolumne betrifft.

Schwarzweiß

Von Natalie Tenberg erfahre ich, dass Weiß das neue Schwarz ist, zumindest bei Autos. Mir ist das schnurzegal, bemerkenswert finde ich dieses Zitat: "Gesellschaftlich hat der neue Trend zu Weiß seine Wurzeln in der Suche nach neuen Werten." Wer so was von sich gibt? Die "BASF-Coatings-Designerin Michaela Finkenzeller in Auto, Motor und Sport." Warum ich das erwähne? Weil ich diese Zeitschrift immer gern als Gehirnwäschefachblatt bezeichne, und diese Gelegenheit darf ich ich mir doch nicht entgehen lassen.

Haare

Höchst interessant der Artikel von Judith Luig, die sich in einen Mann verwandelt. Die Drag-Künstlerin Diane Torr bietet einen Workshop als Trauerritual an, es geht darum, ein geliebter Mann zu werden, der verstorben ist. In zwei Tagen sollen Frauen lernen, diesen Mann darzustellen, am Ende steht eine Performance. Das liest sich spannend, und so ganz anders als die gängigen Abhandlungen über Travestie als heitere Unterhaltung. Luig wundert sich, wie wichtig Haare im Gesicht sind: "Der Effekt ist erstaunlich. Haare scheinen ein viel größeres Geschlechtsmerkmal, als ich bisher angenommen hatte." Später stellt sie fest: "Die Travestie wirkt extrem befreiend. Endlich kann man mal genauso ein eindimensionaler Arsch sein, wie man das bei Männern so oft beobachtet."
So zeigt sich wieder, dass es ein weiter Weg ist von der Frau zum Mann und umgekehrt.

Das Grauen

Sie machen Werbung für alles und jeden - jetzt tauchen sie auch noch in einer großen Farbanzeige in der Beilage "intersolar" auf: Rosi Mittermaier und Christian Neureuther. "Wir haben uns für eine Photovoltaikanlage von Sharp entschieden. Da stimmen Preis und Leistung." Die beiden sind das Grauen.
Die dreiseitige Verlagsbeilage wirbt für Solartechnik Made in Sachsen-Anhalt, und die Hinweise "Anzeige" sind im Grunde überflüssig, weil in den "redaktionellen" Beiträgen just über die Firmen geschrieben wird, die Anzeigen geschaltet haben. Das läuft ja bei allen anderen Sonderseiten dieser Art so, aber vielleicht sollte man das besser als PR kennzeichnen, damit nicht der Eindruck entsteht, das sei unabhängige Berichterstattung. Noch dazu, wenn taz-Autorennamen drüber stehen, wie der von Bernward Janzing.

Demokratie I: Das Volk ist einfach zu blöd

Was Ralf Sotschek da auf der Meinungsseite betreibt gehört zur Abteilung Aufklärung im besten Sinn. Endlich erfahre ich, dass "der EU-Vertrag unsozial und undemokratisch" ist - na gut, das haben andere auch schon geschrieben, aber Sotschek scheint dieses Vertragswerk sogar gelesen zu haben, und macht uns mit den empörendsten Inhalten bekannt. Mir schaudert. "Nach Artikel 28 kann die EU 'Drittländern beim Kampf gegen den Terrorismus in ihrem Staatsgebiet' zu Hilfe kommen - und zwar ohne UNO-Mandat. Es ist dieselbe Begründung, die für die Invasion in Afghanistan angeführt wurde. Es wäre naiv zu glauben, dass sich die erweiterte Dimension der EU auf friedenstiftende und humanitäre Aufgaben beschränken wird", meint Sotschek.
Da hat er sicherlich recht. Während ich das tippe, steht das Ergebnis der Abstimmung in Irland noch nicht fest. Ich hoffe, die Iren stimmen dagegen, schon aus Protest, dass sie als einziges Volk überhaupt gefragt werden. Die Franzosen und die Niederländer wurden nach der Ablehnung der "Verfassung" gar nicht mehr gefragt, ob sie der geänderten Version, nunmehr "Vertrag" genannt, zustimmen. Das haben dort, wie auch hierzulande, die Parlamente erledigt.
Demokratie ist dann, wenn das Volk dem zustimmt, was die Politikerklasse beschließt. Wenn das Volk ablehnt, dann wählt man sich aber kein anderes Volk, sondern macht, was man will. Das Volk ist einfach zu blöd, die wissen nicht, was gut ist für sie.
Sotschek berichtet davon, dass für den Fall einer Ablehnung Plan B bereitliegt: Geringfügige Veränderungen am Vertrag, und noch mal abstimmen lassen. "Es wäre zu wünschen", schreibt er, "dass die Iren dann erneut Nein sagen. Solchen Institutionen, die sich die Demokratie nur dann auf die Fahnen schreiben, wenn alles nach ihrem Willen abläuft, darf keinesfalls noch mehr Macht zugeschanzt werden."
Sag ich doch.

Live Ticker: "Nein"!!!

Sie haben Nein gesagt, die guten Iren! Darauf einen Tullamore Dew. Oder ein Guinness. Hurrah Ireland! Ich geb ne Runde aus! Die 15-Uhr-Nachrichten, heute, Freitag der 13., auf meinen Lieblingssender Bayern 4 Klassik, sie verkünden die frohe Botschaft, und es wird bereits vermutet, dass die Ablehnung höher als erwartet ausfällt, nix da mit Kopf-an-Kopf-Rennen der Gegner und Befürworter, wie es seit Tagen verkündet wurde.

Demokratie II: Lernfähig

Als Musterdemokrat zeigt sich einmal mehr der hierzulande viel gescholtene Hugo Chávez, seines Zeichens erklärter Sozialist und Präsident von Venezuela. Wie es da oben in der Einleitung zu diesem tazblog so schön heißt, funktioniert Sozialismus nicht ohne Demokratie. Ob das umgekehrt auch gilt, kommt wohl auf die Definition von Demokratie an. Eine Demokratie, in der tatsächlich die Groß- und Rüstungsindustrie an der Macht ist, und die Institutionen eine Demokratieshow abziehen, kann vermutlich keine sein. Chávez hat sich wieder lernfähig gezeigt. Schon Anfang Dezember, als seine Verfassungsreform denkbar knapp die Abstimmung verloren hat, akzeptierte er Volkes Meinung ohne wenn und aber. Jetzt hat er das neue Sicherheitsgesetz zurückgezogen, dass wegen der Einführung eines Spitzelsystems allgemein auf heftige Kritik gestoßen ist. Er lässt das Gesetz überarbeiten und legt es im Herbst noch einmal vor. Erst vergangenen Sonntag hat er gezeigt, dass er lernfähig ist und sich korrigiert, wenn die Dinge falsch laufen: Er hat die kolumbianischen Farc-Guerilleros, die er bisher unterstützt hatte, zum Ende des Kampfes aufgefordert.
Der Mann macht mir Hoffnung.

Eselpreis ...

... an den Benzinpreis gekoppelt. Nach einer Meldung von afp sind im Gefolge der Benzinpreise in Zentralanatolien die Preise für Esel rasant gestiegen. Im letzten Jahr kostete ein Grautier noch 26 Euro, in diesem Sommer muss man schon 180 Euro dafür bezahlen. afp: "In manchen Dörfern sind die Bauern wegen der hohen Spritpreise inzwischen von ihren Traktoren auf Esel umgestiegen."
Vorausschauende Landwirte in Deutschland sollten schon mal die Zucht von Zugpferden beschleunigen. Und kann sich eigentlich noch jemand an Autos mit Holzvergasern erinnern, die bis Anfang der 50er-Jahre durch die Straßen rauchten?
Die afp-Meldung, gefunden auf der Seite 8, dürfte in die Abteilung "Legenden aus fernen Ländern" gehören. Aber sie klingt gut, und Eselmeldungen werden hier grundsätzlich immer zur Kenntnis genommen.

Demokratie III: Erdbeben

"'Ein No wäre ein Erdbeben und ein harter Schlag für die französische EU-Präsidentschaft", sagt Chantal Brunel, Sprecherin der rechten Regierungspartei UMP." Das berichtete gestern Dorothea Hahn aus Paris, wo Nicolas "Kärcher" Sarkozy mit den Hufen scharrt (oder hat er nur einen Huf?), um für ein halbes Jahr die EU anzuführen. Tja, jetzt muss er wohl ohne den Vertrag präsidieren.
Merke: Alles, was diese Kerle ärgert, freut mich.

Kommentar

14. 6. 2008

Zitat

Hannes Koch: Die SPD befürwortet den Mindestlohn, die Union lehnt ihn ab. Und die Föderalismusreform, die Sie kritisieren, haben die beiden Parteien gemeinsam beschlossen. Die von Ihnen als zentral beschriebenen Aufgaben kann die große Koalition also nicht lösen. Wozu braucht man sie dann noch?
Peter Bofinger: Das ist eine gute Frage.

Frieden, Wohlstand und Glück

So heißt eine Werft in Bangladesh, wo Schiffe auf den Strand gefahren werden. Von früheren Fischern, deren Dörfer der Werft weichen mussten, werden die Ozeanriesen dann in ihre Einzelteile zerlegt, damit der dabei gewonnene Stahl verkauft werden kann. Recycling für ausgediente Containerschiffe. Auch in Indien gibt es so einen Strand, und man kann davon ausgehen, dass die Arbeitsbedingungen dort ähnlich sind. Shaheen Dill-Riaz hat einen Dokumentarfilm über die systematische Ausbeutung gedreht in der Werft "Peace, Prosperity and Happiness". Dietmar Kammerer beschreibt, weshalb ihn der Film "Eisenfresser" so beeindruckt hat: Dill-Riaz "interessiert sich für die Einzelnen, geht in die Hütten, folgt ihren Wegen. Romantisierung liegt ihm fern. Im Gegenteil legt er die Perfidie eines Systems bloß, dass unter anderem darauf beruht, dass es keine Solidarität zwischen den Arbeitern zulässt."
Das System ist doch nicht aufs exotische Bangladesh beschränkt, oder täusch ich mich da?

Ofen explodiert

Noch'n Dokumentarfilm - gestern "RR", heute "Eisenfresser" und "Der Weiße mit dem Schwarzbrot". Wenn man von der Auswahl in der taz ausgeht, gibt es zur Zeit eine Menge gute - hm, Nichtspielfilme? Egal, der zuletzt erwähnte porträtiert Christof Wackernagel, gedreht hat ihn sein Neffe Jonas Grosch. Wackernagel spielte seine erste Filmrolle in "Tätowierung" von Johannes Schaaf, 1967, wenn ich mich recht erinnere. Da brauchte der Regisseur einen Jungen, der fast noch ein Kind war, und Wackernagel wurde sogar ein bisschen berühmt als Filmschauspieler. Einmal hab ich ihn getroffen, ein Jahr danach, als er spät nachts in mein Taxi einstieg und ich ihn irgendwo in die Pampa von Englschalking vor ein Einfamilienhaus chauffierte, wo damals seine Familie wohnte, die Mutter war auch Schauspielerin. Wir unterhielten uns über die linke Szene in München und stellten so einige Gemeinsamkeiten fest. Er war wohl ein paar Jahre jünger, und die radikalen Studenten, zu denen ich mich zählte, interessierten ihn sehr. Netter Kerl, dachte ich, gar nicht abgehoben, hat Humor, nimmt sich nicht so wichtig, obwohl er schon "beim Film" war.
Neun Jahre später wurde er als RAF-Mitglied verhaftet, saß zehn Jahre im Gefängnis, hat sich danach von seiner Vergangenheit gelöst, als Schaupieler gearbeitet, geschrieben - Texte, Geschichten, Hörspiele.
Jetzt lebt er in Bamako. Das ist die Hauptstadt von Mali, und warum Wackernagel da hingezogen ist, kann man gut verstehen. Stefan Reinecke zitiert ihn aus dem Film: "Je mehr Erfolg ich hatte, umso mehr war ich der Exterrorist". Und Reinecke merkt an: "Exterrorist ist man lebenslänglich. 'Der Weiße mit dem Schwarzbrot' ist ein dokumentarisches Porträt. ... Einmal braust ein Entwicklungshelfer in einem 50.000-Euro-Mercedes rücksichtslos durch eine Pfütze auf der Hauptstraße von Bamako und spritzt Wackernnagel und die Passanten nass. 'Gott sei Dank bin ich Neger und nicht so ein Arschloch', ruft Wackernagel, der ausdauernde Empörung über das Unrecht der Welt mit ansteckender Fröhlichkeit zu verbinden weiß."
Der Filmtitel bezieht sich auf die Bäckerei, die Wackernagel aufgemacht hat, eine Bäckerei für deutsches Schwarzbrot. Reinecke: "Es ist ein Feelgood-Movie, angetrieben vom Temperament  des Helden. Und von der Botschaft, dass alles veränderbar ist. Aus Terroristen können Menschenfreunde werden ... Gedämpft ist diese frohe Botschaft durch die gelegentlich aufblitzende lebenskluge Einsicht, dass das meiste, was man anstrebt, ohnehin schiefgeht. Der Ofen der Bäckerei in Bamako ist nach vier Monaten wegen Überlastung explodiert."
Das erinnert mich an den Film "Alexis Sorbas", als die wunderbare Seilbahn zum Transport der Baumstämme vom Berg an den Strand beim ersten Einsatz in sich zusammenstürzt. Sorbas und der englische Schriftsteller, der das Vorhaben finanziert hat, sehen entsetzt zu, wie der letzte Baumstamm die ganze Konstruktion in Grund und Boden rammt. Sorbas erholt sich als Erster von seinem Schrecken und wendet sich an den Schriftsteller: "Heh, Boss, hast du schon einmal etwas so wunderbar zusammenkrachen sehen?"
Und dann müssen sie beide ganz furchtbar lachen, machen die Weinflasche auf und tanzen den berühmten Sirtaki von Mikis Theodorakis am Strand.

