Sex, Musik und Licht im Dunkeln
Über michDarum geht'sKlicken - leseniWugg IndieTextFotosBevorzugte LinksKontakt / BestellungBlog - ArchivHANSblogImpressum
Neu: E-Books und tazblog!
http://hans-pfitzinger.de/
Alles stimmt!
Delfina Paradise
Achtung: tazblog! 10. 4. bis 30. 4. 2008
Achtung: tazblog! 1. bis 10. 5. 08
Achtung: tazblog! 11. bis 23. 5. 08
Achtung: tazblog! 24. 5. bis 31. 5. 08
Achtung: tazblog! 1. 6. bis 14. 6. 2008
Achtung: tazblog! 15. 6. bis 30. 6. 2008
taz - Presserat - Ruanda
Achtung: tazblog! 1. 7. bis 15. 7. 2008
Achtung: tazblog! 16. 7. bis 31. 7. 2008
Achtung: tazblog vom 1. 8. bis 10. 8. 2008
tazblog! 11. 8. - 20. 8. 2008
tazblog 21. 8. bis 31. 8. 2008
Ruanda-Propaganda: die taz als Beispiel
Achtung: tazblog! 1. September bis 15. September 2008
Achtung: tazblog! 16. September bis 30. September 2008
Achtung: tazblog! 1. Oktober bis 15. Oktober 2008
Achtung: tazblog! 16. Oktober bis 31. Oktober 2008
Achtung: tazblog 1. November bis 15. November 2008
Achtung: tazblog! 16. November - 30. November 2008
Achtung: tazblog! 1. Dezember - 15. Dezember 2008
Achtung: tazblog! 16. Dezember bis 31. Dezember 2008
Achtung: tazblog! 1. Januar 2009 - 20. Januar 2009
Achtung: tazblog! 22. Januar bis 31. Januar 2009
tazblog 1. Februar - 14. Februar 2009
Achtung: tazblog! 16. Februar bis 28. Februar 2009
tazblog! 1. März bis 15. März 2009
tazblog 16. März 2009 - 31. März 2009
tazblog 1. April 2009 bis 15. April 2009
tazblog 16. April 2009 - 30. April 2009
tazblog 1. Mai 2009 - 15. Mai 2009
tazblog 16. Mai 2009 - 31. Mai 2009
tazblog 1. Juni 2009 bis 15. Juni 2009
tazblog 16. Juni 2009 - 30. Juni 2009
tazblog 15. Juni 2009 - 30. Juni 2009
HANSblog 1. Juli 2009 bis 31. Juli 2009
HANSblog 1. August 2009 - 31. August 2009
HANSblog 1. September 2009 - 30. September 2009
HANSblog 1. Oktober 2009 - 31. Oktober 2009
März, 2008
April, 2008
Mai, 2008
Juni, 2008
Juli, 2008
September, 2008
Oktober, 2008
November, 2008
Dezember, 2008
Januar, 2009
Februar, 2009
März, 2009
April, 2009
Mai, 2009
Juni, 2009
Juli, 2009
August, 2009
September, 2009
Oktober, 2009
Januar, 2010
Blog - Archiv
Achtung: tazblog! 16. Juli bis 31. Juli 2008
24.07.2008 16:00:13
Post von Pfitzinger

Lieber Franz Josef Wagner, Sie schreiben - täglich, glaube ich - eine Kolumne in der Bild-Zeitung mit dem Titel "Post von Wagner". (Den ganzen Brief finden Sie unter dem Eintrag vom 17. Juli!)


16. Juli 2008

Debütantin


Da schreibt meines Wissens zum ersten Mal Gudula Kanzmeier auf der Wahrheitseite. Was sie über Karate und den geistlich-geistigen Hintergrund der Schlägerei ablässt, das ist, zugegeben, alte Satireschule, aber amüsant und gut geschrieben: "Wir verhauen unsere Gegner nur ganz spirituell mit viel 'Do'. Was soll das? Meinem Gegner kann es doch völlig wurscht sein,ob ich ihn mit oder ohne Philosophie verdresche, die Schmerzen sind wohl die gleichen. Obwohl? Vielleicht sollte man das mal ausprobieren: Man schnappt sich ein beliebiges Opfer und verkloppt es zweimal. Erst ganz normal und dann mit ganz viel 'Do'. Danach fragt man dann, ob irgendein Unterschied zu spüren war."
Gelungenes Debüt - mehr Kanzmaier!
Gar nicht mehr komisch: Die Drohungen gegen den Tod, wenn wieder ein Mensch weit über 100 gestorben ist, und die Agenturen das als Superlativ vermelden. Ehrlich: Die immer gleichen Formulierungen auf der Wahrheitseite ("Tod, du dreckiger Bastard!") öden nur noch an.
Und das geheime Tagebuch der Carla B. von Silke Burmester war eh eine Fehlbesetzung für den Dienstag. Das würde aber für jeden anderen Wochentag auch zutreffen. Da gilt nicht das "gar nicht mehr komisch" - es war's ja nie.

Null. Null. 180: Hoher ÜQ*

Der  Unterhaltungswert der Rubrik "warenkunde" tendiert gegen null. Der Erkenntnisgewinn der Rubrik "warenkunde" tendiert gegen null. Der *Überflüssigkeitsquotient liegt bei 180 (auf der nach oben offenen Entbehrlichkeitsskala).

Zitat

"Es gibt das Phänomen eines diasporischen Langstreckennationalismus."

Rainer Bauböck, Migrationsforscher, Professor am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz

Traurige Tropen

Ein ganzseitiger Artikel zum bevorstehenden 100. Geburtstag des großen Menschen Claude Lévi-Strauss. Der Leser erfährt, dass die Neuherausgabe einer Auswahl seiner Werke "in der Dünndruckausgabe der Pléiade" einer Anerkennung als Klassiker zu Lebzeiten gleichkommt. Und wenn er den Artikel tatsächlich bis zum Ende gelesen hat, erfährt der geplagte Leser auch noch, dass man über einen der auf- und anregendsten Anthropologen, Philosophen, Ethnologen, Bestsellerautoren ("Traurige Tropen") des 20. Jahrhunderts einen staubtrockenen akademischen Artikel schreiben kann. Das enttäuscht etwas, weil Arno Münster als Professor für Philosophie "an der Université de Picardie Jules Verne in Amiens" lehrt. Da wären doch beide Autoren, Lévi-Strauss und Jules Verne, Verpflichtung zu spannender Schreibe.
Das wunderbare Foto zeigt den alten Mann - er lebt tatsächlich noch! -, wie er wachen Blickes in die Kamera guckt, die Hände auf den Stock gestützt, im Nadelstreifenjackett, und auf der schmalen Krawatte ist tatsächlich ein Paisley-Muster zu erkennen. Ich geh mal davon aus, dass der Autor der "Strukturalen Anthropologie" den Schlips nicht zufällig trägt.
Der letzte, der Paisley zu seinem Markenzeichen erhoben hat, war übrigens der Popstar Prince ("Purple Rain"). Wäre mal interessant, über die  Verbindung bewusstseinserweiternder Drogen und die Strukturen von Paisley nachzudenken.
Claude Lévi-Strauss feiert seinen hundertsten Geburtstag erst in vier Monaten, am 28. November. Ich heb mir die Glückwünsche bis dahin auf. Aber ihm für die "Traurigen Tropen" (1955) herzlich zu danken, dafür ist es nie zu früh: Danke, Monsieur, Sie haben mir mit ihrem liebenden Blick auf andere Kulturen gezeigt, dass alle Menschen gleichwertig sind, dass es möglich ist, Wissenschaft und Humanität zu verbinden. Und dass Rassismus ursprünglich aus Europa kommt.

Die Frauenfrage

Selten war eine Titelzeile so zutreffend: "Die Heiße-Luft-Nummer". Nein, nein, jetzt glauben Sie nur nicht, ich will schon wieder an einem taz-Autor rumnörgeln. Der Artikel von Gunnar Leue ist gut recherchiert, fein geschrieben, geht souverän und unverklemmt mit dem Thema um, und kommt zu dem Schluss: Die Geschichten mit dem Vögeln im Flugzeug sind zum großen Teil übertrieben, wenn nicht glatt erfunden. (Auch den Kalauer mit den Stewardessen hat er sich verkniffen, weshalb ich ihn bringen muss: Sie fliegen durch die Lüfte, Vögeln gleich - funktioniert  natürlich nur in der gesprochenen Form, wenn nicht klar ist, ob großes oder kleines Vau).
Aber heh, wen interessiert das, ob man in der Luft vögeln kann, darf oder soll? Und ob die Bordtoiletten dazu geeignet sind, oder ob es besser auf den Sitzen geht, und dass Hugh Hefner sich eine Spielwiese in seine private DC 9 einbauen ließ, und Led Zeppelin eine eigene Boeing hatten, in der sie Groupies vögelten?
Sex sells - wenn das einer weiß, dann wohl ich. Aber darüber hinaus komm ich langsam in weisere Gefilde: Sex wird auch maßlos überschätzt.
Wirklich.
Und wie immer stellt natürlich keiner die einzig entscheidende Frage: Hat die Frau im Flugzeug einen besseren Orgasmus?

Unser Gorilla

Ein brillanter Kommentar von Bernard Schmid schmückt die Meinungsseite. Es geht um die "Union für das Mittelmeer", und Schmid weiß nicht nur Bescheid, er kann schreiben, er stellt die  wichtigen Fragen und er kommt zu den richtigen Schlussfolgerungen. Zum Beispiel, weshalb man es bei der Zusammenarbeit nicht so wichtig findet, ob die jeweiligen Staatschefs demokratisch gewählt sind oder nicht (für die meisten gilt ja: oder nicht). Zunächst geht es nämlich den EU-Staaten nur um ein konkretes Ziel: "... dass die ökonomisch nicht hinreichend verwertbaren Einwanderungskandidaten 'draußen' gehalten werden. Regime wie die in Marokko, Tunesien oder Libyen geben zudem gern den Wachhund für diese Dienstleistung ab, vorausgesetzt, ihren heimischen Eliten winken dafür weitere Privilegien."
Frankreich hat sich ja, egal unter welcher Regierung, noch nie darum geschert, mit Diktatoren zusammenzuarbeiten, wenn es den außenpolitischen Interessen der Grande Nation dient. Schmid: "Ein befreundeter Gorilla ist immer noch 'unser Gorilla'." Und er führt gleich ein Prachtexemplare vor: "Der Präsident der Erdölrepublik Gabun, Omar Bongo Ondimba, seit Januar 1967 und damit schlappe 41 Jahre im Amt. Erst jüngst, vom 1. bis 11. Juli dieses Jahres weilte unser Omar Bongo in der französischen Hauptstadt, wo er nicht weniger als 33 luxuriöse Villen besitzt und wo die Guthaben geparkt sind, die laut NGOs wie Transparency International 'der gabunischen Bevölkerung gestohlen worden sind'. Offizieller Grund seiner Präsenz in Paris: ' ... um die europäische Ratspräsidentschaft meines Freundes Nicolas Sarkozy gebührend zu feiern.'"
Tja, so läuft's. Wir müssen ja Erdöl verbrennen, um "unseren Lebensstandard" nicht zu gefährden.
Ein paar Seiten vorher berichtet Dorothea Hahn aus Paris: "Beim diesjährigen französischen Nationalfeiertag saß der syrische Diktator Baschar al-Assad in der ersten Reihe. Etwas hinter ihm waren Bundeskanzlerin Merkel und der israelische Regierungschef Ehud Olmert platziert."
Und noch zwei Seiten davor steht die Meldung von dpa: "Etwa 7.000 ausreisepflichtige Syrer müssen voraussichtlich in Kürze Deutschland verlassen. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) und sein syrischer Amtskollege Bassam Abdel Madschid unterzeichneten gestern in Berlin ein bilaterales Rückübernahmeabkommen."
Tolles Wort! Worum es dabei tatsächlich geht, wird deutlich, wenn man das Abkommen näher betrachtet: Irakische Flüchtlinge, die aus Syrien eingereist sind, können wieder dorthin zurückgeschickt werden. Dass Syrien von einem Diktator regiert wird, der in Erbfolge an die Macht kam, interessiert doch Schäuble nicht. Nur raus mit den Ausländern!

Bildertrost

Auch wenn hier erst mal was fürs Auge eingeblendet wird - bleiben Sie dran, es geht noch weiter. Ulrike Winkelmann hat sich nämlich Gedanken gemacht, wie man die größten Dreckschleudern, die SUV (Saumäßige Umwelt Verseucher), aus dem  Verkehr ziehen - oder zumindest nicht mehr mit Steuergeldern finanzieren - könnte. Das ist nicht nur tvF*, das ist die vornehmste Aufgabe, wenn man  als Journalist seinen Beruf ernst nimmt: Sich zu fragen, was man tun kann, wenn man all die Informationen zum Klimawandel gespeichert hat. Jammern allein reicht nicht. Aber jetzt muss ich erst mal raus - die Sonnentage sind zu selten, als dass man einen auslassen dürfte in diesem Sommer. Und hier ein Bild aus dem Winter.

*taz vom Feinsten!



17. Juli 2008

Heiter weiter

Sie haben es sicher gemerkt: Das tazblog hier wird weiter gefüttert, und ich nehm mal an, so lang mich das Berliner Blättchen zum Lachen und zum Weinen bringt, kommt auch Nachschub an Kritischem, Solidarischem, Ärgerlichem und Erfreulichem.
Hier, wie angekündigt, noch ein Beitrag zur taz von vorgestern, die Ausgabe vom 15. Juli, Seite 4, ein Brennpunkt zum Thema "Steuerprivilegien für Dienstwagen". Ulrike Winkelmann hat da eifrig recherchiert, und heraus kam, dass man die deutsche Automobilindustrie tatsächlich dazu bringen könnte, vernünftigere Autos zu bauen. Es gibt ja Leute, die sich schon von einem Tempolimit weniger Spritfresser erwarten: Wozu Motoren für Tempo 250 bauen, wenn nur noch 120 erlaubt ist? Das muss auf jeden Fall kommen, denn die Mentalität des deutschen Durchschnittsmenschen funktioniert nach dem Motto: Wenn es nicht verboten ist, dann muss ich so schnell fahren, wie's die  Karre hergibt. Sich freiwillig auf 120 km/h beschränken, das geht nicht rein in den Kopf von Ede Bleifuß, auch wenn der Sprit zwei Euro kostet.
Nun hat also der Umweltminister einen Plan in die Diskussion geworfen, der die Autolobby reflexhaft aufheulen lässt: Ob Dienstwagen steuerlich absetzbar sind, soll nach ihrem CO2-Ausstoß beurteilt werden. Ob das eine positive Auswirkung aufs Klima hätte? 3,5 Millionen der 46 Millionen starken Pkw-Flotte in Deutschland sind steuerlich absetzbare Dienstwagen - fürs obere Management, aber inzwischen auch fürs mttlere Fußvolk. Der Dienstwagen ist das Statussymbol des mittleren Angestellten, oder, wie Winkelmann es ausdrückt: "Die Blech gewordene Wertschätzung des Arbeitgebers." Und der hat auch noch Vorteile, wenn er, statt mehr Gehalt zu zahlen, einen Dienstwagen zur Verfügung stellt. Da spart er gleichzeitig Steuern und Sozialabgaben. Schlau, was? Die Zuwachsrate für Dienstwagen liegt bei drei Prozent jährlich.
Für die obere Hubraumabteilung hat Winkelmann ausgerechnet: "Gut verdienende Freiberufler zahlen einen hohen  Steuersatz, deshalb profitieren sie auch besonders von der Möglichkeit, Dienstwagen als Betriebsausgaben geltend zu machen. Im Effekt bekommt der Makler deshalb seinen 100.000-Euro-Porsche-Cayenne fast zum halben Preis - und den Sprit auch und die Garage noch dazu."
Damit aber genug der Neiddebatte - dem Umweltminister geht es darum, "die steuerliche Abzugsfähigkeit von Dienstwagen von ihrem CO2-Ausstoß abhängig zu machen." Der als "Auto-Papst" ständig medienpräsente Professor Ferdinand Dudenhöfer weiß schon, wohin das führen würde: "Wenn der die Dienstwagenregelung ändern will, kann er BMW und VW auch gleich bitten, ins Ausland zu gehen."
Holla, da scheint Sigmar Gabriel ausnahmsweise was Vernünftiges in die Wege leiten zu wollen. Wenn man allerdings sieht, wie Angela Merkel mit ihrer bisherigen Politik den Autofirmen in den Auspuff gekrochen ist, hat der Plan wohl wenig Chancen. Ulrike Winkelmann hat auch noch Hans-Jochen Luhmann vom Wuppertal Institut interviewt, und der meint: "Wir haben es hier mit einem Machtkampf zwischen Politik und Automobilindustrie zu tun: Die Politik zeigt: Wir tragen eure Tendenz zum Hochverbrauchfahrzeug nicht mehr mit, die Automobilindustrie hält dagegen. Dann braucht es eben Maßnahmen."
Dass die von dieser Bundesregierung kommen, darf bezweifelt werden. Gabriels Kollege Tiefensee vom Verkehrsressort weiß zwar, dass 70 Prozent aller Güter auf der Straße transportiert werden, zeigt aber auch in seinem Verkehrsbericht auf, was er tun wird, um die monströse Lkw-Flotte zu verkleinern und Güter zurück auf die Schiene zu verlagern: nichts.

Traumpaar

"Das ist ein Weg zu sagen: Wir lieben dich."
Nicolas Sarkozy, als er Ingrid Betancourt zum
Ritter der Ehrenlegion schlägt. Uuuuääääääääh.

Post von Pfitzinger

Lieber Franz Josef Wagner, Sie schreiben - täglich, glaube ich - eine Kolumne in der Bild-Zeitung mit dem Titel "Post von Wagner". Auf dem Bild dazu lächeln Sie dem Leser freundlich und mit allen Zähnen entgegen. Da ich aus Gründen der Informationspflicht nicht gezwungen bin, diese grauenvolle Zeitung zu lesen, habe ich bisher auch nichts von Ihrer "Post" mitbekommen. Gestern nun hat mir eine gute Freundin eine Ihrer Kolumnen zugeschickt. Sie ist überschrieben "Liebe Atomkraft", und seit ich die gelesen habe, bin ich mir nicht mehr sicher, ob Sie blöd, bösartig oder gemeingefährlich sind, oder gar auf der Gehaltsliste der deutschen Atomkraftwerkbetreiber stehen. Vielleicht alles zusammen? Ich bin jedenfalls rat- und fassungslos.
Ich nehme mal an, seit dieser "Post von Wagner" sind schon ein paar Tage vergangen, Datum steht keins dabei auf dem Ausschnitt. Aber vielleicht können Sie sich sogar erinnern, was Sie da geschrieben haben, wenn die Promillewerte wieder im Normalbereich liegen?  Wenn nicht, helfe ich Ihnen hier mit ein paar Zitaten: "Unsere Erde hat noch Gas für 60 Jahre und Öl für 40. Wenn meine Enkelin 45 ist, dann wird sie frieren und zu Fuß ins Büro gehen. An Kohle glaube ich nicht. Kohle ist die schmutzigste Energie. Meine Enkelin wird sich die Seele aus dem Leib husten."
Also, Herr Wagner, das ist das, was ich mit blöd meine. Wenn Sie auch nur einen Funken Verstand hätten, würden Sie nicht so einen Unsinn schreiben. "Unsere Erde" hat vielleicht noch Gas für 60 Jahre und Öl für 40, wenn beides weiterhin in dem Maß verbrannt wird, wie wir es heute tun. Das geht aber nicht, denn inzwischen weiß jeder, der mal eine Zeitung gelesen oder ein Fernsehgerät angeschaltet hat, dass wir mit dem Verbrennen so nicht weitermachen können, weil wir sonst den Planeten für Menschen, Tiere und Pflanzen unbewohnbar machen. "Unsere Erde" hat also Vorräte, die bei sparsamerem Gebrauch noch viel länger ausreichen würden, aber wir dürfen sie trotzdem nicht verbrennen. Wir müssen unseren Lebensstil ändern, auf viele unnötige Dinge verzichten und einen Lebenssinn finden, der über das Konsumieren von immer mehr unsinnigen Produkten hinausweist.
Ihre Enkelin wird möglicherweise zu Fuß oder mit dem Fahrrad ins Büro kommen, aber frieren wird sie bestimmt nicht: Die Durchschnittstemperaturen in vier Jahrzehnten werden sehr viel höher sein als heute. Und machen Sie sich keine Sorgen, husten wird sie auch nicht, denn Kohlekraftwerke sind auch kein Ausweg, damit wird man bald aufhören müssen, nicht erst, wenn Ihre Enkelin 45 ist.
"Windkraft? Ich bedaure alle Menschen, die nicht mehr den freien Blick auf das Meer haben. Der Blick auf das Meer ist die Freiheit der Augen, Monster-Windräder verstellen unseren Blick." Tja, Herr Wagner, da muss man abwägen, ob "die Freiheit der Augen" als Wert höher eingeschätzt werden muss, als die Versorgung mit Energie, die keine Abgase verursacht und unbegrenzt zur Verfügung steht. Im Übrigen setzt man inzwischen auf Windrotoren, die so weit von Ihrer Urlaubsinsel Sylt entfernt sind, dass Ihr und unser Blick nicht verstellt wird.
Dann erwähnen Sie noch den Anbau von Energiepflanzen, der "die halbe Welt verhungern lassen" wird. Da sind wir uns ausnahmsweise mal einig, das halt ich auch nicht für den richtigen Weg. Aber, so sagen Sie: "Es gibt noch die Kraft des fließenden Wassers, Stauseen. Mit Stauseen kann man ein Dorf mit Licht versorgen - aber nicht die Welt."
Warum soll's denn gleich "die Welt" sein? Strom, der aus Wasserkraft erzeugt wird, kann sehr wohl mehr als ein Dorf mit Strom versorgen, und ob Sie es nicht wissen oder mit Absicht verschweigen: Um "die Kraft des fließenden Wassers" auszunutzen, braucht man nicht unbedingt Stauseen anzulegen - eine Turbine in einem munter dahinplätschernden Kanal oder Fluss tut's auch. Kommen Sie mal nach München, ich zeig's Ihnen, gleich unterhalb vom Landtagsgebäude.
Sie schließen Ihre "Post von Wagner" an die "Liebe Atomkraft," mit den Worten: "Weil ich meiner Enkelin ein schönes Leben wünsche, muss ich mit Schmerzen sagen: 'Atomkraft, ja bitte.' Herzlichst Ihr F. J. Wagner."
Nun werden Sie vielleicht sagen, ich wäre polemisch und hätte mit Absicht einen wichtigen Bereich in Ihrer Post ausgelassen, auf den jeder halbwegs vernünftige Mensch zuerst kommt, vor allem wenn er seinen Brief mit den Worten anfängt: "Ich habe den Button mit der lachenden Sonne noch. Ob ich ihn mir heute wieder anstecken würde? Mein Herz sagt ja, mein Verstand nein."
Sehen Sie, das meine ich mit der Vermutung, Sie seien vielleicht mehr als nur ein bisschen blöd, sondern bösartig oder gar gemeingefährlich. Wer wie Sie für ein derart großes Publikum schreibt, sollte sich auch bewusst machen, dass er eine gewisse Verantwortung hat. Oder gehen Sie davon aus, dass der Bild-Zeitung sowieso kein Schwein was glaubt, und Ihnen schon gleich gar nicht? Dann sind Sie tatsächlich gemeingefährlich, denn ich kann Ihnen versichern: Sie werden gelesen, Sie tragen bei zur Bildung der öffentlichen Meinung im Volk, von dem ja in einer Demokratie die Macht ausgehen soll. Und diese öffentliche Meinung kippt gerade um, dank der teuren Lobby- und Propagandaarbeit der Atomindustrie. Sie gewinnt wieder Oberwasser und geht davon aus, dass sich mit Atomkraftwerken, die von der Allgemeinheit finanziert, mit Steuergeldern auf allen Ebenen subventioniert werden, immer noch gigantische Profite einfahren lassen. Dabei weiß jeder, der das Jahr 1986 nicht im Vollrausch verbracht hat, dass diese Technologie vom Menschen nicht beherrscht werden kann, dass es ständig Störfälle gibt, die nach allen Regeln der PR-Kunst verschwiegen werden, und dass AKWs auf Kosten Ihrer Enkelin und deren Urenkeln und deren Urururenkeln betrieben werden. Denn kein Mensch weiß bis heute, was man mit dem Abfall anfangen soll, der bei der Energieerzeugung mit Uran anfällt. Dazu kommt, dass es 15.000 Jahre dauert, bis die radioaktive Strahlung des Atommülls auch nur zur Hälfte abgeklungen ist.
Und Sie unterstützen diese unsinnige Profitmacherei auch noch in der Zeitung mit der höchsten Auflage in Deutschland, schreiben über die Energien der Zukunft und weisen dabei mit keinem Wort auf die wichtigste Stromquelle hin, die sich auch in vielen tausend Jahren nicht erschöpft und mehr Energie zur Erde schickt, als die Menschheit je verbrauchen kann: Die Sonne.
Lieber Herr Wagner, Sie sind entweder blöd oder bösartig. Und die Möglichkeit, mit Ihrer Meinung so viele Menschen zu erreichen, macht sie gemeingefährlich.
Herzlichst Ihr
Hans Pfitzinger


ab hier: strikt nur die Mittwoch-taz, vom 16. Juli 2008
 
Radsportveranstaltung

Ach die Tour - war das noch schön, als ich an Sommernachmittagen vom Freibad nach Hause kam, und die Zusammenfassung der Frankreichrundfahrt im Schwarzweißfernseher geguckt habe. Was weiß ich, ob's damals kein Doping gab, oder ob's bloß niemand interessiert hat, weshalb die Typen gelegentlich halb- oder ganztot vom Rad fielen. Kein Mensch hat jedenfalls nur ein Wort zum Thema Doping gesagt. Sebastian Moll schreibt in  der Mittwoch-taz über das "Team Gerolsteiner", das verzweifelt einen Sponsor sucht (heh, ich such auch einen!): "... Teamchef Holczer macht schon lange keinen Hehl mehr daraus, dass er das unablässige Moralisieren in deutschen Medien nicht nur für übertrieben hält, sondern sie für den drohenden Tod seines Teams mitverantwortlich macht."
Dasselbe wollte ich gestern über Sebastian Moll schreiben, weil er nicht über die Etappe vom Vortag, sondern über Riccardo Ricco und seine Doping-Vorgeschichte schrieb. Dann fiel mir ein, dass Ruhetag war. Und heute bestätigt sich der Verdacht: Ricco ist raus, und der Sponsor zieht sein ganzes Team zurück.

Färnseh

Da gibt es anscheinend eine Krimi-Reihe, die "Bloch" heißt, und so gut ist, dass sogar Michael Verhoeven Fernsehregie macht. Und auf die wird in allen seriösen Zeitungen vorab hingewiesen und in der taz auch. Eine Frau hat ihr Kind umgebracht, leidet aber zur Entlastung an einer Psychose und die heißt "postpartale Anpassungsreaktion". Heh? Postpartal? Postnatal ginge ja noch, aber bei postpartal steh ick aufm Schlauch, lieber Christian Buss vom Vorabüberblochberichtressort.

Zeichenromane

Der  Fachausdruck heißt "Graphic Novel", und wenn Sie nichts mit dem Begriff anfangen können, sei Ihnen gesagt: Früher hieß das mal Comics. Nun gut, vielleicht gibt's jetzt mehr zu lesen und weniger Bilder, und ganz trendy scheint zu sein, wenn sich einer "einbringt", sprich: Autobiografisches unterbringt im Werk. Das war ja mein Trend schon seit immer, und wenn das jetzt gefragt ist, muss ich schleunigst auf die Anzeigen oder Webseitensonderveröffentlichungen hier im tazblog verweisen. Frank Schäfer schreibt über einen verdienten Verleger namens Dirk Rehm und noch ein paar andere, und über ein paar (mir) bekannte und (mir) unbekannte Comic-Zeichner. Bei Lewis Trondheim bin ich hellhörig geworden - nein, hellsichtig, oder wie man das beim Lesen nennt. Aufmerksamer? Trondheims Neuerscheinung heißt "Außer Dienst", und es geht darin um das "Problem des alternden Comicautors". "Trondheim gönnt sich eine achtzigtägige Auszeit vom Albenzeichnen, um auf neue Ideen zu kommen, und weil er sich nicht verschleißen will. Denn er hat einen entsetzlichen und durch viele Beispiele gestützten Verdacht: 'Comicautoren altern schlecht'. bald merkt er allerdings, dass ihm seine kreative Pause nicht bekommt: 'Macht man nichts, rostet man ein. Macht man was, erschöpft es sich.'"
Das darf man getrost als Dilemma bezeichnen, oder, wie Schäfer es tut, als Hauptwiderspruch, und auf andere Berufsgruppen übertragen.
Schöne Zeichnungen von Delisle und Atak.

Feigheit statt Eier

Bettina Gaus macht sich in ihrer Kolumne "Fernsehen" darüber Gedanken, weshalb in den USA Politiker viel häufiger in Situationen gezeigt werden, in denen sie alles andere nur keinen guten Eindruck machen. Zum Beispiel weil sie glauben, die Mikrofone seien abgestellt und dann, wie Jesse Jackson, sagen, dass er Barack Obama am liebsten "die Eier abschneiden" möchte.
Warum, fragt Bettina Gaus, passiert sowas in der Art deutschen Politikern nie? "Weil deutsche Redaktionen es für unhöflich halten, die Leute, über die sie zu berichten haben, der Peinlichkeit auszusetzen? Je länger ich politische Fernsehsendungen in den USA verfolge, desto größer werden meine Zweifel. Ob das, was wir hierzulande zu Regeln des politischen Anstands erklärt haben, eigentlich nicht in Wahrheit ein anderer Ausdruck ist für eine journalistische Todsünde: Feigheit."

Zitat

"Die SPD ist in der letzten Zeit mit guten Nachrichten nicht gerade überschüttet worden. Der Atomdissens zwischen Union und Grünen ist eine. Auch wenn die SPD dafür nicht viel getan hat", meint Stefan Reinecke. Nach einigem Grübeln hab ich die Aussage zwar noch nicht endgültig ergründet, aber es läuft wohl darauf hinaus: Für die SPD bedeutet das, sie bleibt auf jeden Fall an der Regierung, weil die Grünen nur mit ihr können und wollen, oder weil die Große Koalition fortgesetzt wird.
Na ja, das kann dann schon eine gute Nachricht für die SPD sein. Für den Rest der Welt klingt das eher deprimierend.

Leser

Zum Sommerlochthema "Wahlrecht für Kinder" meint die Leserin Claudia Pini aus Köln (Woher ich die bloß kenne? Mir fällt's nicht ein.):  "Warum nicht gleich Kinderlosen das aktive und passive Wahlrecht aberkennen. Vielleicht ist dann ja endlich Schluss mit dem 'Zeugungs- und Gebärstreik egoistischer Selbstverwirklichungslümmel' (Mathias Matussek)."
Frage an die Leser dieser Zeilen: Hat das der Matussek tatsächlich gesagt? Und hat er das ernst gemeint oder meinte er das ironisch? Ich trau dem Kerl nämlich zu, dass er so was tatsächlich allen Ernstes von sich gibt.

Terrorliste

Nach Angaben der ACLU, das ist die American Civil Liberties Union, die amerikanische Vereinigung für Bürgerrechte, führt das US-Justizministerium eine Terrorliste mit einer Million Namen, zu denen monatlich 20.000 weitere dazukommen. Nun bin ich ja nicht so toll in Mathe, aber da kann man doch ausrechnen, wann alle Erdbewohner terrorismusverdächtig sind. Und weil die Liste dann vollends unsinnig geworden ist, muss man wieder eine neue anlegen. So wird die Bürokratie beschäftigt, und es bleibt alles beim Alten. Großartig.

Belgien ist Avantgarde

Belgien führt gerade im Selbstversuch vor, dass es auch ganz ohne Regierung geht, und das schon seit über einem Jahr. Das haben die Italiener in den letzten 60 Jahren immer wieder erprobt, und so können wir bald auch hierzulande, spätestens wenn es 2009 wieder nur zur SPCDSU reicht, den Beweis antreten: Keiner braucht euch noch. Wenn ihr sowieso nicht imstande seid, etwas zu ändern, dann lasst's halt ganz bleiben.
Aber glaubt bloß nicht, dass ihr weiter eure Gehälter kriegt! Nach 18 Monaten gibt's Hartz IV!

Kommentar

18. Juli 2008

Frauenfrage

Kommen Frauen wirklich zusammen, um sich, genau wie Männer, einen hinter die Binde zu gießen - in diesem Fall Grappa -, und über gemeinsame Bekannte herzuziehen? Ich geb ja zu, die Frage, ob es mit einer G-Shot-Behandlung durch einen seriösen Arzt zur "Steigerung der sexuellen Erregbarkeit durch G-Punkt-Intensivierung" kommt, ist durchaus von öffentlichem Interesse. Noch dazu - der treue Blog-Leser erinnert sich - nachdem ich erst vor zwei Tagen beklagt habe, dass sich niemand für die Frage interessiert, ob die Frau als solche beim Vögeln im Flugzeug einen besseren Orgasmus hat. Der Beitrag "g-punkt-tuning" bringt zwar einige Fragen auf denselbigen, aber ich zweifle, ob es sich bei der "Autorin"  Ilke S. Prick tatsächlich um eine Frau handelt.
Im Amerikanischen ist prick eine Umschreibung für Schwanz, Pimmel, Penis, wird aber auch gern als Schimpfwort gebraucht, zum Beispiel stupid prick, für Männer, die sich aufführen wie Arschlöcher. Könnte also durchaus ein Pseudonym für einen Mann sein, der sich als Frau ausgibt. Iss aber eigentlich wurscht, ihre/seine Wahrheit-Beiträge sind immer gut geschrieben, und ich lese sie gern. Prick. Es gab mal einen Fußballspieler bei Bayer Leverkusen, der hieß mit Franco Foda. Da hatten sie in Brasilien etwas Schwierigkeiten, denn dort heißt das Fotze. Frau Prick, so es sich denn um eine solche handelt, sollte bei der Einreise in die USA sehr vorsichtig sein, wenn der Beamte nach ihrem Namen fragt - die Antwort könnte ihr leicht als Beschimpfung ausgelegt werden.

Leibesübungen: Mir san Olympia


München hat sich also um die olympischen Winterspiele 2018 beworben. Es könnte sein, dass dann der jetzige OB Christian Ude nicht mehr im Amt ist, obwohl - wetten würde ich darauf nicht, sind ja nur weitere zehn Jahre bis dahin. Nachdem er die Bewerbung bekanntgegeben hatte, trat unser Dauer-Ude vor die Presse und verkündete: "Für München hat es Tradition, den Zuschlag im ersten Anlauf zu kriegen."
Menschen von außerhalb werden den Spruch sicher als diese typisch münchnerische Überheblichkeit empfinden, aber wir Bewohner der bayrischen Hauptstadt wissen, dass bei diesen Worten ein feines Lächeln um die Lippen von Christian Ude schwebte. Alles nicht sooo ernst gemeint.
Die Bewerbung schon - der Münchner ernährt sich schließlich von den durchreisenden Preußen, egal ob die aus Norddeutschland mit Resteuropa, Nord- und Südamerika, Asien oder Australien anreisen. Wenn's um's Geldverdienen geht, hört beim Bayern der Spaß auf. Den Umgang mit Kreditkartenbelegen lernen die kleinen Bayern schon im Kindergarten. Die ersten drei Wörter, die hier die Babys lernen, sind Laptop, BMW und Mastercard.

Medien: Harr, harr, harr!

Diese Überschrift hat mich dann doch zum Kichern gebracht: "Nichts in eigener Sache". Zuerst dachte ich, es geht um die taz, mit ihrem kümmerlichen, nicht gerade auskunftsfreudigen Impressum, und um die taz-sache, dass der Leser nur was über Abo-Kurven, nichts aber von internen Umbesetzungen, alten oder neuen Korrespondenten, vielleicht sogar Meinungsverschiedenheiten über Themen in der Redaktion erfährt. Aber nein, so wie ich als taz-Leser besser über die Vorgänge bei Springer unterrichtet werde als bei der taz, stand auch unter dem Titel "Nichts in eigener Sache" keine Kritik der Gepflogenheiten in der eigenen Redaktion. Der Finger des taz-Redakteurs Steffen Grimberg deutete vielmehr auf die Berliner Zeitung.

Je t'aime



Gibt's Zufälle? Der Filmregisseur Barbet Schroeder hat mir mal erzählt, für ihn gebe es nur einen Gott, und der hieße Azar, und das sei arabisch für Zufall. Nun will es dieser, dass ich vor ein paar Tagen über den Film "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" von Philip Kaufman geschrieben habe, mit der Ansicht, dass es sich dabei um eine der wenigen vollauf geglückten Literaturverfilmungen handle, und der Film dem Roman von Milan Kundera durchaus ebenbürtig sei. Und habe am Ende noch hinzugefügt: Und in Juliette Binoche habe ich mich auch verliebt im Kino.



Nun schreibt Jochen Schmidt über den  neuen Film "So ist Paris" und leitet seine Kritik mit allgemeinen Bemerkungen zum Großstadtleben ein: "Das Zusammenleben von Millionen Menschen in einer Stadt ist eigentlich ein erstaunlicher Zustand. (...) Dem Zufall eine Chance geben ist eigentlich unsinnig, denn in der Stadt ist jeder Moment Zufall. Aber wie erzählt man diesen chaotischen Zustand." Der Regisseur Cedric Klapisch versucht es mit einem Episodenfilm, der in der taz sehr wohlwollend besprochen wird. Und Jochen Schmidt fügt am Ende noch hinzu: "Und wer hätte gedacht, dass man sich nach so vielen Jahren ein zweites Mal in Juliette Binoche verlieben kann?"
Nachtrag: Ein Versuch, "diesen chaotischen Zustand" Großstadt zu erzählen, stellt auch "Delfina Paradise - Der aufrechte Gang" dar, die Liebesnovelle aus München, die hier weiter unten beworben wird. Da geht's auch ganz viel um Zufälle. Die Hauptperson sah übrigens der Schauspielerin Juliette Binoche sehr ähnlich.

Berichtigung berichtigen

Liebe Kulturredakteure und -innen, ich hätte da einen Vorschlag, der wirklich und in Wahrheit und echt gut gemeint ist, auch wenn er von mir kommt: Lasst doch die tägliche "Berichtigung" immer von einem Kollegen oder einer Kollegin gegenlesen. Einem Außenstehenden fallen oft Fehler auf, die dem Schreiber selbst auch nach zehn Mal lesen nicht mehr auffallen. Iss ne Erfahrung, die jeder schreibende Mensch häufig macht. Bei dem geringen Textumfang der "Berichtigung" kann ich mir nicht vorstellen, dass eine Kollegin oder ein Kollege die Bitte abschlägt. Der Vorteil dieses Verfahrens liegt auf der Hand: Ihr müsst dann die "Berichtigung" nicht mehr so häufig berichtigen, wie es in letzter Zeit passiert ist, da würde dann gleich stehen, dass der Song von den Ramones "I wanna be sedated" heißt, und nicht "wanno". Und dass "to sedate" so viel wie "sedieren" heißt, also jemanden mit einem Beruhigungsmittel versorgen, könnte man auch noch anfügen.
Bitte, gern geschehen.
Und danke für die Erwähnung der Ramones. Die haben mir mal mein linkes Ohr rausgeblasen.

taz.de & Otto

Ich muss gestehen: taz.de klicke ich selten an, ich bin langsam schon von der Print-Ausgabe überfordert. Aber den Hinweis auf der Seite taz zwei, was in der Online-Ausgabe so läuft, überfliege ich immer. Von dem Druckluftauto, dass der indische Autobauer Tata entwickelt, und das nur gaaanz wenig Benzin brauchen soll, hab ich schon wo gelesen. Es gibt übrigens einen Schriftsteller, dessen Namen mir leider entfallen ist, der Anfang der fünfziger Jahre ein Buch veröffentlicht hat, in dem er den Verbrennungsmotor, der nach seinem Erfinder Otto-Motor genannt wurde, als das größte Unglück in der Geschichte der Menschheit bezeichnet. Da ist was dran.

Zwei alte Schachteln tanzen Tango

Beschwören könnt ich es nicht, aber ich glaube, das obige ist der Titel eines Lieds von Georg Kreisler, und das mit den alten Schachteln war nicht herablassend und schon gar nicht diskriminierend gemeint. Heute bricht man sich ja schon einen ab, wenn jemand von Alten spricht und nicht politisch korrekt von Senioren. Und die diesbezüglichen Heime haben inzwischen einen derart schlechten Ruf, dass es Leute gibt, die sich lieber umbringen als ins Pflegeheim zu gehen. Barbara Dribbusch stellt da ein Gegenbeispiel vor: Tante Zilly, putzmunter und kreuzfidel im Altersheim, geht mit 83 Jahren auch noch auf Reisen und läßt sich in Kopenhagen im Rollstuhl über die Treppen des Tivoli tragen. Ihre Mitbewohnerin im Zweibettzimmer, 90, will noch mal zu ihrer Tochter nach Los Angeles, weil "da ist Hollywood".
Die Mut- und Muntermach-Kolumne schließt mit der Weisheit von Dribbuschs Yogalehrerin: "Auf eure Einstellung kommt es an. Jeden Tag beginnt ein neues Leben."
Zwei alte Schachteln mit der richtigen Einstellung. Nur schade, dass Tante Zilly nicht mehr Tango tanzen kann.

Lustgreis mit 61 - ÜQ* 180

Seien Sie mir nicht böse, liebe NAT, die Sie Ihr Interview nur mit Kürzel unterschrieben haben, aber ich kann's nicht mehr lesen, diese Interviews mit den Seelenexperten, den Psychologen, die von den Journalisten zu allem und jedem befragt werden und von nichts was ne Ahnung haben. In 99 Prozent aller Fälle kennen sie die Person, um die es geht, so gut wie Sie und ich: Aus der Zeitung oder dem Fernsehen. Verstehen Sie mich nicht falsch, werte NAT, ich weiß, dass sind die journalistischen Reflexe: Mal schnell jemand anklingeln, sechs Fragen abfeuern, zwei Spalten füllen, Thema abgehakt. In diesem Fall lautete das Thema: "Herr Stahl, was geht in Männern wie Ronnie Wood vor, die sich eine so offensichtlich jüngere Frau suchen?"
Dass auf eine derart dämliche Frage nur dämliche Antworten gegeben werden können - geschenkt, wer möchte es dem "Experten" verdenken. Am Ende wird der Mann so vorgestellt: "... Psychotherapeut, lebt in Berlin und trifft häufig auf Patienten mit Beziehungsproblemen."
Mein Gott, geht's noch banaler?
Schwamm drüber, umblättern. Aber eins sag ich Ihnen, liebe NAT: Wenn Sie Ronnie Wood, der gerade mal 61 Jahre alt ist, noch einmal als Lustgreis bezeichnen, komm ich nach Berlin und schütte Ihnen eine Flasche klebrige Faschistenbrause über die frisch geföhnten Haare.

* Überflüssigkeitsquotient auf der nach oben offenen Entbehrlichkeitsskala

Die Terroristen sind gar nicht so gefährlich ...

... sonst würden ja die Atomkraftwerke abgeschaltet. Auf diesen provozierenden Gedanken kommt Ute Scheub auf der Meinungsseite. Und wenn Terrorismus gar nicht so gefährlich ist, wozu brauchen wir dann die Schäuble-Spielzeuge wie Online-Durchsuchungen, Rasterfahndungen, gespeicherte Fingerabdrücke, biometrische Passdaten, Vorratsdatenspeicherung? Scheub folgert: "Was sich hier entwickelt, bei Energiekonzernen, Multis, Sicherheitsfirmen und der Zusammenarbeit aller dieser Institutionen, das ist Staatsterritorismus. Ja, Sie haben richtig gelesen: Staatsterritorismus. Damit ist die flächendeckende Kontrolle des Staatsterritoriums und seiner Einwohner sowie die hermetische Kontrolle seiner Grenzen durch wenige Machthabende gemeint, und der Staatsterror schwingt im Begriff durchaus mit. Im Zeichen von Klimawandel und globalem Kampf um die letzten Ressourcen haben die Überwachungsgesetze offenbar mehr mit der Sicherung von Herrschaftsprivilegien nach innen und außen zu tun als mit dem Terror von Gotteskriegern."
Tja. Und Scheub traut den "drei sogenannten linken Parteien im Bundestag" nicht zu, dass sie was dagegen unternehmen könnten. Wer dann? "Die Zivilgesellschaft", meint Ute Scheub. Wer das sein könnte, sagt sie nicht, aber meinen tut sie wohl: Es wird Zeit für eine neue APO, eine außerparlamentarische Opposition, die schon einmal unter einer "Großen Koalition" entstanden ist.

Der Untergang der Mayas, Azteken, Römer und Bauern

Nur damit's nicht vergessen wird: Kleine Reportage, große Klasse! Veronica Frenzel war morgens um vier mit dem Milchbauern Peter Sautter im Stall und beschreibt den Streit um höhere Milchpreise aus dem Stall und aus der Euterperspektive. Man riecht saure Milchluft und Kuhpisse und spürt die Liebe des Bauern zu seinem Vieh. Sautter ist fatalistisch gestimmt. Die Bauern werden untergehen wie die Mayas, Azteken und Römer, sagt er, und lächelt bitter. Ein kleines Reportagenjuwel auf Seite 5.

Was für ein infamer Dreckskerl

Es hat schon seinen Sinn, gelegentlich so einen neoliberalen Mistverzapfer zu Wort kommen zu lassen - es sind immer die gleichen Phrasen. Aber was Holger Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln zum Besten gibt, übertrifft an Unverschämtheit die meisten Ideologen.
Ulrike Herrmann: "Wenn Sie keinen Mindestlohn wollen, was schlagen Sie vor, um die zunehmende Armut bei uns zu bekämpfen?"
Holger Schäfer, 39, Volkswirt, unterstützt in seinem Job die deutschen Arbeitgeber bei der Ausbeutung, weshalb er die erwartete Antwort gibt: "Mit dem Arbeistlosengeld II haben wir doch ein funktionierendes System der sozialen Grundsicherung."
Herrmann: "347 Euro monatlich finden Sie für einen Single genug?"
Schäfer: "Der Abstand zu den Löhnen muss gewahrt sein, damit sich Arbeit auch lohnt."

Ich plädiere dafür, den Kerl nach der Revolution nicht an die Wand zu stellen, sondern lediglich dafür zu sorgen, dass er für den Rest seines Lebens mit 347 Euro monatlich auskommen muss.

-------------------------------Kommentar
20. 7. 2008
Guten Morgen!
Eine Anmerkung zu Holger Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft.
Der werte Herr meint, die niedrigen Löhne bsp. für Friseure und Wachmänner seien gut so, weil deren Wertschöpfung so gering ist.
Ich bin dafür, ein Jahr lang sämtlich Wachmänner abzuziehen, und aus den Schaden, der Staat und Wirtschaft durch Einbrüche und Diebstähle entsteht, wird dann die Wertschöpfung und der Mindestlohn berechnet. Der sollte dann für eine menschenwürdiges Leben ausreichen. Und zur Unterstützung würde ich dann auch selbst klauen gehen :)
Auf jeden Fall die richtige Bezeichnung für ihn: infamer Dreckskerl. Apropos: welche Wertschöpfung haben eigentlich die Sesselpuper in solchen Instituten?
Grüße von der Ostsee und schönen Sonntag
René Klug

Zitate aus dem Nahen Osten

Auf Seite 1 schreibt Susanne Knaul über den Austausch von Leichen und Gefangenen zwischen den Regierungen Israels und des Libanons. In ihrem Kommentar stellt Knaul, wie so oft in ihren Berichten und Interviews, die Sicht israelischer Militärs in den Vordergrund, zu denen sie offenbar gute Kontakte pflegt:
"Durch alle politischen Lager gellte der Aufschrei, als ein ehemaliger Stabschef zu bedenken gab, dass der Preis für zwei vermutlich tote Soldaten doch ein wenig hoch angesetzt war."
Nur um trotz des gellenden Aufschreis die Tatsachen im Auge zu behalten: Für die zwei toten Soldaten wurden fünf libanesische Gefangene freigelassen und die Särge mit 200 toten Libanesen übergeben. Beim Überfall der israelischen Armee auf den Libanon vor zwei Jahren starben "1.200 Libanesen, meist Zivilisten, und 160 Israelis, die meisten Soldaten".
Das steht auch in der taz, am selben Tag, auf Seite 3.

Kommentar

19. Juli 2008

Energie & Hunger

Sie erinnern sich? "Achtung: tazblog!" vom 9. Juli 2008: "Wir müssen Benzin vergessen":
Mein Kumpel Axel hat mir ein Spiegel-Interview mit Neil Young geschickt, in dem er am Schluss sagt: "Ich weiß heute, dass alles, wovon wir seit Jahrzehnten singen, worum es uns geht, nämlich die Kriege zwischen Menschen zu beenden, sich auf eine Frage reduzieren lässt: Wo kommt unsere Energie her, und wie verteilen wir sie gerecht? Darauf hat der Musiker leider keine Antwort. Der Wissenschaftler schon. Wir müssen das Öl vergessen, wir müssen Benzin vergessen. Wir müssen Tankstellen am Straßenrand abschaffen. Und das sage ich als Autofan."
Ähnlich sah das auch schon Wilhelm Raabe, der einen seiner populärsten Roman "Der Hungerpastor" mit den Sätzen einleitete: "Vom Hunger will ich in diesem schönen Buche handeln, von dem, was er bedeutet, was er will und was er vermag. Wie er für die Welt im ganzen Schiwa und Wischnu, Zerstörer und Erhalter in einer Person ist, kann ich freilich nicht auseinandersetzen, denn das ist die Sache der Geschichte; aber schildern kann ich, wie er im einzelnen zerstörend und erhaltend wirkt und wirken wird, bis an der Welt Ende."
Energie und Hunger. Falls Sie von Wilhelm Raabes "Der Hungerpastor" noch nie gehört oder gelesen haben, kann das an den Absurditäten der deutschen Nachkriegsgeschichte liegen.
Das Buch ist 1864 erschienen, meiner Ausgabe von 1931 entnehme ich, dass bis dahin 400.000 Exemplare verkauft wurden. "Der Hungerpastor" kam nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr in die Buchhandlungen, weil ein in jungen Jahren noch unbescholtener Student seine Doktorarbeit darüber geschrieben hatte. Die wurde angenommen, und er nannte sich fortan Dr. Joseph Goebbels.
Der Doktor der Germanistik handelte sich später einen denkbar schlechten Ruf ein, vor allem, weil er bei einer Massenversammlung im Berliner Sportpalast auf die Frage: "Wollt ihr den totalen Krieg?" geradezu stürmisch mit "Ja!!!" gefeiert wurde. Seine Frau handelte sich noch viel später in einem Film von Bernd Eichinger einen denkbar schlechten Ruf ein, weil da gezeigt wirde, wie sie ihre Kinder vergiftet. Da war es aber schon etwa eineinhalb Jahrhunderte her, dass Wilhelm Raabe seine schöne Hymne an das Humanistische im Menschen mit dem Titel "Der Hungerpastor" geschrieben hatte.
Wenn Sie es irgendwo auftreiben können - ich kann Ihnen nur empfehlen, das Buch zu lesen.