Ich will den Grimme-Preis

Auf der Medienseite erfahre ich, dass die Grimme Online Awards verliehen wurden, und zwar in Köln, und verliehen wurden sie bei der dazu gehörigen Veranstaltung von Katrin Bauernfeind, die mir schon vor zwei Jahren als sehr gut aussehendes Frauengeschöpf aufgefallen ist, als sie den Preis für die Webshow "Ehrensenf" bekommen hat. Dass sie gut aussieht, fand wohl auch die taz-Bildredaktion, denn die bringt gleich zwei verschiedene Porträtfotos von ihr unter, eines auf Seite 11 in der Ankündigungsleiste, und eines auf Seite 12 beim Bericht von der Verleihung. Leider erfahre ich aus der taz nicht, ob dieser Award mit einem Haufen Geld auf mein Konto verbunden ist (die Nummer finden Sie, wenn Sie oben auf "Impressum" klicken. Spenden willkommen! Danke). Vielleicht bringt dieser Grimme-Preis auch nur unbezahlbares Prestige und viele Zugriffe auf diese Website, egal, ich will ihn trotzdem. Deshalb hier die Botschaft an die Jury: Ich will den Grimme-Preis 2009 für "Achtung: tazblog!" Iss das gebongt?
Und Katrin Bauernfeind möchte ich an dieser Stelle mitteilen: Ich finde, Sie sehen wirklich verdammt gut aus. Darf ich Sie auf n Kaffee einladen? Oder n Glas Wein? Zur "Stunde des Aperitifs" (Luis Bunuel)? Ins Café Paradiso? Ecke Paradies- und Himmelreichstraße.
Wirklich, kein Witz, die Adresse stimmt.

Kein Kursbuch mehr

Ob das jetzt schon mit der Privatisierung der Bahn zusammenhängt? Die Zeitschrift Kursbuch wird eingestellt. Gleich drei hochkarätige Federn aus dem Kulturbereich verfassen Nachrufe auf der ersten Seite von taz zwei. Da kann ich mir meinen Senf dazu wohl sparen. Hier sehen Sie die Träne, die ich dieser öden Papierverschwendung aus dem Hause (Tilman) Spengler & Naumann (Michael) nachweine:  .
Und überhaupt: Ich muss raus und mal wieder den Hang entlanglaufen, iss ja schon drei Tage her seit meiner letzten Jogging-Litera-Tour. Erst die Montgelasstraße rauf (das war kein Dichter), wo die Häuser aufhören geht's die Treppen runter, dann rechts in den Waldweg hinter der Kolbergerstraße, unter dem Isarring durch, nach den Tennisplätzen immer zur Flemingstraße rüberwinken, wo Erich Kästner mal gewohnt hat, weiter die Adalbert-Stifter-Straße bis zur Opitzstraße*), dann rüber zum Isarufer, erst die Heinrich-Mann-Allee isaraufwärts, dann unter den Bäumen der Thomas-Mann-Allee bis zur Rückseite des Rewe-Markts an der Kufsteinerstraße. (Rewe war auch kein Dichter.) Heute werde ich wohl die langen Jogging-Hosen anziehen, hat nur zwölf Grad da draußen. Gott sei Dank regnet's nicht mehr - der wahre Läufer geht ja raus bei  jedem Wetter.
Also, die alten Adidas geschnürt und losgedüst.
See you later, Alligator!

*) Martin Opitz von Boberfeld (* 23. Dezember 1597 in Bunzlau; † 20. August 1639 in Danzig) war der Begründer der Schlesischen Dichterschule und ein bedeutender Dichter des Barock. (...) Opitz ging 1621 nach Weißenburg und lehrte dort am Akademischen Gymnasium Philosophie und schöne Wissenschaften (aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie).

Die Schlacht ums Internet

Man ist ja offen für andere Meinungen - Redefreiheit ohne Ende! Man muss es sich ja nicht antun, das Geseire. Nun ja, Sie nicht, aber ich schon: Dieses Teiggesicht nennt sich Tobias Schmidt, 38, und so massenkompatibel wie der Name klingt verdingt sich das Kerlchen auch. Er passt voll rein ins System: "Leiter des Bereichs Medienpolitik bei Deutschlands größtem Privatsender RTL und Vizepräsident für den Fachbereich Fernsehen und Multimedia beim Privatsender-Lobbyverband VPRT", so stellt ihn die oder er sich der taz-Seite "meinung und diskussion" vor. Was für eine Verschwendung von Platz und Druckerschwärze!
Es ist Krieg: Es "tobt derzeit eine unerbittliche Schlacht zwischen den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und den privaten Medienunternehmen." "Die Batterien der öffentlichen-rechtlichen PR-Bataillone feuern aus allen Rohren." "Morgenthauplan". "Blicken wir lieber in aller Kürze auf die Scharmützel der großen Schlacht."
Bei aller kriegerischen Rhetorik kommt es dann auch nicht mehr so sehr auf Einzelheiten an: Einmal heißt eine Produktion des Kriegsgegners "Julia: Wege zum Glück", sieben Zeilen später"Julia auf ihrem Weg zum Glück" - heh, nicht so wichtig in Kriegszeiten. Wichtig hingegen: "Sollte der geneigte Leser und Gebührenzahler auf diese Weise zu neuen Erkenntnissen gelangt sein, so würde es mich allerdings freuen!"
Freuen Sie sich! Ich hab zwar keine neue, aber immerhin eine Erkenntnis in Bezug auf ihre Person erlangt: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Und ich überlege mir ernsthaft, weshalb die taz mich als Abozahler dazu missbraucht, Ihnen ein Honorar zu überweisen. Ich bezahle Sie doch sowieso an der Supermarktkasse, wenn ich Produkte kaufe von Firmen, die auf Ihrem Deppensender Werbung schalten.

Es geht aufwärts ...

... mit der Zahl der Bundeswehrsoldaten in Afghanistan, Sie wissen schon, am Hindukusch, wo Ihre und meine "Freiheit" verteidigt wird. Was das ist? Die Freiheit der geldgierigen Arschlöcher, die den Hals nicht vollkriegen und ihre Geschäfte auf alle Länder dieser Erde ausdehnen wollen. Und wenn irgendeine Regierung oder ein Land sich dagegen wehrt, schickt man Truppen hin oder bombardiert sie solange, bis sie keinen Widerstand mehr leisten. Wer diese Freiheit für Sie und mich definiert? Mistkerle wie Sarkozy in Frankreich und Marionetten wie Merkel in Deutschland.
Tausend Soldaten zusätzlich will Herr Jung, Kriegsminister in "meiner" Regierung hinschicken. Ob dann erst mal 4.400 oder 4.800 Bundeswehrmenschen dort sein sollen - auf genaue Zahlen kommt es dabei nicht so an: ""Franz Josef Jung (CDU) will sich nicht auf eine Zahl festlegen."
Die taz erinnert dankenswerterweise noch mal an Hans-Ulrich Klose, früher Bürgermeister von Hamburg - SPD, was sonst. Der Mann, weit außerhalb des wehrpflichtigen Alters, "hatte vor kurzem geäußert, dass die Zahl von 50.000 Nato-Soldaten generell zu niedrig angesichts der verschärften Sicherheitslage sei."
Verschärfte Sicherheitslage? Na klar, nachdem die Afghanen merken, dass alles nur ein großer Schwindel ist, damit die USA das Land unter Kontrolle bringen, nimmt der Widerstand zu, und es sind nicht mehr nur die Taliban, die sich wehren.
Und Ihre und meine Regierung, dazu die FDP und die Grünen, machen bei diesem Schwindel mit. Es lebe die deutsche Rüstungsindustrie, hipp, hipp, hurra!

Guantanamo: Bush am Ende

Was er ja schon immer gewusst hat, der größte Schurke, der jemals Präsident der USA wurde, hat ihm jetzt das oberste US-Gericht bestätigt: Das KZ Guantanamo verstößt gegen die amerikanische Verfassung.
Nun darf man nicht glauben, dass dieser Unglücksmensch Bush das öffentlich einsieht, nee, aber die Gerichtsentscheidung sorgt mit dafür, dass dieses texanische Landei seinen Platz in der Geschichte findet: Er hat es als Inkarnation von Alfred E. Neumann, dem Maskottchen der Zeitschrift Mad, geschafft, Präsident der USA zu werden.
Kein Wunder, dass Angela Merkel sich so gut mit ihm versteht.

Kommentar



Achtung: tazblog! 24. Mai bis 31. Mai 2008
04.06.2008 08:18:13
24. 5. 2008
Wieder wiederholen

Da lag sie also doch noch im Briefkasten, die taz vom Donnerstag, dem 22. 5.  Ein Anruf bei taz Abo hat sie mir verspätet gebracht. Ausführliche Besprechungen erspare ich mir, echt dicke Hunde gab's keine. Eine hübsche Formulierung von Brigitte Werneburg möcht ich trotzdem aufnehmen, gehört sie doch allen Kulturredakteuren der taz (und der Spezies Feuilletonredakteur im allgemeinen) ins Stammbuch geschrieben, die Formulierung. Anlässlich einer Filmkritik zu "Ich. Immendorf" schreibt Werneburg: "Er habe, sagt Jörg Immendorf, 'für die Malerei Neuland erobert'. Mit Comicelementen und der Kombination von Bild und Text, aber auch mit der Forderung einer gesellschaftsbetonten Kunst von größtmöglicher Verständlichkeit statt den Verrätselungen der bürgerlichen Kunst."
Man kann "größtmögliche Verständlichkeit" als Aufforderung an alle Autoren nur immer wieder wiederholen, immer wieder wiederholen, immer wieder wiederholen und wieder so weiter. 

Mehrwertsteuer senken. Ich wiederhole: MwSt senken

Noch ein Hinweis auf die taz vom Donnerstag. Ulrike Herrmann, auf deren kluge Beiträge zur Steuerpolitik ich ja schon hingewiesen habe, veranlasst Winfried Schneider aus Düsseldorf zu einem Leserbrief: "... ein Vorschlag, den ich bisher in der ganzen Diskussion schmerzlich vermisse: Mehrwertsteuer senken! Am besten zurück auf 16 Prozent, garniert mit der Einführung einer dritten Tarifstufe von 24 Prozent auf Luxusgüter, um die Einnahmeausfälle zu begrenzen." Die Luxussteuer würde ich bei den SUV glatt auf 30 Prozent anheben (Sie wissen schon, das sind diese meist schwarzen Stadtgeländewagen, die Abkürzung bedeutet Saumäßige Umwelt-Verseuchung). Das würde Leute, die sich so eine Dreckskarre leisten können, wahrscheinlich nicht vom Kauf abschrecken, aber dem Steueraufkommen würde es guttun. Man könnte das Geld zweckgebunden zur Abschaffung der Praxisgebühr oder für kostenfreie Kindergartenplätze verwenden.

In Wahrheit: selbstverständlich

Die Fehde mit dem Wahrheit-Redakteur ruht erst mal. Jemand der in seinem freitäglichen Artikel deutlich macht, dass er den Unterschied zwischen "natürlich" und "selbstverständlich" kennt und beim Schreiben beachtet, kann als Journalist nicht gaaanz schlecht sein.

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Der 23. 5. - das magische Datum



Sie wissen schon, die Zahl 23, Quersumme 5. Weshalb zwischen den Beiträgen über den 23. 5. mal wieder der Hinweis auf












erlaubt sein sollte. Im 23. Kapitel dieses "Ratgeberromans" erfahren sie alles über die 23, weshalb sie ein Filmstar wurde, das Alphabet zwischen A und Z 23 Buchstaben hat, und bei einem sehr weit verbreiteten Ballspiel immer 23 Leute auf dem Spielplatz stehen. Klicken Sie einfach auf den ausgiebigen Buchtitel hier oben oder gleich auf "Nachricht / Bestellung". Am besten, Sie fordern gleich 23 Exemplare an. Danke.
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Kannitverstan

Der Artikel auf den Kulturseiten, in dem es um die Treuhand, den Verleger Bernd F. Lunkewitz, den Bestsellerautor und Juristen Bernhard Schlink, den Aufbau Verlag und irgendwelche kriminellen Machenschaften beim Verscherbeln desselben geht, könnte genauso gut auf der Wahrheitseite stehen. Falls der Autor Jörg Sundermeier versucht hat, dem Leser diesen "ungeheuerlichen Fall" bzw. "Aufbau-Krimi" (so die Zeitschrift Buchmarkt) zu erklären, so war es bei mir zwecklos: Ich habe nichts kapiert.

Der einen Langweiler ist des anderen Meisterwerk

Cristina Nord, unsere Frau im Süden (beim Filmfest in Cannes), fand den "Che"-Film von Steven Soderbergh schlicht langweilig, während ihr Kollege von der Süddeutschen begeistert von einem "Meisterwerk" berichtete. So it goes.

Marsmusik

Nicht mein Tag heute? Oder nicht meine Kulturseite? Neben dem "Aufbau"-Krimi, von dem ich aber auch gar nix verstanden habe, stehen drei Plattenkritiken, die mich anscheinend auch nicht ansprechen wollen. Überschrift: "Die Achse der Wimps". Aha. Ich gebe nicht auf. Die Bands kenne ich genauso wenig wie die Musik, die sie machen. Aber ich lese gern über Musik, wie Sie ja wissen, schließlich hab ich meine Karriere damit begonnen, über Musik zu schreiben (fragt da jetzt schon wieder ein Stimme aus dem Hintergrund: Welche Karriere? Halt den Mund, Blödmann!). Also, ich zitiere aus der  ersten Kritik, in der es um eine Band mit Namen James geht: "Während der großen Raveomania konnten sie mit dem Nach-dem-Sex-auf-E-Stück 'How was it for you?' einen der ganz großen Hits landen." Verstehe, Sex auf E. Und in der dritten Kritik erfahre ich über "die Essenz" der La's: "Sixtiessound, trotzdem federnd und schwungvoll, und jeden Wimp auf die Tanzfläche treibend." René Hamann scheint zur nicht-esoterischen Popschreibergruppe zu gehören. Wenn ich nur wüsste, warum er glaubt, dass es was Besonderes ist, wenn Nieten tanzen. Und warum er unbedingt Wimp schreiben muss, wenn's Versager auch getan hätte.

Täterätääää! Tusch! Verbeugung! tvF!

Wie extra für mich ins Blatt gesetzt kam mir der Artikel "Gegenseitige Umarmung" in der taz vom 23. 5. 2008 auf Seite 15 vor. Er gehört zum Besten, Stimmigsten, Informiertesten, Makel- und Fehlerlosesten, was ich jemals über meine absolute Lieblingsband The Grateful Dead gelesen habe. Phantastisch! Und, wer beschreibt meine Verblüffung: Das Layout mit dem kleinen Bild in der oberen linken Ecke, daneben der tiefgesetzte Titel und viel weißer Raum darüber, erinnert ganz verblüffend an das Layout dieser Webseite hier. Magie? Tja, was soll ich sagen?
Nichts in dem Stück ist falsch, und sogar ich erfahre noch was Neues, dass nämlich Gloria Jones, die Witwe von Marc Bolan, eine Weile in der Jerry Garcia Band, einem der vielen Unternehmen des Dead-Gitarristen, mitgespielt hat. Das wusste ich nicht, obwohl ich die Band mehrmals auf diversen Bühnen in San Francisco und Umgegend gesehen und gehört habe, einmal sogar mit dem Wunderpianisten Nicky Hopkins. Jedenfalls geht der tvF-Preis (taz vom Feinsten) an Detlef Diederichsen aus der gleichnamigen Schreiberdynastie. Hervorragend!
     
Meinetwegen

Mir schon recht, dass Tokio Hotel auf Platz 5 der Album-Hits in den USA liegen. Die Jungs machen offensichtlich etwas richtig, und Tom Kaulitz, der Gitarrist mit den Rastazöpfen, der Bruder des Sängers Bill, hat anscheinend gewaltigen Schlag bei den Mädels. Beim US-Zoll wurde er rausgewunken - diese Langhaarigen sind ja immer verdächtig, Drogen und so. Man hat sein Gepäck gefilzt und tatsächlich fanden Sie eine prallgefüllte Plastiktüte. Mit Kondomen.

Drei Witze auf Ökosex

Dass der Umweltminister mit eine Dienstlimousine durch die Gegend brettert, die 222 Gramm CO2 aus dem Auspuff jagt und 250 Sachen Spitze drauf hat, stand ja schon vorige Woche hier. Den Witz, der Martin Unfried dazu einfällt, will ich Ihnen nicht vorenthalten: Sagt Sigmar Gabriel zu seinem Fahrer: "Wir müssen unbedingt die Fahrzeugflotte der Bundesregierung noch stärker ökologisieren. Da ist das Drei-Liter-Auto wirklich eine tolle, revolutionäre Sache für den Klimaschutz." Fragt der Fahrer ungläubig: "Herr Minister, Sie meinen doch nicht etwa runter auf drei Liter Verbrauch?" Gabriel klopft ihm jovial auf die Schulter und sagt: "Hubraum, Schmidt, drei Liter Hubraum!"
Najahaha.


25. Mai 2008
Neues vom Tiger

Oh Mann, was für ein toller Beitrag im taz mag!!! Detlef Kuhlbrodts langer Text mit eingebettetem Interview - gute Form! - und Detlev Schilkes Fotos über den Tiger von Kreuzberg - da geht einem das Herz auf. Da hat sich ein straßenschlaues Duo gesucht und gefunden, denn auch Tigers Partner Murat Ünal scheint ein ausgesprochen kluger Kopf zu sein. Und so, wie Kuhlbrodt die Sache anging, mit viel Liebe und offensichtlicher Begeisterung, wird locker ein Trio aus dem Unternehmen.
Interessanterweise hat der Tiger erst mal auf YouTube mit seinen Videos angefangen, jetzt bringen sie ihn auf die Bühne in Berlin. (Wobei ich das Gefühl habe, dass Ali G. alias Sacha Baron Cohen auch anderswo eine kleine Flut von Nachfolgern gefunden hat - z. B. der Drummer von The Pops, der sich Pavel Popolski nennt. Da gibt's ausnahmsweise einen Link hier zur Website. Man erfährt, dass die Popmusik vor 100 Jahren von Pavels Opa erfunden wurde. Damals hieß sie noch Popolski-Musik, aber das hat der Opa dann abgekürzt.) Und weil Murat Ünal so tolle Sachen sagt in dem Interview kriegt er hier das vorletzte Wort:
"Egal, was ich für einen Satz bei ihm eingebe, er kommt in Tigersprache bei ihm heraus. Tiger ist der Master der Essenzen. Die Welt ist ziemlich klar. Das ist auch typisch bei den Orientalen. Es gibt gut und böse. Es gibt superfreundlich und supersauer. Dieses Überschwängliche in jede Richtung, und dass es keine Zwischentöne gibt, das bringt Tiger sehr gut rüber. Er ist ja Heißblüter. Die Abendländische Kultur dagegen ist geprägt vom Moderaten. Da gibt es viele Grau- und Zwischentöne."
Das letzte Wort kriegt selbstverständlich Tiger: "Bei Tiger musst du aufpassen. da kannst du was lernen. Zum Beispiel: Die harten Typen, die mit Tyson-Schnitt rumlaufen, die sind oft lammfromm, wenn sie von ihrer zierlichen, kleinen Freundin angemacht werden. Dann sind die wie angebissene Pitbulls. Dann ist die Frau die Krasse."

Fortpflanzungsrechtsbesessenheit und Eierstockverantwortung

Den letzten Tiger-Satz da oben könnte man hier gleich aufnehmen. Der Beitrag "Das Unbehagen der Frau" ist der größte Mist, den ich seit langer Zeit gelesen habe - leider bis zum Ende, weil ich wissen wollte, worauf die Autorin hinaus will. Ich weiß es aber auch jetzt nicht. Es geht darum, ob Frauen Hillary Clinton wählen müssten oder sollten und ob Männer, die sie nicht wählen, verkappte Antifeministen sind, oder so ähnlich. Wie gesagt, ich weiß es nicht. Abgesehen davon hat die Übersetzerin ihren Job nicht ernst genug genommen, sonst hätte sie ja wohl den Begriff gender bias nicht einfach auf Amerikanisch stehen lassen und ihm fürs Deutsche Großbuchstaben verpasst. So steht dann da: "Viele junge Frauen sind dermaßen weit vom Feminismus entfernt, dass Gender Bias für sie obsolet geworden ist." Aha. Und später erfahre ich noch, "... dass viele Frauen von dem  Frust sprechen, nicht in der Lage zu sein, konkrete Umstände zu benennen, die sie als Gender Bias erfahren haben." Interessant, gelle? Wer mir sagen kann, was der folgende Satz bedeuten soll, oder wo der Fehler liegt, den lade ich auf ein Bier ins Paradiso ein: "Die Gemüter erhitzen sich um ungeahnter Schnelligkeit über jede einzelne Äußerung." Und noch ein Beispiel, an dem die Grenze zur Satire unscharf wird: "Demokraten lieben Frauen, nur nicht solche Frauen, die mit ihrer Fortpflanzungsrechtsbesessenheit an uns kleben bleiben." Wer "uns" ist, weiß ich auch nicht. Aber es kommt noch schöner: "Die Behauptung von Obamamaniacs, dass Frauen für Hillary stimmen, nur weil sie Frauen seien, mag schlimm sein, aber fast genauso schlimm ist es, wenn Altfeministinnen Frauen anweisen, genau das zu tun, und zwar aus einer Eierstockverantwortung heraus."
Dieser Beitrag hat einen sehr hohen ÜQ (Überflüssigkeitsquotient), es ist schade um die zwei Seiten, er ist schlecht übersetzt und miserabel oder gar nicht redigiert. Der größte Mist des Wochenendes.

Hausmeisteraktivitäten

Scheißtitelzeile: "Antibourgeoise Integration". Ach geh! Sonst aber keine Einwände - ein dickes wissenschaftliches Buch über Symbiose in der Tier- und Pflanzenwelt  auf der Seite "politisches buch" von Helmut Höge besprechen zu lassen, hat etwas Subversives. Symbiose, oder, wie es der Buchtitel von Peter Kropotkin aus dem Jahr 1900 ausdrückt, "Gegenseitige Hilfe in der Tier und Menschenwelt", steht nämlich in einem gewissen Widerspruch zu Charles Darwins "Überleben der Tüchtigsten". Höge daran erinnert daran, dass über Darwins "Vom Ursprung der Arten" schon Marx und Engels Witze gemacht hätten: "Der Autor habe dabei bloß das üble Verhalten der englischen  Bourgeoisie auf die Tier und Pflanzenwelt projiziert." Das besprochene Buch heißt übrigens "Evolution durch Kooperation und Integration", und wendet sich offenbar an Fachleute oder interessierte Laien. Und an Besserverdienende: Die 751 Seiten kosten 96 Euro.

Tatort-Sonderheft

Gute Titelseite am Wochenende, und zum 700. Tatort so eine Spur durch die ganze taz zu legen, zeugt auch von schöpferischen Gedankengängen der taz-MacherInnen. (Keine Sorge, ich fang jetzt nicht mit der Binnen-I-Manie an, es weiß doch eh jeder, wie viele Frauen bei der taz arbeiten. Und grundsätzlich gilt: Auch in der gängigen männlichen Form sind - und waren ja auch immer - Frauen mit gemeint.)
Der Kommentar von Nicola Glass auf Seite 1 ("Birmas Generäle taktieren") könnte in fast jeder Zeitung, bei ARD, ZDF und sonstwo unterkommen. Das ist der solide Hauptstrom des bürgerlichen Journalismus, kein bisschen um Ecken und Kanten gedacht, einfach solides, uninspiriertes Handwerk im Geiste des Kolonialismus. In ihrem Größenwahn droht Frau Glass (beziehungsweise die taz, indem sie den Kommentar auf der ersten Seite abdruckt) den Generälen in Birma doch glatt mit Krieg: "Falls Juntachef Than Shwe sein Versprechen nicht hält, muss es das letzte Mal gewesen sein, dass sich die Vereinten Nationen und die Asean von den Militärs haben austricksen lassen. Spätestens dann muss sich die internationale Gemeinschaft zu einer humanitären Intervention durchringen."
Ja, durchringen. Es fällt uns nicht leicht, aber wenn's sein muss, schicken wir die Bomber. Wenn ich schon so ein Gewäsch wie "internationale Gemeinschaft" und "humanitäre Intervention" lese, so Neusprech-Nullvokabeln, wie sie Bush und Steinmeier und all die entmenschlichten Automaten benutzen! Ich nehme aber an, dass sich Than Shwe die Drohung von Frau Glass zu Herzen nimmt und in Zukunft brav tut, was sie vorschlägt, weil sie ihm ja sonst Bomben aufs Haupt schmeißt, und davor hat er jetzt bestimmt große Angst.

Wunde linker Hand

Eine erschütternde Buchrezension von Jörg Magenau ziert fast eine ganze Kulturseite. Ja, so ein Beitrag ziert die taz. Dieser Autor zeigt, dass es möglich ist, sich auf hohem Niveau klar und verständlich auszudrücken. Das neue Buch von Ulla Berkéwicz bespricht Magenau sachkundig und mit bestechend klarem Urteil, stellt es in den großen Zusammenhang der Geschichte des Suhrkamp Verlags und seines Leiters Siegfried Unseld. Um dessen Tod geht es im Roman, Frau Berkéwicz ist seine Witwe. Und obwohl es auf einen ziemlich gnadenlosen Verriss hinausläuft, geht es Magenau um die Sache, nicht um die Person. Zitate: Berkéwicz bietet Kabbala, Mystik und Sätze von Heidegger'scher Dunkelheit um den 'Spalt' zwischen den Welten zu überbrücken", heißt es an einerStelle." Schön auch: "Ihre Sätze sind groß und hohl genug, dass ohne Schaden auch das Gegenteil hineinfließen könnte. 'Totsein heißt in der Zukunft sein', lautet eine Formel, die immer wieder repetiert wird, als ob sie dadurch plausibler würde." Und obwohl Magenau zugesteht, dass im Buch auch "starke, irdische Sätze wie aus einem Benn-Gedicht" vorkommen, resigniert er: "Doch sie bleiben singulär und gehen unter im Wust aus metaphysischem Kitsch und selbstgerechter Wut." Als Unseld  stirbt, bläst der Sturm ums Krankenhaus, und Ulla Berkéwicz hat ein Wundmal an der  linken Hand. Na ja, soll's ja geben.
Magenau sieht das Problem mangelnder Qualität auch in fehlender Kontrolle.  "Überlebnis" ist bei Suhrkamp und damit praktisch im Selbstverlag erschienen. Schließlich gehört der Laden der Autorin.

Bob Marley, Jonathan Demme und das Frühstück bei Tiffany

Für mich ist das die gute Nachricht: Jonathan Demme dreht den Dokumentarfilm über Bob Marley, nicht Martin Scorsese. Das finde ich schon deswegen klasse, weil ich die beiden Konzertfilme, die Demme bisher gedreht hat, fürs Beste halte, was es auf diesem Gebiet gibt: Vor vielen Jahren "Stop Making Sense" mit den Talking Heads, und vor zwei Jahren "Heart of Gold" mit Neil Young. Truman Capote hat Jonathan Demme auch sehr geschätzt, und er hatte sich mit ihm sogar auf eine Neuverfilmung von "Frühstück bei Tiffany" geeinigt. Die kam dann doch nicht zustande, weil Capote gestorben ist.

Vorgeführt

Unter dem treffenden Titel "Jung, stramm, rechts" schreibt Ulrike Winkelmann ein feines Stückchen über die unsäglichen Jungmänner vom rechten CDU-Rand. Der eine Trottel fordert ein "doppeltes Wahl-und Stimmrecht bei Bundestag- und Landtagswahlen für alle Leistungsträger in Deutschland", der andere hat mal laut darüber nachgedacht, ob man 85-jährigen Menschen noch teure künstliche Hüftgelenke einsetzen sollte. Dem Ersteren bescheinigt sogar ein CDU-Abgeordneter: "Der hat einen Knall". Trotzdem sitzt er in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Rings Christlich-Demokratischer Studenten im CDU-Vorstand. Der zweite ist nach seinem Profilierungsversuch aus dem öffentlichen Leben verschwunden. Hoffentlich braucht er nie ne künstliche Hüfe.
Ulrike Winkelmann erwähnt noch eine ehemalige JU-Vorsitzende, die sich mal ähnlich in die Nesseln gesetzt hat: Hildegard Müller übernahm eine Halbtagsstelle bei der JU, und ließ sich die von ihrem Arbeitgeber, der Dresdner Bank, bezahlen. Winkelmann merkt an, dass Hildegard Müller "dies aber nie als illegitime Verquickung von Wirtschaft und Politik" verstanden habe, und fährt fort: "Gerechterweise muss man unterstellen, dass sie auch ohne die finanzielle Unterstützung ihrer JU-Arbeit niemals ein Wort geäußert hätte, das gegen die Interessen von Großbanken gegangen wäre." Ulrike Winkelmann fügt noch lapidar an: "Heute ist sie Staatsministerin im Kanzleramt von Angela Merkel."