Yeah, REM - immer feste druff! Danke!

Was für eine Freude - endlich dröselt mal jemand ausführlich auf, weshalb man die Band REM guten Gewissens nicht mögen muss. Bin ich froh - schon der ansonsten gut unterrichtete Axel Kuner löste bei mir blankes Unverständnis aus, als er mich eines Abends, ist wohl 15 Jahre her, mit REM traktierte. Bis dahin hatte ich immer geglaubt, der Kinobetreiber und Filmvorführer hätte viel Ahnung und einen guten Musikgeschmack. Mit REM, so fand ich, lag er total daneben. Da war kein Stück dabei, dass ich mochte, und die Stimme des Sängers mochte ich am wenigsten. Weshalb diese Band in der (Musik-)Presse und sonstwo so viel Beachtung fand, war mir völlig schleierhaft. Und die Interviews mit dem glatzköpfigen Sänger konnten mir auch nichts Erhellendes mitteilen.
Aber Christiane Rösinger konnte mich erfreuen, mit ihrer Konzertkritik aus der Berliner Waldbühne: Ich bin nicht der Einzige, der REM Scheiße findet und den Sänger peinlich. Rösinger schreibt: "Wie sein guter Freund Bono bewegt sich auch Michael Stipe im großen Weltrettungsquadrat zwischen Peta, Klima, Tibet, Afrika." Sehr schön formuliert. Dann berichtet sie, dass Stipe auf der Bühne die Schuhe wechselt, und das wird in Großaufnahme auf die Videowand übertragen: "Eine dämlichere kabarettistische Einlage hatte man selten zuvor gesehen. Warum war alles nur so langweilig? Vielleicht, weil REM einfach immer schon eine sehr langweilige, sehr normale Band waren. Weil Alternative Rock seit 20 Jahren so langweilig ist. Weil man auch die Inhalte - Bush-Kritik, Kritik am 'Katrina'-Missmanagement, Kritik an der überzogenen Reaktion auf 9/11, Sorge um Amerika - nicht mehr hören mag."
Offenbar ging es nicht nur der taz-Autorin so: "Bei 'electro-Life' überkam Stipe die einmalige Idee, alle sollten nun ihre Mobiltelefone in die Luft halten, und da liebte man wieder das Berliner Publikum: Kaum einer machte mit!"
Das finde ich sehr erfreulich: Eine Schreiberin, die "Mobiltelefone" schreibt und nicht "Handys", ein Publikum, dass sich nicht zu jedem Scheiß manipulieren lässt. Vielleicht haben sie an dem Abend auch noch gelernt, dass man nicht jedem Hype glauben und für völlig uninteressante Konzerte einer maßlos überschätzten Band einen Haufen Geld hinlegen soll.

Zitat

"Die Siebziger und Achtziger Jahre sind vorbei."
Jan Feddersen, taz vom 18. 7. 2008, S. 14

Zeozweifrei

Musste ich einfach klauen und ebenfalls als Überschrift verwenden. Das steht als Titel über Martin Unfrieds "Ökosex"-Kolumne: "Born to be zeozweifrei". Diesmal testet Unfried einen Elektroroller, der es auf 100 Sachen bringt. Die Internet-Adresse der Firma lasse ich mit Absicht als Schleichwerbung im Zitat drin: Der Motorroller "stand da am Schiffbauerdamm (www.vectrix.de), ich sah ihn, und es war Liebe. Ich steige auf, schalte an und ohrenbetäubende Stille. Sound of silence." Im weiteren Bericht über die Probefahrt heißt es dann: "Ich bin ja eigentlich kein Motorradjonny, aber das Cruisen Unter den Linden war fett, cool und mega. Praktizierter Ökosex eben." Und wie es sich gehört für gute (Schleich-)Werbung nennt er auch noch den Verbrauch: "Zwischen 5 kWh und 8 kWh auf 100 Kilometer. Das sind umgerechnet 0,5 bis 0,8 Liter Sprit."
Und der Gewinn für alle Großstadtbewohner liegt in der Luft: Man verbrennt eben kein Benzin.

Frei sein reicht nicht

Ein schönes Interview zum 90. Geburtstag von Nelson Mandela: Die taz lässt Denis Goldberg zu Wort kommen, der auch schon 75 ist, und zusammen mit Mandela wegen Hochverrats und Sabotage zu vier mal "lebenslänglich" verurteilt wurde. Auch er saß 22 Jahre im Gefängnis. Schöne Idee, einen der wenigen Weißen zu interviewen, der den bewaffneten Kampf des ANC gegen die Apartheid unterstützte. Goldberg über Mandela: "Er fasste seine Philosophie zusammen mit den Worten: 'Frei zu sein reicht nicht, um die Ketten abzuwerfen. Man muss so leben, dass man die Freiheit der anderen fördert und verbessert.' Er lebte diese Philosophie ganz bewusst."
(So ähnlich steht das auch da oben in der Vorrede zum tazblog, in Tariq Alis Versuch, "links" zu definieren.)
Drollig finde ich, dass Birgit Morgenrath, die Interviewerin, anscheinend Schwierigkeiten mit dem englischen Wort comrades hat. Sie lässt es einfach im Original stehen und schreibt als Anmerkung dazu in Klammern: "(so  nannten sich die Befreiungskämpfer untereinander, Anm. der Red.)". Warum das denn? Comrade kann zwar auch Kamerad heißen, aber im politischen Zusammenhang steht es für Genosse. Fürchtet die "Red.", dass die Leser bei dem Wort "Genossen" auf falsche Gedanken kommen? Am Ende gratuliert Denis Goldberg dem einstigen Mitkämpfer zum Geburtstag: "Herzlichen Glückwunsch, lieber Genosse. Ich hatte das Privileg mit vielen anderen einige Schritte mit dir auf dem langen Weg zur Freiheit zu gehen. Du hast uns gezeigt, wie man prinzipientreu, entschlossen und vor allem frei von Vorurteilen und Bitterkeit und so wirklich frei sein kann."

Krieg in Afghanistan - aufregend und romantisch

    George W. Bush said recently that American troops fighting in Afghanistan are taking part in an "exciting" and "romantic" adventure.
During a video conference with US military and civilian personnel working and fighting in Afghanistan, Bush said, "I must say, I'm a little envious. If I were slightly younger and not employed here, I think it would be a fantastic experience to be on the front lines of helping this young democracy succeed. It must be exciting for you and in some ways romantic, you know, confronting danger." Den ganzen Artikel finden Sie, wenn sie hier "Neil Young" anklicken. Es dauert etwas, bis die Seite geladen ist, aber die Geduld lohnt sich. Sie können den Song "Let's impeach the President" hören, und oben rechts läuft ein Zähler, der die verbleibenden Tage, Stunden, Minuten und Sekunden anzeigt, in denen George W. Bush noch als Präsident im Amt ist. Aber nicht vergessen: Anschließend wieder zum tazblog zurückkommen - Sie wohlen doch sicher noch wissen, ob Sex tatsächlich überschätzt wird!
Kommentar

20. Juli 2008

Nachtrag zur taz vom Freitag, 18. Juli



Berater

Er berät also Michael Glos, den Wirtschaftsminister. Da wird mir manches klar wie Glos-Brühe. So klingt das dann, wenn der Berater salbadert: "Die Zukunft ist ungewiss, auch für den staatlichen Planer. (...) Auch die Marktteilnehmer handeln stets aufgrund von falschen Prognosen. Sie gewinnen allerdings, wenn ihre Prognosen weniger falsch waren, als die der anderen Marktteilnehmer. (...) Insofern ist jeder Marktteilnehmer besser informiert über das, was 'die Welt' über den gehandelten Rohstoff denkt, als dies ein staatlicher Rohstoffplaner je sein kann, der auf das Informationsmedium 'Markt' verzichtet. Nichts vermag den Informationsfluss und das Wissen so effektiv zu zentralisieren wie ein funktionierender Markt."
Das sind so die Predigten der Marktreligiösen, die sich immer erst einen Teufel schaffen müssen ("der staatliche Rohstoffplaner") um ihren Gott (den "funktionierenden Markt") anbeten und lobpreisen zu können. Was für ein phantasieloses Geschwätz von diesem stockkonservativen Volkswirtschaftsprofessor Carl Christian von Weizsäcker, der sein Leben lang das Evangelium des Kapitalismus gepredigt hat. Sie haben nichts mitgekriegt in den letzten 40 Jahren, die St.-Markt-Gläubigen.

Zitat

Die Welt sei "der Gier, der Ausbeutung und der Spaltungen, der Langeweile falscher Idole und falscher Versprechungen überdrüssig."
Benedikt XVI. in Australien

"Der Ausbeutung überdrüssig" - sag ich doch seit 1848!

Skinheads unterwandern taz!

Der Titel an diesem Freitag setzt deutliche Zeichen: Die taz wird zunehmend von Rechtsradikalen unterwandert. Diesmal ziert die Seite 1 ein Glatzenfoto von hinten, und über den Hinterkopf des Skinheads zieht sich fett die Schlagzeile: "Mehr Schutz für Mütter". Wenn das nicht deutlich an die nationalsozialistische Mutterideologie angelehnt ist! Wehret den Anfängen, die Gefahr von rechts droht überall!
Wie bitte? Das ist ein Babyfoto, kein Nazi-Skin? Und es geht um das neue Unterhaltsrecht, um eine Entscheidung des Bundesgerichtshof über Unterhaltszahlungen?
Ach sooo.



Und hier kommt: Die taz vom Wochenende!

Totalverweigerer ziert den Titel: Brav



Da geht's lang bei der taz, na jottseidank! Der Titel, rechtzeitig zum Täterää-Gelöbnis der Bundeswehrrekruten vor dem Reichstag: "Ich gelobe gar nichts". Und auf der Seite 4 dann eine feine Reportage über den einzigen Totalverweigerer, der in diesem Jahr auch den Ersatzdienst ablehnt, Silvio Walther: "Ich bin Demokrat, ich bekenne mich absolut zur Verfassung." Martin Kaul, der taz-Autor: "Er meint Meinungsfreiheit, Gewissensfreiheit." Heavy Shit für einen, der gerade mal 21 Jahre alt ist. Martin Kaul, den man zu seiner sensiblen Beobachtungsgabe nur beglückwünschen kann, begleitet Walther von seiner Heimatstadt Bensheim, wo er Abschied von der Freiheit und seiner Mutter nimmt, bis vor die Kaserne in Bad Reichenhall, wo er sich stellt und wieder in der Zelle einsitzt. Martin Kaul schließt mit den Worten: "Als sei Silvio Walther noch zu disziplinieren."
Silvio, ich sag  dir was: Du bist viel wichtiger als die Peter Strucks und Franz Josef Jungs! Lass dich nicht unterkriegen, Alter, das macht dich stärker, wirst sehen.

Blah, blah, blah ...

"An die Stelle der alten nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander ... Die nationale Einseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich, und aus den vielen nationalen und lokalen Gewerkschaften bildet sich eine Weltgewerkschaft. Wer hat das geschrieben? Natürlich Karl Marx. Allerdings mit einem Unterschied: ich habe in dem Zitat das Wort Literatur durch das Wort Gewerkschaft ersetzt."
Wer hat das geschrieben? Selbstverständlich Ulrich Beck, der den Unterschied zwischen natürlich und selbstverständlich nicht kennt, der nicht das Wort Literatur durch das Wort Gewerkschaft ersetzt hat, sondern (möglicherweise) Literaturen durch Gewerkschaften, und Weltliteratur durch Weltgewerkschaft. Der Kerl schreibt so schlampig, wie er denkt, und die taz gibt ihm eine ganze Seite Bleiwüste mit dem Foto eines Kaninchens vor der Schlange. Dabei könnte man Becks Aussage in einem Satz zusammenfassen: Die Gewerkschaften müssen international zusammenarbeiten, weil das die Konzerne längst tun, und nicht nur über höhere Löhne und Gehälter reden.
In Becks Soziologensprech hört sich das so an: "Die subpolitische Neuvermessung und Neuerprobung der Gewerkschaftsmacht beruht also auf der Öffnung des thematischen Feldes von Arbeitskonflikten."
Und was gibt's sonst Neues, Herr Beck?
Und die taz macht mit dem Abdruck dieser schlecht formulierten Allerweltsbinsen auch noch Werbung für sein nächstes überflüssiges Buch.

Tagebücher

Jeden Dienstag ärgere ich mich über die Platzverschwendung auf der Wahrheitseite, wenn wieder das "geheime Tagebuch der Carla B." abgedruckt wird. Aber es geht auch noch schlechter: Da hat RAA den überaus originellen Einfall, zum allgemeinen Geburtstagsrummel um Götz George auf der Medienseite aus dessen Tagebüchern zu zitieren. Die wurden "der taz zugespielt". Solche Ideen und Formulierungen füllen die Seiten der Schülerzeitungen landauf und landab, seit Pennäler Journalismus üben. 3 Spalten, 1 Foto, 0 Humor.
Einzig und allein die Überschrift macht dem Leser nichts vor und entspricht der reinen Wahrheit: "Scheiße!"




Der Augenblick: tvF!*



Manchmal sind die Fotos, die täglich als "Der Augenblick" abgedruckt werden, nicht weiter bemerkenswert, manchmal richtig gut, seltener echte Knaller, die einen länger als einen Augenblick innehalten lassen. So das Bild von Gorm K. Gaare von der Agentur EUP & Images. Vor einem Sonnenuntergang am Meeresstrand stehen zwei fröhlich lachende, sehr gut aussehende schwarze Frauen in kurzen Abendkleidern, mit einer Schärpe um den Oberkörper, auf der MISS LANDMINE steht. Beide stützen sich auf eine Krücke, weil sie nur auf einem Bein im Sand stehen. Bildunterschrift: "Kandidatinnen der Miss Landmine. Angola".
Dieses Bild sagt mehr als tausend Worte.



* taz vom Feinsten

So weit vernünftig ...



... kam mir das Interview mit Daniel Hamilton vor, der an der Johns Hopkins University in Baltimore lehrt. Bemerkenswert, dass jemand bei der taz auf das "s" geachtet hat, meistens ist in deutschen Zeitungen fälschlicherweise von der John Hopkins Universität die Rede.
Tja, ich hatte als Gegner des Afghanistan-Krieges schon zu kauen an dem, was Hamilton da von sich gab. Gerade weil ein Präsident Obama die USA aus ihrer Isolation herausholen würde, müssten sich die Partner in Europa auf verstärkte Forderungen von ihm gefasst machen. Aus dem Irak wird er wohl abziehen, aber in Afghanistan wird er den Einsatz verstärken. Darauf muss sich Europa einstellen. Hamilton: "In den letzten Jahren konnte man zu den unbeliebten Bush-Leuten einfach 'Nein' sagen, das hat nichts gekostet. Aber es wird etwas kosten, zu einem populären amerikanischen Präsidenten 'Nein' zu sagen, wenn er zur Partnerschaft aufruft."
Ich fürchte, der Mann hat recht. Feines Interview, gute Fragen von Karin Deckenbach.




Becksteinhubermerkelsommerlochfüllung - hoher ÜQ*


Die CSU-Show zum Wahlkampfauftakt in Nürnberg - Angela Merkels Gelegenheit zum Pop(ularitäts)-Auftritt. Ach ich weiß nicht, eigentlich steht in dem Artikel von Max Hägler gar nichts drin. Der Informationswert liegt ungefähr auf der gleichen Höhe wie die Nachricht, dass Wolfgang Tiefensee das Verkehrsschild mit der Schneeflocke abschaffen will. Warum? Weil die so schnell schmelzen im Sommerloch.



* Überflüssigkeitsquotient

Morgen: Das taz mag

Das taz mag nehm ich am Nachmittag zum Dämmerschoppen mit. Wenn's noch ein bisschen wärmer wird, radel ich zum Tivoli-Pavillon und dem Espenlaub rüber (siehe auch: "Stille Winkel in München", Werbeeinblendung auf dieser Seite). Wenn's regnet,wird's wohl die Ritzi-Hotelbar, da kann man auch schön in Ruhe lesen. Freu mich schon drauf, weil ich gerade "Journal intime 1982/83" von Nicolaus Sombart angefangen habe. Ach, ist das schön.
Aber vorher lese ich das taz mag: Schön sind nämlich auch die Schwarzweiß-Illus von Dieter Jüdt für die drei Seiten, auf denen Heinz Bude über Dutschke und Stauffenberg schreibt: "Helden der Bundesrepublik" - will ich lesen. Und schon mal schönen Dank für die zwei Fotos von Josef Heinrich Darchinger aus den fünfziger Jahren. Gespenstisch gut der Mann!
Hasta la vista, Baby! Love & peace!




Kommentar

21. Juli 2008

Soziologenchinesisch mit Augenklappe und Lederjacke


Mir kommt's so vor, als hätten sich die Redakteure von Seite 3 und taz mag an diesem Wochenende verabredet, das Elend der leicht angelinksten Akademiker auszubreiten - bringst du deinen Beck, bring ich meinen Bude. Beide haben sie sehr schön ihre Entbehrlichkeit in einer Tageszeitung vorgeführt. Sollen sie doch ihre Studenten quälen und den Schmarren bei der Zwischenprüfung abfragen, aber die taz-Leser mögen sie bitte in Ruhe lassen.



Was für eine elitäre Bildungshuberei, dieser Artikel von Heinz Bude über Rudi Dutschke und Graf Stauffenberg, die "Helden" der Nachkriegszeit! Schon im ersten Absatz - zwei Bandwurmsätze auf 16 Zeilen verteilt - schließt Bude Leser ohne Hochschulbildung aus und wendet sich an die geistige Elite - zumindest nach seinem Verständnis von elitär. Stauffenberg als "George-Jünger" zu bezeichnen und nicht zu erläutern, was er damit meint - ich weiß nicht, wer da noch weiterliest. Bude findet es nicht mal nötig, George mit Vornamen zu benennen - meint er den Götz George?
Wunderbar leserfreundlich formuliert Bude im Verlauf der Abhandlung auch mit diesem Ungetüm: "Die revolutionäre Irregularität dient der Destruktion des Systems der repressiven Institutionen." Genau - reif fürs Kabarett!
An einer Stelle schachtelt er einen einzigen Satz über 15 Zeilen, und lügt im nächsten dann Dutschke auch noch in einen Wegbereiter der RAF um. Budes Stil steht beispielhaft für entfremdete Akademikersprache: "Wolfgang Kraushaar hat, ausgehend von einer Analyse des berühmten 'Organisationsreferats', das Dutschke zusammen mit Hans-Jürgen Krahl auf der Frankfurter SDS-Delegiertenkonferenz im September 1967 hielt, Dutschke als frühen Propagandisten des Konzepts der Stadtguerilla wiederentdeckt, der von Anfang an - das heißt schon in der Zeit, als der Stein ins Rollen kam - mit seiner Offensivtheorie und Eskalationsstrategie ein militärstrategisches Konzept für den gewaltsamen Aufstand in der Bundesrepublik erarbeitete. Der Taktik der konfrontativen Sichtbarmachung der latenten Gewalt des kapitalistischen  Systems und des autoritären Staates lag durchaus ein terroristisches Schema zugrunde." Und folgert: "Nach dieser Lesart war Dutschke vielleicht ein Held, aber nicht einer der zivilen Gesellschaft, sondern der militanten Aktion."
Klaro, militant = gewaltsamer Aufstand = terroristisch. Wer so argumentiert, müsste auch Nelson Mandela als Terroristen bezeichnen. Die herrschende Soziologie ist die Soziologie der Herrschenden.

Paris und Prag

Nach dem unglücklichen Bude-Artikel folgt ein großartiger Essay über die Unterschiede der 68er-Aufstände in Paris und dem Frühling in Prag, geschrieben von Jacques Rupnik. Die taz bringt ihn als gekürzten Vorabdruck  aus "Transit. Europäische Revue", die im  August erscheint (Verlag Neue Kritik, Frankfurt a. M.). Rupnik - leider stehen im taz mag keine Angaben zu diesem Autor - zitiert des Längeren den "jungen Historiker Milan Hauner", der Rudi Dutschke bei einer Rede im April 1968 in Prag beobachtet hat. Besser kann man ihn wohl nicht beschreiben: "Rudi ist unbestreitbar ein unübertrefflicher Redner, aber es war gerade diese zur Utopie erhobene Rationalität, die einen beängstigenden Eindruck hinterließ. In seiner perfekt ausgeführten Rede gab es keinen Platz für einen Scherz oder eine menschliche Schwäche; wäre da nicht diese kritische Rationalität, würde man spontan sagen, dass es sich um einen fundamentalistischen Demagogen handelt, noch dazu um einen Deutschen, im Grunde um ein Déjà vu. Doch wäre dies ungerecht, denn er ist unglaublich ehrlich und aufrichtig."
Rupnik bringt noch eine sehr schöne Bemerkung unter, die sowohl für Prag als auch für Paris galt: "Der außerordentliche Reichtum des kulturellen Lebens wurde ermöglicht durch außergewöhnliche Umstände, in denen sich die schöpferische Arbeit von den Zwängen der Zensur emanzipierte, ohne denen des Marktes zu erliegen. Dieser Reichtum steht in deutlichem Kontrast zur relativen kulturellen Sterilität der beiden Jahrzehnte nach 1989 - in Prag wie in Paris."
Das trifft's genau auf den Punkt - wo früher ganz offen vom Zensor eine Veröffentlichung verhindert wurde, zensiert heute ganz heimlich die überwältigende Menge der angebotenen Literaturware oder es zensieren die so genannten "Gesetze" des Marktes. Die werden zur neuen "Schere im Kopf" der Lektoren und Verleger.



Glück im Kleinen

Ja, wie gesagt, Fotos aus der Gespensterzeit, fünfziger und sechziger Jahre in Deutschland, von dem unvergleichlichen Josef Heinrich Darchinger. Der Band, erschienen bei Taschen, wird jetzt überall besprochen, und Jan Feddersen äußert noch einen schönen Gedanken zum Schluss: "Man suchte offenbar das Glück im Kleinen, nicht mehr im Globalen."



Na ja, das schon, aber in der Mitte der fünfziger Jahre machte sich Konrad Adenauer mit seiner CDU auch schon wieder ans Aufrüsten, und Franz-Josef Strauß wurde der erste "Atomminister", der die Weichen stellte für die größten, aus Steuergeldern abgezweigten Profite in der deutschen Geschichte. Dass dabei für ihn im Lauf einer langen Karriere auch was abfiel, können seine Erben bezeugen.
Ein halbes Jahrhundert später wissen wir immer noch nicht, wohin mit dem Atommüll, aber wir suchen das Glück wieder im Globalen, liefern Waffen an jeden, der welche einsetzen will, und helfen bei allen Angriffskriegen vom Mittelmeer bis zum Hindukusch. Da kommt Adenauers Armee, die ja laut Grundgesetz "nur zur Verteidigung" eingesetzt werden darf, gerade recht.





"Grundgesetz! Grundgesetz! Kommen Sie mir nicht dauernd mit dem Grundgesetz. Sind Sie vielleicht Kommunist?"
Spruch eines deutschen Richters, ca. 1970, bei einer Verhandlung gegen einen Demonstranten, der sich auf die im Grundgesetz verbürgte Versammlungsfreiheit berief





Ein paar Quadratmeter Politik

Ein schönes Zitat von Alfred Gusenbauer, dem unglückseligen Noch-Bundeskanzler in Österreich: In Bezug auf die Verbindung von Medien und Amtsinhabern meinte er, österreichische Politik entstehe "auf ein paar Quadratmetern in etwa zehn Lokalen in Wien."
Das kann man bestimmt auch auf Berlin anwenden. Peter Unfried bespricht ein Buch mit Interviews, die Gusenbauer den Journalisten Katharina Krawanga-Pfeifer und Armin Thurnher gegeben hat. Schöner Titel: "Die Wege entstehen im Gehen". Nach der Lektüre kommt Unfried zu dem Eindruck, "es mit einem richtig sympathischen Angeber zu tun zu haben." Einige der Angebersprüche werden aber wohl, so vermutet er, "morgen noch gültig sein. Zum Beispiel: 'Wenn sich Bösartigkeit mit Intelligenz paart, wird es gefährlich; ist allerdings die Dummheit der Partner, wird es lächerlich."
Ah geh weiter, so leiwand ist dös gar net, a bisserl a Wiener Schmäh halt.



P. S. Krawanga-Pfeifer ist schon ein toller Name, kommt fast an Leutheusser-Schnarrenberger ran. Aber nur fast.

Kommentar

22. Juli 2008



Der Anblick der Kopfvorderseite

"Aus diesem gigantischen Monument des Versagens, einer Enzyklopädie des Unvermögens, ragt ein bunter Strauß an unfassbaren Inkompetenzen heraus und blüht mit frechem Grinsen in den Himmel einer an Dreistigkeiten nicht armen Arbeitnehmerschaft. Die Eskalation des Defizitären gelangte durch Herrn Ittenberg zu seiner reinsten Verkörperung. Er zeigte neben dem weithin unerwünschten Anblick seiner Kopfvorderseite auch stets ein problematisches Konfliktverhalten."
Das ist ein Auszug aus dem Artikel "Das beste Arbeitszeugnis der Welt", in dem Sven Garbade beschreibt, "Wie dem Arbeitslosen Olaf Ittenberg einmal ein öder Sommertag gerettet wurde". Olaf hatte nämlich seinen letzten Arbeitgeber Dr.Müller um ein Zeugnis gebeten, das nicht den oberflächlichen Standardtext enthalten sollte. Beim Lesen nickt er zufrieden: "Es hätte ja auch etwas Negatives drinstehen können."
Garbade gelingt ein brillantes Kabinettstückchen. So was kommt ja gelegentlich mal vor auf der allzu häufig humorfreien Wahrheitseite. Wobei mir gerade einfällt: Bis jetzt hab ich noch nicht ein einziges Mal einen ©Tom-Cartoon erwähnt. Das liegt daran, dass ich mich einfach an die tägliche Erscheinungsweise gewöhnt habe wie ans morgendliche Aufstehen (muss man ja nicht weiter erwähnen: "Der Tag fing heute damit an, dass ich aufgestanden bin"). Und es liegt auch daran, dass
©Tom sein Niveau selten unterschreitet, und nie so weit daneben liegt, um Kritik zu provozieren. Nur zu, weiter so, ich bewundere jeden, der Tag für Tag sein Gehirn anstrengt und etwas Neues in die Welt setzt.
Das klingt jetzt, als ob ich mich selbst auch bewundere, hm. Naja, einer muss es doch tun.

Vive le Tour!

Das schrieb mir gestern Doug Reynolds, der wieder nach Kalifornien zurückgekehrt ist. Und das meint auch Christian Prudhomme, der Direktor der Tour de France im Interview mit Sebastian Moll. Die drei Dopingfälle in diesem Jahr sieht Prudhomme als Beweis, dass die Kontrollen funktionieren: "Im vergangenen Jahr wäre ein Riccardo Ricco nicht erwischt worden. Das ist ein fundamentaler Wandel. Der Abstand zwischen den Dopern und den Kontrolleuren wird immer kleiner."
Sie erinnern sich? So ähnlich hat das Doug schon vor vier Wochen gesehen. Aber, so Prudhomme: "Idioten gibt es leider immer noch."

Wehrhaft, unverschämt, zauberhaft (Bayern I)

Eine ungewöhnliche Kritik einer ungewöhnlichen Ausstellung: Johanna Schmeller bringt eine geballte Ladung eigen-sinniger Gedanken darin unter. Es geht um "Female Trouble - Die Kamera als Spiegel und Bühne weiblicher Inszenierungen". Das kann man sich noch bis 26. Oktober in der Münchner Pinakothek der Moderne ansehen, und dabei sein Bewusstsein erweitern und bis in die Gegenwart transportieren lassen. Klingt gut, was Johanna Schmeller da gesehen hat, und wie sie dem Leser mit höchst interessanten Überlegungen mitteilt, was bei ihr an Erkenntnisgewinn hinzukam. Mir scheint, sie befindet sich am Ende ihres Rundgangs so ziemlich auf gleicher Höhe mit den Künstlerinnen und den Leuten, die diese Schau zusammengestellt haben. Sie weiß auch, dass die Bilder zur Zeit ihrer Entstehung in anderem Zusammenhang gesehen wurden: "Was damals gezielt moralische Provokation war, ein Angriff auf den konventionellen Geschmack, ist heute ein Tabubruch des bildungsbürgerlichen Mainstreams. Dennoch wirken die Fotografien auf krude Art sexuell (nicht moralisch) herausfordernd."
Die Autorin hat ganz offensichtlich eine neue Sicht gewonnen durch die Ausstellung, und das sollte ja der eigentliche Sinn einer solchen Schau sein: "Wer zwischen den verschiedenen angebotenen Sichtweisen oszilliert, den männlichen wie den weiblichen Blick zulässt, der begreift schnell, was weibliche Inszenierung hier ausmacht ... Auf eine abgeklärte Art ist man schlicht angeturnt von so viel exzentrischer Wehrhaftigkeit. So viel Unverschämtheit. Und so viel Zauber."

Brecht im Dickicht der Ghettos und Guarded Communities (Bayern II)

Vom Brecht-Festival in Augsburg, das Albert Ostermaier organisiert, und das zum dritten Mal stattfand, berichtet Carolin Pirich in einem sehr informativen Stückchen. Klingt ganz aufregend, was die da auf die Beine gestellt haben, und im Einstieg beschreibt Pirich das seit Wochen vorherrschende bayrische Wetter in diesem Sommer: "Dunkle Wolken hängen über Augsburg. Es nieselt. In der nächsten Sekunde glänzen Sonnenstrahlen auf, die feuchte Luft wird drückend warm. Und kurz darauf gießt es in Strömen." Einziger Unterschied zu heute: Es ist saukalt, 12 Grad am Mittag. Die Autorin wählt das Wetter als Metapher für das Festival: "In kurzer Zeit gibt es von allem ein bisschen, aber jedes Bisschen intensiv." Kein Wunder bei der Anzahl der eingeladenen Teilnehmer: "36 Musiker, 28 Autoren,15 Schauspieler, 8 DJs und 3 Politiker." Eines der "Module" hieß "Brecht und das ABC der Ghettos und Gated Communities". Da spricht eine von Gesine Dankwart dargestellte Karrierefrau: "Ich bin Amerika, als man es noch sein wollte." Und Rocko Schamoni erklärt, das Augsburg "alles kenne, was eine Großstadt ausmacht: 'Dunkelheit, Arbeitsplätze, Sexualität, Drogen, Ampeln, unterirdischer Verkehr."
Von Energiesparen hält Schamoni aber nix. Beim Verlassen der Wohnung lässt er immer den Fernseher an: "Es gibt so ein gastliches Gefühl, wenn ich nach Hause komme."
Arme, einsame Sau. Die Angst vorm Alleinsein bezahlt er mit Stromverschwendung. Heh, Alter, werd erwachsen!

Franziska Linkerhand

Als Buchtitel hat mir das immer gut gefallen, gelesen habe ich das Buch nie, aber irgendwann einmal wird es mir in die Hände fallen. Hoffe ich. Beinahe hätte ich den Artikel über Brigitte Reimann und die Neuerscheinung ihrer Briefe an die Eltern überblättert, denn bei solchen Titeln krieg ich nachweislich Pickel: "Ikone der DDR und der Selbsthinterfragung". Uuuuuäääääh.
Na ja, die Reimann kann nix dafür, auch nicht, dass jemand ihre Briefe vermarktet. Aber dann war ich doch froh, den Artikel von Katharina Granzin gelesen zu haben. Steht viel drin über die Schriftstellerin, und ich hab da ganz schön Nachholbedarf gehabt.
Irgendwann einmal wird "Franziska Linkerhand" bei mir vorbeikommen, und dann werd ich es lesen.






Klingelschmitt wird älter ...

... und der Redakteur vergesslicher: Unterschlägt doch glatt den Namen des Kolumnenautors, den er sonst wenigstens abgekürzt über das Hippie-Foto schreibt: K. P. Klingelschmitt. Diesmal lässt er nicht nur laus und eter weg, sondern den ganzen Namen.
Ich hab's aus anderen Gründen zum ersten Mal nicht so begeistert gelesen. Die These vom "linken Antiamerikanismus" glaub ich nämlich nicht, und ich mag's auch nicht, wenn deutsche Journalisten von der "US-Administration" schreiben, wenn sie schlicht die Regierung meinen. Unterstützen möchte ich Klingelschmitts Forderung: "Schaffen Sie Platz für nicht von Vorurteilen belastete Gedanken und kommen Sie so befreit zu ganz neuen Ein- und Aussichten."
Nicht unterstützen möchte ich sein Beispiel, damit beim FC Bayern anzufangen. Aber vielleicht kommt er ja zur Einsicht, dass ein "linker Antiamerikanismus" seine Einbildung ist.

Gauweiler und Hildebrandt (Bayern III)

Falls Sie sich über die Nummerierung wundern, und jetzt schon zum dritten Mal Bayern vorkommt, dann wundern wir uns gemeinsam: Diese Montagsausgabe der taz straft all meine Vorwürfe Lügen, diese Zeitung sei übermäßig auf Berlin fixiert, sei monacophob und sehe Bayern als Ausland an. Jetzt kommt hier, von hinten nach vorn gelesen, schon der dritte Beitrag, der sich mit Bayern befasst, und ich kann Ihnen schon mal verraten: Es kommen noch zwei ganzseitige Bayernthemen weiter vorn. Zufall? Oder hat jemand in der Redaktion meine Klage im tazblog gelesen und sich gesagt: "Mönsch, der hat ja recht"? Oder es war einfach mal Zeit für eine Sonderausgabe Bayern.
Nun, so will ich denn nichts dagegen haben, auch wenn mich das Gespräch zwischen dem fast sechzig Jahre alten Peter Gauweiler und dem 81-jährigen Dieter Hildebrandt über Vergangenheit und Gegenwart nicht sonderlich vom Hocker gerissen hat. Aber der Gauweiler wird mir auf seine (und meine) alten Tage immer sympathischer. Dass Hildebrandt ihn mal "Banausen-Ajatollah" genannt hat, iss auch nicht sooo überwältigend als kabarettistischer Höhepunkt. Nett fand ich, wie zivilisiert die miteinander umgehen, ein paar schöne Gedanken darüber austauschen, was eigentlich "liberal" bedeutet und weshalb sie gern in München leben. Und richtig schön ist das Foto von den beiden, wie sie da einträchtig nebeneinander auf den Stufen der Feldherrnhalle vor dem bayrischen Löwen sitzen. Marek Vogel heißt der Fotograf. Gute Bildidee, Herr Vogel!




Verrückte und Ökonomen - tvF*!



Sie wissen ja - Links zu taz-Artikeln setze ich nur in Ausnahmefällen. Hier ist ein Ausnahmefall: Wolfgang Neefs Beitrag zur Reihe "Leben ohne Rohstoffe?", taz vom 21. Juli 2008, mit dem Titel: "Glück vom Konsum abkoppeln". Neef, der in Berlin lebt und den seltenen Doppelberuf "Ingenieur für Flugzeugbau und Soziologe" angibt, hat sich Gedanken um den Fetisch Auto gemacht - er schreibt das nicht in Anführungszeichen -, und er kommt zu dem Schluss, dass wir uns eine Scheinwelt gebastelt haben, die auf "einer schier unendlichen Vermüllungsbereitschaft" beruht. Es geht aber darum, den Begriff Fortschritt neu zu denken. Wirklicher "'Fortschritt' ist damit jene soziale und technische Innovation, die die Vorräte weitgehend unangetastet lässt und die Verwertbarkeit erhöht. Das unterscheidet sich fundamental von der kapitalistischen 'Cowboy-Ökonomie', die neue Claims absteckt, abgrast, vollmüllt und weiterzieht." Wir brauchen, schreibt Neef eine "Raumfahrer-Ökonomie", ein Begriff, den Kenneth Boulding (1910 - 1993) geprägt hat, von dem auch noch der schöne Spruch überliefert wird: "An unendliches Wachstum in einer endlichen Welt glauben nur Verrückte und Ökonomen."
Wolfgang Neef fordert "kulturell, sozial und ökonomisch eine zweite industrielle Revolution." Und er macht deutlich, das wir "in den 'Industrienationen' viele Gewohnheiten aufgeben müssen, insbesondere unsere Verwechslung von Glück mit ständig steigendem Konsum." Dazu ist aber auch eine "intellektuelle Dekonstruktion des Neoliberalismus nötig", der "kapitalistischen Wachtsumswirtschaft", die "uns durch jahrzehntelanges propagandistisches Trommelfeuer" aufgedrängt wurde. "Sich ihr anzupassen erscheint als 'Realismus'. Wettbewerb, Rendite etc. werden als alternativlose Antriebsmechanismen vorausgesetzt. Damit wird die Welt in unseren Köpfen so 'gestaltet', dass - wie Orwell es in '1984' formuliert - 'alle anderen Arten  zu denken unmöglich gemacht werden.' Die 'Wirklichkeit erster Ordnung', also die physikalisch-ökologische wird verdrängt. Jetzt holt sie uns ein."
Neef fordert keineswegs den Verzicht auf technischen Fortschritt, im Gegenteil, er fordert echten Fortschritt, der sich bewusst macht, dass wir auf einem nicht erweiterbaren Planeten leben - im Grunde Buckminster Fullers Vorstellung vom Raumschiff Erde. Die zweite industrielle Revolution "verlangt Ein- und Weitsicht. Doch schließlich haben wir vor etwa 40 Jahren mit einem Viertel des heutigen Energieumsatzes pro Person ziemlich gut gelebt - dieser Wert von permanent etwa 1,5 kW ist global für 6,5 Milliarden Menschen verallgemeinerbar."
Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Jeden Tag geht das propagandistische Trommelfeuer der Wachstumsökonomen weiter, die der Welt erzählen, dass es zum kapitalistischen Streben nach größtmöglichem Profit "keine Alternative" gäbe, dass der westliche Lebensstil "nicht verhandelbar" ist (George Bush) und dass Kriege gegen jeden, der das bezweifelt und nicht mitmachen will, notwendig und ganz normal sind. Und dass wir mit dem Verbrennen von Öl, Benzin, Kohle und Uran unbedingt weitermachen müssen - ganz so, als hätten wir noch einen Reserveplaneten im Kofferraum.

* taz vom Feinsten

Der Landarzt (Bayern IV)

Eine ganz wunderbare Reportage aus Oberfranken von Max Hägler, Auslandskorrespondent der taz für Bayern. Ein Landarzt wird 69, und damit muss er nach den Regeln unseres Gesundheitssystems aufhören. Nur: Für die Praxis, mit der er 1200 Patienten betreut, gibt es keinen Nachfolger. Hägler begleitet den Dr. Heinrich Peter am letzten Arbeitstag zu seinen Patienten und beobachtet die Auswirkungen des "Systems" in der Praxis. Das sollten die Leute lesen, die sich in Berlin, fernab von Dr. Peters Hausbesuchen, die "Reformen" ausdenken.

Die andere Sicht

Neulich hab ich Susanne Knaul, der taz-Frau in Nahost, noch eine einseitige Sichtweise aus der Perspektive Israels und seiner Militärs vorgeworfen, schon macht sie sich auf nach Nablus im Westjordanland und berichtet darüber, wie die israelische Armee gegen Sozialeinrichtungen der Hamas vorgeht. Und gegen Krankenhäuser und Einkaufszentren, die mit der Hamas nicht das Geringste zu tun haben.
Das stand so als Agenturmeldung schon vor zwei Wochen in den Zeitungen, aber sich über die Ereignisse am Ort des Geschehens zu informieren, ergibt eben ein stärkeres Bild beim Leser. Feine Reportage!
Ob Susanne Knaul "Achtung: tazblog!" liest?

Günther und Erwin: Plisch und Plum (Bayern V)

Eine ganze Seite 3 über den CSU-Parteitag in Nürnberg, und dazu gleich zwei taz-Reporter im Einsatz, Ralph Bollmann in der Halle, und Max Hägler beim Interview mit Alois Glück. Der gibt im September sein Amt als Landtagspräsident ab, und dann verliert die bayerische Politik noch einen, der sein Image als netter Mensch trotz CSU-Mitgliedschaft bewahrt hat. In seinem wahrscheinlich letzten taz-Kleininterview kann man noch mal nachlesen, weshalb: Glück ist absolut loyal, integer, verbindlich, besonnen, ausgleichend und intelligenter, als all diese Adjektive vermuten lassen. Für einen Politiker, der nach höchsten Ämtern strebt, sind das alles die falschen Eigenschaften. Aber in der zweiten Reihe hat Glück sich sowieso wohler gefühlt.
Und die Doppelspitze? Wenn Beckstein und Huber, sagen wir mal, nur 47 oder 48 Prozent kriegen, wetzen die eiskalten Sanierer aus dem Hintergrund die Messer. Ralph Bollmann hat als Angereister einen ganz guten Blick für das jetzige Führungsduo und das Quartett der aalglatten Typen in Wartestellung - Seehofer, Glos, Ramsauer und Söder
Was mich immer noch an den Rand der Verzweiflung bringt und mir partout  nicht in den Kopf will: Warum trotz Stoiber, Beckstein, Huber, trotz Transrapid, Landesbank und Rauchverbot immer noch die Hälfte aller Wahlberechtigten CSU wählen will. Gängige Erklärung: Schau dir doch das Personal der SPD in Bayern an, da isses doch kein Wunder, dass die CSU so gut dasteht. Dagegen lässt sich schwer argumentieren. Die interessanteren Figuren in Bayern sind eher bei den Grünen zu finden.




Kommentar

23. Juli 2008

Hier aus aktuellem Anlass - Beginn der Hundstage - zunächst ein Ausschnitt aus dem biographischen Roman "Alles Wugg! oder: Leben und Sterben des vergnügten Schreiberleins Sebastian Wugg aus Grüntal". Der Roman wird am Ende dieser Seite hier beworben und unter "Blog + Leseproben" ausführlich vorgestellt. Die zeitgeschichtlichen Anspielungen beziehen sich auf das Jahr 2007, in dem "Alles Wugg!" entstanden ist. 




Auszug aus dem 23. Kapitel:




Noch ein kleiner

Nachtrag über die Hundstage



Heute ist der neunte. Hundstage gehen vom 23. Juli bis zum 23. August. Mittendrin gibt’s die Sternschnuppen in den Nächten vor dem 13. August, für die Mona mal extra nach Spanien gefahren ist. Nach Mitternacht sieht man sie am besten, den Strom der Persëiden, die Laurentius-Tränen.
Schon der Name kommt vom Himmel: Die Hundstage sind benannt nach Sirius, dem Hundestern, weil der zu dieser Zeit der Erde am nächsten steht.
Robert Anton Wilson und Timothy Leary pflegten eine Weile intensiven Briefwechsel, und beide waren der Meinung, die Begegnung der dritten Art, wie es so schön fachsprachig heißt, würde mit hoher Wahrscheinlichkeit während der Hundstage stattfinden.
(Sie wissen schon: Die Außerirdischen kommen, Richard Dreyfus hat ihnen einen Landeplatz gebaut, und François Truffaut steht an vorderster Front der Verständigung, während Steven Spielberg hinter der Kamera verharrt.)
Sirius ist der uns nächste Stern, auf dem Wissenschaftler intelligentes Leben vermuten. Wenn die auf Sirius versuchen, mit uns in Verbindung zu treten, dann womöglich zu der Zeit, wenn ihr Stern der Erde am nächsten kommt, also während der Hundstage. So weit waren sich die Experten einig.
(Vielleicht haben sich die Sirianer in diesem Jahr den Ingmar Bergmann und den Michelangelo Antonioni geschnappt? Die sind Ende Juli, am selben Tag, während der Hundstage gestorben. Und schon ein paar Wochen später folgte ihnen Franz Antel, der sich auch um den Film, weniger um die Kunst, verdient gemacht hatte, und in der zweiten Augustwoche starb dann der Jazz-Schlagzeuger Max Roach. Das sollte uns zu denken geben.)
Der Wugg hält bei solchen Erwartungen (die Außerirdischen werden die Menschheit retten) und Ängsten (sie wollen uns vernichten) auch die Frage für berechtigt, ob wirklich intelligente Wesen nicht einen weiten Bogen um die Erde machen würden? Wer will schon mit einem Planeten zu tun haben, dessen Bewohner Waffen ohne Ende produzieren, um sich gegenseitig zu massakrieren? Inzwischen führen sie Kriege für das Recht auf Autofahren mit Verbrennungsmotoren.
Was, liebes Schreiberlein, hat das mit der Zahl 23 zu tun?
Das fragt sich der Biograph auch. Deshalb schließt er jetzt das Dokument, klickt auf Ausschalten, klappt das iBook zu und schlüpft unter die Decke. Aaah, wie herrlich, abends zufrieden und von einem guten Tag ermüdet ins Riecht-wie-ich zu sinken. Manchmal stöhnt der Wugg auf vor Wonne, wenn sein Kopf aufs Federkissen trifft. Nur die Nachrichten will er noch hören und schaltet das Radio neben dem Bett an. „Tüt, tüt, tüt, tüt - boiiing. Es ist 23 Uhr. Hier eine Zusammenfassung der wichtigen Nachrichten vom Tage.“
Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wie-ie-der ge-weckt.






------------------------------------Ende des Auszugs aus dem 23. Kapitel von "Alles Wugg!"






Heiter weiter: tazblog zur Ausgabe vom 22. Juli 2008

In Wahrheit

Jeden Dienstag - na ja, Sie wissen schon. Ich will aber nicht ungerecht sein, lese kurz in die eine oder andere Passage von "Das geheime Tagebuch der Carla Bruni" rein. Sie hat jetzt den vollen Namen abgekriegt, heißt nicht mehr nur Carla B., weshalb auch immer. Nein, dieses Tagebuch ist nicht komisch, es ist nicht witzig, es ist nicht albern, es ist nicht lustig, es ist nicht humorvoll, es ist nicht amüsant. Es ist einfach nur blöd, und es nervt gewaltig.

Der die Tour fuhr

"Bleibt Kohl am Berg vorn?" Das fragte gestern tagesschau.de (oder war's zdf-Online?). Einen Moment packte mich die Verzweiflung: Kohl kommt wieder in die Schlagzeilen, hört das denn nie auf! Aber dann bemerkte ich - es stand auf der Sportseite, und es ging nicht um Helmut, sondern um Bernhard, und das ist ein Österreicher. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie erleichtert ich durchatmete. Mehr über den Rennradfahrer erfuhr ich dann von Sebastian Moll, dem taz-Mann bei der Tour, und der beschreibt Bernhard Kohl als "sympathischen Eigenbrötler, ein unaufgeregter und unaufregender junger Mann, der gerne alleine mit und ohne Rad in den Bergen unterwegs ist und der sich und die Welt gerade mit einem wunderbaren Sportmärchen beglückt."
Die taz druckt keine Tour-Tabelle ab, aus der man mal erfahren könnte, wer vorne liegt, wer mit welchem zeitlichen Abstand folgt, wer das grüne Trikot trägt, wer das gepunktete Bergtrikot, wie viele Fahrer noch im Rennen sind - einfach die selbstverständlichsten Informationen, die eine richtige Tageszeitung bringen würde. Also muss ich woanders gucken, ob Kohl am Berg vorn geblieben ist. Die österreichischen Zeitungen überschlagen sich schier vor patriotischem Stolz und pinseln die EM-wunde Nationalseele: "Der neue Star der Tour de France!" Ich werde bei orf.at fündig: Kohl hat am Dienstag seinen zweiten Platz in der Gesamtwertung der Tour de France verteidigt und auch seine Führung in der Bergwertung.

Iran - mehr als Uran

So stelle ich mir die vornehme Aufgabe der Kulturseiten vor: Mit einem Künstler aus dem Iran reden, und deutlich machen, dass es neben Urananreicherung und Atomkraftwerken noch andere wichtige Themen gibt. Alessandro Topa und Roshanak Zangeneh haben ein sehr schönes, sehr langes, sehr ergiebiges Interview mit dem Pianisten und Filmkomponisten Peyman Yazdanian geführt (Titel: "Mehr Schönheit für den Iran"), einem klugen, weltoffenen Menschen, der die klassische iranische Musik mit westlichen Elementen verbindet. Oder umgekehrt. Yazdanian besticht durch eine erstaunliche Gelassenheit, ein unaufgeregter Künstler, der viel weiß über Filme und Musik, und seinen eigenen Platz in der iranischen Musik eher bescheiden einschätzt. Auf die Frage, ob Soundtracks zu Filmen als "kreatives Herz der jüngsten iranischen Musikgeschichte fungiert haben", antwortet er: "Das wäre übertrieben. Was allein verdient als 'Herz' bezeichnet zu werden, ist die iranische Kunstmusik, die insbesondere durch Komponisten und Virtuosen wie Mohammad Reza Shadjarian und Hossein Alizadeh eine wahre Renaissance erlebt hat. Auch ich bin von ihnen stark beeinflust."
Das Bild vom kunstfeindlichen Gottesstaat bekommt an dieser Stelle des Interviews nicht die ersten Risse: "Dank der Home-Recording-Technologien gibt es heute etwa 50 professionell ausgerüstete Studios. (...) Die Arbeit mit Computer und Sampler hat mir ungeheuer Spaß gemacht, weil ich so eine neue Kompositionstechnik entdecken konnte. Ich glaube, ich weiß jetzt, wie eine Platte von Massive Attack entsteht."
Aber Peyman Yazdanian denkt gar nicht daran, deshalb westliche Popmusik zu machen. Seine letzte Komposition wurde in Italien uraufgeführt: "A Tea Colllection for String Ensemble", gespielt von einem Streichquartett.





Hoher Dämlichkeitsfaktor



Zum 60. Geburtstag von Otto Waalkes werden zwei Meinungen gegenübergestellt. Die übliche Form: Eine Frage wird mit "Ja" oder "Nein" beantwortet. Wenn die Frage lautet: "Wollen wir ihm wirklich gratulieren?", machen sich also zwei Journalist/innen Gedanken darüber, ob man Otto zum Geburtstag gratulieren soll-will-darf. Mir stellt sich eine andere Frage: Geht's noch dämlicher?
Lieber Otto Waalkes, von hier aus nachträglich die besten Wünsche zum Geburtstag, und bleib der Gitarre treu, Alter!






Wie bitte? Was hast du gesagt?

"Verkehrslärm macht krank."
Wie bitte?
"Verkehrslärm macht krank."
Was hast du gesagt?
"Verkehrslärm macht krank."
Was für'ne Bank? Sprich doch mal lauter, die Autos machen so'n Krach hier!




Nein, das ist nicht witzig. Und auch Richard Rothers Kommentar nicht, der brav meint "die Städte" müssten "mehr gegen das Umweltproblem Verkehrslärm tun". Am Ende macht er einen Vorschlag, der angeblich "den Krach an der Wurzel packen" würde: "So brauchte es etwa bei der Zulassung neuer Kraftfahrzeuge strengere Lärmschutzkriterien."