Verschwunden

Gestern in der taz über das Lied "Disappear", mit dem die No Angels beim Schlagerwettbewerb teilnehmen: "Der von Dänen gebastelte Song kommt fast ohne Melodie aus." Gerade höre ich im Radio, dass er auch fast ohne Punkte ausgekommen und auf dem letzten Platz gelandet ist. Und über den russichen Beitrag hieß es: "Hoch favorisiert!" Gut getippt von Jan Feddersen.
Ich seh schon: Nächstes Jahr muss ich selber ran. Deutschland braucht mich. Ich werd mit der Bahn nach Moskau fahren und meinen melodisch eingängigen Ökosong "Ihre Kinder" vortragen, einfach allein mit Akustikgitarre, ohne Band und Lightshow und Background-Sängerinnen mit Windmaschinen und Schleierfirlefanz, das totale Kontrastprogramm eben. Das wird die Leute so sehr rühren, das mir der erste Platz so gut wie sicher ist. Heh, ihr Verantwortlichen vom NDR - bitte melden! Um einen ersten Eindruck zu bekommen, können Sie ja meinen Clip auf YouTube anschauen. Gehen Sie jetzt zur Startseite dieser Homepage und klicken Sie auf den Link dort unter dem Hinweis "You want show? Here you go." Oder Sie klicken gleich hier auf den Link. Danke.

Der Hering - ich will's nicht wissen!

Da hab ich meine Bismarck- und sonstige Heringe immer mit dem guten Gewissen gekaut, sie stünden ja auf keiner roten Liste - und jetzt das: Kein Mensch weiß genau warum, aber der Hering macht sich vom Acker. Weil das im Falle dieses Meeresbewohners ein etwas schiefes Bild sein mag, sei hier Manfred Kriener von der Meinungsseite zitiert: "Der Hering ist in Seenot. Man vermutet, dass es für die Heringslarven ein Nahrungsproblem gibt, aber das ist nur eine These."
Also Schluss mit Heringsfilets aus der Dose! Die besten hatte übrigens "Penny". Jetzt muss ich doch gleich mal guggeln oder yahooen, wie's um die Makrele steht. Sardinen jedenfalls sind noch erlaubt.


Kleingedrucktes

Meldung am Rande: Michael Naumann, der SPD-Verlierer aus Hamburg, hat, wieder einmal, genug von der Politik und geht zurück zur Zeit, wo sie ihm den Sessel warm gehalten haben. Wen wundert's? Vielleicht sollte ich noch mal dran erinnern, dass er damals seinen Job als Kulturstaatssekretär unter Schröder mit den Worten aufgegeben hat, er müsse jetzt endlich mal Geld verdienen. Bei der Zeit. Für Naumann gilt das Landauer-Zitat da oben auf dieser Seite ganz besonders: Ein widerlicher Kerl.

Öl um Mitternacht

Tja, ein Interview mit Peter Garrett auf Seite 3. Fein. Garrett war mal der Sänger der australischen Band Midnight Oil, und die musste man einfach mögen. Pop mit politischem Anspruch, aber gut. Jetzt isser Minister für Umwelt, Kulturerbe und Kunst im Kabinett von Kevin Rudd, und der hat als Erstes das Kioto-Protokoll unterschrieben. Schön und gut, aber irgendwie krieg ich beim Lesen den Eindruck, Garrett redet auch nur wie ein Politiker. Ein paar Sätze über seine Kinder mag ich doch zitieren: "Sie sollten einen Weg wählen, der sie selbst glücklich macht. Es ist völlig egal, was du machst, Hauptsache es macht dir Spaß!"
Na, da iss was dran. So ähnlich sagt das auch der Tiger von Kreuzberg, beziehungsweise sein Partner Murat: "Wir wollten etwas machen, was uns Spaß macht. Wichtig ist, dass der Spaß daran erhalten bleibt und man nicht immer daran denkt, Kohle zu verdienen. Das ist uns bisher nie so richtig wichtig gewesen. Das muss vom Herzen kommen. Die Liebe dazu ist unser Impuls gewesen, und das ist auch das, was uns am Leben erhält."
Bis Dienstag dann. Liebe. Frieden.
Ciao.

26. Mai 2008
Der Mensch freut sich ja immer, wenn ihm seine Meinung oder Überzeugung oder Einstellung bestätigt wird. Neulich, als sich mal wieder alle über China und Tibet so  seltsam einig waren, habe ich zu bedenken gegeben: Wenn jemand aus dem Westen mit dem Finger auf China zeigt, deuten drei Finger auf ihn zurück. Das Folgende schrieb Peter Hessler für die Mai-Ausgabe 2008 von National Geographic, die vollständig China gewidmet war. Zur weiteren Verbreitung habe ich das Zitat übersetzt:

"Und niemand in der entwickelten Welt sollte China kritisieren, ohne einen gründlichen Bilck in den Spiegel zu werfen. Das Land ist aufgestiegen, indem es Produkte für den Konsum in Übersee hergestellt hat, und die materialistischen Träume des durchschnittlichen Chinesen sind uns nicht fremd. Ein  Amerikaner, der Chinas Umweltbilanz kritisiert, gleicht einem Drogensüchtigen, der seinen Dealer beschuldigt."

27. Mai 2008
Käfighaltung

Nachtrag zur Wochenend-taz. Da war hinten ein Foto drauf, wie die tazler auf der Dachterrasse des Hauses Rudi-Dutschke-Straße 23 an langen Tischen sitzen und die Danke-Karten an die Abonnenten schreiben. Irgendwie rührend. Und man konnte die Umgebung sehen, lauter trostlose hohe Häuser, kein Baum, kein Strauch, triste Großstadtumgebung, Wohn- und Büroblöcke. Da entstehen also taz und BILD: Zeitungen von Journalisten in Käfighaltung.

Marta, Marta

Die beste Fußballspielerin der Welt heißt Marta, kommt aus Brasilien und spielt für einen nordschwedischen Verein, Umeå IK. (Auf das  a gehört noch son kleiner Kreis, mal sehen ob ich das bei den Sonderzeichen finde. Ja, hat geklappt!) Jedenfalls haben die Schweden undMarta gerade das Endspiel im Uefa-Cup gegen 1. FFC Frankfurt verloren, und Marta wurde von den Zuschauern dauernd ausgepfiffen, weil sie, wie der Frankfurter Trainer es ausdrückt, "dauernd lamentiert, eine gelbe Karte für die Gegnerin gefordert und Fouls vorgetäuscht" hat. Aber dass Marta "eine geniale Spielerin" ist, gibt er schon zu.
Irgendwann wird es heißen, Pelé war die männliche Marta.

Jubiläum! Neu! Untergang des Abendlandes!

Den größten Teil von "flimmern und rauschen" nimmt ein Stück ein, dass Matthias Michael über den Niedergang von "Spiegel TV" verfasst hat. Anlass für den Abdruck: Wie so häufig wird ein Jubiläum bemüht, seit 20 Jahren geht das Magazin jetzt schon übern Äther. Herr Michael, Professor an einer Medienhochschule in München, war selber mal Mitmacher bei "Spiegel TV", und kritisiert ebenso vorhersehbar wie akademisch den Niedergang der Kultur, die Verflachung eines einst anspruchsvollen Fernsehmagazins. Da stehen dann tausend Mal bemühte Sätze wie dieser: "Angesichts der beschriebenen Tendenzen ... warnen Pessimisten vor einem Rückfall unserer Zivilisation in die Vor-Gutenberg-Zeit. Denn der Mensch, das Augentier, entwickelt sich wegen der täglichen visuellen Überflutung durch TV und Internet zurück von der Schriftkultur zur Bildkultur. Und das Publikum huldigt dem Imperator Fernsehen und seinen Werten Beliebigkeit, Zerstreuung und Kommerz."
Denn siehe, der Untergang des Abendlandes ist nahe. Aber wer kann es jemandem verdenken, der lieber "Big Brother" glotzt als Sätze wie diese zu lesen: "Mit dieser Plot-Erzählweise übernimmt das factual television zunehmend die narrative Struktur des fictional television. Doch die dargestellten Konflikte werden nicht aufgelöst - damit bleibt der kathartische Effekt aus, den die meisten Spielfilme erzielen."
Da wären, wenn schon der Professor Michael kein Gespür für diese Satzungetüme hat, die taz-Redakteure gefragt gewesen. So etwas geht gerade noch in einer wissenschaftlichen Abhandlung - auch da fällt es unter schlechtes Deutsch -, aber es geht einfach nicht in einer Tageszeitung. Ich hab jetzt keine Lust, Matthias Michael ins Deutsche zu übersetzen, aber die Hausaufgabe für die Medienredaktion lautet: Schreiben Sie den Text des Herrn Professors zum Wohl des Lesers um! Als kleine Hilfestellung sei Ihnen verraten: Plot heißt Handlung, narrativ heißt (Geschichten-) erzählend, factual heißt auf Tatsachen beruhend, fictional heißt erfunden, und kathartisch heißt befreiend, läuternd, auflösend. Sie haben fünf Minuten Zeit. Bitte senden Sie ihr Ergebnis mit der Betreffzeile "Hausaufgaben" an "Achtung: tazblog!". Klicken Sie hier. Selbstverständlich kann sich jeder beteiligen, der dies liest.

Bebopalula

Wenn jemand Hipp heißt, Klavier spielt, gut aussieht und sich im Musikgeschäft betätigt, kann eigentlich nichts schief gehen. Bei Jutta Hipp ging es allerdings schief, wie René Zipperlen in einem gut recherchierten und kenntnisreichen Artikel nachweist. Die Frau aus Leipzig (Spitzenfoto - supercool!), geboren 1925, war Mitte der fünfziger Jahre, die "First Lady of European Jazz", spielte in New York einige Alben für die renommierte Plattenfirma "Blue Note" ein und ging 1958 mit eigener Band auf Tournee durch die Südstaaten. Im selben Jahr hat sie den Pianodeckel zugeklappt und verschwand in der Versenkung. 2003, 45 Jahre später, ist sie in New York gestorben, da war sie 78. Im Jahr zuvor hatten die Leute von Blue Note die alte Frau im Stadtteil Queens ausfindig gemacht, weil sie ihr 40.000 Dollar Tantiemen nachzahlen wollten. Zipperlen schreibt mit viel Hintergrundwissen über die Jazz-Szene gegen Ende der fünfziger Jahre. Weshalb Jutta Hipp ihre Karriere beendet hat, weiß anscheinend keiner so genau, Tatsache ist: Sie hat bis zu ihrem Tod keine Platte mehr aufgenommen. Jetzt kam eine CD mit Hipp und dem Saxophonisten Zoot Sims bei Blue Note heraus, und bei Bear Family Records gibt's eine 8-CD-Box vom Deutschen Jazzfestival 1954/55.

Antiautoritäres, die Fortsetzung

Gabriele Goettle kann doch nicht aufhören mit den Menschen, die "68" geprägt haben, und sie versucht mit einem zweiten Beitrag Dorothea Ridder zu erfassen. Diesmal redet die Filmemacherin Renate Sami über Ridder, und ich nehme alles zurück, was ich über meinen Überdruss betreffend Medien und "68" geschrieben habe. Wenn Gabriele Goettle Menschen zum Reden bringt, erfährt man auf zwei Seiten mehr als aus so manchen Büchern. Sie entschuldigt sich an einer Stelle sogar für eine längere Zwischenbemerkung, die man ihr gerne verzeiht, stellt sie doch darin den viel zitierten Satz von Max Horkheimer richtig: "Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen." Und ganz nebenbei versucht Goettle herauszubekommen, weshallb Dorothea Ridder einen Schlaganfall bekommen hat. Renate Sami meint, das hätte auch zu tun gehabt mit dem "Ärger in  der Praxis, mit den ganzen Umstellungen im Gesundheitswesen, das wurde ja immer mehr eingeschränkt." Und Goettle führt aus: "Die Leistungen pro Patient sollten immer mehr reduziert werden, das Entsolidarisierungssystem, bei dem wir heute angekommen sind, wurde damals unerbittlich auf den Weg gebracht."
Sami erzählt aber auch von ihrer eigenen Politisierung, von ihrer Empörung, als Päsident Richard Nixon 1969 Truppen in Kambodscha einmarschieren ließ: "Das war der Gipfel! Statt den Viernamkrieg zu beenden, überfällt er auch noch Kamdodscha." Dabei wurden, wie Goettle anmerkt, eine halbe Million kambodschanischer Zivilisten umgebracht.
Das war in der Tat für viele Studenten in Europa und den USA der Auslöser für noch mehr Proteste. In Ohio kam es an den Universitäten zu Kämpfen mit der Nationalgarde, bei denen vier Studenten erschossen wurden. Neil Young schrieb unter dem Eindruck der Fernsehnachrichten seinen später weltberühmten Song "Four Dead in Ohio":

Tin  soldiers and Nixon coming
We're finally on our own
This summer I hear the drumming
Four dead in Ohio

Renate Sami wurde nach einer Demo vor dem Amerikahaus in Berlin festgenommen. Ohne konkrete Vorwürfe blieb sie ein Jahr in Einzelhaft, weil sie in einer Wohngemeinschaft lebte, was die Polizei als "leicht lösliche Wohnverhältnisse" bezeichnete. Sami wohnte im selben Haus, wo auch die Anarchistenzeitung 883 entstanden ist, eines der Vorbilder für die taz: "Eine ganze Menge Leute lebten damals so, aber das war eben immer noch relativ abseits der Norm." Erst nach zwölf Monaten kam es zur Haftprüfung, und Sami wurde 1971 freigelassen. Beim ersten Prozess wurde sie vom Anwaltskollektiv Ströbele, Eschen, Schily verteidigt. Sami: "Neulich habe ich mal die Prozessakten nach langer Zeit wieder gelesen und ich habe festgestellt, dass der Otto Schily einen ganz tollen Schriftsatz verfasst hat, wo er zum Beispiel Nixon als Zeugen fordert, die ganze amerikanische Regierung - ja, in unserem Prozess. Es ist wirklich ein guter Schriftsatz. Wir sind dann zu einem Jahr verurteilt worden. Sind in die Revision gegangen und erst da gab's den Freispruch."
Viel später hat Renate Sami Haftentschädigung bekommen und mit dem Geld einen 60 Minuten langen Dokumentarfilm über das Sterben von Holger Meins gemacht, einen der RAF-Leute, der sich aus Protest zu Tode gehungert hat. Der Titel des Films war ein Zitat von Meins: "Es stirbt allerdings ein jeder, Frage ist nur wie, und wie du gelebt hast."
Im Herbst 2008 macht Renate Sami "so eine kleine Tour, in Amerika. Verschiedene Universitäten machen Veranstaltungen." Der Veranstalter in Harvard "wollte diesen Film unbedingt haben. Ich hoffe, dass ich das Geld bekomme für die Kopie."
Wenn Gabriele Goettle Menschen zu Wort kommen lässt, verflüchtigt sich meine Abneigung gegen die ewigen 68er-Artikel der letzten Monate. Der Nebelschleier, mit  dem die Jahre der Revolte zwischen 65 und 72 gern überzogen werden, reißt auf und klares Licht scheint auf die Zeit. Artikel über 68? Ja bitte!


"Wir müssen stark werden, ohne je unsere Zärtlichkeit zu verlieren." Che
Foto: Hans Pfitzinger

Küppersbusch

taz: Herr Küppersbusch, was war schlecht in dieser Woche?
Friedrich Küppersbusch: Bundesrat winkt das Epochenthema "Europäische Verfassung" unbemerkt durch. Wenn, wie in Frankreich und Holland, die Bevölkerung nicht zustimmt, darf sie eben gar nicht abstimmen.

Show

Auf derselben tazzwei-Seite erfahre ich endlich, dass der Name des Rappers Sido die Abkürzung von "Super-intelligentes Drogenopfer" ist. A bissl a Bildung muss der Mensch schon kriegen beim Zeitunglesen, gell? Und von Jan Feddersen weiß ich nicht, ob sein Satz über den Eurovison Song Contest jetzt Ironie ist oder ob er das ernst meint: "Die Legende von der Dominanz des Ostblocks entpuppte sich als Mär. Unter den Top 12 lagen sieben Länder, die früher hinterm Eisernen Vorhang darbten, fünf aus klassischen ESC-Ländern."
In Feddersens Bericht übernehmen die Russen beim Sängerwettstreit die Rolle von Bayern München im Fußball, und gewinnen, weil sie das meiste Geld reinstecken.

Die Charts - Folge VII: Der doppelte Boden

Wow, jetzt dreht Peter Unfried in der "Charts"-Kolumne seine Fortsetzungsgeschichte aus dem "Content Department" in vertrackte Höhen. Oder erreicht Tiefgang durch den doppelten Boden, schwer zu sagen. Sie erinnern sich: Es geht dabei um einen Typen namens Kern und seinen Stellvertreter Mies, zwei Männer, die offenbar im Journalismus tätig sind. Unfried hebt die Erzählung jetzt gewissermaßen auf eine raffinierte Metaebene: "Was dagegen keiner wusste: Warum diese so genannte Kolumne von Mies eigentlich 'Die Hitparade' hieß. Geschweige denn, was da drinstand. Es ging offenbar um zwei Männer, von denen einer ein systemkritischer Supertyp war. Der andere dagegen war ein karrieregeiler Versager. Weil Mies neben allem anderen auch nicht schreiben konnte, waren die Charaktere total platt und verzerrt gezeichnet. Hätte Kern etwas zu sagen gehabt, dann wäre das Zeug niemals erschienen."
Hah, das hat was. Ob sich hinter Kern eine gewisse Bascha Mika verbirgt? Und Mies einen gewissen stellvertretenden Chefredakteur zum Vorbild hat? Warten wir's ab, die Spannung steigt, bis es wieder heißt: "Die Charts". Das wäre dann Folge VIII. Bleiben Sie dran, ich garantiere für nichts!

Da läuft was richtig

Wer traut sich schon an gute Nachrichten aus dem Nahen Osten glauben? Jedenfalls scheint im Libanon was richtig zu laufen, und dass dort ausgerechnet ein General die Vernunft vertritt, scheint mir auch bemerkenswert. Michel Suleiman könnte der richtige Mann sein auf dem Präsidentenposten. Erstaunlich, was der so macht und gemacht hat.

Das Grauen hat Tradition ...

... in Österreich. Von Ralf Leonhard, dem guten taz-Mann in Wien, erfahren wir in der Kolumne "Nebensachen aus ...", was ein britischer Germanist herausgefunden hat: Schon 1853 erzählt Adalbert Stifter in seiner Novelle "Turmalin" von einem Rentner, der "aus Enttäuschung über die Untreue seiner Frau seine Tochter in den Keller" sperrte. 1917 erscheint ein Buch von Franz Nabl, "Das Grab des Lebendigen", und "in Elias Canettis 'Blendung' tritt der Ingenieur Josef Fritzl als Hausmeister Pfaff auf, der seine eingesperrte Tochter regelmäßig vergewaltigt."
Leonhard vermutet, dass diese Gestalten im "Umfeld der Autoren reale Vorbilder" hatten. Ja da legsti nieder!

Der Leser

Mir kommt's so vor, als wäre der Leserbrief von Benjamin Kettner zum Vergleich "Bundestagsabgeordnete und Hartz-IV-Empfänger" eigentlich an "Achtung: tazblog!" gerichtet. Es geht um den Professor Morlok, und ich hab ihm für seine Äußerung den "Dummbeutel der Woche" verliehen. Hier ist sie noch mal: "Man kann doch nicht sagen, Hartz-IV-Empfänger haben seit Jahren keine Erhöhung bekommen, also dürfen das jetzt die Abgeordneten auch nicht haben. Immerhin arbeiten die Volksvertreter ziemlich viel, Hartz-IV-Empfänger aber eben nicht." Schreibt der taz-Leser: "Anstatt jedoch die Aussagen als 'Mist' abzutun, sollte man sich die Mühe machen, sie genauer zu analysieren." Das tut der Herr Kettner dann auch.
Noch einer regt sich über diesen Vergleich auf, Theo Krönert aus Kaisersbach, und der kommt auf eine interessante Lösung, "um die Machtbalance wieder zu Gunsten der Arbeitnehmer zu verschieben. Die Produktivität ist seit den Siebzigerjahren um 25 Prozent gestiegen. Aber die Wochenarbeitszeit wurde nicht um diese 25 Prozent reduziert, um Vollbeschäftigung weiter zu erhalten, sondern die liegt immer noch bei 40 Stunden. Das ist die Hauptursache unserer Massenarbeitslosigkeit, der schwachen Binnennachfrage und der meisten Armut."
Sein Wort in Gottes Ohr! Nicolas Sarkozy, der Mann des Großkapitals und der Rüstungsindustrie, will die Wochenarbeitszeit in Frankreich gerade wieder erhöhen, dort hatten die Sozialisten schon mal 35 Stunden erkämpft. Und Sie glauben im Ernst, dass es jemanden gibt, der die Wochenarbeitszeit auf 30 Stunden herabsetzt? Ja, den gibt es. Er heißt Hugo Chavez, ist Präsident in Venezuela, und wird hierzulande vom überwiegenden Teil des Medienkartells nach allen Regeln der journalistischen Propagandakunst als völlig durchgedreht, höchst gefährlich oder nicht ernst zu nehmen hingestellt.

Satireverdacht

Angeblich kein Witz, diese Meldung über eine Mutter "aus dem Unterallgäu", die auf Ebay Folgendes versteigern will: "Ich biete mein noch fast neues Baby zum Verkauf an, da es mir mittlerweile zu laut geworden ist." Ach komm, da behauptet die Agentur ap auch noch, dass gegen die Mutter ermittelt wird, "den sieben Monate alten Merlin nahm das Amt in Obhut."
Wenn das keine Satire ist, erfunden von der Mutter, von Ebay, von der Polizei, oder doch von ap?

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"Das Kapitel über seine ganz persönliche Wiese im Englischen Garten ist zum Niederknien." Die Welt

Hans Pfitzinger, Stille Winkel in München

Erschienen im Verlag Ellert & Richter, Hamburg
€ 12,95 in jeder Buchhandlung

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Kommunikationsstratege: Small is beautiful!

Überraschung! Von jemandem, der sich von Berufs wegen Kommunikationsstratege nennt (klingt nach smarter Bissnezzman) hätte ich das nicht erwartet: Ein Plädoyer für "Small is beautiful", ja, mit etwas Wohlwollen kann man sogar die Forderung nach Stammesorganisation erkennen - alles olle Hippie-Ideen. Der Mann heißt Lutz Engelke, ist Geschäftsführer einer Firma namens Triad, und berät unter anderem auch die Telekom. Der taz-Aufreger des Tages (mit schöner Titelzeile auf der ersten Seite "Die Doppelflatrate Call & Spy") ging über die Telekom, die Kundendaten ausspioniert hat, um herauszufinden, wer Firmengeheimnisse an die Medien weitergibt. taz-Mann Christian Rath weist zu Recht darauf hin, dass der Fall stinkt, aber noch mehr stinkt das Gesetz, Kundendaten sechs Monate auf Vorrat speichern zu müssen/dürfen.
Dazu wird nun von einem Kai Schlieter dieser Kommunikationsstratege Engelke interviewt, und der macht selbstverständlich dicke Werbung für sich und seine Firma, denn Vertrauenskrisen, die von Managern in den Top-Etagen ausgelöst werden, gibt's jede Menge, und da kann er beratend eingreifen. Seine Analyse: "Das Grundproblem ist, dass sich Management-Eliten momentan fatal entpolitisiert haben. Es gibt kein politisches Personal mehr in dieser Art von Großkonzernen." Nun könnte man einwenden, die hatten es ja nicht nötig, sich um Politik zu kümmern, die Regierungen Kohl, Schröder-Fischer und Merkel-Steinmeier taten und tun ja sowieso ihr Bestes, um die Konzerninteressen umzusetzen. Flick, VW und Bertelsmann kümmerten sich stellvertretend für alle anderen um die jeweiligen Pollie=ticker.
Engelke sieht nun "eine Krise von kommunikativen Großsystemen." Und er weiß auch, weshalb die Konzernhäuptlinge ihren eigenen Mitarbeitern so misstrauisch gegenüberstehen: "Es existiert eine schon paranoide Angst vor einem schlechten Image, weil die positiven Nachrichten natürlich den DAX beeinflussen." Ein positives Image, sagt er, ist bares Geld wert.
Wie man aus der Krise rauskommt, weiß der Mann auch: "Ich glaube da auch nicht an die Selbsterneuerungskräfte von Management-Eliten. Es geht um Modelle, die außerhalb von Großindustrien gelebt werden. Kleine Strukturen, die organisch gewachsen sind. Formen der Kommunikation, vergleichbar mit creative industries, wo viel kooperativer gearbeitet wird, wo man sich an Werten orientiert."
Was Engelke damit meint, hat er vorher im Interview schon angedeutet: "Es gab in Stuttgart lange vor Schrempp den Spruch: 'Ich arbeite beim Daimler.' Da waren, vom Arbeiter bis zum  Vorstand, die Leute von Stolz erfüllt. Da sollte man wieder hin."
Daimler als Stamm, der die Leute vereint, etwas, womit sie sich identifizieren können. Wie gesagt, altes Hippie-Gedankengut. Der Firmenname für Engelkes Strategie- und Kommunikationsunternehmen, Triad, ist übrigens ein Songtitel von Crosby, Stills, Nash & Young.

Linksfresser? Nö.

Mein tazblog tut schon seine Wirkung! Früher haben bösartige Linkenfresserinnen (und Veit Medick) über die Partei Die Linke berichtet, jetzt macht das meistens der viel sachlichere und besonnene Stefan Reinecke. Aber auch wenn das nichts mit mir und meiner Schreiberei zu tun hat, es ist eine positive Veränderung. Und sogar über Sahra Wagenknecht wird nicht hämisch hergezogen, sondern schlicht gemeldet, dass sie mit 70,5 Prozent in den 44-köpfigen Parteivorstand gewählt wurde und damit das beste Ergebnis der Frauen erhalten hat. Glückwunsch!
Jetzt muss mich nur noch die Bildredaktion erhören, und bald wieder ein tolles Foto von der schönen Kommunistin abdrucken. Danke im Voraus.
Hab ich doch mal wieder "schön" und "Kommunistin" untergebracht! Demnächst krieg ich bei der taz ne Kolumne im Stil von "Öko ist sexy": Sozialismus macht schlank!

28. Mai 2008
Nicht ganz holla

Ist doch schön: Es regt sich wieder jemand über die Kunst von Martin Kippenberger auf, auch wenn der gekreuzigte Frosch nicht zu seinen besonders originellen Werken gehört. Allerdings wird man ihm kaum die Nachricht vom Wahrheit-Frosch ausrichten können ("Kippenberger, wir wissen wo dein Auto steht!"), denn der Künstler ist am  7. März 1997 in Wien gestorben. Aber wir wissen, wo das Auto des Redakteurs steht,
und blättern dienstags wie immer schnell weiter, nachdem wir noch kurz beim Foto von Carla Bruni verweilt haben.

Reden und schreiben

Gleich zwei Autoren berichten auf einer ganzen Kulturseite über ein Literatentreffen in Hildesheim. Das hieß "Prosanova", und Dirk Knipphals bemängelt, dass Texte vorlesen besser geklappt hat, als über Texte und Gedichte zu reden. Wen wundert's? Christoph Schröder wiederum findet es problematisch, dass Verlage auch schwache Texte veröffentlichen, Hauptsache, sie kommen aus den Schreibschulen von Hildesheim und Leipzig. Hm. Ist das so? Und wer bestimmt, was schwache Texte sind?

Zwischen den Mauern

Schön, Cristina Nords Abschlussbericht aus Cannes - und die Palme geht an: "Entre les Murs", einen Film, in dem jugendliche Laiendarsteller die Hauptrollen spielen und Schule mit Kindern verschiedener Hautfarbe und unterschiedlicher Herkunft zum Thema wird. Unschlagbar der taz-Titel: "Das siegende Klassenzimmer". Aber die korrekte Übersetzung wäre der Titel hier drüber.