Jetzt mal ganz abgesehen davon, dass diese Regierung (und wahrscheinlich keine andere in absehbarer Zeit) irgendein Gesetzt verabschiedet, dass der Automobilindustrie teure Maßnahmen abverlangt - wirklich an der Wurzel packt das Problem jeder, der keine neuen Kraftfahrzeuge bei der Zulassungsstelle anmeldet. Dazu braucht man keine Regierung, das darf jeder immer noch selbst entscheiden.






Wozu man Regierungen braucht: Zum Ausbau der öffentlichen Nah- und Fernverkehrsverbindungen, damit auch Menschen auf dem Land ohne Auto überall hinkommen. (Sie wissen schon: Man muss falschen von echtem Fortschritt unterscheiden.)
Merke: Das leiseste Auto ist das Auto, das gar nicht erst zugelassen wird.






-----------------------------------Kommentar




Am 24. 7. schreibt Jean Stubenzweig:

Jawoll! «Ausbau der öffentlichen Nah- und Fernverkehrsverbindungen», nicht Abbau!



Die Dame wollte letzte Woche umwelttechnisch das Auto stehen lassen und mit den Öffentlichen in die Nähe Kiels fahren (auch spätere Mädchen sind ja gerne lernfähig). Sie war gegen Mittag losgefahren und unter Benutzung von Bus (nach Hamburg-Rahlstedt), S-Bahn bzw. «Schienenersatzverkehr» wegen jahrzehntelanger Verrottung der Strecke, also wieder mit dem Bus von Milchkanne zu Milchkanne nach Hamburg-Hauptbahnhof und dann von dort aus und aus Verzweiflung mit dem Intercity nach Kiel. Ankunft in Kiel gegen 18 Uhr. Hätten die anderen Klassentreffler sie nicht dort abgeholt, weil die Feier in Preetz bereits im Gange war, wäre sie nochmal eine Stunde unterwegs gewesen. Sechs Stunden (plus abholende Zubringer) für knapp hundert Kilometer. Mit dem Autochen braucht man bei Tempo 80 bis 90 auf der Landstraße etwa eine Stunde von Tür zu Tür.
Gekostet hat das Ganze für die einfache Strecke rund fünfunddreißig Euro, was auch daran lag, daß die Deutsche-Bahn-Schalter-Expertin ihr eine Fahrkarte für den HVV (Hamburger Verkehrs-Verbund) verkaufte, mit der der Herr Bahnzugbegleiter nichts anfangen wollte (was nichts mit dem ICE-Zuschlag zu tun hatte, sondern mit dem falschen Ticket, wie das auf Neubahndeutsch heißt!) und der Delinquentin nochmal den vollen Fahrpreis Hamburg-Kiel berechnete, rund fünfundzwanzig Euro (nicht eingerechnet den Bus-Fahrpreis von Grönwohld nach HH-Rahlstedt). Dabei hatte sie noch Glück, daß er ihr kein Strafporto aufbrummte oder sie gar zur Erkenntnisdienstlichen Behandlung bzw. zum Brummen in den Polizeigewahrsam ins schleswig-holsteinische Guantánamo  schickte.
Am Sonntag wurde sie mit dem Twingo abgeholt, weil sie sich dem verständlicherweise nicht nochmal aussetzen wollte. Benzinkosten für die knapp 200 Kilometer (hin und zurück): 15 Euro. Und die beiden Söhne sowie der der Sack wunderbarer neuer Kartoffeln für den Vater durfte auch noch mit (mal eben ein kleiner Umweg), ohne den Fahrpreis wesentlich zu erhöhen. Und bei der biologisierenden und in Kronshagen wohnenden Schwester waren die Jungs auch noch mal eben.
Sie hat nun wirklich lange überlegt, ob sie in Zukunft mit den Öffentlichen fährt. Was auf dem Land einfach nicht geht, will man hin und wieder was einkaufen oder mal den siechen Mann umtütteln oder wenigstens Händchen halten und nen lütten Klönsnack halen.
Und wenn das, wie wir nun wissen, schon zwischen den Städten schwierig ist oder auch: nicht funktioniert. Deshalb wird sie in den nächsten Wochen einen neuen Twingo zulassen.

Jean Stubenzweig






--------------------------------Kommentar







Genau das war doch die Absicht, als man in den späten fünfziger Jahren begann, Strecken stillzulegen: Die Leute sollten gefälligst Autos kaufen. Wie man sieht - es funktioniert bis heute. Die "Zweite Industrielle Revolution", von der Wolfgang Neef spricht, wird nicht darum herum kommen, die Schienen wieder zu verlegen, auch wenn inzwischen manche Strecken zu Radwanderwegen umgebaut worden sind.
-hp






Berater von Glos, Beirat von RWE, Atomwahn: von Weizsäcker

Hier im tazblog habe ich Carl Christian von Weizsäcker als phantasielosen Apostel des Marktevangeliums bezeichnet. Oder so ähnlich. Jedenfalls kommt es mir vor, als ob diese ewig gestrigen Kapitalismusverherrlicher jeden Alters ständig in der taz zu Wort kommen, die jungen Deppen genauso wie die alten.
Warum eigentlich? Gibt es noch Leute, die ihren Sermon nicht kennen? Und die Lügen nicht durchschauen? Na klar, jede Menge. Aber sollen diese Interessenvertreter der Industrieverbände wie Carl Christian von Weizsäcker ihren korrupten Mist auch noch in der taz ausbreiten dürfen?
Von Weizsäckers Kommentar "Die Vernunft des Preises" in der taz vom 18. 7. hat auch die Leserin Sabine Miehe aus Marburg zum Widerspruch herausgefordert. Der haarsträubenden These, dass Uranvorräte im Meer "unerschöpflich" vorhanden sind und es sich bei immer höheren Energiepreisen lohnen wird, Uran aus dem Meerwasser zu filtern, widerspricht Miehe mit von Weizsäckers eigener Argumentation: "Durch dieselben Marktmechanismen, auf die Herr von Weizsäcker vertraut, werden alle diese Energieträger abgewirtschaftet haben - durch die Konkurrenz der Wasser-, Wind- und Sonnenenergie, die im  Vergleich immer rentabler wird." Und sie fügt noch eine vielsagende Information an: "C. C. von Weizsäcker sitzt im Wirtschaftsbeirat der RWE AG."
Passt doch!




Kommentar

24. Juli 2008



Liebe, Arbeit, Stille

"Der Sozialismus muss gebaut, muss errichtet, muss aus neuem Geist heraus organisiert werden. Dieser neue Geist waltet mächtig und innig in der Revolution. Puppen werden zu Menschen, eingerostete Philister werden der Erschütterung fähig; alles, was feststeht, bis zu Gesinnungen und Leugnungen, kommt ins Wanken; aus dem sonst nur das Eigene bedenkenden Verstand wird das vernünftige Denken, und Tausende sitzen oder schreiten rastlos in ihren Stuben und hecken zum  ersten Mal in ihrem Leben Pläne aus fürs Gemeinwohl; das Unglaubliche, das Wunder rückt in den Bereich des Möglichen; die in unseren Seelen, in den Gestalten und Rhythmen der Kunst, in den Glaubensgebilden der Religion, in Traum und Liebe, im Tanz der Glieder und Glanz der Blicke sonst verborgene Wirklichkeit drängt zur Verwirklichung.
Die Umwandlung der Gesellschaft kann nur in Liebe, in Arbeit, in Stille kommen. Der Sozialismus muss also gebaut werden."






Gustav Landauer, 1918/19










Neoliberales Geschwurbel






Ich muss gestehen, dass mir der Kommentar von Nils aus dem Moore, dem "Wirtschaftsforscher" vom RWI (das ist ein kapitalimusverherrlichendes Institut aus Rheinisch Westfalenland) einen Knoten ins Hirn geknüpft hat. Emissionshandel findet er gut, das EEG, das Gesetz, das erneuerbare Energien fördert, findet er Scheiße. Das hört sich dann so an: "Die sogenannten Grenzvermeidungskosten, die bei der Einsparung einer zusätzlichen Tonne Kohlendioxyd anfallen, liegen im konventionellen Bereich derzeit bei unter 30 Euro pro Tonne, bei der Windkraft zwischen 95 und 168 Euro, bei der Photovoltaik gar zwischen 670 und 1.180 Euro. Würden wir beim Klimaschutz so rational wie beim Kauf eines Fernsehers agieren, Wind und Sonne hätten keine Chance."
Aber er ist noch nicht fertig, der forsche Wirtschaftsforscher. Die Idioten, die Energieerzeugung mit  Wind und Sonne fördern und auf die "falschen Anreize  des EEG setzen", haben nichts kapiert. Das liegt daran, "dass Marktprozesse nur unvollständig verstanden werden".

Ah ja. Den Durchblick hat dagegen der Apostel der Neoliberalen Kirche St. Hans-Werner, Sinn mit Nachnamen, na, Sie wissen schon, der mit dem Gartenzwergbart und dem Geschäftsklimaindex, dessen Ifo-Institut (gleich hier in meiner Nachbarschaft) wächst und wächst, weil er ständig Aufträge bekommt, die mit Ihren Steuergeldern bezahlt werden. St. Hans-Werner "Sinn hat es auf der Jahrestagung 2007 des Vereins für Socialpolitik erstmals ins öffentliche Bewusstsein gerückt: Bisher verfolgen national wie international alle beschlossenen Maßnahmen das Ziel, die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen zu drosseln. Die verbrannte Menge an Kohle, Öl und Gas wird aber nicht von der Nachfrage allein bestimmt. Eine wirksame Kliamschutzpolitik muss daher auch das Angebot der Förderländer beschränken. Tut sie das nicht, drückt die reduzierte Nachfrage der zum Klimaschutz entschlossenen Nationen lediglich den Preis der fossilen Brennstoffe. Entwicklungs- und Schwellenländer erlaubt das, kostengünstig ihren Verbrauch zu erhöhen. Emissionen werden so erneut nur verschoben, nicht aber vermieden."






Willkommen in der Parallelwelt der "Wirtschaftsforscher". Ich gebe zu, dass ich bisher Marktprozesse auch "nur unvollständig verstanden" habe. Wäre ich doch nur beim Verein für Socialpolitik dabei gewesen! (Weshalb man Social dort mit c schreibt, weiß ich auch nicht. Vielleicht, damit man nicht mit den Sozialdemokraten mit z verwechselt wird.) Bisher dachte ich immer, dass die "verbrannte Menge an Kohl, Öle und Gas" davon bestimmt wird, wie viel verbrannt wird. Irgendwelche Zeitungen verbreiten außerdem seit Monaten, dass die Preise für fossile Brennstoffe keinesfalls gefallen, sondern, trotz Emissionshandels, ständig gestiegen sind, und "Entwicklungs- und Schwellenländer" keinesfalls kostengünstig ihren Verbrauch erhöht haben.







Aber, wie gesagt, ich verstehe Marktprozesse nur unvollständig.






-------------------------------------Kommentar






am 25. 7. 2008




Hallo,



zur Info: Der ‚Verein für Socialpolitik‘ war ein renommierter Verbund von Volkswirtschaftlern (den sog. ‚Kathedersocialisten‘) im Kaiserreich (gegr. 1873 / Max Weber, Schmoller usw.). Der Verein heute ist die direkte Nachfolgeorganisation, deshalb noch immer das ‚c‘ der Gründerväter, obwohl der Sinn heute nicht einmal hoch genug langt, um dem Weber von damals die Schuhe zu knüpfen.
 
Gruß, Klaus






Konsumsucht






Wenn einer das tut, was dem System nützt, genießt er hohes Ansehen: Einkaufen. Die Devise "Shop till you drop" könnte als Titel über "Gebrauchsanleitung für den Kapitalismus" stehen. Gestern war nicht nur die taz an mehreren Stellen mit dem Thema Kaufsucht befasst, die Abendzeitung hat damit gleich die Schlagzeile auf Seite 1 bestritten. Dabei finanzieren die sich hauptsächlich mit mehrseitigen Anzeigen und Beilagen der Lebensmittelkonzerne und Elektronikmärkte, wo den Menschen das Glück per geilem Geiz versprochen wird. Ich will ja nicht abstreiten, dass es Kaufsucht als Krankheitssymptom gibt - Süchtige, die das Prinzip nicht durchschaut haben und die Glücksverheißung durch Konsum nicht mehr steuern können. Bemerkenswert fand ich den Schluss des Artikels von Bernhard Hübner über einen Kaufsüchtigen, der "nach der Therapie seine eigene Selbsthilfegruppe gegründet hat. Wenn K. heute von der Kauflust gepackt wird, geht er raus in die Natur, Fotografieren oder eine Runde Radfahren. Er meint: 'Wenn man mal eine halbe Stunde draußen ist, dann denkt man gar nicht mehr ans Kaufen.'"
Isses zu fassen? Meine Rede seit 1871!




(Siehe auch: Hans Pfitzinger, Einleitung zu "Stille Winkel in München". Verlag Ellert & Richter, Hamburg, 2007. 12,95 Euro, in jeder Buchhandlung. Aber vermeiden Sie Suchtlesen!)


Menschenverachtung



Titelzeile, Seite 1: "Schlächter des Balkans im Knast"
Titelzeile, Seite 2: "Der Weihnachtsmann"
Titelzeile, Seite 3: "Dorftrottel, Doktor, Schlächter"
Das ist unterstes Niveau, ich empfinde das als leserverachtend. Und die "verboten"-Rubrik auf Seite 1, die sich im Zusammenhang mit der Verhaftung von Radovan Karadzic über Peter Handke - ja, was eigentlich? lustig macht? Ich bin ratlos wie diese Journalistenhirne funktionieren. Auf Stand-by-Schaltung vielleicht?
Manchmal hab ich das Gefühl, die taz-Redaktion muss ein ziemlich liebloser Ort sein.




Kommentar

25. Juli 2008

Yes we can
- aber uns bei der taz iss das scheißegal


Abgehoben und verloren an ihren Schreibtischen in der Rudi-Dutschke-Straße, nörgeln sie an Barack Obama rum, diverse taz-Redakteure und-innen. Warum eigentlich? Weiß ich auch nicht, aber wenn einer so viel Zustimmung einfährt, muss sich der Intellektuelle alter Art wohl von der Masse abgrenzen und das Haar in der Suppe finden.Da tritt erstmals seit hundert Jahren (genauer: seit dem mit 42 Jahren jüngsten Präsidenten Theodore Roosevelt, der von 1901 bis 1908 im Amt war) ein intelligenter und aufrichtiger Politiker an. Er versucht, in diesen verlogenen, nach allen Regeln des unlauteren Wettbewerbs geführten Wahlkämpfen, so weit zu kommen, dass er es ins Weiße Haus schafft. Und bei aller Ohnmacht des US-Präsidenten - es macht tatsächlich einen Unterschied, welche Person das Amt ausübt, und mit was für Leuten sich der Mann an der Spitze umgibt* - das war ja in den letzten acht Jahren überaus deutlich zu sehen. Sich jetzt hämisch die Hände zu reiben und zu sagen: Guck mal, er schmeißt diesen oder jenen Grundsatz über Bord, nur um gewählt zu werden, zeugt von politischer Dummheit. Erst einmal geht es darum, noch einmal vier Jahre Republikaner-Regierung zu verhindern und dafür zu sorgen, dass dieser gespenstische John McCain nicht Präsident wird.Und es geht nicht nur um die Person Obama, es geht auch darum, die neue politische Bewegung zu unterstützen, die sich hinter Obama versammelt. Da sind viele feine junge Menschen dabei, die sich zum ersten Mal in ihrem Leben für Politik interessieren und engagieren. Warum das so ist, konnte man bei seiner Rede an der Siegessäule sehen. Obama vertraut auf das Positive, er vertraut auf die Möglichkeit, Veränderungen zum Guten herbeizuführen, und er wendet sich gegen alle, die von vornherein sagen: Man kann ja sowieso nichts machen. Die Kids, die ihm das abnehmen, spüren, dass sie es mit einem seltenen Exemplar von Politiker zu tun haben, einem, der meint, was er sagt, kein Lügner und Betrüger. The kids are alright, sie sollten nicht enttäuscht werden.

Eine Bitte also an die ach so abgeklärten Großstadtvordenker und Zyniker in der taz: Keine blöden Glossen und missglückten Witze mehr über Barack Obama. Überlasst das den Mainstream-Medien, die tun sowieso schon, was sie können, um ihn madig zu machen. Oder sie haben einfach Schwierigkeiten, mit diesem außergewöhnlichen Menschen umzugehen, weil er ihre Erwartungen vom zynischen Politiker nicht erfüllt. Titel des Berichts über die Obama-Rede in Berlin auf tagesschau.de: "Große Träume eines Weltverbesserers".



All we are saying 
is give him a chance





* Ist Ihnen auch aufgefallen, dass Obamas außenpolitische Beraterin mit Nachnamen Rice heißt? Vorname ganz unexotisch: Susan.



Kommentar





26. Juli 2008



Lustvoll weiter

Gestern war mir die Lust vergangen, weshalb ich nach dem Appell in Sachen Barack Obama nichts mehr zur taz vom Donnerstag, dem 24. Juli schreiben wollte. Deshalb möchte ich heute zumindest eine Kurzfassung nachtragen. Meine Unlust zu erörtern, dazu hab ich immer noch keine Lust. Nur so viel: Ich war gestern enttäuscht, deprimiert, frustriert, weil ich halt immmer wieder feststelle, dass es schreibende Kolleginn/en gibt, die sich in ihrer Intellektualität so weit vom gesunden Menschenverstand entfernt haben, dass es mir zu mühsam erscheint, sie noch erreichen zu wollen, da draußen, "2.000 Light Years from Home".

Hi Mick, Happy Birthday!

Der Geburtstagsgruß geht an Mick Jagger, den astrologischen Löwen der Rolling Stones. Möge er in Würde faltig werden und für aufregende Frauen ein aufregender Mann bleiben. "2.000 Light Years from Home" stammt von der experimentellsten aller Stones-LPs, "Their Satanic Majesties Request". Das war die Platte, die sich am schlechtesten verkauft hat. Damals war der grandiose, geheimnisvolle Brian Jones noch nicht im Swimmingpool ertrunken und konnte bei Leuten wie mir die Hoffnung aufrechterhalten, dass sich die Stones, ähnlich wie die Beatles, mit jeder LP musikalisch weiterentwickeln würden. Das wusste Mick Jagger zu verhindern, er wollte die Band und die Musik zu einem Markenzeichen entwickeln, einer Menschmaschine, mit der man Geld drucken kann. Das ist ihm bekanntlich gelungen.
Trotzdem: Die besten Wünsche zum Geburtstag, Mick!






Franzensfeste eingenommen

Was für ein großartiger Beitrag von Katrin Bettina Müller über die Manifesta 7, eine alle zwei Jahre stattfindende Kunstausstellung, die dieses Jahr in Südtirol und im Trentino stattfindet. Die Franzensfeste, dieser eindrucksvolle Festungsbau, den jeder Italienreisende kennt, der mit Auto oder Zug vom Brenner abwärts fährt, wurde von der Kunst erobert. Mit kriegerischen Mitteln ist das Zeit ihres Bestehens nie gelungen. Müller nimmt den Leser an der Hand, führt ihn in die Feste, dann nach Bozen und Rovereto, an alle Veranstaltungsorte, wo in ehemaligen Fabriken und anderen Immobilien bis 7. November zeitgenössische Kunst zu sehen ist. Das klingt aufregend, und die Autorin versteht es, ihre eigene Sicht so darzustellen, dass ich den Eindruck habe, es erzählt mir jemand im persönlichen Gespräch seine Erlebnisse. Sie informiert über die Hintergründe, beschreibt Künstler und Kunstwerke, und weist auf viele verblüffende Dinge hin. Zum Beispiel, dass die Kuratoren der Ausstellung aus Indien kommen, und dass Daniel Knorr eine ehemalige Kakaofabrik in Rovereto als Ausstellungsort benutzt und den Titel "Ex-Privato" als Konzept versteht: Er hat alle Türen ausgehängt und "die Halle somit für 24 Stunden täglich zum öffentlichen Raum erklärt."

Christliche Nächstenliebe à la Schäuble

Manchmal möchte ich einfach nicht glauben, dass es stimmt, was ich über Wolfgang Schäuble zu lesen kriege. Flüchtlinge aus dem Irak, die vor den lebensbedrohenden Zuständen fliehen, die ihnen Bush und Blair eingebrockt haben, will unser Innenminister nur dann aufnehmen, wenn sie Christen sind. Das wäre eine ganz neue Definition für christliche Nächstenliebe vom Innenminister der Christlich Demokratischen Union. "Keine Bibel - kein Asyl" titelt taz zwei - sehr schön. Und ein Klassefoto von jungen christlichen Irakerinnen, die, Spitzentücher über den Kopf gelegt oder gebunden, Notenblättervor sich halten und gemeinsam singen.

Glücklich meditiert

Bei taz zwei tut sich was - da stehen manchmal richtig spannende Geschichten, so die von Annette Brüggemann, über die Begegnung des Buddhisten Matthieu Ricard mit dem Hirnforscher Wolf Singer. Brüggemann hat sie zwar nicht persönlich getroffen, zitiert überwiegend aus einem Buch der beiden, das bei edition unseld erschienen ist: "Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog". Kostet schlappe 10 Euro, und ja, danke für den Hinweis, das will ich lesen. Ricard, Franzose, Wissenschaftler, Molekularbiologe, fing nach der Promotion an, tibetischen Buddhismus zu studieren, und lebt seit 1978 als Mönch. Er veröffentlicht Bücher über Buddhismus und Wissenschaft und arbeitet mit der University von Wisconsin zusammen, die eben diesen Dialog fördert. Wolf Singer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung, wurde vor einiger Zeit von Jürgen Habermas scharf angegriffen, weil er die Freiheit des Willens in Frage stellte. Singer meinte, Habermas hätte ihn falsch verstanden und plädierte für eine stärkere Annäherung von Natur- und Geisteswissenschaften. Das sei wichtig, weil es auch um verbale Korrekturen geht. Man spricht eben unterschiedliche Sprachen. Annette Brüggemann fragt sich zu  Recht, weshalb diese Debatte zwischen Buddhismus und Hirnforschung nicht früher stattfand. Sie hält es für "absurd, dass die Hirnforschung erst heute auf die Idee kommt, das alte Wissen der buddhistischen Philosophie ernst zu nehmen und zu Rate zu ziehen." Na ja, unterschiedliche Sprachen auch hier.
Wie konnte es passieren, dass so ein Artikel in der taz steht? Vielleicht, weil ein neuer Redakteur für taz zwei zuständig ist? Oder weil der Beitrag als gutes Journalistenhandwerk jenseits von pennälerhaften Antireligionsreflexen überzeugt hat? 
Das Buch empfehle ich dringend dem verantwortlichen Redakteur der letzten taz-Seite, "die wahrheit". Vielleicht verschont er dann den Leser mit seinen unsäglich dummen Dalai-Lama-Witzen und seinem antiquiert oberflächlichen Atheismus.

Kubaner für Obama

Hätte ich den Artikel von Reinaldo Escobar auf der Meinungsseite nicht erst am Nachmittag gelesen, wäre mein Frust über die Obama-Glosse im Kulturteil weniger heftig ausgefallen. Der kubanische Journalist: "Der Punkt aber, an dem sich die Kubaner dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten am nächsten fühlen, ist das Wort, das als Motto über seinem Wahlkampf steht: 'Change'. Nach einem halben Jahrhundert des immer Gleichen lechzen die Kubaner nach Veränderungen, und ein Politiker, der sich traut, sie vorzuschlagen, muss einfach gut sein und eine Chance bekommen."
So einfach ist das.
Und dann bringt er noch einen schönen Gedanken unter, der Exredakteur der KP-Jugendzeitung, der 1989 entlassen wurde und heute 61 Jahre alt ist: "Ein Mann wie Obama wird mir immer lieber sein als einer, der, wie McCain, während der schwierigen Tage der Kubakrise 1962 als Bomberpilot über Kubas Küsten flog. Er war bereit, die Bomben über allem abzuwerfen, was da unten lebte. Opfer hätte der damals schüchterne Jugendliche sein können, der heute diese Zeilen schreibt."
 
Fotos: taz vom Feinsten

Weil allzu oft Heft- und Blattkritik auf Texte beschränkt bleibt, habe ich ja von Anfang an immer wieder die Fotos einbezogen, und der/dem zuständigen Redakteur/in öfter einen guten Blick und eine tolle Auswahl bestätigt. Wer dafür gelobt werden soll/muss/kann, das erfährt ja kein Leser aus dem spartanischen taz-Impressum, und mein wiederholtes Flehen um ein ausführlicheres Impressum stößt auf taube Ohren. Das nur nebenbei.
Auf der "ausland"-Seite blieb ich an einem Foto hängen, das eine Straßenszene im Westjordanland zeigt: Eine Hauswand, davor ein Soldat in voller Kampfmontur mit Helm, den Rücken dem Betrachter zugekehrt, die Hände über dem Kopf an die Wand gepresst, die Beine breitgestellt. Ein kleines Mädchen, das ihm nicht mal bis zu den Schulterblättern reicht, in knielangem Kleid mit großer Schleife am Rücken, klopft seine Beine nach versteckten Waffen ab. Ein anderes Mädchen in Hosen und Sweatshirt, etwa genauso groß wie das Mädchen mit dem Kleid, wendet der Szene den Rücken zu, hält eine kleine Digitalkamera mit angewinkelten Armen in kleinem Abstand vom Kopf auf Augenhöhe und fotografiert etwas anderes. Erst beim zweiten Blick wird mir klar, das der Soldat und das Mädchen, das ihn auf Waffen durchsucht, als fotorealistisches Wandgemälde dargestellt sind. Bildunterschrift: "Graffito des britischen Künstlers Banksy im Westjordanland Foto: AP".
Glückwunsch an Banksy und an den AP-Fotografen - und an die Fotoredaktion: einfach klasse!

Zitate

"Bis zu knapp 60.000 Euro lässt sich der Staat einen BMW 750 kosten, wenn dieser als Dienstwagen einer Firma angemeldet ist."
"90 Prozent aller 2007 neu zugelassenen Luxusgeländewagen waren Dienstfahrzeuge."
"Es ist ein klimapolitisches Unding, dass durch das aktuelle Steuersystem die größten Spritfresser von der Allgemeinheit subventioniert werden."
Alle Zahlen: Greenpeace; Zitat vom Verkehrsexperten Marc Specowski.
"Änderungsversuche würden aber auf Widerstand der Autoindustrie stoßen, die profitiere schließlich von der bisherigen Regel." taz




Merkel McCain



Dass die CDU lieber John McCain als US-Präsident hätte, steht ja wohl außer Frage. So windet sich denn auch Eckart von Klaeden im Kurzinterview etwas, als Ulrike Winkelmann ihn fragt, ob es Missgunst war, weshalb die Kanzlerin Barack Obama nicht am Brandenburger Tor haben wollte: "Das ist nicht der Grund. Ein Auftritt dort sollte gewählten Staats- und Regierungschefs vorbehalten sein."
Winkelmann: Und Autoverkäufern, Zauberkünstlern, Pommesbuden ...
von Klaeden: "Obama war gut beraten, sich nicht in die Kategorien der Gaukler und Kommerziellen einzureihen, die man täglich vor dem Tor antreffen kann. Er gehört in die Kategorie ernstzunehmender Politiker."
Da hat er verdammt geistesgegenwärtig reagiert auf die schnelle Replik der taz-Frau. Die CDU, fürsorglich wie sie nun mal ist, wollte nur dem Obama sein Bestes. Dieser von Klaeden empfiehlt sich zweifellos für höhere Aufgaben. Außenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ist bestimmt noch nicht das Ende seiner Laufbahn.
Und vergessen Sie nicht: Sie haben es zuerst hier gelesen.




------------------------Ab hier: taz vom Freitag, 25. Juli



Geballte Fäuste

Spitzenidee, gute Frage, prima Artikel auf der Sportseite: Wer war der dritte Mann auf dem berühmten Foto von der Siegerehrung bei Olympia in Mexiko-City 1968, als die beiden schwarzen 200-Meter-Läufer die geballten Fäuste mit den schwarzen Handschuhen in den Nachthimmel streckten? Der junge Sportler, der auf dem Siegertreppchen vorne steht, der  Zweitplatzierte, ein ungemein sympathisch aussehender Weißer? Ich erfahre es aus der taz, die das AP-Foto noch einmal abdruckt: Das war Peter Norman, ein Australier, der vor zwei Jahren gestorben ist. Wenn man genau hinsieht, erkennt man auf seiner Trainingsjacke den gleichen Anstecker wie bei Tommie Smith und John Carlos: OPHR steht drauf, und das stand für "Olympic Project for Human Rights", das Olympische Projekt für Menschenrechte. Norman war im Voraus eingeweiht, er unterstützte die Aktion und unterhielt mit den beiden Amerikanern "zeit seines Lebens freundschaftlichen Kontakt. Zu Normans Beerdigung im Oktober 2006 kamen beide als Sargträger angereist", erfuhr taz-Autor Martin Krauss vom Neffen des verstorbenen Sportlehrers. Und John Carlos sagte: "Ich war sein Bruder, er war mein Bruder. Das solltet ihr wissen."
Bei solchen Geschichten muss ich immer schlucken. Das sind so die Hinweise, dass Rassismus schon längst überwunden sein könnte, wenn er nicht ständig von politischen Interessen neu geschürt und zum Erhalt von Macht und Profit missbraucht würde.

Nicht mein Ball: Ballett

Das ist jetzt eine verballhornte Eindeutschung: Im Amerikanischen sagt man "it's not my ballgame", wenn einen etwas überhaupt nicht interessiert. So geht's mir mit Ballett. Ich weiß, dass es das gibt, und ganz prachtvolle Musik wurde dafür geschrieben, und manche 15-jährigen Mädchen sehen ganz wunderprächtig aus in ihren Tütüs und den Spitzentanzschühlein - aber ich hab in meinem ganzen Leben nicht eine einzige Ballettaufführung gesehen: Hier stehe ich und kann nicht anders. Und die taz füllt, neben einer halbseitigen Anzeige von brand eins die restliche Seite mit einem Bericht über eine Aufführung der Pariser Oper von "Orpheus und Eurydike", eine "Tanzoper", nach der wunderbaren Vorlage von Christoph Willibald Gluck, in einer Choreografie von Pina Bausch, im Antiken Theater von Epidauros.
Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie rührend ich das finde. Aber ich kann's nicht lesen.

Ewig und drei Tage: Pop

Die Band heißt Sport, die CD "Unter den Wolken", die taz-Autorin Jenni Zylka. Die Musik: Zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug. Die Texte sind laut Zylka ganz prima, die Musik echt independent rockig, die Chance, jemals in die Hitparaden zu kommen, ist minimal, und so geht alles immer weiter, ewig und drei Tage. Wie sagte schon Lou Reed: "Mit zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug kannste gar nichts falsch machen."
Bis nächsten Monat dann, wenn es mit den gleichen Instrumente und einer anderen Band wieder heißt: Was gibt's Neues?

A real mensh

Im yiddischen Amerikanisch gibt es ein Wort, das aus dem Deutschen stammt: mensh. Damit ist eine ehrbare, anständige Person gemeint, jemand mit einem guten Charakter. Man benutzt es im Sinne von "now there's a real mensh", wenn man jemanden bewundert. Warum ich Ihnen das erzähle? Weil ich bei manchen Kolumnen von Philipp Mausshardt beim Lesen das Gefühl hab: Der Typ ist nicht nur ein guter Schreiber und Journalist, er ist auch ein anständiger Kerl: Ein feiner Mensch.

Rechtsradikale Rübenzüchter

So wie es im amerikanischen Fernsehen die Nazi-Serien als Genre gab und gibt, so wie der Spiegel unter Stefan Aust drei bis vier Mal im Jahr seinen Hitler-Titel herausbrachte, so geht mir die taz in viel zu kurzen Abständen mit ihren paranoiden "Neonazis-überall-Artikeln" auf den Senkel. Da macht sie irgendwo im Netz eine dumme Website ausfindig, dort steht eine Villa, die einem Rechten gehört, oder es gibt eine Zeitschrift, die grün und nationalistisch zugleich ist. Und jetzt also ein Online-Lexikon, das "rechtsradikales und geschichtsverfälschendes Gedankengut verbreitet."
Bis zum nächsten Mal, wenn es wieder heißt: Heute zählen wir wieder mal die braunen Erbsen.
P. S. Müsste das korrekterweise in diesem Fall eigentlich nicht Gedankenschlecht heißen, statt Gedankengut?

Leser

Ausnahmslos alle Leserbriefe richten sich gegen den wirren Unsinn, den Nils aus dem Moore - mal wieder, seufz - am 23. 7. auf der Meinungsseite verzapft hat (siehe auch hier mein Eintrag im tazblog). Was für ein Torfkopp! Nix gegen Meinungsfreiheit, aaaber --- aber soll man jedem idiot savant (das ist französisch und heißt grob übersetzt "blödstudierter Depp") die Meinungsseite der taz öffnen, nur weil er einen Job bei einem "wissenschaftlichen" Institut hat?
Ich frag ja nur.

Die israelische Regierung lügt ...

... hält sich nicht an Verträge, kümmert sich nicht um UN-Resolutionen, befiehlt Hinrichtungen ohne Gerichtsurteil, nimmt dabei den Tod von unbeteiligten Zivilisiten in Kauf, annektiert widerrechtlich Land, baut Siedlungen und Trennmauern außerhalb des eigenen Territoriums, verstößt permanent gegen Menschen- und Völkerrecht. 
Die israelische Regierung ist eine Gefahr für den Weltfrieden. Sie wird von der deutschen Bundesregierung unterstützt und mit Waffen beliefert.

Über Kuba aus Hamburg

Die Fidel-Fresser-Berichte von Knut Henkel mochte ich wegen ihrer Tendenz schon nicht, als er über Kuba aus Havanna berichtet. Die Tendenz ist geblieben, nur kommen seine Berichte jetzt aus Hamburg.

Leipzig: Kriegsunterstützung auch nachts

Von einer Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts Leipzig berichtet Christian Rath: "Auch US-Zivilflugzeuge, die im Auftrag des Pentagons US-Soldaten für den Irak-Einsatz nach Kuwait fliegen, können weiterhin nachts in Leipzig zwischenlanden und auftanken. Die Anwohner hatten argumentiert, der Irakkrieg sei völkerrechtswidrig. Das ließen die BVerwG-Richter aber nicht gelten. Über völkerrechtliche Fragen dürfe nicht das örtliche Regierungspräsidium bei der Genehmigung von Nachtflügen entscheiden."
Wenn ich die Juristen recht verstehe, könnte es durchaus sein, dass die Anwohner mit ihrer Einschätzung recht haben, aber das geht sie und das Regierungspräsidium nichts an.

Unsern täglich Metzger ...

... schenkt uns die taz. Kann mir jemand sagen, wen es interessiert, ob Oswald Metzger von der CDU als Kandidat für irgendwas aufgestellt wird, ob in Tübingen, am Bodensee oder in Hinterpfudeifi? Und warum die taz ständig über diesen Profilneurotiker berichtet? Hat der ne Freundin in der Redaktion? Oder nen Geliebten?

Unsere Frau in Washington

Nach Michael Streck und Adrienne Woltersdorff scheint sich die taz wieder eine/n gute/n US-Korrspondenten/in geschnappt zu haben (der Leser erfährt ja nix, siehe die endlosen Klagen übers Impressum auf diesem tazblog. Aber ich geb nicht auf.) Sehr schön, Karin Deckenbachs erste Reportagen und Berichte. Freitag ging's über Jon Favreau. Wen bitte? Den Redenschreiber von Barack Obama. Muss ein guter Mann sein. Er kam als Fan, und blieb als Mitarbeiter: "Er redet, ich schreibe es auf und feile, er schreibt und feilt, es ist eine viel intimere Art der Zusammenarbeit." Karin Deckenbach: "Das Echo dieser Reden hat eine Bewegung erzeugt, wie sie Amerika lange nicht erlebt hat."
Das konnte man am Donnerstagabend auch in Berlin spüren. Guter Mann, der Jon Favreau!

Die Psycho-Experten

Da waren sie wieder, die Psychologen: Eine ap-Meldung schließt mit der Nullmeldung über Radovan Karadzic, er sei in all seinen Karrierestationen "ein Narziß geblieben, der nach 'Wahrnehmung, Anerkennung und Applaus' süchtig sei, zitierten Medien gestern Experten."
Ungenannte "Medien" haben also ebenso ungenannte "Experten" zitiert, und afp informiert darüber die nach Erklärungen hungernde Öffentlichkeit. Ich hätte es mir ja denken können! Ein Narziß - das erklärt doch alles.
UUUUUÄÄÄÄÄÄHHH!




Kommentar

27. Juli 2008



Modergeruch der Bibliotheken

"Ach, wissen Sie, schaun Sie sich doch mal an, was der Karl Marx für ein Leben geführt hat. Jeden Tag isser in die Bibliothek des British Museum gegangen und hat in verstaubten Büchern  gelesen. Ich sag Ihnen: Ein jeder Trambahnfahrer in Wien hat ein aufregenderes Leben gehabt."
Eric Voegelin, Professor für Politische Wissenschaft, Wintersemester 1967/68, Hörsaal 110, Ludwig-Maximilians-Universität München

Was für tolle Fotos von Ladislav Bielik im taz mag! Die Bilder von 1968, als die sowjetische Armee in Prag einrollte und das deutlich machte, was John Lennon später so beschrieben hat: "Es geht nur gewaltlos, im Endeffekt haben sie immer die Panzer."
Die Tschechen wussten das. Der Typ, der sich das Hemd aufreißt und sich mit nackter Brust vor die Panzerkanone stellt, machte es nur allzu deutlich: "Kommt doch mit euren blöden Panzern, na und? Was habt ihr damit bewiesen?"
Aus dem Interview, das Jan Feddersen und Wolfgang Gast mit Wolfgang Kraushaar zur Bedeutung des "Prager Frühlings" geführt haben, steigt der Modergeruch vom Staub der Bibliotheken auf, der Versuch, das Leben in die vertrockneten Gehirnwindungen der Gelehrten und Philister zu zwingen, die Gedankengänge der frustrierten Intellektuellen, die nur zusehen, aber nicht teilhaben konnten. Teils, weil sie schon damals zu verknöchert waren, um sich auf Neues einzulassen - Wolfgang Kraushaar -, teils, weil sie gern mitgemacht hätten, aber noch zu jung waren - Jan Feddersen.
1967 hatte ich gerade meinen Wehrdienst hinter mich gebracht, freute mich wie irre aufs Studium, denn seit ich elf Jahre alt war, wollte ich Student sein: Ich hatte die Bilder der Studenten von Budapest in der Wochenschau gesehen, die 1956 auf die Straße gegangen waren. So wollte ich sein, so wollte ich die Haare tragen, so meinen Schal binden (das tu ich bis heute). Und als dann alles anfing, als man wieder auf die Straße gehen konnte, um zu demonstrieren, war ich selbstverständlich dabei.
Ohne jetzt im Einzelnen auf die steilen Thesen eingehen zu wollen, die Wolfgang Kraushaar da im taz-Interview präsentiert, ohne ihn persönlich zu kennen, traue ich mir die Aussage zu: Der Mann ist schwer frustriert, weil er nicht zum Zug kam.
Seine aufs Intellektuelle beschränkte Aufarbeitung der 68er-Zeit, mit der er sich einen gesicherten Job und Zulauf von interessierten Journalisten geschaffen hat, geht darauf zurück, dass er gern mitgevögelt hätte, aber aus Gründen, die ich nicht kenne, wurde nichts draus. Da hat er beschlossen, sich für die vermutete, entgangene Lebenslust zu rächen, und fortan die 68er-Bewegung madig zu machen.
Seine Aussagen laufen darauf hinaus: Ich hab's ja gleich gesagt, kann ja nichts werden mit dem Sozialismus. Deshalb bejaht er das - vermeintlich - siegreiche kapitalistische System und wirft den Menschen, die versuchen, es zu verändern oder umzustürzen, ihre bisherige Erfolglosigkeit vor: "Wenn man nun für eine vom Sozialismus und Kommunismus inspirierte große politische Alternative antritt, dann muss man auch eine ökonomische formulieren können. Wenn man das aber nicht kann, dann sollte man auf einen solchen Entwurf verzichten."
Warum, um Himmels willen, sollte man das? Weil das herrschende System sowieso in Ordnung und jeder, der dagegen vorgehen will, ein bedauernswerter Spinner ist? Heh, Kraushaar, altes Haus: Mach mit, formuliere die ökonomische Alternative, benütze deinen schlauen Kopf, um mitzuhelfen, die Verhältnisse zu verändern. Sich einfach hinzuhocken und jahrelang beweisen zu wollen, dass es daneben gegangen ist, bringt niemanden weiter, dich schon gleich gar nicht. Du kommst nur rüber als resignierter alter Furz, der sich mit dem System arrangiert hat, weil es dir ein gutes Auskommen gönnt, indem du die Leute fertig machst, die nach einem Ausweg gesucht haben.
Keiner hat damals behauptet, dass er weiß, wo's lang  geht, wir waren alle auf der Suche, und du tust jetzt so, als hätten wir bewusst den Karren in den Dreck gefahren. Heh, weißt du, wer den Karren in den Dreck gefahren hat? Reaktionäre Dummbeutel wie du, die im Grunde von Anfang an misstrauisch waren, dass jemand die Machtverhältnisse in Frage stellt, und sich diebisch gefreut haben, dass das unmenschliche System triumphiert hat. Kein Wunder, dass du dich seit Jahren an der RAF aufgeilst und immer wieder darauf hinweist, wie sehr die daneben gelegen sind. Wem hilft das denn? Nur den Leuten, die schon immer gesagt haben: Lass es sein, man kann eh nichts machen.
Weißt du, weshalb ich deinen Frust durchschaut habe? Weil du so einen entfremdet formulierten Unfug losgelassen hast in diesem schwer kranken Interview mit der taz. Ich will die Passage zitieren, und danach ist Schluss. Ob deine Therapie von der Kasse bezahlt wird oder nicht, soll nicht meine Sorge sein. Aber vielleicht bist du ja gar nicht krank. Vielleicht bist du nur ein ängstlicher kleiner Trottel, der sich vor den Tittchen von Uschi Obermaier gefürchtet hat. Das Urteil sei dem Leser überlassen.
Täterä, also sprach Wolfgang Kraushaar am 26./27. Juli 2008 in der taz, und in jenen Tagen der Flut von 40-Jahre-seit-68-Artikel hielt man das für ernstzunehmende Äußerungen eines seriösen Wissenschaftlers:
"Dass die Kommune 1 als antiautoritär wahrgenommen wurde, war insofern ein großer Trugschluss: Diese antiautoritäre Konfiguration war mit einer staatlich-affirmativen prokommunistischen Identifikation unterfüttert. Die Idee der Kommune bezog sich nicht etwa auf die Pariser Kommune, wie sie Karl Marx beschrieben hat und viele als richtungweisend verstanden haben. Bemerkenswert ist die Doppelbödigkeit, die dem soziokulturellen Impetus der Achtundsechziger und der antiautoritären Bewegung anhaftet, schon von Anfang an."
Sag mal, Wolfgang Kraushaar, altes Haus, tickst du noch richtig? Und, sag mal, Jan Feddersen, weshalb glaubst du eigentlich, dass du mit so nem Scheiß die taz-Leser belästigen musst? Magst du sie nicht?






-------------------------------Kommentar




Naja, der Kraushaar ist ja auch nur einer von denen, die aus jeder Utopie nur den eigenen Lebensentwurf auf der ‚Kegelbahn der Vernunft‘ resultieren sehen – nach dem Motto: ‚Gott sprach, es werde Licht, und es ward Ich‘.  Rege dich nicht über die Allzuvielen auf, es lohnt sich nicht. Die da unten – und das ist jetzt mal gar nicht verelendet und proletarisch gemeint – die stellen zu allen Zeiten die Mehrheit …
Gruß, Klaus
--------------------------------------Kommentar
Aiaiaiai, da hattest Du aber schlechte Laune. Ich muss ehrlich sagen, dass ich langsam mal genug von der 68-Aufarbeitung habe, aber Kraushaar als, sozusagen, wichtigen Ergänzer des Diskurses erlebt habe. Damals seine schöne Studie darüber, wieviel die Deutschen schon in den 50er Jahren demonstriert haben zum Beispiel, dass Demonstrieren also kein
Privileg oder Verdienst der 68er war.
Grüezi - U.

Ehrlichkeit ist besser als Politik




Ach, was hab ich mich aufgeregt wegen taz und Obama! Und jetzt? Sogar auf den Kulturseiten hamse einen netten kleinen Artikel mit einer Hommage von Ulrich Gutmair. Höchst interessant die Verbindung zu Lieutenant Uhura von "Raumschiff Enterprise", "wo eine Konföderation des Guten ein interplanetarisches Reich des Friedens errichtet hat. Ganz im Sinne Immanuel Kants, der erklärte, der ewige Friede sei keine leere Idee, 'sondern eine Aufgabe, die ihrem Ziel beständig näher kommt.'" Gutmair schreibt das mit einem Augenzwinkern, aber er fasst die Rede von Obama so zusammen, dass die Konsequenzen deutlich werden. Wo er am unpopulärsten ist, findet Gutmair, ist er am sympathischsten: "'Ehrlichkeit', sagt Commander Kant, 'ist besser denn alle Politik.'"

Der Kopf seines Feindes

"Im siebten Mond verwandelte sich der Häuptling in einen schwimmenden Fisch und fraß den Kopf seines Feindes mit Hilfe von Magie." Klingt gut, auch noch in der Übersetzung, der Titel eines Albums der kongolesischen Band Kasaï Allstars. Und auch was Julian Weber über die Gitarrenmusik von Sir Victor Uweifo schreibt, macht neugierig auf diese nigerianische Popmusik: "Uweifo behauptet, er könne Farben in Klang übersetzen. Seine Songs feiern zum Beispiel die Muster von nigerianischen Akwete-Gewändern. 'Wenn sich jemand darin bewegt, leuchten immer andere Farben auf, daran orientiere ich mich mit meinen Songstrukturen.'"
Sakra, das klingt aufregend.
Imponierend auch der Rest des Mannes: Den Titel "Sir" hat der 67-Jährige Uweifo für seine Verdienste als Friedensrichter erhalten, an der University von Benin unterrichtet er Bildhauerei, schreibt Gedichte, gibt Ratgeberliteratur heraus und hat einen eigenen Fernsehsender.
Sakra, da legst di nieder.
Die CD von Sir Victor Uweifo heißt "Guitar-Boy Superstar. 1970 - 76", und ist erschienen bei Soundway/Groove Attack. Hat also mehr als dreißig Jahre gedauert, bis er nach Deutschland durchgedrungen ist mit seiner Gitarrenmusik. Da war sein Landsmann Fela Kuti schneller.




Und gleich noch einmal: Obama

Ja, schon gut, ich nehm alles zurück, was ich über die ablehnende Haltung der taz zu Barack Obama gesagt habe: Ich hab einzelne Beiträge mit einem allgemeinen Trend verwechselt. Jetzt trägt auch noch Robert Misik, der Marathon-Mann unter den Schreibern, seinen wie üblich blitzgescheiten Obama-Senf bei. Und weil er die Sache mal haargenau auf den Punkt bringt, hat er für heute das letzte Wort zum Thema "Obama Superstar": "Wenn wir uns einen idealen modernen progressiven Politiker ausgemalt hätten, dann wäre ziemlich sicher Obama rausgekommen. Wenn ich die Wahl habe zwischen verstaubter linker Miesepetrigkeit und der Obamanie, brauche ich nicht lange nachdenken: Trust the Hype!'"
Okeh, wird gemacht, ich vertrau dem Rummel schon seit zwei Jahren, seit Neil Young, wie der treue tazblog-Leser ja inzwischen weiß: "Maybe it's Obama, but he thinks he's too young ..." (Song "Looking for a Leader", auf der CD "Living with War", April 2006).



Jetzt hat doch wieder Neil Young das letzte Wort gehabt. Iss auch besser so.

Lustgreis

Sie erinnern sich? Meine Empörung war echt, als ich mich darüber aufgeregt habe, dass die taz-Redakteurin mit dem Kürzel NAT den 61 Jahre alten Ron Woods als "Lustgreis" bezeichnet hat. Das blödsinnige Interview mit dem "Experten", weshalb sich so'n alter Knacker in eine 20-Jährige verliebt - geschenkt. Und jetzt, 10 Tage später ein Leserbrief, der sehr deutlich meine jahrzehntealte These unterstreicht: Es gibt Boshaftigkeiten, die können sich nur Frauen ausdenken. Etwa Kim Kavanagh aus Hamburg: "Während Sie sich fragen, was in Frauen vorgeht, die durch jüngere ersetzt werden, frage ich mich, was bringt eine 20-Jährige dazu, mit so einem Schrumpelheini ins Bett zu steigen."
Dazu fällt mir nichts mehr ein.
Weshalb ich Mona anrufe, die fast wiehert vor Vergnügen, als ich ihr den Brief vorlese. "Schrumpelheini!  Das ist gut! Heh, das trifft's doch genau. Frauen sind einfach realistischer."
Na ja, wenn ich mir die Gesichter von Jagger, Richards, Woods und Watts angucke, hat Kim Kavanagh aus Hamburg vielleicht doch recht. Und Mona klärt mich noch auf, dass ich nicht auf der Höhe der Klatsch- und Tratschnachrichten bin: Die Geliebte von Ron Woods sei erst 18.






Zitat I

"Der Vorwurf des Antiamerikanismus, um europäische Vorbehalte gegen den Irakkrieg zu erklären, ist im Grunde apolitisch: Er wirft antiamerikanische Vorurteile und eine vernünftige, klarsichtige Kritik der außenpolitischen Irrtümer der Bush-Regierung in einen Topf."
Paul Hockenos, in seinem Kommentar "Das Ende des Antiamerikanismus", Meinungsseite

Schon wieder Arnold

Erst haut er den Autokonzernen die CO2-Ausstoßwerte um die Ohren, und jetzt das: "Kalifornien führt ab kommendem Jahr für die Schifffahrt die weltweit schärfsten Emissionsauflagen ein." Nun muss man sich nicht wundern, Gouverneur Schwarzenegger ist zwar Republikaner, aber die Ökologie-Bewegung fing ja Ende der sechziger Jahre in Kalifornien an. Die Grenzwerte hat man zunächst auf 0,5 Prozent Schwefelgehalt für Schiffsdiesel festgesetzt, ab 2012 sollen es 0,1 Prozent werden. Dies gilt für alle Schiffe, die kalifornische Häfen ansteuern oder eine Zone in 24 Meilen Abstand  zur Küste durchfahren. Zum Vergleich: In der Nord- und Ostsee gelten 1,5 Prozent, ab 2010 sinkt der zulässige Wert auf 1 Prozent, ab 2015 dann 0,1 Prozent wie in Kalifornien.
Was mich erschreckt hat: Ein Schwefelgehalt von 0,1 Prozent bedeutet, dass der Schiffsdiesel immer noch 100 Mal schmutziger ist als Lkw-Diesel. Die International Maritime Union der UN erlaubt 4,5 Prozent und wollte den  Wert bis 2020 auf 0,5 Prozent senken. Da hat Schwarzenegger jetzt kurzen Prozess gemacht und selbst gehandelt.
Brav, Arnie!