Deutschland von rechts

Undogmatische Journalisten würden nicht einfach behaupten, die Junge Freiheit sei igitt, und wer sich von denen interviewen lässt oder für sie schreibt, sei Sympathisant der Rechten. Das war aber bisher die gängige taz-Art, erst neulich, als sich ein Redakteur tagelang mit fadenscheinigen Argumenten bemüht hat, dem Mann, der Kulturminister von Thüringen werden sollte, eine Nähe zu Adolf Hitler anzuhängen.
Die andere Möglichkeit wäre, dem taz-Leser mal zu berichten, was an dieser Zeitung eigentlich so schlimm sein soll. Das würde heißen: Hingehen, mit den Leuten reden, darüber schreiben, was sie für einen Eindruck sie machen, was sie zu sagen haben, wie das Blatt entstanden ist, warum sie so denken. Genau das hat Lydia Harder gemacht und für tazzwei eine Reportage geschrieben. Die war auch noch mit einem hübschen Foto illustriert, das aber bestimmt nicht zufällig entstanden sondern arrangiert war: An einem Zeitungsständer hängt oben ein Exemplar der Jungen Freiheit, darunter die Allgemeine jüdische Wochenzeitung.
Mir scheint, auch für die Junge Freiheit gilt Rosa Luxemburgs Spruch von der Freiheit des Andersdenkenden. Viel gefährlicher als so eine konservative Randerscheinung auf dem Zeitungsmarkt ist doch die Konzentration der Großverlage, die Verengung der Meinungsvielfalt. Pressefreiheit wird zunehmend die Freiheit von ein paar Millionären, Gehirnwäsche und Volksverdummung zu betreiben. In Frankreich sind die wichtigen Presseorgane in den Besitz der Rüstungsindustrie übergegangen, in Italien bestimmt Silvio Berlusconi, was die Leute an politischer Aufklärung zu sehen bekommen, in Deutschland betreiben das Pressegeschäft nur noch wenige Konzerne, und die haben in den letzten Jahren auf dem Gebiet der Wirtschaftspolitik alle in etwa die gleiche neoliberale Botschaft verbreitet - ob Spiegel, FAZ, Zeit, Stern, Süddeutsche, Wirtschaftswoche, Managermaganzin, Cicero, Bild, Financial Times, alle haben sie die Ideologie des neoliberalen (Früh-)Kapitalismus' verbreitet und behauptet, zu Schröders asozialer Politik gäbe es "keine Alternative". Die taz war die rühmliche Ausnahme. Man muss sich nur an die Wahlhilfe des Stern für Angela Merkel erinnern. Plötzlich gab es von der Frau, die vorher wie ein unscheinbarer Topf daherkam, nur noch Fotos, die sie im besten Licht erscheinen ließen. Dass sie eine knallhart neoliberale Innen- und Außenpolitik betreibt und Schröders Agenda fortsetzt, erfährt man in keinem der erwähnten Blätter. Dafür wird die Leserschaft angehalten, sich Gedanken zu machen, wie tief das Dekolletee einer Bundeskanzlerin beim Opernbesuch sein darf.
Was Marco Morosini daneben auf der Meinungsseite über sein Land feststellt, gilt doch hier genauso: "In Italien dienen die herrschenden Medien grundsätzlich nicht den Lesern oder Zuschauern, sondern den Eigentümern und Werbekunden."
Das ist völlig richtig. Wer würde von Spiegel, Stern, Zeit einen kritischen Hintergrundbericht über die Politik der Bertelsmann-Stiftung und ihre Einflussnahme auf  die Bundesregierung erwarten - sind doch alle drei über Gruner + Jahr mindestens teilweise im Besitz des Bertelsmann-Konzerns. Und welche Tageszeitung schreibt kritisch über Machenschaften von Aldi oder Lidl, solange sie täglich zwei Seiten Anzeigen von ihnen bekommt?

Kinderkram

Der eben erwähnte Marco Morosini arbeitet als freiberuflicher Journalist und für den hier im Blog auch schon gefeierten Beppo Grillo. Morosinis Kommentar zur Volksverdummung in Italien enthält wenig Neues, aber er fasst die Lage unter Berlusconi recht schön zusammen. Wer sich wundert, wie dieser Wichtigtuer jetzt zum zweiten Mal zum Regierungschef gewählt werden konnte erfährt es hier: Mit Hilfe seiner Fernsehsender. Es ist Gift für diese Art von Demokratie, wenn Politiker die Medien beherrschen und über die Medien herrschen wollen. Berlusconi hat zudem verstanden, "dass man das 'Publikum' am besten gewinnt, wenn man es wie elfjährige Kinder anspricht."
Man muss sich nur umsehen - 90 Prozent aller Werbung (grob geschätzt) wendet sich an das Kind in Mann und Frau. Der größte Teil dessen, was so als Konsum durchgeht, befriedigt kindliche Bedürfnisse, bis hin zur Lust am Auto und solchen Kleinkindersportarten wie Formel 1-Rennen. Brrrrmmm! Brrrmmmm! Fernsehen? Kinderniveau geht immer. Und der kindliche Glaube an Atomenergie führt dazu, dass Berlusconi jetzt wieder Atomkraftwerke anvisiert. Und da wird er halt gefährlich, der neue Duce light: Der Atomdreck ist eben kein Kinderkram.

Polli=ticker

Eine der merkwürdigsten und wohl auch gefährlichsten Gestalten in Angela Merkels Geisterbahn kommt von der CSU und heißt Michael Glos. Der meldet sich immer mit Äußerungen zu Wort, die den Eindruck erwecken sollen, er sei voll auf der Seite des vielbeschworenen kleinen Mannes, Otto Normalwähler sozusagen. Isser aber nicht, in Wahrheit und echt macht er Politik im Interesse der Großkonzerne und der wirtschaftlich Mächtigen. Für die arbeitet er, sonst wäre er ja nicht Wirtschaftsminister. Nick Reimer wirft ihm vor, dass er in der Energiepolitik dilettiert. Das glaub ich nicht mal. Ich vermute eher, der Glos weiß schon, was er tut. Aber warum macht er das? Was treibt ihn dazu, die Interessen des Kapitals zu vertreten? Was hat er davon?

Hauptsache Arbeitsplätze

"Luftfrachtdrehkreuz" nennt sich das, was da am Flughafen Leipzig/Halle entsteht, und mit dem üblichen Mantra "schafft Arbeitsplätze" durchgezogen wird. Die taz-Autoren Sonja Fehr und Andre Seifert haben festgestellt, dass zwei Drittel der rund 2.000 Beschäftigten Teilzeit arbeiten und von den Löhnen nicht leben können. Jetzt hat sich eine Bürgerinitiative gegen den Fluglärm gebildet. Deren Vorsitzender Michael Teske: Neue Arbeitsplätze würden für ostdeutsche Standorte immer als Totschlagargument benutzt. Nicht nur an ostdeutschen Standorten, Herr Teske, überall, und für jeden Scheiß.

Schwanengesang

Die Demokratie, sagt Gesine Schwan, steckt in einer "kulturellen Krise". Ohne Vertrauen, sagt Gesine Schwan, könne eine Demokratie nicht funktionieren, und Vertrauen bilde sich nur, wenn sich "die Interessen vor dem Gemeinwohl verantworten müssen." Sagt Gesine Schwan. Da hat Gesine Schwan ganz recht. Wie aber sollen das die Berliner Politiker verstehen? Die wissen doch gar nicht mehr, wie man Gemeinwohl buchstabiert. Deshalb heute ein besonderer Service von "Achtung: tazblog!" So buchstabiert man Geimeinwohl:
G wie Gesine, E wie Engels, M wie Marx, E wie Eppler, I wie Internationale, N wie Narjes, W wie Willy, O wie Oskar und L wie Luxemburg.
Bis morgen!

29. Mai 2008

Pistole oder ausziehen

"Heutzutage musst du ganz schnell eine Pistole ins Spiel bringen oder deine Figuren möglichst rasch ausziehen." So beschrieb Sydney Pollack das Erfolgsrezept heutiger Großproduktionen im Kino. Oder, wie Cristina Nord es neulich ausdrückte, du fängst mit einer Explosion an und steigerst dich dann langsam. Pollack hat das nie gemacht, Erfolg hatte er trotzdem. An seinen Filmen war nichts Revolutionäres, einfach nur hervorragendes, intelligentes Regiehandwerk, Hollywood im besten Sinn, zutiefst menschlich, liebevoll, bewegend. Meine Lieblingsfilme: "Jeremiah Johnson", "Jenseits von Afrika", "Yakuza" (Robert Mitchum!), "Der elektrische Reiter". Ekkehard Knoerer schreibt einen sehr treffenden Nachruf, vergleicht Pollack als Regisseur mit Norman Jewison ("Thomas Crown ist nicht zu fassen", die erste Version, mit Steve McQueen und Faye Dunaway) und mit Robert Redford. Bleibt noch zu ergänzen, dass Pollack sein Leben lang mit Redford befreundet war. Beide spielten 1962 zum ersten Mal gemeinsam in einem Film mit, "War Hunt" von Denis Sanders. Als Schauspieler war Pollack 1999 auch in Stanley Kubricks "Eyes Wide Shut" zu sehen, zuletzt in diesem Jahr im Film "Verliebt in die Braut". Seine letzte Arbeit als Regisseur war ein Dokumentarfilm über den Architekten Frank Gehry.

Terence Koh: Starkes Interview, taz vom Feinsten!!!

Die Kultur macht mit einem fast halbseitigen Foto von Terence Koh auf, mit nem komischen Hut steht er in einem Kriegerkostüm auf der chinesischen Mauer, die im Hintergrund unscharf über einen Berg verschwindet. Das Interview mit Koh, geführt von Jenny Schlenzka, ist schlichtweg umwerfend. Der Mann hat zur Zeit eine Ausstellung in der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt, und was er zu sagen hat, was Frau Schlenzka aus ihm rausholt, gehört zum Gescheitesten, das ich in den letzten Monaten irgendwo gelesen habe. Die Ausstellung heißt "Captain Buddha", und das ist schon mal ein guter Titel, aber die meiste Zeit reden Koh und Schlenzka gar nicht über seine Kunst, sondern über den Roman "Moby Dick" von Herman Melville. Und über Schönheit. Zuerst sagt Koh, er habe "Moby Dick" gelesen und sei "in der ersten Zeile hängen geblieben: 'Nennt mich Ismael'." Dann reden sie eine Weile über das Buch und kommen auf Religion zu sprechen. Koh: "Spirituelle Menschen glauben an eine Kraft in sich selbst, religiöse Menschen an ein höheres Wesen, außerhalb ihrer selbst. Ich glaube an nichts von beidem. Aber Sie haben recht, 'Moby Dick' ist durch und durch christlich. Und buddhistisch zu sein ist sehr unchristlich." Schlenzka spricht ihn auf seine Ausstellung in Berlin an,  "Mein Tod, mein Tod", wo er seine Beerdigung inszeniert hat, mit einem Grabstein aus weißem Marzipan. Und Schlenzka fragt: "Kann Schönheit helfen, mit der Vergänglichkeit umzugehen?" Worauf Koh antwortet: "Oh ja, Schönheit ist wichtig. Es ist nichts falsch daran, sich etwas Schönes anzuschauen. Oder noch besser, ein schönes Leben zu haben. Aber wer weiß schon genau, was Schönheit ist. Scheiße kann irgendwie auch schön sein, oder?"
Zum Schluss bringt Koh noch eine Überraschung, als er behauptet, er hätte "Moby Dick" gar nicht gelesen: "Wie gesagt, ich bin an der ersten Zeile hängengeblieben." Da will Schlenzka natürlich wissen, woher er das Buch dann so genau kennt, und Koh meint, vielleicht hätte er es mal in der Schule gelesen, "oder als Film gesehen. Jeder kennt doch 'Moby Dick'." Und dann fängt er an zu singen: "Nennt mich Ismael", und sagt: "Nennt mich Koh. Das ist mein Name, und ich weiß, dass ich sterben werde. Die Geschichte, die ich euch erzähle, handelt von meinem Versuch, zu entfliehen. Aber sterben muss ich trotzdem."
Wie gesagt, ganz starkes Interview.

Ne halbe Seite über schwule Fußballer

Dazu möchte ich folgenden Kommentar abgeben:             .

Zu viele Migranten

Ganz wunderbar erzählt diesmal: Die Kolumne von Jan Feddersen. Sein Friseur Mohammed, ein Libanese, zieht weg aus Neukölln, weil ihm da zu viele Migranten wohnen. Das hat mich an Costa erinnert, meinen griechischen Wirt in Haidhausen, der immer misstrauisch aus den Fenstern seiner Kneipe zum Haus gegenüber geguckt hat. Da hatte die Stadtverwaltung Aussiedler aus Russland untergebracht, nur Familien, einzelne Männer waren der CSU zu gefährlich. Aber Costa fand auch die Familien nicht gut. Er war der Meinung, dass es langsam viel zu viele Ausländer in München gab.

Solingen

Möchten Sie einen Kommentar lesen zum Brandanschlag in Solingen vor 15 Jahren, mit dem Titel: "Ein traumatisches Generationserlebnis"? Nein? Ich auch nicht.

Leser

Brav! Auch Änne Detels-Elling und Rainer Elling waren geschockt vom letzten Satz im taz-Kommentar der Nicola Glass am vergangenen Samstag, in dem es hieß, "dann muss sich die internationale Gemeinschaft zu einer humanitären Intervention durchringen." Sie empfehlen Naomi Kleins Buch "Schock-Therapie" zur Aufklärung darüber, "wer profitiert, wenn man die 'Internationalen Hilfeleister' ins Land lässt." Ich kenne das Buch nicht, mein Misstrauen gründet sich nur auf die Art der Berichterstattung in den deutschen Medien und die Formulierungen von Nicola Glass.

Die gute Nachricht

Von Ben Schwan erfahre ich in einem kleinen Artikel über die Benzinpreise in den USA: "Laut aktuellen Marktdaten fiel der Verkauf der Sport Utility Vehicle in Ausführung 'Full Size' im April um satte 32,3 Prozent, meldet der Boston Globe." SUV, Sie wissen schon, Stadtgeländewagen à la Porsche, BMW, Audi, Hummer, Mercedes, Range Rover, meistens in schwarz, 23 Liter auf 100 Kilometer im Stadtverkehr, Saumäßige Umwelt-Verseucher.

Zitate

Seite 9: "Die Stimmung der deutschen Verbraucher ist deutlich gesunken."
Nächster Absatz: "Das Klima in den Chefetagen hellte sich auf, wie das Münchner ifo-Institut vergangene Woche mitteilte."