Sie merken es, sie merken es!

Eine gewisse Häme kann ich mir nicht verkneifen: GM, Ford und Daimler schliddern in die Krise. Sie können ihre Benzinschlucker immer schwieriger losschlagen. Nicola Liebert: "Ford will nun fix umsteuern: Sechs kleine Modelle, die bislang nur für den europäischen Markt bestimmt waren, sollen künftig auch in den USA angeboten werden."
Bei Daimler dagegen geht's nicht so schnell, und Schnauzbart Dieter Zetsche klagt über "schwieriges Umfeld". Das klingt rat- und hilflos. Der Aktienkurs sinkt, die oberschlauen Analysten warnen vor Übernahmegefahr, Vorsicht, in den Stuttgarter Konzern könnte sich ein Finazinvestor günstig einkaufen. Doch Liebert wiegelt ab: "Warum sollte er das tun? Das Geschäft mit spritschluckenden Luxuskarossen dürfte nämlich schwierig bleiben."

Wieder draußen

Nach sechs Tagen wurde er vorzeitig freigelassen, der Totalverweigerer Silvio Walther, der eigentlich 21 Tage absitzen sollte. Das Truppendienstgericht hat auch entschieden, dass er nicht mehr in Arrest genommen werden darf. Walther durfte in seinen Heimatort und zu Mama zurückkehren. Martin Kaul führt das auf seinen Bericht vom vergangenen Wochenende in der taz zurück - schöner Erfolg, wenn's denn so ist.
Die Feder ist mächtiger als das Schwert.






Unsern täglich Metzger ...

...gibt's auch heute. Noch einmal: Oswald Metrzger kandidiert für die CDU am Bodensee, denn das sei "eine spannende Innovations- und Wachstumsregion".
Vor allem spannend. Jetzt lasst ihn aber bitte im Sommerloch verschwinden, den Nessie Metzger, ja?




Fürn guten Zweck: Replik auf Beck

Der Artikel von Ulrich Beck hat klügere Köpfe zum Widerspruch gereizt, nicht nur meinen kleinen Bärenverstand. Felix Ekardt, Jurist und Soziologe von der Uni Bremen, macht einen interssanten Vorschlag, wie man per Kostenausgleich dem Süden helfen und im Norden den Sozialstaat erhalten könnte: Man muss "weltweit gleiche Treibhausgasemissionen pro Kopf" berechnen. Das führt er sehr nachvollziehbar aus, fordert,  die EU müsste damit vorangehen: "So kann man wirtschaftlich vertretbare Klimapolitik vormachen, den USA, Indien und China ein Beispiel geben und die Bereitschaft für wirklich globale Regelungen stärken."



Mal sehen, ob sich was tut in der Richtung. Inzwischen kommen mir die Regierenden so hilflos vor, dass sie vielleicht sogar für vernünftige Vorschläge offen sind.

Zitat II

"Schaut her! Amerikanische Flaggen! Überall! Und sie brennen nicht."
Jon Stewart, US-amerikanischer Fernsehkomiker, zu den Bildern von Obama in Berlin




Kommentar

29. Juli 2008



"Wenn dich jemand kritisiert oder beleidigt, und du es schaffst, nicht in die Luft zu gehen, sondern innerlich ruhig zu bleiben, so als ob du nur einem leisen Echo lauschen würdest, dann hast du tatsächlich ein gewisses emotionales Gleichgewicht erreicht und bist weniger verletzlich geworden."




Matthieu Ricard



Leonard Cohen live - es ist nicht zu glauben















Er geht tatsächlich wieder auf Tour, ich fass es nicht! Und fängt damit ausgerechnet auf dem Marktplatz von Lörrach an. Leonard Cohen ist jetzt 73, und das letzte Mal, als er vor 15 Jahren in München in der Philharmonie gespielt hat, saß ich tatsächlich mit Gisèle und Burkhardt in der fünften Reihe. Ein paar Monate vorher hab ich ihn in Paris getroffen, zum Interview für den Playboy. War ein Auftrag, den mir der Ulli Jackus, damals noch Redakteur bei der noch nicht so heruntergekommenen Zeitschrift, hatte zukommen lassen. Wir hatten viel Spaß, der Cohen und ich, obwohl ich ne Stunde zu spät kam, weil der Flieger wegen Turbulenzen nicht landen konnte. Scheißgefühl, und ich glaube, das war einer meiner letzten Flüge überhaupt.






Inzwischen ist die Gisèle seit zehn Jahren tot, der Burkhardt hat sein unglückliches Leben nach Südafrika verlegt, der Ulli ist schon ewig nicht mehr beim Playboy, aber wir sind immer noch befreundet und trinken heute Abend zusammen vier Bier im Paradiso, er eines (wegen Autofahren), ich drei (wegen Fahrradfahren).





Über Leonard Cohen in Lörrach schreibt der taz-Mann René Zipperlen: "Gut zweieinhalb Stunden netto serviert der Grandseigneur der Schwermut ein Menü aus 40 Schaffensjahren, die großen Hits empfängt ein beseelt-berührtes Publikum aus großteils reiferen Damen mit ruhigen Männern auf dem ausverkauften Marktplatz wie einen Gnadenakt: von 'Suzanne' und 'Marianne' bis zum düster-bissigen 'The Future'."



Am 4. Oktober macht er sein Versprechen wahr: "First we take Manhattan, then we take Berlin." Am 7. Oktober nimmt er München.



Stefan Aust: Anstiftung einer Straftat

Ob da wohl ein Extrabuch draus wird? Gabriele Goettle liefert noch eine Fortsetzung über Dorothea Ridder, diesmal, indem sie Manfred Grashof reden lässt. Überschrift: "Die Praxis der Galaxis". Ridder hatte Grashof 1984 geheiratet, als er noch im Gefängnis saß. Grashof hatte bei einer Schießerei, bei der er selbst schwer verletzt wurde, einen Polizisten angeschossen, der drei Wochen später starb. Goettle lässt ihn einfach reden, das erste Mal, dass er überhaupt öffentlich wird. Er war 1988, nach 16 Jahren Haft, von Bernhard Vogel, dem damaligen Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz begnadigt worden, weil sich der katholische Gefängnispfarrer, Hubertus Janssen, für Grashof eingesetzt hatte.
Der weiß  es zu schätzen und sieht den Wandel im politischen Kllima seither: "Es ging ja um Resozialisierung. Damals wurde das teilweise noch ernst genommen. Inzwischen ist das nur noch Makulatur. Der Arsch hat ihn ja nicht begnadigt, den Klar, obwohl Peymann ihm am Berliner Ensemble eine Stelle angeboten hat."
Er spricht von Christian Klar, den Arsch muss ich ja nicht extra vorstellen.
Als Grashof 1988 zu seiner Frau nach Berlin zieht, gab's die ersten Fälle von AIDS in ihrer Praxis: "Das war für mich übrigens ein Schock, ich werde aus dem Knast entlassen und bin gleich mit HIV und dem ganzen Scheiß konfrontiert - und dann fällt auch noch die Mauer!"
Eine brisante Information, die zumindest für mich neu ist, enthält der Goettle-Zweiseiter über Manfred Grashof auch. Das hat mit Stefan Aust zu tun. Grashof erzählt, dass Dorothea Ridder erpresst wurde, und dass ihn das ziemlich fertiggemacht hat: "Ich bin richtig krank geworden, also nervlich. Das fiel zeitgleich mit dem sauberen Herrn Stefan Aust zusammen und seinem (Buch) 'Baader Meinhof Komplex'. Der hat mich ja total übers Ohr gehauen, die Drecksau! Keiner hat so viel Kohle mit der RAF gemacht wie der."
Grashof hatte es abgelehnt, mit Aust zu sprechen. Der schickte ihm dann später das Buch in die Zelle: "Ich finde da Sachen über mich, von denen er gar nichts wissen konnte! Aus einem top-secret psychologischen Gutachten, was ich grade mit Mühe und Not im Knast hatte über mich ergehen lassen."
Es stellt sich heraus, Aust "hat eine Angestellte meiner Anwaltskanzlei in Frankfurt zum Diebstahl veranlasst. Sie hat es für ihn aus meinen Akten geklaut. Sie flog dann zwar raus, aber da war es ja schon zu spät. Stellt euch das mal vor! Er ist ja investigativer Journalist. Hallo! Und dieser noble Herr gilt bis heute als seriös."
Tja, das kann man wohl sagen, dass Stefan Aust auch jetzt, nach seiner Zeit als Chefredakteur des Spiegel, aus unerfindlichen Gründen immer noch als seriös angesehen wird. Da wird Grashofs Information nichts dran ändern. Und juristisch ist Aust vermutlich ausm Schneider: Seine Aufforderung zur Straftat fällt möglicherweise unter die Abteilung "verjährt".
Ich konnte den Aust nie ausstehen, aber so eine Schweinerei hätte ich ihm nicht zugetraut. Obwohl ...
Grashof ist verbittert - kein Wunder, wenn man seine Geschichte kennt: "Wir wurden den drei Bullen, die uns in der Wohnung aufgelauert haben, minutiös angekündigt. Die hatten nämlich Funkkontakt zu denen, die draußen das Haus beobachtet haben. Also hätten sie mir im Dunkeln einfach eins über die Rübe geben können, zum Beispiel, und das wäre es dann gewesen, für alle Beteiligten. Aber die hatten Angst oder was, sie haben sofort geschossen. Das war völlig unprofessionell! Und ich hab' instinktiv reagiert, habe meinen Trommelrevolver gezogen und ins Dunkel gefeuert. Dann wurde ich in den Kopf getroffen, in den Arm und in die Brust."
Grashof glaubt, dass er die Geschichte der RAF hätte ändern können, wenn er nach der Entlassung zur Witwe des Polizisten gefahren wäre und ihr sein ehrliches Bedauern ausgesprochen hätte. Er hatte sich ja schon Ende der siebziger Jahre von der RAF distanziert. "Es lief dann aber ganz anders. Ich kam raus aus dem Knast nach 17 Jahren, komme nach Berlin, und am selben Tag erscheint die Bild-Zeitung mit riesengroßer Aufmachung, und da stand: '... Dafür habe ich kein Verständnis, der Mörder meines Mannes!' Und daraufhin habe ich mir gesagt, jetzt leckt mich doch alle am Arsch, davon will sowieso kein Mensch was wissen, was ich denke."
Er hat festgestellt, dass seine Reue politisch nicht gewollt war, "vom Staat nicht und nicht von unseren  Leuten. Vielleicht wäre das alles nicht passiert, was danach noch passiert ist. Das ging ja noch jahrelang weiter! So jetzt ist aber Schluss!"
Gabriele Goettle will noch wissen, wann er in die Ferien fährt, damit sie ihm die Belegexemplare der taz mit dem Interview nachschicken kann. "Er knurrt: 'Ich sage gar nichts mehr. Keine Adresse und nichts, ich bin unerreichbar!'"
Meine Güte, wie ich die Arbeit von Gabriele Goettle schätze! Und wie's der Zufall so will, höre ich beim Tippen genau dieser Zeilen in den Zwölf-Uhr-Nachrichten, dass ein Oberlandesgericht in Frankfurt die vorzeitige Entlassung von Birgit Hogefeld abgelehnt hat. "Wegen der Schwere der Schuld."




Mein ist die Rache, spricht der Staat.

--------------------------------Kommentar

Stefan Aust mochte ich nie wirklich, da ihm aus meiner Sicht immer der Makel der "St. Pauli Nachrichten" anhaftete und er aus dem Spiegel, dem Sturmgewehr der Demokratie, ein neo-liberales Hassblatt gemacht hat. Besonders grausam waren für mich die Artikel über den Osten Deutschlands insbesondere über Mecklenburg/Vorpommern...
Jan Schmager

Ciao, Küppersbusch!

Am Rand des Montagsinterviews mit Friedrich Küppersbusch habe ich gestern bei einer Antwort "Arsch" und bei drei Antworten "Blöd" notiert. Und zu seiner Erwähnung von Manfred Köhnlechner: "Ist seit 100 Jahren tot." Unter dem Interview steht: "Warum hab ich den mal gut gefunden?"
Das frag ich mich heute auch noch.

Das Böse


Kennen Sie noch "Ba-ba-banküberfall" von der Ersten Allgemeinen Verunsicherung? Da hieß es: "Das Böse lauert immer und überall." Daran musste ich denken, als ich den Kommentar "Feindbild Islamisierung" von Martin Riexinger, "Islamwissenschaftler an der Universität Göttingen" gelesen habe. Es geht um den türkischen Linksnationalismus "- ein Gemisch aus Staatsgläubigkeit, geopolitischen Sandkastenspielen, marxistisch gefärbter Rhetorik, aber auch offenen Rassismus gegen Kurden, Griechen, Armenier und Juden." Nein, nicht dass dieser Linksnationalismus in der Bevölkerung verbreitet wäre, eher im Gegenteil: "Von diesem Ideologiemischmasch fühlt sich zwar nur ein kleiner Teil der Bevölkerung angesprochen." Ja warum muss man denn dann einen Kommentar über türkischen Linksnationalismus in die taz setzen? Weil: "Aber dieser Teil gehört zur Elite."
Ja dann.

Paule! Pamela! Mona! Thomas!

Was verbindet Paul McCartney, Pamela Anderson, Mona Alderson und Thomas Schönberger? Sie ernähren sich vegetarisch und weisen unermüdlich darauf hin, dass die Viehzucht zum Zwecke fleischlicher Ernährung noch viel mehr zum Klimawandel beiträgt als die Autofahrerei. Thomas Schönberger leitet den Vegetarierbund in Deutschland (www.vebu.de), und er organisiert gerade den Welt-Vegetarier-Kongress in Dresden, der genau 100 Jahre nach dem ersten derartigen Ereignis stattfindet. Da kommen 700 Teilnehmer aus 35 Ländern, und egal, ob Sie eher mit Paul, Pamela oder Mona sympathisieren, so wie ich, oder mit dem Vorsitzenden des VeBu, die Botschaft ist dieselbe: Esst kein Fleisch!

Leser


Meist stellt sich ja auf der Leserbriefseite heraus, dass manche Leser der taz wesentlich sensibler sind, besser durchblicken und aufmerksamer Zeitung lesen als so mancher taz-Redakteur. Aber es gibt auch ganz schön dämliche Leute ganz ohne Durchblick in der taz-Leserschaft. So Uwe-Michael Kloss aus Köln, der zur Berichterstattung über Barack Obama schreibt: "Liebe Presse, hoffentlich werdet ihr wach und hört mit der Lobhudelei auf diesen Blender auf! Das ist ja nicht mehr zu ertragen! Ach ja, der nächste Dezernent, der für Köln gesucht wird, hält seine Bewerbungsrede in China oder so!"
Wenn jeder Satz mit einem Ausrufezeichen aufhört, werde ich sowieso misstrauisch. Aber auch wenn der Typ nix kapiert hat, möcht ich doch anfügen: So weit entfernt von der Wahrheit iss der Trottel gar nicht. Gestern hab ich gelesen, dass Herr Mehdorn, der mit Vornamen Bahnchef heißt, in den Vereinigten Arabischen Emiraten Gespräche über eine Beteiligung bei der Bahn führt. Da kann es dann schon bald wahr werden, dass sein Nachfolger eine Bewerbungsrede in Dubai oder sonstwo in einem arabischen Land hält.



Keine Kontrolle über Waffenexporte

Ute Scheub weist darauf hin, dass es sehr wohl möglich ist, Krisen in den Griff zu  bekommen und Kriege zu verhindern. Es gibt sogar einen Aktionsplan zur Krisenprävention vom deutschen Außenministerium (www.auswaertiges-amt.de). Dazu hat Scheub auch den Staatsminister Gernot Erler (SPD) befragt, und der muss zugeben, dass eine der "Schwachstellen" der Kleinwaffenexport aus diesem unserem Lande ist: "Er sei kontinuierlich gewachsen, der Endverbleib sei schwer zu kontrollieren. 'Ich gebe zu', so der Sozialdemokrat, 'darauf wissen wir noch keine Antwort.'"
Na, das klingt wenigstens ehrlich. Ein Skandal ist es trotzdem.

Söder? Nein danke!

Eine Seite Interview mit Markus Söder, dem großen Staatsmann aus Nürnberg, der sich als CSU-Generalsekretär dafür ausgesprochen hat, Horst Köhler abzuwählen, wenn er RAF-Terroristen begnadigt. Jetzt hat er in Nürnberg den Posten des Bezirksvorsitzenden übernommen, was wohl als Sprungbrett für höhere Aufgaben dienen soll. Weil ich ihm eh kein Wort glaube, will ich auch nichts zitieren. Das große Ganzsöderfoto von Uta Rademacher will ich aber erwähnen - besser kann man diesen arroganten Aufsteiger nicht abbilden. Das Gesicht macht mich frösteln.

Der Kerl verkörpert den Superlativ von aalglatt.



Kommentar

30. Juli 2008

Von wegen Luftnummer



Montag geschrieben, Dienstag schon veraltet, aus der Sicht von heute, Mittwoch, voll daneben: Ulrich Schulte hat mit seinem Kommentar auf Seite eins zu früh ejakuliert. "Die Ver.di-Luftnummer" klingt zwar flott als Titel zu ein paar vorschnellen Überlegungen zum Thema Einheitsgewerkschaft und Fachgewerkschaften, aber vom ersten Streiktag schon auf die Wirkungslosigkeit des Lufthansa-Streiks zu schließen, war ganz schön fahrlässig.
Interessant fand ich allerdings die Information, die Ulrich Schulte so ganz nebenbei eingestreut hat, dass nämlich die Firma Lufthansa "ihr operatives Ergebnis" im ersten Quartal um 422 Prozent gesteigert hat.
Äh, was war gleich noch mal ein operatives Ergebnis?
Na gut, wofür gibt's Suchmaschinen. Erst probier ich die neue cuil (wird, weiß ich aus der taz, ausgesprochen wie "cool", also kuhl). Da finde ich aber nur die Angaben von vielen Firmen, die ihr operatives Ergebnis bekanntgeben. Also doch wieder gegugglt, und siehe, hier hab ich was:
"Mit der Betriebsergebnisrechnung (operatives Ergebnis) wird nicht nur die Höhe des Ergebnisses ermittelt, sie ermöglicht auch die Analyse der Erfolgsquellen. Das Betriebsergebnis wird entweder nach dem Gesamtkostenverfahren oder nach dem Umsatzkostenverfahren ermittelt."
Wenn Sie jetzt noch wissen wollen, wie man das "operative Ergebnis" nach dem Gesamtkostenverfahren oder dem Umsatzkostenverfahren ermittelt, empfehle ich http://www.wirtschaftslexikon24.net/
Zumindest habe ich den Eindruck, dass die Lufthansa-Mitarbeiter sehr recht haben, wenn sie von den 422 Prozent von was auch immer ihren Anteil abkriegen wollen. In diesem Sinne:




Alle Räder stehen still
wenn dein starker Arm es will!



Oder, etwas zeitgemäßer:


Alle Flieger bleib'n am Boden
packt den Vorstand an den Hoden!



Nein. NEIN. NEEEIIIIN!

Wie soll ich Ihnen erklären, weshalb ich "Das geheime Tagebuch der Carla Bruni" für den größten Mist halte, der den gutwilligen Leser auf der wahrhaftiglich reichlich misthaltigen "Wahrheit"-Seite aufhält? Eigentlich verordne ich mir dienstags immer Halteverbot auf der letzten Seite. Nur damit Sie nicht glauben, das seien haltlose Vorhaltungen, muss ich heute halt innehalten und Ihnen kurz aus dem Inhalt zitieren: "Joseph. Seine Zunge. In meinem Mund. In meiner Achsel. Auf meinen Brüsten. Die Schwielen seiner Gärtnerhände, die kratzige Hornhaut, die wie ein Reibeisen meine Schenkel entlang fuhr. Fühle, wie sein großer, großer Penis an meinem Schenkel pulsiert. Immer wieder seine Zunge in meinem Ohr ... Ich weiß nicht wie lange ich so unter der Dusche gestanden habe." Halt. HALT. HAAAALT!


Ganz schnell weiterblättern.

Pressefreiheit

Auf der Medienseite erfahre  ich, dass in Colombo, der Hauptstadt von Sri Lanka, ein Journalist seit dem 7. März im Gefängnis sitzt. Das wussten Sie nicht? Ich vermute mal, die Zeitungen in Deutschland schreiben aus naheliegenden Gründen nichts darüber. Der Mann heißt nämlich Jayaprakash Sittampalam Tissainayagam. Sogar der taz ist es zu mühsam, den Namen Jayaprakash Sittampalam Tissainayagam mehr als ein Mal auszuschreiben, weshalb der Redakteur Sven Hansen statt Jayaprakash Sittampalam Tissainayagam einfach Tissa schreibt. Nun kann man ja verstehen, dass er Jayaprakash Sittampalam Tissainayagam nicht im Titel der Zweispaltenmeldung untergebracht hat, da war einfach nicht genügend Platz. Deshalb steht da nur "Ein Beispiel namens Tissa" drüber, und nicht "Ein Beispiel namens Jayaprakash Sittampalam Tissainayagam".
Aber stimmt das denn inhaltlich? Kann ein Mann mit dem Namen Jayaprakash Sittampalam Tissainayagam einfach als Beispiel gelten? Ich finde, wenn jemand Jayaprakash Sittampalam Tissainayagam heißt, spricht das für seine Einzigartigkeit. Oder kennen sie noch jemanden namens Jayaprakash Sittampalam Tissainayagam? Ich jedenfalls habe den Namen Jayaprakash Sittampalam Tissainayagam in der taz zum ersten Mal gelesen. Und werde Jayaprakash Sittampalam Tissainayagam nicht so schnell vergessen. Man muss
Jayaprakash Sittampalam Tissainayagam unbedingt laut vor sich hinlesen, um einen Eindruck von der Musikalität des Singhalesischen zu bekommen (wobei ich einfach mal annehme, dass Jayaprakash Sittampalam Tissainayagam ein singhalesischer Name ist).
Wahrscheinlich haben die Sri-Lankesen in der Regierung gedacht, dass über Jayaprakash Sittampalam Tissainayagam sowieso niemand berichten wird. Da haben sie sich gründlich getäuscht. Ich hätte denselben Appell hier veröffentlicht, wenn sie Sabine Leutheusser-Schnarrenberger oder Katharina Krawanga-Pfeifer eingesperrt hätten.
Wäre ja noch schöner.
Ich appelliere hiermit an die Regierung von Sri Lanka,  Jayaprakash Sittampalam Tissainayagam sofort freizulassen:
Freiheit für Jayaprakash Sittampalam Tissainayagam!



-----------------------------------------------------Kommentar
Donnerstag, 31. Juli 2008, 10:40

Was für ein Link! Es müssen Freudentränen sein, die mir gerade die Wangen herunterlaufen; es ist eine Art, durchzudrehen, die mir sehr sympathisch ist! This made my day, wie wir heute sagen!


nnier



Parsifal total


Eine glänzende Opernkritik auf den Kulturseiten: Joachim Lange schreibt über die Neuinszenierung von "Parsifal" in Bayreuth. Das gehört zum Besten, was ich in meinem Leben über Opern gelesen habe. Und diese Aufführung wohl zum Stand der Dinge, was Operninszenierungen angeht. Deshalb sei hier noch der Regisseur fett gedruckt erwähnt: Er heißt Stefan Herheim und stammt aus Norwegen. Was der da in Bayreuth auf die Bühne gebracht hat, sprengt alle Vorstellungen, allein wenn man liest, was Joachim Lange darüber schreibt. Phantastisch.

Guten Morgen!

Vor etwa fünf Jahren hätte ein wacher Journalist einen Artikel so anfangen können, und manchem Leser etwas Neues erzählt: "Von der 'Wiederkehr der Religionen' ist oft die Rede. Schon der Blick in eine gut sortierte Buchhandlung lehrt, dass diese Wiederkehr zumindest auf dem Buchmarkt bereits angekommen ist."
Das schreibt Rudolf Walther am 29. Juli 2008 in der taz. Ich weiß nicht, wo er die letzten Jahre verbracht oder wie lange er keine Buchhandlung mehr von innen gesehen hat.
Jedenfalls schön, dass Sie wieder da sind, Herr Walther, und Guten Morgen!



Bavarica. Nix monacophob!

Was bisher geschah: Hier im tazblog habe ich vor einigen Monaten (gefühlte vergangene Zeit: Jahre) behauptet, die taz-Redaktion wäre im Allgemeinen Berlin-zentriert und monacophob. Dass damit eine Abneigung gegen München gemeint war, wissen selbst norddeutsche Leser, die im Färnseh die Serie "Monaco Franze" mit dem, so heißt das hier immer, "einmaligen, viel zu früh verstorbenen" Helmut Fischer gesehen haben. Also monacophob, und viel zu wenig wird aus Bayern und München berichtet, meist nur über Bayern München. So klagte ich.


Dieser Zustand hat sich nach meiner nach Norden gerichteten Klage radikal verändert. Naja, die Serie "Schwabinger Krawall" von Michael Sailer, dieses Juwel auf der Wahrheitseite, lief schon lange davor. Aber neulich hatte die taz gleich auf fünf (5) Seiten Artikel und Reportagen über Vorkommnisse und Verhältnisse in Bayern. Bin ich daran schuld? Wollen die sich bei  mir einschmeicheln, damit ich sie nicht in die Pfanne haue wie neulich den Wolfgang Kraushaar?
Wenn ja, dann haben sie es geschafft, und zwar mit dem grandiosen Artikel von Rudolf Stumberger über den ersten bayerischen Ministerpräsident, den Begründer des Freistaates Bayern, Kurt Eisner. Dieser brave Mann hatte am 8. November 1918 die Monarchie abgeschafft, indem er die Worte sprach: "Bayern ist fortan ein Freistaat." Punkt.
Stumberger schreibt über Eisner, weil es ganz danach aussieht, als ob ihm die Stadt München 90 Jahre nach seiner Ermordung doch endlich ein Denkmal errichtet. Wir werden sehen. Aber mir ist jetzt sehr danach, in Jubelgesänge über diesen tollen Artikel auszubrechen, über die Klassefotos, eines vom bärtigen Eisner, eines von der Menschenmasse, die sich an der Stelle eingefunden hat, wo er ermordet wurde (gleich in der kleinen Straße neben dem Hotel Bayrischer Hof). Jubeln möchte ich, weil alles stimmt in dem Artikel von Rudolf Stumberger, alle historischen Daten, die Atmosphäre, die politische Haltung des Autors, und die Fülle an Informationen, die mich zum atemlosen Weiterlesen hineinzogen, obwohl ich immer geglaubt habe, ich wüsste schon alles über die Räterepublik und Eisner und 1919. Ein gut geschriebener, hervorragend recherchierter Beitrag, tvF*!
Der CSU-Landtagsabgeordnete Rudolf Hundhammer, der 1989 vehement gegen eine Gedenktafel für Kurt Eisner eintrat, begründete seine Ablehnung so: "Eisner habe mit einem 'Haufen Linksradikaler, Kommunisten und Anarchisten' die Macht an sich gerissen, das Attentat auf ihn sei das Signal zur Ausrufung der Räterpublik gewesen."
Die Ehre solcher Feinde kann Kurt Eisner keiner nehmen.
Jetzt wollen Sie vielleicht noch wissen, was an dem Kurt Eisner so toll war. Ich kann Ihnen nur sagen, ich empfand ihn, bis auf den Rauschebart, immer als Vorbild. Stumberger zitiert den Historiker Bernhard Grau: "Eisner ist nicht nur die 'zentrale Figur bei dem Sturz der Monarchie in Bayern', sondern eine historische Person von überregionaler Bedeutung, die weit außerhalb Bayerns auf Aufmerksamkeit stößt. Vom Charakter her sei Eisner, Journalist und Schriftsteller, von 'unangepasster Natur', ein 'unabhängiger Geist' gewesen, der 'gerne gegen Autoritäten aufbegehrt' habe."
Dergleichen würde ich gern dereinst über mich lesen.
* taz vom Feinsten!

Zitat

"Wer will schon Obama, wenn er Kurt Beck haben kann?"
taz.de-User "Rhodes"

Kompostierbarer Airbus

Die Serie "Leben ohne Rohstoffe", deren vierte Folge Friedrich Schmidt-Bleek schreibt, zeichnet sich durch eine gute Auswahl von höchst anregenden Autoren aus - auch wenn Carl Christian  von Weizsäcker eher zum Aufregen war. Schmidt-Bleek plädiert dafür, nicht Symptome zu kurieren und immer nur nach der Lösung einzelner Probleme zu suchen (CO2, Feinstaub, Getränkebehälter), sondern eine Systemkorrektur vorzunehmen: "Politik muss dafür sorgen, dass die Wirtschaft innerhalb der ökologischen Leitplanken eingerichtet wird. Die Wirtschaft darf den Gesetzen der Natur nicht widersprechen. Entsprechend sind fiskalische und ökonomische Anreize auszugestalten. Denn das bisherige Vorgehen hat dazu geführt, dass die reichsten 20 Prozent der Menschheit zu 80 Prozent dafür verantwortlich sind, dass die ökologische Risikoschwelle der Erde bereits überschritten ist." Bei aller Liebe zu den biologisch abbaubaren Bezügen für Flugzeugsitzen von Michael Braungart, meint Schmidt-Bleek, es fehle ihm die Phanatasie, sich einen "kompostierbaren Airbus A 380" vorzustellen.
In dem Song "Ihre Kinder", geschrieben vor 18 Jahren, heißt es:

Der Geist des Menschen bringt Unheil nur
als Feind und Gegner der Natur
macht euch die Erde untertan
war der falsche Weg von Anfang an

Ich sing's Ihnen gern vor, wenn Sie mal vorbeischauen.

Leser: Feuchte Höschen

Gegen die Obamanie richtet sich Leser Michael Plaumann aus Friedberg: "Nein, hier bekommen keine Teenies feuchte Höschen, wenn Franz Walter Steinmeier aus seiner Limousine steigt, und das ist auch gut so und soll unbedingt so bleiben."
Lieber Herr Plaumann, keine Sorge, das wird mit Sicherheit so bleiben. Manche Teenies mögen zwar leicht beknackt sein und mit Leuten wie Bill Wyman und Ron Woods in die Betten steigen, aber so beknackt, wie sie befürchten, sind die auch wieder nicht.

CDU-Sorgen

In den Regalen von Rewe gibt es Schnäpse mit den Namen "Agitator", "Subotnik" und "Schwarzer Kanal". Ich finde das saukomisch, muss doch nachher gleich mal gucken, ob's die da unten am Kufsteiner Platz auch gibt. Vielleicht nehmen sie die Flaschen bald raus, denn: Ein General Rolf Hilke von der Brandenburger CDU hat bemängelt, dass diese Feuerwasser "sich vollkommen unkritisch mit der DDR auseinandersetzen."
Ob der General etwas zu viel Cognac Napoléon erwischt hat?

Kommentar




31. Juli 2008


Erledigt





So ein schöner Einstieg: "Eine Wohnung, hat der Hubsi gesagt, sei zu einer Kneipe auf die Dauer keine Alternative." Und die nachfolgende Episode aus Michael Sailers unendlicher Serie "Schwabinger Krawall" auf der Wahrheit-Seite hält, was der Einstieg verspricht. Grad schee, dieses Mal, und wenn man dem alkoholbedingten Mäandern der beiden Schwabinger Typen Hubsi und Jackie folgt und die Getränke zählt, landen sie nach fünf Caipis doch wieder in der Schwabinger 7, weil sie bei der Veranstaltung "diverser Bosse" rausgeflogen sind. Die Pink Lady hatte dem Jackie nämlich gesagt er sei "erledigt, wenn er sich nicht auf der Stelle verpisse, in diesem Fall wahrscheinlich auch." Da trinken sie dann noch drei Bier in der Sieben und zünden sich Zigaretten an, und dem "BWL-Esoteriker, der sie auf das Rauchverbot aufmerksam macht", geben sie auf ihre unnachahmliche Verlierer-kopiert-Sieger-Art deutlich kontra.
"Schwabinger Krawall" ist "Monaco Franze", je nach Blickwinkel auf- oder abgestiegen ins Proletenmilieu, und in die Gegenwart verlegt.
Wie gesagt: grad schee, was der Michael Sailer da in der Berliner taz über die Schwabinger schreibt!

Boxer, deutsch, olympisch



Das deutsche Boxteam in Peking, so erfahre ich auf der Seite "leibesübungen", besteht lediglich aus vier Boxern. Deutschland wird vertreten von Konstantin Buga (Herkunftsland: Kasachstan), Jack Culcay-Keth (Ecuador), Wilhelm Gratschow (Usbekistan) und Rustam Rashimov (Tadschikistan).Man kann wohl nicht behaupten, dass Boxen in Deutschland ein Volkssport ist.


Flick für 64,80 Euro



Eigentlich schreibt sie ja über Kunst, die taz-Redakteurin Brigitte Werneburg, aber sie weiß auch, dass Kunst so politisch ist wie das sogenannte Private. Erst recht, wenn es um die private Kunstsammlung eines Mannes geht, dessen Onkel, Friedrich Flick, der größte Rüstungsindustrielle des Dritten Reichs war. Und, damit  nicht genug, diese Kunstsammlung landete auch noch per Vertrag zwischen dem Neffen, Friedrich Christian Flick, und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in den Räumen der Staatlichen Museen zu Berlin. Man erinnert sich: Kanzler Gerhard Schröder kam zur Eröffnung.


Brigitte Werneburg schreibt über den zwischen den Museen und Flick ausgehandelten Deal: "Insbesondere seine allzu geschickt orchestrierte Durchführung, mit der eine Diskussion über die Figur des Familienpatriarchen sowie zur Weigerung F. C. Flicks, in den Zwangsarbeiterfonds der deutschen Wirtschaft einzuzahlen, vermieden werden sollte, erregte öffentliches Ärgernis." Um dem die Spitze zu nehmen, kam der Präsident der Stiftung, Klaus-Dieter Lehmann, auf die Idee, eine wissenschaftliche Aufarbeitung, "Der Flick-Konzern im Dritten Reich" in Auftrag zu geben, finanziert von - Friedrich Christian Flick. Kosten: eine halbe Million Euro.
Das Institut für Zeitgeschichte München-Berlin nahm sich der Sache an, herauskam ein tausend Seiten dicker Wälzer, der nachweist, dass Friedrich Flick und die Nationalsozialisten eng zusammengearbeitet haben, bis hin zu Gesetzentwürfen, die Flick in Auftrag  gegeben hatte, und die von den Nazis übernommen wurden. Das Wachstum seines Konzerns (an die 80 Prozent) verdankte er der geschickten Aushebelung des Wettbewerbs mit Hilfe der Machthaber. Aber nicht immer ging es ihm ausschließlich um persönliche Bereicherung: "Ohne selbst eine rassistische oder antisemitische Einstellung zu pflegen und im Einzelfall entgegen den eigenen ökonomischen Interessen, waren ideologisches und politisches Einvernehmen mit den Nazis und ihrem Programm unabdingbare Grundvoraussetzung von Flicks Erfolg."
Irgendwie hab ich das Gefühl, dass ich nichts Neues erfahre, und auch der fast nahtlose Übergang ins Nachkriegsdeutschland war und ist eigentlich bekannt. Flick wurde zwar zunächst als Kriegsverbrecher verurteilt, aber rasch begnadigt. Das wird schön verdeutlicht auf dem Foto aus dem Jahr 1953, auf dem Friedrich Flick froh  gelaunt mit drei weiteren Herren und dem noch froher gelaunten Alois Hundhammer, dem Präsidenten des bayerischen Landtags, CSU, am Biertisch sitzt, und das hundertjährige Jubiläum der Maxhütte, dem Eisenwerk in der Oberpfalz begießt. Man trinkt aus Maßkrügen von Hofbräu. Daneben die Ehrenbürgerurkunde der Industriestadt Maxhütte für Flick vom Juni 1953. Die Geschäfte gingen weiter, business as usual.
Der Neffe war inzwischen um die dringend nötige Verbesserung seines öffentlichen Erscheinungsbildes bemüht und gründete 2001 die "F. C. Flick Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz" und stattete sie mit einem Grundvermögen von zehn Millionen Euro aus. Werneburg in der taz: Die Stiftung "hat seither viele richtungweisende Projekte in der brandenburgischen Schüler- und Jugendarbeit gefördert."



"Der Flick-Konzern im Dritten Reich" hat 1.018 Seiten und ist im Verlag Oldenbourg in München erschienen. Das Buch kostet 64,80 Euro.

Gar net ignorieren


Die Kolumnen auf der zweiten Seite von tazzwei sind von sehr unterschiedlicher Qualität, manche grottenschlecht und voll daneben. Bei 28 Grad im Arbeitszimmer ohne Lufthauch durch alle offenen Fenster und die ebenfalls offene Balkontür, beschließe ich, über die Spießer-Kolumne von Anja Maier heute gar nichts zu schreiben. Erwähnenswert: Das Wort Pubertistin kommt nicht vor. Danke, Frau Maier, sehr rücksichtsvoll. Fußball, politisch


Was soll ich davon halten, dass der FC St. Pauli in der Tageszeitung "die tageszeitung" als "linker Rüpelverein" bezeichnet wird?
Ich weiß es nicht.

Das Ersatzthema

Es qualmt aus dem Sommerloch: Schon wieder ist das alte Skakespeare-Zitat "to smoke or not to smoke, that is the question" ein Thema, überall. Max Tidof wird halbseitig per Interview gefragt, weshalb er in Karlsruhe gegen die Einschränkung seiner persönlichen Freiheit geklagt hat. Dem Schauspieler, bekannt von Film und Fernsehen, der in seinem Garten einen selbstgebauten Pizzaofen stehen hat, geht's gar nicht so sehr um Gaststätten, er will auf Reisen rauchen dürfen, fordert die Rückkehr des Raucherabteils bei der Bahn und die freie Entscheidung des Taxifahrers, ob er ein Rauchertaxi fahren will oder nein, danke, bei mir keine Fluppen.
Bei vierzig Zigaretten am Tag kann ich mir schon vorstellen, dass er auf langen Bahn- und Taxifahrten kribblig wird, der arme Kerl (ah, übrigens, Max, bevor ich's vergesse: danke für die Pizza!).
Aber Tidof geht's grundsätzlich auch darum, dass er die Reglementierungs- und Überwachungswut des Staates ablehnt, und eher dafür plädiert, dass man den Leuten ihre Entscheidungsfreiheit lässt. Rauchen "ist eine Kulturform. Eine Bar ohne Aschenbecher und ohne mondäne Damen, die an ihren Zigaretten ziehen - das ist furchtbar." Und weil er in einer Filmwelt lebt, in der Zigarren- oder Zigarettenrauch auf der Leinwand oder im Fernsehen wirklich niemand belästigen, sieht er den Kulturverfall mit Wehmut: "Ein Winston Churchill ohne Zigarre, eine Marlene Dietrich oder Humphrey Bogart ohne Zigarette ... Oder später Jean-Paul Belmondo in 'Außer Atem' - da ist die Zigarette doch die halbe Miete gewesen!"
Da sind wir mit Max Tidof bei ästhetischen Fragen gelandet. Vielleicht kann man ihm ja weiterhin Zigarettenkonsum ins Drehbuch schreiben, und eine "Tatort"-Folge in einem Münchner Raucher-Club spielen lassen. Falls dir ein Kellerlokal recht ist, lieber Max, dann schau doch mal bei "Ramo" am Pariser Platz vorbei. Bei dem hat's nie Rauchverbot gegeben, und das bleibt auch so: "So lange ich Wirt bin, können die Leute hier rauchen." Die türkische Küche ist exzellent, der Rauchabzug funktioniert ganz hervorragend: "Bei mir hat sich noch kein Nichtraucher beschwert."
Montag ist Ruhetag.



Das Bush-Merkel-Duo: Energie I


Im Frühjahr gab's die ersten Diskussionen über die rasant gestiegenen Lebensmittelpreise. Man erinnert sich: Der große Staatsmann George W. Bush machte dafür die wachsende Nachfrage in China und Indien verantwortlich. Die große Staatsfrau Angela Merkel pflichtete ihm bei und machte die Inder dafür verantwortlich, weil die jetzt zwei Mahlzeiten täglich zu sich nehmen. Selten habe ich was Dämlicheres von dieser Frau gelesen.
Nun hat die Weltbank bestätigt, was Fidel Castro schon im vergangenen Jahr geschrieben hatte: Der Anbau von Nahrungspflanzen zur Verwendung als Biokraftstoff in den USA und Europa ist zu 70 bis 75 Prozent verantwortlich für die weltweit gestiegenen Lebensmittelpreise.
Kein Wunder, dass solche Meldungen auf Seite 9 verbannt werden und die Zeitungen und Fernsehsender die Titelseiten lieber mit Meldungen über Rauchverbote in Gaststätten schmücken. Fidel Castro nannte den Anbau von Lebensmitteln, um damit Kraftfahrzeuge anzutreiben, einen der perversesten Auswüchse des Kapitalismus.
Haben Sie das auf irgendeiner Titelseite gelesen?




Rekordprofit für Öl-Multis: Energie II

Nachrichten auf Bayern 4 Klassik: "Der Preis für ein Fass Rohöl hat sich innerhalb der letzten zwölf Monate verdoppelt."
Kleine Meldung auf der Seite "wirtschaft und Umwelt" in der taz: "Der Ölkonzern BP hat allein im zweiten Quartal 2008 einen Gewinn von rund 6 Milliarden Euro eingefahren. Das entspricht einem Anstieg von 28 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Der Gesamtumsatz ist in den drei Monaten auf 110,98 Milliarden geklettert."


Das bedeutet, dass von meinen Mitmenschen zur Bewahrung und Weiterführung ihres gegenwärtigen Lebensstils 28 Prozent mehr Benzin und Diesel verbrannt wurden. Und das bedeutet, dass alle Informationen, wissenschaftlichen Studien, Beteuerungen von Politikern und Programme von G8- und Klimagipfeln, die die Katastrophe verhindern sollen, Makulatur sind.
Es ist alles für die Katz. In Untergiesing ist ein Fahrrad umgefallen.
"Ois für die Katz" war der erste Eintrag für dieses tazblog im April überschrieben. Vielleicht sollte ich wieder einmal an Kurt Vonnegut erinnern. Der sagte in seinem letzten Interview, es sei zu spät: Wir hätten den Punkt zur Umkehr schon längst überschritten. Vonneguts Gedicht Requiem, geschrieben kurz vor seinem Tod im April 2007, hört so auf:



When the last living thing
has died on account of us,
how poetical it would be
if Earth could say,
in a voice floating up
perhaps
from the floor
of the Grand Canyon,
«It is done.»

People did not like it here.


Wenn das letzte Lebewesen
wegen uns gestorben ist,
wie poetisch wäre es doch,
wenn die Erde dann
mit einer Stimme, die vielleicht
vom Boden
des Grand Canyon aufsteigt,
sagen könnte:
«Es ist vollbracht.»

Den Menschen hat es hier nicht gefallen.


Kommentar






 

























 




















 




















 





Achtung: tazblog! 1. 7. bis 15. 7. 2008
09.07.2008 16:07:08

1. Juli 2008

Unbeleckt

Sie weiß noch nichts vom EM-Finale, die taz von gestern. Dabei hätte doch Deutschland Europameister werden müssen - schon weil der Name des
Landes
genauso viele Buchstaben hat wie eine Fußballmannschaft Spieler.
Auf Zahlenmagie kann man sich selten verlassen, außer wenn die 23 ins
Spiel
kommt. Bei ARD-Sport
finde ich den Satz: "In der 23. Minute war es der Pfosten, der ein Tor durch Fernando Torres verhinderte."

Noch mal: Obama

Ein sehr informatives, sachliches, in meinen Augen genau richtiges Interview zur Politik von Barack Obama steht ganz hinten im Kulturteil. Oliver Pohlisch spricht mit der  US-amerikanischen Soziologin Saskia Sassen über die Hintergründe von "Yes we can!" und "Change". Sassen sieht die Veränderungen, die seit Bushs Amtsantritt eingetreten sind, und der Zeitgeist steht auf Obamas Seite. Die Menschen in den USA wissen trotz der beständigen Medienmassage, "dass die Wirtschaft massive Reichtümer und zugleich massive Armut produziert und dass all dieser Missbrauch von Macht und Vermögen sich an der Grenze zur Illegalität bewegt. Obama ist sicher kein Radikaler, aber ein Pragmatiker mit einem tiefen Sinn für soziale Gerechtigkeit, der sich anschickt, grundlegende Änderungen im Rahmen der kapitalistischen Marktwirtschaft in Gang zu setzen. Innerhalb dieses Rahmens gibt es in den USA eine Menge Raum für Verbesserungen. Im Gegensatz zu Deutschland und anderen Ländern Westeuropas sind die USA nämlich eine Marktzone in Wildwestmanier."

Deutschland sucht den Superdichter

Wettlesen in Klagenfurt. Dieter Bohlen unterbricht Ulf Erdmann Ziegler gnadenlos, Heidi Klum beklagt sich, dass die Veranstaltung nicht "Germany's Next Top Poet" heißt, und der Sieger ist ... Tilman Ramstedt. Der bedauernswerte Dirk Knipphals musste für die taz ins südliche Österreich fahren und von dem Superevent berichten, und so erfährt der Leser über den Preisträger auch noch, dass er als Musiker bei der Gruppe Fön mitspielt. Wahrscheinlich hat er die Jury einfach weggeblasen. Jetzt kriegt er 25.000 Euro überwiesen. Dafür muss ein Gitarrist schon ne ganze Weile Akkorde greifen und Saiten zupfen.

Kolumnerei

Manchmal geht mir der Friedrich Küppersbusch bei aller Liebe mit seiner gewollten Originalität im Montagsinterview ganz schön aufn Wecker. Aber ein oder zwei witzige Gedanken sind immer drin. So wie die Antwort auf die Frage, ob man dem Ex-Grünen Oswald Metzger für seine CDU-Karriere die Daumen drücken sollte: "Ihm seine? Ich lehne mittelalterliche Foltermethoden ab."
Darunter die Kolumne von Arno Frank mit dem Titel: "Er rieb mein Glied." Könnte das bitte noch ein bisschen verklemmter formuliert werden? Frank erläutert, wie üblich flott und handwerklich einwandfrei formuliert, weshalb er sich nicht mehr für Fußball interessiert. Perfekt missbrauchtes Handwerk. Wenn ich nur wüsste, weshalb mir diese nassforsche Schreibe so unangenehm auffällt. Das liest sich immer so, als wäre der Autor unerschütterlich von sich überzeugt.
Sternspiegelzeit-Stil. Dabei treffen die Beispiele alle zu, die er für die Phrasendrecherei der Fußballexperten anführt. Aber  dann erählt er, weshalb er Fußball nicht mehr mag: Weil "ein besorgter Schiedsrichter mir, dem damals 14-jährigen, vor versammelter Mann- und Elternschaft eine so fragwürdige Erste Hilfe angedeihen ließ, dass ich sie nicht näher zu beschreiben wage und die Schande bis heute nicht verwunden habe." Daher die verklemmte Überschrift.
Ich glaub's ihm einfach nicht.

Die spinnen, die Amis

Zwei recht erfreuliche Entscheidungen des Obersten US-Gerichtshofes in den letzten Wochen zeigen, dass es auf dem Papier in den USA doch noch den Rechtsstaat gibt. In dem einen Urteil hieß es, die Todesstrafe für Kinderschänder sei nicht mit der Verfassung vereinbar. Dagmar Herzog weist in ihrer Kolumne "Wechseljahr" auf die zweite Entscheidung hin: "Der oberste Gerichtshof hatte mit knapper Mehrheit entschieden, dass die Gefangenen in Guantanamo Bay das Recht hätten, in zivilen Gerichten den Grund ihrer Festnahme zu erfahren, bevor sie vor Militärtribunale gestellt werden. Nach sechs Jahren, in denen die Bush-Regierung den Antiterrorkrieg nach ihren Regeln gespielt hat, war endlich Einhalt geboten."
Deprimierend Herzogs Bericht von der Reaktion der Fernsehsender: "Die Berichterstatter taten erstaunt und verstört. Wie konnte es bloß dazu kommen, dass der Gerichtshof dem Präsidenten so die Hände bindet?"
Wie schon neulich hier zitiert, äußerte John McCain, Gegner von Barack Obama bei der Präsidentschaftswahl, sein Unverständnis: Diese Leute in Guantanamo seien doch nicht einmal US-Bürger. Das sind die Kräfte, gegen die Barack Obama angetreten ist. Sie werden es ihm nicht leicht machen, seine Ziele zu erreichen.

Neues aus dem Salon

Ach, sie hat ja sooo recht, die taz-Autorin Petra Schellen. Sie beschreibt den Horror, der sie bei der Besichtigung des neuen Maritimen Museums in Hamburg überkam. Peter Tamm, der Exvorstandsvorsitzende des Axel-Springer-Verlags frönt da anscheinend hemmungslos und nicht nur ungehindert, nein, sogar öffentlich mit 30 Millionen gefördert, seiner Vorliebe fürs Militärische: "Tamm zielt explizit auch auf junge Besucher. Etliche werden von all der Heldenhaftigkeit und den monströsen Militaria beeindruckt sein. Die Marine als Perspektive, Krieg als gangbares, sogar 'notwendiges Mittel' - all das wird hier salonfähig gemacht. Eine fatale Ideologie."
Petra Schellens Empörung hat schon etwas Rührendes. Das Museum entspricht offenbar dem, was inzwischen alle Parteien im Bundestag (außer der Linken) für "gangbar" halten. Die Zeiten haben sich geändert, zumindest bei "denen da oben".
Unten sieht's anders aus. Laut Umfragen sind immer noch 70 Prozent der Bevölkerung gegen Kriegseinsätze der Bundeswehr. Die haben aber meist keinen Salon zu Hause, auch wenn das Wort "salonfähig" unter Journalisten geradezu inflationär um sich greift.  Weshalb sich das vorzüglich als Übergang eignet. Auf der Meinungsseite daneben steht nämlich ein Kommentar mit der Überschrift: "Demokratieverachtung wird salonfähig".

Diese Art Demokratie

Eine Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung hat ergeben, dass jeder dritte Bürger im Westen und jeder zweite in Ostdeutschland nicht mehr daran glaubt, dass Demokratie die Probleme in diesem Land lösen kann. Dazu steht ein Bericht auf Seite 2 und ein Kommentar auf Seite 12 mit dem Titel
"Demokratieverachtung wird salonfähig". "Demokratie und Wohlstand" - diese beiden Begriffe, so meint Matthias Lohre auf der Meinungsseite meinen zu müssen, "gehören nicht notwendig zusammen".
Das stimmt insofern, als auch in Diktaturen die Reichen reicher werden. Aber die Grundidee der Demokratie hat sehr wohl mit der Idee vom "Wohlstand für alle" zu tun, und damit war bis vor Helmut Kohl und Gerhardjoseph Schröderfischer eine "gerechte" Verteilung des gesellschaftlich erarbeiteten Reichtums gemeint, immer auch unter Berücksichtigung des "unternehmerischen Risikos". Das war mal das "Soziale" an der ansonsten weithin akzeptierten deutschen Marktwirtschaft. Nun hat sich das grundlegend verändert, wie jeder weiß, der sich nicht nur im Salon aufhält und die veröffentlichte Meinung für die öffentliche hält.
Ich glaube nicht wie Lohre und andere Interpreten der Umfrage, dass es um eine allgemeine Verachtung der Demokratie geht. Verachtet wird diese besondere Art von "Demokratie", "das System", wie es Hans Herbert von Arnim nennt: Die Selbstbereicherung der politischen Klasse, die gleichzeitig Armut befördert und die Kapitalbesitzer aufpäppelt. In diesem Zusammenhang von einer "tatsächlichen oder eingebildeten Bedrängnis" der Mittelschicht zu schreiben, wie Matthias Lohre das in seinem Kommentar tut, qualifiziert ihn als Zyniker. Von welch hohem Ross aus blickt dieser Herr denn auf "die Mittelschicht" herab? Von Einbildung kann nun wirklich nicht mehr die Rede sein. Interessant seine Anmerkung, "gerade weil die Zustimmung schleichend erodiert, wird auch jetzt ein aufrüttelnder Aufschrei ausbleiben. Das sollte schockieren."
Wen sollte das schockieren? Vielleicht die SPD-Politiker, die ihr Bundestagsmandat verlieren. Bestimmt nicht die Ackermänner und Wiedekings oder die Diehls und die Hecklers & Kochs und die Manager von Rheinmetall oder wie die Kriegsgewinnler von der deutschen Rüstungsindustrie sonst noch heißen. Letzteren ist das politische System so egal  wie die wechselnden Regierungen. Unter Hitler ging's ihnen gut, und als endlich Rot-Grün an die Macht kam, ging's ihnen gleich besser als unter Kohl. Jetzt sind sie wieder Europameister beim Rüstungsexport, wie das Greenpeace Magazin neulich verbreitete.
Vielleicht "sollte" das, zumindest beim Kaffeekränzchen, "betroffen machen"? Und dann? Mal ein paar praktische Überlegungen anstellen, wie man das Pack, das sich die Demokratie unter den schmutzigen Parteiennagel gerissen hat, zum Teufel jagen könnte? Das sollte schockieren.

Zukunftsaussichten

"Die Linke hat nach Ansicht von Grass keine Zukunft", entnehme ich einer dpa-Meldung. Gemeint ist der Günter, der als Schriftsteller seine Zukunft schon seit der "Blechtrommel" hinter sich hat, und sich 2009 "weiter für die SPD stark machen" will. Damit rückt wohl Jürgen Möllemanns "Projekt 18 Prozent" für die SPD von oben her in greifbare Nähe.

Zitate

"Der Reformbegriff ist jedenfalls völlig verbrannt. Wenn die Leute Reformen hören, halten sie nur noch ihre Portemonnaies fest."

"Die Parteien, insbesondere die Volksparteien, haben es nicht geschafft, die Reformen der vergangenen Jahre einzuordnen in eine Gersamterzählung. Ihnen ist nicht gelungen, all diese Einzelmaßnahmen zu erklären. Warum sie notwendig sind, selbst wenn sie weh tun. Die Leute sehen nur, dass sie jetzt 10 Euro beim Arzt zahlen müssen oder erst mit 67 in Rente gehen dürfen."

Frank Karl von der Friedrich-Ebert-Stiftung, Leiter der Studie über das Demokratievertrauen

Ciao!

Bis morgen, wenn der große deutsche Philosoph Jens Lehmann gewürdigt wird.

2. Juli 2008

Schlussball

Hiermit wird auch hier die EM feierlich beendet, nachdem gestern noch ein Hauch von Schwarzrotgold über dem Blog lag. Die Sonderseiten der taz waren manchmal too much, aber der Abschluss gestern einfach grandios: Die Analyse des Endspiels von Markus Völker (beinah hätte ich Völler geschrieben) gehört zu tvF*. Und wer für Ronald Reng die Seiten öffnet, holt sich einen der besten Fußballschreiber überhaupt ins Haus: "Das Spanien des Luis Aragonés war nicht die Zukunft des Fußballs, sondern bloß eine Sehnsucht, die sich einmal auf wundersame Art erfüllt hat. Sanft wie ein Hauch wird sie entgleiten, und man wird sich schon bald fragen: War es wirklich wahr?"
So was hat was.
Schön auch der kleine Beitrag von Maryam Schumacher, in dem sie von "ihrem" Endspiel berichtet: In einer Berliner Kirche kamen 200 Leute zusammen, um sich das Endspiel als Stummfilm mit improvisierter Orgelbegleitung anzusehen. Wegen solcher Beiträge lese ich die taz.
Was "mein" Endspiel anbelangt: Zum ersten Mal hab ich ein ganzes Fußballspiel als "very private viewing" angeguckt, auf meinem Laptop, den Livestream der ARD. Die Qualität war okeh. Weil ich eh kurzsichtig bin und eigentlich eine neue Brille bräuchte, hab ich den Ball besser gesehen als bei meinem Kumpel Peter vorm Fernseher oder beim nächtlichen Großbildwandgucken am Chinesischen Turm, wo ich mit Doug und Sharon geguckt habe (die zweite Halbzeit Spanien - Russland).

*taz vom Feinsten

Doping

Diese Meldung vom 01.07.2008 hab ich bei einer österreichischen Sport-Website gefunden:
Alle Dopingproben bisher negativ
Bis zum Finale der Fußball-EM hat es keine positiven Dopingtests gegeben. Sämtliche bisher ausgewerteten Proben aus dem Training und den Spielen seien negativ gewesen, teilte das Dopingkontrolllabor des Austrian Research Centers in Wien mit. Die Proben aus dem EM-Endspiel würden momentan noch analysiert. Erstmals hatten die von der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) anerkannten Experten bei den Fußballern Blut- und Urinproben durchgeführt. Insgesamt wurden vor und während der EM 300 Proben von Sportlern entnommen. An dem Turnier hatten insgesamt rund 370 Fußballer teilgenommen.

Liebe Lieder

Angeblich schreibt Stephin Merritt die schönsten Liebeslieder der Welt. Das behauptet zumindest Gregor Kessler in seiner Hommage mit dem schönen Untertitel "Reim dich oder ich knabber dir am Ohr." Vermutlich schreibt Merritt zumindest die meisten: Er hat vier Bands, um die Songs unter die Leute zu bringen, und einmal kam eine Dreifach-CD mit 69 Songs heraus. Die Drei-Mann-und-eine-Frau-Truppe, mit der er zur Zeit auf Tournee durch Deutschland reist, hört auf den Namen The Magnetic Fields. Wie die Katze heißt, die sich in das Gruppenfoto gedrängt hat, erfährt der Leser genauso wenig wie die Namen der anderen Musiker.
Jetzt hat es das Mistvieh auch noch ins tazblog geschafft. Das ist so Katzenart. Achten Sie mal drauf, wo die überall auftauchen! Es gibt ja so Theorien, dass die ganze Zivilisation von den Menschen unter telepathischer Anleitung der Katzen aufgebaut wurde, damit ihnen jemand die Dosen aufmacht und ein bequemes Sofa zur Verfügung stellt. Ob das stimmt, weiß ich nicht, aber man muss sich nur mal das Werk des Malers Balthus anschauen - da gibt's mindestens so viele Katzen wie junge Mädchen.
Von den literarischen Katzen ganz zu schweigen. Es gibt Bilder von Ernest Hemingway mit fetten Katern auf dem Arm. Erich Kästner hatte vier von den Mistviechern! Charles Bukowski hat mal in einem Interview gesagt: "Eine Katze zu haben, verlängert dein Leben um fünf Jahre. Ich hab jetzt drei Katzen, meine Güte, wo soll das bloß hinführen!"
Na schön, ich geb einfach nach. Hier kommt ein Katzenbild, damit a Ruah iss.


Georg, George und Schorsch

Ob der "ehemalige Frontmann der Goldenen Zitronen" tatsächlich Kamerun heißt oder den Namen willkürlich gewählt hat, als er mal Toast Hawaii gegessen hat, das entzieht sich meiner Kenntnis. Aber in Johanna Schmellers Theaterkritik hat er gleich drei verschiedene Vornamen - siehe oben. Interessant, was da an den Münchner Kammerspielen seit dem letzten Jahr abläuft. Es geht um die illegalen Einwanderer, von denen es angeblich 50.000 in der Stadt gibt. Intendant Frank Baumbauer und die Dramaturgin Julia Lochte entwickeln mit den Regisseuren Peter Kastenmüller und dem erwähnten Kamerun merkwürdige Stücke, in denen Immigranten sich selbst darstellen oder auch im Zuschauerraum verteilt werden: "Plötzlich wendet sich jedem Zuschauer ein Nebenmann zu und raunt ihm ins Ohr: 'Wir kennen alle Regeln, wir sind die Chefs, wir schicken das Geld, wir sind neue Menschen.'"
Gemeint ist: Sie schicken das Geld nach Hause, um ihre Familien zu unterstützen. Für ein Stück, ich glaube, das war im Herbst letzten Jahres, wurde das Publikum gar in die innerstädtische Landwehrstraße gelockt, wo es hauptsächlich türkische - und zunehmend auch arabische - Läden gibt. Schmeller: "Die Suche nach neuen Antworten auf gesellschaftliche Fragen soll in der nächsten Spielzeit vertieft werden." Am Schluss schreibt sie: Die Illegalen "weisen auf ein Zukunftsmodell hin, das sich selbst unter widrigsten Umständen halten kann: den 'Illegalen', der dem Sesshaften hier deutlich überlegen ist - und zwar nach dessen eigenen ehrgeizigen Maßstäben."
Das klingt gut, mutig, furchtlos - in München erlaubt man sich den Luxus, Ängste vor dem Anderen mit ganz anderen Theaterformen zu begegnen. Vielleicht ist auch das schon ein Zukunftsmodell.

Die sorgende Linke

Schon wieder Robert Misik, der, von der Lektüre der Zeitschrift Lettre angeregt, den Linguisten George Lakoff vorstellt und dabei auf eine sehr schöne Definition von "links" kommt. Man müsste dem konservativen Denken, das auf dem Konzept der Familie mit dem Vater als Oberhaupt beruht, der alles am besten weiß, die Idee vom "sorgenden Elternteil" gegenüberstellen. Misik referiert Lakoff mit den folgenden Sätzen: "Eine Geschichte von Respekt und Gleichberechtigung, von Hilfe zur Ertüchtigung der Schwachen, von der Sicherheit, die alle gewinnen, wenn der Dschungel pazifiziert wird, vom gegenseitigen Nutzen der Kooperation, weil wir alle miteinander verbunden sind, vom gemeinsamen Gewinn, den eine Freiheits- und Gleichheitskultur bringt, die allen erlaubt, ihre Talente zu entwickeln, und vom Wert der Selbstbestimmung über sich selbst. Erst im Kontext eines solchen metaphorischen Denkens können Fakten ihre Überzeugungskraft haben." Und Misik kann es sich nicht verkneifen, noch anzufügen: "Das klingt übrigens verdammt nach Obama-Rhetorik."
Tja, einer muss es eben sagen.

Schöner Mist

Auf der Medienseite wird der Film "Flashback" aus dem Jahr 1990 mit Dennis Hopper und Kiefer Sutherland so angekündigt: "Der Hippie Huey Walker ist in die Jahre gekommen: Keiner interessiert sich mehr für ihn. Bei dem verzweifelten Versuch, Aufmerksamkeit zu erhaschen, gerät er FBI-Agent Bruckner in die Quere. Witzig und voller Selbstironie."
Heh, bis auf den Agenten könnte das ein Film über mich sein, und über das tazblog hier, mit dem ich verzweifelt versuche "Aufmerksamkeit zu erhaschen". Hoffentlich bemerkt jemand den Witz und die Selbstironie.

Krieg gegen Iran: Man gönnt sich ja sonst nix

Die Propaganda-Maschinen der  israelischen und der US-amerikanischen Regierungen werden nicht müde, die Bedrohung durch den Iran anzukurbeln. Andreas Zumach berichtet von einem Artikel, der nächsten Montag im New Yorker erscheinen wird, geschrieben von Seymour Hersch. Überschrift: "Das Schlachtfeld wird vorbereitet". Da kann einem Angst und Bange werden, denn wenn einer weiß, was läuft, dann Hersh. Es sieht so aus, als ob Bush noch rasch Ergebnisse sehen will, bevor er - hoffentlich für immer - aus der Politik verschwindet. Schließlich hat er bereits einen Haufen Geld (400 Millionen Dollar) in Aktionen gegen die iranische Regierung gesteckt. Und die israelische Luftwaffe hat die Zerstörung der Atomanlagen bereits im Manöver geübt. Mit einem Präsidenten Obama könnte die Unterstützung für Israels aggressive Kriegspolitik zu Ende gehen. Also gönnt sich Bush zum Abschied noch nen Krieg?

Der Leser

Das Interview mit dem CDU-Mann Michael Fuchs ("Die Gesetze des Marktes gelten überall") zur Frage der Mindestlöhne und der "christlichen" Gewerkschaften hat mich am 27. Juni so in Rage gebracht, dass ich lieber nichts darüber geschrieben habe. Mir fielen nur unflätige Beleidigungen ein. Deshalb möchte ich aus dem Leserbrief von Jürgen Stahn aus Wedel zitieren: "Der Markt wird's schon richten. Wenn der's will, verdient eineR 5 Euro die Stunde oder 800 Mark im Monat. Der Markt ist's, nicht Unternehmen und Politik. (...) Für die Schwachen in der Gesellschaft bringt's bei den Christdemokraten 'der Markt', für Industrie, Landwirtschaft, auch für Abgeordnete, bringt's der Griff in öffentliche Kassen, Subventionen ohne Ende. Vielleicht gibt es dazu auch passende Bibelzitate: Wer hat, dem wird gegeben, wer aber nicht hat, dem wird genommen. Oder: den Seinen gibt's der Herr im Schlafe."

Traurige Tropen

dpa-Meldung: "Die Abholzung der Tropenwälder geht ungebremst weiter: In den Jahren 2000 bis 2005 verschwanden  insgesamt 27 Millionen Hektar Regenwald von der Erdoberfläche, 2,4 Prozent des gesamten Tropenwaldes. Fast 48 Prozent der insgesamt neu abgeholzten Fläche entfielen auf Brasilien, viermal so viel wie auf Indonesien, das in der Länderliste als nächstes folgt."

Tod am Hindukusch

Ob die Menschheit als Ganzes lernfähig ist? Manchmal kommen mir arge Zweifel. Ob Menschen, die Verteidigungsminister werden, lernfähig sind? Da kommen mir keine Zweifel, die Antwort auf die Frage ist: nein. Sie dreschen blöde Phrasen, lügen, wenn es sein muss, und beschönigen, wo es nur geht. Der gegenwärtige Amtsinhaber, ein CDU-Mann namens Jung, der endlich, endlich ein paar hundert Mann zum echten Kriegsspiel in den Tod schicken darf, hat sich also vor die Mikrofone gestellt, und, laut taz, "angekündigt, dass sich die Bevölkerung auf Verluste einstellen müsste." Mit anderen Worten: Demnächst fliegen Bundeswehrmaschinen mit Särgen, in denen tote Soldaten liegen, zurück in die Heimat. Ob die dann im Fernsehen gezeigt oder von den Medien ignoriert werden wie in den USA, werden wir schon sehen.
Britta Petersen scheint eine sehr mutige Frau zu sein. Sie hält sich in Afghanistan auf und schreibt eine halbe Seite 3 über den Alltag von afghanischen Journalisten, über die Tatsache, dass die Taliban auch im Norden an Einfluss gewinnen, dass es für Frauen wieder schwerer wird, ein menschenwürdiges Leben zu führen. "Vor allem in der Region um Kundus, wo die Deutschen selbst ein starkes Wiederaufbauteam unterhalten, machen die radikal-islamischen Milizen seit einem Jahr eine Politik, die fatal an die Anfänge des Aufstandes im Süden des Landes erinnert."
Mich erinnert das fatal an die Zeiten, als Afghanistan von sowjetischen Truppen besetzt war. Die Taliban wurden damals von den USA unterstützt und dazu ausgebildet, gegen Besatzungstruppen zu kämpfen. Die Russen mussten schließlich abziehen, weil der Krieg nicht zu gewinnen war.
Was Britta Petersen schließlich mit ihrer Reportage bezwecken will, vernebelt sie etwas am Schluss. Der klingt sehr nach allgemein üblichem, staatsmännischem Wortgeklingel: "Dabei geht es nicht nur um das Leben der Betroffenen, sondern um die Glaubwürdigkeit der internationalen Gemeinschaft und damit um Sieg oder Niederlage am Hindukusch." Solches Phrasengedresche macht fast zunichte, worauf sie eigentlich hinauswollte. Das steht viel weiter oben, wo sie Nader Nadery zitiert, ein Mitglied der Menschenrechtskommission: "Beim Schutz von Frauen oder Journalisten könnten die ausländischen Truppen eine größere Rolle spielen."
Aber die Bundeswehr denkt gar nicht daran, weshalb die taz auch auf Seite 1 als Schlagzeile den deutschen Sprecher der Isaf-Truppen zitiert: "Menschenrechte sind nicht unser Mandat".
Dann frag ich mich doch, was am Hindukusch verteidigt wird.

Zyniker

Der Titel über einer kleinen Meldung am Rand der Seite 2 hat schon was sehr Zynisches: "Sieg bei Jammer-EM". Es geht darum, dass in Deutschland 68 Prozent der Menschen glauben, dass ihr Leben in  20 Jahren schlechter sein wird als heute. Der Durchschnitt in der EU liegt bei 49 Prozent. Könnte es nicht sein, dass sich die Lebensverhältnisse hier dank SPD und Schröder für viele Leute tatsächlich verschlechtert haben? Und könnte es nicht sein, dass hier viele Leute nicht mehr so recht daran glauben, dass sich die Naturzerstörung noch aufhalten lässt? Liebe/r taz-Redakteur/in: Was hat eine realistische Sicht der Dinge mit jammern zu tun?



3. Juli 2008

Eineinviertel Jahrhundert nach Kafkas Geburt

Franz Kafka
wird heute 125 Jahre alt! Das liegt hauptsächlich daran, dass er 1883 geboren wurde. Gestorben iss er angeblich 1924, aber eigentlich steht er jung, aktuell und lebendig mitten unter uns und analysiert die Gegenwart wie eh und je. Ich finde jedenfalls, dass er recht hat: "Ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns."
(Axel Ganguin besten Dank für den Hinweis und das Zitat!)

Rückkehr der Leibesübungen

Na endlich, es gibt wieder andere Sportarten! Da lese ich doch gleich den ganzen Tennisartikel von Doris Henkel über Rainer Schüttler, der mit 32 Jahren im Viertelfinale von Wimbledon steht. Heh, vor lauter EM ham sie in der taz nicht mal berichtet, dass Wimbledon schon längst angefangen hat. Und wie's der Zufall so will, hör ich grade im Radio: Schüttlers Match wurde gestern beim Stand von 1 : 1 abgebrochen und geht heute weiter. Na sowas.

Aktienwerte

Das hat's ja wirklich noch nicht gegeben. Es ist nicht zu fassen. Ich bin ganz schön irritiert, als ich die Seite "flimmern und rauschen" aufschlage. Zuerst halte ich es für einen Gag der Medienredakteure, aber nein, oben drüber steht ganz klein "Anzeige".  Die ist umso größer, Dreiviertelseite: "Verleger gesucht", steht da als dicker Balken. Bei näherem Studium stellt sich heraus, dass es sich um eine Anzeige der Redaktion der Berliner Zeitung handelt, Teil der Auseinandersetzung mit ihrem Verleger, dem Investment-Geier David Montgomery und dessen Geschäftsführer und Chefredakteur Josef Depenbrock. Sie suchen per taz-Anzeige "eine/n VerlegerIn ... der/dem man nicht erklären muss, dass der Adressat einer Zeitung zuerst der Leser ist und nicht der Aktionär." Drunter steht noch in fetten Lettern: "KAUFEN SIE UNS!"
Das klingt verzweifelt. Aber Aufmerksamkeit bekommen sie, auch ARD-Online bringt's als Meldung, mit Foto der taz-Seite. Sie befragen Depenbrock: "Zum Vorwurf der Renditesteigerung als vorrangiges Ziel der Geschäftsleitung entgegnete er: 'Die Renditevorgaben für 2008 kamen von mir und sind von Herrn Montgomery gebilligt worden.'"
Im Balken über dem Fernsehprogramm der taz steht noch: "Die Medienseite der taz wurde heute gekauft. Den Content finden Sie deshalb auf www.taz.de. Online first!"
"Content" - aha. Und ein Augenzwinkern muss man sich dazu denken: Den Spruch "Online first!" hat auch Springer-Boss Mathias Döpfner vor gut zwei Jahren mal in die Aktionärsversammlung geschleudert.

Wahrnehmungsraster

Ein Kunstbericht von Benno Schirrmeister. Es geht um den dänischen Künstler FOS, der an ein Teatro della Memoria erinnert, das sich der Renaissance-Künstler Giulio Camillo Delminios ausgedacht hatte. In diesem Teatro "sollte der Betrachter ein Panorama 'körperhafter Zeichen' durchwandeln, deren Anblick ihn 'sogleich alles begreifen' ließe. Und alles heißt: alles. Das gesamte Weltwissen." Die Idee wurde von diversen Künstlern in den achtziger Jahren aufgegriffen. FOS nun "gibt nicht vor, über mehr als einen Zweig - twig - des Weltwissens zu gebieten. Doch seine Übersetzung des Konzepts in die Gegenwart nimmt dessen Urheber ernst - aber als frühneuzeitlichen Spinner mit Hang zu Größenwahn und Übergewicht. Der Camillo zweifellos war. Damit versetzt er aus Gegensatzpaaren geformte Wahrnehmungsmuster in irritierende Schwingung. Wo er sie nicht zum Einsturz bringt, wie jenes von angewandter und absoluter Kunst."
Schön, das mit der "irritierenden Schwingung". Die Ausstellung heißt "Memory Theater Twig!" und läuft noch bis 10. August in Bremen, Gesellschaft für Aktuelle Kunst (GAK).

Kontra

Höflich, aber bestimmt, zeigt der britische Regisseur Mike Leigh, dass er sich bei Interviews von Journalisten nicht zum Trottel machen lässt. Schon die erste Frage von Cristina Nord kontert er mit: "Was ist denn das für eine Frage? (Pause) Ich weiß gar nicht, ob ich antworten soll." Es geht um seinen neuen Film "Happy-Go-Lucky", und Nord hatte gefragt: "Herr Leigh, was ist für Sie Glück?"
Im weiteren Verlauf geht es um einen früheren Film, "All or nothing", und Nord wirft dem Regisseur in Bezug auf die Filmfiguren vor: "Sie sperren sie in ihren Lebensverhältnissen ein." Leigh empört: "Das stimmt nicht!" Und nachdem er eine Weile erläutert hat, was er mit dem Film zeigen wollte, kommt er am Schluss noch einmal darauf zurück: "Ich wehre mich wirklich gegen die Einschätzung, 'All or Nothing' sei ein Film über Leute, die in ihrem Unglück eingesperrt sind. Wenn man das so sieht, dann müsste man ja auch sagen, in 'Happy-Go-Lucky' würde ich die Figuren in ihrem Glück einsperren."
Derart zurechtgewiesen, bringt Nord die Souveränität auf, das Interview ohne Widerrede zu beenden: Leigh hatte das letzte Wort.

Der Mann heißt Joseph. Oder Josef?

David Hockenos, ein US-Amerikaner, der seit zehn Jahren als Korrespondent in Berlin lebt, hat ein Buch geschrieben: "Joschka Fischer and the Making of the Berlin Republic: An Alternative History of Postwar Germany". Ulrike Winkelmann fasst den Inhalt zusammen: "Die Rolle der neuen sozialen Bewegungen bei der Zivilisierung und Liberalisierung der Bundesrepublik wird unterschätzt. Er (Hockenos) möchte den Blick darauf lenken, dass es jenseits des kurzen Feuers der Studentenrevolte Millionen von Menschen gab, die in der Friedens-, Frauen- und der Umweltbewegung Zivilcourage und 'civil consciousness' einübten, was mit 'bürgerliches Bewusstsein' nur unzureichend übersetzt ist."
Das klingt gut, und der Autor bezieht die Grünen ausdrücklich als Mitzivilisierer ein. Da könnte man ihm vorwerfen, dass er nicht in der Gegenwart angekommen ist, worauf Winkelmann hinweist: "Ob aber die Grünen ihre Zivilisierungsfunktion nicht im selben Maße verloren haben, wie ihren Bewegungscharakter - das wäre dann Gegenstand des nächsten Buches. Am besten von einem unbeteiligten Ausländer."
Warum das denn? Warum nicht von einer taz-Redakteurin, die nah dran ist und die Grünen trotzdem kritisch betrachtet? Ich hätte da schon eine Idee, wer das sein könnte.

50 plus links

Hehehe, was für ein witziger Einfall: "Generation 50 plus links"! Klaus-Peter Klingelschmitts Kolumne "Älter werden" mit dem Uraltfoto des Autors als betender Kraushaar-Hippie hab ich ja schon einige Male gelobt. Wenn einer gleich zu Beginn an den 1848er-Revolutionär Friedrich Hecker erinnert, muss man zwangsläufig weiterlesen. Der Lohn: zwei schöne Zitate. Das erste von Hecker, der aus dem US-Exil an Emma Herwegh, Revolutionärin und Frauenrechtlerin, schrieb: "Nun leben Sie wohl und bedenken Sie, dass es in schlechten Zeiten zwei Schätze gibt, die uns alles bevölkern: Der Zweifel an allem und die Phantasie!" Und von Bertolt Brecht zitiert Klingelschmitt: "Schönster Zweifel aber / Wenn die verzagten Geschwächten den Kopf heben und / An die Stärke ihrer Unterdrücker / Nicht mehr glauben!"
Am Ende erfahren wir auch noch, dass Friedrich Hecker in den USA zuerst Abraham Lincoln unterstützt, und dann "als Offizier der Nordstaatenarmee gegen die 'Sklavenhalterstaaten' (Hecker) des Südens" gekämpft hat.
Da sei doch an dieser Stelle in aller Bescheidenheit meine Liebesnovelle "Delfina Paradise - der aufrechte Gang" erwähnt. Dort heißt es: "Und weshalb schreib ich das alles auf? Weil ich der Schreiber bin. Eine besondere Spezies, klassenlos, keiner Gesellschaftsschicht zugehörig, aber immer auf der Seite der Zweifelnden."

Müllpsychologen

Meldung aus Neapel (EU-Mitgliedsland Absurdistan) auf der  Auslandseite: "Der Sonderkommissar für den Müllskandal will im Kampf gegen den Unrat 300 freiwillige 'Müllpsychologen' einsetzen, die den von Dreck und Gestank gebeutelten Menschen beistehen sollen."
Man wird ja noch mal fragen dürfen: Wäre es nicht vernünftiger, sie zum Wegräumen des Mülls einzusetzen?

Ach Gottchen!

Schon wieder ein Artikel vom Kampf gegen Symbole: In Leipzig wollen Demonstranten und Inhaber von Geschäften in der Umgebung einen Laden zumachen, der diese Klamotten von "Thor Steinar" führt. Schon erstaunlich, was da für Zeit, Energie und Druckerschwärze reingeht. Schönster Satz in dem Artikel von Julia Walker: "Auch der benachbarte Friseursalon an der Ecke zeigt sich besorgt."
Dann muss es sich wirklich um ein wichtiges Thema handeln. Ich versuche, mir einen besorgten Friseursalon vorzustellen, und frage mich ernsthaft: Gibt es rechtsradikale Klamotten?

"Lebensweltliche Avantgarde"

Jetzt glauben Sie bitte nicht, dass mir so ein Ausdruck in die Tasten käme - net amal wiederholen will ich ihn. Damit bezeichnet eine Frau Miriam Meckel, nach Angaben der taz 40 Jahre alt, Leute wie Karl Lagerfeld. Und warum? Er gehört zu den anerkannten "Handyverweigerern". Nein, anerkannt steht nicht in der taz, das hab ich jetzt erfunden, weil ich mich gleich gefragt habe, ob man da auch einen Antrag stellen muss, wie beim Kriegsdienstverweigern? Und ob man aus politischen oder religiösen oder schlicht aus Gewissensgründen anerkannt wird. Also diese Miriam Meckel ist Professorin in St. Gallen, dort, wo auch Peter Glotz auf Bertelsmann-Kosten gelehrt hat. Ob Meckel auch von Gütersloh gesponsert wird? Müsste man mal rausfinden, auf, auf, ihr wackeren investigativen Reporter! Der  Gedanke liegt nahe, denn wenn sie nicht in Sankcht Chgallen lehrt, "berät sie Unternehmen als PR-Strategin". Nicht, dass ich was gegen Frau Meckel habe - ich kenn sie ja gar nicht, aber wer solche Sachen von sich gibt, ist mir zutiefst verdächtig: "Kommunikationsökonomie" als Reaktion auf die "kakophonische Kommunikationsüberforderung". Das Buch, um das es in der taz geht, heißt "Das Glück der Unerreichbarkeit - Wege aus der Kommunikationsfalle". Mir scheint, ich sollte mit der Frau mal ein Bier trinken gehen, wir würden uns vielleicht ganz gut verstehen. Sie müsste dann aber ihren Blackberry und ihr Handy ausstellen.
Ich nicht - ich halt's eh wie Lagerfeld.
Aber vielleicht sollte ich doch nen Antrag stellen und mich anerkennen lassen. Als Auto-, Handy-, Kreditkarten-, Ehe-, Kinder- und Fernsehverweigerer.

Leser

Jeder Mann, gleich wie's ihm geht,
freut sich, wenn ihm einer steht.

Ach Quatsch, es soll natürlich heißen:
... wenn ihm einer bestät-
igt, dass er recht hat.

Wirklich heiß heute.  Also, dritter Anlauf: Ich hab mich über einen Leserbrief gefreut, zur Umfrage  der Friedrich-Ebert-Stiftung, die zu dem Ergebnis kam, dass eine Menge Leute nicht mehr glauben, dass ihre Probleme von dieser Art Demokratie gelöst werden können. Bernd-Michael Kabioll aus Berlin schreibt dazu: "Hartz IV grenzt  aus und ist nicht unbedingt eine Werbekampagne für die Demokratie. Mit Maßnahmen wie der Einführung von Mindestlöhnen sowie des bedingungslosen Grundeinkommens könnte man den Bürgern zeigen, dass man ihre Ängste, Bedürfnisse und somit ihre Würde ernst nimmt. Diese Maßnahmen wären durchaus finanzierbar, wenn man sich das Geld endlich dort holen würde, wo es ist, nämlich bei den wirklich Reichen; dies fordert von unseren Volksvertretern vermutlich ein Mehr an Arbeit und sicher auch an Mut."

Genug geklassenkämpft für heute. Ciao, bis morgen, ich geh jetzt unter die Kastanien.



4. Juli 2008

Unabhängigkeitstag

"Keine Steuern ohne Vertretung!" So hieß der Schlachtruf der Amerikaner 1776, die sich damit vom Mutterland England abnabelten und in der Folgezeit die USA gründeten. Am 4. Juli haben sie ihre Unabhängigkeitserklärung dem englischen König geschickt. Deshalb ist heute Independence Day, der dort traditionell mit Feuerkrachern und -werk, Paraden und Absingen der Nationalhymne gefeiert wird.
Ohne Vertretung im Parlament werden also keine Steuern bezahlt. Dazu eine Gewissensfrage: Fühlen Sie sich im Parlament vertreten? Zahlen Sie Steuern? Mein Rat: Erklären Sie sich für unabhängig und stellen Sie einen Aufnahmeantrag bei den Vereinten Nationen. Aber denken sie daran: England fing mit dem neuen Staat erst einmal einen Krieg an.

Subversive Askese

Zu den Wahrheit-Autoren, die mich immer höchst erfreuen, gehört Hartmut El Kurdi. Ich mag seinen Humor, seine Schreibe, seine Sicht der Dinge. Gestern schrieb er über den Zusammenhang von Kapitalismus und Konsum und schloss messerscharf: "Asketischer Lebenswandel ist somit Subversion, Sparsamkeit ist Sabotage, Geiz ist Terrorismus."

"Rumoren des Gegensinns"

Im Jahr 1941 drehte Preston Sturges einen Komödienfilm mit dem Titel "Sullivans Reisen". Ekkehard Knörer bespricht ihn in seiner Kolumne "dvdesk". Es scheint sich dabei um ein kleines Juwel zu handeln, denn Knörer weiß nie so recht, ob "Sullivans Reisen" zum Lachen oder zum Weinen ist: "Der Film spielt mit den Hollywood-Konventionen, wird zwischendurch von ihnen eingeholt, veralbert sie dann, stellt sie auf den Kopf und bewegt den Zuschauer doch. Dieses ständige Rumoren eines Gegensinns ist der Energiekern des Films."
Will ich sehen!

Angelina Jolie

Eine ganze "unterm strich"-Spalte geht für ein Kurzessay über Angelina Jolie drauf. Das ist gut geschrieben, scharfsinnig, fein beobachtet, gesellschaftlich relevant und nachdenkenswert. Es verdeutlicht, dass man als gut verdienende Künstlerin im Filmgeschäft ganz schön Arbeitsplätze schaffen kann. Jolie hat jetzt anscheinend ein bescheidenes Häuschen in Frankreich erworben: "Fünfzehn Sicherheitsleute patrouillieren Tag und Nacht über das Gelände. Drei Hubschrauberpiloten stehen auf Abruf bereit. Köche, Gärtner und Stylisten - noch mal ein Dutzend Angestellte schmeißen den Haushalt. Die Kinder haben ihre Privatlehrer und Kindergärtner. Und dann gibt es ja noch die Wohnung in Berlin, das Haus in Vietnam, die ständig zur Verfügung stehende Suite im Waldorf-Astoria in New York, die Villa bei Los Angeles."
Man, da kennt sich eine/r wirklich gut aus! Ich kann mir glatt ein Bunte-Abonnement sparen. Das nenne ich Kulturberichterstattung.

"Achtung: tazblog!"-Interview-Award

Der Preis für das beste Interview des ersten Halbjahres 2008 geht an: Thomas Winkler und Sid Griffin. Ich hab selten mit so großer Freude und Spannung ein so langes Interview gelesen, dieser Griffin ist unfassbar. Was für ein Typ! Ein Amerikaner aus Kentucky, der jetzt in London lebt. Nach Country-Punk mit The Long Ryders macht er jetzt Polit-Bluegrass. Schon der Bandname verdient einen Preis: The Coal Porters. Und was für Sprüche der Typ ablässt, das ist so ernsthaft und vernünftig, dass man manchmal vor Vergnügen wiehern möchte. "In gewisser Weise machen wir, was The Band vor zig Jahren vorgemacht hat. Wir reklamieren alte Musik für neue Generationen."  Über Bruce Springsteen und seine "Pete Seeger Sessions" sagt er: "Mir fiel mal wieder auf, dass offensichtlich niemand in den Radiosendern wirklich darauf achtet, was Springsteen so singt, sonst würden sie ihn nämlich nicht spielen. Immer geht es da um Streik, eine Fabrik schließt gerade oder ein sinnloser Krieg wird geführt."
Winkler fragt ihn, ob er nicht weniger Musiker als vielmehr Historiker ist. Griffin: "Da ist was dran. Ich bin auf jeden Fall ein Musikologe. Ich kann nicht einfach nur eine Platte hören, mich interessiert immer auch die Geschichte dahinter."
Als Winkler wissen will, ob er nie den Drang verspürte, modern zu sein, ein Innovator wie andere Künstler auch, sagt Griffin: "Das ist mir scheißegal. Ich arbeite vielleicht nicht an Erweiterungen der Musik, sondern nur an Verfeinerungen. Und: "Ich bin halt jemand, der eher nach hinten blickt. Irgendein englisches Magazin hat mal geschrieben: Sid Griffin reverses forward - Sid Griffin spult vorwärts zurück."
Über Gram Parsons, den Mitbegründer der Byrds hat Griffin ein Buch geschrieben. Parsons hat Selbstmord begangen: "Du und ich, wir mögen Gram Parsons. Aber Gram Parsons mochte Gram Parsons überhaupt nicht."
Auch den Begriff "Americana", der für typisch US-amerikanische Musik gebraucht wird, definiert Griffin: "Die ersten Singles, die Elvis Presley für Sun Records aufgenommen hat, sind für mich Americana. Oder die frühen Sachen von Loving Spoonful: Wenn die heute rauskommen würden, könnten Will Oldham oder die Handsome Family einpacken. Hey, 'Rubber Soul' ist doch eigentlich Americana, und die Beatles sind noch nicht mal Amerikaner. Die ganze Sache ist außer Kontrolle geraten."
Dann geht's noch weiter über seine große Liebe zu Baseball, dass die besten Sportschreiber in den USA über Baseball schreiben, und dass er den Kopf so voll hat mit Daten und Namen zu Musik und Baseball, dass er es niemals zum Juristen oder Arzt bringen konnte, weil "ich diese ganzen lächerlichen Daten in meinem Hirn speichere."
Zweimal die Woche geht er zur Psychotherapeutin. Hier ausnahmsweise ein  Link zum Interview - hoffentlich funktioniert der in ein paar Wochen auch noch.
Unbedingt Lesenswert!
Der "Achtung: tazblog!"-Interview-Award ist verbunden mit dieser lobenden Erwähnung.

Kocht für Demos: Wam Kat

Der legendäre Demo-Koch Wam Kat vom niederländischen Kochkollektiv  "Rampenplan", der auch in Heiligendamm beim G-8-Gipfel die Leute verpflegt hat, stellt ein Kochbuch vor. Daniel Schulz führt ein Gespräch mit dem Mann, der über einen bemerkenswert gesunden Menschenverstand verfügt. Eine Freude, seine Ansichten zu lesen. Gemüse aus Argentinien lehnt er grundsätzlich ab, und Ökoprodukte aus großer Entfernung sieht er auch sehr skeptisch: "Sehr viele Ökoläden in Deutschland werden von einer Käserei aus Friesland beliefert. Was ist ökologisch daran, einen Käse durch halb Deutschland zu fahren?" Sein Buch hat den Titel "Wam Kats 24 Rezepte zur kulinarischen Weltverbesserung", alles ausschließlich vegetarisch oder vegan. Zitat Wam Kat: "Aber dennoch kann ein Koch mit gutem Essen die Menschen glücklich und zufrieden machen."

Demokratie

Nichts, gar nichts, keine Reaktionen von Politikern zur Studie über die "Ungeliebte Demokratie". Aber die taz-Leser hat das Thema aufgewühlt, immer noch gibt's täglich mehrere Leserbriefe. Heute möcht ich Georg Rammer aus Karlsruhe zitieren: "Je mehr die Realität und der Alltag der Menschen mit dem Anspruch des demokratischen Rechtsstaates und den Reden seiner Repräsentanten kollidieren, desto mehr muss kontrolliert, überwacht und ausgegrenzt werden. Mit Überzeugung für Demokratie eintreten hieße, diese Politik radikal zu ändern. Und das wird die politisch-wirtschaftliche 'Oligarchie' zu verhindern wissen - notwendig auch noch zu Lasten der formalen Demokratie."

Willkommen zu Hause, Teddy!

Die Firma Steiff schließt ihre Produktionsstätten in China und stellt den Teddy und den Eisbär Knut wieder in Deutschland her. Ein Trend? Nö, ein Einzelphänomen.

---------Kommentar

Nee, Hans, das mit Teddy ist kein Einzelphänomen. Das ist eine Entwicklung, die sich seit längerem abzeichnet (leider fällt mir die Quelle nicht mehr ein, aus der ich vor etwa einem Jahr getrunken habe). Sicherlich spielen dabei die von den Unternehmen gerne genannten, eben schwierig zu überwachenden Qualitäten eine Rolle. Der Hauptgrund dürfte jedoch in den sich überall verteuernden Lohnkosten liegen, die diese ohnehin zu langen Wege nicht mehr rechtfertigen. Also geht man zurück in die Heimat und trompetet: Made in Germany sei ein Ruf wie Donnerhall, der nun als Echo aus der Wa(h)ren Welt zurückhalle und den es zu wahren gelte. Und die Agenturen drucken's brav. Auf daß das Volk es wisse.
- Jean Stubenzweig

Immer noch: Mehr Autos

Vier Prozent mehr Autos wurden im ersten Halbjahr 2008 verkauft, im Vergleich zu 2007. Die Bretter vorm Kopf sind solide. Da helfen keine Informationen über Klimaveränderung, über CO2-Ausstoß, da hilft nicht mal der horrende Benzinpreis. Und eine allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung gibt's immer noch nicht. Und so weiter, wie schon oft aufgezählt. Manchmal könnt ich verzweifeln.

Heuchler

Die Tornado-Kampfflieger sollen nun doch nicht 2012 ausgemustert werden, sondern bis 2020 weiterfliegen. Und warum? Weil sie Atombomben abwerfen können. Ulrike Winkelmann berichtet über eine Anfrage der Grünen. In der Antwort der Bundesregierung heißt es: "Die Bundesregierung hält ausdrücklich an dem Ziel der weltweiten Abschaffung der Nuklearwaffen fest." Iss ja toll, ich bin richtig stolz auf meine Regierung. Halt ein, Narr: Sie meint nur die Abschaffung in anderen Ländern. Für "uns" und die Nato-Länder gilt das nicht: "Das Nuklearpotenzial der Nato sorgt dafür, dass ein Angreifer im Ungewissen darüber bleibt, wie die Bündnispartner auf einen militärischen Angriff reagieren. Dies trägt zur Abschreckung von Angriffen jeglicher Art bei."
Dabei hat mir noch keiner sagen können, wer der "Angreifer" sein könnte. Bei solchen Sätzen wird mir immer deutlich: In den Köpfen der Regierenden hat sich nichts, nichts, gar nichts verändert seit den 50er-Jahren.
Oder seit der Steinzeit.


5. Juli 2008

Schamgefühl

Holla, konkrete Lebenshilfe schon auf der Wahrheitseite! Michael Ringel holt sogar Sigmund Freud zu Hilfe, mit dessen Aussage, der Verlust des Schamgefühls sei der Beginn der Debilität. Hm. Nachdenk. Nö, glaub ich nicht. Aber das ist in diesem Zusammenhang eh wurschtegal, denn Ringel fährt fort: "Allerdings muss Scham auch überwunden werden, sonst ließe es sich nicht leben, weil Scham ein Ausdruck von Angst ist." Wieder hm. Jedenfalls hat der taz-Mann "eine sehr persönliche Technik, um das Schämen zu besiegen. Ich murmele vor mich hin: 'The world is waiting for Sun Ra.' Darüber muss ich noch heute lachen." Weshalb er bei diesem Satz lachen muss, hat er mit langem Anlauf vorher erklärt, und als ich das gelesen habe, musste ich mitlachen.
Vielleicht können wir uns einigen: Wenn man lachen muss, schämt man sich weniger und hat nicht mehr so viel Angst. Tun Sie jetzt Folgendes, werte/r Leser/in: Verziehen Sie die Mundwinkel zu einem breiten Grinsen. Sie werden sehen, es geht Ihnen gleich  besser.

Schach gehört zu Leibesübungen

Ob irgendwelche Mädchen im begeisterungsfähigen Alter diesen tazblog lesen? Falls ja, hier die Extranachricht: Vergesst Poldi und Schweini, und schaut euch mal die Schachspieler an. Die weltbesten werden immer jünger - ein 17-jähriger Russe mit dem exotischen Namen Nepomniachtschi mischt da mit, ein 22-jähriger Deutscher aus Dortmund, der Arkadij Naiditsch heißt,  und mit dem Hamburger Jan Gustafsson spielt einer ganz oben, der zwar schon 28 ist, aber verdammt gut aussieht und das Zeug zum Weltmeister hat. Woher ich das alles weiß? Na, von Hartmut Metz, dem Schachexperten, der immer auf der Seite "leibesübungen" schreibt.

Guinness-Buch

Ach, was hat sich Wolf Thieme, der mal kurzzeitig mein Chefredakteur war, immer aufgeregt, wenn wieder einer "Guinness" falsch geschrieben hat! Da ging er höchstpersönlich zum fehlschreibenden Redakteur und legte ihm einen Bierdeckel der irischen Brauerei auf den Tisch: "Doppel-N und Doppel-S. Bitte merken Sie sich das. Und trinken Sie mal eins, wird Ihnen gut tun."
Daran musste ich denken, als ich auf der Medienseite lese, dass die Wiener Kronenzeitung "im Verhältnis zur Einwohnerzahl des Landes die größte Zeitung der Welt ist." Hätten Sie's gewusst? Ich nicht, aber ich finde, das gehört ins Guinness-Buch der Weltrekorde. Prost, Herr Thieme!

Nicht mit Beck!

Von Beck gibt's ne neue CD, und egal ob die so gut ist wie seine früheren Sachen - so eine genörgelte Musikkritik wie die von René Hamann hat er nicht verdient. So'n Text hat keiner verdient. Schon dieser Pseudo-Straßensprech: "'Modern Guilt' ist wie seine beiden Vorgänger 'Guero' und 'Information' einfach nur ein okayes Album geworden." Okayes? Oh Mann, das klingt aber cool! Und weil der Autor sich und okay als Adjektiv im Deutschen so toll findet, kommt's gleich noch einmal: "Es hat gute Riffs, kleine, nette, eingängige Melodien, radiofähige Einwegsongs. Und eine halbwegs ambitionierte Produktion, aber das hatte der genauso okaye, aber auch nicht weiter tragfähige Vorgänger 'The Information' von 2006 eben auch."
Was für ein Schnösel, dieser Kritiker, was für eine oberlehrerhafte Unverschämtheit dem Künstler gegenüber. Und dann haut er den Beck auch noch in die Pfanne, weil er - so genau weiß der Typ nicht, ob's stimmt - angeblich Scientology angehört. Und da kommt noch so'n überheblicher Unfug: "Religion und musikalisches Genie schließen sich, wie man quer durch die Popgeschichte (Elvis, Dylan, Cat Stevens) sehen kann, grundsätzlich aus."
So ein dummbeuteliges Geschwätz.

Mehr Ischtar!

Das fordern Brigitte Werneburg und Catherine Framm, die sich zusammen  die Ausstellung "Babylon. Mythos und Wahrheit" im Berliner Pergamonmuseum angeguckt haben. Sie geben ihrer Empörung Ausdruck, dass wieder einmal nur die Männer im Mittelpunkt stehen, und die Göttin Ischtar und die weiblichen Herrscher keine oder zu wenig Beachtung finden. Dafür zählen die beiden zahlreiche Belege auf, aber ich muss gestehen, die Autorinnen haben mich schon am Anfang ratlos zurückgelassen: "Tritt man durch das Ischtartor, eines der Stadttore Babylons, erkennt man am Ende der auf es zulaufenden Prozessionsstraße die über zwei Meter hohe Figur von Marduk. Das Modell des amerikanischen Künstlers Robert Reynolds zeigt das Oberhaupt des babylonischen Pantheons in Form von Muschchuschu." Nun wird zwar im Weiteren erläutert, das dieser auch Baal ist, aber wer, wie ich, wenig über die Götterwelt Babylons weiß, hat vermutlich hier schon einen Schwurbel im Kopf und mit Lesen aufgehört. Marduk in Form von Muschchuschu. Hm. Aber falls Sie sich die Ausstellung ansehen, denken Sie daran: zu wenig Frauenperspektive! Zu viel Muschchuschu.

Subventionen - für Volkswagen!!!

Es ist ein Skandal, was Martin Unfried da auf seine witzige Art in der "Ökosex-Kolumne" ganz ernst rüberbringt: 30 Millionen Euro bekommt Volkswagen von unserer Regierung für die Erforschung von Golf-Autos mit "Twin drive, sogenannte Plug-in-Hybrids. Also Autos, die auch elektrisch fahren können, aber für längere Strecken noch einen Verbrennungsmotor haben." Abgesehen davon, dass es solche Autos bereits gibt, und dass kleine Firmen die Möglichkeit zum Umbau anbieten, bringt es Unfried genau auf den Punkt: "Die (er meint Volkswagen) verbraten für Forschung und Entwicklung gute fünf Milliarden im Jahr. Schwerpunkt Verbrennungsmotor. Möchte der verehrte Bundesumweltminister uns eigentlich verkohlen? Braucht Volkswagen 15 Millionen aus der Steuerkasse, um das zu tun, was sie sowieso tun müssen, nämlich konkurrenzfähige Autos anbieten? Warum gibt er ausgerechnet denen Geld, die noch gestern den Elektroantrieb boykottiert haben?"
Tja, warum wohl?
Als Nachtrag  zur EM steht da noch: "Wussten Sie, dass Schweini, der Freund von Angela Merkel, einen Audi R8 mit 349 g/km CO2 fährt? Ja klar, war zu erwarten."

Gefühlsökomie und Ehe-Marktwert

Nein, das stammt nicht aus dem Wirtschaftsressort, das steht auf tazzwei: "Die emotionale Versorgung von Frauen - und gerade auch von älteren Frauen - ist ein gesellschaftliches Thema und nicht lächerlicher als der Streit um Tariflöhne, Renten oder Unterhaltsgesetze. Wo kriegt frau Geborgenheit her? Das ist eine Frage der Gefühlsökonomie, nur gibt das keiner gerne zu." Und dann zitiert Barbara Dribbusch noch eine verwandte Seele: "Die US-amerikanische Autorin Lori Gottlieb, 40, selbst Single und Mutter eines durch eine Samenspende gezeugten Sohnes, plädierte kürzlich in einem von der Neuen Zürcher Zeitung veröffentlichten Essay für die Wiederkehr der 'Vernunftehe'. 'Wäre es nicht klüger gewesen, ich hätte mich für eine bessere Variante von Herrn 'Nicht ganz der Richtige' entschieden, als ich auf dem Höhepunkt meines Ehe-Marktwertes war?'"
Klüger als was? Mit 40 keinen Mann zum Kinderzeugen zu haben? Dribbusch zitiert das ganz ernsthaft, ohne zu bemerken, dass diese Verwendung ökonomischer Begriffe die Entfremdung von ihren Gefühlen deutlich macht. Vielleicht gibt's bald ein neues Ressort in der taz: "markt und gefühl".