Seite 7: "Die Sozialdemokraten legen ein neues Konzept für Steuern und Abgaben vor. Die Steuern für Spitzenverdiener sollen steigen, mittlere und untere Einkommen entlastet werden - aber erst ab 2012."

"In der ganzen Naturgeschichte kenne ich kein ekelhafteres Lebewesen als die Sozialdemokratische Partei."
Gustav Landauer, 1919
;-)

30. Mai 2008

Der Sozialstaat wird - immer noch - zurückgebaut

Heute geht's los auf Seite 3 in der taz vom 29.5.: Ein Interview mit Dierk Hirschel. Der ist 38 Jahre alt und "Chefökonom" des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Wie wir aus der taz erfahren, hat er mal Tischler gelernt und  sich dann schlau gemacht über den "Einkommensreichtum und seine Ursachen". Hirschel nennt die Dinge beim Namen: "Gewinn und Vermögenseinkommen sind in den vergangenen vier Jahren um ein Viertel gestiegen - die Realeinkommen aber gesunken." Und dann spricht er aus, was ja inzwischen alle wissen: Die soziale Ungleichheit ist eine Folge der "Steuer-, Sozial- und Einkommenspolitik. Dafür die Globalisierung verantwortlich zu machen ist absurd. Dass der Kapitalismus aus sich selbst heraus Ungleichheit produziert, wissen wir seit über 200 Jahren. Die westeuropäische Antwort darauf waren der Sozialstaat und starke Gewerkschaften. Diese Erkenntnis ist offenbar verloren gegangen. Minilöhne, 1-Euro-Jobs, Leiharbeit und andere Formen prekärer Beschäftigung fallen doch nicht einfach vom Himmel. Der massive Lohndruck ist vor allem durch die Hartz-Reformen entstanden. Das hat die Gewerkschaften empfindlich geschwächt."
Noch mehr Informationen gefällig? "Besserverdienende wurden durch die Senkung des Spitzensteuersatzes um 9 Milliarden entlastet, Unternehmen um 16 Milliarden. Als Folge sind die Nettoeinkommen der Besserverdienenden stärker gestiegen als ihre Bruttoeinkommen."
Nun könnte man einwenden, das sei alles von der Schröder-Bande so eingerichtet worden, um die Staatsschulden abzubauen und die Zinszahlungen dafür zu senken. Das ist aber nicht passiert. Dierk Hirschel: "Der öffentliche Schuldenberg wurde dadurch nicht abgebaut." Auch was die Agenda 2010 betrifft, findet Hirschel klare Worte: "SPD und Grüne haben die Idee vertreten, der umverteilende Sozialstaat gehöre ins Museum, während stattdessen der investierende Sozialstaat das einzig Wahre ist. Sie müssen realisieren, dass dieser Ansatz auf ganzer Linie gescheitert ist."

Ich hab mich ja schon darüber aufgeregt, dass Gerhard Schröder als Bundeskanzler zusammen mit Wladimir Putin das Geschäft mit der Ostsee-Pipeline eingefädelt, dann mutwilllig seinen Job als Bundeskanzler aufgegeben und bei Gazprom angeheuert hat. Ob er die Steuersenkung für die hohen Einkommen auch schon in weiser Voraussicht und zu seinem persönlichen Vorteil durchgezogen hat? Jedenfalls verdient er bei Gazprom 250.000 Euro im Jahr, und vom Ringier-Verlag kriegt er bestimmt noch eine hübsche Summe dazu für seine "Berater"-Tätigkeit. Kein Wunder, dass er jetzt sein Reihenhaus in Hannover aufgibt und in ein besseres Viertel und eine größere Villa umzieht.
Ob Schröder die Ausnahme oder die Regel in der politischen Klasse darstellt ist in diesem Zusammenhang nicht sooo wichtig. Aber seine Politik hat hunderttausende von Menschen in die Armut getrieben, während er sich nach allen Regeln politischer Kunst bereichert hat.
Vor ein paar Tagen habe ich das Zitat von Gustav Landauer hier über den Einträgen entfernt, ich wollte ja nicht alle SPD-Leute pauschal abschrecken. Jetzt steht's wieder da: Was Schröder gemacht hat, darf nicht vergessen werden. Und historisch gesehen hat man für derartige Schweinereien schon immer die SPD gebraucht.

Gequirlte Scheiße

"Standard Operating Procedure" - so heißt das, wenn etwas als ganz gewöhnliche, übliche Prozedur gilt, der reguläre Dienstablauf eben. So heißt jetzt auch ein neuer Dokumentarfilm, in dem US-amerikanische Soldaten, die wegen Folterung verurteilt wurden, sich vor der Kamera darstellen dürfen. Der Film dauert 118 Minuten, der Regisseur Errol Morris hat zu den Interviews auch noch mit Schauspielern Folterszenen aus dem Gefängnis Abu Ghraib in Bagdad nachgedreht. In der taz schreibt Diedrich Diederichsen darüber und macht sich so seine Gedanken. Ein Drittel seiner Spalten nimmt die Kritik am Komponisten der Filmmusik ein, der auch die Titelmelodie für "Die Simpsons" geschrieben hat. Ein Satz lautet: "Mit Ausnahme der als Höhepunkte markierten Momente des Folter-Reenactments, die von dubbigen Triphop-Geräuscheffekten untermalt werden, läuft aber die ganze Zeit eine merkwürdig narrative, altmodische, weitgehend orchestrale Filmmusik, die  ebenso gut Fortschritte und Rückschläge beim Bau eines Eigenheims (in der Rolle des Vaters: Gerd Baltus) illustrieren könnte oder einen lehrreichen Dokumentarfilm über die Geschichte der friedlichen Kernkraftnutzung aus den 50ern." Dann ist noch davon die Rede, dass die Interviews "crisp gefilmt" seien. Der Regisseur hat "sich nicht nur für eine Larger-than-life-Optik entschieden, er hat sich auch in die Manierismen seiner Gegenüber verknallt." Von den Interviewten erfahren wir darüber hinaus noch, "Dass diese Täter alle nur arme Schweine waren, glaubt man gerne." Aber: "Das System und die Struktur hinter all dem ist dem Verhalten der armen Schweine  nicht fremd," Und: "Ihre Arme-Schweinizität ist Gelenk und Hebel dieser Strukturen."
Fehl am Platz findet Diederichsen außer der Filmmusik noch die extreme Vergrößerung von Augenbrauenhaaren und entlässt den Leser mit dem Fazit: "Die analytische Dürftigkeit des Tertium Comparationis 'krass' ist aber nicht nur hier die große Schwäche von Errol Morris' Film."
So weit ich ihn verstehe, kann ich Diederichsens Ansichten manchmal zustimmen. Was mich schon seit gut 20 Jahren abstößt, ist die vermeintlich elitäre Sprache, in der er seine Gedankenwindungen mitteilt: "Die Reenactments wirken in ihrer Mischung aus Prodigy-Video-Anmutung und Lars-von-Trier-Drehabfall-Look, als erwarte uns demnächst ein Guido-Knopp-Format für die anpolitisiert fühlende Jugend."
Warum sagt dem Professor Diederichsen eigentlich keiner, dass so ein Satz gequirlte Scheiße ist?
Die Porträtfotos zum Artikel sind übrigens klasse!

Hoher ÜQ*

Von Anja Maier drucken die tazzwei-Redakteure eine Kolumne über "Germanys Next Top Model",  in der die  Autorin offenbar vor lauter Freude über die eigene Originalität ihre heranwachsende Tochter sechs Mal in dreieinhalb Spalten als Pubertistin bezeichnet. Zwei Beispielsätze gefällig? "Da saßen die Pubertistin und ich vor dem Fernseher, es gab fettreduziertes Knabbergebäck und Cola light. Ihren Vater hatten wir - wegen wiederholter unqualifizierter Kommentare - des Raumes verwiesen, ihre Schwester hatte sich wie stets donnerstags ins pralle Kleinstadtleben verdrückt. Es war die 'Drama! Drama!'-Saison eines feminin agierenden Kampfpiloten (das behauptete der extrovertierte Walk-Trainer zumindest), jene Staffel, in der Heidi Klum betonte, alles essen zu können (außer Kartoffeln, Reis, Nudeln usw. usf.), in der schließlich eben jener Kampfpilot die historische Forderung erhob, Handtaschen zum Leben zu erwecken."
Jaja, ich hör schon auf mit Zitieren. Wer das liest ist doof. Wer das schreibt erst recht. Mit der Frau möchte ich nicht verheiratet sein. Sie mit mir hoffentlich auch nicht.

* = Überflüssigkeitsquotient

Meine  Heldin

Lea Hinze ist 28 Jahre alt. Sie hat eine Lehre als Zimmerin gemacht und ging dann  drei Jahre als Gesellin auf Wanderschaft. Jetzt kämpft sie gegen den Anbau genmanipulierter Pflanzen. Sie geht nachts mit ihrer Hacke raus auf die Felder und zerstört das Dreckszeug. Dass sie danach von der Polizei festgenommen wird, scheint ihr ziemlich wurscht zu sein. Ihr drohen Prozesse wegen Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung. Sie beruft sich auf Artikel 34 des Strafgesetzbuches, Rechtfertigender Notstand. taz-Autorin Anke Lübbert erklärt das so: "Kann eine höher zu bewertende Gefahr durch eine Straftat abgewehrt werden, gilt sie nicht als rechtswidrig. In keinem der bisher ausgehandelten Prozesse um Gentechnik wurde diese Argumentation von einem Richter übernommen."
Hätte mich auch gewundert in diesem Land.
Anke Lübbert über Lea Hinze: "Mittlerweile kann sie mit Motorsäge, Hammer und Axt umgehen, backt jede Woche vierzig Brote und redet vor vollen Sälen über Grüne Gentechnik. Gibt es etwas, womit sie Schwierigkeiten hat? Lea überlegt. Sie steht über den Farbeimer gebeugt, regungslos, die Farbe tropft von der Rolle in den Eimer. Irgendwann sagt sie: 'Mir fällt gerade nichts ein.'"
Die Initiative "Gendreck weg" will am 26. und 27. Juni ein Feld in Kitzingen in Baden-Württemberg zerstören. Infos unter www.gendreck-weg.de
Lea Hinze ist meine Heldin des Monats.

Wieder nichts...

... über "wirtschaft und umwelt"? "Endlager-Flutung gefährdet Umwelt" - sie wissen immer noch nicht wohin mit dem Atommüll. Nirgends. In keinem Land. "Europas Milchbauern halten zusammen". Gut so. "Abhörunternehmen belastet Ex-Telekom-Spitze" - auch gut. "'Monsieur Airbüs' in Polizeigewahrsam" - noch besser.
An Themen und Darstellung auf den Seiten "wirtschaft und umwelt" gibt's mal wieder nichts auszusetzen.

31. Mai 2008

Na bitte, geht doch!
(Starke Frauen I)

Die Überschrift bezieht sich auf zweierlei: Eine Muslimin aus der grünen Fraktion wird Vizepräsidentin der Hamburger Bürgschaft! Und ich finde sogar das Sonderzeichen, um ihren Namen korrekt zu schreiben: ç. Die Frau ist 42 Jahre alt und heißt Nebahat Güçlü. Ha!
Geboren 1965 im anatolischen Kayseri, kam mit fünf nach Hamburg, fing auf der Grundschule mit Fußballspielen an, war das erste türkische Mädchen in der Vereinsmannschaft von Adler Uhlenhorst. Später hat sie dann Taekwondo gemacht - ne Kämpferin, ohne Zweifel. Und dann hat sie sich durch ein Uni-Studium gekämpft, wurde Politologin, war viel unterwegs in der Welt, hat Frauenprojekte gegründet in Mexiko, Uruquay, Südafrika, Thailand, Türkei. Und dabei hat sie auch noch allein eine Tochter aufgezogen. Bei den Hamburger Grünen war Nebahat Güçlü Fachsprecherin für Soziales, Frauen und Migration.
Was für ein Glück für die Hamburger, solche Frauen braucht das Land! Sven-Michael Veit von der Seite 2 möchte ich für die Informationen danken. Sowas les ich gern.

Geföhnt

Starkes Foto auf derselben Seite, die Ex-Chefs der Telekom grinsen frisch rasiert und flott geföhnt in die Kamera. Muss wohl ein älteres Foto sein, inzwischen ist ihnen wohl das Lachen vergangen, weil: Es ermittelt die Bonner Staatsanwaltschaft gegen Kai-Uwe Ricke und Klaus Zumwinkel - Verstoß gegen das Post- und Fernmeldegeheimnis. Wenn ich mir die Gesichter von diesen beiden Aalglatten ansehe, frag ich mich, ob ich denen ein gebrauchtes Fahrrad abkaufen würde. Eindeutig nein. Würde ich ihnen Call & Surf Comfort Plus für 33,57 Euro im Monat plus MwSt. abkaufen? Keine Frage, hab ich ja schon. Und zwei Jahre Kündigungsfrist. Also: Wenn Sie das hier lesen können, dann dank Telekom.

Kurt Beck. Schmeckt's?

Auf der Wahrheit vergleicht Michael Ringel den SPD-Beck mit der Leberwurst, die in Ringels WG immer "das graue Geheimnis" genannt wurde - man weiß ja nie, was drin ist. Gott schütze uns vor Saumagen und Leberwürsten in der Politik. 1 Pfälzer als Bundeskanzler reicht für alle Zeiten, mein Bedarf ist gedeckt. Ich mag auch keine Leberwurst, weil ich immer an den Witz mit dem Metzger denken muss, der auf dem Sterbebett die drei Söhne um sich versammelt. Er kann kaum noch reden, nur noch ganz leise, so  dass sie sich nah zu seinem Mund hinunterbeugen müssen, um die letzten Worte zu verstehen: "Esst keine Wurst!"

Die Junge Freiheit der Andersdenkenden

Schon wieder ein Beitrag über die Junge Freiheit. Die muss den taz-Machern ganz schön wichtig sein, sonst würden sie doch nicht dauernd drüber schreiben. Nun lasst mal gut sein - das Blättchen steht ganz gewiss unter den Schutz der Pressefreiheit, ob einem das passt oder nicht. Und wen der angeblich neue Rechtsintellektualismus nicht interessiert, der wird von niemandem gezwungen, das zu lesen. Ich hab's auch noch nicht getan, aber wenn die eine Blattkritik von mir wollten, würde ich ihnen schon sagen, wie ich das sehe. Von mir aus.