Wofür das Geld ausgegeben wird

Im Sommer 2008 sind sich alle Parteien in einem Punkt einig: Das Land braucht eine Steuerreform. Man erinnert sich vielleicht noch, dass sich alle Parteien in diesem Punkt schon seit vielen Jahren einig sind. Worauf sie sich nicht einigen können, wiederholen sie auch schon seit vielen Jahren: Wer besteuert werden, und wie viel ihm der Staat abnehmen soll. Tatsächlich redet aber keiner darüber, wofür das Geld ausgegeben werden soll. Keiner stellt die Ausgaben in Frage, fragt zum Beispiel nach, ob weiterhin Autobahnen (aus-)gebaut werden sollen, ob die Militärausgaben nicht auf reine Verteidigung zusammengekürzt werden können, weshalb die industrielle Landwirtschaft subventioniert wird, und reiche Leute Kindergeld kriegen etc.pp. So auch die Grünen, so auch taz-Autor Malte Kreuzfeldt. Da geht's dann immer um "Gegenfinanzierung", das heißt, wenn irgendwo bei irgendwem die Steuern gesenkt werden, muss der  Staat irgendwo anders die Steuern erhöhen, denn die Ausgaben sollen ja gleich bleiben können, und "der Haushalt ausgeglichen" bleiben (oder werden). Möglichst. Und dann wird bei den Grünen halt mit Blick auf die Wahlen taktiert, wie man am besten wieder in die Regierung und an die ersehnten Ministerposten kommt. Kreuzfeldt bringt es auf den Punkt: "Setzen sie darauf, sich als Steuersenkungspartei für den Mittelstand zu profitieren, koalitionsfähig auch mit FDP und Union? Oder bleibt Steuerpolitik für sie ein Instrument der Umverteilung? Beides wäre legitim - aber spätestens im Wahlkampf können sich die Grünen um eine Antwort nicht mehr drücken."
Legitim? Also geht's nur noch um Macht - auch aus der Sichtweise des taz-Autors. Von Gerechtigkeit ist nicht mehr die Rede.

Zitat

"Ich bin von der SPD wieder in die SPD eingetreten, die richtige SPD von früher, die jetzt Linke heißt."
Winfried Jung, Betriebsratchef der Saarbahn

Die Meldung: 220 von 300 Bus- und Bahnfahrern der Saarbahn, darunter 12 Frauen, sind am 3. Juli 2008 in die Linkspartei eingetreten. 35 von ihnen gehörten vorher der SPD an.

Ach geh!

Was für eine blöde Überschrift auf Seite 3 zu einem langen Artikel von Gerhard Dilger über die Befreiung von Ingrid Betancourt: "Big Raushole!" Was sollndas heißen? Big hole wäre ein großes Loch? Aber was heißt raus im Englischen? Und wenn Raushole, wahrscheinlich: "die Raushole", ein deutsches Wort ist, warum dann nicht "Große Raushole"? Na, vielleicht war's einfach sehr heiß am 3. Juli in Berlin - Sie sehen ja, was ich manchmal so verzapfe an heißen Tagen.
Klasse war das Foto, ein Dreierporträt: Betancourt schmunzelt zufrieden an der Kamera vorbei, ein lächelnder Armeechef, Mario Montoya, legt ihr freundschaftlich den Arm um die Schulter und lächelt einen anderen Fotografen an, und links von ihr sieht man den Kopf des Verteidigungsministers, Juan Manuel Santos, der ebenfalls gut gelaunt in die Gegend blickt. Ich bin eine Weile an dem Bild hängen geblieben, weil mich die Menschlichkeit in den Gesichtern der beiden Männer überrascht hat. Vielleicht sind sie ja auch Komissköpfe und Apparatschiks, aber auf diesem Foto sehn sie aus wie fürsorgliche, nette Männer.



6. Juli 2008

Happy Birthday!

Heute hat der Dalai Lama Geburtstag. Alles Gute von hier aus, und ärgern Sie sich nicht über die Wahrheitseite der taz - die wissen es nicht besser!

Grober Unfug

So einen horrenden Blödsinn kann nur ein bedauernswertes Großstadtkind von sich geben, einer, der von der Natur vollkommen entfremdet aufgewachsen ist: Jan  Feddersen schreibt im taz mag ein hanebüchenes Stück mit dem Titel "Natur ist anstrengend!". Warum er wohl so einen geistfernen Unfug verzapft? Anscheinend provoziert er gern, in diesem Fall Leute, die sich mit Vorliebe unter freiem Himmel mit Tieren, Bäumen und Pflanzen aufhalten und Freude daran haben, möglichst wenig Menschenwerk zu erblicken, zu hören oder zu riechen. Denen will Feddersen ihre gute Laune vermiesen und beweisen, dass es gar keine ursprüngliche Natur mehr gibt: "Natur ist nirgendwo mehr in Europa echte Natur, unberührte Stücke Landschaft. " Den Wald sieht Feddersen nur als "in Zeitlupe wachsendes Brenn- und Bauholz". Und im Übrigen hat er offenbar eine heillose Angst vor allem, was natürlich ist, denn die Natur ist der "natürliche Feind (!)" des Menschen. Das Ausrufezeichen stammt von ihm. 
Ob er schon mal in der Camargue war? In der Sierra Nevada? In Schweden? In Finnland? In Island? In den Hochalpen? Im Naturpark Bayerischer Wald? In Polen? In Russland?
Sogar die Flussläufe sind laut Feddersen vom Menschen geschaffen worden: "Dass Flüsse wie der Main, die Werra, die Tauber oder die Nahe sich schlängeln, als hätte ein Disneylandparkstylist sie in die Landschaft zeichnend eingekuschelt, ist nicht allein der Erosion geschuldet, dem Wetter, den Winden, den Stürmen und Hageln. Sondern schlicht einem menschlichen Plan - Zeugnis mittelalterlicher Wasser -, also Energiewirtschaft."
So ein Schmarren! Ganz abgesehen von der Überheblichkeit (im Sinne von "Macht euch die Erde untertan"), die aus dieser Überschätzung des Menschen spricht, hat Feddersen keine Ahnung von natürlichen und geschichtlichen Abläufen. "Mittelalterliche Wasser- und Energiewirtschaft"! Noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts war zum Beispiel die Isar bei München ein gelegentlich reißender Fluss, der sein Flussbett ständig verändert hat. Allein die Brücke von München nach Bogenhausen musste im 19. Jahrhundert fünf mal wieder aufgebaut werden, weil alle Versuche, einen standhaften Übergang zu bauen, vergeblich waren - bei besonders starkem Hochwasser hat keine Brücke den Wassermassen standgehalten, egal, ob Holz- oder Eisenkonstruktionen. Erst 1902 machte sich der geniale Architekt Theodor Fischer ans Werk, und seine wunderschöne Steinbrücke mit dem weiten Jugendstilbogen steht heute noch.*) Das nur als Beispiel.
Aber ist nicht diese Vorstellung, dass Geist und Natur voneinander getrennt anzusehen sind, ein Ausdruck der Krankheit unserer Zeit? Ist nicht der "Geist" auch in seinen schlimmsten Verirrungen Teil der "Natur"? Woher soll er denn sonst kommen?
Schließlich beruft sich Feddersen auch noch auf die sprichwörtlichen "amerikanischen Wissenschaftler". Vielleicht hab ich das alles missverstanden, und der Beitrag soll Satire sein - war wohl zu lang für die Wahrheitseite.
Falls sich jetzt der eine oder andere Leser fragt, wie so ein Artikel ins taz mag geraten konnte, ob da nicht der zuständige Redakteur hätte eingreifen müssen? Der muss einem Autor doch sagen, wenn er Unsinn schreibt! Nun, der Autor ist der zuständige  Redakteur.

*) Siehe dazu "Mann-Haus am Urwald. In: Hans Pfitzinger, Stille Winkel in München. Hamburg 2007.  Anzeige weiter unten!

----------------------Kommentar am 7. Juli 2008
super!
best
jan feddersen

Anzeige in bunt

Eine ganze Seite nimmt die Farbanzeige von arte ein, für die Reihe "Summer of the 70s". Das bringt Kohle für die taz, und mir die Gewissheit, dass meine Rundfunkgebühren richtig ausgegeben werden.

So'n Theater

"Die große Vereinfachung" verspricht ein Titel auf der Kulturseite. Der Untertitel hält dann aber ganz offensichtlich nicht das Versprechen: "Das deutsche Theater orientiert sich wieder weniger am Diskurs und mehr an einer Resakralisierung von Kunst und Werk. Wiedererkennbarkeit und schnelles Verstehen sind gefordert, und dafür lernt das Theater von Film und Pop."
Ich sag's ganz offen: Einen seitenlangen Artikel, der so angekündigt wird, will ich nicht lesen. Der erste Satz schreckt mich mit seinem Fremdwortgeschwurbel ab, und beim zweiten frag ich mich: Und was gibt's sonst Neues?

Rasenmäher

Es gibt doch noch wichtige Meldungen auf den Kulturseiten. Zum Beispiel über Bodo Kirchhoff: Er mäht gerne den Rasen. "Man muss null nachdenken. Und man macht einfach etwas stur und sieht am Ende ein Ergebnis. Das ist schön."
Ja. Und schön ausgedrückt, oder? Dazu fällt mir ein, dass Philippe Djian auch gern Rasen mäht. Und Ken Kesey fuhr gern auf dem Traktor. Und Ernst Jünger sammelte Käfer. Und Erich Kästner trank gern Whiskey.

Zitat zu "68"

"Aber ebenjene Reflexivität muss auch auf das einst Erschlossene verweisen, um es in einer Praxis demokratischer Veränderung fortschreiben zu können: beispielsweise auf die Einübung in eine neue Diskursivität oder auf Aspekte einer veränderten Alltagskultur seit den Protestbewegungen der Sechziger- und Siebzigerjahre."
Tania Martini auf taz-Kultur
Peter Handke hat einmal darauf hingewiesen, dass eine Sprache, die lediglich Hauptwörter aneinanderreiht, eine tote Sprache ist. Ich möchte ergänzen: Mir graut vor solchen Sätzen.


"Ein Oktoberfest ...

... für die unteren Zehntausend", nennt der Fotograf Volker Derlath das alljährliche "Sommerfest" der Rewe-Supermärkte auf der Theresienwiese in München. Kurzer Text, fünf Bilder - eine schöne Idee für eine Fotoreportage. Der Mensch reduziert auf den Konsumenten, ein typisches Beispiel für Leute, die den Kakao auch noch trinken, durch den sie gezogen werden.

Sportschreiber

Ein schönes Stück über die Tour de France von Sebastian Moll erinnert mich daran, dass es auch hierzulande eine Menge Sportjournalisten gibt, die besser schreiben können als viele Autoren aus dem Kulturbereich. Sid Griffin wies im Interview am Donnerstag auf die guten Baseballschreiber in den USA hin - Hunter S. Thompson war zum Beispiel auch einer. Barbara Schaefer lobt im Reiseteil überschwänglich ein Buch von Rüdiger Barth mit dem (wegen H. P. Kerkeling) spekulativen Titel "Endlich weg. Über eine Weltreise zu zweit". Barth, Sportredakteur beim Stern, "kann schreiben, das können nicht alle, die Bücher schreiben. Er ist überzeugt von dem, was er tut, dem Reisen und dem Schreiben, ohne es dabei allzu wichtig zu nehmen. (...) Barths Weltreise liest sich witzig, weil der Autor saukomisch beschreiben kann."
Mir kommen da so Gedanken ... Ob man die Kulturseiten verbessern könnte, wenn da gelegentlich einer der guten Schreiber von den Sportseiten über Theater schreiben würde, oder über den Popmusikliebhaber Mehmet Scholl. Oder, ja, über die sportlichen Aspekte der Bayreuther Festspiele, was das Durchhaltevermögen der Künstler und des Publikums anbelangt. Wenn sich die Idee verbreitet - nicht auszudenken! Dann würde es Kulturseiten geben, die sogar gelesen werden.
Ob das nicht verboten ist?

Lieblos

Selten kommt es vor, aber an diesem Wochenende gelten alle Leserbriefe nur einem Beitrag: dem von Arno Frank am 2.Juli, zu der allüberall verbreiteten Geschichte mit dem Transsexuellen, der ein Baby ausgetragen hat. Frank lag mal wieder voll daneben. Nachdem ich ihn wegen seiner nassforschen Schreibe schon ein paar Mal hier im tazblog angegriffen habe, wollte ich nicht schon wieder auf ihn hinweisen. Das tun jetzt sechs empörte Leser/innen. Lisa Scheibner aus Berlin schreibt: "Mag sein, dass geschlechtsanpassende Operationen viele Fragen und Widersprüche produzieren, aber den Vergleich, Beattie könnte sich genauso gut erfolglos zum Delfin umwandeln lassen, finde ich respektlos. Menschen, die sich in ihrem biologischen Geschlecht falsch fühlen, lassen sich wohl kaum aus modischen, extravaganten Gründen operieren oder um irgendwelche 'bizarren' gendertheoretischen 'Auswüchse' in die Tat umzusetzen. Da steckt eine Menge Leid dahinter.
Freut mich für Sie, dass Sie sich selbst in Ihrer unanfechtbaren, naturgegebenen Männlichkeit (ich nehme an, Sie sind ein Mann) so sicher sind, dass Sie Zweiflern und Verirrten mit Gottes Hilfe ('gottlob!') den rechten Pfad zurück zur Natur weisen können."
"Unanfechtbar" - genau so klingt das häufig, wenn Arno Frank etwas von sich gibt. Er wirkt überheblich, grenzenlos von sich selbst überzeugt und gelegentlich menschenverachtend. Lieblos.
Wie ein unglücklicher Zyniker.

Zinn im Kongo

Gute Informationen auf den Sonderseiten zum G-8-Gipfel, bedrückend die Reportage aus dem Kongo, "Die Zinnsoldaten von Bisie", über die Bedinungen, unter denen dort Zinnerz gewonnen wird. Schade, dass der  Autor nicht mit ganzem Namen vorgestellt wird - N. Garrett muss ja wohl reingekrochen sein in die Löcher, die in den Berg führen und zu eng sind zum Umdrehen. Mich überkam die reine Platzangst, meine Klaustrophobie schlug voll durch beim Lesen, obwohl ich unter blauem Himmel und grünen Bäumen saß. Das war atemraubend gut beschrieben.
Wie ist es möglich, ein Wirtschaftssystem, dass zu solchen Auswüchsen führt, nicht zu bekämpfen? Wie ist es möglich, dass die Profitgier nach Zinn dazu führt, dass unsere westlichen Regierungen so etwas zulassen?
Der Titel "Gipfel ohne Weisheit" auf Seite 2 ist auch keine Antwort.

Morgen ist Ruhetag. Da können Sie, statt "Achtung: tazblog!", mal wieder ein gutes Buch lesen. Ich hätte da so eine Idee.


8. Juli 2008

tazblog

Die Arbeit fing heute erst mal mit einem Leserbrief "in eigener Sache" an, hehehe:
"Schade, dass Lana Stille in der taz zwar schreibt, aber sie offenbar nicht liest. Unter 'Ich seh dich, SPD' berichtet sie am 8. Juli auf der 'inland'-Seite: 'Ein eigenes Watchblog im Internet zu haben, ist eine fragwürdige Ehre. Man ist einerseits wichtig genug, dass jemand sich ausführlich mit einem beschäftigt - andererseits macht man so viel Blödsinn, dass jemand findet: Das sollte man mal in gesammelter Form aufschreiben. Seit kurzem wird diese Ehre nicht nur der Bild-Zeitung zuteil, sondern auch der SPD.'
Würde die Autorin die taz lesen, hätte sie schon am 23. 4. in ihrer Zeitung finden können: 'Hans Pfitzinger, 62, Münchner Schreiber, betreibt seit Sonntag unter www.hans-pfitzinger.de das kritische Blog 'Achtung: tazblog!' Er sagt: 'Aus Notwehr'. Es sei 'ein Ventil' für seine Wut, die er manchmal beim Lesen kriege. Er wolle die Redakteure erinnern, wofür die Zeitung gegründet wurde.'
Oder, wie Lana Stille ganz richtig vermutet: Die taz macht so viel Blödsinn, das sollte man mal aufschreiben.
Hans Pfitzinger, München"

Mal gucken, ob die Leserbriefredakteurin so nett ist ...

----------------Kommentar

Danke für den Hinweis. Ich bin - ganz allgemein - ein großer Freund von "Watch Blogs", ganz unabhängig vom Objekt und dem Blickwinkel der Betrachtung. Eine kritische Reflektion schadet weder den politischen Parteien noch den Medien.
In diesem Sinne: Weiterhin viel Erfolg mit Ihrem Projekt!
Beste Grüße
Stefan Weber
spd-watch.de

Leibesübungen

Was hab ich diese Seite vermisst, merk ich erst jetzt so richtig, bei Sebastian Molls täglichem Tour-Bericht, und die großartige Doris Henkel informiert mich über Venus und Serena Williams in Wimbledon. Ob das bald in Williamsdon umbenannt wird? Meine Güte, was sind die beiden gute Tennisspielerinnen! Ich steh ja mehr auf Serena, seit ich mal ein Foto von ihr mit durchsichtiger Bluse gesehen hab. Nö, will meine Vorliebe für Fotografien schöner Frauen nicht verleugnen: Ich war mal Redakteur bei Playboy, vor etwa 28 Jahren. Aus Überzeugung.
Wer kreischt denn da so laut? Ach, Alice Schwarzer, ich hab Sie doch neulich erst heftig unterstützt auf diesem tazblog.

Gähn

Wer will schon einen Zweispalter lesen, der mit dem Gähntitel "Das Private ist politisch" abgekündigt wird? Na ich, geht's doch laut Untertitel um "Marietta Slomkas fünf China-Reportagen", und das, was David Denk darüber schreibt, ist keinesfalls zum Gähnen. Ich hab mir den Spaß gemacht und im Schlusssatz statt "China" ein anderes Land eingesetzt, und siehe da: Stimmt immer noch.
"Sie (Mariette Slomka) zeigt, dass in Deutschland alles politisch ist - auch das Private, vermeintlich Unpolitische. Das Rumstreunen hat sich gelohnt."

Benga-Pop mit Indie-Rock

Extra Golden, eine Band mit drei Musikern aus USA und drei aus Kenia, spielen in der Fabrik in Hamburg. Darüber berichtet Alexandra Eul, weil sie den Mix aus Indie-Afropop für wichtig hält und die Musik mag: "Gitarrist Ian Eagleson sagt, er spiele lieber Konzerte, auf denen 100 Leute tanzen, als solche, auf denen sich 300 Leute langweilen. In die Fabrik kommen nur 20 Gäste - aber sie tanzen."
Yeah, that's the spirit! Ich hab mal in der Alabama-Halle ein Konzert von Los Lobos erlebt. Da waren, mit mir, 43 Besucher anwesend (ich hab's gezählt), dazu drei Leute hinter der Theke, und herauskam eines der besten Konzerte meines Lebens. Es war der Band offensichtlich völlig egal, dass nicht mehr Leute rumstanden, sie haben sich reingehängt, als ob sie vor 10.000 spielen. Am Schluss gab's drei Zugaben, eine war "Bertha" von den Grateful Dead, und man konnte sehen, was für einen Spaß die Musiker hatten.
Das war schön.

Ein Herr ist tot

Wenn die altmodische Bezeichnung "Herr" noch auf jemand zutraf, dann war das der Schriftsteller Nicolaus Sombart. Ich hatte in den späten achtziger Jahren
als Redakteur gelegentlich mit ihm zu tun, hatte auch die Werke seines Vaters Werner beim Studium kennen gelernt, und bei den wenigen Telefongesprächen hinterließ er bei mir immer den Eindruck: Der Mann stammt aus einem anderen Zeitalter und guckt sich vergnügt und fasziniert die Gegenwart an. Ein paar Mal hab ich mich gefragt: Ist das eigentlich links, was der Sombart schreibt?
Jetzt isser tot, gestorben in Straßburg, mit 85 Jahren. Etwas verspätet kommt die taz mit einem Nachruf von Eva Behrendt: "Auch wenn Sombarts Utopie am Ende auf ein selbst gestaltetes, unabhängiges Leben hinauslief, ging es ihm im Grunde um das Paradies auf Erden. Weil er dafür Fantasie und Erotik ebenso in Betracht zog wie Wissenschaft und Technologie, saß er zwischen allen Stühlen."
Nun ja, das ist ja oft der einzig anständige Platz für aufrichtige Menschen. Und weiter heißt es: "Sombart war davon überzeugt, dass sich der zivilisatorische Fortschritt am Grad der Emanzipation von Frauen, Juden und Homosexuellen bemessen lasse."
Na, dann ist die Frage doch beantwortet: Sombart war links.

Banküberfall & Negerküsse

Sie kommt nicht los von Dorothea Ridder: Diesmal lässt Gabriele Goettle drei Freunde von ihr erzählen, Helmut Höge, Heike Richter und Klaus Richter. Die ersten beiden haben ein gemeinsames Kind, und später hat sie dann noch eins mit dem Letzteren in die Welt gesetzt und lebt bis heute mit ihm zusammen. Am ausführlichsten kommt Klaus Richter zu Wort, wahrscheinlich, weil er gern redet. Schön seine Erzählung über Fritz Teufel und sein Alibi/Belibi und Richters Haltung zur RAF: "Als Westberliner Lokalpatriot fühlte ich mich zum 2. Juni hingezogen. Die waren ja nicht so trocken. Es gab ja den berühmten Banküberfall, wo sie eine Kiste Negerküsse hinstellten, für das Publikum und die Bankbeamten. Und dann  hatten sie die Frechheit, vier Wochen später die gleiche Bank noch mal zu überfallen."

Neil Diamond

Die "Charts"-Kolumne, von der möglicherweise nur der Autor Peter Unfried weiß, was das soll, bringt am Ende unter "Pop: Neil Diamond. Aber selbstverständlich nicht der späte, von Rick Rubin produzierte." Warum selbstverständlich? Gibt doch nichts dran auszusetzen, und "Delirious Love" kann es wirklich mit allen grandiosen Diamond-Songs aufnehmen. Ansonsten stimmt  die Auswahl:
1. "September Morn"
2. "Yesterday's Songs"
3. "Forever in Blue Jeans"
4. "Don't Bring Me Flowers (mit Barbra Streisand)
5. "Sweet Caroline"
So weit Unfrieds "Charts". Und weil ich ein großer Fan von Neil Diamonds Songschreiberei bin, möchte ich noch zwei hinzufügen: "Beautiful Noise" und "Dry Your Eyes". Letzteres hab ich erst vor ein paar Monaten meinem Repertoire hinzugefügt, weil die verwendeten Akkorde dem Song eine unglaubliche Steigerung geben. Seitdem hab ich ihn fast jeden Tag gesungen. Fragen Sie mich bloß nicht, was der Text sagen will. Nicht, dass ich die Wörter nicht verstehe - ich weiß einfach nicht, was mir der Schreiber damit sagen will.
Womit wir wieder bei der "Charts"-Kolumne sind, denn da geht's mir ja genau so. Aber ich tröste mich mit Roberto Benigni: "Das meiste im Leben verstehen wir nicht."

Nervt

Keine Einzelheiten zum Montagsinterview mit Friedrich Küppersbusch. Der nervt heute nur. Wird nicht mal fett gedruckt, der Name.

Die Hitlerei

Von mir werden Sie nichts zum Wachsfigurenattentat lesen, außer den Hinweis auf Rafael Seligmann, der zwei fast ganzseitige Spalten für seine gescheiten Ausführungen kriegt, im Titel "Artenschutz für Adolf!" fordert und die Enthauptung im Wachsmuseum zum Anlass nimmt, Bernd Eichingers Film "Der Untergang" gehörig und gekonnt in die Pfanne zu hauen.

Die gute Nachricht

Von nun an  geht's bergab, der Gipfel der Ölförderung ist erreicht, und die Auswirkungen dieser guten Nachricht verändern das Leben auf diesem Planeten schneller, als ich vor drei Jahren gehofft habe. Bernward Janzing schreibt in seinem brillanten Kommentar: "Wer heute noch Flugplätze ausbaut, veruntreut Steuergelder." Und er entlarvt auch die Analysten von der Wall Street und anderswo als dumme Schwätzer. Noch im vergangenen Oktober schrieb  "der leitende Energieanalyst beim New Yorker Investmenthaus Oppenheimer: 'Ein Ölpreis von über 60 Dollar oder gar 80 Dollar pro Barrel wird durch die Fundamentaldaten der Ölindustrie nicht gedeckt.'"
Zur Zeit liegt der Preis bei 145 Dollar.
Janzing sieht die Lage ähnlich positiv wie ich auch. "Arbeitsplätze wird es vor allem im Bausektor ausreichend geben. Etwa für kreative Architekten und gute Handwerker, die den Gebäudebestand an den hohen Ölpreis anpassen. Denn Immobilien zählen heute zu den größten Energieverschwendern."
Das meint übrigens auch der clevere Topmanager Georg Kofler, der einmal den Fernsehsender Premiere leitete. Kofler arbeitet jetzt an Konzepten für Wärmedämmung im Gebäudebereich, weil er da ein enormes Wachstumspotential sieht.

Ein seltsames Paar

Auf der Auslandseite ein Foto der ehemaligen kolumbianischen Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt bei inniger Umarmung mit Nicolas Sarkozy. Von der Dame, die vor Monaten angeblich todkrank war und jetzt plötzlich kerngesund ist, werden wir noch viel hören. Übrigens: Haben Sie seit ihrer Befreiung irgendwo etwas über ihre politischen Ziele oder Programme von früher gehört oder gelesen? Und jetzt also Umarmung mit dem Präsidenten der französischen Rüstungsindustrie.

Urlaub = Flugreise

Wie gut die Gehirnwäsche hierzulande funktioniert zeigt die dpa-Meldung über den Anstieg der Preise bei Pauschalreisen. Drei Prozent mehr verlangt TUI, und ihr Chef Volker Böttcher geht "nicht davon aus, dass der Preisanstieg zu Einbußen führen wird. Die Gäste ließen sich so schnell nicht vom Urlaub abhalten."
Mit anderen Worten: Das Wort "Urlaub" hat heute die gleiche Bedeutung wie "eine Pauschalreise mit dem Flugzeug buchen".

Jobidee

"Für Altpapier zahlen die Verwerter den Entsorgern derzeit rund 100 Euro pro 1.000 Kilogramm." Das steht in einem Artikel von Beate Willms über das Milliardengeschäft mit dem Müll. Hier in München hat die Stadt an alle Haushalte kostenlose Papiertonnen verteilt, die sie gebührenfrei entleert. Mit dem Erlös finanziert sie zum Teil den Abtransport von Restmüll und Bioabfall. Letzte Woche sah ich einen Typen, der die Papiertonnen, die an diesem Tag auf dem Gehsteig standen, von Hand ausleerte und die Zeitungen und Kartons auf zwei getrennte Stapel in seinem unbeschrifteten Lieferwagen verteilte. Hah, dachte ich mir, da hat sich einer den eigenen Job geschaffen: Bevor die städtischen Lastwagen zum Abholen des Altpapiers vorbeikommen, kommt er und nimmt sich seinen Anteil.
Schlau.

Biodiesel und Genmerkel

Japanische Bauern protestieren auf einer Kundgebung in Sapporo gegen den G-8-Gipfel. Ihr Anführer Ryozo Inomato sagt auf einer Kundgebung, der Anbau von Pflanzen für Biokraftstoff sei "ein Verbrechen gegen die Menschheit."
Genau dasselbe hat Fidel Castro schon vergangenes Jahr in seiner Zeitungskolumne in der Zeitung Granma geschrieben, aber wer hört schon auf die verdammten Kommunisten.
Und was fällt der beliebtesten Politikern der Bundesrepublik zum Thema ein? Angela Merkel hat "am Freitag dazu aufgerufen, die aktuelle Nahrungsmittelkrise durch den verstärkten Einsatz von Gentechnik einzudämmen. Als Beispiel nannte sie Sorten, die mit weniger Wasser auskämen. 'Viele Experten setzen darauf, dass der Einsatz gentechnisch veränderter Pflanzen eine wichtiger werdende Rolle spielen wird.'"

Leser

Ja, was soll ich sagen? Als ich am 1. Juli den taz-Kommentar von Matthias Lohre über "Demokratieverachtung" kritisierte, konnte ich nicht ahnen, wie viele Leserbriefe zu diesem Thema in der taz abgedruckt würden. Hier ein Zitat aus dem Brief von Bernhard Schindlbeck aus München: "Immer mehr Menschen geht es heute wie den Bremer Stadtmusikanten, sie sagen sich: Eine bessere Demokratie als diese verlogene, korrupte, unglaubwürdige, plutokratische Parteien- und Lobbyismus-Demokratie, diese Bush-Blair-Berlusconi-Demokratie, die nicht mehr ist als eine staatliche PR-Agentur am Gängelband der Wirtschaft, finden wir allemal."
Nach dem vorherigen Beitrag möchte ich den drei Namen, die alle mit B anfangen, noch einen mit M hinzufügen.

Das Hinterland des Kriegs - tvF *)

Ein großartiges Porträt von der taz-Mitbegründerin Ute Scheub: Sie schreibt über Selena Coppa, eine Soldatin der US-Armee, die in Wiesbaden stationiert ist. Coppa kämpft innerhalb des Systems gegen den Krieg im Irak. Die Frau ist eine Heldin, der Artikel sollte an alle Schulen des Landes verteilt werden.
Selena Coppa ist Mitglied der "Iraq Veterans Against the War" und hat vor dem US-Kongress zusammen mit 200 anderen Soldaten über Kriegsverbrechen im Irak und Afghanistan ausgesagt - "von den Mainstream-Medien unbeachtet", wie Ute Scheub anmerkt. Die US-Soldatin hat der taz eine Rechnung aufgemacht, die verdeutlicht, in welchem Ausmaß die deutsche Regierung die USA bei ihren Kriegen unterstützt: "Offiziell sind bisher etwa 4.100 GIs im Irak gefallen. In Wirklichkeit dürften es ungefähr 25.000 sein." Scheub weiter: "Die Statistiken würden manipuliert, unter anderem, indem kriegsbedingte Selbstmorde nicht hinzugezählt und Schwerverletzte in Kliniken auf deutschem Boden geflogen werden. 'Wenn die Leute in der Luft sterben oder beispielsweise in Landstuhl, dann zählen sie als Todesfälle innerhalb Deutschlands.'"
Selena Coppa begründet ihr Engagement gegen den Krieg mit ihren Erfahrungen im Irak. Was sie dort erlebte "widersprach ihren Vorstellungen von Humanität und Gerechtigkeit so eklatant", dass sie beschloss, mit allen Mitteln gegen diesen Krieg zu kämpfen. Über die deutsche Regierung sagt sie: "'Sie verhält sich wie Pontius Pilatus, der seine Hände in Unschuld wäscht.' Deutschland mit all seinen US-Basen und Hospitälern sei das strategisch unverzichtbare Hinterland für den 'War on Terror'."
Und sie ruft zur Aktion auf: "Es geht darum, eure Regierung unter Druck zu setzen, damit sie ihre indirekte Hilfe für den Krieg einstellt."
Kontakt: army-sergeant@ivaw.org

*) taz vom Feinsten!


9. Juli 2008

Sicher, sauber, umweltfreundlich

"Berechtigte Angst vor radioaktiver Strahlung

Bei dem Uranunfall in der südfranzösischen Atomanlage Tricastin ist nach Einschätzung unabhängiger Forscher die Umwelt stärker mit Strahlung belastet worden als bisher von den Behörden eingeräumt. Man könne davon ausgehen, dass die Strahlung 100 Mal höher sei als die für das Gesamtjahr zulässige Obergrenze, erklärte die Kommission für Unabhängige Forschung und Information über Radioaktivität (CRIIRAD).

Der Unfall hatte sich am Dienstagmorgen um 06.30 Uhr in dem Werk zur Behandlung von Atomabfällen in Tricastin bei Avignon ereignet. Die Behörden hatten aber bis zum Abend mit der Bekanntgabe gewartet. Aus einem undichten Tank war radioaktive Flüssigkeit mit 360 Kilogramm Uran ausgetreten. Ein Teil gelangte in die kleinen Flüsse Gaffière und Lauzon und die Rhône. Die Behörden gaben keine Strahlungswerte an. Der Sprecher französische Atomaufsichtsbehörde ASN, Charles-Antoine Louet, nannte die Gefahr für die Bevölkerung gering."
(aus: tagesschau.de, 9. 7. 2008, 11:15 Uhr)

Die Sauerei fängt beim Bau von Atomkraftwerken an, und hört nicht damit auf, dass die "Behörden" bis zum Abend gewartet haben, ehe sie den Unfall bekanntgaben. Und die SPD in Deutschland lässt sich momentan weichklopfen und will den Ausstieg doch hinausschieben, von den CDU-Verbrechern ganz zu schweigen. Vielleicht schauen Sie mal nach oben zum Einstiegszitat auf dieser Seite. Gustav Landauer hatte recht!

------------------------------Kommentar
Inzwischen, 11. Juli, weiß die Öffentlichkeit, dass auch der Zeitpunkt 06.30 Uhr bereits gelogen war. Der Dreck lief schon am Vorabend um elf aus.
-hp

"Wir müssen Benzin vergessen"

Mein Kumpel Axel hat mir ein Spiegel-Interview mit Neil Young kopiert und zugeschickt, in dem dieser am Schluss sagt:
"Ich weiß heute, dass alles, wovon wir seit Jahrzehnten singen, worum es uns geht, nämlich die Kriege zwischen Menschen zu beenden, sich auf eine Frage reduzieren lässt: Wo kommt unsere Energie her, und wie verteilen wir sie gerecht? Darauf hat der Musiker leider keine Antwort. Der Wissenschaftler schon. Wir müssen das Öl vergessen, wir müssen Benzin vergessen. Wir müssen Tankstellen am Straßenrand abschaffen. Und das sage ich als Autofan."

(aus: Der Spiegel 26/2008; siehe auch meinen Artikel über Neil Young unter:
http://schmoll-et-copains.typepad.com/schmolletcopains/2007/08/young-versus-bu.html)

Kinder und Enkel

"Von den Dingen, die sich an diesem Sonntag zwischen halb drei und viertel nach neun (...) abgespielt haben, werden alle, die dabei waren, ihren Kindern und Enkeln noch erzählen." Wo sich diese Dinge laut taz abgespielt haben, erfahren Sie, wenn ich vom Laufen zurück bin - ich muss jetzt erst mal die neuen, federleichten ultraspitzentopmäßig sohlengepolsterten Laufschuhe ausprobieren. Nur so viel: Es geht um Sport im obigen Zitat, und es war Sonntag, der 6. Juli 2008.

Rasen betreten!

Hin und weg war sie vom Finale zwischen Roger Federer und Rafael Nadal, die Doris Henkel, von der das obige Zitat über die Kinder und Enkel stammt. In den Klammern (...) stand noch: "... auf Wimbledons Centre Court ...". Muss aber auch zu schön gewesen sein, das längste Finale in der Geschichte des ruhmreichen Rasenturniers. So geht's zu, wenn die alten Alpha-Tiere von den jungen Herausforderern vom Thron gestoßen werden. Und dann zu allem Überfluss fliegt der Matchball bei Sonnenuntergang übers Netz, kurz bevor man gar nichts mehr gesehen hätte. Große Worte flossen Henkel in den Laptop: "... Beginn einer neuen Zeitrechnung in der Tenniswelt". Im nächsten Juni gibt's dann das Turnier im Jahr 1 nach Nadal gegen Federer.

Brigitte Nielsen

Nö.

"Neil Young war super"

Na bitte, sag ich's doch, aber ich freu mich auch, wenn so was in der taz steht, als Untertitel zum Bericht über das Roskilde-Festival. Und dazu ein Waaahnsinnsfoto vom alten Neil mit schütterem Langhaar, das ihm vom Kopf absteht, mit dem zerknitterten Gesicht eines 63-Jährigen, der gelebt hat und nicht aufgibt, und hochkonzentriert auf seine E-Gitarre hinunterblickt, mir der er so laut und virtuos spielt wie eh und je. Er war ja auch deshalb so erfolgreich, weil er von Beginn an so ein begnadeter Gitarrist war (auf den Alben von Buffalo Springfield kann man's hören, oder auf dem Solo-Live-Mitschnitt in der Massey Hall in Toronto aus dem Jahr 1971). Von seiner Begeisterung für Neil Young mal abgesehen, fand taz-Autor Andreas Becker: "Insgesamt war Roskilde dieses Jahr aber zu lasch. Nächstes Jahr fahren wir mal nach Budapest zum Sziget, da sollen 400.000 Irre sein."
Viel Vergnügen!

Ich weiß nicht

Vom Fritz-Lang-Film "Metropolis" sind ein paar ebenso verkratzte wie -schollene Zelluloidstreifen aufgetaucht. Breche ich jetzt in Begeisterung aus? Würde ich als Redakteur deshalb die Seite zu einem Interview mit und einem Foto von Enno Patalas nutzen, der leider nicht viel dazu sagen kann? Erste Frage: Nein. Zweite: Auch nein.

Dubai West

Ein sehr informativer Artikel über die Aufbruchstimmung der Geldgeier in Tanger von Alfred Hackensberger. Etwas deplatziert wirkt der Einstieg, wo er aus unerfindlichen Gründen seine Bekanntschaft mit Katharina Franck von den Rainbirds unterbringt. Gegönnt, geschenkt, mit dem Rest des kenntnisreich geschriebenen Hintergrundberichts hat das dann nichts mehr zu tun. Schön der Gedanke, dass sich die "goldenen Jahre" immer erst im Rückblick als solche erweisen, so wie das Tanger der 50er und 60er, wo eine Anzahl von Künstlern, Musikern, Schriftstellern Mythen schuf. Jetzt hat der König von Marokko den Größenwahn beschlossen, und die Moderne - sprich: gigantische Bauvorhaben - übernimmt das Kommando à la Shanghai und Dubai.
Am besten man schwimmt noch mal rüber mit der Fähre aus Spanien, bevor alles zu spät ist.
P. S. Die Sängerin Katharina Franck holt der Autor selbstverständlich vom Flughafen ab. Man weiß ja, wie schädlich die Fliegerei fürs Klima ist, aber auf Fernflüge verzichten? Was für ein exotischer Gedanke! Das tut man nicht. Das wäre Rückschritt, oder? Wo wir - die Menschheit - es doch mit dem Fortschritt halten, der uns schließlich so weit gebracht hat.


Jim Morrison lebt!

Joachim Lotsch, der Verleger meines Buchs "The Doors / Tanz im Feuer" (s. Werbeeinblendung hier auf dem Blog) hat mir gestern aus Unterkienberg bei Allershausen bei München
eine Meldung gemeld, nein, gemailt, in der stand: "Manzarek bestätigt - Morrison lebt!" Spiegel-online hatte das verzapft und sich auf ein Interview des englischen Dreckschleuderblattes Daily Mail berufen, dass die Schmierfinken mit Ray Manzarek geführt hatten, dem Organisten der Doors. Ich hab mir zusammengereimt, dass Manzarek die Arschlöcher aus dem britischen Gossenjournalismus gehörig angeführt und ihnen einen laut brummenden Bären aufgebunden hat. Auf den Seychellen lebt er, der Jim Morrison, harrharrharr!
Ich hab dem Verleger zurückgemeld, Quatsch, -gemailt: "Elvis lebt! Karl Marx lebt! Und die Seychellen verschwinden eh bald, wenn der Meerespiegel ansteigt."
In der taz vermuten sie, Morrison lebt "wahrscheinlich in einer Strand-WG mit Elvis, Jimi Hendrix und Sid Vicious."
Na denn: Prost, Jungs! Auf ein langes Leben!

Immer noch: Oberpeinlich!

Wenn es einen deutschen Musiker gibt, den ich für noch peinlicher als Rex Gildo halte, dann ist das Wolfgang Niedecken, der als einziges Gründungsmitglied von der einstmals gar nicht üblen Band BAP noch übrig ist. Der Kerl ist ein Ausbund an Aufgeblasenheit, der in seinem Leben einen guten Song unter die Leute gebracht hat, und sonst nur bemerkenswert dumm daherschwätzte - vor allem, wenn er sich staatsmännisch gab. Der gute Song hieß "Verdamp lang her", und für das dumm Daherschwätzen habe ich im taz-Interview von Peter Unfried wieder einmal die Belege gefunden.
Über seine Kinder: "Was für eine Welt hinterlasse ich ihnen?"
Über Schwarz-Grün: "Nein, das ist kein Verrat. ich schreie jetzt nicht Hurra, aber bei allen existierenden Grenzen zwischen den beiden Parteien ist das für mich ein Versuch weiterzukommen."
Über den Bundespräsidenten Horst "Agenda 2020" Köhler: "Ich habe ein wunderbares Verhältnis zu unserem Bundespräsidenten, das beruht auf Gegenseitigkeit. Der hat mich jetzt schon etliche Male eingeladen zu Afrikakonferenzen, zu Staatsbesuchen nach Afrika."
Zwischenfrage von Unfried: Ist das ein Zeichen von Alter, dass man den Bundespräsidenten sympathisch finden kann?
"Es ist ein Zeichen von Reife. (...) Was stimmt ist, dass nicht jeder alle deutschen Politiker kennenlernen und sich sein eigenes Bild machen kann." (Nö, aber der tolle Niedecken kann das!)
"Ich träume davon, dass die Bereitschaft der Menschen größer wird, sich gegenseitig verstehen zu wollen."
Unfried: Amen ...

----------------------------Kommentar
Warum Wolfgang Niedecken nach wie vor so heftige Ablehnung auslöst
(nicht nur bei Ihnen)? Finde ich interessant. Ich habe ihn jetzt zweimal
zu einem Interview getroffen. Mein Eindruck: Es gibt andererorten viel
Unsympathischere und Blödere als ihn. Es sieht aus, als habe er das
schwierige Weitermachen als Rock' n Roller nach dem Höhepunkt und trotz
Zusammenbrechen des alten Marktes ganz gut hingekriegt.
Ansonsten: Ich lese Ihren Blog regelmäßig und schätze ihn.
Herzlich, Peter Unfried

-----------------------------Kommentar
Weshalb der Niedecken bei mir solch starke Ablehnung auslöst? Ich nehme mal an, das hat mit seiner im Grunde windelweich sozialdemokratischen öffentlichen Person zu tun.
-hp

Zitat


"Europa braucht zwar eine Einwanderungspolitik aus einem Guss. Doch die muss sich humanitären Grundsätzen verpflichtet fühlen, und sie darf das menschliche Einzelschicksal nicht aus dem Blick verlieren."
Wolfgang Niedecken - halt, nein, stoppt die Maschinen! Alles falsch! Berichtigung! Das angeführte Zitat ist von Daniela Weingärtner, Korrespondentin der Tageszeitung die tageszeitung bei der EU in Brüssel.

2.000 Quadratmeter

Zur Feuersbrunst in Kalifornien auf Seite 10: "Insgesamt vernichteten die Brände binnen zwei Wochen 2.000 Quadratmeter Busch und 69 Häuser." Wenn man 69 Häuser auf 2.000 Quadratmeter unterbringen will, hätte jedes mit Grundstück eine Fläche von 29 Quadratmetern. Also, 2.000 Quadratmeter lösch' ich mit dem Gartenschlauch an einem Nachmittag. Wozu da wohl 1.200 Feuerwehrleute im Einsatz sind? Die stehen sich doch nur im Weg.

Corn, Korn und Mais

Weil wir schon bei der Besserwisserei sind: Auf einem sehr schönen Foto schüttelt eine hübsche Afrikanerin ein Sieb mit dicken Körnern, die leicht unscharf in der Luft hängen. Darunter steht: Frau beim Korndreschen. Ich denk, heh, das sind aber große Körner, das sieht eher nach Mais aus, und richtig: Am Boden liegen jede Menge abgefieselte Maiskolben. Des Rätsels Lösung: Im Englischen heißt Mais eben "corn" (Sie erinnern sich: Popcorn?), und die Übersetzung ist halt nicht das Naheliegende Korn.
P. S. Ausgesprochen hübsche Frau, die Afrikanerin mit dem Maissieb.

Afghanistan

Thomas Ruttig berichtet vom folgenschwersten Selbstmordanschlag seit dem Sturz der Taliban im Jahr 2001. Vor der indischen Botschaft in Kabul sterben mindestens 45 Menschen. Eine Aufklärung sei unwahrscheinlich.

Dreckszeug

Der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain will nach seiner Wahl in den USA 45 neue Atomkraftwerke bauen lassen. Begründung: Damit würden "700.000 gute Arbeitsplätze für Bau und Betrieb der Anlagen geschaffen".
Atomkraftwerke sind ökologisch, sauber und die "neue Generation" ist absolut sicher. Atomkraftwerke schaffen Arbeitsplätze. Atomkraftwerke dienen dem Klimaschutz. Der Atommüll ist kein Problem - die Halbwertzeit, also die Zeit, bis die Strahlung zur Hälfte abgeklungen ist, beträgt nur schlappe 15.000 Jahre. Uran ist billig und unerschöpflich. Und die Rechnung begleicht sowieso der Steuerzahler.
Machen Sie sich keine Sorgen, John McCain weiß, was er tut und wovon er spricht. Vertrauen Sie ihm, er hat die besseren Informationen. Ihn beraten Experten, amerikanische Wissenschaftler, die besten der Welt. Die haben sogar die Atombombe entwickelt, für die ist so ein Atomkraftwerk ein Klacks. Machen die mit links.
Und der Unfall im AKW Three Mile Island?
Das hatte doch nichts mit der Technik zu tun, Mann, das war menschliches Versagen!


10. Juli 2008

Klinsmanns Buddhas

Am dummbeuteligsten geht's auf der Seite "die wahrheit" immer dann zu, wenn der verantwortliche Redakteur Michael Ringel seinen Humor an irgendetwas erprobt, was auch nur entfernt mit Religion zu tun hat. Der Mann muss einmal schwer beschädigt worden sein, ich nehme an, das hat mit kindlich-christlichen Erfahrungen zu tun, aber was weiß ich schon. Ich empfehle ihm, sich gelegentlich Gedanken darüber zu machen, weshalb er immer völlig humorlos wie ein wütender Foxterrier um sich kläfft, sobald er sich mit dem Thema Religion einlässt. Diesmal geht's um die Buddha-Statuen, die Jürgen Klinsmann auf dem Dach des Vereinsgebäudes vom FC Bayern München hat aufstellen lassen: "Soll die Figur eines kleinen dicken Mannes etwa als Vorbild für Athleten dienen?",  fragt der  humorbemühte taz-Redakteur.
Schade, dass Ringel sich nicht die Mühe gemacht hat, ein Foto der Buddhas auf dem Dach in der Säbenerstraße anzuschauen. Die Bayern-Buddhas sind nämlich die schlanken, die eher aus dem tibetisch-indisch-thailändischen Kulturkreis stammen. Das von der Bildredaktion ausgewählte Foto zeigt auch eine schlanke Buddha-Figur. Aber das hat sich der Wahrheit-Redakteur offenbar ebenso wenig angeguckt, immer nach dem Motto: Bloß keinen Gag von der Wirklichkeit kaputt machen lassen!

Tag der Fragebogen I

Bösartig könnte man sagen: Einfach einen Fragebogen von anderswo in die Zeitung heben, schon erspart sich der Redakteur nen Haufen Arbeit. Für die Leser, die von hinten nach vorne blättern, geht's schon auf der Seite "flimmern und rauschen" los. Welcher Erkenntniswert dem Abdruck eines Bewerbungsbogens für den Bild-Leserbeirat zukommt, erschließt sich mir nicht. Außer, dass damit zwei Spalten gefüllt werden können.

Hulk

Eine blitzgescheite, höchst fachkundige Filmkritik von Andreas Busche steht da im Kulturteil, über einen Film, den ich mir ganz bestimmt nicht anschauen werde: "Der unglaubliche Hulk". Was da an Hintergrundinformationen über die Comic-Figur rüberkommt, über den Marvel-Konzern, der jetzt sein eigenes Filmstudio betreibt, über die Art, wie der geniale Regisseur Ang Lee den ersten Hulk-Film vor fünf Jahren in den Sand gesetzt hat - das war sogar für jemanden wie mich, der sich für den Streifen nicht die Bohne interessiert, richtig spannend zu lesen. Wie ja auch manchmal Spielberichte über eine Begegnung, die einen eigentlich völlig kalt lässt, aufregender sein können als das Spiel selbst.

Deutschland 09

Den Titel find ich schon mal nicht schlecht: Deutsche Filmregisseure drehen Episoden über den Zustand des Landes und nennen das Werk "Deutschland 09", in Anspielung an "Deutschland im Herbst" von 1978. Die Filmstiftung Nordrhein-Westfalen unterstützt das Projekt mit 500.000 Euro. Es geht um das gegenwärtige "politisch-gesellschaftliche Klima", um "ein Dutzend individuelle filmische Blicke auf das, was wir heute und jetzt als Heimat erleben - und wie wir uns in diesem Land verorten, verirren, verstricken".
Mir scheint, da liegt eine sehr ähnliche Idee zu Grunde, die mich zu "Achtung: tazblog!" geführt hat: Einen Querschnitt durch die Gegenwart festhalten, anhand der taz aufzeigen, wo wir uns befinden, drei Monate lang aufzeichnen, was so an mir vorbeifliegt, worüber man sich sonst nur kurz Gedanken macht und dann übergeht zur Tagesordnung - und zum nächsten Tag. Deshalb glaub ich ja auch, dass dieses tazblog sich durchaus für eine Buchveröffentlichung anbietet und, bei aller Aktualität, als Auszug aus der Zeitgeschichte auch zeitlos ist. Als Titel war vorgesehen:


Achtung: tazblog!
Deutschland von links
 die tageszeitung - drei Monate kritisch gelesen


Falls Sie, verehrte/r Leser/in die Idee unterstützen möchten, dann fällt Ihnen vielleicht auch ein Verlag ein, der interessiert sein könnte. Oder Sie sind gar selbst Verleger/in? Dann klicken Sie doch einfach hier unter
E-Mail an hp!

Gar nicht lieblos!

Was soll ich sagen? Ich bin völlig geplättet. Da schreibt Hannah Pilarzcyk eine halbe Seite voll über eine Band, von der ich nur mal den Namen gelesen habe, und von deren Musik ich nicht das Geringste weiß. Und dann lese ich bis zur letzten Zeile, denn diese Autorin hat die seltene Gabe, ihr sagenhaftes Musikwissen liebevoll auszubreiten, einen Artikel geschickt aufzubauen und trotz absolutem Fanstatus nicht von Verehrung geblendet zu erscheinen. Und sie hat nicht nur Durchblick, sondern auch einen beneidenswerten Überblick. Und das Album, mit dem nach ihrer Meinung im Jahr 1991 ein neues Zeitalter in der Geschichte der Popmusik anbrach, heißt auch noch "Loveless". Seitdem hat die Band My Bloody Valentine nichts mehr veröffentlicht.
Am liebsten würde ich den ganzen Artikel hier zitieren, aber vielleicht finden Sie ihn ja bei taz.de - a bisserl a Anstrengung mag schon sein -, weshalb ich mich auf die Zeilen beschränke, in der Hannah Pilarczyk beschreibt, was am Gitarrensound von My Bloody Valentine so anders war: "So konnten Gitarren also auch klingen: weder treibendes Rhythmusinstrument noch musikalisches Medium für Profilierungsgesten, sondern flirrendes Etwas, überwältigend produziert und doch nicht greifbar. Scheinbar zahllose Tonspuren legten sich übereinander, formten gezielte Dissonanzen, die sich zu tosendem Lärm verdichteten und gleichzeitig zerbrechlich blieben."
Die gute Nachricht steht unter dem Artikel: Das Album "Loveless" wird am 25. Juli  wiederveröffentlicht. Und die noch bessere Nachricht nimmt die halbe Seite über dem Artikel ein: Das Foto von Rune Evensen, einem Fotografen, der für Agence France Press arbeitet. Da steht auf einer großen Bühne ganz allein im Scheinwerferlicht eine dünne Frau mit langen Haaren und spielt sanft lächelnd und höchst konzentriert eine E-Gitarre. Aufgenommen wurde das Foto am letzten Wochenende in Roskilde, und das ist wohl die beste Nachricht: My Bloody Valentine sind auf Tournee. Diese auf dem Foto überirdisch wirkende Gitarristin heißt Bilinda Butcher. Den Namen will ich mir merken.