Aufbäumen und umgarnen

Mann, ich hab wirklich wenig Ahnung, was so in den aktuellen Popmusikszenen läuft, geb ich bereitwillig zu. Aber ich lese, wie mehrmals berichtet, gern die Nachrichten aus der vielfältig zersplitterten Landschaft. Von Death Cab for Cutie erfahre ich zum ersten Mal aus der taz, und zwar aus einem Artikel von Joanna Itzek, an dem es nichts auszusetzen gibt - das ist gut geschrieben, originell, ohne bemüht zu sein, informiert sogar komplette Idioten wie mich, und sorgt dafür, dass mich die Band jetzt tatsächlich interessiert. Itzek hat eine gute Art drauf, die Musik zu verdeutlichen: "Im Eröffnungssong 'Bixby Canyon Bridge' zum Beispiel. Wie es selig losgeht mit hellem  Gesang, wie dann Schlagzeug und Gitarre die Geduld verlieren, sich aufbäumen und niederkrachen und von Nick Harmers Bassspiel so lange umgarnt werden, bis wieder Ruhe ist im Canyon - das ist was."
Diese Plattenkritik auch.

Gar net ignorieren

Nein, über den  Artikel "Die Farben des Geldes", in dem es um Musik der "Bindestrich-Identitäten" in England seit 25 Jahren geht, sag ich nichts. Gar nichts. Nicht mal den Autor werde ich erwähnen. Nur knurren werde ich: Grrrrrrrr.

Dogmatik

Wieder eine feine Kolumne von K.-P. Klingelschmidt. Der hat so lange in der taz sachliche Nachrichten aus dem Hessischen geschrieben, dass ich ihm den Umgang mit Kolumnen erst zugetraut habe, als er neulich damit angefangen hat. Zwei Schmankerln aus dem Beitrag vom 30. 5.: "Christine B. reklamiert das Recht auf Irrtum für sich. Altersweisheit ist das - Gott sei Dank - nicht." Später schreibt er: "Wir waren dann zum Dinner 'à la imperialistischer Klassenfeind' bei ihr eingeladen. Es gab Hummer aus dem  Atlantik mit scharfen Saucen aus der kreolischen Küche von New Orleans zum dippen. Und als Kontrastmittel dazu weißen kubanischen Rum: 'Auf Che!' Noch bis spät in die Nacht hörten wir alte zerkratzte Platten von Janis Joplin: 'Buried Alive in the Blues'. So schön undogmatisch kann älter werden sein."
Aber dann wird er doch wieder ein bisschen dogmatisch und empfiehlt zum Rauswerfen: "Alle CDs der Stones nach Exile on Mainstreet."
Da iss schon was dran. Aber auf die Art den Durchblicker rauslassen, wirkt dann doch etwas, hm, uncool? Dogmatisch?

Religiöses

In Griechenland hat der Bürgermeister einer ägäischen Insel angekündigt, dass er demnächst ein gleichgeschlechtliches Paar trauen wird, ob männlich oder weiblich, will er noch bekanntgeben. Das wäre das erste Mal in Griechenland. Die Insel heißt Tilos, und der Bürgermeister versteht was von Tourismuswerbung, so viel ist klar. Jan Feddersen vermutet gleich: "Tilos könnte ein Wallfahrtsort werden." Ist schwul sein jetzt schon eine Religion? Da hab ich wohl was verpasst.

Schluss mit 26
(Starke Frauen II)

"In meinem ersten Jahr rannte ich nur den ganzen Tag ab frühmorgens gestresst durch Berlin, machte im Anzug auf wichtig-wichtig. Da erschien dann im Stern dieser Artikel: 'Anna ist früh vergreist.' Das war gemein und unfair, aber die Gefahr bestand tatsächlich, krass zum Apparatschik zu werden." So drückt es Anna Lührmann in einem langen Interview aus, das Ulrike Winkelmann mit ihr geführt hat. Anlass: Die ehemals jüngste Abgeordnete aller Zeiten hört nächstes Jahr mit der Politik im Bundestag auf. Lührmann war mit 13 Sprecherin der Grünen Jugend in Kassel, mit 15 in ganz Hessen, kam mit 19 ins "Hohe Haus", und mit 26 will sie nicht noch einmal kandidieren: "Bliebe ich im Bundestag, bis ich 39 wäre, würde ich abhängig von der Partei, müsste darum betteln, wieder aufgestellt zu werden, weil ich sonst keine Perspektive sähe."
Ulrike Winkelmann stellt die naheliegende Frage: "Haben Sie Ihre grünen Kollegen betteln sehen?"
Lührmann: "Ja, das kann man so sagen. (...) Ich könnte mir vorstellen, dass manche meiner Kollegen ihr Abstimmungsverhalten zum Afghanistaneinsatz nicht daran ausgerichtet haben, was sie selber denken, sondern daran, welche Auswirkungen das auf ihren Listenplatz haben würde."
Tja. Ich gebe gern zu, dass meine Kriktik an der Politischen Klasse manchmal recht pauschal ausfällt, was viel mit der Dreistigkeit der Berliner Apparatschiks zu tun hat.
Das Interview zeigt sehr schön, dass es auch unter den Abgeordneten des Bundestags menschliche Charaktere gibt, das will ich gar nicht abstreiten. Anna Lührmann hat zumindest die Gefahr erkannt, selbst zum Apparatschik zu werden und hört  auf. Zu den Abgeordneten, die ich schätze, zählt auch einer, den ich seit 1968 beobachte und immer zu meinen politischen Gegnern gezählt habe: Peter Gauweiler. Damals war er Vorsitzender des RCDS an der Uni München - igitt. Dann hat ihn Franz-Josef Strauß sehr gefördert, und er wurde was in der CSU. Aber wie das so läuft, die ganz große Karriere hat er dann doch nicht gemacht. Dafür hat er doch zu sehr seinen eigenen Kopf zum Denken benützt. Mit zunehmendem Alter fängt er an, mir langsam aber sicher zu imponieren. Manche seiner Ansichten könnte ich hier als meine reinkopieren. Und als ich vor zwei Jahren mal Hermann Scheer von der SPD zugehört habe, war ich schon sehr beeindruckt von seiner Art, eine Stunde lang ohne Manuskript und mit klaren Argumenten ökologische Vernunft zu vertreten.
Das wird mich nicht daran hindern, das ganze Pack oftmals zu verwünschen und zu fordern, sie so schnell wie möglich zum Teufel zu jagen, die Politische Klasse, die sich unsere Demokratie unter den korrupten Nagel gerissen hat.
Hehehe.

Blumentopf & Akademische Würden

Nette Meldungen auf der "ausland"-Seite.  Bei der Wahl zu Israels Nationalvogel "schlug der Wiedehopf (hebräisch: Duhifat) mit 35 Prozent Meldevogel und Finken." Das ist schön, anscheinend gibt's heute keine schlechten Nachrichten aus der Gegend. Und mein ganz besonderer Glückwunsch geht an den Mann, der hier sonst immer nur als SPD-Ekel ins tazblog kommt: "Die russische Akademie der Wissenschaften hat Exbundeskanzler Gerhard Schröder (64) für seine Verdienste um die europäisch-russischen Beziehungen in ihre Reihen aufgenommen."
Mein Misstrauen gegen Wissenschaftler, vor allem gegen russische Wissenschaftler, nimmt damit in dramatischem Ausmaß zu. Arno Schmidt hat ihnen in "Die Gelehrtenrepublik" schon weitblickend zugetraut, sie würden nicht einmal davor zurückschrecken, Gehirne von Schachweltmeistern in Pferdeköpfe zu verpflanzen.

Was kostet die Welt?

"Wenn die Wälder weiterhin mit der gleichen Rate zerstört werden, kostet uns allein das bis zum  Jahr 2050 rund 6 Prozent des jährlichen Weltsozialprodukts." Solch ein Satz kann nur einem kranken Hirn entspringen. Wissen Sie, wie viel 6 Prozent des Weltsozialprodukts ist? Ich auch nicht, Pavan Sukhdev von der Deutschen Bank vielleicht schon, aber er sagt es uns nicht in Malte Kreutzfeldts Beitrag "Rodungen kosten Billionen". Jetzt fangen sie also wieder an damit: "Insgesamt wird der jährliche finanzielle Nutzen eines Hektars Korallenriff auf bis zu 6.000 Dollar geschätzt" - Nutzen für die Tourismusindustrie, wohlgemerkt.
"Die Knappheit der Ressourcen muss einen Preis bekommen." Wer das wohl gesagt hat? Sigmar Gabriel, der sich "Umwelt"-Minister nennt und als solcher mit einer dicken C02-Schleuder über die Autobahnen brettert.
Natur ist also dann schützenswert, wenn ihre Zerstörung einen Haufen Geld kostet, oder wenn man mit ihrer Erhaltung Geld verdienen kann. Leute, die so denken, sind krank. Mit solchen Argumenten Menschen davon überzeugen zu wollen, dass es falsch ist, diesen Planeten zu ruinieren, ist ebenfalls Teil der Krankheit. Und wer glaubt, dass man mit dem Kapitalismus einfach weitermachen kann, ohne unsere eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören, hat nicht mehr alle Nadeln an der Tanne. Dass jeder unkontrolliert so viel Profite einfährt, wie er will, das gibt dieser Planet nicht mehr her. Und dass man für ständig steigende Unternehmensgewinne immer noch mehr Öl und Benzin verbrennt, geht auch nicht. Kapiert das denn keiner von diesen Apokalyptikern in Politik und Wirtschaft?

Macht euch die Erde untertan
war der falsche Weg von Anfang an

(aus: Ihre Kinder. Ein Lied aus dem Jahr 1990)

Daneben steht in der taz auf der Seite 8 ein kurzer Vierspalter: "Pkws entscheiden Kampf gegen Klimawandel", ein Bericht vom "Weltverkehrsforum" in Leipzig, wo man immer noch glaubt, die heiße Luft aus Politikermund würde irgendetwas am Klima ändern. Angela Merkel durfte dort den Klimaschutz zur "eindeutig spannendsten Aufgabe des 21. Jahrhunderts" erklären. "Sie plädierte dann aber für mehr marktwirtschaftliche Lösungen statt ordnungsrechtliche Vorgaben."
"Spannend" nennt sie das. Aber sie ist zuversichtlich: "Der Markt" wird's schon richten. Solange man mit der Zerstörung viel Geld verdienen kann, wird's schon nicht so schlimm werden. Aber spannend.
Diese Frau hat ein neoliberales Brett vorm Kopf, das ist dicker als ihr Hintern.

Guantanamo

Im US-amerikanischen KZ Guantanamo gibt es Menschen, die sogar von der Bush-Junta für unverdächtig gehalten werden. Trotzdem werden sie nicht freigelassen, weil die US-Regierung sie unter keinen Umständen im Land haben will. Es gibt aber auch keine anderen Länder, die sie aufnehmen wollen. Johano Strasser, Präsident des deutschen PEN-Zentrums (das ist eine Schriftsteller-Vereinigung), will, dass diese Menschen nach Deutschland ausreisen dürfen. Hans-Christian Ströbele hat sich der Forderung angeschlossen.
Die Aufnahme in Deutschland sollte eigentlich ohne weitere Diskussion selbstverständlich sein.

Wichtigtuerei

Wenn's um überflüssigen Gesinnungsjournalismus geht, wo oft das Wort "soll" vorkommt, Gerüchte kolportiert und aus undurchsichtigen, trüben Quellen zitiert wird, ist die taz schon mal freudig dabei. Jetzt haben zwei Autoren, Daniel Schulz und Andreas Speit, eine CDU-Frau ausgemacht, die "soll in ihrer Jugend Mitglied rechtsextremistischer Organisationen gewesen sein." Ihr verabscheuungswürdiges Tun: Sie gehörte als Studentin dem "Ostpolitischen Deutschen Studentenverband" an. Die wackeren taz-Reporter haben jetzt herausgefunden: "Bei der Jahreshauptversammlung 1979 stimmte (Yvonne) Olivier offenbar über einen interessanten Antrag mit ab. Laut dem sollte sich der ODS sich bei CDU-Bundestagsmitgliedern dafür einzusetzen, nicht für die Aufhebung der Verjährungspflicht von NS-Verbrechen zu stimmen."
Interessant. Dass der letzte Satz dermaßen daneben ging - ich hab keinen Buchstaben verändert -, liegt vielleicht daran, dass der ganze Beitrag völlig überflüssig und platte Wichtigtuerei ist. Ob die Frau dem Antrag zugestimmt hat oder dagegen war, wissen die Autoren auch nicht, sonst hätten sie es sicher in ihr Machwerk reingeschrieben. Was aber wäre bewiesen, wenn sie mit damals 18 Jahren (heute ist sie 47) für oder gegen irgendetwas gestimmt hat?
Übrigens, wussten Sie schon? Günter Grass war in der SS. Das wäre doch mal ne Meldung wert, mit der sich ein paar Wichtigtuer interessant machen könnten.

Streubomben: Tod aus Deutschland

Das Ding heißt Smart-155. Der Hersteller heißt Rheinmetall und beschreibt es als "intelligentes, autonomes und hochwirksames 'fire and forget'-Artilleriegeschoß." Feuern und vergessen. Das würde ihnen so passen. Ich zitiere taz-Autor Andreas Zumach, der vom Vertragstext berichtet, der am Vortag von 111 Staaten in Dublin unterzeichnet wurde. Es geht darum, Streubomben zu verbieten: "Die Bundesregierung sprach von einem 'wichtigen Fortschritt' und von einem 'Meilenstein bei der Entwicklung des humanitären Völkerrechts'. Zusammen mit der britischen Regierung hatte sie maßgeblich darauf hingewirkt, dass bestimmte Streubombentypen von dem Verbot ausgenommen blieben, allen voran Smart-155."
Die Bundesregierung unter Angela Merkel kümmert sich nach Kräften darum, die Interessen der deutschen Rüstungsindustrie weltweit zu vertreten. Einige Staaten haben an der Konferenz gar nicht erst teilgenommen. weil sie sowieso nicht auf den Einsatz dieses barbarischen Dreckszeugs verzichten wollen: USA, Russland, China, Indien, Pakistan und Israel.

Und immer wieder schickt ihr mir Briefe,
in denen ihr, dick unterstrichen, schreibt;
"Herr Kästner, wo bleibt das Positive?"
Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.

Erich Kästner, Gedichte. Reclam 8373

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