Wolframs Parsifal

Ilija Trojanow nützt seine Kolumne für eineTextinterpretation und erklärt dem geduldigen Leser Inhalt und Bedeutung des "Parsifal" von meinem fränkischen Landsmann Wolfram von Eschenbach. Das ist brav, politisch korrekt und vor allem gut geschrieben. Wenn da nur nicht Sätze wären wie dieser: "Mit anderen Worten, die antagonistische Haltung, basierend in einem prototypischen Fall auf einer automatischen, dogmatischen Ablehnung des Helden, des kanonischen Abweichlers, konstituiert den entscheidenden Unterschied."
Ob ein Autor seinen Text verständlich für Verständniswillige schreibt, oder sich verantwortungslos in seiner vermeintlich virtuosen Sprachgewalt suhlt, unterscheidet einen guten Schriftsteller von einem nur eitlen.

Zitat I

"Bei ihrem diesjährigen Gipfel in Japan arbeiten die Regierungschefs besonders hart - und zwar daran, den Rest der Welt endgültig von ihrer Irrelevanz zu überzeugen."
Malte Kreutzfeldt am 9. Juli 2008 unter der Überschrift "Vision grenzt an Realsatire" auf der Seite "meinung und kommentar" der taz

Zitat II
Weg mit dem Pack

"Die Frage stellt sich immer dringender: Können sich die Länder der westlichen Welt noch länger den Luxus erlauben, ein Regierungssystem zu finanzieren, das nicht imstande ist, irgendwelche Schritte zur Lösung der anstehenden Probleme einzuleiten?"
Hans Pfitzinger am 10.Juli 2008 unter der Überschrift "Weg mit dem Pack" auf der Web-Seite "Achtung: tazblog!"

Israel setzt unmenschliche Politik fort

Die palästinensische Organisation Hamas wurde deshalb so mächtig in der Bevölkerung des Westjordanlandes, weil sie Politik immer mit praktischer Hilfe für die notleidenden Menschen verbunden hat. Die israelische Armee zerstört jetzt Schulen, soziale Hilfseinrichtungen, und Einkaufszentren der Hamas und treibt damit noch mehr Palästinenser ins Elend. Die Politik der israelischen Regierung läuft offenbar darauf hinaus, die Bevölkerung so lange zu provozieren, bis sie sich nur noch mit verzweifelten Gewaltaktionen zu helfen weiß. Worauf die Israelis wieder mit verstärktem Einsatz der Armee reagieren werden.
Nichts Neues im (Nahen) Osten.
Die Politik der israelischen Regierung ist menschenverachtend.

Meine zweite Heimatstadt

Nirgendwo habe ich, von München abgesehen, länger gewohnt als in San Francisco - ich empfinde diesen magischen Ort in Nordkalifornien auch nach 29 Jahren noch als meine zweite Heimat. Deshalb hab ich mich über die Meldung gefreut, dass es dort Bestrebungen gibt, eine Kläranlage - so wie andernorts Flughäfen - nach einem Politiker zu benennen. Die "George-W.-Bush-Kläranlage" soll daran erinnern, dass "die nächsten 10 bis 20 Jahre eine ziemliche Sauerei aufgeräumt werden" muss.

Weltkulturerbe

Ein wunderbares Luftbild von der Hufeisen-Siedlung im Berliner Bezirk Neukölln. Warum hab ich die noch nie gesehen? Ein riesiger Wohnblock, drei Stockwerke hoch, geschätzte 25 Häuser, in Form eines Hufeisens aneinandergebaut, innen mit einem kleinen Park und vielen Bäumen, daran auf beiden Seiten anschließend weitere Reihen von Wohnhäusern mit sehr viel Bäumen und Grün drum herum. Der Hufeisenbau wurde jetzt, mit einigen anderen Siedlungen in Berlin, zum Weltkulturerbe erklärt, als Beispiel für den sozialen Wohnungsbau in den 20er- und 30er-Jahren. Toll!

Sechs Seiten Amtsblatt: Tag der Fragebogen II

Von Seite 3 bis 8 druckt die taz die 310 Fragen des Einbürgerungstests ab, mit dem das Innenministerium in Zukunft prüfen will, ob ein Bewerber das Zeug zum richtigen Deutschen hat. Auf der Titelseite prangt ein großes Foto: Zwei Füße mit schwarz-rot-goldenen Socken in beigen Filzpantoffeln mit Hahnentrittmuster und die Frage: Wie deutsch sind Sie?
Das könnte Staatsbürgerkunde als Familienunterhaltung sein, für Fragespiele am Küchentisch an verregneten Sommerabenden, wenn es zu kühl ist für den Biergarten. Oder Sie schneiden die sechs Seiten aus und heben sie auf für lange Winterabende.

Schluss für heute - ich werd doch den einzigen Tag der Woche, für den kein Regen vorhergesagt ist, nicht noch länger am Schreibtisch verbringen. Sie hoffentlich auch nicht. Bis morgen.

P. S. D
ie neuen, federleichten, ultraspitzentopmäßig sohlengepolsterten Laufschuhe sind sensationell - wahrhaftig superweich gedämpfte, federleichte, ultraspitzentopmäßig sohlengepolsterte Laufschuhe!


11. Juli 2008

taz-intern

Solche Meldungen würde ich gern in der taz lesen, zusammen mit einem deutlich erweiterten Impressum und Angaben über die Ressortleiter und Redakteure:
"Ralph Bollmann, zuvor Ressortleiter, folgte als Leiter des Parlamentsbüros der taz auf Jens König, der als Reporter zum Stern wechselte. Matthias Lohre löste im Parlamentsbüro Lukas Wallraff ab, der Chef vom Dienst in der Zentralredaktion wurde. Stefan Reinecke wird das Parlamentsbüro bis zur Bundestagswahl 2009 verstärken."

Quelle: M - Menschen machen Medien 06/07 2008

Der zahnlose Papiertiger

Das Oberlandesgericht Frankfurt hat festgestellt, dass die Rügen des Deutschen Presserats Meinungsäußerungen sind und keine Tatsachenbehauptungen.
Das gilt selbstverständlich auch für keine Rügen des Presserats, wie im Fall taz.

Die größte Band des Planeten

Holla, geht's vielleicht eine Nummer kleiner? Jedenfalls behauptet der Untertitel auf der Kulturseite, Radiohead sei die größte Band des Planeten. Das wird dann aber im Text etwas relativiert: "... neben U2 und Coldplay". Und auch nicht die beste Band überhaupt, sondern nur "aktuell". Na, wenn einer U2 zu den aktuell größten drei Bands des Planeten rechnet, dann weiß ich wenigstens, was ich von solchen Superlativen halten soll: nichts.
Aber amüsant geschrieben ist der Artikel von Andreas Hartmann über Thom Yorke und seine Band bei einem Konzert in der Wuhlheide schon. Titel: "Eine Band fürs ganz große Wir". Ich mag Leute, die sich begeistern können, und das kann der Autor. Und ich mag den Namen Wuhlheide, klingt irgendwie gemütlich. Hartmann schreibt von Regenschauern und von -schirmen und Liebespaaren die darunter Schutz suchen und sich dabei ganz nah kommen. Jetzt nehme ich einfach mal an, dass in der Wuhlheide Konzerte im Freien stattfinden.
Wuhlheide. Niedlich. Klingt auch nach Sonntagmorgen unterm Federbett, wenn man sich noch mal genussvoll ins Kopfkissen wühlt.
Wuhlheide. Wohlheide. Hehehe.

Coppola


Sie mögen ihn nicht, die Filmkritiker, den neuen Film von Francis Ford Coppola. Auch taz-Mann Bert Rebhandl mag ihn nicht: "'Jugend ohne Jugend' ist schlicht eine Tour de Force der bildungsschwangeren Art."
"Schlicht" find ich gut in diesem Zusammenhang. Sie müssen mal drauf achten, bei anderen, aber auch bei der eigenen Rede: Wenn einem etwas zu kompliziert wird, sagt man gern "einfach".

Atze

Aber ja, ein Interview mit Arthur Brauner, immer! Der Mann hat ja wirklich was zu erzählen, und das große Porträtfoto von Detlev Schilke tut ein Übriges: Was für ein einzigartiger alter Charakterkopf! Am 1. August wird er 90. Ulrich Gutmair hat mit ihm gesprochen. Und bisweilen dachte ich beim Lesen des Interviews: Klingt das jetzt naiv oder altersweise?
Selbstverständlich ist er stolz auf sein Lebenswerk, und die vielen Schnulzen und Schmonzetten, die er in den Jahren seit 1946 in die Kinos gebracht hat, erwähnt er nicht mal. (Die taz schreibt im Kasten zum Interview über seine Filme: "Viele sind leichte Muse." Das ist ganz schön untertrieben.) Nur die politischen Filme, die mit Anliegen, mit denen will er im Gedächtnis bleiben, der Atze. Und er ist tatsächlich fest davon überzeugt, dass er mindestens ein Mal um den Oscar betrogen wurde: "Wenn ich nach Amerika komme und sage, ich bin der Producer von 'Hitlerjunge Salomon', dann öffnen sich alle Türen. Und ich werde bemitleidet, dass man mir den Oscar geraubt hat."
Das ist rührend, genau wie sein Bemühen darum, dass seine Filme nicht vergessen werden: "Ich stehe gerade vor einer Unterschrift mit Jad Vaschem, wo alle meine Filme, 21 bisher, auch noch in den nächsten 50 bis 100 Jahren dort gezeigt werden sollen."
Das ist schön, ich wünsche ihm, dass es klappt. Wunderbar auch die Zahlen, die er exakt im Kopf hat: "Ich habe insgesamt 16,4 Millionen verloren, bei den 21 Filmen, die ich zum Thema Nationalsozialismus produziert habe."
Vor zwei Jahren kam noch "Der letzte Zug" in die Kinos, bei dem Joseph Vilsmaier Regie geführt hatte. Der hat bestimmt einiges zu den 16,4 Millionen Verlust beigetragen. Brauner über den Unterschied zwischen der Zeit vor 60 Jahren und heute: "Ich habe gehofft, dass es eine Besserung in der Moral, in den Gefühlen derjenigen ergibt, die so etwas sehen. Aber ich bin enttäuscht, es hat sich nichts geändert. Die Mentalität ist die gleiche geblieben. Damals gab es alte SS-Leute, die die Kinos gestürmt haben und den Film so aus den Kinos jagten, heute gehen die Leute einfach nicht hin."
Das hat mich an ein Interview erinnert, dass ich vor vielen Jahren mit Roberto Benigni geführt habe:
Sag mal, Roberto, willst du eigentlich dein Publikum bessern?
     “Was??? Aber nein!!! Das ist ja furchtbar, daran auch nur zu denken. Haha, daran habe ich nie gedacht. Was war die Frage?”
     Ob du die Leute zum Besseren beeinflussen willst?
     “Unmöglich, furchtbar. Was für eine Idee! Wenn wir damit anfangen, sind wir tot, verloren. Das ist, glaube ich, die vulgärste Vorstellung, die sich ein Mensch ausdenken kann. Zu versuchen, andere Leute zu bessern! Das ist kriminell!!!”
     Also versuchst du, zu unterhalten?
     “Ja. Und ich will mich selbst amüsieren. Das ist schwer genug.”


Flick - Kunst sammeln mit Kriegsgewinn

Schön, dass Brigitte Werneburg immer wieder am Thema der Kunstsammlung Friedrich Christian Flick dranbleibt. Jetzt gibt's also einen 1.000 Seiten dicken Wälzer, den das Institut für Zeitgeschichte zu den Verbrechen des Flick-Konzerns im Dritten Reich zusammengestellt hat. Werneburg ist verblüfft über die Unwissenheit des früheren Präsidenten des Bundesverbandes der deutschen Industrie: "Hans-Olaf Henkel jedenfalls, special guest bei der Buchvorstellung, meinte, er wäre Karl Friedrich Flick, den vor zwei Jahren verstorbenen alleinigen persönlich haftenden Gesellschafter der Holding-Unternehmen und Onkel von F. C. Flick, in dieser Frage ganz anders angegangen, hätte es damals schon diese Publikation gegeben. (...) Tatsächlich, nachdem man diesen zum zehnten Mal sagen hörte 'ich wusste gar nicht' und 'das ist ja ein Ding' und dachte, das ist ja ein Ding, wie vollkommen ungeniert Henkel seine ganz persönliche, von wenig Vorwissen belastete Lektüreerfahrung vor Publikum zum besten gibt - da dachte man gleichzeitig, wie cool das doch war und wie erhellend."

Der höchste ÜQ* in der taz vom Donnerstag

Sie erinnern sich? Die Spießerkolumne von Anja Maier. Ihre Wortschöpfung "Pubertistin". In dieser Woche bringt sie die Bezeichnung für ihre Tochter nur sechs Mal unter und zwar in dieser Art, in der sie sich als Mutter fragt: "Was weißt du überhaupt über die Pubertistin? Chattet sie mit Irren? Lädt sie Bombenbauanleitungen aus dem Netz? Und verdammt, sie hat ganz schön abgenommen - ist sie in einer dieser Eine-Perlzwiebel-zum-Frühstück-Communities?"
Das arme Kind, in so einem Milieu aufzuwachsen, erfordert starke Nerven. Neulich habe ich noch vermutet, diese Kolumne würde besser in Cosmopolitan oder Freundin oder Brigitte passen. Vielleicht noch in Bild der Frau.
Gruselig, diese Spießigkeit.

* Überflüssigkeitsquotient

Zitat

"Selbstviktimisierung schadet den Diskriminierten."
Robert Misik, in einem ansonsten blitzgescheiten Kommentar über die Konkurrenz um den Opferstatus

Kriki

Karikatur von Kriki, der immer alte Schwarzweiß-Illustrationen mit neuen Sprechblasen versieht. Oben drüber steht: Wie läuft's im AKW? Sagt der eine: Hier tropft's! Sagt der andere: Wir brauchen keine längeren Laufzeiten sondern längere Auslaufzeiten.

Hätten Sie's gewusst?

Annette Jensen auf "wirtschaft und umwelt": "Das Schweizer Institut Infras hat ausgerechnet, dass die Schäden durch den Lkw-Verkehr allein auf deutschen Straßen mit etwa 11,6 Milliarden Euro im Jahr zu bewerten sind." Und: "Schließlich werden 90 Prozent der Waren per Lkw transportiert."

Klimaerwärmung? Iss mir doch scheißegal

Das darf doch nicht wahr sein - bin ich von lauter Vollidioten umgeben? Die Lufthansa hat trotz der gestiegenen Ölpreise im ersten Halbjahr 2008 mit 28,4 Millionen Passagieren 5,4 Prozent mehr befördert als im Vorjahr, ihre Tochterfirma Swiss 6,4 Millionen, und damit 12 Prozent mehr.
Al Gore, übernehmen Sie!

Maria Böhmer bei McDonald's

Isses zu glauben? Die "Integrationsbeauftragte der Bundesregierung", Maria Böhmer, CDU, klaro, geht auf Werbetour für den Einbürgerungstest und stellt ihn bei McDonalds vor. Wer betreibt da eigentlich Schleichwerbung? Die Partei für die Restaurantkette? Der Fleischpflanzlbrater für die Partei? Böhmer für alle? Und was kriegt sie dafür von Macci? N Cheeseburger mit Pomfritz? Diese Frau ist einfach wi-der-lich.

Arbeit, Arbeit, über alles

Wolfgang Thierse bedauert, dass die Bundestagsabgeordneten so ein schlechtes Ansehen haben. Woher das kommt, weiß er auch: "Wir haben einen Zustand der Unübersichtlichkeit in der Welt, aber wir sind dabei eine neue Ordnung zu schaffen."
O Gott, Thierse schafft Ordnung! "Wissen Sie, als normaler Politiker stelle ich mich natürlich der Kritik des Bürgers. Ansonsten würde ich meinen Job schlecht machen, wäre faul - das möchte ich den meisten meiner Kollegen nicht unterstellen."
Nein, es gibt ja so was wie die protestantische Arbeitsethik, da wäre faul sein eine ganz schlimme Sünde. Arbeit ist ein Wert an sich, weshalb die Kerle auch rackern wie gestört: "Der Großteil meiner Kollegen arbeiten 60 bis 70 Stunden die Woche, besuchen Veranstaltungen und sprechen immer wieder mit den Bürgern. Leider erreichen wir hiermit lediglich 1 bis 2 Prozent unserer Wähler direkt."
Das finde ich beachtlich, dass da immer noch ein bis zwei Prozent der Wähler hingehen, wenn einer wie Thierse spricht. Ob der Herr Pfarrer von der SPD sich schon mal überlegt hat, dass es nicht darauf ankommt, wie viele Stunden einer arbeitet, sondern darauf, was er macht in den Stunden, in denen er arbeitet?
Ich jedenfalls mach jetzt Schluss, geb mir hitzefrei: Es ist 14 Uhr und das Thermometer steht schon auf 30 Grad.
Schönes Wochenende - bleiben Sie dran, morgen geht's weiter, noch vier Tage: "Achtung: tazblog!"


12. Juli 2008

Bin ich Deutschland?

Die Frage hab ich mir Freitag in aller Frühe gestellt, als die taz taz-sächlich schon um halb sieben vor der Tür lag. Seit ich das Probe-Abo von der Frankfurter Rundschau noch dazu geliefert bekomme, lässt sich die Rolle mit beiden Zeitungen anscheinend besser von der Tür zum Treppenhaus her durch den Flur schleudern. So landen die beiden Blätter, einträchtig aneinander gerollt und mit einem Plastikband verknotet, meist in der Nähe meiner Fußmatte.
Ja, also: Bin ich Deutschland? Die taz-Schlagzeile hieß gestern "PKK erpresst Deutschland". Hm. Stimmt das? Erpresst sie "uns", wie das beim Fußball immer so schön heißt? Oder erpresst sie die deutsche Regierung? Und wo liegt dann bitte der Unterschied? Stehe ich auf Seiten der türkischen Regierung, die mit Panzern der Nationalen Volksarmee, geliefert von der deutschen Regierung, gegen die kurdische Befreiungsbewegung vorgeht? Stehe ich auf Seiten der türkischen Armee, die mit Truppen und Jagdbombern auf das Territorium eines Nachbarstaats vordringt? Selbstverständlich mit Billigung des großen Nato-Partners George W. Bush. Oder stehe ich auf Seiten der jungen kurdischen Frauen und Männer im Nordirak, die ihre Heimat mit der Waffe in der Hand verteidigen, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt? Kann ich mich einfach auf Sophokles berufen und ansonsten den Mund halten: "Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da." Was aber, wenn der bewaffnete Widerstand gegen Panzer und Bomber ein Akt der Liebe zu seinen Mitmenschen, seinem Volk, seinen Kindern ist? Ein Akt der Notwehr?
Ich bin zu keinem abschließenden Ergebnis gekommen auf dem Weg in die Kombüse, wo ich erst Mal den Kaffee in den Espressokocher gelöffelt und den Wasserkessel fürn Kräutertee aufgesetzt hab. "PKK erpresst Deutschland" - das klingt irgendwie staatstragend. So formuliert tut die taz so, als ob "wir alle" erpresst werden, stellt sich also eindeutig auf die Seite der Regierung und ihrer Politik - Wolfgang Schäubles Verbot des kurdischen Fernsehsenders zum Beispiel -, und gegen die Forderungen der PKK.
So weit geht nicht mal die Bild-Zeitung, wie ich abends am Verkaufsständer vor dem Rewe-Markt feststelle. Deren Schlagzeile hieß gestern: "Terroristen erpressen Merkel". Das ist kein feiner Unterschied, das ist ein riesiger zur taz-Schlagzeile.
Mir scheint beachtenswert, und das fiel mir schon bei der Geschichte über Ruanda und seinen merkwürdigen Präsidenten Paul Kagame auf, in welchem Ausmaß die taz sich oft als verlängerter Arm des Außenministeriums begreift. Von der Berichterstattung über Burma/Myanmar ganz abgesehen: Da lag die taz voll auf Pentagon-Linie.
Opposition sieht anders aus. Hat Heiner Geißler recht gehabt, als er die taz als "Teil des Meinungskartells" bezeichnet hat? Im Internet gibt es Web-Seiten, auf denen behauptet wird, die Menschenrechtsgruppen und die alternativen Zeitungen seien in erstaunlichem Ausmaß von Geheimdienstagenten - vorzugsweise vom CIA - unterwandert. Das kann man glauben oder nicht, je nachdem, wie weit man gern Verschwörungstheorien anhängt. Es könnte aber auch sein, dass ein Journalist naiverweise das Geschäft des CIA betreibt, ohne deswegen auf irgendeiner geheimen Gehaltsliste zu stehen.
Na ja, das ist mindestens so wahrscheinlich oder unwahrscheinlich wie die Vermutung, dass in der taz ein Mann oder eine Frau von BND oder CIA sitzt.

Bleiben Sie dran, es geht gleich weiter, hier eine kurze Einblendung unseres Sponsors Smokey the Spirit. Man beachte den Schlapphut im Vordergrund!


Ein Platz für Tiere




"Keine Tollwut mehr bei Füchsen", informiert mich die "wissenschaft"-Seite im oberen Aufmachertitel. Da bin ich aber froh und will schon erleichtert weiterblättern, doch mein Blick fängt den Untertitel ein: "Tollwutgefahr besteht aber immer noch, denn auch die Fledermäuse sind Überträger".



So ein Mist aber auch! Da kann man nur froh sein, dass sie wegen den blöden Viechern nicht den Bau der Elbbrücke eingestellt haben. Wenn erst mal die Lkw drüber rollen, beißt da keine Fledermaus mehr.

Faszination Springer

Auf der Medienseite erfährt der taz-Leser in einem Monat mehr über personelle Veränderungen im Axel-Springer-Verlag, als in zehn Jahren über solche in der taz-Redaktion. "Das gibt zu denken".

Mestizo

Von Frank Schuster erfahre ich eine ganze Menge über eine Unterart mittel-südamerikanisch-spanischer Musik aus einem Genre, in dessen Randgebieten auch Manu Chao zu Hause ist: Mestizo. Und weil Schuster so sachkundig darüber schreibt, nehme ich ihm auch ab, dass Pantéon Rococo aus Mexiko, Amparanoia aus Barcelona und Karamelo Santo aus Argentinien zu den Besten ihrer Zunft gehören. Wenn rote Sterne eine "unverzichtbare Insignie des Mestizo" sind, fühl ich mich doch gleich musikalisch mitvertreten, noch dazu, wenn sie "So much Trouble in the World" von Bob Marley drauf haben, wie Karamelo Santo. Ihr Stück "Hitler En La Radio" gibt's nur auf der CD in Südamerika, für Europa war das der Plattenfirma anscheinend zu heiß. Worum's dabei geht? Um Propaganda in den Medien.

Afghanistan-Rummel

Seltsame Umtriebe beschreibt Maryam Schumacher bei der Ausstellungseröffnung afghanischer Malerinnen in der Sächsischen Landesvertretung in Berlin. Was mich ärgert: Dazu gibt's ein Foto von einer etwas verunsichert blickenden Frau mit Kopftuch und Punkt auf der Stirn, die neben einem Gemälde steht, einem Porträt einer verschleierten Frau, von der nur die Augenpartie zu sehen ist. Bildunterschrift: "Künstlerin und Werk". Name der Frau? Titel des Bilds? Redakteur/in zu faul, zu heiß, zu nah am Redaktionsschluss? Oder kommt's nicht drauf an, sehen doch eh alle gleich aus, die Afghaninnen? Oder Protest dagegen, dass Politiker sehr offensichtlich mal wieder ihr Image mit Kunst aufpeppen wollen?
Dafür kann die Künstlerin am wenigsten.

Hund beißt Mann nicht

Eine ganze Seite geht drauf für einen Bericht mit dem Titel "Erfurter Raufasertapete", der mir des Weiteren mit der Ankündigung verkauft werden soll, dass es in Erfurt "keine lebendige Kunst- und Kulturszene" gibt. Ogottchen, das isso aufregend wie "Hund beißt Mann nicht". Ich blättere weiter. Doch halt - was steht da in der täglichen "Berichtigung": "Auch uns treibt Carla Bruni und ihr nächstes Album natürlich um." Wie darf ich denn das "natürlich" verstehen? Kriegt ihr Blähungen davon?
Der Redaktör hat's oftmals schwör.

Abgang Schwan, Auftritt Schwan

Ein brilllanter Artikel von Waltraud Schwab über die in vier Teile gegliederte Abschiedsvorlesung von Gesine Schwan an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. (Ich kann mir nicht helfen, der Uni-Name klingt mir immer wie eine Potenzpille oder ein Filmtitel von Luis Bunuel.) Die Autorin hat tatsächlich alle vier Vorlesungen besucht und eifrig mitgeschrieben. Und kritisiert - sehr kundig aus der Sicht der Politikwissenschaftler -, dass bei Schwan im vierten Teil die Gedanken zur praktischen Umsetzung ihrer  Erkenntnisse nicht das hohe Niveau ihrer Analyse der gegenwärtigen Zustände erreichen. Das liegt vielleicht in der Natur der Dinge, aber bemerkenswert finde ich den Satz, mit dem Waltraud Schwab den Bericht über die Abschlussvorlesung ankündigt: "Nun endlich die letzte Stunde, die Stunde der Erkenntnis: Wie soll das gehen, was Schwan zuvor so wortgewaltig und ohne je vom Zettel abzulesen ausgeführt hat?"
Ich muss gestehen, solche Leute imponieren mir: Wenn jemand eine Stunde oder länger interessante Gedanken von sich gibt, ohne vom Manuskript abzulesen oder auch nur eines mitgebracht hat. Der letzte Politiker, bei dem ich das erlebt habe, war Hermann Scheer. Beeindruckend.
Und, der Fairness zuliebe sei es angemerkt: Beide stellen ihre Rednergaben in den Dienst der SPD.

Die Russen kommen - mit dem Auto

Hurra! "Die Autohersteller könnten 2008 erstmals mehr Fahrzeuge in Russland als in Deutschland verkaufen." In Deutschland wurden in den ersten sechs Monaten des Jahres "nur" eine Million Autos verkauft, in Russland aber schon 1,6 Millionen.

Vorsicht, Männer, Bayern-Hexe!

Sie tritt in Nürnberg bei den Landtagswahlen direkt gegen Günther Beckstein an: Gabriele Pauli schafft es wieder in die Nachrichten, weil die Basis der Freien Wähler sie unbedingt aufstellen wollte. Der biedere Landesvorsitzende der FW war gegen die schillernde Power-Frau, und wenn er nicht aufpasst, wird sie ihn genauso absägen wie weiland Ede Stoiber, da kennt die nix. Max Hägler, der taz-Mann in Bayern, lässt keinen Funken Sympathie für die Ex-Landrätin erkennen, im Gegenteil. Sein Bericht über die Vorstellung der Kandidatin könnte nicht ablehnender sein, wenn er vor den Gefahren der Vogelgrippe warnen würde. Hat er Angst vor der Polit-Hexe?
Ich finde die Frau prima, und ihre Forderung nach der zeitlich begrenzten Ehe hat mein Schriftstellerheld Arno Schmidt schon in den fünfziger Jahren erhoben. Allerdings wollte Schmidt den Leuten bereits nach fünf Jahren die Möglichkeit zur Auflösung geben, Pauli bekanntlich erst im verflixten siebten Jahr.

Neues aus Kalau und ein Überschuss an ???

Überschrift auf der "inland"-Seite: "SPD kämpft für den Dalai-Obama". Hatte die taz nicht mal den Ruf, die brillantesten Titel im Tageszeitungsgewerbe zu produzieren. Ich hab nichts gegen Kalauer, bestimmt nicht.
Und weil wir schon dabei sind: Der fett gedruckte Haupttitel auf Seite 3 hat ein Fragezeichen zu viel. Bernward Janzing, einer der besten Journailsten im Umweltbereich, sammelt mal wieder die Argumente gegen Atomkraftwerke - muss ja sein, die Propaganda dafür läuft auf Hochtouren. Wieso aber steht da ein Fragezeichen: "So bleiben Sie Atomkraftgegner?" ???

Staatstragend

Die zu Beginn des heutigen Eintrags vertretene These, dass die taz oft unkritisch die Positionen des Auswärtigen Amtes vertritt, lässt sich auch auf die Berichterstattung über den Iran ausweiten. Da wird unter der Überschrifft "Iran ballert stur weiter" die ach so unabhängige Meinung der Condoleezza Rice zitiert, und im Übrigen einfach die Agenturmeldung von afp übernommen, die wiederum die Haltung des US-amerikanischen und israelischen und deutschen Außenministeriums vertritt.
Ich halte es da eher mit Leuten wie Jürgen Todenhöfer: Die größte Gefahr geht in der Gegenwart nicht von einer wie auch immer konstruierten "islamischen Bedrohung" aus, sondern von der Kriegspolitik der westlichen Länder. Und zu denen gehört auch Israel, das sich weder an Resolutionen der UN noch an Menschenrechtskonventionen hält und ständig die Grenzen umliegender Territorien verletzt. Weshalb sollte ich annehmen, dass vom Iran eine Gefahr ausgeht? Das Land hat in seiner ganzen Geschichte noch nie ein anderes überfallen - was man weder von Deutschland, England, den USA, Frankreich oder Israel behaupten kann.
Es würde der taz sehr gut stehen, die Außenpolitik der sogenannten Westmächte etwas weniger patriotisch darzustellen und die Meldungen der staatstragenden Agenturen nicht einfach kommentarlos und unverändert zu übernehmen. Das tun alle anderen Zeitungen, dazu braucht kein Mensch die taz.


13. Juli 2008

Nebensache

Sie kennen den Spruch? Beim Fußball geht es nicht um Leben und Tod, es geht um viel mehr! Dieses "Mehr" versuchte Peter Unfried zu ergründen und fuhr nach Freiburg im Breisgau,  um mit Volker Finke Bilanz zu ziehen: Wo geht's lang nach den Erfahrungen der EM? Iss schon ein feiner Beruf manchmal, der des Journalisten. Man kann mit Volker Finke über Fußball fachsimpeln, und kriegt auch noch Geld dafür. Die Frage ist nur: Soll man das über drei Seiten am Wochenende im taz mag ausbreiten? Unbedingt, noch dazu mit solchen Fotos von Stefan Pangritz - tvF!*
Das Interview zeigt, wie zwei Leute mit hoher Konzentration von einer Sache reden und im Fortgang des Gesprächs sich gegenseitig zu Neuem anregen. Mit anderen Worten: ein Gewinn für beide. Selten, so was.
Was mich am meisten gefreut hat: Finke ist selbstverständlich ein Fan des spanischen Fußballs und des Trainers Luis Aragonés. An einer Stelle versucht Unfried, die deutsche Mannschaft als Gegensatz anzuführen und Finke zu einer Kritik am DFB-Mannschaftsdirektor Oliver Bierhoff zu verlocken. Finke hatte das Schweigen des spanischen Trainers verteidigt, nichts nach draußen zu lassen, die Mannschaft zu schützen: "Das führt dazu, dass du eine Einheit auf dem Platz wirklich hinkriegst. Das ist etwas anderes als inszeniertes Teamwork, dass nach draußen mit Positivmeldungen verkauft wird. Da hab ich manchmal das Gefühl, je mehr darüber transportiert wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass manche Leute sich morgens nicht mal grüßen, wenn sie sich sehen."
Unfried: Reden Sie von Oliver Bierhoff?
Finke: "Ich schwärme von Aragonés."
Sehr schön, sehr souverän.
An einer Stelle erklärt Finke, was er unter schönem Fußball versteht. Man konzentriert sich erst auf eine Seite, zieht dadurch Spieler des Gegners aus der Mitte ab. Finke: "Und wenn wir dann mit ein oder zwei Pässen auf die andere Seite kommen, ist da der Raum für zwei gegen zwei oder eins gegen eins. Und das nutzt ein Dribbler. Sagen wir: Cristiano Ronaldo kommt auf dich zu, eins gegen eins - was willst du tun?"
Und Unfried sagt allen Ernstes: "Eine Kerze anzünden?"
Ich habe beim Lesen gewiehert vor Lachen. Finke entgegnet genauso ernsthaft: "Zu spät." Und fährt fort: "Du musst dich ihm stellen, du versuchst, ihn nach draußen wegzuschieben und nach innen zuzumachen, du versuchst, das Spiel zu verlangsamen, in der Hoffnung, dass Mitspieler kommen und dir helfen. Das ist dann schöner Fußball, das fasziniert die Spieler, die finden das super. Ein Spieler fühlt sich immer wohler, wenn die eigene Mannschaft den Ball hat. Und dann läuft er auch gern und viel."
Später kommt Unfried noch einmal auf das Thema: "Es gibt auch Bundesligatrainer, die sagen: Meine Spieler freuen sich, wenn der Gegner den Ball hat."
"Da antworte ich: Stimmt. Dazu habt ihr sie erzogen. Dass die sich freuen, wenn  der Gegner den Ball hat. Dass sie durch unglaubliche Kraft- und Willensleistung Jäger sind."
"Das wird auch als demokratisches Moment im Fußball verstanden, weil's dem fußballerisch und ökonomisch Ärmeren gestattet, mitzuhalten."
"Mhm. Na ja ... so habe ich das bisher noch nie betrachtet."
Wie gesagt: Ein Beispiel, wie zwei Leute sich im Fortgang des Gesprächs gegenseitig zu Neuem anregen.

taz vom Feinsten


14. Juli 2008

Allons enfants: Weg mit dem Pack!

Heute vor 219 Jahren ging's los: Nach dem Sturm auf die Bastille, das übelste Gefängnis von Paris, war plötzlich nichts mehr wie vorher. Deshalb hieß das Ereignis Revolution, und in Frankreich begeht man den Gedenktag bis heute als Nationalfeiertag, erfreut sich am Feuerwerk und schüttet große Mengen Vin rouge hinter die Binde.
Die Sache mit der Revolution lief dann im weiteren Verlauf ganz schön aus dem Ruder, aber ne Weile war's doch sehr schön, und viele Menschen hatten das gute Gefühl, jetzt würde das Zeitalter der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit anbrechen. Na ja, im Endeffekt kam dann stattdessen die Freiheit für alle, einen Kopf kürzer gemacht zu werden, die Gleichheit vor der Guillotine, und brüderlich verhalfen die Franzosen Napoleon Bonaparte an die Macht. Jetzt hamse den Sarkozy, dessen Frau Pop musiziert und gerade einen irren Rummel um ihre neue CD inszeniert, und darauf singt, alles sei so, als ob nichts gewesen wäre. Ob sie damit die Französische Revolution meint?
Und hier, in Deutschen-Land? Die Reichen sind so frei, immer reicher zu werden, gleich sind alle vor den angeblichen Gesetzen des Marktes, und brüderlich stehen sie gemeinsam im Stau.

Die Quelle

Ja, das war ein sehr eindrucksvolles Foto auf den Kulturseiten der Wochenendausgabe: Etwa drei Dutzend Hippie-Frauen, alle in ihren besten Abendkleidern, ohne BH, wie das damals üblich war, aufgestellt um einen weißen Rolls Royce, und wer genau hinsieht, kann im Hintergrund auf einem Plakat und in echt Father Yod sehen, der von mindestens dreizehn dieser Frauen direkt betreut wurde. Vielweiberei erschien ja Leuten, die zur Einehe verdammt waren, schon immer sehr verlockend, und The Brotherhood of the Source, Father Yods Kommune, regte die Phantasie ganz besonders an, denn diese Hippies waren auch noch stinkereich. Jetzt erschien ein Gedächtnisband mit vielen Fotos, und Gregor Kessler bespricht das Buch, das gerade mit einer CD erschienen und für 17,99 Euro erhältlich ist.
Father Yod, langhaarig, bärtig wie die biblischen Propheten, machte ein Vermögen mit einer Salatsauce, die er nach seinem Restaurant in Hollywood "The Source" nannte und die in jedem Supermarkt zu haben war. Yod, der eigentlich Jim Baker hieß, hatte bei Yogi Bhajan das Guru-Geschäft gelernt und scharte mit seiner Rednergabe und seinem Charisma selbst jede Menge Anhänger um sich. Seine Religion entsprach dem Glauben der Mehrzahl seiner Landsleute: "Der Dollarschein ist das mächtigste Werkzeug der Welt. Er ist magische grüne Energie, die augenblicklich alles erzeugen kann."
Musik machte er auch, schlug selbst die Trommeln, und gründete seine eigene Plattenfirma. Weil er der Meinung war, Los Angeles würde beim großen Krieg zerstört werden, der dem Zeitalter der Glückseligkeit voranging, zog die Kommune nach Hawaii. Dort pflegten einige jüngere Männer die Kunst des Drachenfliegens (hang glider), wobei man den Aufwind an den steilen Meeresufern ausnutzt. Als Father Yod das auch mal probieren wollte, stürzte er ab und starb (in der taz ist von Segelfliegern die Rede, aber das ist was anderes). Der Absturz geschah 1975, im Jahr des Hasen, als Bruce Springsteen passenderweise die LP "Born to Run" veröffentlichte und ich mit Monica drei Wochen lang ziellos den Nordwesten der USA durchkreuzte (siehe auch "Alles Wugg!", das am unteren Ende dieses Blogs beworben wird).
Nach dem Tod ihres Gurus zerstreuten sich die Mitglieder der Kommune, die Brotherhood löste sich auf. Ob's die Salatsauce noch gibt? Auf jeden Fall gibt's jetzt das Buch von Isis Aquarian, die eine der dreizehn "spirituellen Ehefrauen" des Meisters war (The Source: The Untold Story of Father Yod,Ya Ho Wa 13 and the Source Family, Process, 288 Seiten).


Müllmenschen

Dass der Mensch das einzige Lebewesen ist, das Religion braucht und Müll erzeugt, steht auch in dem oben schon mal zum Zweck der Eigenwerbung erwähnten Buch "Alles Wugg!". Der Übergang von der Religion zum Müll an diesem Punkt war jetzt einfach zu verlockend, und wird noch durch ein weiteres Element zusammengehalten, denn der Kommentar von Michael Braungart auf der Meinungsseite dient, diskreter gehandhabt als hier im tazblog, auch der Eigenwerbung. Braungart ist Chemiker und lehrt Verfahrenstechnik an der Uni Lüneburg. Er stellt "kompostierbare Möbelbezugsstoffe her, die keineswegs mausgrau daherkommen, sondern mit den höchsten Designpreisen Europas ausgezeichnet worden sind." Welchen Preisen sagt er nicht, aber die "höchsten" klingt schon eindrucksvoll. Stolz vermeldet er weiter, "dass auch die Polster des neuen Airbus A 380 damit bezogen sind."
Weshalb der Stoffhersteller für solche Mitteilungen keine Anzeige schalten muss, sondern im redaktionellen Teil zu Wort kommt, hat andere Gründe: Braungart plädiert für den müllfreien Produktionskreislauf. Abgesehen davon, dass die Chemieindustrie nach wie vor Gifte produziert, erzeugen wir völlig widersinnig und der Natur entfremdet ungeheuere Massen an Müll, der dem natürlichen Kreislauf entzogen wird und den Planeten ruiniert. Braungart: "Somit müssen wir künftig intelligent produzieren: Die eingesetzten Stoffe sind in technischen und biologischen Kreisläufen zu führen, damit kein Müll entsteht." Nach seiner Maßgabe "darf es nur noch Dinge geben, die weder Mensch noch Umwelt vergiften und deren Inhaltsstoffe nach Gebrauch möglichst noch biologische oder technisch nützlich sind. Statt also weiter nach dem Prinzip 'von der Wiege bis zur Bahre' zu handeln, sollten wir uns an der Natur orientieren, wo das Motto herrscht: von der Wiege zur Wiege." Und damit das Kind auch einen Namen hat, benennt Braungart das Prinzip "Cradle to Cradle"-Design. Englisch klingt's halt verkäuflicher.

Ruanda: Tendenz gleichbleibend

Dominic Johnson legt noch einmal nach: "Deutsche Hilfe für Kongos Frieden" betitelt er die Nachricht, dass der Exekutivsekretär der "Demokratischen Kräfte zur Befreiung Runandas" (FDLR) am Frankfurter Flughafen festgenommen wurde. Nun weiß man ja - und kann es hier oben im tazblog nachlesen -, dass Johnsons Sympathien (und die der deutschen Bundesregierung) eindeutig auf Seiten des ruandischen Diktators Paul Kagame stehen. Der taz-Mann Johnson nützt alle publizistischen Möglichkeiten, vor der oppositionellen FDLR zu warnen. Merkwürdigerweise vergisst er seine journalistischen Grundsätze dabei immer wieder, flüchtet sich in wolkige Formulierungen, verschachtelt seine Sätze und gibt stets nicht näher bezeichnete Quellen für seine Hetze gegen das Personal der FDLR an. In diesem Artikel steht das dann so: "Die ruandischen Milizionäre der 'Demokratischen Kräfte zur Befreiung Ruandas' (FDLR), die im Osten der Demokratischen Republik Kongo weite ländliche Gebiete mittels Terror kontrollieren und einen Staat im Staate aufgebaut haben, von dem aus sie Ruanda bekämpfen wollen, sind nach Jahren des Wegschauens mittlerweile Priorität der internationalen Kongo-Diplomatie. Dass der in Paris lebende Exekutivsekretär der FDLR, Callixte Mbarushimana, jetzt in Deutschland in Auslieferungshaft sitzt, hat daher Signalwirkung. 'Callixte war einer der gefährlichsten', sagt ein Diplomat in der ostkongolesischen Provinzhauptstadt Goma. 'Er war der Chefideologe.'"
Die FDLR sind also "Priorität" einer nicht näher benannten "internationalen Kongo-Diplomatie" und wollen "Ruanda" bekämpfen, wobei Johnson das Land mit dem - sagen wir mal: umstrittenen - Präsidenten Paul Kagame gleichsetzt. Und sehr genau benennt der wackere Journalist seine Quellen: "Ein Diplomat" muss herhalten, um Johnsons Meinung zu unterstützen.
Noch präziser wird der Afrikaexperte der taz, wenn es um Ignace Murwanashyaka, den angeblichen "Präsidenten" der Organisation, geht: Der "Terrorchef" (so Johnson am 23. 4. 2008) "lebt in Deutschland; dass er von dort die FDLR führen darf, stößt im Kongo auf Unverständnis. Erst nach einem Deutschlandbesuch von Ruandas Präsident Paul Kagame im April wurden Ermittlungen gegen ihn wieder aufgenommen. Seitdem hatte Mbarushimana an seiner Stelle die FDLR-Presseerklärungen unterschrieben."
"Im Kongo" also stößt das auf Unverständnis, eine wirklich genaue Quellenangabe. Dieser Artikel zeigt wieder deutlich, was dem Presserat im Fall Dominic Johnson auch auffiel, nämlich "dass die TAZ sicherlich eine gewisse Tendenz in ihrer Berichterstattung hat" (Entscheidung vom 3. Juni 2008).
Johnson vermischt ganz offensichtlich eine scheinbar objektive Berichterstattung mit seiner vorgefassten Meinung, und die taz gibt ihm ein Forum. So liest sich das, wenn ein Journalist Politik betreibt.
Warum tut er das, der Afrikaexperte der tageszeitung? Welchen Interessen dient er damit? Weshalb unterstützt er einen Diktator, der durch massive Wahlfälschung an die Macht gekommen ist, und mit dem der Bundesverteidigunsminister Franz Josef Jung "militärpolitisch" zusammenarbeitet?
Und weshalb steht über dem Artikel die Tendenzüberschrift "Deutsche Hilfe für den Kongo"?

Leben im Krieg

Am 6. Juli 2008 erklärten die US-amerikanischen Streitkräfte, sie hätten bei militärischen Operationen im Osten Afghanistans "mehrere Aufständische" getötet. In der Bevölkerung kursierten aber Gerüchte, dass die Opfer Frauen und Kinder waren. Der afghanische Präsident Hamid Karsai, der nicht gerade als Feind der westlichen Besatzungstruppen bekannt ist, setzte daraufhin eine Untersuchungskommission ein. Sie hat herausgefunden, dass es sich bei den "Aufständischen" um die Teilnehmer einer Hochtzeitsgesellschaft gehandelt hat. Der Vorsitzende der Kommission, Burhanullah Schinwari erklärte am vergangenen Freitag: "Wir haben herausgefunden, dass 47 Zivilisten, meist Frauen und Kinder, bei dem Angriff getötet und neun Menschen verletzt wurden. Die Opfer waren Zivilisten und hatten keine Verbindung zu den Taliban oder al-Qaida." Die Hochzeitsgäste hätten die Braut in den Bergen an der pakistanischen Grenze begleitet, als der Angriff der US-Streikräfte erfolgte.

Unsere Frau in Savannah?

Ob die taz eine neue Korrespondentin in den USA hat? Man erfährt ja nix als Leser. Jedenfalls schreibt da eine Karin Deckenbach eine ganz feine Reportage aus dem Innern der US-Provinz, aus Savannah im Bundesstaat Georgia, über den Amerikaner in seiner natürlichen Umgebung. Hautnah am Volk, versucht die taz-Frau die Chancen Barack Obamas in einem Staat herauszufinden, der eigentlich traditionell an die Republikaner geht. Sehr schön: Die Chancen stehen gar nicht schlecht.



15. Juli 2008

Schurken, die die Welt beherrschen wollen

So lautet der Titel - eigentlich der Untertitel - der Kolumne von Peter Köhler, die in ziemlich unregelmäßigen Abständen auf der Wahrheitseite erscheint. Der Haupttitel bezieht sich immer auf den jeweils vorgestellten Schurken ("Heute: Olaf 'Bubi' Scholz
") und lautet diesmal "Der gut geölte Parteisoldat". Das Prinzip der Kolumne: Ausprobieren, wie weit man bei der Politikerbeschimpfung gehen kann, ohne dass sich Redaktion und Autor eine Klage einfangen. In allen Medien wurden die taz und Köhler zitiert, als er einen der Kaczinski-Zwillinge als polnische Kartoffel bezeichnet hatte, und der angeblich beleidigt ein Treffen mit Angela Merkel absagte.
Peter Köhler spielt gekonnt mit  Sprachklischees, führt Politikerphrasen vor, entlarvt Dummschwätzer. Und er kennt die Grenzen, wann eine Beleidigung justiziabel wird - an die wagt er sich ran, so weit wie möglich. Das liest sich meist sehr erfrischend, und manchmal knüpft er dem Leser geniale Knoten ins Gehirn, verdeutlicht oder verändert Wortbedeutungen und dumme, sprachliche Angewohnheiten. Im Fall Olaf Scholz geht das so: "1998 aber rückte er in den Bundestag ein und sattelte, obwohl bislang unbescholten, auf Schröder um. In dessen Fußstapfen kam er zügig nach vorn, wo die Sonne ist: 2001 wurde er in den Bundesvorstand gehievt und 2002 zum Generalsekretär der einst sozialdemokratischen Partei erhoben, der flugs versuchte, noch der Leerformel vom 'demokratisch gepuderten Sozialismus' den Laufpass hinterherzuwerfen."
Wie gesagt: Sehr vergnüglich, die "Schurken, die die Welt beherrschen wollen."
Und nicht vergessen: Die Kürzestgeschichten oben rechts beim Wetterfrosch garantieren fast immer ein Leserschmunzeln. Das sollte mal einer sammeln und als Buch veröffentlichen, so im Reclam-Gedichtbändchenformat.
(Jetzt mach ich dem Verlegervolk schon Vorschläge für Bücher von anderen Autoren, als hätt' ich nicht mit meinen Produkten genug zu tun.)

Frau am Boxring

Dass Frauen boxen weiß ja inzwischen jeder, und von Regina Halmich bis zur Tochter von Muhammad Ali (wie heißt die gleich noch mal?) haben sie seit Jahren die gebührende Aufmerksamkeit bekommen. Dass Frauen über Boxen schreiben, kommt schon seltener vor, und wenn, dann in der taz - wo sonst? Also berichtet Susanne Rohlfing kompetent, sachlich, fachkundig vom Kampf Wladimir Klitschko gegen Tony Thompson, und dazu gibt's ein Foto, aufgenommen aus der Perspektive am Boxring, im Vordergrund Klitschko, der aussieht wie eine Wachsfigur mit blauem Veilchen-Auge, und im Hintergrund liegt der k.-o.-geschlagene Thompson, der schützend den Boxhandschuh seiner Rechten über den Kopf hält, als erwarte er noch einen Tritt. Doch der Modellathlet hat sich längst abgewandt und schickt sich an, die Triumphator-Pose einzunehmen. Tolles Foto, toller Bericht, auch wenn mich der ganze Klitschko-Hype wirklich nicht interessiert. Ich weiß nicht, aber seit Ali und dem Prinz von Homburg hab ich mich für Boxen nicht mehr so recht begeistern können. Vielleicht lag's auch an Schriftstellern, die sich immer mit ihrem Boxwissen ins Rampenlicht geschoben haben und viel dummes Zeug verzapften.

Alles über Springer und Chick-Lit

Wie schon neulich erwähnt, erfährt der taz-Leser mehr über Interna aus dem Hause Springer als aus der taz. So werde ich gefühlte zehn Mal darüber informiert, dass Claus Strunz von der BamS zum Hamburger Abendblatt wechselt und bekomme auch noch lange Auszüge aus seiner letzten Kolumne zu lesen - nicht ohne den Hinweis, dass überall die Auflage bröckelt. Das nenne ich Leserservice!
Und daneben schreibt Christian Bartels über ProSiebenSat1, und beömmelt sich gleich im Titel über den Ausdruck "Chick-Lit". Was das heißt, hab ich vor ein paar Jahren beim Übersetzen eines Frauenkrimis erfahren: Das kommt aus dem amerikanischen Verlagsgeschäft und bezeichnete ursprünglich typisch seichte Literatur, bei der es um junge Frauen geht, und die gern von jungen Frauen gelesen wird, also literature for chicks. Bartels fand heraus was die beim Fernsehen damit meinen: "Pro Sieben strebt dagegen in eine 'komädiantische Chick-Lit-Richtung'. Was das ist, erläutert der Sender so: Es gehe um 'weibliche Protagonistinnen, die innerhalb einer Corporate World harten Behauptungskämpfen ausgesetzt sind (...) und sich menschlich neu finden müssen.'"
Ob's auch männliche Protagonistinnen gibt in der Corporate World von Pro Sieben?

Als wäre nichts gewesen

So heißt die CD von Carla Bruni - auf französisch selbstverständlich: "Comme si de rien n'était". Und im Gegensatz zur taz-Kultur, die sie vom Chansonexperten und früheren taz mag-Redakteur Reinhard Krause besprechen lässt, tu ich jetzt hier im tazblog einfach so, als wäre nichts gewesen. Ich hab ja oft Schwierigkeiten, Frauen zu verstehen, wenn ich sehe, wo die Liebe manchmal hinfällt, aber wenn eine Sängerin so einen Arsch wie den Nicolas "Kärcher" Sarkozy heiratet, dann will ich auch nicht hören, was sie singt.
Vielleicht bin ja auch nur eifersüchtig. Oder Erich Kästner hat mal wieder recht, mit seinem Lied in "Tangorhythmen, langsam, sinnlich":



Ob er nun  Staatsmann ist, ob Börsenheld, ob Krieger, -
ich liebe den Sieger!
Drum kann geschehen was will:
Ich liege immer richtig!
Und bei der Liebe
ist das besonders wichtig!
Man hat mich im Verdacht,
ich liebe das Neue.
O nein - ich lieb nur die Macht
und halt ihr die Treue!


(aus: Das Leben ohne Zeitverlust, 1946)

Die Kulturhauptstadt des Führers

Wow, was Brigitte Werneburg da aus Linz berichtet und anhand der drei Ausstellungen "Schaurausch", "Tiefenrausch" und "Höhenrausch" über die Geschichte der Stadt rüberbringt, ist auch in dieser Länge lesenswert. Schön, dass die von mir oft gescholtenen Kulturseiten Raum für solch ausführliche Texte bereitstellen. Am besten gefallen hat mir die Beschreibung der Installationen im "Aktienkeller" des Offenen Kulturhauses OK, was schon vom Ort her zum "Tiefenrausch" gehört. Da steht zum Beispiel von Fernando Sanchez Castillo ein "monumentaler Denkmalsockel, dessen erhabener Anblick freilich durch den Geldschlitz an der Stirnwand untergraben wird. Ein Euro - und schon fährt aus dem Sockel die Reiterstatue Francos empor, um danach schlappe 20 Sekunden lang in voller Größe zu verharren." Der Diktator steht in Spanien noch überall rum, nur bemerkt ihn keiner mehr.
Das Foto zum Artikel zeigt die Statue in halbausgefahrenem Zustand, und das sieht in diesem sechs Meter hohen Kellergewölbe sehr imposant aus.
Werneburg kommt nach ihrer Bestandsaufnahme der Gegenwartskunst in Linz zum Schluss, dass es gut gerüstet ist für den Auftritt als Kulturhauptstadt Europas im nächsten Jahr und "ein Recht auf seinen Höhenrausch 2009" hat.
Man müsste mal wieder nach Linz fahren. Einfach mit dem Fahrrad die Isar runter und an der Mündung auf den Donau-Radweg einbiegen.

Küppersbusch schießt ein Eigentor

Wer den politischen Gegner verbal mit dessen Waffen schlagen will, ist auch nicht besser als er.
Frage der taz an Fiedrich Küppersbusch: "Der CSU-Politiker Norbert Geis hat Jürgen Klinsmann wegen des Aufstellens mehrerer Buddha-Figuren auf dem Trainingsgelände des FC Bayern kritisiert. Wäre eine Jesus-Statue besser?"
Küppersbusch: "Äh. Was sagte der Genagelte den Spielern? 'Vier reinkriegen ist keine Schande?' Jesu Martyrium auf Golgatha mit 'Rumhängen im Strafraum' übersetzen?" Und dann meint Küppi noch, dass Geis "aus Versehen recht hat: Bayern ist ein unsympathischer Club, der nicht mit Frendanleihen auf dufte getunt werden sollte. Fass, Geis! Die Statuen in die Isar! ('Buddha bei die Fische')."
So auf dem Niwoh halt. Ach, Küppersbusch, ach taz!

 Wechseljahr

Die Kolumne von Dagmar Herzog, die Amerika im "Wechseljahr 2008" beobachtet läuft jetzt in der Folge 23. Sie berichtet über den New Yorker-Artikel von Seymour Hersch, der die Kriegsvorbereitungen gegen den Iran schildert. Brisant an Herschs Geschichte ist eine entlarvende Tatsache: "Auch die beteiligten Demokraten gaben Bush die erwünschte Zustimmung. 400 Millionen Dollar zwecks Regimedestabilisierung und Finanzierung Iran-interner Dissidenten, Anhäufung amerikanischer Militärs an der afghanischen Grenze zum Iran und Gutheißung möglicher 'tödlicher defensiver' Aktionen gegenüber einer Liste von Zielpersonen, erstellt von Vizepräsident Cheney, waren die Folge."
Herzog weist auch darauf hin, dass die führenden Militärs und sogar Verteidigungsminister Robert Gates gegen einen Militärschlag sind. Und sie stellt fest, dass Hersch - anders als bei seiner Aufdeckung des Massakers von My Lai während des Vietnamkriegs und der Veröffentlichung der Geschichte über das Foltergefängnis Abu Ghraib - mit seinem Iran-Artikel so gut wie keine Beachtung findet: "Sein Fazit, dass das Weiße Haus mit der Kooperation führender Demokraten absichtlich die iranische Regierung provoziert in der Hoffnung, sie würde militärisch reagieren und dadurch wiederum eine offene militärische Aktion gegen Iran legitimieren", hat "kaum Widerhall gefunden."
Um im Wahlkampf nicht als "zu weich zu erscheinen im Krieg gegen Terror" folgen die Demokraten lieber dem Weißen Haus als dem Militär. So sieht's aus im Sommer 2008, im "Wechseljahr".

Stachelschweine

Wie vermehren sich die Stachelschweine? Seeehr vorsichtig.
Kannten Sie schon, hat sooo'n Bart? Na ja, aber daran musste ich denken, als ich das Interview von Lana Stille mit dem Mathe-Journalisten (ja, das gibt's), Astrologen, Kartenleger Peter Ripota gelesen habe. Anlass: Wir leben im "Jahr der Mathematik", das vom Bundesministerium für Forschung und Bildung in die Welt gesetzt wurde. Ripota scheint ein recht erfrischender Gesprächspartner zu sein. Am Schluss fragt ihn die taz-Frau: "Sie beschäftigen sich auch mit Astrologie und schrieben Bücher übers Kartenlegen. Passt das überhaupt zusammen?"
"Nur die Wissenschaftler denken so. Die finden das natürlich schrecklich. Die Esoteriker dagegen freuen sich, dass ich auch Physiker bin. Esoteriker sind sehr offen, zu offen eigentlich, und oft zu unkritisch. Das Positive an den Esoterikern ist wiederum: Wenn eine neue Idee da ist, dann greifen sie die gerne auf. Physiker dagegen haben ziemliche geistige Schranken."
Und was hat das mit den Stachelschweinen zu tun?, fragt sich der geneigte Leser spätestens an dieser Stelle. Gemach, hier kommt's, gleich nach Lana Stilles nächster Frage: "Und was für Menschen sind Mathematiker?"
"Sehr vorsichtige."

Atomlobby

Dass jetzt wieder die Buttons mit "Atomkraft - nein danke!" aus dem Keller oder vom Speicher geholt werden müssen, iss ja irgendwie nicht zu fassen. Christian Rath, taz-Korrespondent für Recht und Grundgesetz (Bundesverfassungsgericht und solche Sachen) schreibt einen wie immer blitzgescheiten Kommentar, in dem er darauf hinweist, dass es nicht darauf ankommt, den Atomausstieg in die Verfassung zu schreiben, denn der ist ja eh schon geltendes Recht. Wer das Grundgesetz deswegen ändern will - so wie der verzweifelte Erhard Eppler das zur Rettung der SPD vorschlägt - will damit nur die CDU einbinden. Rath argumentiert nun, dass eine Einbindung der Union zwar wünschenswert wäre, "doch wäre sie vermutlich mit der Bedingung verbunden, dass in den nächsten Jahren keine AKWs stillgelegt werden müssen. Wer solche Bedingungen für akzeptabel hält, nimmt aber die Notwendigkeit eines schnellen Ausstiegs nicht ernst, untergräbt damit die eigene Position und wird von der Union am Ende vermutlich gar keine Zugeständnisse erhalten. Weder im Grundgesetz noch im richtigen Leben."
Wird wohl Zeit, auch die Palästinensertücher und die Bauhelme wieder auszupacken. Aber falls das Recht auf Widerstand nur von den alten Zauseln aus Brokdorf-, Wyhl- und Wackersdorf-Zeiten wahrgenommen wird, dann sieht das Personal wohl so ähnlich aus wie im neuen Film von Crosby, Stills, Nash und Young. Immerhin spielt Stephen Stills bei einem der Konzerte nicht nur bis zum Umfallen - er spielt auch danach weiter.
Ich hab ja schon mal die Renitente Rentner Partei gründen wollen ...
Übrigens: Wenn man die Betreiber der AKWs endlich zwingen würde, ihre Dreckschleudern so zu versichern, dass sie bei einem Unfall wie Tschernobyl für den Schaden aufkommen müssten, wären die Meiler schon morgen abgeschaltet.

Geiseln listig befreit

Es sieht jetzt ganz so aus, als wäre die FARC-Guerilla tatsächlich von der kolumbianischen Regierung ausgetrickst worden bei der Geiselbefreiung. In einer Erklärung der Rebellen war von Verrat der Farc-Kommandanten César und Enrique die Rede. Ingrid Betancourt, von deren politischer Ausrichtung, Haltung, Überzeugung ich immer noch nirgendwo ein Wort gelesen habe, "dankte am Samstag im französischen Wallfahrtsort Lourdes der Jungfrau Maria für ihre nach fast sechseinhalb Jahren Geiselhaft wiedergewonnene Freiheit. Zugleich bat sie um ein 'Wunder': die Freiheit für alle Geiseln."
Langsam krieg ich  das Gefühl, ich will doch nichts über ihre politischen Absichten hören oder sehen.

Hätten Sie's gewusst? (I)

Das Rentenalter auf Kuba liegt bei 60 Jahren für Männer und bei 55 Jahren für Frauen. Warum das hier keiner weiß? Damit die "kleinen" Leute bloß nicht auf die Idee kommen, irgendetwas an Theorie und Praxis von Fidel Castro könnte bewunderns- oder gar erstrebenswert sein. Jetzt wird sich das Parlament zum ersten Mal mit einer Reform der Sozialgesetze befassen, denn auch in Kuba werden die Alten immer mehr und die Jungen immer weniger. Deshalb steht Rente für Männer ab 65 und für Frauen ab 60 Jahren zur Debatte. Fidels Bruder Raúl Castro will offenbar auch den Einheitslohn abschaffen: "Sozialismus bedeutet soziale Gerechtigkeit und Gleichheit, aber Gleichheit vor dem Recht und an Möglichkeiten - nicht an Einkommen", zitiert ihn Knut Henkel, eigentlich der taz-Mann in Havanna. Warum da "Hamburg" über dem Artikel steht, ist mir schleierhaft. Sitzt der Korrespondent für die Karibik jetzt an der Elbe?

Hätten Sie's gewusst? (II)

Wer monatlich netto 1.700 Euro oder weniger verdient, für den liegt die Inflationsrate bei 5,4 Prozent. Das betrifft "laut Index der Inflationsbelastung" ein Drittel aller Haushalte.
Sie erinnern sich? Die Renten wurden gerade um 1,1 Prozent erhöht.

Philosophie

"Öde und langweilig" findet der hauptberufliche Philosoph Peter Sloterdijk die meisten Politikerreden. Das mag schon sein, aber dasselbe gilt unglücklicherweise auch für die Bücher des nebenberuflichen Fernsehunterhalters. Der philosophischen Fachzeitschrift  Bild am Sonntag teilte er mit: "Reden sollte man nur, wenn man eine Botschaft hat."
Schreiben auch.


Kandidatenholz

So schnell vergesse ich nicht. Auch wenn mir Stefan Reinecke in einem sehr guten Porträt verdeutlicht, weshalb an Frank-Walter Steinmeier als Kanzlerkandidat kein Weg vorbeigeht, bleibt er doch als Gerhard Schröders rechte Hand in deutlicher Erinnerung. Bei der Agenda 2010, bei den Kriegseinsätzen, bei den CIA-Flügen, bei allen großen und kleinen Schweinereien unter Rot-Grün war er ganz vorne dabei. Reinecke hat ihn ziemlich aufmerksam und aus der Nähe beobachtet, und ob man den Außenminister mag oder nicht, ein gewisses Maß an Schläue ist ihm bestimmt nicht abzusprechen. Jetzt redet er davon, "wie weise er die Beschlüsse der Partei findet, die den Schaden der Agenda 2010 begrenzen sollen."
Die Hoffnung, dass sich niemand vom Kreide fressenden Wolf verarschen lässt, ist gering. Man muss sich nur die Umfragewerte für Steinmeier ansehen.

Club Méditerranée

Der amerikanische Präsident und seine Außenministerin haben so ziemlich alles falsch gemacht, was außenpolitisch falsch gemacht werden konnte. Nur kriegerisch, als Waffenlieferant und Schutzmacht für Israel, als Akteur im Irak-Krieg, den sie nicht gewinnen können, spielen die USA noch eine Rolle in Nahost. Diplomatisch kräht kein Hahn mehr nach ihnen. In die Lücke prescht jetzt Frankreichs Sarkozy mit  seiner Mittelmeerunion. Bemerkenswert: Die Staatschefs aller Anrainerstaaten nahmen an dem Treffen in Paris teil, bis auf den libyschen Präsidenten Muamar al-Ghaddafi. Er boykottierte den Club Méditerranée.

Ciao, bis morgen - und nicht vergessen: Am 23. Juli beginnen die Hundstage!


taz - Presserat - Ruanda
04.07.2008 10:47:53
Hier die Beiträge zur taz-Berichterstattung über Ruanda am 23. April 2008, die  zu meiner  Beschwerde beim Deutschen Presserat und am 18. Juni 2008 zu einer sehr merkwürdigen Zurückweisung geführt haben. Und die Fortsetzung der Propaganda-Kampagne von Dominic Johnson am 7. August. Inzwischen habe ich eine Anfrage ans Verteidigungsministerium gestellt und am 11. August 2008 eine Antwort erhalten. Sie finden beides am Schluss der Einträge.

Kommentar vom 18. Juni 2008

Lieber Herr Pfitzinger,
lassen Sie sich nicht beirren: Ihre Beschwerde war sehr gut begründet, und ich kann die Antwort des Presserats überhaupt nicht nachvollziehen. Die Brandmarkung als "Terrorchef" auf Seite eins der taz war mehr als nur eine Geschmacksverirrung - machen Sie weiter so!
Gruss - Ihr Hans Chr. Buch
(Schriftsteller, Reporter, Essayist. Schrieb einen offenen Brief an den Bundespräsidenten Horst Köhler, als der den Präsidenten von Ruanda empfing: "Ihr Gast ist ein Mörder!" Den Brief aus der Frankfurter Rundschau konnte man eine Weile online lesen. Jetzt nicht mehr: Sehen Sie selbst!). Und so fing alles an:

23. 4. 2008
Geht's noch?

Heh, die Titelseite erinnert an einen Fahndungsaufruf des Bundeskriminalamts. Auf den ersten (und auch noch auf den zweiten) Blick ist das ein Fall für den Presserat, aber mindestens ist es "Der Fall Dominic J.", seines Zeichens langjähriger Redakteur der taz, zuständig für Afrika. Wenn mich mein erster Eindruck nicht täuscht, ist das eines der übelsten taz-Stücke seit langer Zeit. Hinrichtungsjournalismus, mit einem fast ganzseitigen Foto des Delinquenten auf Seite 1. Ich werd erst einmal drüber schlafen, denn spontane Empörung ist meist ein schlechter Ratgeber. Aber irgendetwas stinkt hier.
Ein Hinweis, wie Johnson argumentiert: Er stellt den Präsidenten von Ruanda als seriösen Staatsmann vor, und sich auf seine Seite, weil: "Miltärische Ehren, Empfang  durch den Bundespräsidenten, Gespräche mit Wirtschaftsvertretern markieren den Deutschlandbesuch von Ruandas Präsidenten Paul Kagame." Doch: Deutschland ist "ein Land in dem das Umfeld (?) der Täter des Völkermords von 1994 geduldet wird."
Ganz wohl scheint Johnson bei seiner Anklage allerdings nicht zu sein. Denn Ignace Murwanashyake, gegen den sich die Seite 1 und 3 der heutigen taz richten, steht in Opposition zu Präsident Paul Kagame, aber Ignace Murwanashyake "war an Ruanadas Völkermord nicht beteiligt, sondern lebte als Student in Deutschland."
Trotzdem muss er ein übler Bursche sein, denn seine Aktionen, von denen wir nichts erfahren, richten sich ja gegen einen Politiker, der von Hotte Köhler empfangen wird und Gespräche mit deutschen Wirtschaftsvertretern führt. Heh, Dominic Johnson, geht's noch?
Was passiert hier eigentlich? Und weshalb hebt die taz so was auf die Titelseite?
Bleiben Sie dran - wenn Ihnen nicht klar ist, was da läuft, sind wir schon zu zweit. Morgen wissen wir vielleicht mehr.
Nur noch ein Hinweis, bevor ich schlafen gehe: "Der zuständige Berater des  EU-Sondergesandten für die Region" hält "Murshanashyakas Einfluss auf die FDLR" für "sehr negativ". Grund genug, den Mann in der taz seitenweise in die Pfanne zu hauen und mit dem Völkermord zu verbinden, an dem er gar nicht beteiligt war? Auf wessen Seite stehen wir eigentlich?
Gute Nacht, geneigter Leser! Bis morgen.

 24. 4. 2008
Faules Ei

Es ist tatsächlich "Der Fall Dominic J." Und es ist gleichzeitig grobe Fahrlässigkeit der Chefredaktion - da haben sich Bascha Mika, Reiner Metzger und Peter Unfried ein Ei ins Nest legen lassen, das zum Himmel stinkt. Ich fühl mich darüber hinaus auch persönlich beleidigt, weil ich Dominic Johnson all die Jahre für einen kenntnisreichen, seriösen Journalisten gehalten habe. Also, von seriös kann keine Rede sein. Und wenn er trotz seiner Kenntnisse solch eine infame Veröffentlichung in die taz hebt, grenzt das an Bösartigkeit. (Sie merken schon, geneigter Leser, ich bin wirklich sauer.)
Wenn ein Artikel im reißerischen Boulevardstil anfängt ("Frauen und Mädchen mit zerfetzten Unterleibern und anderen brutalsten Vergewaltigungswunden"), dann klingeln bei mir schon mal sämtliche Alarmglocken und ich werde zutiefst misstrauisch. Unterstellt wird, der per Steckbriefjournalismus im darüberstehenden Artikel angeprangerte Ignace Murwanashyaka sei für die Gräuel verantwortlich. Und selbstverständlich muss dieser Mann von der taz angegriffen werden, steht er doch in Opposition zu Ruandas Präsident Paul Kagame, der von solchen Bastionen der Wohlanständigkeit wie Horst Köhler, Angela Merkel, und den Ministern für Verteidigung und Entwicklungszusammenarbeit empfangen wird. Merkwürdig, wieso eigentlich vom Kriegsminister? Die üblichen Waffenexporte in Krisengebiete, über deren Verbot sich die deutsche Regierung gewohnheitsmäßig hinwegsetzt?
Nun steht auf der ganzen Seite drei nichts über Paul Kagames Hintergrund, aber weil ich mich, wie schon gesagt, immer auf das Wissen von Dominic Johnson verlassen und ihm vertraut habe, wenn es um Afrika-Themen geht, habe ich nie nachrecherchiert. Das war ein Fehler, man soll halt nichts glauben, was in der Zeitung steht. Das Vertrauen in Dominic Johnson ist nach 20 Minuten Internetrecherche für alle Zukunft vorbei.
-  Der ruandische Diktator Paul Kagame, der 2003 durch massive und unverschämte Wahlfälschung (95 % der Stimmen) an die Macht gekommen ist, war nach Einschätzung eines französischen Richters der eigentliche Auslöser des Völkermords in dem afrikanischen Land.
- Der Exgeneral ist laut UN-Bericht vom April 2004 verantwortlich für die Ausbeutung kongolesischer Bodenschätze in massivem Ausmaß. Zitat des Berichts: "Die Präsidenten Kagame und (der ugandische Präsident) Museveni sind gerade dabei, die Paten der illegalen Ausbeutung der Bodenschätze und der Fortsetzung des Konflikts in der Demokratischen Republik Kongo zu werden." Der Bericht schätzt, dass sich führende Mitglieder der ruandischen Regierung beim illegalen Mineralienhandel mit hunderten Millionen Dollar bereichert haben.
- Als die Herren Bush und Blair den Krieg im Irak mit gefälschten Dokumenten und Lügenpropaganda vom Zaun brachen, erhielten sie vehemente Zustimmung von Paul Kagame, was in Europa, vor allem in Frankreich, zu heftiger Kritik führte. Inzwischen ist er wieder hoffähig und wird in Berlin "mit miliärischen Ehren empfangen", was Dominic Johnson in der taz ganz offensichtlich voll in Ordnung findet.
- Im Lauf der Jahre wurde Kagame mehrmals von George Bush im Weißen Haus empfangen. Paul Kagame ist Ehrendoktor der University of the Pacific in den USA; der Oklahoma Christian University in den USA; der University of Glasgow in Schottland.
Paul Kagame ist Träger der Andrew-Young-Medaille für Kapitalismus und sozialen Fortschritt der Georgia University in den USA.
- Alison Des Forges von Human Rights Watch hat am 4. 12. 2004 die Einstellung der Finanzunterstützung für das Kagame-Regime gefordert.

Gegen den in der taz vom 23. 4. 2008 auf der Titelseite (Deutschland duldet Terrorchef) angeprangerten Oppositionellen Ignace Murwanashyaka hat die Bundesanwaltschaft am 26. Mai 2006 ein Ermittlungsverfahren eröffnet: "Anfangsverdacht wegen Beteiligung an Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der Demokratischen Republik Kongo". Zu Dominik Johnson sagte er dazu: "Ich habe den Prozess gewonnen, die Regierung hat Berufung eingelegt. Bis heute, nach dreizehn Monaten, hat das Gericht nicht entschieden, ob es die Berufung annimmt." Und: "Welche Vorwürfe könnte man mir machen? Seit über einem Jahr ist das Verfahren eingestellt. Ich habe im Juli 2007 einen Brief gekriegt, in dem das drinsteht."
Da bleibt Dominic Johnson nichts anderes übrig, als zuzugeben: "Der Sprecher der Bundesanwaltschaft bestätigte gestern die Einstellung des Verfahrens."
Das ehrt Johnson, zumindest gibt er die Ergebnisse seiner Recherchen an. Aber warum dann die reißerische Aufmachung der Seite drei? Warum die Totschlagzeile "Deutschland duldet Terrorchef" auf der Titelseite?
Ich habe verstärkt den Eindruck, die taz vom 23. 4. 2008 ist ein Fall für den Presserat.

Betreff: Kommentar zu (24. 4.): Ignace Murwanashyaka

Vielleicht statt taz die jungeWelt lesen?
Roland Schnell, Berlin

25. 4. 2008
An einem Strang

"Der Fall Dominic J." wird immer interessanter, der Fall Paul Kagame auch. Mir wird langsam klarer, dass die tendenziöse Berichterstattung mit Fahndungsfoto auf der Titelseite (taz vom 23. 4.) durchaus Methode hat. Ich wusste ja bis vorgestern nicht, wer Kagame ist, und von seinen Gegnern, der FDLR und Ignace Murwanashyaka, hatte ich auch keine Ahnung, und bis heute habe ich große Mühe, den Namen richtig zu schreiben. Dominic Johnson ist mir da weit voraus, er kennt sich aus, und er weiß ganz  offensichtlich, was er tut.
Heute berichtet er auf Seite 10 unter der Überschrift "Ruanda fordert deutsche 'Maßnahmen'", dass Herr Kagame (in der taz heißt er offenbar "Ruanda") am 23. 4. einen Vortrag vor der Deutschen Gesellschaft für auswärtige Politik gehalten hat. Wer oder was diese Gesellschaft ist, erfahren wir nicht. Weil ich inzwischen sehr misstrauisch bin, frage ich mich natürlich gleich, weshalb Johnson mir dazu nichts sagt. Will man doch wissen, klingt ja hochoffiziell, fast wie "Auswärtiges Amt". Nun, diese Gesellschaft ist alles andere als offiziell und vor allem: gewiss nicht ideologiefrei. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für auswärtige Politik ist ein gewisser Dr. Arnd Oetker. Der ist offenbar ein umtriebiges Kerlchen, denn gleichzeitig hat er auch noch den Posten des stellvertretenden Vorsitzenden des BDI inne. BDI? Ja, genau, der Bundesverband der deutschen Industrie. Den Posten hat Herr Oetker deshalb, weil er  mit Marmelade (Schwartau, Hero) Millionen gescheffelt hat. Dabei scheint er dem deutschen Standort nicht sonderlich verbunden zu sein. Der Stern darf bis heute unwidersprochen behaupten, dass Dr. Oetker "große Teile seines Vermögens in die Schweiz verschoben hat". Und der stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbandes der deutschen Industrie gibt ganz offen zu, dass da steuerliche Gründe eine Rolle gespielt haben. Der Marmeladenmillionär also gibt Paul Kagame ein Forum, auf dem er "die Zurückhaltung von Regierungen weltweit" anprangert, und fordert, seine Gegner zu entwaffnen.
BDI, Paul Kagame, Dominic Johnson - ist das jetzt meinerseits infam, da eine ideologische Interessengemeinschaft zu konstruieren? Leute, die Interessen vertreten, neigen dazu, die eigene Sicht als objektiv darzustellen und anderen Ideologie vorzuwerfen. Genau das tut Dominic Johnson dann auch: "Wie einflussreich die Ideologie der ruandischen Völkermordapologeten (hah - ein tolles Wort, dazu gleich mehr; hp) in Deutschland ist, zeigte sich unterdessen in den linksliberalen Tageszeitungen Junge Welt und Frankfurter Rundschau, die  anlässlich des  Kagame-Besuchs in Meinungsbeiträgen zentrale Thesen der FDLR wiedergaben." Völkermordapologeten? Johnson macht aus Leuten, die Kagame bekämpfen, flugs Verteidiger des Völkermords. Es ist haarsträubend. Dabei ist Kagames eigene Rolle beim ruandischen Völkermord durchaus umstritten (siehe oben). Nur eines ist sicher: Sein Gegner Ignace Murwanashyaka war nicht beteiligt, weil er, und das weiß ich von Dominic Johnson, zu der Zeit in Deutschland studiert hat.
Nach dem heutigen Beitrag steht wohl fest, dass Johnson in diesem Konflikt eindeutig auf der Seite von Paul Kagame steht. Aber er befindet sich ja in guter Gesellschaft, der Dominic Johnson von der taz, Hand in Hand mit Horst Köhler, Angela Merkel, Verteidigungsminister Jung, Entwicklungsministerin Wieczorek-Zeul und Arnd Oetker vom Bundesverband der deutschen Industrie.
Was mich allerdings mehr beschäftigt ist die Frage, ob sich die taz damit aus dem Kreis der "linksliberalen Tageszeitungen" verabschiedet hat.

25. 4. 2008
Großer Käse

Der große Kollege Henry Miller hat mal zu Papier gebracht: "Wissen ist wie ein Käse, der immer größer wird, wenn man von ihm abbeißt." Jemand hat mir einen Link zu Radio Utopie geschickt, die sich auf ihrer Website schon am 2. März 2008 mit Ruanda, Paul Kagame und, da schau her, Dominic Johnson beschäftigt haben. Hm. Da steht: "Auch dass der damalige Regierungschef von Ruanda, Juvénal Habyarimana, am 06.04.1994 offensichtlich durch den Abschuss seines Flugzeuges mit einer US-amerikanischen Rakete im Auftrag von Paul Kagame ermordet wurde, wird in den Medien unter Verweis auf die von der französischen Regierung und der UNO geheimgehaltenen Beweismittel nach wie vor regelmäßig zu einem Absturz aus ungeklärter Ursache umdeklariert." Den ganzen Text können Sie hier nachlesen. Merkwürdig, dass der oben erwähnte französische Untersuchungsrichter (in dem Flugzeug saßen französische Staatsbürger) zu dem gleichen Schluss gekommen ist.

Hier noch ein Eintrag vom 8. Juni 2008:

Mal wieder Ruanda

Er lässt immer noch keine Gelegenheit aus, seine Abneigung gegen die FDLR, die Demokratischen Kräfte für die Befreiung Rundas, zu unterstreichen. Und wieder ist er auf Vermutungen angewiesen, der Afrika-Spezialist Dominic Johnson: "Neun Menschen wurden getötet und über 20 verletzt, als mutmaßliche Kämpfer der ruandischen Hutu-Milizen FDLR am Mittwoch das Lager Kinyandoni überfielen, rund 80 Kilometer nördlich von Goma, der Provinzhauptstadt von Nord-Kivu."
Mutmaßlich, das gibt er zu. Und auch das steht noch da: "Während die FDLR jede Verantwortung zurückwies, obwohl sie das Gebiet kontrolliert, sprach die UN-Mission im Kongo (Monuc) von einem terroristischen Akt."
Irgendwie kriegt Johnson bei dem Thema immer wieder Schwierigkeiten, bei seiner Voreingenommenheit gerade Sätze zu formulieren. Auch wenn die FDLR das Gebiet kontrolliert, könnte es doch sein, dass sie für diesen speziellen Überfall nicht verantwortlich ist. Und auch wenn die Monuc das als terroristischen Akt bezeichnet, behaupten sie damit doch nicht, dass ihn die FDLR begangen hat.
Worum es im Ostkongo tatsächlich geht sagt Johnson auch: um Mineraliengeschäfte. Darauf sind sie alle scharf, die USA, die EU, der Präsident von Ruanda, der von Uganda, die Regierung des Kongo und wahrscheinlich auch die FDLR. Dass Dominic Johnson über die Ereignisse und die Beteiligten in der taz so berichtet, als sei er Pressesprecher des Auswärtigen  Amtes, das hat mich ja schon im April sehr verwundert. Ich kapier's bis heute nicht.
Aber nachdem ich mal neugierig geworden bin, bleibe ich auch dran.

18. 6. 2008
In eigener Sache:
Beschwerde gegen die taz beim Deutschen Presserat

Der Beschwerdeausschuss des Deutschen Presserats hat meine Beschwerde gegen die Berichterstattung der taz vom 23. April 2008 „einstimmig für unbegründet erklärt“. Es ging um ein ganzseitiges Foto auf Seite 1, auf dem der angebliche „Präsident der ruandischen Hutu-Milizen, Ignace Murwanashyaka, der in Deutschland lebt“ (Zitat Presserat) zu sehen war, dazu die Schlagzeile „Deutschland duldet Terrorchef“. Weiter legte ich Beschwerde ein gegen zwei Artikel von Dominic Johnson auf Seite 3, über Murwanashyaka  im Zusammenhang mit dem Besuch des ruandischen Präsidenten Paul Kagame. Zitat Presserat: „Die Berichterstattung verletze den Dargestellten in seiner Ehre. Darüber hinaus fallen nach Meinung des Beschwerdeführers beide Artikel unter den Begriff Sensationsberichterstattung und bedienen sich einer unangemessenen Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid.“
Der Presserat stellte fest: „Das großformatige Foto ist nicht zu beanstanden, die Auswahl liegt im Ermessen der Redaktion.“ Auf den Inhalt der Schlagzeile ging der Presserat nicht  ein. Der Anwalt der taz nahm Stellung und behauptete, „es handele sich bei dem Beitrag vielmehr um ein Musterbeispiel ausgewogener Berichterstattung.“
Hier die abschließende Stellungnahme des Presserats:
„Der Beschwerdeausschuss ist der Auffassung, dass die TAZ mit der Berichterstattung „Der Fall Ignace M.“ vom 23. 04. 2008 nicht gegen presseethische Grundsätze verstoßen hat. (...) Ignace Murwanashyaka wird von der Redaktion nicht als Täter bezeichnet, sondern in der betreffenden Passage wird von einem ‚Umfeld der Täter des Völkermords von 1994’ gesprochen. Im weiteren Verlauf des Textes beruft sich die Zeitung als Quelle auf Recherchen von Menschenrechtsorganisationen. Andere falsche Tatsachenbehauptungen, die der Beschwerdeführer der Zeitung vorwirft, sind nach Meinung des Ausschusses nicht aufklärbar. Hier steht Aussage gegen Aussage. Der Ausschuss ist ferner der Ansicht, dass die TAZ sicherlich eine gewisse Tendenz in ihrer Berichterstattung hat. Doch die Grenze der Meinungsfreiheit wird nicht überschritten. Ignace Murwanashyaka kommt in dem Beitrag selbst zu Wort und erhält ausreichend Gelegenheit, sich z. B. zum Strafverfahren der Bundesanwaltschaft zu äußern
C. Ergebnis
 Insgesamt liegt damit kein Verstoß gegen die Publizistischen Grundsätze des Deutschen Presserats vor, so dass der Beschwerdeausschuss die Beschwerde einstimmig für unbegründet erklärt.“

Stellungnahme:
Wer sich für die Begründungen meiner Beschwerde interessiert, findet sie in „Achtung: tazblog!“ vom 23., 24. und 25. April unter „Blog + Leseproben“ oben in der Menüleiste. Auch nach der Ablehnung der Beschwerde sehe ich keinen Grund, die Kritik an Dominic Johnsons Bericht zurückzunehmen. Ein paar Fragen bleiben meiner Ansicht nach offen:
„Ignace Murwanashyaka wird von der Redaktion nicht als Täter bezeichnet, sondern in der betreffenden Passage wird von einem ‚Umfeld der Täter des Völkermords von 1994’gesprochen.“
Das halte ich für einen Trick. Indem der Presserat ausdrücklich feststellte, dass er nur die Beschwerde gegen die Seite drei behandelt, kann er darüber hinwegsehen, dass auf Seite eins der Beschuldigte in der Hauptschlagzeile als Terrorchef bezeichnet wird („Deutschland duldet Terrorchef“). Damit wird er nach meiner Meinung ausdrücklich als Täter bezeichnet – was sonst könnte mit „Terrorchef“ gemeint sein? Doch der Presserat teilte mir mit: „Der Beitrag ‚Deutschland duldet Terrorchef’ wurde in der Vorprüfung als offensichtlich unbegründet beurteilt.“
(Gemeint ist wohl: Die Beschwerde gegen den Beitrag, nicht der Beitrag selbst.)
Die Formulierung des Presserats, es stünde „Aussage gegen Aussage“ bezieht sich vermutlich auf die Anschuldigungen, dass ein französisches Gericht den Präsidenten von Ruanda, Paul Kagame, als Auslöser des Völkermords bezeichnet und ihn beschuldigt hat, den Auftrag für einen Anschlag auf ein Flugzeug gegeben zu haben.
„Der Ausschuss ist ferner der Ansicht, dass die TAZ sicherlich eine gewisse Tendenz in ihrer Berichterstattung hat.“ Das ist genau das, was ich seit zwei Monaten hier oben im Vorspann zu den täglichen Einträgen behaupte.
Und es bleibt eine Frage unbeantwortet, doch dafür ist der Presserat wirklich nicht zuständig: Weshalb wird der Präsident von Ruanda ausgerechnet vom Verteidigungsminister Franz Josef Jung empfangen?

Eintrag, tazblog am 24. Juni 2008


Niemals aufgeben

Zur Erinnerung: Nachdem der Deutsche Presserat so einfalls- wie trickreich meine Beschwerde gegen die taz abgelehnt hat (siehe auch hier), blieb die Frage offen, weshalb Paul Kagame, der Präsident von Ruanda, ausgerechnet vom deutschen Verteidigungsminister empfangen wurde. Ging's um Waffenlieferungen in Krisengebiete? Oder werden wir bald die deutsche Freiheit nicht nur "am Hindukusch verteidigen", wie es Peter Struck, der Vorgänger von Franz Josef Jung so schön ausgedrückt hat? Dies ist die Pressemeldung, die das Bundesministerium für Verteidiung zu diesem Thema herausgegeben hat - die einzige:

"Kontakte vertiefen

Berlin, 23.04.2008.
Der Bundesminister der Verteidigung, Dr. Franz Josef Jung, traf sich am 23. April mit dem Staatspräsidenten von Ruanda, Paul Kagame, zu einem Gespräch. Die guten bilateralen Beziehungen sollen weiter vertieft werden, dazu dient in erster Linie der Arbeitsbesuch des Präsidenten.

Deutschland zählt zu den wenigen westlichen Ländern, die in Ruanda stark engagiert sind und dem Land in einem schwierigen Transformations- und Versöhnungsprozess zur Seite stehen. Jung betonte in dem Gespräch die Rolle Deutschlands bei der Übernahme der Verantwortung in Afrika.

Dies geschieht zum einen im Rahmen der Vereinten Nationen und der Afrikanischen Union, zum anderen auch durch bilaterale Beziehungen. Die Voraussetzungen für die Wiederaufnahme bilateraler militärpolitischer und militärischer Beziehungen mit Ruanda wurden ebenfalls angesprochen."

"Wiederaufnahme?" Heißt das, die Bundesregierung hatte da schon früher ihre Finger drin? Militärpolitisch und militärisch? Und was bitte ist unter "militärische Beziehungen mit Ruanda" zu verstehen?

8. August 2008

die taz als Propagandablatt

Dominic Johnson schlägt wieder zu: Immer wenn es ein Beitrag von Dominic Johnson auf Seite 1 schafft, klingeln bei mir sämtliche Alarmglocken - und siehe da, er bleibt sich treu. Schlagzeile: "Frankreichs Schande". Titelbild: Ein weißer Soldat mir roter Baskenmütze, umringt von halbwüchsigen Schwarzen. Bildunterschrift: "Ein Untersuchungsbericht aus Ruanda (klingeling!!!) enthüllt neue Details des Völkermords an den Tutsi im Jahr 1994. Im Bild zu sehen ist der französische Colonel Didier Tauzin im Flüchtlingslager Nyarushishi. Unter seinem Kommando soll es hier zu Vergewaltigungen und Morden gekommen sein."
Man beachte das Wörtchen "soll". Die taz weiß es nicht, gibt nur eine Behauptung weiter. Das ist in höchstem Maße unseriös. Und es läuft nach dem gleichen Schema wie in der Ausgabe vom 23. 4. 2008.
Nun ist also in Ruanda ein Untersuchungsbericht - nicht veröffentlicht worden, das steht sogar in dem Artikel auf Seite vier. Aber Dominic Johnson kennt den Inhalt, offensichtlich wurde ihm der Bericht zugespielt, und er weiß, dass den Bericht "eine unabhängige Untersuchungskommission am Dienstag in Ruandas Hauptstadt Kingali präsentiert hat." Diese "unabhängige Untersuchungskommission" hat ganz offensichtlich im Auftrag des ruandischen Präsidenten Paul Kagame gearbeitet, denn sein Justizminister wird von Johnson zitiert. Geleitet wurde die Kommission von Kagames Generalstaatsanwalt. Diesen Bericht eines Diktators, der durch Wahlbetrug an die Macht gekommen ist, stellt die taz ohne ein einziges kritisches Wort vor, als wäre das Ergebnis die historische Wahrheit.
Johnson und die taz vertreten also die Meinung des ruandischen Präsidenten und geben seine Sicht der Dinge wieder. Wer ist Paul Kagame?
"Bei den Präsidentenwahlen im August 2003 wurde Paul Kagame als Präsident mit 94 % der Stimmen bestätigt. Die Opposition, unter der Führung von Faustin Twagiramungu (der selbst den Völkermord von 1994 nur durch Zufall überlebt hat), wirft ihm Wahlbetrug vor und erkennt diese Wahl nicht an." (wikipedia)
Kagame wurde an einer Militärakademie in den USA ausgebildet und wird von George Bush, Angela Merkel, Franz Josef Jung, dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und von der taz unterstützt, nicht aber von dem unabhängigen kenianischen Ökonomen James Shikwati. Der "wirft Kagame vor, inzwischen Millionen Menschen im Kongo auf dem Gewissen zu haben." (wikipedia)
Ich schau mich um, weil ich nicht weiß, wer Shikwati ist und finde einige Informationen im Internet: "James Shikwati (* 1970) ist ein kenianischer Ökonom, Direktor des Inter Region Economic Network (IREN) in Kenia und Experte für Afrikas wirtschaftliche Entwicklung."
Der Wirtschaftsexperte James Shikwati aus Kenia ist der Auffassung, mit Geld schadeten die Industrienationen dem Kontinent schon seit 40 Jahren. "Wenn sie den Afrikanern wirklich helfen wollen, sollen sie endlich diese furchtbare Hilfe streichen." Jenen Ländern, die die meiste Entwicklungshilfe kassiert hätten, gehe es am schlechtesten. Überdies schwäche, so der Wirtschaftsfachmann, die Entwicklungshilfe die lokalen Märkte und die unternehmerische Initiative.
Das klingt vernünftiger als alles, was ich jemals von Heidemarie Wieczorek-Zeul gelesen habe. Bei wikipedia finde ich: "Shikwati gilt als entschiedener Gegner der Entwicklungshilfe. Diese bringe die Entwicklungsländer in eine Abhängigkeitssituation und unterdrücke Unternehmergeist und Handelsbeziehungen zwischen Nachbarstaaten. Mit Entwicklungsgeldern würden instabile Regime stabilisiert, diese (gemeint sind die Gelder -hp) gäben ihnen die Möglichkeit zu gewaltsamen Aktionen und repressiver Politik. Als Beispiele nennt er Mengistu aus Äthiopien, Pol Pot aus Kambodscha oder Idi Amin aus Uganda. Selbst Lebensmittelhilfe sei an Soldaten verteilt worden, deren einziges Ziel die Unterdrückung der Bevölkerung sei, wie zum Beispiel von Robert Mugabe in Simbabwe."
Und dann finde ich ein Spiegel-Interview mit Shikwali aus dem Juli 2005. Er wird gefragt, weshalb er denn so vehement gegen Entwicklungshilfe eintritt, die Gelder würden doch gezielt vergeben:

SPIEGEL: Die Bundesregierung ist stolz, genau zu überprüfen, wen sie unterstützt.
Shikwati: Und was kommt dabei heraus? Ein Desaster. Da hat sie Ruandas Präsidenten Paul Kagame das Geld in den Rachen geworfen. Dabei hat der Mann mittlerweile Millionen Menschen auf dem Gewissen, die seine Armee im Nachbarland Kongo umgebracht hat. (DER SPIEGEL 27/2005 vom 04.07.2005)

In der Zeitschrift Das Parlament, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung, Ausgabe Nr. 51 - 52, vom 18. 12. 2006, bespricht Robert Luchs zwei Neuerscheinungen, Bücher, die sich mit Afrika befassen, darunter "Black Box Afrika" von Hans Christoph Buch: "Ernüchternde Reportagen und Analysen vom schwarzen Kontinent. Die Blackbox des am 6. April 1994 beim Anflug auf Kigali abgestürzten Flugzeugs mit den Präsidenten Ruandas und Burundis an Bord lag zehn Jahre lang unausgewertet in einem Büro der Vereinten Nationen. Schlamperei oder Absicht? Der Schriftsteller und Reporter Hans Christoph Buch unterstellt Letzteres, hätte die Auswertung der gespeicherten Daten doch Auskunft geben können über ein Unglück, das den Auftakt bildete zu einem der schlimmsten Völkermorde der jüngsten Vergangenheit. Die Wahrheit kam erst Jahre später ans Licht. Paul Kagame, Anführer der Tutsi-Befreiungsfront und Staatschef von Ruanda, soll den Abschuss der Maschine befohlen haben, der den Genozid an der Tutsi-Bevölkerung auslöste.
Ein Beispiel mit schrecklichen Folgen, ein Beispiel zum einen für die Skrupellosigkeit und den unstillbaren Machthunger afrikanischer Herrscher einerseits und für das Wegschauen der Vereinten Nationen. Nicht nur die USA verschlossen die Augen vor dem Völkermord, die UNO nahm ihn sogar in Kauf und ordnete trotz verzweifelter Appelle den Abzug der Blauhelmtruppen aus Ruanda an."
Nun ja: Auch hier wieder das unselige "soll": Kagame "soll den Abschuss der Maschine befohlen haben". Das hat aber auch ein französischer Untersuchungsrichter behauptet, der deshalb tätig wurde, weil französiche Staatsbürger in der Maschine saßen.
Das alles weiß Dominic Johnson, und trotzdem benutzt er die taz als Sprachrohr für seine offensichtliche Unterstützung von Paul Kagame (siehe dazu auch oben in der Einleitung der Link zu den Berichten vom April über die Opposition gegen Kagame). Johnsons Berichte in der taz über Ruanda und die Gruppen, die in Opposition zu Kagame stehen, haben mit Journalismus wenig zu tun. Ich bin sicher, dass die französische Kolonialpolitik jede Menge Dreck am Stecken hat, aber warum sind die Artikel von Dominic Johnson so einseitig auf die offizielle Politik des Auswärigen Amtes ausgerichtet? Des US-amerikanischen State Departments? Und, heh, sie entsprechen haargenau den Interessen der britischen Regierung. Johnsons "journalistische" Beiträge sind lupenreine Propaganda. Der taz-Redakteur macht sich die Sichtweise des ruandischen Berichts zu eigen, zitiert  dubiose Zeugen, ohne sich um den Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen zu kümmern ("der einstige Milizionär", "ein Feuerwehrmann", "ein ehemaliger ruandischer Soldat", "Dorfbewohner", "zahlreiche Augenzeugen", "in einzelnen Fällen sollen französische Soldaten selbst Tutsi getötet haben" - wieder das Wort "sollen", also abermals eine unbewiesene Behauptung). Johnson beruft sich, weil ja eh niemand Bescheid weiß, auf "Ruandas prominentesten Sozialwissenschaftler Jean-Paul Kimonyo" (er kennt natürlich alle anderen prominenten Sozialwissenschaftler, und kann diesen Superlativ guten Gewissens hinschreiben, um die Glaubwürdigkeit des Berichts zu unterstreichen), und schreibt weiter: "Die Mucyo-Kommission hatte ab April 2006 anderthalb Jahre lang gearbeitet."
Ja, wenn das so ist ... "anderthalb Jahre", das klingt seriös und nach sorgfältiger Arbeit. Dann wird schon alles stimmen.
Dominic Johnson verbreitet ganz offensichtlich unkritisch - und mit voller Absicht unkritisch - ruandische Regierungspropaganda: Die Sichtweise der Regierung des Präsidenten Paul Kagame.
Warum tut er das? Für wen arbeitet der taz-Redakteur? Und weshalb stellt ihm die Chefredaktion für seine Propagandakampagnen alle paar Monate die Titelseite zur Verfügung?
Und warum agiert die tageszeitung, eine angeblich unabhängige, von 8.000 Genossen getragene Zeitung, als Sprachrohr des deutschen Außenministeriums?

Anfrage an die Pressestelle, Bundesministerium für Verteidigung, Dr. Thomas Raabe, am 2. August 2008:

Sehr geehrter Herr Dr. Raabe,
im vergangenen April veröffentlichten Sie die folgende Pressemitteilung:

"Kontakte vertiefen

Berlin, 23.04.2008.
Der Bundesminister der Verteidigung, Dr. Franz Josef Jung, traf sich am 23. April mit dem Staatspräsidenten von Ruanda, Paul Kagame, zu einem Gespräch. Die guten bilateralen Beziehungen sollen weiter vertieft werden, dazu dient in erster Linie der Arbeitsbesuch des Präsidenten.
Deutschland zählt zu den wenigen westlichen Ländern, die in Ruanda stark engagiert sind und dem Land in einem schwierigen Transformations- und Versöhnungsprozess zur Seite stehen. Jung betonte in dem Gespräch die Rolle Deutschlands bei der Übernahme der Verantwortung in Afrika.
Dies geschieht zum einen im Rahmen der Vereinten Nationen und der Afrikanischen Union, zum anderen auch durch bilaterale Beziehungen. Die Voraussetzungen für die Wiederaufnahme bilateraler militärpolitischer und militärischer Beziehungen mit Ruanda wurden ebenfalls angesprochen."

Für die Arbeit an einem medienkritischen Artikel, der in der Zeitschrift "Raum & Zeit" erscheinen soll, möchte ich Sie bitten, mir die folgenden Fragen zu beantworten:

- Was bedeutet in diesem Zusammenhang Wiederaufnahme? Hatte die Bundesrepublik Deutschland schon früher "bilaterale militärpolitische und militärische Beziehungen" zu Ruanda? Falls ja, wann war das, und wer war zu der Zeit in Ruanda an der Regierung?
- Welcher Art sind die militärpolitischen und militärischen Beziehungen, die vom Bundesministerium für Verteidigung angestrebt werden?
 - Ist Ihnen bekannt, ob und in welchem Umfang die Bundesrepublik an die Regierung von Paul Kagame Waffen liefert oder geliefert hat?
- Gehört die Lieferung von Waffen zu den militärpolitischen und militärischen Beziehungen, die von der Bundesrepublik angestrebt werden?

Falls Sie sich über meine Arbeit informieren wollen, insbesondere was den Hintergrund meiner Fragen an Sie betrifft, darf ich Ihnen den Besuch meiner Website empfehlen:
www.hans-pfitzinger.de/page7.php?category=12
Für eine rasche Beantwortung meiner Fragen wäre ich Ihnen dankbar.
Mit freundlichen Grüßen!

Hans Pfitzinger

Von: FrankGuenterWachter@BMVg.BUND.DE
Datum: 11. August 2008 18:30:49 MESZ
An: hanspfitz@web.de
Betreff: WG: Anfrage - Ruanda

Sehr geehrter Herr Pfitzinger,
zu Ihren Fragen nehmen wir wie folgt Stellung:

"Von 1979 bis 1994 nahmen 59 Lehrgangsteilnehmer aus Ruanda an
verschiedenen Lehrgängen an Ausbildungseinrichtungen der Bundeswehr teil, mit Schwerpunkt in technischen Ausbildungsgängen sowie am Lehrgang
General-/Admiralstabsdienst mit Internationaler Beteiligung.  Ruanda war
Empfängerland von Ausstattungshilfen der Bundesregierung von 1976 bis
1994. Die Hilfe wurde bei Ausbruch des Bürgerkrieges eingestellt. Inhalt
der Hilfen bis zum Abbruch des Ausstattungshilfeprogrammes waren der
Aufbau einer Kfz - Instandsetzungswerkstatt und einer Fahrschuleinrichtung
und die medizin-technische Einrichtung eines Krankenhauses.
Rüstungsexporte in diese Region orientieren sich an den „Politischen
Grundsätzen der Bundesregierung für den Export von Kriegswaffen und
sonstigen Rüstungsgütern“ vom 19. Januar 2000. Sie werden danach besonders restriktiv behandelt. Eine Überlassung von Waffen aus Beständen der Bundeswehr fand nicht statt. Die besprochenen Details des Gesprächs
hinsichtlich der Möglichkeiten und Grenzen einer bilateralen militärischen
Zusammenarbeit sind nicht zur Veröffentlichung vorgesehen."
im Auftrag
Wachter
OTL i.G.

11. 08. 08
Lieber Herr Wachter,
Schönen Dank für Ihre Rückmeldung. Dass da mehr Fragen offen bleiben als beantwortet wurden, wissen Sie selbst am besten. Aber danke für Ihre Mühe.
Mit freundlichen Grüßen!
Hans Pfitzinger
3 Elemente gesamt